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HANDBUCH
DER
GESAMTEN SEXUALWISSENSCHAFT
IN
EINZELDARSTELLUNOEN
BAND III
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HANDBUCH DER
GESAMTEN SEXUALWISSENSCHAFT
IN EINZELDARSTELLUNOEN
HERAUSGEBER: Dr. med. IWAN BLOCH
BAND III
Die Homosexualitat
des Mannes und des Weibes
BERLIN SW. 61
LOUIS MARCUS VERLAOSBUCHHANDLUNO
1914
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Die
Homosexualitat
des
Mannes und des Weibes
Von
Dr. med. Magnus Hirschfeld
Arzt fur nervose und psychische Leiden in Berlin
Mit einem Namen-, Lander-, Orts- und
Sachregister
BERLIN SW. 61
LOUIS MARCUS VERLAOSBUCHHANDLUNO
1914
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AUe Rechte vorbehalten.
Copyright 1913 by
Louis Marcus Veriagsbuchhandlung
Berlin.
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Vorwort und Einleitung.
Es konnte zuaachst liberfiiissig erscheinen, den auflerordent-
lich zahlreichen Arbeiten, die in den letzten 50 Jahren liber
die Homosexualitat ver<5ffentKcht sind, ein weiteres nmfang-
reiches Buch hinzuzufllgen. Sind doch allein in dem einen
Jahrzehnt von 1898 bis 1908 in Deutschland und Osterreidi
liber 1000 groBere und kleinere Originalaufsatze, Broschiiren
und Monographien tiber diesen Gegenstand gedruckt worden.
Ich habe mich difeser Rieseiiproduktion gegeniiber nicht leidht
dazu bereit gefunden, den vorliegenden Band zu verfassen, und es
bedurf te wiederholter eindringlicher Aufforderungen des Heraus-
gebers dieses Handbuchs, des KoUegen Iwan Bloch, bis ich
mich davon iiberzeugen lieiJ, daB es meincj Aufgabe und Pflioht
sei, das groBe Material, das ich in ISjahriger Beschaftigung
mit diesem Geblete kennen gelernt habe, zusammenfassend
nach alien in Betracht kommenden Gesichtspunkten zu bearbeiten.
Vor alien Dingen lieB sich nicht verkennen, daB gerade
die Unmenge der Neuerscheinungen, die Fiille neuer Beobach)-
tungen und Erkenntnisse den Wunsch nahe legen muBte, ein
Buch zu besitzen, in dem das ganze Problem eine einheiti-
liche Behandlung und Schilderung erfuhr. Es war klar, daB
f ftr diesen Zweck das „H andbuch der gesamtenSexual-
wissenschaft in Einzeldarstellungen** der gegebene
Ort war, ebenso aber auch, daB ein so groBziigiges Unternehmen
unvoUstandig sein wtirde, wenn es nicht in den Kreis seiner
Betrachtung eine Erscheinung einreihen wtirde, die sich eeit
unvordenklichen Zeiten bis in unsere Tage wie ein roter Faden
^.^ durch das Sexualleben der Menschheit zieht, zwar sehr ver^
^ schieden beurteilt und bewertet, aber doch immer vorhanden,
^ wenn auch bald mehr auf, bald mehr unter der Oberflache.
£^ Es kam hinzu, daB wichtige Seiten der Frage, wie die nach der
S Entstehung, Erkennung, Verbreitun^ und Therapie der Homo-
W# sexualitfit trotz vieler Publikationen immer noch kcine allgemein
O^^bX^ 551307 ^ ,
VI
anerkannte Losung gefunden haben, ja, daB man sich mit der
einen Halfte des ganzen Stoffes, der Homosexualitat des
W e i b e s , aus verschiedenen Grtinden verbal tnismaBig nur sebr
man^elhaft beschaftigt hatte.
Dieses Buch sebopft aus der Quelle des Lebens. Es sind
an 10000 homosexuelle Manner und Frauen, die ich im Laufe
der Jahre in stets steigender Zahl sah, Homosexuelle aller
Stande und Klassen, aller Volker und Nationen, Menschfen,
die auBer der gleidben sexuellen Veranlagung oft nichts Ge-
meinsames batten; ich lernte sie in ihrer unendlicben indie
viduellen Mannigfaltigkeit kennen von den virilsten bis zu den
femininsten Typen, von Gesundheit strotzende Homosexuelle
in voUkommener Zufriedenbeit und seelisch Gebrocbene am
Rande der Verzweiflung ; ich sah unter ihnen Jugendliche und
Greise, deren Erinnerungen bis in die Tage Alexander von
Humboldts zurttckreichten, sprach beimfltichtige und boden»-
standige, edle und solcbe, deren Charakter und Gesinnungen
unlauter waren oder geworden waren. Meine Tatigkeit jals
Arzt und Forscher, als SachverstSndiger vor Gericht und Vor-
sitzender des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees zeigte sie
mir in alien Situationen; ich besuchte sie in den Gefangnissen
und stand an ihren Sterbebetten ; viele Hunderte sah ich in
Erpresserhanden, sehr viele auf Anklagebanken, viele auch, bevor
sie ihrem Leben selbst ein Ende bereiteten, uber nicht minder
zahlreiche erblickte ich auch in freundlicheren Lebenslagen,
bei ihren abendlichen Zusammenktinften, wenn sie die Maske des
Tages beiseitelegten, in zahllosen Gesprachen uber ihr Leben,
Lieben, Leiden und Handeln, bei ihren geselligen Veranstaltungen
und Festen. So baten jnich ktirzlich zwei altere homosexuelle
Frauen aus dem Volke, der kleinen bescheidenen Feier beizu*-
wohnen, die sie gelegentlich des 25 jahrigen Bestandes ihrer Zu-
sajnmengehorigkeit in ihrer gemeinschaftlichen Wohnung be-
gingen. Ich sprach mit besorgten Miittern Homosexueller, welche
die Kindheit und Entwickelung urnischer Sohne und Tochter
tiberwacht batten, mit verstandigen und unverstandigen Vatern,
sprach mit vielen ihrer Verwandten, Bekannten und Arzte, die in
homosexuellen Konflikten der ihnen nahe stehenden oder anver-
trauten Personen meinen Rat einholten, oft genug auch mit den
Ehehalften homosexueller Manner und Frauen, denen isich
allmahlich das ftir eie so folgenschwere Geheimnis entschleiert
hatte, und in zahllosen Fallen auch mit ihren Freunden und
Freundinnen, mit solchen von groBer Treue und Anhanglichkeit
und mit solchen, die zu Chanteuren geworden waren oder, wie
der Trierer Breuer, den Tod ihres Opfers verschuldet hatten.
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VII
Nicht nur in Deutschland, in Berlin, Paris und London sah ich
Tausende von Homosexuellen, sondern auch in fast alien Landern
Europas, im Orient, in Amerika, Afrika und Asien, von denen
ich Teile besuchte, um sie in ihrer heimatlichen Umwelt kennen
zu lernen ; aus Landern aber, in die mein Weg mich nicht f tihrte,
erhielt ich, wie etwa aus Japan, China, Slidamerika und Austra-
lien, von mir bekannten daselbst lebenden Gewahrsmannern aus-
fiihrlich mlindliche und schriftliche Berichte iiber die ein-
scJilagigen Verhaltnisse und Zustande.
Es scheint mir notig, dafi jeSer, der liber die Homosexualitiat
in ihrer betrachtlichen Vielgestaltigkeit selbstandige Ansichten
auflert, klarlegt, auf welche Beobachtungen und Erfahrungen
sich seine Folgerungen stiitzen.
Der homosexuelle Teil der Menschheit bildet in der groBen Welt
eine Welt fiir sich, klein im Verhaltnis zu der iibrigen, aber groB
genug an Ausdehnung und Bedeutung, um auf das eingehendste er-
forscht zu werden. Wer diese terra incognita richtig erkennen und
beurteilen will, muB wie ein Forsohungsreisender aus-
Ziehen, um das fremde Gebiet von Grund aus zu studieren. Vor
allem darf das Material, aus dem er als Forscher seine Schliisse zieht,
kein Zufallsprodukt sein. Dazu ist die Anzahl homosexueller
Manner und Frauen und vor allem ihre Verschiedenheit zu betrachtlich.
Zufallig ist aber jedes Homosexuellen- Konglome rat, das dem Arzt
in der Sprechstunde, dem Richter vor Gericht, dem Priester in der
Beichte „zufallt".
Manche Autoren, die, wenn sie ein oder zwei Dutzend homo-
sexueller Manner und Frauen kennen lernten, allgemeine Schliisse
Ziehen, gleichen jenem oft angefiihrten Reisenden, von dem berichtet
^•ird, er babe, als er wahrend eines kurzen Aufenthaltes auf dem Bahn-
hofe von einem rothaarigen und stotternden Bahnhofskellner bedient
wurde, in sein Tagebuch geschrieben: „Die Einwohner dieser Stadt
stottem und haben rote Haare". Beispielsweise gilt dies fiir von
Notthafft, wenn er „als begiinstigendes Moment der Homosexualitat
eine hervorragende HaBlichkeit" anfiihrt, „die das Gewinnen des
anderen Geschleohtes unmoglich macht.***i) Aber auch viele andere,
selbst homosexuelle Manner und Frauen, begehen nicht selten den
Fehler, sich ihr Urteil — das deshalb oft ein Fehlurteil ist — auf
Grund einiger Homosexueller zu bilden, die sie in einem einseitigen
Milieu, etwa in Lokalen oder auf der StraBe kennen lernten, ohne zu
bedenken, daB es sich hier stets nur um einen kleinen, und nicht
immer gerade den besten Ausschnitt aus der groBen Zahl handelt.
Besonders merkwiirdig ist es auch, daB manche Psychiater iiber
IXrsachen, Wesen und Behandlimg der Homosexualitat TJrteile abgeben,
noch dazu sehr apodiktische, die nur psychopathische Homosexuelle,
und vor allem nur die eine Halfte der Erscheinung, die mannliche,
nicht aber die andere, febenso grundlegende, namlich die weibliche
Homosexualitat, kennen gelernt haben. Es ist demgegeniiber ein ent-
schiedenes Verdienst von Nacke, immer wieder in seinen Icritischen
AuBenmgen darauf hinge wiesen zu haben, daB „wer nicht wenigstens
Hunderte sah und kennen lernte, sich in dieser schwierigen Materie
^)Cf. Kossmann und WeiB, Mann und Weib, ihre Be-
ziehungen zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart, Stuttgart,
Berlin, Leipzig 1908, II. Band, p. 548.
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VIII
kejnerlei Urteil anmalien darf^)." In der Besprechung eiiies Artikels
von P 1 e i s c h m a n n 3Y der aus einem Beobachtungsmaterial von
30 Homosexuellen der Miinchener psychiatrischen Klinik die weitest-
geJienden Schlusse zog, sogt zutreffend Numa Pratorius*): „Wurde man
es denn fiir zulassig halten, aus der Degeneration der Heterosexuellen
in den Kliniken Sclililsse ^uf die Entstehung des normalen Triebes
a 1 1 e r Heterosexuellen zu Ziehen ?*'
N a c k e selbst und viele Fachleute auf psychiatrischiem
oder sexualwissenfichaftlichem Gebiet haben ihre frtiheren An-
sichten liber diesen Gegenstand wesentlich geandert, nachdem
ibnen umfangreichere Kreise Hojnosexueller zuganglich geworden
waren. Selbst v. Krafft-Ebing stand nicht an, in seiner
letzten Arbeit liber diesen G-egenstand, die ein Vierteljahrhundert
nach seiner beruhmten „P6ychopatlxia sexualis" auf Grund
un^emein vermehrter Erfahrungen erschien, seine urspriinglichen
Anschauungen in wichtigen Einzelfragen zu berichtigen.
Wahrend er beispielsweise 1879 noch streng zwischen an-
geborenen und erworbenen Fallen unterschied, liefl er' allmahlich
diese Unterscheidung mehr und mehr fallen und brachte
1901^) zum Ausdruck, dafl die kontrare Sexual-Empfinldung
s t e t s auf einer „eingeborenen Storung der Evolution"
beruhe. Wahrend er ferner in seiner ersten groflen Publikation
die Homosexualitat als eine Krankheit ansah, erklarte er ein
Menschenalter spater, dafl er „den Begriff der Krankheit nicht
mehr festhalten konne** ; nach allem, was er in dieser langen Zeit
gesehen, ,,dtirfte die kontrare Sexual-Empfindung an und fiir
sich nicht als psychische Entartung oder gar Krankheit be^
trachtet werden.*'
Haben wir es also als das erste Erfordernis anzusehen,
dafl, wer in diesen Dingen allgemeine Urteile abgibt, auch in
der Lage ist, den weitschichtigen Stoff nach alien Richtungen
zu [iiberschauen, nicht nur in Segmenten, — eine Forde-
rung, die um so berechtigter ist, als die Besdiaffung
eines ausreichenden lebenden Materials fiir den gewissenhaften
2) Nacke in GroB' Archiv 1912. Kleinere Mitteilungen p. 176.
3) Fleischmann, Rudolf: „Beitrage zur Lehre von der kon-
traren Sexualempfindung". In der Zeitschrift fiir die gesamte Neu-
roiogie und Psychiatrie. Originalien: 7. Band, 1911, p. 262 — 317.
*) Vierteljahrsberichte des Wissenschaftlich-hvimanitaren Komitees,
Jahrg. IV, Heft I, p. 97, sowie: „Die Diagnose der Homosexualitat".
in dem Neurologischen Zentralblatt 1908 Nr. 8. — „Probleme auf dem
Gebiete der Homosexualitat". In der Allgemeinen Zeitschrift fiir
Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin, 69. Bd., 6. Heft,
besprochen im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. V, Bd. 2,
p. 1003.
*) V. Krafft-Ebing: Neue Studien auf dem Gebiete der Homo-
sexualitat. Im Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. Ill, pag. 6ff.
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IX
Forscher heute kaum noch auf Schwierigkeiten stoflt, -— so
wiirdeD wir der gestellten Aufgabe doch nur zum Teil gerecht
werden konnen, wenn wir nicht neben den Quellen der
Gegenwart die Quellen der Geschiclite zu Hilf e
nehmen wtirden.
Erst aus dem Studium der literarisch oft sehr verbbrgen
liegenden Cberliefefungen erfahren wir, dafl es sich hier nicht
um Erscheinungen von heute und gestern handelt, sondern um
solehe, die so weit zurlickreichen, als uns tiberhaupt Urkunden
zur Verf iigung stehen : erst durch die historische Arbeitsmethbde
werden wir gewahr, dafl wir es mit einem Phanomen zu tun
haben, das sich allerorts nachweisen laflt, wo Menschen in
ihren Lebensgewohnheiten erforscht wurden; erst auf diesem
Wege konnen wir ermitteln, wie ungemein verschieden die ganz
gleichen Empfindungen und Handlungen beurteilt und behandelt
wurden, bald sich unbehindert entfaltend, bald mit Todesstrafe
belegt. 1st doch die alteste Quelle, auf die wir in dem Kapitel
„6eschichte der Homosexualitat'* Bezug nehmen, ein agyptischer
Papyrus, seit dessen Abfassung viertausendfiinfhundert Jahre
verflossen sind^).
Unser Buch will im wesentlichen ein enzyklopadisches sein,
Einzelfakten und Einzeldaten sammeln und sichten und durch
Wirklichkeit wirken. Auch besteht unser Ehrgeiz nicht
darin, absolut Neues sagen zu wollen; das meiste, was wir
bringen, ist schon irgendwo einmal ausgesprochen worden, teils
von andern, teils auch von mir selbst. Eine libersichtliche Ord-
nung, erschopfende Durchdringung und planmaflige Darstellung
des Stoffes schien mir ein hoheres Ziel. Dieses Bestreben setzte
Beschrankung voraus. Vielfach lag die Verlockung nahe, Seiten-
pfade zu betreten, die zu dem breiteren Parallelstrom des hetero-
sexuellen Sexuallebens und der allgemeinen Sexualwissenschaft
fuhren, jedoch der Umfang dessen, was unmittelbar zur Sache
gehorte, erforderte alles fortzulassen, wajs nicht mit dem Gegen-
stande im direktesten Zusammenhange stand.
Aus diesem Grunde habe ich auch von der Wiedergabe f o r t -
laufender Biographien, wie sie sich in f riiheren monographischeji
Arbeiten iiber dieses Thema so zahlreich finden, Abstand nehmen zu
miissen geglaubt. Da ich weit iiber tausend ausfiihrliche Lebens-
sohilderungen homosexueller Manner und Frauen besitze, ware es ein
leichtes gewesen, mit einem Teil von ihnen ein dickleibiges Buch zu
fullen. & erschien mir aber richtiger, mein Massenmaterial nach be-
stimmten Gesichtspunkten, wenn angangig, auch statistisch zu ver-
arbeiten und das Gefundene organisch zu verbinden. Noch auf ein
anderes Fundament habe ich verzichtet. Das sind Zeitungs nach-
lichten. Zweifellos sind in ihnen oft wichtige Hinweise enthalten. Di(^
^) Siehe unten p. 738.
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Erfahrung hat aber gezeigt, dafl sie, nor selten von Sachkundigen
verfafit, haufig Irrtiimer enthalten, ziim mindesten oft recht ungenau
sind. Icli haS) daher nur solche Mitteilungen der Presse benutzt,
deren Inhalt ich zu verifizieren in der Lage war.
Konnte ich mich in den rein deskriptiven Teilen meiner
Arbeit, beispielsweise bei Bssprechung der Diagnose der Homo-
sexualitat, ihrer Einteilung und Verbreitung, den Lebensaufle-
rungen und Lebensschieksalen homosexueller Manner und
Frauen, fast aussehliefllich auf selbstandige Ermittelungen
stiitzen, standen mir ftir die historischen Kapitel eine
Flille wertvoller Quellenschriften zur Verftigung, so bin ich
in den mehr theoretischen Partien, wo es sich also etwa um
die Entstehung der Homosexualitat, ihre Bedeutung oder Hei-
lung handelt, bemliht gewesen, auch von den meinigen abweichen-
den Anschauungen gerecht zu werden. Vor alien Dingen hielt
ich es ftir wichliig, sorgsam die Grtinde und Voraussetizungen
zu prtifen, auf welche die Gegner ihre Ansicht^n aufbaoiten;
denn auch ihre Meinungen sind^ ja ebenso wenig willktirlich vom
Zaune gebrochen, wie die meini^n, sondern ursachlich be-
dingt; erweisen sie sich nicht als stichhaltig, so liegt es meist
weniger an den gezogenen Konsequenzen als an fehlerhaften
Pramissen, r
Viele Meinungsverschiedenheiten erklaren sich aus der Be-
sonderheit der jeweils gesehenen Flllle. Wer mehr feminine
Urninge untersuchte, wird das fur sie Zutreffende bei virilen
nichfc bestatigt finden, ebensowenig wie ein Forscher, der nur
virile Urninden kennen iernte, seine Befunde verallgemeinern
darf. Wir diirfen nie auCer acht lassen, daB zwischen zwei
extremen Seitengr uppen stets eine betracht-
lichere Mittelgruppe vorhanden ist. Setzen wir einmal
den iFall — ich komme weiter unten auf diese Erklarung
zurlick — , die Homosexualitat des Mannes beruhe auf Ein-
sprengseln von Eierstocksgewebe im Korper des Mannes, die des
Weibes auf eingesprengfcem Hodengewebe, so isit es ja ohne
weiteres klar, daU die absolute Quantitat solcher organischen
Grundlagen und der von ihr abhangigen inneren Sekretion in
weiten Mengen variieren kann.
Jedenfalls schien mir in alien in Frage kommenden Ab-
schnitten eine recht sachliche Darstellungsweise ohne Affekfc-
aufierungen das erste Gebot zu sein ; so objektiv wie moglich, so
abwagend wie moglich, aber auch in jeder Hinsicht so voraus-
setzungs- und vorurteilslos wie moglich.
Ich habe dieses Werk in zwei Hauptteile zerlegt. 'Der
erste Teil behandelt den homosexuellen Mann und die homo-
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XI
sexuelle Frau alsEinzelerscheinung. Es werden nach der
Begrif f sbestimmung (Kap. 1) zunachst ausftihrlich die
Zeichen der Homosexualitat besprochen: Diagnose und Dif-
ferentialdiagnose (Kap. 2 — 12). Dann folgt eine Einteilung
der Homosexuellen nach den verschiedensten Gesichtspunkten
(Kap. 13 — 16). Hieran schlieBt sich eine kritische t)bersicht liber
die Erklarungsversuche (Kap. 17 — 20) und die Be-
handlungsmethoden (Kap. 21 — 23) der Homosexualitat.
Der zweite Hauptteil schildert die Homosexualitat ides
Mannes und des Weibes als Massenei^sch'einu ng. Hier
untersuchen wir zunachst eingehend die Verbreitung*
(Kap. 24 — 29), dann die Vergesellschaftung der Homo-
sexuellen (Kap. 30 — 32), um schlieUlich in groBen Umrissen ein
Bild ihrer wechselreichen Geschichte zu geben, das sich von
den Anfangen der Kultur bis auf die Gegenwart erstreckt
(Kap. 33-39).
Um diesen Stoff in ein em Bande abhandeln zu konnen,
war es erforderlich, daB wir uns in starkerem MaBe, als essonst
im allgemeinen liblich ist, des Kleindruckes bedienten. Es ware
aber ein bedauerlicher Irrtum, woUte der Leser aus der GroBe
der Buchstaben die groBere oder g^ringere Wichtigkeit kle^
Inhalte folgern. Vielmehr sind es oft ftir das Verstandnis des
folgenden unentbehrliche Statistiken, Belege und Befunde, |die
aus technischen Grtinden „Petit** geisetzt werden muBten.
Ich kann diese Vorrede ;iicht schlieBen, ohne alien denen
meinen Dank ausgesprochen zu haben, die mir bei der Herstel-
lung dieses Kompendiums ihre freundlidhe Unterstiitzung und
Forderung zuteil werden lieBen. In erster Linie habe ich hier
drei Mediziner, drei Juristen und zwei Philologen zu nennen:
Dr. Iwan Bloch, den verdienten Herausgeber dieses Hand^-
buchs, Dr. Ernst Bur chard und Dr. Arthur Weil; von
Juristen Dr» Pratorius, Dr. S a s s e n unid insbesondere
Dr. Dettmering. Unter den Philologen waren es die beiden aus-
gezeichneten Kenner der Homosexualitat im klassischen Altertum
Hermann Michaelis und Dr. Hans Licht, die mir wert-
voUe Materialien zur Verfligung stellten. Bei den uberaus miih-
seligen statistischen Ausztigen und Berechnungen stand mir in
erster Linie Herr Eugenio Kunicke zur Seite. WertvoUe Bei^
trage liber die homosexuellen Verhaltnisse im Ausland erhielt ich
u. a. von Herrn J. Schedel in Peking, dem Herrn Chef der
Polizei in Buenos Aires, Herrn Dr. SpieB aus Algier,
Herrn L. Strehlow aus Chile und Bolivia, Herrn Staatsanwalt
Wetterhoff aus Finnland, den Herren KoUegen Dr. med.
v. T h u n aus Danemark und Dr. med. Amundson aus
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XII
Schweden, Herrn J. L. Pa via aus London, Herrn J oh.
Fischer aus Madrid und den Herren Dr. med. Rogge und
Brascamp aus Niederlandisch-Indien.
Hier habe ich auch den Gesandtschaften und Konsular-
behorden zu danken, die mir auf meine Anf ragen f reundliche Aus-
kiinfte und Hinweise erteilten. Es sind dies die Gesandtschaften
f iir Abessinien (Adis Abebak), Persicn (Teheran) undSiam (Bang-
kok) ; die General- Konsulate fiir Argentinien (Buenos Aires),
Australien (Sydney), Britisch-Indien und Ceylon (Simla), Bri-
tisch-Siid-Afrika (Kapstadt), Chile (Valparaiso), Griechenland,
Montenegro, Norwegen, Zurich mit Glarus, Unterwalden und
Schwyz, die Minister-Residenturen fiir Haiti, und San Domingo
(Port au Prince), Kolumbia (Bogota), sowie die Konsulate fiir
Algerien (Alger), Bern (Bern), Bulgarien (Sofia), franz.
Cochinchina (Saigon), belg. Congo und franz. Aquatorial-Afrika
(Boma), Costa Rica und Nicaragua^ (San Jose de Costa Rica),
Guatemala (Guatemala), Honduras (Tegucigalpa), Hongkong
(Hongkong), Kanada (Montreal), Madagascar (Tamatave), Natal
(Durban), Neuseeland (Auckland), Paraguay (Asuncion), Ru-
mUnien (Bukarest), Salvador (San Salvador), Slid- Australien
(Adelaide), Tunis (Tunis), West- Australien (Fremantle).
Des weiteren gebtlhrt mein Dank den drei Dezernenten fiir
homosexuelle und Erpresser - Angelegenheiten am Berliner
Polizei-Prasidium, dem verstorbenen Polizeidirektor v. Meer-
scheidt-Htillessem, sowie den Herren Kriminalinspektor
Hans v. Tresckow I und Kriminalkommissar Dr. H. K o p p ,
die meine Arbeiten und Bestrebungen stets mit freundlichWtem
Interesse begleiteten. ttber die HomosexuaUtat im Tierreich
erhielt ich wertvoUe Informationen von den Herren Rudolf
v. Beulwitz und Dr. Otto Heinroth, dem Direktor
unseres Aquariums. Perner ftihle ich mich fiir Mitteilungen,
Ratschlfige und Hilf e zu Dank verpflichtet den Herren E d u a r d
Bertz, Georg Baenisch, Wilhelm Cremer, E. Eick-
hoff, Peter Hamecher, Professor des Strafrechts Dr. J. A.
van H a m e 1 , Dr. Adolf Helbig, Professor Dr. K. F. Jor-
dan, Eduard Oberg, Georg Plock, Christian
Pulch, Marcel M. Schnitzer, R. Stelter, Horst
Witte.
Endlich will ich aber auch den zahlreidhen Herren und
Damen danken, die rlickhaltlos und vertrauensvoll ihr innerstes
Seelenleben vor mir ausbreiteten und es mir, wie wohl selten
einem Menschen, vergdnnten, Homosexuelle in ihren geheimsten
Regungen zu erschauen. Wenn neuerdings ein Autor wieder
den Selbstbekenntnissen der Urninge jeden Wert abepricht, „weil
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XIII
jedweder Mensch in geschlechtlichen Dingen lligt, zum min-
desten unbewuBt, gemeinhin aber auch vol! bewufit**^), so weise
ich flir die von mir beobachteten homosexuellen Manner und
Frauen, deren Lebensschicksale ich zum grofien Tail durch 15
und mehr Jahre verfolgen konnte, diesen verallgemeinernden
Vorwurf als g&nzlidi unberechtigt zurtick.
Noch im vorigen Jahrhundert pflegten sich vielfach selbst Arzte,
wenn sie uber die Homosexualitat schrieben, in der Einleitung ihrer
Arbeiten zu entschuldigen, daB sie einen solchen Gegenstand iiber-
haupt zu beriihren wagten. „Que ne puis-je §viter de salir ma plume
de rinf&me turpitude des p6d6rastes" ruft der Pariser Gerichtsarzt
T a r d i e u *). einen anderen Autor zitierend, aus, und selbst Casper,
den iriricns mit Recht den Trefflichen nennt, schreibt, als er in
seinem Handbuch der jgerichtlichen Medizin^) auf dieses Kapitel kommt :
„Der heilige Zwecfe der Wissenschaft wiirde es rechtfertigen, wenn ich
Selbsterfahrenes auch hier schilderte, aber iiber dem lieiligen Zweck
der Wissenschaft steht der heiligere der Sittlichkeit, der ein weiteres
Eingehen auf diese Dinge verbietet." Der Jurist Rosshirt er-
klart in seinem Lehrbuch des Eriminalrechts (§ 129) bei Besprechung
der einzelnen Delikte, daB er iiber das Gebiet der widernatiirlichen
Dnzucht als ein „zu schmutziges" hinfortgehe. Selbst als so vor-
xirteilslose Manner wie Gustav Jager in Deutschland und E m i 1 e
Zola in Frankreich ausfiihrliche Biographien homosexueller Menschen
zugesohickt erhielten, fanden sie nicht den Mut, das groBe Schweigen
zu brechen; sie waren, wie sie schrieben, wohl auf a tiefste erschuttcrt,
verwahrten aber die Manuskripte tief in ihren Schranken, bis Jahr-
zehnte spater Arzte die Herausgabe ubemahmen.
Diese Scheu vor der wiseenschaftlichen Erorterung des
homosexuellen Problems ist heute im Zeitalter der Sexual-
forschung ein liberwundener Standpunkt. Mit Becht auBert
sich Wilhelm Ostwa,ld liber sie bei Besprechung^^) des
ereten Bandes dieses Handbuches : „Wir haben es hier, wie auch
in der Ethik, die ja mit dem Sexualproblem in engster iBeziehung
steht, mit einer letzten Stufe der Ver wissenschaf t-
lichung zu tun^ durch welche nacheinander aUe leinzelnen
Disziplinen des menschlichen Denkens und Handelns der Ver-
waltung durch die Priester entzogen und der Verwaltung durch
die Wissenschaft libergeben werden." Wenn es noch eines Be-
weises bedurft hfttte, daU die Zeiten endgultig vorliber sind,
in denen in Fragen des menschlichen Sexuallebenjs fast allein
Theologen und Juristen das groBe Wort f iihrten, so ist er durch
die im Januar 1913 gegrtindete „Arztliche Gesellschaft
') Dr. J. Sadger in einem Artikel der „Umschau** vom 20. Sep-
tember 1913, betitelt: „Der Wert von selbstverfaBten Lebensbesohrei-
bungen geschlechtlich Verirrter." — Eine Widerlegung der Sadgerschen
Behauptungen von Iwan Bloch findet sich in der „Umschau" vom
15. November 1913. Naheres iiber diesen Punkt siehe imten p. 163 ff.
*)A. Tardieu, Etude m6dico-16gale sur les attentats aux
moeors. Paris 1867, p. 184 f.
») Berlin 1881. p. 180.
10) In „Daa Monistische Jahrhundert", 1913, p. 902.
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XIV
ftir SexualwiBsenschaft** erbracht, der unter dem Vorsitz
des Geh. Medizinalrats Professor Dr. Albert Eulenburg, des
hochverehrten Seniors deutscher Sexualforscher, zahlreiche her-
vorragende A r z t e und Akademiker angehoren, die auf der
einzig mfiglichen naturgegebenen biologisch-anthropo-
logisehen Grundlage ein Gebiet nach alien Riehtungen, be-
sonders aber auch psychologisch und soziologisch zu
erforschen im Begriffe stehen, das, wenn je eines, menschliohen
Erkennens wert und wtirdig ist.
DaB die Homosexualitat des Mannes und des Weibes unter
den vielen Teilgebieten der Sexualwissenschaft nicht
das geringste ist, wird dem Leser nach der Lekttire dieses
Buches nicht mehr zweifelhaft sein konnen.
Berlin NW., den 15. Dezember 1913.
In den Zelteu 19.
Dr. Magnus Htrschfeld.
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Inhalts-Verzeichnis.
Seite
Vorrede nnd Einleitang V
Erster Hauptteil.
Homosexuelle Mftnner and Frauen als
biologische Erscheinung.
Erstes Kapitel. Name und B e g r i f f der mannlicheii und weib-
lichen Homosexualitat 3
ZweiteB Kapitel. Die Diagnose der Homosexualitat des Maanes
und des Weibes : Das Verhalten homosexueller Manner
und Frauen gegeniiber dem eigenen Geschlecht JO
Drittes Kapitel. Die Diagnose der Homosexualitat des Mannes und
des Weibes : Das Verhalten homosexueller Manner und
Frauen gegeniiber dem anderen Geschlecht . . 80
Viertes Kapitel. Kindheit und Reifezeit urnischer Knaben und
Madchen. Friihdiagnose der Homosexualitat 108
Fttnftes Kapitel. Die Diagnose der mannlichen und weiblichen
Homosexualitat : Sexuelle Inkongruenzen:
a) Andersgeschlechtliche Einschlage auf korperlichem
Gebiete 125
Sechstes Kapitel. Die Diagnose der mannlichen und weiblichen
Homosexualitat : Sexuelle Inkongruenzen :
P) Andersgeschlechtliche Einschlage auf dem Gebiete des
Nerven- und Seelenlebens 148
Siebentes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Freundschaft
imd gleichgeschlechtlicher Liebe 179
Achtes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und
Pseudo-Homosexualitat 187
Neantes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat
und Bisexualitat 197
Zehntes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat
und heterosexuellem Horror 216
Elftes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und
den drei iibrigen Gruppen der Geschlechtsiibergange :
Hermaphroditismus, Gynandromorphie imd
Transvestitismus 222
Zwdlftes Kapitel. Untersuchungsmethode homosexueller
Manner und Frauen 237
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XVI
Sent
Dreizehntes Kapitel. Einteilung der mannlichen und weib-
lichen Homosexualitat : A 1 1 g e m e i n e Gesichtspunkte . . . 264
Vierzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer
personlichen Eigenart 271
FQnfzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer
Geschmacksrichtung und den Be tatigu ngs -
form en 2*^^
Sechzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexualitat nach Ent-
stehung und Begleiterscheinungen 296
Slebzehntes Kapitel. Ursachen und Erklarung der mann-
lichen und weiblichen Homosexualitat: Griinde fiir das
Angeborensein der Homosexualitat 308
Achtzehntes Kapitel. Griinde g e g e a das Angeborensein der Homo-
sexualitat 325
Neanzehntes Kapitel. Die menschliche Doppelgeschlech-
tigkeit als Grundlage der mannlichen und weiblichen
Homosexualitat (Zwischenstufentheorie) 348
Zwanzigstes Kapitel. 1st Homosexualitat Entartung, Krank-
heit Oder Varietat? 370
Einundzwanzigstes Kapitel. Behandlung und Prognose der
mannlichen und weiblichen Homosexualitat. Behandlung
durch heterosexuellen Verkehr (Ehetherapie) 396
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Uber medikamentose, hygie-
nische, operative und psychische Behandlung der
mannlichen xind weiblichen Homosexualitat 415
Dreiandzwanzigstes Kapitel. Adaptionsbehandlung (An-
passungstherapie) der Homosexualitat 439
Zweiter Hauptteil.
Die Homosexnalit&t des Mannes nnd des Weibes
als soziologische Erscheinang.
Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Verbreitung der mannlichen
und weiblichen Homosexualitat. Statistische Unter-
lagen 466
Ffinf undzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den v e r -
schiedenen Bevolkerungsschichten 494
Sechsnndzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den germa-
n i s c h e n \md angelsachsischen Landern und deren
Kolonien 626
Siebennndzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den roma-
n i s c h e n Landern und deren Kolonien 561
Aclitundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in Osteuropa
und Asien 690 •
Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat im Tierreich 629
DreiOigstes Kapitel. Die R o 1 1 e homosexueller Manner und
Frauen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. S y m -
h i o s e der Homosexuellen 636
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XVII
Seite
EiniuidclreiBigsteB Kapitel. Gruppenleben and S a m m e 1 -
s t a 1 1 e n homosexueller Manner und Frauen 675
Zweimiddreifiigstes Kapitel. Bundnisformen homosexueller
Manner und Frauen 700
Dreiuuddreifiigstes Kapitel. Die Geschichte der Homosexual! -
tat. Die Homosexualltat im klassischen Altertum 737
Viemnddreifiigstes Kapitel. Die Verfolgung homosexueller
Manner und Frauen durch G e s e t z und Gesellschaft 810
Die einsohlagigen G e s e t z e der Erde 842
FfinfunddreiBigstes Kapitel. Die Verfolgung der Homosexuellen
durch Erpresser und Chanteure 873
Sechsnnddreifiigstes Kapitel. Die Folgen der Verfolgung . 899
Siebenanddreifiigstes Kapitel. Die z i v i 1 - und strafrecht-
liche Begutachtung homosexueller Manner und
Frauen 918
AchtonddreiBigstes Kapitel. Die Rehabilitierung homo-
sexueller Manner und Frauen. Vorlaufer des Be-
freiungskampfes von Goethe bis Krafft-
Eblng 942
Neminiiddreifiigstes Kapitel. Die organ isierte Bewegung
gegen die Verfolgung der Homosexuellen. Die gei-
stigen Forderer des Bef reiungskampfes 973
Namenregister 1027
Lfinder- ond Ortsregister 1044
Saduregister 1050
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Erster Hauptteil.
Homosexuelle Manner und Frauen
als biologische Erscheinung.
Hirschfeld, HomosexualitSt.
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ERSTES KAPITEL.
Name und Begriff der mSnnlichen und weiblichen
Homosexualit&t
Unter Homosexualitat verstehen wir die geschlechtlidie
N e i g u n g von Mannern zu mannlichen und von Frauen zu
weiblichen Personen. Das Wort findet sich zuerst in einer
1869 ersehienenen Broscliurei) eines anonymen Verfassers. Der
Autor dieser Schrift, die, nachdem sie tiber 30 Jahre ver-
griffen und fast vergessen war, im Jahre 1905 von uns neu
herauflgegeben wurde, definiert das, was er mit dem Ausdruck
,,hcmosexueir* bezeichnet, in folgender Weise^) : „. • • • neben
dem normalsexualen Triebe der gesamten Menschheit und
doa Tierreiches scheint die Natur in ihrer souveranen Laune bei
Mann wie Weib auch den homosexualen Trieb gewissen
mSnnlichen oder weiblichen Individuen bei der Geburt mit-
gegeben, ihnen eine geschlechtliche Gebundenheit verliehen
zu haben, welche die damit Behafteten sowohl physisch als
geistig unfahig macht, auch bei bestem Willen, zur normal-
sexualen Erektion zu gelangen, also einen direkten Horror vor
dem' Gegengeschlechtlichen voraussetzt, und es den mit
dieser Leidenschaft Behafteten ebenso unmog-
lich macht, sich dem Eindrucke zu entziehen,
welchen einzelne Individuen des gleichen Ge-
schlechtes auf sie ausliben."
Diese Behauptung schrankt der Autor an einer spateren Stelle
(p. 46) seiner Arbeit wesentlich ein. Er meint, daU, wenn er anfangs
^) „§ 143 des preuBischen Strafgesetzbuehes vom 14. April 1851
und seine Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurfe eines Strafgesetz-
buches fur den norddeutschen Bund. Offene, fachwissenschaftliche
Zuschrif t an Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt, konigl. preu-
Biscben Staats- imd Justizminister" ; neugedruckt im Jabrbuch fiir
sezuelle Zwiscbenstufen, Jabrg. VII, 1. pag. I — IV und 3 — 66.
«) A. a. O. pag. 36 f.
1*
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behauptet hatte, ,.der Homosexuale sei gar nicht erektionsfahig durch
gegengeschlechtliches", dies im Widerspruch stehe zu der Tatsache,
daB auf der historischen Liste der Homosexualen einige Namen stan-
den, „deren Trager notorisch verheiratet, ja sogar Vater oft mehrerer
Kinder waren". Diese, sagt er, batten aber entweder „aus konven-
tionellen Ursachen" Ehen gesehlossen oder sie seien „v611ig im Un-
klaren iiber die Natur ihres Dranges gewesen, den zu befriedigen sie
keine Gelegenheit batten", und wenn aucb im Anfange „ibre Potenz
mecbaniscb dem Anreiz unterliege, so batten sie docb „keinen
GenuD im gegengescblecbtlicben Verkebr", xind ibre Eben seien da-
ber „im Durcbscbnitt ungliicklicb". AuCer diesen gabe es aber
„Naturen, welcbe in sicb beide Triebe zugleicb, den zum Weiblicben mid
Mannlicben baben". Er verweist auf Horaz, der dieses von sicb selbst
in der zweiten Satire, Z. 116 — 118, erzablt.
Nebeu dem Eigenscbaftswort bomosexual findet sicb in der Scbrift
,,§143" aucb bereits die jetzt gebraucblicbe Form bomosexuell; als Sub-
stantive gebraucbt der Verfasser die Worte Hcmosexualitat und Homo-
sexualismus, wahrend die gleicbgescblecbtlicb empfindenden Manner
und Frauen von ibm nicbt, wie es jetzt meist gescbiebt, als. Homo-
sexuelle, sondern als „Homosexualisten" und „Homosexualistinnen"
bezeicbnet werden.
Als Verfasser dieser Broscbiire, der wobl scbwerlicb abnte, welcbe
weite internationale Verbreitung das von ibm gepragte Wort einst
gewinnen wiirde, ist der im Jabre 1820 geborene ungariscbe A r z t
Karl Maria B e n k e r t anzusehen. Dieser batte sicb, die Silben seines
Namens imistellend, das Pseudonym Kertbeny beigelegt, unter dem
er eine Reibe kleiner Scbriften — bauptsacblich Erinnerungen an be-
rubmte Zeitgenossen — veroffentlicht batte. DaB von Kertbeny die
Bildung des Wortes bomosexuell herriibrte, wird von Karl Hein-
ricb Ulricbs bezeugt, der vom Jabre 1864 ab unter einem Pseudo-
nym, das er spater liiftete — er nannte sicb zunachst Numa
Numantius — , eiiie Reibe von Scbriften iiber „das Ratsel der
mannmannlicben Liebe" batte erscbeinen lassen. Ulricbs schrieb
im Jabre 1884 an den mir nocb personlicb bekannten Scbriftsteller
Karl Egells,3) daB Kertbeny, den er 1864 oder 1865 als einen
der ersten „Genossen" kennen gelernt babe, der Verfasser des „§ 143"
sei, er babe „aus Eifersucbt" seine — Ulricbs — Ausdriicke nicbt
gebraucben wollen, sondern eigene erfunden.
In seinen Broscbiiren erwabnt Ulricbs Kertbeny iibrigens
nur ein einziges Mai, namlicb in „Formatrix", seiner vierten Scbrift,
in deren Vorbericbt er mitteilt, daB er die erste Erwahnung seiner
Tbeorien in einer Druckscbrift gefunden babe, die den Titel fiibrt:
„Erinnerungen an Cbarles Sealsfield" von Kertbeny.*) Hier sei
gescbildert, „wie Sealsfield, dieser gebeimnisvolle Mann, seinen
von zwei Welten widerballenden Rubm in stiller Kammer einsam ge-
scbliirft babe. Maskiert sei er aucb gestorben." Kertbeny forscbte
nun nacb den Ursacben dieser Maskierung und scbrieb: „Den Boden
unseres europaiscben Lebens iiberzieben die Scblinggewacbse alter Vor-
urteile, neben sicb nicbts besteben lassend, was nicbt von gleicber
Farbe ist. Docb das gebort ins Gebiet der Entwicklung unserer Be-
friffe von Sitte und Sittlicbkeit und Numa Numantiu s'scber
besen."
Nicht nur Biicher, aucb Worte baben ibre Schicksale. Das
gilt so recht fiir Kertbenys Scbrift und Wort. Die Karriere
seines Ausdrucks „homosexueir* ist um so verwunderlicher, als
^) Vgl. J. f. sex. Zw. VII, Vorbemerkung von Dr. M. H i r s c li -
feld p. If.
♦) Leipzig 1864, p. 74.
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die beiden in demselben Jahrzehnt entstandenen Synonyma,
die er verdrangte, nicht nur an viel sichtlieherer Stelle standen,
sondern auch sprachlich und inhaltlich der schlieBlich im Publi-
kum obsiegenden Bezeichnung gegentiber entschiedene Vorztige
anfzuweisen batten. Die eine dieser Bezeiehnungen — kontraje
Sexualempfindung — stammt aus demselben Jahre 1869 wie
der Name Homoeexualitat und rtihrt von dera hervorragenden
Berliner Psychiater Professor Carl Westphal her, die andere
Wortbildung hatte U 1 r i c h s zum Urheber ; sie lautete ,»Ura-
nismus*' und war bereits 5 Jahre zuvor (1864) an die Offent-
lichkeit getreten.
Westphal hatte 1869 im Archiv fiir Psychiatrie *) unter der
Cberschrift „Kontrare Sexualempfindung" die eingehende Lebens-
geschichte zweier von ihm selbst beobachteter Personen, einer homo-
sexuellen Frau und eines Mannes, den wir heute als „Transvestiten"
bezeichnen wiirden, veroffentlicht. Er nimmt in diesem Aufsatz wieder-
holt Bezug auf die ,,Anthropologischen Studien", die U 1 r i c h s nicht
lange zuvor unter dem Titel „Inclusa" publiziert hatte, und gelangt
zu folgendem SchluBsatz: „Immerhin mogen die geschilderten Seelen-
zustande haufiger sein, als man weiU. Es ist Pflicht, die Aufmerksam-
keit diesem Gegenstande zuzuwenden . . . Kommt es einmal zur
Aufhebung des preuB. § 143, tritt demnach nicht mehr das Gespenst
des Gefangnisses drohend vor das Bekenntnis der perversen Neigung,
dann werden diese Falle gewiB eher zur Kognition der Arzte ge-
langen, in deren Gebiet sie gehore n."
Cber den Titel seiner Arbeit sagt er selbst folgendes : ^) Die Be-
zeichnung kontrare Sexualempfindung habe ich nach dem Vorschlage
eines verehrten, auf dem Gebiete der Philologie und Altertumswissen-
schaft ausgezeichneten Kollegen gewahlt, als uns die Bildung kiir-
zerer und z utreffenderer Bezeiehnungen nicht gelingeu wollte. Es soil
damit ausgedriickt sein, daB es sich nicht immer gleichzeitig urn
den Geschlechtstrieb als solchen handle, sondern auch bloB
um die Empfindung, dem ganzen inneren Wesen nach
dem eigenen Geschlechte entfremdet zu sein, gleich-
sam eine unentwickelte Stufe des pathologischen Phanomens.
Trotzdem Krafft-Ebing'^) und nach ihm Schrenck-
NotzingS), MolP), Havelock Ellisio) u. a.") die West-
*) p. 73—108.
«) L. c. p. 107.
') Psychopathia sexualis mit besonderer Beriicksichtigung der
kontraren Sexualempfindu ng. Eine medizinisch-gericht-
liche Studie fiir Arzte und Juristen von Dr. R. v. Krafft-Ebing,
o. o. Prof, der Psychiatrie und der Nervenkrankheiten in Graz. Erste
Auflage, Stuttgart 1877. Von demselben: Zur Lebre von der kon-
traren Sexualempfindung. Irrenfreund 1884 I, sowie Der KontrJir-
sexuelle vor dem Strafrichter. De sodomia ratione sexus punienda.
De lege lata et de lege ferenda. Eine Denkschrift. Leipzig und Wien
1895.
8) Die Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des
Geschlechtssinnes mit besonderer Beriicksichtigung der kontraren
Sexualempfindung von Dr. A. Freiherrn von Schrenck-Notzi ng,
in Miinchen. Stuttgart 1892.
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phalsche Bezeichnung „kontrare Sexualempfindung" auf
das Titelblatt ihrer vielgelesenen Werke setzten, auch das Eigen-
schaftswort kontrarsexuell, sowie die Substantiva Kontrarsexu-
eller und Kontrarsexualismus in der Pachliteratur Anwendung
fanden und von den Psychiatern langere Zeii fast ausschlieU-
lich gebraucht warden, konnte sich dieses ziemlioh gut ge-
bildetc Wort gegeniiber dem gleiches meinenden Ausdruck Homo-
sexualitat auf die Dauer nicht behaupten. Ebenso verdrangte
allmahlich das Wort Homosexualitat auch das U 1 r i c h s ' sche
Uranism us.
Bereits in den vier Briefen, die U 1 r i c h 8 1862 als 38 jahriger an seine
Verwandten schrieb, ^^) bezeichnet er sich selbst als einen „reinen
unvermischten Uranier", schreibt von seinen „urnischen Neigungen",
die gerade so gut ein Werk Gottes seien, „wie sein Arm oder Bein,
nur daB sie ein geistiges Stuck des Menschen seien, das Bein aber
ein korperliches" und behauptet: „Uranismus ist eine Spezies von
Hermaphroditismus" ; er meint, die Moralvorschrift in Komer I, auf
die sein Onkel ihn verwiesen hatte, konne sich unmoglich auf ihn
als einen „urnischen Hermaphroditen" beziehen, da er seine Natur
nicht „verlassen" hatte. Nur gegen diese aber wende sich der Apostel
Paulus.
In seinen spateren Schriften hat Ulrichs die sich urspriinglich
an das Lateinische anlehnenden Wortbildungen Uranier und Uranis-
mus mit deutschen Endungen versehen und spricht dementsprechend
von Urningen, Urninginnen und Urningtum; statt uranisch sagt er
urnisch. In dem ersten Paragraphen der ersten Schrift Vindex gibt
er folgendo Erklarung:
„§ 1. Tatsache ist es, daB es unter den Menschen Individuen
gibt, deren Korper mannlich gebaut ist, welche gleichwohl aber ge-
schlechtliche Liebe zu Mannern und geschlechtlichen Horror
vor korperlicher Beriihrung mit Weibern empfinden. § 2. Diese Indi-
viduen nenne ich nachstehend „Urninge", wahrend ich „Dioninge"
diejenigen Individuen nenne, welche man schlechtweg als Manner zu
bezeichnen pflegt, d. h. diejenigen, deren Korper mannlich gebaut ist,
und welche geschlechtliche Liebe zu Weibern, geschlechtlichen Horror
^) Die kontrare Sexualempf indung von Dr. med. Albert Moll
in Berlin. Mit einem Vorwort von v. Krafft-Ebing. Erste Auf-
lage, Berlin 1891.
10) Das kontrare Geschlechtsgefiihl von Havelock Ellis und
I. A. S y m o n d s. Deutsche Original- Ausgabe von Dr. Hans Kurella.
Leipzig 1896.
Von anderen Arbeiten, die sich der Bezeichnung „kontrare Sexual-
empfindung" bedienen, seien angefiihrt:
Z. B. : Servaes, Zur Kenntnis von der kontraren Sexual-
empfindung. Archiv f. Psychiatric, 1876 Bd. VL p. 484; Stark,
Uber kontrare Sexualempfindung. Allgemeine Zeitschrift fiir Psycho-
logic 1877. Bd. XXXIX. p. 209; Sterz, Beitrage zur Lehre von der
kontraren Sexualempfindung. Jhrb. f. Psych. Bd. 3. Heft 3. p. 221.
Westphal, Die kontrare Sexualempfindung. Archiv f. Psy-
chiatrie 1870. Bd. II. p. 73 und Westphal, Zur kontraren Sexual-
empfindung. Archiv f. Psych. 1873, Bd. III. p. 225.
^^) Der Kontrarsexualismus in bezug auf die Ehe und Frauen-
frage. 1895. Leipzig.
") Veroffentlicht im Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 36 ff.
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vor Mannem empfinden. Die Liebe der Urninge nenne ich nach-
stehend urnisohe oder mannmannliche Liebe, die der Dioninge
dionisoh e."
Die Stellen, auf Grund derer der gelehrte Ulrichs seine selt-
samen Ansdrticke bildete, befinden sich im 8. und 9. Kapitel
von Platons Symposion, jenem bertihmten Dialog, in dem
die Teilnehmer am Gastmahl die Liebe von den verschiedensten
Gesichtepunkten erortern, um sich schliefilich in einer Lob-
preisung ihres Meisters Sokrates zn vereinigen.
Hier fiihrt einer der Diskussionsredner mit Namen Pausanias
aus, daB es nicbt nur e i n e n Eros eabe, sondern zwei, und dement-
sprechend auch zwei Aphroditen, also zwei Liebesgotter und zwei
Liebesgottinnen ; die altere Aphrodite sei ohne Mutter als eine Tochter
des Uranos erschaffen, sie fiihre daher den Beinamen „Urania" (Venus
Urania); die jiingere hingegen sei eine Tochter des Zeus imd der
Dione und werde pandemos „die allgemeine Aphrodite" (Venus vul-
giva^a) genannt. Es heiBt dann weiter, daB, wahrend die von Eros
pandemos Ergriffenen in ihrer Liebe zwischen den Geschlechtern keinen
tlnterschied machten, weil die zu ihnen gehorige Aphrodite, als sie
gezeugt ward, am mannlichen ebenso teil hatte, wie am weiblichen,
die vou dem Eros der Gottin Urania Angewehten sich ausschlieBlich
zum mannlichen Geschlecht hingezogen fiihlten (ov fiezexovarjg &i]keog;
dU' Sg^og fiovov). Und dies sei dann der naldwv ^ocog. Die von ihm
Erfullten liebten das von Natur Starkere und an Vernunft Reichere;
S^ev dif ijii TO dg^ev xghtoyxai ol ix tovtov xov egoixog ejturvoi, to (pvaet
eg^cjfieviareQov xai vofjv fidXXor l^jjov dyandivTeg.
Diese aber der jiaideQaaria ergebenen Manner, fahrt der Redner
dann an der auch fiir die urspriingliche Bedeutung des Wortes Pad-
erastie wichtigen Stelle fort, liebten nicht etwa Kinder, sondern Jiing-
iinge, die schon selbstandig zu denken beginnen, dies trafe mit der
Zeit des ersten Bartflaumes nahe zusammen (xai tig dv yvolrj xal h avrfj
xfj natdegaaxlq, zovg elXixgtv&g vno tovtov tov egoDTog wgfitjfievovg ' ov yag igcbai
siaidcov, aXX^ ijisidav rjdrj agxoiVTai vovv XoxsiV toVto de JiXrjotd^si T<pyevetdox€iv},
Der Standpimkt, den P 1 a t o n hinsichtlich der jtaidsgaoTla vertritt,
kommt in folgendem Satze ziun Ausdruck: „. . . . Die Sittlichkeit
jeder Handlung liege in der Art ihrer Ausfuhrung, tadelnswert sei
daher jene Liebe, die nur den Korper liebt imd treulos von einer
Sinnenlust zur anderen eile, loblich sei dagegen die der Sinnlichkeit
zwar ebenfalls nicht vdllig entbehrende, aber durch geistige Bande
geadelte Liebe, wobei der Liebhaber sittlich bildend auf den Ge-
liebten einzuwirken suche, wofur dann der Liebling dem Liebhaber
gelegentlich wohl zu Willen sein durfe"i»).
Es ist gewiJJ begreiflich, daB bei der Auffassung der Pftd-
erastie in Platons Gastmahl von jeher alien, die sich ernster
und tiefer mit den Problemen der gleichgeschlechtliohen Liebe
beschfiitigten, diese Schrift als ein unversiegbarer Born der
Belehriing, den Homosexuellen selbst aber als ein Quell des
Trostes tind der Erhebung erschienen ist. So erklart es sich, dafl
Ulrichs, als er das miUdeutete Wort Paderastie durch ein
neues zu ersetzen suchte, auf Platons Symposion zurilckgriff ,
18) Cit, nach^iefer, Platos Stellung zur Homosexualitat, Jahr-
bnch f. sex. Zw. Bd. VII, p. 122.
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nicht als der erste und nicht als letzter, denn ganz ahnlich tat
es schon sein Vorganger Heinrich Hossli, als er 1836 in
Glarus ein zweibandiges Werk mit der Aufschrift erscheinen !
lieD, ,,Eros, die Mannerliebe der Griechen, ihre Beziehungen zur
Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten" ,
mit dem bemcrkenswerten Untertitel : ,,Die Unzuverlassigkeit *
der aufleren Kennzeichen im Geschleclitsleben des Leibes und
der Seele oder liber platonische Liebe, ihre Wlirdigung und Ent-
wijrdigung ftir Sitten-, Natur- und Volkerkunde." Und ebenso ,
nahni auf die platonischen Stellen einer der neuesten Bearbeiter
des Gegenstandes Bezug, als er sein grofles, der Frage gewidmetes i
Werk ,,Die Renaissance des Eros Uranios** nannte^^).
U 1 r i c h s machte sich aus der Platonischen Fiktion der beiden
Liebesgottinnen eine ganze komplizierte Nomenklatur zurecht. Er
unterschied nicht nur die Menschen in Urninge und Dioninge, ihr
Empfinden in urnisches und dionisches, die Erscheinung selbst in
Uranismus und Dionaismus, gelcgentlich auch Urningtum und Dioning-
tum, — von de Joux^^) Urningismus genannt, vvahiend Frei-
m a r k *^) den der urnischen Empfindung zu Grunde liegenden Zu-
stand als „Uranitat" bezeichnet, — sondern sprach aucn von Urano-
dioningcn und Uranodionaismus, womit er dasselbe meinte, was spater
Bisexuelle und Bisexualitat genannt wurde.
In seiner IV. Schrift „Formatrix", wo er diesen' Ausdruck
das erste Mai gebraucht, erklart er ihn im § 81 mit den Worten: „So
kann ich mich nicht langer gegen die mir sich aufdrangende Uber-
zeugung versperren, daU es Doppelnaturen gibt, welche f iir
Manner wie fiir Weiber Liebe empfinden". Die weibliche Homosexuelle,
die ilmi anfangs voUkommen entgangen war, bezeichnet er in spateren
Schriften mit Urningin, wofiir spater de Joux^^) U r n i n d e sagte ; unter
Urningszwitter, die er in Vindicta ^^) und Memnon i') erwalmt, ver-
steht er korperliche Hermaphroditen, die „mit dem Urning gemein
den weiblichen, auf Manner gerichteten" Liebestrieb habeo. Eine
besonders merkwiirdige Wortschopfung ist Uraniaster. So nennt
Ulrichs bereits in seiner II. Schrift „Inclusa" Individuen, die, ohne
urnisch veranlagt zu sein, doch gleichgeschlechtlich verkehren. Es
liandelt sich bei ihnen um eine „U r a n i s i e rung", die aber, wie
er in ^Memnon ^o) ausfiihrlich klarlegt, stets nur temporar sei.
Im § 81 des Memnon heiBt es: „Der uranisierte Mann, der Ura-
niaster, ist und bleibt Mann. Seine Mannesnatur ist nur zeitweilig
in den Hintergrund gedrangt. Seine mannliche Liebesempfanglichkeit
fiir Weiber hort nie auf. Nie empfindet er bei geschlechtlicher Be-
riihrung mit weiblichem Korper den urnischen Horror. Bei jeder sich
darbietenden Gelegenheit bricht die Weiberliebe wieder hervor ....
So geschah es auch bei den uranisierten Soldaten der franzosischen
^*) Die Renaissance des Eros Uranios. Die physiologische Freund-
schaft, ein normaler Grundtrieb des Menschen und eine Frage der
mannlichen Gesellungsfreilieit in naturwissenschaftlicher, naturrecht-
licher, kulturgeschichtlicher und sittenkritischer Beleuchtung von
Benedict Friedlander, Schmargendorf-Berlin 1904.
15) Die Enterbten des Liebesgliickes. Ein Beitrag zur Seelenkunde.
Von Otto de Joux, Leipzig p. 215.
16) Frcimark, Der Sinn des Uranismus. Leipzig, p. 6.
17) Z. B. 1. c. p. 32. — 18) Vindicta p. 38. — i^) §§ 43 und 101.
20) p. 118 und 145.
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Freradenlegion, als sie aus der einsamen Wiiste nach der Stadt Algier
zuriickkehrten, wo sie Weiberumgang faiiden."
In spateren Schriften, Argonauticus ^i), der neunten und Prome-
theus 22). der zehnten, gelangt U 1 r i c h s dann noch zu einer letzten
Wortschopfung: Uranide fiir Urning, in einem Gedichte: Hybla und
Enna23) sagt er am SchluC:
,,Harre eine kleine Weile, harre gleich wie Ennas Thai
Uranide I Uranide I auch dein Friihling kommt einmal."
Es findet sich dieses Gedicht in der 10. von U 1 r i c h s* Schriften,
die anfangs als erste Nummer einer monatlichen Zeitschrift geplant
war, die ebenfalls den Titel „Uranus" fiihren soUte. Dieser Lieblings-
plan U 1 r i c h s' kam jedoch nicht zur Ausfiihrung. Woran er schei-
terte, wissen wir nicht. Es liegt uns nur ein Schreiben der Verlags-
buchhandlung vor, die erklart, daC sie vor der Hand von der I&e
einer Zeitschrift Abstand nehmen miisse, jedoch spater bestimmt
ihre Absicht auszufiihren hoffe, ferner der von U 1 r i c h s verfaCte
Prospekt des Unternehmens, welcher mit den Worteu schlieBt: „So
beschreite denn, Uranus, deine Bahn: ein Entschleierer verhiillter
Natur, ein Freiheitsstreiter fiir Unterdriickte, ein Verfechter von
3fenschenwiirde und Menschenrecht'*, sowie endlich die Inhaltsangaben
der Hefte fiir Februar und Marz 1870, die interessant genug sind, um
hier wiedergegeben zu werden: 1. Naturwissenschaftliches Material iiber
Urninginnen und deren Mannahnlichkeit. 2. Nachlese zu Argonau-
ticus: Krankhafte Gemiitsaffektionen, die mit dem Geschlechtstriebe
verwachseu sind. 3. Nachlese zum Fall Zastrow. 4. Urnische Taiges-
chronik : Chicago : Versuchte Lynchung eines Urnings ; Hannover : Tot-
schlag des Urnings Dangers durch seinen Geliebten, den Unteroffizier
Freudenreich ; Konstantinopel : die urnische Prostitution, die Bader
und die Polizei. 5. Rupf erchronik : Rupferei in Berlin, Rupferei in
Bern, Rupferei in Miinchen, Rupferei in Petersburg, Rupferbrief.
6. Wortlaut des Eisenacher Urteils, welches „Gladius furens" und
„Memnon*' von der Konfiskation befreit, 7. Kleine Mitteilungen aus
der Urningwelt: Ein Urning, der aus Liebessehnsucht zu einem jun-
fen Mannc Magd ward ; 9 jahriger Urning und 17 jahriger Seiltanzer.
. Historische Urninge: Wilhelm III., Konig von England; Prince de
Conde; Prinz Heinricn von PreuBen; Winckelmann, der Kunstforscher ;
Moretus ; William Shakespeare. 9. Historische Urninginnen : die Fecht-
meisterin Maupin geboren 1673; Catharina Howard, Heinrichs VIII.
von England fiinfte Gemahlin, wahrscheinlich ihres Uranismus wegen
enthauptet.
Es sind Einleitungen getroffen, um in einem zu eroffnenden
Feuilleton des „Uranus einen urnischen Roman mitzuteilen. Nach-
schrift: 5,Soeben wird dem Herausgeber ein franzosischer Urninginnen-
Romaii (yoUstandig) in Aussicht gestellt, dessen Anfang, aber nur der
Anfang, jiingst im Feuilleton einer Pariser Zeitung erschien. Der In-
halt soil auf einer wahren Begebenheit beruhen."
Man kann es bei dem intensivon Eintreten fiir seine Wort-
bildungen verstehen, dalJ es Ulrichs schmerzlidi beriihren
miiBte, als er merkte, daB sie weder in juristischen noch medizi-
nischen Fachkreisen, noch bei seinen Schicksalsgenossen Beifall
21) L. c. p. 89.
22) L. c. p. 92.
23) Hybla und Enna sind Taler in Sizilien, von denen das erstere
wegen seiner sonnigeren Lage bedeutend eher im Friihlingsschmucke
prangt als letzterea.
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und Widerhall fanden. Erst kurz vor seinem Tode, als er sein
Interesse in den Abruzzen langst ganz anderen Gegenstanden
zugewandt hatte, fand sein Ansdruck ein wenig Eingang in die
Literatur ; in erhohtem MaBe geschah dies aber erst nach seinem
Verscheiden, als das homosexuelle Problem aus versehiedenen
Grttnden die Offentlichkeit viel starker als zu seinen Lebzeiten
beschaftigte. Aber aueh heute, trotzdem inzwischen selbst aus-
landische Literaturerzeugnisse^*) das Wort akzeptierten, kann
man nicht behaupten, daQ der Timing sich im Sprachschatz ein-
geblirgert oder gar Volkstiimlichkeit erlangt hat. Namentlich
bei den Urningen selbst stieC er auf innere Widerstande. Viele,
die mehr ftir Sinnesassoziationen eingestellt waren, empfanden
ihn in Anlehnung an die „himmlische** Venus zu hochtrabend;
anderen, den fiir K 1 a n g assoziationen Empfanglicheren, er-
schien er im Gegenteil als eine sie herabziehende Bezeichnung.
Die meisten Fachschriftsteller ignorierten ihn in ihrem Voka-
bularium voUkommen. Einige suchten ihn allerdings noch zu
libertrumpfen, wie Hessen^^), der statt Uranier Polyhymnier
vorschl>, weil nicht Urania, sondern Polyhymnia „die Muse
der irdischen Knabenliebe" gewesen sei. Jedenfalls war es aueh
bei Benkert mehr wirkliche Abneigung als, wie Ulrichs
glaubte, Eifersucht, die ihn veranlaflte, ein neues Wort zu
bilden. Heute besteht kein Zweifel, dali von den drei Bezeich-
nungen, die in den sechziger Jahren fast gleiehzeitig aufkamen,
der Ausdruck Homosexualitat trotz seiner offensichtlichen
Mangel sowohl liber Westphals „kontrare Sexualempfindung"
als iiber Ulrichs ,,Uranismus** die Oberhand gewonnen hat.
Auf einige dieser Mangel soil noch kurz eingegangen werden.
Hit Hecht ist getadelt worden, daB das Wort, zusammengesetzt aus
Sfiog (griech.) und sexus (lat.), eine Bastardbildung teils griechischer,
teils lateinischer Abstammung ist. Man hat es daher zu verbessem ge-
sucht, indem man teils an seiner ersten, teils an der zweiten Haute
Anderungen vornahm. Edward Carpenter 2«) hat vorgeschlacen,
sexus durch das griechische ysvoi - Geschlecht zu ersetzen. Er selbst
hat dementsprechend eine seiner ausgezeichneten Schriften liber den
Gegenstand „Homogenic love"") genannt. Im Deutschen diirfte sich
diese „homogene** Zusammenstellung schon deshalb schwer einfuhren,
weil das Wort homogen bereits in der Bedeutung von gleichartig ein-
heitlich gebraucht wird, aueh mit der von Bergfeld, dem tJber-
setzer Carpenters, voigeschlagenen deutschen Endung homo-
genisch diirfte er kaum durchdringen, ebensowenig wie das dafiir ge-
**) Z. B. Uranisme et unisexualit^ par M. A. Raffalovich.
Paris 1896. Het uranisch gezin von Dr. L. S. A. M. von Romer.
Amsterdam 1905.
2*) Hessen, Sieben Todfeinde der Menschheit. Munchea 1911.
^«) Zuletzt in dem Buche Middlesex p. 39.
") Carpenter, Die homogene Liebe uad dereu B^eutuue
in der freien Gesellschaft.
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setzte homoerotisch. Einige gebildete deutsche Homosexuelle
pflegeu statt homogen i s o g e n im Sinne von gleichgeschlechtlich zu
gebrauchen, ohne jedoch in weiteren Kreisen damit Anklang ge-
funden zu haben. Von anderen Modifikationen der ersten WortnaLfte
seieu nocli genannt : der von Xavier Mayne in „The intersexes"
gebrauchte Ausdnick „8 i m i 1 i sexuell", das im Franzosischen nament-
lich von Raffalovich und Pratorius angewandte „uni8exuell", ,
das von Robert Hessen^s) gebildete parisexuell, sowie vor allem
homoiosexuell *^) und homoioerotisch, davon ausgehend, daB „gleich"
im Griechischen uberhaupt nicht S^o^, sondem Sfioiog lieiBt. Wie
sich iibrigens die Worte Allopathie und allopathisch erst bildeten,
nacbdem die Gegensatze Homoopathie und homoopathisch entstanden
waren, so kam die Bezeichnung h e t e r o sexuell, von izegog anders,
erst lEngere Zeit n a c h homosexuell auf. Professor Robert Som-
mer^o) gebraucht dafur das Wort „allosexuell", von &lXog anders.
Als drittes gesellte sich dann die Bisexualitat, gelegentlich auch Ambi-
sexualitat **; genannt, hinzu, nachdem das Bedurfnis vorlag, auch fiir
diejenigen einen analogen Namen zu finden, die sich zu oeiden Ge-
schlechtem hingezogen fiihlen. Vielfach wird die erste Halfte des
Wortes homosexuell infolge seiner fehlerhaften Schreibweise iiberhaupt
miUverstanden, viele glauben sie statt auf das griechische S/iog oder
Sftoiix; = gleich, auf lateinisch homo = der Mensch, zuiiickfiihren zu
miissen. Fiir diese falsche Auffassung ist beispielsweise bezeichnend,
daB man anlafllich der deutschen Skandalprozesse in den Jahren
1907 und 1908 „homosexuell" in italienischen Zeitungen vielfach mit
„Uomo sessuale" iibersetzt fand, was soviel bedeutet, wie „geschlecht-
licher Mensch", und zwar, wie man mir auf Befragen erlauterte, in
dem Nebensinne „eines Menschen, der ganz von dem Geschlechts-
leben beherrscht wurde". DaB es auch weibliohe Homosexuelle gibt,
schien den meisten ganzlich unbekannt zu sein. Mehr etymologisches
Verstandnis zeigte ein Wortspiel, mit dem ein Schriftsteller jener
Tage seine eigene Stellung zu der Frage in dem Satze ausdriickte:
„Homo sexualis sum, non homosexualis". Allen MiBverstandnissen
die Krone setzte der spanische Professor Max Bembo auf, der in
seinem Werke „La mala vida en Barcelona" die Heterosexuellen im
Gegensatze zu den mannliebenden Homo sexuellen „F e m i n o sexuelle"
nennt.
VerhangnisvoUer als der sprachliche Irrtum ist der Um-
stand, dafl woW unter dem Eindruck der Endung sexuell das
Wort vielfach nicht im' Sinne geschlechtlicher Artung oder Nei-
gung, sondern in dem einer sexuellen Handlung erfalJt und
gebraucht wird, vonLaien oft sogar im Sinne einer bestimmten
und zwar, wie wir spelter sehen werden, unter Homosexuellen
verhallnismaflig nicht einmal haufigen Form der Betatigung.
Dem Worte droht hier ein ahnliches Schicksal wie den Aus-
M) Loc. cit. 144 ff.
**) Homoiosexuell besonders in einem Aufsatz fiber die Schutzalter-
frage im Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. XII. Heft 1. p. 12 ff.
*<>) In seinem Werke: „Kriminalpsychologie und strafrechtliche
Psychopathologie auf naturwissenschaftlicher Grundlage".
«') Cf. S. Ferenczi, tJber die Rolle der Homosexualitat in der
Patbogenese der Paranoia. In Jahrbuch fiir Psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen. Herausgegeben von Bleuler und
Freud. III. Band, I. Halfte. p. 119. Anm. 1. Leipzig und Wien
1911
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drucken Paderast und Paderastie, die von ^oli(; und ^qglv her-
geleitet anfangs auch nur die Liebe zu Jtinglingen als solche
in sich begriffen, bis sie allmahlich, und zwar vermutlich schon
infolge der Verspottung antiker Komodienschreiber, die Be-
zeichnung fiir die ihnen etymologisch fern liegende immissio
in anum geworden sind. Diese Bedeutung behielten die Worter
auch in der wissenschaftlicben Welt bei, trotzdem schon
Johann Ludwig C-a^s^xer 1852 in seiner Arbeit „tlber Not-
zucht und Paderastie und deren Ermittelung seitens des Ge-
richtsarztes"32)^ wohl der ersten medizinischen Abhandlung liber
den Gegenstand, an der Hand mehrerer trefflicher Beobach-
tungen ausgefiihrt hatte, daU die Paderasten in der weitaus
grolJen Oberzahl der Falle iiberhaupt nicht die ihnen im Volks-
glauben zugeschriebenen Akte vollflihrt'en, und daB auch die
iibliche tJbersetzung von „Paderastie" mit Knabenliebe oder
Knabenschandung nidht zutreffend sei, da fast alle teils Jting-
linge, teils Manner, jedenfalls nicht unreife Knaben liebten.
Diese weitverbreiteten MilJverstandnisse waren schlielJlich auch
der Grund, weshalb Ulrichs, wie er im § 2 seiner ersten
Schrift „Vindex*' berichtet, ,,zur Schaffung neuer Ausdriicke
schreiten zu mtissen glaubte." Sie bezogen sich wie bei Plato,
dem sie entnommen waren, zunachst nur auf mannliche Homo-
sexuelle. Von weiblichen Homosexuellen schien Ulrichs an-
fanglich noch nichts oder wenig zu wissen. Als dann spater das
Ersatzwort homosexuell aufkam, iibertrugen viele die Auffas-
sung, die sie von der gleichgeschlechtlichen Betatigungsart
hatten, auf das neue Wort. Selbst Homosexuelle, welche die
Literatur nicht kennen und wenig Verkehr mit anderen Homo-
sexuellen haben, konnen solchen Irrtlimern unterliegen ; sie
halten sich nicht fiir Homosexuelle, geschweige denn flir Pad-
era-sten, verachten diese sogar, well sie denken, diese Worte
beziehen sich nur auf den analen Akt, den sie selbst perhor-
reszieren.
Erst vor kurzem war ich in Siiddeutschland Sachverstandiger Id
einem MeineidsprozeB, in dem ich durch Klarlegung dieses Sachver-
halts, dessen Richtigkeit der Mitgutachter Kriminalkommissar Dr.
K o p p bestatigte, den Freispruch des Angeklagten erzielte. Es han-
delte sich um einen angesehenen Patrizier, der als Zeuge beschworen
hatte, nicht homosexuell zu sein und auch keine unziichtigen Hand-
lungeii mit Mannern vorgenommen zu haben. Man vermutete falsch-
lich, dali er bestohlen sei, weil man seinen Namen im Notizbuch
eines Diebes gefunden hatte, dessen Spezialitat es war, an reichen
Homosexuellen Eigentumsverbrechen zu begehen in der Annahme, dafi
diese aus Scheu, mit den Gerichten etwas zu tun zu bekommen, vod
32) In der Vierteljahrsschrift fiir gerichtliche und offentliche Medi-
£in, I. Band. 1852.
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Anzeigen Abstand nehmen wiirden. Wahrscheinlich hatte der Dieb
dui'ch einen friiheren Diener des Herrn von dessen homosexuellen Nei-
guiigen erfahren. Es fiigte sich nun, daU etwa ein Jahr nacL der
Eidesleistung ein Gartner denselben Herrn wegen tiitlicher Beleidi-
gung anzeigte, weil er von ihm in unziichtiger Weise beriihrt wordeu
sei. Darauf leitete die Stsiatsanwaltschait ein Ermittlungsverfahren
ein, in dem sich ergab, dafi R. objektiv falsch geschworen hatte. Die
„Zartlichkeiten", die er sowohl seinem mannlichen Dienstpersonal,
als zahlreichen Mitgliedern eines von ihm gegriindeten Rudervereins
gegeniiber sich hatte zuschulden kommen lassen, stellten dies auBer
ZweifeL Er wurde in Haft genommen und zunachst wegen wissent-
lichen, dann wegen fahrlassigen Meineids angeklagt. Das von mir
iiber den Fall erforderte Gutachten gebe ich in den Hauptstellen wie-
der, weil es die praktische Wichtigkeit der in Rede stehenden Begriffs-
unterscheidungen zeigt.
Es lautete: Der Psychiater hat im vorliegenden Falle dreierlei
zu untersuchen. E r s t e n s : bestehen sexuelle Neigungen zu Per-
sonen des eignen Geschlechts, die man als homosexuelle zu bezeichnen
ptlegt, ist der Angeklagte also, wie er gefragt wurde: homosexuell, oder
wie er geschworen hatte : nicht homosexuell. Zweitens: ist der
Angeklagte, falls er homosexuell ist, sich seines Zustandes, sowie sich
der von ihm vorgenommenen Handlungen als unziichtig bewuBt ge-
wesen. Drittens: Befand er sich bei Begehung der strafbaren
Handlung in einem krankhaften Zustande der Geistestatigkeit, die
seine freie Willensbestimmung im Sinne des § 51 RStrGB. ausschloB.
Zu Punkt 1 kann ich mich kurz fassen. Die dem Angeklagten
nachgewiesenen Handlungen sind typisch homosexuell. Es ist zwar
in keinem der von den Zeugen angegebenen Eiille zu einer eja-
culatio seminis gekommen, auch keine der krasseren homosexuellen
Akte, wie immissio in anum, in os oder inter femora, sind bekundet
worden, dagegen zahlreiche Liebkosungen, Betastungen und Manipu-
lationeu an den Genitalien der Zeugen, wie sie schon W e s t p li a 1
als fiir die kontrare Sexualempfindung bezeichnend beschrieben hat.
Auch im iibrigen finden sich die Erscheinungen vor, die bei der auf
konstitutioneller Basis beruhenden Homosexualitat vorhanden zu sein
pflegen. Dem unwillkiirlichen Angezogenwerden durch mannliche Per-
sonen entsprach als Revers das negative Verhalten gegeniiber dem
Weibe. Er hat sich zwar freundschaftlich zu Frauen hingezogen ge-
fiihlt, sich sogar, wie er schreibt, in Gesellschaft alter Damen be-
sonders wohl gefiihlt, aber nicht, weil sie ihn geschlechtlich fes-
selten, sondern weil er sich, unbewuBt, als zu ihnen gehorig fiihlte.
R. hatte, wie er heute in seiner Aussage bekundete, die Absicht zu
heimteu, aber, wie er charakteristisch hinzufiigte, „nur ein edles
Weib suchte er, das ihm seine Mutter ersetzen konn e."
Noch viele andere Erscheinungen, die bei Homosexuellen haufig
beobachtet werden, sind bei ihm vorliegend, Eigenschaften, die im
einzelnen zwar unwesentlich, als Ganzes aber doch typisch sind. Als
ich gestern seine Wohnung besichtigte, die wie die einer eleganten
Lebedame eingerichtet ist — in seinen vier Salons strotzt alles von
gelber und roter Seide — zeigte er mir die Stickereien, die er selbst ange-
I'ertigt hatte. Mit Vorliebe zog er sich als Kind die Schleppkleider
seiner Mutter an. Wie der Zeuge A. bekundete, der mit ihm die Schule
besuchte, hatten ihm die Kameraden den Spitznamen „Thekla" ge-
geben. Besonders gewandt ist er in der Kochkunst. Als einmal bei
einer Gesellschaft, die seine Mutter gab, die Koch in ausblieb, be-
reitete er alle Speisen selbst. Seine Ilauptinteressen sind Blumen
und Vogel, seine Hauptliebhabereien Schmucksachen und SiiBigkeiten.
Auf der anderen Seite besteht eine ausgesprochene Abneigung gegen
mannliche iJeschaftigungen und Interessen. Er liest keine Zeitun-
gen, verfoigt nicht die Politik, verabscheut die Jagd. Er gehort
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zwar mehreren Sportsvereinen an, aber nur solchen, die ihm die
Gesellschaft jugendlich mannlicher Personen vermitteln. Endlich liegen
deutliche Anzeichen jener neuropathischen Konstitution vor, aufderen
Grundlage die Homosexualitat oft erwachst. Er ist das einzige Kind
aus der zweiten Ehe seines Vaters, drei Briider aus der ersten Ehe
starben ziemlich jung. Beide Eltern waren bei seiner Geburt iiber
40 Jahre alt. Sie sollen recht nervos gewesen sein. Als Kind litt
er oft an Kopfweh, weinte viel, war sehr schreckhaft und an^stlich,
so daB er noch mit 20 Jahren im Zimmer seiner Mutter schlief. Ich
habe die Briefe gelesen, die ihm seine Eltern schrieben, als er be-
reits in England in Stellung war. Sie sind nicht wie Briefe an
einen Erwachsenen, sondern wie an ein verzarteltes Sorgenkind. Einer
seiner Lehrer bekundete heute, daB er in der Schule „zimperlich nnd
mimosenhaft** gewesen sei. Er lernte schwer. Gut war er nur in Zeich-
nen und Religion. Die nervosen Beschwerden nahmen mit den Jahren
zu. Er litt an Schlaflosigkeit, Beklemmung, haufiger Schwermut,
besonders, wie einer seiner Arzte mitteilt, an nervosem Asthma. Es
bestand ein starker Stimmungswechsel. Er war iiberempfindlich, sehr
exaltiert und exzentrisch. Nach dem Tode seiner 73 jahrigen Mutter
ging er nicht nur zwei Jahre lang taglich zweimal zum Friedhofe, son-
dern lieB sich auch schwarzseidene Trauerwasche anfertigen. Seine
Wohnung, von deren extravs^anter Einrichtung ich schon berich-
tete, beleuchtete er in dieser Zeit mit 120 Kerzen. Alles das brachte
ihn in den Ruf eines wunderlichen Heiligen. In England nannte man
ihn ein „Enigma". In Deutschland meinten die Nachbarn, er hatte
den „englischen Spleen". Objektiv ist bei dem Angeklagten eine ge-
steigerte Reflexerregbarkeit, namentlich der GefaBnerven, nachweisbar.
Es fragt sich zunachst, ob auf Grund dieser Beschaffenheit des
Angeklagten anzunehmen ist, daB er wuBte, was der ihn befragende
Untersuchungsrichter unter Homosexualitat sowie unter unziichtigen
Handlungen verstand. Das Wort Homosexualitat kommt zum ersten
Male im Jahre 1869 in einer Denkschrift an den preuBischen Justiz-
minister Leonhard vor. Wie die ungefahr aus derselben Zeit stam-
mende Bezeichnung Westphals „Kontrare Sexualempfindung" meinte
es nur die sich auf dasselbe Geschlecht beziehende Gefiihls r i c h -
t u n g und wurde in diesem Sinne auch meist bis heute in der Fach-
wissenschaft verwendet. Im groBen Publikimi wird dies Wort aller-
dings vielfach falsch aufgefaBt. Es werden bestimmte Handlungen
darunter verstanden. Es geht dem Ausdruck ahnlich wie dem Worte
Paderastie, das auch urspriinglich nur Jiinglingsliebe bedeutete, nach-
her aber fast allgemein fiir gewisse sexuelle Betatigungsarten ver-
wandt wurde.
Unzweifelhaft ist ferner, daB es Falle unbewuBter Homo-
sexualitat gibt; zum Beweise will ich nur anfiihren, daB ich haufig
von Personen aufgesucht wurde mit dem Ersuchen, ein Urteil abzu-
geben, ob sie homosexuell seien, sie wiiBten es selbst nicht genau,
ferner, daB eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen exi-
stieren, in denen genau die subtile Frage behandelt wird, ob jemand
homosexuell war. Ich lege als Beispiel nierfiir die Studie von B e r t z
iiber Walt Whitmann vor. Die Diagnose der Homosexualitat
ist aber durchaus nicht leicht. Es kommt vor, daB sich jemand fiir
homosexuell halt, ohne es zu sein, es kommt aber noch haufiger
vor, daB jemand sich fiir nicht homosexuell ansieht und es dennoch
ist. Es gibt Falle, in denen die ganze Umgebung jemanden fiir
homosexuell halt, nur er selbst nicht. Die Betreffenden suchen nam-
lich oft unwillkiirlich ihre subjektiven Empfindungen zu objekti-
vieren, ihre Instinkte und Gefiihle, die das primare sind, mit Ver-
standsgriinden zu motivieren. So fiihrte der Angeklagte seine Ab-
neigung gegen das Weib einerseits auf angebliche objektive Mangel
der Frauen zuriick, andrerseits auf seine besondere Sittsamkeit. Wegen
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seiner hoflichen Zuruckhaltung gegenuber den Frauen gait er als
ein „vollendeter Kavalier", den man, wie wir von einem Zeu^en
horten, in England sogar als einen „Lady's man** bezeichnete. Seine
Zuneigung zum Manne erklarte er als Freundschafts- und Anlehniings-
bediirfnis. Manche der vorgenonmienen Handlungen, wie das SchlaJen
im Bette der Diener fiihrte er auf den Wunsch sich zu „erwarmen"
zurijck, Oder auf die bei ihm trotz aller Miihe noch nicht verschwun-
dene Neigung zu Jugendverirrungen. Es sei ihm dies als „harmlos",
als „gar nichts Besonderes" erschienen.
Die Erfabrung zeigt, daB sich eine Selbsterkenntnis selbst bei
gebildeten Homosexuellen oft erst in der Mitte der Zwanziger ein-
stellt, haufig erst nach aufklarender Lekture, oder im Anscnlufi an
aufsehenerregende Zeitereignisse. Bei unintelligenten Menschen tritt
ein deutliches BewuBtsein ihrer Eigenart spater, bei manchen sogar
nie ein. Es hangt das teilweise auch von der Starke und dem Se-
tatigungsdrang des sexuellen Triebes ab, die in vorliegendem Falle
nicht grofl gewesen zu sein scheinen. Auffallend ist, wenn auch
keiueswegs ausschlaggebend, daB der Angeklagte keinem der zahl-
reichen Arzte, die er wegen seiner nervosen Beschwerden konsul-
tierte, trotzdem sie, wie er wuBte, an das Berufsgeheimnis gebunden
waren, etwas von seiner Homosexualitat anvertraute. Schwieriger
wie hinsichtlich der geleugneten Homosexualitat ist die Entscheidung,
ob sich der Angeklagte auch iiber den Begriff der Unziichtigkeit bei
seinem Eide unklar war. Immerhin handelt es sich hier um einen
abstrakten Begriff, und zwar um einen schwankenden, wie bei-
spielsweise die reichsgerichtlichen Entscheidungen erweisen, die den
Be^iff der Unzuchtigkeit ziemlich oft verandert und erweitert haben.
Ware der Angeklagte nach einer konkreten Handlung gefragt worden,
etwa so: Haben Sie Ihre Diener oder andere junge Manner an den
Geschlechtsteilen beriihrt, so hatte er nicht verneinend antworten
diirfen. Bei der abstrakten Fragestellung ist jedoch zu bedenken,
daB R. aus seiner Triebrichtung heraus die Handlungen, zu denen
es ihn instinktiv drangte, anders auffaBte als ein Heterosexueller. Be-
reits Krafft-Ebing wies in der Schrif t „Der Kontrarsexuelle vor
dem Strafrichter" darauf hin, daB dem Homosexuellen Gegenvorstel-
lungen fehlen, die dem Normal sexuellen eine Handlung als imziichtig
erscheinen lassen. Der Angeklagte selbst gibt nun an, dafl, als der
Richter ihn nach unziichtigen Handlungen fraete, er nur an solche
unzuchtige Handlungen dachte, die das Gericht angingen, also an
strafbaxe. Gleichwohl wird man der Meinung sein, daB ein ruhig
abwagender und iiberlegender Mensch auf die Fraee nach unziichtigen
Handlungen, an die ihm hier heute so zahlreich bewiesenen hatte
denken miissen, auch wenn sie ihm objektiv nicht als unziichtig er-
schienen. Ein so ruhig abwagender Mensch war aber der Angeklagte
im Moment der Eidesleistung nicht . . . Und damit komme ich zu
der letzten Frage, zur Frage der Geistesbeschaffenheit und freien
Willensbestimmung wahrend der inkriminierten Handlung. Der An-
geklagte war, als er den in Haft befindlichen Verbrechern ge^en-
libergestellt wurde, auf die Frage nach seiner Homosexualitat nicht
vorbereitet. Sie traf ihn vollig iiberraschend. Er schrieb mir
aus dem Gefangnis: „Ich war in dem Moment, als die Frage plotz-
lich an mich gerichtet wurde, wie vom Schlage geriihrt, ich konnte
fiir einige Sekunden kein Glied riihren, mein Geist war wie gelahmt."
Wir horten nun zwar heute von dem Untersiichungsrichter, er sei bei
Beantwortung der vorgelegten Frage vollig ruhig gewesen. Es ist
aber sehr gut moglioh, daB diese auBerliche Ruhe und scheinbare
Beherrschtheit mit einer heftigen inneren Erregung zusammenfieL
Jedenfalls halte ich es nach dem eingehenden Studium des Ange-
klagteu und ahnlicher Fiille fiir wohl moglich, daB diese Fragen den
veraiigstigten neuropathischen Menschen momentan so verwirrten, daB
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er einer VoUig deutlichen Erfassung der abstraktea Begriffe nicht
fahig war. Daher meine ich, da6 die Frage, ob der Angeklagte zur
Zeit der Straftat im Besitz seiner freien Willensbestimmung war, nicht
mit der vom Reichsgericht erforderten Sicherheit bejaht werden kann.
Der Gerichtshof schloB sich diesem Gutachten an und sprach
den Angeklagten frei.
Immerhin ist es befremdiich, daB es heute noch gebildete
Menschen wie diesen Angeklagten gibt, denen der Begrlff der
Homosexualitat so fremd geblieben ist, nachdem er jahrelang so
lebhaft erortert worden ist; es erseheint weniger seltsam, wenn
man gelegentlicli auch auf Richter stoBt, die den Ausdruck voUig
mifiverstandlich gebrauchen. So war ich noch 1911 bei einem
Prozefi in Berlin als Sachverstandiger zugezogen, in dem gegen
einen vollig normalsexuellen Zuhalter wegen rauberischer Er-
pressung verhandelt wurde. Er hatte einen durchreisenden homo-
sexuellen Russen am Bahnhof FriedrichstraBe angelockt und aus-
geraubt. Bei der Urteilsverktindung sagte der Vorsitzende : diese
homosexuellen Erpresser — nicht etwa diese Erpresser Homo-
sexueller — konnen nicht schwer genug bestraft werden. Ist
das Wort in ahnlicher Weise auch vielfach falschen Interpreta-
tioneii ausgesetzt, so hat doch allein schon seine intensive inter-
nationale Anwendung anlafilich sensationeller Vorkommnisse ge-
niigt, es so fest einzuflihren, dafl kaum noch die Moglichkeit b^-
steht, es durch ein besseres zu ersetzen. Man wird sich schon
zufrieden geben mtissen, wenn es gelingen soUte, seine fehler-
hafte Auslegung zu eliminieren.
Fast aussichtslos erschienen bisher analoge Bemiihungen
bei dem nun bereits seit vielen Jahrhunderten ebenso unbe-
grundet in MiBkredit geratenen Worte P ii d e r a s t i e. Es hat
nicht an Versuchen gofehlt, es in seiner eigentlichen Bedeutung
zu restaurieren und seines liblen Beigeschmacks zu entkleiden.
Namentlich hat K a r s c h sich Miihe gegeben, es wieder zu Ehren
zu bringen. In dem Artikel „Uranismus oder Paderastie und Tribadie
bei den Naturvolkern'* ^3) gjbt er folgende Abgrenzung der Begriffe
Paderastie und Tribadie: ,,. . . jede Erregung geschlechtlicher Natur,
in welchc ein miinnliches Wesen durch ein anderes mannliches Wesen
seiner Art versetzt wird, fallt unter den Begriff Paderastie ; jede Auf-
wallung der GcschlechtstiLtigkeit, in welchc ein woibliches Wesen
durch ein anderos wcibliches Wesen seiner Art gerat, fallt unter
den Bogrift Tribadie." Friedlander hat neuerdings in sei-
ner „Eenaissance dcs Eros Uranios" vorgeschlagen, die Men-
schen in PJiderasten, Gynakerasten und Ambierasten einzuteilen,
entsprechend der Dreiteilung in Ilomosexuelle, Heterosexuelle und
Bisexuelle, fiigt dem *allerdings hinzu: ,,. . . Freilich wUrde
das wieder bei der Klassifizierung der Weiber liapern. Wenn man fiir
solche, welclie sowohl Weiber, als auch Jiinglinge zu lieben imstande
sind, einen Kunst^usdruck nicht entbehrcn zu konnen glaubt, so
3^) Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufen, JaJirg. Ill, pag. 72.
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koDDte roan sie auch „Biamanten" nennen, da sie in zwiefacher
Kichtung lieben."
Wurden die Homosexuellen sich selbst wieder Paderasten nennen,
was freilich bei ihrer Eigenart kaum zu erwarten steht, so wiirden sie
damit einen Vorgang wiederholen, der in der Greschichte der Sprache
nicbt vereinzelt dasteht, denn es ist mehr als einmal vorgekommen,
daB urspriingliche Ehrennamen zu Scheltnamen, Schimpfnamen, dann
aber auch wieder zu Ehrennamen wurden. In gewisser Beziehung
hat sich iibrigens der Charakter des Wortes Paiderastie neuerdings
schon wieder etwas zu seinen Guns ten verandert. So bedienen sich
die Polizeibehorden der Ausdriicke „Paderastenli8te", „Paderasten-
patrouille" in genauer Kenntnis, daB bei den von ihr nach alter Ge-
wohnheit als Paderasten bezeichneten Personen keineswegs immissio
in anum die gewohnliche Betatigungform ist; man kann fast sagen,
sie gebrauchen das Wort Paderast eigentlich ganz im Sinne der
Karschschen Definition als Bezeichnung fiir ein mannliches Wesen,
das durch ein anderes mannliches, gleichviel auf welche Weise, in
sexuelle Erregung versetzt wird.
Wir woUen hier bei der Bespfechung des klassischen Aus-
drucks Paderastie noch etwas naher auf die antike Nomen-
k 1 a t u r gleichgesohleehtlicher Verh^ltnisse eingehen ; bietet diese
Terminologie doch in mehr als einer Hinsicht bemerkenswerte
Einblicke in das Wesen der uns beschaftigenden Erseheinung.
Urspriinglich scheinen fiir homosexuelle Beziehungen keine
anderen Ausdriicke als fiir heterosexuelle im Gebrauch gewesen zu sein.
So findet sich in einer der altesten griechischen Inschriften, der aus
dem Vfl. Jahrhundert vor Ohr. stammenden Felsinschrift der von
Sparta aus kolonisierten Insel Thera fiir das Eingehen mannmannlicher
Bundnisse, das spater ungebrauchliche oifpo), das mit „6:ivi(o" ehelichen
zusammenhangt und futuere bedeutet. Spater wandte man durch
Kompositi-on neugebildete Ausdriicke an: wie AgSevofii^ia , dggevo-
xotTTjg, ddgevoxoiTeoD (aQgrjv mannlich, filyvvfiai sich mischen, xoixri das
Bett), sowie ^aideQaaxla xmdjtaideQaoTtjg zusammengesetzt aus jtatg (Stamm
natd-j und dem Stamm ega- (igdcoj. Letzterer bezeichnet die sexuelle
Liebe. Das Alter des TtaTg zeigt das folgende G^dicht der AnthoL
Pal. (XII. 4)
*Axfifj dcodexhovg ejtiTsgno^ai' ioii dk xovzov
XUi rgiaxaidexeTrjg jiovlv jzo&etvtkegog'
X0> xa dig ijtxQvifjKoy, yXvxegcoxegov dy{^og 'Egcoxcov
xegsivoxegog S' 6 XQixtjg jmvxddog dgxdfievog'
i^ejiixaiSexaxov ds d'ewv exog' Sfidofiaxov 6e
xai dixaxov ^tjxeXv ovx ifiov dXXd Aidg.
El 8'ijii Jigeafivxigovg xig exei ^d&ov, ovxSxi JtaiCsi,
dXi' fjSrj tv^sT „x6v d^djtafieipSfievog".
Zwai* ergotz ich mich gem an des zwolfjahrigen Schonheit;
Aber im dreizehnten Lenz lieblicher ist da der KnabI
SiiBer dunkt mich die Bliite der Lieb* im vierzehnten Jahre ;
Wenn das funf zehnte Jahr eben der Knabe begann,
Ist er reizender noch. Das sechzehnte ist das der Gotter.
Aber das siebzehnte Jahr? Zeus gebiihrt es, nicht mir.
Hast du auf altere Lust? Jetzt ist es kein kindliches Spiel mehr
Und der Junge begehrt schon: „wie du mir, so ich dir".
Plato sagt im Gastmahl (181 D): ov ydg igojai jtaiScov, dXX
ijrttSdy tjdt} dgrcovxat vov ioxbiv . xovto Sk jtXrjOid^ei xq> yevstdaxsiv. denn
sie (sc. di^ Paderasten). lieben keine Knaben, sondern solche, di^
Htrscllfeld, Homosexualitflt. o
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schon anfangen, Charakter zu haben; das geschieht aber etwa am die
Zeit, wo sie Bai*t bekommen. Chaussard^s) unterscheidet : Pais bis zu
-vierzehn Jahren, Mellephebos mit 16 Jahren, Ephebos mlt 16 Jahren
und Exephebos mit 17 Jahren. Nach anderen Quellen wurde in Athen
der Pais mit 18 Jahren Ephebos, doch geht ans dem vielfaltigen Ge-
brauche des Wortes Paiderastie hervor, daB die Bezeichnung Pais
nicht selten noch weit iiber dieses Alter hinaus Anwendung fand.
Auch das lateinische puer ist mit Knabe in der jetzigen Bedeutung
nicht entsprechend libersetzt. Die geliebten pueri bei Tibull una
Martial haben oft selbst schon eine Geliebte. Martial gibt
das Alter eines puer mit 20 Jahren an. Auch Vergil nennt bei den
sicilischen Spielen (Aeli. V., 548) die bereits reisige und waffenfahige
Troerjugend puerileagmen.
Wenn daher Paderastie im Deutschen oft mit „Knabenliebe"
wiedergegeben wird, so muB man sich gegenwartig halten, daO Knabe
hier, ahnlich wie seine Nebenf orm K n a p p e , in der friiheren Auf-
fassung im Sinne eines jiingeren, aber doch vollig erwachsenen Mannes
angewandt wird, so wie Luther 36) den Ausdruck vielfach gebraucht
una aucii noch Goethe in der Braut von Korinth sagt: „Bleibe schones
Madchen, ruft der Knabe" oder im Haideroslein : yy^ah* ein Knab' ein
Roslein steh'n" und an vielen anderen Stellen.
Im DreiBigjahrigen Krieg und noch lange nachher findet sich
iibrigens im deutschen Sprachgebrauch fiir homosexuellen Verkehr auch
das Zeitwort „buben".
Der geliebte Knabe hieB igwfievog (der geliebte) oder Jiaidixd
(plural neutrius generis von jtatSixog). Gewohnlicn ist der eQaazrjg alter
als der egw^eog, doch finden sich auch Liebesverhaltnisse unter gleich-
altrigen. So das des Kritobulos zu Kleinias, von denen Xenophon er-
zahlt, sie seien gleichaltrig und Mitschiiler gewesen. Xen. Gast-
mahl IV, 23: Ovx ^Q^Qt S3gt Sokrates, Sxi zoviq) fisv natpa ta wxa dgri
ToiO.og xa^egjiet, KXeiviq. Sk jiQog to Sjiiadev rjdri avafiaivei ; ovxog ovv avfi<poird)v els
ravra didaoxaXeta sxeivq) tore iaxvQcog Jiq^ogexav^tj. Siehst du denn nicht, daB
diesem (dem Kritobulos) bei den Ohren schon der Flaum herabkriecht,
dem Kleinias aber er vom Kinn zu den Ohren hinauf steigt ? Der nun
(Kritobulos) entbrannte damals schon, als er mit jenem zusammen in
die Schule ging, heftig fiir ihn.
In Sparta hieB der Liebhaber eigjiv/jXag, der geliebte dhag. ElgjivrjXag
kommt von etgjivioi einhauchen. Die alten Lexika berichten, dies
Wort habe bei den Spartanern die Bedeutung von sqclko gehabt. Be the
meint nun, an die Inschriften in Thera erinnernd, das „einhauchen"
— natiirlich der a^eri; — sei nach dorischer Anschauung ^ben durch
deu geschlechtlichen Akt, das ot(p£iv erfolgt; es ware also eigjivetv
mit oitpeiv etwa synonym. Dieser SchluB ist unwahrscheinlich, zum
mindesten kiihn. Wahrscheinlich ist, daB slgnveTv hier etwa soviel
wie lehren bedeutet, eigjrvetv sc. dgeri^v = Tugend einfloBen. Diese An-
schauung wird erhartet durch die Bezeichnung des Geliebten mit
dnag von dtco horen (nicht, wie die Alten meinten, von atj/Ltt wehen),
das hier dann etwa die Bedeutung „lemen" hatte (vergl. ijiaico etwas
verstehen, dxovsiv einem Redner oder Lehrer zuhoren, axoveiv ix fiifiXcp
lernen, axovaz/jg der Zuhorer, dxovafiatixog der Schiiler) ; dann ware
das Liebesverhaltnis in Sparta nach seiner padagogischen Bedeutung
genannt; in Kreta dagegen nach seiner militarischen ; dort heiBt der
Liebhaber naoaotdi^g der Nebenmann, der Geliebte, xlrjvog == der
Ausgezeichnete. DaB das Verhaltnis tatsachlich ein sexuelles
35) Chaussard, F6tes et courtisanes de la Grece. Suppl6ment
aux voyages d'Anacharsis et d'Antenor. Quatri(^me 6dition. Tome
troisi^me. Paris 1821.
36) 1. Mos. 18,7; 22,3; Richter 7,11; 9,54; 19,3; 1. Sam. 9,3;
14,1; 16,17; 2. Sam. 13,28; 1. Rom. 20,14—19; Ev. Luc. 7,7 u. a.
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wax, geht aus mancherlei spater zu Erorterndem hervor; bier sei
noch einmal an die Inschrift in Thera erinnert, die insofern be-
weisend fiir Sparta ist, als Thera von Sparta aus kolonisiert war,
also spartanische Sitten ubernommen hatte. Das hier benutzte Ver-
bum ot(po> hangt mit dnvim ehelichen zusammen; es braucht also
oiq)ci) hier so wenig einen obszonen Sinn zu habeli wie es dnvlw
hatte; das eingegangene Freundschaftsverhaltnis wird eben aufgefaBt
als eino Art iBhe, Dazu stimmt der dorische, fiir Kreta und wohl
auch fiir Korinth bezeugte, Branch, den geliebten Knaben zu rau-
ben — meist ist es ein Scheinraub — ganz ahnlich der uralten
Form der EheschlieBung durch Brautraub. verboten war der sexuelle
Verkehr unter Freunden nicht, sondern nur die jtogveia, das sich
um Geld zur Unzucht Hergeben; das durfte ein anst&ndiger junger
Mann ebensowenig wie ein Madchen. In diesem Sinne stand dem
Paderasten der xtvaiSog gegeniiber.
Dies Wort ist etymologisch nicht erklart; die antiken Erklarun-
gen sind f olgende : xivaidog = (dcekyTJg) fiaXax6g (liistern weichlich); ftakaxoi
odei /laX^axolhieQen die Kinaden vielfach ; man wurde es wohl am besten
mit unserm „warm" wiedergeben. Andere Deutungen sind xivaiSog =
xevog aldovg (schamlos) = xtvaiv trjv aidw (alSwg = aidota [II. II
262]). Hier bedeutet aid(6g offenbar den Hinteren. So nennt sich der
Kiniide bei Petron 23, 3 clune agili: mit riihrigem Hintern; vergl.
carm. Priap. 83 puer . . ., qui verset mobilem natem: der den beweg-
lichen Hintem hin und her wendet. Sollte aldwg hier die gewohn-
lichero Bedeutung = aldoTa Geschlechtsteile haben, so wiirde xivaidog
erklart als der, welcher eines andern Geschlechtsteile erregt (vergl.
Petron 23, 6 auBer inguina mea diu multumque frusca moluit lange
und viel mahlte er uber meinen Geschlechtsteilen). Weitere Ei*-
klarungen sind = xivdjv t^v ^dovrjv WoUusterreger, ferner = 6 xiv<bv
kavxt^ aid(o xal alaxvyrjy der sich Schimpf und Schande erregt, Auch
mit xviCeiv jucken {xviSrf Brennessel) hat man den Kinaden zu-
sammengebracht. Vermutlich aber diirften alle diese Etymologien
unrichtig sein und ein Fremdwort vorliegen, das aus dem Orien-
talischen stammt, in deren Kulten die mannlichen Prostituierten,
beispielsweise die yoJlAot der Kybele am Ida damals eine groBe Rolle
spielten. Die Griechen und Romer verstanden also unter den Kinaden
emen erwachsenen femininen Mann, der sich zur Unzucht um Geld
hergibt (S ze not&v xai 6 :rdaxa>v, also aktiv wie passiv). Sein weibi-
scher Habitus, der ihm das Beiwort /iaXaxog (mollis) einbringt, wird
beschrieben bei Phadrus V, 1:
„Von Salbe triefend und mit flutendem Gewande
Kommt er (Menander), gezierten, schlaffen Schrittes. Und sobald
Ihn der Tyrann erblickt ganz hinten in dem Zuge,
Ruft er: Wer ist dort der Kinade, der es wagt,
Mir vor das Angesicht zu kommen?" usw.
Das Treiben der Kinaden schildem u. a. Petron 29 und Juv. sat. IX.
Dem StraBenleben des alien Rom gab der Kinade die gleiche Note
wie modernen Weltstadten. Die romischen Schriftsteller nennen feie
auch spintrii (was von sphincter der AfterschlieBmuskel herkommen
soil) Oder sellaurii (sella = Sessel). Wegen ihrer Vorliebe fiir iippiges
Kopfhaar hieBen sie capillati, weil sie sich den iibrigen Korper gem
enthaarten, aber auch depilati.
Die grofle Rolle, welche die Homosexualitat in der
griechischen Literatur spielte, vor allem aber die fast einzig
dastehende Tatsache ihrer sozialen Fruktifizierung in Hellas,
waren mehr als ilire absolute Verbreitung — von der es noch
keineswegs erwiesen ist, ob sie wirklich so viel groBer war
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als an anderen Orten und zu anderen Zeiten — der Grund, ^wes-
halb die gleichgeschlechtliche Liebe bis in die Gegenwart iinge-
mein haufig als hellenische und griechische Liebe be-
zeichnet wurde. Schon Cornelius Nepos sagt in der Lebens-
beschreibung des Alcibiades, daU dieser in seiner Jugend viel
amore Graecorum begehrt wurde. Und noeh*in demselben
Sinne nannte Napoleon I. in Warschau Alexander I.
„den schonsten und schlauesten Griechen", als er von der leiden-
schaftlichen Liebe des russisehen Herrschers zu einem jungen
franzosischen Offizier erfuhr. Sexuelle Besonderheiten nach
fremden Orten und Landern zu benennen, ist eine alte Gewohn-
heii, die sich in der Neuzeit ebenso findet wie im Mittelalter
und Altertum, wie es scheint, eine Art Malice, mit der ein Volk
gem ein anderes traktiert, ein Branch tibrigens, der mehr durch
zufallige Vorkommnisse als durch ein nachgewiesenermaflen
starkeres Vorkommen bedingt zu sein pflegt. Es erstreckt sich
diese Sitte, oder richtiger Unsitte, nicht etwa nur auf die Homo-
sexualitat, es geniigt — um nur ein beliebiges Beispiel heraus^
zugreifen — zu erinnern, dafl bestimmte Formen sexueller Be-
tatigung mit Vorliebe als franzosisch, andere oft als amerikanisch
bezeichnet werden. Wir haben kein Recht, uns liber den Aus-
druck vice allemand zu erregen, solange die in Deutschland in
der gleichen Weise wie in Frankreich verbreitete orale Sexual-
betatigung (cunnilinctio und penilincto) im heterosexuellen wie
im homosexuellen Verkehr fast allgemein als „ifranzosische Art"
bezeichnet wird.
Die Griechea nannten diese Verkehrsweise die phonizische ((poivi-
xiCetv), Was den gleichgeschlechtlichea Verkehr selbst anlangt, so spra-
chen die Athener von XaxojvtCeiv und xQtjri^siv, um anzudeuten, daB dieser
in Lacedamon und Kreta besonders beliebt sei. Nach Hesephius be-
deutete auch ;jfaA;<<^iC«iv soviel wie pedizieren, da bei den Bewohneru
der Stadt C h a 1 k i s auf Euboa „die mannliche Venus weit verbreitet
war"; ahnlich wurde aiqvidi^Eiv, abgeleitet von der Insel Siphnos im
Agaischen Meere, gebraucht und nach Suidas auch (pixidaCeiv nach
dem Nameu einer uns unbekanntea Stadt. Genau so findet sich im
Mittelalter das Verbum „florenzen" — so im Ziiricher Rat- und Richt-
buch vom Jahre 1422 — davon ausgehend, daB Florenz ein Haupt-
sitz homosexueller Betatigung sei, wahrend die Florentiner wiedermn
in diesem Sinne von „neapolitanischer Liebe" sprachen. Auch der
ebenfalls im Mittelalter fiir homosexuelle Betatigung gebriiuchliche
Ausdruck „walsche Hochzeit halten" — in einem Klageliede aus
dem Jahre 1546 heiBt es: „der walschen Hochzeit grausam Schand"
— gehort. in das Gebiet dieser hamischen Bezeichnungen der Homo-
sexualitat. Ebenso die im Mittelalter weit verbreitete Bezeichnung
mal d*orieat, orientalisches Laster, die, wie wir in dem Kapitel iiber
Verbreitung der Homosexualitat sehen werden, genau so wie die
anderen ortlichen Spezialnamen einer eigentlichen Berechtigung ent-
behrte. Der Gleichklang von os, oris mit Orient verleitete mittel-
alterlichc Satiriker zu dem Scherz, den coitus oralis als „Reise nach
dem Orient" zu hezeichnen. Noch heute sagen die Balkanvolker, be-
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sonders die Rumanen, von jemandem, den sie als homosexuell cha-
rakterisieren wollen, er ist ein Tiirke.
Die Orientalen aber machten die Perser und diese wiederum
die Bewohner der Provinz Chorosan fiir die Homosexualitat verant-
wortlich. 87) Denn genau so wie in Europa sehen wir in Asien die
fast kindliche Gewohniheit, dafi ein Volk immer einem anderen die
Schuld an der Homosexualitat beimiBt. Selbst die Japaner behaupten,
wie Iwaya^^) mitteilt, daB die Jiinglingsliebe bei ihnen von China aus
und zwar mit dem Buddhismus eingeschleppt sei. Und in dasselbe
Gebiet der Volkerpsychologie gehort es, wenn Balz die angeblicjjie
Tatsache, daB das „unnatiirliche Laster" im nordlichen China weiter
verbreitet sei als im siidlichen, darauf zuriickfiihrt, „daB in den
Adeni der Siidchinesen mehr malaiisches Blut roUt". Die Siid-
amerikaner, besonders die Argentinier nennen die Homosexuellen : Bra-
silianer (Brasileros) und in Nordamerika schiebt man bald den Chi-
nesen, bald den Italienem, bald irgend einem andern Volksstamm
die Einfiihrung gleichgesohlechtlicher Praktiken zu.
Hochstwahrscheinlich gehort auch der bei Herodot ausfiihrlich
besprochene Ausdruck S c y t h e n kranklheit fiir effeminierte Manner
zu den Benennungen einer allgemeinen Erscheinung nach einem Volke,
bei dem der Urheber des Wortes sie zuerst oder starker als anderswo,
bemerkte. Dasselbe ist zu sagen, wenn im Talmud 3^) die Tribadie
als „Tun Agyptens" bezeichnet wird.
Sogar bei den Naturvolkern ist der heuchlerische Brauch nach-
weisbar, eine im eigenen Lande genau so wie im fremden verbreitete
Neigung nach diesem zu benennen. So bezeichnen die Fidji-Insu-
laner Homosexualitat als „Treiben des weiBen Mannes" mit derselben
Uberhebung, mit der sie in den Chroniken des europaischen Mittel-
alters als diejenige Siinde bezeichnet wird, die wohl unter Heiden
vorkommt, unter Christen aber nicht einmal mit Namen genannt
werden kann. „Peccatum illud horribile inter Christianos non nomi-
nandum."
.Im iibri^en warf das mittelalterliche Christentum die Be-
griffe Heidentum, Ketzerei und Homosexualitat best^ndig zu-
sammen. so spricht das Landbuch*^) von Uri in der Schweiz im
§ 32 von Ketzerei, „sei es in Glaubenssachen oder fleischlichen
Siinden'*, und das franzosische Wort Heretique bedeutete bald
einen Ketzer, bald einen Homosexuellen. Auch als Bulgaren
sollen urspriinglich nur die Mitglieder einer ketzerischen reli-
gicsen Sekte bezeichnet worden sein, die aus Bulgarien stamlnten.
Spater aber wurde der Ausdruck Bulgaren, franzosisch bougres,
englisch bugger — noch jetzt heiflt im englischen Gesetz die
Paderastie „buggery*' — einer der gebrauchlichsten Namen fiir
Homosexuelle.
87) Vgl. V. Kremer, Kulturgeschichte des Orients II, pag. 129f.
and B 1 o c h , I. Band dieses Handbuchs, pag. 800.
»8) Iwaya, 1. c. (IV. 266.)
*^) Cf. P r e u fl , Prostitution und sexuelle Perversitaten nach
Bibel und Talmud. Monatshefte fiir praktische Dermatologie. 4.3. Bd.
1906.
*<^) Zit. nach M i c h a e 1 i s , Homosexualitat in Sitte und Recht
1907. Berlin, p. 55.
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An den Hofen Ludwigs XIII. und XIV. wurden die Bougres h§,ufi-
per Bardaches genannt, nach dem spanischen bardaxa (italienisch bar-
dascia;, das eine Ummodelung des arabischen bardag, Sklave, Lust-
knabe sein soil. Bevor die Franzosen die Horn osexuali tat als „deut-
sches" Laster bezeichneten, nannten sie es ein italienisches. Als
man Ludwig XIV. die Geliiste und Maskeraden seines Bruders Orleans,
seines Sohnes Vermandois, des Kardinals Bouillon, des Prinzen Conti
und anderer Herren der Hofgesellschaft hinterbrachte, rief er aus:
„La France devenue italiennel" Der in Frankreich seit
einigen Jahren wieder viel angewandte Ausdruck „vice allemand" ist
nicht, wie meist angenommen wurde, neueren Datums, sondern findet
sich bereits in franzosischen Schriften im letzten Drittel des 18. Jahr-
hunderts, beispielsweise bei Mirabeau ^^a). Der Ausdruck scheint zur
Zeit Friedrichs des GroBen aufgekommen zu sein, vor allem durch
die Schuld Voltaires, und war zugleich eine Revanche dafiir, daB die
Deutschen die gyphilis als Franzosenkrankheit — morbus gallicus —
bezeichneten. Dagegen scheint das in Italien als Synonym fiir homo-
sexuell gebrauchte Wort „Berlinese" erst durch die groBen deutschen
Sensationsprozesse unserer Zeit aufgekommen zu sein. Im krassen
Gegensatz zu dem spater iiblichen vice allemand stand ein spanischer
Spruch, der zur Zeit Heinrichs III. von Frankreich wahrend der Herr-
scbaft der Mignons durch die Lander ging:
„En Espana, los caballeros; en Francia, los grandes;
En Alemania, pocos ; en Italia, todos."
(„In Spanien, die Bitter; in Frankreich, die GroBen;
In Deutschland, wenige; in Italien, alle.")
Ein Analogon zu dem vice allemand stellt die Bezeichnung „ger-
man custom** dar, womit die auf englischen colleges, namentlich auBer-
halb GroBbritanniens (beispielsweise in Japan) lebenden Schiiler homo-
sexuellen Verkehr meinen.
Unter den mit der Nomtenklatur der Homosexualitat ver-
kniipften Pllitzen verdienen endlich noch zwei, die ortlich i^cht
so weit wie kulturell voneinander getrennt sind, erw8.hnt zu
werden : Lesbos und Sodom.
Wie Sie Griechen die mannmannliche Geschlechtsbetatigung
nach der Insel Kreta vielfach xQtjriCeiv nannten, so be-
zeichneten sie die analogen Beziehungen der Frauen nach der
Insel Lesbos als keo^iCnv. Namentlich die Romer sahen in
der auf Lesbos lebenden Dichterin Sappho die Begrtinderin der
Tribadie, wahrend umgekehrt wiederum die spateren Griechen
der RSmerin Philaenis die gleiche RoUe zuerteilten, jener
von der Martial (VIL 67) berichtet, daB „sie von wilderer
Lust als Manner entflammt elf Madchen an einem Tage um-
schlang**. Die Benennungen lesbische Liebe, amor lesbicus,
Lesbismus, Lesbierin, haben sich bis in unsere Tage erhalten,
wenngleich in etwas verschiedenem Sinne angewandt. Haufig
*0a) Mirabeau, Ma conversion par M. D. R. C. D. M. F. (= Mon-
sieur De Riquetti Comte De Mirabeau Fils) London, 1783: „Alors je
me retourne, et je lui pr6sente bien humblement ce que Berlin revere,
et. que Tltalien encense."
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23
wird unter lesbischer Liebe die weibliche Homosexualitat ganz
im allgemeinen verstanden — beispielsweise von Dr. Philos*^)
in der Schrift „Die lesbische Liebe*' — ; andere wie Bohleder^-)
sehen in der „lesbischLen oder sapphiscKen Liebe** nur eine be-
sondere Bet&tigungsform der homosexuellen Frauenliebe, charak-
terisiert durch den lambitus der Genitalien, eine dritte Gruppe
endlich unterscheidet sagar Lesbierinnen als von Geburt an ver-
anlagte Frauenfreundinnen und Sapphos, die sich nur faute de
mieux gleichgeschlechtlicli betatigen. Etymologisch oder gar
historisch begriindet sind diese feineren terminologischen Unter-
scheidungen nicht, es handelt sicb vielmehr dabei lediglich
um willklirliche Nomenklaturen.
Auch die Bezeichnung Sodomie oder Sodomiterei, die von der
einen der sprichwortlich gewordenen Schwesterstadte Sodom und Go-
morrha ihren Namen herleitet, findet sich in der Literatur in drei ver-
schiedenen Auffassungen vor. Meist verstand man darunter gleich-
geschlechtliche Betatigung, indem man Bezug nahm auf jene bekannte
Erzahlung der Bibel, (1. Mos. 19, 5), in der die Leute der Stadt Sodom
zu Lot sprechen: „Wo sind die Manner, die zu dir kommen sind
diese Nacht? Fiihre sie hinaus zu uns, dafi wir sie erkennen." (3^^
Lot erwidert darauf: (Vers 8) Siehe, ich habe zwo Tochter, die
haben noch keinen Mann erkannt, die will ich herausgeben unter euch,
und tut mit ihnen was euch gefallt; alleiA diesen Mannern tut nichts,
denn darum sind sie unter den Schatten meines Hauses eingegangen."
An anderen Stellen wird Sodoms „Missetat" als „Hochmut , Hart-
herzigkeit, als „Siinde wider Nachstenliebe und Menschlichkeit" als
„turpitudo" und „ignominia" bezeichnet, so Hesekiel 10,49—50: „Sielie
die Missetat Sodomas, deiner Schwester, war Stolz ; gesattigt von des
Brotes Uberflufl reichten sie bei ihrer und ihrer Tochter MiiBiggang
dem Diirftigen und Armen ihre Hand nicht und wurden iibermiitig und
taten Greuel vor mir; und ich raffte sie hinweg, wie du gesehen/* Id
der Arbeit „Homosexualitat und Bibel" von einem katholischen Geist-
lichen im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen Bd. IV, p. 199 ff.
und in der Schrift des protestantischen Theologen Caspar Wirz
M. D. V. (Leipzig 1904) „Der Uranier vor Kirche und Schrift" suchen
die geistlichen Verfasser ausfiihrlich klarzulegen, daB die Ursache der
Vemichtung Sodoms und Gomorrhas und die „Siinden Sodoms" nicht
der gleichgeschlechtliche Verkehr, sondern die allgemeine Verworfen-
heit und Frivolitat der Sodomiter gewesen seien, wie aus dem Bibel-
text deutlich hervorgehe.
Das Wort „Sodomie" wird aber auch haufig, insonderheit in
Deutschland, wie Bestialitat, zur Bezeichnung der fleischlichen Ver-
mischung mit Tieren gebraucht, so von Heinrich Heine in seiner
„SchloBlegende". Endlich spricht man in alteren Schriftwerken von
Sodomie auch dort, wo jemand mit dem anderen Geschlecht auBer-
halb der diesem Zwecke dienenden Stelle — ultra vas debitum — ver-
kehrt. So wird in einer venetianischen Urkunde aus dem Jahre 1470
ein Weib, das sich gewerbsmaBig der pedicatio hingegeben hatte,
*i) Dr. P h i 1 o s, Die lesbische Liebe. Ein Beitrag zur Sitten-
geschichte unserer Zeit. Berlin.
**) Dr. H. R o h 1 e d e r , Paragraph 250, der Ersatz des Paragraph
175, in seinen eventuellen Folgen fiir das weibliche Geschlecht. Im
Reichs-Medizinal-Anzeiger vom 3. Februar 1911.
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als meretrix sodomita erwahnt. Das Russische Gesetz versteht und
bestraft audi jetzt noch als Sodomie die mit einem Weibe vorge-
nowmene Pedikation, und das Kaiserliche Generalkonsulat fiir Chile
in Valparaiso schrieb mir im Mai 1913 wortlich: „Nach § 365 des
chilenischen Strafgesetzbuches wird Sodomie, gleichviel, ob sie
svwischen Mannern oder Frauen veriibt wird, mit Freiheitsstrafe
belegt." Ja Johann Samuel Fried rich von B 5 h m e r , der be-
riihmteste preuBische Rechtslehrer des 18. Jahrhunderts, tritt in den
,,Elcmenten der Kriminalrechtswissenschaft" (3. A. 1743 sect. II.
C. 28.) ausdriicklich dafiir ein, daC man den natiirlichen Beischlaf
zwischen Personen verschiedener Konfessionen nicht mehr als So-
domie auffassen solle. Liguori sagt in seiner ,,Moralthoologie"
(nacli von Hoensbroech „Das Papsttum", II. S. 126) folgendes: Es
ist eine groBe Streitfrage, worin die Sodomie eigentlich besteht. Einige
sagen sie bestehe im unnatiirlichen Beischlaf (concubitus ad indebi-
tum vas) zwischen zwei Personen verschiedenen, andere zwisclien
zwei Personen gleichen Geschlechts. Beide Ansichten sind probabel,
und bei beiden Ansichten kommt das MiCverhaltnis zum Ausdruck,
das die Sodomie zur Natur hat, die fiir den Zeugungsakt ein Doppeltes
verlangt: Die Verschiedenheit der Geschlechter und die richtige Art
des Beischlafes. Die zweite Ansicht, welche das Wesen der Sodomie
in der fleischlichen Vereinigung zweier Personen gleichen Geschlechts
bestehen laBt, ist probabeler. Wahre Sodomie ist also der Beischlaf
zwischen zwei Frauen, obwohl einige Theologen diesen Beischlaf, auch
wenn er im After vollzogen wird, unechte Sodomie nennen, da ein wirk-
licher Beischlaf zwischen Frauen nicht stattfinden kann. Wahre So-
domie ist ferner jede fleischliche Vermischung zwischen zwei Per-
sonen des gleichen Geschlechts sei es, daB sie im After (in vase
praepostero) oder sonst wo stattfindet."
Im iibrigen hat sich bei vielen Volkern der Ausdruck Sodomiter
oft sogar in kaum noch den Ursprung wiedergebenden Abkiirzangen,
wie englisch „sod", hollandisch „mietje", zu einem bloBen Schimpf-
wort verfliichtigt, iiber dessen eigentliche Bedeutung man sich kaum
noch klar ist ; wird es doch oft fast mehr mit freundlichem als
feindlichem Beiklang ausgesprochen. So konnte ich in Holland horen,
wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kinde, das sich schmutzig gemacht
hatte, sagte : Du bist ein kleines Sodomiterchen.
Es scheint auch nicht ganz so btise gemeint gewesen zu
sein, wie es den Anschein hat, wenn die Italiener im Mittelalter
einen ihrer groBten Maler — Giovan Antonio Bazzi —
den Beinamen il Sodoma beilegten. K u p f f e r^^) schreibt dar-
liber: „,I1 Sodoma* nennt man ihn, und er selbst, in stolzer Be-
wuBtheii seines urspriinglichen Empfindens und vol! souveraner
Verachtung gegen eine beschrankte Welt- und Naturkenntnis,
fiihrte diesen Namen selbst zum Trotze*'. Es ist das librigens
wohl das einzige Beispiel, daB die Nachrede homosexueller Nei-
gungen so offensichtlich auf die Person libertragen wurde, so
daB der wirkliche Name dariiber fast in Vergessenheit geriet,
wahrend der umgekehrte Vorgang, der Gebrauch von Personen-
namen als Ausdruck homosexueller Empfindungen und Hand-
lungen, viel haufiger ist. Diese Art der Benennun^ erstreckt
*3) Elisar v. Kupffer. Giovan Antonio il Sodoma, der Maler
der Schonheit, aus Jahrbuch f. sex. Zwischenst., Bd. IX, pag. 76.
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sich auch keineswegs auf die Homosexualitat. Sie beginnt rait der
platonischen Liebe, — beilaufig bemerkt, beziehen sich Platos
Ausfiihrungen liber den Begriff dessen, was man lieute ,,plato-
nifiche Liebe** nennt, zunachst auch nur auf die paiderastia — ,
setzt sich fort in dem Wort Onanie, die von dem biblischen Onan
stammt (1. Mos. 38, 7 — 10), der allerdings nicht der Onanie,
sondern dem coitus interruptus frohnte, und endet in vielen
modernen terminis, zu denen u. a. Narcissus und Pygmalion, die
Sunamitin aus dem Buche der Konige, wie Marquis de Sade,
Retifdela Bretonne und Sacher-Masoch ihren Namen
hergeben muBten (Narcissmus, Pygmalionismus, Sunamitismus,
Sadismus, Retifismus, Masochismus usw.). In diese recht ge-
mischte Gesallschaft mythologischer und historischer Personlich-
keitei: treten als Vertreter der Homosexualitat Sappho und
Sokrates. ^
So behandelt Voltaire in seinem „Dictioniiaire philosophique"
die Homosexualitat unter der Signatur „amour socratique". Auch ich
selbst setzte meiner ersten Arbeit iiber den Gegenstand die Namen der
beiden griechischen GroBen als Titel voran.**) Man hat vielfach
behauptet, dafi die „sokratische" und „sapphiscne" Liebe zu Unrecht
ihren Namen fiihren. Um von den philologischen Verteidigern, die
sich beider annahmen, nur je einen zu nennen, seien Johann
Matthias GeBner und Friedrich Gottlieb Welker er-
wahnt. Aber weder GeBner in seiner Schrift „ Socrates sanctus paede-
rasta** (Trajecti ad Rhenum 1768) noch Welker in „Sappho vou
einem herrschenden Vorurteil befreit" (Gottingen 1816) ist es ge-
lungen, den strikten Beweis ihrer Meinungen zu erbringen, geschweige
denn die fest eingebiirgerten Bezeichnungen : ^okratische und sap-
phische Liebe zum Verschwinden zu bringen. Worauf sich die An-
nahme stiitzt, daB der groBte Philosoph und die bedeutendste Dich-
terin der alten Welt homosexuell waren, ist in dem spateren Kapitel
uber beruhmte Homosexuelle nachzusehen.
Nicht von sokratischer, sondern von sotadischer Liebe spricht
der englische Schriftsteller Richard Burton (Cbersetzer von 1001 Nacht)
in Anlehnung an einen von Martial erwahnten griechischen Dichter
S o t a d e 8 , dessen Verse, von riickwarts gelesen, einen indezenten
Sinn gegeben haben soUen.
Auch der biblische Lot hat auf Grund der oben zitierten Stellen
aus dem I. Buche Mosis (Kap. 19, V. 4) seinen Namen fiir weitver-
breitete Bezeichnungen homosexueller Betatigungen hergeben miissen.
Von Lut der arabischen Form des Namens Lot leitet sich ab lata =
he committed the act of the people of Lot.*^) „lutijjun und law-
watun** = one who is addicted to the crime of the people of Lot,
womit der Paderast bezeichnet wird. Die Bemerkung bei Lane
„botli used in the present day, but perhaps postclassical" ist, wie
mir der Arabist Dr. Adolph H. Heloig mitteilt, nicht zutreffend.
^) M. Hirschfeld, Sappho und Sokrates. Wie erklart sich
die Liebo der Manner und Frauen zu Personen des eigenen Ge-
schlechts? Leipzig 1896.
**) Die lexikalischen Exzerpte sind aus Lane: Arabic English ,
lexicon 8 vol. London. 1863—93 sowie Freytag, Lexicon arabico- tl
iatinum 4 tom. Halis 1830—37, 1,^"
;<!
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26
da bereits im Kitabal-Agani, dem klassischen Uberlieferungswerk iiber
die Dichter und die Khalifen, als eine nahere Charakterisierung des
ommajadischen Khalifen al-Walid b. al. Jazid lutijjun, also „er
war ein Knabenschander" vorkommt, mithin ist es klassisch. Vod
dem Verbum lata heiBt die dritte Form, die im Arabischen gewohn-
lich das gegenseitige Vornehmen einer Handlung ausdriickt: lawata
— mit einem Paderastie treiben. Ein weiteres Derivat von Lut ist
lutijjatun, lutijje the crime of the people of Lut, wofiir im modernen
Arabisch die Formen liiwat, liwat, lawat vorkommen (je nach den ver-
schiedenen Provinzen variieren die Vokale, so in Agypten, Syrien,
Palastina und Algier).
Neben dieser dauernden Verkniipfung von Personennamen mit
der Homosexualitat kann man beobachten, daB temporal nach
Sensationsereiffnissen und Skandalprozessen haufig Wortbildungen auf-
tauchen, die sich von homosexuellen Personen herleiten, die beidiesen
Vorkommnissen die Hauptrolle spielten. So kam Ende der sechziger
Jahre in Berlin der Ausdruck „zastrieren" fiir das Begehen homo-
sexueller Gewalttaten auf, wohl in bewufiter oder unbewuBter Anleh-
nung an das Wort kastrieren, daneben fiir homosexuellen Verkehr im
allgemeinen das Wort zastroen ; beide Worte entstanden im AnschluB
an eineu ProzeC, der im Jahre I860 das groBte Aufsehen erregte. Der
SproB eines angesehenen preuBischen Geschlechts, derer von Z a -
s t r o w , Sohn eines hervorragenden Generals, als femininer Urning
der Behorde bekannt, war beschuldigt — Ulrichs meint falsch-
lich — den 15jahrigen Biickerlehrling Corny 1867 verstiimmelt und
getotet zu haben, ferner 1869 den Knaben Hanke auf einen
Boden geschleppt, dort gebissen, gewiirgt und der Testikel beraubt
zu haben. In „Argonauticus" *6) (p. 87^ findet sich eine Zuschrift
aus Berlin, die recht anschaulich zeigt, wie solche Volksausdriicke sich
bildeu und verbreiten. „Im Lokal bei Liebenow saBen kiirzlich an
einem Tisch einige Herren, Dioninge. An einen andren Tisch setzten
sich zwei Herren, darunter der eine ein Jiingling, der durch scherz-
haftes Kokettieren und Affektieren bald ihre Aufmerksamkeit auf
sich zog. Sie witterten in ihm einen Urning und begannen Stiche-
leien. Endlich redete einer ihn an: „Horen Sie mal, junger Mann,
Sie sehen aus wie Zastrows Bruder." Junger Mann: „So, das mag
wohl sein. Als Zastrows intimer Freund miissen Sie das ja wissen."
Dioning 1 : „Woraus schlieCen Sie denn, daB ich Zastrows intimer
Freund bin?" Junger Mann: „Sonst wiirden Sie ja solche Ahnlich-
keiten nicht entdecken." Dioning 2 zu Dioning 1 : „H6r mal, laB
uns lieber gehen. Die Zastrows wollen uns sonst am Ende noch
zastrowen." Die anwesenden Gaste lachten. Nach einigem ferneren Ge-
plankel fiihlten sich die Herren Dioninge jedoch geschlagen, schwie-
gen und entfernten sich." In Deutschland wurde vor kurzem ein
Mann wegen Beleidigung verurteilt, der in ahnlichem Sinne jemand
einen „Eulenburg** gonannt hatte. In England wurde langere Zeit
nach dem Prozesse Oscar Wildes (1895) ein Homosexueller ein „Oscar"
und immissio in anum „to oscar" genannt, Ausdriicke, die nach
Pavia*^) auch jetzt noch nicht auBer Gebrauch pekommen sind. Ein
deutscher Diener, der in vornehmen englischen Familien beschaftigt
war, schrieb mir erst kiirzlich, daB er wegen seines femininen Wesens
von den ihm nachstellenden Hausmadchen oft die Redensart: „that
is an oscar" hore. Es mag an diesen Beispielen, die sich leicht
verraehren lieBen, sein Bewenden haben. Nur zwei biblische Eigen-
namen seien noch erwahnt, die wir ^eichfalls mit der Homosexualitat
in Verbindung gebracht finden. In Frankreich nannte man im XVII.
Jahrhundert die Homosexuellen Benjamitter und die Homo-
*^) Ulrichs, IX. Argonauticus p. 87.
*") Vierteljahrsberichte des W.-h. Komitees, Jhrg. II, Heft 1, p. 40.
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semalitat Benjamittertum ; mit Vorliebe bediente sich die Herzogin
von Orleans, selbst Gemahlin eines Umings, dieses Ausdrucks, wenn
sie von den homos exuellen Hoflingen sprach, die ihren scharf hetero-
sexuellen Schwager Louis quatorze umgaben. Eine andere Bezeich-
nung, der man noch jetzt gelegentlich im franzosischen Schrifttum
begegncn kann, ist besonders merkwiirdig. Petit- J 6 s u s heifit mar
die jungen Burschen, die, auffallend durch ihr stutzerhaftes Be-
nehmen, ihr madchenhaftes Gesicht, trippelnd nach Art antiker Kina-
den, auf den Pariser Boulevards eine nicht seltene Erscheinung waren
und sind. Coffignon unterscheidet neben den petits-j^sus, deren
Laufbahn meist mit dem 20. Lebensjahr ende, die eigentlichen j6sus,
die er in drei Klassen teilt: die „filles galantes", die alteren Chan-
teurs und Souteneurs, den „rupins", als Juockvogel dienen, die „filles
pierreuses", die selbstandig der mannlichen Prostitution obliegen, und
die „filles domestiques", die sich bei reichen Homosexuellen eine Stelle
als Diener suchen, um sich ihnen selbst hinzugeben oder petits-
J68US zu besorgen.
Vom „A n t i n o u s", dessen Name ebenfalls ein Begriff geworden.
unterscheiden sich die Jesusse durch die Dirnenhaftigkeit, wahrend
der im englischen Slang fiir homosexuelle Manner vorkommende Eigen-
name Mary-Ann wiederum einen ganz anderen Typus trif ft, nam-
lich altere Urninge von weiblicher Beschaffenheit. Dagegen entsprach
im alten Rom der Name des Jupiterlieblings Ganymedes, nament-
lich in der verstiimmeltfen Form canamitus als Gattungsbezeich-
nung dem franzosischen j^sus.
In Frankreich ist im iibrijgen seit Beginn der achtziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts der frliher verbreitetste Aus-
drnck Sodomie — ganz ahnlich wie in Deutschland das Wort
Paderastie durch Homosexualitat — durch einen wissenschaft-
lichen Terminus ., Inversion" verdrangt worden. Es ist ein
Verdienst von Charcot und Magnan^^) und vor allem von
Julian Chevalier^*^), diesen verhaltnismaUig bezeichnenden
Ausdruck in die Fachliteratur eingeflihrt zu haben.
Wahrend der Begriff der Inversion bei ihnen mit dem der Homo-
sexualitat zusammenfallt, und die Homosexuellen selbst les invertis
heiBen, will M o 1 1 5^) den Worten Inversion imd Invertierte eine
engere Bedeutung geben. Er unterscheidet zwischen Inversion und
Homosexualitat in d e r Weise, daB die erstere nur solche Falle um-
faBt, „wo eine voile Umkehrung des Geschlechtstriebes stattfindet,
das helBt, wo der Mann wie ein Weib empfindet" und wie diesesr auch
nur voUentwickelte Manner liebt, „wahrend in den anderen Fallen,
wo jungere Individuen bevorzugt werden, zwar Homosexualitat und
Perversion, aber keine Inversion vorliegt." Er fiihrt aber diese Unter-
scbeldung in seinem Buche selbst nicht durch, und sie ist auch nicht
durch zufiihren, da sowohl die Abstufungen der Geschmacksrichtung
*») Charcot und M a g n a n , Inversion du sens g6nital et autres
perversions sexuelles. Archives de Neurologic, Sme et 4nie Tome.
Paris 1882.
*o)J. Chevalier, De I'inversion de I'instinct sexuel
aa point de vue m6dico-l^gal. Paris 1885, und De I'inversion
sexuelle aux points de vue cliniq[ue, anthropologique et m6dico-16gal.
Archives de 1 anthropqlogie criminelle et des sciences penales, Paris-
Lyon. 5me Tome 1890 et Gme Tome 1891. Ferner: Chevalier,
L' i n V e r s i o n sexuelle. Paris-Lyon 1893.
w) A. Moll, Die kontrare Sexualempfindung, p. 33.
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al8 der eigenen Femininitat viel zu sehr durcheinander und inein-
ander iibergehen. Dieser Einwand gilt auch fiir Ferenczi, der
neuerdin^s vorgeschlagen hat, Invertierte und Objekthomo-
s e X u e n e als zwei voneinander gesonderte Gruppen zu unterscheidea^*).
Die franzosischen Psychiater hatten das Wort Inversion
wohl iiberlegt an Stelle von Perversion gesetzt, diesem von
Krafft-Ebing im' Gegensatz zu Perversitat in die Sexualwissen-
schaf t eingeftiihrten Begriff . Der beriihmte Verf asser der Psycho-
pathia sexualis gab in dem Kapitel: „Allgemeine Neuro- und
Psychopathologie des Sexuallebens'* folgende Definition des
Wortefl pervers^^) : „Als per vers muB — bei gebotener Ge-
legenheit zu naturgemillJer geschlechtlicher Befriedigung — jede
AuBerung des Geschlechtstriebes erklart werden, die nicht den
Zwecker. der Natur, i. e. der Fortpflanzung entspricht/* Diese
perversen Handlungen beruhen auf Perversion, wenn sie aus
einem von Nat'ur perversen Geschleehtstrieb hervorgehen, andern-
falls sind es Perversitaten, die „nicht durch psychopathologische
Bedingungen hervorgerufen'* sind. Kra.fft-Ebing sagt^^):
„Um zwischen Kranfcheit (Perversion) und Laster (Perversitat)
unterscheiden zu konnen, muB auf die Gesamtpersonlichkeit
des Handelnden und auf die Triebfeder seines perversen Han-
delns zurUckgegangen werden." An und fiir sich erscheint es
befremdlich, wie dies auch Kind^*) in seinen „Beinerkungen
zur Nomenklatur der Sexualwissenschaft" anftihrt, in eine ein-
fache Wort en dung ein so durchgreifendes Untersch)eid,ung8-
naerkmal hineinzulegen. Gleichwohl fand Krafft-Ebings
Vorgehen viel Anklang, auch auBerhalb Deutschlands, so in
Frankreich bei Dr. M. L a u p t s , der sein 1896 zu Paris er-
schienenes Werk, zu dem Zola eine Vorrede geschrieben hat,
„Perversions et Perversites sexuelles** nannte. Dieser Erfolg
riihrte offenbar davon her, daB die Begriffsbestimmung, wenn
auch sprachlich nicht sehr pragnant durchgefiihrt, sachlich
einem tatsachlichen Bedtirfnis entsprach, namlich dem, echte
Homosexualitat und Handlungen echter Homosexueller^ von
denen zu unterscheiden, die vorlibergehend von Heterosexuellen
aus irgendwelchen Motiven vorgenommen werden.
*2)v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, pag. 64.
W) Loc. cit. pag. 64.
**S In der „Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft", 1908, pag. 37.
W) Von ahnlichen Erwagungen ausgehend macht Hammer einen
Unterschied zwischen den sonst stets synonym gebrauchten Aus-
driickeu Homosexualitat und Uranismus. Homosexualitat ist fiir ihn
der gleichgeschlechtliche Verkehr im allgemeinen, wahrend Ura-
nismus ein ein^eboren psychologischer Komplex ist, zu dessen Sym-
ptomen auch die Homosexualitat gehort. Es ist also nach ihm jeder
Uranier homoaexuell, aber nicht jeder Homosexuelle ein Uranier.
li*-*
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Im Grunde genommen entspricht so die Trennung von Perversion
iind Perversitat, schon der spater von B 1 o c h vorgeschlagenen in
Horn osexuali tat und Pseudohomosexualitat ; nur deckt sich pervers nicht
mit homosexuell, wie manche Autoren und Laien zu glauben scheinen,
vielmehr subsummiert der Ausdruck nach Krafft-Ebingscher Definition
a 1 1 e nicht der Fortpf lanzung dienenden Geschlechtsakte. Daher
kommt es, daB das Wort pervers als z u v a g e gefaBt aus der Fach-
literatur mit fortschreitender Erkenntnis mehr und mehr verschwindet,
um durch enger gefaBte Termini ersetzt zu werden. Ziehen^*)
hat neuerdings fiir die qualitativen Aberrationen des Sexualtriebs,
die Krafft-Ebing Perversionen nannte, den Ausdruck P a r h e -
d o n i e n eingefuhrt, wahrend sich schon friiher fur denselben Be-
griff in Eulenburgs sexueller Neuropathic das Wort „Parerosie"
findet und bei Krafft-Ebing selbst die Bezeichnung „sexuelle
Parasthesien" (Psychopathia sexualis, p. 64), alles Ternlini technici,
die sich als entbehrlich nicht recht in der Wissenschaft eingebiirgert
haben.
Nicht so weitgehend wie der Begriff der Perversitat, wenn
auch umfassender als der der Homosexualitat, ist das eben-
falls haufige Synonym ,,drittes Geschlecht** (franz.
troisieme sexe, engl. third sex oder bei Carpenter
middlesex). Ich selbst habe in kleinen Schriften^^), in denen
ich mich gegen die Homosexuellenverfolgung wandte, diesen Aus-
druck auch angewandt, weil er einen erfahrungsgemaU ilir das
Volksurteil wesentlichen Tatbestand gut trifft, namlich den, daB
sich die homosexuelle Geschlechtsnatur von der voUmannlichen
und voUweiblichen e n d o g e n unterscheidet.
Schon U 1 r i c h s schreibt in dem ersten der von mir veroffent-
lichten Briefe an seine Verwandten: „Wir sind gar nicht Manner
im eewohnlichen Begriff. Wir bilden ein drittes Ge-
schlecht." In Wirklichkeit ist aber dieser Gedanke und sein
Ausdruck viel alter, er findet sich schon bei antiken Schriftstellern.
So erwidert in P 1 a t o s Gastmahl Aristophanes, dem P a u -
sanias auf seine oben zitierte Rede iiber die jtaideQaoxia: „Im An-
fang gab es unter den Menschen drei Geschlechter, nicht wie jetzt
nux zwei, das mannliche und das weibliche, sondern n o c h ein
drittes Geschlecht dazu, welches das gemeinschaftliche war
von diesen beiden: Das androgyne, namlich dessen Gestalt und
Kame sich aus jenen beiden zusammensetzt, dem mannlichen und dem
weiblichen; jetzt aber ist dieser Name nur noch als Beschimpfung
vorhanden.** (jiq<7jtov fikv yao rgia rjv rot ycV;; xa twv dv&gwjzojv, ovx, ojojicq
vvv SvOf d^oeVf xai Ofjlv, alXa xai xqIxov :iqoo7iv xotvov ov dfi<foxiQ(ov xovxmv,
ov vvv Svofia XoiJiov, avxo de tjq:(ivtoxai. dvSgoyvvov ydg iv xoxs fikv ijv xai etdog
xai Svofia, i^ dfi<poxsQcov xoivov xov xe aggevog xai &tjleog ' vvv S'ovx eaxiv dXX' rj
iv ^eidet ovofia xsijLiEvov. Plat, eonviv. XIV^, 189. D-E. Ed. Stephani). Die
Ansicht Ludwig von Schefflers,^^) ^q^q Alexander Seve-
^«) T h. Ziehen, Zur Lehre von den psychopathischen JKon-
stitutionen. In den Charit^-Annalen (redigiert von Prof. Dr. Scheibe).
XXXIV. (Jubilaums-) Jahrgang. Berlin, 1910, p. 272 ff.
") Was soil das Volk vom dritten Geschlecht wis-
sen? Eine Aufklarungsschrift uber gleichgeschlechtlich (homosexuell)
empfindende Menschen. 34.— 50. Tausend. .Mit Ilhistrationen.
Berlins drittes Geschlecht von Dr. Magnus Hirschfeld.
Grolistadt-Dokumente. Bd. 3, herausgegeben von Hans Ost-
wald. 2. Auflage, Berlin und Leipzig.
M) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II, p. 261.
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r u s mit Bezug auf Heliogabal and dessen Umgebung z a e r s t
vom „tertium genus hominum" gesprochen habe, ist hiernach als
irrtiimlich anzusehen.
Iin iibrigen wird auch dieser Ausdruck wieder verschieden ge-
braucht, so von E. v. W o 1 z o g e n in einer vielgelesenen Novelle^^a)
als Bezeichnung fiir emanzipierte Frauen. Fiir mich selbst ist der
Begriff „drittes Geschlecht" gleichbedeutend mit dem der sexuellen
Zwischenstufen oder Geschlechtsiibergange, dem englischen „inter-
sexes** ; ich verstehe darunter alle vom absoluten Geschlechtstypus
starker abweichenden Zwischenformen, die ich in vier Hauptgruppen
einteile: die Hermaphroditen, Androgynen, Homosexuellen und Trans-
vestiteu, je nachdem die Abweichung die eigentlichen Geschlechts-
organe, die iibrigen korperlichen Geschlechtscharaktere, den Ge-
schlechtstrieb una die sonstigen seelischen Geschlechtsunterschiede
betrifft. Friiher wurden diese Erscheinungsformen vielfach zusammen-
geworfen. So sieht Krafft-Ebing^^) sowohl in der Androgynie
und Gynandrie als auch vor allem in der Effemination und Viraginitat
nur „Entwickelungsstufen der eingeborenen homosexuellen Empfin-
dung*', heute wissen wir aber auf Grund genauerer Materialkenntnis,
daB bier ein fundamentaler Irrtimi vorlag, indem zwar die verscbiede-
nen Zwischenformen gemischt vorkommen konnen, es aber d u r c h -
aus nicht immer zutrifft, dali Ef feminierte und Viragines, Weib-
manner und Mannweiber, geschweige denn Androgyne, homosexuell
sind, so wenig wie die Homosexuellen stets effeminiert oder die homo-
sexuellen Frauen virilisiert sein brauchen. Deshalb sind auch viele Bei-
worte, mit denen man die Homosexuellen nach allerlei femininen Eigen-
schaften in alter und neuer Zeit belegte — de Joux«o) nennt beispiels-
weise die Urninge: „Evas6hne", die Urninden Adamstochter" — nicht
als ganz zutreffend anzusehen. Das im ganzen spanischen Sprach-
gebiet fiir Uminge sehr gebrauchliche Wort maricon (eine Nebenform
lautet maricu), bedeutet ebenfalls weibischer Mann. Wie zahlreiche
spanische Worter ist es aus dem Arabischen deriviert und zwar von
marikun, das gleichzeitig E 1 s t e r , Weibling imd Kinade bedeutet.
Vergl. damit, daB in Berlin von alters her Strichjungen vielfach „Raben-
iungen" oder „K a b e n" genannt wurden. Merkwiirdig ist, daB dieser
Vogel auch schon im klassischen Altertum in der Nomenklatur der
Homosexualitat eine Rolle spielte. Der Historiker Timaios von Tauro-
menion (352 — 256) berichtet namlich, daB der sikilische Tyrann Aga-
thokles, der, aus niederem Stande emporgestiegen, lange Zeit (317 — 275)
gegen die Karthager gekampft hatte, „in seiner friihesten Jugend
ein offentlicher Bube" gewesen sei, der sich als „schamlose D o h 1 e"
,.jedem zur Verfiigung gestellt habe, der ihm in den Weg kam". Poly-
bios (XII, 15J bezeichnete diese Vorwiirfe allerdings spater als stark
iibertrieben^Oa).
Den andersgeschlechtlichen Eindruck vielcr homosexueller Man-
ner und Frauen spiegeln namentlich auch die in der Volkssprache be-
sonders unter den Homosexuellen selbst weit verbreiteten Spottnamen
wieder, die bezeichnenderweise von den virileren Homosexuellen meist
als fiir sie unpassend sehr perhorresziert werdcn, wie das Wort „Tante",
in Deutschland, „Schwester" in Osterreich, „Nichte" in Holland, „veuve"
und „tante** in Frankreich, ,,aunt" in England ; — in Spanien fand ich
unter den Handzeichnungen Goyas im Prado-Museum das Bild eines
„Maricon'* mit der Beischrif t : la tia Ha (tia = Xante) — fiir die Urnin-
den sind entsprechende Ausdriicke „Onker*, „Vater" im Deutschen,
^*a) Ernst von Wolzogen, Dels dritte Geschlecht. Mit Buch-
schmuck von W. Caspari. 1. — 20. Tausend. Berlin.
w) V. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, p. 240 f.
SO) de Joux: die Enterbten des Liebesgliicks p. 191.
«oa) Vgl. Petron. Satyr. 27 und 63; Martial, III. 58, II. 57.
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„Tom** im Englischen. Auch die Gewohnheit, den Namen andersgeschlecht-
liche Endigungen anzuhangen, den Artikel zu andern, „der** in „die",
ebenso „er in „sie", gehort hierher, sowie der Gebrauch weiblicher
Spitznamen fur Manner und umgekehrt. „De vlamsche Marie" in
Amsterdam, „die polnische Paula" in Berlin, „the queen of Eastend"
in London, „la reine d'Angleterre" in Paris, „la casta Susanna" in
Madrid haben Analogien in den Sprachen und Typen aller Lander
der Welt.
Die veraltete Auff assung Krafft-Ebings, der ftir seine
Zeit die Lehre von der HomosexualitiLt so bahnbrechend beein-
fluBt hat, ifit auch. heute noch nicht liberwunden. So leidet auch
das groBe, mit BienenfleiB zusammengetragene Werk K a r s c h s ^
tiber das gleichgeschlechtliche Leben der Naturvolker^^) sehr
darunter, daB die verschiedenen Formen der Geschlechtsiiber-
gauge uicht scharf voneinander getrennt sind, woran er allerdings
weniger Schuld tragt, als die Forschungsreisenden, aus deren
Schilderung ihnen begegnender Zwischenstufen klar hervorgeht,
daB sie, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, jeder detail-
lierten Naturkenntnis ermangelten. Ohne diese, verbunden mit
eingehender Exploration und Untersuchun^, ist aber eine Unter-
scheidung kauni moglich.
Zunachst ist zu beriicksichtigen, daB alle diese Geschlechts-
ubergange sowohl beim mannlichen als beim weiblichen Geschlecht
vorkommen, daB beispielsweise ein als Weib verkleideter Mann und
ein aJs Mann lebendes Weib, ein Transvestit also und eine Trans-
vestitin, sich oft zum Verwechseln ahnlich sehen. Hinzu kommt,
daB es in alien Gruppen echte und unechte Formen, wie Hermaphro-
dit^n und Pseudohermaphroditen, Homosexuelle und Pseudohomo-
sexuelle gibt ; es ist also nicht jeder, von dem man erfahrt, daB er
sich homosexuell betatigt, homosexuell, nicht jeder, der in der Klei-
dung des andern *Geschlechts erscheint, Transvestit, nicht jeder an-
scheineud Weibbrustige ein Gynakomast; es kann sich statt imi
Drusengewebe um Unterhautfettgewebe handeln. Weiterhin gibt es
Lnnerh^b jeder Gruppe noch sehr viele weitere Abstufungen, t o t a 1 e
und partielle Bildungsanomalien, und der Teil oder die Eigenschaft,
auf welche sich die partielle Zwischenstufen-Formation erstreckt, kann
sehr verschieden sein; so sprechen wir auf dem Gebiet der Gymmdro-
morphie nicht nur von Androgynie (Mannweiblichkeit) und G y -
n a u d r i e (Weibmannlichkeit), sondern von Gynakomastie, wenn
Manner weibliche Briiste, und von Andromastie, wenn Frauen
mannliche Briiste haben, von Gynosphysie und Androsphysie
bei Mannem mit weiblichem und Frauen mit mannlichem Becxen, von
Gynoglottie und Androglottie bei einer weiblichen Kehl-
kopfbildung am Manne oder einer mannlichen der Frau, von Andro-
trichie /und Gynotrichie bei Bartfrauen oder Mannern mit
femininem Haartypus usw. usw.
Hinsichtlich der Erscheiuungen, zu denen der Uranismus
gehort, habe ich dem Gesagten nur noch einiges tiber den Begriff
der Z witter hinzuzufiigen. Das gute alte deutsche Wort
fii)F. Karsch-Haack, Das gleichgeschlechtliche Leben der
-Xatur>olker, Miinchen 1911.
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Z witter ist erst neuerdings wieder durch die Zwischenstufen-
lehre etwas mehr in Ansehen gebracht worden, nachdem es,
wie so manches auf sexuellem Gebiet, durch asketischen Unver-
stand und Widerstand lange recht sehr herabgewilrdigt war. Wie
sehr dieser affektbetonte Kontrainstinkt auch heute noch immer
wieder hervorbricht, zeigt unter anderem ein Satz, der sich vor
nicht langer Zeit in einer deutsehen Tageszeitung^^) fand,
lantend: „Das dritte Geschlecht ist die Erfindung verpesteter
Gehirnc und perverser Herzen'*.
Ahnliche Stellen, oft mit starken Ausfallen gegen die wissenschaf t-
liche Erforschung dieses Gebiets, konnte ich, namentlich aus Ant-
wortschreiben von Geistlichen, an die sich Homosexuelle hilfesuchend
wandten, eine ganze Anzahl anfiihren.
Was nun den Ausdruck Zwitter betrifft, so sehen wir ihn genau
so wie den entsprechenden Ausdruck Hermaphroditen in d r e i e r -
lei Weise gebraucht. Einige woUen das Wort Zwitter wie in der
Botanik und Zoologie nur fiir solche Wesen reservieren, die manhliche
UDd weibliche Keimstocke zugleich besitzen. Einige, und dazu zahlt
vor alien das groBe Publikum, dehnen den Begriff auch auf die von
den Anatomen als Scheinzwittertum geschilderten Falle aus. Eine
dritte Gruppe endlich erweitert den Sinn des Wortes noch mehr und
identifiziert Zwitter mit sexuellen Zwischenstufen, unterscheidet deba-
nach Leibeszwitter und Seelenzwitter — EdUard von Hart-
ma n n ^') spricht auch von „Liebeszwittern" — oder den korperlichen
und psychischen Hermaphroditismus. Unter letzterem versteht
Krafft-Ebing nun wieder nur Falle, in denen „bei vorwaltend
homosexueller Geschlechtsempfindung Spuren heterosexueller bestehen",
wahrend wir zum seelischen Zwittertum sowohl die Homo-
sexualitat als die Bisexualitat rechnen und auch den Trans vestitiamus,
also alle Formen von psychischem Hermaphroditismus im Gegensatz
zum korperlichen, zu dem der Hermaphroditismus sensu strictiori,
der Pseudohermaphroditismus und alle androgynen Formationen ge-
horen.
Einigea nun noch tiber die der Homosexualitat unterge-
ordneten Namen und Begriffe. In der Hauptsache mlissen wir
hier auf das Kapitel liber die Einteilung der Homosexualitat
verweisen. Nur auf die Terminologie gewisser homosexueller Be-
tatigungsformen soil hier noch eingegangen werden, weil auch
hier wiederum ein Tummelplatz ungenauer und unrichtiger Be-
griffsbestimmungen ist. Wir setzten bereits auseinander, daB
die haufigsten der in Frage kommenden Bezeichnungen, wie
Homosexualitat, Paderastie, kontrare Sexualempfindung, Per-
version und Inversion, entweder nur die bestimmte Triebrich-
tung oder die sexualpsychologische Eigenart ausdriicken sollen,
nicht aber, wie so oft irrtiimlich angenommen wird, irgendeinen
Geschlechts a k t. Es kann also jemand, der niemals einen homo-
*') Vgl- M. Hirschfeld, Geschlechtsuberpjange, Vorwort pag. 4.
^3) E. V. H a r t m a n n , Philosophic des Schonen, zweiter syste-
matischer Teil der Asthetik. Berlin 1887. pag. 237 f.
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fiexuellen Geschleclitsverkehr gehabt hat, homosexuell sein, wenn
er sich nur in seelisch-sinnlicher Liebe zu Personen des gleichen
Geschlechts hingezogen ftihlt ; auf der anderen Seite kann jemand
Aktc ausgetibt haben, die fiir den homosexuellen Verkehr als
spezifisch angesehen werden, ohne daU damit der Beweis seiner
Homosexualitat erbracht ifet. Trotz dieser voUig klaren Urn-
grenzung wird mit den Worten Paderastie, Homosexualitat,
Perversion immer wieder die Vorstellung von Akten verbunden,
und zwar meist sogar von den in Wirkliehkeit verba ItnismaBi^
seltenen Akten, wie der immissio in anum. Es erscheint dieser
Mangel an Prazision um so weniger angezeigt, als sowohl fiir
diese als die meisten anderen Formen sexueller und homo-
sexueller Betatigung seit altersher bestimmt normierte Aus-
driicke existieren.
Fiii* die rein seelische Betatigung trifft dieser allerdings nicht
zu, es sei denn, daC wir den Ausdruck „platonische Liebe" in seiner
urspriinglichen auf die „paiderastia*' sich beziehenden Bedeutung ge-
brauchen. Auch die weitaus am meisten gepflegte korperliche Be-
tatiguDg homosexueller Manner und Frauen, die mit der Hand, ent-
behrt einer eigenen Terminologie ; man begniigt sich, den Worten
Onanie oder Masturbation (zusammengezogen aus Manustupration von
manus Hand und stuprum, Schandung) das Attribut mutuell, wechsel-
seitig, vorzusetzen. In Wirkliehkeit ist aber die Ahnlichkeit zwischen
dem solitaren und mutuellen Gebrauch der Hand rein auCerlich ; denn
die am eigenen Korper vorgenommenen Erregungen, die man als
onanistische zu bezeichnen pflegt, und die manuell von oder an einem
anderen im homosexuellen Verkehr ausgelosten unterscheiden sich
genau so, wie im normalsexuellen Verkehr die Autoonanie von der
Kohabitation. Es klafft hier entschieden eine Liicke in der sonst so
iiberladenen Sexualterminologie. Brauchbar ware das Wort Mani-
pulatio, wenn es nicht bereits in anderem Sinne verwaudt wiirde.
Fiir homosexuelle Frauen, die frictiones vulvae mit der Hand
mutuell vornehmen, meist auch digitum in vaginam immittunt, und
zwar, wie Rohleder richtig anfiihrt, gewohnlich indicem, seltener digi-
tum medium, den Martial impudicum nannte, findet sich in der fran-
zosischen Literatur, u. a. bei Bran tome, die Bezeichnung frica-
relies. 6^*)
Diesc Fricarelles sind nicht zu vervvechseln mit den frictrices oder
fricatrices der Romer, die den griechischen Tribaden (toi/iddsc) eut-
sprechen und ihren Namen ebenlalls von dem Worte reiben herleiten,
das lateinisch fricare, griechisch Toipeir, franzosisch frotter heifit. Bei
diesen findet das Reiben nicht ausschlieClich mit den Handen statt,
es handelt sich vielmehr in der Hauptsache um eine frictio mutua
genitalium eo modo, ut una femina vulvam ad vulvam alterius fricet.
Gar zu sehr ins Spezielle gehende Nomenklatoren unterscheiden
hier noch den Tribadismus externus von dem Tribadismus internus
der Klitoriskohabitation, bei dem mit der frictio mutua vulvarum una
femina clitoridem in vaginam alterius immittit vel immittere experitur;
wortir die Franzosen noch die Bezeichnung clitorisme haben.
Martial schildert diese Betatigungsvveise, wie folgt: „Inter se gemi-
nos audent committere cunnos meutiturque virum prodigiosa Venus**.
«*) Vgl. Iwan Bloch, Band II dieses Handbuchs S. 218.
Hirschfeld, HomosexualitSt g
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Das Wort Tribadie hat genau den entgegengesetzten Ent-
wicklungsgang gcnommen wie das Wort Paderastie. Wahrend
dieses urspriinglich die seelische Jtinglingsliebe in sich begriff,
schlieBlieh aber nur einen bestimmten Akt bedeutete, driickte
Tribadie anfangs nur die von rgi^eiv sich herleitende Verkehrs-
art aus, um schlieBlieh ein Haupftwort ftir die homosexuelle
Frauenliebe im allgemeinen zu werden^^).
Daf) es innerhalb der mannlichen Homosexualitat eine der Tribadie
eutsprechende Bezeichnung nicht gibt, hangfc mit dem anatomischen
Bail der mannlichen Genitalien zusammen, die einer frictio genitalium
miitua erschwerend, wenngleich sie keineswegs vollig ausschlieBend ent-
gegeiisteht ; am meisten diirfte dem Akte der fricatrices der coitus
inter crura oder femora entsprecben, fiir den die Franzosen den Aus-
druck eufesser haben, der nach Tarnowsky^e) aus ., inter faeces
coire** zusammengezogen ist. Die im etymologischen Zusammenhang
hier nocli zu nennenden „Frotteurs" stellen keine homosexuelle Be-
sonderheit dar. Diese Personen, die sich in der Weise betatigen, dai3
sie, oft ohne daB der Partner es merkt, im Gedrange ihre meist be-
kleideten Genitalien am Korper sie sexuell erregender Gestalten reibcn,
finden sich sowohl innerhalb der heterosexuellen als der homosexuel-
len Bevolkerung.
Nebcn der Hand spielen sowohl in der korperlichen Bstiitigung
der homosexuellen Weiber als der homosexuellen Manner os and lingua
die Hauptrolle. Hier tritt uns eine Fiille von Spezialausdriicken, da-
nebcn aber auch eine ziemlich reichliche Sprachverwirrung entgegen.
Die Alten hatten fiir die immissio und susceptio membri in os die
auch jetzt noch in der Fachliteratur gebrauchlichen Ausdriicke : fellatio
und irrumatio. Die ausiibenden Personen hiefien dementsprechend
fellator und irrumator. Fellatio kommt von fellare saugen, das in
diescni Sinnc u. a. Martial und V a r r o anwenden ; irrumare hangt
mit in und ruma, der Schlund, zusammen, bedeutet also immittere in
rumam vel os. Beim Verkehr der Frau mit der Frau kommt uatur-
gemiiB nur der dem Fellatorismus eutsprechende Akt vor, und zwar
haufiger als im mannmannlichen Verkehr als Fellatio mutua. Manche
Autoren wie R o h 1 e d e r und M o r a g 1 i a haben fiir die Befriedigung
lambendo speziell die Bezeichnung Lesbismus und Sapphismus reser-
viert im Gcgensatz zu der fricando genitalia vorgenommenen Tribadie,
nennen deshalb Lesbierinnen auch ziemlich unmotiviert nur die fella-
trices, wahrend andere, wie die eben erwahnten Karsch und
Hammer die Ausdriicke Tribadie und lesbische Liebe ganz gleich-
bedeutend gebrauchen.
K o h 1 e d e r unterscheidet auch die Fellatio des homosexuellen
Manncs von dem „homosexuellen mannlichen Cunnilingus" ^'*) der darin
besteht, daC membrum virile non in os immittitur, sed solum extrinsecus
(von auCen) lingua lambitur. Diese UnterscheiduUg ist in der Tat nicht
65) Vgl. die Schriften von Karsch, Paderastie und Tribadie bei
den Tieren. Leipzig 1900. Jahrb. f. sex. Zw. II. Ferner Uranismus
oder Paderastie und Tribadie bei den Naturvolkern. Leipzig 1901.
Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. III. Dr. med.. W ilhelm Hammer, Die
Tribadie Berlins. Zehn Fiille weibweiblicher Geschlechtsliebe, akten-
niaCig dargestellt, nebst zehn Abhandlungen iiber die gleichgeschlecht-
liche Frauenliebe. 2. Auflage. Berlin und Leipzig.
*'6) B. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Ge-
schlechtssinnes. Eine forensisch-psychiatrische Studie. Berlin 1880.
«') K o h 1 e d e r , loc. cit. pag. 282.
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ohne Bedeutung, weil die immissio in os als Einfiihrung in einen Korper-
teil bzw. als „beischlafahnliche Handlimg" strafbar ist, die bloB auCere
Beriihrung der Glieder mit dem Muiide oder der Ziinge (das bloBe
lambere, lecken im Gegensatz zum sugere, saagen) dagegen niclit als
j.widernatiirliche Unzucht" angesehen wird. Es ist daher auch eine
gaiiz gewohnliche Angabe der wegen Fellatio angeklagten Homo-
sexuelJen, die oft, wenn auch keineswegs immer nur eine Ausrede ist,
sie batten das membrum des Partners nur von auBen beriihrt, es „ge-
kul3t*\ Die sich an diesen Punkt zwischen (lerichtshof, Staatsanwalt-
schaft und Verteidigung anschliefiendeu Erlauterungen und Erorte-
rungeii wirken nicht selten geradezu grotesk. So berechtigt es sein
mag, die Akte terminologisch zu trennen, so widersinnig ist es, von
einem homosexuellen mannlichen Cunnilingus zu reden, da doch cunnus
ausschlieBlich den weiblichen Geschlechtsteil bedeutet. Sogar den Aus-
druck cunnilingus analis fand K i n d ^8) in der Fachliteratur. tJber-
haupt ist die gewohnliche Anwendung des Wortes cunnilingus eine
solche. (laU mit Recht Prof. Bruno M e y e r ^9) von ihr meinte, sie
sei „schauderhaft und barbarisch, so daB sich einem Menschen mit
leidlich gebildetem Sprachgefiihl die Haare vor Entsetzen straubten",
Es wird namlich das Wort cunnilingus fast allgemein fiir eine
Handlung, namlich fiir die actio cunni lingendi gebraucht — auch
Moll spricht davon (loc. cit. p. 485), wie enorm haufig von Mannern
der sogenannten guten Gesellschaf t heute der cunnilingus beim
Weibe ausgeiibt wird — , wahrend es doch offenbar nach seiner Bil-
dung nur eine Person, namlich den cunnum lingentem, bcdeuten kann.
In diesem Sinne findet es sich auch nur in romischen Schriftwerken
vor. • Die femina lambens heiBt dort cunnilinga. Fiir die Akte dagegen
konnte nur, wie Br. M e y e r "^o) richtig ausfiihrt, cunnilinctio oder
cunnilinctus in Frage kommen, dementsprechend auch penilinctio und
anilinctio.
Was endlich den seit Jahrhunderten falschlich mit Paderastie
identifizierten coitus in anum betrifft, die verhaltnismaBig seltenste
Betatigungsweise der „Paderasten", so findet sich bei den Alten dafiir
das verbum paedicare ; die Handlung wird als paedicatio, der Aus-
iibende als paedicator bezeichnet. Vielleicht hat der Gleichklang der
Worte Paderastie und Padicatio und die Annahme, beides hinge mit
-Tor^ Knabe zusammen, AnlaB gegeben, beides begrifflich zusammen-
zuwerfen. In Wirklichkeit hangt aber das Wort Padicatio iiberhaupt
nicht mit naXg zusammen, sondern mit pedex oder podex, dem la-
teinischen Wort fur GesaB. Daher findet man in den lateinischen
Klassikern und Lexicis neben der Schreibweise Padication auch Pedi-
cation und Podication. Auch in der modernen Sexualliteratur finden
sich alle drei Schreibarten. DaB die urspriingliche Schreibweise
p e dicare war, scheint mir aus dem LXVII. der priapischen Gedichte
hervorzugehen, in dem es heiBt:
Nimm von Penelope dir die erste Silbe und fiige
Jeweils die erste von Dido, von Cadmus und Remus daran;
Was so entsteht, damit leiste, du Gartendieb, mir Geniige,
AVeil deine Schuld nur durch diese Strafe getilgt werden kann.
Wahrend U 1 r i c h s und Krafft-Ebing Padication und Padi-
kant drucken lassen, schreibt Schouten Pedication und K a r s c h
Podication, Podicator und Podicant. DaB das Wort nicht mit naXg -
zusammenhangt, wird nebst anderem dadurch bewiesen, daB haufiger
«8) Dr. Alfred Kind, Bemerkungen zur Nomenklatur der
Sexual wissenschaft. In d. Zeitschr. f. Sexualwiss., pag. 35.
**9) G r o B' Archiv, Bd. 44, p. 286.
70) B r u n o Meyer, Homosexualitat und Strafrecht. In dem
Archiv von GroB Bd. 44, p. 255.
3*
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audi vou einer paedicatio mulieris die Rede i8t, so bei Apulejus,
metamorph. Ill, 20, bei Ausonius, 79. Epigr., p. 341 (Peiper) und
Martial IX. 67 und XI. 104, woselbst der Ehemann zur Gattin
spricht :
Du verweigerst mir das, was Cornelia dem Gracchus gewahrte,
Julia ihrem Pompej*, und Brutus Portia bot.
Ehe den siiBen Pokal gemischt der dardonische Mundschenk,
Diente anstatt Ganymed Juno dem Jupiter oft.
Im „Hermaphroditus" des Antonius Panormita findet sich
t'olgende Definition : „Paedicare est opus peragere mentula culo s i v e
maris sive feminae inmissa. Qui paedicat dicitur paedicator,
paedico, draucus, — qui paedicatur pathicus, cinaedus, catamitus,
mollis, delicatus".
Ob das Wort Padikation sich auch auf anale Akte bezieht, die
eine Frau an einer anderen oder an einem Manne vornimmt, ist nicht
sicher, sicher dagegen, daB beides vorkommt, naturgemaB nur mittelst
membrum artificiale. Vor einiger Zeit wurde ich einmal von einem
Manne angefragt, ob es strafbar ware, sich von einer Frau mit lun-
geschnalltem penis succedaneus padizieren zu lassen, was zu ver-
neinen war, da in den jetzigen Gesetzbiichern nur von Akten zwischen
Personen gleichen Geschlechts die Rede ist. Auch in einem Ehe-
scheidungsfalle hatte ich iiber einen solchen Fall ein Gutachten ab-
zugeben. Immerhin handelt es sich hier um Raritaten, wahrend die
paedicatio mulierum, wie Krafft-Ebing (loc. cit. p. 421) aus-
fiihrt und ich aus meiner Sachverstandigenpraxis bestatigen kann,
selbst uxorum durchaus nicht zu den Seltenheiten gehort. Von weib-
lichen Prostituierten sollen nach Pouillet (L*Onanisme chez
PHomme) 80 Proz. pedikatorisch gebraucht werden. DaC dieser Akt
nicht im Gesetz als „widernatiirlich*' angesehen wird, veranlaBte einen
so erfahrenen Kriminalisten wie v. Meerscheidt-Hiillessem sich einmal
gegen die Bestrafung der immissio in anum viri mit den Worten zu
wenden: „ich sehe nicht ein, weshalb der Anus der Frau einen Frei-
brief haben soil."
Die von virilen Frauen gelegentlich, wenn auch verbal tnismaCig
selten gebrauchten Gliedimitationen hieBen bei den Alten phallus,
fascinum, bambon und vor allem olisbos. Man kann besonders im
Britischen und Neapler Museum antike Vasen sehen, auf denen Hetaren
derartige Instrumente in der Hand halten; sie wurden aus Elfenbein,
Gold, Glas, Geweben von Seide und Leinen und vor allem aus Leder
fabriziert. Es gab sogar eine harte Backware, die den Namen und die
Form des Olisbos hatte. Bei den Franzosen wurde dieser Apparat
bienfaiteur und besonders godmich6 genannt, was aus dem lateinischen
gaude mihi zusammengezogen sein soil. Die Italiener bezeichneten
ihn als passatempo oder diletto, woraus das englische dildo ent-
standen jst. Fiir die kiinstlichen weiblichen Geschlechtsteile, den
cunnus succedaneus, welcher in England merkin heiBt, gibt es in
anderen Landern analoge Bezeichnungen kaum.
Im deutschen Rotwalsch (Verbrechersprache) bedienen sich die
femininen mannlichen Prostituierten, welche sich kiinstliche weibliche
Geschlechtsteile vorbinden, um „auf dem Strich" Manner anzulocken,
die sie fiir echte Frauen halten sollen, fiir den von ihnen angewaadten
Apparat des Ausdruckes „Kaldaunen". Im Berliner Kriminalmuseum
befindet sich ein Exemplar davon aufbewahrt. Aus zuverlassiger
Quelli! hore ich, dafi es in Berlin etwa 30 Manner gibt, die sich durch
diese Vorspiegelung falscher Tatsachen ihren Lebensunterhalt ver-
dienen. : i ; '
Fur die paedicatio homosexualis findet sich noch der Spezial-
ausdruck Pygismus beispielsweise in Gustav Jagers „Entdeckung der
Seele", hei*geleitet vom griechischen Jivyrj der Hintere — man erinnere
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sich der Venus Kallipygos. Auch von aktiven und passiven „Pygisten"
ist die Rede. Das in Betracht kommende Verb lautet griech. nvyi^eiv,
das neben jigcopcuCeiv gebraucht wird.
Mit den zahlreichen iiber Name und Begriff der Homosexualitat
hier zusammengestellten Ausdriicken ist die Terminologie zwar im
hauptsachlichsten, aber keineswegs vollkommen erschopft. Vor allem
ist die recht umfangreiche folkloristische Nomenklatur fast ganz auBer
acht gelassen. Auf einige besonders charakteristische Volksausdriicke
wird spater zuruckzukommen sein. Auch konnten nur die uns nachst-
liegenden Kultursprachen, von den alten die griechische und latei-
nische, von den modernen die deutsche, englische und franzosische
berucksichtigt werden. Unter den Naturvolkern und Volkern der Halb-
kultur gibt es namentlich fiir die feminineren Typen iiberall besondere
Nam en, die, im Gegensatz zu denen der Kulturvolker, meist kein Wert-
urteil enthalten, sondem sich mit einfachen Konstatierungen begnugen.
So findet sich in der Suaheli-Sprache fiir homosexuelle Manner der
Ausdruck mke-simume, der wortlich „Weib, kein Mann" bedeutet.
Einige dieser fremdsprachlichen Ausdriicke, wie die durch Ham-
mo n d s ^i) Aufsatz iiber „the disease of the Scythians" bekannter
gewordenen mexikanischen ,,Mujerado8" und der aus dem Spanischen
stammende „puto", begriff lich und vielleicht auch sprachlich das-
selbe wie pathicus, haben sich iiber ihr Ursprungsland hinaus ver-
breitet.
Bei der Ftille vorhandener Namen muB es auf den ersten
Blick hochflt verwunderlich erscheinen, wenn bei mandien
Vclkern des Mittelalters die Homosexualitat als „nameless
crime**, als eine unter Christen unaussprechliche Handlung, be-
zeichnet wird. In England wird noch heute die Pedicatio viel-
fach, vor Gericht wie im Mittelalter, allgemein durch die Formel :
peccatum illud horribile inter christianos non nominandum um-
schrieben. Es ist das freilich nicht verwunderlich in einem
Lande, in dem die Richter fiir penis the person, fiir Schwanger-
schaft a certain condition sagen. Auch in anderen Landern
finden wir alle moglichen Umschreibungen angewandt, nur um
die Sache nicht beim richtigen Namen zu nennen. Diese groBe
Scheu entspringt einem inneren Widerstand, der weniger in ver-
standesmafligen Motiven als in Affekthemmungen wurzelt, einem
nicht leicht zu analysierenden Empfindungskomplex, der teil-
weise vielleicht auf einem HaB gegen die eigene, iml Laufe der
Entwicklung bis auf ein Rudiment latent gewordene homo-
soxuelle Komponente beruht.
Um nur einige dieser Umschreibungen zu erwahnen, so finden
wir in alten Codices die Homosexualitat oft nur als crimen nefandum
Oder damnatissima libido bezeichnet, als das „unnat\irliche oder verab-
scbeuungswiirdige Laster", als „die scheuBliche Entartung", „flagitium
contra naturam", in Schriften spanischer Jesuiten als diabolico 6 ne-
^1) Hammond, William A. : The disease of the Scythians (Mor-
bus feminarum) and certain analogous conditions. In: The American
Journal of Neurology and Psychiatry edited by P. A. Mc. Bride,
London, Carter Gray, Edward C. Spitzka, M. D., Vol. L, No. 3, August
1882, p. 339—355.
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fando acto de Sodoma, als maldita usanza, la abominacion, die
Schmach oder el pecado, die Siinde an sich.
Die Pariser Polizei nannte noch im 18. Jahrhimdert die Homo-
sexuellen einfach les infames^^)^ wohl in Anlehnung an die corpore
infames des Tacitus, von denen es aber, wie wir im historischen Teil
sehen werden, noch keineswegs erwiesen ist, daU gerade die Gleich-
geschlechtlichen damit gemeint waren.
Bedeutend wohlwollender war eine andere Umschreibung, die man
in Frankreich im 18. Jahrhundert vielfach gebrauchte, um gleich-
geschlechtliche Neigungen zu kennzeichnen. Man sprach von dem
„petit defaut", was, wie Numa Pratorius^^^ mi^ Recht hervor-
hebt, um so verwunderlicher erscheint, wenn man beriicksichtigt,
daB damals noch die schwersten Strafen auf die Betatigung dieser Nei-
gung ruhten.
Auch der in nordischen und altgermanischen Sagen ^*) fur femi-
nine Homosexuelle gebrauchliche Ausdruck „argr" und .,ragr", der
sich noch in den jiingeren Eddaliedern aus dem 10. Jahrhundert
findet, bedeutet so viel wie der Arge, der Bose. So befiirchtet T h o r
als er sich mit L o k i zu dem Riesen T h r y m begibt, um den ihm von
jenem geraubten Hammer Miolnir wiederzuholen, dafi, wenn er weib-
liche Gewandung anlege, man ihn fur einen argr halten werde.
Wir finden, daB man schlieBlich nicht nur den Namen der Bul-
garen-Sekte auf die Homosexuellen iibertrug, sondern daB die Katho-
liken ganz allgemein Worte fiir verachtete ^Menschen, wie Ketzer,
Heiden, Freimaurer mit dem Nebensinn, es ist ein Homosexueller, ge-
brauchten. Ob man mit diesen vollig sinnlosen Obertragungen wohl
etwas vorsichtiger umgegangen ware, wenn man gewuBt hatte, daB
auch in Rom die ersten Christen verachtlich als „tertium genus" titu-
liert wurden?
Das Schlimmste war, daB diese Priiderie, das auszusprechen,
was man eigentlich meinte, auch dorthin iiberging, wo scharfste
Prazision am Platze gewesen ware: in die Gesetzbiicher. Hatte
man statt; „widernaturliche Unzucht** klar und deutlich im
Strafparagraphen gesagt: „die immissio et susceptio penis in
anum*' oder „die aktive und passive Padikation unter Personen
mannlichen Geschlechts ist strafbar**, so waren den Eichtern
sicherlich viele peinliche, oft geradezu spitzfindige Feststel-
lungen, Auslegungen und Unterscheidungen und vor allem den
Homosexuellen viele Voruntersuchungen und Strafen erspart ge-
blieben, die ursprunglich gar nicht im Sinne'der Gesetzgeber
gelegen waren.
Wir werden uns in diesem Buche in erster
Linie des Wortes homosexuell in der gegebenen
Begriffsbestimmung bedienen, daneben der Aus-
driicke kontrare Sexualempfindung und Uranis-
'2) Cf. Dubois-Desaulle : Les inf§,mes. Pr^tres et moines non
conformistes en amour. (M^moires secrets de la Lieutenance Gen4rale
de Police). (Paris, Editions de la Raison 1902.)
•3) Vierteljahrsberichte Jahrg. IV. Heft 1, p. 26.
'*) Spuren von Kontrarsexualitiit bei den alten Skandinaviem.
Mitteilungen eines norwegischen Gelehrten. Im Jahrb. f. sex. Zw.
Jahrg. IV, pag. 214 ff.
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mus, alle drei mit ihren zahlreichen Ableitungen.
Trotzdem wir uns bewniJt sind, daB diese Ausdriicke, unter die
etymologische Lupe genommen, mancherlei zu wtinschen tibrig
lassen, haben wir von neuen sprachlich richtigeren Wortbil-
dungen Abstand nehmen zu miissen geglaubt. Im Wettbewerb
der um die Volksgunst ringenden Worte siegt meist nicht das
begrifflich klarste und systematisch. am voUendetsten gebildete,
sondern das mundgerechteste oder das aus irgendeinem Zu-
fall zum „Schlagwort*' gewordene. Diesem tJbergewicht leben-
diger Sprachentwieklung wird wohl oder libel schlieBlich auch
dor noch so kritische Forseher Folge leisten miissen.
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ZWEITES KAPITEL.
Die Diagnose der HomosexualitSLt des Mannes
und des Weibes.
Das Yerhalten homosexaeller M&nner and Fraaen
gegenflber dem eigenen Oeschlecht.
Dio Erkenntnis der Homosexualitat ist keineswegs in alien
Fallen eine leichte. Das gilt sowohl fiir die Beurteilung des
eigenen Zustandes als ftir das Erkennen des Homosexuellen
durch einen anderen als auch nicht zum wenigsten ftir den Arzt,
der sich in einem konkreten Fall vor die Entscheidung gestellt
sieht, ob wirklich Homosexualitat vorliegt oder nicht. MaC-
gebend ftir die Diagnose ist der Nachweis einer homosexuellen
Psyche, einer seelischen Triebrichtung, die sich von dem
als Liebe bezeichneten Geftihlskomplex, der den Mann zum
Weibe und das Weib zum Manne zieht, nur dadurch iintei-^
scheidet, daB sie sich Personen zuwendet, die dem gleichen Ge-
schlecht angehoren.
Wenn der Satiriker Lukian^) einmal bemerkt, „man konne eher
fiinf Elefanten als einen einzigen Kynaden uater der Achsel verbergen",
so gilt dies doch nur fiir eiae sehr eng begrenzte Gruppe extrem lemi-
niner, sich mehr oder weniger absichtlich recht auffaliig gebardender
Homosexueller ; ebensowenig ist es begriindet, wenn Homosexuelle er-
klaren, sie konnten jeden Homosexuellen leicht herauserkennen ; so
sagt de Joux in den „Enterbten" (p. 60): „Die Natur hat alien
Uraniden irgend ein Geburtszeichea aufgednickt, woran sie ein-
ander auf den ersten Blick erkennen, welches aber dem
normalen Mensohen durchaus verborgen bleibt und immer unerkenn-
bar ist. Man stelle den Evasohn vor ein gauzes Heer gleichuniformier-
ter Soldaten in gleich stranuner Haltung und Disziplin — er wird mit
untriiglicher Sicherheit alle Uranier herausfinden. Das trifft nicht
zu. Es unterliegt keinem Zweifel, daB die Urninge oft jemanden fiir
gleichempfindend halten, der es nicht ist, und haufig jahrelang mit
lemandem verkehren, ohne von dessen Anlage eiue Ahnung zu haben.
Ich kenne homosexuelle Geschwisterpaare, die nicht wenig iiberrascht
1) Lukians Werke. Ubersetzt von August Pauly, 11 Band-
cben. Stuttgart 1830, pag. 1432.
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waren, als sie erst mit 30 oder 40 Jahren durch einen Zufall von ihrem
gememsamen Lebensschicksal erfuhren.
So hatte einmal ein Urning von 43 Jahren, Geschaftsfiihrer eines
Hotels, einen 20jahrigen Burschen mit sich genommen. Als dieser sich
in dem Zimmer des Homosexuellen umsah, blieb sein Blick auf einem
Bilde haften, das auf dem Schreibtisch stand. „Bei diesem Herrn
bin ich auch schon gewesen," bemerkte er. „Das ist ein Irrtum,"
erwiderte der andere, „der verkehrt nur mit Frauen". Sie stritten
bin iind her; stutzig wurde der Herr, als der Bursche die Wohnung
des von ihm wiedererkannten Mannes angab. „Dann woUen wir also
morgen zusammen zu ihm gehen", meinte er, „es ist mein Bruder".
Sie tateu es, und nicht gering war das beiderseitige Erstaunen, als
auf diese Weise das so lange angstlioh vor einander behiitete Geheim-
nis offenbar wurde. Noch ein zweites Beispiel. Ein homosexueller
Pfarrer aus dem Staate Newyork befand sich auf einer Reise nach
seiner stiddeutschen Heimat. Auf dem gleichen Schiffe wie er fuhr
ein ihm gut bekannter Geistlicher. Nach langen inneren Eampfen be-
schloB er, sich ihm anzuvertrauen. Er hielt ihn zwar fur vollig
heterosexuell, jedoch fur wissenschaftlich und ethisch so gebildet,
daB er ein Verstandnis fur seine Lage voraussetzte. Zogernd begann
er: „Lieber Amtsbruder, Sie wissen vielleicht, daB es Manner gibt,
die sich von dem geschlechtlichen Umgang mit dem Weibe abgestoBen
fuhlen.** „Just like me, gerade so ist es bei mir," entgegnete der
Amtsbruder." „Diese werden dann nicht selten mehr von Freunden
angezoeen,** fuhr der andere fort, und wieder lautete die Antwort:
„Just like me." „Bei manchen auBert sich diese Freundschaft wie
richtige Liebe." Als immer wieder die lakonische Entgegnung lau-
tete: „Genau so wie bei mir," hatten sich die RoUen allmahlich so
vertauscht, daB der Pfarrer, der in das Vertrauen gezogen werden
sollte, sich eher als gleichempfindend eroffnet hatte, als der, welcher
urspninglich das Bediirfnis hatte, sich anzuvertrauen.
Besonders haufig wird eine irrtiimliche Annahme, jemand sei
homosexuell, bei Frauen durch mannliche Alliiren, bei Mannern durch
ein weibliches Gehaben hervorgerufen. Wir werden es in dem Ab-
schnitt „Differentialdiagnose" an Beispielen erharten, dajJ dieser Um-
staud a 1 1 e i n niemals ausschlaggebend sein kann. Eine Zeitlang war
es in manchen Kreisen fast Kegel, Frauen mit kurzgeschnittenen
Haaren (Tituskopfen) oder Manner, die als Damenimitatoren auftraten,
kurzerhand als homosexuell anzusehen. So einfach liegt die Sache
denn doch nicht. Wer allerdings mit den verschiedenen Formen
und Nuancen der Geschlechtsiibergange wohl vertraut ist, wird uber-
all vielen zwischen dem mannlichen und weiblichen Geschlecht stehen-
den Typen begegnen; ich selbst sehe beispielsweise durch die jahre-
lange uoung auf der StraBe ganz unwillkiirlich tatsachlich nicht zwei,
sondern drei Geschlechter, aber zu welcher der vier Hauptgruppen
der Zwischenstufen die Betreffenden gehoren, ob zu den Hermaphro-
diten, Androgynen, Transvestiten oder Homosexuellen, oder ob Misch-
formen vorlie^en, dies zu sagen diirfte ohne eingehende Nachforschung
unmoglich sein.
Der Nachweifi einer homosexuellen Handlung spricht
ebensowenig mit Sicherheit f ti r das Vorhandensein echter Homo-
sexualitat, wie die Auslibung eines heterosexuellen Aktes seitens
einer Frau oder eines Mannes mit Bestimmtheit dagegen
spricht. Das, worauf es bei der Diagnose ankommt, ist die auf
dasselbe Geschlecht gerichtete „kontrar€ Sexual empfindu n g",
die, wenn auch zunachst meist unbewuiit, mit dem Er-
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wachen des Geschlechtetriebis einsetzt und bis zu dessen Er-
Icschen anhalt. Dieser spontanen Attraktion entspricht als
Revers die sexuelle Repulsion vom anderen Geschlecht in ganz
der gleichen Weise, wie eich bei der reinen Heterosexualitat
die Anziehung durch das andere und die Abstofiung durch das
eigene Geschlecht verbinden. 1st dieses Negativ der Homo-
sexualitat nicht vorhanden, besteht also neben der Zuneigung
zum cigenen keine sexuelle Abneigung gegen das andere Ge-
schlecht, Ziehen also Personen beiderlei Geschlechts an, so
sprechen wir von Bisexualitat, innerhalb derer die homo-
sexuelle oder heterosoxuelle Komponente das Ubergewicht haben
kann.
Die in der Hauptsache *sich auf das Verbal ten gegen-
iiber beiden Geschleohtern stlitzende Diagnose wird durch zwei
weitere Momente untersttitzt, die so haufig sind, dafi man
annehmen kann, daU sie dort, wo sie nicht vorhanden zu sein
scheioen, wegen ihrer relativen Geringfiigigkeit oder aus anderen
Griinden ^icht nachgewiesen werden konnten: das eine sind
sexuelle Inkongruenzen, d. h. mit dem Geschlechts-
charakter der Genitalien nicht in Ubereinstinimung stehende
psychische und korperliche Geschlechtszeichen, das andere ist
eine neuropathische Disposition nicht im Sinne
direkter Entartung als in dem einer fast stets auch bei anderen
Pamilienmitgliedem vorhandenen relativ starkeren Labilitat und
Affizierbarkeit des Zentralnervensystems.
Es sei voraus bemerkt, daU von diesen vier Punkten der
S3''mptomatologie der e r s t e , das Verhalten zum gleichen
Geschlecht, ftir die Diagnose der Homosexualitat bei weitem
die groBte Wichtigkeit beansprucht; der zweite Punkt,
das Verhalten zum anderen Geschlecht, zeigt ein fast ebenso
typisches symptomatisches Bild; dem drit ten Punkt, der
sexuellen Inkongruenz, wohnt nicht die gleiche diagnostische
Bedeutung inne, immerhin fallt er bei der Entscheidung, ob
angeborene Homosexualitftt vorliegt, schwerwiegend in die Wag-
schale; nahezu dasselbe gilt von der Familiendisposition, die,
wenn sie ausgesprochen vorhanden ist, als weiteres diajgnostisches
Merkmal angesehen werden kann.
Wenden wir uns der genauen Betrachtung der Einzel-
erscheinungen dieses Symptomenkomplexes zu, so zeigt sich, daB
sich in alien Fallen echter Homosexualitat die Betreffenden
lange Zeit, bevor es zu einem homosexuellen Akt gekommen
ist, seelisch heftig zu bestimmten Personen desselben Geschlechts
hingezogen gefuhlt haben. Diese unfreiwillige, lustbetonte Fixie-
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rung des Sensoriums und der Psyche ist viel fruher vorhanden,
als ihr sexueller Charakter als solcher ins BewuBtsein tritt.
Wir wollen aus einer iiberreichlichen Kasuistik mlindlicher und
schriftlicher Berichte, die uns hinsiehtlich der einzelnen
Symptome der Homosexualitat zur Verfiigung stehen, einige
Stellen wiedergeben die in unmittelbarer Lebendigkeit am
klarsten das spezifische Bild veranschaulichen.
Zunachst Mitteilungen zweier sehr zuriickgezogen lebender homo-
sexueller Damen von hoher Intelligenz, die ich bereits seit mehr als
15 Jahren beobachte. Die eine schreibt: „Auf dem Lande geboren,
wo meiu Vater einen groBen Landbesitz hatte, bin ich bis zu meinem
14. Jahre dort erzogen. Ich war die Jungste von meinen Geschwistern.
Mein al tester Bnider hatte etwas Madchenhaftes und war mehr der
Liebling meiner Mutter und wenig nach dem Sinn des Vaters, dessen
Liebling wieder meine alteste Schwester war. Ich bin das gauze
Ebenbild meines Vaters in alien Charaktereigenschaften sowohl, als
in meiner sinnlichen Veranlagung. In spateren Jahren hat mein
Vater oft gesagt : „Bei dir und Ludwig (unserm altesten Bruder)
hat die Natur sich geirrt. Du hattest ein Junge werden miissen
und Ludwig ein Madchen." Dabei bin ich gewiS, daB mein Vater
von Homosexualitat keine Ahnung hatte, und daB auch mein Bruder
nicht homosexuell war. Bei mir zeigte sich meine Veranlagung schon
als Kind, denn mein sehnsiichtiger Wunsch war es, ein Junge zu
sein. Ich zog mir als zwei- oder dreijahriges Kind die Westen
meines Vaters an, setzte mir dessen Miitze aur, nahm einen Spazier-
stock und stolzierte so auf dem Hof herum. Mit Puppen spiefie ich
selten, hatte auch absolut keine Ne^ung Mr weibliche Handarbeiten
und ebensowenig fiir die Kiiche. Dagegen trieb ich mich in den
Stallen herum zwischen den Knechten, verstand die Pferde anzu-
schirren und beaufsichtigte gem die Landarbeiter, so daB ich der
kleine Inspektor hieB. Meine erste Schwarmerei gait einer Erzieherin
auf einem benachbarten Gute; die hatte dunkle Haare und groBe,
graue Augen, ein Typ, der stets meine Geschmacksrich-
tung geblieben ist. Fiir sie hatte ich mir fast den Hals
gebrochen, da ich, um ihr zuerst den Wagenschlag zu offnen, ein-
mal von einem in voller Fahrt befindlichen Wagen sprang. Ich war
etwa 12 Jahre alt, als ich diese Schwarmerei hatte. Als ich 14 Jahre
alt war, zogen meine Eltern in die Stadt; ich sah daS Theater, und
da waren es zwei Damen vom Theater, die ich anbetete und denen
ich taglich Fensterpromenaden machte oder stundenlang nachlief, wenn
ich sie sah. Dann kamen die Jahre, wo die Herren der Schopfung an-
fingen, mir den Hof zu machen; das machte mir zwar SpaB, aber ich
selbst empfand nichts dabei. Von der gleichgeschlechtlichen Liebe
hatte ich keine Ahnung, und wenn ich diese oder jene Dame an-
schwarmte, so hielt ich das fiir ein sehr lebhaftes Freundschafts-
gefiihl. Allerdinffs hatte ich mir die Haare abgeschnitten und ging
gem in Mannerkleidem durch die StraBen oder zu bekannten Damen,
die ich dann gern abkiiBte, aber Liebesbeziehungen, die hielt ich nur
zwischen Mann und Frau fiir moglich, denn ich wuBte es damals nicht
anders.**
Auch der folgende Bericht einer weiblichen Homosexuellen,
die ebenso wie die vorige einem alten Adelsgeschlecht ent-
stammt, zeigt deutlich das erste Erwachen homosexueller Nei-
gungen.
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„Obwohl ich sehr leidenschaftlich veranlagt bin, kam ich erst
mit 20 Jahren zu sexueller Betatigung. Das erste schwarme-
r i e h e Gefiihl fiir ein weibliches Wesen entsinne ich mich deut-
lich mit 9 Jahren gehabt zu haben. Es bezog sich auf ein sehr hub-
aches jungea Madchen von 17 Jahren. Dooh war ich der reine
Toggenburg. Ea geniigte mir voUig, die Angeschwarmtc anzusehen,
ihr von weitem zu folgen; ich habe nie ein Wort mit ihr ge-
aprochen und verlangte auch gar nicht danach. Mit 13V9 Jahren
Icxun ich in ein UrauEnerinnen-Kloster, wo ich zwei Jahre blieb. Ich
war bia zu meinem 14. Jahre eine fanatische Eatholikin, da kamen
die eraten Glaubenazweifel, die mich derartig seeliach in Aaapruch
nahmen und qualten, daB ich^ die die Kirche doch ao leidenschaft-
lich celiebt hatte, fiir das aexuelle Problem absolut keinen Sinn und
kein Interesse hatte ; ea kam iiberhaupt nicht in den iCreis
meiner Gedanken. Ich arbeitete aehr fleiBig, apiirte in der
Geachichte und in der Naturgeschichte nach Belegen fur meine Glau-
benazweifel und suchte mich in den Sprachen zu vervollkommnen, wozu
das Eloster die beste Gelegenheit bot, da wir dort stets franzosisch
sprachen. Ich schwarmte nacheinander und gleichzeitig fur eineKeihe
von Nonnen, aogenannte weltliche Lehrerinnen und altere Pensiona-"
rinnen. So intenaiv diese Schwarmereien auch in einigen Fallen waren,
gingen aie doch nicht hinaua iiber das Verlangen, den Angebeteten
die Hande zu kuasen, auch die Wangen; ein KuB auf den Mund
kam mir gai* nicht in den Sinn. Ich muB hier einfiigen, daB ich
meine Mutter abgdttiach liebte und aie mein Orakel una Evangelium
war; aie hatte una von friih an gesagt, „man" kizBte nicht auf den
Mund, das taten nur Mann und Frau, sonst kiiBte man nur auf die
Backe. Das saB in mir fest, und das Eussen auf den Mund schien
mir unanstandig und widerlich. Erst aehr viel apater kam ich zu
einer anderen Anaicht. Ein Bedurfnia war ea mir aber, meinen
„Flammen** Ritterdienate zu leisten, ihnen Sachen zu tragen, die Tiiren
aufzureiBen u. dgl. ; in den Stunden, die eine Nonne oder Lehrerin
hatte, die ich anschwarmte, gab ich mir ganz besondere Miihe und
war in heller Emporung, wenn aie von einer Mitschiilerin geargert
wurde. Meine hocnate Wonne war es, wenn meine Flamme mir ein-
mal einen sanften EuB auf die Wange hauchte, und ich habe spater
in den leidenschaftlichsten Liebesstunden kaimi je eine groBere Selig-
keit verspiirt, als einmal im Eloster, als eine altere Mitpensionaxin,
die ich leidenschaftlich verehrte, und lange gebeten hatte, mir einen
EuB zu geben, eines Tages ganz plotzlich meinen Eopf in jhre Hande
nahm und mich nach der im Eloster iiblichen franzosischen Sitte
auf beide Backen herzlich kuBte. Ich weiB es noch, als ware es gestern
gewesen, wie ich ganz von Gliick betaubt dastand, es kaum glauben
konnte und nur den Namen der Geliebten stammelte. Ich bin froh,
daB meine erste Jugend ao rein war: die eigentlichen Liebesgeniisse
kommen noch immer fruh genug, und wenn man sie vorwegnimmt,
beraubt man sich dieser entziickend zarten, poetischen Freuden, die
einem zwar spater nicht mehr geniigen, in jenem Zustand der
Unschuld und Unwissenheit aber uns mit uberschwanglicher Selig-
keit erfullen und in der Erinnerung jener Zeit einen zarten Duft und
Schmelz verleihen, dem n i c h t s gleichkommt, was man auch sp§,ter
genieBen moge."
VCllig analog den Kindheitserinnerungen weiblicher sind
die der m&nnlichen Homosexuellen. Sehr charakteristisch heiOt
es in einer der vielen Schilderungen :
„Die ersten noch unbewuBten Regungen des homosexuellen Lebens
fallen etwa ins 10. und 11. Jahr. Wir hatten einen Eutscher, einen
achonen und kraftig gebauten Menschen mit dunklem, langem Schnurr-
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bart. Es machte mir stets Vergnugen, um ihn zu sein und ihn io
seinen hohen Stiefeln, Lederhosen und Livreerock oder Winters in
seinem russischen Schafpelz zu betrachten. Ich hatte schlieBlich
das unwiderstehliche Verlangen, ihn zu umarmen, da das aber schwer
anging, so schlich ich mich ofters, wenn ich ihn bei der Arbeit wuUte,
in seine Wohnung, schliipfte in seine riesigen Stiefel, hing seinen
Rock Oder Pelz um mich, und hatte ein Getuhl des seligsten Wohl-
behagens. Ich driickte die Kleidungsstiicke fest und krampfhaft an
mich, und der Geruch der Lederstiefel und der ledernen Hosen, welche
ich auf meinem SchoB hielt und ofters an mich driickte, verbunden
mit dem Gedanken an den schonen groBgebauten Kutscher, den ich
mir dachte, indem ich die Kleidungsstiicke an meinem Eorper be-
Mhlte, verursachtjen mir heftige Erektionen, iiber die ich jedesmal,
ohne mir bewuBt zu sein, infolge wovon sie entstanden, entsetzt war,
da ich sie flir eine krankhafte Erscheinung hielt. — Eines Tages
nach reiflichem Hin- und Herdenken wuBte ich mit Hilfe meiner Eame-
raden, Knaben, die mit mir erzogen wurden, eine Szene ins Werk
zu setzen, bei welcher der Kutscher veranlaBt wurde, mich zu sich
emporzuheben. Diese Gelegenheit benutzte ich nun, da meine Kame-
' raden mich ihm entreiBen wollten, meine Wange an sein bartiges
Kinn zu legen, meinen Arm imi seinen Nacken zu schlingen imd meine
Beine fest an seinen Korper zu pressen. Ich schloB die Augen und
verspiirte ein Gefiihl schwindelnder Wonne.
Ein anderes Erlebnis steht lebhaft in meiner Erinnerung. Es
ist ein wolkenloser, sonnig klarer Herbsttag. Das Getreide ist ge-
schnitten und liegt in schimmernden Garben auf dem Stop|>elfelde.
Das Laub der Baimie in den Alleen schimmert gelblich, rotlich und
in der Feme, vom dunkelsten Griin bis in die heUsten Schattienmgen
des Blau, dem Himmel gleich, sich verlierend, die endlosen Walder
meiner Heimat. Wir Jungens sind auf der Jagd nach Feldmausen, die
wir unter den Getreidehaufen hervorscheuchen. Da ein heller schal-
lender Ton, der mich aufhorchen macht — und in der Richtung, wo
es herkommt, da blitzt und glitzert es. Die Musik wird lauter —
und das Blitzen und Funkeln, das auf der LandstraBe naher und
naher kommt, ist ein Trupp Soldaten mit blinkenden Sabeln und
Flinten. Jetzt biegen sie von der StraBe ab imd marschieren iiber die
Wiese, die sich langs dem Felde hinzieht, auf dem wir uns befinden.
Den Soldaten voran marschiert ein Offizier, der erste, den ich in
meinem Leben gesehen. — Er ist groB und kraftig, mit blondem
Schnurrbart und blauen, froh leuchtenden Augen. Jede Bewegung
an ihm ist Kraft und Leben und Freude — mir ist, als ware er
die lustige Militarmusik, die ich horte, als ware er der klare wolken-
lose Himmel und die reine kostliche Herbstluft, die mich umgab. Es
iiberkommt mich ein Gefiihl groBer endloser Freude, ein Gefiihl edler
Taten- und Schaffensfreudigkeit, und zugleich eines schrecklichen,
mich erstickenden Sehnens, so daB ich unwiUkiirlich die Hande empor-
streckte, — und dann zu weinen beginne — mir selber nicht bewuBt,
warum. — Die anderen Knaben waren den davon marschierenden
Soldaten nachgelaufen, so war ich unbeachtet geblieben. — Zu Hause
an^ekommen, erfuhr ich, daB der Offizier unser Gast war. — Aus
welcher Veranlassung damals sich der kleine Trupp Soldaten inunsere
weltentlegene Waldeinsamkeit verirrt hatte, vermag ich heute nicht
zu sagen. — Im Vorhause entdeckte ich den Sabel und Mantel des
Offiziers. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Sabel
zu befiihlen, und meinen Kopf in den Mantel zu stecken, wobei mir,
mit den peinlichsten Erektionen verbunden, deutlich die Szene auf
dem Felde vor Augen stand. — Bei Tisch, wo ich kaum meine Augen
zu erheben wa^te, fesselten die strammen Beine unseres Gastes meine
Aufmerksamkeit. . . . Ich hatte diese Beine, in der kleidsamen Uni-
form sitzend, umarmen und driicken mogen. Beim Abschiede hangte
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mir der Offizier ein goldenes Kreuzchen, an einer braunseidenen
55chnur, urn den Hals. Ich war damals, wie wenigstens meine alteren
(jJescliwister behaupten, ein ausnehmend hiibscher Junge. — Das Ge-
scLenk machte mich selig. Man stelle sich daher meinen Schmerz
und meine Wut vor, wie meine streng orthodoxe, evangelisch-luthe-
rische Mutter mir verbot, das Kreuz zu tragen, well es ein nach grie-
chisch-katbolischem Muster geformtes war, und es mir einfach fort-
nahm. Icb beulte, aber was half es ! Noch Jahre ist der Besitz dieses
Kreuzes das hochste Ziel meiner Wiinsche gewesen, ja ich ging
sogar einmal mit dem Gedanken um, den Schreibtisch meiner Mutter
zu erbrechen, um mich so in den Besitz des Heiligtums zu bringen.
Aber die Jahre vergingen, und das Kreuz ist in Vergessenheit ge-
raten.*'
Ein weiteres Beispiel sei hinzugeftigt, das zugleich das
durchau8 nicht seltene Vorkommnis belegt, da6 die erste un-
bewuBt sexuelle Neigung liber die im spateren Sexualleben so be-
deutsame Inzestschranke hinweg nahe Verwandte, wie
Eltern und Geschwister zum Gegenstand hat:
„Ich haCte Knaben und Knabenspiele; meine Schwester war
mein alter ego, wahrend mein 13 Jahre alterer Bruder, ein sehr schoner
Maun, mein kindliches, reines, unschuldiges Herz furchtbar verwirrte.
Ich habe ihn weit mehr seiner Schonheit als seiner guten Eigen-
schaften wegen angebetet. Dabei wurde ich auUerlich immer schroffer
gegen ihn. Ich erinnere mich genau, dafi im 6. oder 7. Jahr voriiber-
gehend meines Bruders Schonheit mir wie ein geoffenbartes Mysterium
ciurch Mark und Bein zitterte. Mit 10 Jahren weinte ich eine ganze
Nacht, als ich mich in seiner mir schaurig-siiCen Gegenwart zur
Ruhe habe begeben miissen. Ich empfand ein Schamgefiihl, wie ich
es in Mutters und Schwesters Gegenwart nicht kannte. Klar und
bewuBt, naturlich als tiefstes Geheimnis zumal vor ihm, habe ich ihn
voDi 10. — 15. Jahre vergottert, am hcichsten stand diese Verehrung
vom 10. — 12. Jahre, als er sich verheiratete. Ich war totunglucklich,
dafi er uns dadurch ferner riickte, und empfand es als ctwas Entsetz-
liches, daB er, wie ich glaubte, nun seine Jungfriiulichkeit einbiiBte."
Man wird hier einwenden, dafi solche gleichgeschlechtliche
Schwarmereien, auch. bei Kindern, die spater scharf heterosexuell
werden, vor, innerhalb, oft sogar noch einige Jahre nach der
Pubertat nichts Ungewohnliches, dafi sie namentlich in Schnlenj
Pensionaten und Internaten ungemein haufig sind, so Jiaufig,
da6 man i,hr Vorkommen in der Indifferenzperiode des Ge-
schlechtstriebcs geradezu als einen physiologischen Zustand be-
zeiehnet hat^). Gleichwohl unterscheiden sich die urnisohen
-) Aus der 2iemlich umfangreichen Literatur, welche sich teils
wissenschaftlich, teils kunstlerisch mit Liebesverlialtnissen zwischen
alteren und jiingcren Schiilern befaBt, seien genannt:
Hoc he, Xeurologisches Zentralblatt, Bd. 15 (1896), p. 66. —
Rohleder, Die IMasturbation (1899), p. Ill, welcher unter
audercn hierfiir Rousseau, Salzmann, Chevalier, Four-
nier, Blasemann und F ii r b r i n g e r zitiert.
Max Dessoir, Zur Ps ychologie der vita sexualis. In der
AUgenieinen Zeitschrift f. Psych, und .Md., 50. Band, p. 2. —
Ausfiihrliche Fillle iibor homosexuellen Verkohr in Tnternateu
und fSchulen rcferieren Moll, Untersuchuugen iiber die Libido sexu-
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von den nioht urnischen Kindern nicht nur in ihren noch zu
besprechenden Charaktereigensohaften, sondern auch in ihren
erotisch gefarbten Freundsohaften wesentlich. Einerseits sind
sie in der unklaren Empfindung, daO den von ihnen vorgenom-
menen Zartlichkeiten eine tiefere Bedeutung zukommt, als der
gewohnlichen Sehiileronanie, befangener, zuriickhaltender, wahle-
rischer, anderseits inniger, bestandiger als die heterosexuellen
Kameraden. Es ist sehr bezeichnend, wenn eine der oben-
erwahnten homosexuellen Frauen mitteilt, dafi sie sich im Kloster
an den sexuellen Beziehnngen der Madchen, von denen sie
spater zu ihrem Erstaunen horte, iiberhaupt nicht beteiligt
habe. Haufig sind allerdings gerade die homosexuellen Kinder
cin mit Vorliebe gesuchter Zielpunkt der sexuellen Anwand-
lungen ihrer Mitschliler und Mitschlilerinnen, weil diese in-
stinktiv das Feminine im urnischen Knaben, den virilen Ein-
schlag im urnischen Madchen herausftihlen. Vor allem aber trjigt
die homosexuelle Betatigung der heterosexuellen Schiiler einen
mehr episodischen Charakter ; sie tritt bald nach der Eeife gegen-
alis, I. Band, II. Teil p. 450—162, Hirschfeld, Der Urnische
Mensch, iu Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufea, Bd. V 1, p. 61 f.
und p. 62 f. H. Ellis: sexual inversion, Anhang.
Ferner sind zu nennen : Dr. Ludwig Gurlitt, Knabenfreund-
scliaften. In „Sexual-Problemen*' von Max Marcuse. Oktoberheft 1909.
Hans Joachim von Eeitzenstein, Ein Schiilerselbst-
mord, in der Zeitschrift „Pan*' vom 30. Mai 1912. — C. Lino-Fer-
r i a n i , Minderjahrige Verbrecher (deutsch von Alfred Kuliemann).
Walter Unus, Schiilertagebuch.
Achilla Essebac, Dede (Paris 1901. Deutsch von Georg
Herbert. Leipzig 1903). Hermann Hesse, Untcrm Had, B i 11
F o r s t e r , Anders als die andern. Roman. (1909, Berlin.) Louis
d'Herdy, L'homme-sirene (Paris 1900). — Paul Bourget, Un
crime d'amour. — Fried rich Perzynski, Weltstadtseelen („Zwei
Welten**) (Miinchen 1901). — J o li a n n e s W i 1 d a , Aus der Knaben-
zeit, in „Die Woche", Berlin, (Xr. 21. 1912). — E. Irenaeus Prime
Stevenson, Left to themselves, or the fortunes of Philip -and
Gerald (Newyork, Philips and Hunders.,) A great patience (Scribner's
Magazine Newyork 1899). — A. W. Clarke, Jasper Tristram. —
Hans Ryner, La f illemanquee (Paris 1903). Ferri-Pisani,
Les pervertis (Paris 1905). Jean Rodes, Adolescents. Moeurs col-
legiennes (Paris Mercure dc France 1901). — L. van Dyssel, De
kleine Republiek. (Hollandisch.)
Liebesverhaltnisse zwischen Madchen behandeln unter anderen:
C liar les M on fort, Le journal d'une Saphiste (Paris 1902). —
Francis Lepage, Les fausses vierges. Roman. (I^aris 1902.) Do-
lorosa, Fraulein Don Juan (Die Chore des Lebens I. Band.) (Ber-
lin 1903.) — Vergl. dazu die Bemerkungcn in der Bibliographic der
Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen von Priitorius Bd. II, p. 397 ;
Bd. II 324; Bd. V. 2, p. 1011; Bd. VL p. 619 p. G3j Bd. VIL 2., p. 867 ;
Bd. VII, 2, p. 839, 891. Bd. IX, p. 611 usw. Ferner Cfr. Die VicrteL-
jahrsberichte II. Jahrgang p. 324, ebenfalls vergleiche die Bemer-
kungen von J. L. P a v i a , London, Vierteljahrsberichte III. Jahr-
gang p. 310 und 315.
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ijber der imtoer starker erwachenden Liebe zum anderen Ce-
schlecht ganz zuriick, w&lirend sie um dieselbe Zeit sich bei
den von Hause homosexuellen Kindern erst recht vertieft und
sicli dann ebenso sehnsuchtsvoU auf das eigene Geschlecht richtet,
wie die der heterosexuellen Jtinglinge und Jungfrauen anf das
andere. Immerhin ist flir die Diagnose der Homosexualitat
beim K i n d e und i n den Entwicklungsjahren die eigen-
tiimliche Artung der Personlichkeit wichtiger als die vom
Erwachen des Gescblechtstriebes an auf das gleiche Geschlecht
zielende Bichtung. Denn bei der Ftille ungeklarter Sexual-
antriebe und Phantasievorstellungen erscheint letztere oft nur
als ein Teil der noch nicht entwirrten infantilen Sexualitat,
wahrend die mit ihr verbundenen Eigenarten der kindlichen
Individualitat meist eindeutiger und deutlicher erkennbar sind.
Icli will das Gesagte durch einen Bericht — ein Beispiel fiir
. viele — belegen, der aus einem katholischen Waisenhause fur Knaben
stammt. Ich verdanke die Mitteilung einem sehr zuverlassigen Be-
obachter, der dort 10 Jahre lang uuter 120 Mitschiilern erzogen
wurde. „Ich war 8 Jahre alt", schreibt er, „als ich in das Institut
kam. Da ich schon friiher gerne mit Knaben zusammen war, hatte
ich nur die ersten Tage etwas Heimweh und fiihlte mich sehr bald
wohl unter den 120 Knaben im Alter bis zu 14 Jahren, nur wenige
waren 15 oder 16 Jahre alt. Der freundschaftliche Verkehr unter
diesen Knaben war ein so inniger, daB man glauben muBte, lauter
Urningc vom reinsten Wasser vor sich zu haben. Fast alle von den
alteren suchten sich unter den jiingeren Knaben einen Freund, den sie
alsdann hegten und schiitzten. Dieses war fiir den jiingeren Teil
nicht gerade unangenehm, denn unter soviel Knaben haben die
kleineren gewohnlich manchen StoP auszuhalten, hatte er aber einen
alteren zum Freunde, so durfte keiner es wagen, ihn hart anzufassen,
beide ijberboten sich gegenseitig in Erweisungen von Zartlichkeiten.
AJs ich selbst 9 Jahr alt war, geschah es, daB zwei altere auf einmal
um micli warben und keiner dem andern weichen wollte. Es wurde
dann durch einen Kampf unter den beiden entschieden, die anderen
stellten sich herum, damit die Warter nichts sehen sollten, und
schauten zu, bis einer kampfunfahig wurde; der Sieger hatte als-
dann ein offentliches Anrecht auf mich. Dieser war mein Freund
fast ein ganzes Jahr lang, bis er bei seinem 14. Jahre aus der An-
stalt entlassen wurde. An seine Freundschaft erinnert mich noch
heute ein ziemlich groBer Buchstabe, der An fangs buchstabe seines
Namens, den wir uns gegenseitig damals mit chinesischer Tusche
und einer Nadel in den Oberarm tatowierten; wie gliicklich war ich
damals, fiir meinen Freund diese Nadelstiche ertragen zu diirfen.
Dieser Junge war von einer solchen Liebe zu mir beseelt, daB er mir
alles tat, was er an meinen Augen absehen konnte. Da er ver-
mogend war und seine Familie in der Nahe wohnte, bekam er jede
Woche einmal Besuch und wurde dann mit allem moglichen beschenkt;
hatte er diesen Besuch empfangen, so versaumte er nie, abends an
mein Bett zu kommen und seine Schatze vor mir auszubreiten, und
oft hatte ich Miihe, ihn zu bewegen, daB er selbst auch etwas davon
behielt. Er unterlieB es auch me, wenn wir abends in den Schlaf-
saal gefiihrt warden, einen giinstigen Moment abzuwarten, um mich
zu kiissen.
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Hatte man einen Jungen gefunden, der einem besonders gefiel,
so warb man um ihn, man verfolgte ihn auf Schritt und Tritt und
suchte sich ihm iiberall angenehm zu machen, man machte ihm Ge-
schenke oder bat einen Kameraden, den Vermittler zu spielen. Ein
eigenartiges Mittel wandte einmal ein Junge mir gegeniiber an, den
icli auch lange schon im Stillen gem hatte, der aber so hiibsch war,
daB ich eine Erwiderung fiir ausgeschlossen hielt. Ich hielt micb
von ihm fern, weil ich mich keiner Demiitigung aussetzen wollte, denn
einen Korb zu bekommen, gait als sehr schimpflich. An einem
Abend nun kam er wahrend der Vorlesung neben mich und wir setzten
zu zweien auf seine Anregung ein Spiel in Szene, wobei man auf die
Hand des anderen einen Schlag zu versetzen sucht, der andere muB
dabei sehr auf der Hut sein, da die Schlage sehr empfindlich sind,
und mufi deshalb seine Hand schnell fortziehen. Nachdem er nun an
die Keihe kam, hieb er nur ganz leise und lassig zu, und als ich ihn
nacli dem Grunde fragte, sagte er mir, er konne mir nicht wehe tun,
er hatle mich zu lieb. Ich war gliicklich; wir kiiBten uns und er-
zahlten uns, wie wir uns schon so lange gern gehabt. Solche Freimde
tauschten dann mittags bei Tisch ihre Teller und ihr Besteck, weil
es ihnen ein besonderes Wohlgefiihl war, aus Gegenstanden zu essen,
die der Freund friiher benutzt hatte. Derjenige, der das Amt hatte,
bei Tisch zu bedienen, muBte sich deshalb immer auf dem Laufenden
erhalten und war von jedem neuen Freundschaftsverhaltnis genau
unterrichtet und sorgte gewissenhaft, daB jeder die Gegenstande seines
Freundes bekam, ebenso wuBte er, wenn ein Verhaltnis sich loste,
er gab alsdann jedem sein richtiges Besteck wieder, das aber alsdann
selten wieder benutzt wurde, die Teller zerbrach man gewohnlich und
das Besteck warf man in den Miillkasten und kaufte neue. Ebenso
hatte ieder Knabe im Winter seinen bestimmten Shawl, man trug aber
stets den des Freundes, da derselbe in so enger Beriihrung mit dessen
bloBem Halse gewesen. Das Tatowieren der Arme mit den Anfangs-
buchstaben des Freundes war an der Tagesordnung, doch muBte
man bei dem alien sehr vorsichtig sein, damit die Lehrer nichts
merkten.
Sahen diese von zweien eine besondere zartliche Freundschaft,
so wurde ihnen strenge verboten, weiter miteinander zu verkehren,
doch tat man es alsdann um so lieber, und bekam man Strafe, so
war man gliicklich, fiir den anderen leiden zu konnen. Hatte einer
einen Streich gespielt, so geschah es oft, daB der Freund die Tat auf
sich nahm, der andere dies aber nicht litt und der Lehrer alsdann
zwei Missetater vor sich stehen sah und nicht wuBte, wer der eigent-
liche war. Bekam der Freimd Priigel, so ging das dem anderen so nahe,
daB er mitweinte. Diese kleinen Einzelheiten zeigen, wie der Freund
einem alles war, welche Innigkeit in dieser Freundschaft lag. DaB
dabei der geschlechtliche Verkehr nicht ausblieb, ist wohl selbst-
verstandlich. Ich war 9 Jahre alt, als ich die Onanie kennen lernte,
manche noch jiinger. Besonders bot der Winter viel Gelegenheit zum
gescblechtlichen Verkehr, man ging abends unter dem Vorgeben, aus-
treten zu miissen, hinaus, der Freund folgte einige Minuten spater,
und drauBen war man dann ungestort; wenn dies auch zunachst ge-
schah, um sich nur kiissen und umarmen zu konnen, in der Er-
regung biieb dann das andere nicht aus. Dann fand der Verkehr
auch nachts viel in den Betten statt. Ich glaube aber bestimmt, daB
dabei nur Onanie getrieben wurde. Kam ein neuer in die Anstalt,
so wurde sofort darauf geachtet, ob er hiibsch war, und es dauerte auch
nicht lange, so hatte sich der oder jener mit ihm angefreundet, wo-
bei es oft nicht ohne heftige Eifersuchtsszenen abging. Es wiirde
zu weit fiihren, noch mehr Einzelheiten anzugeberu Man findet ja
in alien Instituten, daB die Knaben geschlechtlich miteinander ver-
kehren, aber wohl selten so allgemein. Wenn man von einem An-
Hirtchfeld, HomosexuiUtit. 4
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erziehen der Homosexualitat sprechen konnte, so hatte sich das hier
bewahrbeiten miissen, besonders da die meisten wenigstens 3 — 4 Jahre,
einige bis zu 8 Jahren in der Aastalt verblieben und so lange diesem
Einflusse ausgesetzt waren. Wie mir genau bekannt ist, ver-
kehren aber alle meine Mitschiiler jetzt sehr reee
mit dem Weibe. Besonders will ich zwei Knaben erwahnen, der
eino war 16, er kam als 1 jahriges Kind dorthin, der andere 9 Jahre
in der Anstalt, beide hat ten damals sehr stark fiir den Freund ge-
t'iihlt und sehr viel mit ihm geschlechtlich verkehrt und fiihlen heute
nur fiir das Weib. Ich selbst interessierte mich schon vor meinem
8. Lebens jahre, also be vor ich in dieses Institut kam, geschlechtlich
fiir Manner, und ich bin auch nachher nicht anders geworden. Dafi
gerade diese Anstalt einen so starken Freundschaftsverkehr aufwies,
fiihre ich darauf zuriick, daB die Knaben auBer der Schulzeit und
den Stunden, die nicht durch Gebet — es wurde viel gebetet — aus-
gefiillt waren, zuviel auf sich selbst angewiesen waren. Die An-
stalt war streng katholisch imd man glaubte, durch vieles Beten die
Knaben erziehen zu konnen, doch wir langweilten uns nur bei dem
ewigen Einerlei des Rosenkranzes und benutzten die Zeit, um ge-
schlechtlichen Gedanken nachzuhangen. Fiir Sport und Turnen war
kein Interesse vorhanden, sogar im Stundenplan war kein Turnen an-
gesetzt. Baden gait fiir unsittlich; man furchtete die Kinder dadurcb
auf unsaubere Gedanken zu bringen. Von der Aufienwelt war man voll-
standig abgetrennt. Das Haus lag vor der Stadt und war mit hohen
Mauern umgeben, nur Sonnta^s wurde man einige Stunden ins Freie ge-
fiihrt. Die Biicher waren emer strengen Zen^ur unterworfen, es ^e-
niigte schon eine kleine unschuldige Liebesgeschichte, um uns die-
selben zu verbieten."
Den leidenschaftlichen Charakter mancher dieser gleichgeschlecht-
lichen Neigimgen zeigt anschaulich ein Beispiel, das Carpenter 8)
von einem Lenrer, der an einer indischen Schule tatig war, erzahlt
wurde : „Zwei etwa IGjahrige Burschen besuchten dieselbe Schule
imd waren unzertrennliche Freunde. Aber eines Tages kam fiir sie
die Stunde der Trennung. Den einen holten seine Eltern ab, um
mit ihm nach einem entfernten Orte des Landes zu reisen. Der
andere war untrostlich. Als ihm sein Kamerad entrissen wurde,
ging er still an einen Brunnen im Schulbereiche, stiirzte sich hinein
und ertrank. Diese Nachricht wurde mit dem Drahte weitergesandt
and erreichte den Freund noch unterwegs. Er sagte nur wenig, aber.
auf einer Station verlieB er den Zug und verschwand. Der Zug fuhr
weiter; nach kurzer Entfernung lief der Knabe aus dem Gebiisch auf
die Strecke, warf sich auf die Schienen und fand hier auch seinen
Tod."
Die ersten oft sehr leisen Erscheinungen gleiehgeschlechth
lich'en Empfindens bleiben in ihrer Bedeutung oft vollig un-
erkannt; so berichtet mir ein Uranier, ,,dalJ schon in frtihester
Jugcnd, wenn er zwei Preunde Arm in Arm gehen sah, ihn ein
Geftihl tiefer Ergriffenheit und Einsamkeit iiberkam, wenn er
auf dem Eise zwei junge Manner Hand in Hand Schlittschuh
laufen sah, wurde er haufig zu Tranen gertihrt. Er konnte
sich diese Geftihle, deren er sich schamte, nicht deuten, jetzt
seien sie ihm klar." Ganz ahnlich wie wir bei den Hetero-
sexuellen zwischen 16 und 20 nicht selten homosexuelle Schwar-
^) Carpenter, Mittelgeschlecht, a. a. O. p. 149.
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mereien finden, die ganz den Eindruck maehen konnten, als
handle es sich um Affekte echter Homosexueller, kommen bei
Homosexuellen in diesem pubischen Alter heterosexuelle Epi-
soden vor, die nicht allein auf der libermachtigen Suggestion
zu bernhen scheinen, die das Beispiel der Erwachsenen und die
Liebesliteratur, welche fast ausschlieBlich die Liebe zwischen
Mann und Weib preisen, ausiiben. Es ist eben die Zeit unab-
geschlossener Entwicklung, in der, ebenso wie die scharfe korper-
Jiche Differenzierung noch nicht durchgefiihrt ist, beispiels-
weisc Bart und Briiste noch nicht die definitive geschlechtliche
Akzentuierung aufweisen, auch der Geschlechtstrieb noch un-
sicher tastend, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite
schwankt, suchend, pendelnd, bis er sich entweder aus dem
Unklaren, Unbestimmten, Unbewuflten heraus allmahlich auf das
adequate Geschlechtsziel einstellt, oder sich durch eine groBe
Liebesleidenschaft plotzlich, fast mochte man sagen „mit hor-
barem Ruck", fixiert. Die folgende Schilderung einer homo-
sexuellen Dame gibt ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel:
„Da kam auch die Stunde, in der ich mich in einen Mann ver-
liebte, dei* freilich sehr madchenhaft aussah und war, so daiJ
er einmal sogar in Damenkleidern auf einen Ball gegangen war, ohne
als Mann erkannt zu warden. Diese Liebe hatte mich ziemlich un-
glucklich gemacht, weil wir uns nur kurze Zeit sahen und spater nur
in Brief wechsel standen. Ich war der Meinung, daC jene Liebe mich
vollkommen absorbierte, bis ich eine Schauspielerin in einer Manner-
rolle sah, und man mir plotzlich erzahlte, ,,sie liebe Frauen". — —
Zuerst sah ich bei der Nachricht die Sprecherin verstandnislos an,
dann aber wuBte ich genau, daU ich jene Schauspielerin liebte, liebte
bis zur Narrheit, und auf einmal war mir iiberhaupt klar, daU ich mich
fiir Prauen und nicht fiir Manner interessiere. Von meiner soge-
nannteu imgliicklichen Liebe fiir jenen Mann war ich plotzlich ge-
heilt. Ich unterhielt mich sehr gern mit Mannern, aber nur solange
sie mir nicht den Hof machten, und ich von ihnen lernen konnte ;
es langweilte mich namlich schrecklich, wenn in Damengesellschaft
nichts als iiber Putz und Klatsch gesprochen wurde. Sobald mir
aber ein Mann den Hof machte, kam ich in graBlichste Verlegenheit
und wuBte gar nicht, wie ich mich benehmen sollte."
Es ist ungefahr das 18. Lebensjahr, bei manchen etwas
eher, bei anderen etwas spater, in dem bei homosexuellen Man-
nern und Frauen genau so wie bei Heterosexuellen jener ideale
Erotismufi ausbricht, der sich in liberschwanglichen Verehrungen,
Fensterpromenaden, Dienstleistungen aller Art, Liebesbriefen
unVl Liebesgedichten erschopft, mit dem einzigen Unterschiede,
daU der Gegenstand dieser ^,Verhimmelung*' nicht dem anderen,
sondern dem gleichen Geschlechtc angehcirt. Horen wir eine
homosexuelle Frau und einen homosexuellen Mann, beide aus den
gebildeten Standen, selbst schildern, was sie mit 18 Jahren
empfanden. Die Homosexuelle berichtet:
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„DaB ich zuerst b e w u 1} t sinnlich, wenn auch uoch nicht ge-
schlechtlich fiir eine Frau fiihlte, war mit 18 Jahren, und auch da
kam ich nur ganz alhnahlich zur Erkenntnis, daB dieses sinnliche
Gefiihle sein miiBten. Es handelte sich um eine blendend schone
Frau — — sie wurde allgemeiii „die schone Frau von So und So"
genannt die iibrigens meine Mutter hatte sein konnen- Sie stand
im Hochsommer ihrer Schonheit und war wie eine vollerschlossene
Kose. Kie werde ich den Augenblick vergessen, da ich sie zum ersten
Male sah. Ich war so vollkommen liberwaltigt von ihrem Anblick,
dafi ich ihre mir entgegengestreckte Hand • ganz iibersah und sie
fassungs- und wortlos anstarrte. Sie nahm mir diese Unhoflichkeit
auch weiter nicht iibel, denn die Bewunderung ihrer bestrickenden
Schonheit stand wohl in Riesenlettern auf meinem Gesichte ge-
schrieben, da jede Beherrschung und Verstellung mir bei meiner
Ahnungslosigkeit fehlte. Spater horte ich denn auch, daB ein Herr
gesagt hatte, es ware ja „widerlich", wie ich diese Frau mit meinen
Blicken verschlange. An jenem ersten Nachmittag brachte ich es
nicht fertig den Blick auch nur eine Minute von ihr loszureiUen. Id
diese heiTliche Frau, die auBer ihrer Schonheit auch noch mit den
reichsten kiinstlerischen Gaben ausgestattet war, verliebte ich mich
immer leidenschaftlicher, verzehrte mich vor Sehnsucht, wenn ich
sie nicht sah und war iiberselig und doch auch voller Qual in ihrer
Gegenwart. Sie war sehr liebevoU zu mir und duldete lachelnd meine
iiberschwangliche Anbetung; da sie aber durchaus normal und Mutter
mehrerer Kinder, die in meinem Alter waren, konnte von irgendwelcher
Gegenliebe natiirlich keine Rede sein, das hatte ich auch nie zu er-
warten und zu hoffen gewagt. Ich betete sie an wie ein junger Bitter
seine Konigin. In ihrer Gegenwart bemerkte ich nun zuerst an mir
eine Erregung, die mir bis dahin unbekannt geblieben war. Ich bekam
rasendes Herzklopfen, wenn ich sie sah, zitterte am ganzen Korper,
wenn ich sie beriihrte, und bekam einen gliihenden Kopf und eisige
Hande, wenn ich langer mit ihr zusammen war. Und dann cmpfand ich
eine so. unbestimmte Qual und Sehnsucht, die ich mir absolut nicht
zu erklaren wuBte, soviel ich auch dariiber griibelte. Wie oft fragte
ich mich: Was ist das nur? Was willst du eigentlich? DaB dieses
nicht mehr eine „rein seelische Anschwarmerei" war, m u B t e ich mir
eingestehen, aber daB ich als Frau fiir eine andere Frau sinn-
liche Gefiihle hatte, war mir ganz und gar unbegreiflich. Sie
merkte allmahlich selbst, daB ich regelrecht in sie verliebt war, viel-
leicht noch eher, als ich selbst mir dariiber klar wurde, denn ich
weiB noch, wie es mich frappierte, als sie eines Abends, da ich sie,
ganz berauscht von ihrer Schonheit, bat, mir einen KuB zu geben,
sagte: „Ach, du verliebter Katerl" Sie gab mir dann aber einen
sanften KuB, iiber den ich fast den Verstand verier vor Wonne. Ihre
Worte aber hielten mich noch lange wach, als ich an jenem Abend
im Bett lag und iiber meine Gefiihle nachgriibelte.
Spater verliebte ich mich in ihre alteste Tochter, die in meinem
Alter war, die Mutter betete ich aber auch da noch weiter an. Das
Verhaltni^ zu der Tochter war anfangs ein rein freundschaftliches
und wurde erst allmahlich das, was die Franzosen eine „amitie amou-
reuse" nennen. Wir waren leidenschaftlich zartlich miteinander und
konnten uns nie genug tun in Kiissen und Liebkosungen ; ihr gegen-
iiber fiel ja auch die Schiichternheit, die naturgemaB ich der Mutter
gegeniiber empfa*nd, fort und so wagte ich schlieBlich auch sinn-
licne Liebkosungen, streichelte und kiiBte ihren Hals, ihre Arme, ihre
Schultem und ihre Brust, — aber weiter ging es nicht, da wir beide
zu unschuldig und zu unwissend dazu waren.
Ich weiB, daB ich sie manchmal an mich preBte und sagte r
„Ich habe solche Sehnsucht nach dir," und wenn sie dann sagte, „aber
ich bin ja bei dir," antwortete ich: „Ja ja, aber das ist es nicht, icl>
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mochte etwas anderes, aber ich weiB selbst nicht was." Unsere
Briefe waren die leidenschaftlichsten Liebesergiisse und aufierdem
fuhrte ich ein Tagebuch, in dem ich j e d e n Abend in unendlichen
Variationen niederschrieb, ob sie lieb gewesen, oder mich gequalt
hatte, wie siiB sie wieder ausgesehen una wie ich sie liebte. Leider
babe ich das Tagebuch spater verbrannt, es ware mir interessant,
es jetzt wieder zu lesen, da ich es doch in einem Zustand ge-
schrieben habe, der weit vom klaren Bewufitsein meiner Veranla^ung
entfernfc war, sozusagen in einem Zustand der „Tumbheit". Ubrigens
war unser Verhaltnis, das nie ein Verhaltnis wurde, durchaus nicht
ausschlieBlich sinnlich, im Gegenteil ich liebte sie mit meinem panzen
Herzen, hielt sie fiir die Erganzung meiner Natur und wiinschte "nichts
sehnlicher als fiir das ganze Leben mit ihr vereint zu bleiben. Ich
flehte sic an, nicht zu heiraten, sondern immer nur mir zu gehoren.
Sie versprach das auch, hat es aber leider nicht gehalten. Sie
ist der bestc Beweis dafiir, daB die eigentliche Natur des Menschen
sich alien Einfliissen zum Trotz doch Bahn bricht, und daB kein
Meusch dauernd homosexuell wird, der es nicht von Natur ist. Ich
hatte seinerzeit einen so starken EinfluB iiber sie, daB sie a 1 1 e
meine Ansichten bedingungslos annahm, sie war nur noch mein Echo,
was ich fiir vollkommene tJbereinstimmung hielt, sie bildete sich ein,
gleich mir die Manner zu hassen, nie einen Mann lieben zu konnen,
meine Gefiihle ganz zu erwidem. Das dauerte ja nun wirklich mehrere
Jahre und sie fiihlte tatsachlich nicht nur Freundschaft fiir mich:
der Unterschied war aber, daB ich sie als W e i b liebte, sie in mir
aber, ihr und mir unbewuBt, den M a n n I Sie hatte verschiedene
Heiratsantrage ausgeschlagen, so stand sie in meinem Bann. Das
dauerte so lange, wie sie unter meinem unmittelbaren EinfluB war,
dann verlegte meine Mutter ihren Wohnsitz nach Miinchen und von
dem Augenblick an, wo wir getrennt wurden, lieB mein EinfluB
nach. Jetzt ist sie eine sehr gliicklich verheiratete Frau, ^ch stehe
in keiner Verbindung mehr mit ihr, da ich es nicht verwinden kann,
dieses siiBe Geschopf, das mir so unendlich lieb und teuer war, an
einen Mann verloren zu haben."
Ein homosexuelles Bauernmadchen schreibt mir:
„ Man wollte mir das Stricken eines Strumpfes beibringen, aber
obne Erfolg — denn ich warf den Strumpf beiseite und rannte hinter
dem Knecht her, um mitfahren zu konnen und die Leine fiihren zu
diirfen, oder in den Kuhstall. Es war vergebens, mich fiir weibliche
Arbeiten zu interessieren, und noch heute bore ich die traurige
Stimme, mit der meine Xante oft sagte: „Was soil aus dir werden,
wenn das deine Mutter selig wiiBte !" Oder ich bestieg ein Brett und
fuhr den FluB entlang und deuchte mir ein Kapitan, der sein Schiff
durch Sturm und Wetter in den sicheren Hafen fiihrt, imd neben
mir in meiner Phantasie stand dann mein Weib ; ich sah ihren be-
wundernden Blick iiber meine mannliche Kraft -und Energie. Ich ging
gern in Mannerstiefeln, sogenannten Stulpenstiefeln ; je schwerer sie
waren, je mehr imponierten sie mir; ich half auch gern bcim Dreschen,
sogar beim Mistauf- und -abladen, was mir sehr streng verboten war ;
ich tat es aber heimlich doch. Mein Onkel nannte mich immer
„Dicker** und zum Arger meiner Xante lieB er mich oft allein mit Pferd
und Wagen fahren, mit der AuBerung, daB ich dies besser konne als die
Knechte. Fiir Peitschen- hatte ich eine groBe Vorliebe, ebenso wie
noch heute fiir Spazierstocke. Heimlich nahm ich oft aus der Ecke
meines Onkels derben Knotenstock und ging dabei mit einem unsag-
baren, gliicklichen Gefiihl, mich dabei als Mann fiihlend, heimlich
iiber die Felder, tiichtig ausschreitond. Hatto ich Gelegenhoit, mit einer
Freundin allein in einem Wald zu soin, so erfiillte mich der Gedanke
mit einem stolzen Empfinden, wenn sie angstlich war, mich als ihren
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Beschutzer zu fuhlen, und ich war gliicklich, wenn sie es empfand
und meinen Mut lobte.
Bestimmend fur mein Leben wurde foleende Begebenheit, die
ich heute noch nach Jahren nicht iiberwinden Kann : Als ich 19 Jahre
zahlte, lernte ich ein Madchen von 16 Jahren kennen. Sie war sehr
gut erzogen, ihr ;Vater war Lehrer im Dorf. Sie war ein Gretchen
mit bis an die Erde reichenden Zopfen von echt madchenhafter Lieb-
lichkeit. Ich empfand zum erstenmal eine echte groi3e Leidenschaft.
Wo es sein konnte, zeigte ich mich galant und aufmorksam. Ich
brachte ihr kleine Geschenke und hungerte, um sie bezahlen zu konnen.
Ich war gliicklich, bot sich mir die Gelegenheit, ihr Aufmerksamkeiten
zu erweisen, ihr Jackett oder ihren Schirm tragen zu diirfen. Die Liebe
zu ihr erfiillte mein ganzes Sinnen, und ich war ihr auch nicht gleich-
giiltig. Sie litt es, daB ich sie kiifite, sie mein Lieb nannte, und ich
schenkte ihr einen Ring mit der Inschrift: „Sei treul" Sie schrieb
mir einen Brief, daB sie jetzt immer Liebeslieder singe und schenkte
mir auch einen Ring. Wir lebten eine selige Zeit — es war die schonste
meines Lebens. — Da eines Tages kam sie traurig zu mir und erzahlte,
daB ihre Eltern ihr den Verkehr mit mir untersagt hatten. Jedenfalls
hatte man einen meiner Briefe gefunden, und was wir noch nicht
wuBten, das ahnten die Eltern. Als gut erzogener Mensch wollte ich
den Wunsch ihrer Eltern respektieren, wenn ich auch wuBte, daB ich
es nicht ertragen wiirde ; aber sie wollte nicht von mir lassen. So
trafen wir uns heimlich. Unsere Liebe wurde in dieser Zeit gliihen-
der — ich wurde mannlicher und mein Verstand scharfer. Eines Tages
hatten wir eine Eifersuchtsszene, es kam zu einer Aussprache ; dann
kamen die inhaltsschweren Worte: „Du willst, daB ich dich liebe,
wic ich nur einen Mann lieben kann, aber du bist doch gar keiner."
Diese Worte trafen mich wie Keulenhiebe — und ich sank vernichtet
in mich zusammen. Als ich ihr die Hande zum Abschied reichte,
hielt sie mich zuriick, — ich riB mich aber los, schloB mich ein,
zertrat den Ring und warf ihn ihr am nachsten Tag vor die FiiBe.
Ich war kein Mann — ein Mann muBte ich sein, damit sie mich lieben
konnte ! In mein Gehirn und in meine Gedanken kam keine Ruhe
mehr — warum war ich kein Mann?"
Auch der folgende Bericht uber das erste Erwachen seiner
Liebe — er rlihrt von einem Studenten her, der sich noch nie
sexuell betatigt hat — bestatigt den Satz, daB sich der homo-
sexuelle Trieb wohl in seiner Richtung, nicht aber in seiner
Naturwiichsigkeit von der normalsexuellen Liebe unter-
scheidet :
„Ich bin in Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichaltrigen
Kameraden eine offentliche Schxile besucht, bin sogar in einer Pension
gewesen, wo es sicher .nicht sehr zart herging, und habe mir trotz-
dem gerade in sexueller Beziehung merkwiirdig lange meine Kindlich-
keit bewahrt. Ich habe nie wie andere Kinder Vergniigen daran ge-
funden, dariiber zu reden und zu griibeln, „woher die Kinder kom-
men," ich hatte sogar eine merkwiirdige Scheu, deren Ursachen mir
ietzt noch unerklarlich sind, iiber solche Dinge reden zu horen. So
gait ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen
Kameraden fiir „unschuldig" ; an den Klapperstorch glaubte ich ja
gerade nicht mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen
des Unterschieds der Geschlechter und von irgendwelchen sexuellen
Beziehungen. Natiirlich verstand ich auch nichts von den bekannten
Witzen, die iiber dieses Thema gemacht wurden, was am meisten
dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld" zu verbreiten. In dieser
Zeit, ich war 17 Jahre, faBte ich eine eigenartige Zuneigung zu einem
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meiner Mitschiiler, dem Primus der K^asse. Es war so herrlich schon,
sich vorzustellen, wenn wir beide so recht sehr befreundet waren,
immer zusammen sein konnten, die Schularbeiten gemeinsam machton
und uns nie zu trennen brauchten. Und wenn ich dann abends inj
Bett lag, malte ich mir alle moglichen Ereignisse aus, die eintreten
miiBten, damit wir recht eng befreundet werden konnten ; da konnte
doch z. B. sein Haus abbrennen, und dann wiirde er keine Wohnung
haben, und ich wiirde ihn auffordern, bei uns zu wohnen ; und dann
wiirde er sogar bei mir im Bett schlafen, so dafl ich ihn sorecht
fest umarmen und an mich driicken konnte, um ihm zu zeigen,
wie lieb ich ihn habe.
Wohlgemerkt, diese Gedanken kamen mir und erfiillten mich mit
gi'ofiter Seligkeit, ohne daB ich eine Ahnung von den sexuellen Be-
ziehungen der Geschlechter hatte. Mein Gemiit war vollstandig rein
und unverdorben durch unsaubere und schmutzige Geschichton, wie
sie andero GroBstadtkinder oft allzu friih zu horen bekommen. Und
dennocii kamen mir diese „unsittlichen, unzdchtigen" VorsteUungen *?
Ncin, es lag nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, und
diese Tatsachen, die ich an mir selbst erlebt habe, die ich gefiihlt und
gedacht habe mit meinem 'innersten Herzen, sind mir der sicherste
und unumstoBlichste Beweis dafiir, daB in der Homosexualitat an sich
keine Spui- von dem enthalten ist, was Unwissenheit und* Unkenntnis
hineinlegen wollen. Es sei denn, daB man das Geschlechtliche iiber- ■
haupt als etwas Unsittliches ansieht, daB man die natiirliche Welt-
ordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschen-
leben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche
Liebe gleich mit verdammen. — Jetzt weiB ich, daB das, was sich
damals abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der
Liebe, in emem noch kindlichen Gemiite, das nicht wuBte, was in
ihin vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit ganzlich er-
fiillt wai".
Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe
ein mannliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn
andere „normale" Manner auf der StraBe ein hiibsches Madchen sehen,
so blickeu sie sich unwillkiirlich danach um ; mir ergeht es ge-
nau so mit schonen Jiinglingen, denen ich ebenso
nachsehe. Trete ich in eine Gesellschaft, komme ich auf einen
Ball usw., so geschieht es oft, daB mir ganz unbewuBt einer der
jung-eu Leute, die ich nicht kenne, auffallt, und ich ertappe mich
nachher dabei, daB ich fortwahrend darauf geachtet
habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt usw. usw.
Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelost durch eine
andere grofiere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschiiler
ergriff, der zwar ein ganzes Jahr alter war als ich, aber in einer
tieferen Klasse saB. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz all-
mahlich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich
jede mogliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein; auf
dem Schulhofe, auf der StraBe, bei den Turnspielen u. s. a. Und dabei
war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu
la^sen ; nicht nur, daB er in einer anderen Klasse war, sondern es
gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns,
wir batten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise
meiner nachsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffalliger
muDte es sein, wenn ich mich mit ihm naher befreundete, und icb
suchte die verschiedensten Vorwande, diese Annaherung zu erklaren,
nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch
imnier nicht ahnte, was in mir vorging. Aber gerade in dieser Zeit,
icii V7 SkT 18 Jahre, ging mir schlieBlich doch das Licht iiber die
wahre Uedeutung der Sache auf, in dieser Zeit, wo ich den Moment
abpaBte, ^m ihm „zufallig" zu begegnen, und an nichts anderes dachte
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als ail ihn. Ja, ich wuBte bald, daB ich ihn wirklich und regelrecht
liebt^, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich nicht den Mut, ja,
ich gab mir lange sogar noch Miihe, es ihn nicht merken zu lassen.
Am Ende wurde aber das Gefiihl, das mich zu ihm hinzog, so iiber-
machtig, und ich wurde der Heuchelei vor ihm und mir selbst so
miide, oaB ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer zusammcD
arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Kiissen iiberschiittete, imd ihm
alles beichtete. Er nahm diesen Ausbruch etwas verwundert, aber
doch ganz ruhig hin, ohne zunachst zu begreifen, um was es sicb
eigentlich handelte.
Die nun folgenden Wochen waren die schonsten meines Lebens:
fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm bei alien seinen
Schularbeiten, und wenn wir damit fertig waren, safien wir eng anein-
ander jgeschmiegt und sprachen uber alles und nichts. Doch es
waren ISider nur wenige Wochen ; denn genau zu derselben Zeit stellte
sich auch bei meinem K. die Liebe ein — aber nicht zu mir, sondem
zu einem kleinen Madchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu ihm
kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzahlen, als von
i h r , und auf dem Schulwege sprach er mit mir von i h r , und abends
ging ich mit ihm dahin, wo er s i e tref fen wollte, wartete mit ihm,
bis sie kam, sprach ein paar Worte mit ihr, und verabschiedete mich
dann, um die beiden allein zu lassen — ich war ja uberfliissig. Es
floB wohl auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freimdin
uber, da sie es ja war, die ihn gliicklich machte. Aber das Herz
blutete mir doch, wenn er mir seine Tagebiicher gab, in denen nur
von ihr stand, was sie tat und sagte und dachte, und ich kaum mit
einem Worte erwahnt wurde. Am meisten jedoch schmerzte mich.
daB er sich energisch weigerte, meine Kiisse imd Zartlichkeiten weiter
zu dulden, denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, dafi meine
Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien und ich ihn mit alien
Mitteln, die mir zu Gebote standen, iiberzeugt hatte, daB meine Liebe
zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie die zwischen Mann und Weib, ge-
rade darum behauptete er, ihr untreu zu werden, wenn er sich noch
ferner von mir kiissen lieBe. „Freunde konnen wir ja bleiben,"
sagte er, „denn ich habe dich ganz gem, aber nicht anders wie andere
Freunde wollen wir sein."
Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahro lang, und ich
schmeichle mir, einen recht guten EinfluB auf ihn ausgeiibt zu haben;
nicht nur, daB ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondem ich ver-
suchte auch, ihm etwas hohere Interessen beizubringen, aJs er sie
leider besaB, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen,
politischen usw. Fragen zu beschaftigen, auf die ihn die Erziehung,
die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene
Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu
ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Starke bestehen, und noch
heuto bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.
Im Laufe dieser Jahre wurde mir meine Veranla^ung auch nach
der negativen Seite hin klar. Als meine Mitschiiler anfingen, von
ihren Liebsten zu erzahlen, deren Namen in die Schulbanke einzu-
kratzen, bei jeder Gelegenheif- ihnen Ansichtskarten zu schreiben,
dachte ich anfangs, besondert, da ich immer einer der Jungsten
in der Klasse war, das wiirde mit der Zeit bei mir auch noch kommen.
Dabei ahnte ich nicht, daC die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes
als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, starker vielleicht und tiefer,
ais sie die meisten anderen zu ihren Madels empfanden. Erst durcli
Analogien, die mir auffielen, kam mir eine Ahnung des wahren Sach.-
verhalts. Wie jeder richtig Verliebte ging ich taglich, so oft wie
moglich, und wenn es die groBten Umwege kostete, an seinem Hause
vorbei und war gliicklich, wenn er einmal am Fenster stand. So
dammerte es 'u mir auf, und einmal aufmerksam geworden, unwil3-
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kiiiiicL weitere Anhaltspunkte suchend, kam ich bald zur GewiBheit
uber micb. Ich entsinne mich z. B. nocb genau, welch tiefen Ein-
druck es auf mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu
mil* sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist
verliebt ;*' ich hatte ja tatsachlich meinen Bruder nur darum nicht
mitnehmen wollen, um, wenn ich i h n treffen soUte, allein mit ihm
zu sein."
Deutlich tritt in diesen Wiedergaben homosexueller Empfin-
dungen eines der untriiglichsten Zeiehen echter Liebe: die
Eifersucht zutage. Die mannlichen und weiblichen Homo-
sexuellen sind diesem unlustbetonten Affekte genau so wie die
Heterosexuellen unterworfen. In vielen Fallen erstrecken sich
die eifersuchtigen Regungen nur auf Mitbewerber, die d e m -
8 e lb en Geschlecht wie die Liebenden angehoren, also auf
andere Homosexuelle, in sehr vielen Fallen sind homosexuelle
Frauen aber auf heterosexuelle Manner, homosexuelle Manner
auf Frauen eiferstichtig.
Zwei Beispiele fiir viele. Eine Homosexuelle erteilt mir folgende
Auskunft :
„Icli bin jetzt seit mehreren Jahren mit einer Frau sozusagen
„verheiratet**. Sie liebt nichts auf der Welt als mich und ich liebe
sie von Herzen wieder, bin ihr aber schon oft untreu geworden, wes-
wegen es schon oft zum Bruch gekommen ist, doch konnen wir aui
die Dauer nicht voneinander lassen und ich fiihle mich genau so ge-
bunden, als wenn ich staatlich oder kirchlich mit ihr getraut ware.
Ich wiirde mich unter keinen Umstiinden berechtigt fiihlen, sie
zu verlassen, selbst dann nicht, wenn ich eine andere Frau mehr
liebte als sie. Das einzige was uns trenncn konnte, ware eine Un-
treue ihrerseits, denn ich verlange aljsolute Treue und konnte
eine Untreue n i e m a 1 s verzeihen.
Das mag seltsam erscheinen, ist aber wohlbogriindet. Sie ist eine
Frau, die nicht ausschliefilich mit den S i n n e n untreu werden konnte,
ihr H e r z ware mitbeteiligt, sie ware mir also viel untreu er, als
ich es ihr in den weitaus meisten Fallen bin. AuBerdem verlange ich
von der Frau, der ich mich fiirs Leben verbinde, daB ich „Allein-
herrscher aller ReuBen" bin, wenn ich mit jemand t e i 1 e n solJ, so
danke ich bestens. Sie ist alter als ich, ich bin nicht nur ihre
einzige, sondern audi ihre e r s t e Liebe, sonst hatte ein Biindnis
fiirs Leben fiir mich auch nicht in Frage kommen konnen ; eine .,Ver-
gangenheit", den Gedanken, daO dieselhen Gefiihle und Liebesbezeu-
gungen vor mir schon jemand anders empfan«:en hatte, konnte ich
nicht ertragen. „Meine Frau," wie ich sie oft ncnne, ist mir ein
sexuelles Ratsel. Sie ist ca. 30 Jahre alt geworden, ohne sich jcmals
verliebt zu haben, w e d e r in einen Mann noch in eine Frau. Sie
hat zum SpaB mit Mannern kokettiert, um sich nachher iiber sie lustig
zu machen. Dann lernte sie mich kcnnen, und ich verliebto micli
in sie, glaubte aber, daB es lediglich eine Episode wie andere blcibcn
wiirde. Sie aber faBte eine heiue tiefe Liebe zu mir, und licC mich
nioht wieder los ; auch seitdem hat sie sich nie fiir einen anderen
Menschen interessiert. Zum tragischen Bruch zwischen uns kam es
wegen einer schonen Frau, in die ich mich so abgottisch verliebte,
daB ich glaubte, das Leben ohne ihre rJofjenliebe nicht ertragen zu
konnen. Sie konnte sie mir niclit scheuken, da sie ,, normal" ver-
aplagt ist. Ich machte einon Selbstmordversuch, an dcm iibrigens
ein durch Uberarbeitung und Nikotinvergiftung zerriittotes Nerven-
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system wohl im Grunde die Hauptschuld trug. Zum Gliick miBlang
er, da ich aus anatomischer Unkenntnis fehlerhaft schofi. Heute
begreifo ich nicht mehr, wie ich mich so hinreiBen lassen konnte,
und gabe viel danim, wenn ich diesen Dummeiijungenstreich un-
geschehen machen konnte. Jene schone Frau ist mir aber immer nocb
gefahrlich und ich vermeide sie soviel ich kann."
Ein homosexueller Arbeiter F., den ich vor dem Schoffengericht
in Neukolln zu begutachten hatte, gibt das folgende anschauliche Bild
seiner Eifersuchtsregxingen. Er war wegen tatlicher Beleidigung an-
geklagt, weil er einen Lehrling, den er von der Werkstatt heimbeglei-
tete, auf der Treppe gekiifit hatte. Eine Hausbewohnerin hatte den
Vorgang gesehen und inn dem Vormund des Jungen gemeldet, der dar-
aufhin Strafantrag wegen Beleidigung stellte. In F.'s schlichter Lebens-
beschreibung lautet eine Stelle:
„Nicht lange darauf sollte mir ein herrlicher Freund erstehen,
fiir den ich mir eine Kugel durch die Brust ^geschossen habe, so un-
aussprechlich habe ich ihn geliebt, leider traf sie mich nicht tod-
lich. Acht Jahre in treuer Liebe war ich mit ihm verbunden. Wir
lebten wie Mann und Frau. Wie unzahlige Male sagte er nicht zu
mir, wenn wir uns beide selig umarmt hielten: Max, mache was du
wilist mit mir; ^ch glaube, er ware fiir mich gestorben, so wie ich
fiir ihn. Als Lehrling lemte ich ihn kennen und zwar in einer
Druckerei, wo ich auch annahernd sieben Jahre beschaftigt war.
Sein freundliches Wesen und sein siiBes Gesicht zogen mich mit solcher
Gewalt zu ihm hin, daB ich mich nicht halten konnte, und ihm sagte,
daB ich ihn so sehr gem habe ; darauf sagte er mir : „Das ist so wie
ein Liebesgestandnis, und er gestand mir, daC er mich auch gen)
hat. Er gab sich mir ganz hin, wie er war, mit Leib und Seele,
wir hatten uns beide gesucht und gefunden. Er fiihrte mich bei
seinen Eltern und Geschwistern ein, wo ich sehr gern gesehen wurde ;
es hatte niemand etwas dagegen, dafi ich mit meinem einzigen Lieb-
ling verkehrte, es nahm niemand Anstofi, daB ich alter war als er.
Und ich war so gliicklich, endlich ein Wesen gefunden zu haben.
Mit Madchen hatte er sich die ganzen Jahre nicht abgegeben. Icb
sagte ihm immer wieder, ich lasse nicht mehr von dir, eher lasse
ich mich in Stiicke reiBen, ich kann ohne dich nicht mehr leben,
so liebe ich dich. Aber mit einem Male geschah es, ich konnte da-
gegen kampfen, wie ich wollte, alles umsonst, er war verloren fiir
mich, fiir immer. Es zog ihn plotzlich mit machtiger Gewalt zum
weiblichen Geschlecht hin und gleich dermaBen, daB er sich von einer
Liebschaft in die andere stiirzte, bis die eine kam, die mir mein
einziges Gliick, was ich auf der Welt hatte, meinen einzigen Lieb-
ling raubte. Ich haBte dieses Madchen und basse sie auch jetzt noch,
wo sie schon mehrere Monate mit ihm verheiratet ist. Dieser Schick-
salsschlag traf mich damals so tief, daB ich glaubte, ihn niemals tiber-
winden zu konnen. So ging ich, um meinem traurigen Dasein ein
gewaltsames Ende zu machen, in den Grunewald, nahe dem Selbst-
morderfriedhof, wo ich mir nach tagelangem Herumirren eine Kugel
durcli die Brust schoB. Der SchuB hatte leider das Herz nicht ge-
troffen, er ging durch die Brust und kam hinten am Riicken wieder
heraus. Dann lag ich 7 Wochen schwer verletzt im Krankenhaus.
Von da aus kam ich noch 6 Wochen in eine Heilstatte. Und er,
um den ich hatte sterben wollen, zeigte sich wieder als treuer Freund-
Er besuchte mich standig; noch einmal war ich selig, wie in vfer-
gangenen Zeiten. Dann zog ihn das ewig Weibliche doch zu sehr
an, und er heiratete. Ich wiinsche ihm alles Gute, ich werde ihn
nie vergessen. Meine einzige Sehnsucht ist Sterben."
Wie in diesem Falle sind alle moglichen Affekthand-
luiig en infolge unglticklicher Liebe bei Homosexuellen haufig
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vorgekomlneii nnd beobachtet worden: Morde, Selbstmorde, die
mit den im zweiten Teil unter den ,,Folgen der Verfolgung**
Homosexueller zu besprechenden Selbsttotungen nichts zu tun
haben, Doppelselbstmorde und Morde mit Selbstmorden. Diese
Gewalttaten sprechen sehr viel flir die Echtheit und Starke
des seelischen Affekts, denn wenn es sich nur um ^ie Ausf lihrung
eines Geschlechtsakts, um eine „Kaliberfrage'* handeln wiirde,
wie einmal ein Autor in einer durch Sachkenntnis ungetriibten
Erorterung des Problems meinte, wtirden schwerlich von Homo-
sexuellen aus unglticklicher Liebe so furchtbare, folgenschwere
Delikte begangen werden.
Ein solcher Mord aus Eifersucht war es gewesen, der im vorigen
Jahrhundert die wissenschaftliche Behandlung des homosexuellen Pro-
blems inangurierte, indem er Heinrich HoBli in Glarus zur Ab-
fassung seines „Eros" Anlafi bot. Am 30. September 1817 war zu
Aarwangen in der Schweiz durch Schwert und Rad sein Landsmann,
der 323ahrige Doktor der Rechte Franz Desgouttes hingerichtet
word«en. Desgouttes hatte am 29. Juli desselben Jahres den
22 jabrigen Daniel Hemmeler ermordet, der seit mebreren Jahren
in seiner Schreibstube beschaftigt war, um den Advokatenberuf zu
erlernen. MaBloser Schmerz iiber die Gleichgiiltigkeit des von ihm
iiber alles geliebten Freundes, die furchtbare Angst ihn zu verlieren,
Eifersucht auf Viktoria Dennler, bei der er trotz aller Be-
schworungen und Vorstellungen immer wieder „nocturnirte" (wie es
in seinem Tagebuche heiflt), hatten ihm den Mordstahl in die Hand
gedriickt.
In dem Tagebuch Desgouttes, das Prof. K a r s c h *) vor
einigen Jahren im Bemer Staatsarchiv bei den ProzeBakten ausfindig
macnte, spiegeln sich die Eifersuchtsqualen wieder, die der Ungliick-
liche um den Geliebten litt. Wir geben einige Proben aus diesen
ps3''choIogisch bemerkenswerten Aufzeichnungen, die sich fast aus-
schlie£]ich mit der Person des Freundes besohaftigen, wieder. Etwa
ein halbes Jahr vor der Katastrophe heifit es: Wenn ich ihn be-
trachte, seitdem der unselige Geschlechtstrieb in ihm erwacht ist,
so muB ich diesen verwiinschen ; denn mioh vergiBt er und denkt nur
an das Vergniigen, Ball, Madchen und Wein ohne doch ein Saufer oder
Wustling zu sein. Bedenke ich meine traurigen Umstande, meine ent-
setzliche Lage und den Undank des Daniel, so nimmt's mich Wunder,
daJS nicht die voUste Verzweifelung mich ergreift. Doch Glauben an
Gott, Philosophie, Hoffnung — — das halt mich emporl"
Kurze Zeit darauf findet sich folgende Auf zeichnung : Ach, guter
Daniel, hab' ich auch gegen dich gefehlt, so verzeihe; denn dein kalt
verwerfendes Wesen konnte mich verzweifeln machen.
Und am Neuiahrstage : „Warum fehlte da Daniel? Warum betrug
er sicli schon am Morgen kalt? Warum blieb er aus, da er doch wuBte,
wie seiiT ich daran hing, ihn auch am Abendessen bei mir zu sehen?
Waram mnfite ich selbst ihn holen? O, das war fiir mich ein Todes-
stich ! Ich sah nun, daB er mich gar nicht, andere iiber alles liebt.
O Gott, welch marternde, verzweifelnde Empfindungl Dies betaubte
4) VgL im iibrigen iiber Desgouttes vor alien: Quellenmaterial
zur Bettrteilung angeblicher und wirklicher Uranier. Zusammengestellt
von F- K a r 8 c h , Dr. phil., Privatdozent in Berlin. 5. Franz Des-
eouttes C^'^^^ — 1817). In „Jahrbuch fiir sex. Zwischenstufen", 5. Jahr-
|ang Bd. I P- 657 ff.
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mich furchterlich, brachte mich halb zur Wut. Ach, die grimmige
Empfindung folgte mir nach. Ich trank immer mehr iind mehr."
Im Beginn des Monats, an dessen Ende es zu der schrecklichen
Katastrophe kommt, schreibt der ungliickselige Advokat:
„ Daniel Hemmeler nokturniert bei Viktoria Dennler, wie auch
ecbon am 3. Juli. — 6. Juli: Einsam sitz ich hier, kein Daniel, der
mich trostet, mich aufrecht halt und mir beisteht, wenn schwache,
melancholische Stunden mich umdiistern. Welch* ein MenschI Wo
ist, wo bleibt die Freundschaft, die er so hoch preist? Wo sein inniges
hohes Gefuhl fiir mich? Wo sind die seligen Zeiten, da er nur in
mir und durch mich lebte? Wo die Verhaltnisse, die ihn allein an mich
banden? Wo die Reize, die er einzig in meinem Umgange fand?
Ach, von allem dem ist nichts mehr vorhanden, als das traurige An-
denken, das mir nur schmerzhafte Erinnerungen gibt. Und nun, was
ist zu tun?"
Und am 26. Juli, 4 Tage vor der Untat: „Daniel, — ich rufe wie
einst Gott unser Herr: Saul, Saul, was verfolgest du mich?" Uber
den Mord selbst nach K a r s c h folgendes :
„Nach festem Schlafe wachte Desgouttes in der Morgen-
dammerung gegen 3 Uhr mit wehmutigen Empfindungen auf, erhob
sich, ergriff eine kleine Flasche Likor, die auf dem Ofen stand, und
trank in Hast da von; da fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf:
„Wie, wenn du ihn jetzt totetest?" Und dann wieder: „Wenn du seiner
vorher noch genieBen wiirdest?" So stand er im bloBen Hemde in
seinem Schlafzimmer am Ofen. Schnell trank er, wie um sich Mut
zu holen, die Flasche fast bis auf den Grund leer und geriet, ein zum
Morde geeignetes Instrument suchend und ein Taschentuch ergreifend,
in entsetzliche Wildheit. Er ergriff ein frisch geschliffenes Messer;
dieses in der rechten Hand hStend, stiirzte er in Hemmelers
Schlafzimmer. Hier lag der Schutzlose mit unbedeckter Brust auf
dem Rdcken im Bett, seine linke Seite dem Trunkenen zugewendet.
Dieser suchte mit der linken Hand die Herzgegend und versetzte ihm
mit dem Messer einen Stich dahin. Mit der Frage: „Was soil das?"
flchlug Hemmeler die Augen auf, schrie zweimal laut und warf
sterbend einen wehmiitigen Blick auf seinen ungliicklichen Morder.
Die groBe Menge des aus der Wunde des Verblutenden hervorspru-
delnden warmen Blutes versetzte den verstorten Morder in Schrecken
und Grausen und er rannte in sein Zimmer, von wirren Gefuhlen be-
stui-mt; so war ihm noch nie gewesen. Auf einmal wachte, wie wenn
dem Drama der SchluBakt fehlte, seine WoUust auf und ging schnell
in Satyriasis iiber ; er eilte in das Zimmer des Hemmeler zuriick
und deckte den verblutenden Korper bloB; allein der Anblick des Er-
starrenden erfiillte ihn mit psychischem Abscheu gegen Befriedigung
seiner Sinnenlust. Nachdem er ein Flaschchen Scheidewasser auf die
Geschlechtsteile seines Opfers gegossen hatte, ergriff er, wie zum Ab-
schied, des Geliebten Hand und zo^ die Decke liber den Leib des
Sterbenden bis an den Hals ; sein Entsetzen ging in Wehmut und.
voUiee Abspannung iiber und so driickte er dem, den er iiber alles
gelieot hatte, die Augen zu. Dann packte ihn die Angst vor Ent-
deckung, die Furcht vor der Schande, welche er seiner Familie be-
reitet, und er kroch auf alien Vieren durch das Mittelzimmer, dessen
Fenster nicht verschleiert waren, in sein Schlafgemach, kleidete sicb
an und verlieB das Haus ohne Plan und ohne klare Besinnung."
Heinrich Zschokke widmet in seinem „Gesprach uber d.ie
Liebe** *) Desgouttes folgenden Nachruf : „In Griechenland wajre
er vielleicht ein groBer Kiinstler, der Weisen oder Vaterlandsheldon
einer geworden, durch die Freundschaft der Seelen, bei uns ward er
dadurcli Morder und die Gesetze fiihrten ihn zum Rabenstein. Sein
*) P- 270.
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fanzes Lreben voller Widerspruch und Verirrung, sein Allesopfem fur
en Geliebten; sein ewiges Bemiihen, diesen zum vollkommensten,
tugendhaftesten, edelsten Mann zu bilden; sein Kampf mit sich und
einer Leidenschaft, die ihn irre an sich selbst machte; seine An-
strengungen Zerstreuungen zu finden; sein geflissentliches Streben,
sich selbst mit geistigen Getranken zu betauben, seine wiederholten
Entschlusse zum Selbstmord; endlich die Ennordung des Freundes —
alles erklart sich aus seiner nicht anerkannten Seelenberechtigung."
In Kiel spielte sich vor einigen Jahren eine ahnliche, allerdings
bei weitem nicht von so tiefgehenden Folgen begleitete Eifersuchts-
tragodie auf homosexueller Grundlage ab, deren Opfer ich spater
selbst zu behandeln Gelegenheit hatte. Es war der ISjahrige Hand-
lungsgehilfe H., der, als er eines Morgens in sein Geschaft gehen
woUte, im Begriff sich von seiner Mutter zu verabschieden, aus dem
Hinterhalt einen SchuB in die Schlafe erhielt. Er sank von der
pugel getroffen, vor den Augen seiner Mutter zu Boden. Ein
zweit^r SchuB folgte, und hinter dem Busch fand man einen Mann,
welcher sich durch einen SchuB in die Schlafe entleibt hatte. Die
sofort alarmierte Polizei lieB den noch lebenden H. in die chirurgische
Klinik schaffen, wahrend der Fremde als Leiche ins Schauhaus ge-
bracht wurde. Aus einem hinterlassenen Briefe, welcher von der
Polizei beschlagnahmt wurde, ging hervor, daB es sich um einen rus-
sischer. Baron C. v. Ch. handelte. Nach diesem hat der junge Mensch
zweifellos zu dem Baron in homosexuellen Beziehungen gestanden. An
einer Stelle des Briefes heiBt es u. a. : „Ich liebte ihn wahnsinnig
und aufrichtig. Da er meine Liebe verschmahte und seine Neieung
einem andem gonnte, ist es besser, wir beide sind nicht mehr.*^
Ebenfalls um einen homosexuellen Eifersuchtsmord und Selbst-
mord handelte es sich in einem Falle, der sich am 26. September
1910 auf dem Lido von Venedie zutrug. Dort totete ein geistig hoch-
stehender Mann von etwa 40 Jahren, Edoardo Brazzoduro,
Richter am Gericht der kleinen Stadt Pordenone den 23 jahrigen V e r-
gilio Bilban, zu dem er eine „unermeBliche Liebe" gefaBt hatte. ^)
Vergilio war ein jimger Mann von schiichternem Wesen, mit sehr
f einen, gleichsam weiblichen Gesichtsziigen („un giovane di carattere
timido dei lineament! finissimi e quasi femminei ). Brazzoduro
hatte von seinen Eltem — .der Vater war ein kleiner pensionierter
Beanater — die Erlaubnis erbeten und erhalten, ihren talentierten
Sohii zu sich zu nehmen und fiir seine Ausbildung zu sorgen. Der
Sohn hatto den sehnlichsten Wunsch, Musik zu studieren; da dies
in dem kleinen Stadtchen, in dem der Richter amtierte, nicht gut
moglicb war, wollte er nach Venedig zuriickkehren. Von heftiger Sehn-
suciit getrieben, folgte ihm der Richter; vergebens versuchte er ihn
zur Riickkehr zu bewegen. Der Widerstand des Jiinglings verse tzte
ihn in groBte Erregung, die sich wiederholt in Tranenergiissen auf-
loste. Eines Tages trat das Zimmermadchen des Speisehauses, in
dem er wohnte, in der Annahme, daB er abwesend sei, in sein Zimmer,
um das IBett zu machen; sie iiberraschte ihn in einem Zustande, der
sic • erschiitterte. Er weinte und klagte mit stammelnden Worten
«) Dr. M. Hirschfeld, Morde an Homosexuellen. (Prozesse
gegeu Breuer, Kragujevics usw.) In „Vierteliahrsberichte des
W.-h. Komitees", Jahrg. Ill, Heft 2. pag. 169 ff.
Uber den Mord des Pariser Millionars Remy durch den fiinfzig-
^rigeu Oberdiener Renard, der nach der Anklage durch die heftige
Leidenschaft Renards zu dem Neffen Remys, mit dem er sexuell ver-
kehrt liatte, verursacht wurde, vgl. N. Pratorius: „Homosexuelle Er-
eignisse in Frankreich und Italien aus den Jahren 1908 und 1909"
in den Vierteljahrsberichten des W.-h. K. Jahrg. I, Heft 2, S. 179 ff.
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und schien ganz aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Madchen ver-
suchte ihn zu trosten, und Brazzoduro fiihlte das Bediirfnis der
Mitteilung. Er sagte ihr, wie er leide, well er einen jungen Mann
nicht bei sich haben konne, den er mehr liebe als einen Sohn (che
a^mava pid di un figliuolo). Kurze Zeit darauf, an einem Sonntag nach-
mittag, machte er mit Vergilio einen Jagdausflug. Als mit Herein-
brucb der Nacht beide nicht heimkehrten, wurden die Eltern unruhig,
stellten mit Freunden Nachforschungen an und fanden schlieBlicn
zu ihrem Entsetzen Vergilio und Brazzoduro tot am Ufer
des Kanals. Der junge Mann hatte zwei Schiisse in der rechten Schlafe
und am Hinterkopf, der Richter, dessen Hand noch den Revolver um-
klammert hielt, hatte sich erst einen SchuB in die Schlafe und, als
dieser ihn nicht totete, noch einen HerzschuB beigebracht. Die be-
schlagnahmten Briefe lieBen keinen Zweifel, daB zwischen bsiden ein
homosexuelles Liebesverhaltnis bestand. Wie stark die Eifersucht des
alteren Freundes war, bewies besonders das Zeugnis des Musik-
professors Gottfredo Giarda, welcher sich zweimal wochentlich
zur Erteilung des Unterrichts von Venedig nach Pordenone begab.
Brazzoduro ging eines Tages mit dem jungen Mann und seinem
Lehrer in den StraBen von Pordenone spazieren, und Vergilio
lieB sich auf dem Spaziergang iiber ein junges Madchen den Ausdruck
der Bewunderung entschliipfen : „Welch' schones junges Madchen!"
Brazzoduro wurde zornig, und sein Zorn ging so weit, daB er
den jungen B i 1 b a n schlug. Darauf geschah es, daB Giarda dem
Brazzoduro Vorhaltungen machte, da der junge Mann ihm sich
bereits vorher anvertraut und allerlei Klagen und Beschwerden vorge-
bracht hatte. „Geben Sie ihm mehr Freiheit; schlieBlich ist er ein
junger Mann von 22 Jahren und muB das Leben kennen lernen", rief
Prof. Giarda. Brazzoduro entgegnete : „Frei ist er, sogar in
dem MaBe, daB die Rollen vertauscht sind, so daB ich nicht von
Hause fortgehe, nicht einen Brief schreibe und iiberhaupt nichts
tue, wenn er es nicht gebilligt hat." „Wenn er ein Madchen be-
wundert, ist das doch nichts Sesonderes", meinte der andere; darauf
Brazzoduro: „Ach was! Ich bin in mein Alter gekommen, ohne
mich je einem Weibe genahert zu haben. Es ist nicht notig, das
Feuer sich ausbreiten zu lassen." Brazzoduro hatte schon vor
seiner Abreise von Pordenone dem verzweifelten Vorsatz schriftlich
Ausdruck gegeben, er wiirde, wenn sein Vergilio nicht zuriick-
kame, der Qual ein Ende machen. Auf seinen auigezeichneten Wunsch
wurden die beiden Leichen in zwei benachbarten Grabern auf dem
Kirchhof des Lido beerdigt.
Auch F o r e n) hatte einen 19jahrigen jungen Mann zu begut-
achten, der auf der StraBe mehrere Schiisse auf einen Freund abgab,
welcher nichts mehr von ihm wissen wollte. Nach der Tat schoB
er sich selbst in die Brust. Er wurde, ebenso wie der Freund, wieder-
hergestellt. Auf F o r e 1 s Gutachten, der kontrare Sexualempfindung
und Hysteric mit phantastischer Schwarmerei, beides auf Grundlage
schwerer hereditarer Belastung, annahm, wurde das Strafverfahren ein-
gestellt.
Ein ahnliches Attentat beging in Amerika ein homosexuelles
Weib, Alice M. Sie hatte sich leidenschaftlich in eine Frau verliebt,
mit der sie sich zu verheiraten wiinschte. Da diese ihr widerstrebte,
totete die junge, intelligente, in guter sozialer Lage sich befindende
Alice M. eines Tages die Freundin auf offener StraBe durch einen
Schnitt in den Hals. Nach dem Morde zeigte sie zwar tiefe Trauer
■') August Forel, Zwei kriminalpsychologische Falle. Ein
Beitrag zur Kenntnis der Cbergangszustande zwischen Verbrechen und
Irrsinn. Separatabdruck aus der Zeitschrift fiir Schweizer Strafrecht.
2. Jahrg., 1. Heft. Bern 1889, pag. 21.
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liber den Tod der Geliebten, aber keine Reue. Auch in diesem Falle
nahm der Gerichtshof an, daB die Angeklagte bei Begehung der Tat
geisleskrank gewesen sei und iiberwies sie eincr Irrenanstalt. 8) In
dem Briefo einer Urninde an ihre Freundin heiBt es: v^^^ diirstete
nach deinem Leib. Auf deinen Viktor war ich eifersiichtig wie der
Rivale auf den anderen. Ich litt alle Hollenqualen der Eifersucht.
Ich haBte diesen Menschen und hatte ihn gem getotet."
In Wien erregte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
der Fall der Fabrikarbeiterin Johanna Buchbinder Aufsehen, die „wie
ein Mann lebte, zechte, rauchte und Allotria mit Weibern trieb", und
die man den „schlimmen Pepi" nannte. Sie spielte sogar in sozialdemo-
kratischen Veranstaltungen eine nicht mibedeutende RoUe, in denen sie
durch ihre flammende Beredsamkeit die Zuhorer fortriC. Zuletzt hatte
siij einen gemeinsamen Haushalt mit einem jungen schonen Madchen;
audi an einem Kinde fehlte es ihnen nicht, dem natiirlichen Sohne
ihrer Konkubine. Fines Tages kehrte der Vater dieses Kindes zuriick,
und es kam zu stiirmischen Auseinandersetzungen, in denen erst
Johanna Buclibinder, dann ihr Rivale das Messer zogen. Schwer ver-
wundet wurde sie in das Inquisitenspital gebracht, wo man erst fest-
stellte, dalj sie eine Frau war.
Ich kenne mehrere Falle, in denen sich die Eifersucht Homo-
sexueller sogar gegen die eigene Mutter richtete ; sie gerieten in
heftige Erregung, wenn sie die von ihnen geliebten Personen mit
ihren Miittern im vertraulichen Gesprache fanden. Noch groCer ist
namentlich die Eifersucht homosexueller Frauen auf die MUtter der
von ihnen geliebten Madchen. Mehr als ein Beispiel ist mir bekannt,
in denen sich zwischen Mutter und Freundin die heftigsten Eifer-
suchtsszenen abspielten.
Tjrehoren so extreme Falle verzweiflungsvollen Verlangens,
wie die gekennzeichneten, immerhin zu den groBen Seltenheiten,
so zeigen sie doch zur Evidenz, daB Sehnsucht und Eifersucht
f lir die homosexuelle Liebe ebenso symptomatisch sind wie
ftir die heterosexuelle. Als das Geschick Biilow von Platen
trennte, schrieb der Dichter in sein Tagebuch : ,,Ich schlang
die Arme um einen Baum, legte meine Wange an die harte Rinde
und weinte die bittersten, heiflesten Zahren meines Lebens."
Allein nicht nur das ,,zu Tode betrtibt", sondern auch das
„himmelhochjauchzend**, nicht nur die negativen, sondern auch
die positiven. Gefuhlstone sind unabhangig von eigentlichen Ge-
schleehtsakten sowohl an mannlichen als weiblichen Homo-
sexuellen in groBer Fiille nachweisbar. Wie die u n g 1 ii c k -
1 i c h e Liebe die Lebensfreudigkeit und Leistungsfahigkeit erheb-
lich herabsetzt, so steigern sie lustbetonte Eindriicke und Erleb-
nisse in hohem MaBe. Dieses Wachsen liber sich hinaus, das
sowohl in der eigenen Gllicksempfindung als in dem Bestreben
zutage tritt, den andern ,,glucklich zu machen**, tritt dem Er-
forseher und Kenner der Homosexualitat auf Schritt und Tritt
8) Cf. das Referat iiber: „Sim, The caste of Alice M." von
Ct e o r g c H. R o h e in Annual universal medical sciences, edited by
Saioua and seventy associate editors. Vol. II. 1893. Philadelphia
D. 21.
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entgegen. Ich habe oft beobachten konnen, wie sich das Benehmen
und Auss^hen vergramter und verbitterter Homosexueller vollig
veranderte, wenn sie in Gesellschaft ilinen sexuell sympathischer
Personeri weilten. Schweigsame wurden gesprachig, langsame
beweglich, die dtisteren Mienen ii^llten sich auf, das Auge
strahlte, das ganze Gesicht verklarte sich. Eine homosexuelle
Dame, die viel an Prakordialangst litt — ich kenne sie seit mehr
als zehn Jahren — , berichtet, dafl es sich wie ein Alp von
ihrer Brnst lost, wenn sie die Stimme ihrer nicht sehr treuen,
gleichwohl aber leidenschaftlich geliebten Freundin am Tde-
phon hort.
Schon Westphal hob bei der ersten von ihm 1864 in der
Charit6 beobachteten Kontrarsexuellen hervor, wie sich ihr Gesichts-
ausdruck veranderte, wenn sie von den Vorziigen des von ihr ge-
liebten Madchens sprach. Besonders lebhaft, fahrt er fort, ^o) schwebt
ihr das Bild des jungen Madchens, die seit langem an einem ent-
fernten Ort lebt, zur Zeit der Periode, und auch in ihren Traumen vor."
Sehr bezeichnend sind die Ausdriicke, mit denen Homosexuelle
die subjektiven Empfindungen beschreiben, welche sie im ungeschlecht-
licben Zusammensein mit Menschen fiihlen, die sie erotisch anziehen :
es „durchrieselt", „durchdringt'*, „durchschauert*', „durchzuckt" ihren
Korper ein unbekanntes Etwas, es „geht ihnen durch und durch", „e3
iiberlauft sie so eigentumlich", „sie fiihlen sich wie elektrisiert", wie
„gebannt", „fieberhaft erregt**, „enthusiasmiert", „ihr ganzes Wesen
revoltiert*'. U 1 r i c h s i^) spricht von der „magnetischen Durchstro-
mung, die der Urning in der korperlichen Beriihrung mit einem bliihen-
den, jungen Manne empfindet und gleichsam schmeck;t", wir fiihlen,
wie eine „nervenstarkende, wunderbare Lebenskraft" uns durchrinnt,
und unter Berufung auf Lukian fiigt er hinzu: „Schon die geringste
Einzelberiihrung wirkt ahnlich". Ein andrer Homosexueller bemerkt:
„Beim Anblick meines Falles gerat mein Blut in Wallung, das Herz
schlagt rascher und die innere Bewegung wiirgt so an der Kehle,
daB ich kaum sprechen kann, zuerst kann ich mich auf nichts be-
sinnen von dem, was ich vorher sagen woUte, ich bin wie gelahmr.
und erst ganz allmahlich lost sich dieser Bann und geht iiber in
eine intensive Lebensfreude, die auch meine intellektuellen Fahigkeiteu
verstarkt und mich iiber das gewohnliche MaC meines Lebens hin-
aushebt." Und eine Urninde ^2) schreibt iiber sich: „bei der fliichtig-
sten Beriihrung von Frauen vibrierte mein ganzes Nervensystem."
Solche AuBerungen einer im Grunde — und das ist das Beachtens-
werte — spontanen vom Wollen unabhangigen Reizbarkeit konnte ich
verdutzendiachen. Bei sensitiven Homosexuellen geniigen oft m i n i m e
Reize fiir maxime Reaktionen.
Ich kannte einen Homosexuellen, den es voUkommen befriedigte,
wenn er sich von Jiinglingen, zu denen er gravitierte, bedienen lieB.
Er machte mit Vorliebe Friseurliiden ausfindig, in denen blonde Ge-
hilfen, die „seinem Fall" entsprachen, beschaftigt waren, lieB sich
10) Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. Herausgegeben
von Gudden, Leyden, Meyer und Westphal, 2. Bd. Berlin
1870.
pag. 80. „Die kontrare Sexualempfindung, Symptom eines neuro-
pathischen (psychopathischen) Zustandes." Von Prof. C. Westphal.
11) Inclusa. V, p. 36.
12) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. p. 34.
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yon ilineh rasieren, frisieren und vor allem shamponieren. Das ener-
gische iReiben der Kopfhaut und der Haupthaare fiihrte bei dem
iiberempfindlichen Homosexuellen nicht selten zu einer Ejakulatiou,
von welcher der auslosende Partner nichts geahnt haben wiirde, hatte
der dankbare Urning es nicht fiir seine Pflicht gehalten, ihn durch
ein Trinkgeld von mehreren Makrk zu belohnen. Ein Seitenstiick zu
diesem Fall bildet ein Berliner Homorse"xueller, desseil Befriedjgun^
darin bestand, am Spandauer Schiffahrtskanal intensiv die Schiffer
anzustarren, welche die schweren Ladungen bin und her schleppten ;
Oder er nahm Maurer aufs Korn, die in inrer bestaiibten Arbeitstracht
die Steine auf und ab trugen. Ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ibr
eigentiimliches Stohnen unter der Last versetzte ihn in eine mehr
und mehr ,sich steigemde Erregung, auf deren Hohe er schliefllich
hinter einem Gebiisch oder Verschlag unbemerkt masturbierte, fest den
Blick auf die Schiffer oder Maurer geheftet, mit denen er so ganz
ohne deren Wissen und Zutun verkehrte. Ein urnischer Gutsbesitzer
aus Polen berichtet: ,,Die erotischen Traume zeigten mir vielfach FluB-
landschaften mit badenden Burschen. In friiheren Jahren unternahm
ich oft weite Wege auf der LandstraBe, indem ich hoffte, einen mir
zusagenden Burschen vom Lande anzutreffen, von dem ich unter dem
Vorwande, ich sei fremd, mir den Weg zeigen lieB. Das be-
friedigte mich sexuell vollkommen."
Wir werden noch eingehender auf die homosexuellen Be-
ta tignngsf or men zurtickkommen, hier handelt es sich nicht
sowohl um den Ausdruck homosexueller Empfindungen,
als um den Eindruck, die Wesensveranderungj welche
Personen desselben Geschlechts im Homosexuellen bewirken.
Dieser geht nicht nur von der lebenden Person aus, sondern iiber-
tragt aich bis zu einem gewissen Grade auch auf ktinstliche,
und zwar nicht etwa nur ktxnstlerische Nachbildungen und
Darstellungen des menschlichen Korpers, oft so, daU die Be-
treffenden lange Zeit fiir ein rein asthetisches Interesse halten,
was in Wirklichkeit bereits ein erotisches ist.
Wenn Goethe einmal zur Erklarung der paderas-tischen
Ueigungen Winckelmanns ausfiihrt, ,,daB die asthetische
Bewunderung bei ihm zur sinnlichen Leidenschaft jgeworden
ist**, so ist auch der groBe Weimaraner hier dem so haufigen
Tmgschlusse unterlegen, in dem was Ursache ist, die Wirkung
zu eehen. Es wird hier eben wie so oft im Liebesleben S u b -
jektives unbewuBt objektiviert. Eher darf man annehmen,
daB Winckelmanns urnisches Empfinden mitsprach, wenn er
die antiken J iinglingsstatuen eines Antinous und Hermes so viel
hoher stellte als die einer Artemis und Aphrodite. Ein urnischer
Kammerdiener schrieb mir einmal : „In einem Palais, wo ich
diente, streichelte ich oft ungesehen tiber die Schamgegend am
belvederischen ApoU.**
Die Art, wie die Homosexuellen ihre Umgebung gestalten,
Ihat fur die Besonderheit ihrer sexuellen Eigenart und Ge-
cschmacksrichtung oft etwas ungeinein Charakteristisches.
Hirschfeld, HomosexualitSi. g
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Abgesehen davon, daB Zimmereinrichtung und Wandschmuck be-
senders bei femininen Urningen oft das Zarte, Weichliche, bisweilen
audi das Exzentrische ihrer Personlichkeit verraten, sind es die glei-
chen, sicli haufig wiederholenden Kunstwerke, denen wir in den Woh-
nungeu von Homosexuellen vielfeich begegnen. Zu solchen bevor-
zugten Kunstwerken gehoren von Bildern unter anderen: der heilige
Sebastian in den verschiedensten Darstellungen der italienischen Bliite-
zeit, der „blue boy" von Gainsborou g h , van Dycks Knaben-
gestalten, der Karton „Badende Soldaten" von Michelangelo,
Tiroler Bnrschen von Defregger, und die zur Schwemme reiten-
den Offiziere eines schwedischen Malers; von Skulpturen: der Dorn-
zieher, der Adorant, der Hermes des Praxiteles, Michelange-
los Jiinglings- und Mannergestalten, wie seine „Sklaven", der Speer-
werfer des rolyklet, von neueren M e u n i e r und R o d i n s Ar-
beitertypen und manche andere. Es ist natiirlich nicht zulassig, aus
vereinzelten Kunstwerken dieser Art Schliisse Ziehen zu wollen; nur
wenn sich zahlreiche Darstellungen ahnlichen Genres haufen, wenn
man nach der intimen Art der Placierung rein dekorative Absichten
Oder den bloBen Zweck des Sammelns von Kunstgegenstanden mog-
lichst ausschliefien kann, gewinnt im Zusammenhang mit an-
deren Momenten diese Erscheinung eine diagnostische Bedeutung.
Oft finden wir auch Abbildungen zeitgenossischer Beriihmtheiten,
wenn dieselben dem Sexualgeschmack der betreffenden Homosexuellen
entsprechen, in auffallender Anzahl in ihre'n Wohnraumen. Viele
sammeln Ansichtskarten, Modebilder, Illustrationen aus Zeitungen; so
befinden sich bestimmte Titelblatter der Jugend in den Handen sehr
vieler Homosexueller.
Ich gebe die Schilderung eines gerontophilen Homosexuellen, der
sich etwas ausfiihrlicher iiber diesen Punkt aufiert: „Bis zu meinem
25. Lebensjahre fiihlte ich mich zu Mannern im Alter von 40 bis
50 Jahren hingezogen. Je alter ich wurde, um so gleichgiiltiger wurden
mir relativ viel unter 50 Jahren stehende Manner. Vom Jahre
1899 an bis vor kurzer Zeit war ich in einen kiirzlich verstorbenen
20 Jahre alteren Herrn verliebt — ich bin 44 — dessen intime Be-
kanntschaft ich auBerst gern gemacht hatte. Wahrend einiger Jahre
hatte ich den Stundenplan meines angebeteten Lieblings genau im
Kopfe, so daB ich zum Zeitpunkte, wo der Mann seine Lehrstunden
verlieB, stets ihn zu begegnen oder, wenn ich im Bureau saB, voa
meinem Schreibpultplatze aus seiner ansichtig zu werden suchte. Der
Mann war hoherer Gymnasiallehrer und hatte mit seinen diversen.
Nebengeschaften ein Einkommen von ca. 10 000 Fr., so daB ihn auBere
Elegauz von vielen seiner Kollegen, welche gemeinhin nur bis 6000 Fr.
houoriert sind, vorteilhaft auszeichnete. Der Typus war mittelgroli,
kraftig und mittelkorpulent (alles Magere bezw. Hagere ist mir gleich-
giiltig) uud hatte — fiir mich eine great attraction — einen schonen
weiBen Vollbart. Ich liebe nur Typen mit schonen regelmaBigen
Gesichtern, am meisten jedoch solche mit weiBen Vollbarten unci
gewisser Distinktion. Ich habe mir aus illustrierten Zeit-
schriften eine ganze Kollektion Bildnisse sozial
hochstehender und beriihmter alterer Manner, wie
z. B. Konig Eduard von England, Konig Oskar von Schwe-
d e n , Maler B o c k 1 i n , Lord Salisbury, Marquis Beresford,
Violinvirtuose Joseph Joachim, Marquis d e V o g u 6 (alio mit
weiBem Vollbart) usw. herausgeschnitten und, um meine
Manie zu verheimlichen, in ein Konversationslexi-
kon an die diese Manner betreffenden Stellen ge-
legt. Auch habe ich diverse Bromsilberbilder be-
riihmter antiker Skulpturen, unter denen mich das
Bild von Ercole (von Lichas) aus dem Museo Tor-
Ionia in Rom ganz besonders fesselt, gesammelt.
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Das einzige, was ich an diesem Bilde als Kunstwerk sowie auch aus
dem Grunde, well ich das Nackte am liebsten sehe, zu tadeln habe,
ist, daC das ominose Feigenblatt die Geschlechtlichkeit verhiillt, da-
gegeu floBt mir das ebenfalls weitberuhmte Biid „L'Aretino** aus den
Uffizien in Florenz trotz unverhiillter Geschlechtlichkeit, der gemeinen,
zuriicktretenden Stirne, der groCen Hiinde uad FiiBe, wie auch des bart-
losen Gesichtes wegen, einen wahren Widerwillen ein, wahrend-
dem mir wiederum das Mannerbildnis „I1 crepusculo"
von dem !Monumente des Lorenzo di Medici in Flo-
renz entziickend schon erscheint. Einen solchen Korper
mochte ich umarmen und kiissen, um dabei all meine seelische Qual
und den ewigen Jammer, fiir den ich geboren bin, zu vergessen. Gegen-
wartig fiihle ich mich wieder hingezogen zu einem ca. TO — 72 Jahre
zahlenden Arzte, den ich anlaClich eines Vortrages vor einem Jahre zum
ersten Male sah. Wie oft spazierte ich nicht schon an dessen Woh-
nung vorbei, in der Iloffnung, denselben nur von weitem zu sehen. Be-
gegno ich demselben, was leider erst zweimal im Stadtinnerii ge-
schah^ so iiberkommt es mich wie ein elektrisches Fluidum, und sogar
meine doch sonst so feste Gangart bekommt eine sonderbare Unbe-
standigkeit mit Knickebeinattacken. Der Herr ist in meiner GroBe,
(mittelgroB), hat distinguiertes AuCere und tragt weiBen Bart k la
Kaiser Franz Joseph. — Fiir meine Frau, mit welcher ich nun schon
17 Jahre verbunden bin, ohne je nur einen Versuch zu einer sinnlichen,
gescbweige denn zu einer wirklichen ehelichen Umarmung gemacht
zu habeu, verbindet mich nur pures Freundschafts- und Achtungs-
gefiihl. Ich glaubte durch Verbindung mit einem reinen, weiblichen
Wesen, welches sich durch Schonheit, Talent und hausliche Tugen-
den in hohem Grade auszeichnet, wie dies bei meiner Gattin def Fall
ist, allmahlich meine mir selbst unsinnig vorkommende Liebe zum
eigenen Geschlecht zu verlieren. Nach so langer Erfahrung bin ich
in meiner Zuversicht leider nicht nur arg enttauscht worden, sondern
zu der Cberzeugung gelangt, daC meine Neigung bis zu dem alles er-
losenden Tode andauern wird."
Ein auderer, der den tiefen Eindruck hervorhebt, den ein Bild
auf ihn machte, und zwar lange, ehe er sich iiber seine geschlecht-
liche Triebrichtung klar war, schreibt:
„SoweiL ich mich zuriickerinnern kann, habe ich immer so ge-
fiihlt, d. h. ich hatte nie ein Gefiihl der sinnlichen Liebe fiir Frauen
iibrig. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein Erlebnis zwischen
meinem 9. und 10. Jahre. Ich sah in irgend einer Zeitschrift
einmal ein Bild, welches einen im Schlaf vom Feuer iiberraschten Mann
darstellte, wie er, ein Kind im Arrae, im Hemde iiber eine Leiter sich
aus dem brennenden Hause fliichtete. Das Bild erregte mich
derart, daB ich es wie wahnsinnig kiiBte; ja ich ging
sogar in der Folge ofter an einen unbelauschtenOrt,
um es mir, mit mir bisher noch ganz unbekannten
Gefiihlen zu betrachten."
Und wieder ein anderer schickt in sehr charakteristischer Weise
das Bild, das den ihn anziehenden Typus wiedergibt, mit folgenden
Begleitworten : „Beigehend das Bild meines Falles, d. h. des Typus,
der mich im meisten reizt. In alien meinen Traumen von Liebe
ist der Held wie dieser von kraftvoller strotzender Mannlichkeit, mit
treuherzigem Blick 'des Auges. Man betrachte diesen Arm, dieses
Bein!"
Es gibt unter den homosexuellen Mannern und Frauen sehr
viele, die bildliche Darstellungen des von ihnen geliebten Typus
bei sich fiihren, vor allem natiirlich 'Bilder von Personen,
deren Originale ihnen personlieh bekannt sind oder nahe stehen.
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Brief taschen homosexueller Manner und Frauen, die keine Ab-
bilder der ihnen anziehend erscheinenden Personen enthalten,
geharen zu den Seltenheiten. Vor einiger Zeit hatte ich einen
aus § 175 angeklagten Menschen zu begutachten, dessen straf-
barer Verkehr von einem erpresserischen Wirt dureh ein in die
Tiir gebohrtes Loch bsobachtet war. Wahrend der Verhandlung
fielen mir seine Manschettenknopfe auf. Als ich sie naher
betrachtete, waren es auf kleinen Porzellantafelchen angefertigte
Photographien seines mitangeklagten Freundes.
Besonders ftir Selbstanfertigvng von Photographien in alien
mcglichen Stellungen besitzen viele Homosexuelle eine wahre
Leidenschaft, bei einigen erstreckt sich diese Neigung namentlieh
auf Herstellung von Aktphotographien ; andere begniigen sich
init deren Besitz. Die von einigen italienischen und deutschen
Firmen, deren Eigentlimer meist selbst homosexuell sind, an-
gefertigten tnannlichen Akte befinden sich in tausenden Exem-
plaren in den Handen von Homosexuellen aller Erdteile. Dabei
ist zu bedenken, daU, so sehr der Besitz solcher KoUektionen
fiir homosexuelle Neigungen spricht — absolut beweisend ist er
naturiich nicht — , keineswegs durch ihn festgestellt wird, dafl
der Inhaber sich seiner Homosexualitat bewuBt gewesen ist
oder gar homosexuelle Akte ausgeftihrt hat. Ich hebe das hervor,
weil wiederholt die Beschlagnahme solcher Bilder in 'liesem
Sinnc gedeutet wurde^^).
Andererseits kann der Besitz solcher Bilder gerade in foren-
siscber Beziehung von differentialdiagnostischer Bedeutung sein. So
war vor einigen Jahren ein friiherer Jockey wegen versuchter Leiclien-
tledderei angeklagt, der auf einem Berliner Balinhof von einem Stations-
beamten dabei betroffen wurdc, wie er sich an den Hosen eines
schlai'enden Matrosen zu schaffen machte. Er bestritt die Absicht
einer Beraubung des tief Schlafenden, der in der Tasche des Bein-
kleids sein Portemonnaie getragen hatte, indem er behauptete, er be-
saBe eine Schwilche fiir die biauen weiten Matrosenhosen, er babe
nicht stehlen, sondern sich durch die Beriihrung und „Liebkosung"
der Hosen geschlechtlich erregen wollen. Das Gericht hielt diese
Angabe fiir eine Ausrede, doch konnte entlastend angefiihrt werden,
dai3 die Haussuchung in der Wohnung des Vcrhafteten Dutzende von
Matrosenbildern zutage forderte.
In der Leidenschaft mancher Homosexueller fiir Bilder und Skulp-
turen liegen iibrigens die Wurzeln zum Pygmalionismus, auf
den wir bei Besprechung der Vergesellschaftung der Homosexualitat
mit anderen Triebanomalien gelegentlich zuriickkonimen werden.
Es liegt nahe, daB ktinstlerisch angelegte Homosexuelle
sich nicht mit Photographien und Illustrationen begniigen, son-
dern selbstschopferisch ihr Ideal zu malcn oder zu formen ge-
^2) Cf. Triumph der Liebe, Aus den Papieren eines Geachtetcn.
Herausgegeben von Pugnator. Leipzig 1902. p. 23.
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neigt sind. Bei vielen Kindern kann man lange vor dem Er-
wachen des Geschlechtstriebes beobaditen, wie sie in meist un-
beholfener Weise die Uinen sympathischen Figuren zu zeichnen
verfeuchen. Die meisten geben dieses Bemtihen bald wieder auf,
wenn sic der Schwierigkeiten der Darstellung inne geworden
sind; Befahigtere setzen es fort und entwickeln es wetter, ohne
daU ihnen die erotisdie Unterstromung ihrer Liebhaberei ins
OberbewuBtsein dringt.
So suchte mich einmal ein sehr vortrefflicher Maler auf, der
von der Mutter eines iungen Magyaren, der ihm jahrelang als itodell
gedient hatte, mit Scnmahbriefen bedacht wurde, in denen sie ihn
einer homosexuellen Leidenschaft fiir ihren Sohn beschuldigte. Er
hatte dem jungen Manne und seiner Familie erst ganz spontan, dann
in Erfiillung ihrer Wiinsche groBe Wohltaten erwiesen. Als er ihren
Bitten und Anspruchen nicht mehr genii^en konnte, kam es zum Zwist
und zu diesen Beschuldigungen. Dieser Maler hatte eine groBe Freude
an Jiinglingsbildern, die ihm ganz mcisterhaft gelangen. Die Ori-
finaJe seiner Bilder, denen er ein Freund in des Wortes bestem
inne war, verehrten ihn schwarmerisch. Er selbst hatte, trotzdem
er schon die DreiBig liberschritten, etwas sehr Jungenhaftes, zugleich
in seiner zarten Schonheit und Weichheit auch viel Weibliches. Als
ihm nun die Magyarin seine Homosexualitat mit bosen Schimpfworten
ins Gesicht schleuderte, war er aufs auBerste betroffen, dann sehr
entrustet, imi so mehr, als er, der sexuell voUig abstinent lebte, der
tJberzeugung war, durohaus nicht homosexuell zu sein. Anfangs
entschlossen, die Frau zu verklagen, nahm er jedoch davon Abstand,
als er durch die Lektiire der ihm bis dahin vollig unbekannten Lite-
ratur seinu seelische Bisexualitat mit starkem tjberwiegen der homo-
sexuellen Komponente erkannte.
tJber Michelangelos ProduJction als Projektion seiner
umischen Psyche auBert sich Carpenter ^^a) einmal f olgendermaBen :
,,rn Michelangelo haben wir einen Kiinstler, der mit dem Pinsel und
MelBel buchstablich tausende menschlicher Gestalten nachbildete, aber
mit der Besonderheit, daB, wahrend ganze Reihen seiner mannlichen
Fig^uren offenbar von einer romantischen Empfindung iibergossen und
eiijgegebeu sind, dasselbe kaum von einer seiner weiblichen Gestalten
fesagt werden kann. Letztere bringen das Weib meistens in seiner
loUe als Mutter, Dulderin, Prophetin oder Dichterin, als Greisin oder
in irgendeiner Veranschaulichung von Kraft oder Zartheit, mit A u s -
n a h m e der jenigen, welche sich mit der leidenschaftlichen Liebe
verbindet, zur Darstellung." „Dennoch," schlieBt Carpenter, „sind die
Reinlieit und die Wiirde von Michelangelos Mannergestalten unanfecht-
bar und legen ein beredtes Zeugnis ab fiir jenen ihm innewohnendeu
Adel der Empfindung, welchen wir schon in seinen Sonetten sich haben
kujid^eben sehen."
Ganz thnlich wie zu bildlichen Darstellungen verhalten
sich die Homosexuellen auch zu dichterischen Beschrei-
bungen der sie erotisch fesselnden Typen. Das Lustgeftihl iiber-
trdgt sich hier von der Wahrnehmung auf die durch die Lek-
tiire liervorgerufene Vorstellung.
Oha.rakteristisch ist folgendes Bekenntnis einer homosexuellen
Frau: „Pann las ich „Idylle Sapphique" von Liane de Pougy und
isa^ „Die homogene Liebe" p. 10 f.
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verliebte mich so heftig in die groBe Kurtisane Annine de Lys, daU
ich lange brauchte, bis ich meine innere Ruhe wiederfand. Das
Bild der Liane de Pougy steht seitdem immer vor mir auf dem
Schreibtisch, weil ich glaube, dafl sie sich selbst in Annine de Lys
geschildert hat. Ich kann mich iiberhaupt nach einem Buche genau
so stark in eine Frau verlieben, als ob ich sie w i r k 1 i-c h kenne,
und ich finde, dafi die Verliebtheit in eine solche Phantasiegestalt die
allerqualendste ist, denn sie ist vollig losgelost von der Alltaglichkeit
und man kann ihr andichten, was man will, und dadurch wird sie
immer begehrenswerter, und man glaubt schlieBlich, dafl man bei ihr
so unerborte Wonnen und Seligkeiten finden wiirde, wie man sie
in der Wirklichkeit noch nie gefunden hat, denn in der Wirklichkeit
ist ja bekanntlich „die Wollust aller Kreatur gemengt mit Bitter-
keit**, in der Phantasie sieht man aber n u r die Wonnen."
Namentlich lyrische Gedichte homosexuellen Charakters werden
mit groBer Begeisterung empfunden, vorgetragen und, wenn moglich,
selbst gedichtet. Unter den Aufzeichnungen Homosexueller, die ich
im Laufe der Zeit erhielt, befinden sich viele Hunderte solcher
Poeme und Novellen, deren Kunstwert allerdings zumeist ein sehr ge-
ringer ist. Es liegt durchaus in der menschlichen Natur, etwas, das
den Ausgangspunkt und die Quelle starker Gliicksempfindungen bildet,
riihmend zu schildern. Diesen rein biologischen Faktor iibersieht
Hans GroB, wenn er den Homosexuellen zwar die sexuelle Betati-
gung als straflos verstatten will, dagegen wiinscht, daB gegen die
homosexuelle belletristische Literatur so scharf als moglich vorge-
gangen wird. „Dieser Literatur gegeniiber wiinsche man sich die
scharf ste Lex Heinze." ^*)
Es interessiert uns an dieser Stella das Verhaltnis Homo-
sexueller zu homosexuellen Dichtwerken nur vom diagno-
stischen Gesichtspunkt aus, auf den Standpunkt ihrer Zu-
lassigkeit werden wir an anderer Stelle zuriickzukommen haben.
Die diagnostische Bedeutung des Lesens und Verfassens von
Dichtungen, die in so bestimmter Weise eharakterisiert sind,
namentlich wenn, wie bei Platen, Walt Whitman oder
Sappho, das gleiche Geschlecht fast ausschlieBlich dichte-
risch verherrlicht wird^ ist insofern von Wert, weil es sich
hier um AuBenprojektionen innerer oft sogar unbewuBter
Empfindungskomplexe handelt, um Phantasieprodukte, die nicht
selten sogar eine gewisse Verwandtschaf t mit Tagtraumen
aufweisen.
Damit soil nun allerdings nicht gesagt sein, daB aus den
Typen, die ein Kiinstler mit Vorliebe schildert, ohne weiteres
ein SchluB auf sein subjektives Empfinden gezogen werden
kann. Gerade der Kiinstler, der, gleichviel ob homosexuell oder
1*) Vergl. GroB, Besprechung des Jahrbuchs f. s. Zw. Band 3,
in der Zeitschrift f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 7,
1. und 2. Heft, p. 184 ff. und dazu die ausfiihrliche Besprechung von
Numa Pratorius, Jahrb. f. s. Zw. Bd. 4, p. 858 ff., ferner die
Vorbemerkung des Herausgebers GroB zu dem Aufsatz von Bruno
Meyer, „Homosexualitat und Strafrecht" in dem Archiv f. Krimi-
nalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 44, p. 219 ff. Am eingehendsten
widerlegt Pratorius den Standpunkt von GroB im Jahrb. V. p. 980 ff.
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lieterosexuell, meist das rezeptive unci produktive, aktive und
passive Element starker vermischt in sich beherbergt, als der
einseitig virile oder feminine Typ, besitzt die Gabe des E i n -
flihlens in alien moglichen Geftihlsnuancen oft in besonders
hohem MaJJe.
G o e t h e s Lied „An den Mond" („Selig, wer sich vor der Welt
ohne Hal3 verschlieBt, einen Freund am Busen halt und mit ihm ge-
nieCt"), sein „Erlk6nig" C,Ich liebe dich, mich reizt deine schone
Gestalt"), sein Epigramm („Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber
sind mir die Madchen") lassen noch keinen SchluB auf homosexuelles
Empf inden zu, so wenig man dieses ohne weiteres aus Shake*-
8 p e a r e s Sonnetten f olgern kann. Wie Leo B e r g i^) gegenuber
dieser Annahme mit Recht betont, hat Shakespeare „auBer den Son-
netten denn doch auch die typischste h e t e r o sexuelle Liebestrago-
die der Weltliteratur („Romeo und Julia"), die gewaltigste hetero-
sexuelle Jlifersuchtstragodie („Othello"), das groflte heterosexuelle Deka-
denzdrama der Welt („Antonius und Kleopatra") und die bitterste
Liebessatire („Troilus und Kressida") geschrieben".
Auch neuere Dichtwerke, in denen gleichgeschlechtliche Empfin-
dungen wiedergegeben werden wie ^ etwa E e k h o u d s Escal Vigor,
Wedekinds Fil d'Ecosse, oder Der Tod in Venedig von Tho-
mas Mann als Beweisstiicke fiir die Homosexualitat ihrer Ver-
fasser zu erachten, scheint mir unzulassig.
Besonders augenfallig macht sich das unbe'wuBte Weben der
homosexuellen Psyche in den Nachttraumen gel tend. Wie
eng Tagesphantasien und Traume bei Homosexuellen zusammen-
hlLngen, moge die folgende Schilderung eines Urnings aus seiner
Jugendzeit illustrieren :
„Im Sommer pflegten wir ein Haus am Strande zu beziehen.
Dicht an der Veranda, zwischen Haus und Meer, fiihrte eine StraBe
vorbei, auf welcher zu gewissen Stunden die Strandgendarmen vor-
bei patrouillierten. Ich fiihlte mich sofort zu den strammen Kerlen
mit der straffen Uniform und den gebraunten Gesichtern hingezogen.
Bald konzentrierte sich all mein Denken auf sie. Abends im Bett,
vor dem Einschlafen, malte ich mir Szenen wie folgende aus: Es
klopft ans Fenster, ich offne neugierig, da langt plotzlich eine braune
Hand, ein Arm herein, an dessen Armel ich die militarischen Auf-
schlage und Knopfe wahrnehme. Ehe ich mich umsehe, werde ich
hinausgezogen. Unter dem militarischen Mantel geborgen, an der
Brust eines Mannes liegend, den ich fest umklammere, so dafl ich mein
und sein Herz zusammen schlagen hore, werde ich eilenden Schrittes
davongetragen. Dazu hore ich den Sabel klirren, empfinde den festeD
Tritt der derben Stiefel und den Ledergeruch, den sie ausstromen.
In eine Hutte tief im Walde bringt mich der Gendarm, legt mich in
sein Bett, kiiBt mich und legt sich dann mir zur Seite, ich klammere
mich fest an ihn und bin endlos gliicklich, selig. Resultat dieser
Phantasien waren die Traume, in denen sie fortge-
sponnen wurden, wobei ich zum ersten Male Pollu-
tionen hatte, bei denen ich stets erwachte und entsetzt war
uber die merkwiirdige Erscheinung, die ich fiir eine Krankheit hielt.
SchlieBlich verspiirte ich ein riesiges Verlangen, diese Phan-
tasien zu verwirklichen. — Abends wenn es bereits dammerte, ver-
-^) Vergl. „Ge8chlechter" von Leo Berg, Kulturprobleme der
Gegenwart, zweite Serie, Band 2. Berlin 1906. p. 164 und 165.
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steckte ich mich im Walde hinter einen Busch an der StraBe, auf
welcher der Gendarm vorbei kommeii mufite. Wie klopfte mein Herz,
wenn ich seine Schritte horte. Oft ging er so nahe vorbei, daO ich
nur meine Hand hatte auss tree ken zu brauchen, um seine FiiBe zu
beriihren — aber ich tat nichts dergleichen — in einer Art Starr-
krampf lag ich da, mit geschlossenen Augen, in der Hoffnung, er
wiirde mich entdecken, unter seinen Mantel stecken und mit mir
davongehen — wie im Tramn. Meinen Angehorigen teilte ich nie
etwas von meinen Gedanken und Gefuhlen mit — nicht, weil ichetwas
Unrechtes zu tun glaubte, aber doch wohl, weil ich mir schon damals
uuwillkiirlich werde bewuBt gewesen sein, etwas zu empfinden, das
mir nur selber verstandlich war. — — — "
Bei der Diagnostik der echten Homosexualitfit legt
N a c k e 1^) mit voUem Rechte besonders Wert auf den Nach-
weis, dafl, ebenso wie der Heterosexuelle heterosexuell traumt,
das Traumleben des Homosexuellen von seiner Triebrichtung
beberrschi wird. Wie eine sehr grofle Anzahl von Einzelermitte-
lungen zeigt, ist dies tatsachlich auch fast durchgangig der
Fall. Dabei erscheint es beaehtenswert, daB die anf^enehmen
Traume der Urninge, wie gerade das letzte Beispiel lehrt, auch
schon vor Eintritt der Reife von geschlechtlichen Vorstellungen
erfiillt sind, sowie dafi Traume qualvoUer Art durchaus nicht
selten durch normale Kohabitationsversuche hervorgerufene Be-
angstigungen zum Inhalt haben. Ein Urning gibt an: „Tch
tr&ume oft; ich bin verlobt oder verheiratet. Dabei habe ich
das Gef iihl f urchtbarer Beklommbnheit und einer undefinierbaren
Angst.'* Eine Urninde schreibt: „Einmal schlug ich meine
liebstc Preundin im Traume, nachdem ich ihr aufgelauert und
den Verdacht eines Betruges bestsltigt zu finden glaubte." Eine
andere, die in Mannerkleidern lebt, berichtet: „Ich traumte
wiederholt, dafi ich wieder in Mannerkleidern ging, aus diesen
Traumen wachte ich stets vor Entsetzen in SchweiO gebadet auf."
Ahnlich wie im Tramn fiihlen und benehmen sich homosexuelle
Manner im Trancezustand vielfach weiblich, homosexuelle Frauen mann-
i«) N a c k e : Kritisches zum Kapitel der normalen und patho-
logischen Sexualitat. Archiv f . Psych. Bd. 32. Heft 1. 1899. N a c k e :
Die forensische Bedeutimg der Traume. Archiv f. Kriminalanthr. 1900,
Bd. 3. N a c k e : Probleme auf dem Gebiete der Homosexualitat in der
H. L a e h r schen Zeitschrift f. Psychiatrie usw. 69. Bd. p. 812, 813
und 825. N a c k e : „Die diagnostische und prognostische Brauchbar-
keit der sexuellen Traume", in der arztlichen Sachverstandigenzeitung
Nr. 2. 1911, besprochen in den Vierteljahrsberichten des W.-h.-K.
Januar 1913 von Pratorius. N a c k e: „t}ber Kontrasttraumo und speziell
sexuelle Kontrasttraume" in dem Archiv fiir Kriminalanthropologie von
H. GroB, Bd. 28. Heft 1 und 2 (besprochen von Pratorius Jhb. IX.
S. 516). Sodann die friihere Arbeit „Der Traum als feinstes Rea^eus
fur die Art des sexuellen Empfindens" in der Monatsschrift fiir Krimi-
nalpsychologic und Strafrechtsreform 2. Jahrg. 1905. (Besprochen von
Pnitcrius im Jhb. VI IL S. 792.)
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lich'^a). F re i mark berichtet von einer Dame, die in ihren seltenen
mediumistischen Phasen, deren Eintritt sie zu verhindern bestrebt
war, eine rabiate cynische Individualitat mit durchaus mannlichen
Alluren, mannlicher Stimme etc. offenbarte.
N a c k e war iibrigens nicht der erste, der auf die Bedeutung
homosexueller Traume hingewiesen hat ; schon U 1 r i c h s hob in dem
ersten seiner Verwandtenbriefe diesen Punkt als bedeutsam hervor.
Er schreibt: „Fragt jeden Uranier: er wird genau zu erzahlen wissen,
daB bei nachtlichen Pollutionen der Traum ihm etets
mannliche, niemals weibliche Bilder vorgegaukelt
h a b e." Wenn U 1 r i c h s hier „stets" schrieb, 80 ging er, wie ihm
eine groBere Erfahrung gezeigt hat, zu weit. Er selbst erwahnt spater,
so in Memnon^'), Falle von Uraniern, denen der „Nachtlichkeits-
traum weibliche Gestalten zeigte". In einem dieser Falle bemerkt er,
dai3 dieser Umstand auf „Uranodionai8mus", wie wir jetzt sagen
wiirdeu, auf Bisexualitat schlieBen laflt. Auch Krafft-Ebing^^)
schreibt bereits: „Wie tief die angeboreije kontrare Sexualempfindung
wurzelt, geht auch aus der Tatsache hervor, daO der woliiistige Traum
des mannlichen Urnings mannliche, der des Weib liebenden Weibes
weibliche Individuen, bezw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat."
Von 100 Homosexuellen, denen ich die Frage vorlegte: „Bezogen
sich die Liebestraume auf Personen desselben oder anderen Ge-
schlechts? antworteten 87 Prozent ausschlieUlich auf Personen mann-
lichen Geschlechts." Von dem Rest hat ten die meisten k e i n e ero-
tischen Traume oder konnten sich nicht an solche erinnern.
Im wesentlichen kann man die Traume homosexueller
Manner und Frauen in zwei Hauptgruppen teilen: in solche,
die sich auf die Andersgeschlechtlichkeit der eigenen Person
beziehen — so trllumen Urninge nicht selten, sie stillten Kinder,
Urninden, sie waren Soldat — , sowie zweitens in solche, die
sexuellen Verkehr, meist Umarmungen und Liebkosungen von
Personen desselben Geschlechts zum Gegenstand haben.
Wir geben hier noch einige Beispiele homosexueller Traume. So
berichtet ein durch Intelligenz und Selbstbeobachtung sich aus-
zeichnender Urning:
„Bemerkenswert ist ein Traum aus meiner Primanerzeit, der ganz
homosexueller Natur war, obwohl ich damals von gleichgeschlechtlicher
Liebe noch nicht die geringste Ahnung hatte. Dieser Traum ist fiir
micli der untriiglichste Beweis, dafl mein Urningtum unverschuldet
ist: Einer meiner Lehrer, ein hiibscher, unverheirateter Herr, war mein
Ideal. Bei ihm hatten wir Geographic und Geschichte. Um ihm zu
gefallen, bereitete ich mich fiir seine Stunden mit der groBten Sorg-
lalt vor und blieb selten eine Frage schuldig. Von ihm traumte ich
nun, und zwar so lebhaft, daB ich noch beim Aufwachen das deut-
liche Gefiihl davon hatte, er liige bei mir im Bett. Der Traum war
ungeheuer wolliistig und bewirkte eine Ejakulation. Ich mufite sehr
oft daran denken, sprach aber zu niemandem davon, weil ich mich
scbamte. Als ich bei ihm, nach dem Abiturienten-Examen, meine
pflichtschuldige Visite machte, kiiiite er mich gluckwiinschend und
abschiednehmend auf die Stirn. Dieser Kufl erregte mich so stark,
dafi ich an mich halten muBte, ihm nicht um den Hals zu fallen.
*••) Freimark, Der Sinn des Uranismus p. 33.
") Memnon. p. 151 ff. § 105.
") Psych, sex. 7. A. p. 228.
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Heute bedaure ich, es nicht getan zu haben; ich glaube er hatte mir
meine Dreistigkeit verziehen.
Einen oft wiederkehrenden urnischen Traum, der auch mir oft
ahnlich berichtet wurde, schildert Krafft-Ebing^^) wie f olgt :
„Somniat se esse ipsum partem passivam, activam partem, virum
16 — 20 annorum se amplecti, osculari conjunctionem membrormn con-
ficere- Tum celeriter fit ejaculatio seminis."
Wie die Traume homosexueller Manner den Verkehr mit Mannern,
so haben die mit sexuellen Erregungen verkniipften Traume homo-
sexueller Frauen den Verkehr mit Frauen zum Inhalt. Einige traumen,
sie seien Manner, andere wiederum, sie schmiegten sich als Frauen
an von ihnen geliebte Weiber.
Schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert schildert der grie-
chische Dichter Meleagros f olgenden Traum :
„Fiihrte in siiBem Traum das Bild eines holden Epheben . . .
Eros ins Lager mir heut. Ich preBte den wonnigen Korper
Fest ihn umschlingend ans Herz, pfliickte das eitele Gliick.
In der Erinnerung qualt mich nun die Sehnsucht, derm immer
, Schwebt mir vor Augen der Traimi, ruft die Erscheinung zuruck. —
Ungliickseliges Herz, laB ab, an den Bildern der Schonheit
Nachtlich zu schwelgen im Traum, wenn die Wirklichkeit fehlt."
• ' Finer der haufigsten Traume homosexueller Frauen ist, daB sie
von einem geliebten Weibe ein Kind empfangen haben, eine Vor-
stellung, die auch sonst in ihren Phantasien und Tagtraimien eine
Rolle spielt.
Westphal berichtet von seiner Patientin: „sie erklart mit groBer
Entschiedenheit, sie wiirde ohne jede Erregung unter Mannern wohnen
und schlafen konnen .... In ihren wolliistigen Traumen erschien sie
sich stets in der Situation des Mannes ; oft horte sie dabei schone
Melodieen."
Der diagnostische Wert sexueller Traume wird nicht unwesent-
lich durch libidinose Traume beeintrachtigt, die der gewohnlichen
Geschlechtsempfindung des Traiunenden entgegengesetzt sind. Man
nennt sie Kontrasttraume, und diirfte die Erklarung N a c k e s*o),
der sie auf die urspriingliche bisexuelle Anlage des Menschen zuriick-
fiihrt, vvohl die zutreffende sein. Nicht ohne eine gewisse Berech-
tigung schreibt auch Leo Berg in seinem Buche „Geschlechter**
p. 108: „Es ist verkehrt, all ein aus dem Traumleben des
Menschen seine Liebesbeanlagung schlieBen zu wollen, da oft gerade
das Umgekehrte richtig ist; denn im Traume lebt nicht der ganze
Mensch, und seine wildesten Triebe sind oft in Ketten gelegt, so
daB sich nur ein gewisses Unterhalb und Nebenher seiner Seele, ein
gleichgiiltig unbewachtes Teil seiner Selbst hier entfaltet." Ein be-
donders leurreiches Beispiel bringt N. Praetorius^i):
„Ein heterosexueller Kaufmann, Mitte der DreiBiger, der regel-
maBig heterosexuellen normalen Verkehr pflegt und von dem Wesen
der Homosexualitat keine Ahnung hat, traum te, er fiihre sein Glied
in anum eines Freundes und erwachte im Moment der Ejakulation. Der
im Traume passive Freund ist allerdings ein Homosexueller, der sich
aber seinem heterosexuellen Freund nicht entdeckt hat, doch waren
Geriichte liber seine Homosexualitat im Umlauf, die zweifellos auch
zu dem Traumenden gelangt waren. DaB der Heterosexuelle gleich
1^) Krafft-Ebing, Der Contrarsexuelle vor dem Strafrichter,
Leipzig und Wien, 1895. p. 42.
20) Dr. P. N a c k e , Ober Kontrasttraume und speziell sexuelle
Kontrasttraume. (In dem Archiv fiir Kriminalistik und Kriminal-
anthropologie. Bd. 28, Heft 1/2.)
21) Jahrb. f. sex. Zwischenstuf. Jahrg. IX, pag. 617.
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an Pedikation gedacht, ist, wie Numa Pratorius riohtig be-
merkt, verstandlich, da er das Wesen der Homosexualitat nicht kannte
und im landlaufigen Vorurteil befangen, Homosexualitat mit Pedi-
kation identifiziert."
Von entscheidender Bedeutung sind sexuelle Traume oft in
Fallen von Pseudohermaphroditi^mus, in denen die Geschlechts-
zugehorigkeit noch nicht festsieht. In diesen sprechen auf das
weibliche Geschlecht gerichtete Traume sehr ftir die Existenz
von Testes, auf das mannliche Geschlecht sich beziehende Lust-
traume fiir das Vorhandensein von Ovarien, doch darf auch
hier nicht die, wenn auch nicht gerade sehr wahrscheinliche
Mcglichkeit auBer acht gelassen werden, daB auch unter Pseudo-
hermaphroditen Homosexuelle vorkommen konnen, also weib-
liebende trotz innerer Ovarien und mannliebende trotz mann-
lichem Keimgewebe, so in dem Winterschen Falle, in dem eine
Braut, die sich durch innefen Testes-Befund als Mann erwies,
nicht von ihrem Brautigam, den sie innigst liebte, lassen woUte.
Allerdings muB dabei bisweilen auch die starke Beeinflussung
der Psyche durch die Erziehung und durch die Gewohnung
an die Empfindungsweise des aufoktroyierten Ge-
schlechts in Betracht gezogen werden.
Sehr Beachtenswertes iiber das Traumleben Homosexueller findet
sich auch in der kleinen Schrift des Petersburger Arztes Tar-
no w s k y , die in Sachen der Homosexualitat einige ganz ausge-
zeichnete Beobachtungen neben vielem Phantastisch-spekulativen ent-
halt : 22)
„Das Kind mit angeborener sexueller Perversitat, sagt er, ent-
wickelt sich und wachst anscheinend in jeder Hinsicht regelmafiig
auf. . . . . Die erste AuBerung des Schamgefiihls findet
nicht hinsichtlich Madchen oder Frauen statt, son-
dern erwachsenen Mannern gegeniiber. Der Knabe
z. B. schamt sich mehr, sich vor einem fremden Manne
zu entkleiden, als vor einem Weibe. ... Endlich stellt
sich die Pubertat ein; in der Nacht kommen heftige Erregungen mit
Samenentleerung vor. Die Pollutionen sind von Traumen
begleitet, zuerst von undeutlichen, leicht verge B-
baren; doch sie werden mit jedem Male deutlicher,
bestimmter und frappieren ha u fig den Jiingling
selbst durch ihre Sonderbarkeit. Im Traum er-
scheinen ihm nicht weibliche Liebkosungen, nicht
Begegnungen mit Frauen, sondern er reproduziert
den Handedruck, den KuB erwachsener Manner, vor-
ziiglich korperlich gut entwickelter. Die auBersto
mit SamenerguB endende sexuelle Erregung wird im
Traum nicht durch eine Frauengestalt in verfiihre-
rischen Posen und Bewegungen herbeigefiihrt, son-
dern durch Umarmungen, Liebkosungen und Kiisse
von Manner n."
M) Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Ge-
schlechts. Berlin 1886, p. 11 f.
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Tarnowsky erwahnt hier auch mit Recht die Besonder-
heit des bomosexuellen Schamgefuhls. In der Tat ist dieses
ein weiteres wichtiges diagnostisches Merkmal. Gewohnlich er-
6treckt sich die Scham eines Mensehen auf das Geschlecht, zu
dem er sich hingezogen fiihlt. Ganz besonders ist dies beim
Weibe der Fall. Bei dem aggressiven Mann ist das Schamgef iihl
gegenliber dem Weibe, das er gewinnen will, weniger stark aus-
gepragt. Es kommen aber gerade auf diesem Gebiet auch unter
ganz heteroaexuellen Mannern und Frauen sehr groBe Ver-
fichiedenheiten vor, und die Zahl der Frauen, die sich ebenso
vor Frauen wie vor Mannern genieren, ohne homosexuell zu
sein, ist sicherlich recht betrachtlich, ebenso wie viele ganz
normalsexuelle Manner auch Mannern gegenliber ein starkes
Schamgef iihl besitzen. Im allgemeinen verhalt sich der homo-
sexuellc Mann in dieser Hinsicht ahnlich wie ein Weib, die
homosexuelle Frau mehr wie ein Mann. Die Schamhaftigkeit
mancher Urninge Mannern gegenliber ist ungemein grofl. Es
gibt Homosexuelle, denen es blutsauer wird, sich zwecks Unter-
suchung vor dem Arzt zu entkleiden, die bei der militarischen
Genitalvisitation wahre HoUenqualen ausstehen, die in Anwesen-
heit anderer Manner auBerstande sind zu urinieren ; im Berliner
Volk hat man flir diese auch sonst ziemlich weit verbreitete
Erscheinung den bezeichnenden Ausdruck „Harnstottern** — .
Ein femininer Timing berichtet, dafl schon vor der Pubertat
das MaBnehmen des Schneiders ein Vorgang war, der eT)enso
stark Lust- wie Schamgeflihl in ihm wachrief.
Nameutlich in der Pubertatszeit schamen sich oft homosexuelle
Jiinglinge und Jungfrauen der auftretenden Zeichen ihrer Reife, der
Scljamhaare, des Stimmwechsels, der „Junglingspicker', urnische
Madchen besonders der Periode und des Wachstums der Briiste.
Sehr instruktiv ist folgende Schilderung eines Homosexuellen,
der von Beruf katholischer Geistlicher ist:
„Ich habe mein Leben lang ein so zartes Schamgefiihl besessen,
wio es nur wenigen Mensehen eigeu zu sein pflegt. Dieses Scham-
gefiihl auJJerte sich spontan und unwillkiirlich immer nur allein dem
Biafinlichen Geschlechte gegenliber. Madchen gegenliber befliU ich
mich awar gleichfalls eines zlichtigen Benehmens, aber ich b e f 1 i B
Okich dbsselben eben, ich folgte einem Gebote der Sitte, es war nicht
9111 naturlicher Instinkt, von dem ich mich angetrieben fiihlte. Noch
erinnero ich mich lebhaft daran, wie einst, als eine Blatternepidemie
ausgebroohen war, der Arzt erschien um in der Schule zu impfem
Die Knaben muBten die Rocke ausziehen und die Hemdarmel zuriick-
schlagen. Darliber war ich nun vollig emport und ich woUte heimlich
davonschleichen. Ich gab meinen Unwillen und meiner Befangen-
heit in so deutlicher Weise kund, daB ich dem Lehrer auffiel. von
ihm befragt, iiuBerte ich, daB ich mich vor den andern Knaben nicht
mit entbloBten Armen sehen lassen woUte. Es nutzte freilich nichts,
ich moBte. Aber als ich an die Reihe kam, brannte das Gesicht mir
heifi vor Scham und das Herz pochte mir horbar vor Aufregung.
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Hatte ich mit den Madchen zusammen mich ^ntbloBen mussen, es WM*e
mir vollstandig eleichgiiltig gewesen. Ich hatte nicht die leiseste Spnr
irgend eines Geiuhls der Unlust oder der Scham in mir wahrgenommen.
So aber ging ich nach beendeter Impfung gekrankt und in meinem
kindlichen Gemiite aufs tiefste verletzt von dannen. — — Ich hatte
nm alles in der Welt niemals mit anderen Knaben zusammen gebadet
Oder mich nur im Hemd vor ihnen gezeigt. Ich hatte deshalb viel
von meineij Kameraden zu leiden und wurde oft bis zur Unertraglich-
keit geneckt. Auch am Gymnasium ging es mir nicht viel besser. Als
einst der Religionslehrer vom heiligen Aloysius erzahlte und erwahnte,
dafi dieser es nicht einmal iiber sich gebracht habe, barfuB vor
irgend jemand sich sehen zu lassen, da ging ein kicherndes Gemurmel
durch die Klasse, aus dem deutlich mein Name herauszuhoren war,
und von den verschiedensten Seiten richteten sich die Blicke auf
an mich heran und apostrophierten mich: „Heiliger Aloysius, bitt*
fur uns !" — — Als einst in die Wand zwischen dem Abort unserer
Klasse und dem einea andem Kurses der Unterhaltung wegen ein
Loch gebohrt worden war, wagte ich zwar nicht Anzeige zu erstatten,
da icli dabei verlacht zu weraen fiirchtete, aber ich nahm nun stets,
was fiir ein Bediirfnis ich auch zu befriedigen haben mochte, ein
Blatt Papier und eine Stecknadel mit mir, so lange, bis das Loch
vom Schuldiener bemerkt und Abhilfe geschaffen war. Als ich zum
ersten Male — ich war etwa 16 Jahre alt — von den Sitten 'und
Gebrauchen der Kaseme erzahlen horte, war ich dariiber so entriistet,
daB mich ein voUiger HaB gegen den ganzen Militarismus erfaBte.
Ich erblickte in ihm eine Negation meiner Natur und meines Emp-
findens, einen Hohn auf meine Gefiihle. . . . Der Tag an dem ich
mich selber stellen muBte — ich war nur einmal dazu ^notigt — let
mir einer der qualvollsten meines Lebens eewesen. Dagegen emp-
finde ich, wie gesagt, dem weiblichen Geschlecht gegeniiber nichts,
was iiber ein bloBes Anstandsgefiihl hinausginge. Ein eigentliches
Schamgefnhl dem Weib gegeniiber kenne ich nicht. Es ist mir voll-
kommeu fremd."
Die homosexuelle Frau ist, von verdrangter libido, un-
behindert, dem Manne gegeniiber viel ungenierter, unbefangener
und offener als das heterosexuelle Weib. Ungeschlechtlich und
kameradachaftlich fuhlt sie sich oft zu ihm hingezogen; um
so peinlicher bertihrt zieht sie sich aber in sich zuiiick, wenn
sie sich von seiner Seite als Geschlechtsobjekt angesehen wahnt.
Alles das ist meist mehr instinktiv als bewufit. Beispielsweise
kostet es der homosexuellen Frau im Gegensatz zu der lietero-
sexuellen meist keine Cberwindung, sich vor dem Arzt zu
entkleiden. Besonders frei fiihlt sie sich in Gesellschaft des
homosexuellen Mannes, in der sie sich nicht nur vor sexueller
Begehrlichkeit sicher weiB, sondern voraussetzt, daU er ihrer
Personlichkeit Verstandnis und wohlwollende Unparteilichkeit
entgegenbringt. Diese sexuelle Uninteressiertheit hat homo-
sexuellen Mannern und Frauen nicht seiten den Gedanken nahe
gelegt, miteinander eine Scheinehe zu schlieBen. Wir werdeti
aber spater sehen, daB, wie die Erfahrung gelehrt hat, dieser
Ausweg kein gliicklicher ist.
Viel verschamter wie deiu Mann verhalt sich die homosexuelle
Frau anderen homosexu-^Uen Frauen gegeniiber. namentlich geniert
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sich die femininere Homosexuelle oft sehr vor der virileren Homo-
sexuellen.
Ich kenne ein langjahriges Verbal tnis zwischen zwei h.-s. Frauen,
von denen mir die virilere berichtete, daB ihre weibliche „Halfte"
so schamhaft sei, daB sie sie noch niemals an den Genitalien beruhrt
habe, und daher iiberhaupt nicht wiiBte, ob sie ebenso, oder anders
gebaut sei, als sie selbst. Wie mir erfahrene h.-s. Frauen versichem,
soil eine ahnliche Zuriickhaltung nicht selten sein.
Geht aus alien angeftihrten Symptomen deutlich der see-
lische Charakter der homosexuellen Liebe hervor, so sind die
enorme Geschmacksdifferenzierung, „der homosexuelle Elektivis-
mus**, die Individualisierung, die in keiner Weise der hetero-
sexuellen Liebe nachsteht, die oft beachtete Bestandigkeit einer
glucklichen, die Dauerhaftigkeit einer ungliicklichen Liebe, Iiber-
haupt der absolute Parallelismus des homo- und heterosexuellen
Greschlechtstriebes in alien seinen Stadien und Einzelerschei-
nungen, weitere Anzeichen, die die psychische Wurzel der Homo-
sexualitat aufier Zweifel stellen.
Diesem seelischen Komplexe gegeniiber kommt dem Nach-
weise, dafi tatsachlich homosexuelle A k t e , selbst anale, statt-
gefunden haben, nur eine untergeordnete diagnostische Be-
deutung, zu. Was wir darliber bei alteren Arzten lesen, — und
noch heute drucken Lehrbticher flir gerichtliche Medizin diese
„Zeichen** immer wieder gewissenhaft nach — mutet uns
geradezu 'vorsintflutlich an.
So heiBt es in Kaans lateinisch geschriebener „Ps ychopathia
sexualis***^). pag. 44:
„Paederastia est ratio nisum sexualem amplendi cum pueris im-
maturis. — S i g n a sunt rubor, dolor ardens ad anum, vestigia sangu-
inis effusi, tenesmus, difficultaa incedendi, condylomata, haemorr-
hoides, inflammatio ani et intestini recti, ruptura perinaei, fistula,
prolapsus intestini recti, atonia ejus et vesicae urinariae.** Es scheint
uns heute kaum noch glaublich, dafl noch vor einigen Jahrzehnten
der franzosische Arzt T a r d i e u bei Erorterung der Frage, woran
man Menschen mit gleichgeschlechtlichen Empfindungen crkennen
konne, meinte, daB fiir sie, wenn nicht immer, so doch oft, einiger-
maBen charakteristisch ein Glied sei — das sich nach der Eichel
mehr und mehr verdiinne und um sich selbst gewunden sei, so daB
der Urinstrahl nach rechts und links geht, was wiederiun von der
schraubenformigen Immission herriihre, die beim Widerstand des
sphincter ani erforderlich ware. (Vergl. C a s p e r s Handbuch der
gerichtlichen Medizin, Berlin 1881, Bd. 1. p. 187. Anm.)
Auch Deformitaten der weiblichen Genitalien infolge homosexuel-
len Verkehrs sind beschrieben worden, namentlich von franzosischen
Autoren wie Martineau und von Garnier, sogar angebliche
Erkenuungszeichen an den Lippen und der Zunge der Fellatrix. Schon
Martial fabelte davon. Allen diesen Merkmalen kommt fur die
Diagnose der Homosexualitat selbst gar kein Wert zu, einigen hoch-
stens ein ganz selomdarer.
*') Henricus Kaan, Psychopathia sexualis, Lipsiae 1844.
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Viel bedeutsamer als der Nachweis absichtlich herbeigefiihrter Akte
Bind fur die Diagnosestellung des Arztes unwillkiirliche Sexual-
erregungen. So muB es sehr zu denken geben, wenn ein Weib mit-
teilt, „sie verliere, wenn sie an ein ischones Weib denkt, etwas Schleim",
Oder wenn jemand berichtet, daB er von Erektionen und Ejakulationen
— oft sind es die ersten — „\iberrascht" wurde, als er d i c h t neben
einem Kameraden oder Alteren saB, „fiir den er bis dahin eine ganz
reine Verehrung zu haben glaubte". Dabei ist zu bemerken, daB
ebensowenig wie „gleichgeschlechtliche Akte kontrare Sexualempfin-
dung" beweisen, ihr ganzliches Fehlen kontrare Sexualempfindung aus-
schlieBt; im Gegenteil kann ihr scheinbarer Mangel ein Zeichen beson-
ders starker homosexueller Reizbarkeit sein. Ich fiihrte bereits Beispiele
an, in denen die bloBe, langere Zeit fortgesetzte Beobachtung anziehen-
der Personen zum Orgasmus fiihrte. Bei anderen ersetzen Traumvor-
stellungen voUkommen die Wahmehmungen. Mir sind Falle bekannt,
wo ea bei Homosexuellen, welche die Beriihrung der Genitalien ver-
ab^cheuten, lediglich durch intensives Kiissen zur Ejakt^ation kam ;
andercj die „fertig wurden", wenn sie, anscheinend spielerisch, die
von ihnen geliebte Person- auf den SchoB najhrnen oder sich mit ihr
balgten, ohne daB der Partner iiberhaupt gewahr wurde, daB er zum
Geschlechtsverkehr diente. Manche Urninge geben an, daB es ihnen
schon ein eigentiimliches Wohlbehagen bereitet, wenn sie Worte wie
Jiingling, Bursche, Mann, Held oder gewisse mannliche Vornamen
lesen oder horen; Uminden berichten in ahnlicher Weise, daB ihnen
Ausdrucke wie Maid, Madchen, Weib, Freundin und ebenso Frauen-
namen besonders wohllautend lerscheinen.
Aus allem geht hervor, daB Dr. Capellmann, der Ver-
fasser der Pastoralmedizin^*), von dessen Anschauungen uns im
tibrigen eine Welt trennt, recht hat, wenn er schreibt: „Fur
die kontrare Sexualempfindung eprechen nicht perverse Akte,
sondern nur perverse Empf indungen.*' Krafft-Ebing
driickt dies so aus: ,,GleichgescIileclitliche Akte beweisen nicht
kontrare Sexualempfindung. Diese ist nur bedingt
durch Angezogenwerden durch die physischen
und psychischen sekundaren Gesch lechtscha-
raktere einer Person des eigenen Geschlechts.*'
**) Dr. C. Capellmann, Pastoralmedizin. 16. A. Aachen 1910.
p. 143.
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DRITTES KAPITEL.
Da$ Verhalten homosexuelier MSnner und Frauen
gegenliber dem anderen Geschlecht
Fiir die Diagnose der Homosexualitat beanspnicht das
negative Verhalten gegenliber dem anderen Geschlecht die-
selbe Wichtigkeit wie das positive gegenliber dem eigenen. 1st
letzteres lustbetont, so ist ersteres teils indif-
ferent, teils unlustbetont. Vielfach, namentlich bei
homosexuellen Frauen, ist es dieser Revers der Empfindung,
der sic sich liberhaupt erst ihrer Homosexualitat bewuBt werden
lalJt. Mir sind viele Frauen bekannt, die, bis sie eine "Ehe ein-
gingen und fzum Verkehr mit dem Manne gelangten, uber-
reugt waren, daB die innige Zuneigung, die sie zu einer
Freundin hatten, nur ein bei ihnen iibermaflig stark ehtwickelter
Freundschaftsenthusiasmus ware. Erst aus dem Unbehagen bei
der Umarmung des Mannes, als sie versptirten, dafl diese so ganz
das Gegenteil von dem in ihnen ausloste, was sie beim KuB der
Frau empfanden, merkten sie plotzlich oder allmahlich, daB ihre
sexuellc Triebrichtung sie vom Manne ab zum Weibe drangte.
Audi der homosexuelle Mann gewinnt die voile Klarheit iiber
sich oft erst im Verkehr mit dem Weibe. Hier tritt als ein
haufiger und wichtiger, wenn schon fiir die Diagnose der
Homosexualitat nicht ausschlaggebender Umstand die korper-
liche Impotentia coeundi hinzu, die physische Unmoglich-
keit, von der bei der homosexuellen Frau im allgemeinen nicht
die Rede sein kann. Manche Manner deliken, wenn sie bis zu
den Kohabitationsversuchen mit dem Weibe von einer ausge-
sprochenen Inklination zu einer Person ihres Geschlechts noch
nicht ergriffen waren, zunachst, daB sie einfach impotent seien,
und werden sich ihrer Homosexualitat erst nach und nach be-
wuflt, vielfach allerdings stellen bereits vor den Koitusversuchen
homosexuelle Erlebnisse die Triebrichtung auBer Zweifel.
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Wir werden uns auch hiei* liber da» Verhalten der Homosexuellen
(iem a n d e r e n Geschlecht gegenuber am besten ein klares Bild
macbeu konnen, wenn wir zuverlassige Personen, die gleich-
geachlechtlich empfinden, selbst reden lassen. In sehr bemerkens-
werter Weise scbildert beispielsweise der folgende Homosexuelle die
Versucbe, welche von ihm nach heterosexueller Richtung vor-
genommen wurden:
„Es war vor etwa 24 Jahren, — ich befand mich Ausgangs der
Zwanziger — als ich einigen vertrauten Freunden in einer Zeit seeli-
scher Bedrangnis meine homosexuelle Natur offenbart hatte. Sie be-
wahrten mir, trotzdem sie ausgesprochen heterosexuell waren, ihre bis-
herige Zuneigung und Achtung. Aber der eine von ihnen konnte
und wollte nicht an meine Homosexualitat glauben. Er hielt sie
damals nicht fiir eine physiologisch-psychologische Sondererscheinung
inuerhalb des Naturganzen, sondern betrachtete sie als eine A b -
i r r u n g von der Natur, die er nur Wiistlingen oder Geisteskranken
zutraute ; und fiir beides konnte er mich bei unserer jahrelangen Be-
kanntschaft nicht halten. Also nahm er an — und sagte mir das
auch — daC ich nur aus Schiichternheit und iibertriebenen sittlichen
Bedenken mich bisher nicht an das Weib herangewagt hatte
und somit zu einer falschen Beurteilung meiner selbst gelangt ware.
Er riet mir, ernstlich den Versuch zu machen, mich mit einem Weibe
geschJechtlich einzulassen; dann wiirde ich — so meinte er — meine
eingebildete Homosexualitllt fahren lassen und gleich ihm und alien
ganzen Mannern mich in meiner Neigung und meinem Verkehre 'dauernd
dem weiblichen Geschlecht zuwenden. Bevor ich diesen Versuch nicht
ausgefuhrt hatte, und derselbe — was er fiir ausgeschlossen hielt —
erfolglos verlaufen ware, wollte er meine homosexuelle Natur als
etwas Angeborenes und Unausrottbares nicht anerkennen. Seinem
' wiederholten Drangen, das vor allem einem herzlichen Interesse fiir
meine Person entsprang, ^ab ich schlieBlich nach. Ich begab mich
eines Tases abends spat in ein Caf^, um mir eine Prostituierte zu
fluchen ; doch ich ging nicht allein : ein anderer der Freunde, die ich
iiber mich aufgeklart hatte, hatte sich auf meine Bitte bereit erklart,
mich zu begleiten. Merkwiirdig: Einem jungen Manne gegeniiber hatte
ich in den damals noch wenigen Fallen, in denen ich geschlecht-
liclien Verkehr gesucht und gefunden hatte, niemals Beklommenheit
gefuhlt, und hier wo es sich um den normalen Geschlechtsumgang
handelu sollte, war ich befangen, ja, angstlich — nicht vor irgend-
welchen unangenehmen Eventualitaten, sondern vor dem Akt selbst,
vor der Situation, der ich entgegen ging, die mir
peinlich erschien, well ich mich ihr nicht gewach-
sen fiihlte. Wir entdeckten bald ein leidlich hiibsches Madchen,
das durch ein Matrosenkleid, das sie trug, ihre schlichte Haarfrisur
und ihren frischen, etwas herben Gesichtsausdruck einen mehrkuaben-
haften, als iippig weiblichen Eindruck machte.
AJs sich das Madchen entkleidet hatte, wurde mir ihre Erschei-
nung mit jedem fallenden Stiick uninteressanter. Im Unterrock und
Korsett war sie mir bereits recht unangenehn^ und als sie gar in
ihren Frauenhosen und dem Hemd, das den Busen freilieB, vor mir
stand, erfaUte mich ein gelinder Ekel, der sich noch
steig; e T te , als sie die letzten sparlichen Hiillen ent-
f e rn t e und nun auch ihr weiblicher Korperduf t auf mich eindrang.
Hatte der Duft von Jiinglingen mich mehr oder minder berauscht, so
fiihlte ich mich von diesem hier beengt und belastigt und es bedurfte
einiger Uberwindung mich zu ihr, die sich ins Bett gelegt hatte, auf
den Bett rand zu setzen. Sie gab nun ihrer Verwunderung daruber
Ausdruck, daC ich noch angekleidet war; ich vertrostete sie. Sie
beriihrte mich, es zeigten sich keinerlei Anzeichen einer
Erregung. Ich- erklarte ihr dies durch starken BiergenuB — was
Hirschfeld, HomosexiuUitSt 6
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eine falsche Ausrede war. Da ich aber einmal ein Weib vor mir hatte,
wollte ich wenigstens etwas profitieren, namlich die Einrichtung der
weiblichen Geschlechtsorgane, die ich bisher nur aus Abbildungen
kanute, in natura in Augenschein zu nehmen. Ich untersuchte dalier
mit dem Finger die Labien und die Vagina — nicht anders als
wenn ich ein totes naturwissenschaftliches Prapa-
rat vor mir gehabt hatte. Ihr behagte das iibrigens nicht
und so lieC ich davon ab, bezahlte sie und ging davon, innerlich froh,
der ganzen Sachlage entronnen zu sein.
Als ich nun meinem ersten Freunde von meinem MiUerfolge Mit-
teilung machte, war er noch keineswegs iiberzeugt, sondem meinte,
dieser ware darauf zuriickzufiihren, dafi das Madchen eine Prostituierte
gewesen ware. Meinem feineren Empfinden ware der Umstand —
zumal beim ersten Male — abstofiend erschienen, xmd er verlangte,
ich solle mich einem anstandigen Madchen nahern. Die Gelegenheit
bot sich einige Zeit spater. Ich befand mich auf dem Geburtstags-
feste eines mir befreundeten verheirateten Herrn, bei dem es frohlich
herging. Wein wurde getrunken, Champagner, wir gerieten in eine
animierte Stimmung. ifnter den Anwesenden war eine ungefahr 20-
jahrige Seminaristin, frisch, aufgeweckt, etwas keck, eher mager als
iippig, dabei hiibsch; Haare blond, nicht in iibermaBiger Fiille und
knapp frisiert. Auch sie trug ein Kleid mit Matrosenkragen (icb
liebe, nebenbei gesagt, das Matrosenkostiim sehr) und machte im
ganzen wieaerum einen etwas knabenhaften Ein-
d r u c k. Mir f iel die Forderung meines Freundes ein, ich f ing an die
junge Dame interessierter zu beobachten, ihr auch einmal verstohlen
die Hand zu driicken, was sie erwiderte. Der Zufall kam mir entgegen
— Oder war es Fiigung — indem mich der Hausherr bat, die Dame,
die allein war, nachts nach Hause zu begleiten.
Als wii* das Fest verlassen hatten, bestiegen wir eine Droschke
und ich legte ohne viele Umschweife meinen Arm um ihren Nacken.
Sie sank hingebend an meine Brust; wir kiifiten uns. Nun beriihrte
ich ihren Busen, welcher hart und fest vor Erregung wurde; alles
dies vermochte ich zu tun, da ich unter der suggestiven
Forderung meines Freundes stand und da es in der
Droschke dunkel war, so daB ich, zumal unter der Nachwir-
kung des W eines die Vorstellung haben konnte, dafi neben mir
statt eines Weibes ein Junge safie. Ich ging weiter. Plotzlich aber, als
ich ihre Finger umklammert hielt, kam es mir zum klaren BewuBtsein,
besser gesagt, ich hatte die bewuBte Empfindung, dafi ein weibliches
Wesen neben mir saC (nebenbei gesagt, war bei mir von irgend einer
Erektion nicht die Rede). Mich erfaflte, als ob ich eine Krote be-
rubrt hatte, Ekel und zugleich Reue. Von einem Sturm von
Gefiihlen durchtobt, stiefi ich ihre Hand zuriick und fiel weinend
zu ihren Fiifien, sie bittend, mir zu verzeihen und noch
mehr mich anklagend, dafi ich mich gegen meine innerste Natur ver-
siindigt hatte. Sie war im hochsten Grade erschrocken, verstand mich
nicht und suchte mich zu trosten, indem sie ein iiber das andere Mai
sagte, „dafi das Ganze ja nicht so schlimm gewesen ware und dafi
sie ebensoviel Schuld hatte wie ich."
Vor ihrem Hause angelangt, verliefi ich sie und ging, innerlich
zerrisseu und zerschlagen nach Hause. Nach einigen Tagen erhielt
ich einen Brief von ihr, in dem sie iiber das „Droschkenabenteuer"
scborzto und mich um ein Rendezvous bat. Ich antwortete nicht,
Darauf schickte sie mir einen emst \md innig gehaltenen Liebesbrief,
in dem sie mir auseinandersetzte, dafi sie mich infolge meines Schwei-
gens auf ihren ersten Brief erst wahrhaft in meiner Tiefe und
moralischen Gesinnung erkannt hatte, mich bat, das Vorgefallene
zu vergessen und mich ihr in Liebe zuzuwenden, um auch sie von
dem Leichtsinn, der in ihr lebte, zu befreien. Sie wollte mir, den
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sie liebte und verehrte, auf immer in unverbruchlicher Treue ange-
horen. I c h antwortete nicht. Sie schrieb noch einmal — unge-
mein schmerzlich; und als ich wieder nicht antwortete (ich zwang
mich dazu, um ihr alle Hoffnung, der ich ja doch keine Nahrung
geben konnte, zu nehmen), unterlieB sie die weitere Korrespondenz.
Ich aber habe mich nie wieder mit weiblichen Wesen in
ahnliche Si,tuationen e ingelasse n."
Diese aus dem Leben gegriffene Schilderung mogen noch einige
kurze typische Angaben erganzen.
Eiu 31jahriger Landwirt schreibt: „Der Gedanke, zu heiraten,
existiert fiir mich nicht, weil er mir schauererregend ist. Geschlechts-
verkehr mit dem Weibe ist mir ganz unmoglich, ich fiihle mich von
Ekel erfullt, wenn ich nur an die Moglichkeit denke. Versuche, den
normalen Akt auszuiiben, habe ich nie augestellt, und, werde es vor-
aussichtlich, weil der Widerwille zu groB ist, niemals' konnen. Weil
mir junge Damen unheimlich waren, nahm ich schon keine Tanz-
stunde. ich besuchte keine Balle und meide moglichst Gesellschaften,
zu denen junge Damen herangezogen werden. Meine Unbehilflichkeit
jungeren Madchen gegeniiber scheint man, ohne Argwohn zu schopfen,
bemerkt zu haben, denn es ist mir neuerdings angenehm aufgefallen,
daC man mich zwischen bejahrte Damen setzt, mit denen ich mich
zwanglos, gem und rege unterhalte."
Ein Franzose von 38 Jahren gibt an: „Ich habe nie mit einem
Weibe zu tun gehabt und konnte es nicht um alles in der Welt.
Hubsche Gesichtsziige bewundere ich so voriibergehend bei einem
Weibe, wie man ein hiibsches Bild betrachtet, sollte ich aber das-
selbe Weib nackt vor mir sehen, o, mon dieu, ich wiirde die Flucht
ergreifen." Ahnlich erzahlt ein Schweizer: „Vor dem intimeren Ver-
kehr mit weiblichen Personen empfinde ich einen uniiberwindlichen
Abscheu und habe daher nie ein Weib beruhrt. Der Umgang mit
Dameu ist freundlich, so lange sie keine wanneren Gefiihle fiir mich
zeigen, geschieht dies, so erwacht ein Unlustgefiihl und ich ziehe mich
so bald wie moglich zuriick."
Diesen mehr oder weniger vollig impotenten Homo-
sexuelleD stehen solohe gegeniiber, denen es unter Unlust-
gefiihlen jnoglicih ist, mit dem Weibe zu verkehriBn. Auch
hior einige Beispiele:
Ein Fabrikant auCert sich: „Hatte ich vorher die iiber die
Homosexualitat aufklarende Lektiire gekannt, ich hatte nicht das Un-
gluck der Ehe iiber mich hereingebracht. Es war gewissermafien
ein Yerzweiflungsakt in dem torichten Wahn, ich konnte mich doch
vielleicht andem; ich habe mich aber nur doppelt unglucklich ge-
macht und leider dazu noch eine gute Frau, die ein anderes Gliick
verdient hatte, als einen Urning zum Manne zu haben. Der Akt ist
moglich, ich bringe es zur Ejakulation, aber ganz ohne Wonne-
gefmil und bin nachher sehr angegriffen. Mir bei dem mir wider-
sprechenden Verkehr eine edle Jiinglingsgestalt vorzustellen, bringe ich
nicht fertig." Ein Offizier teilt mit: „Ich habe viele Bordelle besucht,
und mit Erfolg, d. h. ich blamierte mich nicht. Ich sagte den Damen
immer, daB sie bald wieder einen ordentlichen Lebenswandel fiihren
soJlten und sie versicherten mir, noch nie einen so braven Herrn
gesehen zu haben. Vor dem Beginn habe ich meistens gezittert,
aber es gait meinen guten Ruf zu erhalten und nachher triumphierte
ich wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht." Ein Arbeiter, der
Frau und Kinder hat, gibt folgende Schilderung: „Ich fiihre den Bei-
schlaf aus, aber mit groBtem Widerwillen und fiihle mich dabei zum
Sterben ungliicklich ; am liebsten mochte ich unmittelbar danach den
Akt mit einem Manne aus fiihren konnen."
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Mindestens ebenso sehr wie homosexuelle Manner leiden
homosexuelle Frauen unter dem heterosexuellen Geschlechtsver-
kehr. Ich habe bei verheirateten Urninden wiederholt schwere
hysierischc Zustande beobachtet, namentlich Herzneurosen und
hochgradige nervose Dyspepsien, voUige Schlaflosigkeit und lioch-
gradige Schwache, die langen Sanatoriumskuren * trotzten und
erst wiehen, wenn es zu einer Trennung der Eheleute, zum
mindesten einer Trennung der Schlafraume kam. Auch hier
Belege :
Ich kannte eine urnische Dame, die mit 17 Jahren „eine sehr
gute Partie machte", well man ihr allgemein ziiredete, und sie sich
wohl selbst durch den Antrag des angesehenen Mannes geschmeichelt
fiiblte. Ala sie sich nach der Hochzeit den sexuellen Annaherun^en
des Mannes aufs energischste widersetzte, lieB der Gatte schlieChch
die Schwiegermutter kommen, damit diese ihre Tochter iiber die „ehe-
liche Pflicht" aufklarte. Die junge Frau erwiderte darauf der Mutter:
„Wenn das meine eheliche Pflicht ist, dann ware es eure elterliche
Pflicht gewesen, mir das vorher zu sagen, denn wenn ich das gewuBt
hatte, hatte ich nie und nimmer geheiratet." Die Dame blieb fest und
8 Jahro setzte der Mann mit immer langeren Unterbrechungen die Ver-
suche fort — er liebte seine Frau sehr — bis er schlieBlich in die
Trennung willigte. Die Frau lebt jetzt seit mehreren Jahren mit einer
FreundiD zusammen, der Mann ist unverheiratet geblieben.
de Joux erzahlt von einer „3ungen allbeneideten Braut, welche
die Eltern gezwungen hatten, einem sie auf rich tig liebenden, braven
und schonen Manne Gattin zu werden", folgendes: „Sie betet zu Gott,
der allein ihre namenlose Angst vor der Beriihruug eines Mannes kennt,
um Starkung bei ihrem Martyrium; die triigerische Hoffnung, sie werde
ihren entsetzlichen, tmnaturlichen Ekel vor der Umarmung des Gatten
siegreich iiberwinden, halt sie aufrecht. Doch der Himimel ist ihren
Bitten verschlossen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach-
Sie kann sich gegen ihre innerste Natur nicht auflehnen imd wahlt
zwischen Brautbett und Selbstvernichtung das kleinere tJbel, die
Myrthe wird zum Totenkranze." Sie nahm Gift.
Eine andere Urninde gibt iiber ihre eheliche Gemeinschaft fol-
genden Bericht: „Mein Gatte ist ein Ehrenmann, ich schatze ihn lun
seiner vorziiglichen Charaktereigenschaften willen, aber 1 i e b e n , nein
1 i e b e n kann ich ihn nicht. Er ist ein prachtiger Mann und hatte
wahrlich ein besseres Los verdient, denn er liebt mich wirklich-
Nun denn, ich lieC ihn wenigstens niemals merken, welche fiirchter-
liche Qualen mir seine Liebkosungen verursachten, wie namenlos elend
ich mich fiihlte, wenn ich ihn am Gipfel seiner Wiinsche sah. Ein-
mai schiitzte ich Migrane, ein andermal heftige Zahnschmerzen vor, um
mich seiner eliihenden Zartlichkeit entziehen zu konnen. Ach, wie
gerne hiitte ich mir taglich einen gesunden Zahn re i Ben lassen, und wie
Berenike, meine Locken geopfert, um mich loszukaufen I Von einem
wahrhaft schrecklichen Zorne, der beinahe an Tobsucht grenzte, wurde
ich erfiillt, als sich die ersten Zeichen von Schwangerschaft ein-
stellten. Mir d a s I . . . Ich turnte und focht f leiBig, nahm eiskalte
Bader und ignorierte absichtlich meinen skandalosen Zustand. Ich
haBte das Ungeborene wahrhaftig, und schniirte mich, so stark, bis
mir toteniibel wurde. Endlich geschah eine Fehlgeburt. Als ich
genas, war es meine erste Sorge, ein iippiges, gesundes Bauernmadchen
in das Haus zu nehmen, um meinen Mann wenigstens einigermaBen
schadlos zu halten. Lange harrte ich vergeblich ; endlich, als ich
mich entschloB, zur Kur in ein bdhmisches Bad zu reisen, gelang meiae
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List und mein Gatte ging in die liebenswiirdige Falle. Wer war gluck-
licher als ich. Das Madchen, ein gutherziges unwissendes Ding,
brachte mich nur ein einziges Mai selbst in Verwirrung, als ich sie
halb entkleidet iiberraschte. AUein ich widerstand der Versuchung.
Hanni ist in meinen Gatten iiber alle MaBen verliebt, sie kuCt seine
Hande unaufhorlich und kann nur in seiner Nahe Schlaf finden.
Ich bat meinen Herrn deshalb, sein Bett in ihrer Stube aufzuschlagen.
Das half. Schon fiinfmal stellte sich der Storch bei ihr ein und
jedesmal mit einem zappelnden Biiblein, zur Freude und Lust des
Vatcrs. Die Knaben ^edeihen prachtig und die zwei altesten lernen
schon bei mir, die sie sehr lieb haben, lesen und schreiben. Ich
bin iiber die erfreuliche Wendung der Dinge, iiber die jauchzende
Lust, die nun auf unserem SchloBchen herrscht, umso glUcklicher,
als ich in Franzensbad eine herrliche Frau kennen gelernt, die
A., welehe von ihrem Gemahl geschieden, ebensowenig Weib ist als
ich, und fiir mich eine iiberaus heftige Leidenschaft gefaBt hat. Ich
konntc mich von ihr nicht mehr trennen. Mein Gatte war nachsichtig
genug, einzuwilligen, daB mein Idol sich in unserer nachsten Nahe
ansiedelte. Unsere Liebe wird nur mit dem Tode erloschen. — Ich
schwore ihnen, daB dies alles strenge auf Wahrheit beruht."
Ein unverheiratetes umisches Madchen bemerkt: „Ich liabe bis
vor dem Erkennen der erotischen Annaherung eines Mannes Gleich-
ffiiltigkeit, nachher geradezu Ekel schon im bloBen Gedanken einer
vereinigung empfunden. Mit der gleichen Berechtigun^ konnte man
mich mit einem Hund schlafen gehen heiBen. Es ist mir vollkommen
unverstandlich, wie man mit so wenig ausgeglichenen, groben und
unzarten Wesen in ein intimeres Zartlichkeitsverhaltnis kommen kann.
Diese groBen Hande, die rauhe Haut, die tiefe Stimme — alles Dinge,
die doch geradezu abstoBen: als Kamerad ist mir der Mann beinahe
lieber als das Weib, weil seine geistigen Eigenschaften wertvoUer
und durchdringender sind. Jedoch muB ein Slensch, mit dem ich
mich gut verstehen soil, in keiner Weise den „Mann", den Herrn der
Schoplung herauskehren ; ich finde das genau so liicherlich, als tate
er es in Gesellschaft seiner Geschlechtsgenossen. Er wird mir dann
sofort zuwider — sehr zum Bedauern meines Verstandes, der gewohn-
licli einen ganz lieben Partner hergeben muB. Z. B. war mir ein wirk-
lich guter Frexmd sofort fremd, als er bei einer Ballheimfahrt mir
im Auto eine Liebeserklarung machte und damit wie gewohnlich nur
das libliche Langeweile-Gefiihl weckte. Ich besah mir den Menschen
neben mir mit Neugier geradezu, nahm mich furchtbar zusammen, urn
nicht loszulachen imd fand die ganze Situation hochst komisch und
befremdlich. Ich hatte den guten Kerl wirklich gem, und um ihm nicht
'well zu tun, versuchte ich es mit der „miitterlichen" Note. Das half.
— Einem Madchen an seiner Stelle ware ich auch nicht eine Sekunde
ausgewichen. "
Sehr merkwiirdig sind die Mittel, welche von manchen
homosexuellen Mannern im Verkehr mit Frauen angewandt
werden, um eine Potenz herbeizufiihren. Bei vielen ireniigen
PhaDtasievorstellungen, andere bedienen sich eigenartiger Kunst-
griffe und Kniffe.
Ein Kaufmann berichtet: „Ich kann mit Frauen den Verkehr aus-
dben, aber nur durch den Gedanken an den, der vor mir das Weib
besessen hat." Ein junger Berliner Arbeiter erzahlt: „Als ich
17 Jahre alt war und sich alle gleichaltrigen Kollegen Verhaltnisse und
liraute anschafften, nahm ich mir auch mein Miidchen. Da ich mir
meines eigenartigen Wesens nicht bewuBt war, war es mir seibstver-
QtaiidUch, daB ich mir spater auch als Mann eine Frau anschaffen
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muBte. Beim Geschlechtsakt mufite der sinnliche Reiz stets durch
Vorstellung einer mannlichen Person herbeigefiihrt werden. Nachher
war icli durch die groCe Anstrengung senr abgespannt, und ich
schwur mir, mich nie wieder auf derartiges einzulassen. Ich fiihlte
mich damals zu einem Verwaudten sehr hingezogen. Ich als
der Altera uad bei den Weibern Einflufireichere mufite fiir ihn immer
die Madchen beschwatzen und so haben wir oft nacheinander deo
Akt vollf iihrt. Die Beobachtung seines heifien Tempe-
raments reizte mich bis zum auliersten und war dann die Aus-
fiihrung des Verkehrens ein leichtes." Ein Hotelier aus einer mittel-
deutschen Residenz berichtete ganz ahnlich, daC er, wenn er mit
seiner Frau verkehren wolle, zuvor seinen Oberkellner „abkiissen"
miisse. Dies verschaffe ihm die geschlechtliche Erregung, mit der er
so rasch wie moglich zu seiner Frau, deren Bett sich im Nebenzimmer
befande, eile.
Vor etwa 6 Jahren suchte mich ein h.-s. Jurist mit der Frage auf,
ob er heiraten diirfe. Ich riet ihm nach eingehender Exploration mit
aller Entschiedenheit ab. Zwei Jahre spater tat er es dennoch. Seine
Frau war ein Muster an Frische, Gesundheit und Tiichtigkeit. Der
Geschlechtsverkehr stellte sich fiir den Mann als vollkommen unaus-
fiihrbar heraus. Beide waren tief ungliicklich. Die Frau wiinschte
sich sehi* ein Kind. Sie glaubte, wenn sie nur von ihm ein einziges
Kind besaBe, wiirde sie sich mit seiner Unfahigkeit fiir immer abfinden
konnen. Der Mann lieB nichts unversucht. Medikamentose Kuren, Ein-
spritzungen von Sperminum Poehl, Liebestranke aus alter und neuer
Zeit wurden gebraucht, er unterzog sich einer hypnotischen Behand-
lung, einer langwierigen Psychoanalyse nach Freud, und lieB sich
operieren, mn eine Phimose zu beseitigen. Nichts fruchtete. SchlieB-
lich verfiel er auf Folgendes: Sobald sich seine Frau zu Bett begeben,
ging er in sein Studierzimmer und besichtigte dort Aktstudien und
obszone Photographien ihn sexuell erregender mannlicher Personen.
Nachdem er sich so „g e 1 a d e n" — dieser Ausdruck stammt von ihm
selbst — eilt er zu der Frau, die von dieser Praparation nichts
wuBte und war einige Male imstandc, den erwiinschten Akt zu vollziehcn.
Doch auch dies gelang nur kurze Zeit. Jetzt sind beide iiberein-
gekommen, eine kiinstliche Befruchtung der Frau mit dem mastur-
batorisch gewonnenen Sperma des Mannes vornehmen zu lassen. Wenn
auch dieses Mittel erfolglos bleibt, soil die Scheidung in die Wege ge-
leitet werden.
Ich will diese Paradigmata aus dem Leben mit den Angaben eines
Patienten schlieBen, der mich wegen sexueller Hyperasthesie kon-
sultierte, die so stark war, daB er beim Oberschreiten der Berliner
SchloBbriicke angesichts der Jiinglingsstatuen Erektionen bekam. Es
war ein Kaufmann von 42 Jahren. Um die potentia coeundi zu er-
langen. geniigte es nicht, an einen ihm sympathischen Mann zu denken,
sondern er muBte von ihm sprechen, etwa so: „Erinnerst du dich an
den Diener des Graf en, der Vormittag die Waren abholte, hat er dir
ge fallen'.' Ein sauberer Bursche, nicht wahr? Seine Livree schien nea
zu sein? Fandest du nicht, daB sie ihm etwas eng saB? Fiir wie aJt
haltst du ihn?'* Nur wenn er solche Gespriiche mit seiner Frau fiihrte,
deren Absicht zu verdecken groBes Geschick erforderte, gelang es ihm,
zu ejakulieren und — Kinder zu zeugen, deren er drei besaB.
DaB auch hinsichtlich der Geschlechts-Substituierung die Frau
dem ]Mann nicht nachstoht, lehrt schon der alte Ehrenberg^), indem
er anfiihrt, daB oft „die Beweglichkeit der weiblichen Phantasie der
Freundin hcimlich den (Jeliebten unterschiebt, dem dann in der Tat
1) Fried r. Eh renberg: Euphranor, Cber die Liebe. Ein Buch
fiir die Freunde eines schonen, gebildeten und gliicklichen Lebens.
1. Teil, 2. Auflage. Elberfeld und Leipzig 1809, S. 114 ff.
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die Warme der Umannung gilt." Das klassischste Beispiel solcher
Illusionen bietet Goethe in den Wahlverwandtschaften durch die
Schilderung janer Liel>esnacht, in der sich „Abwesendes und Gegen-
wartiges reizend und wonnevoll durcheinander webte," in dem Charlotte
statt des Gat ten den Hauptmann, Eduard sein Idol, Ottilien liebend
zu empfangen glaubt. Ein Berliner Ehepaar, bei dem, wie es nicht selten
vorkommt. beide Gatten urnisch waren, variirte, wie es selbst sagte,
die Goethe sche Szene, indem Eduard den Hauptmann und Char-
lotte Ottilie substituierte, anfangs in der Phantasie, spater aber auch
in Wirklichkeit.
Haufig liegt auch dem Verkehr zu dritt, dem sogenannten
Triolismus, verkappte Homosexualitslt zugrunde. Sie ist den
Veranlassern des Verkehrs keineswegs immer bewuBt, und auch
fiir den Sexualforscher ist es nicht ganz leicht zu erkennen,
durch welchen der miteinander verkehrenden Partner bei dem
Voyeur die oft zu spontaner Entspannung ftihrende Erregung
ausgelost wird, zumal da in diesen seltsamen Fallen die al>-
wcichendc Triebrichtung oft mit larviertem Masochismus oder
Sadismus vergesellschaftet ist.
Folgender Fall zur Illustration des Gesagten:
Vor einiger Zeit konsultierte mich eine Dame aus einer rheinischen
GroBstadt. Sie sei seit sechzehn Jahren verheiratet. Bald nach der
EheachlieBung sei der Mann mit folgendem Ansinnen an sie heran-
getreten, dem sie auf sein heftiges Bitten und Betteln nach langem
Strauben nachgegeben hatte: Ihr Mann lade einen seiner auswartigen
GescLaftsfreimde zum Abendessen ein. Sie miisse diesen in leichtem
verfiihrerischen Gewand empfangen und ihren Mann entschuldigen,
er sei durch ein dringendes Telegramm nach auBerhalb abberufen."
Nach reichlichem Mahl, bei dem auf guten alten Rhein- und Mosel-
wein besonderer Nachdruck gelegt wiirde, spiele sie dem Gast etwas
auf dem Klavier vor und mache ihm dann „Avancen". Alles dies
3chriebe ihr der Gemahl im einzelnen vor, der in Wirklichkeit nicht
verreist sei, sondern aus einem dunklen Nebenzimmer durch
eine in der Tiirritze geschickt angebrachte Spalte die ganze Szene
gemau verfolge. Die Hauptsache sei, daB der Fremde nicht die
geringste Ahnung davon haben diirfe. Allmahlich wurden beide Teile
zartlich und schlieBlich kame es auf einem vor dem geheimen Beob-
achtungsposten des Gatten stehenden Divan zum Koitus. Unmittel-
bar darauf miisse dann die anscheinead beunruhigte Frau den Gast
bitten, jetzt aber sofort zu gehen, es sei spat geworden, und mog-
lichei'weise konne ihr Mann doch noch heimkommen. Kaum ist die
Haustiir hinter dem Geschaftsfreund ins SchloB gefallen, so stiirzt
der Mann aus dem Versteck hervor, um nun selbst in leidenschaft-
lichster Zartlichkeit mit seiner Frau den Verkehr zu voUziehen. Aus
dieser Ehe ist ein 15jahriger Sohn hervorgegangen. Lasse sie sich
auf d as von ihrem Mann gef orderte Verfahren ein, erzahlt die Dame,
so sei ihr Gatte — ein wohlhabender Geschaftsmann — „der beste
Mann von der Welt", tate sie es nicht, hatte sie „die HoUe auf Erden".
Die Frau. die seelisch sehr leidet, wollte von mir wissen, ob das Vor-
gebei. ihres Mannes, hinter dessen Rucken sie zu mir kame, wohl auf
Krankheit beruhe, und ob es wahr sei, daB, wenn es zur Scheidung
kame — die allerdings fiir sie als fromme Katholikin kaum moglich
sei — , 8 i e als Ehebrecherin fiir den schuldigen Teil erklart werden
wiirde. Die erstere Frage muBte bejaht, die letztere konnte verneint
werden.
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Wi3 weitgehende Gedankentibertragungen hier sowohl nach
der positiven als nach der negativen Seite vorkommen konnen,
mogen noch zwei weitere Mitteilungen aus der Praxis zeigen:
Ein aJterer Schauspieler ist in einen Jiingeren, den er hatte aus-
bildeu lassen, sehr heftig verliebt. Dieser ist ihm sehr ergeben, lehnt
aber alles Sexuelle ab, um, wie er sagt, die ideale Freundschaft nicht
herabzuziehen. Seit dieser groBen Liebe stellt sich nun bei dem Urning,
der in sechsjahriger Ehe bis dahin auCerstande war mit dem Weibe
zu verkehren, nach jedesmaligem Zusammensein mit dem Freunde die
zum Sexualverkehr mit der Ehefrau erforderliche Potenz ein. Anderer-
seits berichtete mir einmal ein mit starker Phantasie begabter Homo-
sexueller, dafi er, um ihm lastige Erektionen zum Verschwinden zu
bringen. nur notig habe, sich den normalsexuellen Coitus vorzustellen.
Fasse ich die Essenz der so zahlreieh von mir beobachteten
Falle zusammen, so unterscheiden sich die horaosexuellen Manner
und Frauen von den heterosexuellen in ihrem sexuellen Ver-
halten in dreifacher Hinsicht: in ihrem Empfinden und Wesen
vor, wahrend und nach dem Akt.
A. Vor dem Akte fehlt bei den Homosexuellen die eigent-
liche Lust zum Akte, wie im Akte die voile Lust am Akte.
Die meisten voUziehen den Koitus nicht aus gefuhlsm&fligem
Drange oder gar Zwange, sondern aus irgendwelchen ver-
standesmafligen Griinden, etwa um ihre Potenz zu priifen
oder um dem andern Teile zu Gefallen zu sein oder in Erftillung
ehelicher Pflicht^n. Von 500 Homosexuellen waren 417:=84o/o
unverheiratet, 83 = 16o/o verheiratet. Auf die Frage nach dem
Grunde ihrer Verheiratung erhielt ich folgende Antworten:
.in der Hoffnung, von der h.-s. Leidenschaft loszukommen,
in der Annahme, die Liebe zur Frau wlirde sich von
selbst finden, andere sagten, sie hatten sich ,,aus Unkenntpis"
verehelicht, oder „auf Zureden*' „auf Wunsch der Eltern** oder
„um dem Gerede der Verwandten und Bekannten ein Ende zu
machen", einer schrieb „aus^schwesterlicher Zuneigung zu seiner
seine Perversion kennenden und ifin deshalb doppelt liebenden
Frau" ; mehrere antworten, „um ein Heim zu haben*', einige
„wegen der Mitgift**, viele schreiben: ,,auf den Rat des Arztes",
ebenso viele ,,aus G^schaftsrlicksichten**. Aus den 83 Ehen
stammten 112 Kinder, liber deren Beschaffenheit spater noch
einiges zu sagen sein wird.
Homosexuelle Frauen heiraten aus ahnlichen ,,'Beweg-
griinden" ; einige fiihren an, ,,um unabhangig zu sein** ; eine
schreibt, ^,um mein eigener Herr zu sein*' ; von mehreren weiB
ich, daB sie Ehen eingingen, um in den Besitz eines Vermogens
zu gel an gen, das ihnen nur im Falle ihrer Verheiratung aus-
gezahlt werden soUte.
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Es ist fur das Vorhandensein und die StSrke der sexuellen
Triebrichtung von diagnostischer Bedeutung, ob eine Erregung
erst bei Bertihrung der Genitalien oder bereits bei den Liebes-
Praliminarien beim Ktissen, beim Umarmen, bei dem bloflen
Gedanken an die geliebte Person, bei ihrem Anblick, beiin
Horen ihrer Stimme erfolgt, ob dem Akte ein sich in kurzer Zeit
steigern der Drang vorangeht oder ob Vorstellungen, Mittel irgend-
welcher Art zu Hilfe genommen werden mull ten. Der Akt,
der eine Folge passiver peripherischer Reizungen war, !mu6
anders bewertet werden, als der, welcher aus spontanem Sehnen
hervorging. Wird bei einem Ehevertrag, den zwei Menschen
aus Vernunftsgriinden schlieBen, von seiten der Zuredenden das
Argument ins Feld gefiihrt: „Die Liebe wird sich schon mit
der Zeit einstellen**, so spricht das nicht fiir die sexuellei
Alfinitat der Betreffenden. Allerdings kann die allmahliche
Gewohnung fiir die Moglichkeit des Verkehrs ein wich tiger
Faktor sein.
Unter meinem Beobachtungsmaterial befindet sich ein Lehrer, der
vor 10 Jahren — damals 25 Jahre alt — zu mir kam ; er hatte noch
nie mit einem Weibe verkehrt, liebte in exaltierter Weise dazu noch
masochistisch altere Manner und besaB nicht nur in psychischer,
sondern auch in korperlicher Hinsicht viele feminine Stigmata ; be-
sonders auffallend war seine weibliche Stimme. Ich sah ihn zwei
Jahre lang wiederholt, verier ihn dann aber aus dem Auge, bis er mich
vor einem Jahre aufsuchte, um sich „nach einem moglichst unschad-
lichen Mittel zur Verhiitung der Empfangnis" zu erkundigen. Ich
erfuhr, daU er nicht nur verheiratet, sondern bereits Vater zvveier
Kinder sei. In einer Familie, in welclier er verkehrte, habe er ein
schon etwas altliches Madchen kennen gelernt, die sich seiner sehr
liebevoll angenommen ; da sie auch ein kleines Vermogen habe, hatte
er sich auf Zureden von seinen und ihren Verwandten entschlossen,
mit ihr die Ehe einzugehen. Drei Jahre habe er mit seiner Frau das
Lager geteilt, ohne daC es zu einem yerkehre gekommen ware. Nach
einem Familienfeste, bei welchem beide ziemlich viel alkoholische Ge-
tranke zu sich genommen hatten, habe er infolge intensiver Be-
riihrungen seiner Frau zum ersten Male eine Erektion verspiirt, welche
ihm den Koitus ermoglichte, den er seitdem durchschnittlich einmal
in der Woche vollziehen konne.
Diese Anpassung und Gewohnung ist aber nur ein Aus-
nahmefall. Ich kenne Falle, in denen Homosexuelle Jahrzehnte
verheiratet sind, ohne daU sie jemals mit ihrer Frau geschlecht-
lich zusammenkamen.
Vor kurzem schrieb mir ein Gymnasiallehrer : „Meine Gattin, an
der ich auf der Hochzeitsreise einen Versuch machte, der miBgliickte,
da ich aus Widerwillen abbrach, ahnt nichts von meinem Zustand.
Sie ist heldenhaft in ihrer Liebe zu mir, wir sind im zehnten Jahre
verheiratet und sie ist noch Jungfrau, so rein, wie vor ihrer
Ehe. Die Summe der Qualen, die beiderseitig in diesen Worten liegt,
schildere ich nicht." Und ganz ahnlich ein aus besten Kreisen
stammender Herr: ,,Als die Meinen in mich drangen, mich zu ver-
heiraten, entschlofi ich mich zu diesem Schritt, frug um die Hand
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einer jungen, S3rmpathischen Dame aus bester Familie, die mich schon
vielfacli ausgezeicnnet hatte, und erhielt ihr Jawort. Wir verlobten
uns, heirateten nach einigen Monaten, anscheinend einer gliicklichen
Zukunft entgegensehend, die jedoch mehr oder weniger durch meinc
Scbuld zur Holle fiir uns warden soUte. — Icb batte micb grenzen-
los getauscbt iibcr die Macbt der mir offenbar angeborenen Triebe.
Trotz Aufbietung meiner ganzen Willenskraft konnte icb den Horror,
den icb stets gegen den gescblecbtlicben Verkebr mit dem Weibe
empfunden, aucb der mir angetrauten, lieblicben Gattin gegeniiber nicht
iiberwinden; die Hocbzeitsreise nacb dem sonnigen
Italien wurde zu einer seeliscben Marter fiir una
b c i d e , imd tief verstimmt und einander entfremdet kehrten wir
zuriick in unser Heim, das, von treuer Eltern- und Gescbwisterliebe
reizend ausgeschmiickt, unser wartete.
Seitber sind lange 15 Jabre vergangen; meine Fran und icb
leben neben-, aber nicbt fiireinander und fuhren in den Augen der
Welt eine musterbafte Ebel Uber den scbweren, delikaten Punkt
baben wir nie mebr gesprocben, seitdem icb ibr Trennung anbot,
damit sic an der Seite eines ibr wiirdigeren Mannes ein gliicklicberes
Dasein finden konne. Sie, die von meinem Zustand keine Abnung
hat und meint, es liege demselben ein organiscber Febler bei mir
zugrunde, erklarte mir, micb nicbt verlassen zu wollen, da sie mich
trotz allem liebe. Wie sebr icb unter dem ScbuldbewuBtsein leide,
ein so edles weibliches Wesen an mein elendes Schicksal gekebtet
zu baben, kann icb nicht beschreibeni Mein Dasein ist eine end-
lose Kette geheimer Angstigungen ; icb lebe immer in Furcht, meine
Leidenschaft konne offenkundig werden, namentlicb seit dem Skan-
dalprozefi, der sich vor wenigen Monaten in den biesigen Mauern
abspielte und in welcbem durch eine Bande schrecklicher Erpresser
mehrere Herren aus der besten Gesellschaft offentlich blofigestcllt
und unmoglich gemacbt worden sind."
Die Abneigung verheirateter liomosexueller Manner und
Frauen gegen ihre Ehehalften ist mebr eine gefuhls- als ver-
standesmSfiige; oft mit einem Bedauern verbunden, daU dem
anderen Teil, den sie wohl achten und ehren, aber nicht lieben
kcnnen, kein besseres Los beschieden war. Bezeichnend sind
die Worte, die der homosexuelle Bruder Friedrichs des
G r fi e n , Prinz Heinrich, seiner Gattin widmete, die er
mebr als 30 Jabre tiberhaupt nicht zu Gesicht bekam; er
sehreibt: „ich hege kein Geftihl des Hasses gegen die Prinzessin,
meine Gemahlin; die Vemunft und ftir mich traurige Verhalt-
nisse baben mich genotigt, von ihr entfernt zu leben. Ich
verbanne jede unangenehme Erinnerung, indem ich ihr Rube und
den GenuJJ aller moglichen Gliter wiinsche, deren sie sich in
ihrem Alter noch erfreuen kann.*'
Eine Urninde schrieb: „Wir sind Kontrebande und kommen unter
falscher Etikette zur Welt. Webe dem Manne, der uns auf dem Ebe-
markte erstehtl Wir l>etrugen ihn um sein Lebensgliick, selbst obne
es zu woflen". Es liegt nabe, dafi viele Ehen, die homosexuelle Manner
Oder Frauen mit heterosexuellen Frauen oder Mannern eingegangen sind,
nach kiirzerer oder langerer Zeit wieder geschieden werden. Daibei wird
baufig, ungerechterweise, der Heterosexuelle wegen Ebebruchs fiir den
scbuldigen Teil erklart, wahrend es in Wirklichkeit der urnische Partner
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ist, dessen Verhalten erst fiir den anderen die Veranlassung war,
sich anderweit schadlos zu halten. Besonders typisch sind fiir Ehen mit
Homosexuellen „Trennungen im Guten". Sehr bezeichnead ist fol-
gendes Abschiedsgedicht, welches ein Urning am Tage der Trennnng
seiner verflossenen Gattin iibersandte. Es heifit in ihm:
jjWas wir erlitten und erduldet
Dnrch meine Fehler, deine Schwachen,
Was ich geirrt, was du verschuldet,
Wir wollen nicht dariiber sprechen.
Ich weifi nnr eins, nur eines fiihle
Im Herzen ich, dem trauervollen :
Wir hatten in dem Weltgewiihle
Uns nie und nimmer finden solleni
Und weil wir dennoch iins gefunden,
So laB uns ziirnen nicht und klagen
Ob air den Schmerzen und den Wunden,
Die eins dem andern wir geschlagen.
Nicht boser Wille ist's gewesen,
Der uns gebracht so herbe Leiden,
Uns trennet unser tiefstes Wesen,
Der Gott im Innern heifit uns scheiden."
Selbstmorde vor oder kurz nach der Hochzeit beruhen haufig auf
Homosexualitat, allerdings nicht immer, da nicht selten auch auf
anderen Griinden beruhende wirkliche und fast ebensooft vermeint-
liche Impotenz zu diesem Schritte fiihrt.
Oft kommt es vor, daB homosexuelle Manner und Frauen Ver-
lobungen eingehen, diese aber auf Grand psychischen Unbehagens bei
naheren Beriihrungen zuriickgehen lassen.
Ein Homosexueller meiner Kasuistik hatte sich nicht weniger als
V i e r m a 1 verlobt, um immer wieder unter allerlei Ausfliichten das
Biindnis zu losen. Das vierte Mai war er aber an eine sehr energische
Braut geraten, die ihn fast gewaltsam zum Traualtar schleppte, trotz-
dem ich selbst ihr schlieBlich auf seinen Wunsch dringend abgeraten
hatte. Vier Wochen nach der Hochzeit rief man mich. Er hatte sich
im Keller erhangt.
Ich begegnete einmal einem mir bekannten Homosexuellen aus
Osterreich in Luzern. Nach der BegriiBung sagte er: „Ich befinde
mich auf meiner Hochzeitsreise, aber all ein." Wie sich ergab, hatte
er die Verlobiing mit einer reichen Witwe am Tage vor der angesetzten
Verehelichiing aufgehoben, alien geladenen Gasten abdepeschiert und
ohne Frau die mit ihr projektierte Schweizer Reise angetreten.
Auch homosexuelle Braute fiihlen sich durch die Lieb^
kosuDffen ihres Brautigams oft so angewidert, daB es zur Losung
des Verlobnisses kommt. Eine sehr schone urnische Kiinstlerin
erzahltc mir, daB sie dreimal Werbungen von Mannern ange-
nommen hatte. Trotz groBter Miihe, die Zartlichkeiten zu er-
tragen, sei aber die Cbelkeit, welche die mannlichen Ktisse und
Umarmungen in ihr auslosten, so „unbeschreiblich** gewesen, daB
sie in keinem Falle den Gang zum Standesamt riskieren konnte.
Ein Brautigam, selbst Arzt, lieB die Verlobung zuriickgehen, weil
ihm seine Braut erklarte: wenn er sie auf den Mund kiisse, fiihle sie
nur eineu Druck auf den Lippen, wenn aber ihre schwedische Freun-
din sie kusse, sei es ihr, als ob sie in einem rosenroten Abgrund ver-
sinke. Eine urnische Opemsangerin von groBer Schonheit teilte mir
mit, daB sie viermal verlobt war, das eine Mai mit einem Millionar,
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immer wieder hoffte sie die ihr entgegengebrachte Liebe orwidern zu
konnen, es war ihr nicht moglich, im Gegenteil verursachten ihr die
Liebkosungen der Manner so starkes Unbenagen, daB sie zum Stannen
und Kummer ihrer Verwandten stets wieder das Verlobnis nach eini-
gcn Wochen loste.
Fast jedpr Urning hat Episoden ahnlicher Art erlebt, wie sie
ein urnischer Off izier in lebensvoUer Anschaulichkeit wie f olgt schildert :
„. . . . Ungeachtet meiner 29 Jahre war dies das erste Weib,
das in meinen Armen lag, das mich mit einer schier versengendeo
Glut umschlang, und nach meinen Kiissen beinahe verschmachtete.
Und ich Unglucklicher empfand nichts als furchtbares Grauen, es
war mir als legte eine ungeheure, eiskalte Eidechse ihre Arme um
mich, als ware ein Leichnam aus dem Grabe emporgestiegen, mich in
namenloses Entsetzen zu hiillen. Ich rang mich los, stiirzte zu
meinem Sabel, meinem Mantel. „Verzeihung, ich muB fort," keuchte
ich miihsam hervor. Sie starrte mich an. Und nun folgte etwas,
was ich nicht fiir moglich gehalten hatte. Sie sprang auf, stiirzte
zur Tiire, verriegelte sie, und stand nun hochaufgerichtet, am ganzeD
Leibe bebend, vor mir. „Du willst fort — j e t z 1 1 Nachdeni ich
mich dir vor die FiiBe geworfen, jetzt, nachdem du weiBt, daB ich
aus Liebe zu dir beinahe gestorben bin, jetzt, da du mich zu lieben
vorgabst!" „Da8 tat ich nicht, Elise. Ich beschwore Sie, fordern
Sie keine ErklSlrung von mir. Ich k a n n nicht, ich d a r f nicht
sprechen." „Al80 liebst du eine andere I" schrie sie wild auf. „Nein,
ich liebe keine andere . . . Ich bitte um den Schliissel. Ich
muB fort, sogleichl" „Ah, das ist ja kein Mensch, das ist ein fiihl-
loses Ungeheuer, ein Vampyr, der mir das Herzblut aussaugt!" . . .
Sie brach in ein herzzerreiBendes Schluchzen aus. „Um Gottes AVillen,
Elise, beruhigen Sie sich. Ich wollte Ihnen nicht wehe tun, ich
aohte und liebe Sie wie eine Sch wester. Konnten Sie doch in mein
Herz sehen, wie es vor Mitleid fur Sie blutet. Ich leide unsaglich."
„ Aber warum 1 e i d e n ? Bin ich denn so haBlich, so verabscheuens-
wiirdip, um von einem Manne so gedemiitigt zu werden?" „Nein,
Sie sind schon und liebenswert^ Elise; gesegnet ist der Mann, den
Sie mit Ihrer Liebe begliicken I Warum muBte es denn gerade ich
seiu, den Sie erw§<hlt! Ich beschwore Sie noch einmal, geben Sie
mir den SchlCLssell" Sie sprang auf, erhob ihren Arm und versetzte
mir mit dem Schliissel einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daB
ich aus dem Munde zu bluten begann. „Da, nimm ihn, elender, feiger
Bube!" Mil diesen im auBersten Paroxismus hervorgellenden Worten
fiel sie wie eine Ra,sende mit dem Gesicht zur Erde und grub ihre
Na^el, von Krampfen geschiittelt, in den Teppich. Ich schloB auf
und stiirzte hinaus. Ich kam nach Hause, warf mich auf mein Bett
und meine bis zum ZerreiBen angespannten Nerven losten sich end-
lioh in Tr&nen auf. Seit zwolf Jahren, seit meines unvergeBlichen
Vaters Tode hatte ich nicht mehr geweint. Es waren die bittersten
Zahren, die ich jemals vergoB. Aber nur Gott allein sah mein grenzen-
los schweres Urningselend. Am nachsten Morgen sandte ich Elisen
Krafft-Ebings Buch, aber sie nahm es nicht an."
Ubrigens spiiren viele normalsexuelle Frauen im Zusammensein
mit Urningen nicht selten instinktiv, ohne zu wissen, imi was es
sich eigentlich handelt, das refraktare, ebenso wie auch normale
Manner die erotische Unnahbarkeit urnischer Frauen oft „im Ge-
fiihl" haben.
Von reinen Homosexuellen sind nach meinem Material tiber
50<Vb dauernd impotent, bei den ubrigen besteht zeitweise
Potenz, meist ermoglicht durch mechanische Reizungen oder
Phantasievorstellungen. Die Starke des psychischen horror
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feminac beim homosexuellen Manne ist ebenso wie der Orad
des horror viri bei der homosexuellen Frau nicht allein fur
die Ausfuhrbarkeit des Aktes aussehlaggebend. 53o/o der Urninge
haben iiberhaupt niemals Versuche gemacht, mit dem Weibe
Geschlechtsverkehr auszuiiben, darunter ^befinden sich sogar,
wenii auch sehr vereinzelt, Verheiratete. Die Verhaltniszahl
homosexueller Frauen, die alien Versuchungen, mit dem Manne
zu verkehren, dauernd Wideretand entgegensetzten, dilrfte
noch hcher eein. Virgines intactae, die ich nach dem dreiUigsten
Jahre zu untereuchen Gelegenheit hatte, waren fast ausnahmslos
selbst homosexuell oder hatten homosexuelle Manner.
Wie fehlerhaft auch hier Schliisse gezogen werden, lehrt der
folgende Fall, den mir ein Kollege mitteilte: Eine virile Homo-
sexuelle von etwa 40 Jahren hatte ein Madchen von etwa 18 Jah-
ren ihrer Mutter entzogen. Auf ihr Betreiben war beantragt wor-
den, der nach ihren Behauptungen leichtsinnigen Mutter die elter-
liche Gewalt abzuerkennen ; sie selbst wollte Vormunderin ihrer sehr
wohlhabenden Geliebten werden. Der Verteidiger der Mutter wies auf
die Homosexualitat der Lehrerin hin. Darauf antwortete der alte
Vormundschaftsrichter : „Lassen Sie mich mit diesen mddernen Cochon-
nerien in Ruhe. Die Dame hat mir das Attest eines Arztes gebracht,
daC sie virgo intacta ist, da kann von dergleichen wohl keine Rede
sein."
B. let der Geschlechtsakt moglich, so tritt beim Urning eehr
haufig als ein auf den ersten Blick ziemlich paradoxes Symptom
Ejaculatio praecox ein, in der wir aber nur eine Abart der
Impotenz zu erblicken haben; paradox nenne ich diesen plotz-
lichen ErguB mit Erschlaffung deshalb, weil er von weniger Er-
fahrenen als Zeichen gesteigerter Libido aufgefaUt werden
konnte.
In einem Ehescheidungsgutachten, das ich gemeinsam mit Dr.
Otto Adler, dem bekannten Verfasser der „mangelhaften Ge-
schlechtsempfindung des Weibes***) iiber einen Fall abzugeben hatte,
in dem die Ehefrau Homosexualitat ihres Mannes behauptete, heiBt
es hieriiber:
„Ermangelt somit die Hypo these der Ehefrau, ihr Mann sei homo-
sexuell, der wissenschaftlich erforderlichen positiven Unterlagen, so
muU doch zugegeben und erwahnt werden, daB gerade die Impotenz,
an welcher der Mann leidet — die nS,mlich, bei der etwaige iljakula-
tionen ohne beischlafartige Bewegungen ganz plotzlich und fast ge-
fuhllos vor sich gehen — gerade die Form ist, welche sich verhaltnis-
mafiig haufig bei Homosexuellen findet, woraus allerdings noch keines-
wegs Homosexualitat gefolgert werden kann, da ebendieselbe Form
der Impotenz auch bei nicht homosexuell Gearteten vorkommt."
Der normalsexuelle Mann, der mit einer homosexuellen Frau
verkehri, ist im Eintritt und in der Starke seines Orgasmus
bei weitem nicht so abhangig von der libido und dem Orgasmus
*) Dr. Otto Adler, Die mangelhafte Geschlechtsempf indung
des Weibes. Berlin 1911. p. 215.
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der Partnerin wie die heterosexuelle Frau von der Ejaculatio
praecox oder ante portas des Mannes. Sehr mit Recht sagt
daher A d 1 e r in unserm zitierten Gutachten^) : „6erade die
Fehlversuche der vorlie^enden relativen dironischen Impotenz
(Ejaculatio praecox) mnJJten auf die Ehefrau viel abstoBender
wirken als die voile Unfahigkeit eines absolut Impotenten.*'
Selbst wenn dem homosexuellen Manne der Koitus mit dem
Weibe gelingt, ist sein Verlauf selten qualitativ so geartet und
fur die Frau so "befriedigend, wie die Kohabitation des hetero-
sexuellen Mannes. Sie fuhlt das auch meist instinktiv, wenn
auch oft nur so unbestimmt, wie der folgende charakteristische
Bericht zeigt:
Es handelt sich bier um die Frau eines Landpfarrers, der wegen
homosexueller Betatigung in Untersuchungshaft gekommen war, sie
scbreibt mir u. a.: „Meine Verwandten und Bekaonten konnen es
nicbt begreifen, daB icb nocb zu ibm balte, ich kann aber nicbt
anders, weil ich ibn zu genau kenne. Als er mich beiratete,
war er 32 Jabre, er boffte wobl, in der Ebe von der ibn peinigenden
Leidenscbaf t loszukommen. Nacb dem Verkebr , der nacb meinem
Glauben normal war, batte er immer Kreuzscbmerzen und
rieb sicb dann den Riicken mit Franzbranntwein ein.
Ebelicbe Gemeinscbaft pflegten wir wabrend der 15 Jabre unserer
kinderlosen Ebe obne grofl^ Unterbrecbungen, und docb kann icb
den Glauben nicbt los werden, er tat es obne GenuB, mebr um seine
Neigung zu iiberwinden und sicb an das Natiirlicbe zu gewobnen. Das,
was ibn bei den anderen reizte, die Telle zu seben oder
zu betasten, lockte ibn bier nie, im Gegenteil, er vermied
angstlicb, mit den Handen oder sonstwie in deren Nabe zu kommen.
Er bing mit groBer Liebe an seiner Mutter und seinen Scbwestern.
Das bat mir in den ersten Jabren unserer Ebe oft recbt web getan
und oft babe icb ibm gesagt, erst kame in seinem Herzen Muttcben,
dann die Scbwestern, dann seine Freunde, dann die Dorfjungen und
dann erst icb. Seine Liebe zu mir unterscbied sicb in
nicbts von der Art der Liebe, die er fiir seine Ange-
borigen empfand, sie war anders als die der anderen Manner
zu ibren Frauen, mebr vaterlicb, mit der Zeit aber wurde ich sein
vertrautester Freund. Seine Freude an dem Umgang mit den Jungen
war mir, da icb von der Existenz solcber Neigungen bei den Menschen
iiberbaupt nicbts wuBte, unbegreiflicb ; und als er so oft die Abende
in Gesellscbaftsspielen mit ibnen verbrachte, wo er docb gar keine
Anregung batte, sondern immer nur der Ausgebende war, versuchte
icb in den ersten Jabren mit guten und bosen Worten es ibm abzu-
gewobnen, es half nicbts; er sab dann so gequalt und traurig aus,
klagte und weinte sogar, wenn icb dariiber scbalt, so daB icb scblieB-
licb nicbts mebr sagte, sondern mich meist, und zwar innerlicb
schweren Herzens, auBerlicb mich zu einem freundlicben Gesichte
zwingend, an den Spielen beteiligte. Die Freundscbaft und die dank-
bare Liebe der Jungen zu meinem Manne selbst, bis in spate Jabre,
und daB sie fast alle ordentliche Menschen wurden, lieBen mich auch
in dem Glauben, daB er einen guten, veredelnden EinfluB auf sie
ausiibte. Zu anderen wagte ich nicbt zu klagen, weil ich mich
immer wieder mit dem Gedanken plagte, es miisse
docb an mir liegen, ich verstande es vielleicbt nicbt, es ibm
») Loc. cit. p. 212.
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behaglich zu machen. Vielleicht lage es auch daran, daB wir keine
Kinder hat ten, oder dafi ich nicht die rechte Frau fiir ihn sei. Ich
bill 10 Jabre jiinger als mein Mann, gab mir die groBte Miihe, meinen
Platz ausfuUen zu lernen und an seinen Interessen Geschmack zu
finden. Daber war er auch immer giitig und zartlich zu mir, hatte es
nicht gem, wenn ich langer als einen Tag verreiste und lieB mich von
Jahr zu Jahr mehr an seinem geistigen Leben teibiehmen. Ich babe
ihn von Jahr zu Jahr lieber gewonnen und ich glaube, er mich auch.
Auf seine Unruhe und Erregbfiu-keit nahm ich Riicksicht, da ich alhnah-
lich wohl einsah, dafi sie wohl krankhaft war. Ich babe ihn so
hocli gestellt, weil er nie iiberhebend, immer so bescheiden und nick-
sichtsvoll gegen jeden war, der mit ihm zu tun hatte, so schonend
fiir Leid und Kimimer der anderen und so vielen in seiner guten auf-
richtigen Weise zurecht geholfen hat. Er genoB bei Vornehm und
Gering groBes Vertrauen und verdiente es auch, denn er dachte,
wo es etwas aufzurichten gab, nie an sich oder etwaige Miihe und
Unbequemlichkeit, er litt und fiihlte mit jeder armen Seele. Als
dann das furchtbare Ungliick iiber uns hereinbrach,
war mir mit einem Schlage vieles so klar. Wie vie]
mehr ist mein Mann zu beklagen, als ich, wie stark mufi diese
krankhafte Neigung sein, die solche Willens-, Cha-
rakter- und Herz ens s tirke zu iiberwinden imstande
i s t."
Krafft-Ebing beschreibt *) die Geschichte einer 28 Jahre
alten Dame, die sich in eine jiingere verliebt. Sie wohnten zusammen.
Ihre Gemeinschaft wahrte vier Jahre, bis sie infolge der Heirat
der jiingeren abgebrochen wurde. Die altere verfiel oarauf in eine
furchtbare Gemiitsstimmung, in der sie sich entschloB, selbst zu
heiraten, obgleich sie keine wahre Lust dazu fiihlte. Nun aber ver-
schlimmerte sich ihr Seelenzustand immer mehr. Zuletzt erkrankte
sie emstlich. Die herbeigerufenen Arzte erklarten, daB Besserung
eintreten werde, sobald sie nur ein Kind hatte. Der Gatte, der sein
Weib aufrichtig liebte, konnte ihr ratselhaftes Benehmen nicht be-
greifen. Sie war gegen ihn freundlich, duldete seine Zartlichkeiten,
aber blieb „tagelang danach verstimmt, erschopft, gequalt vonRiicken-
marksbeschwerden, und nervos". Da fand gelegentlich einer Reise
des Ehepaares ein Wiedersehen mit der ehemaligen Freundin statt,
die nun seit drei Jahren verheiratet war, ebenfalls unglucklich. Beide
Damen zitterten vor Freude und Aufregung, als sie einander in die
Arme fielen, und blieben seitdem unzertrennlich. Die Manner aber
beeilten sich abzureisen."
t)brigens h5rt man oft von Homosexuellen, daB es ihnen
eher mdglich sei, ein Weib zu koitieren, als es zu kiissen, auch
daB ihnen die manuelle Berlihrung der Geuitaliexi eine gifpBere
Oberwindung koste, als der eigentliche Akt.
Auch sich beriihren zu lassen, ist vielen sehr zuwider. Schon
Liselotte von der Pfalz schreibt in ihren Briefen, „daB Monsieur"
— damit meinte sie ihren Gatten, Philipp von Orleans, den Bruder
Ludwj^s XIV. — „der an nichts denkt, als was seiner Buben Bestes
ist, sich von ihr. nicht anfassen lasse." U 1 r i c h s ^) schildert das
negative Verhalten dem anderen Geschlechte gegeniiber wie folgt:
„In korperlicher Beriihrung mit einem Weibe, selbst mit dem bliihend-
sten, fuhlen wir von magnetischer Durchstromung nichts. Im Gegen-
teil, sobald diese Beriihrung irgendwie geschlechtlichen Charakter an-
*) Psychopathia sexualis, 7. Aufl., p. 276.
») Ulrichs, Inclusa, pag. 38.
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zunehmen beginnt, empfinden wir ein gewisses imangenehmes Ge-
fuhl, welches schwer naher zu beschreiben ist, und welches uns
gebieterisch befiehlt, der Beriihrung zu entfliehen." Andere Homo-
sexuelle bezeichnen den Orgasmus als ein schwaches kurzes Kitzel-
fefiihl, 68 sei mit dem Lustgefiihl nicht zu vergleichen, das sie im Ver-
ehr mit einer ihrem Triebe entsprechenden Person empfanden, manche
sagen, es ware nur ein leises Kribbeln, etwa wie in eingeschlafenen
Fufien. Bei homosexuellen Frauen ist die Frigiditat und Anasthesie,
wahrend der Mann mit ihnen den Akt voUzieht, oft eine vollkommene.
So wie mir einmal ein homosexueller Lehrer erzahlte, daB er mit Vor-
liebe wahrend des Aktes, den seine Frau von ihm fordere, mathe-
matische Aufgaben lose, genau so sind die homosexuellen Frauen mit
ihren Gedanken, wahrend der Mann den Beischlaf mit ihnen voUzieht,
meist ganz wo anders, bei ihrer Wirtschaft oder ihrem Beruf, manche
unterbrechen den Mann mit gleichgiiltigen Fragen oder Bemerkungen
wie jene Frigida, die zu ihrem Gatten im Moment, als bei ihm der
Orgasmus eintrat, plotzlich sagte: ,jDu, Mann, ich glaube, ich habe
heute im Warenhaus meinen Schirm stehen gelassen."
Troiz dieser „mangelhaften Geschlechtsempfindung** sind
aber sowohl der homosexuelle Mann als die homosexuelle Frau
— fast mochte man vom eugenischen Standpunkt hinzufiigen:
„leider** — zeugungsfahig. t)ber die Qualitat dieser Nachkom-
menschaft wird spater noch einiges zu sagen sein.
Vor einiger Zeit konsultierte mich einmal der homosexuelle Ka.m«
merdiener eines Grafen. Er war in einen alteren Diener verliebt und
litt sehr, mit ihm das Schlafzimmer teilen zu miissen. Infolge der
Erregungen, die er den vollig heterosexuellen Kollegen nicht merken
lassen woUte, war er schlaflos und sehr elend. Ihm selbst stellte
eine Kammerzofe seiner Herrschaft nach, die von dem alteren Diener,
der sie seinerseits zu verfiihren suchte, nichts wissen wollte. Schliefl-
lich verkehrte der homosexuelle Diener einmal mit diesem Kammer-
madchen, es gelang ihm auch der Koitus, doch fiihlte er sich danach so
angegriffen, dafi er sich sogleich, ohnehin stark durch die ungliick-
liche, ganzlich unerwiderte Liebe mitgenommen, krank meldete und
die Stellung aufgab. Damals suchte er mich auf. Wer beschreibt
das Erstaunen des jungen Homosexuellen, als er etwa zehn Monate
nacli diesem Vorfall vom Amtsgericht eine Benachrichtigun^ erhielt,
daB er der Vater des Kindes der Kammerzofe sei, die er nie wieder
gesehen hatte.
C. Ganz besonders wichtig ftir die Beurteilung, ob ein Ge-
schlechtsakt seinen Ursprung in dem eigentlichen Geschlechts-
trieb hatte, ist bei beiden Geschlechtern das Verbal tnis nach
dem Verkehr. Entsprach derselbe der wirklichen Geschmacks-
richtung nicht, so stellt sich danach Ekel, Abneigung, ja
HaB ein.
Ein 26 jahriger Arbeiter berichtet : „ Als ich, 17 Jahre alt, ein-
mal von einem alteren Freunde verleitet wurde, mit einem Weibe ge-
schlechtlichen Umgang zu pflegen — ich wuBte damals noch nichts
von meiner urnischen Natur — empfand ich eine derartige t?belkeit,
daB ich Erbrechen bekam. Seitdem hatte ich eine heilige Scheu vor
der Beriihrung mit dem Weibe, bis ich vor wenigen Wochen, zur
Verzwei flung getrieben, mit meiner Natur zu brechen suchte. Es
war vergebens, weder eine richtige Erektion noch Ejakidation trat
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ein, dagegen habe ich mir infolge der vergeblichen Anstrengung eine
Gliedentzundunfi: zugezogen."
Ein Kaufmann aus Bayern: „Die Folgen des wiederholten Ver-
kehrs mit dem Weibe waren schwere Nervenstoningen, starkes Un-
wohlseio mit Erbrechen und tagelange Migrane. Der Geruoh, welchen
das Weib ausstromt, verursaoht mir das groflte Unbehagen, ich bin
ietzt Tinfahig, ein Weib zu befriedigen, wogegen die Umarmung eines
Soldateu mir ein unaussprechliclies Wonnegeiiihl verschafft und mich
kraftigt und starkt."
Ein Homosexueller teilte mir mit, dafi er zwar mit einem Weibe
^inz eut verkehren konne, nach dem Akt aber solche Wut gegen die
Frail liabe, dafi er einmaJ hinterher vor einer ausgespien hatte; um
das nicht wieder zu tun, laufe er jetzt immer unmittelbar nach der
Ejakulation so rasch wie moglich aus dem Zimmer.
Bis zu welcher Hohe sich solche Aversion stei^ern kann, zeigt
der Fall des homosexuellen Herzogs von Praslin-Choiseul,
der 1864 in Paris seine junge Gattin, die Tochter des Generals
Sebastiani post coitum erdrosselte. Es mag hier hinzu^efiigt
werden, dafi die Mehrzahl der sadistischen Frauen, die masochistischen
Mannem auf deren Wunsch die schwersten korperlichen und geistigen
MiBhandlungen verabreichen, in Wirklichkeit homosexuelle Frauen sind,
die eine sexuelle Abneigung gegen Manner haben. Professor Albert
Eulenburg sagte mir, daB die angeblichen Sadistinnen, die er
kennen gelernt hat, Sich samtlich als homosexuell herausgestellt hatten.
Auch ich kenne unter zwolf Sadistinnen nur drei, die Homosexualitat
in Abrede stellen.
Die dem Trieb nicht entspreehende Handlung ist sehr haufig
aueli dadurch charakterisiert, daB sie die sexuelle Begierde
nicht stillt, sondern im Gegenteil erregt. Normalsexuelle mann-
liche Prostituierte konnen nach dem Zusammensein mit ihren
homosexuellen Geldgebern oft nicht eilends genug zu ihren
Madchen kommen. In ganz analoger Weise werden innerhalb der
Ehe homosexuelle Manner und Frauen nicht selten durch den
Verkehr mit ihren normalsexuellen Ehehalften zu gleich-
geschlechtlichen Akten angestachelt. Wie anders, wenn der Akt
aus dem Geschlechtstrieb entsprang. Es besteht dann ein Gef (ihl
der Ruhe, Eraftigung, Erleichterung und Freudigkeit. Alles
dies fehlt, wenn das Objekt der gleichgeschlechtlichen Handlung
nicht das Objekt des geschlechtlichen Triebes war.
Namentlich homosexuelle Frauen werden mit der Zeit durch
di3 ihnen wider ihren Willen auferlegte Erflillung ehelicher
Pflichten sehr nervos und leiden, abgesehen von Angstzustanden
und Schlaflosigkeit, an schweren Depressionen.
Auch abgesehen von dem eigentlichen Geschlechltsverkehr
bietet das Verhalten der Homosexuellen gegentlber dem anderen
G^schlecht mancherlei Bemerkenswertes. Besteht bei einigen nur
ein Mangel jeglicher Attraktion, so macht sich bei anderen
eine aiisgesprochene Misogynie und Androphobie bemerk-
bar. Homosexuelle Manner geben oft an, sie bemerkten auf
Hirtchfeld, Homosexualitit 7
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der StraUe, in Lokalen und anderen Samtnelplatzen die Frauen
iiberhaupt nicht; wenn sie beispielsweise Tanzende beobachteten,
achteten sie unwillktirlich nur auf die Bewegungen der Manner.
Ganz analog berichten homosexuelle Frauen; auf der Biihne
lenkie sich ihre Aufmerksamkeit immer nur auf die Frauen,
die Manner erschienen ihnen „als Staffage**. Homosexuelle
Kiinstler (allerdings nicht nur diese) setzen auseinander, daiJ
doch „objektiv** der weibliche Korper „niit seinen Ausbuch-
iungen*' viel unschdner sei als der mannliche, wahrend homo-
sexuelle Frauen versichern, der bebartete, rauhbeinige, iiefstim-
mige Mann erinnere viel starker an das Tier als der Korper
der Frau. Ein homosexueller Russe — noch dazu ein Maler —
sagtc mir einmal: „Ich kann die Gesichter der Frauen so wenig
wie die der Chinesen voneinander unterscheiden, schon scheinen
sie ja zu sein, aber sie sind alle so ahnlich, so ausdruckslos."
Bei hochgestellten homosexuellen Damen, Chefinnen usw. ist as
oft sebr auffallend, wie viel unfreundlicher sie die mannlichen An-
gestellten, Diener usw. behandeln als das weibliche Personal. Es
gibt homosexuelle Manner, die jede weibliche Bedienung perhorres-
zieren, „prinzipieH" deshalb nicht in Restaurants, in denen Kellnerinnen
serviereu, gehen. Umgekehrt gibt es homosexuelle Frauen, die aus
ahnlichen Empfindungen heraus Geschafte mit mannlichem Per-
sonal moglichst meiden. Ohne zu wissen weshalb, empfinden es homo-
sexuelle Madchen schon friih als iiberfliissig und lastig, sich von Herren
„nacii Hause begleiten" zu lassen. Vielen llrningen und Urninden ver-
ursacht es schon ein physisches Unbehagen, sich von einer Person des
anderen Geschlechtes auch nur den Paletot anhelfen zu lassen. Es sind
mir einige homosexuelle Arzte von iibergroDer Sensitivitat bekannt, bei
denen die Abneigung gegen die weiblichen Sexualcharaktere eine so
hochgradige ist, daB korperliche Untersuchungen von Frauen, speziell
von deren Geschlechtsteilen und Briisten fiir sie mit lebhaften Un-
lustempfindungen verbunden sind, die sich bis zu der Unmoglichkeit,
die Untersuchung vorzunehmen, steigern konnen. Es spricht sehr fiir
Grilljiarzers, wenn auch sublimierte. Homosexual! tat, daB er be-
merkte, es sei ihm sogar der Gedanke unertraglich, zu wissen, daB
K a t h i sich in seiner Nahe wasche, daB das heriibertonende Ge-
platscher des Wassers allein schon ihm peinliches Unbehagen be-
reite.
Die Mutter eines 20 jahrigen homosexuellen Madchens erzahlte mir,
daB ihre Tochter vor einer Gesellschaft einmal zu ihr bittend gesagt
hiitte: „Kann ich denn nicht eine Tischdame bekommen?"
In Charlottenburg kannte ich einen Homosexuellen, der sich
riihmte, daB niemals ein weibliches Wesen seine Wohnung, die er
seit mehr als 20 Jahren innehatte, betreten habe. Zimmerreinigung,
Kiiche, alles Wirtschaftliche besorgte er sich selbst. Dieser Fall
ist nicht vereinzelt. Anderseits muB schon hier betont werden, daB
nicht etwa jeder Weiberfeind und jede Milnnerfeindin homosexuell
sind. Das trifft ebensowenig zu wie etwa die Voraussetzung, daB
alle homosexuellen Manner ausgesprochene Misogynen oder ixlle homo-
sexuellen Frauen Androphoben sind.
Vie]e Homosexuelle neigen dazu, ihr durch Erkenntnis und
Wissen unbeeintrachtigt'es Geflihl zu objektivieren. Sie eifern
deshalb gegen heterosexuelle Liebesbeziehungen, die sie fur un-
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zuchtig halten, wahrend sie die ihren fiir harmlos ansehcn.
So berichtet Hammer^): „Eine den gebildeten Kreisen an-
gehcrende Uranierin machte ihrer Schwester, der eine solche
Gefiihlsriehtung abging, die bittersten Vorwiirfe, well sie sich
so wegwurfe, mit einem Manne zu verkehren. Wenn sie mit
ihrer Schwester ausging, konnte sie nur mit Mtihe davon zu-
riickgehalten werden, einen Herrn wegcn eines Blickes, den sie
fiir beleidigend hielt, energisch zur Rede zu stellen. Die Dame
selbst verkehrte aber seit friihester Jugend gesehleehtlich mit
Frauen; das hielt sie fiir entschuldbar. Doch Mannerverkehr
sei unsittlich.**
Im strikten Gegensatz zu dem auf bewuBter oder unbe-
wuBter Sexualablehnung beruhenden Negativismus gegeniiber
dem anderen Geschlecht steht das kameradsehaftliche Gefiihl
der Zugehorigkeit und Zusammengehorigkeit, sobaid das
sexuelle Moment in Fortfall kommt. Das tritt zunachst ganz
deutlich und vollig instinktiv in der mehr asexuellen Kindheit
hervor, in der sich stets das urnische Madchen unter gleich,-
altrigen Knaben, der urnische Junge unter Madchen wohler und
behaglicher f tihlt als unter den Kindern seines Geschlechts, unter
denen ihn ein eigentumliches Fremdheitsgefiihl beherrscht, das
in seiner Erinnerung oft noch in spaten Jahren fortlebt. Nicht
fiir alle, aber fiir die meisten urnischen Kinder ist diesQ
Erscheinung, die mit auffallender Uebereinstimmung angegeben
wird, typisch.
Wenn v. Notthafft^) solchen Schilderungen gegeniiber
meint, es seien „frei nachempfundene Kopien der Kranken-
geschichten von Krafft-Ebing und Moll**, so ist das eine
Icere, durch keine auch nur einigermaUen gewissenhafte Nach-
priifung gestiitzte Behauptung. Wir geben als Pendants zwei
Schilderungen aus den Selbstbiographien eines Urnings und
einer Kontrarsexuellen. Ein sich durch gute Selbstbeobachtung
auszeichnender homosexueller Klinstler schreibt:
„Meine erste Jugend verlebte ich auf dem Lande. Auch meine
ersten zwei Schuljahre liefien mich meine Eltern in die Dorfschulo
geben, wo Koedukation herrachte. Dort nun waren mir die Knaben
stets zu wild, und ich suclite mir die nettesten und saubersten kleinen
Bauernmadchen als Freundinnen. Meine Eltern erzahlen, daB ich „oft
an jedem Arme drei Madclien hjingen hatte", wenn ich aus der Scliulc
kam. Dann spielten wir Bail, Ringelreihen, Blindckuh, bauten im
Sand und bepflanzten den Garten. Im Winter spielten wir auch
„Kaufladen**. Meine Leidenschaft war aber das Kasperltheater ; da
gab ich ganze Vorstellungen und meine jungen und alten Zuhorer
^) W. Hammer, Die Tribadie Berlins. GroBstadt-Dokumente,
Bd. 20. Berlin und Leipzig, pa^. 12.
^) Bei K o B m a n n una W e i B , Mann und Weib, Stuttgart, Bd. II,
pag. 536.
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muBten geduldig ausharren und zuhoren. Auch hatte ich eine be-
sonders „gute Preundin", mit der ich oft stundenlang durch die
Felder streifte und Blumen pfliickte. Ganz anders war mein Ver-
haltnis zu den Knaben. Kann ich mich der Madchen, die mit mir
zur Schule gingen, kaum mehr entsinnen, so waren bei den Sym-
pathien oder Antipathien, die ich meinen Mitschiilern geffenuber emp-
Sfand, schon gleiich AuBerlichkeiten mai3gebend, so dafl icn mich noch
heute einzelner Knaben, die mir besonders gefielen oder auffielen, er-
innere. Naher verkehrt habe ich nur mit einem. Das war mein erster
„Freund" und mir, damals schon, ein ganz anderer „Freund**, als
die Madchen mir „Freundinnen*' waren. Diese Verhaltnisse anderten
sich, als ich mit 8V2 Jahren auf das Gymnasium kam. UnbewuBt
fuhlten sowohl ich als meine Kameraden, daB ich anders war als sie.
Als Ursache vermutete man wohl den Umstand, daI3 ich „Klassen-
primus" war. Still, empfindsam, zart, verschlossen, und schweig-
sam konnte ich nicht so recht „mitmachen", wie andere „frische
Jungens". Dagegen reizte meine Erscheinung und Art, andere —
meist recht groBe und iibermutige Knaben — mich zu necken, was
ich stets sehr schmerzlich empfand, besonders wenn es — wie oft —
diejenigen waren, die ich besonders liebte. Lange vermutete ich
hinter alledem den Neid meiner Kameraden auf meine Schulleistungen.
Jetzt glaube ich, daB meine Art zu erroten und mich mit ihnen nicht
in Streii einzulassen, sie dazu reizte. Ich konnte weder einen anderen
schlagen, noch ihm ein boses Wort sagen. Ich nahm das viel schwerer,
wie andere Knaben, die einen GenuB darin fanden, andere zu verpriigeln,
weil eben die Kameraden eine viel zu groBe Rolle in meinem Gefiihls-
leben spielten. Bezeichnend ist, was ich im Alter von 13 Jahren
in mein Tagebuch schrieb. Bei Erwahnung zweier Personen,
von denen ich glaubte, daB sie mir nicht besonders wohlgesinnt und
iiberhaupt keine guten Charaktere seien, schreibe ich: „. • • • trotzdem
habe ich beide gem ; ich bin so liebebediirftig ohne schmeicheln zu
konnen. Ich kann nie ein rechter Junge (in meiner Heimat sagt man,
so'n „echter Bub") sein. Vielleicht habe ich etwas Madchen-
h a f t e s. Und dann habe ich alle in der Klasse so lieb. Deshalb
bin ich auch in den Konflikten mit .... nicht tatkraftig genug
aufgetreten. Also mit 13 Jahren fiihlte ich anders zu sein, als meine
Kameraden, und glaubte etwas Madchenhaftes zu haben."
Auch ein Professor bemerkte, ich sei etwas madchenhaft. Auf-
fallend war auch, daB alle Spitz- und Kosenamen, die mir die engste
Familie gab, weiblich waren.
Nicht minder instruktiv ist der folgende Bericht eines
homosexuellen Weibes, den es in einem Artikel der Jahrbiicher,
betitelt „Die Wahrheit iiber mich", veroff entlichte :
„Meine Jugend ging hin wie die aller — Knaben, welche den
heiTlichen Vorzug genieBen, zugleich die Freiheiten des Landlebcns
mit den Annehmlichkeiten der GroBstadt verbinden zu konnen, was
wohl nur eine kleine Residenz gewahrt. Wenn ich sage, ich lebte
wie die Knaben, so bediene ich mich absichtlich dieses Ausdrucks ;
schon damals fiihlte ich mich vollkommen als „Bube". O wie be-
dauerte ich die armen Madchen, welche „ehrbar und sittsam", die
Biichertasche unter dem Arme, die Notenmappe an der Hand, dahin-
schreiten muBten, wahrend ich mich mit meinen tollen Kameraden
herumbalgte und -jagte, daB die Wangen gliihten und die Haare wild
im Winde flatterten.
Aus unserem Spiel „Ilauber und Gendarme" war mit der Zeit
eine ganze Rauber- und Zigeunerbande entstanden. Ich wurde zum
Hauptmanne erwahlt und ein zarter blonder Spielgenosse war die
„K6chin" des Trupps, „weil er so herrlich Spatzen braten konnte."
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Das SchieUen der Sperlinge besorgten wir mit sogenannten Plitz-
bogen. Wir besaBen eine gehorige Cbung darin und lachten uns bei
einem Fehlschusse gegenseitig aus. Mitten auf dem Felde hatten wir
einige Zelte aufgeschlagen und in dem einen derselben einen steinernen
Herd errichtet. Das Holz stahlen wir — Zigeimer miissen atehlen —
von einem benachbarten Bauplatze. Wartenbergs Karl hatte eine Brat-
pfanne, eine Schachtel „Schweden" und nach und nach ein ganzes
Schock Eier aus der heimatlichen Kuche nebst einem groBen Stiick
Speck, Butter und einer Tiite Salz herbeigeschleppt. Aus den um-
liegenden Peldem wurden Kartoffeln, Riiben und dergleichen aufge-
hoben. Und so litten wir, wenn wir von der Jagd oder anderen
wilden Streifzii^en zuriickkehrten, keine Not; denn unsere „famose
Kochin** hatte in der Zwischenzeit alles wohl zubereitet und sogar
die Sperlinge ausgenommen und gerupft.
Aber die Sache sollte ein Ende mit Schrecken nehmen, als wir
uns daran machten, in einem ziemlich entfernten Dorfe einem Bauern
ein Huhn zu stehlen. Der Alte wollte unsere Erlauterung, daB wir
Zigeuner waren, nicht verstehen und erklarte sich erst c£,zu bereit,
von einer Anzeige abzustehen, nachdem wir unsere ganze Barschaft
zusammengeschossen und ihm dieselbe als Ersatz fiir den beinahe
gehabten Verlust zuriickgelassen hatten. Ich fiihlte mich gedrangt,
als Hauptmann der Bande ein strenges Gericht iiber die un-
wiirdigen Mitglieder zu halten, welche so dumm sein konnten, sich
abfassen zu lassen. Auf einen Wink von mir wurden die Bosewichter
von den Kameraden mit Taschentiichern und Bindfaden, die wir zum
Zwecke des „Drachensteigenlassens" gewohnlich bei uns trugen, ge-
fesselt und in den nahen Wald geschleppt. Ich stieg auf einen Baum
— klettem konnte ich aus dem „ff". War damals auch leider noch
nicht die bequeme Mode eingefiihrt, ein „Radfahrkostiim", d. h. eine
festgeschlossene „Pumphose" unter dem Frauenrock zu tragen, so
konnte ich es doch durch eine sehr praktische Methode den Knaben
in alien Leibesiibimgen, Welleschlagen, Kopfstehen, auf den Handen
gehen usw. gleichtun. Ich trug namlich bestandig eine groBe „Sicher-
heitsnadel" oei mir. Mit derselben befestigte ich das hintere Ende
meines Rockes, indem ich es durchzog, an den vorderen Teil des
Kleides. So hatte ich die mir leider versagte Hose. Ich muB ge-
stehen, daB ich fast bis zu meiner Universitatszeit den Glauben hegte,
der ganze Unterschied zwischen den „Jungens" und mir bestande
einzig und allein in der Kleidung, und ich war zuweilen recht unzu-
friedeu dariiber, daB man mich von Anfang an durch den Anzug zum
Madchen gestempelt hatte. —
Nachdem ich zur Bestrafung der tJbeltater meinen erhohten Sitz
einffenommen hatte, fielen auf meinen Wink die Fosseln und ich
hieit strenges Gericht. Die Hauptmissetater, d. h. die Diimmsten emp-
fingen den niederschmetternden Urteilsspruch, daB sie dem „Hann-
chen" — so nannten wir unsere Kochin, wahrend man mir den
Namen „Hans" beigelegt hatte, — im Haushalte helfen sollten, indessen
wir auf einen frischen, frohlichen Kriegszug ausgehen wiirden.
Als wir aber ausgezogen waren und Hannchen den einen bat,
die Biiben „zu schaben**, den anderen die Kartoffeln „zu schalen'*,
brachen Unwille und Revolte aus. „Wir sind keine Madchen, wir
konnen und werden nicht kocheni" Hannchen versuchte sie zu be-
ruhigen. Umsonst. Kurt ergriff einen brennenden Holzspahn und
ziindete das Zelt an. Da ein kraftiger Wind blies, so sprang die
Flamme lustig weiter und das Feuer flackerte hell empor. Es hatte
ein Ungliick geben konnen ; denn ein groBer Bauplatz mit vielem
Holzc lag ganz in der Nahe. Aber die dort beschaftigten Arbeiter
hatten den Brand sofort bemerkt. Sie eilten herbei und es gliickte
ihnen ihn in kurzer Zeit zu loschen.
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Natiirlich wiirde die Geschichte in der Stadt bekannt. Und es war
wohl keiner von iinserer ganzen Zigeunerbande, der ohne Schlage da-
von kam. Was indessen noch schlimmer war, man deckte die meisten
unserer Streiche auf. So erzahlte man sich s^. B. daB wir im Nachbar-
dorfe ein Schweinchen „gemopst" batten.
Wie viel an der Sache wahr ist, will icb, meiner Kameraden wegen,
nicht verraten, auch nicht, ob wir wirklich die Fenster der SchloB-
kircbe eingeworfen haben, wie man behauptete. Genug, daB man
uns dessen fur fahig bielt. Gegen jeden von uns wurden, da so
etwas „denn docb iiber die Hutschnur ging", gebieterische MaBregeln
ergriffen, und mir untersagte man ein fur allemal, mit den Jungen
zu spielen. Nun, das war nicht so schlimm. Icb hatte genug ge-
spielt, — daB ich mich mit Madchenumgang entschadigen konnte,
der Gedanke i^ mir nie gekommen — jetzt nahm ich meine Zuflucht
zu den Biichem. Ich ging in des Vaters Bibliothek und las alles,
was mir in die Hande fiel, besonders Kriegsgeschichten und See-
abenteuftr. 0, weshalb konnte ich nicht Soldat, wes-
halb nicht Matrose werden? — — — "
Wie schon als Kind, so gibt sich auch als Erwachsene das
homosexuelle Weib dem Manne viel unbefangener als das hetero-
sexuelle ; sie f uhlt sich ihm gleichberechtijgt-er und gleich-
gearteter; in seiner Gesellschaft, die sie aus geistigen Interessen
fiucht, bewegt sie sich viel freier und ungenierter; nur wenn
sie merkt, daB der Mann in ihr das Geschlechtsobjekt wittert,
hat sic eine peinliche Empfindung, wird kiihl und reserviert.
Auch homosexuelle Manner lieben vielfach das Zusammensein
und die Unterhaltung mit Frauen, mit denen sie viele gemein-
same Baziehungen verbinden. Namentlich altere Frauen sind
Homosexuellen sehr sympathisch^).
Meisners®) Bemerkung: ,, Gegen altere Damen und die
haufig von der Mannerwelt verspotteten alten Jungfern ist der
Urning voll Artigkeit und Hoflichkeit, weshalb ihn diese auch
besonders gem haben**, trifft voUig zu.
Nur wenn in den Frauen erotische Gefiihle zu dem jiingeren
Homosexuellen zutage treten, was erfahrungsgemaB nicht selten der
Fall ist, gerat der ifrning in eine unbehagliche Lage. Ich kenne einen
Fall, in dem sich eine etwa GOjahrige Grafin in einen 26jahrigen homo-
sexuellen Schriftsteller verliebte, dem sie Hunderttausende schenkte.
Trotz der ansehnlichen auBeren Vorteile, die der Homosexuelle aus
diesem Verhaltnis zog — beide durchreisten die Welt im elegantesten
Stil — , geriet er durch die Verliebtheit der alten Dame in einen liber-
aufl nervosen Zustand; er meinte, es ware ihm, als befande er sich in
einem goldenen Kafig. Dritten Personen tauschen diese Verbindungeii
zwischen homosexuellen und heterosexuellen Mannern und Frauen oft
Liebe vor, ein Eindruck, der von den Homosexuellen selbst, um der
Welt Sand in die Augen zu streuen, oft absichtlich noch sehr ge-
fordert wird.
Manchc Homosexuelle halten sich „Renommierweibe r". XJr-
nische Juristen der Berliner Gesellschaft pflegten die Damen, in deren
^) M e i s n e r , Der Uranismus, p. 18.
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103
Begleitung sie sich auf Rennen, boi Premioren und sonst in der Offcnt-
lichkeit zeigten, untereinander ihre ,,A 1 i b i b e w e i s e" zu neiinen.
„Seit ich wissend bin**, schreibt ein hoher Staatsbeamter, „kJeido ieh die
Freuiidschaft zu meiuer Frau in das (Jewand der Tiiehe und die Liebe
zu meineii Lieblingen in das Gewand der Freundschaft, und so schroite
ich mit einer Tauschun<; meiner Umgebung — urspriinglich selbst
getauscht — weiter durcli das Lebon.**
Der Unterschied zwischen den unerotischen Bezieliungen
iiomosexueller Manner und Frauen zum a n d e r e n und den e r o t i -
s c h e n zum e i g e n e n Geschlecht will ich an zwei historischen Bei-
spielen des naheren ausfuhren. Michelangelos Freundschaft zur
Marchesa Vittoria Colonna ist oft als erotisches Verhaltnis er-
klart worden. G o 1 1 i 9) geht sogar so weit, zu behaupten, die an mann-
liche Personen gerichteten Liebesbriefe des groBen Kiinstlors seion
in Wirklichkeit fiir die ("olonna bestimmt gewesen, die Namen dor
Freunde hatten nur die Bedeutung von De(*ka<lrossen und Mittels-
personen. Auch die vertrauten Freundschaften Christines von
Schweden mit so vielen beriihniten M a n n e r n ihrer Zeit gaben
der Mitwelt AnlaC zu Pampldeten. Wer aber nur einigernial3en mit
den psychologischen Unterschieden von Freundschaft und Liebe ver-
traut ist, wird allein aus den hinterlassenen Briel'en der Konigin,
von denen Archenholz 4 Biinde gesammelt hat, und den er-
haltenen Gedichten Michelangelos leicht feststellen konnen,
wie ganz anders die Gefiilde gewesen sein miissen, die Christine
fiir die Gelehrten und Kiinstler empfand, mit denen sie in fiinf
Sprachen korrespondierte, als die fiir ihr Hoffraulein Grafin E b b a
Si)arre, die sie mit Satzen schloB wie: „ Adieu, Belle, adieu. Je
vous embrasse un million de fois" oder „Adieu, vivez heureuse et
souvenez vous de moi. Je vous embrasse un million de fois et vous
prie, d'etre assuree, que je vous aime de tout mon coeur." Wie ver-
scbieden die Briefe und Verse Michelangelos an Vittoria
Colonna, die, wie Scheffler^^) bemerkt, bereits einc fromme
Matrone mit „kaltem platonischen Lacheln** war, als der Siebenund-
funfzigjahrige sie kennen lernte, dabei die einzige Frau, die in seinem
Lcben eine RoUe spielte, und die seinen Freunden geweihten (iedichte,
die liebestrunkenen, uberschwanglichen Sonette an Tom mas o C a-
valieri, mit dem ihn ein 32 jahriges fcstes Freundschaftsverhaltnis
verband ; die Briefe an den gleich empfindenden R i c c i o , auf dessen
Liebling, den im 17. Lebensjahre verstorbenen Cecchino Bracci er
riihrende Epitaphien verfaBt, die Liebeslieder an Febo di Poggio,
von denen eines beginnt:
„Vor Deiner Augen Pracht
Sinkt jeder Blick, der Trotz ist iiberwundenl
Wenn einer je den Freudentod gefunden,
Geschieht's in solchen Stunden,
Wo Schonheit unterliegt der Liebe Macht."
Vergebens hat sich ein Groi3neffe Michelangelos bemiiht,
den Text der Sonette einer ,, Revision** zu unterziehen, indem er den
„Si^or** in eine ., Donna*' verwandelto. Die erst im Laufe des
vorigen Jahrhunderts veroffentlichten Briefe Michelangelos ^^) haben
den frommen Betrug der Neffen, der nioht vereinzolt in der Literatur-
9) Gotti, Vita di M. A., Firenze 1875.
i<i) Jahrb. f. sex. Zw. 11. Jahrg. pag. 257 8.
") Wie Numa Pratorius erwahnt. ist ein groBer Teil der
an M. - A. gerichteten Briefe noch nicht veroffentlicht. Wahrscheinlich
liegt der Grund dieser Saumnis in dem allzu deutlichen Charakter
dieser Korrespondenz. Jahrb. f. sex. Zw. XL Bd. pag. 25G.
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feschichte steht, zur Evidenz aufgedeckt. i*) Heute kann es keinem
weifel mehr unterliegen, daB das, was Michelangelo fiir die C o 1 o n n a
fiihlte, Freundschaft, und das, was er fiir Cavalieri empfand,
Liebe war. Und ebenso daB Christine, die ebenso wie er un-
vermahlt blieb, und die einst Oxenstierna i'), als er ihr ein
Eheprojeki unterbreitete, antwortete: „Non sit alterius, qui suus esse
potest**, fiir Manner Freundschaft, fiir Frauen Liebe
empfand. Sehr fein charakterisiert der groBe Historiker Leo-
pold von Ranke, der ihr in seinem Werke „Die romischen Papste
in den letzten vier Jahrhunderten" ein besonderes Kapitel gewichnet
hat, ihre Mannerfreundschaften in folgendem Satze: „Sie hatte deo
Ehrgeiz, beriihmte Leute an sich zu ziehen, ihres Unterrichts zu
genieBen — sie bemachtigte sich in kurzem der wichtigsten alten
Autoren, und selbst die fiirchenvater blieben ihr nicht tremd. Im
Jahre 1650 erschien Salmasius, endlich ward auch Cartesius
bewogen, sich zu ihr zu begeben; alle Morgen um 6 Uhr hatte er die
Ehre, sie in ihrer Bibliothek zu sehen; man behauptet, sie habe seine
Ideen, ihm selbst zur Verwundening, aus dem Plato abzuleiten ge-
wuBt. Es ifit gewiB, daB sie in ihren Konferenzen mit den Gelehrten,
wie in ihren Besprechungen mit dem Senat die tJberlegenheit des gliick-
lichen Gedachtnisses und einer kiihlen Auffassung und Penetration
zeigt: „ihr Geist ist hochst auBerordentlich", ruft Naud&us mit
Erstaunen aus. „Sie hat alles gesehen, alles gelesen, sie weiB alles."
Zu einem Weibe allerdings ftLhlt sich der Homosexuelle
in einer ganz besonderen Liebe hingezogen: zu seiner Mutter,
und auch hier fehlt nicht die Analogic, die uns oft ein besonders
inniges Verhaltnis zwischen der urnischen T o c h t e r und ihrem
Vater zeigt. Das Attachement des Homosexuellen an seine
Mutter ist so typisch, dafl die Freudsche Schule in diesem
„Mutterkomplex" eine Ursache der Homosexualitat tat er-
blicken wollen. Ich halte diese Folgerung fur einen
Trug scblufi. Der Homosexuelle entwickelt sich nicht zum
Uming, weil er sich schon als Kind zu der Mutter so stark
hingezogen fiihlt, sondern friiher ahnend als wissend lehnt er
sich in dem unbestimmten Geftihl seiner Schwache und Sonderart
an die Mutter an, die ihrerseits, ebenfalls instinktiv^ ihn oft
zu ihrem Lieblingskinde macht.
Auch hier mogen einige Beispiele das eigenartige Verhaltnis illu-
strieren. Zunachst eine Schilderung, die ich den Aufzeichnungen
eines Homosexuellen entnehme, den ich zu begutachten hatte. Er
^2) Vergl. Ludwig von Scheffler: M.-A. Eine Renaissance-
studie. Altenburg 1892. — M.-A. Buonarotti; Epistolario pubb-
licato da G. Milanesi 1888 und M.-A. Buonarotti di F. Par-
lagroco. Napoli 1888. — Wilhelm Lang, Die Gedichte M.-A.'s.
PreuB. Jahrbiicher 70. Bd. 4. Heft 1892. — Arch, di Psichiatr. XL
3 — 4, 1890 und Cesare Lombroso: Entartung und Genie. Neue
Studien. Deutsch von Kurella. Leipzig 1894. p. 24. — Anton
Springer: Raffael und M.-A. 2. Bd. 3. Aufl. Leipzig 1896.
p. 301. — Hermann Grimm: Leben M. -A.'s. 2. Bd. f. Aufl.
Berlin 1894. p. 348 f. — Dr. Numa Pratorius: M. -A.*s Urning-
tum. Jahrb. f. sex. Zw. IL Bd. p. 254 ff.
13) Vergl. Dr. R. S c h u 1 z e , Das Pro jekt der Vermahlung Fried-
rich Wilhelros von Brandenburg mit Cl^ristin^ vpn Scfeweden.
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hatte leichtfertige Handlungen begangen, die ihn mit dem Gesetz
in KoDflikt brachten ; indem er diese auf den bedriickten Zustand
zuruckfiihrt, in den er durch den Tod seiner Mutter versetzt war,
schreibt. er:
„ileine Mutter war mein Alles, sie war mein bester Freund, sie
war das alpha und omega meines Lebens. Fiir sie hatte ich viele
schone Plane geschmiedet, um ihr Alter zu verschonern . . . Da er-
eignete sich die Katastrophe, die fast die Vernichtung meines Lebens
bedeutete, der Tod entriB mir meine so innigst geliebte Mutter. Die
Nachricht ihrer Erkrankung, die mich das Schlimmste befiirchten
lieB, traf mich im Norden von Irland, und die Qualen, die ich in
den zwei Tagen und zwei Nachten auf der Reise nach Deutschland
ausstand, konnen keine Worte beschreiben. Leute verlieBen mein
Coup^ in der Bahn, weil sie fiirchteten, ich konne wahnsinnig werden.
. . . Ich pflegte meine Mutter Tag und Nacht drei Wochen lang, da
entriB sie mir Gott, und ich blieo als einsamer Wanderer, an Leib
und Seele gebrochen, zuruck. Dies war ein Schlag, von dem ich mich
nie wieder erholen konnte. Ich kehrte des Vergessens wegen in
meine alte Tatigkeit nach England zuriick, aber alles war umsonst.
Vergessenheit gab es fiir mich nicht, der Schmerz nagte Tag und
Nacht an meiner Seele und meinem Korper. Ich hatte alle Wider-
standsfahigkeit verloren. So ging ich wieder nach meiner Heimat
in das alte Familienhaus, wo meine Familie schon 100 Jahre gelebt
hatte. Oft war ich dem Wahnsinne nahe und fiihlte mich nur etwas
ruhiger auf dem Friedhofe an den Grabern meiner El tern. Da ich keine
Ruhe fand, reiste ich. In alien Kirchen und Kathedralen der Stadte
und alien Kapellen der Dorfer habe ich Gott fiir die Seele meiner
feliebten Mutter angefleht. Der ewig qualende Schmerz iiber den
od meiner geliebten Mutter hatte meine Nerven sehr angegriffen
Durch diese heftigen Gemiitsbewegungen fiihlte ich mich wie gelahmt,
mein Denkvermogen war wie paralysiert, ich verfiel in Triibsinn und
Melancholie, obgleich ich mich oft anstrengte, mich aufzuraffen. Ich
gab alien Briefwechsel auf, da niemand mich zu trosten vermochte.
Als die Welt, die zwischen meiner Mutter und mir herrschte, erlosch,
hatte das Leben kein Interesse mehr fiir mich."
Bei dem Heterosexuellen, der das, was ihm die Eltern waren,
auf die Kinder 'tibertragt, werden wir solchen Gefiihlsliber-
schwang nur selten finden, bei dem Urning ist eine so starke
Fixierung an die Mutter haufig. Wie zwanglos sie sich erklart,
ohne dali wir notig haben, zu Inzesthypothesen unsere Zuflucht
zu nebmen, moge das folgende Beispiel zeigen, das der Schrift-
steller M. S., dem Leben foljgend, entworfen hat.
„Der kleine muntere Jiinge, der gerne mit den kleinen gleich-
altrigen Madchen spielte, mit ihnen sang und tanzte, aber die der-
beren Knabenspiele scheute, wurde deswegen viel gehanselt. Er konnte
so anmutig sein, daU ihn die Dienstmadchen oft in Miidchenkleider
steckten, und wenn man ihm bei den Kindervorstellungen die Miidchen-
roUen zuteilte, war er vollig in seinem Element. Der Vatcr ver-
achtete ihn deswegen ein wenig, ihm war der jiingere Sohn in seiner
flotten Knabenhaftigkeit lieber. Vor dem Zorn des Vaters fliichtete
er zur Mutter, die ihn oft mit ihrem Leibe vor den Schlagen des
Vaters schutzte. Der kleine Junge fUrchtete den Vater schon, wenn
dieser ihn nur unzufrieden anblickte, seine Hiinde zittcrten und scino
Seele bebte. Alles das sah die Mutter mit steigender Sorge. Oft saB
der Jungo tiefbekiimmert da, er traumte offenen Auges und die
Trauen flossert die Wangen herab. Tnmitten seines Kummers fuhlte
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er sich plotzlich umarmt, gekuBt, die Mutter hielt ihn fest um-
schlungen; sie zog sein kleines Gesicht an das ihrige, und ihre Tranen
flossen zusammen, bis sie ihn getrostet hatte, und seine Augen wieder
lachten. Das waren unvergefiliche Momente im Leben des homo-
sexuellen Kindes. Er spiirte, daB sein treuester Freund die Mutter
war, und sein dankbares Herz malte sich aus, wie er sie beschenken
und ehren werde, wenn er einmal groB sein wiirde; wie sie strahlen
sollte neben ;ainderen Miittern. Sein ganzes Wiinschen und Hoffen
drehte sich um sie. Ihretwegen machte er seine Schulaufgaben, ihret-
wegen hxitete er sich, den Vater zu erziirnen; sie sollte nicht seinet-
weffen gescholten werden. Sie zufrieden zu sehen, war sein Lebens-
ziel. DaB sie es nicht war, fiihlte er, ebenso wie daB auch er daran
mitschuldig flei, und mit verdoppelter Zartlichkeit hing er an ihr,
der stillen Dulderin.
Inzwischen ward er 16 Jahre, es reifte in ihm das Geschlecht,
und eine verwirrende Unruhe erfaBte ihn. Die Kameraden erzahlten
ihm gaJante Abenteuer. Nichts von allem, was sie gliicklich machte,
verspiirte er. Er fiihlte sich vielmehr tief ungliicklich, als sein bester
Freund ihn mit einem Madchen „verriet". Er fing an, sich iiber sich
selbst klarer zu werden, und die erschreckende Erkenntnis, daB er
sic]i seiner verirrten Gefiihle zu schamen hatte, machte ihn erbeben.
Er wollte alles daran setzen, in die rechte Bahn zu kommen. Aber
hier zu Hause konnte er mit seinem Geheimnis nicht leben; seiner
Mutter, die er iiber alles liebte, wollte er das Herz nicht erschweren;
er muBtc fort; so verlieB er das Elternhaus, ging in die Fremde, um
sein Geschlechtsleben zu reparieren. In der Feme erhielt er die
zartlichen Briefe seiner Mutter, an die er wie an eine Geliebte schrieb.
Nach zweijahriger Abwesenheit kehrte er in die Heimat zuriick. Sein
Leben entwickelte sich fortab unter den Augen der Mutter, in der
er den Inbegriff aller Weiblichkeit sah. Seine Liaisons mit Frauen
waren keuscn. Er verehrte sie und hatte das Verlangen, ihnen zu
dienen. Friih ward er ihr Vertrauter, denn seine weibliche Seele
machte ihn zu ihrem natiirlichen Genossen. Dennoch war er tief un-
glucklich, da seine Gefiihle fiir sie sich nie in Sinnlichkeit umsetzten —
ie geschlechtliche Anziehung blieb aus. Erst leise
und immer lauter meldete sich die Sehnsucht zu sterben. Er war also
nicht „geheilt", die arztlichen Beriihmtheiten mit all' ihrer Wissen-
schaft hatten ihm nicht geholfen. Das wurde ihm GewiBheit, als
ihn eines Tages heftige Leidenschaft, unzweideutige Liebe zu einem
seiner Freunde erfaBte. Vergeblich suchte er dieses Gefuhls Herr zu
werden, igegen das sich sein Sozialgefiihl straubte. Denn diese Nei-
fung war verfemt. Und er brachte seine Liebe abermals zum Weibe.
Tmsonst, er liebte das Weib nur platonisch, konnte es nicht
anders lieben. Der aufreibende Kampf mit sich und dem Vorurteil
der Welt, die ihn entehren wiirde, hatte sie die Wahrheit auch nur
geahnt, machte ihn nervenkrank. Immer war es die Mutter, welch.e
mit alien erdenklichen Mitteln ihn der Lebensfreude wiederzugeben
suchte. Noch wuBte sie nichts. Sie war so diskret, offnete keinen
seiner Briefe, drangte sich nicht in sein Geheimnis. Sie sah mit
stummem Schmerz das Drama ihres Kindes und bewahrte es als tiefes
Geheimnis selbst vor dem Gatten. Des Nachts, wenn sie den Solin
schlafend jglaubte, wahrend ihr Mutterherz wachte, erhob sie sicli
vom schlaflosen Lager, offnete leise die Tiire zu seinem Gemaclx,
trat leise an sein Bett, das von einem Lichtstrahl der StraBenlaternen
beschienen war, schaute ihm ins Gesicht, hauchte einen KuB a.uf
seine miide Stirn, und ging dann an das Fenster, um mit gefalteten
Handen ein stummes Gebet zum Sternenhimmel zu senden. Uann ent-
fernte sie sich, wie sie gekommen war. Der Sohn hatte unter zittem-
den Wimpem alles gesehen, er hielt an sich, um nicht in TrsLnen
auszubrechen.
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Nach langem Kampfe hatte der Sohn der Stimme der Natur
gehorcht — seiner Natur. Er hatte sich dem Freund anvertraut,
den er inbriinstig liebte. Er zog ihn in das Haus seiner Eltern. Der
Vater fiihlte sich vom Freunde seines Sohnes instinktiv abgestoBen.
Er sail es nicht gerne, daB sein Sohn so groBen Wert auf dessen
Naho legte, daB er ihm ein durch die Heirat seines Bruders frei-
gewordenes Zimmer als Wohnraum einrichtete. Wieder war es die
Mutter, die alles in Ordnung brachte. Sie kannte ihren Sohn, sie
wuBte, daB ihr Kind keinen schlechten Instinkten folgte; sie ver-
traute seinen Motiven, auch wenn sie die Handlung nicht begriff. —
Eines Tages waren die beiden Freunde im Zimmer des Sonnes in
der innigen Umarmung eines Abschieds versunken. Sie bemerkten
nicht, daC jemand die Tiire offnete. Der Sohn erkannte noch den
Schatteu seiner Mutter, als sie sich rasch zuriickzog, einen Schimmer
ihrer feinen Seele, die er immer anbeten muBte, je mehr er die Zart-
heit ihrer schmerzensreichen Liebe erkannte. —
Die Mutter starb. Die Tage und Nachte, die ihrem schnellen
Sterben vorangingen, fanden den Sohn ununterbrochen an ihrem
Krankenbette. Er zitterte um dieses einzige Herz, das ihn verstatid,
ohne je ein Wort dariiber zu sprechen. Wie erstarrt sah er den un-
aufhaltsamen Verfall dieses kostbaren Lebens. Seine Augen waren
fest auf sie gerichtet, wie um das enteilende Bild fiir immer fest-
zuhalten; sie aber schaute mit unendlicher Giite auf ihn, dessen
Hand sie festhielt, um sie mit Kiissen zu bedecken. Einen Augen-
blick blieben sie allein. Da erhob die Sterbende sich von den
Eissen, blicktc um sich, ob sie auch niemand anders horen konnte,
und dann sagte sie zum Ohr des Sohnes geneigt : „GriiBe mir
deinen Freund, sage ihm, daB ich ihn segne." Dann
fiel sie in die Kissen zuriick. Es war das erste Mai, da5 sie es aus-
spracb, wie tief sie in die Seele ihres Kindes geblickt hatte.
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VIERTES KAPITEL
Kindheit und Relfezeit urnischer Knaben und MSdchen.
Frahdiagnose der Homosexaalit&t.
Dfiis Zufiammengehorigkeitsgefilhl homosexueller Knaben zu
heterosexuellen Madchen und homosexueller Madchen zu hetero-
sexuellen Knaben, diese anfangs noch so unbestimmte Empfin-
dung, „anders als die andern" zu sein, ist nichts lauSerlich
Aufgesetztea, sondem der unmittelbare AusflulJ der femininen
oder virilen Komponente im urnischen Kinde. Es ist ein
Fehler vieler Forscher auf diesem Q^biete, dali sie das Ge-
schlccliteleben vielfach als Erscheinung fiir sich, losgelost von
der Pers5nlichkeit, untersuchen, mit der es in Wirklichkeit ganz
untrennbar verbunden ist. Sciion in einer meiner ersten Arbeiten
iiber diesen Gegenstand, in dem Leitartikel der Jahrblicher ftir
sexuelle Zwischenstufen, schrieb ich: „Der homosexuelle Mensch
darf nicht allein in seiner Sexualitat, er muli in seiner gesamten
Individualitfit aufgefalit und erforscht werden. Seine geschlecht-
lichen Neigungen und Abneigungen sind nur Symptome, se-
kundM.re Folgeerscheinungen, das Primare ist seine
Psyche und sein Habitus in ihrer Gesamtheit."
Man hat demgegeniiber geltend gemacht, dafi den mannlichcD
und weiblichen Einschlagen, auf die man bei der Beschreibung urni-
scher Individualitaten den Hauptwert gelegt hat, ein so hoher dia-
gnosiischei* AVert nicht beigemessen werden konne, da sich die meisten
dieser Merkmale gelegentlich auch bei Nichturningen finden und an-
dererseits Urninge sie nicht selten vermissen lassen. An der Tat-
sache an sich, dafl namlich auch bei heterosexuellen Mannern dann
und wann feminine Stigmata, etwa hohe Stimme oder Bartlosigkeit,
und ebenso bei heterosexuellen Frauen virile Zeichen, wie Bartwuchs
oder Mannerbecken, vorkommen, ist an sich nicht zu zweifeln, nur
iibersieht man, daB es bei samtlichen Geschlechtscharakteren auch
unter vollig normal sexuellen Verhaltnissen stets nur auf das durch-
schnittliche MaB ankommt, daB der Begrif f der Norm hier mehr
noch wie sonst nur ein relativer, also mit dem Begriff der
1) J. f. sex. Zw., Jahrg. I, pag. 4ff. : Die objektive Diagnose der
Homosexualitat.
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Mehrheit zusaznmenfallender ist. Daa ist begrundet in der sexuellen
Variabilitat iiberhaupt, die ihrerseits allerdings eine absolute ist,
da es zwei gleiche Sexualindividualitaten iiberhaupt nicht gibt. Vollig
irrtiiinlich ist es, aus den Abweichungen von der Kegel einen SchluB
auf die Ungiiltigkeit der Kegel iiberhaupt zu Ziehen. Nehmen wir
ein Paradigpa: In den anatomischen Lehrbiichern heiBt es, daB die
mittlere GroBe des Mannes 167, die des Weibes 156 cm betragt. Wie
auBerordentlich haufig kommt es nun aber vor, daB bei einem Ehe-
paare der Gatte kleiner ist als die Frau. Es scheint fast, als ob
kleine, zierlich gebaute Manner sich morphotaktisch oft gerade von
groB und stark gewachsenen Frauen angezogen fiihlen. Trotzdem
ware es natiirlich toricht zu behaupten, der anatomische Satz: „der
Mann ist groBer als das Weib" sei unrichtig. Die Kegel bezieht sich
eben nur auf das Gewohnlichere und Haufigere.
Jedenfalls erleichtern gynandrische Zeichen die Diagnose
der Homosexualitat wesentlich. Dali meist nur einige Abwei-
chungen vom Sexualtypufi vorhanden sind, kann den Arzt um
80 weniger verwundern, als, wie wir wissen, niemals weder im
BereicJi des Pathologisehen noch innerhalb der Breite des Physio-
logificheu a lie Symptome einer Erscheinung vorhanden sind.
G>3heii diejenigen zu weit, die aus dem Schwanken alterosexueller
Mtrkniale, dem gelegentlichen Fehlen einzelner oder scheinbar
aller ihre diagnostische Bedeutungslosigkeit folgern, so gehen
nach der anderen Seite auch diejenigen in ein Extrem, die
diesen Zeichen eine allzu spezifische Bedeutung zuschreiben,
etwa meinen, je ausschlieBlicher eine f'rau homosexuell sei,
um so viriler mtisse sie sein; mit der Homosexualitat einer
Frau, der man nichts anmerke, konne es „nicht weit her" sein,
oder die wie Ulrichs glauben, ein Homosexueller, der viele
ieminine Zeichen hat, ftihle sich nicht zu jungen bartlosen;
Leuten hingezogen, sondern nur zu reiferen, alteren Mannern.
Alle diese mehr theoretischen Konklusionen halten gegeniiber
einer ausgiebigeren praktischen Erfahrung nicht stand. Nur
zeigt sJch bei gewissenhaf tester Priifung und Untersuchung der
Homosexuellen, bei langerer Beschaftigung mit ihrem Zustand,
daB die homosexuelle Frau in ihrem Gesamtstatus, namentlich
dem psychischen, niemals den voU weiblichen Frauen gleicht,
dafJ sie zwar wesentlich femininer als die viril
homosexuelle Frau, aber nicht so feminin wie
ein Weib ist, und daB es ganz ahnlich mit den homosexuellen
Mfinnern ist. Auch hier gibt es viele, denen man auBerlich
nichts anmerkt. BewuBt und unbewuBt erstreben die oneisten
dies auch ; fast taglich richtet unter den Homosexuellen, die
mich aufsuchen, der eine oder andere die Frage an mich, ob
man ihm wohl „etwas ansehen** konne. Sehr oft ist dies zu
verueinen, denn viele machen in der Tat zunachst einen ganz
mftimlichen Eindruck. Siets wird aber auch bei ihnen der
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sorgsame Expert nach und nach zum mindesten psychische
Zeithen finden, welche die tJbergangsstufe charakterisieren. Ich
kenne hier keine Ausnahme.
Ulrichs Angabe ist in diesem Punkte um so bemerkenswerter,
als er, wie mir viele, die ihn personlich kannten, beispielsweise Mar-
chese Persichetti, versicherten, keineswegs feminin wirkte. In
„Inclusa"*) schreibt er: „Abge9ondert von der weiblichen Richtung
unseres geschlechtlichen Liebestriebes tragen wir Urninge noch ein
a n d e r e 8 weibliches Element in uns, welches, wie mir scheint, den
positiven Beweis liefert, dafi die Natur in uns korperlich
den mannlichen Keim entwickelte, g e i s t i g aber den weib-
lichen. Dieses andere weibliche Element tragen wir in uns von
unserer ersten Kindheit an. Unser Charakter, die Art wie wir
fiihlen, unsere ganze Gemiitsart ist nicht mannlich, sie ist ent-
schieden weiblich. Dieses innere weibliche Element ist auCerlich an
uns erkennbar durch ein auBerlich hervortretendes weibliches Wesen.
Nur insofern ist unser auBeres Wesen mannlich: als Erziehung, die
stete Umgebung in der man uns aufwachsen lieB, und die soziale
Stellung, die man uns gab, mannliche Manieren uns kunstlich aner-
zogen haben."
Wie die seelischen In- und Deklinationen sich bereits in
friiher Jugend verraten — Westphal meinte, daU ihre ersten
Anzeichen im a c h t e n Lebensjahr in die Erscheinung treten — ,
so ist auch der sexuelle Eigenstatus, namentlich in seinen
psychischen Ztieen, meist lan^e vor der Pubertat bemerkbar. Er
iat fur die Friihdiagnose sogar oft bezeiclinender als die Zu-
und Abneigungen. Je mehr unsere Kenntnis der urnischen
Natur sich erweitert, um so frtihzeitiger wird hier eine Er-
kenntnis moglich sein. Es erscheint nicht ausgeschlossen —
wenn schon es wohl vorlaufig noch gute Weile haben wird — ,
daU wir einmal dahin gelangen werden, an dem verschieden-
artieren Plus oder Minus der Evolution bereits bei der Geburt
die Angehorigen des dritten Geschlechts wie die der beiden
anderen bestimmen zu konnen. Jedenfalls ware aber ein Ver-
setzen des Ursprungs der ETomosexualitat in das achte Lebens-
jahr ebensowenig gerechtf ertigt, wie ' ihre Zurtickf uhrung auf
das fiinfte Jahr. — Magnan^) schrieb: ,,Die Verkehrung des
geschlechtlichen Empfindens (inversion du sens genital) laacht
sich schon in friiher Jugend, zuweilen vom ftinften Jahre
an geltend, also bevor fehlerhafte Erziehung oder lasterhafte
Gewohnheit den Menschen verderben konnen", — oder wie es
einigo Autoren der Freudschen Schule tun auf das viert«
Lebensjahr.
2J K. H. Ulrichs, Inclusa, p. 26 f.
*) Mag nan, Psychiatrische Vorlesungen, II./III. Heft iibersetst
von Mobius, Leipzig 1892; II. aus dem Jahre 1887 stammende Vor-
lesung S. 26.
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Ill
Ebenso scharfsinnig wie zutreffend bemerkte schon vor mehr
als 20 Jahren von Schrenck-Notzing*): „Sehr wichtig
fur die originare Anlage zur kontraren Sexualempfindung ist
derNachweis, dali sich der weibliche Typus im mannlichen Kinde
schon vor der Zeit der ersten sexuellen Regungen (vor der
Pubertat) charakterologisch entwickelt hat, und daiJ
aufl diesem weiblichen Charakter, als eine folgerichtige Teil-
erscheinung, weibliches Geschlechtsgefiihl entstand ohne einen
Zwang der auBeren Verkaltnisse**. v. Schrenck hielt, als er dies
schrieb, diesen Nachweis nicht erbracht, heute scheint es mir
sicher zu stehen, daU der Uranier von vornherein den Stempel
seiner korperlichen und geistigen Eigenttimlichkeit tragt. Seine
Besonderheit ist von frtihester Jugend vorhanden, wahrend sie
bei anderen, trotz gleicher Erziehung und gleichem Milieu, fehlt.
Jedcr Homosexuelle erinnert sich, daU er anders geartet war als
die gewohnlichen Knaben. Sehr oft war ihm die Tatsache,
wenn auch nicht die U r s a c h e , schon wahrend der Schulzeit
klar. Weniger von ihm selbst, als von seinen Angehorigen und
Pernstehenden wird in dieser Eigenart das Madchenhafte er-
kannt.
Wir geben einige Urteile der Umgebung wieder, die uns in groBter
Mannigfaltigkeit vorliegen. Ein homosexueller Schriftsteller scnreibt:
„Das Wort : ,Du warst besser ein Madchen geworden*, habe ich unend-
lich oft horen. miissen. Als fiinf jahriger Junge nahm ich oft ein Tuch
und schlug es um, so daU es schleppte, und sagte: nun bin ich ein
Madchen; das war mein groBtes Vergniigen." Ein urnischer Chemiker
berichtet: „Ich war als Kind sehr artig und habe im Gegensatz zu
meinen Briidern von meinen Eltern nie Priigel bekommen. Onanie blieb
mir bis heute unbekannt. Die wilden Knabenspiele waren mir zuwider,
ich schloB mich mit Vorliebe an Madchen an und hatte deswegen v i e 1
Neckerei und Spott zu erdulden; das war mir sehr un-
angenehm, doch konnte ich nicht dagegen an. Ich liebte zu nahen,
zu stricken, beim Eochen und Backen zu helfen und mich mit Bandern
wie ein kleines Madchen zu schmiicken. Es ist mir noch jetzt sehr
peinlich, wenn diese Jugenderinnerungen von Verwandten ausgekramt
werden." Andere Mitteilungen von Urningen lauten: „Im Kadetten-
korps hiefi ich die keusche Jungfrau." „In der Schule nannte man
mich allgemein Fraulein." „Als ich 13 Jahre alt war, sagte unser
Hausarzt, ich sei kein Kerl, sondern ein hysterisches Frauenzimmer."
„Mein Vater rief mich immer Wilhelmine". „In der Tanzstunde
uannten mich die Damen: Willy mit den Madchenaugen". ,, Schon
zu Hause, wie spater in der vornehmen Gesellschaft fiihrte ich den
Spitznamen: Baronesse". „Wenn ich einen Stein in die Luft warf,
sagten die Jugendgespielen : ,Da Widdigs Jong wirft grad wie ein
Madchen*." „Meine Mutter sagte von mir, ,er ist meine kleine Tochter*.**
.,Von mir und meiner altesten Schwester hieB es stets, wir seien ver-
wechselt worden". „Man meinte stets, meine Schwester hatte der
Junge und ich das Madel werden sollen". „Als Kind hieB ich schon
Mademoiselle". Urnische Damen berichten: „So lange ich denken
kann, wurdc ich boy genannt". Eine andere: „Schon als Kind trug
*; A. a. O. S. 194. Aus dem Jahre 1892.
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ich mit Vorliebe Miitze und Rock meines Vaters, kletterte auf die
hoohsten Baume und wurde immer Junge gerufen". Eine Dritte: „Ich
nierkte bereits im 6. Lebensjahr, daB ich anders war. Es wurde haufig
gesagt: ,,an dir ist ein Junge verdorben". Eine andere: ,Jch zog
Jungenspiele vor, besaB Bleisoldaten und einen Spazierstock. Beim
Spielen war ich immer der Vater. Ich zog mich von der Schulzeit an von
den Altersgenossinnen zuriick." Bemerkungen wurden gemacht: „Sie
ist der reine Junge." Madchen fand ich entsetzlich dumm und laiig-
weilig. Weibliche Kinderspiele verachtete ich. Die Knaben betrach-
teten mich als zu ihnen gehorig. Man nannte mich bis zu meinem
12. Jahre immer ,Willi*." Und noch eine andere teilt mit:
„Ich zog heimlich die Kleider meines jiingsten Bruders an, schnitt
kiihn entschlossen mein wundervolles Haar stb, nahm Cberzieher und
Stock und musterte mich vor dem Spiegel, — die Mannertracht stand
mir vortrefflich. Mein Kopf war so kostlich leicht und frei ohne die
schweren Flechten, meine Muskeln fuhlten sich stahlhart an, und
mit dem lastigen Mieder fiel jeder unertragliche Weiberzwang von mir
ab. Ich fiihlte mich zum ersten Male ganz als Mann — es war ein
Hochgefiihl ohne gleichen."
Charakteristisch durch ihr weibliches oder mannliches Greprage
sind oft die Kinderphotographieen der homosexuellen Manner
und Frauen.
Oft untersttitzen die Angehorigen die Veranlagung urnischer
Kinder und beschaftigen sie dementsprechend. Die Vater fiihlen
sich zu urnischen Tochtern besonders hingezogen — die Mutter
verwenden hingegen ikre urnischen Sohne gern zu allerlei haus-
lichen Beschaftigungen. Man glaube jedoch nicht, daB erst
durch die Erziehung diese femininen oder virilen Eigenschaften
hervorgerufen werden, bei einem nicht urnischen Knaben wiirde
die Mutter tiberhaupt nicht seiche Verwendung versuchen. Wenn
Krafft-Ebing in seiner Epikrise des Falles der Grafin
Sarolta Vay schreibt: „eine Marotte des Vaters war es unter
anderen, dali er S. ganz als Knaben erzog, sie reiten, kutschierea,
jagen lieli, ihre Energie als Mann bewunderte, sie Sander nannte.
Dagegen lieli dieser narrische Vater seinen zweiten Sehn in
W^jiberkleidung gehen und als Madchen erziehen", so darf man
zugunsten des Vaters annehmen, dali er vermutlich nur der
ausgesprochenen Neigung und dem starken Drangen der Kinder
all zu willfahrig entgegenkam.
Auch Oskar Wilde soil, wie S h e r a r d berichtet, von seiner
Mutter, die iibrigens viele virile Ziige aufwies, noch als groBerer Kna1:>e
oft in Madchenkleidern gesteckt worden sein. Mir haben die Mutter
von Urningen wiederholt oerichtet, wie ungliicklich ihre Kleinen waren,
als sie „die ersten Hosen" erhielten, wie so nichts von Stolz in ihnen
war, mit dem diese Umkleidimg echte Jungen erfiillt.
Ulrichs*) erzahlt von sich selbst: „Sehr schmerzte es micli,
als ich zuerst „Jungenszeug" anziehen muBte. Oft habe ich in jener
meiner ersten Kindheit, wie man mir spater erzahlt hat, klagend und
protestierend gesagt: ,Nein, ich will ein Madchen sein*. Ich bin cLa-
*) U., Memnon, pag. 113/14.
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niaia nooli so idein gewesen, daB ich das Wort yMadchen' noch nicht
einznal auszusprechen yermocht« und dafiir ,Madzeii' gesagt habe."
Auch hier einige Beispiele elterlichen Nachlebens.
£in junger Leutnant erzahlt: „Sobald ich dem Schul-
zimmer entflohen war, elite ich zu meinen Freundiimen. Meine
Mutter liebte es, mich zu ihren Greschalts^angen mitzunehmen
udd fragte mich dann bei Einkaufen: wie mir dieses oder jenes
gefiele. Bei jedem neuen Hute, den sich meine Mutter kaufte, wurde
ich als ModeU verwandt, das heifit, mir wurden die verschiedenen
Damenhiite auf den Kopf gesetzt und der mich am besten kleidete,
den erkor meine Mutter fiir sich. „Du siehst wie ein kleines Madchen
aus, sagte mir meine Mutter haufig bei der Hutprobe, schade, daB
du keiu Madel geworden bist." Derselbe Gewahrsmann gibt noch
folgende sehr bezeichnende Schilderung: „Mein Vater war Offizier
und seinem Willen gemaB soUten seine drei Sohne auch Offiziere
werden. Ich stand im 13. Lebensjahre, als ich zum Kadettenkorps ein-
berufen wurde. Von meinen Vorgesetzten habe ich nur Gutes er-
fahren, da ich selbst ein recht braver Schiiler war und zum Tadeln
wenig Veranlassung bot. An den wilden Jugendspielen beteiligte ich
mich wenig und nur auf hoheren Befehl, mein liebstes .waren Plauder-
stiindchen mit gleichgesinnten Eameraden, die wilden mied ich, eines
Tages aber konnte ich die Erfahrung machen, daB ein solch wilder
Bursche eine besondere Zuneigung zu mir faBte, mich ofters mit
Eleinigkeiten beschenkte und mir half, wo er helfen konnte, dabei
bemerCte er, ich besaBe ein so „atherisches Wesen", das gefiele ihm
so, er behauptete, ich duftete inmier nach Vanille. Im Singen war ich
die Saule des Soprans, wie der Lehrer sich ausdriickte, una als in der
Literaturstunde SchiUers Jungfrau von Orleans mit verteilten Rollen
gelesen werden sollte, und es sich um die Besetzung der Jeanne d'Arc
nandelte, da war mein Lehrer keinen Augenblick im Zweifel und
iibertrug dieselbe mir unter allgemeiner Akklamation der Kameraden.
Von da ab behielt ich im Korps den Titel: „Jungfrau von Orleans"
Oder auch „Fraulein Johanna 1" Die Vorliebe der normalsexuellen fiir
den umischen Mitschiiler, dessen weibliche Grundnatur sie instinktiv
herausfuhlen, ist sehr charakteristisch ; so berichtet ein anderer Offi-
zier, der aujt einer Ritterakademie erzogen wurde, daB, als er 13 Jahre
alt war. fast alle alteren Knaben in ihn verliebt waren.
In den Jugenderinnerungen einer homosexuellen Kiinstlerin heiBt
ea: Von klein an habe ich nie Geschmack an den liblicben Puppen-
spielen, am Kochen oder Mutter- und Kinderspielen gefunden. Icb
kletterte lieber auf jede nur erreichbare Leiter, kroch in alle Korbe
und versetzte durch mein „Schliddern" auf dem glatten FuBboden
die Madchen in Schrecken. DaB ich haufig dabei tiichtig hinschlug
und mehr als einmal blutende Hande und Kase davon trug, tat dem
Vergnugen keinen Eintrag. Meine Puppen behandelte ich iuBerst non-
cliamnt, sie lagen in alien Ecken und wurden selten hervorgeholt. Da-
gegen bereitete mir ein kleiner Spazierstock, den man mir einmal
schenkte, unglaubliche Freude. Ich war vielleicht vier Jahr alt; mit
meinen kurzen Hosen und dem Enabenpaletot machte ich den Ein-
druck eines kleinen Dandy, den Spazierstock am Arm, die rechte Hand
in der Tasche meiner Matrosenkleider (die ich bis zu meinem 15. Jahr
bevorzugte) ; ich werde nie vergessen, welches „Hochgef\ihl" sich mei-
ner kleinen Eitelkeit bemachtigte, wenn ich auf diese Art ausgehen
durfte. —
Mit fiint Jahren schenkte mir auf unablassiges Bitten eine Kochin
ein Gewehr. Ich riihrte von alien Geburtstagsgeschenken nichts an,
stolzierte den ganzen Tag mit „Gewehr iiber" und konnte mich auch
abends von dem Liebling nicht trennen. Auch spaterhin, bis in diese
Tage hinein, spielten Waffen eine groBe Rolle in meinen Traumen ; ich
Hirschfeld, Homosexualitlt. g
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lU
geriet spater haufig sehr heftig mit meinem jiingeren Bruder zusammeti,
der sich das Wegnehmea seiner Pistolen, Sabel und sonstigen Armie-
ruiigen nicht gefallen lassen woUte. . . . Gem setzte ich mir die
Hiite meiues Vaters auf und machte ,,Papa" nach. . . . Bei Reisen
an die See lieB ich mich in die Strandburgen als Mitglied eintragen,
die von Einheimischen und Kurgasten gebaut und verteidigt wiirden.
Ich kaufte mir einen kleinen holzernen Sabel, setzte meinen Siid-
. wester nacb Art der Siidwestafrika-Kampfer auf und war bei all^
Geschrei und Getiimmel am lautesten. Meine Unbeliebtheit bei den im
Umkreise unserer Tatenlust befindlichen Badegasten erhohte nur mei-
nen Stolz. Ich veranstaltete auch oft Wettrennen, wobei es nicht
ohue wilde Balgerei abging. — Mit 13 Jahren faBte ich den Plan,
Zoologie zu studieren. Ein Onkel schenkte mir ein Werk — und nun
begann ich lateinische Namen auswendig zu lemen, kannte jedes
Tier, jede Gattung und fand ein groBes Vergniigen in der Vergleichung
dieser und jener Arten und in der Erorterung von allerlei Kreuzungs-
moglichkeiten. Ich legte mir auch eine Schmetterlingssammlung an
und fing und praparierte die einzelnen Exemplare selbst. Die so-
genannte Backfischliteratur fand ich langweilig und ich entsinne
mich, daC ich einmal bitterlich weinte, als die Heldin ihrem von mir
so bewunderten Herrengeist entgegen sich am Ende doch ihrem Helden
ergab. Lieber las ich „Lederstrumpf", „Buffalo Bill" u. a. — Die Eolge
dieser Lektiire war, daB wir unsere Zimmer in Rauberhohlen verwandel-
ten und (Tberfalle inszenierten, wobei meine groBe Puppe die geraubte
Jungfrau darstellte. Meine schonste Kindheitserinnerung ist ein Ferien-
aufenthalt im Riesengebirge, wo ich im Knabenhemd und Hose die
Berge durchstreifte. — Es ist eine eigene Sache um Kinderspiele, in
ihnen liegt oft ein Orakel fiir das zukiinftige Leben."
Von manchen Seiten, besonders von Tarnowsky, ist
vorgeechlagen, Knaben, welche zu weiblichen Beschaftigungen
neigen, recht zu vcrspotten, um so der Entwicklunghomosexueller
Trie'be vorzubeugen. Es heiiJt die Macht der Erzielbiing weit
iiberschatzen, wenn man annimmt, dafl dadurch eine so tief
iu der Personlichkeit wurzelnde Triebkr af t nennenswert beeinf luflt
wcrden konnte. Wir halten diese prophylaktischen Maflnahmen
nicht nur fur wirkungslos, sondern auch fiir verhangnisvoll, weil
si3 geeignet sind, das ohnehin schtichterne, empfindsame urnische
Kind noch zaghafter und scheuer zu machen. Diese Kleinen
epliren es instinktiv, dafl sie eigentlich weder zu den Knaben,
noch zu den Madchen gehoren, ihr Selbstvertrauen leidet unter
diesem Zwiespalte, sie nehmen alles tiefer und ernster als die
glcichaltrigen Kameraden. Unter den jugendlichen Selbstmordern,
die sich wegen gekrankten Ehrgeizes ein Leid an tun, befinden
sich relativ viel urnische Knaben. Eine wohlbedachte Erziehung
soil das psycholof^ische Erfassen der Kindesseele zur Grund-
lagc haben, sie sollte individualisieren, indem sie die vorhandenen
guten Keime in die rechten Bahnen leitet, die schlechten Anlagen
liebevoU hemmt. Statt dessen werden in voUiger Unkenntnis
der urnischen Kindesseele, welche sich schon deutlich von der
Knabenseele durch eine grciflere Eezeptivitat, von der Madchen*
seele durch starkere Produktivitat unterscheidet, viele Kcime^
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dereu sorgsame Pf lege sich auBerordentlich verlohnen wlirde, mit
einer das kindliche Zentralnervensystem oft schwer affizierenden
Gewalt unterdrtickt.
Die oft in hohem Grade vorhandene geistige Begabung bei
urnischen Knaben wird durch eine gewisse Unsicherheit und
Vertraumtheit, oft auch durch Zerstreutheit infolge allzii reger
Phantasie beeintrachtigt, doch kommen die meisten reclit gut in
der Schulo mit ; viele sind Primi ; eine besondere Vorliebe besteht
f tir fichongeistige Facher, namentlich f iir Literatur, iGe-
schichte und Geographie, auch fiir Musik und Zeichnen, etwas
weniger fiir Sprachen, dagegen zeigen sich von 100 urnischen
Kindorn 90 ungewdhnlich schwach fiir Mathematik veranlagt.
Merkwiirdig erscheint es demgegenliber, dafl von den iibrig-
bleibenden lOo/o jedoch 4 eine weit iiber dem Durchschnitt
stehende mathematische Bef ahigung auf weisen.
So schreibt ein urnischer Ingenieur: „Ich darf ohne Oberhebung
sagcn, dafi ich als Knabe das DurchschnittsmaB sicherlich erheblich
iiberragte. Ich war vor alien Dingen als guter Rechner und Mathe-
matiker bekannt, und von den Kameraden war meine Hilfe bei ihren
Arbeiten stark gesucht. Vokabein lernte ich spielend lejcht. Zu
Hause zu arbeiten hatte ich nicht notig, ich lernte alles bei der ersten
Durchnahme in der Schule. Das sogenannte Praparieren und Repe-
tieren kannte ich nicht, ich extemporierte stets, ob es sich um
lateinische, griechische, franzosische oder englische Klassiker haudelte.
In Mathematik iiberraschte ich meine Lehrer haufig durch rasche
elegante Losung der Konstruktionsaufgaben und fand ein groBes Ver-
fnugen daran, meine Lehrer selbst gelegentlich „hineinzulegen". Den
rimusplatz hatte ich bis in die oberen Klassen inne."
Was die iibrigen Facher anlangt, so besteht um die Reife-
zeit herum bei urnischen Knaben oft eine starke religiose
Schwarmerei, zum Turnen mangelt es vielen an Muskelkraft und
Mut, 4och wird dieser Ausfall oft durch Geschicklichkeit und
astheiisches Wohlgef alien an den korperlichen tlbungen der
Mitwirkenden und Eifer es ihnen nachzutun, ausgeglichen. Das
Intercssc fiir den Unterrichtsgegenstand steht bei vielen im
engsten Zusammenhange mit der Person des Lehrers. Wie sehr
auch als Schulkind das urnische Madchen ein Pendant des
urnischen Knaben darstellt, moge der folgende Bericht einer
homosexuellen Frau veranschaulichen, die sich selbst als Privat-
-gelehrte bezeichnet:
„Ich will nicht behaupten, daC ich besonders gern lernte. Ich
bewaitigte mein Pensum hauptsachlich aus Ehrgeiz. Das Arbeiten
wurde mir leicht. Etwas einmal hciren oder einmal durchlesen, und
die Sacho saB und blieb haften. Die schriftlichen Aufgaben schiittelte
ich mir, sozusagen, aus dem Armel. Aber es ware oft auch das ein-
malige Durchlesen unterblieben, wenn ich es iiber mich gewonnen
hatte, in der Klasse einen anderen, als den ersten Platz inne zu
haben.
8*
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Wir hatten in unserem Stadtchen eine kleine Privatschule fur
Knaben. Da dieselbe hauptsachlich auf besonderen Wunsch meines
Vaters eingerichtet worden war, so wurde mir die Erlaubnis erteilt,
an samtlicnen Unterrichtsfachern teilzunehmen. Das war etwas fiir
mich. Natiirlich bestarkte mich das noch mehr in dem Glauben, daU
ich „eigentlich" ein Knabe und kein Madchen sei. Nebenbei hatte ich
Handarbeitsstunden, Eonversation in den neueren Sprachen usw. Es
war indessen merkwiirdig, eine so gute Schiilerin ich in den Au^en
meiner Lehrer war, eine ebenso unausstehliche, trotzige, eigensinnige
gegeniiber den Lehrerinnen, fiir die ich nicht „8chwarmen" konnte.
Und zu diesem Gefiihl rifi mich nur die 20jahrige Franzosin fort, weil
— sie so wunderbar groBe blaue Augen, so herrliches schwarzes Haar
hatte, iiberhaupt so schon war. Ich erfuhr bald, dafi die Offiziere
der Residenz meinen Geschmack teilten, worauf ich nicht wenig stolz
war. Als indessen einer derselben meine Angebetete als Gattin heim-
fiihrte, hatte ich diesen am liebsten gefordert. Nichts konnte mich
bewegen, zu der Hochzeitsfeierlichkeit, zu welcher ich geladen war,
zu gehen. Ich schlofi mich den halben Tag iiber in mein Arbeitszimmer
ein und stampfte von Zeit zu Zeit heftig auf den Boden. Damals war
ich 14 Jahre alt.
Im nachsten Monat soUte unser Elassenunterricht ein Ende haben.
Die Knaben, meist alter als ich, hatten ihr Einjahrigen-Zeugnis ,4n
der Tasche", und bezogen das Gymnasium einer groBeren Stadt. Und
ich, die ich das beste Examen gemacht hatte? Ich wurde nicht auf-
genommen, weil ich ein Madchen war. Das war die erste wirk-
liche Enttauschung meines Lebens. Weinen las nicht in meiner
Natur. Ich mufite handeln, trotzen. Ich wollte dennoch meine Abi-
turientenpriifung bestehen, und noch friiher als meine Freunde. So
verschaffte ich mir den Lehrplan des betreffenden Gymnasiums und
arbeitete mit Hilfe meines Vaters nach demselben. 'Nebenbei trieb
ich Musik, in welcher ich es jedoch nie zur VoUkommenheit gebracht.
Fines Tages horte ich, dafi die ganze Stadt in Aufregung war, weil eine
Dame aus der Gesellschaft, die mir sehr wohl bekannt, in dem jugend-
lichen Alter von 18 Jahren ihr Lehrerinnenexamen gemacht habe.
„Wenn es weiter nichts isti" dachte ich, ging zu der Vorsteherin der
betreffenden Bildungsanstalt und lieB mien von dieser zunachst
privatim priifen. Mir wurde der Bescheid, daB ich wohl die notigen
Kenntnisse, aber nicht das vorgeschriebene Alter habe. Was tun?
Warten hieB die Losung I Ich hatte mir nun einmal vorgenommen, auch
dieses Examen zu bestehen. DaB man mir auBerdem, gleichfalls wieder
privatim, die Abiturientenprufung abnahm — noch bevor meine
fiiiheren Spielkameraden fertig waren — wurde mit vieler Miihe durch-
gesetzt. Nun ging es in die Schweiz, um mich fiir das Universitats-
studium zu immatrikulieren."
ttber ihr Studentenleben fiigt diese Urninde dann nochi
spater hinzu:
„Wie ich das Studentenleben zugebracht? Nun, wie alle. In der
ersten Zeit gebummelt, gekneipt, gespielt, die Freiheit in vollen Zugen
ausgekostet, auf die Berge geklettert usw. 1 Ich bin eine enthusi-
astische Naturschwarmerin, und eine schone Landschaft kann mich
bis zur Trunkenheit begeistern. Der zweite Teil meines Universitats-
programms hieB jedoch arbeiten. Ich hatte neben Astronomie und
alten Sprachen die Medizin als Hauptstudienfach ergriffen und wollt-e
auch hier meinen mannlichen Herren KoUegen nicht im Wissen und
Konnen nachstehen. So machte ich denn ein recht gutes Examen
und lieB mich als „Privatgelehrte" in einer der idyllischsten Gegenden
rueines Vaterlandes nieder. wo ich vereint mit „Ihr*' noch heute ein
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Leben fuhre, wie es im Eden nicht himmlischer, nicht seliger sein
kann."
Um noch einmal kurz auf die Kinderspiele zuriickzu-
kommen, so halte ich ihre Beschaffenheit fiir die Diagnostik
sexueller Zwischenstufen von fast ebenso hohem Wert wie die
Traume, wobei allerdings in Betracht gezogen werden mnB,
dali manche Kinder zu Spielen neigen, die weder ein mannliches
noch weibliches Geprage tragen, und daU es auch solche gibt,
die tiberhaupt Spielen abhold sind. Ich mochte die Rasuistik
dieses wichtigen Absohnitts noch mit Mitteilungen aus dem
Leben zweier bekannter Urninge schlieBen, der Schilderung der
Kinderspiele von U 1 r i c h s , den ich f tir den feinsten, klarsten
nnd gewissenhaftesten Selbstbeobachter seiner eigenen urnischen
Psyche halte, und der von Louise Michel, auf Grund deren
Aufzeichnungen uns Karl v. Levetzow in den Jahrbiichern
eine vortreffliche Charakterstudie geliefert hat.
Ulrichs schreibt*):
„Der Uming zeigt als Kind ganz unverkennbaren Hang zu mad-
chenhaften Beschaftigtingen, zum IJmgang mit Madchen, zum Spielen
mit Madchenspielzeug, namentlioh mit Puppen. Wie sehr beklagt
ein solches Kind, dafi es nicht Knabensitte ist, mit Puppen zu spielen,
daB der Weihnachtsmann nicht auch ihm Puppen bringt, und daB man
ihm mit den Puppen seiner Schwester zu spielen verbietetl Solches
Kind zeigt Wohlgefallen am Nahen, Stricken, Hakeln, an den weich
und sanft anzufiBilenden Kleidern der Madchen, die es am liebsten
selbst tragen mochte, an farbigen seidenen Bandern und Tiichern,
von deneix es sich geme einzelne Stucke aufbewahrt. Den Umgang
mit Knaben, deren Beschaftigimgen, deren Spiele, scheut es. Das
Steckenpferd ist ihm gleichgiiltig. Am Soldatenspielen, dem liebsten
Zeitvertreib der Knaben, hat es keinen Gefallen. Es flieht der Knaben
Raufcreien, deren Schneeballwerfen. Am BaJlspiel findet es wohl
Gefallen, aber nur mit Madchen. Auch wirft es den Ball mit der
zarten und schwachlichen Armstellung der Madchen, nicht mit dem
kraftigen Armgriff der Knaben. Jeder, welcher einen Urning als
Knaben beobachten konnte und mit einiger Aufmerksamkeit wirklich
beobachtete, wifd dies bestatigen oder doch ganz ahnliches. SoUte
das alles Verstellun^ sein? Die geschilderten Eigentumlichkeiten habe
ich an mir personlich schon langst nicht nur gekannt, sondem sie
sind mir auch stets auffallend gewesen, ohne daB ich jedoch gerade
etwas Weibliches in ihnen erkannt hatte. Im Jahre 1854 teilte ich
dieselben auch einem meiner Verwandten mit, als etwas mir Auf-
fallendes. was wohl mit meiner geschlechtlichen Natur zusammen-
hanpen moge. Weil dieser jedoch mir diesen Gedanken ausredete,
so fieB ich ihn fallen. Erst 1862 habe ich ihn wieder aufgegriffen ;
weil mir namlich Gelegenheifc ward, auch andere Urninge zu beobachten,
und ich den weiblichen Habitus merkwiirdigerweise bei alien sich
wiederholen sah, wenn auch variierend in den einzelnen Ziigen. Auch
bei den Weibem variiert ja der weibliche Habitus in den einzelnen
Zi3gen. TTber mich selbst, als Kind von 10—12 Jahren, folgendes.
Wie oft seufzte meine gute Mutter: „Karl, du bist nicht so, wie
andere JungenI" Wie oft sagte sie wamend: „Wenn du nicht anders
«) Ulrichs, Inclusa, pag. 27 ff.
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wirst, wirst. du ein Sonderling." Das KnabenmaBige, das einmal nicht
in mir war, brachte alles Wamen, aller Zwan^, alles Animieren zur
Teilnahme am Sohneeballwerfen usw. nicht m mich hinein. Ich
war eben scbon ein Sonderling, namlich von Natur. — Als konnte
durch kunstliche Gewohnung an Schneeballwerfen usw. das Knaben-
maBige erzeugt werdeni und als ware nicht vielmehr die Antipathie
gegen das Schneeballwerfen nur das Symptom einer anderen Indi-
vidualitat. Dieses meines weiblichen Wesens wegen bin ich schon
als Knabe mancher Demiitigung unverschuldet ausgesetzt gewesen.
Als ich im Jahre 1844, I8V2 Jahre alt, das Gymnasium verliefi, mn zur
Universitat abzugehen, sagte mir ■ beim Abschiede eine wohlmeinende
altere Freundin: „Karl, werden Sie recht mannlichl" und ein Geist-
IJcher: „Erhalten Sie sich Ihren kindlichen Sinnl" Mannlichkeit
also haben beide in meinem damaligen Wesen nicht wahrgenommen.
Als ich im November 1862 einzelne Ziige meines Wesens aufzeichnete,
sie damals ausdriicklich als weiblichen Habitus bezeichnete, und die
Aufzeichnung mehreren meiner Verwandten vorlegte, schrieb einer der-
selben an den Rand hinzu: „Einen solchen weiblichen Habitus glaube
ich an Earl allerdings stets wahrgenommen zu haben."
Vergleichen wir nun damit, waa uns v. Levetzow aus Louise
M i c h e 1 8 Kinderzeit berichtet '') :
„In den Kinderspielen zeigte es sich schon. Keine Lieblings-
puppe, keine Kuchengerate, kein Mutter- und Hausfrauenspiel, wie bei
anderen kleinen Madchen. Sie ist ein rechter Wildfang und wenn
nicht ein Buch oder GroBvaters Erzahlungen von der ersten Revo-
lution das friihreife kleine Wesen an den Stuhl, in die Stube fesseln,
tollt es durch Garten und Stalle oder zieht sich von einem Trofi
gezahmter Tiere umgeben in die alte Turmstube des Hauses zuruck,
wo es den Stiirmen und Gewittern lauscht und allerhand Buben-
streiche ausheckt: so z. B. alle Taschen mit Kroten und Wasser-
froschen anzufullen und sie unliebsamen Leuten zwischen die FiiBe
zu werfen. Dann sind es wieder mit dem Cousin Jules Kletterpartien
von Ast zu Ast in den hohen Baumen, die schlieBlich in einer
wiisten Prugelei enden, weil Jules mit richtigem Instinkt heraus-
gefiihlt hat, daB Louise „une anomalie" ist, und es ihr sa^. Eine
beliebte Unterhaltung ist auch das Jagdspiel: Die Hausschweine stell-
ten die Eber vor, und wir, mit brennenden Besen als Fackeln, gallop-
pierten mit den Hunden hinterdrein und machten dabei einen Hollen-
larm mit Schafertuten, die wir Waldhorner nannten. Meist endete
es ,mit einem zwangsweisen Zuriicktreiben der Schweine in ihreu
Stall; manchmal aber auch damit, daB sie in das Wasserloch des
Kuchengartens plumpsten; sie grunzten verzweifelt, bia man sie wieder
herauszog, und das war nicht immer leicht. Es muBten Leute mit
Stricken dazu geholt werden, die dann auf uns schimpften. Ich
fenoB ganz besonders den Ruf, „wie ein wildes Foh-
en" zuspielen, berichtet Louise. Ihre Spielkameradschaft mit
Jules entspricht genau dem Verhalten der Knaben in der vorpubischen
Lebensperiode : „Vom Madchen reifit sich stolz der Knabe". Die em-
steren Unterhaltungen, von denen uns Louise erzahlt, waren drama-
tische Darbietungen : Die Ereignisse von 1793 oder die Verbrennung
von Johannes HuB oder andere ahnliche Episoden gaben der Ge-
schichto den Vorwurf ab. Louise spielte darin vorzugsweise „Manner-
rollen".
Auch die weibliche Eitelkeit fehlt ihr ganz. Sie lauft zerrissen
herum, wie ein toller Junge, und es macht ihr Freude. „Meine Mutter
war damals eine Blondine mit blauen, freundlichen, sanften Augen
und langem, lockigen Haar, so frisch und hiibsch, daB ihre Freun-
dinnen lachend behaupteten: „Es ist nicht moglich, daB das ha&-
') Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VII, 1, pag. 345 ff.
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Jiche Kind von Ihnen ist." Ich fiir meine Person, groB, mager, zer-
zaust, wild und wagemutig, wie ich war, sonnenverbrannt, und oft
mit Rissen und Lochem in den Kleidern, die mit Nadeln zusammen-
gesteckt waren, wurde mir vollstandig gerecht und es machte mir
SpaB, daB man mich haBlich fand. Meine arme Mutter kriinkte sich
oft dariiber."
Gauz ahnlich ist die folgende Schilderung, die Anne v. den
E k e n ■) von der Kindheit einer ihr bekannten Urninde gibt :
„Sie ist als jiingste Tochter einer sehr strengen, aber ,,schrullen-
haften** Mutter erzogen. Letztere beschaftigte sich viel lieber mit
wissenschaftlichen Werken, als mit ihren Kindern und dem Haus-
wesen. Die altere Tochter ist sehr weiblich und vollkommen normal.
Die Jiingste hatte keinerlei Interesse fiir Puppen oder Madchen-
spiele, sic sammelte Kafer, Eidechsen, Schlangen und alle raogliohen
anderen Dinge, imi die sich sonst nur Knaben kiimmern. Sie stahl
ihren bereits erwachsenen Briidern Zigarren, rauchte aber am lieb-
sten eine Pfeife, die sie, in Ermangelung von Tabak, — mit ge-
trockneten NuBblattern stopfte. Weibliche Handarbeiten waren ihr
zu wider. Sie verschaffte sich ein vollstandiges Schreinerwerkzeug und
verfertigtc allerhand Mobelstiicke. Mit Vorliebe strich sie auch Mauern
und Gartenzaune an, und zwar volli^ kunstgerecht. . Als erwachsenes
Madchen machte sie ganz allein weite FuBtouren durch die Walder,
iibemachtete in Kohlerhiitten, Schafstallen oder Heustadeln, ohne jede
Furcht. Als die gedachte junge Dame erwachsen war, hatte sie
einen sehr mannlich gebauten Korper, starke Knochen, schmale Hiif-
ten, flache Brust, br^ite Schultern und sehr groBe Hande und FiiBe.
Das ProfiJ des Kopfes war sehr mannlich und energisch, das Organ
auffallend tief. Niemals hat sie einen Mann geliebt, trotzdem sie
nun schon 40 Jahre alt ist. Sie besitzt absolut keine weibliche
Eitelkeit, Toilettenfragen sind ihr ein Greuel. Am liebsten ginge
sie in Mannerkleidern. Sie hangt mit groBer Zartlichkeit an einer
sehr weiblich veranlagten Dame, mit der sie nun schon seit Jahren
zusammen wohnt und die sie vollstandig beherrscht — wie manche
Manner ihre Frauen."
Treffend wird in diesen Berichten die mangelnde Eitelkeit urni-
scher Madchen hervorgehoben. Nicht ohne Grund sagt ein feiner
Eenner der umischen Psyche: „Auf ein junges Madchen, welches bei
einem Spiegel achtlos, ohne hineinzusehen, vorubergehen kann, wenn
es sich ankleidet, auf einen Knaben, der mit groBem Vergniigen
immer wieder zu demselben zuriickkehrt, muB man achthaben, denn
beide verraten oft hierdurch friihzeitig ihre urnische Natur."
In der Reifezeit zeigen sich bei urnischen Knaben und
Madchen allerlsi von der Norm abweichende Erscheinungen. Der
Stimmwechsel tritt oft tiberhaupt nicht ein, manehmal
eiBtreckt er sich liber eine lange Zeit, nicht selten macht er
sich verhaltnismaBig spat, mit 19 oder 20 Jahren, bemerkbar;
sehr vielo haben nach der Mutation noch die Neigung, Sopran
oder Fistelstimlne zu singen, andere, die nicht mutiert haben,
sind imstande, durch methodische tlbungen ihr Organ wesent-
lich zu vertiefen.
So berichtet ein hervorragender urnischer Baritonsanger: „ Meine
Stimmc hat nie einen merklichen Umschwung oder Obergang gehabt,
mit 23 Jahren konnte ich Sopran singen und kann es noch heute
») A. V. den Eken, 1. c. p. 18.
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(30 Jahre), tiefere Sprech- und Singtone habe ich erst durch Schule
uud Dbung erlangt. Wahrend die VergroBerung der Stimmbander
ausblieb, vergroBerten sich in diesem Fall wahrend der Reife um
80 mehr die Briiste, die, wie ich mich durch Inspektion nnd Pal-
pation Gberzeugte, tatsaohlich einen weiblichen Charakter tragen. Oft
werdeii junge Urninge wegen ihrer hohen hellen Stimme geneckt,
80 echreibt ein urnischer Arbeiter: „Meine Stimme ist nicht ge-
brochen, man nannte mich in Arbeiterkreisen mit 19 Jahren wegen
meiner hellen Stimme: „Gretchen". Bei vielen bleibt die Stimme
ohne mannliche Kraft. Wie Ulrichs in Memnon mitteilt, begegnete er
einst in Miinchen einem 32jahrigen Urning^a) „von vorwiegend weib-
lioher Erscheinung, die nur ein starker Bartwuchs virilisierte. Ihm ist
die Luftrohre, soweit auBerlioh sichtlich, durchaus weiblich gebaut.
Vom Adamsapfel ist, wenigstens auBerlich, keine Spur vorhanden."
Dieser sagte ihm: „Bis zum 18. Jahre hatte ich eine sehr schone
Mezzosopranstimme und sang oft und gern. Dann trat die Mutation
ein, sehr schwierig, langer als zwei Jahre dauernd, wona-ch die
Stimme beim Sprechen zwar tief, aber etwas 'belegt ward, wahrend
die Singstimme ganz ausblieb. Allein sang ich seitdem oft „in
der Fistel." Urnische Madchen bekommen zur Zeit der Pubertat
oft eine tiefere Stimmlage. loh kenne einen derartigen Fall, wo
ein Spezialarzt fiir Halskrankheiten, weil er einen Kehlkopfkatarrb
annahm, mehrere Monate die Stimmbander pinselte. Eine urnische,
jetzt 25iahrige Journalistin berichtet: „In der Reifezeit trat der
Adamsapfel starker bei mir hervor. Ich bekam eine Singstimme, die
sich nur bis zum zwischen der dritten und vierten Linie er-
streckt, dagegen das tiefe des Basses lunfaUt. Ich pflege Lieder
und anderes stets in einer tieferen Oktave des Soprans, auso im Tenor
zu singen. Man sagt allgemein, ich hatte auch einen Tenorklang."
Der Bartwuchs stellt sich bei urnischen Junglingen oft sehr spat,
oft auch recht sparlich und ungleich ein. Dagegen ist hie und da
bei urnischen Knaben ein mit Schmerzhaftigkeit verkniipftes An-
schwellen der Bruste zur Reifezeit zu beobaohten.
In Krafft-Ebings Psychopathia sexualis (S. 269) findet sich
die Autobiographie eines urnischen Arztes, welcher vom 13. — 16. Jahr
Milch in den Briisten hatte, die ihm ein Freund aussaugte, wahrend
hingegen urnische Madchen haufig recht mangelhafte Brustentwicke-
lung darbieten. Bei urnischen Knaben kommt nicht selten ein be-
sonders iippiger, an das Weib erinnemder Wuchs des Haupt-
h a a r e s vor, hingegen weist die Korperbehaarung urnischer
Madchen oft virile Anklange auf. Von pathologischen Storungen
findet man bei urnischen Jiinglingen verhaltnismaBig haufig M i g r a n e
und Chi prose, zwei Krankheiten, von denen sonst mehr das weib-
liche Gesohlecht heimgesucht wird. Bei urnischen Madchen findet
man im Gegensatz hierzu die Pubertatsanamie auBerst selten, jedoch
tritt : nicht selten die Menstruation bei ihnen verhaltnismaBig spat
ein. vor allem bei den virileren homosexuellen Frauen. So berichtet
N a c k e ^) von einer 32 jahrigen Zahnarztin :
„Sie war schon zweimal verlobt gewesen, im letzten Augenblicke
aber dem Brautigam entlaufen. Manner geliebt hatte sie nie, nur
Frauen. Mit 17 Jahren bekam sie zuerst die Regel und
seitdem hat sie diese nur einmal im Jahre. Wie die
Arzte festgestellt haben soUen, ware der eine Eierstock atrophisch.**
Auch von der Sarolta Vay berichtet Krafft-Ebing: „Die
■a) Ulrichs, Memnon pag. 124.
^) N a c k e (kriminologische und sexologische Studien. Zum Kapi-
tel der Transvestiten nebst Bemerkungen zur weiblichen Homosexusui-
tat. pag. 262).
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Menses stellten sich erst mit 17 Jahren ein, verliefen immer schwach
und ohne Beschwerden."
Man wendet auch hier ein, dafl alle diese Abweichungen
vom Sexualtypus in der Kinder- und Reifezeit noch keinen
fiicheren Schlufl auf Homosexualitat zulassen, daU diese Lebens-
periode ohnehin in geschlechtlicher Hinsicht indifferenziert ist,
dalJ flicherlich oft Knaben und Madchen, Jtinglinge und Jung-
frauen vorkommen, die trotz starker Androgynie und sexueller
Inkongruenzen spater voUig heterosexuell werden. Namentlich
diirften die der Homosexualitat verwandten Cbergangsformen
in der Kindheit oft ahnliche Vorstadien wie die Homo-
sexualitat aufweisen; so zeigen auch der Transvestit und die
Transvestitin oft schon in friiher Jugend ihrem Geschlecht
nicht entsprechende Ziige, und sicherlich werden auch manche
Passivisten, Succubiaten, Masochisten echon als Knaben nicht
sehr mannlich, weibliche Aktivisten, Incubisten, Sadisten in
ihrer Madchenzeit nicht sehr weiblich gewesen sein, wiewohl
sie nachher das andere Geschlecht lieben, also heterosexuell
geartet sind. In solchen Fallen pflegt dann aber das Verhalten
zu den beiden Geschlechtern anders zu sein als beim urnischen
Kinde.
EiDS kann jedenfalls als sicher gelten. 1st ein Kind urnisch,
so entwickelt sich aus ihm ein homosexueller Mensch, und
zwar mit derselben unabanderlichen Notwendigkeit, mit der
sich aus dem „Normalkinde" ein heterosexueller Mensch ent-
wickelt. So steigt die urnische Personlichkeit als ein Ganzes
elementar aus der Tiefe der Individualitat empor. Waren die
gleichgeschlechtlich en^findenden Menschen nur in der Jlich-
tung des Geschleohtstriebs und sonst korperlich und seelisch
in nichts von dem Durchschnitt der heterosexuellen Menschen
unterschieden, waren die urnischen Manner ebenso von Mann-
lichkeit erflillt wie die heterosexuellen Manner und Frauen,
dann waren sie in der Tat die monstrosen Erscheinungen, als
welche sie heute noch so vielfach gelten. Da dies aber nicht der
Fall, haben wir alien Grund, eine mit aidh selbst in so weit-
gehender tJbereinstimmung stehende Erscheinung als eine
Variante des genus homo sapiens, als eine tJbergangsstufe anzu-
sehen, wi:5 solche in der Natur nirgends fehlen. Freilich diirfen
wir uns hier bei der Beurteilung der Personlichkeit als einer
Einheit nicht an einen einzigen Teil halten, der, wenn er auch
der Geschledhtsteil ist, doch immer nur ein Teil bleibt.
Andererseits ist hinsichtlich des Pubertatsverlaufs kontrarsexuel-
ler Personen allerdings nicht auCer acht zu lassen, daC ohnehin bis
in die zwanziger Jahre hinein psychisch und physisch die Jiinglinge
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eine sichtlich weibliche, die Madchen eine puerile Beimischung zeigen:
erstere tritt beispielsweise in der Bartlosigkeit, der noch nicht stark
entwickelten Muskulatur dem sehr empfanglichen und oft ausge-
sprochen sanften Gemiite des Junglings zutage, wahrend die virile
Note beim Madchen (im Backfischalter) in den noch schwach ent-
wickelten Briisten und Hiiften, der fehlenden Fettbildung, sowie einer
stark eren Agilitat und Aktivitat des Charakters und Geistes zum
Ausdruck kommt. Es ist wohl denkbar, daiJ mit dieser gleichzeitigen
Bisexualitat des Korpers, Geistes und Geschlechtstriebes die Natur
ausdriicken wollte, daC der Jiingling und die Jungfrau in dieser,
fiir die Ausbildun^ und Vervollkommnung ihrer eigenen Individualitat
so eminent wichtigen Lebensperiode sich noch nicht in den Dienst
der Zeugung stellen soUten, daB ihnen vielmehr auch die Moglichkeit
gegeben ist, durch Anlehnung an eine sie liebende und leitende Person
desselben Geschlechtes geistig empfangend ihre indifferente Ge-
schlechtssehnsucht zu befriedigen. Ich kann mir wohl vorstellen,
daB spatero Zeiten, in denen die gleichgeschlechtlich liebenden Men-
schen von der Verkennung, Verachtung, Verfolgung und dem Vorwurf
der Verfiihrung befreit sind, unter denen sie jetzt noch schwer zu
leiden haben, ahnliche Probleme aufwerfen und in den Kreis ihrer
Erorterungen Ziehen werden, Zeiten, in denen man dem Ausspruche
Nietzsches mehr Rechnung tragen wird, der lautet : „Bs ist mehr
Vernunft in deinem Leibe, als in dei^er letzten Weisheit."
Jedenfalls soUten wir eine Naturerscheinung nicht deshalb als
„wider die Natur" proklamieren, weil sie sich anscheinend nicht in
das Weltbild hineinfiigt, das wir nun gerade fiir das natiirliche halten.
Mit der Vorstellung, dafi die Homosexualitat etwas Naturwidriges
Oder Widernatiirliches sei, hangt nun aber auch die Auffassung zu-
sammen, die selbst unter Fachgelehrten noch weit verbreitet ist, daC
der Geschlechtstrieb aus dem Stadium relativer Indifferenziertheit,
die ihn bis in die ersten Jahre nach der Reife charakterisiert,
durch auBere Einwirkungen nach der homosexuellen Richtung ab-
gelenkt werden konnte, oder dafi es sogar regelmafiig auBere
Einwirkungen dieser Altersperiode sind, die hierfiir entscheidend sind.
Trafe das wirklich zu, dann wiirde der Geschlechtstrieb eine Aus-
nahmestellung unter den iibrigen Geschlechtscharakteren einnehmen.
Entwickeln sich doch alle, von den eigentlichen Genitalien bis zu
den Briisten der Frau und dem Barte des Mannes aus der bisexuellen
Anlage durch ein indifferenziertes Stadium hindurch endogen, mjig
diese Prazisierung nun in das intrauterine Leben oder erst in die
Jahre der Pubertat fallen.
Ware eine • solche Ausnahmestellung des Geschlechts t r i e b e s
an sich schon unwahrscheinlich, so sprecnen auch die Tatsachen, die
sich dem Beobachter natiirlich nur aus der Erfahrung des Lebens
und der FuUe des Materials erschlieBen konnen, entschieden da-
gegen. Es kann an sich nicht bestritten werden, daB es auch fiir den
Geschlechtstrieb ein Stadium der Indifferenziertheit gibt, wenn auch
schon in diesem Stadium die der Personlichkeit adaquate Triebrich-
tung deutlich fiir den tiefer dringenden zum Ausdruck kommt. DaB
diese sich durch auBere Eindriicke in ihrer Entwickelung nicht auf-
halten oder ablenken laBt, das beweisen die zahllosen Falle, in
denen bei normalgeschlechtlichen Jiinglingen und jungen Madchen,
die jahrelang, sei es aus eigenniitzigen Motiven oder aus selbstloser
Freundschaft, Anhanglichkeit, Verehrung, Dankbarkeit — a u s -
schlieBlich homosexuellen Geschlechtsverkehr unterhalten haben,
mit dem Zeitpunkte der abgeschlossenen Entwickelung der praformierte
heterosexuelle Trieb unwiderstehlich zum Durchbrucn kommt, der sie
nicht sei ten aus den Armen des Freundes und der Freundin in die
der Gattin und des Gatten treibt.
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Umgekehrt verkehren viele jugendliche Homosexuelle viele
Jahre lang in Unkenntnis ihrer eigentlichen Veranlagung ausschlieC-
lich nonnalgeschlechtlich, bis auch bei ihnen die eigentliche Trieb-
richtung mit elementarer Gewalt diirchbricht. Die auslosende
Ursache ist meist die Begegnung mit einem adaquaten Sexualobjekt,
niemala aber kann diese selbst den eigentlichen G r u n d der homo-
sexuellen Triebrichtung bilden. Wirken doch wahrend der Entwicke-
lung jedes einzelnen so mannigfache sexuell^ Anreize auf ihn ein,
daU der Sexualitat reichlich Gelegenheit geboten ist, auf die ihr ada-
quaten zu reagieren.
Der oberflachliche Beobachter ist leicht geneigt, von dem
Zeitpunkt an, in dem im Subjekt diese Reaktion auf ein ein-
drucksfahiges Objekt eintritt, die Homosexualitat zu datieren,
indem er die Wirkung als die Ursache nimmt. Tatsachlich -aber
kann der adaquate AuBenreiz nur dort wirken, wo er in einem
Menschen eine adaquate Aufnahmestelle trifft. Der inadaquate
Roiz hingegen gleitet reaktionslos ab.
Das Gesagte zusammenfassend geben /wir folgende t)ber-
sicht der Wahrscheinlichkeitsdiagnose des urni-
schen Kindes.
I. Eigenstatus:
Urnischer Knabe:
Er bevorzugt Madchen-
spiele, meidet ausge-
sprochene Knabenspiele,
hat viel Madchenhaftes
ipi Charakter und Be-
nehmen, haufig auch
im Aussehen (Beraer-
kungen der Uragebung:
„er ist das reine Mad-
chen").
II. Verhalten Er befindet sich lieber
gegeniiber dem in Gesellschaft vonMad-
andern Ge- chen.
schlecht. Seelische Fixierung an
die Mutter.
m. Verhalten
gegeniiber dem
eigenen Ge-
schlecht (unbe-
wu6t erotisch ge-
farbt).
Instinktive Zuriickhal-
tung^und Schamhaftig-
keit gegeniiber Knaben.
Oft sch warmerischeVer-
ehrung eines Lehrers
oder Mitschiilers.
Urnisches Madchen
Sie bevorzugt Knaben-
spiele, hat Abneigung
gegen weibliche Hand-
arbeiten, Naschereien
usw., viel „Knabenhaf-
tes" in Wesen, Be-
wegungen, oft auch im
Aussehen (Beraerkun-
gen: „sie ist wie ein
Junge").
Sie tummelt sich lier
ber mit Knaben.
Innigeres Verhaltnis
zum Vater.
Die Schamhaftigkeit ist
gegeniiber Madchen
groBer.
Haufig Schwarmerei f ilr
eine Lehrerin, Mitschii-
lerin oder eine andere
weibliche Person.
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124
Jedes dieser Symptome beweist flir sich noch keine Homo-
flexualitSt; finden sich aber bei einem heranwachsenden Knaben
Oder Madchen alle Punkte gemeinsam vor, so kann man init
einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit annehmen,
daD es sich um einen Uming oder eine Urninde handelt.
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FCNFTES KAPITEK
Die Diagnose der mMnnlichen und weiblichen Homosexualitit
Sexaelle Inkongraenzen.
a) Andersgeschlechtliche Einschiage auf kOrperlichem Gebiete.
a. Genitalapparat.
Wenden wir uns nun der Erorterun^ der Frage zu, ob
und inwieweit die Geschlechtscharaktere erwachsener mann-
licher und weiblicher Homosexueller von dem heterosexuellen
Durchsclmittstypus abWeichen, so empfiehlt es sich, mit den
markantesten Geschlechtsunterschieden beginnend, allmahlich auf
die weniger scharf differenzierten iibergehend, ein Sttick nach
dem andern zu untersuchen. Wir gehen dabei von der Grund-
ansehauung aus, daB ein Wesen, das mannliche Keime und
Keimstocke : — Samen und Hoden — besitzt, als ein mannliches,
jedes, das weibliche Keimzellen, Eier und Eierstocke, Ovarien Ihat,
als weibliches anzusehen isjb, woUen aber hier gleich auf den
extremsten Fall hinweisen, daB bei einer auBerlich voUig weib-
lichen Person, die, well sie nur Frauen liebte^ als homosexuell
gait, Spermasekretion aus der Harnrohre ermittelt wurde, ein
Fall, auf den wir bei der Differentialdiagnose von Homosexuali-
tat und Hermaphroditismus noch zuruckkommen werden. Der
erste Abschnitt, mit dessen Beschaffenheit bei Homosexuellen
wir uns zu beschaftigen haben, ist der Genitalapparat.
Er zeigt bei urnischen Mannern und Frauen keinerlei
nennenswerte Abweichungen von der Norm. Testes, prostata
und penis sind bei Umingen nach Form und GroBe genau so be-
schaffen, wie bei Heterosexuellen. Die Mitteilung von Havelock
Ellis, daB die Geschlechtsorgane Homosexueller bei beiden Ge-
schlechtern zuweilen ubermaBig, haufiger noch ge ringer ent-
wickelt seien als in der Norm „mit einer leichten Annaherung
an den Typus des Kindes", konnte ich auf Grund nieiner Be-
obachtungen nicht bestatigen. Regelwidrigkeiten wie Kryptor-
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126
ohismus und Phimose kommen gelegentlich vor, anscheinend aber
nicht haufiger als bei Heterosexuellen. Phimose ist vielleicht
ein wenig mehr verbreitet. Eine Reihe von Fallen kenne ich,
in denen Homosexuelle sie beseitigen lieBen, in der Annahme,
durch den Eingriff beim Weibe potent zu werden. Doch hatte
das keinen EinflulJ. Azoospermie und Aspermie scheint sehr
selten zu sein.
Bernhardi, 1) der den Samen von vier passiven Homosexuellen
zu untersuchen Gelegenheit hatte, woUte gefunden haben, dafi „nicht
nur durchaus jede Spur von Spermatozoen fehlte, es mangelte auch
das Sekret der Samenblaschen, was durch das Nichtvorhandensein
der Spennakristalle klar erwiesen war. Die entleerte Fliissigkeit, der
der Name Same in keinem Falle zukam, war hellweifi, fast durchsichtig,
wenig schleimig und gelatinierte selbst nach langerer Zeit nicht voll-
kommen." Anderweitig ist diese Angabe jedoch nicht bestatigt.
In einieen Fallen besteht Aspermie; in den „Geschlechts-
iibergaugen" nabe ich das Bild eines Gynakomasten gebracht, der trotz
starker libido auf den Vollmanntypus im Orgasmus noch nie eine
Ejakulation hatte. Im 28. Jahre stehend hatte er bisher n\ir drei-
mal eine geringe Schleimabsonderung, und zwar stets im Schlaf.
Ich kenne noch zwei weitere Falle von alteren Urningen, bei denen
niemals eine Ejakulation — trotz libido und Orgasmus — statt-
gefunden hat.
Auch unter dem Mikroskop unterscheiden sich die Sperma-
tozoen Homosexueller nicht von denen Heterosexueller, ni5glich,
da6 eiumal eine weitere Verbesserung optischer oder sonstiger
Hilfsmittel qualitative Differenzen erkennen laflt. Bisher sind
solche jedenfalls an den Keimzellen selbst nicht nachweisbar.
Epispadia sah ich in keinem Fall. Hypospadie ist auBerordent-
lich selten, ich fand sie relativ haufiger bei Heterosexuellen
als bei Homosexuellen. VoUkommen falsch sind die Angaben
der alteren Literatur tiber eine besondere Beschaffenheit des
Penis bei Homosexuellen.
Sie stiitzen sich besonders auf Tardieu,*) der auf Grund von
133 Beobachtungen den Penis der Homosexuellen wie folgt beschreibt:
„nach vom zugespitzt, hundepenisartig, hinten dick, vorn diinner
werdend : iiberhaupt ist er im groBen und ganzen bei aktiven Paderasten
schwach, bisweilen gleichsam ein wenig gedreht, gewunden, so daU
das Orif icium urethrae seitwarts gestellt ist. Trotzdem hereits Cas-
per und L i m a n diesen angeblichen Erkennungszeichen jede Be-
deutung abgesprochen haben, gibt es noch jetzt gerichtliche Sachver-
standige, die ihnen einen Wert beilegen; so auBerte sich in dem
ProzeB des wegen Mordes angeklagten Radfahrers B r e u e r in Trier
ein alterer Arzt, daC er aus dem nach vorne zugespitzten Penis des
Ermordeten und dem anus infundibuliformis B r e u e r s (den ich bei
der von mir vorgenommenen Nachuntersuchung nicht bestatigen.
konnte) annehme, daB zwischen dem Verstorbenen als aktivem und dem
^) Bernhardi, W., Der Uranismus, Losung eines mehrtausend-
jahrigen Ratsels, Berlin 1882. p. 27.
*) T a r d i e u , Etude m^dico-legale sur les attentats aux moeurs.
Paris 1858.
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127
Angeschuldigten als passivem Paderasten ein analer Verkehr bestanden
habe. Auch die Angabe Coutagnes^), dafi bei aktiven PaderasteD
eine ringformige Furche an der Grenze des vorderen und mittleren
Dritt-el der Eichel vorkomme, ist nicht ernst zunehmen.
In dem gleichen MaUe wie das hundepenisartige Glied h.-s. Manner
ist die keulenf onnige Clitoris h.-s. Frauen, von der Mantegazza
spricbt, ein Phante.sieproduckt. Martineau*) geht sogar noch
weiter, er gibt an, dafi die Clitoris der Lesbierinnen „derartig volu-
minos und vorspringend sei, dafi sie einen Hocker vom Volumen des
Daumens eines erwachsenen Menschen bilde".' In einem Fall will
er sogar eine Clitoris von Kleinfingerlange beobachtet haben, wahrend
Parent-Duchatelet solche von Zeigef ingerdicke and 7 — 8 cm
Lange beschreibt, und Moreau de Tours (in „ Aberrations du sens
g^nesique**) eine von PenisgroBe. Forberg*) zitiert Nicolas Ve-
nette, nach welohem ein gewisser Plater bei einer Frau eine
Clitoris von der Lange eines Gansehalses beobachtet haben will.
Alle diese Deformitaten haben^ soweit sie nicht iiberhaupt
in das Reich der Fabel gehoren, mit der Homosexualitat, mit
der sie in Zusammenhang gebracht warden, an sich nichts zu
tun. Es sind vielmehr, ahnlich wie die Hypospadia des! Mannes,
pseudohermaphroditische Entwicklungsanomalien, die
mauchma], aber nach meiner Erfahrung nur auDerst selten, mit
homosexuellem Empfinden vergesellschaftet sind.
Der Fall Martineaus, in dem die Clitoris einer Lesbierin
fast durchbissen war, so dafi er grofie Miihe hatte, die Blutung des
gefafireichen Organs zu stillen, stellt sicherlich ein sehr vereinzeltes
Vorkommnis dar.
Fur vollends hinfallig halte ich die Hypothese Mantegazzas
and anderer, dafi sich die urspriinglich normale Clitoris erst durch
den weiblichen Verkehr selbst so enorm ver^rofiert und deformiert hat.
Martineau unterscheidet von diesem Gesichtspunkt aus die Clitoris-
defonnierung infolge von Mzisturbation und Sapphismus (la deformation
clitoridienne, r^smtant de la masturbation ou du sapphisme) von
der physiologischen (malformation physiologique, s'il n'y a ni mastur-
bation ni sapphisme) und gibt eine getreue Schilderung, wie man beide
Arten voneinander unterscheiden konne. Da unseres Erachtens die
„pby8iologische" Clitoris permagna mit Homosexualitat nichts zu tun
bat, die artifizielle aber kaum je vorkommt, eriibrigt es sich, auf
diese differentialdiagnostischen Spitzfindigkeiten einzugehen. Auch die
sonstigen Angaben iiber Genitalveranderungen bei homosexuellen
Frauen, die sich zum Teil auch Rohleder zu eigen macht — die
blaulicli und rotlich verfarbte vulva und vagina, die hypertrophischen,
statt rosa graubraunen labia minora, die gerunzelten labia majora, der
klaffende introitus vaginae, der entziindete meatus urinarius externus,
das, wenn vorhanden, erschlaffte oder verdickte Hymen — Verande-
run^en, die teils durch den tactus, teils durch die tribadische frictio
genital iom, vor allem aber auch durch cunnilinctio entstehen sollen,
kann ich auf Grund meines Materials nicht bestatigen. In einem
Fall sah ich bei einer virilen Urninde aus Stettin die eine der kleinen
Labien nach Art einer sogenannten Hottentottenachiirze 5 cm lang
herunterhangen. Die Person, die auch eine mannliche Bildung des
*) Coutagne, Lyon mM. 35, 36.
*) Martineau, Legons sur les deformations p. 25.
*) F o r b e rg , Antonii Panormitae Hermaphroditus. 1908, pag. 305.
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Kehlkopfes mit sehr tiefer Stimme hatte, kam au mir, well sie das 6e-
bilde fiir einen penis hielt.
Haufiger als hypertrophische fand ich bei homosexuellen
Frauen, namentlich bei virilen, atrophische Abweichungen von
der Norm, eine Annaherung an den Befund, wie ihn
Krafft-Ebing hinsiditlich einer von ihm beobachteten
Urnindc wie folgt beschreibt:
„Der Mons veneris ist mit dichten dunklen Haaren bedeckt.
Genitalien vollkommen weiblich, ohne Spur von hermaphroditisohen
Erscheinungen, aber auf der infantilen Stuie eines lOjahrigen Madchens
stehen geblieben. Die Labia majora beriihren sich fast vollstandig,
die minora haben hahnenkammartige Form und prominieren liber die
groBen. Die Clitoris ist klein und hochst empfindlich. Frenulum
zart, perineum sehr schmal, Introitus vaginae enge, Schleimliaut normal.
Hymen fehlt (wahrscheinlich angeboren), ebenso die Caruncalae myr-
tiformes. Vagina derart enge, dafi die Einfiihrung eines Membrum
virile unmoglich ware, iiberdies hochst empfindlich. Ein Coitus hat
bisher jedenfalls nicht stattgefunden. Uterus wird durchs Rectum
etwa wallnufigroB gefiihlt, derselbe ist unbeweglich und retroflektiert."
Vor allem sind Uterus und Ovarian homosexueller Frauen
oft auffallend klein. Das Hymen fand ich in der Mehrzahl
von mir beobachteter Falle erhalten, namentlich bei virileren
Frauen oft sehr konsistent.
Viele Uminge sind sich der Mangelhaftigkeit ihrer Betati-
gungsweise wohl bewuflt; sie sprechen, mit unverhohlenem Neid
auf die Heterosexuellen, von dem „so bequemen Apparat des
Weibes**, viele Urninden von der so vollkommenen Vereinigung
der Frau mit dem Manne. Aber diese objektive An-
erkennung reicht nicht aus, um den subjektiven
Negativismus zu tiberwinden.
Stark virile homosexuelle Frauen empfinden das Fehlen
eines membrum nicht selten als ein entschiedenes Manko ; es sind
mir mehrere bekannt, bei denen die VorsteUung eines Vakuum,
einer bei ihnen klaffenden Llicke so stark war, dalJ sie in "zwar
.iehr naiver, aber durdhaus ernst gemeinter Weise den Arzt
fragten, ob es nicht moglich sei, ihnen auf operativem Wege,
etwa durch Plastik aus der Bauchhaut, ein Glied zu Widen, das
organisch mit ihrem Korper verbunden sei. Fast ebenso storend,
wie diese Frauen den Mangel, empfinden manche extrem
feminine homosexuelle Manner den Besitz der mannlichen
Genitalien.
Manche kneifen sie beim Entkleiden zwischen die Oberschenkel,
andere binden sie nach oben fest, um sie zu cachieren, wieder andere
erwagen, nicht etwa nur um den homosexuellen Trieb zu unter-
driicken, den Gedanken der Kastration.
Heliogabal soil, wie romische Historiker berichten, von den
Arzten verlangt haben, daiJ sie ihm anstelle der mannlichen Geni-
talien weibliche herstellten.
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I2d
Auck li a m m o n d bericktet von einem t>^all, in dem ein Effemi-
iiierter sich seine Genitalien abschneiden lassen wollte.
Wie weit die naive Abneigung mancher Urninge gegen ihre Geni-
talien gehen kann, zeigt die folgende Stelle aus der Schrift „Urnings-
liebe" von H. Marx: „Der Urning kann nichts dafiir, dafi der Schopfer
ihn mit einem seinen Leib schandenden Organ geschaffen hat, das
fur den Uming ganzlich unbrauchbar ist. Wollte ein Urning einen
solchen ihn schandenden Korperteil ^ebrauchen, um als Mann mit
dem Weibe Liebe zu genieUen, so ware er einfach ein Mann und
dazu ein verkommenes, naturwidriges Geschopf."
Wenn allerdings L u k i a n die erste Ausfiihrung der Kastration
nberhaupt auf ^leichgeschlechtliche Betatigung zuriickfiihren zu konnen
meint, indem ein Mann, „der zuerst einen anderen Mann wie ein Weib
nahm, sei es mit Gewalt oder List, diese Roheit ausfiihrte", so ist
dies eine ebensosehr jedes Beweises entbehrende Annahme, wie die von
M o 1 1 «) zitierte Angabe Dupouys, daJ3 in der Prostitution des Mannes
der Ursprung der Kastration zu suchen sei. Dagegen scheint die noch
heute bei den Australnegern geiibte Mica-Operation '), die darin be-
steht, dafi die Unterseite des Penis vom Scrotimi bis zur Fossa na-
vicularis aufgeschlitzt wird, wobei also durch Freilegung der Harnrohre
eine kiinstliche Hypospadie erzeugt wird, (artificial hypos padias is, \ulva-
penis, subincision, introcision) — mit dem gleichgeschlechtlichen Leben
dieser Volker in Beziehung zu stehen. Wahrend C r e e d ^ und andere
in ihr eine Art Malthusianismus sehen, den Versuch der Eingeborenen,
aus Griinden der Ernahrung die Geburtenziffer einzuschranken, erklaren
von Keitzenstein^) und andere sie fiir eine „Art von Homo-
sexualitat."
Von besonderer Wichtigkeit ist es, die Beziehungen zwischen
der homosexuellen Veranlagung und einer so bedeutsamen Er-
scheinung des Sexuallebens wie der Menstruation zu untersuchen.
Zunachst kommen hier die homosexuellen Frauen in Betracht^
bei denen man nach ihrer korperlichen Beschaffenheit dio
gleichen Verhaltnisse wie bei den heterosexuellen voraussetzen
miilite. Das Bedbachtungsfmaterial laBt indessen ganz entschieden
den Sehlufi zu, dafi gewisse Menstruationsanomalien und .-be-
sonderheiten bei homosexuellen Frauen auffallend haufig, jeden-
falls entschieden haufiger vorkommen, als bei normalen. Zu-
nachst tritt die Periode bei einer groUen Anzahl homosexueller
Frauen verhaltnismaBig sehr spUt ein, — — besonders haufig
wird das 17. Jahr angegeben vielfach tritt sie nur selten,
beispielsweise nur alle 2 oder 3 MonatC; und in vielen Fallen
nur sehr sp§rlich, ein bis zwei Tage lang, auf. Auch die nervosen
Begleiterscheinungen der Menstruation sind bei homosexuellen
«) A. Moll, Contrare Sexualempfindun^. A. a. O. p. 42. •
7) Cf. Karsch, Das gleichgeschlechtliche Leben der Natur-
volker p. 68—82.
«) J. M. Creed, in Australian Medical Gazette II, 1883, p. 95
nach T. P. Anderson Stuart, in Journal and Proceedings of
the Society of New South Wales, 1896, Sydney XXX, 1897.
») F. von Reitzenstein, Der Kausalzusammenhang zwischen
Geschlechtsverkehr und Empfangnis in Glaube und Branch der Natur-
und Kulturvolker. Berlin 1909.
Hirsctafeld* HomosexualitiU. q
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130
Franen meist nur wenig ausgesprochen ; oft hort man von ihnen
die Versieherung, dafi ihr Unwohlsein ihnen nicht die geringsten
Besc-hworden bereite, so daU sie es kaum bemerkten. Die
Tats ache der Menstruation seheint vielen homosexuellen
Frauen iiberaus unangenehm und peinlich zu sein. Viele geben
das direkt zu. Oft habe ich gefunden, daB Urninden, die son.^t
ihrer virilen Art entsprechend nicht im geringsten priide und
zuruckhaltend sind, erroten und verlegen werden, wenn man
nach ihrem. Unwohlsein f ragt. Was Krafft-Ebing von der
Graf in Vay anfiihrt: „B6sprechung menstrualer Vorgange per-
horresziert S. sichtlich, das sei etwas ihrem mannlichen Be-
wulitseiri und Ftihlen sehr Zuwideres" entspricht der Erfahrung,
die ich an sehr vielen homosexuellen Frauen machte.
Wir wissen, dafi periodische Erseheinungen, wie sie beim
Weibe die Ovulation mit sich bringt, auch beim' mannlichen
Geschlechte vorkommen. Dieselben konnen sich sowohl somatisch
als Blutungen aus Nase, Mund oder After bekunden als auch
psychisch in Verstimmungfen und nervosen Beschwerden, die
wir als „molimina menstrualia*' bezeichnen, zum Ausdruck ge-
langen.
Beiden Erseheinungen begegnen wir in unserem Beobachtungs-
materialo bei homosexuellen Mannern haufig. Ein besonders krasser
I'all betrai" einen jungen Aristokrateu, der vom 15. Jahre an regel-
maBig monatlicli so heftige mit Schleimhautblutungen verbundene Be-
schwerden hatte, dali er wahrend der Dauer dersolben das Bett hiiten
muCte. Da zufallig diese Perioden zeitlich mit der Menstruation der
Stiefmutter zusammenf ielen, pflegte der Vater daun scherzend zu sagen :
„Meine Damen haben wieder einmal ihr Unwohlsein". Ein anderer
mir bekannter Uranier leidet seit seinem 14. Lebens jahre alle 28
Tage an Migriine, zugleich an heftigen Riicken- und Kreuzschmerzen.
Dieselben waren Veranlassung, dafi seine Mutter ofter bemerkte: „das
ist ja bei dir wie bei uns." Neuerdings — Patient ist jetzt 36 Jahre
alt . — haben die Erseheinungen wesentlich nachgelassen, doch tritt
immer noch vierwochentlich eine hochgradige Mattigkeit auf.
Manche der als Menstruationsaquivalente angegebenen Verande-
rungen erscheinen als solche recht f ragliqh, so der von B 1 ii h e r ^o)
mitgeteilte Casus. B 1 ii h e r schreibt : .,Der Mann hat bekanntlich
normalerweise auch gewisse „Perioden", die der weiblichen Menstrua-
tion entsprechen, nur dafi die RegelmaBigkeit geringer ist und sich
kcine lokal-physiologischen Begleiterscheinungen einstellen. Mir ist
aber ein Fall bekannt, wo bei einem homosexuellen Liebespaar der
etwas jiingere Geliebte alle vier Wochen zienilich regelmafiig ein Wund-
werden der Praputialschleimhaut mit leichten Sekretionen bekam, so
daB an diescn kritischen Tagen, ganz wie bei normalen Ehen, der Vcr-
kehr unterbrochen werden muCtc."
Ein scliwedischer Urning entwirft folgende Schilderung seiner
„Menses": ,,Seit meinem 11. Lebensjahre habe ich alle 28 Tage Men-
strualbeschN\erden, die etwa 6 Tage wahren: plotzliche Hitze und
Kalte, WaJlungen nach dem Kopfo, lliickenschmerzen, die Brustwarzen
^") Jahrbuch f. sex. Zwisclienstufen Bd. XIII. Heft 4. Juli
l^Ji:.. p. -UU
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131
achmerzeu und pulaieren. Geschmack im Mimde - wie von Blut. Mcine
Haut wird fleckig; Depression; ausgesprochener Wuasch eine echtej
von einem Mann sehr geliebte- und l^wunderte Frau zu sein."
Vor alien Dingen scheinen aber periodische psychische und
nervose Verstimmungen, die man als Menstruationsaquivalente
ansprecheu kann, bei Homosexuellen vprzukommen. Im Zu-
sammenhange damit steht es wohl auch, daJJ wir in den Lebens-
jahren, die dem KlimaKterium der Frau entsprechcn/ auch
bei homosexuellen Mannern ungewohnlich oft psychischen Sto-
ruagen, vorwiegend depressiver Art, begegrien, die eine auffal-
lende Analogie zu den klimakterischen Psy chosen des weibUchen
Geschlechts darstellen. Cberhaupt isl das, was KurfMendel
als Klimakterium des Mannes beschrieben hat, eine bei Urningen
gaiiz besonders haufig zu beobachtende Erscheinung. Homo-v
sexuellc Frauen hinwiederum werden von den Beschwerden der
Wechseljahre fast gar nicht betroffen. Auch die offenbar mit
der inneren Sekretion bei ihnen zusammenhangenden Er-
nahrungsstorungen, aus denen der Altjungferntypus resultiert,
werden bei Urninden sehr viel seltener beobachtet, alff bei
norma Isexuellen Frauen.
Von Wichtigkeit ware es bei h.-s. Mannern und Frauen, die Se-^
krete der Genitaldriisen auf ihren Geschlechtscharakter mikroskopiscH
zu untersuchen. Im Schleim der weiblichen Harnrohre und vagina."
wird besonders auf den^Nachweis von Sperma, in dem der mannliohen
Urethra auf periodischen Abgang von Blutkorperchen zu achten sein.
Bereits vor einigen Jahren wies Prof. Paul Albrecht (cfr. Jahrb. 1. p.)
darauf bin, daB in regelmaBigen, Zwischenraumen im Urin beini Manne
weilie Blutkorperchen auftreten, drei bis vier Tage deutlich nachweis-
bar sind, um dann wieder zu verschwinden. Er erblickt in djesem
Vorgangc „ein^ Art Menstruation". Einen ganz besonders merkwiir-.'
digeu Fall teilt Dr. Arnold Heymann, Ddsseldorfi^ a) mit. Efi
handfelte sich um einen ITjahrigen Gymnasiasten, der bei n,prmalen
auBereia Genitalien in regelmaBigen vierwochentlichen Zwisphenraumen
durcli die Harnrohre unter starken Kreuz- und Leibschmerze^ 31ut
ausschied. Die Untersuchung ergab in der Nahe der rechten Becken-.
vrand einen Korper von Form und GroBe* einer Birne, der sich bei der'
Operation als Gebarmutter erwies. Auch waren Eierstocke vorhanden.^
Der Liebestrieb des Patienten war zuerst auf das weibliche Geschlecht"
gerichtet, spater entstand eine liebesartige Freundsohaft. zu einem.
Kameraden. Dieser Fall ist ein vollkommenes Seiienstiick zu der von.
mix mitgeteilten Beobachtung der Spermaabsonderung aus der. weib-.
lichen Harnrohre einer anscheinend h.-s. Frau.
• Das Gemdinsame beider Falle ist: bei einem XJrning inner*
lich weibliche, bei einer. Urninde inner lich mannl,iche Sekretion.'
Unter den sich in der Reife deutlicher markierendeai Gte-
schleehtsunterschieden sind fiir den Mann die tiefere Stimme
loa) lu Nr. 29 1906 der Wiener klini;schen Rundschau unter
dem Titel ^Heterotypischer .Pseudohermaphroditism us. feminiaus ex-
._^« * • . .. • „ ' ■ • .
ternus
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132
und der Bart, ftir die Frau die voUen Briiste und b'reiten Hliften
biesonders typisch. Bei homosexuellen Mannern und Frauen
zeigen alle diese Geschlechtscharaktere haufig sehr deutliche
Abweichungen vom heterosexuellen Durchschnittstypus.
b. Stimme und Sprache.
Auf Anomalien des Stimmwechsels bei Homosexuellen wies
ich schon bei Besprechung der Pubert&t hin. Wir woUen die
dort angef tihrten Beispiele zunachst noch durch Schilderung der
Stimmen zweier urnischer Dichter, des Danen Andersen
und des Amerikaners Whitman erganzen.
H a D 8 e n ^1) schreibt von Andersen : „Eines Tages trug Andersen
in der Fabrik, wo ihn die Mutter versuchsweise angebracht hatte, ein
Lied vor, und da die Arbeiter erstaunt ausriefen, er ware ganz be-
stimmt kein Junge, sondern eine verkleidete Jungfrau, faCte emer der-
selben Andersen an, um sich liber diesen Pimkt etwas genauer
aufzuklaren. „Die anderen Gesellen", erzahlt er, fanden diesen rohen
Scherz amiisant und hielten mich an Armen und Beinen fest, ich heulte
aus vollem Halse und stiirzte, schamhaft wie ein Madchen, aus dem
Hause zu meiner Mutter, die mir versprechen mufite, mich nimmer
dahin senden zu woUen."
Ganz besonders charakteristisch schildert uns B e r t z ^s) das Organ
Walt Whitmans, dessen Uranismus er zwingend bewiesen hat :
„Wenn auch seine Stimme nicht gerade extrem weiblich gewesen sein
mag, jedenfalls nicht bis zum Lacherlichen oder Peinlichen, so naherte
sie sich doch zweifellos mehr der weiblichen als der mannlichen Klang-
farbe. „Seine Stimme war ein weicher Bariton," sagt John Bur-
roughs. ,,Eine Stimme von gewinnender und emschmeichelnder
Freundlichkeit," auBert W. D. How ells. „Seine Stimme hat eine
hohe Lage und ist musikalisch," berichtet der englische Arzt Dr. John
Johnston. „Es ist seine wunderbare Stimme, die es so angenehm
macht, mit ihm zu sein," sagte ein Musikverstandiger zu Dr. B u c k e.
Von einer „ Stimme, die mit all^n Schattierimgen des Tones und
der Farbe spielt," spricht Horace Traubel. Und endlich erzahlt
Isaac Hull Piatt, daB ein alter Schuler Whitmans gleich-
falls in der Stimme einen seiner besonderen Reize erblickt hal^. An
anderen Stellen sprechen Buj- roughs und B u c k e allerdings auch
von seiner tiefen sympathischen, von seiner tiefen, klaren und em-
steu Stimme ; aber B u c k e fiigt gleich hinzu, daB sie wie sixBe Musik
wirkte ; sie muB also melodischer gewesen sein, als tiefe Stimmen
es zu sein pflegen. Zieht man von alledem, meint B e r t z , ab,
was auch in dieser Angelegenheit die Schonfarberei der Esoterischen
an der Wahrheit retouchiert hat, so wird wohl als Rest ungefahr die
Charakteristik iibrig bleiben, die Theodore de Wyzewa in die
Worte faBt : „Le ton tout feminin de sa voix", i*) — der vollig weib-
liche Ton seiner Stimme."
U 1 r i c h s erzahlt in Formatrix i*) von sich selbst : „Es hat mir
von jeher Vergniigen gemacht, weiB ich mich allein, in Kopfstimme,
") Jahrb. f. sex. Zw. III. Jahrg. Pag. 202 ff. : H. C. Andersen,
von Albert Hansen, Kopenhagen.
i«) Bertz, Walt Whitman, Leipzig 1905.
Ecrivains 6trang'ers. Paris 1896. pag. 114.
T 1 r i c h s , Formatrix, pag. 43.
") Ec
1*) u:
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(„durch die Fistel")' zu singen. WeiB ich mich allein, so rfinge ich
gem, nie aber in mannlicher Stimme, stets durch die Fistel: ofc^leich
ich iu Singvereinen ersten, ja zweiten BaB gesungen habe. Bei Man-
nern findet diese Liebhaberei fiir weiberartige Kopfstimme meines
Wissens nie statt. Im Gegenteil, sie pflegt ihnen zuwider zu sein."
Hierher gehort auch eine Bemerkung d e J o u x ' : „Ganz seltsam. ist
es, zu beobachten wie viel echte Evasohne, auch durchaus musika-
lische, unwillkurlich in der Sopranlage, also mit Kopfstimme, zu
singen pflegen, wie haufig sie aus beliebten Opem die Arien der
Primadonnen, und nicht die markigen Gesange der Helden, nach-
trallem. Man erzahlt sich, Graf L., m Graz, singe die Gounod sche
Schmuckarie Margarethens in der Originaltonart wie die Nil son,
Baron W., in Wien, Rossinis „Una voce poco fS," trotz einer Rosina-
Patti."
Die Gesangsstiminen homosexueller Manner und Frauen
scheinen am haufigsten zwischen Alt und Tenor, Mezzosopran
und Kontra-Alt zu liegen, der Stimtntimbre erinnert nicht selten
an Bchilderungen, die uns aus friiheren Zeiten liber die
Kastratenstimmen liber lief ert sind. Im Jahre 1911 starb im
Norden Berlins ein urnischer Altsanger florentinischer Ab-
kunf t, Leo d'Ageni. Einst Schtiler L i s z t s war es der Stolz
seines Lebens, bei der ersten Parsifal- Aufftihrung in Bayreuth
als AltsSnger mitgewirkt zu haben. Seitdem lebte er in Deutsch-
land und emahrte sich teils durch Gesangsunterricht. Er war
eine iiberaus groteske Erscheinung, an der alles gefarbt und
unecht war, so daU man nicht wuUte, ob er '40 oder 70 Jahre
zahlte; von diesen Schwachen abgesehen ein Ehrenmann durch
und durch. In den Versammlungen des Wissenschaftlich-humani-
tflren Komitees entztickte er die Musik-Sachverstandigen mehr
noch als durch seine vollkommen nattirliche Altstimme durch
die weibliche Anmut seines Vortrags.
Er bildete ein Gegenstiick zu einer freilich weit gproBeren Kiinst-
lerin, Maria Stegemann aus Stettin, die unter dem Namen F e 1 i -
citas von Vestvali in den siebziger Jahren des vorigen Jahr-
honderta ihre Zeitgenossen begeisterte. Wie ihre Biographin, Rosa v.
Braunschweig, erzahlt, entwickelte sich unter Mercadantes
Leitong ihre Stimme zu einem Kontra-Alt von so phanomenaler Tiefe,
dafi spekulative Impresarien ihr rieten, Tenorpartieii zu studieren.
Kamentlich als „Tancred" und „Romeo" in Bellinis „Romeo
und Julia" hatte sie einen grandiosen Erfolg. Von einer anderen Ur-
oinde, der Michel, erzahlt Levetzow^'^) folgende Anekdote:
„£ines Abends verfolgt sie auf ihrem Gauge durch einsame StraBen
ein Herr mit Liebesantragen. Anfangs beachtet sie ihn nicht und laBt
ihn mitlaufen oder nachlaufen. SchlieBlich aber, um ein Ende zu
machen, dreht sie sich rasch um und singt ihm mit ihrer mannlich-
sten Stimme eine Skala ins Gesicht, immer tiefer und tiefer gehend
und den Buchstabennamen der Tone aussprechend, durch den auch
iiberdies noch ein hochst derbes, sehr mannliches Wort herauskommt ;
worauf der nachtliche Liebeswerber erschreckt die Flucht ergreift,
1*) li. M., von Karl Frhr. v. L e v e t z o w - Marseille, Jahrb.
t sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. I. pag. 326.
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wahrscheinlich in der Meinung, auf einen verkleideten Mann gestoBen
zu sein.*'
Hohe und Tiefe der Stimmen hangen unmittelbar von der
Beschaffenheit der Stimmbander ab. Ihre Lange und Breite
bewirken weiter ein starkeres oder schwacheres Hervor-
springen des Schildknorpels, der sich beim Manne als Boge-
nannter Adamsapfel heraushebt, wahrend er bei der Frau unter
der weichen H^Jsrundung auBerlich fast unsichtbar bleibt. Die
engo Beziehung, welche zwischen der Sexualitat einerseits,
Kehlkopf und Stimme anderseits besteht, zeigen der wahrend der
Reife eintretende Stimmwechsel und die bei Kastratioii ein-
tretenden Stiminveranderungen. Es lag daher sehr nahe> bei
Homosexuellen das Augenmerk auf den Bau des Kehlkopfs zu
richten. Schon Ulrichs tat es, und in exakter Weise ge-
schah es spater von Theodox S. Flatau, der. namentlich
bei homosejcuellen Frauen wiederholt „zweifellos Andeutungen
eines mMnnlichen Kehlkopfs**, teils sogar „entschied€jn mann-
liche Formen ihres Kehjkopfs** fand. Auch ich beobachtete bei
urnischen Frauen haufig das gleithe und konnte bei 463 be-
Uebigen Urningen, die ich hintereinander darauf untersuchte,
feststellen, daJJ . 128mal der Adamsapfel nicht, 219mal sehr
wenig hervortrat, , wahrend er in 116 Fallen den gewohnlichen
inftnnlich'en Habitus darbot; einmal war Kropf vorhanden.
In der Tat ist die Neigung, in Fistelstimtne zu sprechen
bder zu singen, bei den Urningen weit verbreitet. Ich' fand sie
in I60/0 meiner Falle. Ihr entspricht bei homosexuellen Frauen
die Neigung, die Stimme zu vertiefen. Im Ubrigen. scheint
sowohl die Stimme der hoiiiosexuellen Manner als homosexuell6r
Frauen dio Mitte zwischen mannlicher und weiblicher zu halten,
bald der weiblichen, bald der mannlichen naher stehend; oft ist
eie charakteristisch durch eine schwer zu beschreibende Weich-
heit, die bei Mannern nicht selten mit einer gewissen Geziertheit
und Dilrf tigkeit, bei Frauen mit ein wenig Rauheit und dem ver-.
bunder, ist, was man als eine Kommandostimme bezeichnet hat.
Schon Martial entwirft ein anschauliches Bild der Urnings-
stimme. In dem Epigramm an Carmenion (10. 65.), in dem er sich
verbittet, dafi dieser ihn Bruder nennt, („quare desine, me vocare
fratrem"), er wiirde ihn sonst Schwester rufen („ne te Carmenion,.
vocem sororem")> sagt er, „dein Mund sauselt und deine Sprache
ist matt, ich rede kraftiger, wenn ich fliistre":
„Os blaesum tibi debilisque lingua:
Nobis sibila fortius loquuntur.*
Schon am Tele ph on treten nicht selten die geziert hohe Stimme
des Timings, die tiefe, sonore der Urninde so deutlich hervor, dafi
sie mir vor personlicher Bekanntschaft die Wahrscheinliohkeitsdia-
gnose gestatteten, die ich nicht nur bei Gesprachen in Berlin, sondern
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bei Anrufeii aus Miinchen, Koln, Hamburg, VVieii und anderswoher
oft bestatigt gefunden habe.
Das Eigentiimliche der homosexuellen Stimmlage tritt am mar-
kantesten zutage, wenn Laute reflexartig, etwa durch einen Schreck,
ausgelost werden. So erzahlte mir ein guter Beobachter, der zufallig
bei einer Panik in einem homosexuellen Lokal anwesend war, die aus-
brach, als sich plotzlich ein Gast in die Stirn schoB und blutiiber-
stromt zu Boden sank, es sei ganz auffallig gewesen, wie weiblich
die Schreie des Entsetzens geklungen batten, mit denen die Urnirige
den Vorfall begleiteten. Auch das Lachen klingt bei Urningen oft
imgewohnlich hoch, bei Urninden verhaltnismaBig tief.
c. Behaarun^.
Hinsichtlich dieses wichtigen Geschlechtscharakters finden
sich bei homosexuellen Mannem und Frauen oft Abweichungen
vom heterosexuellen Durchschnittstypus, Wir nehmen behufs
naherer Betrachtung eine Vierteilung vor in K o p f haare, B a r t -
haare, S eh am haare und Korperhaare.
Das Haupthaar der Urninge ist verhaltnismaBig haufig auf-
fallend weich, diinn und gewellt als Einzelhaar und uppig in
seiner Gesamtheit, das der Urninden im einzelnen oft relativ
kraftig, hart, struppig, als ganzes oft nur bis zum tinteren Rande
des S*.hulterblattes reichend, im Gegensatz zu heterosexuellen
Frauen, bei denen es sich nicht selten bis zum oberen Rande
des Beckens erstreckt.
Die Haarfarbe zeigt kaum Besonderhoiten. Von 374 Urningen
deutscher Abkunft zwischen 25 und 50 Jahren, die ich nach diesem
Gesichtspunkte fortlaufend priifte, befanden sich 125 Hellbloride, 100
Dunkelblonde, 10 mit rotlichem, 86 mit braunem, 38 mit schwarzcm
Haar; 12 waren grau, drei weiC, davon einer bereits mit 20 Jahren;
bei 83 unter diesen war das Haupthaar von Natur gelockt, wahrend es
nahezu ebensoviele selbst krausclten. Viele Urninge verwendcn im
Gegensatze zu den Urninden eine groBe Sorgfalt auf ihre Frisur. Schon
im Altertum hieBen sie deshalb capillati und comati. Von dem athe-
niensischen Urning Demetrius Phalereus erzahlt Athenaeus
(lib. 12 pag. 542) : „Sein Haar krauselte er und gab demselhen eine
Goldfarbe. Sein Gesicht schmin(kte er." Die Urninden traj^^en das
Haupthaai- gern schlicht, glatt gescheitelt oder ungeordnet. Diekom-
plizierte Damenfrisur verursacht ihnen oft nicht geringe Schwierig-
keiten. Viele schneiden sich die Haare kurz, andere wiirden es gern
tun, scheuen aber die Bemerkun^en „unverniinftigor" Menscheii iiber
ihren „Tituskopf**. Bemerkenswert ist, wie auch hier die der Psyche
nicht entsprecnende Physis friih instinktiv las tig empfunden wird.
Sehr anschaulich schildert dies eine Kontrarsexuelle in ihrcr Lebons-
beschreibung ^^) : „Man versuchte mich auf meine wilden Haare eitel
zu machen und bewunderte den natiirlichen Kopfschmuck so lange,
bis ich, kurz entschlosscn, zum Friseur ging und — mich scheren
lieB. Wozu auch dieses unniitze AnhangseT, welclies mir beim Jjaufen
und Springen nur hinderlich war? Die Buben hatten das viel be-
quemer, Weshalb sollte ich es ihnen nicht gleichtun? Der Haar-
kiinstler war zuerst entsetzt iiber meine Aufforderung, so daB er
16) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. Pag. 292 ff. „Die Wahrheit iiber
mich."
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mich ganz starr ansah und in den Ausruf ausbrach: „Nein, das ist
zu schadel Ich tue es nichtl" „So gehe ich zu einem anderen."
Dieses half. Er machte noch einen sohwachen Versuch, mich durch
tJberredung zuriickzuhalten, mit dem Hinweis, daB das „prachtige
Haar" erst in drei Jahren seine jjetzige Fiille und Lange" wieder-
erhalten haben wiirde. „Die soil es ja iiberhaupt nicht wieder be-
kommen. Wozu lasse ich denn den Rummel herunternehmen?" Als
er sah, daC alles nichts niitzte, machte er sich mit einem schweren
Seufzer ans Schneiden. Hei, wie forsch kam ich mir nach vollendeter
Tat vor! Nun sollte es nur jemand wagen, mich „Madchen" zu
schimpfen, wie es kiirzlich Winterfelds Fritz getani Ich war gerade
80 gut ein Junge, wie er. Jetzt blickte ich sogar in den Spiegel,
was ich sonst liir eine hochst iiberfliissige Sache hielt. „Soll ich
das Haar vielleicht brennen?" Ich brach in schallendes Gelachter
aus. „0 nein, neini Ich will mich doch nicht zum Dandy heraus-
bildenl" Der Kiinstler wickelte meinen Zopf sauberlich in Seiden-
papier und wollte mir denselben feierlich iiberreichen. „Was soil
ich damit anfangen? Behalten Sie ihn nur I" „Wiirden Sie ihn fur
10 Mark verkaufen?" Gem willigte ich ein. Dafur konnte ich mir
ein hiibsches Buch anschaffen. Und Biioher, BiLcher,-die sind stets
meine Passion gewesen und auch geblieben. So troUte ich denn
wohlgemut nach Hause, wo es natiirlich gehorige „Dresche" gab. Was
tat das? So etwas schiittelte man bald wieder ab, und an der Haupt-
sache war nichts zu andern. Auch kam das redlich erworbene Geld,
mit dem ich nocH an demselben Tage zum Buchhandler eilte, mit in
Betracht."
Es sei hier auch an die fiir das weibliche Urningtum iiberaus
charakteristische Erzahlung Lukians^') von der Urninde MegiUa
erinnert. Sie beginnt mit einer allgemeineren Bemerkung: . . . totavtag
ywalxaff, vjco dydgcbv fisv ovx i^sXovaag avxo Jtdoxeiv, ywai^l dk avtdg TtXrjauxCovaaSf
woneg ivSgag, „solche Weiber dulden nicht einen umarmenden Mann, wollen
vielmehr selber, Mannem gleich, Weiber genieBen". Von der Megilla
heiBt es dann : ^ yyvtj deivcjg dvdQvxij iaxiv : „sie ist ^ewaltig mannlich''.
Sie liebt (iefv) die Zitherspielerin Leaena. Megilla und noch eine
andere Urninde namens Demonassa, haben eines Abends die noch
nichts Ahnende zum Zitherspielen zu sich ^eladen. Leaena, durch
Geschenke veranlaBt, noctem praebet. Von dieser Nacht erzahlt nun
Leaena folgendes: „Sie kiiliten mich und umarmten mich und driick-
ten mir die Briiste, wie es Manner tun, wobei Demonassa sogar biB.
Plotzlich zog Demonassa ihre ganze Haarfrisur vom Kopfe; es war
eine falsche. Sie erschien nun so kurz geschoren, wie ein recht mann-
licher Athlet. Sie sagte zu mir: „Hast du schon einen so schonen
jungen Mann gesehen, wie ich bin?" Ich erwiderte: „Aber ich sehe
hier doch keinen jungen Mann, Megilla." Sie: ,,Mache mich nicht
zum Weibe ; ich heiBe Megillus. Diese Demonassa habe ich einst
geheiratet, sie ist mein Weib. To nav dvije sifji. Ich bin ganz Mann.
'Eyevn^^v fikv dfioia xaXg dXXaig vfiZv ^ yva>firj di xat ^ exi^fiia xai xSXXa
ndvxa drdgog iari fioi, Zwar bin ich ebenso geboren wie ihr anderen Wei-
ber. Meine S e e 1 e aber und die Begierde in mir ist die eines
Mannes. Darauf habe ich sie wie einen Mann umschlungen. . . Dabei
atmete sie heftig und schien iiber die MaBen Wonne zu empfinden." —
Fast ebenso negativ wie die Uminden gegen den Haupthaar-
schmuck, verhalten sich viele Urninge gegen den Bartschmuck.
Auch hier wtirden noch mehr als es ohnehin tun, glattrasiert
gehen, wenn sie nicht oft in iibertriebener Angstlichkeit ftirch-
^^) Dialog, meretr. 5.
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teten, beargwohnt zu werden. Ganz ohne Bartwuchs sind nur
wenige Urninge. Unter 500 liber 20 Jahre alien befanden sich
14, die keine Spur von Bartwuchs hatten, bei 15 war nur ein
leichter Bartflaum vorhanden, weitere 132 zeigten schwachen
Bartwuchs, der wesentlich geringer war, als im Durchschnitt
bei Mannern, wahrend der Rest wenig oder gar nichts Ab-
weichendes aufwies. Im Gegensatz hierzu findet sich bei urni-
schen Frauen verhaltnismafiig oft mehr oder weniger gut ent-
wickdtes Barthaar, aus dessen allelnigem Vorhandensein einen
Schlufi auf Homosexualitat zu Ziehen allerdings nicht angangig
ist. Eigenttimlicherweise sind ^erade die eigentlichen Bart-
damen, die feminae barbatae (bearded women der Englander),
ahnlich wie wir es bei den Frauen mit grofier Clitoris sahen,
fast nie homosexuell. Es hat den Anschein, als ob die starksten
Umkehrungen sekundarer Geschlechtscharaktere nicht so oft
Begleitersoheinungen der Homosexualitfit sind wie leichtere und
mittelstarke maskuline bezw. feminine Einschlage; die kras-
seren sexuellen Transformationen kommen ofter isoliert, die
sohwacheren haufiger kombiniert vor.
Ein gutes Beispiel viriler Bart- und Korperbehaarung bei einer
Urninde stellt der von Wilhelm Hammer ^8) beschnebene Fall
der von ihm als „Schriftstellerin Ottilie Ehrlich" bezeichneten 24 jah-
rigeu Person dar. Er berichtet:
„Die Behaarung ist stark, namentlich unterhalb des Kinnes. Vom
Sebamberg zieht ein Haarstreifen nach dem Nabel, wie das bei Man-
nern haufig, bei Frauen selten ist. . . . Das Haar ist mafiig kurz
geschnitten, emporgekammt, Ibren Bart laBt sie sich rasieren ; die Be-
haarung an Kinn und Hals ist, wie ich mich durch Betastung der
Stoppelu iiberzeugte, so erheblich, daB mancher gleichaltrige Jiingling
froh sein diirfte, wenn er iiber ahnlich starke Behaarung verfiigte.
Ahnliches sah ich wiederholt. Wenn homosexuelle Manner sich einen
Vollbart wachsen lassen, so wirken sie infolge ihrer weichen Gesichts-
ziige manchmal wie Bartdamen. Manche gef alien sich darin, einen soge-
nannteu Christuskopf zu tragen mit wehendem Haupt- und Barthaar.
So lernte ich in Rom in der deutschen Herberge einen h.-s. Schuh-
macher kennen, der sich schon seit Jahrzehnten bei den jungen Kunden
groCer Beliebtheit erfreut und unter ihnen infolge dieser Haartracht,
zum Teil vielleicht auch infolge seiner salbungsvollen Predigerart, den
Beinamen „Heiland" fuhrte. Rosegger gibt von dem urnischen
Dichter K. M. V a c a n o , einem hochst seltsamen Doppelmenschen,
in seinem Buche: „Gute Karaeraden" folgende Schilderung: „V. trug
einen Mosesbart und eine Lorgnette, ,Patriarch und Gigerl* unterschrieb
er sich einmal und ein anderesmal sagte er von sich selbst, er sei eine
Koquette und ein Betbruder in einer Person."
Ein hochst merkwiirdi^es Paar wurde mir von einem Kenner der
homosexuellen Welt in Pans vorgestellt, ein Maler und eine Malerin,
die miteinander kameradachaftlich verheiratet waren, beide urnisch. Er
trug einen „Christuskopf", sie einen „Tituskopf". Krafft-Ebing
erzahlt, dali die V a y , um Bartwuchs zu erzielen, „allerlei Rasierexperi-
18) W. Hammer, „Die Tribadie Berlins". GroBstadt-Dokumente,
herausgegeb. v. Hans Ostwald. Bd. 20. pag. 23.
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mcnto" in Anwendung zog. Andere Urninden lieben cs, sich wenigstena
vor dem Spiegel gelegentlich einen Schnurrbart anzumalen odor anzu-
kleben. Ich besitze eine stattliche Anzahl Photographien, die Frauen
mit „schneidigem Schnurrbart" darstellen, den sie sicli sehr iiatur-
getreu aufsetzten. Und audi hier wieder das Seitenstiick, wobei immer
zu beachten ist, daB der extreme Fall nicht so sehr wegen seiner
selbst .interessiert, als weil der Cbertreibung ungleich zahlreiohere
Beispiele entsprechen, in denen, was dort Handlung wurde, in
Neigungen existiert. Es gibt Urninge, die so weit gehen, ihren Bart,
wie andere Geschlechtszeichen, zu eliminieren. So heiOt es in dem
Referat Frankels^^) iiber den urnischen Selbstmorder Blank: ,,Er
legte sein Haar in Locken, zerstorte seinen Bart und stopfte sich
Busen und Hiiften aus."
Was die Schamhaare anlangt, so ist auch hier bei urni-
schen Menschen nicht selten der sonst meist so pragnante mann-
licho iind weibliche Typus verwischt. Wie in dem erwahnten
Hammer schen Falle sieht man hauf ig langs der Linea alba
einen deutlichen Haarstrich zum Nabel ziehen, ferner schneiden
die. pubes nicht mit der Basis des Mons veneris ab, sondern setzen
sich rautenformig nach oben fort, wahrend sie bei homosexuellen
Mannern relativ oft nach Frauenart in Dreieckform, mit der
leicht konkaven Breitseite nach dem Bauche zu, gruppiert sind.
Noeh haufiger aber wie die Schamhaare zeigen die ubrigen
K (i r p e r h a a r e bei Homosexuellen ein charakteristisches Bild.
Unter 500 Homosexuellen zeigte sich bei 98 der Korper iiberhaupt
nicht behaart, bei 78 ungemein schwach, in 176 Fallen, d. i. in 35,2 ^,'o
unter dem Durchschnittstypus. Unter den iibrigen fanden sich viele,
die iiber ihre oft sogar recht erhebliche Korperbehaarung eine iustink-
tive Scham empfanden, beispielsweise sich deswegen genierten, offeiit-
lich zu baden. Manche gehen sogar so weit, die Haare, besonders
von der Brust, abzurasieren. Ich konnte dies bei der Korperunter-
suchung selbst recht mannlich erscheinender Urninge in der Sprcch-
stunde gar nicht selten konstatieren. Namentlich im AUcrtum scheint
unter den Homosexuellen die Enthaarung mit Harz, Pech und anderon
Mittehi weit verbreitet gewesen zu sein. Bei Seneca und and(?ren
werden sie aus diesem Grunde, im nur scheinbaren Widerspruch zu ca-
pillati, dej>ilati, bei Martial als glabri, bei Juvenal als rcsinati,
bei Per si us als leves, bei Kratinos im Titel seiner Komodie als
,,ef4jiurgdiii€vot" , „Die Abgesengten", bezeichnet.^^a) in dem oben er-
Epigramme Martials an Carmenion heiiJt es :
„Tu flexa nitidus coma vagaris:
Hispanis ego contumax capillis.
Laevis pumice tu quotidiano:
Hirsutus ego cruribus genisque."
„Du wandelst einher geputzt mit gekriimmtem Haar, ich mit
hispanischem, das gegen Haarkiinsteleien sich straubt. Du bist glatt
dutch tagliches Bimsteinschaben, ich an Schenkeln und Wangen rauh-
haario:.**
Wenn wir hiermit nun wieder die Korperbehaarung urnischer
Frauen vergleichen, so sehen wir auch hier die vollkommcn ent-
19) Med. Ztg. vom Verein f. Heilkunde i. PreuBen. Bd. 22. 1853
pag. 101. (Homo mollis).
^*a) Cf. nach B 1 o c h , Dieses Handbuch, Bd. I, pag. 413.
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sprecbenden maskulinen Einschlage. Namentlich die Streckseiren der
Extremitaten sind in der Mehrzahl der Falle auffallend stark be-
haart, besonders die Beine, etwas seltener die Arrae. Als gates Bei-
sj>iel dienc folgende, durch Inspektion bestatigte Angabe einer Urninde :
„Arme etwas, Beine ziemlich behaart. Haarfarbe dunkelblond, Frisur
nicht besonders ordentlich, da die Kunst des Frisierens absolut nicht
verstehe. Liebe bei Frauen aber sehr gute, schicke Frisur. Leiser
Bartanflug ist bei mir vorhanden." Ob wohl die Saris im Talmud
feminine Homosexuelle waren? Fast konnte man es annehmen, wenn
man in Jebamoth Bd. 1 20) ihre Kennzeichen wie folgt liest:
„Er ist ein Mensch, der mit seinem zwanzigstcn Jahre noch keine
zwei Haare auf seinem Korper hat, und bekommt er diese spater, so
ist er doch ein Saris. Er hat keinen Bart, seine Haare sind fein und
sanft. seine Haut ist glatt: Sein Wasser bekommt keinen Schaum.
Er urniniert nicht mit den anderen. Sein Samen ist nicht gebunden.
er ist klar wie Wasser. Seine Stimme ist wie die einer Frau."
d. Milchdrusen.
Einen weiteren wichtigen Geschlechtsunterschied haben wir
in don Milchdrusen der Saugetiere zu erblicken. Bis zur Reife-
zeit bei beiden Geschlechtern einheitlich gebildet, tritt im pu-
bischen Alter bei Madchen und Knaben ein geringes Anschwellen
des Brustdrtisenkorpers ein, das beim ,weiblichen Geschlecht als-
bald enorm zunimmt, wahrend es beim mannlichen bis auf den
Rest der Sau^arze zuriickgeht. Dieses Rudiment veranschau-
licht besonders deutlich die ursprunglich einheitliche, bisexuelle
Anlage der Geschlechtscharaktere, so daB U 1 r i c h s 21) nicht ganz
unroebt hatte, wenn er in Memnon eine Parallele zwischen kor-
perlichem und seelischem Zwittertum ziehend, ausruft: „So
wenig der Mann Verfolgung verdient dafiir, daB er Brustwarzen
an sich tragt, so wenig verdient sie der Urning dafiir, daB er
nicht Weiber, sondern Manner liebt.*'
Den Alten gefiel es, in ihren Hermaphroditen und Ama-
zonen ein Zusammentreffen sowohl mannlicher Genitalien und
wciblicher Briiste, als weiblicher Geschlechts- mit mannlicher
Brustbildung plastisch und poetisch festzuhalten, in Wirklich-
keit ist aber diese Inkongruenz verhaltnismaBig doch nur eine
recht seltene. VoUentwickelte mannliche Gynakomastie und weib-
liche Andromastie sind Raritaten und fallen, wie auch sonst
die starkeren Abweichungen somatischer Geschlechtscharaktere,
keineswegs in der Regel mit homosexuellem Empfinden zusammen.
Dagegen sehen wir auch hier leicht'Cre Annahcrungen an die
Bildung des anderen Geschlechts relativ oft, sicherlich viel hau-
figer als bei Heterosexuellen. Dazu gehort bei homostexuellen
Frauen Mikromastie und Stillungsunfahigkcit, bei homosexuellcn
Mfinnern ein ungewohnlich groBer Warzenhof, deutliche Aus-
20) pag. 94/96.
2^) tl 1 r i h 8 , Memnon, p. 26.
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bildung der Montgomeryschen Dnisen, Polymastie, starkes Fett-
polster anstelle der Milchdrilse.
Ein Wiener Urning, der sehr viel mit Gleichempfindenden ver-
kehrte, schrieb an Ulrichs:")
„Be8onders oft fand ich die Brustwarzen weit groBer, als bei
Dioningen, die Brust rechts iind links iiberhaupt voller, runder und
fleischiger. Beim Baden erregen wir damit oft der Dioninge Staunen.
Hier in Wien gibt es einige mit wahrhaft prachtvollen formlichen
„Brii8ten"."
Ein urnischer Heilgehilfe berichtet mir: ,,Meine Briiste sind so
stark entwickelt, daB ich mich oft genierte, mich auszukleiden, da ich
oft gefoppt wurde, ich soUe ,mich als Amme vennieten*."
Unter 440 Homosexuellen zeigten 214 den normal mannlichen
Brusttypus, unter den iibrigen 226 befanden sich 6 ausgesprochene
Gynakomasten, darunter ein Fall, in dem die rechte Brustwarze bei
Druck ein milchartiges Sdkret absonderte; bei 78 fand sich ein relativ
froBer Warzenhof auf vollen, fleischigen Briisten, die in den iibrigen
43 Fallen ohne groBen Warzenhof vorhanden waren, mehrere betonen
die Starke sexuelle Reizbarkeit der Brustdriisen, einige ihre zeitweise
Schmerzempfindlichkeit, die auch bei mehreren der Krafft-Ebingschen
Explorierten hervorgehoben wird.
Ungefahr ebenso haufig, wie bei homosexuellen Mannern „volle",
finden sich bei homosexuellen Frauen „flache", „platte", „magere**
Briiste, es besteht aber auch hier durchaus keine Ubereinstimmung
mit den iibrigen Geschlechtszeichen, so sah ich najnentlich bei Vira-
gines oft recht gut entwickelte Brustdriisenkorper, die im Vergleich
zu ihrer sonstigen Mannlichkeit frappierten. Ganz nach Mannerart
sind bei homosexuellen Frauen oft die Saugwarzen gebildet ; auch finden
sicli nicht selten an ihnen kleine Harchen. Gebaren homosexuelle
Frauen, so besteht fast stets eine groBe Abneigung, das Kind zu
stillen, selbst wenn sie dazu in der Lage sind, was allerdings vielfach
nicht der Fall ist. Feminine homosexuelle Manner traumen dage^en
ahnlich wie transvestitische nicht selten, daB sie ein saugendes Kind
an der Brust liegen haben. «8) Auch hier sehen wir wieder die in-
stinktive seelische Tendenz, dort, wo etwas korperlich nicht als adaquat
empfunden wird, mehr oder minder kiinstlich nachzuhelfen, vor allem
tritt dies natiirlich bei transvestitischen Homosexuellen zutage, unter
denen die Manner auf die Hervorkehrung eines iippigen Busens, die
Frauen auf flachen Brustkorb Wert legen. Es wird dabei auch der
Atmungstypus zu beeinflussen gesucht, was Homosexuellen oft nicht
schwer fallt. Ich sah homosexuelle Manner mit wogenden Busen und
homosexuelle Frauen ohne eine Spur von kostaler Atmung.
Auch bei dem von W a c h h o 1 z **) beschriebenen Fall eines auf
Capri lebenden Urnings, stellte der untersuchende Arzt fest, daB
,,dieser den hohen Atemtypus der Frauen besaB."
Vor einiger Zeit suchte ein sehr femininer Urning Dr. S t a b e 1
einmal mit der Frage auf, ob man ihm nicht „durch Paraffininjektion
einen weiblichen Busen herstellen konne." Abschlagig beschieden,
war er sehr unzufrieden. Umgekehrt fragen virile Urninden gelegent-
lich, wie der G a r r 6 sche Hermaphrodit an, ob man ihnen nicht die
Briiste ^.mputieren konne.
**) U 1 r i c h s , Memnon, p. 130.
23) Cf. „Transvestiteii" Fall XIII. p. 100 ff.
2*) Leo Wachholz: Zur Kasuistik der sexuellen Verirrungen.
Friedreichs Blatter fiir gerichtliche Medizin und Sanitatspolizei. 43.
Jahrgang. Nurnberg 1892, S. 433 ff.
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Ein Seitenstuck zu den oben erwahnten Saris unter den Mannern,
bilden die Ailonith unter den Frauen. Von ihnen heiBt es im
Talmud**): „Sie haben keine Bruste, und die Kohabitation ist ihnen
widrig. Sie haben keinen weiblichen Mons veneris. Sie haben eine
mannliche Stimme."
e. Beck en unti Figur.
Die weibliche „!Figur", auf die von echten Frauen ein ebenso
hoher Wert gelegt wird wie von den sie liebenden Malnnern,
ist auBer von der Konfiguration der Bruste namentlich von der
Bveite des Beckens, „den Htiften**, und der zwischen beiden
Rumpfhalften sich bildenden „Taille** abhangig. Auch hier
zeigt sowohl der urnisohe Manner- wie Frauentypus vielfach
den Zwisehenstufencharakter. Sein Hauptmerkmal ist das Ver-
haltnis der Beckenlinie zur Schulterlinie (Troehanterenabstand
zum Akromialabstand), welches beim weiblichen Geschlecht po-
sitiv (Beckenlinie langer als Schulterlinie), beim mannlichen
negativ (Beckenlinie kleiner als Schulterlinie), beim gynandri-
schen Typ nahezu gleich ist.
Schulter: + — +
Becken: Weib Mann Zwischenstufe
Selbst ein umgekehrtes L&ngenverhaltnis beider Durchmesser
gehort bei homosexuellen Mannern und Frauen nicht zu den
Seltenheiten. Das ungewohnlich breite Becken fallt oft schon
dem Laien, namentlich den Schneidern, beim Maflnehmen auf.
Ein Urning berichtet, bei der militarischen Einkleidung habe der
Vorgesetzte gesagt, „er habe wohl bei der Verteilung des GesaBes
zweimal ,hier* gerufen." Umgekehrt sind homosexuelle Frauen oft
schmalhiiftig ; sie haben keine gute Taille. v. Levetzow26) ent-
wirft von der Figur der Michel folgendes Bild: ,,Sie ist groii,
schlank, mager, von flacher Brust und schmalen Hiiften, wenig aus-
gesprochener Taille, so daB sie in Mannerkleidern nicht auffallt."
Noch bezeichnender schildert Krafft-Ebing^T) die Sarolta
V a y : „Der Rumpf entspricht durchaus nicht weiblicher Bauart. Es
fehlt die Taille. Das Becken ist so schmal und so wenig prominierend,
dali eine von der Achselhohle zum entsprechenden Knie gezogene
Linie der Richtung der Geraden entspricht und. durch eine Taille
nicht ein-, durch das Becken nicht auswarts gedrangt wird ....
Das Becken erscheint als ein allseits verengtes mit entschieden mann-
lichem Typus. Die Distanz der vordersten Darmbeinstachel betragt
22,6 (statt 26,3), die der Darmbeinkamme 26,5 (statt 29,3), die der
Rollhiigel 27,3 (31), die auiJere Conjugata 17,2 (19—20), daher ver-
mutlich die innere 7,7 (10,8) haben wird. Wegen mangelhafter Breite'
»*) Jahrb. f. sex. Zw., Bd. V, 2. Teil, pag. 920 in „Die androgy-
nischc Idee des Lebens". Von Dr. L. S. A. M. v. Rome r.
w) Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. VII. Bd. I. Pag. 326. Louise Michel.
Von Frhr. v. Levetzow -Marseille.
»0 Krafft-Ebing, Psych, sex., 1903, pag. 305 und 306.
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d6S Beckens ist auch die Stellung der Oberschenkel keine convergente
wie beim Weibe, sondern eine. gerade."
Ahaliqhe BeckenmaBe und Verbaltniszahlen fand ich bei Ur-
ninden wiederholt, so in einem Falle langsten Schulterumfang 98 cm,
langsteu Hiiftenumfang 86 cm, Taille 70 cm, in einem anderen distantia
acromialis 85 cm, distantia cristarum 80 cm Umfang, Taillenweite
68 cm. Ich gebe noch eine Gesamtiibersicht der Korpermalie eines
mannlichen Homosexuellen :
Alter: 27 Jahre 7 Monate. GroBe 157 cm. Gewicht 721/2 Kilo.
Kopf: Umfang 56/0. Abstand Glabella-Protub. occip. ext. 18, 5.
Abst. Temper. 16, 0. . •:
Brust: Umfang 86/92. Abst. Sternum-Brustwirbeldomfortsatze
20,5. Abst, Acrom. §4,0. Abst. d. mammae 24,0. .
Arm: Acrom. — Spitze d. digitus medius 65,5. Acrom. — caput
radii 48,5. Acrom. — Oberarm 26,5, Oberarm — Prot. styl. radii 22,0.
Umfang Ob.--A. unterhalb des Muse. delt. 29,0. Umf. Unt.-A. an
der starksten Stelle 27,0.
Bein: Abst. Spin. ant. sup. — Malleolus ext. 84,5. Abst. Spin,
ant. sup. — Mitte d. Patella 45,0. Abst. Trochanter — Mitte d.
Patella 38,5. Mitte der Patella- Malleolus extern. 39,5. FuB: Ferse —
Spitze der groBen Zehe 24,0. Umfang Oberschenkel unterhalb d. Dam-
mes 54,5. Unterschenkel an der starksten Stelle 34,0.
Becken: Gerader Beckendurchmesser 20,5. Abst. Spinae ant. sup.
23,5. Cristae ossium ilium 26,5. Abst. der Trochanteres 30,5. Abst.
symphyse-jugulum 49,5. GesaBumfang 93,0.
Auffallende Merkmale: Gynakomastie, ausgebild. Mons veneris,
hohe Stimmlage, Genu valgum.
I)a3 Wesentliche ist, daB, wahrend wir bei der homosexuellen
Frau Schulterumfang 98 cm, Hiiftenumfang 86 cm fanden, "wir beim
homosexuellen Manne ein umgekehrtes Verhaltnis, namlich 86/92 cm
Brustumfang zu 93 cm GesaBumfang feststellten.
Es sei aber auch hier wieder besonders betont, dali nicht
ohne wei teres aus Schmalhtiftigkeit der Weiber und Breithiiftig-
keit der Manner Homosexualitat geschlossen warden kann. Im
ganzeu fand ich unter rund 1000 Homosexuellen 352, also iiber
Vj, ausgesprocheri mannlich, 344, ebenfalls iiber ^/g, weiblich
behuftci, wahrend man etwas unter ^/g weder als ausgesprochen
weiblich noelL mannlich in Anspruch nehmen kann. Ziemlich
haufig ist bei Homosexuellen ein auffallend hohles Kreu^, so
dafl eine vom 7. Halswirbel zum SteiUbein gezogene Gerade 8 ctn
und mehr von der tiefstejp Einsenkung der Lendenwirbelsaule
cntfernt bleibt. Diese Eigentlimlichkeit ruft oft den Eindruclc
eines besonders starken GesaBes bei schmaler Taille hervor. Auch
hi(.T beobachten wir wieder das Bestreben, der Natur nachzu-
helfen. Wahrend homosexuelle Frauen meist eine groBe Ab-
neigung gegen die enge Taille und das Korsett haben, bedienen
sich homosexuelle Manner nicht selten dieses Marterwerkzeugs,
um sich die Taille so schnial als moglich zu schniiren. Mehr
als eiumal sah ich bei homosexuellen Tauzvergniigungen Urningo
ohnmiiehiig werden, weil sie sich zu eng geschntirt batten.
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Von der Breite des Beckens hangt die Stellung der Beine ab,
die bei der homosexuellen Frau oft wie beim Manne mehr saulen-
artig oder zur X-Form geneigt ist, wahrend bei homosexuellen
Mannern niclit selten eine Tendenz zu 0-Beinen, wenn aiich
meist nur leichten Graides, nachweisbar ist. A r is to tele s^^)
erwahnt ihre „einwarts gebogenen Kniee". Im iibrigen
bietet das Skelett der Homosexuellen wenig Besonderheiten. In
bezug auf die KorpergroBe fand ich unter den homosexuellen
Mannern iiber ^5 mittelgroB 160 — 180 cm, gegen Y5 liber 180 jem
und ebensoviel unter 160 cm. Einige haben ungewohnlich zarte,
ihrem Alter nicht entsprechende Figuren. Ein hervorragender,
mil* perscnlich bekannter Schriftsteller, der jetzt Mitte der 40
ist, sagt von sich, daU er den Korperbau eines etwa 15jahrigen
Juiigen habe. Solehe zierliche Gestalten sieht man nicht ganz
selten unter den Homosexuellen, doch begegnet man auch wahren
Enaksgestalten, mit deren Riesenleib dann oft eine iibergroBe
Wcichheit um so seltsamer kontrastiert. Unter den homosexuel-
len Frauen diirfte das Verhaltnis der groBen, kleinen und mitt-
leren Figuren ahnlich sein. Besonders unter den Virilen stoBt
man gelegentlich auf sehr starkknochige, groBe; so war lange
Zeit eine als Riesin in einem Panoptikum auftretende Frau ein
sehr ,.angesehener*' Gast in den homosexuellen Lokalen Berlins.
Aber auch unter den mannlichst gearteten Urninden sieht man
Miniaturfiguren, die dann durch ihr strammes Auftreten um
so sonde rbarer wirken.
Im Verhaltnis zu dem iibrigen Skelett sind bei Urninden
die Hande und FliBe oft ungewohnlich groB, bei Urningen klein.
Ulrichs legte der „zart gebauten und schcin geformten Hand"
als urnischem Zeichen besondere Bedeutung bei.
Ich selbst fand folgendes:
Hand:
Klein
Mittel
OroB
Von 500:
224 =- 44,8^/0
151 -= 30.2*Vo
125 == 25,0^0
F u a :
Klein
Mittel
OroB
^Vm 500:
204 = 40.8«/^
167 = 38,4«io
129 =- 25,8^/0
Bei etwa 75 0/0 allef Falle weiseii Hiinde und FiiBe gleiche Pro-
portioneu auf, so daB kleine Hande und kleine FiiBe korrespon-
dieren; bei etwa 25o'o firidet man Incongruenzen, kleine Hande bei
groBen FiiBen oder umgekehrt.
Homosexuelle Manner tun sich ofter etwas darauf zugute, daB
sie weiblichc Schuh- und Iland.schuhnummern tragen miissen, wahrend
homosexuelle Frauen oft miinnliclie Schuhc und Ifandschulie brauchen.
Der Hajidedruck homosexueller Frauen ist oft besonders kriiftig und
feat, wahrend er bei homosexuellen Mannern oft eigentiimlich s£j,,nft
und geziert ist.
28) Aria to teles, Schriften zur Naturphilosophie.- Obersetzt
Krcutz. Stuttgart 1847. Bd. 11, pag. 31.'}.
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f. Korperdecken,Muskel-,Haut-un(lFettgeweb6.
Ehc wir aber auf dieses wichtige Gebiet urnischer Be-
vvegungen kommen, woUen wir zunachst noch die Decken des
Knochengerlistes, das Muskel-, Haut- und Fettgewebe homo-
sexueller Manner und Frauen einer Betrachtung unterziehen.
Im allgemeinen erscheinen die Formen des mannlichen Korpers
in ihrer Gesamtheit sowohl wie in der Ausbildung der einzelnen
Partien geradliniger und eckiger, die des weiblichen weicher,
welliger und mehr abgerundet. Ihren Grund muB diese Ver-
schiedenheit natiirlich in der andersartigen Beschaffenheit der
anatomischen Unterlagen haben. Diese setzen sich, abgesehen
vom Skeletl, aus der Muskulatur und dem Unterhautzellgewebe
zusammen, dessen Beschaffenheit und Form im Wesentli^hen
durch seinen Gehalt an Fett bestimmt wird. In der Tat zeigt
dio Muskulatur beim mannlichen und weiblichen Geschlechte
erheblichc Unterschiede, die zum Teil durch die ihrerseits wieder
von Neigungen und sozialen Gewohnheiten abhangige Tatigkeits-
art ausgebildet werden, im Wesentlichen aber bereits in der
Aulago gegeben und vorgebildet sind.
Dio. Muskulatur des Mannes ist in der Kegel in der Faser
fester und zaher, in der Konsistenz gedrungener und kjompakter,
die der Frau im allgemeinen schwScher entwickelt, weicher,
und da, wo sie durch Cbung starker ausgebildet ist, inehr
elastisch als fest. Bai den Homosexuellen beiderlei Geschlechtes
finden wir nun zunachst wieder einen Cbergangstypus, der bei
feminineu Urningen u.nd virilen Urninden zu einer gewissen
Ahnlichkeit der Muskelbdidung ftihrt, die mir so haufig auf-
gestoBen ist, daB ihr eine charakteristi^he Bedeutung nicht
abgesprochen werden kann. Die Muskulatur zeigt in diescn
Fallen Formen, die mit mUnnlicher Zahigkeit weibliche Ab-
rundung oder mit der elastisch schwellenden Konsistenz des
weiblichen Muskels die gedrungene scharf konturierte Form
des mannlichen verbinden.
In ausgesprochenen Fallen finden wir bei Mannern einen
durchaus weiblichen, bei Frauen einen ausgesprochen mannlichen
Muskeltyp. Solche Inkongruenzen sind bei Homosexuellen jeden-
falls relativ h&ufiger als bei Normalen. Mir sind durchaus
willensstarke homosexuelle Manner Jbekannt, die trotz groBter
Anstrcngungen, zu denen sie namentlich Ehrgeiz und Furcht
vor Spott antrieben, beim Turnen niemals einen Klimmzug zu-
stando brachten, wahrend Urninden nicht selten schon in ihrer
Kindheit von ihren mannlichen Spielkameraden ihrer Muskel-
kraft halber geftirchtet wurden. Im Verlaufe des Lebens greifen
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Aiilage, Neigimg und Beschfiftigungsart nattirlidx ineinander, um
die Muskelentwickelung immer charakteristischer zu gestalten.
Belegen wir das Gesagte noch durch einige statistiache Er^eb-
nisse, so fanden wir unter 600 Homosexuellen, die nach dieser Rich-
tung untersucht wurden, bei 280 oder 56o/o die Muskulatur schwach,
bei 129 oder 25,8 o/o kraftig entwickelt, bei 3,4 o/o (17) fand sich
schwache Arm- und starke Beinmuskulatur, bei dem Rest 14,8 o/o (74)
konnte die Muskulatur als mittelkraftig bezeichnet werden. Das Fleisch
selbst fiihlte sich bei 30,4o/o (152) fest und hart, bei 69,4o/o (347)
weich und schwellend an. Unter den homosexuellen Frauen zeigten
sich 2/3 muskuloser als der Durchschnitt heterosexueller Frauen.
Das Unterhautzellgewebe , dessen Entwickelung na-
mentlich mit Bezug auf seine Durchsetzung mit Fett in einem
gewissen Antagonismus zu den entsprechenden Muskelgruppen
steht, pflegt sich bei den Frauen beaonders lippig und schwel-
lend geradc liber, um' und zwischen den Muskelpartien zu formen,
dh durch ihre derbere Beschaffonheit und gesteigerte Inanspruch-
nahme beim Manne seiner Entstehnng hinderlich sind ; in erster
Linie gill dies flir den Schulterglirtel und die Arme; die weichen,
abgerundeten Formen, die das fettreiche Zellgewebe diesen
Kcrperpartien gibt, nennen die Damen „ein gutes Decollete".
Es gibt nun viele mannliche Homosexuelle, die auf ihr gutes
Decollete stolz sind ; und, wie ich aus Erfahrung an vielen Bei-
spielen bestatigen kann, nicht ohne Grund. — Ferner pflegt
sich bei Mannern in vorgertickteren Jahren ein Fettpolster
haufig dber den Korperpartien zu bilden, die bei der Frau
durch die Muskeltatigkeit der Bauchpresse seine Entwicklung
nicht begiinstigen, der unteren Bauchgegend. Auch hier be-
gegenen wir bei alteren Urninden, die ein stattliches Bauchlein
ihr eigen nennen, nicht selten sehr mannlichen Formen.
Hinsichtlich der Korperlinien konnen wir unter den Homosexuel-
len dxei Gruppen imterscheiden, eine mit runden, vollen Konturen,
zu denen man 57,6 0/0 rechnen konnte, eine abgeflachte, eckige mit
31,4 0/0 imd eine mittlere Gruppe, die 11 0/0 betragt; einen abgerundeten
Schulteransatz zeigten 61 0/0 (305 von 500). Unter den homosexuellen
Frauen ist das Verhaltnis etwa umgekehrt, ^/^ zeigen eckige, abge-
flachte, ^/jj abgerundete Formen.
Die AuBenhlille der KorperformQn, die Haut, zeigt bei
beiden Geschlechtern im allgemeinen verschiedene Beschaffen-
heit. Abgesehen von den Unterschieden, die Bart- und Korper-
behaarung bedingen, ist die Haut des Mannes in der Kegel
rauher, derber und matter gefarbt, die der Frau weicher, zarter
und glanzender. Bei der Beurteilung, wie weit diese Verschieden-
heiten auf ursprlinglicher Anlage beruhen, gilt es auBere Ein-
flixsse, wie die der Witterung, auf die unbedeckten Partien
der KorperoberfljLche, insbesondere das Gesicht, die korperlicher
Arbeit auf die Haut der Hande, ferner die Erfolge sorgfaltiger
Hirschfeld, HomosexualiUt. 10
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Korperpflege und endlich auch die Einwirkung groberer oder
feinercr Kleidung auf die bedeckten Hautpartien nach Moglich-
keit auszuschalten. Doch bleibt auch hier zu berucksichtigen.
dalJ diese auBeren Einwirkungen, vielfach auf einer fiir die
sexuelle Individualitat charakteristischen ursprtinglichen Anlage
benihen; das gilt im gleichen MaBe fur die Beschaftigung,
soweit deren Wahl eigener Neigung entspringt, wie fiir die
mehr oder minder raffinierte Korperpflege, als auch fiir die
Wahl der Kleidung, soweit fiir dieselbe nicht materielle Rlick-
sichten bestijnmend sind. Immerhin zeigt auch dann, wenn
wir von diesen Resultaten auBerer Einfltisse absehen, die Haut
der Humosexuellen vielfach die Beschaffenheit des anderen Ge-
schl edits.
Meiner Erfahrung nach trifft das besonders fiir inann-
liche Homosexuelle zu, deren Gesichtshaut oft, trotzdem sie
Wind und Wetter in besonderem MaBe ausgesetzt waren^ zart
und rein bleibt, und deren Hande oft trotz anhal tender und
anstrengender korperlicher Arbeit eine auffallend weiche Haut-
bedeckung zeigen, wahrend Urninden meiner Beobachtung nach
gerade Id bezug auf die Beschaffenheit der Haut nicht so oft einen
virilen Typus zeigen, was vielleicht darin seinen Grund hat, daB
sio auBerei Umstande halber doch nur ausnahmsweise zu einer
solchen korperlichen Aktivitat der LebensfUhrung sich durch-
ringen konnen, wie sie in erster Linie zur Entwicklung eines
mannlich derben Hautgewebes erforderlich ist.
In 89,8 o/o fanden wir bei Urningen einen reinen „Teint",
bald mehr zart weiB, bald mehr hell gelblich, bald rosig oder
rotlich frisch, die Urninden zeigten etwa in der Half te der
Falle erne verhaltnismaBi^ dunklere, derbere Hautbeschaffenheit.
Von manchen Seiten wird besonders die „rosige", „gleichsam
durchsichtige", „zarte" Haut vieler Uminge henrorgehoben.
Vhev Walt Whitmans Teint schreibt John Bur-
ro ugh s^s): „Sein Korper, wenn auch prachtvoll, war in merkwur-
digei' Weise der Korper eines Kindes, man sah dies an seiner Form,
an seiner rosenroten Farbe und an dem zarten Gewebe der Haut."
Mit dem groUeren Fettgehalt ihrer Haut hangt vielleicht das
geringere Warmebediirfnis vieler Uranier zusammen. Im allgemeinen
fiafit sich die Haut der Urninge warmer an, als die der rersonen
ilirer Umgebung. Es scheint, daB die im Volke verbreitete Bezeich-
nung „warmer Bruder" (auch das Wort schwul = schwiil meint ahn-
liches) in dieser Erscheinung. ihrc physiologische Begriindung hat,
wahrend der romische Ausdruck homo mollis, ebenso der grieohische
fiakaxo^ (iKndo bedeuten w'eicher Mann), auf di6 Weichheit der Haut
und Muskulatur zuriickgefiihrt werden durfte. Bemerkenswert fiir die
29) John Burroughs, Notes on Walt Whitman as Poet and
Person. New-York 1867. — John Burroughs, Walt Whitman, A
study. Boston 1896.
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Starke GefaCerregbarkeit der Haut ist, dafi sich unter 500 mannlichen
Homosexuellen 352 (70,4 o/o) befinden, die iiber mehr oder minder
starkes Erroten klagen, bei einigen steigert sich diese Disposition
zu ausgesprochener Erythrophobie.
Die SchweiCabsonderung femininer Urninge riecht nicht selten
weiblich, die viriler Urninden mannlich, wahrend die Transpirationen
maskuliner Urninge oft sexuell indifferent, d. h. weder mannlich noch
weiblich duften. Das gilt auch von den Ausdiinstungen der Haare,
besonders der Achselhaare. Gustav Jager schreibt : ^o)
„Uber den Ausdiinstungsgeruch Homosexueller kann ich nur das
mitteilen: Mir, einem Normalsexuellen, riechen alle reifen mannlichen
Normalsexuellen scharf, brenzlich, sauerlich iind nicht angenehm.
Dieser eigentiimliche mannliche Geruch fehlte den paar Homosexuel-
len, die Oder deren eingesendetes Hasir ich zu beriechen in der Lage
war; ich kann ihren Geruch nur als fade bezelchnen, doch bin ich
iiberzeugt, daB das bei einem „Supervirilen" anders ausf alien wiirde.
So ist ja bekannt, daB der ausgesprochene supervirile Alexander der
GroBe fvir die Manner wie Veilchen duftete."
Seit altersher ist es bekannt, daB viele Urninge ihre Korper-
oberflache mit allerlei Farbemitteln zu verschonern suchen. Manche
legen sich Rot auf, manche pudern sich, andere tuschen sich die
Augenbrauen mit Kohlenstiften oder farben sich die Haare blond. Ge-
stattete die Mode Schonheitspflasterchen, so waren es sicherlich
Urninge, die in der geschickten Anbringung der kleinen „mouches"
das groBte Raffinement entwickelten. Der romische Geschichtsschrei-
ber Lampridius erzahlt von dem urnischen Kaiser Heliogabal:
„vultum eodem, quo Venus pingitur, schemate figurabat", „er stellte
sich sein Gesicht nach demselben Schema her, nach dem man die
Venus malt". Manche feminine Urninge haben eine formliche Leiden-
schaft, sich zu bemalen; vielen, die zu mir kamen, verbot ich es
energisch, doch sah ich sie, trotzdem sie sonst folgsam wajren, immer
wieder in diese Liebhaberei zuriickfallen. Indes gibt es auch hier
wieder viele, die alle Toilettenkiinste perhorreszieren. Unter den Urnin-
den befinden sich diese in der Mehrzahl.
50) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 117.
10*
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SECHSTES KAPITEL.
Die Diagnose der mSnnifchen und weiblichen HomosexuaiitSt
Sexaelle Inkongruenzen.
p) Andersgeschlechtliche Einschiage auf dem Gebiete des
Nerven- und Seelenlebens.
g. Bewegungen und Handschrift.
Ahnlich wie im Korperbau treten auch in den Bewegungen
der Homosexuellen beiderlei Geschlechts symptomatische Er-
scheinungen zutage. Schon die Alten, wie Lukian, Petron
und Juvenal hoben hervor, daB man die Urninge v u 1 1 u
incessuque, an Miene und Gang am besten erkenne. Wir
wollen die Bewegungen nach den Korperpartien in vier Gruppen
teilen: a. Kopfhaltung und -Bewegungen, einschlieBlich der
Gesiditsmimik, b. Bewegungen der oberen Extremitaten, c. des
Rumpfes und d. der unteren Extremitaten.
Die mimischen Bewegungen des Gesichts stehen im engsten
Zusammenhange mit dein Ausdruck der Gesichtsztige, aus dem
sie liervorgehen und zu dem sie zuriickkehren. Wir sind ^-
wchnt, den Gesiclitsausdruck des Mannes markanter zu finden,
als den der Frau. Die scharfer ausgepragten und aus-
gearbeiteten Gesichtsziige verraten in hoherem MaUe Denk- und
Wilienstatigkeit. Die weniger bestimmte, infolge leichteren
Wechsels der Affekte bewegliehere Physiognomie der Frau
deutet auf ein tJberwiegen des Gemlits liber das Verstandesleben.
In der Mimik zeiehnet den Mann eine gewisse Ktirze, Unge-
zwungenheit und Entschiedenheit, die Frau mehr Schmiegsam-
keit, Unentschlossenheit oft bis zur Geniertheit aus.
In der geraden, aufrechten Kopfhaltung beim Manne pflegt
sich mehr SelbstbewuBtsein, in der leicht schragen der Frau
mehr Selbstgefalligkeit zu dokumentieren. Man konnte viel-
leieht sagen, dafi die Mimik des Mannes in ihrer Gesamtheit
mehr eine Bejahung oder Verneinung des Lebens, die der Frau
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niehr eine Frage an d as Leben ziim Ausdruck bringt. Doch sind
audi hier wie iiberall, nicht die spezifisch mannlichen Eigen-
tiimlichkeiten auf das mannliche Geschlecht und die spezifisch
weiblichen auf das weibliche beschrankt. Nur vom Durch-
schnitt ist die Rede. DaB VoUmann und VoUweib in der Mimik
bemerkeBswerte Unterschiede bieten, kann kein Physiognomiker
in Zweifel ziehen. Nach dem personlichen Eindrucke, den ieh
aus so iiberaus zahlreichen Beobachtungen gewonnen habe, sind
nun aber bei Homosexuellen alle diese Unterschiede bei weitem
weniger markant, als bei nicht gleichgeschlechtlich Veranlagtcn.
Zunachst fallt bei vielen Homosexuellen eine gewisse Un-
bestimmbarkeit und Veranderlichkeit des Gesichtsausdruckes auf.
Es laBt sich oft nicht recht entscheiden, ob mehr mannliche
oder *weibliche Ztige darin vorherrschen. Oft wechselte der
Eindruck auch so, daC man ihn bald als mannlich, bald ebenso
ausgesprochen als weiblich bezeichnen konnte.
Bei einer groBen Anzahl Homosexueller, sicher aber bei
relativ mehr Homosexuellen als Normalgeschlechtlichen kann
man eine durchaus im Sinne des anderen Geschlechts ausge-
pragte Mimik beobachten. Haufig fand ich bei homosexuellen
Mannern weiche Gesichtszlige, schmachtenden Ausdruck und
Aufschlag der Augen, kokettes Hochziehen der Lippen, zittern-
des Bcben der Nasenfltigel, ein Riickwartsheben des Kinns und
Seitwartsneigen des Kopfes und andere mimische Bewegungen,
di'3 wir als typisch feminin bezeichnen konnen, und ebenso oft
bei homosexuellen Frauen scharfe Ziige, festen, oft fast harten
Blick, kurze ruckweise Kopfbewegungen und andere charakte-
ristische Zeichen viriler Mimik.
Ein amerikanischer Professt>r schrieb mir: „In allera, was ich
hier nieder^geschrieben, ist nicht. viel Neues. Es ist immer das alte
Lied, welches Sie, mein lieber Doktor, bei Ihrer langen Erfahrung
schon geniigend kennen. Aber da ist ein Punkt, den ich nieraals in
der Literatur beriihrt gefunden, das ist die Physiognomie der
Homosexuellen. Ich will mich naher erkliiren. vor wenigen Jahren
machte ich in Boston die Bekanntschaft eines homosexuellen Malers.
Er sail einem Herrn aus Denver so auffallend ahnlich, daC ich spiiter
diesen vorsichtig ausfragte — auch die Sprache und Ausdrucksvvcise
waren dieselben — , und nun erfuhr, daB er auch homosexuell sei. Ein
zweiter Fall. Vor einiger Zeit war hier ein homosexueller Lehrer, niit
dem ich recht befreundet wurdc, und der, wie so viele Nordamerikaner,
ganz unwissend schien iiber seine Veranlagung. Er war an einen
(normalen) Kollegen sehr attachiert. Letzten Sommer traf ich nun in
einem Bostoner Bad einen ausgesprochenen, jungen Homosexuellen von
2.3 Jahren, der dem Lehrer ganz auffallend ahnlich war, im AuBeren
wie in der Stimme."
Vielea Charakteristische wird man nur bei grofier Dbung heraus-
finden konnen. Wer Hunderte von Trningen und Urninden gesehen
hat, wird nicht zweifeln, daC sie ganz bestiramte Gesichts-
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t y p e n aufweisen. So schwer es sich aber definieren laBt, was im
Grundo den mannlichen oder weiblichen Gesichtsausdruck ausmaclit,
so wenig kano man dem Laien das Eigentiimliche klar machen, das dem
Kenner am Urning oft schon beim Anblick der Photographien in die
Augen fallt. Wiirden die Geschlechter dieselbe Kleidung tragen, ware
man vermutlich eher in der Lage, die Ubergangsstufen herauszufinden,
BO beeinfluBt die Verscbiedenheit in Anzug una Haartracht das Urteil
wesentlich. Docb kommt es aucb so. noch oft genug vor, daB urnische
Manner fdr verkleidete Madcben und urnische Damen fiir verkleidete
Herren gehalten werden. Lassen sich Urninge, selbst solche, die recht
mannlicL erscheinen, den Bart abnehmen und legen weibliche Klei-
dungsstiicke an, so ist es meist geradezu verbliiffend, wie sehr der weib-
liche Typus, namentlich in der Augenpartie, zum Vorschein kommt.
Ich befand mich einmal mit einem urnischen Gelehrten in dem seiner
Volkstrachten und Volkssitten wegen bekannten Fischerdorf Volen-
dam am Zuideraee. Wir betraten des Studiums halber eine der eigcn-
artigen Behausungen. Im Laufe der Unterhaltung setzte sich mein
Begleiter eine der ortsiiblichen Frauenhauben auf. Der Erfolg war
dberraschend. Die braven Fischerfrauen konnten sich iiber die Ver-
wandlung gar nicht beruhigen und riefen ein iiber das andere Mai
aus: „Wie ein Madchen, wie ein Madchen". Auch ich selbst konnte
seitdem nicht mehr den weiblichen Eindruck los werden, der mir
in dem Gesichte des Forschers, weil ich darauf nicht achtete, zuvor
nie aufgefallen war. Viele Homosexuelle sehen als „Weib bedeutend
besser aus wie als Mann". Ich erinnere mich eines urnischen Aristo-
kraten, den ich jahrelang nur in Damentoilette gesehen hatte, in
der er sich hochst elegant ausnahm. Als er mich das erste Mai im
Henenanzug besuchte, erkannte ich ihn fast gar nicht wieder, so
zu seinen Ungunsten verandert sah er aus. Bei manchen tritt das
undefinierbar Weibliche erst im Affekt starker hervor. Ein Richter
schreibt, sein Gesicht sei scharf geschnitten, doch sei ihm von Damen,
die seine homosexuelle Natur nicht kannten, bemerkt worden, wenn
er lachle, habe er die Augen eines Weibes. Ein urnischer Offizier,
der sich durch eine „martialische" Erscheinung (mit etwas breiten
Huften) auszeichnet, teilt mir mit, daB, wenn er sich in Erregung
befande, seine sehr groBen, blauen traumerischen Augen von ganz-
lich unbefangener Seite als weiblich erkannt worden seien.
Im Gegensatz hierzu will ich an zwei Beispielen von vielen den
Gesichtsausdruck typischer Urninden schildern. Theophil Zol-
1 i n p , der Louise Michel um 1880 interviewt hat, beschreibt
sie m seiner „Reise um die Pariser Welt" (Stuttgart 1882), p. 62:
.,Die hohe nervige iiberschlanke Gestalt, mit dem groBen energischen
Kopfe, will nicht zum Frauengewande passen In ihrem Ange-
sichte erinnern hochstens die verschnittenen Locken, welche, in der
Mitte gescheitelt und hinter die Ohren gestrichen, in ziemlich dich-
ten, bemahe ins Graue spielenden Ringeln riickwarts auf das schwarze
Halstuch fallen, und etwa das kleine, charakterlose Kinn an ihr
Geschlecht. Starke Backenknochen begrenzen den breitgeschlitzten
Mund, dessen dicke, blasse, aufgesprungene Lippen keineswegs zum
Kusse einladen, und verdecken die kleinen eisigen Augen, die hinter
buschigen Brauen lauern. Unter der kraftig und nicht unedel ge-
schnittenen Nase schattiert sich ein Schnurrbartchen, das den Neid
eines Gymnasiasten erwecken wiirde. Das Gesamtbild dieser Ziige
ist vulgar, trotzig abstoBend, hart, mumienhaft, wird aber vermensch-
licht durch den Ausdruck physischen und psychischen Leidens, der
daiiiber ausgegossen ist, und den Strahl der' Begeisterung, welcher
im Affekt in den grauen Augen phosphoresziert und das sonnenver-
brannte, vorzeitig gealterte Antlitz verklart. Man sieht, daB man
vor einer Intelligenz, einem Willen und einer Oberzeugung steht, die
bis zur Scliwarmerei und zum Verbrechen gehen kann.*^ Von der
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V'ay sagt Krafft-Ebing*): ,,Ein nicht unschones, intelligentes
Gesicht, das trotz einer gewissen Zartheit der Zuge und Kleinheit
aller Partien ein ganz entschieden mannliches Gepriige hatte, wenn
nicht der schwer entbehrte Schnurrbart fehlen wiirde. . . . Blick
intelligent, Miene etwas verdiistert."
Hicr einiges noch liber das Aussehen der Homosexuellen.
Wir begegnen hier in der Literatur ganz falschen Angaben.
So sprichl Braunschweig^) von der verengerten Lidspalte
der Homosexuellen als einem Kainszeichen, Ostwald^) von
de.i umschatteten und umflorten, andere sogar von den ,,fisch-
artigen** Augen^) der Urninge, einige heben die bleiehe Gesiehts-
farbc, andere die HaBlichkeit der Homosexuellen im all^emeinen
hervor, die bei Michelangelo sogar der 'Grund gewesen
sein fioU, daB er, zu abstoBend flir das weibliche, sich dem
gleichen Geschlecht zuwandte. AUe diese Behauptungen er-
mangeln der Materialkenntnis. Jeder, der sehr vielc Homo-
soxuellc zu sehen Gele^enheit hat, wird die Gesichter sowohl
der mannlichen als der weiblichen Homosexuellen als in der
groBen Mehrzahl wohlgebildet bezeichnen mlissen. Viele /jeichnen
sicli durch schone, seclonvoUo Augen, eino feingeschnittene Nase,
wohlgeformte Lippen und Ohren, frische Farben, feine, ge-
wtUte Haare und gefallige anmutige Ziige aus. Manche haben
kindcrahnliche Gesichter.
M(isner^) gibt als besonderes Cliarakteristikum an, daB
Uranicr oft jugendlicher aussehen, als sie sind, und sich langer
jung halten, als normale Manner. Das gleiche gilt auch fiir
homosexuelle Frauen. Krafft-Ebing betont, daB die bei
ihm Rat suchonden Uranicr zumcist von auffallender Schonheit
der Gesichtszuge und dos Leibes, strotzead von frischer Mann-
lichkeit und Gesundhoil, lebhaft zuwcilen bcoonders geistvoll
und immer „intercssant*' geweson seien.**
Die A r m bewegungen stehen, soweit sie dem Ausdrucke
psychischer Regungen dienen, mit der Mimik in engsicm Zu-
sammenhange. Wir fassen diese Bewegungsgruppe unter der
Bfzeichnung „Gesteu** zusammen, und finden in ihnen in ganz
besonderem MaBe die sexuelL^ Eigenart ausgepra.i^t,. Die fcsti^n
und ruhigen, der Situation entsprechend bostimint zustimmead^m
oder abweisenden, fast immer etwas eckigen Armbewegungen
in Verbindung mit den fast nur in dor Vertikale])ene ausi^o-
flihrten Ruckenb^wegungen konnen wir als mehr mannlich, die
1) Krafft-Ebing, Psych, sex. 1903, pag. 301 und 305.
') Braunschweig, Das dritte Geschleclit, p. 11.
') Ostwald, Mannliclie Prostitution, p. 60.
*) Cf. Liebchen, Ein Roman unter IMiinnerii 1908, p. d.
*) Meisner, Uranismus, p. II.
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graziosen, unruhigen, oft zu der Situation nicht ganz passenden
und das adaquate MaB leicht litferschreitenden, fast immer aber
abgcrundeten Armbewegungen in Verbindung mit einem Drehen
und Neigen des Riickens als mehr weiblich ansprechen. Kurze
Gesten der Hand geben das virile, biegsame und gezierte, das
feminine Bild.
Aucb hier finden wir bei Homosexuellen sehr oft ilie Ge-
schlechtscharaktere verschoben. Auf keinen Fall habe ich bei
Normalgeschlechtlichen so haufige und weitgehende Ab-
wcichungen vom Gesdilechtstypus gefunden wie bei den Homo-
siexuellen, bei denen der ganze hier dn Betracht kommende
Bewegungsmechanismus oft derart im Sinne des anderen Q&r
schlechto ausgebildet ist, daU man fast von einem „Trans-
gestismus", einer Umkehrung der Gesten, spreehen konnte.
Uber die Handbewegungen schreibt ein sachkundiger Korrespon-
dent an Ulrichs*): „Fast ebenso verraterisch sind die Bewegungen
der Hande. Der Weibling spricht gem mit Affektation und kokettiert
und affektiert dabei mit den Handen. Namentlich weiblich ist auch
die Art, wie er die Hand zum GruB darreicht. Selbst bei Mann-
lingen fand ich meist weibliche Handbewegung. An der Hand-
bewegung habe ich schon in manchem den Urning erkannt, ohne
daB ich mich dabei getauscht hatte."
In innigstem' Zusamtnenhange stehen gerade die Arm-
bewegungen mit der Beschaftigungsart der in Frage stehenden
Personen Sind doch einmal beide von dem gleichen Empfinden
und Neigungen diktiert, soweit es sich um zusagende Arten
der Bewegung und Beschaftigung handelt, und ubt doch anderer-
seits die korperliche Tatigkeit riickwirkend einen sehr bemerkens-
werten EinfluB auf den Bewegungsmechanismus der beteiligten
Muskelgruppen, in erster Linie den der Arme aus. So bilden
sich aus Anlage, adaquater Tatigkeit, Anspannung und Ge-
wchnung eigentiimliche Bewegungsmodalitaten aus, die zu be-
sonders charakteristischen Bildern flihren. Wir finden deshalb
unter weiblichen Homosexuellen Personen, die mit nerviger Faust
den Schmiedehammer, unter jnannlichen solche, die geschickt
und zierlich Stricknadel und Hakelhaken flihren.
In recht charakteristischer Weise schildert Martial (7,67) die
Bewegungen der Philaenis, deren Leidenschaft fiir Frauen wilder als
die eines Ehemannes, eines maritus, ist. Wie ein junger Mann iibt
sie sich in den Kampfiibungen der Fecht- und Ringschule.
.... gravesque draucis
Halteraa facili rotat lacerto;
Et, putri lutulenta de palaestra,
Uncti verbere vapulat magistri.
«) UlrichSj Memnon, pag. 131.
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Mit leichtem Arm schwingt sie Bleigewichte, welche fur kraf-
tige Burschen schon schwer genug sind; und wenn in der oltriefenden
Ringschule der Fechtmeister einmal mit schwanker Rute unter die
eingeriebenen Zoglinge fahrt, so wird auch sie nicht verschont. Aucb
unter den Urninden nachromischer Zeit gibt es offenbar viele, die
ihren Arm besonders gem in der Fechtkunst erproben, so Made-
moiselle M a up i n , die ihren beriihmten Fechtmeister S 6 r a n n e bald
an Geschicklichkeit libertraf, und die, als sie einmal auf einem
Ballfest im Palais Royal wegen zartlicher Zudringlichkeiten zu einer
jugendlichen Opernsangerin unliebsames Aufsehen erregte, drei Kava-
liere, die ihr deswegen Vorstellungen machten, mit ihrem Degen zu
Boden schlug. Als die Vestvali in Leipzig den Hamlet spielte,
schrieb der beriihmte Kritiker R. v. Gottschall am Schlufi seiner
Besprechung: „ — und um neben der geistigen Auffassung auch das
Tecbnische nicht zu vergessen: fechten sahen wir auf der Biihne nie-
malfl besser".
Die R u m p f bewegungen haben wir bereits im Zusammen-
hang-3 niit denen der Arme erwahnt und wollen sie noch kurz
ill Verbindung mit denen der Beine, zum Gegenstand unserer
TBetrachtungen machen. Wir gelangen hier zu d^n gleichen
Beobachtungsresultaten wie dort: Drehen und Wiegen des
Riickens relativ haufig bei homosexuellen Mannern, virile straffe
und aufrechte Rlickenhaltung bei homosexuellen Frauen.
Der Beinhaltung und den Beinbewegungen wohnt wieder viel
Charakteristisches fiir die sexuelle Individualitat inne. Im Sitzen ist
das ungezwungene 0bereinanderschlagen der Beine oder das Kreuzen
der Fiile bei zuriickgezogenen Unterschenkeln typisch fiir die mann-
liche, das Neben- und Auseinanderhalten der Beine und Fiifie fiir weib-
liche Eigenart. Ein recht charakteristisches Phanomen ist zu beob-
achten, wenn man sitzenden Personen zugeworfene Gegenstande mit
den Beinen auffangen laCt. Der Mann wird die Beine rasch zusammen-
bringen, um die Gegenstande festzuklemmen, die Frau die Beine aus-
einander breiten, um sie in ihrem Schofie aufzufangen. In alien diesen
Einzelheiten konnte ich bei mannlichen Homosexuellen auffallend
haufig den femininen, bei weiblichen den virilen Typus in Haltung
und Bewegungen beobachten. Oft wirkt es geradezu verbliiffend,
wenn man eine virile Urninde mit leger iibereinandergeschlagener
Beinen und einen femininen Urning mit peinlich nebeneiuanderge-
stellten und zierlich nach auBen geknickten FuBgelenken Seite an
Seite sich unterhalten sieht. Wie fortlaufende Bewegungen stets
die sexuellen Eigentiimlichkeiten in hoherem MaBe hervortreten lassen,
als vereinzelte, so treten diese beim Gauge ganz besonders deutlich
hervor. Der Mann pflegt bei aufrechter Rumpfhaltung feste und lange,
die Frau bei wiegenden und drehenden Rumpfbewegungen kleine, zier-
lich trippelnde Schritte zu machen. Auch hier konnte ich die feminine
Gangart xelativ haufig bei homosexuellen Mannern, die virile bei
homosexuellen Frauen beobachten, bisweilen in einem Grade, daU der
Gang dieser ein feminin tanzelnder, jener ein extrem viril vier-
schrotiger genannt werden konnte.
Dies"i Gangart Homosexueller ist so .charakteristisch, daB
ich oft von meinem Sprechzimmer aus an der Art des Auf-
tretens erkannte, wenn ein Urning in mein Warte^mmer kam.
Ein urnischer Pastor gibt folgende Schilderung von sich: „Es
besteht Neigung zu wiegendeji Bewegungen, ich suche jedoch diese
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Neigung so gut wie moglich zu uberwinden, da ich mich auBorst be-
schamt fiihle, wenn jemand etwas Damenhaftes an mir entdeckt.
Trotzdem ist letzteres dann und warm schon vorgekommen. Be-
sonders mein Gang wurde schon ofters „damenhaft" gefunden. Die
Schritte sind mehr klein, mitunter schliirfend, die Schultern wiegen
sich beim Gehen etwas bin und her, wenigstens wenn ich mir keine
Gewalt antue, auch die Art und Weise, wie ich mich niedersetze, ist
schon aufgefallen". Ein homosexueller Polizeibeamter erzahit, daJi
eine Dame von ihm sagte: „Der Kommissar mit dem leichten Madchen-
schritt.** Der Gang eines Menschen ist ohne Zweifel nicht nur von
anatomischen, sondem auch von psvchischen Faktoren abhangig. Das
will sagen, daB zwar die somatischen Verhaltnisse des Urnings, die
Breite der Hiiften, die infol^edessen staxker konvergierenden Ober-
schenkel, die schwache Entwicklung der Beuge- und Streckmuskeln
auf den Gang nicht ohne EinfluB sind, daB aber auch seelische Ein-
wii'kungen in Frage kommen. Dafiir s^richt, daB Uminge, die sich,
um sich nicht zu verraten, ruhigere, gravitatische Schritte angewohnen,
leicht bei Erregungen, oft schon oeim Laufen, in ihre naturliche
Gangart verfallen. Der eben zitierte Polizeikommissar bemerkt: „Meine
Schritte waren sehr klein und hiipfend, ich habe es mir aberzogen,
es tritt aber immer wieder hervor, sobald ich neben einem jungen,
schonen Herren gehe."
Bei manchen Urningen kann man ein eigentumliches Anheben der
Riickseite der Beinkleider beobachten, als ob sie eine Schleppe raff ten.
„Gehe ich iiber nasse Stellen", schreibt ein Urning an MolH^ „so
bin ich stets ganz unwillkiirlich in Versuchung, mir die Kleider
hochzuheben."
Besonders kommen die feminin-graziosen Bewegungen der
Homosexuellen im Tanze zur Geltung, dem viele leidenschattlich er-
geben sind. Es gibt Urninge, die nur als Dame, Urninden, die nur als
Herr tanzeii konnen.
Die stramme Haltung und Gehweise urnischer Frauen hat oft
etwas Militarisches, Decidiertes. Von einer Urninde in Cassel schreibt
im Memnon (pa^. 201) ein Korrespondent : „Sie ging wie ein Offizier".
Unter 600 Urningen waren 279 (66,8 o/o), deren Schritte klein, zum
Teil ausgesprochen feminin waren; jeder Muskeltatigkeit abhold waren
90, 153 batten eine Vorliebe fiir wiegende Beweguneen, besonders
Tanzen, 113 bevorzugten FuBtouren und Bergsteigen, 22 Tumen, 16
Schwimmen, 6 Reiten, wahrend 77 Neigung zu kraftiger Muskeltatig-
keit hatten und 23 energische Sportsleute waren.
Es seien noch elnige Bewegungsformen hervorgehoben, die fthn-
lich wie das bereits erwahnte Fangen von Gegenstanden mit sich
naljemden Oberschenkeln bei Urninden, sich entfemenden bei Ur-
ningen besonders typisch sind. Dazu gehort, daB viele Urninge beim
Wasserlassen sich m besonderer Stellung iiber da^ Nachtgeschirr
niederlassen, wahrend es heterosexuelle gewohnlich emporheben. Um-
gekehrt finden wir bei Urninden vielfach die Neigung, im Stehen zu
urinieren. So ist in den Akten der Sarolta Vay das Zeugnis
einer Familie E. erwahnt, deren Kinder bekundeten, sie hatten wieder-
holt beobachtet, daB sie sich bei Promenaden hinter einen Baum
gestellt habe, um als Mann dem Bediirfnis der Urinsekretion zu ge-
nugen, auch auf Aborten hatte sie in aufrechter Haltung die Blase ent-
leert.
Manche homosexuelle Frauen haben eine grofle Vorliebe, im
Herrensattel zu reiten, hingegen gab und gibt es Urninge, die instinktiv
dem Reiten nach Frauenart so sehr den Vorrang geben, daB sie sich
wie Mario Vacano und ein unter dem Namen Ella Zoyara
auftretender Amerikaner als Zirkuskiinstleriunen produzierten. Auch
7) 1. c. p. 161.
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das Werfen und Fangen des Balles, wie iiberbaupt die Ann- und BeiD-
bewegungen im Spiel und Sport sind oft typisch.
Aucli die von dem amerikanischen Radiumforscher Professor Dr.
Everard Hustler studierten Schwingungsphanomene am „s i d e-
rischen Pende T'^a) verdienen nachgepriift zu werden. Um die in
Frage kommende Erscheinung hervorzurufen, bedarf es eines sehr ein-
fachen Experiments. Man braucht nach Hustler dazu nur einen silbernen
EBloffel und einen an einem Zwirnfaden aufgehangten goldenen Trau-
ring. Man wiokelt das freie Ende des Fadens zweimal iiber den rechten
Zeigefinger und laBt das von dem Ring beschwerte langere Ende iiber
den Daumennagel hangen, gerade iiber den EBloffel, der vor dem Experi-
mentierenden auf dem Tiscne liegt. Um einer zu friihen Ermiidun^ vor-
zubeugen, wird empfohlen, den Ellbogen aufzustiitzen. Nach emiger
S^eit wird der Ring in schwingende Bewegung geraten, die je nach dem
Geschlecht des Experimentierenden verschieden ist. Bei einer mann-
lichen Person schwinfft der Ring in der Langsrichtung des
Loffels, bei einer we ib lichen Person in der Querrichtung.
Wenn eine andersgeschlechtliche Person die freie linke Hand des
Experimentierenden beriihrt, geht der Ring erst in die Ruhelage
iiber, und fangt dann aufs neue zu schwingen an, und zwar in einer
eewissen Mittellage, so daB also der EinfluB der zweiten Person
deutlich wahmehmbar ist. Ein urnischer Gelehrter, der Hustlers Ver-
suche nachpriifte, will sie bestatigt gefunden und bei Homosexuellen
folgende Abweichungen wahrgenommen haben:
Mann
heterosex.
Frau
heterosex
Mann und
Frau
heterosex.
/
/
2 Ma
bei
heter
nner
de
osex.
2 Frauen
beide
heterosex.
Mann
homosex.
Mann
heterosex.
u. Mann
homosex.
/
Verstiirkte
*Schwingiin^'on
Viele Urninge haben eigentiimliche Verlegenheitsbewe-
g u n g e n — wenn sie angeklagt sind, kann man diese besonders hauf ig
wahrnehmen — , streicheln sich verlegen iiber die Stirn, spielen sich am
Ohr, beriihren mit der linken Hand den rechten Mundwinkel oder kratzen
sich mit dem Finger die Kopfhaut — digito scalpunt uno caput, sagt
Juvenal (IX. 131 ff.) von ihnen. Auch das Zerkniillen von weichen
Gegenstanden, insbesondere von Taschentiichern in der Hand, ' das
Stemmen des im Ellbogen gekriimmten, nach vorn gehaltenen linken Arms
in die Taille, das Anlegen des vorderen Handriickens an die Wange sind
typischo Stellungen. Besonders aber ist der schwer zu definierende
Ausdruck und die Bewegungen der Augen bemerkenswert. Schon
Patron spricht von ihrem weichen Augenaufschlag. Viele senken
verschamt den Blick, um ihn dann wieder sanft, innig, schmachtend
zu erheben. Einer sagte von sich, „er habe troue Hundeaugen", bei
anderu finden sich folgende Beschreibungen des Augenausdrucks :
schwarmerisch, schmelzend, verziickt, traumerisch, verschleiert, schwer-
miitig, matt, fragend, suchend, dann heiBt es wieder siiBlich, kokett
Oder kindlich, gewinnend, treu, mild. Hingegen wird der Blick der
Urnindeu fest, ruhig, klar, offen, ernst, sicher, dann wieder als durch-
dringend, «techend, forschend, fixiercnd, priifend, beoba^htond, herrisch,
Strang, scharf, trotzig, finster, diister, ironisch usw. beschricben.
'a) Vgl. „Das siderische Pendel" von Fr. Kallenberg, Miinchen
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Seit Ulrichs begegnet man in der Literatur immer wieder der
Angabe, dafi Homosexuelle nicht pfeifen konnen. Dies stimmt mit
unsern statistischen Feststellungen nicht iiberein. Unter 500 Ur-
ningen standen 385 Pfeifern (77 o/o) 115 (23 o/o) Nichtpfeifer gegeniiber.
Wirklich gut pfeifen allerdings nur wenige; namentlich einen durch-
dringenden Pfiff hervorzubringen, sind die meisten auBerstande, da-
gegen konnen urnische Frauen oft ungewohnlich gut pfeifen; zwei,
die icli kenne, treten sogar als Kunstpfeiferinnen auf. Auch Kraf f t-
E b i n g 8) erwahnt eine homosexuelle Malerin, die wegen ihrer vir-
tuosen Fahigkeit sich pfeifend zum Klavier zu begleiten, bekannt war.
Beim Rauspern und Schnauben pflegen Urninden den Schleim kurz
und kraftig, Urninge oft langsam und zach herauszubefordern. tJber
das Niesen der Urninge f indet sich bei Dio Chrysostomos (orat.
33. p. 410) f olgende merkwiirdige, auch von Iwan Bloch») mitgeteilte
Geschichte: Ein bedeutender Mann riihmte sich, den Charakter und
die Eigenschaften eines jeden Mannes aus seinem AuBeren erkennen
zu konnen. Auf den ersten Blick konnte er sagen, ob jemand mutig
Oder feige, ein Prahler, ein Ehebrecher, ein Kinade oder was sonst
immer sei. Einmal brachte man ihm in einer Stadt einen Menschen
von unordentlichem Aussehen, mit Schwielen an den Handen, un-
regelmaBigem Haarschnitt, mit grobem Gewand. Nach langem Be-
trachten erklarte er, der Mensch solle gehen, er wisse nicht, wer \md
was er sei. ImFortgehenniesteer. Da rief er sof ort : „Das
ist ein Mann, der geschlechtlich mit Mannern verkehrt."
Da P 1 i e B 'behauptet hat, daU sich unter den Homosexuellen
viel Linkshander befanden, habe ich auch nach dieser Richtung
bin mein Material statistisch durchforscht. Als ausgesprochen
rechtshandig bezeichnen sich unter den Homosexuellen 87 o/o,
als iinkshandig 7 o/o, wahrend 6 o/o angeben, links- und recht»-
handig, bezw. bei einzelnen Beschaftigungen links zu sein. Nach
einer in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ver5ffent-
lichten Arbeit liber die Haufigkeit der Linkshander im deut-
schen Heere waren 1909 „unter 266 270 untersuchten Leuten
10 292 Linkshander, d. h. 4 v. Hundert.** Danach scheinen
allerdings unter den Homosexuellen etwa doppelt soviel Links-
hander vorzukommen, wie unter den Heterosexuellen.
Vor allem aber verdient hier eine motorische Ausdrucks-
form Erwahnung:
die Handschrift.
Unter den Bewegungsarten nimmt sie eine ^anz besondere
Stellung ein. Es werden zwar bei alien willkiirlichen Be-
wegungen die vorhandenen Empfindungen und Vorstellungen
ihren Stem pel auf das Bild der Bewegung drticken, beim
Schreiben aber werden diese psychologischen Paktoren ein be-
sonders gunstiges Peld ihrer Betatigung finden, weil die zum
Schreiben erforderlichen Bewegungen der feinsten Abstufung
8) Jahrbuch f. s. Zw. III. Bd. p. 26.
») Iwan Bloch, Bd. I, Dieses Handbuch, S. 410.
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fahig, so daB sie darin vielleicht sogar die verwickelten, beim
SprecheTi ausgeflihrten Zungenbewegungen noch libertreffen.
AUh Niianceii des Seelenlebens konnen in der Handschrift
zum Ausdruck kommen. Da sich die Psyche der Frau im ali-
gemeinen von der des Mannes dadurch unterscheidet, daB sie
mehr dem Empfinden als dem WoUen und Handeln zugewandt
ist, so werden mannliche und weibliche Handschriften in wesent-
lichen Merkmalen differieren.
Wie Schneidemuhl^'^) ausfiihrt, pflegen die Handschriften
der Frauen in der Kegel diinner nnd zarter, meistens auch schrager,
zu sein als diejenigen der Manner. Wahrend die Merkmale fiir
Willensstarke, Tatkraft und Ausdauer nicht selten fehlen, sind solche
fur Empfindsamkeit und Selbstgefalligkeit ofters vorhanden. Die Hand-
schriften der Frauen pflegen weniger Charakter zu haben, ausdrucks-
loser zu sein, als die der Manner. Professor Schneidemiihl hebt
selbst hervor, daB es zwischen den typischen Frauenhandschriften
und den typischen Mannerhandschriften eine groBe Anzahl von
Zwischenstufen und Cbergangen gibt. Oft zeigen die Schriftziige von
Mannern direkt weibliche Merkmale und die von Frauen ausgesprochen
mannliche. Natiirlich tragen in solchen Fallen auch die seelischen
Eigenschaften der Schreiber iiberwiegend das Geprage des andereu
Geschlechts. Daneben gibt es nun noch zahlreiche Abstufungen, bei
denen in mannlichen Handschriften mehr oder weniger zainlreiche
weibliche Ziige und umgekehrt in weiblichen in groUerem oder ge-
ringerem Grade mannliclie Ziige vorhanden sein konnen.
Schon in meinem Buche „Der urnische Menseh'* wies ich
darauf hin, daB ich bei den Handschriften von Homosexuellen
mehrfach in ganz besonders charakteristischer Weise die Merk-
male des anderen Geschlechts feststellen konnte, und brachte als
Belege dafiir die Reproduktion einiger nach dieser Richtung
hin besonders pragnanter Autogramme. Es handelt sich hier
natiirlich nicht um eine Erscheinung, die als solche fiir die
Homosexualitat charakteristisch sein konnte, sondern lediglich
um den Ausdruck einer im Sinne des anderen Geschlechts ab-
weiehenden Personlichkeit, wie wir sie eben unter Homo-
sexuellen relativ so haufig antreffen. Unter dem ^roBen Jiand-
Bchriftlichen Material mannlicher und weiblicher Homosexuellen,
das mir zur Verfiigung steht, finden sich t)bergangstypen in
iiberaus groBer Zahl, man kann wohl sagen, gewisse fiir das
andere Geschlecht charakteristische Niiancen bei den ineisten
urnischen Schrif tproben. Doch auch ausgesprochen femi-
nine Ziige sind bei mannlichen und virile bei weiblichen Homo-
sexuellen sicher relativ haufiger anzutreffen, als bei Hetero-
sexuellen. Ganz besonders auffallig ist aber bei manchen Ur-
ningeu sowohl als Urninden eine groBe Versohiedenheit ihrer
Handschrift, bald markig mannlich, bald zierlich feminin.
0) S c h n e i d c m ii h 1 , Handschrift und Charakter, Leipzig 1911,
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Hammer!*) hat bei mehreren der in seinem Buche „Die Tri-
badie Berlins** beschriebenen Uminden Handschriften beobachtet, die
er teils al8 „geschlechtslos**, d. h. weder typisch mannlich, noch
typiscL weiblich, teils als „dem mannlichen Typus nahekommend"
bezeicbnet. Mit Recht sagt er: „Wenn diesen graphologischen Zei-
chen allein auch nicht unbedingtes Vertrauen geschenkt werden darf,
so geben sie doch immerhin einen Anhaltspunkt ab, der bei vorsichtiger
Verwertung, neben anderen Anhaltspunkten in die Wagschale fallen
kann."
Birnbacher i^a) schildert die Handschrift der nrnischen Sarolta
Vay wie folgt: „. . . . die Schriftziige, so sehleuderisch und von zer-
flossenen Tranen verzerrt sie mancnmal sind, haben den Charakter
der Festigkeit und Sicherheit, sind echt mannliche Ziige."
h. Lebensf iihrun^.
Dei- psychomotorische Charakter, der, wie wir sahen, in
Gang und Handschrift zum Ausdruck kommt, driickt Ineist
auch der Lebensfuhrung der Urninge beiderlei Geschlechts seinen
Stempel auf.
So fin den wir die Energie und Aktivitat des urnischen Wei-
bes, ihre GroB zti g i g keit nicht nur in ihren Schrift z ii g e n ,
sondern auch in ihrem sonstigen Auftreten vielf ach wieder.
Sie ist iebendiger, unternehmender, tatkraftiger, aggressiver,
heroischer, abenteuerlustiger als das nichturnische Weib und der
urnischc Mann. Ihr derbburschikoses, in seiner Steigerung nicht
solten riicksichtslos-brutales Wesen bildet einen scharfen Kon-
trast zu der stillen Zuriickhaltung, die wir so oft bei homo-
sexuellen Mannern finden, dieser oft fast angstlichen Reserve,
die in irgend einer Lieblingsbeschaftigung Geniige findet, sich
in Hans, Htjf und Garten am Wohlsten f iihlt, sich in Wissenschaft
und Kunst vergrabt, oder sammelt, forscht und reist. Dort ein
keckcs Draufgangertum, oft massiv ungeschickt, doch meist von
orstaunlicher Kaltbliitigkeit, hier eine liebenswiirdige Verbind-
lichkeit, eine konziliante Form, die nicht selten etwas Zimpei-
liohes oder Serviles an sich hat.
Unternehmungslust und Freiheitsdrang, ein A^erhalten, das von
den Mitmenschen oft als „unweiblich** empfunden und gescholten
wird, treiben urnische Frauen oft zur Betiitigung im offentlichen Leben,
zu geschaftlichen Aktionen und Griindungen, ja zu gewagten Finanz-
operationen, die ebenso gut zu einem gliicklichen wie zu einem schlech-
ten Ende fiihren konnen. Selbst als Jagerinnen und Kriegerinnen
stellen sie ihren Mann.
Carpenter 12) sagt von ihnen : „Sie leben gem auBer dem
Hause, lieben Spiel und Sport, treiben Wissenschaft, Politik oder selbst
11) GroCstadtdokumente ; Berlin und Leipzig.
i^a) Friedreichs Blatter fur gerichtliche Medizin 1891. Niirn-
berg. Heft 1 : Dr. C. Birnbacher : „Ein Fall von kontrarer Sexualempf in-
dung vor dem Strafgericht."
'*) Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 35.
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Geschafte. Sie zeigen organisatorische Talente, sehen sich gem in
einer verantwortlichen Stellung und wissen sich oft vortrefflich und
energiscli in einer fiihrenden Rolle zu bewahren. Es liegt auf der
Hand, dai3 ein derartiges Weib bei ihrer eigenartigen Vereinigung von
Fahigkeiten oft zu hervorragenden Leistungen befahigt ist, sei es
im Berufsleben, oder als Institutsvorsteherin, oder auch als Beherr-
scherin eines Landes."
Von Christine von Schweden, „der groBten fiirstlichen
Fran aus dem Zwischenstufengeschlecht", sagt Leopold von
Ranke^'): „eine weibliche Arbeit hat sie nie begriffen, . . . dagegen
sitzt sie anf das kiihnste zu Pferde. Auf der Jagd weiB sie das Wild
auf den ersten SchuB zu erlegen. Sie studiert Tacitus und Plato
and faBt diese Autoren zuweilen selbst besser als Philologen von Pro-
fession.**
Eine hochgelehrte Urninde war auch die Jungfrau Anna Maria
Schiirmann (geb. 1607 zu Koln). Sie sprach ein Dutzend Sprachen,
darunter Arabisch, Hebraisch und Griechisch, hatte als Malerin und
Bildhauem einen groBen Ruf, besaB bedeutende Fachkenntnisse in der
Musik und hielt mit Philosophen und Mathematikem ersten Ranges
die gelehrtesten Dispute.
Es soli damit nun natiirlich nicht gesagt sein, JaO alle in
die.ser Weise tatigen, viril gearteten oder im offentlichen Leben
stehenden Frauen homosexuell sind, sondern nur, dafi der Pro-
zentsalz der Homosexuellen unter diesen ein ungewohnlich lioher,
zura mindesten aber ein un verba Itnismailig viel hoberer ist
als unter den beterosexuellen Frauen.
Cberaus wechselvolle Schicksale sind es, die uns entsprechend
ihrer Eigenart im Leben der Uminden entgegentreten. Von den vielen
Typen, die hier angefiihrt werden konnten, sei wiederum nur auf wenige
Beispiele Bezug genommen. Ein gutes Beispiel bietet die bereits
wiederholt erwahnte Felicitas von Vestvali. In Stettin 1829
als Beamtentochter geboren, entflieht sie eines Tages dem elterlichen
Hause in Knabenkleidern, um Schauspielerin zu werden. In Leipzig
findet sie ein Engagement, geht aber bald nach Paris, wo sie mit
unermiidlichem Eifer Gesang studiert. Nach einer Konzerttournee, die
sie nach der Insel Jersey fiihrt, sucht sie zur Fortsetzung ihrer
Studien Neapel und Florenz auf, debutiert in der Scala in Mailand
und bald darauf mit grandiosem Erfolg in London. 1854 zieht sie
nach Amerika, was damals noch mehr bedeutete als jetzt, erhalt in
New York 10 000 Franks Monatsgage und bereist die ganze Union. In
Mexiko tragt man ihr die Direktion des dortigen Nationaltheaters an.
Rasch entschlossen fahrt sie nach Europa, um eine auserlesene Gesell-
schaft zusammenzustellen ; als sie zuriickkehrt, macht ihr die mexi-
kanische Regierung sechs herrliche Pferde zum Geschenk und iiberhauft
sie mit groBten Ehrungen. Sie revanchiert sich, indem sie in spani-
scher Sprache den Figaro singt. Kurze Zeit darauf finden wir sie
aber schon wieder in Italien bei der Einweihung des Theaters in Pia-
cenza und dann in Paris, wo Napoleon sie an die GroBe Oper enga-
fiert. Nach zwei Jahren zog sie aufs neue nach den Vereinigten
taaten. Sie wollte den Amerikanern G 1 u c k nahe bringen. Das
Unternehmen scheitert. Erbittert zieht sie sich auf eine Villa bei
San Francisco zuriick und studiert den Hamlet. In den RoUen
Romeo und Hamlet bereitet ihr das Publikum in alien Stadten der
Union eine enthusiastische Aufnahme. 1868 spielt sie in London
^^) Leopold von Ranke, „Die romischen Papste in den
letzten vier Jahrhunderten".
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22mal den Romeo, 20mal den Hamlet nnd den Petrucchio, von der
Kntik als „weiblicher Kean" gefeiert. Nachdem sie bis dahin eng-
lisch, spanisch, franzosisch und italienisch gesungen und gespielt hatte,
regt sich plotzlich in ihr die Liebe zur Muttersprache und zum Vater-
lande. In Hambui*g und Leipzig, dann am Nationaltheater in Berlin, in
Wien und anderen deutschen Platzen gastiert sie mit grofitem Bei-
fall, teils in ihren mannlichen RoUen, teils als Isabella und Elisa-
beth. Uberarbeitet sucht sie Ruhe auf ihrer Villa im Riesengebirge.
Doch untatig konnte sie nicht sein. Sie wirft sich auf Bauspeku-
lationen, kauft Terrains, baut in Warmbrunn die ganze russische Kolo-
nie und laBt in Warschau Bauten ausfiihren. Da befallt sie eine unheil-
bare Krankheit und bereitet im Jahre 1880 ihrem talent vollen
Lebeu ein friihes Ende, einem Leben, dessen hervorstechendsten Grund-
zuge, wie ihre Biographin Rosa von Braunschweig schreibt,
„Furchtlosigkeit und Edelmut" waren.
Sehen wir an diesem Beispiel die Entfaltung einer ur-
nischen Individualita,t, die durch das, was sie leistete und der
Mitwelt an Kunstgentissen bot, den Durchschnitt heterosexueller
Frauen, ja Manner weit iibertraf, so sehen wir am anderen
Ende Gebtalten, die ihre Tatkraft im entgegengesetzten 3inn
zu antisozialen Zwecken gebrauchen. Die grofle Oberzahl steht
zwischen diesen beiden Extremen.
Als Fall einer urnischen Schwindlerin und Zeitgenossin der V e s t -
V a 1 i fiihre ich Adele Spitzeder an; erst ebenfalls Schauspiele-
rin, dann Abtissin, darauf Griinderin einer Bank verspielte und ver-
schwendete sie sehr hohe Summen, bis ihre Dachauer Bank zu-
sammenbrach, viele Existenzen vemichtend. Aus dem Gefangnis ent-
lassen, bereist sie als Musikmeisterin einer Damenkapelle die Welt.
Einen ihr nicht unahnlichen Hochstaplerinnentyp hatte ich vor eini-
gen Jahren in Berlin zu beobachten Gelegenheit: eine groCe, stark-
knochige Urninde aus einfachem Stande, ungewohnlich befahigt, von
faszinierender Tiichtigkeit, aber in der Wahl ihrer Mittel so skrupel-
los, daB sie immer wieder mit dem Gesetz in Eonflikt kam. Eines Tages
erschoB sie sich. Auch hier stoBen wir auf eine beachtenswerte Anti-
these : Die urnische Frau, die am Leben verzact, greif t mit Vorliebe zum
Revolver, der urnische Mann nimmt relativ oft Gift. Ich sehe noch leb-
haft eine andere Homosexuelle vor mir, ebenso viril wie ihr Bruder fe-
minin, eine bedeutende Spekulantin, die heute viele Tausende an der
Borse gewann, um sie morgen wieder zu verlieren. Als man ihr schlieB-
lich die alten Familienmobel, an denen sie sehr hing, pfandete, griff
sie zur Pistole. Ihre Freundin, eine schone blonde Englanderin, rief
mich herbei. Ich fand sie in sitzender Stellung tot am Schreibtisch.
Die eine Hand hielt die Waffe, mit der sie sich mitten ins Herz ge-
troffen, fest umklammert, wahrend zwischen den Fingern der anderen
noch eine halbverrauchte Zigarette saB.
Auf die Frage nach ihren Lieblingsbeschaftigungen erhalten wir
von den Urninden Antworten wie folgende: „ArbKeit im Haushalt ist
mir zuwider. Neigung zu Rudern, Segeln, Schwimmen, iiberhaupt
fiir ein Leben auf See." — „Interessiere mich fur Politik (nicht fur
Mode), fiir alles Moderne auf dem Gebiete der Entwickelung der
Menschheit, fiir soziale Fragen. Theater liebe ich, doch mache ich
mir nichts aus Operetten und Lustspielen." Von einer anderen: „Frau-
liclie Beschaftigungen liegen- mir absolut nicht. Jagen, SchieBen,
Reiten sind mein Element, Pferde imd Hunde meine groBte Freude."
Und von einer weiteren: „Habe groBe Neigung fiir Sport und Karten-
spiel (ausdauernd und gut). GroBe Abneigung gegen weibliche Be-
schaftigungen."
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Wie ganz anders lauten die Antworten der umischen Manner
auf dieselbe Frage. Hier entgegnen von 600 Homosexuellen nicht weni-
ger als 93, daB sie sich fiir Kochen, Putz und Handarbeiten inter-
essiereu, 89 schreiben im allgemeinen : weibliche Beschaftigangen ;
zusammen sind das 36o/o. Diesen stehen 77 gegeniiber, deren Haupt-
interesse Sport, Jagd und Pferde sind, 68, die Politik und AVissen-
schaften, 46, die Wissenschaft, Literatur und Politik als Hauptneigung
angeben, insgesamt 38o/o. Die iibrigen 26o/o interessieren sich haupt-
sacblicb fiir Musik, Theater, Romane, Blumen (14o/o), sowie fiir Natur,
Kunst und Religion (12o/o). ,
In einem andern Beobachtungsmaterial geben 59o/o der Homo-
sexuellen an, daB sie geistige, lOo/o, daB sie korperliche Arbeit be-
vorzugen ,wahrend 31o/o beides wechselweise lieben. 30o/o bezeichnen
sich selbst als mehr produktiv, 6O0/0 als mehr rezeptiv, wahrend wie-
deruni 10 0/0 glauben, daB ihnen beide Fahigkeiten in gleichem MaBe
innewohnen. In der Lektiire bevorzugen unter 100 45 wissenschaft-
liche Werke, 32 Belletristik, 30 Dicntungen, 6 Reisebeschreibungen,
15 Kriminalromane, 10 Humoristisches, 8 Zeitungslektiire, 2 Sport-
lektiire, 2 rein Erotisches. 44 0/0 schreiben Briefe gerne, (vor allem
an Freunde), 56o/o schreiben Briefe ungern. 29 0/0 aller Urninge sind
Sammler der verschiedenartigsten Gegenstande. Es ist hiernach sehr
schwierig, eine pragnante Schilderung der so ungemein differenzier-
ten Urningspsyche zu geben, um so schwieriger, je mehr Homo-
sexuelle man tennen lernt. Wesentlich scheint mir zu sein, daB
bei ihnen durchschnittlich eine relativ groBere Subtilitat der 'drei
Seelenqualitaten, des Fiihlens, Denkens und Wollens vorhanden ist,
als beim heterosexuellen Manne und der virilen Urninde.
AuBere Eindrticke wirken auf den Urning ungleich sLcLrker
eir. als auf den VoUmann, sein Gemiit ist weniger widerstands-
fahig, die Bestimmbarkeit ist bei ihm groBer, die Stimmung
wechseluder. Freude, Hoffnung, Begeisterung heben ihn hoher,
Schmerz und Laid driicken ihn tiefer daniieder. Der erbitterte
Konkurrenzkampf, ein energisches Eintreten ftir seine Reclite
und Interessen liegen ihm gewohnlich nicht.
Man kann haufig beobachten, daB in exklusiven Verbanden,
namentlich in militarischen und studentischen, urnische Mitglieder
wegen ihres hoflichen, gefalligen, aufopferungsfahigen Wesens anfangs
sehr wohl gelitten sind, im Laufe der Jahre aber Scnwierigkeiten haben,
weil sie sich nicht der strengen Etikette fiigen konnen und mit AuBen-
stehenden nicht genehme Beziehungen ankniipfen. Die Unterschiede
des Standes, d^r Religion, der Rasse und Nationalitat spielen bei
dem Urning ni jht im entferntesten die Rolle, wie bei dem normalen
Manne.
Er besitzi nicht den Stolz, das SelbstbewuBtsein, den hohen Ehr-
begriff des Vollmannes. Wohl ist er empfindsam und leicht verletzt,
aber die Fahigkeit zu hassen scheint ihm abzugehen. Eine Beleidi-
gung durch eine andere, starkere zu erwidern, ist ihm nicht gegeben.
Findet sich doch schqn in der Grettissaga (28) der kriegerischen
Wikinger der bezeichnende Spruch: „Der Sklave racht sich, der Arge
(d. i. der Urning) nie". Weniger aus Feigheit, als weil ihm das Ge-
fiihl der Rachsucht mangelt, zieht er sich eher zuriick. Immer wie-
der zum Verzeihen geneigt, ist die GroBmut, welche der Urning Feinden
gegeniiber zu zeigen imstande ist, oft geradezu erstaunlich. Freier von
vorurteilen wie der Durchschnittsmann, ist er meist unfahig, ein
hartes Urteil zu fallen. Alle diese Eigenschaften befahigen ihn ungemein
zum Vermittler und Dberwinder sozialer Gegensatze. Ein pathetischer
Hirschfcld, HomosexualiUt. 4^
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jT
162
Urning schreibt iiber seine SchicksalsgenOsseti : „Die zartlictien llegutt*
gen in seiner Brust, sein allzu weiches, leicht erschuttertes Herz, seine
zarte Empfindlichkeit und Empfanglichkeit fiir alles Hohe und Reine,
seine Sanftmut, Giite und unerschopfliche Langmut — all diese gott-
lichen Gaben seiner Seele weisen deutlich darauf bin, daB sicb der
erbabene Weltenlenker in den Urningen ein erhabenes Priestertum,
ein Samaritergescblecbt, einen streng keuscben Orden von Mannern
scbaffen wollte, um der mit der wachsenden Kultur Hand in Hand
gehenden Entsittlichune der menschlicben Gesellscbaft ein starkes
Gegengewicbt zu bieten/*
Oft fehlt es den homosexuellen Mannern an Mut und Be-
standigkeit, gute Vornahmen in die Tat umzusetzen. Der Wille
ist beim Urning nicht so schwach — 40o/o, die sich selbst als
willensschwach bezeichnen, stehen 35o/o gegentiber, die sich wil-
Jensstark nennen — aber es besteht daneben vielfach ein be-
trachtlichei Hang zur Bequemlichkeit und Angst vor der Men-
schen Gerede. Im allgemeinen zieht ihn die geistige Arbeit
mehr an als die korperliche. Von vielen wird die Arbeit als
grofle Trosterin empfunden. Der Trieb, andere geistig zu be-
fruchten, ist haufig sehr ausgesprochen. Es resultiert daraus:
eine bci Urningen weit verbreitete Befahigung zum Padagogen^
zum Volkserzieher im engeren und weitern Sinne. Unterstiitzi
wird dieser Drang durch einen mehr oder weniger bewuJJten
Ehrgeiz, sich vor der Umgebung auszuzeichnen. Besonders an
urnischen Bauern und Arbeitern fallt es auf, wie sehr sie ihr
Milieu iiberragen. Mit diesem Ehrgeiz verbindet sich oft eine
starke Empfanglichkeit fur Beifall und Bewunderung, die aber
fast immcr in eigenartiger Weise mit einer gewissen Scheu und
Bescheidenheit aufzufallen verknlipft ist. Der Urning schafft
fast stets aus dem Gefiihl heraus. Vorerst kommt bei ihm der
Trieb zu empfangen, aufzunehmen, und erst aus der Empfang-
nis heraus formt und gestaltet er. Seinem starken Gefiihls^-
leben entsprechend ist das asthetische Empfinden, der Sinn fiir
schcne Formen in Natur, Kunst und im taglichen Leben hoch-
gradig entwickelt.
Uber die Intelligenz der Urninge und Urninden im Vergleich
zu der der Heterosexuellen ein allgemeines Urteil abzugeben, ist.
ungeraein schwierig; daB viele den intellektuellen Durchschnitt.
iiberragen, ist sicher, ebenso sicher aber auch, dafl viele ihnj
nicht erreichen; man wird hier voriaufig wohl auf quantitative
Feststellungen verzichten und sich mit qualitativen begniigen
miissen.
Den Lichtseitien der urnischen Natur stehen nicht uner-
hebliche Schattenseiten gegentiber. Wo die Korpermuskulatur
zu wtinschen iibrig laflt, zeigt gewohnlich die Zungenmuskulatur
eine starkere Aktivitat, und so finden wir denn, daB bei den
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Urningen, ahnlich wie bei den Frauen, die Redseligkeit oft
eine recht betraohtliche ist. Einer bemerkt: ,,Plappern kann ich
fur zwei, aber nur mitDamen oder Gleichgesinnten, Herren da-
gegen genieren mich.**
Die Alten hielten sogar, weil feminine Homosexuelle allgemein
flir geschwatzig galten, umgekehrt redegewandte Manner meist fiir
homosexuell. Selbst Demosthenes entging wegen seiner Rede-
fertigkeit nicht diesem Verdachte, und auch Ausonius spricht von
einem „rhetor s e m i v i r" ^^a>). Mit dieser oft fast euphorischen Stim-
mungslage ist nicht selten, wenn auch keineswegs immer, eine gewisse
Klatschsucht und Boshaftigkeit — 22o/o sagen selbst, daB sie „an
Klatscn Gefallen finden" — , gelegentlich aucn ein Hang zur Intrigue
und List verbunden, Fehler, die es oft recht schwer machen, sich der
Uruingo. anzunehmen ; was aber wollen diese Fehler einzelner Ur-
niuge besagen gegeniiber der Beurteilung und Behandlung, die man
ihnen alien zuteil werden lafit?
Von einigen Autoren wird die Lligenhaftigkeit der Urninge
hervorgehoben. MolH^) schreibt: ,,Ein etwas suOliches Be-
nehmen, liinter dem sich nicht selten die raffinierteste Verlogen-
heit verbirgt, charakterisiert viele Homosexuelle.** Er gibt
auBerdem die Zuschrif t ^^) eines Herrn N. N. wieder, die lautet :
„Glauben Sie mir, die hysterischsten und verlogensten Weiber,
die es gibt, treffen Sie unter uns Urningen an ; denn Weiber sind
wir ja, das leugnen wir nicht.*'
Raffalovich^6) macht Krafft-Ebing den Vorwurf, daB
er „die Liigen der verlogensten Rasse, namlich der Kontra-
ren und Perversen, zu bereitwillig aufgenonimen liabe".
Ahnliches wiederholt v. Notthaft ^^a) und neuerdings S a d -
ger, der sich in einem popularwissenschaftlichen ArtikeU^b) zu dem
Satz versteigt: „Die Selbstbeschreibungen veil Urningen sind keinen
SchuB Pulver wert."
Wie schwerwiegend solche AuCerungen sein konnen, zeigt, daC
sich der Abgeordnete Thaler, als er im Deutschen Reichstag fiir
den Weiterbestand des § 175 eintrat, sich auf diese AuBerung von
Raffalovich berief, der erklart hatte, „daB Krafft-Ebing in
seinem Buche die Liigen der verlogensten Rasse, namlich der Perver-
sen und Kontraren, zu bereitwillig aufgenommen und ausgesprochen
hatte, dali die Homosexuellcn Lligner seien, die, wenn sie von ihrer
Kindhcit spriichen, sich nur rein zu waschen suchten oder sich durch
Leidenschaft oder Geraeinheiten interessant machen woUten."
AUes das sind Fehlurteile, wie jede einseitige Be-
wertung einer so grolJen und mannigfach gearteten Menschen-
klagse, unter denen es nattirlich gute und schlechte, sympathische
13a) Cf. Bloch, dieses Handbuch I. p. 416.
u) Moll, Kontr. Sex. pag. 179.
15) Moll, ibid, pag. 178.
16) Raffalovich, Die Entwicklung der Ilomosexualitat, pag. 9.
ifia) Loc. cit. p. 536.
i^b) „Der Wert von selbstverfaBten Lebensbeschreibungen ge-
schlechtlich Verirrter" in „Die Umscbau", Frankfurt a. M., 20. Sept.
1913. Sadgers Bmerkungen widerlegt Bloch in ,.Umschau**, Nov. 1913.
If
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tind unsympathisclie gibt. Gehen wir der Ltigenhaftigkeit und
Unaufrichtigkeit, soweit sie tiberhaupt vorhanden sind, der Ur-
ninge auf den Grund, so werden wir finden, daU sie •oft ein
Ausfluil libertriebener Scham und Angstlichkeit, nicht selten
eine Ausgeburt der langjahrigen Selbsttauschung oder
der Tauschung anderer sind, zu der die wirklichen oder von
ihnen vorausgesetzten Anschauungen einer libergroBen Majoritat
die Urninge veranlassen. Dann und wann mag es sich audi wohl
um einen Fall von pseudologia phantastica in Verbindung mit
psychischer Debilitat auf Grund einer psychopathischen Konsti-
tution handeln, aber alles in allem ist die verallge-
meinerte Behauptunghomosexueller Lligensucht
nichts weiter als ein haltloses Gerede, und soweit
sie sich Arzte zu eigen machen, ein Zeichen, daU
diese es nicht verstanden ha ben, sich das Ver-
trauen der sie aufsuchenden homosexuel len
Manner und Frauen zu erwerben.
Ein gutes Beispiel hierf iir gibt S a d g e r selbst in dem ^Fragment
der Psycho-Analyse eines Homosexuellen" (Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg.
IX, p. 339 ff.). Er berichtet hier, wie ein junger Homosexueller eu
ihin kommt, um durch Psychoanalyse geheilt zu werden. Zunachst
laBt S. den Patienten seine Lebensgeschichte schreiben und trostet
ihn iiber seine Veranlagung. Nachdem er durch verschiedene Fragen
den Zusammenhang des jetzigen Zustandes mit sexuellen Kindheits-
erlebnissen zu konstruieren yersucht hat, stellt er plotzlich dem
Patienten gegeniiber die Behauptung auf, daB er in ihn, den Arzt,
verliebt sei und aus Schamgefiihl mit einem offenen Bekenntnis zuriick-
halte (p. 392). Der Patient weist diese Zumutung ab; er erblicke in
S. nur den Arzt und gabe sich die groBte Miihe, alles zu erzahlen,
aber mehr, als er wisse, konne er nicht sagen. S. bleibt bei seiner
Behauptung, er sei verstockt. In der nachsten Sitzung wiederum
vergeblicher Versuch, aus dem Patienten herauszufragen, daB er fiir
sciuen Vater homosexuell im Alter von vier Jahren empfunden habe.
Durch dsia Zureden eingeschiichtert, kommt schlieBlich dem Patienten
der Gedanke (p. 400): „Um allem vorzubeugen (dem Vorwurf namlich,
nicht aufrichtig zu sein), sagst du auf alles „ja" und gibst alles zu ! I"
SchlieBlich gibt S. ihm in der Hypnose Suggestionen, ihm alles, was
er in der Kindheit erlebt habe, zu erzahlen. Nachdem der Patient
durcn dif3 immer wiederholten, drangenden Fragen darauf vorbereitet
war, was man von ihm wissen will, gibt er in der Sitzung nach der
Hypnose in der gewiinschten, detailliertesten Weise iiber sexuelle
Kindhcitserinnerungen Auskunft und gibt auch zu, daB er in Sadger
veriiebt gewesen sei. Als aber S. jetzt wieder aus ihm herausfragen will,
daB er auch auf seinen Vater sexuelle Wiinsche gehabt habe (p. 415 f. ;
420), und er dem Patienten wieder Unwahrheit und hartniickiges
Schweigen vorwirft, wird diesem die Behandlung zu lastig ; er bleibt
fort — und der verlassene Arzt riihmt sich, „ welch gewaltig Material
aus dem verborgensten UnbewuBtseiu ihm in nur 11 Sitzungen zu
schopfen mc)glich war" (p. 423), ja er glaubt, daB bei langerer Dauer
der analytischen Behandlung aucli der gewiinschte Heileffekt nicht aus-
geblieben ware.
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Im librigen gibt es unter den Urningen wie unter den Ur-
ninden Kriminelle und Helden. Wahrend aber die Verbrechen
der Urninden einem Cbermail von Initiative entstammen, gehen
die der Urninge aus einem Zuviel an Schwache hervor. DaJJ es
auch unter ihnen Tatmenschen im besten Sinne gibt, kann nie-
mand bezweifeln, der die Geschichte der Welt und die Geschichte
des Uranismus kennt. Aber es sind doch weniger durch ToU-
kuhnheit imponierende Helden, weniger Gewaltmenschen als
Helden einer Idee, Helden des Geistes, der Feder, auch wohl
Helden aus Ehrgeiz oder aus Liebe zu den Personen, mit
denen oder flir die sie kampfen; oft Helden mit einem Stich
ins Schrullenhafte und Sentimenliale, wie Friedrich der
G r 11 e , der testamentarisch zwischen seinen Windspielen sein
Grab bestimmt, oder Konigin Christine, die, trotzdem ihr
Name als Sibylle des Nordens, als Pallas suedica bewundert,
in alien Sprachen ertonte, nach kaum zehnjahriger rxihmreicher
Regierung dem Thron Gustav Adolfs entsagte, um fur
immer Stockholm mit dem papstlichen Rom zu vertauschen.
Ob hierbei unbewuBt „das sexuelle Moment des Mariendienstes
eine RoUe spielte", wie ihre feinsinnige Biographin Sophie
Hochstetter meint, mag dahingestellt bleiben.
i. Gegenstandswahl.
(Wohnung und Kleidung).
Wie in seiner Lebensftihrung, so projiziert sich die Eigen-
art eines Menschen auch in denjenigen Dingen nach auiJen,
mit denen er sich umgibt, die er seinen Neigungen entsprechend
wahlt, in seiner Geschmacksrichtung, wobei wir unterscheiden
mtissen zwischen dem, was ihm fur seine eigene Person, und
dem, was ihm an anderen gefallt. Das, was ihm an sich selbst
gefallt, gibt ihm das individuelle, das, was ihn an anderen
anzieht, das sexuelle GeprSlge. Auf den !^usammenhang zwischen
diesen beiden Geschmacksrichtungen, der ein ganz gesetzmafliger
ist, hier einzugehen, wtirde, so reizvoU es ist, zu weit fiihren.
Hier wollen wir nur untersuchen, wie der Urning sein Milieu,
vor allem seine Wohnung und Kleidung gestaltet. Soweit bei
der Einrichtung seiner Behausung bewuilt oder unbewuilt die
Erotik eine entscheidende Rolle spielt, gingen wir bereits oben
darauf ein. Davon abgesehen, werden wir in den Gebrauchs-
gegenstanden Homosexueller immer wieder jene ei^enttimliche
Mischung m&nnlicher und weiblicher Tendenzen antreffen, wie
sie seine Psyche charakterisiert. Wer sich liber die spezielle
Eigenart eines Homosexuellen ein Urteil bilden will, soUte nicht
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versaumen, ihn in seinem Heim aufzusuchen. Oft warden wir
zwar nicht viel Typisches wahrnehmen, ebenso oft aber werden
wir sehr wertvolle Anhaltspunkte flir die Sonderart des Ein-
wohners gewinnen. Das Sprichwort: Sage mir mit wem du
umgehst und ich werde dir sagen wer du bist, konnte auch
lauten: Zeige mir, womit du dich umgibst, und ich werde dir
sagen, wer du bist.
Betreten wir den Wohnraum einer Urninde, so werden die
schweren Mobelstiicke, die ledernen Klubsessel, der massive Schreib-
tisch, die ernsten Farben uns oft genug an ein Herrenzimmer ge-
mahnen, wahrend die Urningsstube mit ihren zierlichen Stiihlen,
Tischen, Spiegeln und Servanten, mit ihren bunten Vorhangen, TapeteD
und Beziigen, ihren Nippes, Bildchen und Schleifen, ebenso haufig an
cin Damenboudoir erinnern. Im Schlafzimmer des Timings begegnen
wir vielfach einem Himmelbett mit seidenen Decken, in dem der
Urninde einer eisernen Feldbettstelle. Bei der Urninde stromt uns
oft eine Tabakwolke, beim Urning feiner Parfiim- und Blumendaft ent-
gegen.
Wie weit diese Neigung in extremis gehen kann, moge der fol-
geade Bericht zeigen, den uns ein Urning vom Hochadel entwirft.
Die Angaben werden in bemerkenswerter Weise erganzt durch die
Mitteilungen, die er iiber sein „Gegenst\ick", eine urnische Sangerin,
eibt. Nachdem er iiber den Tod seiner Mutter und Sch wester erzahlt,
fahrt er fort, wie er sich nach seiner GroBjahrigkeitserklarung das
Leben gestaltet: „Meine bisherige Wohnung war mir zu herrenmaCig,
ich richtete mir daher in einigen Kaumen, die friiher von meiner Mutter
und Schwester bewohnt waren, eine Wohnung her mit allem Luxus
einer eleganten Modedame. Das Schlafzimmer wurde weiB, das Boudoir
blau, das Toilettenzimmer rosa, der eine Salon mit gelbem, der andere
mit . rotem Damast eingerichtet, das EBzimmer weiB und gold.
Marianne und ihre Tochter Julie, die beiden Kammerfrauen, waren
nach dem Tode meiner Mutter und Schwester ohne Beschaftigung,
beide dem Hause sehr attachiert, und da sie meine Passionen genau
kannten, fiir mich sehr passend. Julie iibernahm sogleich meine per-
sonliche Bedienung. Nun fiillten sich bald die Kasten mit der besten
Damenwasche, Hemden, Hosen aus feinstem Battist, mit Spitzen und
Bandorn geziert, seidene und Battist- Unterrocke, ebenfalls mit Spitzen,
seidene Striimpfe, Hiite, Schuhe usw., vor allem die schonsten Roben
aller Art: es waren ihrer viele, solche fiir junge Madchen, und solche
fiir junge Frauen, Ballroben mit und ohne Schleppen, Soir6etoiletten,
allerlei StraCen- und Haustoiletten, Deshabill^es, Mantel, Jackchen,
auch Kostiime fiir Maskenballe ; ich erwahne nur Bauerin, Spanierin,
Baby, Fantasieblumenmadchen, Schaferin k la Watteau, Rokokodame,
Maria Stuart, Empirekostiime. Was meine Tageseinteilung anlangt, so
nahm ich nach dem Friihstiick um 10 Uhr ein laues parfiimiertes Bad;
nachher kleidete mich Julie an, irgend eine mit Spitzen verzierte
Matinee oder ein Hauskleid. Den Vormittag verbrachte ich dann mit
Stricken, Hakeln, Klavierspiel, Lektiire. Nach dem Dejeuner, das um
1 Uhr serviert wird, muBte ich mich manches mal noch als Mann
kleiden, doch geschah dieses nur selten, da ich mich aus meinem
friiheren Kreise mehr und mehr zuriickgezogen hatte. Die Manner-
kleider waren mir sehr lastig, meist blieb ich Dame, auch wenn ich
ausfuhr und ausging, niemand erkannte meine Verkleidung, ich war
eben fiir den Unterrock geboren. Marianne war als Gardedame heraus-
staffierD worden. Um 7 Uhr war Dinerstunde, abends pflegte ich
otters das Theater zu besuchen, hierzu kleidete ich mich als junges
Madchen oder als junge Frau, Marianne chapronierte mich und sah
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sehr possierlich an ihrem Ehrenplatze aus. Besonders gem besuchte
Ich ein Operettentheater, dessen Star, eine Sangerin namens Lea, bei-
nahe ausschlieBlich in HosenroUen auftrat. Sie war fiir dieses Genre
wie geschaffen, hoch und schlank gewachsen, das Gesicht schon, doch
scharf geschnitten mit mannlichen Ziigen, die Stimme mit merkwiirdig
tiefem Timbre. Wenn sie als Mann ?iuftrat, war sie ganz Mann, sie
ging und bewegte sich als solcher, alles Weibliche war bei ihr ver-
schwunden; sie trug kurz geschnittenes Haar und ging zu Hause stets
in Mannerkleidern. Auch horte ich von ihr erzahlcn, sie fuhle sich
ungliicklich in ihrem Geschlechte. Es drangte mich, ihre Bekannt-
scbEift zu machen. In einem Briefe entwarf ich ihr ein Bild von mir,
meinem Fuhlen und Denken und driickte ihr den sehnlichsten Wunsch
aus, mich ihr vorzustellen. Umgehend erhielt ich eine bejahende Ant-
wort; sie lud mich fur den folgenden Tag nach dem Theater zu sich
mit dem Beifiigen, daB wir allein sein wiirden. Ich machte sorg-
faltige Toilette, mein Haar wurde in einen griechischen Knoten ge-
steckt und mit Brillanten umgeben, in einem langen, mit Seide ge-
futterten Mantel fuhr ich zu Lea, welche mich in einem schicken
Frackanzuge erwartete; sie machte ganz und gar den Eindruck eines
f einen jungen Mannes. Als ich eintrat, kam sie verwundert auf mich
zu, wir standen einen Moment unter dem Eindrucke, d a B wir
seelenverwandt, uns gefunden; welche merkwiirdige
Metamorphose, sie, dEtsWeib, stand da als eleganter Mann und ich, der
Mann, alt? schiichtemes Madchen. Endlich kiiBte mir Lea galant die
Hand und machte mir Komplimente iiber mein Aussehen und meine
Toilette, wir freundeten uns gleich an, wir waren ja ganz dazu ge-
schaffen, uns zu verstehen. Beim Tee sitzend, sprachen wir lange,
lange iiber unser Empfinden und Denken. Erst spat in der Nacht
kehrte ich heim. Wir sahen uns beinahe taglich. Ich lernte bei ihr
auch einen Prinzen aus koniglichem Hause, der im gewohnlichen LBben
Leutnant in einem Kavalerieregiment ist, in einem reizenden, duftigen
Eleidchen aus weiBem Tautropfentiill mit Maiglockchen usw. kennen.
Er klagte sehr uber seine Stellung; wie gem wiirde er die Uniform mit
M3,dchenkleidern, den Sabel mit dem Facher vertauschen, der arme
Junge. Bis dahin war ich ganz unschuldig. Duvch Lea wurden mir
die Augen geoffnet, mein Staunen war groB, doch der natiirliche Trieb
ist machtiger als alle Gesetze."
Ein sehr ahnlicher Typus wie dieser Osterreicher war der aus
Rio de Janeiro stammende raradeda, den ich personlich kannte.
Ein Korrespondent, der unmittelbar nach seinem tragischen Selbstmord,
der unter der XTberschrift „Ende einer mannlichen Braut" im Jahre
1906 durch die Presse ging, die Wohnung des Verstorbenen aufsuchte,
schreibt von ihm: „Tante Didi", wie er von dem Tochterlein der
Wirtin angeredet wurde, besaB in jeder Beziehung einen vornehmen
Gescbmack; ein Blick in das Boudoir, vor allem aber in den mit den
allerkostbarsten Toiletten gefiillten Schrank, zeigte, daB es der Pseudo-
Eomtesse auch nicht an Mitteln gefehlt hat, den verwohnten An-
spruchen zu geniigen. Eine helle Kobe ist vollstandig aus irischer
Handstickerei gefertigt, ihr Wert soil iiber 3000 Francs betragen. Wir
sahen femer eine weifiseidene Bluse mit handgearbeiteter, f einer
Spachtelspitze, ein zartes Spitzentaschentuch, das in seiner Feinheit
als ein kleines Kunstwerk der Handstickerei angcsehen werden darf,
weiterhin einen prachtigen Facher mit kiinstlerisch ausgefiihrter Elfen-
beinschnitzerei, zartrosafarbene, seidene Jupons, gleichfalls mit kost-
baren Spitzen besetzt, und viele andere Sachen, wie sie nur cine Dame
von Distinktion und Geschmack zu tragen pflegt. Von gleicher Eleganz
war die FuBbekleidung, die in goldfarbenen Halbschuhen, schwarzen
Lackschuhen und seidenen Pantoffeln bestand. Die silbernen Toiletten-
gegenstande, wie Haarbursten usw., tragen unter einer Krone das
Honpgraznm „A. P.". Auch alle Hilfsmittel der Kosmetik waren auf dem
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Toilettentisch zu finden. Sie wai* nicht nur in weiblichen Hand-
arbeiten, in der Herstellung kiinstlicher Blumen, im Garnieren von
Damenhiiten usw. sehr geschickt, man erfreut sich nicht nur an ihrem
verhaltniflmaBig guten Klavierspiel, — auch „ilire" Kenntnisse in
Kuchenangelegenheiten waren erstaunlich, und die Pensionswirtin hat
manche gute Lehre aus diesen^ Kenntnissen schopfen diirfen. Von
Interesse fur die Charakteristik (ies Verstorbenen diirfte es noch sein,
daB auf seinen Wunsch der griin tapezierte Salon seiner Wohnung
rosafarbene Tapete erhielt und die gleichfalls griinen Pluschmobel
mit rosa Satin iiberzogen werden muBten, weil ihm diese Farben-
tonung sympathischer war."
Von einem gewissen diagnostischen Werte ist der
Tascheninhalt der Homosexuellen. Auch hier finden miv
h&ufig bei m&nnlidben Homosexuellen Gegenst^nde, die nach Art
ujid Beschaffenheit besser in das Handtaschchen einer Dame
passen wlirden, und bei Urninden solche, die wir eher in der
Hosentasche eines VoUmannes vermuten wiirden. Von Gegen-
standen erstgenannter Kategorie seien zierliche Lederporte-
monnaies und GeldbSrsen, Riechflaschchen, Puderbtichsen und
-quasten, kleine Spiegel und Kamme, von denen der letzteren
kraftige Messer, Korkzieher, volumin<5se Brieftaschen, Zigarren-
etuis und Feuerzeug besonders erwahnt. Hervorzxiheben w§,re
auch, dalJ Uminge haufig zarte Seiden- oder Battdsttaschen-
tlicher, oft mit zierlichen Stickereien oder Spitzen verziert,
Urninden vielfach groBe Sacktiicber von derber Leinwand tragen.
In der Hand lieben die weiblichen Homosexuellen Stocke zu
tragen, welche umgekebrt viele Urninge nicht m5gen.
Bemerkenswert ist auch das Verhalten der Homosexuellen gegen-
iiber Schmucksachen. Unter 600 mannlichen Homosexuellen ^eigten
216 Oder 43 o/o eine ausgesprochene Vorliebe fur Schmuckgegenstande
am eigenen Korper, 285 oder 67 o/o standen diesen Kostbarkeiten ab-
lehnend oder gleichgiiltig gegeniiber. Sehr ahnliche Zahlen fand
Schneidenberger an einer anderen Gruppe unseres Materials.
Unter 100 auBerten 41 eine ^oBe Vorliebe fiir Schmuck (gem, sehr
gem, viel), 46 hatten eine direkte Abneigung gegen Schmuck, 13 o/o
tragen wenig Schmuck oder sind weder dafiir noch dagegen. Jeden-
falls ist die Zahl derer, die groBes Gefallen an Schmuck nnden, unter
den homosexuellen Mannem viel groBer als unter den heterosexuellen.
Viele iiberladen sich geradezu mit seltenen Edelsteinen, Brillanten
und Perlen (letztere anscheinend bei femininen weniger) ; ich sab
welche, die sogar uber ihre Glac^handschuhe Ringe mit kostbaren
Steinen gezogen hatten. Manche legen insgeheim sogar Ohrringe an.
Weibliche Homosexuelle tragen dagegen fast nie Ohrringe; ihre
Broschen wahlen sie sehr einfach; auch Armbander findet man bei
ihnen selten, jedoch sehr haufig Siegelringe, die sonst bei normal-
sexuellen Frauen selten vorkommen. Bei Herren hat man gelegent-
lich in Armbandem ein homosexuelles Symbol erblicken wollen. Das
trifft nicht zu. Relativ haufig sieht man dagegen feine Kettenringe,
womoglich mit Zieraten, an den Fingern von Homosexuellen.
Mehr noch als der Schmuck ist die K lei dung psycho-
gnomisch. WieGang undSchrift, so ist auch die Tracht Irotz der
AUgemeinheit ihrer Grundregeln in hohem MaBe eine individuell
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«eelische Ausdnicksform^''). Der instinktive Drang, ganz oder
teilweise in der Kleidung des anderen Geschlechts zu ^gehen,
den wir als transvestitischen bezeichnen, ist unter den Homo-
eexuellen seit altersher weit verbreitet. AUerdings keineswegs,
wie man frliher angenommen hat, nur unter Homosexuellen,
Mein Buch „Die Transvestiten" beschaftigt sich sogar in
erster Linie mit den heterosexuellen Transvestiten tmannlichen
and weiblichen Geschlechts. Immerhin ist die Anzahl der Trans-
vestiten unter den Homosexuellen ohne Zweifel viel groBer, wie
unter den heterosexuellen Mannern und Frauen.
Absolut genommen gibt es vielleicht ebenso viele nichturnische
als urnische Transvestiten. Wenn man aber beriicksichtigt, daB die
Zahl der Heterosexuellen etwa zwanzigmal so groB als die der Homo-
sexuellen, so ist relativ genommen der Prozentsatz der Transvestiten
unter den Homosexuellen ein ungemein viel hoherer. Unter 500 Homo-
sexuellen verspiiren 48 einen starken Drang, in Frauenkleidern zu
gehen, dem sie auch zum groBten Teile zeitweise entsprechen ; 6 da von
tragen im Hause stets Frauenoberkleidung — und auBerhalb ihrer
Wonnung Herrenober- mit Frauenunterkleidung. Hinsichtlich der
Starke des Verkleidungstriebes gilt fiir die homosexuellen Manner und
Frauen vollig das, was ich auf Grund eingehender Beobachtungen in
den „ Transvestiten" 18) ausfiihrte: „In der Tracht ihres eigenen Ge-
schlechts fuhlen sie sich eingeengt, unfrei, gedruckt, sie empfinden sie
als etwas Fremdes, ihnen nicht Entsprechendes, und Zugehoriges ; da-
ge^en finden sie nicht Worte genug, um das Gefiihl der Ruhe, Sicher-
heit und Erhebung, das Gliick und Wohlbehagen zu schildern, das
Hie in der Gewandung des anderen Geschlechts iiberkommt."
Zu diesen ca. lOo/o Totaltransvestiten kommen noch ca.
30 0/0 (151 unter 500) Partialtransvestiten, die, ohne Feti-
schisteu im igewohnlichen Sinne zu sein, eine wahre Leidenschaft haben,
einzelne weibliche Kleidungsstiicke zu tragen, etwa lange Striimpfe mit
weiblichen Strumpfbandern, Frauenschuhe mit hohen Absatzen, Kor-
setts usw. Bei 13 erstreckt sich diese Vorliebe auf Facher. Auch von
Heliogabal berichten seine Biographen, daB er „8tatt des Zepters einen
Facher'' trug. Diesen 40 o/o stenen 301 (60 o/o) gegeniiber, die nicht das
feringste Interesse fiir Frauenkleider oder weibliche Toilettenartikel
aben, davon haben aber 48 noch „cisvestitische" Neigungen. Der Aus-
druck „Cisvestiten" stammt von einem meiner Patienten. Bald nach
Erscheinen meines Transvestitenbuches suchte mich ein sozial ziemlich
hochstehender Mann mit der Bemerkung auf, er sei „Ci8vestit". Ich
wuBte zunachst nicht, was er meinte, er erklarte mir dann, daB er
nicht den Drang verspiire, in den Kleidem des anderen Geschlechts
zu ^ehen, er hatte aber eine Neigung, die an Intensitat der trans-
vestitischen Leidenschaft nichts nachgebe, sich zeitweise als Lakai
zu kleiden. Er habe als solcher auch schon zeitweise vollig unerkannt
in feinen Berliner Hotels als Aushilfe gearbeitet. Ahnliche cisvesti-
tische Neigungen habe ich wiederholt bei Homosexuellen beobachtet,
ohne daB ich allerdings ebensowenig wie fiir den Trans vestitismus be-
haupten mochte, daB nicht ganz Ahnliches auch unter den Hetero-
sexuellen vorkommt. Finer liebte es als Stallbursche, ein anderer ah
17) Cf. „Die Transvestiten, eine Untersuchung iiber den erotischen
Verkleidungstrieb" von Dr. Magnus Hirschfeld. Berlin 1910.
pag. 259 — z75, „Die Kleidung als Ausdrucksform".
i«) „ Transvestiten", pag. 160.
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Schornsteinfeger, ein dritter als Forster zu gehen, mehrere verkleideten
sich zeitweise als Arbeiter, andere als Matrosen, einer als Page, zwei,
die ich kennen lernte, als Jockei einige sogar als Schiller und Studenten
mit Miitze und Band; wieder andere trugen gem bestimmte Volks-
trachten, aber nicht etwa nur um sich der Klasse, zu der sie sich
erotisch hingezogen fiihlten, anzupassen, oder zum Zwecke der Tau-
schung, — auch das kommt natiirlich beides vor — sondern um eine
seltsame Doppeltheit ihres Wesens zum Ausdruck zu bringen.
Dber die Kleidung eines von ihm in Capri beobachteten Urnings
schreibt Dr. Jakubowsk i^^) : „Seine auffallende Kleidung bestand
aus einer weiten Samtjacke, einem hellgrau seidenen, um den nackten
Hals gewundenen Tiichel, silberschwarzen, engen, nur bis zu den
Knieen reichenden Beinkleidern, langen, buntseidenen Striimpfen, end-
lich aus Halbschuhen von Atlas, die mit zierlichen Schleifen und
Pompons gcschmiickt waren. AuBerdem trug er stets reich gestickte
Damenhemden. Nach meiner, sowie auch der Ansicht der zu derselbeai
Zeit auf Capri weilenden Maler und Bildhauer, entsprach seiin Korper-
bau, zumeist die Hiiftgegend und die FnQe, einer Frauensperson.
Seine tagliche Beschaftigung bildeten Malen und Sticken."
Wiederholt habe ich Urninge gesehen, die es liebten, sich als
Knaben anzuziehen; so einen allerdings sehr jugendlich aussehenden
Leutnant von 22 Jahren, der sich aui seinem im tiefsten Inkognito
verbrachten Urlaub stets als etwa ISjahriger Junge kleidete.
DaB es auch „partielle Cisvestiten" gibt, die nicht mit Fetischisten
zu verwechseln sind, sei — um das Dargelegte nicht zu sehr zu kom-
plizieren — hier nur nebenbei erwahnt.
Einen eigenartigen, aber recht bezeichnenden Fall von partiellem
Transvestitismus erzahlt U 1 r i c h s i^) aus seinem eigenen Leben. „Bei
einer Dame fand ich die Probe eines eleganten Seidenstoffes. Ich
erbat sie mir. Mit der Probe ging ich zum Kaufmann, um rair von
diesem Stoff Zeug zu einer Weste zu nehmen. Von diesem Stoff hatte
er nichts mehr vorratig. Von ihm befragt, nannte ich nach einigem
Zogeru ihm meinen Zweck. Da legte er mir „ Stoff e zu Herrenwesten"
vor. Diese habe ich samtlich entschieden verschmaht. Ich forderte
ausdriicklich der Probe ahnliche Stoffe. Unter den mir nun vorgelegten
Stoffen gefiel mir ein auBerst zartes blaBgriines Seidenzeug. Wieder-
holt bemerkte dazu der Kaufmann: „Dieser Stoff eignet sich nicht
zu Herrenwesten" und: „Es ist ein Stoff zu Ballkleidern fiir Damen".
Allein er fand taube Ohren. Ich lieB mich nicht irre machen. Ich
kaufte wirklich von dem Stoff ein Quantum zur Weste."
Wenn Grabowsky*®) meint, daB der Urning sich nur deshalb
verkleidet, um so leichter Manner an sich locken zu konnen, so
zeigt er sich sehr mangelhaft iiber die Psyche des Urnings orientiert.
Nicht selten erstreckt sich der transvestitische Drang homosexueller
Fraueu besonders auf Uniformen. Ich besitze eine Reihe Photo-
graph ien schneidiger Offiziere der Kavallerie und Infajiterie, hinter
denen wohl kaum jemand homosexuelle Frauen vermuten diirfte. Der
partielle Transvestitismus erstreckt sich im ubrigen bei Urninden
auf Herrenpaletots, Herrenhiite, Mannerstiefel mit niedrigen Hacken,
Stehkragen und Krawatten, eng anliegende Jacketts, Westen, cnglische
Stoffe u. dgl. Es soil natiirlich nicht gesagt sein, daB das Tragen
dieser unter dem weiblichen Geschlecht so weit verbreiteten Kleidungs-
siiicko den SchluB auf Homosexualitat oder auch nur auf Virilitat
ohne weiteres zulaBt. Nur im Zusammenhang mit den
^^a) Cf. Friedreichs Blatter fiir gerichtliche Medizin. Niirnberc:
1892. p. 431.
"^ Ulrichs, Formatrix, pag. 46/46.
*^3 Grabowsky, Die verkehrte Geschlechtsempfindung p. 19.
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iibrigen Zeichen gewinnt diese Erscheinung eine symptomatische
Bedeutung.
Oft besteht unter Urningen imd Urninden, entsprecliend ihrer
weder vollmannliohen noch vollweiblichen Artung, eine V^orliebe fiir
geschlechtslose Gewandungen. Viele halten das antike griechische
Gewand fiir das schonste, ein urnischer Kiinstler bemerkt: „Tch
schwarme fiir lange, wallende Ge wander, trotz der Gewohnung eines
halben Menschenalters schame ich mich in der gewohn-
lichen Mannerkleidung, ohne langen Mantel betrete ich nie
die StraBe, am meisten genicre ich mich im Frack bei Ausiibung meines
Berufes auf dem Podium, zu Hause trage ich nur schleppende Gewan*
dung." Ein anderer homosexueller Kiinstler auBerte sich: „Ich liebe
Kleidung, die das Geschlecht nicht erkennen laBt, weil diese meinem
eigentlichen Wesen entspricht." Und ein urnischer Eisenbahnarbeiter
schreibt: „Ea tut mir leid, daB der Pelerinenmantel altmodisch wurde."
Bezeichnend fiigt er hinzu: „Ein schoner Jiingling sollte doch stets
einen glatten Cberzieher tragen." Andere schreiben, daB sie am lieb-
sten k la Dieffenbach gehen wiirden, andere, daB sie „M6nchskutten"
am schonsten finden. Unter den sogenannten „Naturmenschen", die
ebenfalls anschlieBende Gewander perhorreszieren, gibt es eini^e sehr
feminine. Wie bei den Urningen ist auch bei den Urninden der Drang
nach alteroslexueller Kleidung bereits lange vor der Ge-
schlechtsreife nachweisbar. Eine homosexuelle Frau berichtet aus ihrer
Jugendzeit: „Ich trug bestiindig eine groBe „Sicherheitsnader* bei mir.
Mit derselben befestigte ich das hintere Ende meines Rockes, indem
ich es durchzog, an den vorderen Teil deis Kleides. So hatte ich die mir
leider versagte Hose. Ich muB gestehen, daB ich fast bis zu meiner
Universitatszeit den Glauben hegte, der ganze Unterschied zwischen
den „Jungens" und mir bestiinde einzig und allein in der Kleidung,
und ich war zuweilen recht unzufrieden dariiber, daB man mich von
Anfang an durch den Anzug zum Madchen gestempelt hatte." Be-
sonders gegen Korsett und Schleier haben homosexuelle Frauen oft
eine ungemein starke Idiosynkrasie.
Bei manchen homosexuellen Frauen ist der transvesti-
t i s c h e Trieb so hef tig, daB sie ganz als Mann leben. Ich kenne
solche, die dies seit 20, 30 Jahren und langer tun. Man ist oft
ganz iiberrascht, wenn man homosexuelle Frauen oder homo-
sexuelle Manner, die man stets nur in der ihrer Seele adaquaten
Tracht sah, zufallig in der sieht, die ihrem Korper entsprieht.
Neuerdings sind wiederholt homosexuelle Frauen bei der Be-
horde um die Erlaubnis eingekommen, sich als Manner kleiden
zu diirfen; es ist ihnen dies auch meist auf Grund eines arztr
lichen Gutachtens gestattet, namentlich wenn sie etwas androgyn
gebaut sind, so dail sie in Mannerkleidern nicht auffallen.
Ich will den zahlreichcn ausfiihrlichen Gutachten, die ich in
den Biichern „Transvestiten" und „Geschlechtsumwandlungen" sowie
in den Aufsatzen iiber solche Fiille veroffentlichte, noch einen neueren
Fall hinzufiigen, in dem ich gemeinsam mit meinem KoUegen B u r -
chard f olgendes Gutachten abgab :
„Die 21 Jahre alte Stenographin Bertha B. steht seit nahezu
1/2 Jahr in unserer spezialarztlichen Beobachtung. Die Wahrnehmun-
gen, die wir wahrend diescr Zeit gemacht, und die Mitteilungen, die
wir von ihr selbst erhalten haben, suchten wir nach Moglichkeit
dadurch zu erganzen, daB wir bei Personen ihres Bekanntenkreises
Erkundigungen iiber ihr Wesen und Verhalten einzogen.
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Wir haben dadurch ein klares, eindeutiges Bild von der Person-
lichkeit der B. gewonnen und geben auf Grund dessen das folgende
Gutachteii ab:
Vorgeschichte: Bertha B. stammt aus einer littauischen
Familie. Die Ehe der Eltern war nicht gliicklich, da der Vater starker
Alkoholiker war. Er starb im Alter von 66 Jahren infolge einer Gas-
vergiftung (vermutlich Selbstmord), wahrend die Mutter 49 Jahre
alt an Herzschlag starb, nachdem sie die letzten 91/2 Monate ihres
Lebens in einer frrenanstalt als unheilbar krank interniert war. Nur
die alteste Schwester ist am Leben geblieben, drei darauf folgende
Geschwister starben an Lebensschwache ; sie selbst ist das jiingste
Kind.
Gehen und Sprechen lernte sie ziemlich spat, mit li/i bezw.
2 Jahren. Die Entwicklung der spateren Kinderjahre lieC bei B.
immer mehr Ziige hervortreten, die wir im allgemeinen als cha-
rakteristisch fiir Knaben ansehen. Sie spielte nur mit Jungen und
nahm an ihren wildesten Spielen mit solcher Selbstverstandlichkeit
teil, daC sie von ihren Kameraden vollig als ihresgleicben angesehen
und immer nur „\Villy" genannt wurde. Ihre Lieblingsfacher in der
Schule waren Turnen und Geographie.
Mit 151/4 Jahren stellte sich die Menstruation ein, die seitdem
ziemlich regelmaBig auftritt, aber von kurzer Dauer, sparlich und
kaum von irgendwelchen korperlichen oder seelischen Erscheinungen
begleitet ist.
Eiu Anschwellen der Briiste machte sich erst im 20. Lebensjahre
bemerkbar, doch haben sich die Briiste iiberhaupt nur in sehr geringem
Grade entwickelt.
In seelischer Hinsicht traten mit zunehmendem Alter die mann-
lichen Ziige bei B. B. immer mehr hervor und pragten sich in ihrer
beruflichen Tatigkeit, der sie mit Pflichttreue, Ausdauer und Energie
nachgeht, sowie in alien ihren Lebensgewohnheiten immer deut-
licher aus.
Wie wir von ihr selbst und ihren Bekannten vielfach und stets
libereinstimmend gehort haben, sind ihre Neigungen und Gewohnheiten
ausgesprochen mannliche. Sie ist ausdauernd und couragiert im Sport,
besonders im Schlittschuhlaufen, Rodeln und Rudern, tiichtig in jeder
Muskelarbeit und mutig korperlichen Gefahren gegeniiber. Im Bil-
lard- und Kartenspiel nimmt sie cj mit jedem Manne auf, vertragt
Bier und Kognak gut, weiB aber, wenn sie genug hat und laBt sich
nicht zu Exzessen verleiten.
Sie hat das ausgesprochene, ununterdriickbare Verlangen, ganz
als Mann leben und sich kleiden zu konnen und haCt weibliche Be-
schaftigung ebenso sehr wie weibliche Tracht am eigenen Korper.
Dagegen hat sie Interesse fiir Herrenmoden und legt in Mannerklei-
dung Wert auf guten Schnitt und elegante, namentlich engUsche
Stoffe.
Ihr Liebesempfinden hat sich von jeher in durchaus bestimmter
Richtung ausschlieUlich auf das weibliche Geschlecht gerichtet,
wahrend sie mit Manne rn kameradschaftliche Beziehungen unterhalt
und an ihren Beschaftigungen und Interessen in jeder Beziehung
teilnimmt.
Besonders wertvoll nach dieser Richtung bin waren fiir uns die
Angaben eines jungen Mannes, mit dem die B. seit Jahren kamerad-
schaftlich verkehrt, und der urn so weniger Veranlassung hat, ihren
Wunsch, in Mannerkleidung zu leben, zu unterstiitzen, als er kein
Hehl daraus macht, daO er sie innig liebt, und dafi demgemaB dieser
ihr Wunsch und die Tatsache, daB er sich seiner Berechtigung nicht
verschlieBen kann, ihm schwere seelische Qualen verursacht.
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Befund und Beobachtungsverlauf. B. B. ist eine
gracil gebaute Person von elastischen, bestimmten Bewegungen, ziem-
lich weichen Korperformen, aber fester, sehniger Muskulatur. Das
Knocheugeriist zeigt insofern Anklange an das mannliche Geschlecht,
als der Schultergiirtel die Hiiften an Breite iibertrifft (98 cm bezw.
86 cm). Die ifilnde sinjd klein aber kraftig, die FiiBe mittelgroB,
breit und derb gebaut.
Das Gesicht ist von jugendlicher Weichheit, aber starkknochig
gebildet, bestimmt und entschieden in Ausdruck und Mimik-
Die Briiste sind nur wenig entwickelt; die Haut ist weich und
zart, das Haupthaar lang und weich, der Korper nicht behaart. Die
inneren Organe sind durchaus gesund.
Die bereits in der Vorgeschichte wiedergegebenen Mitteilungen
iiber das Wesen, Verhalten, die Neigungen una Gewohnheiten der B.
B. fanden wir wahrend unserer Beobachtungszeit durch eigene Ein-
driicke durchaus bestatigt.
Es war etwas schwer, in das Seelenleben der B. B. einzudringen,
da sie entsprechend ihrer littauischen Stammeszugehorigkeit im afige-
meinen zuiiickhaJtend und wenig mitteilsam ist und erst bei langerer
Bekanntschaft oder in ungezwungenem geselligen Kreise nach und
nach auftaut.
So standen wir zunachst dem dringend und fortgesetzt gleich-
lautend wiederholten Wunsche der B., Mannerkleidung tragen und in
jeder Hinsicht als Mann leben zu diirfen, skeptisch gegeniiber. Wohl
konnten wir uns dem Eindruck von vornherein nicht verschlieBen, daB
der Kern ihrer Personlichkeit ein iiberwiegend mannlicher ist, wohl
iiberzeugten wir uns durch eigenen Augenschein davon, daB sie in
mannlicher Tracht einen natiirlicheren Eindruck machte, sich freier
und ungezwungener bewegte als in weiblicher, doch blieben in Anbe-
tracht der Tragweite und des fiir ihr ganzes spateres berufliches und
privates Leben entscheidenden Bedeutung ihres Schrittes gewisse Be-
denken dagegen langere Zeit bei uns bestehen. Wir haben daher
die Beobachtung moglichst lange ausgedehnt und hat ten wahrend
derselben nach und nach immer mehr Gelegenheit, die B. B. in den
Grundziigen ihrer Personlichkeit kennen zu lemen. Je mehr sich
uns dabei das eigentliche Wesen ihrer Individualitat erschloB, desto
deutlicher lernten wir deren iiberwiegend mannliche Komponente er-
fassen und verstehen.
Das Ernste und Bestimmte im ganzen Auftreten der B. verleug-
nete sich wahrend der ganzen Beobachtungszeit nicht, obwohl eine
etwas schiichterne und bescheidene Zuriickhaltung den Eindruck dieser
Wesensziige im Anfange abschwachte.
Niemals haben wir bei B. B.- eine Spur von weiblicher Ziererei
Oder Zimperlichkeit feststellen konnen. Je ungezwungener und freier
sie in ihrem Verhalten uns gegeniiber wurde, desto mehr machte sie
den Eindruck einer ausgesprochen mannlichen Personlichkeit. Mehr
und mehr iiberzeugten wir uns davon, daB die anfangliche Scheu und
Zuriickhaltung und ihr gezwungenes Wesen zum groBten Teil wohl
das Produkt der ihrer Individualitat ganzlich freoiden RoUe waren,
die sie in Frauentracht zu spielen gezwungen ist.
So lernten wir verstehen, daB der Wunsch, diese Rolle von sich
zu werfen ihr Lebensbediirfnis ist, das ihrer bestimmten Versicherung
nach wichtiger fiir ihre Existenz ist als Liebe und Freundschaft, ohne
desseu Erfiillung ihr Dasein fiir sie zwecklos und wertlos sein wiirde.
Gutachten. Nach den vorausgehenden Schilderungen, aus
denen hervorgeht, wie unsere Auffassung iiber B. B. sich gebildet
hat, konnen wir uns in unserer gutachtlichen Beurteilung des Falles
kurz fassen.
Wir haben es hier mit einem jener noch nicht lange wissenschaft-
lich erkannten und bekannten, aber doch durchaus nicht seltenen
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Falle vzn tun, in denen den Kern der sexuellen Individualitat das Be-
diirfnis bildet, in Kleidung, Lebensweise und Tatigkeit nach der Art
des anderen Geschlechts zu leben, Falle, bei denen naturgemaB die
Anderung der Tracht als die Vorbedingung, dem Drange der inneren
Notwendigkeit folgen zu konnen, im Vordergrunde des gesamten per-
sonlichen Strebens und Wiinschens steht. Da alle iibrigen Wiiiische,
sogar die starken Impulse des eigentlichen Sexualtriebes, hinter diesem
Bediirfnis zuriicktreten oder doch sich ihm unterordnen, haben wir
voile Berechtigung, derartige Personen, die sogenannten „Transvesti-
ten** als einen besonderen, wissenschaftlich wohl umschriebenen Sexual-
typus zu bezeichnen.
In der Tat ist fiir derartig veranlagte Menschen die Moglich-
keit, ibren auCeren Menschen durch entsprechende Kleidung dem per-
sonlichen Fiihlen geraaB gestalten zu konnen, eine Lebensfrage.
Audi Bertha B. gehort, wie aus unseren Schilderungen wohl zur
(ieniige hervorgeht, zu dieser Kategorie.
Unser Gutachten geht demnach dahin: Es
handelt sich bei Bertha B. um eine Personlich-
keit, bei der die mannliclie Sexualkomponente
entschieden iiberwiegt. Es ist daher unserer
Oberzeugung nach eine Notwendigkeit, daB
ihr die Genehmigung erteilt wird, sich dem-
entsprechend kleiden zu diirfcn.
k. Sinnesorgane und Nervensystem.
Lassen die vielfaltigen zentrifugalen AuBerungen innerer
Antriebe, welche wir empirisch untersuchten, auf eine Besonder-
heit der homosexuellen Psyche schlieGen, so wird diese SchluB-
folgerung noch wesentlich untersttitzt durch die Art und Weise,
mit der das Zentralnervensystem lust- oder unlustbetont auf
die zentripetalen Reize reagiert, welche die peripheren Sinnes-
organe von auBen treffen. Vor allem kommt hier natiirlich ihr
Verhalten gegentiber erotisch wirksamen Eindrticken in Be-
tracht. Das haben wir bereits eingehend in den beiden Ab-
schnitten untersucht, in denen wir betrachteten, wie der homo-
sexuelle Mann und das homosexuelle Weib auf Personen des
eigenen und des anderen Geschlechts reagieren. Es gibt aber
auch von Gefiihlstonen begleitcte Reizungen peripherer Nerven-
enden, denen ein sexueller Charakter nicht innewohnt. Die
Grenze zwischen diesen zwei Reizbarkcitsgruppen ist nicht
immer ganz leicht zu zichen, und sichcrlich laufen zwischen
beiden unterbewuBte Ideonassoziationen in groBerem Umfange,
als wir heute bereits wissen. Es muB aber schon ein sehr
enragierter Pansexualist sein, der alle angenehmen Empfin-
dungen sexuell deutend, auch den Anblick der Niagarafalle, das
Anhoren einer Beethovenschen Symphonic, den Geschmack einer
StraBburger Ganseleberpastete, als Gcschlechtsgentisse auffaBt.
Ftir den Gegenstand, der uns hier beschaftigen soil, ob und
inwieweit die sensorische Reizbarkeit Homoscxueller auch auBer-
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kalb der SeiualspKare Besonderheiten darbietet, ist diese Streit-
frage zunachst auch von sehr untergeordneter Bedeutung. Dafl
aber auch hier wieder, und zwar sowohl hinsichtlich der Quan-
titat als der Qualitat nervoser Erregbarkeit bei gleichgeschlecht-
lich Empfindenden, Annaherungen an den alterosexuellen Typus
vorhanden sind, ist unverkennbar.
Zunachst etwas liber die geftihlsbetonte A f f e k t erregbar-
keit im allgemeinen. UnterlOOUrningen betonen nichtweniger als
99ihr „weiches G e m ti t". Die Bezeichnungen der Homosexuellen
durch die Alten als juaXaxog und mollis erscheinen also nicht
nur in korperlicher, sondern auch in psychischer Richtung
gerechtf ertigt. 20o/o nennen ihre Gemutsart sogar sehr, ungemein
Oder auiJerordentlich weich. 26o/o betonen ihre Neigung ;zum
Weinen. Doch besteht zweifellos bei vielen auch eine starke
Empfanglichkeit flir Freude. Es will mir sogar scheinen, als
ob das Grundtemperament der meisten Homosexuellen ein kind-
lich heiteres, oft naives ist, das ihnen allmahlich erst durch das
Leben verkiimmert und vernichtet wird.
Bei 7 o/o kann sich der Affekt zu konvulsiven Anfallen, Lach- und
Weinkrampfen. steigern, und einige zeigen sogar die seltsame Paradoxie,
dafi der Gefiihlsausdruck mit dem Getuhlseindruck in Widerspnich
steht, 80 daB sie bei Freude weinen, und bei traurigen Anlassen lachen
miissen. Vor einigen Jahren suchte mich einmal ein Homosexueller auf,
der sehr darunter litt, dafi er bei Kondolationen Lachkrampfe bekam ;
er hatte sich bei der Beerdigung seines Freundes nicht anders zu
helfeu gewuBt, daB er im Trauerhause den Angehorigen um den Hals
gefallen sei, um sein Gesicht nicht sehen zu lassen. Wahrend diese
glaubten, er schluchze krampfhaft, hatte er sich vor Lachen geschiittelt ;
dabei sei sein Kummer ein groBer und aufrichtiger gewesen. Im
allgemeinen entspricht aber die Entspannung der Art des Affekts, nur
die Intensitat ist eine besonders heftige. In der Trauer Hadrians,
der im iibrigen von seinen Biographen recht mannlich geschildert
wird, um seinen Liebling A n t i n o u s , heben die Alten das weibliche
Element hervor. So sagt Spartianus (Leben Hadrians Kap. 14):
„Antinoum suum, dum per Nilum navigat, perdidit. Quem muliebriter
flevit."
Ulrichs^i) selbst erzahlt von sich: „Ich hoffe nicht mein
Heiligtum vor die Hunde zu werfen, wenn ich mitteile, daB ich,
31 Jahre alt, bei der Nachricht vom Tode meiner Mutter langer als eine
Stunde bitter geweint habe. Etvva fiinf Jahre spater babe ich ein-
mal am Allerseelentage spat abends vor einem Kirchhofe, in weiter
Feme von ihrem Grab, noch in der Erinnerung an sie recht lange ge-
weint. Hore, sehe oder lese ich eine edle Tat oder einen Zug ruhrender
Liebe, sei es Geschlechtsliebe, dionische wie urnische, oder sei es
Mutterliebe, so treten mir sogleich die Tranen in die Augen. Ich
habe oft Liebesgedichte gemacht. Wohl die H a 1 f t e ihrer Manuskripte
ist mit meinen Tranen benetzt."
Unter den lustbetont empfundenen Sinneseindriicken steht obenan
die Musik. Von 100 Homosexuellen verhielt sich nur einer der Musik
gegeniiber ablehnend, zwei bezeichneten sich als wenig interessiert,
•alle iibrigen, also 98 o/o, stehen in engem Verhaltnis zur Musik, fiir
21) U 1 r i c h s , Formatrix, pag. 37.
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mehrere ist Musik „eiii Lebensbedurfnis", auf andere wirkt sie „Tiber-
waltigend**. Sehr viele begeistern sich fiir Wagner. Doch sind aucb
Antiwagnerianer dabei. In 80/0 besteht Hinneigung zu leichter Musik,
die meisten anderen bevorzugen „klassi3che", „ernste", „gute" Musik
(35 0/0).
Unter den Urninden gibt es relativ viel mehr unmusikalische als
unter den Urningen.
Das Auge wird hinsichtlich lust- und unlustbetonter Reize un-
gemein stark von erotischen Eindriicken beherrscht. Abgeseben hier-
von werden die meisten anderen indifferent empfunden. Was angenehnj
ohne erotische Unterstromung wabrgenommen wird, wie etwa eina ecbone
Landscbaft, tragt im Wesentlicben kein gescblecbtliches Vorzeichen;
aucli verdient bei bomosexuellen Mannern der bereits oben kurz erwahnte
groDe Farbensinn bervorgeboben zu werden. Dies gilt besonders wieder
fiir die feminineren. Bei den virileren findet man haufig eine Vor-
liebe fiir eine bestimmte Farbe. Im Altertum wurde als solche griin
bezeichnet. Merkwiirdig ist, daB in unseren statistiscben Unterlagen
die der griinen nabestebende blaue Farbe — blau selbst war im Alter-
timi nocb unbekannt — eine sehr bevorzugte Rolle spielt. Blau wird
viermal so oft als jede andere fiir die Lieblingsfarbe erklart. In einem
anderen Untersuchungsmaterial wurde von 100 Homosexuellen 21mal
blau, violett, lila una blaugriin als bevorzugte Farbe angegeben, rot
4mal, griin 3mal, schwarz 2mal, andere Farben, wie gelb, rosa, nur
einmal. Aucb unter den homosexuellen Frauen scheint blau am be-
liebtesten zu sein, an zweiter Stelle stehen schwarz und grau.
Hinsichtlich des Geschmackes findet man bei Homosexuellen
vielfach eine lange iiber ihre Kindheit hinaus andauernde Neigung zu
silBen Speisen und Naschereien, wahrend homosexuelle Frauen oft eine
Vorliebe fiir stark gewiirzte, „pikante", saure, salzige, ja selbst bittere
Speisen zeigen. Sehr bemerkenswert ist das VerhaJten urnischer
Manner und Frauen gegeniiber Tabak und Alkohol. Mindestens ^/^
aller weiblichen Homosexuellen rauchen, teilweise sehr stark, die
meisten Zigaretten, nicht wenige aucb Zigarren. Eine rheinlandische
Urninde schreibt: „Rauche seit meinem 8. Jahre, die letzten Jahre
besonders stark. Kann Zigaretten, Zigarren, Pfeife, alles vertragen."
Viele trinken ungewohnlich viel alkoholische Getranke, namentlich
Bier, aucb Kognak und Branntwein, einige bis zur Berauschung. So
schreibt Kr af f t- E bi ng2«) iiber die Vay: „S. war oft berauschti"
Wie ganz anders verhalten sich in dieser Hinsicht die Urninge. 38 0/0
sind Nichtraucher, 54 0/0 maBige, und nur 8 0/0 starke Rancher. Unter
den letzteren gibt es allerdings einige, die 30 und mehr Zigaretten im
Tag rauchen. Alkoholabstinent sind 18 0/0, maBig oder sehr maBig
triuken 81 0/0, nur 1 0/0 sind starke Trinker. Nicht weniger wie 46 0/0
sind alkoholintolerant, konnen nur ganz wenig oder kemen Alkohol
vertragen. Einige darunter leiden an pathologischen Rauschzustanden,
ferner sind auch periodische Trinker mit typisch dipsomanischen
Anfallen nicht ganz selten unter Homosexuellen anzutrerfen.
Was den Geruch betrifft, so findet sich bei vielen Homosexuellen
eine ungemein starke Vorliebe sich zu parfiimieren. Schon die Alten,
wie Catull, Menander und E u p o 1 i s 23) erwahnen ihren reich-
licheii Verbrauch von wohlriechenden Salben und Olen, an deren Stelle
in unseren Zeiten atherische Pflanzenextrakte und Stoffe wie Moschus
und Patschouli getreten sind. Friiher bedienten sich viele auch eines
Riechflaschchens. Ganz im Gegensatz zu vielen Urningen und Frauen
zeigen die weiblichen Kontrarsexuellen meist eine starke Abneigung
22) Krafft-Ebing, Psych, sex. pag.
") Catull, 56. 142. „unguentati". Eupolis fragm. 163. 6^ x^^Q^^^^
fih ^sfi' ^Menander fragm. 274. i^Sv fWQov. cfr. B 1 o c h , Dieses Hand-
buch I, p. 414.
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gegen Parftais, dagegen oft eine seltsame Vorliebe fiir gemeiniglichhin
nicht als wohlriechend geltende Substanzen. So schreibt eine Urninde:
„rarfum ist mir zuwider; aber ich liebe den Geruch von gebranntem
Kaffee und frischer Wasche; auch Majoran und Lysol."
Beziiglich der Hautnerven ist neben dem bereits oben (bei der
Haut) Erwahnten die groBe Schmerzempfindlichkeit der Urninge zu
bemerken. tJber 75 o/o heben ihre groBe Empfindsamkeit korperlichen
Schmerzen gegeniiber hervor, die sich bei einigen bis zu Ohnmachts-
anfallen steigert. Andere heben als charaktenstisch hervor: „groBen
Schmerz bei kleinem Leiden, kleinen Schmerz bei groBem Leiden. Wie
ganz anders lauten die Berichte von Urninden, unter denen viele nichta
weniger als wehleidig sind. Als einmal in Havre ein Attentater auf
Louise Michel zwei Revolverschiisse abgab, von denen einer sie
nicht unerheblich hinter dem Ohre verletzte, gibt Rochefort iiber
ihr Verhalten bei der arztlichen Untersuchung folgende Schilderung:
„Meine tapfere Freundin lieB voll Heroismus eine erste Operation
uber sich ergehen. Sie legte sich hin, ohne einen Klagelaut, den
Kopf auf ein Tuch gestiitzt, wahrend die sogleich herbeigerufenen
Arzte die Wunden sondierten und durchsuchten. Obgleich man das
Kratzen des Stahles an dem Knochen horte, stieB Louise nicht einen
Schrei aus und erzahlte ruhig weiter von ihrer Cousine, die sie in
Paris en^'artete, und von ihren Tieren . . . ." Allerdings iiberwinden
auch Urninge oft ihre Schmerzen, aber weniger kraft natiirlicher Harte,
als durch die Kraft der Liebe. So erzahlt Plat on, daB von den
Hellenen, die in antiken Schlachten an der Seite ihrer Lieblinge
kampften, keiner, trotz groBter Gefahr, den Freund verlassen haben
wiirde.
Im librigen weist sowohl das Nervensystem der Urninge als
der Urninden zwei charakteristische Merkmale auf, eine eben-
so erhebliche Elastizitat als Labilitat. Dire Elastizitat be-
wirkt die oft erstaunliche Fahigkeit, mit der sie ^ich nach
heftigsten seelischen Erschtitterungen, wie sie ihr Leben ihnen
in hohem Grade bietet, oft verhaltnismaBig rasch wieder auf-
zurichten vermogen. Die nervose Labilitat bringt sie dagegen
vielfach leicht aus dem Gleichgewicht und laJJt sie schlieBlich
meist ausgesprochene Neurastheniker werden. Dabei ist aller-
dings schwer zu entscheiden, was eine Folge der durch die
Homosexuality t exogen verursachten Aufregungen, und was auf
Rechnunff einer von Hause aus nervosen Konstitution zu setzen
ist. TJnter 500 Urningen erwiesen sich nicht weniger als
336 = 67,20/0 mit erheblichen Storungen des Nervensystems be-
haftet, und sicherlich gab es unter denen, die sich frei von
nervosen Storungen erklarten, auch noch manche, deren Nerven-
8(ystem sich bei naherer Nachpriifung auch nicht als gan2
vollwertig herausstellen wtirde. Unter den 336 litten beisplels-
weisc 75 an starker Schlaflosigkeit, auBerdem 5 an Schlaflosig-
keit nur bei Enthaltsamkeit, 4 an Schlafsucht, 15 an Migrane,
9 an Kopfdruck, 24 an Schwindelgefiihlen, 22 an Zittern, 43
an hochgradiger Mattigkeit, 3 an Ohnmachtsanfallen, 4 an
Stottern, 7 an „Herzkramj)fen**, Prakordialangst, mehrere an
Hirschfeld. Homosexualitlt. J2
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nervosem Erschrecken, andere an Zwangsvorstellungen und
sonstigen nervosen Beschwerden. Wir werden in den Kapiteln,
in denen wir die Ursache, sowie in dem, in welchem wir (uber
die Folgen der Homosexualitat handeln, nochmals auf diese
nervosen Zustande zurtickzukommen haben, ferner auch dort,
wo wir tiber die forensische Beurteilung der Homosexualitat
sprechen, da es ein grolJer XJnterschied fiir die Frage der
Beherrschbarkeit des Geschlechtstriebes ist, ob sich das Nerven-
system in stabilem oder labilem Gleichgewicht befindet.
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SIEBENTES KAPITEL.
Differentiaidiagnose zwischen Freundschaft und gleich-
geschlechtlicher Liebe.
Trotzdem die Symptomentrias der Homosexualitat — das
unwillkurliche Angezogenwerden durch Personen des gleichen
Geschlechts, das negative Verhalten gegeniiber dem anderen
Geschlechte und drittens die alterosexuellen Einschlage —
einen umgrenzten Erscheinungskomplex darstellt, ist die Dia-
gnose der Homosexualitat in vielen Fallen doch wesentlich
schwieriger, als es nach diesem einheitlichen Bilde den An-
schein hat. Das hat verschiedene Grtinde. Was zunachsf die
Inklination zum eigenen Geschlecht betrifft, so ist hier die oft
erhebliche Schwierigkeit zu beriicksichtigen, zwischen erotischer
und nicht erotischer Anziehung, zwischen Liebe und Freund-
schaft (ramaur, Tamiti^ und I'amitie amoureuse) die Grenze
zu Ziehen, ein namentlich bei jugendlichen Personen oft sehr
diffiziler Unterschied. Ferner wird die Erkenntnis durch den
Umstand erschwert, daB die ftir deA Geschlechtsakt erforder-
lichen Vorbedingungen und Veranderungen nicht immer auf see-
lischen Zustanden beruhen, sondern bei manchen auch reflek-
torisch durch periphere Reizungen hervorgerufen werden konnen,
mi thin also die Moglichkeit des Geschlechtsaktes jbeim
Mannc und Weibe kein absoluter Beweis iHrer triebhaften
Sexualempfindung ist.
Hinsichtlich der Abneigung gegen das findere Geschlecht
ist zu beachten, daB eine solche auch ohne Zuneigung zum
eigenen vorkommen kann. Beispielsweise ist dies bei den
Asexuellen und Monosexuellen der Fall, jenen selt-
samen, bisher wissenschaftlich noch nicht ausreichend studierten
Mannern und Frauen, die liberhaupt keine sexuellen Regungen
Oder nur — wie uns besonders Rohleder an einigen Kranken-
g^schichten klargelegt hat — „automonosexuelle** d. h. auf
sich selbst gerichtete aufweisen. Aber selbst Manner, die sich
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erotisch durch das Weib gefesselt fiihlen, konnen trotzdem, ja
manchmal vielleicht sogar deshalb, ausgesprochene Weiber-
feinde sein.
F r e u d s psychologische Forschungen haben gezeigt, wie oft sich
unter der Ablehnung eines Geschlechts verdrangte Anlehnung, unter
Abneigung unterdruckte Zuneigung verbirgt. Aus der scharfen Frauen-
verachtung eines Tilly, Schopenhauer, Strindberg, Wei-
n i n g e r , als Revers sexuelles Gefiihl f iir den ^Mann zu f olgern, ist
keineswegs angangig, ebensowenig wie es zulassig ist, Homosexualitat
lediglich aus dem sehr verstiegenen MannerhaiJ mancher Frauenrecht-
lerinnen anzunehmen. Ungleich haufiger als eine Sexualablehnung
b e i d e r Geschlechter ist eine auf beide, wenn auch in verschiedener
Starke gerichtete Zuneigung. Wir gelangen damit zu der wichtigen,
jedoch oft ebenfalls nicht leicht zu ziehenden Differentialdiagnose
zwischen Homosexualitat und Bisexualitat.
Nicht minder groBe differentialdiagnostisehe Schwierigkeiten
kcDnen uns die alterosexuellen Einschlage bereiten. DaB sie fiir
viele Falle von Homosexualitat ungemein typisch sind, kann
fiir einen Sachkenner auch nicht dem geringsten Zweifel unter-
liegen. Aber sie sind oft nur in geringem MaBe, in seltenen
Fallen vielleicht uberhaupt nicht oder wenigstens nicht nach-
weisbar vorhanden und konnen andererseits auch bei anderen
Formen der Geschlechtslibergange vorkommen, so die psychischen
Einschlage namentlich bei den Transvestiten, die korperlichen
bei den Androgynen und Hermaphroditen, und zwar — und das
ist das wesentliche — vergesellschaf tet mit heterosexuellem
Empfinden. Von Bedeutung ist auch, daB alle andersgeschlecht-
lichen Einschlage ebenso wie die Homosexualitat Pseudoformen
bs?sitzen, so kann die tiefe Stimme eines Weibes durch chro-
nischen Kehlkopfkatarrh bedingt sein, die anscheinende Weib-
briistigkeit eines Mannes auf Fettsucht beruhen, die Geschlechts-
verkleidung keine triebhafte, sondern eine zu bestimmten
Zwecken vorgenommene Handlung sein.
Beriicksichtigen wir alle diese Moglichkeiten, bei deren Auf-
zahlung wir Raritaten, wie etwa homosexuelle Wahnideen auf parano-
iscber, hysterischer oder alkoholischer Grundlage absichtlich bei Seite
lassen, so wird man verstehen, wenn wir hier nicht der Ansicht von
Priitorius beipflichten konnen, der in einer seiner ausgezeich-
neten Besprechungen einmal meinte, daB die Diagnose der Homo-
sexualitat eine leichtc sei. DaC sie dies in einer groBen Anzahl der
Fiille tatsiichlich nicht ist, zeigt, daB es wohl kaum eine Frage
gibt, die unter homosexuellen Manuern und Frauen so oft erortert
wird, als die, ob jemand, den sie kennen gelernt haben, „auch so
sei", ob er wohl „echt" sei, oder nur mitmache, wissenschaftlich
ausgedriickt, ob er homosexuell, heterosexuell oder bisexuell empfinde.
Auch daB viele Personen erst sehr spat zur Erkenntnis ihrer Homo-
sexualitat gelangen, ja sogar Arzte aufsuchen, um iiber sich ins Klare
z\i kommeu, zeigt die Schwierigkeit der Diagnose, und auch der Um-
stand, daB hinsichtlich historischer Personen die Ansichten sich oft
schroff gegeniiberstehen ; so wird Michel An g e 1 o s Homosexualitat
von T h o d e und Walt Whitmans von Joh. S c h 1 a f ebenso
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heftig bestritten, wie sie von Pratorius und B e r t z behauptet und
unseres Erachtens auch bewiesen wurde.
Sprechen bei solchen „Ehrenrettungen" vielfach falsche Vorstel-
lungen vom Wesen der Horn osexuali tat mit, so laBt sich andererseits
nicht leugnen, daB von inanchen doch auch beziiglich der Bezeichnung
benihmter und nicht beriihmter Personlichkeiten als homosexuell recht
unkritisch zu Wege gegangen wird. So werden in den von K a r s c h
mit so immensem FleiBe zusammengestellten Berichten iiber Paderastie
und Tribadie bei den Naturvolkern Homosexuelle, Bisexuelle, Herm-
aphroditen und Transvestiten b);uit durcheinander gewiirfelt, so wird
von manchen jeder „Damenimitator" einfach als homosexuell ange-
sehen, oder in jedem iiberschwanglichen Gedichte oder Briefe an eine
Person desselben Geschlechts ohne Priifung sonstiger Zeichen ein
ausreichendes Beweisstiick homosexuellen Empfindens erblickt. Das
ermangelt der Exaktheit, die auf diesem Gebiete zu erreichen aller-
dings Sache sorgsamen Studiums und langer Ubung ist. Wenn jemand
Richard Wagner fiir homosexuell erklart, weil er in seiner Ge-
schmacksrichtung, beispielsweise in bezug auf die Kleidung, gewisse
weibliche Ziige erkennen lafit, und die fiir sein Werk so bedeutungs-
voUe, begeisterte Zuneigung Konig Ludwigs erwidert, indem er schreibt:
.jTaglich schickt er ein- oder zweimal. Ich flioge dann immer wie
z u r G e 1 i e b t e n ", so schiirft diescr Diagnostiker ebenso an der
Oberflache, als wenn er die Mutter von Cosima Wagner, die
Graf in Marie d*A g o u 1 1 fiir kontrarsexuell ansehen wollte, weil
von ihr, die eine hervorragende „histoire de la revolution de" 1848"
schrieb, ein beriihmter Kritikor, Heinrich von Breitinger,
sagte: „Selten ist wohl von einem Parteimanne, mitten im Sturme des
Kampfes, so viel Mannlichkeit, Ruhe und Klarheit in der Priifung der
Tagesgeschichte bekundet wordon. Die edle Einfachheit der festen
groBen und reinen Ziige der Form erinnern an die aristokratische
Haltung unseres groBen Historiographen R a n k e i)."
Es gibt eben auBer der Homosexualitat und Bisexualitat
noch viele andere NUancen und Varianten zwischen dem voll-
mannlichen und vollweiblichen Typus, ohne deren genaue
Kenntnis eine gewissenhafte Diagnosenstellung auf diesem Ge-
biete nicht moglich ist.
Betrachten wir zunachst den Unterschied zwischen dem
Geschlechtstrieb einerseits und ungeschlechtlicher Sympathie
andrerseits, so ist die Abgrenzung zwischen beiden Empfindungs-
komplexen in der Tat oft eine so schwierige, dafi manche Au-
toren einen prinzipiellen Gegensatz zwischen Lieb»^ und Freund-
schaf t nahezu negieren. Zu ihnen gehorte beispielsweise Bene-
dict Friedlander, der in seiner Renaissance 2) fiir homo-
sexuelle Geschlechtsneigung die Bezeichnung ,,physiologische
r'reundschaft** einzuftihren sich bemlihte ; zu ihnen rechnen in
1) Marie Grafin d'A g o u 1 1 , geb. F 1 a v i g n y. Eine Lebens-
skizze von C. Fr. Glasenapp. Zu ,,Wegweiser fiir Besucher der
Bayreuther Festspiele 1912". Bayreuth, pa<?. 90.
2) Benedict Friedlander. Die Renaissance des Eros Ura-
nios. Die physiologische Freundschaft ein normaler Grundtrieb des
Menschen imd eine Frage der mannlichen Gesellungsfreiheit in natur-
wissenschaftlicher, naturrechtlicher, kulturscos'^hichtlicher und sitten*
kritischer Beleuchtung. 1904. Schmargendorf-Berlin.
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gewissem Sinne auch Freud und seine Schliler, die unter dem
Begriff erotischer Liebe eine viel umfassendere Form der Zu-
neigung verstehen, als wir im Interesse praziser Forschungs-
grundlagen ftir notwendig halten^). Zu ihnen zahlt auch Ale-
xander von Gleichen-RuBwurm, der in dem sehr
lesenswerten Werk: „*Preundsehaft, eine psychologische For-
eohungsreise***) seinen anfechtbaren Standpunkt in Satzen wie:
„Freundschaft ohne Liebe ist nur Bekanntschaft*' (p. 292) verrat.
Fiir den Homosexuellen selbst ist die Trennung zwischen Liebe
und Freundschaft um so schwerer, je . mehr der ihn sexuell an-
ziehendo Typua ein solcher ist, der ihm auch gesellschaftlich, beruf-
lich und im Alter nahesteht. Ein homosexueller Universitatsprofessor,
der fiir ArbeitsBurschen inkliniert, wird die Begriffe Freundschaft und
Liebe leichter auseinanderhalten, als ein Offizier, der Offiziere liebt,
selbst wenn er den militarischen Stand erwahlte, um dem ihn, wenn
auch vielleicht nur unbewuBt, reizendsten Milieu anzugehoren. Auf
Grund seiner subjektiven Empfindungen schreibt ein 28jahriger Theo-
loge, der „geistig oder sozial mindestens auf gleicher Stufe stehende
Personen, die aber einige Jahre alter sein miissen", liebt : „Freund-
schaft und Liebe sind fiir uns Homosexuelle nicht leicht zu unter-
scheiden."
Als Hauptunterschied zwischen Freundschaft und Liebe
ist das korperliche Moment anzusehen. Die k o r p e r -
liche Erscheinung des anderen ist es, die den Liebienden
anzieht, fesselt, korperlich erregt und schlieBlich dazu treibt,
sich an dem andern korperlich zu entspannen.
V\'elcher Unterschied zwischen dem kurzen fliichtigen Handedruck
sich begrilBender Freunde und dem langen, innigen zweier Menschen,
die sich lieben, bei welchen von der Beriihrungsstelle aus ein Strom
wohltuender Erschiitterung durch die Reihen der Neurone zum Zentral-
organ zieht. Wie verschieden der oberflachliche KuB zwischen Ver-
wandten von jenem Kontakt der Lippen, bei dem die Summation der
Nervenreize zu einer weit im Korper irradierenden Hyperamisierung
fiilirt. Ein Urning schreibt: „Der KuB auf die Lippen eines Weibes
war mir wie eine Suppe ohne Salz, wahrend ich den Mann in-
briinstig kiisse und am Kiissen nicht satt werden kann." Gerade diese
oft schwer zu definierende, stets aber doch deutlich wahrzunehmende
Art der Empfindung wahrend der Beriihrung ist dafiir entscheidend,
ob eine Beziehung erotischer oder unerotischer Natur ist. Ist sie
erotiscb, so konnen schon ganz leichte Beriihrungen, etwa der FuB-
und Fingerspitzen, der Knie oder Ellbogen, das eigenartige Lustgefiihl
wachrufen, das bei sexuell abstoBenden Personen unangenehm, bei
neutralen als neutral, d. h. belanglos, iiberhaupt nicht ins BewuBtsein
dringt. Die erotische Anziehung unterscheidet sich von der Freund-
schaft ferner durch ihr plotzliches Auftreten. Bei der Liebe ist die
leibliche Gegenwart des Objekts das Begliickendste, die korperliche
Trennung das Schwerste. Bei langerer Abwesenheit der geliebten
Person fiiblt der Mensch eine Verlassenheit, eine Depression, wie sie
die ruliigc Freundschaft nicht kennt. In ihr herrscht nicht das Ge-
fiihl, sondern der Gedanke ; die Basis der Freundschaft ist Sympathie
der Charaktere, gegenseitige Achtung und Ehrung, sie ruht in ahn-
») Cf. dariiber „Naturgesetze der Liebe", pag. 21 ff.
*) Stuttgart, 1911.
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lichen Anschaunn><en, in gleichen ideellen und praktischen Bestre-
bungen. in gemeinsamen Interessen, im Mitteilungstrieb, in dem durch
Furcht vor dem AUeinsein verstarkten Geselligkeitsbediirfnis. Daher
ist die Freundschaft eine Verstarkung, die Liebe eine Erganzung der
eigenen Personlichkeit.
Zur Charakterisiening des Wesens beider Affekte fiige ich hier
noch eine Gegeniiberstellung hinzu, die sich in der Zuschrift eines
Homosexuellen befindet, welcher sowohl iiber die Freundschaft, als iiber
die Liebe in einem reichen Leben viel Erfahrungen gesammelt hat:
„Freundschaft", fiihrt er aus, „ist die inni^e, aber leidenschaftslose Zu-
neigung zu einem Menschen, das Bediirfnis, iiber alles, was mich be-
wegt, mit ihm Gedanken auszutauschen, ihm nahe zu sein in Stunden
der Freude und Trauer, ihn zu trosten und zu starken, das Verlangen,
mich selbst im Verzagtsein an ihm aufzurichten, mit ihm meine Freude
zu teilen. ,Liebe*, das heiiJe Sehnen nach einem Menschen und seinora
Wesen zu alien Stunden, alien Zeiten, das unendliche Schonheitsgefiihl,
mit dem seine Gegenwart, mit dem das Bewufitsein allein schon, daB
ein solcher lebt, mein Dasein erfiillt, das Aufgehen meiner Person in
seine und die daraus sich ergebende Geburt von etwas Anderem,
Besserem, Hoherem in mir, die Ahnung des Gottlichen im Menschen.
Efl gibt fiir mich viele Freunde, ohne daB ich fiir sie dieses Gefiihl der
Liebe empfande, es gibt aber keinen geliebten Menschen, der nicht
meine innigste treue Freundschaft besaBe." Mit Recht deutet hier
der Schreiber an, daB Liebe und Freundschaft sich in der Beziehung
eines Menschen zu einem anderen nicht ausschlieCen, daB sie in ver-
schiedener Intensitat nebeneinander vorkommen konnen. Wenn das
Feuer der Liebe erloschen, glimmt oft noch die Freundschaft lango
erwarmend waiter. So kann zu einer leichten erotischen Anziehung,
die nicht zu sexuellen Akten fiihrt, eine sehr cntwickelte Freundschaft
und auch zu heftiger Liebesleidenschaft kameradschaftliche Schatzung
trcten.
Noch einige weitere Angaben, herausgenommen aus hunderten
ahnlicher, mogen das Gesagte belegen und erganzen. Die erste riihrt
von einem Urning, die folgenden stammen von Urninden: „Ich habe
mich gewohnt", schreibt ein homosexueller Philologe, „fiir das Wort
Freundschaft der alltaglichen Sprache das Wort Kauieradschaftlichkeit
zu setzen. Ein solches kameradschaftliches Verhaltnis, in dem auBcres
Aussehen, sofern es nicht meinem asthetischen Gefiihl widerspricht,
keine Rolle spielt und erotische Momente irgendwelcher Art wegfallen,
ist moglich bei gegenseitiger personlicher Wertscliiitzung, und der Ge-
meinschaft einzelner geistiger Interessen, wahrend bei der Liebe
zwischen Freunden jeder Laut des Ich in dem Du wicderklingen. wird.
Kameraden mogen sich verloben und verheiraten, beim Freunde wiiide
mir Umgang mit dem Weibe der groBte Schmerz sein. Ich besitze
kajneradschaftliche Verhaltnisse in der gekennzeichnctcn Art zu aus-
gezeichneten, begabten Menschen, doch konnon sic mir niemals die
begehrte Liebe zu dem ersehnten Freunde ersetzen. Liebe kann nur
jener erwecken, dessen Korperformen meine Sinne aiuegen, wenn icli
auch seinen Charakter verachten miiBte."
Eine homosexuelle Frau schreibt: „Ich habe schon wunder])are
Freundschaftsverhaltnisse mit Mannern gehabt, ich fande ein Fround-
schaftsverhaltnis mit einem Menschen meiner Art auch sehr ideal,
hauptsachlich darum, weil man dann ganz verstanden wiirde. Freund-
schaft ist ein gutes, treues Zusammenhalten in Freud und Leid, ein
riickhaltloser Austausch aller Erlebnisse. Man kann mit einer geliebten
Person nicht immer iiber alles so offen sprechen wie mit einem
Freunde, aus vielerlei Griinden. Das Hochste, Siisseste fallt aber in
der Freundschaft fort. Ich konnte eventuell einen Freund fiir eine Ge-
liebte opfern, niemals aber eine Geliebte fiir einen Freund." Und eine
andere: „Freuadschaft empfinde icl^ mannlichen Pcrsonen gegeniiber.
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Sie beruht auf Sympathie und gleichen Interessen fiir Sport und
Spiel (z. B. Rudern, Roll- und Schlittschuhlaufen, Billard- und Karten-
spiel usw.) Ein aolches Freundschaftsverhaltnis besteht seit einem
Jahre. Beim Schlittschuhlaufen gehe ich als Junge verkleidet und wir
flirten gemeinsam mit Madchen. Zwischen meinem Freunde und mir
werden n i c h t die geringsten Zartlichkeiten ausgetauscht."
Vergleichen wir mit den Ausfiihrungen Homosexueller die von
Heterosexuellen, iiber die ihrer Natur adaquate Liebe und Freudschaft,
80 wird uns die Verschiedenheit beider Empfindungskomplexe vollends
klar. Ein solcher schreibt:
„Mich interessiert das Problem der Homosexualitat objektiv.
Subjektiv stehe ich ihm verstandnislos gegeniiber. Ich kann mir
herzliche Sympathie fiir einen Mann in dem Grade denken, daB ich ihn
freundschaftlich mnarme. Fiir die Auslosung sexueller Reize, sowohl
passiv als aktiv, mit einem Manne durch irgendwelche Manipulationen
fehlt mir aber jeder Nerv. Mir erscheinen die sogenannten Homo-
sexuellen wie die Bewohner eines anderen Planeten,
die ich respektiere, aber nicht verstehe. Die Erscheinung im ganzen als
ein Laster anzusehen, weil lasterhafte Einzelerscheinuiigen damit ver-
bunden sind, erscheint mir angesichts der Auswiichse der erlaubten
Liiste pharisaisch und philisterhaft.
Icn gestehe, daO es mir iiberhaupt nicht vorstellbar ist, wie selbst
die hochstgesteigerte herzliche Sympathie und Geistesverwandtschaft,
auch zu einem auBerdem korperlich wohlgebauten Manne, das Bediirfnis
nacli sexuellem Orgasmus mit ihm wachrufen konnte. Keine mora-
lischen oder sonstigen Griinde hinderten mich, sondern allein der In-
stinkt, daB ich fiir meine Bediirfnisse dabei nicht auf die Rechnung
kame. Er ware mir, trotzdem ich vielleicht anerkennen miiBte, daB er
im kiinstlerischen Sinne wohlgebauter und anziehender ist, als
ein minder schones Weib, doch nicht „sch6n" genug.
Auch der Umstand, daB ein Mann, dem ich sehr intensiv freund-
schaftlich verbunden wiire und der, weil er vielleicht homosexuell
veranlagt ist, mir eine Vertrauensfrage stellte, konnte mcin subjek-
tives Empfinden nicht andem. Erklarte er mir, wie das bei Ver-
liebten war, bis auf und seit den Tagen Romeos und Julias, daB nicht
bloB sein Leben, sondern auch seine Seligkeit davon abhinge, ob ich
und daB ich ... so fande ich das so riihrend, daB ich ihm einen
mit Schopenhauerschen Zitaten wohlgespickten Vortrag iiber das
Nichtige unserer Ilhisionen und speziell dieser hielt — ohne Hoff-
nung auf Erfolg. Also: Ich kann mir denken, daB ich unter Um-
standen fiir einen Freund mein Leben einsetze, aber nicht, daB ich
ihm Rechte einraumen konnte, bei deren Ausiibung mir die Komik der
Situation das einzige Vergniigen bereitete."
Trotz allem ist sicher, dafl zwischen Liebe und Freund-
schaft, von denen jede fiir sich so viele feine 'Niiancen und Bchat-
tierungen aufweist, die Grenze oft schwer gezogen werden kann.
Man denke nur an den von manchen fiir eine contradictio in
adjecto gehaltenen Begrif f der platonischen Liebe. Wenn Car-
penter^) einmal sagt: „Wir wissen von Freundschaften so
romantisch und schwarmerisch, dafl sie in Liebe tiberzugehen,
von Liebe so seelenvoU und durchgeistigt, dafl sie der Sphare der
Leidenschaft entrllckt zu sein scheint,** so begreifen wir, wie.
oft die Trager der Empfindungen selbst, geschweige denn Dritte
^) Carpenter, c. J. p. 17
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nicht wissen, ob das, was sie flir jemanden ftililen, Liebe oder
Freundschaft ist.
Viel Wahrheit liegt in Nietzsches Ausspruch, daB eine
IFreundschaft zwischen iMann und Weib nur dann moglich sei,
wenn eine kleine pbysische Antipathie vorhanden sei. Ein wenig
verdachtig in bezug auf die geschlechtliche Affinitat ist
es, wenn jemand gar zu sehr betont, die Frau soUe ihm in orster
Linie die gute Kameradin, die gdistige Gefahrtin sein, iimge-
kehrt auch, wenn Leute sich gar so eifrig daflir ins Zeug legen,
daU doch eigentlich in jeder Freundschaft Sexualitat stecke,
dafi Liebe und Freundschaft genau genommen identisch seien.
Ich will damit nicht etwa sagen, dalJ diejenigen, welche solches
behaupten, bewuflt bestrebt sind, den Verdacht gleichgeschlecht-
licher Neigungen von sich abzulenken, sondern nur, dalJ yie, wie
es auf dem Gebiete des Geschlechtslebens tiberhaupt haufig der
Fall ist, in ihren eigenen subjektiven, etwa bisexuellen Emp-
findungen allgemein gtiltige Gesetze zu erblicken geneigt sind.
Sehr richtig bemerkt Pratorius^a) einmal gegeniiber der von
Friedlander vorgenommenen Verquickung freundschaftlicher und
geschlechtlicher Empf indungen :
„Nicht dadurch unterscheiden sich Freundschafts- und Liebes-
gefiihle, daC in ersterem Falle es zu keinem, in letzterem Falle zu einem
Geschlechtsakt kommt, sondern dadurch, daB bei dem Liebesgefiihl
der geschlechtliche, wenn auch nur der geschlechtlich-sentimentale
Trieb, kurz der Geschlechtstrieb durch den Freund an-
geregt wird, wahrend bei der Freundschaft die Nahe des Freundes
nicht das direkt psychisch und physisch begliickende, die ganze
Personlichkeit durchstromende Lustgefiihl auslost. Ob es zu ge-
schlechtlichen Handlungen kommt, ist gleichgiiltig, nur be-
steht in dem einen Fall die Lust imd der — mehr oder minder heftige —
Trieb zu solchen Handlungen, im anderen Falle dagegen nicht. „Phy-
siologische Freundschaft" im Sinne von Friedlander, also die
Freundschaft, welche Freundschaft und doch keine Freundschaft, die
homosexuelles Gefiihl und doch keine rr chte Homosexualitat ist, stellt
sich dar als ein Ding, das so recht den Namen „Zwitterding", unge-
sundes, nebelhaftes Gefiihl verdient, oin Gefiihl weder Fisch noch
Fleisch, das sicherlich auch mitunter vorkommen mag, aber zu den
groUen Seltenheiten gehort." Sinnreicher, als von „physiologisclier
Freundschaft" zu reden, ist es denn schon gewesen, in Fallen, in
denen dor sexuelle Charakter des Empfindungskomplexes nicht ganz
deutlich hervortrat, von „erotisch betonter" Freundschaft oder, wie
Kupffer*) es tat, von „Liebf reundschaf t" zu reden.
Sehr zu beachten ist bei der Differentialdiagnose zwischen
Freundschaft und Liebe die Zeit- und Landessitte. In einem
Lande, wo sich das Klissen zwischen Freunden, das Einhaken
der Arme unter ihnen zu einer symbolischen Form verfltichtigt
hat, werden diese Handlungen eine weit geringfligigere Bedeu-
5a) Jhb. f. s. Zw. IX. p. 503.
^) E. von Kupffer, Lieblingminne und Freundesliebe in der
WeltUtera.tur.
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tung haben als dort, wo sie von der jeweils herrschenden Mode
verpont sind. Man findet Gegenden, in denen das Tanzen der
.Manner so iiblich ist, wie bei uns das Tanzen der Frauen unter-
einander. Dort wird ohne nahere Priifung von Besonderheiten
der Tanz von 'Mann mit Mann als erotisches Zeichen viel weniger
in die Wagschale fallen, wie hierzulande, wo er oft direkt ver-
ibbten ist.
Es hat Zeiten gegeben, in denen sich ein starker Freundachafts-
enthusiasmus in Briefen und Versen allgemein zu Zartlichkeitsaus-
driicken und Anreden verstieg, wie sie gegenwartig fast nur noch in
wirklichen Liebesbriefen und Gedichten iiblich sind. Schillers
„t}ber alles Gliick geht doch ein Freund,
Der's fiihlend erst erschafft, der*s teilend mehrt."
sein Vers:
„Weni der groCe Wurf gelungen,
Fines Freundes Freund zu sein",
Goethes
„Selig, wer sich vor der Welt
Ohne HaB verschliefit,
Einen Freund am Busen halt,
Und mit ihm genieBt,
Was von Menschen nicht gewuBt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht."
verlieren in einem solchen Zeitalter der Empfindsamkeit gedichtet,
viel von der Bedeutung, die sie in einer anakreontischer Poesie ab-
holden Epoche besitzen wiirden. Wer Gleichen-RuBwurms
Werk ,,Dio Freundschaft" liest, das besser sein wiirde, wenn es nicht,
selbst bei Winckelmann, Platen und der antiken Jiinglings-
minne, urn das Problem der Homosexualitat angstlich herumginge, „wie
die Katze um den heiBen Brei", wird vielen Freundschaftspaaren der
Wcltgeschichte begegnen, bei denen, wie in dem Freundschaftsbiindnis
unserer Oeistesheroen Schiller und Goethe, von gleichgeschlechtlichcr
Liebe nicht die Rede sein kann. Das Scherzwort, das vor Jahren
einmal in der „Jugend" unter dem Bilde ihres Weimarer Doppelmonu-
ments stand: „ Schiller, .laB die Hand los, Dr. Magnus Hirschfeld
kommt," hatte mehr Berechtigung, wenn ich nicht seibst die Grenzen
zwischen Freundschaft und Liebe besonders scharf zu Ziehen be-
miiht gewesen ware.
Von Homosexualitat reden wir also nur dann
— und damit kommen wir zur differentialdiagnostischen Zusam-
menfassung dieses Abschnitts — wenn bei einem Manne
odereiner Frau die von einer Person desselblen
Geschlechts ausgehenden dis tan tiell en Sinnes-
eindriicke (besonders die Gesicht und Gehor treffen) als
Lust, die durch sie bewirkten proximalen Reize
(der Kontakt) als hohere Lust, die von ihr ausgelosten
genitalen als hochste Lust empfunden werden.
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ACHTES KAPITEL.
Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und Pseudo-
homosexualit&t
Fast ebenso schwierig, wie psychische Homosexualitat von
der Freundschaf t, sind manchmal gleichgeschlechtlich© Akte ohne
und mit psychischer Homosexualitat von einander zu unterschei-
den. Nur wo das Korperliche ein Ausdruck des Seelischen ist,
kann von echter Homosexualitat die Rede sein, wahrend fiir
den kontraren Sexual verkehr ohne kontrare Sexual em p-
findung der von Iwan Bloch gut gewahlte Ausdifuck
Pseudohomosexualitat paflt, der aber nur hierftir, nicht etwa
auch fiir Transvestiten und andere Formen der Geschlechtsliber-
gange in Anwendung gezogen werden sollte.
Das ganze Problem der Homosexualitat ware wesentlich
vereinfacht, wenn der Geschlechtsakt der absolute Ausdruck des
Geschlechtstriebes ware. Dies ist aber — fast mochte man
hinzusetzen leider — ohne weiteres nicht der Fall; die Potenz
fallt keineswegs immer mit der Libido zusammen.
Fur die sich hiagebende Frau liegt dies deutlicher zutage. Man
denke an das „Gewerbe** der Prostituierten, bei denen nicht die Liebe
zu der Person, sondern die zu deren Gelde die treibende Kraft ist.
Aber auch die verheiratete Frau sieht in dem Akte oft genug nichts
weiter als eine „eheliche Pflicht", der sie sich mit Widerstreben
unterzieht, und zwar gilt das nicht nur fur die homosexuelle Frau.
Wenn es unter diesen nicht wenige gibt, die den Koitus mit dem
Manne, trotzdem seine technische Ausfiihrung fiir sie ein Leichtes
ware, unter keinen Bedingungen voUziehen, so beweist dies gerade, von
welcher Bedeutung das Seelisch-Triebhafte in der Homosexualitat ist.
Verfolgt man bei dem Geschlechtsakt irgendwelche bestimmte
Absichten und Zwecke, oder ist er durch einen anderen Reiz
hervorgerufen, als den, welcher vom Triebzentrum im Gehirn
zu dem Reflexzentrum im Ruckenmark stromt, so konnen wir
ihn fiir die Richtung des Geschlechtstriebes nicht mehr als
beweisend erachten. Nun ist bei dem aktiven Manne die Mog-
lichkeit der geschlechtlichen Vereinigung zwar noch mehr vom
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Willen unabhangig, wie bei dem empfangenden Weibe. Trotz
aller Vorstellungen, Einbildungen und Bemtihungen ist es ihm,
wie wir sahen, oft beim „besten Willen** nicht moglich, den Akt
zu vollziehen. GleichWohl ist es aber auch bei ihm \iurchaus
nicht immer der spontan vom Gehirn ausgehende Geschleehts-
trieb, welcher zumVerkehr fiihrt, es konnen vielmehr die hierzu
erforderlichen Vorbedingungen auch durch andere Faktoren be-
wirkt werden, welche mit dem wirklichen Liebes- und Vereini-
gungstrieb nichts zu schaffen haben.
Dies beruht darauf, daB das Zentnim, welches die Erweiterung
der mannlichen und weiblichen corpora cavernosa reguliert, ebenso wie
das unmittelbar dariiber gelegene Zentrum der rhythmischen Muskel-
kontraktionen, die im Orgasmus die AusstoBung des Samens beim
Manne und des Zervikalpfropfens beim- Weibe hervorrufen, ihren Sitz
nicht im Gehirn, sondern, wie die klinischen Erfahrungen an Riicken-
markskranken und die Experimente von Brachet, Cayrade und
G o 1 1 z 2) bewiesen, im Riickenmark haben, und zwar liegt das
Erektionszentrum im Sakral-, das Ejakulationszentrum im Lumbalseg-
ment. Dieses intermediare Zentrum, in dem die vom Geschlechts-
trieb und den Geschlechtsteilen ausgehenden Neurone sich begegnen,
kann sowohl vom Zentrum als von der Peripherie in Aktion gesetzt
werden. Dabei ist es fiir unsere Frage praktisch ohne Bedeutung,
ob die Ganglienzellen, welche diese Reflexe beherrschen, im unterstcD
Teil des Riickenmarkes (Konus und Epikonus) selbst liegen, dessen
Integritat fiir das Zustandekommen der Erektion und Ejakulation
jedenfalls die conditio sine qua non ist, oder ob, wofiir L. R. M ii 1 -
lerS) auf Grund von Tierversuchen und Beobachtungen am Menschen
eingetreten ist, das eigentliche Reflexzentrum der Genitalorgane im
Beckengeflecht des Sympathikus liegt, dessen Aste sich im Endstiick
des Markes mit den Auslaufern der hoher gclegenen Partien des
Zentralnervensystems treffen.
Ich will eine ReUie von Beispielen anfiihren, welche uber-
zeugend dartun, dalJ die Genitalreflexe in vielen Fallen auch
dann funktionieren, wenn von einer Mitbeteiligung des Ge-
schlechtstriebes gar nicht die Rede sein kann.
Beispielsweise iibt die zwischen dem 60. und 70. Lebensjahre so
haufig als Alterserscheinung auftretende VergroBerung der Vorsteher-
driise (Prostatahypertrophie) einen peripheren Reiz auf die Nervi
erigentes aus. Es stellen sich bei den alten Herren infolgedessen Erek-
tionen ein, welche sie als ein Wiedererwachen ihres Geschlechts-
triebes begriiBen — ein Irrtmn, der sie nicht selten veranlaBt, zum
Erstaunen erwachsener Kinder und Enkel eine neue Ehe einzugehen,
Ein anderes Paradigma sind die Erektionen, welche im Beginn einer
*) J. L. Brachet, Recherches exp6riment. sur les fonctions du
systeme nerveux gangl. Bruxelles 1834, S. 250. — J. Cayrade,
Recherches int. et experiment, sur Ics mouvements reflexes. Paris
1864, S. 45. — Fr. Goltz mit Ereusberg, Pfliigers Archiv 8,
460, 1874. — Sehr eingehend ist die Innervation der Genitalorgane
von Langley und Anderson bearbeitet worden, im Journal of
Physiology 18, 67 (1895); 19, 71; 20, 372 (1896).
') L. R. M ii 1 1 e r , in der Deutschen Zeitschrift fiir Xervenheil-
kunde 21 (1902).
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gonorrhoischen Infektiou auftreten. Die sich entwickelnde Entzun-
dung reizt reflektorisch die zum Riickemnark aufwarts ziehenden
Nervenbahnen. In Unkenntnis des drohenden Leidena fassen die
]ungen Leute die Tumeszenzen als geschlechtliche Erregung auf, der
sie haufig genug michgeben, um so die Infektionskeime weiter zu
tragen. Auch die Gliedschwellungen, mit welchen viele Manner in
den Morgenstunden erwachen, haben nichts mit dem Geschlechts-
t r i e b zu tun, sondern sind durch die Druckreize der gefiillten Harn-
blase bodingt. Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein verheirateter
HomosexuelTer auf, der sechs Kinder hatte, das siebente stand zu
erwarten. Ich fragte ihn, wie dies moglich gewesen ware. „Das ist
doch so einfach," oemerkte er, nicht ohne ein gewisses SelbstbewuBt-
sein, „ich benutze stets meine Friiherektionen." Diese Kinder ver-
danken also nicht dem Geschlechtstriebe, sondern der gefiillten Harn-
blase des Vaters ihr Leben. Auch die „Aphrodisiaika** sind hochst
wahrscheinlich nur „Diuretica" ; das will sagen, daC das Renommee,
welches einige Nahrungs- und Arzneimittel in bezug auf die Forde-
rung der geschlechtlichen Potenz geniefien, ihrem blasenreizenden Ein-
fluB zuzuschreiben ist, dessen indirekte Nebenwirkung der Genital-
reflex ist.
Ahnlich wirken auch die alkoholischen Getranke, welche in nicht
zu groUen Mengen genossen, den Geschlechtstrieb aufstacheln. Die
Exzesse in Baccho und Venere werden ja seit alters als zusammen-
gehorig betrachtet. Es kommt hier allerdings hinzu, daC der Alkohol
die Kraft der Ge^envorstellungen herabsetzt, wahrend er die Sinncs-
scharfe zu vermindern scheint. So erklart es sich, dafl Hetero-
sexuelle gelegentlich angeben, sie hatten unter AlkoholeinfluC mit
dem Manne verkehrt, Homosexuelle, sie konnten angetrunken mit dem
Weibe verkehren.
Schrenck-Notzing machte sich diese Erfahrung zugute,
indem er den von ihm hypnotisch behandelten Homosexuellen den
Kat gibt, ante coitum groCere Alkoholmengen zu sich zu nehmen —
ein meines Erachtens^ nichts weniger als einwandfreies Experiment.
Bei Blasenleiden, wie Blasensteincn, Vesikaltumoren, auch nach
Blasenoperationen ist ebenso wie nach operativen Eingriffen am Penis,
z. B. nach der Phimosenoperation, ein reflektorischer, vom Geschlechts-
t r i e b unabliangiger Priapismus eine haufige Erscheinung. Einen
scltenen hierher gehorigen Fall hatte ich in meiner Praxis zu be-
obachteu Gelegenheit. Ein Patient litt an einem Darmkarzinom, das
durch die Blase perforiert war, so daU sich mit Urin vermischt Fazes
durch die Harnrohre entleerten; in einer Nacht erwachte der Patient
rait starker Erektion bei sehr schmerzhaftem Tnnendruck im Penis
und voUiger Harnverhaltung. Beim Katheterisieren stieC ich auf eine
harte Resistenz, die sich schlieBlich als ein Kirschkern erwies, welcher
vom Darm durch die Blase in die Urethra gclangt war. Mit AusstoBung
des Fremdkorpers verschwand sofort die Erektion.
Wie die Schleimhaut der Harnwege, so iibt auch die dos bonach-
barten Mastdarmes, die beide entwicklungsgeschichtlich densolben Ur-
sprung in der embryonalen Kloake haben, einen reflektorischen Reiz
auf die Nervi pudendi und erigentes aus. Solche zur Erektion fuhrende
Mastdarmreizung tritt bei Kindern haufig infolge von Wurmj)arasiten
auf, infolgedessen diese nicht selten zu Masturbationen Veranlassuiig
geben, auch digitale Manipulationen an der Analgegend, die bei vielen
eine stark erogene Zone ist, selbst Hamorrhoiden, sogar die Rektal-
massage der Prostata, auch Schliige auf das GesiiB konnen reflek-
torisch eine partielle oder totale Tumeszenz bewirken.
Die Uberfiillung der Ductus ejaculatorii, vor allem die der Samen-
blaschen mil Spermasekret, bewirkt einen anal^gen Reflexvorgang, der
zu Ercktionen und AusstoBung des Ejakulats in Form von Pollutionen
fiibrt. Die PoUutionstraume, welche fiir die innerliche Richtung des
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Gesohlechtstriebes von diagnostischer Bedeutung sind, sind s e k u n -
dare Folge- und Begleiterscheinungen, nicht etwa der primare
Ausgang der Pollutionen.
Die peripherische Reizung der Nervi erigentes kann end-
lich auch, und das ist flir die differentialdiagnostische Bewer-
tung des Geschlechtsaktes besonders wesentlich, von der Oberhaut
des Gliedes und ihrer Adnexe, vor allem den Pubes aus erfolgen.
Die Papillarkorper sind in dieser Region mit so zahlreichen und
empfindsamen Nervenkorperchen Iversehen, fwie in keinem anderen
Hautgebiet.
Von Onanisten wird berichtet, daB durch juckende Hautkrank-
heit^n, durch Keiben des Gliedes beim Klettern am Tau, durch Kut-
schen auf einem Treppengelander, durch Kitzel des sich unter dem
Praputium ansammelnden Hauttalges die ersten Erektionen erfolgten,
welche zui* Masturbation fiihrten. Bei dieser geht die Samenaus-
stoflung rellektorisch durch Zusammenziehungen der Muskehi des Duc-
tus deferens, der Samenblaschen und der Prostata, sowie der Muse,
ischio- und bulbo-cavernosi vor sich, ohne daB der Geschlechts t r i e b
beteiligt ist, es sei denn — was allerdings auch haufig zutrifft —
daB der Onanist sich das Sexualobjekt und den Sexualakt in bestimm-
ter Weise vorstellt. Auch bei den Frauen geben Juckreize, vor
allem der pruritus vulvae und Entzundungen der Schamteile oft den
ersten AnstoB zur Onanie. Bei vielen weiblichen Onanisten, die
ich sah, war eine Entscheidung nicht moglich, ob der hyperamische
Reizzustand der Genitalien eine Ursache oder Folge digitaler Mani-
pulationen darstellte.
Die neuroperiphere Reizung der Genitalien kann sowohl durch
die eigene als durch fremde Hand, sowie anderweitig vorgenom-
men werden, ohne dafi die Richtung des zentralen,
davon g^nzlich unabhangigen Gesohlechtstrie-
bes beeinflufit, derselbe dadurch womoglich gar „differenziert*'
wird. So wenig jeman,d, weil die erste Erektion an cinem Tau
erfolgte, fortan Stricke lieben wird, so wenig wird er sich sexuell
zu Mannern, Frauen oder sich selbst hingezogen fiihlen, weU
von einem dieser drei die erste Erregung ausging. Die Ursache
des Gesohlechtstriebes liegt viel tiefer, konstitutioneller und
komplizierter. Diese Feststelluni^ ist fiir die Frage der Ver-
f ti h r u n g zur Homosexualitat, die uns spater noch beschaftigen
wird, von groBer Wichtigkeit.
Nun konnen zwar die Gegenvorstellungen vom Gehirn aus
so stark sein, daJJ sie auf die rein periphere Reizungsmoglich-
kcit einen wesentlichen EinfluB haben; so sagten mir wiederholt
Homosexuelle^ daB sie sich nur den G^schlechtsakt mit dem
Weibe vorzustellen brauchten, um lastige Erektionen zum Ver-
schwinden zu bringen. Andrerseits kann aber auch der Mann,
unabh&ngig von seiner heterosexuellen oder homosexuellen Trieb-
richtung, in sehr vielen Fallen, namentlich im jugendlicheren
Alter, bei einer sinnlich reizbaren Veranlagung sich passiv er-
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regen lassen, vor allem nach langer Entbehrung seiner ihm eub-
jektiv natiirlichen Geschleehtsbefriedigung, sei es in der Absicht,
sich jemandem gefallig zu erweisen, sich Vorteile irgendwelcher
Art zu verschaffen, oder auch nur, um aus Leichtsinn oder
Langeweile sich ein Gefiihl zu verschaffen, das, wenn es auch
der Empfindung hei Stillung des eigenen Triebes nicht gleich-
kommt, doch ein mehr oder weniger angenehmes Kitzelgef iihl isi
Die relative Unabhangigkeit des zerebralen Geschlechtszentrunis
vom Geschlechtsapparat ist auch daraus ersichtlich, daB der Ge-
schlechts t r i e b vollstandig erhalten sein kann, wenn durch Funk-
tionsunfahigkeit des Riickenmarkszentrums infolge pathologisch-ana-
tomischer Storungen irnd Zerstorungen eine geschlecntliche Erregung
iind Befriedigung iiberhaupt ausgescnlosseii ist.
So finden wir bei Tabikern oder anderen Riickenmarksleidenden,
bei denen die Reflexstelle in unreparierbarer Weise auBer Betrieb
gesetzt ist, oft eine fast unverminderte Geschlechts lust. Dasselbe gilt
auch in den meisten anderen Fallen von Impotenz, gleichviel, ob es
sich um eine physische Impotentia coeundi, etwa um Penismange]
handelt, oder ob eine Impotentia generandi, etwa Azoospermie, vor-
liegi. In meinem Buche „Geschlecntsiibergange" habe ich sehr aus-
fiihrlich einen Fall (S. 25 — 33) beschrieben, in welchem bei ciner als
Mann lebenden Person ein vollkommen determinierter, auf den Mann
gerichteter Geschlechtstrieb bei ganzlichem Mangel sowohl weiblicher
als mannlicher Fortpflanzungszellen bestand. Auch die kiinstliche Ent-
femung der Keimzellen hat auf die Richtung des Geschlechtstriebs
keinen und auf die Triebstarke nur einen geringen EinfluB. Daher
ist auch nur die von Homosexuellen wiederholt geforderte und friiher
auch ausgefuhrte Kastration kontraindiziert. Ich sagte einmal einem
homosexuellen Russen, der sich dariiber gar nicht bBruhigen konnte,
daB. wenn er den Si tz seines Geschlechtstriebes durchaus los werden
wolie, er sich nicht kastrieren, sondern enthaupten lassen miisse.
Um das Bild von der Unabhangigkeit zwischen Ge-
schlechtstrieb, Erektion und Ejakulation abzuschlie-
Ben, sei noch erwahnt, daB auch durch die Reizungen der Leitungs-
bahnen zwischen Gehirn und Riickenmarkszentrum an einem beliebigen
Punkte ihres Verlaut'es eine Samenentleerung erfolgen kann. Diesen
Nachweis fiii* den Menschen zu erbringen, ist schwierig, wir besitzen
aber, von Tierexperimenten *) abgesehen, einige sichere Anhaltspunkte ;
das sind die Beobachtungen, welche man an Erhangten und Gekopf-
ten^) gemacht hat, in deren Bekleidungsstiicken frische Ejakulate ge-
funden wurden. Ahnliche Wahrnehmungen wurden auch bei einigen
Fallen von Genickbriichen und Frakturen der Wirbelsaule gemacht. Es
*) Das alteste hier zu nennende Experiment ist das von Segala,
welcher fand, daB Ausbohrung des Riickenmarkes beim Meerschwein-
chen Erektion und Ejakulation bewirkt; publiziert in den Untersuchun-
gen zur Physiol, und Pathologic von Friedrich und Nasse, Bonn 1835.
Reizungen an den Pedunkuli, Pons usw., die Erektion bewirkten, wurden
veroffentlicht von Eckhard, Beitrage zur Anat. und Phys., GieBen
1863, und von Budge, Archiv f. path. Anat. 15, sowie zuletzt von Spina
in den Wiener med. Blattern 1897 ; letzterer erzielte experimentell durch
Quertrennung des Riickenmarkes bei Meerschweinchen um so sicherer
Erektion, je tiefer er den Querschnitt anlegte.
5) Vgl. die 1898 in Berlin von A. Gotz publizierte Inaug. -Disser-
tation „Uber Erektion imd Ejakulation bei Erhangten", in welcher
sich aacli die altere Literatur angegeben findet.
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wird wohl niemand behaupten, daB diese Samenentleerungen auch nur
das eerinjjste rait dem Gesclilcchtstriebe zu tun haben.
Icli glaube im Vorstehenden gezeigt zu haben, dafl im sexu-
ellen Akte k e i n e absolute Beweiskraft fiir die Richtung des
sexuellen Triebes liegt. Deshalb kann man aus der bloBen
Moglichkeit, mit beiden Geschleclitern zu verkehren, nicht ohne
weiteres, weder beim Weibe noch beim Manne, auf einen bi-
sexuellen, auf beide Geschlechter gerichteten Trieb schlieBen.
Um sich in konkreten Fallen ein Urteil zu bilden, wird man
daher die frtiher eforterten Unterfragen zu beantworten haben,
die sich auf das psychische Verhalten vor, wah'rend und
n a c h dem Akt beziehen. Die scheinbar leichteren Liebkosungen
fallen dabei flir die Erkenntnis der Triebrichtung oft schwerer
ins Gewicht, als der ermoglichte Koitus. Je mehr der Ge.-
schlechtstrieb beteiligt ist, um so mehr Wert wird von den
Partnern auf das Vor- und Nachspiel des eigentlichen Verkehrs
gelegt werden, das um so lastiger und unangenehmer empfunden
wird, je weniger groB die zerebrale Neigung ist. Namentlich
der KuB ist ein sehr feines Reagens.
Auch bei der Frau ist flir die Bewertung des Verkehrs
als eines ihrem Triebe entsprechenden ihr Benehmen im Vor-
stadium und Akt selbst von Belang. Befindet sie ^ich nicht
bereits vor demselben in einem Zustande gesteigerter Libido,
so bleiben sehr haufig die von ihr als Orgasmus empfundenen
Zuckungen und Schleimabsonderungen im Genitaltraktus aus.
Wie konfuse Anschauungen auch hier noch herrschen, mag eine
Episode zeigen, die ich einmal wahrend eines Prozesses erlebte, der
gegen eine angesehene Personlichkeit verhandelt wurde. Der Staats-
auwalt wollte die Homosexualitat des in anscheinend glucklicher Ehe
lebenden Angeklagten feststellen. Zu diesem Zwecke hatte er Zeugen
geladen, die unter Eid aussagten, mit dem Beschuldigten vor vielen
Jahreii onaniert zu haben. Da meinte der anwesende Gerichtsarzt,
desseu Wort in seinem Fache sehr viel gait, zu mir: „Sagen Sie, Kol-
lege, wo steckt denn bei dem Manne eigentlich die Homosexualitat ;
vvenn es ihm nur um die Onanie zu tun war, hatte er sich doch ebenso
gut an seine Frau zu wenden brauchen. Die hatte ihm diese Bitte
gewiB auch nicht abgeschlagen." Als ich ihm erwiderte, die Homo-
sexualitat besteht ja eben darin, daO er sich nicht an seine Frau,
sondern an die Mannsleute wandte, fuhr er fort: „Ich kann das nicht
begreifen; ob Weiberhand oder Mannerhand die Spielerei vornimmt:
Onanie bleibt Onanie."
Unter den Personen, die, ohne homosexuell zu
sein, homosexuell verkehren, haben wir drei Haupt-
gruppen zu unterscheiden; zuniichst solche, die es ganz aus-
schlieClich aus Eigennutz tun: mannliche Prostituierte, Halbprosti-
tuierte, Gelegenheitsprostituierte, Chanteure, Individuen, die wir im
II. Teii dieses Werkes naher zu betrachten haben. Hier nur so viel,
daB sich hinsichtlich ihrer eignen Sexualempfindung unter ihnen fiinf
Klasseii abheben : o) Vollstandig heterosexuelle mannliche Pro-
stituierte, von denen ein groBer Teil mit weiblichen Prostituierten
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Kusammenlebt. p) Bisexuell veranlagte Prostituierte, die in alien mog-
lichen Abstufungen, bald mehr homosexuell, bald iiberwiegend hetero-
sexuell, vorkommen. Sie wissen vielfach selbst nicht, „waa" sie sind.
y) Feminine homosexuelle Jiinglinge, die wie heterosexuelle weibliche
Prostituierte gewerbsmaBig, aber ihrer eigenen Greschmacksrichtune ent-
sprechend meist mit alteren Mannern verkehren. 6) Viril homo-
sexuelle Prostituierte, die sich „fiir Greld" mit alteren, „aus Liebe"
mit jUngeren oder gleichaltrigen abzugeben pflegen. «) Verhaltnis-
mafiig haufig sind endlich unter den Prostituierten iiberwiegend mono*
sexuelle, sie tun ziemlich indifferent gegen Entgelt, was von ihnen
gefordert wird, bet§.tigen sich ihrerseits aber ausschlieBlich durch
Automasturbation, der sie meist ohne Vorstellungen und ohne Beisein
zweiter Personen exzessiv obliegen. Unter den weiblichen Prostitu-
ierten, die gegen Entgelt mit homosexuellen Frauen verkehren, gibt es
analoge Gruppen, doch heben sie sich weniger markant voneinander
ab, iiberhaupt ist der Verkehr von Urninden mit weiblichen Prosti-
tuierten bei weitem nicht so verbreitet, wie der entsprechende von
Urningen mit mannlichen Prostituierten. Dagegen haben die berufs-
maBig mit Mannern verkehrenden Dirnen oft untereinander lesbische
Bezienungen, iiber deren Ursachen und Verbreitung in spateren
Eapiteln noch einiges zu sagen sein wird.
Eine zweite, nicht unbetrachtliche Gruppe von Normalsexuellen,
die voriibergeheiid zu homosexueller Betatigung gelangen, sind die
meist iugendlichen Personen, welche den Gegenstand homosexueller
Liebe bihien. Trotzdem sie heterosexuell sind, finden sie sich oft
aus Gutmutigkeit, Gefalligkeit, Freundsohaft, Mitleid, Dankbarkeit, An-
hanglichkeit bereit mit dem Homosexuellen geschlechtlich zu verkehren.
Solche Verhaltnisse sind ungemein haufig. Oft enden sie mit der Ver-
lobung des Normalen.
Der Urning fungiert als Trauzeuge oder Ehrengast bei der Hoch-
zeit, bleibt Freund der Familie, wird Taufpate der Kinder, von denen
eins oft seinen Namen erhalt, und ist in Notfallen bei der Hand. Eine
urnische Frau liebte aufs zartlichste ein gleichaltriges normales Frau-
lein, viele Jahre, sie war gliicklich, litt aber auch sehr viel, jetzt ist
sie abgektihlt, aber die Freundin schreibt ihr noch taglich und kanu
nicht „auf die ihr so wertvolle und liebe Verbindung verzichten". Ahn-
liches kommt oft vor.
Ein Grund, den man von heterosexuellen Leuten aus dem Volke,
die sich in jugendlichen Jahren dem homosexuellen Verkehre ergeben,
nicht selten als eine Art Entschuldigung angegeben findet, ist die
Furcht vor Ansteckung. Namentlich solche, die sich mit 17 oder 18
Jahren gonorrhoisch infiziert haben, auBern, daB sie sich dem nicht
noch einmal „aussetzen wollten".
Der dritte Grund homosexuellen Verkehrs ist fiir heterosexuelle
Manner und Frauen nicht selten Mangel andersgesohlecht-
licher Personen. Aus Internaten aller Art, Klostern, Gefang-
nissen, Pensionaten, Kasemen, Schiffen, aus der Frcmdenlegion, Her-
bergen und Asylen liegen Berichte iiber homosexuelle Betatigung als
Surrogathandlung, „faute de mieux", vor. ^) Offenbar handelt es sich
*) Beispiele finden sich:
a) Aus Schulen cfr. p. 390 ; ferner H. v. Kahlenberg, „Nixchen**
Wien 1904 p. 41; Forrest Reid, „The Garden God. A tale of
two boys." liondon 1906. Octave Mirbeau, „Sebastian Roch".
Wien und Leipzig 1902.
b) Aus Klostern bei D op pet. Das GeiBeln und seine Einwirkung
auf den Geschlechtstrieb.
c) Aus Schiffen bei Ellis und Symonds, Das kontrare Ge-
schlechtsgefuhl (1896) S. 11, Note 1.
Hirscbfeld, Homosexualitit. \ 3
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auch hier nicht um Homosexualitat, sondern um eine Abart der Onanie,
selbst wenD iramissio in corpus statthat.
Wie wenig diese Personen einen solchen Xotbehelf dem natur-
licheu Verkehrc gleichsetzen, mit welcher Naivitat sie ihn aber auch oft
beurteilen, zeigte mir einmal eine Antwort, die mir in einer urnischen
Soldatenkneipe, die ich mir ansah, ein reicher Bauemsohn gab, der
bei den Dragonern diente. Auf meine Frage, warum er mit Mannern
verkehre, erwiderte er: „Um meiner Braut treu zu bleiben." Die
meisten Vertreter dieser Gruppe werden allerdings um sich zu ent-
spanuen, die solitare Onanie mit Vorstellungen der mutuellen gleich-
geschlechtlichen den Vorzug geben. Krafft-Ebing') meint, daB
namentlicli oft Tochter hoherer Stande, die sorgsam vor Verfiihrung
durch Manner gehiitet werden, aus Furcht vor Graviditat zu homo-
sexuelleii Surrogatakten gelangen.
Wenn Hammer 8) in einem Dimenkrankenhaus unter 41 von der
Sittenpolizei zur Zwangsbehandlung eingelieferten Madchen 21 „Les-
bierinnen** feststellte, so darf mit ziemlicher Sicherheit angenommen
werden, daD von diesen nur ein kleiner Teil homosexuell war, wahrend
die iibrigen .,mitmachten", also als pseudohomosexuell aufzufassen sind.
A He die genanRten drei Gruppen homosexuell verkehren-
der Heterosexueller haben zweierlei gemeinsam ; erstens, daB der
homosexuelle Verkehr f lir sie nur eine vorlibergehende Episode dar-
stellt, daU sie voUig normalempfindend bleiten und, sobaldihnen
Gelegenheit geboten ist, ehelich oder auch auBerehelich mit dem
anderen Geschlecht verkehren; zweitens, daB es sich in wenig-
stens 750/0 der in Frage kommenden Personen um Jugendliche
zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr handelt. Ein Fremden-
legionar sagte zu Rebierre^): „Geben Sie in das Lager 5 — 6
Frauen und wir werden wahrscheinlich unsere jetzigen Ge-
wohnheiten aufgeben.** In alien Fallen bleibt die Heterosexu-
alitat der unerschtitterliche Bestand ihrer Wesenheit, genau so
wie auch die homosexuelle Wesensart und Triebrichtung durch
pseudoheterosexuelle Akte unbeeinfluBt bleibt. Denn alle drei
Gruppen pseudohomosexueller Heterosexueller finden ihr Seiten-
sttick in pseudoheterosexuellen Homosexuellen. Auch unter diesen
d) Aus Gefangnissen bei W e v , zitiert bei Ellis und Symonds
S. 13.
e) Aus Kasernen. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen
des Geschlechtssinns (1886) S. 66. E 1 1 i s u nd S y m on ds S. 10.
Note 1. Raffalovich, Entwicklung der Homosexualitat (1895)
S. 12.
f) Aus der franzosischen Fremdenlegion. Cramer, Berliner klinische
Wochenschrift Bd. 31. S. 962 (1897) und Gerichtliche Psychiatric
S. 281 (1900). Oscar Wohrle, Der Baldamus. Cremer,
Verlorene Sohne ; ferner Gustave Flaubert, „Salambo" VJher
Beziehungen unter den karthagischen Soldnern.
^) Jahrbuch f. sex. Zwischenst. Bd. III. p. 25.
8) W. Hammer, Uber Prostitution und Homosexualitat, zugleich
ein Beitrag zur Lehre von den Enthaltsamkeitsstorungen. Monats-
schrift fiir Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene, Heft 11, November
1905
R e b i e r r e. A. a. O.
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gibt es solche, die aus Eigennutz heterosexuell verkehren —
man denke nur an die homosexuellen weiblichen Prostituierten
— solche, die sich aus Mitleid oder Dankbarkeit bereit finden,
heterosexuellen Wlinschen nachzugeben und auch solche, die sich
mangels gleichgeschlechtlicher Personen heterosexuell betatigen,
gewohnlich aber auch der von Phantasien begleiteten Solitar-
onanic den Vorzug geben. Fur alle diese im Grunde homosexu-
ellen Personen haben die heterosexuellen Erlebnisse ungefahr
die Bedeutung onanistischer Manipulationen. Sie bilden fiir
sie eine vortibergehende Phase und sobald sie kdnnen, stellen
sie sich wieder auf das ihrer Sexualpersonlichkeit tentsprechende
Sexualziel ein. Nur eine Gruppe bleibt s^hwankend, die von
vornherein zur dauernden Bisexualitat Praf ormierten. Das Resul-
tat der in diesem Kapitel angestellten Betrachtungen konnen wir
aber nioht besser zusammenfassen als mit zwei Satzen Kraf f t-
Ebings, der auch hier wieder den Kern der Sache scharf
erfaUt hat. In dem Aufsatz liber „Weibliche Homosexualitat"
im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen i^) schreibt er: „Es
kann nicht genug betont werden, daB geschlechtliche Akte an
Personen desselben Geschlechts an und ftir sich durchaus nicht
kontrare Sexualitat verburgen. Von dieser kann nur die Rede
sein, wenn die physischen und psychischen sekundaren Ge-
schlechtscharaktere einer Person des eigenen Geschlechts An-
ziehungskraft fiir eine andere haben und bei dieser den Impuls'
zu geschlechtlichen Akten an jener hervorrufen.**
Was die Verwechselung homosexueller Handlangen mit solchen
betrifft, die auf ganzlich anderm Gebiete liegen, so werden
wir im II. Teil noch darauf zuriickkommen, wenn von der gericht-
licheu Begutachtung dieser Handlungen die Rede ist. Es gehoren
hierzu beispielsweise Fiille wie der, in dem auf einem Berliner Bahn-
hof ein Bereiter wegen Leichenfledderei verhaftet und auch spater
verurteilt wurde, der sich an den Beinkleidern eines schlafenden Ma-
trosen zu schaffen gemacht hatte. Er gab an, er habe nur aus homo-
sexuell-fetischistischen Motiven die ihm sympathische Hose des Ma-
trosen gestreichelt und geliebkost. Doch schenkte ihm das Gericht
keinen Glauben. Tatsache ist, daC recht oft schon homosexuelle An-
naherungen fiir versuchte Taschcndiebstahle gehalten wurden. Es
kommt aber auch vor, daB Taschendiebe speziell im Gedrange auf Ur-
ninge fahnden, sich an deren Hosen anscheinend in sexueller Absicht
zu schaffen machen, wahrend sie ihnen in Wirklichkeit nur das Porte-
monnaie entwenden wollen.
Vor einiger Zeit wurde in Worms ein homosexueller Soldat wegen
Verdachtes der Spionage verhaftet, der sich wiederholt heimlich zu
einem Franzosen in ein Hotel begeben hatte. Uber diesen Fall hiefl
es in der Presse: Ein eigenartiger Spionagefall beschaftigt zur Zeit
die Berliner Kriminalpolizei. Vor kurzem wurde in Worms, wie
seinerzeit gemeldet, ein Soldat des 118. Infanterieregimentes namens
10) Jahrb. f. sex. Zw., p. 23. Bd. III.
13*
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Fritz Z. aus Berlin unter dem dringenden Verdachte des Verrates
militarischer Geheimnisse verhaftet. Die Anzeige hatte der 23jahrige
Hausdieuer H. erstattet, der in Mainz im Hotel „Zum Dominikaner" an-
gestellt war. H. hatte beobachtet, wie ein in dem genannten Hotel
wohnender Franzose an zwei aufeinander folgenden Tagen den Besuch
eiues Soldaten empfing, mit dem er sich einschloB. Der Hausdiener
will bemerkt haben, daC beide in ihrem Zimmer erregt aufeinander ein-
sprachen, daC sie im Hotelzimmer photographische Aufnahmen machten
und daB Z. dem Franzosen ein Paket iibergeben habe. Diese Beob-
achtungeii teilte der Hausdiener, der bis vor kurzem als Freiwilliger
bei dem Husaren-Regiment Nr. 8 in Paderborn diente, dem Komman-
deur des 118. Infanterieregimentes mit. Daraufhin lieB der Oberst
das ganze Regiment antreten. Nun sollte der Hausdiener den Schul-
digeii bezeichnen. H. fand auch den Verdachtigen heraus, der zugab,
die Besuche in dem Hotel gemacht zu haben. Es war der Soldat Z.,
der sofort in Haft genommen wurde. Z. verweigerte lange Zeit jede
Auskunft. SchlieBlich gab er, in die Enge getrieben, an, er sei
homosexuell veranlagt, habe den Franzosen in Berlin kennen
gelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Seinen Namen wisse
er nicht. Z. bestreitet ganz entschieden, Spionage getrieben zu haben
und will den Fremden nur „aus Liebe" besucht haben. Diesen An-
gaben schenkt aber die untersuchende Behorde vorlaufig keinen
Ulauben. Der Verhaftete hat sich nun entschlossen, die Namen einiger
Homosexueller zu nennen, die ihn von Berlin her kennen. Diese
Zeugen werden nun auf dem Berliner Polizeiprasidium vernommen.
Von ihren Bekundungen wird es abhangen, ob Z., der sich bereits seit
sechs Wochen in Untersuchungshaft befindet, von dem schweren Ver-
dachte der Spionage sich wird mit Erfolg reinigen konnen.
Dieser Fall steht nicht vereinzelt. Ich kenne allein aus Kiel,
Cuxhaven und Wilhelmshaven mehr als ein halbes Dutzend Vorgange,
in denen homosexuelle Herren besserer Stande, die sich mit Mann-
schaften der Marine trafen und intimen Verkehr unterhielten, in Spio-
nageverdacht gerieten. Wenn die beiden Verdachtigen zu ihrer Ent-
lastung endlich den wahren Grund ihrer Beziehungen zugaben, kamen
sie meist „aus dem Regen in die Traufe", indem man sie nun wegen
homosexueller Verfehlungen verfolgte. Schon aus dem Altertum wissen
wir von ahnlichen „Geschichten". So erzahlt Dio Cassius (67/11)
in seinen Mitteilungen iiber Domitian, daB „ein junger Mann,
Julius Calvaster, der, um in den Senat zu kommen, Tribunen-
dienste tat, auf eigene Art sein Leben rettete. Er war iiberwiesen bei
A.ntonius, dem romischen Feldherrn in Germanien, dem wegen
einer Verschworung gegen Domitian der ProzeB gemacht wurde,
alJein im Zelt verweilt zu haben, und konnte sich von dem Verdachte
der Teilnahmc an der Verschworung nicht reinigen; da gab er an, sein
Verkehr mit dem Feldherrn sei fleischlicher Natur gewesen, und wurde
nun freigesprochen."
Besonders haufig sind die Falle, in denen Studenten und Offi-
ziere wegen Beleidigung zum Duell gefordert wurden, weil sie angeblich
mit feindseligen Blicken jemanden „fixierten", wahrend sie in Wirk-
lichkeit nur aus Verliebtheit „don Blick nicht von ihm lassen" konnten.
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NEUNTES KAPITEL.
Differentialdiagnose zwischen Homosexualitflt und Bisexualitflt.
Die Homosexualitat von der Bisexualitat abzugrenzen, ver-
ursacht gleichfalls nicht selten erheblich© Schwierigkeiten, die
dadurch noch vergroJJert werden, dall „bisexu©ir' bisher nicht,
wie Homosexualit&t, ein einheitlich festgelegter Begriff ist.
Einige, vom Standpunkt der Potenz ausgehend, nennen bisexuclJ
Personen, die f ahig sind, auBer mit dem einen audi mit dam anderen
Geschlechte zu verkehren. Ob dieses Konnen auf einem nach Be-
friedigiiTig drangenden Triebe beruht, oder auf eine der im vorigen
Abschnitt beschriebenen peripheren Reizungen zuriickzufiihren ist,
bleibt dabei unberiicksichtigt. Andere aber, und bier ist in erster
Linie Krafft-Ebing zu nennen — der die Bisexualitat nocb
„p8ychischc Hermaphrodisie" nannte — betonen ausschlieBlich die
seelische Triebrichtung ; er sagt, daC „diese Stufe der kontraren
Sexualempfindung dadurch charakterisiert ist, daU neben ausgesproche-
ner sexueller Empfindung und Neigung zum eignen Geschlecht, solche
zum andern vorgefunden wird." Wenn Krafft-Ebing unmittel-
bar darauf sagt: „aber diese ist eine^ viel schwachere und nur cpisodisch
vorhandene, wahrend die homosexuelle Empfindung als die primare
und zeitlich wie intensiv vorwiegende in der Vita sexuaiis zutage
tritt,*' so ist dies insofern nicht zutreffend, als es sicher auch psy-
chisch hermaphroditische Manner und Frauen gibt, bei denen die
heterosexuelle Komponente die homosexuelle an Starke iiberwiegt.
Drittens wird aber der Ausdruck bisexuell auch vielfach auf die Per-
sonlichkeit selbst bezogen, wobei teils mehr die doppelgeschlechtliche
Anlage, teils mehr die dauernde Doppelgeschlechtigkeit dei: Men-
schen als Folge der zweigcschlechtlichen Zeugung durch Mann und
Weib bet on t wird.
Je nachdem man mehr die eine oder andere Bedeutung der
Bisexualitat im Auge hat, wird man die M e n g e der Bisexuellen
enger oder weiter fassen. Wer jeden bisexuell nennt, der nicht
nur mit dem einen, sondern auch, wenngleieh ohne Libido und
Befriedigung, mit dem anderen Geschlecht gelegentlich den
Koitus voUziehen k a n n , wird viel mehr Menschen f iir bisexuell
halten als der, der nur den Geschlechts t r i e b flir maligebend
erachtet, und noch viel mehr Bisexuelle wird annehmen, wer
die zweigeschlechtliche Anlage und Beschaffenheit des Indi-
viduums selbst im Auge hat. Einige neuere Autoren haben sogar
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in einer dauernden Bisexualitat des Geschlechtstriebes den eigent-
lichen physiologischen Normalzustand, und in dem sich nur auf
ein Geschlecht erstreckenden Trieb eine durch Verkiimmerung
hervorgerufene Einseitigkeit erblicken woUen. So bezeiclinet
Friedlander^) als jjKlilninerlinge** solche Manner, „deren
Fahigkeit zur Lieblingminne durch den Sittendruck in ahn-
licher Weise kllnstlich verkriippelt worden ist, wie die FilBe
der Chinesinnen durch den mechanischen Druck der korperlichen
Einzwangungsinstrumente".
Aucb Wilhelm FlieB^) und Heinr ich Pudor^), der be-
reits 1893 allerlei Tiefgriindiges iiber die „allgemeine Bi-
sexualitat" auBerte, fassen den Begriff sehr weit. P u d o r sucht das
„doppelgescblechtliche Fiihlen aus der Tatsache der korperlichen
Bisexualitat** (p. 6) abzuleiten. Er meint, man miisse davon aus-
gehen, dafi die Natur den Menschen nicht mit einem, sondern mit
zwei polaren Geschlechtstrieben geschaffen babe, einem jiktiven (mann-
lichen) und einem weiblicben (passiven). Diese beiden Geschlechts-
triebe seien in unzahligen Varietaten prozentualiter vertreten. Nur
duicli die Beobachtung, daB Manner nicht gebaren, sondern nur zeugen,
Frauen nicht zeugen, .sondern nur gebaren, seien wir zu dem Fehl-
schlufl gelangt, daB die „ Manner" genannten Menschen nur mann-
lich, una die „Frauen" genannten Menschen nur weiblich empfinden
konnten. Wir verwechselten physiologische und psychologische Ver-
anlagung und Ausbildimg. An einer anderen Stelle sagt derselbe Autor :
„Man darf heute wohl annehmen, dafl alle Menschen bis zu
einem gewissen Grade bisexuell sind, dafl es sich bei
Heterosexuellen und Homosexuellen nur um Gradunterschiede, nicht
um absolute Unterschiede handelt, daB der Heterosexuelle nicht aus-
schlieBlich heterosexuell, sondern auch homosexuell und der Homo-
sexuelle nicht ausschliefllich homosexuell, sondern auch heterosexuell
empfindet. Dies in tTbereinstimmung mit den Grundgesetzen des
Naturlebens und des organischen Lebens, das keine Spriinge, sondern
nur tTbergange kennt. Die Natur hat nicht zwei Klassen von Men-
schen geschaffen, Heterosexuelle und Homosexuelle, sondern sie hat
unendliche Spielarten von beidgeschlechtlichen Menschen geschaffen,
in denen das heterosexuelle und homosexuelle Empfinden bisexuell
in unzahligen, prozentual verschiedenen Mischungen vereinigt ist. In
vielen Menschen ist das gleichgeschlechtliche Vermogen, in vielen
Menschen ist die andersgeschlechtliche Anlage ganz schwach ausge-
bildet; im ersteren Falle handelt es sich um die sogenannten Nor-
malmenschen, im zweiten Falle um Anormale oder Homosexuelle. Aber
auch im Normalmenschen ist homosexuelles Vermogen, wenn auch
meist unbewuBt, vorhanden und im Homosexuellen heterosexuelle An-
lage, wenn sie auch in diesem Falle selten an die Oberflache tritt."
Entsprechend dieser Ansicht wiinscht Pudor, daB statt „Homosexuelle"
„homosexuell differenzierte Bisexuelle", statt „ Heterosexuelle" „hetero-
sexuell differenzierte Bisexuelle" gesagt werden soil und meint, daB
den „sog. Homosexuellen" durchaus nicht, wie sie glauben, das
1) B. Friedlander, 1. c. p. 86.
-) Wilhelm FlieB und seine Nachentdecker O. W e i n i n -
g e r und H. Swoboda von Richard Pfennig, Berlin 1906.
') Bisexualitat. Untersuchungen iiber die allgemeine Doppel-
geschlechtlichkeit der Menschen. Gegen Wilhelm FlieB. Von Dr.
Heinrich Pudor. Berlin 1906.
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Familiengliick verschlossen sei, da ja das ,,AVeib ira Manne" rait dem
„Manne im Weibe" eine Ehe eingehen konne.
In den letzten Jahren hat namentlich die Freud srhe
Schule das Verdienst, durch das psychoanalytische Verfahren
gezeigt zu haben, dall bei fast alien Homosexuellen eine hetero-
aexuelle, bei den meisten Heterosexuellen eine homosexuelle
Komponente, wenn man in der Tiefe ihrer Empfindungen und
ihrer Vergangenheit schtirft, als verdrangter Komplex nach-
weisbar ist. Gleichwohl erscheint es mir nicht zutreffend, an-
zunehmen, daB scharf Heterosexuelle und ausschlieClich Homo-
sexuelle tiberhaupt nic^ht existieren. Das steht mit den Er-
fahrungstatsadben im Widerspruch, welche es auBer Zweifel las-
sen, daB in der libergroBen Mehrzahl der Falle die
Lieb e und der Gesch lech tstr ieb absolut ziel-
sicher und zielbewuBt auf e i n Geschlecht lossteuern.
Auf welches, das hangt bei dem einzelnen ganz von „dem Gesetz"
ab, nach dem er „angetreten**. DaB Friedlander, Freud,
Pudor und andere den Begriff der Bisexualtitat so weit lassen,
hangt offenbar damit zusammen, daB sie, wie wir oben sahen,
in den Begriff der sexuellen Liebe Neigungen einbeziehen, die
andere als nicht erotische erachten. Mag das nun letzten Endes
begriindet sein oder nicht, praktisch und differentialdiagnostisch
mijssen wir daran festhalten, daB auf der einen Seite scharf
akzentuierte Heterosexuelle existieren, die einzig und allein
das andere Geschlecht zu lieben imstande sind, wie auf der
anderen Seite ebenso rein ausgesprochene Homosexuelle, denen
diese Empfindung ganzlich verschlossen ist; auBer diesen Grup-
pen gibt es dann allerdings auch, und zwar ebenso praformiert
und an ihrer eigenen Personlichkeit verankert, Bisexuelle, die
unter b e i d e n Geschlechtern sexuell anziehende Personen finden,
Pseudohomosexuelle mogen in Wirklichkeit nicht selten Bisexu-
elle sein, und auch das, was als periodische, tardive, vor allem
auch als erworbene oder geztichtete Homosexualitat beschrieben
ist, fallt zumeist in den Bereich der Bisexualitat.
Vor allem miissen wir, um eine scharfe Differentialdiar
gnose Ziehen zu konnen, den Begriff Sexualitat in alien :drei
Fallen, dem der Heterosexuellen, Homosexuellen und Bisexuellen
g 1 e i c h annehmen. Wenn wir also im Beginn dieses Buches die
Homosexualitat als die auf das gleiche, die Heterosexualitat
als die auf das andere Geschlecht gerichtete Sexualempfindung
definierten, fiir beide die Triebr i ch tu ng , nicht die Moglich-
keit des Geschlechtsaktes als ausschlaggebend ansahen, so kann
auch konsequenterweise ftir die Bisexualitat nur eine sich auf
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b e i d e Geschlechter erstreckende Libido, nicht die blofle
facultas coeundi maBgebend sein.
Wir pflichten bier ganz und gar Numa Pratorius*) bei,
der einmal in einer seiner Bucbkritiken scbreibt:
„In V i e 1 e n Fallen sind iiberhaupt die sogen. Bisexuellen ent-
weder Homosexuelle, die nur nacb dem Gescblecbtsverkebre mit denj
Maune streben, aber wenn es sein muB, auch mit dem Weib ohne Ekel,
aber ohne inneren Trieb verkehren konnen, oder Heterosexuelle, die
iustinktiv nur das Weib zum Geschlechtsverkehr aufsuchen, die aber
aus Gefalligkeit, Freundschaft, Eigennutz gleichgeschlechtliche Hand-
lungen ohne Ekel, sogar mit 1 o k a 1 e m Reiz, aber ohne instinktmaBige
Lust dulden."
Ganz besondere Schwierigkeiten bietet diese Different ialdiagnose
bei Jugendlichen, vom Erwachen des Geschlechtstriebes bis zum Ab-
schluB der sekundaren Geschlechtscharaktere im Beginne der zwanziger
Jahre.
Schon G u t z k o w erwahnt in den „Sakularbildern" (Frankfurt,
184G, Bd. I. S. 50) die Pubertats-Bisexualitat. Er sagt: „Gew6hnlicb
geht der Liebe zum Manne eine oft grenzenlose Liebe zum Weibe vor-
aus. Junge Madchen verlieben sich in altere, eine Erscheinung, die
sich freilich auch bei den Knaben findet: wie ich mir denn bewuBt bin,
einst als Knabe zu einem meiner Kameraden, der mir jetzt ganz fatal
ist, die heiBeste Leidenschaft getragen zu haben." In vielen Fallen
ist die Friihdiagnose zwar absolut sicher zu stellen. Man
findet feminine Urninge und virile Urninden von 16 Jahre n, an deren
homosexueller Geschlechtsnatur auch nicht der mindeste Zweifel ist,
genau so, wie bei manchen auch die Heterosexualitat bereits in diesem
Alter unverkennbar zutage tritt; aber oft ist es fast unmoglich, ein
sicheres Urteil abzugeben. Erkundigt man sich bei jungen Freunden
und Freundinnen homosexueller Manner und Frauen nach ihrer eigenen
Triebrichtung, wie ich es in hunderten von Fallen zu tun Gelegenheit
hatte, so erhalt man erstaunlich oft die Antwort: „Wir wissen es selbst
noch nicht.**' Man muB dabei allerdings beriicksichtigen, daB viele
sich fiir bisexuell oder unentschieden ausgeben, weil sie sich genieren,
homosexuell zu verkehren, ohne es zu sein, oder auch weil sie die
Bisexualitat fiir weniger „anriichig" halten wie die Homosexualitat.
Aber hiervon abgesehen gibt es doch recht zahlreiche Personen, bei
denen noch fiinf und mehr Jahre nach der Reife der Geschlechtstrieb
in seiner Richtung nicht fest normiert erscheint. Er verhalt sich in
dieser Hinsicht alien anderen Geschlechtsmerkmalen voUig analog.
Sehr rich tig bemerkt Iwan Bloch^) „Der psychischen Bisexualitat
entspricht oft genug die korperliche, eine leicht madchenhaf te Niiance
beim Knaben, eine leicht knabenhafte beim Madchen, der Typus des
traumerischen Jiinglings und des wilden Backfisches."
Genau so wie die primaren Geschlechtscharaktere vor ihrer Fixie-
ruug eine geraume Zeit in einem unterschiedslosen Zustand persistieren,
den man als eingeschlechtlich oder ungeschlcchtlich bezeichnen konnte,
wenn man nicht aus seiner Vorgeschichte und zukiinftigen Gestaltung
wiiBte, daB er, in der Zusammenfassung des vom Manne und Weibe er-
erbten, eigentlich doppelgeschlechtlich ist — genau so, wie
von der Geburt bis zur Reife die sekundaren Geschlechtscharaktere,
wie Kehlkopf, Milchdriise, Behaarung, undifferenziert verharren, bis sie
sich nach der einen oder anderen Richtung entfalten — wie schlieBlich
jedes Organ unseres Organismus durch die Doppelgeschlechtlichkeit
hiudurch zur Geschlechtlichkeit gelangt, ebenso ist es mit denjenigen
*) Jahrbuch f. sex. Zw. IX. Jahrg. 1908. pag. 506.
•') Iwan B 1 o c h , Das Sexualleben unserer Zeit. p. 596.
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Teileii des Nervensystems, in denen der Geschlechtssinn und der Ge-
schlechtstrieb ihren Sitz haben.
Von Schilderungen bisexueller Neigung im jugendlichen • Alter,
dereu ich eine Anzam besitze, will ich wenigstens ein Beispiel geben,
einen Bericht, in dem ein liberwiegend heterosexneller Jiingling von
20 Jahren, der mit einem alteren homosexuellen Mann in einem harmo-
nischen Freundschaftsverhaltnis zusammenlebt, seine Empfindungen
niedergelegt hat. Er schreibt:
„Tch bin zurzeit 20 Jahre alt, mittelgroB, sehr kraftig, voll-
kommen mannlicher Erscheinung und hochst mannlichen Charakters,
schroff, energisch, ohne jede Spur von Weichheit oder Weiblichkeit,
verschlossen, unzuganglich, dabei zu tollen Streichen — je mehr
Lebensgefahr, desto besser — geneigt, fast libermaBig selbstandig,
selbstbewufit. Was mein sexuelles Leben aniangt, so ist dasselb«
ziemlicL fruh erwacht. Ich habe mich etwa von meinem 10. Jahre ab
sowohl mit Madchen als auch mit Knaben sexuell vergnugt, anfangs
ohne, seit meinem 13. Jahre mit Ejakulation onaniert. Stets fdhlte
ich mich dabei ganz und gar als der dominierende, mannliche Teil.
Etwa um mein 16. Jahr wurde ich durch Freunde zu offentlichen
Dimen gefiihrt, mit denen ich den Koitus mit vollster Potenz, aber
ohne rechten GenuB vollzog. Seitdem habe ich selten, im eanzen
etwa lOmal, mit kauf lichen Weibern verkehrt, aber nieaus eigentlichem
Verlangen, sondern nur aus Neugier oder . um in Gesellschaft mitzu-
machen. Nie ging ich allein zum Weibe, sondern nur mit Freunden
und in tknimierter Stimmung. Diese Enthaltsamkeit resultiert zum Teil
aus einer gewissen scheuen Zuriickhaltung meines Wesens, die mir die
Annaherung an Menschen iiberhaupt erschwert, zum Teil aus einer
stark ausgepragten asthetischen Empfindsamkeit, die mich auch bei
der sexuellen Auswahl stark beeinfluBt. Nur ein s c h 6 n e s Weib
kann mich erregen. Die betreffende muB mittelgroB, schlank, kraftig,
dunkel, lebhaften, gefalligen Wesens sein. Sie soil in jeder Beziehung
mir unterwiirfig ersoheinen, darf also mich weder an GroBe, noch
an Geist iibertreffen. Die Schilderung Lessings „das Madchen" paBt
so ungefahr auf mein Ideal. In zweiter Linie zieht mich das mann-
liche Geschlecht an. Sehr stark wirkt auf mich hohe Intelli^enz,
ruhige Guto und Vornehmheit des Auftretens. Demgegeniiber spielen
die asthetischen Momente nicht die Rolle wie beim Weibe, wenn ich
allerdings auch nicht zu einem, in korperlicher Beziehung geradezu ab-
stoBenden Manne, in nahrere Beziehungen zu treten vermochte. Liegen
in letzterer Hinsicht keine Hemmungsgriinde vor, so bin ich fahig,
auf Grund langerer Bekanntschaft und einer so begriindeten seelischen
Attraktion einem Manne wirkliche erotisch-seelische Zuneigung ent-
gegenzubringen. Freilich vermute ich, daB in rein sexueller
Beziehung der Reiz des Weibes doch groBer sein wiirde, aJs jemals
ein Mann, selbst der geliebteste ihn ausuben konnte. Aber ich kann
hieruber keine bestimmten Feststellungen treffen, da ich bisher noch
nie ein mich sexuell wirklich anziehendes Weib gefunden habe. So
habe ich denn bisher wirklichen v o 1 1 e n GeschlechtsgenuB nur bei
einem etwas alteren, zart und schlank gebauten jungen Manne gefuhlt,
der im iibrigen durchaus mannlich, intelligent, aber mir gegeniiber von
etwas weiblicher Hingebung und iiberdies in korper-
licher Beziehung von einer fast madchenhaften Zier-
lichkeit ist. Nicht die letztere als solche, sondern ihre Ver-
bindung mit mannlicher Denkungsart zieht mich seelisch an. Ich
resiimiere mich dahin, daB ich m rein sexueller Hinsicht etwa zu
70 o/o zum Weibe, zu 30 o/o zum Manne neige. In beiden Fallen handelt
es sich um eine wirkliche vorhandene Zuneigung seelischer und sinn-
licher Natur. Das habe ich von jeher mit volliger Klarheit gefdhlt.
Die Empfindungen vor dem Akte waren dem Weibe gegeniiber wesent-
lich animalisch. Dem Manne gegeniiber, d. h. dem geliebten !Manne
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gcgenuber, waren sie mehr raenschlich, sicher aber wiirde eincm g e-
1 i e b t e n Weibe gegeniiber das Gleiche der Fall gewesen sein. Die
Empfiudungen bei und nach dem Akte hangen von der seelischen
Zuneigung ab, die ich dem Betreffenden entgegenbringe. Den bisher
vou mir gegen Geld gebrauchten Weibern gegeniiber habe ich stets
Abscbeu empfunden. Nicht so bei einem geliebten Wesen, sei
es Weib, sei es Mann."
Man wird gut tun, bis zum Beginn der zwanziger Jahre
mit der Diagnose Homosexualitat ganz besonders zuriickhaltend
zu sein. Ahnlioh wie man in vielen Fallen von Hermaphroditis-
mus externus mit der Entscheidung ob Mann oder Weib warten
mu6, bis die sekundaren Geschlechtscharaktere differenziert sind,
wird man bei vielen Jtinglingen und Jungfrauen ein sicheres
Urteil iiber die Frage homosexuell oder heterosexuell erst ab-
geben konnen, wenn die postpubische Bisexualitatsperiode als
vollig abgeschlossen angesehen werden kann. Man muJJ sich
also exspektativ verhalten, aus praktischen Grtinden vorderhand
Heterosexualitat annehmen (und nac'h Moglichkeit fordern),
ohne sich allerdings der Illusion hinzugeten, als ob durch irgend-
welchen EinfluU von auBen, der Trieb nach der einen oder ande-
ren Seito gedrangt werden konne.
AVie lange oft die Entscheidung schwankt, moge das folgende
Beispiel — Bekenntnis eines gebildeten homosexuellen Kaufmannes —
zeigen :
„Im Alter von 20 — 30 Jahren war ich nacheinander in vier bis
fiinf M a d c h e n verliebt. Die Anregung dazu ging jedoch meist von
ihnen aus, und weiter als bis zum Kiissen ist es nie gekommen. Es fie)
mir dabei auf, daB sich beim Madchenkufl keine rechte sinnliche Er-
regung einstellen wollte, was beim Kiissen von gleichaltrigen Freimden
stets der Fall war. Vom 23. Jahre ab verkehrte ich mit langeren oder
kiirzeren Pausen regelmafiig mit weiblichen Prostituierten und hatte
dabei auch einen gewissen GenuB. Dabei beherrschte mich aber stets
eine unaussprechliche Sehnsucht nach etwas Besserem, nach „dem
groBen unbekannten Freund", der mir alles ware, fiir den ich den
letzten Blutstropfen hinzugeben bereit ware. Die Verwirklichung dieses
Traumes schien jedoch von Jahr zu Jahr in weitere Feme zu riicken.
Im Alter von 27 Jahren wollte mich eine junge hiibsche Frau zu ihrem
Hausfreund machen. Ich lieB mir die Sache anfangs gefallen, raachte
ihr den Hof, es kam zu Mondscheinpromenaden mit Kiissen, welch*
letztere mir aber eher unangenehm als angenehm waren, und als end-
lich einmal die von ihr ersehnte Gelegenheit sich bot, muBte ich zu
meiner Beschamung entdecken, daB sich bei mir keine Spur von sinn-
lichem Verlangen zeigte. Sie nannte mich einen ,,Ritter Toggenburg"
und suchte sich einen anderen. Mein Gemiitszustand wurde nun von
Jahr zu Jahr trostloser. Ich begann mich mit der Frage vertraut zu
machen, ob es nicht besser sei, einem so freudlosen, zwecklosen Da-
sein freiwillig ein Ende zu machen, als ich einen jungen Mann kennen
lernte, der die gliinzendste Erfiillung meiner heiBen Sehnsucht war;
seit dieser Zeit wiirde ich es als einen Verrat an meinem Geliebten
und mir selbst empfinden, wenn ich irgendwie mit einem Weibe in
geschlechtliche Beriihrungen treten wiirde. Mein Verhaltnis zu den
„anstandigon** Madchen und der jungen Frau, die mich verfiihren
wollte, war nur Freundschaft, der Verkehr mit den Freudenmadchen
nur ein mechanischer Reiz. Er erfiillte mich mit einem gewissen Stolz,
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griff mich aber korperlich sehr an. Der geschlechtliche Verkehr mit
meinem Liebling endlich gewahrt mir die groBte Lust, die ich mir
denken kann, und laBt naohtraglich weder korperlich noch seelisch
das leiseste Unbehagen zunick. Ich fiihle mich im Gegenteil gesiinder
und arbeitsfreudiger als zuvor, so daB es keinem Zweifel unterliegen
kann, daU diese Art des Geschlechtsgenusses fiir meine Natur die
einzig richtige ist."
Ich kenne Beispiele, in denen die Selbstdiagnose j,Homo-
sexualitat" noch viel spater erfolgte, wie in dem soeVen mit-
geteilten; wir sehen an diesem Falle ferner — und auoh hier-
fiir k6nnte ich manche kasuistische Unterlage beibringen —
wie erst der Unterschied in den Empfindungen und dem
Verhalten vor, wahrend und nach dem Verkehr die Diagnose
vergleichsweise verstattet. Das geht so weit, daJJ Personen,
die sich lange Zeit ftir bisexuell, ja heterosexuell iiielten, nach-
dem sic homosexuell verkehrten, voUig ihre BisexualitUt leugnen.
Auch hierfiir ein typisches Beispiel; ein Gewahrsmann schreibt:
„Ich liebte Manner von 26 Jahren ab, mit Sohnurrbart, aber
keineu VoUbart; Soldaten, am liebsten Unteroffiziere, auch Leute aus
gewohnlichem Stande, aber keine vomehmen Herren oder Strichjungen.
Setatigung hat mit beiden Geschlechtern stattgefunden, in den letzten
zehn Jahren nur mit dem mannlichen. Die Empfindung nach dem Akte
mit der Frau gewahrte keine Befriedigung, ich konnte sie nachher nicht
langer mehr oei mir dulden, sie mufite dann sofort aus dem Bett.
Eusse tauschte ich viel lieber und inniger mit dem Manne, der mir
gefallt, Frauen gebe ich nur den kalten PflichtkuB. Ich bin ver-
heiratet gewesen, da ich vorher nicht klar war iiber meine Natur, sonst
hatte ich nie geheiratet. Hatte zwei Knaben; einer tot, einer lebt.
Bin von der Frau eeschieden; sie weiB um meincn Zustand und ver-
urteilt ihn jedenfauls, habe mit ihr nie dariiber geaprochen. B i-
sexualitat halte ich fiir einen Zustand der Unwissen-
heit und der Furcht. Wenn man sich erst iiber seine Natur
klar geworden ist, und wenn man sich genau fragt, so gibt es nur
das eine oder das andere. Jetzt halt einen vielfach die alte Anschau-
ung, Gewohnheit oder auch Denkfaulheit ab, um sich uber sein Ge-
schlechtsempfinden klare Rechenschaft zu geben. Ist man aber erst
mit sich im reinen, dann wird man nur noch fiir das eine Geschlecht
empfinden."
Die Bedeutung dieser Auslassung liegt im Subjektiven.
Wenn Schreiber indessen, wie so viele Mensohen auf sexu-
ellem Gebiete, aus seinen Erlebnissen ein objektives Prinzip
von allgemeiner Gliltigkeit abzuleiten bestrebt ist, so konnen
wir ihm darin nicht folgen, denn es kann keinem Zweifel unter-
liegen, daB die Bisexualitat durchaus* nicht immer ,,,ein Zu-
stand der Unwissenheit und Furcht** ist, sondern daB Falle von
dauernd doppelgeschlechtlicher Neigung existieren.
Ulrichs erwahnt in Formatrix (1864) solche unter der Uber-
schrift: „Uranodionaismus" § 81. Er sagt hier: „So kann ich mich
namentlich nicht langer versperren gegen die sich mir aufdrangende
Uberzeugung, daB es I)oppelnaturen gibt, welche fiir Manner wie fiir
Weiber Liebe empfinden. N e r o s und Commodus* Doppelliebe
diirfte durch die Klassiker hinlanglich beglaubigt sein. Nach seinen
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Liebesgedichten an Lydia und Ligurinus zu schlieBen, scheint auclj
Horaz hierher zu gehoren. Auch aus der Gegenwart kenne ich Bei-
spiele. Einer (aus dem nordlichen Kurhessen) tragt an Korper- wie
an Gemiitsart einen ausgepragt mannlichen Geschlechtshabitus. Er
liebt Madchen wie Burschen, weit iiberwiegend jedoch Burschen. Einee
anderen (eines Bayern) Gemiitsart und Benehmen ist weiblich, wenn-
gleich nicht gerade von entschiedener Auspragung. Derselbe war in
seiner Jugend verheiratet mit einem jungen, sehr schonen Frauen-
zimmer, welche sehr friih starb. Dieselbe will er innig geliebt haben.
Jetzt liebt er, und zwar wie mir scheint mit wirklicher Liebe, Burschen,
namentlich Soldaten. Ein Dritter (in Norddeutschland, in B.) mann-
lichen Benehmens liebt beides ganzlich mischweise usw."
Seit Ulrichs sind viele Falle bisexuellen Fiihlens bei
Mannern und Frauen beschrieben worden, wenngleioh die uns
iiber die Bisexualitat zur Verfligung stehende Gesamtliteratur
nicht den Umfang hat, wie die tiber die mannliche und weib-
liche Homosexualitat. Deutlich tritt aus ihr folgendes hervor:
Aiif der einen Seite stehen Iiberwiegend heterosexuelle Manner
und Frauen mit homosexuellen, auf der anderen vorwiegend
homosexuelle mit heterosexuellen Einschlagen. Erwachsene Per-
sonen mit volliggleicher Triebstarke naeh beiden Geschlech-
tern dUrften selten sein. Auch das klassische Beispiel aus dem
Altertum, Julius Casar, von dem Curio das oft genannte
Wort aufbrachte: „er sei aller Weiber Mann und aller Manner
Weib gewesen**, ist mehr Satire als Wirklichkeit. Am ver-
standlichsten sind unter den Bisexuellen diejenigen, die einen
Typus lieben, welcher sich unter beiden Gesehlechtern vorfindet;
es sind teils mehr Heterosexuelle, die das sie am Madchen An-
ziehendc nicht nur unter diesen, sondern auch in fjewissen
Jlinglingstypen empfinden, teils mehr Homosexuelle, die das
Jlinglingshafte, was sie anzieht, nicht nur im Jiingling, son-
dern auch in manohen Madchengestalten wahrnehmen.
Einer von letzteren sagte mir einmal: „Ich liebe Madchen, aber
nur, wenn sie groBe Ahnlichkeit mit ihren Briidern haben** ; und ein
anderer, der sich zu beiden Gesehlechtern nahezu gleich stark hinge-
zogen fiihlt, schreibt: „Ich erinnere mich eines Geschwisterpaares, eines
Jiinglings und eines Madchens, in die ich mich in einem Badeort zu-
gleich verliebte; in den wochentlich stattfindenden Tanzunterhaltungen
schwelgte ich in ihrem Anblick, wenn sie gelegentlich zusamraen
tanzten, und wuBte wahrhaftig nicht, welches von beiden meine Sinne
mehr gefangen nahm."
Wiederholt sind Falle zu meiner Kenntnis gelangt, in denen sich
Homosexuelle mit jungen Madchen verlobten, zu deren Briidern sie sich
sexuell hingezogen fiihlten; einige auch, in denen homosexuelle
Madchen den Antrag von Mannern annahmen, deren Schwestern sie
liebten.
Vor einigen Jahren vergiftete sich ein homosexueller Aristokrat.
Er hatte sich in einen jungen Mann verliebt, der vollig heterosexuell
war. Um ihn sich zu attachieren, heiratete er seine Schwester, die
ihm ahnlich sah. Die biirgerliche Familie des Freundes hatte seine
haufigen Besuche ohnehin auf die schone Tochter bezogen. Die Ehe
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fiel ungliicklich aus. Der Homosexuelle war ganzlich unfahig mit dem
gesunden, leidenschaftlichen Madchen sexuell zu verkehren. Der
Schwager, in den er verliebt war, niitzte ihn, ohne ihn zu erhoren, iD
unglaublichster Weise aus. Er konnte ihm nichts abschlagen, trotzdem
er sah, wie sein bis dahin sparsam verwaltetes Vermogen in leicht-
sinnigster Weise verschwendet und verspielt wurde. Nachdem er sein
Rittergut verkauft hatte, um schliefilich vollig ruiniert zu werden,
machtc er, von seiner Frau als impotent, von seinem Freund als
anormal verhohnt, seinem gescheiterten Dasein durch Gift ein Ende.
Noch ein ahnliches Beispiel will ich anfdhren, eine Anfrage, die
ich vor langerer Zeit erhielt:
„Ich bin verlobt, 22 Jahre alt, habe mich in meinen jetzigen
Schwager verliebt, und verlobte mich nur deshalb mit seiner Zwillings-
schwester, weil diese ihm auBerordentlich ahnlich sah, und mir auBer*
dem durch die Verlobung die Moglichkeit gegeben war, mit meinem
Freunde zusammen zu sein, auch wufite ichim Anfang nicht,
wen ich mehr liebte. Ich merkte dies erst daran, daB ich bei
Abwesenheit viel groBere Sehnsucht nach meinem Schwager, als nach
meiner Braut hatte, auBerdem daran, daB ich geschlechtliche Er-
regungen hatte, wenn ich ihn kiifite, die ausblieben, wenn sie mich
kiiBte. Mein Fall ist groB, schlank, dunkel, kleiner Mund, kleine
Hande und FiiBe, elegant, aus gutem Hause. Zuerst sehe ich auf die
Augen, dann auf die FiiBe. Trotzdem beide die gewiinschten Eigen-
schaften haben, ist mein Gefiihl zu meinem Schwager doch ganz anders
als zu seiner Schwester. Warum, weiB ich nicht, doch merke ich, daB,
seitdem beide alter werden, (sie sind jetzt 19 Jahre) und die Ahnlich-
keit abnimmt, — mein Freimd hat jetzt schon einen kleinen Schnurr-
bart — die Liebe zu meiner Braut ab- und zu meinem Freunde zimimmt.
Ich mochte wissen, ob ich unter diesen Umstanden die Ehe mit
meiner Braut eingehen darf." Ich antwortete dem Frages teller, daB
er sich noch einige Zeit abwartend verhalten soUe, doch sei er
hochstwahrscheinlich zur Ehe nicht tauglich.
Im allgemeinen iibertragt sich die Liebe des homosexuellen Mannes
vom Bruder auf die Schwester, bei der homosexuellen Frau von der
Schwester auf den Bruder. Einen Fall, in dem es sich umgekehrt ver-
halt, schildert Adolf W i 1 b r a n d t *a) in „Fridolins heimliche Ehe".
In dieser nach dem Leben geschilderten Geschichte springt die starke
Liebe, welche der Professor der Kunstgeschichte Fridolin fiir Ottilie
empfindet, bei der ersten Begegnung mit dem ihr sehr ahnlichen
Bruder Ferdinand auf diesen iiber. Er sagt zu ihm, den er seinen 1 1 i ^
1 i u 8 nennt*b) : „Sie sind eine andere Ausgabe von ihr, eine Cbersetzung
in die festere, straff ere Sprache der Mannlichkeit." Spater heiBt es
dann weiter^c): „P16tzlich fiel ihm Ottilie ein. Es fiel ihm ein, daB
er sie ja liebe." Aber welche Veranderung. Es tat ihm nichts dabei
web. Er ftihlte keinen Schmerz. Da saB er wieder: der Junggesell
Fridolin, der nicht heiraten soil und auch nicht heiraten mochte;
nicht mehr der Graf lament, der um ein Madchen seufzt, sondern der
Professor Sokrates, der Menschen wirbt, der sich in eine werdende
Jun^lingsseele vertieft. Er sah gleichsam sich selber zu und muBte
lacheln. Es war ihm, als erblickte er hinter einem Schleier das auf
ihn geheftete stille, weise Auge der Natur, das ihm lautlos sagte:
„Siehst du, mein Sohn, so spiele ich dir miti Vom Madchen weg
locke ich dich zum Jiingling und von dem fiihre ich dich zu dir
s e 1 b s t zuruck." —
%) Wilbrandt, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. Nach Er-
innerungeu und Mitteilungen erzahlt. Dritte Aufla^e. Stuttgart, Verlag
der J. G. Cottaschen Buchhandlung Nachfolger 1899.
%) L. c. p. 186.
fie) L. c. p. 187/8.
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Ob nicht auch die seltsame Sitte in Queensland, nach der, wie
Walter Koth«) berichtet, a husband, during the absence of his
wife, has bestial rights over her younger brothers in dieser bisexuel-
len Geschwisterliebe ihre biologische Wurzel hat?
Diesen bisexuellen Mannern, die das Virile im Madchen,
das Feminine im Jlingling lieben, sind analog die bisexuellen
Frauen, die weiblich „angehauchte*' Manner und mannlieh ge-
artete Frauen lieben, don Mannern gegentiber in gewissem Sinne
homosexuell, den Frauen teilweise heterosexuell gegentiberstehen,
in Wirkliehkeit demnaoh. audi bisexuell sind. Hier sind auch
die zahlreichen mehr normalsexuellen Madchen einzureihen,
welche sich zwar wesentlich zu Mannern, aber doch auch ziem-
lich stark zu dem Mannlichen im homosexuellen und virilen
Weibc hingezogen ftihlen, sie entsprechen wiedorum den jungen
Leuten, welche zwar hauptsachlich weibliebend sind, zugleich
aber doch auch.eine Neigung zu homosexuellen Mannern haben,
die eie zum mindesten nicht so abstoUen, wie sie der stark
virile normalgeschlechtliche Mann abstoBen wtirde.
Es ist vorgekommen, daB jemand sich in einen als Madchen
verkleideten Jiingling oder ein als Mann verkleidetes Weib verliebte.
Bei bisexuellen Naturen pflegt diese Neigung bei der Euthiillung anzu-
halten, nicht so bei „unvermischten Uraniern", wofiir schon Ulrichs
(IL 72) ein gutes Beispiel anfiihrt. Aus Pest wird der folgende Fall
gemeldet : Die Frau eines 24 jahrigen Geigers verliebte sich in den
jungen Violoncellisten seiner Kapelle. Umsonst ermahnte man die
Frau IL, daC der Violoncellist eigentlich ein Madchen sei, die Frau
verliebte sich mehr und mehr in Bela K. und erklarte rundweg* ihrem
Gatten, daB sie ihn verlassen werde, um den Violoncellisten mit ihrer
Liebe zu begliicken. Der verzweifelte Gatte wandte sich zuletzt an
die Polizei, und es wurde offiziell konstatiert, daB der Violoncellist
kein Mann, sondern ein Madchen ist.
Ein ahnlicher Fall findet sich in „Burchards D i ar iu m**6a):
Ein paar Tage zuvor (Anfang April 1498) hatte man eine Kurti-
sane, d. h. eine ehrbare Dime, namens Cursetta, ins Gefangnis ge-
worfen, die einen Mauren zum Freund hatte, der sich in Frauenkleidern
bewegte, sich die spanische Barbara nannte und mit ihr verkehrte.
Deshalb wurden beide zur Strafe des Argernisses zusammen durch
die Stadt gefiihrt, sie in einem von oben bis unten offenen, ungegiir-
teten schwarzen Samtkleid, der Maure in seinem Frauengewand, das
bis zum Hemd, d. h. bis zum Nabel aufjgeschiirzt war, so daB jedermann
seine Genitalien sah und seinen Betrug erkannte ; dabei waren ihm die
Arme iiber den Ellenbogen fest auf dem Riicken zusammengeschniirt.
Nach dem Umzug lieB man die Cursetta laufen; der Maure wurde ein-
gekerkert und endlich am Samstag, 7. April 1498, aus dem Gefang-
nis der Torre di Nona mit zwei andern Raubern herausgefiihrt, wo-
bei ihnen ein Sbirre auf einem Esel voranritt, der auf der Spitze
eines Stockes die beiden Hoden angebunden trug, die man einem
Juden herausgeschnitten hatte, well er sich mit einer Christin ver-
gangen hatte. Sie wurden auf das Flora-Feld gebracht und die beiden
«) Walter E. Roth: Notes on Government, Morals and Crime,
in North Queensland Ethnography, Bulletin Nr. 8, November 1905.
Brisbane 1906.
6a) Ci. Ludw. Geiger. Alexander VI. u. sein Hof. S. 190 f.
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Hauber hier aufgehangt. Der Maure wurde auf einen HolzstoB gestellt,
am Stamm ^eines Gak^ens getotet, bekam einen Strick um den Hals,
mit dem er an dem Stamm fest angeknebelt wurde. Dann wurde der
StoB angeziindet, der aber wegen eines losbrechenden Regeus nicht
recht brennen wolUe; nur die Schenkel verkohlten. —
Von Grillparzer wird erzahlt, dafi er nur ein einziges Mai
fiir ein weibliches Wesen Liebe empfand. Dieses Gefiihl weckte in ihm
eine junge Sangerin, die er in einer Hosenrolle als Cherubim in
M o z a r 1 8 „Figaro" gehort hatte. Das ist kein vereinzelter Fall. Ich
habe oft wahrgenommen, einen wie starken Eindruck transvestitische
Madehen, gleichviel, ob homosexuell oder heterosexuell geartet, auf
manche Urninge ausuben. Ein in der Berliner Urningswelt beliebter
Kavallerieleutnant iiberraschte eines Tages seine Bekannten mehr nocb
wie mit der Anzeige seiner Verlobung mit der Nachricht, daU er vollig
heterosexuell geworden sei. Die Mitteilung wurde v'ielfach bezweifelt,
gewann allerdings dadurch an Wahrscheinlichkeit, daB schon friiher
sein Fall in Frauenkleidern lebende Jiinglinge gewesen waren.
Hier mochte ich auch noch eine feinsinnige Bemerkung Frank
Wedekinds^) anfiihren : „Der Dichter, seinera Berufe ent-
sprechend, im wesentlichen rezeptiv, verfallt leicht darauf, an einer
Frau nicht dasjenige zu lieben, was sie Weibliches, sondern was sie
ManDliches an sich hat."
Es gibt aber auch Bisexuelle, die nicht nur verwandte
Typen und unter diesen solche mit wenig stark ausgepragten
Sexualcharakteren (manche sagen dionysische) lieben, sondern
die sich zu Mannern und Frauen hingezogen ftihlen, die unter-
einander ganz unahnlich erscheinen und zudem ausgesprochene
Vertreter ihres Geschlechts sind. Geht man aber der Sache auf
den Grund, so wird man meistens dann doch ' gewisse Eigen-
tumlichkeiten herausfinden, die den fesselnden Einzelindividuen
beider Geschlechter gemeinsam sind, beispielsweise eine gewisse
Art sich zu bewegen, zu lacheln, sich zu kleiden. Es scheint,
als ob in solchen Fallen die partielle Attraktion wesentlich
starker ist als die totale.
Manchmal ist es ungemein schwer, etwas Typisches bei den an-
scheinend so verschiedenen Personen herauszufinden. So hat ein
Professor, den ich gut kenne und dessen Geschmacksrichtung ich ziem-
lich genau verfolgen konnte, einerseits sexuelle Vorliebe fiir jugend-
frische Manner mit kleiijen Schnurrbarten, teil/3 mehr eleganten, teils
mehr aus dem Volke, andrerseits Neigung zu Madehen mit drallen
Formen, roten Backen, vulgaren Manieren, Bauernmadchen, Arbeite-
rinnen, Dirnen. Er verkehrt sexuell mit beiden.
Cber den Grad der Zuneigung schreibt er: „Die Zuneigung zum
Manne ist starker als zum Weib. Durchschnittlich konnte ich sagen,
sie ist doppelt so stark. Doch laBt sich dies kaum auf diese allge-
meine Weise ausdriicken. Eine mich stark reizende Frau wird mich
starker reizen, als ein Mann, der nicht „mein Fall" ist, und ich wahle
lieber ein mir behagendes Weib, als einen Mann, der mir nicht ge-
fallt. Aber unter den Mannern finde ich viel ofter sexuell wirkende
Typen, als unter den Weibern, andrerseits ist die Sehnsucht nach
dem mich reizenden Manne groBer, als nach der mich reizenden Frau.
Den Verkehr mit dem Weibe kann ich vollig entbehren, den mit dem
») Die Fackel, Wien, Nr. 205, VIII. Jahrgg. II. Juni 1906.
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Manne nicht, letzteres ware Unmoglichkeit I" 0ber die Art seiner
Empfindungen auBert er sich: „Ein langeres Verweilen, ein langeres
Anschmiegen und Sichversenken ist beim Manne viel eher moglich,
als beim Weibe. Die Vereinigung mit dem Weibe kann nicht das
Gefiihl der Einheit, des Zusammengehorens, des Verschmelzens in
dem MaaBe hervorrufen, wie mit dem geliebten Manne. Insbesondere
wirkt die Erinnerung an den Akt wonltuender, befriedigender nach
dem Akte mit dem Manne als nach dem mit dem Weibe. Die Art der
Befriedigung ist die gleiche. Beim Manne ist gewohnlich ein Plus
fiir den Keiz vorhanden, das Feurig-Mannliche, das SiiB-Herbe, das
zu entbehren mir unmoglich, wahrend das Lieblich-Anziehende des
Weibes der nervenpackenden, bezwingenden Gewalt ermangelt."
Eine Erklarung fiir die Fixierung an so verschiedene Typen
unter dem mannlicnen und weiblichen Geschlecht ist in dem vor-
liegenden Falle vielleicht darin zu finden, daB der Herr, um den es
sich handelt, „KuBfeti8chist" ist, ferner schien es mir, als ob den
ihm zusagenden Objekten ein schwer zu definieitender Gesichtsaus-
druck, in dem sich eine gewisse kecke Natiirlichkeit mit naiver Be-
sohranktheit eigenartig mischten, gemeinsam war.
Es gibt auch bei beiden Geschlechtern eine gewisse Art
Bisexueller, deren fomininer Komponente es wohltuend ist, sich
von einem ^Iteren Manne oder einer ^Iteren Prau liebfen zu
lassen, denen sie sich passiv gem hingeben; gleichzeitig drS.ngt
sie aber eine in ihnen vorhandene virilere Komponente auch
zu jiingeren m&nnlichen oder weiblichen Individuen, die sie
mehr aktiv lieben; ich beobachtete folgende vier Kombina-
tionen. Ein bisexueller Mann oder eine ebenso veranlagte Frau
neigt passiv zu alteren Frauen, aktiv zu jungen Mannern oder
passiv zu alteren Frauen, aktiv zu jungen Madchen, oder j)assiv
zu filteren, aktiv zu jiingeren Mannern oder passiv zu alteren
Mannern, aktiv zu Madchen.
Sind beide Triebrichtun^en vorhanden, so sehen wir nicht
selten, dafi in spateren Jahren — oft ist dies schon nach dem
dritten Lebensjahrzehnt — die urspriinglich scliwachere zu-
riicktritt und schwindet, wahrend die von Anfang starkere
Libido mehr in den Vordergrund tritt. Es hangt das oft mit dem
allgemeinen Nachlassen der Sexualitat zusammen. Nehmen wir
einmal an, um einen zahlenmaJJigen Anhalt zu haben, jemand
ware zu 75<yo homosexuell, zu 25o/o heterosexuell 'gewesen und
seine beiderseitigen Libido und Potenz verringern sich um
20 — 250/0, so kann die Folge davon sein, dafl die heterosexuelle
Komponente nahezu erlischt, wahrend die homosexuelle in der
absolut noch immer betrachtlichen Starke von 50<yo erhalten
bleibt. Viele haben nun naturgemafi aus aufieren Motiven zu-
nachst die Heterosexualitat betfitigt, sind vielleicht auch, um
sie besser zu pflegen, eine Ehe eingegangon, bis sie dann wahr-
nehmen, daB die homosexuelle Neigung keineswejs erloschen
ist, vielmehr mit Gewalt unterdrtickt, ^usgue recunet". Geten
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sie dann dem lange verdr^ngten Triebe nach, so erwecken sie
leicht den Anschein, als liege ein beabsichtigter tJbergang von
einem zum anderen Geschlecht, „tradive" oder erworbene
Homosexualitat vor, wahrend es sioli in Wirklichkeit nur um
Erscheinungsfonnen der Bisexualitat handelt. In seiner letzten
Arbeit, in der Krafft-Ebing die Resultate jahrzdintelanger
Erfahrung zusammenfaBt^), sagt er: „Niemals habe ich bei
sog. erworbener, richtiger tardive r. kontrarer SexuaJJ-
empfindung Hinweise anf eine bisexuelle Veranlagung vermiBt."
Auch ich bin mit zunehmendem Umfan^ meines Beobachtungs-
materials immer mehr zu der tlberzeugnng gelangt, daB das,
was wir friiher erworbene, geztichtete, tardive
Homosexualitat nannten, aufgeteilt werden muB
zwischen Bisexualitat und P seudohomosexuali-
tat/* Dabei ist zu bemerken, daB auch die Bisexualitat nicht
willktirlicli nach der einen oder anderen Seite dirigiert
werden kann, — man horte gelegentlich den Einwand, wenn
jemand Init beiden Geschleohtern verkehren konne, moge er
sich auf das andere Geschlecht beschranken — sondern daB
hier in erster Linie endogen gegebene Schwankungen ausschlag-
gebend sind, bedingt durch das eigene Lebensalter der Personen,
durch den Eindruck begegnender Objekte und verschiedene andere
Umstftnde, unter denen gewisse periodische Einflilsse bteondere
Beachtung verdienen.
Schon Krafft-Ebing hat Falle von „erworbener kontrarer
Sexualempfindimg" beschrieben ^), in denen „homosexuelle Entgleisun-
gen stets mit Exazerbationen vorhandener Neurasthenie zusammen-
gefallen waren**. Wiederholt habe ich ahnliche Angaben von periodi-
Bchen Nenrasthenikern gehort und bestatigt gefunden, dafi sie in ge-
druckter Stimmung mehr homosexuell, in gehobener heterosexuell fiinl-
ten. Der Einwand liegt nahe, daB die nervose Depression vielleicht
erst eine Folge der sexuellen Aberration sei, man kann aber mei-
stens deutlich nachweisen, daB die Depression das zeitlich Friiherc ist
und auBerdem findet man auch das Umgekehrte: homosexuelle Nei-
gungen in gehobener, heterosexuelle in gegenteiliger Stimmungslage.
J5ei vielen macht der Alkohol durch Herabsetzung der Hemmungen eine
vielleicht nur ganz schwache homosexuelle Komponente frei.
Es ist in solchen Fallen die Differentialdiagnose zwischen Homo-
sexualitat und bloBem AlkoholexzeB oft recht schwer. Da letzterer
viel milder beurteilt wird, kommt man nicht selten in die Lage, ein
Urteil abzugeben, welcher von beiden Zustanden vorgelegen hat. Ich
habe einmal gemeinsam mit Geh.-Rat Eulenburg einen Kegie-
rungsassessor zu begutachten gehabt, der nach einer „schweren Sit-
zung" an Kaisers Geburtstag, die sich bis zum anderen Morgen er-
streckte, die Friihstuck austragenden Backerjungen einer kleinen Stadt
attackierte, ein andermal hatte ich die Differentialdiagnose bei einem
anscheinend vollig heterosexuellen Oberlehrer zu stellen, der sich nach
^ Jahrbuch f. sex. Zw. Jahrg. III. p. 8.
») Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. p. 10 ff.
Hirschfeld, Homos«xualit9t. ]^4
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210
einer groBen Kneiperei in Breslau an einem Kellner vergriffen hatte,
und besonders haufig hatte ich mich uber dieses Thema bei ^ Offi-
zieren der Armee und Marine zu auBern, die sich nach Liebes-
mahlem auf Homosexualitat verdachtige AuBerungen und Handlungen
zuschulden kommen lieBen. Ich gebe als Beispiel im Wortlaut das
Gutachten iiber einen jungen Offizier, wo ich zur Diagnose: „bloBe
Alkoholintoxikation" gelangte :
Hen- Geheimrat T. suchte uns in Begleitung seines Sohnes, ^ des
Leutnants Herrn 0. T., vor einigen Wochen auf mit der Bitte, deny
selben auf Grund unserer jahrelangen spezialistischen Beschaftigung
mit sexuellen Fragen begutachten zu wollen. Wir haben Herrn T.
daraufhin eingehend untersucht und exploriert und uns durch seinen
Vater und einen Onkel, Herrn K., moglichst eingehend iiber sein Vor-
leben, seiu Wesen und seine Gewohnheiten unterrichten lassen und
geben auf Grund dessen unser Gutachten im folgenden ab. Herr T.
ist beschuldigt, in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober v. Js. seinen
Burschen durch eine AuBerung, die nach dessen Auffassung einen
homosexuellen Charakter getragen hat, beleidigt zu habeu.
Es liegt uns nun ob, ein Gutachten dariiber abzugeben, ob unse-
rer Cberzeugung nach Herr T. zur Zeit der Begehung der Handlung in
Anbetracht aller in Betracht kommender Umstande sich in einem
Zustande krankhaft veranderter Geistestatigkeit befunden hat, der
die freic Willensbestimmung im Sinne des § 51 RStGB. aufhob. Herr
T. stammt, soweit es sich ermitteln laBt, aus gesunder Farailie, ins-
besondere liegt eine Belastung in nervoser Hinsicht nicht vor. Er
hat sich normal entwickelt und das Gymnasium rechtzeitig absol-
viert, urn sich dann *der Offizierslaufbahn zu widmen.
Schon wahrend seiner Gymnasialzeit zeigte es sich, daB er auf
deu GenuB alkoholischer Getranke in abnormer Weise reagierte.
So berichtet der Vater folgenden Vorfall:
A is Schiiler nahm er an einer Feier des Gymnasial-Turnver-
eins teil, dessen Mitglied er war. Bei dieser Gelegenheit wurde er
von den alteren Kameraden gezwun^en, viel zu trinken, und iiber-
nahm sich so, daB er nach Hause gebracht werden muBte. Er muBte
die Treppe hinauf getragen und ausgezogen werden. Be vor er ziun Ein-
schlafen kam, gebrauchte er die verletzendsten Worte gegeniiber seiner
Mutter, sagte zu ihr u. a.: „Du bist eine Stiefmutter, ich bin ein
Stiefkind, ich werde schlecht behandelt und immer zuriickgesetzt."
Am folgenden Tage wuBte er absolut nichts davon.
In Anbetracht seiner Intoleranz nahm sich Horr T. vor dem Genusse
alkoholischer Getranke nach Moglichkeit in acht, doch konnte er im
gosclJigen Beisammcnsein nur schwer SchluB finden und begleitete
oft noch don letzten Kameraden nach Hause.
Am 13. Sei)tember v. Js. wurde or Offizier uud maclite am 17. Ok-
tober eine Geburtstagsfeier im Kasino mit, bei der sehr viol Alkr>-
liol, nameutlich audi Sekt, konsumiert wurdo. Er geriet dadurch in
einen Zustaiid volliger Sinnlosigkcit, schlci)i)te gemeinsam mit einem
Kameraden ein Madchen von der StraBe auf sein Zimmer und konnte
sich, als er dieses beim Erwachen am nachsten ^lorgen vorfand,
der Vorkommnisse nicht im geringsten erinnern uud die Anwesenheit
des Miidchens absolut nicht erklaren. Wenige Tage darauf, am 20. Ok-
tober, faiid wieder eine gmBe Festlichkeit im Kasino statt, das erste
Liubesmahl. an dem Herr T. U^ilnahm. Er trank dabei ,mehrere Flaschen
Tischweiu und versehiedene Glilser Bier und wurde wieder derart
alkoholvergiftet. daB er sich seiner Angabe nach nicht mehr er-
innern kann. wie er aus dem Kasino fortgegangen und zu Bett ge-
komuieu ist. Er erwachte am audern Morgen in seinem Bett, ging
ahnungslos zum Dienst uud fuhr mittags auf einige Tage zu seineu
Eliern.
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Waluend seiner Abwesenheit ersuchte sein Bursche nach vorber-
gegangener Riicksprache mit einem Kameraden um Ablosung und er-
stattete im AnschluB daran durch den Feldwebel eine Anzeige gegen
ihn. Nach Angabe des Burschen soil Herr T. in der Nacht nach
seiner Rdckkehr aus dem Kasino zunachst Rotwein getrunken und
auch den Burschen zum Mittrinken genotigt haben. Er habe diesem
dann befohlen, ihm ein Klistier aus einer Spritze, die er zu desinfek-
torischen Spulungen fur den geschlechtlichen Verkehr mit Weibern
besaU, zu machen. Das Wasser zum Klistier wurde in einem alten
KochgefaB erwarmt. Auf Einwendungen des Burschen soil nun Herr
T. die Redensart gebraucht haben: „Kannst du denn nicht p . . .?"
Oder „Kannst du mich denn nicht p . . .?", in welcher der Bursche,
wie er spater bekundete, eine Aufforderung zu homosexuellem Ver-
kehr erblickt haben will und die er demgemaB als Beleidigung auf-
fafite. Wie bereits erwahnt, will Herr T. nicht die geringste Er-
innerung an diese Vorkommnisse haben.
B e f u n d. Die korperliche I'ntersuchung des Herrn T. ergibt
eineu vollig normalen Befund der inneren Organe. Abgesehen von
einer leichten Asymmetrie des Schadels und der Gesichtsbildung be-
stehen keine nennenswerten Degenerationsmerkmale. Storungen der
nervoseu Funktionen, insbesondere der Reflextatigkeit, liegen nicht
vor. Die Geschlechtsorgane sind normal entwickelt. An der Riick-
seite des Gliedes befindet sich unterhalb des Sulcus coronarius am
Frenulimi eine Fisteloffnung, die sich seiner Angabe nach im An-
schluB an eine Gonorrhoe gebildet hat. Die Vorhaut ist aus demselben
Grande seinerzeit gespalten worden und bildet gegenwartig zwei nach
beiden Seiten abstehende Hautlappen. Der Schlieflmuskel des Afters
ist fest, die Analoffnung fiir einen Finger nur mit Miihe passierbar.
Es bestehen nicht die geringsten Anzeichen dafiir, daB jemals ein
passiv paderastischer Verkehr bei Herrn T. stattgefunden hat.
Irgendwelche femininen Anklange treten im Kornerbau ebenso-
wenig zutage wie im Benehmen, Wesen und in den Neigungen des
Herrn T. Dev psychische Befund ist, abgesehen davon, daB Herr T.
ctwas gedriickt erscheint, ein absolut normaler und zeigt insbeson-
dere weder Schwacheerscheinungen auf intellektuellem Gebiet noch
Storungen hinsichtlich der Wahrnehmungs- und Urteilsfahigkeit,
Gutachten. Irgendwelche Anhaltspunkte fiir das Vorliegen
homosexueller Neigungen bestehen bei Herrn T. nicht. In den Fallen,
in denen solche vorliegen, sind unserer Erfahrung nach meistens irgend-
welche Ei^enarten auf somatischem oder psychischem Gebiete nach-
weisbar, die Abweichungen von dem vollmannlichen Typus darstellen.
Solche Ziige laBt T. sowohl in seiner korperlichen Beschaffenheit
wie in seinem Wesen, seinen Gewohnheitcn und Neigungen vollig ver-
missen. Auch die Vorgeschichte gibt nicht die geringsten Anhalts-
punkte fiir das Bestehen homosexueller Neigungen, walirend es er-
wiesen ist, daB Herr T. regelmaBigen normalen Geschlechtsverkehr
unterhalten hat.
Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daB bei Herrn T. eine er-
hebliche fntoleranz gegen Alkohol vorliegt, und daB durch den Go-
nuB desselben bei ihm Zustande hervorgerufen werden, in denen sein
klares BewuBtsein imd die Kritik iiber sein Handeln und Sprechon
vollig ausgeschaltet ist. Es sei hier nur an die kriinkoudon Worte
erinnert, die er in solchem Zustande seiner Mutter gegenuber ge-
braucht hat. Charakteristisch fiir das Pathologiscbe dieser Rausch-
zustande ist auch die vollige Amnesie fiir das Vorgefallene. Eine
solche Intoleranz gegen Alkohol kann sehr wohl bestehen, ohne daB
sonst erhebliche Degenerationssymptome oder nervose Storungen vor-
liegen.
14*
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Am 20. Oktober bestanden fiir die Entwicklung eines krank-
haften Rauschzustandes bei Herrn T. noch deshalb besonders giinstige
Bedingungen, well drei Tage vorher, am 17. Oktober, bereits eiD
schwerer AlkoholexzeB stattgefunden hatte, der gleichfalls eine vol-
lige BewuBtseinstriibimg bewirkt hatte.
1st somit in der Redensart, die er seinem Burschen gegeniiber
gebraucht hat, wirklich ein homosexuelles Moment zu erblicken und
nicht nur eine lediglich unter dem EinfluB des Alkohols hervorgebrachte
sinn- und zusammenhanglose obszone Phrase, so ist diese in offen-
barstem Widerspruch zu der gesamten Personlichkeit des Herrn T.
stehendo AuBerung zweifellos in einem durch den Rausch krankhaft
verauderten Zustand seiner Geistestatigkeit bedingt gewesen. In glei-
cher Weise erklaren sich auoh die iibrigen auffallenden Handlungen,
das Animieren des Burschen zum Weintrinken, sowie die Aufforderung,
ihm ein Klistier zn machen, lediglich aus dieser akuten Storung seines
Geisteszustandes, ohne daB man homosexuelle Motive vermuten miiBte.
Im besonderen bietet auch die Aufforderung, ihm ein Klistier
zu machen, absolut nichts Charakteristisches fiir etwa bestehende
homosexuelle Neigungen. Bei unserer sich auf mehrere tausend Falle
stiitzenden Erfahrung sind wir einem derartigen Zusammenhange kaum
jemals begegnet.
Unser Gutachten geht demnach dahin;
Falls Herr T. in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober v. Js.
seinen Burschen durch eine anstoBige Redensart, bezw. ein unge-
horiges Ansinnen beleidigt hat, so befand er sich zur Zeit der Be-
gehung dieser Handlung in einem Zustande von BewuBtlosigkeit oder
ki'ankhafter Veranderung der Geistestatigkeit, der seine freie Willens-
bestimmung im Sinne des § 51 RStGB. ausschloB.
Einen merkwtirdigen Fall periodischer Bisexualitat sah
ich vor einiger Zeit bei einem Narkotiker. Er betrifft einen
an manisch - depressiven Stimmungsschwankungen leidendea
Gymnasialprofessor, der in einer Heilanstalt Morphinist ge-
worden ist. Er fiihlt im Depressionszustand iiomosexuellj im
Exaltationsstadium und im Morphiumraaiscli heterosexuell. Das
Merkwiirdige aber ist, daB in homosexuellen Zeiten seine
Stimme sehr hoch ist, oft umschlagt, auch seine Bewegungsart
recht weibisch ist, wahrend er in heterosexuellen Zeiten viel
tiefer spricht und auch in Gang und Gesten viel viriler wirkt.
In dieses Kapitel periodischer Bisexualitat in Verbindung mit zir-
kularen Stoiningen des Zentrainervensystems gehort auch der folgende
beach tenswerte Fall weiblicher Bisexualitat, den Krafft-Ebing
im Jahrbuch fiir sex. Zw. ^^) veroffentlicht hat. Wir geben seinen
wesentlicheu Inhalt wieder: Frl. X., 36 Jahre, hat in ihrer Bluts-
verwandtschaft mehrere neuro- und psychopathische Verwandte. Durch-
aus weiblicher Typus, keine anatomischen De^enerationszeichen. Mit
16 Jahren erwachte eine dezidierte ausschlieBliche Neigung zum eige-
nen Geschlecht. Sie verliebte sich in Freundinnen, spater in die
eigene einige Jahre altere Sch wester. Erotische Traume, gelegent-
lich von I'ollutionen begleitet, hatten nur Amplexus feminarum zum
Inhalt. Es* geniigten ihr Kiisse, Umarmungen von Geschlechtsgenos-
sinnen. Es geschah zuweilen, daB sie durch briinstige, stiirmische
Liebkosungen solcher imliebsames Aufsehen erregte. Mit 22 Jahren
erster Anfall einer schweren Hysterie mit mehrmonatlichem Aufent-
10) Jahrb. f. sex. Zw. Band III. p. 27 ff.
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halt in einer Heilanstalt. Von dieser genesen und von nenrasfcheni-
schen Beschwerden ziemlich befreit, hatte sie zum ersten Male in
ihrem Leben Inklination zu Mannern. Sie war schon halb nnd halb
entsclilossen, eine von ihrer Mutter dringend gewiinschte Ehe ein-
zugehen. Da sie aber fiiblte, daO sie doch nicht solche Neigung znm
Manne empfand, wie sie das Weib empfinden miisse, Angst vor dem
ehelichen Verkehr mit einem Manne hatte, und einen solchen nicht
ungldcklich machen wollte, lehnte sie eine Heirat ab. Sie geriet bald
wieder aut kontrarsexuelle Bahnen unter dem Einflufi von Onanie
und Neurasthenie, entwickelte sogar mit 26 Jahren Transformations-
gefuhle, indem es ihr vorkam, ihre Genitalien bildeten sich zu mann-
lichen um, sie harne wie ein Mann, wandle sich geistiff und leiblich
in einen solchen um. Auch empfand sie gar keine Scnam mehr, in
Gegenwart eines Mannes Toilette zu machen, wahrend sie sich vor
einem Weibe genierte. Diese Transformation schritt aber nicht weiter
vor, im Gegenteil kamen wieder Episoden, in welchen sie mit Besse-
rung ihrer Hysteroneurasthenie in Kuranstalten wieder heterosexueil
empfand, das ganze Gebiet homosexueller Empfindungsweise zuriick-
trat, Patientin sich in Arzte verliebte und emstlich ans Heiraten
dachte. Diese Eoinzidenz von gebesserter Neurose mit
Wiederkehr von He t eros exuali ta t wiederholte sich
noch mehrmals, so daO an zufalliges Zusammen-
treffen nicht gedacht werden konnte. Ein schwerer
neuerlicher Anfall von hjrsterischer Psychose, der viele Monate dauerte,
brachte Patientin in meine standige Behandlung. Bemerkenswert war,
daB wahrend dieser Psychose homo- und heterosexuale Gefiihlskreise
formlich um die Herrschaft kampften, daB eine nymphomanische Pe-
riode ausschliefilich in heterosexualem Gebiete sich abspielte. Genesen,
wurde Patientin einer dauemden antineurasthenischen und suggestiven
Kur unterworfen. Der Erfolg war ein sehr befriedigender, msofern
ea gelang, Masturbation und kontrare Sexualitat „dauemd" zu
bannen. Nur menstrual und im Traumleben erscheinen gelegentlich
noch Andeutungen der friiheren kontraren Sexualempfindung.
In dieser tiberaus interessanten Beobachtung K r a f f t -
E b i n g s , moclite ich nur bei der Hervorhebung des Heil-
erfolges das Wort „dauernd" beanstanden, da durch den in-
zwischen erfolgten Tod des Meisters die fttr die Feststellung
notwendige Katamnese der Patientin nach langerer Zeit un-
mdglich geworden ist.
In seltenjeren Fallen hat es auch bei schwereren Psychosen
den Anschein, als ob eine unter normalen Verhaltnissen aus
den Vorstellungskomplexen vollig ausgeschaltete Bisexualitat bei
krankhafter Veranderung des Gehirns zutage tritt. Beispiels-
weise tragen bei sonst vollig heterosexueil f uhlenden und leben-
den Personen gelegentliche nervose Zwangsideen einen ihomo-
sexuellen Charakter:
So suchte mich wiederholt ein SOjahriger Beamter auf; er hatte
sich nie seelisch zu mannlichen Personen hingezogen gefiihlt, war seit
26 Jahren verheiratet, und seine Ehe ware voUkommen gliicklich ge-
wesen, wenn er sich nicht dann und wann mit anderen Frauen abge-
geben hatte; er bot weder geistig noch korperlich feminine Zeichen.
Der Zwangsgedanke, der sich ihm immer wieder mit groBer Tntensitat
aufdrangte, war der, es mochte ihn doch ein Mann per anum ge-
brauchen. Er litt sehr unter dieser unwillkiirlichen Idee, die seinem
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treieii J^enken fremd und ungeheuerlich erschien. Moglich, daC auch
in ihr eine versteckte homosexuelle Komponente zutage trat, doch
sprach alles dafiir, daB es lediglich die krasse Obszonitat war, die den
sittenstrengen Mann wie ein Fremdkorper befiel, ganz ahnlich wie in
deni analogen Falle eines katholischen Geistlichen, der sich mir an-
vertraute. Dieser ungliickliche Mann wurde in der Kirclie und jm
Leben unausgesetzt von dem Gedanken beherrscht: die Jungfrau Maria
solle ihm anum lambere. Auch in den schwachsinnigen Ideen der
Hebephreniker und in den Wahnsystemen der Paranoiker werden ge-
legentlicL Vorstellungen produziert, die einen homosexuellen Charakter
zu tragen scheinen, ohne daB sonstige Anhaltspunkte fiir Homo-
sexualitat vorliegen. An sich kann natiirlich ein Homosexueller eben-
sogut an einer schweren Psychose erkranken, wie ein Heterosexueller,
doch pflegt dann meist die eigentliche Geisteskrankheit in Form
hochgradiger Verblodung oder Verwirrtheit die Situation so zu be-
herrschen, daB ihr gegeniiber die sexuelle Sonderart sehr zuriicktritt.
Auch bei den an Beziehungsvorstellungen leidenden Geisteskranken
kommt es nicht selten vor, daB sie die Idee haben, man bezichtige
sie der Homosexualitat, man rufe ihnen homosexuelle Schimpfworte,
wie „warmer Bruder", „schwule Sau" und dergleichen nach. Wahrend
die an homosexuellen Zwangsvorstellungen laborierenden
Heterosexuellen Krankheitseinsicht haben und sich ihres im Grunde
genommen heterosexuellen Empfindens vollig bewuBt sind, ist der
paran oische oder paranoide Heterosexuelle meist tatsachlich
davon iiberzeugt, er sei in einen Homosexuellen verwandelt worden, wo-
mit sich dann oft die Wahnidee verbindet, es vollziehe sich bei ihm
ein UmwandlungsprozeB zum anderen Geschlecht. Es sind Falle von
Krafft-Ebing beschrieben, in denen die Kranken vollig von der
Idee beherrscht wurden, sie seien aus einem Mann in ein Weib ver-
wandelt worden oder umgekehrt. Es wird weiteren Beobachtungen
und Untersuchungen, namentlich auch unter Anwendung psychoanaly-
tischer Methoden, vorbehalten sein. festzustellen, ob in solchen Fallen
von vornherein eine homosexuelle Komponente vorliegt.
Namentlich wenn bei Manncrn und Frauen im klimakterischen
Ah:er depressive Zustiinde sowohl hypochondrischer als melancholischer
Farbung mit Wahn- und Beziehungsvorstellungen eintreten, — ich
sah solchc Falle wiederholt — ist es oft ungemein schwer zu ent-
scheiden, ob eine tatsachlich bei dem Patienten vorhandene homo-
sexuelle Veranlagung bestand, die zum Ausgangspunkt und Inhalt
einer geistigen Storung wurde, oder ob die Homosexualitatsvorstellung
nur einen Teil seines Wahnes ausmacht.
Tarnowsky spricht auch von „epileptischer Pad-
eras tie ^'). Meistens seien „die epileptischen Paderasten" aktiv,
Er fiihrt als Beispiel einen kriminellen Fall seiner Beobachtung an.
Ein junger, reicher, anscheinend vollig heterosexueller Mann ging nach
einer iippigon Mahlzeit, bei der er viel Wein getrunken hatte, in die
Wohnung seiner Geliebten. Als er die Herrin nicht zu Hause traf,
ging er iu ein Ziramer, in dem ein Hjahriger Bursche schlief, not-
ziichtigte diesen und, ais auf sein Geschrei die Zofe herboieilte, diese.
Daraui schlief er 12 Stunden. Nach dem Erwachen war die Episode
mit dem Jungen seinem Gedachtnis vollig entschwunden. Es wurde
festgestellt, daB er besonders nach AlkoholgenuB epileptische Anfalle
hatte. Nachdem auch Tarnowsky solche wiederholt an ihm beob-
achtet hatte, wurde das Verfahren eingestellt. Im allgemeinen beein-
fluBt die epileptische Neurose — die ich im iibrigen bei Homosexuellen
11) B. T a r n o w s k y, Die krankhaften Erscheinungen des Ge-
schlechtssinnes. Eine forensisch-psychiatrische Studie. Berlin, 1886,
p. 51 ff.
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Qur sehr selten beobachtct habe — die Homosexualitat nur in der
Weise, daC sie die Hemmungon in Fortfall bringt iind die Impulsivitiit des
Trieblebens steigert. Einen besonders schweren, hierhergehorigen Fall
habe ich zurzeit in Begutachtung, einen an Epilepsie leidenden Diener,
der in einem Zorn- iind Wutanfall einen Jungen zu Tode wiirgte und
dann zerstiickelte. Hier wie in anderon Fallen handelt es sich aber
von vornherein um eine Vergesellschaftung von Homosexualitat und
Epilepsie. Zuzugeben ist allerdings, dai3 sich in den epileptischen
Verwirrtheitszustiinden ein so volliger Umschwung aller psychisehon
Faktoren vollzieht, daB auch AuBerungen, die dem BewuBtsein jedenfalls
vollig fremd sind und auch dem UnterbewuBtsein, soweit sich dieses
ermitteln laBt, fernliegen, vorkommen konuen. So beobachtete auch
Burchard bei einem vollig nnrinalsexuellon Epileptiker in Verwirrt-
heitszustiindcn homosexuelle Attacken auf Mitpaticnten.
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ZEHNTES KAPITEL.
Differentiaidiagnose zwisohen Homosexualitftt und betero-
sexuellem Horror.
Wir sahen, da6 die Impotenz des Mannes beim Weibe,
seine sexuelle Appetitlosigkeit, wie Eulenburg sich ein-
mal treffend ausdrtickt, und daB ebenso auch die Frigiditat und
Anaphrodisie des Weibes im Verkehr mit dem Manne sch'wer
in die Wagschale fallende Anzeichen der Homosexualitat sind.
Damit ist aber niclit gesagt, daB sie nur bei der Homosexualitat
vorkommen oder auf kontrarer Sexualempfindung beruhen
m ii s s e n. Seit in den letzten Jahrzehnten die wissensdiaftr
lichen Forschungen liber Wesen und Verbreitung des Uranismus
in die Offentlichkeit drangen und namentlich gewisse Prozesse
Kenntnis tiber diese Erseheinung in weite Kreise brachten,
haben viele Frauen, von denen ihre Gatten nichts wissen
woUten, den Verdacht geschopft, ihre Manner seien homosexuell,
und auch viele Manner, deren Frauen sich als „femmes de
marbre** erwiesen, wurden miBtrauisch. Namentlich Frauen
habe ich in sehr vielen Fallen erklaren mlissen, da6» ihre dahin
gehenden SchluBfolgerungen nicht stichhaltig seien.
Erst vor kurzeni habe ich in einer Ehescheidungssache gegeniiber
den unberechtigten Vermutungen des Mannes das folgende Gutachten
abgegeben :
Frau Y., 29 Jahre alt, ersucht uns, ihr anf Grund unserer
spezialistischen Erfahrungen ein Gutachten dariiber auszustellen, ob
bei ihr irgendwelche Anhaltspunkte fiir das etwaige Vorliegen homo-
sexueller Neigungen bestehen.
Wir kommen diesem Ersuchen nach langerer griindlicher Beob-
achtung, eingehender Untersuchung und wiederholten Explorationen der
Frail Y. im folgenden nach. Frau Y. stammt aus gesunder Familie und
ist insbesondere in nervoser Hinsicht nicht belastet. Ihre Entwicke-
lung verlief ohne Storungen, sie zeigte das Verhalten und die Neigungen
oinos in jeder Beziehung normalen Madchens. Die Menstruation stellte
sich mit etwa 14 Jahreu ein, der erste Geschlechts verkehr fand bei
der Verheiratung mit 21 Jahren statt. Frau Y. gibt an, dabei voile Be-
friedigung gefiihlt und ihrem Manne iiberhaupt immer ein normal
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sexuelles Empfinden in seelischer und korperlicher Beziehung ent-
gegengejDracht zu haben. Ihre Zuneigung habe sich erst
infolge der schlechten Behandlung durcli ihn und
die daraus hervorgegangenen fortwahrenden Zwi-
stigkeiten verloren. Geschlechtliche Neigungen irgendwelcher
anderen Art will Frau Y. niemals gehabt, insbesondere niemals sich
zu Frauen sexuell hingezogen gefiihlt haben. B e f u n d : Der Korper-
bau der Frau Y. ist ein vollig weiblicher. Es liegen nach keiner
Richtung hin die geringsten Anlclange an das andere Geschlecht vor,
wie wir sie bei homosexuell veranlagten Personen vielfach finden.
Ebenso sind Wesen, Benehmen, die Gewohnheiten und Neigungen der
Frau Y. ausgesprochen weibliche. Das Gefiihlsleben hat bei ihr ein
entschiedenes Cbergewicht iiber Logik und Verstundestatigkeit. Sie
ist auBerst sensitiv, Stimmungen in hohem Grade unterworfen,
schijchtern, angstlich und leicht geriihrt. Obwohl sie mit feraininer
Hartnackigkeit an gewissen Vorstellungen und Befiirchtungen haftet,
zeigt sie wenig selbstandigen Willen und scheint fremdem EinfluC
in hohem Grade zuganglich. Frau Y. ist von nervosen Ziigen nicht
frei. Dieselben basieren in ihrer psychischen Cberempfindlichkeit
und finden ihren Ausdruck in leichten funktionellen Storungen ner-
voser Art, die ein ausgesprochen weibliches Geprage tragen. G u t-
a h t e n : Es handelt sich demnach bei Frau Y. um eine Personlich-
keit von so ausgesprochen weiblichem Typus hinsichtlich ihrer
Korperbeschaffenheit wie ihres gesamten Seelenlebens, ihrer Ver-
standes- und Empfindungswelt, ihres Charakters, ihrer Gewohnheiten,
ihrer Eigentiimlichkeiten in normaler und auch in pathologischer Hin-
sicht, dafi die Annahme, es konnten bei ihr homosexuelle Neigungen
vorliegen, einen inneren Widerspruch bedingen wiirde. Es liegen
unserer sachverstandigen Uberzeugung nach auch nicht die geringsten
Anhaltspunkte fiir eine solche Annahme vor; dagegen steht der gesamte
Befund in volligem Einklang mit den Angaben, die Frau Y. selbst
iiber ihr absolut normales Geschlechtsempfinden macht. Zu der Ver-
mutung, Frau Y. konnte entgegen ihren Neigungen homosexuellen
Verkehr gepflogen haben, fehlt jedes Motiv. Sollte es zutreffen, daU
sie ihre Schwa^erin und andere Frauen zartlich gekiifit hat, wie von
der G^genpartei behauptet wird, so laBt das absolut noch nicht auf
homosexuelles Empfinden schlieBen. Sind doch derartige, oft sehr iiber-
schwangliche Zartlichkeiten gerade bei durchaus normalen Frauen von
empfindsamem und anschmiegendem Wesen etwas ganz Gewohnliches.
Unser Gutachten geht demnach dahin: Fiir die Annahme, es konnten
bei Frau Y. homosexuelle Neigungen bestehen, oder sie konnte Ge-
schlechtsverkehr mit Frauen unterhalten haben, liegen keinerlei An-
haltspunkte vor. Dagegen spricht der Befund in jeder Hinsicht gegen
eine solche Annahme.
Vor allem muiJ in alien solchen Fallen immer genau ge-
prlift warden, ob die Abneigung sich nur auf bestimmte Per-
sonen oder das ganze andere Geschlecht erstreckt. Nament-
lich antifetischistische Regungen^) spielen bei der sexuellen
Aversion oft eine groBe RoUe, beispielsweise bei inanchen
Mannern Abneigung gegen die Milchdriisen des Weibes, bei
manchen Frauen gegen den Vollbart des Mannes.
1) Cf. meine Ausfiihrungen „Uber Horror sexualis partialis
(sezuellc Teilaversion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, Fetisch-
haB)„. Neurologisches Zentralblatt 1911 Nr. 10.
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Aber selbst wo das andere Geschlecht in toto „gehaQt" wird, ist
keineswegs als Revers Liebe zum eigenen Geschlecht erforderlich.
Wilhelm Hammer 2) zitiert einmal f olgende Satze der anonymeD
V^erfasserin einer Schrift : Prostitution des Mannes 3) :
„Und ins Angesicht, Mann, dir ins Angesicht, du Mann bestie,
schleudre ich meinen grimmigen Zorn, meinen heftigen E k e 1 , meine
mafilose Verachtung, ins Angesicht dir und schreie : Ich verachte dich
.... Aber was seid ihr mir, was euer Hohn, cure Verdammung, eure-
VerleumdungI Ab gleitet sie an mir, wirkungslos ab — bin ich doch
unabhangig von euch, bin ich doch iiber euch — bin ich doch frei
von euch I'*
Wenn Hammer meint, daU hier ,,ein auf urnischer Grund-
lage entstandener MannerhaB zu Worte komtnt", so ist durchaus
noch nicht der Beweis hierftir erbracht. Es ist vollauf berechtigt,
wenn B 1 o c h in seinem „Sexualleben unserer Zeit" dem groBen
Kapitel liber Homosexualitat ein kleineres voranstellt: „Der
Abfall vom Weibe"^), das er mit folgenden Worten einleitet:
,Jch schicke dem langeren Kapitel tiber die Homosexualitat
ein kiirzeres liber das Zeitphan;omen des ,Abfalls vom Weibe'
voraus, um zu verhtiten, daB man beide Erscheinungen in
einen Topf werfe, und, wie es heute oft geschieht, die mann-
lichen Homosexuellen als ,Weiberfeinide* fur die augenblicklich
grassierende geistige Epidemie des Weiberhasses verantwortlich
mache. Das ware die groBte Ungerechtigkeit, weil erstenis
diese Bewegung gar nicht von den Homosexuellen ausge-
gangen ist, sondem von typisch heterosexuellen Individuen,
wie Schopenhauer, Strindberg u. a., und weil zweitens
die Homosexuellen als solche gar keine Weiberfeinde sind,
es vielmehr nur eine Minoritat von ihnen ist, die den misogynen
Tiraden eines Strindberg und Weininger Beif all
klatscht". In der Tat ist das Gefiihl, das die Meh'rzahl der
Homosexuellen jgegen das andere Geschlecht hegt, kein HaB,
son der n Gleichgliltigkeit.
Ich befinde mich auch hier in Ubereinstimmung mit N u m a P r a-
t o r i u s , der in einer Kritik &) einmal bemerkt, daB bei den meisten
Menschen „zwar nur ein Trieb zu e i n e m bestimmten Geschlecht,
aber daneben nicht horror, sondern Indifferenz zu dem
anderen besteht." Er meint, daB auch der Ekel, der Heterosexuellen
vor gleichgeschlechtlichen Handlungen mehr intellektuell, mehr durch
die allgemeine Anschauung und Beurteilung begriindet, als instinktiv,
gefiihlsmaBig vorhanden sei. Lage ein wirklicher horror vor, so wiirden
schwerlich so oft und leicht Heterosexuelle den Homosexuellen zu Ge-
fallen sein und Homosexuelle, wenn auch nur durch mechanische
2) W. Hammer, Die Tribadie Berlins, pag. 97 f.
5) I. E., Prostitution des Mannes. Ziirich 1896.
*) Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zoit in seinen Bo-
ziehungen zur modernen Kultur. Berlin 1909. 18. Kapitel, Der Ab-
fall vom Weibe. p. 530—538.
^) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IX. 1908. p. 501.
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Reizung „onanieartige Akte" mit dem anderen Geschlecht vornehmen
konnen."
Sicherlich trifft es ftir einen groBen Toil der Homosexuellen
wic der Heterosexuellen zu, dafl sie dem Geschlecht, zu dem
sie sich nicht positiv hingezogen ftihlen, nur indifferent gegen-
tiberstehen, vor allem hat ftir das jugendliche Bisexualitat^-
altor diese Beobachtung fast allgemeine Giiltigkeit, aber ftir
eine recht groBe Anzahl erwachsener Homosexueller und Hetero-
sexueller gilt diese Regel nicht, ihnen ist der Geschlechtsverkehr
mit dem Geschlecht, das sie nicht lieben, oft genug ,,unmoglich**,
„grauenerregend*', ,,entsetzlich". Ftir die Differentialdiagnose
ist das Wichtigste, daB die starksten AuBerungen des Wider-
willens und Abscheus gegen das andere Geschlecht nicht von
Homosexuellen, sondern von Heterosexuellen herrlihren. Eines
der bekanntesten Beispiele ist Scho,penhauer, der ^ich
nicht genug tun konnte an verachtlichen Bemerkungen „uber
die Weiber"^), das „niedrig gewachsene, schmalschultrige, breit-
hliftige, und kurzbeinige Ge^hlecht**.
Hochst lehrreich zu dieser Frage ist auch eine Beobachtung,
welche Wilhelm Ebstein in Gottingen vor einiger Zeit imter dem
Titel: „Weiberscheu als Krankheitszustand" im Neurologischen Zentral-
blatt, 1912 Nr. 1, veroffentlichte. Sie betrifft einen im Ruhezustand
lebenden hoheren Richter, der zweimal gliicklich verheiratet war. Kor-
peiiich und auch im Seelischen sonst ganz gesund, hat sich allmiihlich
immer mehr ein Zustand grofiter Abneigung gegen jedes Schen und
Horen von' Frauen bei ihm herausgebildet. Er schreibt selbst: „Meine
Krankheit besteht in einer hochgradig entwickelten Weiberscheu. Wenn
ich in einem Nebenzimmer auch nur eine Regung hore, die von einer
Frau herriihrt, so versetzt mich das in nervose MiBempfindungen,
welche stunden- und tagelang anhalten. Ich stehe jetzt im 70. Lebens-
jahre. Der gedachte Zustand besteht nahezu sieben Jahre. Das
erste Auftreten der Krankheit liegt aber weiter zuriick. Sie trat zu-
erst schwach, aber unter sehr heftigen nervosen Erscheinungen im
Jahre 1866 auf."
Weiter heiCt es: „Erst nachdem ich im Oktober 1881 meine
gegenwartige Wohnung bezogen, wo ich vollig abgeschlossen von alien
weiblichen Wesen in meinem Zimmer lebe, hob sich im Laufe einiger
Monate mein Zustand in der Art, daB ich wieder schreiben lernte
und iiberhaupt arbeitsfahig wurde. Nur meine Empfindlichkeit gegen
jede weibliche Nahe blieb, und hat sich sogar im Laufe dieses Jahres
noch erhoht." Auch mit seiner eigenen Frau konnte er schliefilich
nur noch brieflich verkehren. Von Homo^exualitat war dabei keine
Spur vorhanden. Auch Lessings Wumshater (engl. woman-hater,
Weiberhasser), den er zum Mittelpunkt seines dreiaktigen Lustspiels
.,Der Misogyn" gemacht hat, ist nicht homosexuell. Oft scheint der
HaB gegen das andere Geschlecht auch eine sadistische Grundlage
zu haben. So soil der Marquis d e S a d e selbst ein energischer Frauen-
feind gewesen sein. Sein Biograph Bloch sagt von ihm: ,,Durch alle
seine Werke zieht sich dieser fanatische WeiberhaB. Sarmiento in
..Aline et Valcour" (II, 115) mochte am liebsten alle Frauen vertilgen
und preist den Mann gliicklich, der gelernt hat, aiif den Umgang
«) Schopenhauers Werke, ed. Grisebach, Bd. V. p. 654.
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mit diesem jjniedri^en, falschen und schadlichen Geschlecht" gaiiz
zu verzichten." "') Ein Seitenstiick zu dem E b s t e i n schen Fall findet
sich in einer Schilderung, die vor einigen Jahren s) W. Schiemann
im „RuBki Archiv" von General H e 1 w i g entwirf t, der unter N i k o -
laus I. Kommandant der Festung Diinaburg war. Es heiBt da:
„Der alte H e 1 w i g war . ein Todfeind des schonen Geschlechls
und suchte jede Begegnung mit einer Frau zu yermeiden. Einmal aber
blieb ihm das Zusammensein mit einer Frau doch nicht erspart, imd
diese Frau war die Kaiserin Alexandra, die Gemahlin N i k o -
laus' I. Das Kaiserpaar kam zu einem zweitagigen Besuch nach
Diinaburg. Der Kaiser schatzte General H e 1 w i g als einen tiich-
tigen Offizier sehr hoch und erfreute ihn durch einige anerkennende
Worte. Am nachsten Tage sollte eine Besichtigung der Garnison
und eine Truppenparade stattfinden. Der Zar machte dem Komman-
danten den Vorschlag, bei dieser Gelegenheit mit der Kaiserin zu-
sammen im Wagen zu fahren. H e 1 w i g aber suchte diese Ehre hof-
lich von sich abzuwenden. „Ich bin noch nicht so alt, Ew. Majestat,"
sagte er, „da6 ich Ihnen nicht zu Pferde folgen konnte." — Doch dor
Kaiser blieb dabei: „Das glaube ich gern, lieber Helwig. Aber wer
konnto meiner Frau besser als du alles zeigen?" — Am andern Tage
nahm der Kommandant in gelinder Verzweiflung neben der Kaiserin
im Wagen Platz. Kaiserin Alexandra, der ihr Gatte nichts von
der Idiosynkrasie H e 1 w i g s gesagt hatte, konnte sich iiber das un-
gewohnliche Verhalten ihres Begleiters nicht genug wundern. Der
Kommandant war auBerst wortkarg und unliebenswiirdig, beantwor-
tete die Fragen der Kaiserin widerwillig und ohne sie dabei anzusehen
und drehte ihr meist den Riicken zu. Kaiser N i k o 1 a u s ritt neben
dem Wagen her, beobachtete den unhoflichen General und hatte seinen
SpaB an den Qualen, die jener litt und an der Verwunderung seiner
Gemahlin. Gut gelaunt, beschloB der Zar, den Scherz fortzusetzen.
Nach der Parade, die zu seiner vollsten Zufriedenheit verlief, dankte
er dem Kommandanten und dem kommandierenden General, und urn
Helwig seine besondere Gunst zu erweisen, sagte er sich bei ihm
mit der Kaiserin zum Tee an. Der alte General war sichtlich auf das
unangenehmste liberrascht. „Ich habe keine Hausfrau. Ew. Maje-
stat!'* erwiderte er. „Ich bin ein alter Hagestolzl" — „Warum hci-
ratest du denn nicht? Ich wiiBte eine passende Partie fiir dich." —
„Ich bin zu alt, um zu heiraten, Ew. Majestat." — „Ach was, zu alt I
Zu einem Dauerritt von ein paar Meilen bist du noch jung genu^,
zum Heiraten aber behauptest du zu alt zu sein. Nun, ich will dir
nicht zur Ehc zureden, aber Tee werde ich bei dir doch trinken. Wir
bitten einfach die Kaiserin, die Rolle der Hausfrau zu iibernehmen.
Geh' und ersuche sie darum !" — Schweren Herzens kam der Alte dem
Befehl nach. Der verhangnisvolle Abend kam. Der Teetisch war ge-
schmackvoll arrangiert, es fehlte nicht an Backwerk, Friichten und
allerhand Naschwerk. Die Kaiserin war sehr aufmerksam gegen ihren
Wirt ; sic reichte ihm selbst den Tee und Geback, und Helwig, der
wie auf Nadeln saB, muBte nicht nur eine Frucht nach der anderen
aus den Handen der Kaiserin dankend entgegen nehmen, sondern
anstandshalber auch etwas von den Dingen genieBen, die ihm eine
Frau reichte. Aber das Schlimmste stand dem alten Degen noch
bevor. Beim Abschiede reichte ihm die Kaiserin die Hand zum
Kusse. Helwig bezwang sich und tat, was die Etikette verlangte.
Kaum aber hatten ihn seine Gaste verlassen, so ging er imverzuglicb
an eine Reinigung seines auBeren Menschen. Er spiilte sich nicht
nur wiederholt den Mund aus, sondern nahm sofort ein warmes Bad,
wechselte seine Leibwasche und zog eine andere Uniform an. Dann
7) B loch, 1. c. p. 536.
8) Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. V, 2. pag. 1289 ff.
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lieB er seine Kleider sorgfaltig desiniizieren und alle Zimmer seiner
Wohnung durchrauchern. Der Stuhl aber, auf welchem die Kaiserin
gesessen hatte, erhielt am nachsten Tage einen neuen Cberzuff."
DaB ein nicht minder starker heterosexueller Horror auch beim
weibiichen Geschlecht vorkommen kann, zeigt nicht nur das obige
Ziiat aus „der Prostitution des Mannes", sondern allerlei Erfahrun-
cen und Vorgange des taglichen Lebens, von denen jiingst einer aus
New York bericntet wurde. In einem von zwei Damen bewohnten
Hause brach eines Tages Feuer aus. Das letzte Zimmer, iiber das sie
verfiigten, stand schon in Flammen, als zwei junge Manner ein-
drangen, um unter eigener LebensgefaJir die beiden Madchen zu retten.
Die mannerscheuen Fraulein versuchten, ihren Lebensrettern den Zu-
tritt zu verwehren. Als man sie schlieBlich doch in das Freie gebracht
hatte, waren sie nicht etwa fiir ihre Rettung dankbar, sondern hochst
entriistet iiber die „mannliche Zudringlichkeit" ; sie hlltten lieber ster-
ben wollen, als dafi sie die „Schmach°* mannlicher Beriihrung erdulde-
ten. Zwei Tage spater fand man die Madchen. tot in ihrer Wohnung
vor. Sie hatten den Tod gesucht, wie sie schrieben, weil ein. Mann
sie angefaBt hatte.
Es ist hier nicht der Platz, auf alle Grtinde einzugehten,
die bei der Frau zu sexueller Anaphrodisie, beim Manne zu
relativer und absoluter Impotenz flihren — einer der
haufigsten ist sexuelle Hypodiondrie. Trotz der trefflichen
Monographie von Otto Adler „Die mangelhaf te Geschlechts-
empfindung des Weibes. Anaesthesia sexualis feminarum. Ana-
phrodisia. Dyspareunia. Bsrlin 1911**, und den inhaltsreichen
Arbeiten unserer Berliner Kliniker Ftirbringer^), Eulen-
b! u r g^®) liber Impotenz, denen sich die von G y u r k o -
vechkyii), Steinbacher^^) ^nd Hammond^^) anreihen,
ist hier noch sehr vieles in Dunkelheit gehtillt.
AUes in diesem Abschnitte in Erwagung Gezogene zu-
sammenfassend kommen wir zu dem Resultat, dafi das nega-
tive Verhalten gegeniiber dem anderen Geschlecht ein wichtiges,
aber kein allein ftir sich beweisendes Signum der Homosexualitat
ist. Es ist nur dann von Wert, und zwar von hohem Wert,
wenn es mit einem nachweisbar positiven Ver-
halten gegeniiber dem eigenen Geschlecht ver-
gesellschaf tet ist.
^) Fiirbringer, Die Storungen der Geschlechtsfunktionen des
Mannes, Wien 1901.
i<>^ A. Eulenburg, Sexuale Neurasthenie.
'1; V. v. Gyurkovechky, Pathologic und Therapie der mannlichen
Impotenz, Wien und Leipzig 1897.
12) J. Steinbacher, Die mannliche Impotenz, Berlin 1892.
18) W. A. Hammond, Sexuelle Impotenz beim mannlichen und
weibiichen Geschlechte, Berlin 1891.
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ELFPES KAPITEL.
Differentialdiagnose zwischen Homosexualitttt und den drei
Ubrigen Gruppen der^esclilechtsUbergilnge;Herinaphroditisinus,
Gynandromorphie und Transvestitismus.
Nach dem Ersdieinen der ersten wissensch'aftlichen
Arbeiten uber das Wesen der Homosexualitat, namentlich der von
Westphal, Ulrichs, Krafft-Ebing beigebrachten Ka-
3uistik, waren viele Arzte und Laien, besonders auch viele
Urningc selbst geneigt, in jedem Manne, der durch weibliche,
und in jeder Frau, die durch mannliche Ztige auffiel, Homo-
sexuelle zu erblicken. Als man mit groBerer Erfahrung aber
inne wurde, da6 es auch viele Homosexuelle gab, die in ihrem
Habitus keinerlei alterosexuelle Einschlage boten, und solche
auch gelegentlich bei vollig Heterosexuellen fand, verfielen
manche in ein anderes Extrem, und sprachen diesen Anzeichen
jede Bedeutung ab.
Beide Meinungen berulien auf einem Irrtutn, der sich aus einer zu
geringen Erfahrung erklart. DaB Homosexuelle unverhaltnismaBig
uaufig psychisch und somatisch andersgeschleclitliche Zeichen dar-
bieten, kann nur ein Nichtkenner der Homosexualitat leugnen, aber
sie sind keine conditio sine qua non, und wenn H. Marx^) einmal sagt,
„daB ein Urning kein Mann ist, sondern zum weiblichen Ge-
schlecht gerechnet werden mufi", so ist anzunehmen, daB ilim
offenbar nur ganz feminine Urninge zu Gesicht gekommen sind. Nicht
minder verfehlt ist es aber, die symptomatische Bedeutung dieser
Zeichen deshalb zu neofieron, woil sie nicht immer nachweisbar sind;
das ist nicht viel anders als dem Bart die Bedeutung eines mann-
lichen Geschlechtszeichens abzusprechen, weil es auch bartlose Man-
ner und Bartdamen gibt, oder der Brust den weiblichen Charakter
zu nehmen, weil man auch weibbriistige Manner und mannbriistige
Weiber kennt.
DaB eine gewisse Neigung hierfiir besteht, zeip:te mir eine Stelle
in einem Aufsatz ,,Der iSexualLsmus in der Spracha*' von Dr. K a t h e
Schirmacher. Hier schreibt diese bekannte Fiihrerin der Fraiien-
bewegung: „Behaupten, daB Manner Fraueu- und Fraueri Miinnereigen-
schaften haben, ist eine Absurditat" und weiter wortlich : „Ich ent-
nehme einem Konzertbericht folgendes Urteil: „Die Pianistin spielte
1) H. Marx, 1. c. p. 8.
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mit mannlicher Kraft." " Ich begreife nicht, wie Frauenarme und
•liande Mannerkraft entfalten und enthalten konnen. Denn wenn
diese Kraft von einer Frau entwickelt wird, ist es doch eben Frauen-
und nicht Mannerkraft."
Eine Wahrnehmung zu konstatiereh scheint mir nicht un-
wesentlich: Die starksten Annaherungen an den entgegen-
gesetzten Geschlechtstjpus, wie beispielsweise beim Weibe
Klitorishypertrophie und Vollbart, beim Manne Hypospadia
peniscrotalis und Gynakomastie sind haufiger mit Hetero-
sexualitat als mit Homosexualitat verbunden.
a)Hermaphroditismus. Wenden wir uns nun den ver-
schiedenen Graden sexueller Zwischenstufen zu, so ist eine Ver-
wechselung zwischen Homosexualitat und Hermaphroditismus
keineswegs auszuschlieUen. Verschiedentlich haben sich herm-
aphroditische Manner, und namentlich Frauen, zunachst fur
homosexuell gehalten, und sicherlich sind nicht wenige Menschen
als Homosexuelle durchs Leben gegangen, die in Wirklichkeit
Hermaphroditen waren.
Der erste Fall von Pseudohermaphroditismus, den ich in meiner
Praxis sah 2), betraf auch einen Mann, der sich, bis er mich auf-
suchte, fiir eine homosexuelle Frau hielt. Die Angaben, die mir die
44jahrige, seit ihrer Geburt als Frau lebende Person iiber ihren Ge-
schlechtstrieb machte, lauteten:
„Im 13. Lebensjahre traten die ersten geschlechtlichen Regungen
auf. Die Richtung des Geschlechtstriebes war immer dieselbe, und
zwar wandte sie sich von Anfang dem weiblichen Geschlechte zu.
Die Liebestraume bezogen sich stets auf das Weib, sie traumte, daC
ein Madchen sie kiiBte imd an sich driickte, wobei Erektionen der
Klitoris eintraten. Ahnliches bemerkte sie auch schon friih beim
Beriihren oder Umarmen ihrer Schulfreundinnen. Dem Manne gegen-
liber besteht in sexueller Hinsicht Gleichgiiltigkeit, vor dem Koitus
mit ihm Widerwillen. Vier Heiratsantrage, die ihr im Laufe der Jahre
gemacht wurden, lehnte sie ab, zweimal gab sie dem Verlangen von
Mannern, welche mit ihr kohabitieren wollten, nach, fiihlte sich aber
nach dem Akt sehr unbefriedigt. Auf die Frage, was sie am Manne
abstoi3t, antwortete sie: „es ist kein Reiz da".
Ihre Neigung erstreckt sich bcsonders auf 18 — 24 jahrige Madchen
„mit vollen Briisten und runden Armeu", und zwar mehr sanftmiitige
und gebildete Personen. Zweimal hatte sie ein Freundschaftsbiindnis
von langerer Dauer, jedesmal etwa drei Jahre, sie war sehr eifersiichtig,
hezeichnet aber diese Jahre als die gliicklichste Zeit ihres Lebens.
Die Art des Begehrens ist mehr mannlich aktivisch, die Starke ihres Ge-
schlechtstriebes groB, nach dem Verkehr mit einer Frau fiihlt sie sich
erfrischt und gesundheitlich gefordert. Sie ist der Meinung, daB
sie homosexuell veranlagt sei. Wenn die Gelegeuhoit zum
sexuellen Verkehr mit einem Weibe fehlte, griff sie zur Selbstbefriedi-
gung, wobei sie sich Frauen vorstellte. Aus dem korperlichen Befund
sei folgendes hervorgehoben : Patientin ist 1,72 m groB, wiegt 156 Pfd.,
ihre Knochen sind stark; Korperkonturen nicht abgerundet, sondern
^) Dieser Fall wurde zuerst von mir in dor „Monatsschrift fiir
Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene", 11. Jahrgang 1905, Heft 1,
beschrieben.
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eckig; Oberarm und Oberschenkel abgeflacht; Fettpolster sehr gering,
Muskeln abgesetzt und kraftig, sie hebt mit einer Hand I1/2 Zentner,
tragt zwei Zentner auf dem Riicken, mich selbst (85 Kilo) hob sie
ziemlich leicht empor, Hande und FnQe sind grofi, besonders die
Hande ungewohnlich kraftig, das Fleisch fiihlt sich fest an, sie tumt
gem, tanzt gem „als Herr", ihre Schritte sind ziemlich kurz, ihr
Gang ist gerade, doch dreht sie sich etwas in den Hiiften, schon als
Kind konnte sie „wie ein Bube" pfeifen. Der Kehlkopf ragt stark
hervor, was durch ein Samtband geschickt verborgen wird. Die
Stimmo ist tief und rauh, Halsumfang 37 cm, die Lange des Halses
be tragt von der Incisura thyreoidea bis zum Manubrium sterni 10 cm.
Die Schliisselbeine ragen vor. Thoraxumfang uber den Mamillae ge-
messen, bei der Inspiration 98, in Exspirationsstellung 91 cm. Der
Atmungstypus abdominal. Der Warzenhof hat einen Durchmesser von
11/2 cm, ist ein wenig umhaart. Mammagewebe nicht nachweisbar.
Auf der linken Seite befindet sich, genau in der Mitte der 28 cm langen
Verbindungslinie, welche von der Brustwanse bis zum Nabel gezogen
werden wiirde, eine kleine iiberzahlige Brustwarze.
Die Hiiftbreite ist bedeutend schmaler als die Schulterbreite ;
der Schulterumfang betragt — unter dem „Acromion" genommen —
106 cm, der Hiiftumfang dagegen, am oberen Ende der rima pudendi
gemessen, 98 cm, zieht man nur die Vorderseite in Betracht, so ist
die Schulter vom Acromion zum Acromion 60 cm, die Hiifte in der
Mitte zwischen Nabel und Symphyse von einem Oberschenkel zum
anderen 44 cm breit. Das Becken selbst hat einen vollig mannlicheu
Charakter. Der Schadel ist kraftig, die hohe Stirn wird durch die
nach unten gekammte Haarfrisur um ein Wesentliches verkiirzt; das
Kopfliaar reicht aufgelost bis zur Mitte der Schulterblatter und ist
nicnt sehi* dicht, bis zum 20. Jahr wurde es in zwei Zopfen getragen,
welche damals bis zur Taille reichten. Jetzt wird es in moderner
Damenfrisui* getragen. Der Bartwuchs ist sehr stark; der Bart wird
an der Oberlippe und am Kinn taglich rasiert. Die Haut ist ziem-
lich zart und fast unbehaart, nur am Unterarm und am Unterschenkel
befindet sich ein leichter Flaum. Die Schambehaarung tragt
mehr weiblichen Typus; nur bei genauem Hinsehen bemerkt
man Spuren des fiir Manner charakteristischen Haarstrichs zwischen
Nabel und Symphyse. Die Schmerzempfindlichkeit der Haut ist groB.
Patientin will immer gesund gewesen sein, so daB sie noch niemals
einen Arzt konsultiert hat. Die auBeren Geschlechtsteile zeigen auf
oberflachlichen Anblick eine weibliche Form. Man sieht zwei stark
entwickelte groBe Labien, welche sich nach dem Damm zu verbreitern,
ziemlich reichlich behaart sind und an der Innenseite prominente Talg-
driisen aufweisen. Die hintere Kommissur der groBen Labien grenzt
sich nach oben zu scharf ab, wahrend die Labien nach dem Damme
zu ineinander iibergehen. Der letztere ist ziemlich lang und ist
an seinem analen Ende mit Hamorrhoidalknoten besetzt. In der
oberen Schamlippe ist ein hiihnereigroBes, hoden-
artiges Gebilde deutlich palpabel. Von demselben geht
ein Strang aus, der sich wie ein „vas deferens" anfiihlt. Cremaster-
reflex nachweisbar. Die linke Schamlippe ist leer, doch gelingt es,
von der Unterleibshohle aus durch den linken Leistenkanal ein hoden-
artiges Gebilde von der GroBe eines Taubeneies herabzudriicken. Es
wird angegeben, daB bei dem Geschlechtsverkehr mit Weibern, wel-
cher teils nach Art des normalen Koitus, teils als Cunnilingus vor-
genommen wird, im Orgasmus ein schleimiges Sekret „etwa ein Finger-
hut voir* entleert wird, welches aus einer anderen Offnung als der
Ham hervorquillt. Dasselbe geschehe bei der Masturbation. Das
Ejakulat wurde mikroskopisch untersucht. Es fanden sich darin sehr
zahlreiche vollig normale Spermatozoen. In dem zwi-
schen den groBen Labien befindlichen Spalt treten die stark ent-
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wickelten Schleimhaute der kleinen Labien zutage. Oben bilden sie
ein weithervorragendes Praputium, nach dessen Zuriickstreifung erst
die undurchbohrte Klitoris sichtbar wird. Diese ist von Siiief^ma
bedeckt, zeigt deutlich eine Glans, eineii sulcus coronarius, ist in
der Ruhe 4, in statu erectionis 7 cnj laug. An der Spitze befindet
sich ein seichtes Gnibchen, welches ^icli nacli unten in einer Furche
fortsetzt, die in den schmalen Scheidenspalt iibergeht. 6 cm unterhalb
der Penisspitze miindet in diese Rinne der Urethralkanal, Hymen ist
nicht vorhanden, in die Scheide kann weder mit dem Finger noch
mit der Sonde eingedrungen werden, da diese Manipulation mit zu
groBeu Schmerzen verbunden ist, und in ('hloroforranarkose nicht
untersucht werden konnte. Zieht man die kleinen Labien weit aus-
einander, so scheint es, als ob die blutigrote Scheide in einer Tiefe
von 3 cm blind endigt. Bei der rectoabdominalen Untersuchung fand
ich nichts, was als Uterus, Tube oder Ovarien gedeutet werden konnte,
dagegen einen walbiui3groCen Korper, der nach Form und Lage den
Eindruck einer Prostata hervomef.
Nach diesem Befunde konnte es nicht zweifelhaft sein,
dafi es sich bei der Patientin um einen Mann handelte. Wiirde
man sie nur fllichtig inspiziert haben, so hatte man bei der
weiblichen Figuration der Pubes, der vollig die Geschlechts-
teile verdeckenden Klitoris und der sichtbaren Vulva die Dia-
gnose gestellt : homosexuelle Frau vom ausge-
sprochenen Typus der Virago. Die auff allend starke
rechte Schamlippe lieC verschiedene Deutungen, wie Hernia,
Varicen, Oedem zu, erst die eingehende Untersuchung ergab
kein homosexuelles Weib, sondern einen heterosexuellen
Mann mit Hypospadia peniscrotalis und leichten
femininen Einschlagen auf psychischem und korper-
lichem Gebiet. Cbrigens lehnte die Patientin meinen Vorschlag,
ihre Metrik zu andern und als Mann weiter zu leben, ab, da
sie das mit dieser Umanderung verknlipfte Aufsehen scheute
und fUrchtete, ihre geschaftliche Stellung zu verlieren.
Sic lebt also nach auften als homosexuelles Weib weiter,
wahrend sie re vera korperlicher Pseudohermaphrodit ist.
Sehr viel schwieriger als in dem vorliegenden war die
Differentialdiagnose in dem folgenden Falle, weil hier der
korperliche Habitus, vor allem die Brtiste und die Genitalien
aiiJJerlich ganz weiblidh waren. Die Dame war in Ungelegen-
heiten gekomlnen, weil sie mit einer Freundin „durchgegangen**
war. Ich hielt sie anfangs auch flir eine Homosexuelle von nicht
einmal sehr starker Virilitat. Sicherlich hatte sie auch als
solche weiter gegolten, wenn nicht die Untersuchung des schlei-
migen Sekrets, das sich bei sexueller Erregung aus der Harn-
rohre entleerte, ebenfalls Spermatozoen ergcben hatte. Der
Fall, welcher von sehr groBer prinzipieller Wichtigkeit ist,
weil er zum ersten Male einwandfrei das innere Vorkoinmen
mannlichen Samens bei auBerlich vollig weiblichem Habitus
Hirschfeld, Homosexualitlt. '5
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^26
zeigte, wurde von fiurcliard und inir in del* deutschen
naedizinischen Wochenschrift^) und in der Broschiire „Ge-
scJilechtsumwandlungen*'*) publiziert.
In einer kleinen Gemeinde in Ungarn ereignete ^ich im
Sommer 1913 der Fall, da6 eine Fran, die seit 11 Jahren in
sehr gliickliclier Ehe mit einem Landwirt gelebt hatte, sich
wahrend einer langeren Abwesenheit ihres Mannes in ein Weib
verliebte. Als der Mann, der ftir einige Jahre nach Amerika
ausgewandert war, davon erfnhr, kehrte er sofort zurtick.
Die von der Kirchenbehorde veranlaBte arztliche Untersuchung
ergab, daB sie in Wirklichkeit ein Mann sei. Darauf wurde die
Ehe annuUiert. Der Bericht schliefit mit den Worten : ,,Die ehe-
maligen Gatten umarmten feich und nahmen weinend von ein-
ander Abschied. Marie Br. heiBt nun Franz Br. und ist nach
Schlesien ausgewandert, wo sie, resp. er als Krankenpflegeo:
in einem Spital angestellt wurde. Der Gatte aber hat sich rasch
wieder verheiratet.**
Auch den umgekehrten Fall, den eines anscheinend homo-
9exuellen Mannes, hinter dem sich ein anscheineind hferm'-
aphroditisches Weib verbirgt, habe ich gesehen^).
Diese Personlichkeit suchte mich auf, behufs Ausstellung eines
Gesundheitsattestes, welches seitens einer Behorde von ihm erfordert
wurde. Es hatte ihm groBe Uberwindung gekostet, sich zu einenj
Arzte zu begeben.
Er tragi einen Anzug, der in keiner Weise von der bei Herren
ublichen Tracht abweicht. Sein hellblondes Haupthaar ist kurz, strup-
pig, ungescheitelt. In seinem zarten hiibschen Gesichte findet sich
ein sparlicher, flachsfarbener Schnurrbart. Nachdem der jetzt 32 Jahre
alte, 1,G9 m groBe und 148 Pfd. schwere F. K. sich entkleidet hat,
zeigt sich ein prachtvoller weiblicher Korper. Der Brustumfang
ist 90, der Hiiftumfang 98 cm. Die Mammae treten als zwei pralle
voile Halbkugeln hervor. Die Brustwarzen sind ziemlich groB und vod
einem rosa gefarbten Warzenhofe umgeben, dessen Durchmegser 6 cm
betragt; in demselben sind einige Montgomerysche Knotchen deutlich
sichtbar. Bei der Palpation fiihlt man unter der Haut der Briiste ein
Gewebe, das vom weiblichen Mammagewebe nicht zu unterscheiden ist.
Die Haut ist sehr zart, rein und vollkommen glatt. Die Korperlinien
sind abgerundet, namentlich die Schulter-, Oberarm-, Hiift- und Ober-
sclienkelkonturen absolut feminin. Die Hande sind weich und zier-
lich (Handschuhnummer 7), die FiiBe klein. Das Fleisch fiihlt sich
teigig und schwellend an, die Muskulatur ist schwach entwickelt. Die
Schritte sind klein und kurz, doch findet beim Gehen kein Drehen in
den Schultern und Hiiften statt. Patient kann nicht pfeifen. Es be-
steht keine Neigung zu kraftiger Muskeltatigkeit, Turnen, gym-
8) Deutsche Medizinische Wochenschriftj Nr. 52, 1911.
*) Geschlechtsumwandlungen (Irrtumer in der Geschlechtsbestim-
mung). Sechs Falle aus der forensischen Praxis. Von Dr. Magnus
Hirschfeld. Aus „Beitrage zur forensischen Medizin". Band I, Jlett 2.
^) Dieser Fall wurde von mir in der „Monatsschrift fiir Jlarn-
krankheiten und sexuelle Hygiene", II. Jahrgang, Heft 5, veraffenc-
licht.
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nastischen Spielen, aber auch nicht zum Tanz, dagegen zum Wandera
and Radfahren. Der Atmungstypus ist kostal. Der Kehlkopf tritt am
auBeren Halse nicht hervor; die Stimmlage ist mittei; wie Patient an-
gibt, ist sio durch Cbung tiefer geworden. Die Sprache ist einfach,
nicht geziert; Neigung in Fistelstimme zu sprechen ist nicht vor-
handen, eher das Gregenteil. Der Gesichtsausdruck ist weder ausge-
sprochen mannlich noch weiblich, jedenfalls aber mehr weiblich als
mannlich. Die schonen blauen Augen haben einen ruhigen, sanften,
leicht melancholischen Ausdruck. Patient fiihlt sich auBer seiner Ab-
normitat vollkommen gesund. Es bestehen keinerlei Storungen des
Nervensystems, auch keine Migrane und Neurasthenie. Die makro-
skopische und mikroskopische Untersuchung des Genitalapparates er-
gab folgenden Befund: Die Schambehaarung ist typisch weiblich. Es
sind zwei gut entwickelte Labia majora vorhanden. In die rechte
Schamlippe laBt sich ein kleines taubeneigroBes, in die linke ein hasel-
nuBgroBes Gebilde vom Leistenkanal aus nach unten driicken. Die
Beriihruug derselben ist mit Schmerzen verbunden. Es ist u n m o g-
1 i c h , bei der Palpation zu beurteilen, ob es sich bei diesen Organen
um Hoden, Eierstocke (oder gar um ovotestes) handelt. Beim Herunter-
ziehen scheint es, als ob diese Gebilde mit einem bindegewebigen,
rundeu Strang von geringem Durchmesser in Verbindung stiinden, der
sich weder wie ein vas deferens noch wie eine Fallopische Tube an-
fohlt. Zentralwarts von den groBen sind die kleinen Schamlippeu
sichtbar, die ca^ 4 cm lanjg sind und durch eine reichliche Anzahl von
Schleimhautfalten auffallen. Streift man sie nach oben auseinander,
80 erblickt man einen Biirzel, der 2 cm breit und 1 cm lang ist. In
der geschiechtlichen Erregung soil derselbe etwa 1/2 breiter und ein
wenig langer werden. Dieser stumpfe Hooker zeigt keine Miindung
eines inneren Kanals, dagegen an seiner Oberflache eine nach oben
verlaufende flache Rinne, an deren vaginalem Ende die Urethra miindet.
Die unterhalb derselben gelegene hymenlose Offnung der Scheide ist
fiir eine bleistiftdicke Sonde durchgangig. In einer Tiefe von 14 cm
stoBt diese Sonde auf den Grund des hautigen Kanals, der keinerlei
Vorwolbungen und Offnungen zeigt, welche man als Portio uiid Mutter-
mund ansprechen konnte. Die digitale Untersuchunsj per vagi nam ist
nicht moglich. Per anum fiihlt man keine ProstataT Rectoabdominal
ist keine Resistenz palpabel, die als uterus gedeutet werden konnte.
Die Monatsregel war nie vorhanden, auch keine vicariierenden menses
Oder menstruellen Aquivalente. Patient gibt an, daB sich bei dem meist
durch Masturbation herbeigefiihrten Orgasmus etwa 2 Gramm weiB-
lichen Schleims entleeren, welche er fiir Samenfliissigkeit halt. Die
zu zwei verschiedenen Malen vorgenommene mikroskopische Unter-
suchung des E jakulats ergab in bezug auf Samenfadchen ein nega-
tives Resultat. Im Gegensatz zu der bisexuellen Mischung der so-
matischen Geschlechtsmerkmale zeigt der Geschlechtstrieb keine
Spur von Bisexualitat, ist vielmehr — wie bei einem
normalen Weibe — auf den Mann gerichtet. Nach der
Geschlechtsreife, welche im 15. Lebensjahre eintrat, trat immer deut-
licher ein lebhaftes sexuelles Interesse fiir mannliche Personen her-
vor, fiir Madchen und Frauen bestand niemals auch nur die geringste
sexuelle Neigung. Der Gedanke, mit einem Weibe geschlechtlich zu ver-
kehren, ist ihm „widerwartig". PoUutionstraume hatte stets Be-
riihrungen mit Personen mannlichen (Patient sagt „desselben**) Ge-
schlechts ziun Inhalt. Auf dem Theater fesselten ilin Herron mehr
wie Damen. Patient fiihlt sich von kraftigen, recht mannlichen
Typen angezogen; zarte, weibliche, namentlich auch die meisten Homo-
sexuellen lassen ihn kalt; uniformierte Stande, besonders Soldaten,
bevorzugt er. Die Art seines Begehrens ist passivisch. Er mochte
succubus, der Geliebte soil incubus sein. Der Geschlechtstrieb ist
stark, ein Akt konnte bisher aber nur selten (immer mit Mannern)
15*
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ausgefiihrt werden. Er fiihlt sich daher unbefriedigt und ungliicklich:
wiinscht, daB, wena es moglich ware, seine Natur geandert wiirde.
Wenn andere Manner und Frauen das geschlechtliche Thema beriihren,
kann er sich eines Neidgefiihls nicht erwehren. Patient hat zicmlich
starken Willen, keine Furchtsamkeit und ist von sittlichem Ernst
und groCer Ordnungsliebe. Er iiebt geistige und korperliche Arbeit,
ist in bezug auf seine Lchensbediirf nisse anspruchslos : raucht aber
viel und zwar starke Zigarren, kann auch viel Alkohol
vertragen. Er besitzt ein gutes Gedachtnis, hat viel gelesen und ge-
lernt und ist von umfassender Bildung. In crster Linie interessiert
ihn Politik; er ist ein grower V'erehrer von Bismarck. Musik Iiebt
er sehr. Er spielt sehr gut Klavier. Aus Plastik macht er sich nichts.
Dagegen beschaftigt er sich gern mit Blumenpflege. Es besteht
nicht der geringste Drang in Kleidern des anderen
Geschlechts zu gehen. Er hat weder Neigung fiir Schmuck,
noch fiir Parfiims, Puder und dergleichen. Er Iiebt einfache .Ge-
wandungen, hohe Kragen, doch spielen die Kleidungssorgen keine
Rolle in seinen Gedanken. Hang fiir weibliche Handarbeiten, Kochen,
Putzen ist nicht vorhanden. Seine Schriftziige sind groB und sichei
und erwecken zweifellos den Eindruck, daB sie von einem Manne her-
riihren. Die Differentialdiagnose laBt sich bei dem 32jahrigen, seit
seiner Geburt ais Mann lebenden Fran^ K. intra vitam nicht stelien,
ja es erscheint sogar fraglich, ob es post mortem moglich sein wird,
zu entscheiden, ob diese* Person ein Mann oder ein Weib gewesen ist.
Als Mann, wie die Behorden und seine Umgebung annehmen, kann er,
bei der iiberwiegenden Anzahl weiblicher Geschlechtscharaktere, dem
Mangel mannlicher Keimzellen und dem ausgesprochen weiblichen Ge-
schlechts trieb nicht angesehen werden. Auch nicht als feminin-homo-
sexueller Mann, unter welche Kategorie er sich zu rubrizieren geneigt
ist. Aber auch dem weiblichen Geschlechte konnen wir ihn nicht
zuzjihlen, da er nicht nur niemals menstruiert hat, sondern auch zahl-
reiche Geschlechtscharaktere zweiter und dritter Ordnung besitzt,
welche eine weit iiber das weibliche Stadium hinausgehende, mann-
liche Entwickelung aufweisen. Ungeschlechtlich kann man ihn auch
nicht nennen, da Geschlechsstigmata in groBer Fiille vorhanden sind
und der Geschlechtstrieb in vollkommener Ausbildung besteht. Eben-
soweni^- ist er aber doppelgeschlechtlich, da aus der Amenorrhoe und
Azoospermie hervorgeht, daB weder milnnliche nocli weibliche Fort-
ptlanzungszellen produziert werden. Man kann sagen, daB die
sekundiiren und tertiaren Geschlechtscharaktere bei
ihm in nahezu umgekehrtem Verhaltnis zueinander
s t e li e n , indem auf somatischem Gebiete etwa zu 75 o/o weibliche
und zu 25 Oy miinnliche, auf psychischem etwa zu 75 <Vo mannliche
und zu 25 oq weibliche Geschlechtszeichen miteinander verbunden sind.
Dor Patient,, der sich erst nach groBem Widerstreben zu den
wiederholten llntersuchungen cntschlossen hatte, war nicht wenig ent-
tiiuscht, als ich ihm die Antwort schuldig bleiben muBte, ob er denn
nun eigcntlich ein Mann oder ein Weib sei, ihn also, wie er in der
ihm eigentiimlichen sarkastisclien Art meinte, „auf die Sektion ver-
trostetc."
Diese Beispiele, die sich leicht vermehren lieBeu, zeigen
zur Geniige, daC in jedcm Falle von Homosexuali-
tat zur Sicherstcllung dor Diagnose eine genaue
korparliche Untcrsucliung unerlaBlich ist, die
sich auch auf den Genitalapparat, und in zweifelhaften Fallen
sogar auf dessen Sekrete zu erstrecken hat.
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Auch Kombinationen von Hermaphroditismus und Hnmosexualitat
kommeii vor, wenngleich anscheinend selten. So erzahlte mir auf dem
letzten Internationalen Arzte-KongreC in London ein englischer Kol-
lege aus seiner Praxis folgenden Fall, von dera er nair auch photo-
^rraphische Aufnahmen iibergab. Ein ISjahriges Madchen konsultierfce
ihn wegen Amenorrhoe und virilen Habitus: Bartwuchs, Stimmwechsel.
Der Kollege stellte eine Hypospadia peniscrotalis fest, nahm mann-
liches Geschlecht an und veranlaBte die Umwandlung. Nach vier-
jahrigem Leben als Mann kam die Person sehr deprimiert zu ihm, sie
wolle wieder Madchen werden, sie wisse rait Frauen nichts anzufangen,
dagegen liebe sie einen Mann, mit dem sie, da er ihre Neigung er-
widere, die Ehe eingehen wolle. Auf ihr energisches Drangen wurde
ihr aucn dieser Wunsch erfiillt, und lebt sie nun schon seit 10 Jahren
in durchaus gliicklicher Ehe. Als ich dem Kollegen, der mich nach
meiner Ansicht fragte, sagte, dafi seine Patientin wohl ein homo-
sexueller Mann sein diirfte, war er nicht wenig erstaunt.
b) Gy nandromorpliie. Der androgyne Manner- und
der gynandrische Frauentypus sind keineswegs imtner an Homo-
sexualitat gekniipft. Es gibt gewisse Typen, die man als
ennuchoide bezeichnet hat, sie machen, ohne verschnitten zu
sein, den Eindruck von Kastraten, besitzen weibliche Korper-
formen, hohe Stimme, bartlose Gesichter. Meist besteht
Azoospermie, vielfach Anorchie. Ihnen entsprechen Frauen,
die korperlich viel Mannlidhes haben.
Diese auffallend weiblichen Manner und mannlichen Weiber
werden oft fiir homosexuell gehalten, sind aber nicht selten
voUig heterosexuell, insofern, als sie Erganzungen ihrer Indi-
vidualitat unter Typen finden, die dem anderen Geschlecht
angehoren. Diese sie fesselnden Typen sind allerdings viel-
fach auch androgyn.
So verf alien weibliche, aber „normale" Manner oft immer wieder
auf Madchen, welche, wenn sie auch nicht homosexuell, so 4och
recht viril und burschikos sind, mit flachem Busen, schmalen Hiiften,
kurzeri Haaren und kleinem Flaum auf der Oberlippe ; ich habe wieder-
holt mit Erstaunen wahrgcnommen, ein wie grofies Gefallen manche
sogenannte normale Manner an homosexuellen Madchen und Frauen
fandcu. Manche dieser femininen Manner lieben recht groBe, starke,
kraftige und iippige Frauen, ,,Heroinentypen", „Gcrmaniafiguren**,
„Prachtweiber", andere nur im Aufbluhen begriffene Madchen (Back-
fische) mit noch wenig entwickelten Korperformen, oder auch altere
Damen, welche schon das 40. Jahr iiberschritten haben und bereits
weniger markante Charaktere ihres Geschlechts aufwcisen.
Es sind nicht immer materielle Intereasen, wie meist voraus-
gesetzt wird, wenn sich Burschen von 18 bis 25 Jahren mit reichen
alteren Witwen von 50 und dariiber vermahlen. Viele unter diesen
Mannern, die selbst ein erfahrener Expert nach ihrem AuBeren und
Benehmen zunachst fiir Urninge halt, sind Masochisten.
Einer der seltsamsten Falle, die ich sah, war ein sehr femininer
Rittmeister, der korperliche Pseudohermaphroditen suchte, — ich ver-
danke seinem Spiirsinn einige meiner markantesten Falle. Sein Trieb
war umso ungliickseliger, als diese Hermaphroditen in der Mehrzahl
ihrerseits Frauen liebten und seine Zuneigung zu erwidern auBerstande
waren.
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Unter den heterosexuellen Frauen gehoren in die gleiche Rubnk
alle diejenigen, die das MiBgeschick haben, sich imnier in homosexuelle
Manner zu verlieben, oder auf solche verfallen, die etwas recht Weiches
und Weibliches an sich haben; namentlich bei den beriihmten Schau-
spielerinnen und Kiinstlerinnen scheint diese Geschmacksrichtung stark
vertreten. Weininger hat im VI. Kapitel seines Buches, welches
liber die emanzipierten Frauen handelt, eine stattliche Reihe solcher
Frauen aus der Geschichte zusammengestellt ; da f indet sich George
Sand, von der M6rim6e sagt, sie ware „maigre comme un clou";
diese hatte erst ein Verhaltnis mit dem sehr weiblichen Lyriker
M u s 8 e t und dann mit dem nicht minder weiblichen Komponisten
Chopin, da ist die italienische Dichterin Vittoria Colonna,
die Frcundin des homosexuellen Michel Angel o, die bereits oben er-
wahnte Madame d*A g o u 1 1 als Schriftstellerin Daniel Stern ge-
nannt, Geliebte des femininen Franz Liszt, da ist Madame de
S t a e 1 , welche sich in August Wilhelm Schlegel, den homo-
sexuellen Hauslehrer ihrer Kinder, verliebte, und Clara Schumann,
deren Gatte in seinen Ziigen, seinem Wesen und seiner Kunst stark
weibliche Zuge aufwies. Auch auf Rahel Varnhagen hatte Wei-
ninger hinweisen konnen, an die Varnhagen schreibt : „Wissen
Sie, Liebe, warum unser Verhaltnis so groB und vollkommen geworden
ist? Ich will es Ihnen sagen: Sie sind ein unendlich produzierendes,
ich bin ein unendlich empfangendes Wesen — Sie sind ein groBer
Mann, ich bin das erste aller Weiber, die je gelebt haben."
Dieser Gruppe von Frauen sind diejenigen verwandt, die selbst
oft dreiBk: und dariiber, eine groBe Vorliebe fiir junge bartlose Stu-
denten, Kiinstler und Boh^miens haben, endlich auch solche, die
fiir „w\jrdige alte Herren" schwarmen.
Eine in diese Kategorie gehorige Studentin, die in ihrem Aus-
sehen und ihren Charaktereigenschaften sehr viel Mannliches hatte,
dabei aber voUig „normalsexueU" war, da sie nur fiir Manner erotische
Empfindungen hatte, sagte mir einmal nicht unzutreffend, „sie kame
sich wie ein homosexueller Mann vor."
Ahnliches horte ich von zwei beriihmten Schriftstellerinnen mit
stark viriler Note, ebenso wie auch feminine, aber frauenliebende
Manner nicht selten auBem, sie fiihlen sich wie homosexuelle Frauen.
Alle diese Manner und Frauen stehen in ihrer konsti-
tutionellen Wesen heit den Homosexuellen ziemlich nahe,
naher als sie glauben, was viele allerdings nicht hindert, im
VoUgefiihl ihrer „absoluten Normalitat" um so lebhafter in
die Verachtlichmachung der Homosexuellen, ihrer Nachbam im
Reiche der Natur, einzustimmen.
Auch normalsexuelle Manner, die Bartfrauen lieben, gehoren in
dieses Zwischenreich. Eine mit einem Vollbart versehene Dame der
Pariser Halbwelt erzahlte, daB sie, nachdem sie sich anfangs sorgsam
rasiert und gepudert hatte, den Bart hatte stehen lassen, nachdem
ihr zahlreiche Verehrer versichert hatten „que ses charmes n'en per-
di*aient point de leur valeur". Ich erwahnte bereits oben, daB diese
Frauen ebenso wie die hinsichtlich ihrer Stimmwerkzeuge und Brust-
bildung stark abweichenden Personen selbst meist vollkommen hetero-
sexuell empfinden. So erhielt ich von .dem Prasidenten der Kgl. Polizei-
direktion Dresden vor kurzem folgendes Schreiben:
„Der Arbeiter August Sch., geboren am 26. Mai 1880 in A., war im
Monat Juli dieses Jahres wegen Bettelns bei der Koniglichen Polizei-
direktion, hier, in Haft. Die abnorme Brustbildung von Sch. wurde be-
merkt, und auf Befragen erklarte er sich bereit, sich photographieren
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2u lassen und gab auch die Einwilligung, daB sein Bild zu wissen-
sohaftlichen Zwecken Verwendung finde. Sch. ist mittelgroB, kraftig
eebaut, der Habitus ist im allgemeinen mannlich, auch die Becken-
Breite ist die des Mannes. Der Korper ist wenig behaart, auch der
Bartwuchs an Einn und Oberlippe ist sehr gering. Sch. erzahlte, daB
er seit dem 17. Lebensjahre die weibliche Rundung der Brust habe, daB
seine geschlechtlichen Empfindungen niemals auf das mann-
liche Geschlecht gerichtet, daB er vielmehr sich zu Weibern
hingezogen fiihle. Da Euer Hochwohlgeboren vermutlich sich fiir den
Fall interessieren, gestatte ich mir Ihnen 2 Photos zu iibersenden."
Die bejgefugten Bilder zeigten in der Tat ausgesprochene Gynako-
mastie, nangende Mammae mit einem groBen Wai*zenhof um die Mam-
milla.
Hier sind auch die oft zitierten Falie zu erwahnen, die Herodot
bei den Szythen und in neuerer Zeit Hammond 6) bei den Pueblo-
Indianern in Neu-Mexiko beobachteten und beschrieben. Unter
Szythenkrankheit verstanden die Alten ein eigentiimliches Leiden,
durch das die Gottin Venus die Szythen bestraft hatte, weil sie
ihren Tempel zu Askalon gepliindert hatten ; diese Storung bestande
darin, daB die Tempelschander und ihre Nachkommen verweiblicht
worden seien ; infolgedessen legten sie weibliche Kleider an, ver-
richteten weibliche Handarbeiten und bekamen auch in ihrem Cha-
rakter und in ihrem AuBeren ein weibliches Geprage. Der beriihmte
Arzt Hippokrates') iibernimmt diese Mitteilungen des Geschichts-
schreibers Herodot, meint aber, daB es sich hier nicht um eine
gottliche Strafe handle, sondern um eine Folgeerscheinung des be-
standigen Beitens, wodurch allmahlich die Genitalien schrumpften und
die Geschlechtslust und Gesohlechtskraft ^chwanden. Infolgedessen
lieBe dann auch der mannliche Charakter nach, an dessen Stelle ein
weibisches Wesen trate.
Auch Hammond bringt die von ihm unter den mexikanischen
Indianern, den Nachkommen der Azteken, beobachteten Mujerados,
deren Erscheinung sehr an die der Szythen erinnert, mit einei* durch
iibermaBiges Reiten verursachten Schwachung des Genitalapparats in
Zusammenhang, infolge massenhafter Ejakulationen atropbierten Mem-
brum und Testikel, die Barthaare fielen aus, die Stimme verliere ihre
Tiefe, Energie imd Korper kraft nahmen ab, das Fettgewebe zu, Nei-
gungen und Manieren wiirden weiblich. Es ist bemerkenswert, daB
weder Herodot noch Hippokrates, noch Hammond uns iiber
die Richtung des Geschlechtstriebs der von ihnen beobachteten Men-
Bchen etwas Sicheres zu berichten wissen. Wahrend die Alten diesen
Funkt iiberhaupt nicht beriihren, erklart Hammond, daB die Muje-
rados, die im iibrigen bei den religiosen Zeremonien ihrer Stamme
Ver^-endung fanden, „wahrscheinlich" vornehmen Pueblos zur
Paderastio dienten.
Nach der Kenntnis, die wir gegenwartig iiber die zahlreichen
mannweiblichen Geschlechtsiibergange haben, ist es keineswegs als
erwiesen anzusehen, daB es sich in diesen ethnologischen Berichten
tiberhaupl. um wirkliche Homosexuelle handelte; auch die Hypothese,
daB das Reiten an den hochgradigen seelischen Veranderungen Schuld
tra^, hat nicht viel mehr Wahrscheiniichkeit als die Annahme H e r o -
dots, der die Gottin Venus dafiir verantwortlich machte. Es diirfte
sich vielmehr in alien diesen Fallen um Abarten der so mannigfachen
endogen-sexuellen Zwischenformen handeln, und zwar im wesentlichen
um solche der II. und IV. Gruppe (androgyne Transvestiten).
Fiir einen TrugschluB halte ich auch die Ansicht v. Leexows, der
selbst Kavallerieoffizier, in seiner Schrift (p. 47) „Armee und Homo-
«^ Hammond 1. c. p. 111—117.
'; Sprengel: Apologie des Hippokrates. Leipzig 1792, pag. 611.
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sexualitat/* sagt: „Ich mochte wissen, was ein eingeweihter Trainer
liber Menschen, die viel mit Pferden zu tun haben, und iiber gleich-
geschlechtliche Liebe meint, denn meines Erachtens nach hat lleiten
unbedingt etwas mit Horn osexuali tat zu tun."
c) Transvestitismus. Am meisten und langsten hat
man den so sehr in die Augen springenden Drang einiger Men-
schen, in den Kleidern des anderen Geschlechts, am liebsten
dauernd, zu leben, als absolutes Erkennungsmerkmal der sexu-
ellen Inversion erachtet. Aber auch er ist es nicht. Viel haben
zu diesem noch jetzt in Arzte- und Laienkreisen weitverbreiteten
Irrtum die ersten in medizinischen Zeitschriften wissenschaft-
lich gewurdigten Falle beigetragen, wie der in der Medizinischen
Zeitung (22. Jahrgang 1853, p. 102: „Homo mollis") von Kreis-
arzt Frankel publizierte Fall des ungllickseligen StilJkind
Blank, und der erste von W e s t p h a 1 ®) als kontrare Sexual-
empfindung bei einem Manne bezeichnete Fall, bei dem cs nach
dem gegenwartigen Stande unserer Kenntnis keineswegs als aus-
gemacht gelten kann, ob er tiberhaupt ein Homosexueller war.
Im groBen Publikum gelten namentlich Manner, die berufsmaCig
als Damendarsteller auftreten, vielfach ohne weiteres als homosexuell.
Weniger oft, aber immerhin doch audi ziemlich haufig wird dieser
Verdaclit gegeniiber Frauen geauBert, die Mannerrollen spielen (wie
etwa in Frankreich Sarah Bernhard, in England Vesta Til-
ley, in Deutschland die Sandrock und andere). Diese An-
nabmen sind nicht berechtigt. Ein Transvestit scbrieb mir: „Icb
war bereits 191/2 Jahre alt, und hatte noch nie eine Variety- Vorstel-
lung besucht, wuBte auch nichts von Damendarstellern. Dutch das
Gesprach zweier Herren, die vor mir saBen, wurde ich erst darauf auf-
merksam, daB die vortragende Dame mannlichen Geschlechts sei.
Finer der Ilerren lieB dabci eine Bemerkung iiber die Neigungen
fallen, die derartige Individuen ihrem eigenen Geschlecht gegeniiber
haben sollten. Dem anderen schien das nicht recht glaubhaft, aber
der erste versicherte, er wisse es ganz genau, jedes mann-
liche Individuum, das sich weiblich kleide, gehore
zu jener Rasse von Menschen. Ich ging an diesem Abend
sehr niedergeschlagen nach Hause und verbrachte eine schlaf lose Nacht.
Noch lange klangen mir diese Worte im Ohr. Wie kam liier jemand
dazu, ohne weiteres iiber seine Mitmenschen den Stab zu brechen
und etwas zu behaupten, was unmoglich wahr sein konnte. Denn
ich fiihlte doch trotz meiner Sehnsucht nach Wei-
berkleidern nicht die Spur von einer Neigung zum
Manne in mi r."
DaB das irrtiimliche Urteil iiber die Damendarsteller — auch fiir
die Damenschneider gilt Ahnliches — revisionsbediirftig sei, ging
schou aus der kleinen Studie hervor, die „ein Mediziner" 1901 im
III. Jahrgang des Jahrbuches fiir sexuelle Zwischenstufen unter dem
Titel: „Vom Weibmarm auf der Biihne" veroffentlicht hatte. Der
imgenannto Verfasser hatte an 14 Damenimitatoren (,,Soubrettenparo-
d is ton") Erhcbungen und Untersuchungen angostellt. Von diesen waxen
^) Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. II. Band. Ber-
lin 1870. p. 73 ff. : „Die kontrare Sexualeinpfindung, Symptom eines
neuropathischen (psychopntliischen) Zustandes.** Von Prof. Dr. C.
W e 8 t p h a 1.
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8 vcrheiratet, davon 5 in kinderloser, aber anscheinend gliicklicher
Elie, von den ledigen 6 waren 2 voUkommen normalsexuell „begei-
sterte Verehrer des wirklichen weiblichen Geschlechts", 4 homosexuell.
Unter den 8 Verheirateten waren 5 rein heterosexuell, 3 homosexu-
eller Nebenneigungen stark verdachtig. Es waren demnach von
14 Damendarstellern 7, also genau dieHalfte, hetero-
sexuell, 4 homosexuell, 3 anscheinend bisexuell.
Viele Transvestiten unterscheiden sich hinsichtlich der kontra-
instinktiven Abneigung, die sie gegeniiber der Homosexualitat hegen,
kaum von anderen Heterosexuellen. Das zeigen viele iibereinstim-
mende AuBerungen zur Evidenz. So schreibt mir einer aus Stutt-
gart: „Al.s Trausvestit verabscheue ich die Mannerliebe. Homosexu-
alitat und Transvestitismus sind zwei diametral entgegen-
gesetzte Veran lagunge n", ein anderer: „Obwohl ich seit Jah-
ren viel in homosexuellen Kreisen verkehre, ekelt mich der bloBe Ge-
danke an gleichgeschlechtlichen Verkehr direkt an !" Ein dritter be-
richtet, daB ihm „die Idee der Komplementierung seines idealen Zu-
standes durch einen Mann nie gekommen ist." Ein vierter: „der Trieb
war stets nur auf den coitus cum femina gerichtet, von Homosexu-
alitat ist keine Spur vorhanden", und noch ein anderer, ein Offi-
zier, auBert sich wie folgt: „der Hauptinhalt meiner Sehnsucht ist
es, vollstandig Frau zu sein ; ein auBerordentlicher Reiz ware es fiir
mich, diirfte ich mich ganz rasieren, schminken, als Frau kleiden ;
allerdings recht elegant, dernier cri, doch nicht criard, Unterwasche
fein und seidig, schmale Schuhe, viel Stickerei, kunstvoUe Hiite,
kurz, wie eine brillant unterhaltene Kokotte ;" und nach solcher Er-
klarung scheint dieser Herr kaum zu merken, wie naiv es wirken
muB, wenn er hinzufiigt: „von Homosexualitat ist keine Spur vor-
handen, vielmehr verachte ich Urninge und effeminierte
Manner tie f."
Ich hatte den Eindruck, als ob der Verkleidungstrieb bei den
Homosexuellen mehr eine sekundare Folgeerseheinung ihrer
sexuellen Triebrichtung ist, wahrend er bei den Heterosexuellen
die primare, selbetfindige Ausdrucksform ihres Seelenlebens ist.
AuBer den homosexuellen und heterosexuellen Transvestiten gibt
es aber auch seiche, bei denen der eigentliche Gesehlechtstrieb
tiberhaupt fast voUig zurlicktritt.
So heiBt es in dem von Dr. Iwan Bloch und mir iiber den
48jahrigen friiheren Trappistenf rater Josef M., einen ausgesprochenen
Transvestiten, erstatteten Gutachten: „Bis heute hat Patient einen
geschlechtlichen Verkehr nicht gehabt, da er niemals einen beson-
deren Drang dazu verspiirte, und ausschlieBlich von dem Ge-
danken und dem Gefiihle beherrscht wird, als Frau zu leben. Er
glaubt, daB er von selbst niemals zu einem Geschloohtsverkehre ge-
langen wiirde, da er gar keinen Trieb dazu spiire und auch zu schiich-
tern sei. Der nackte oder halbnackte weibliche Korper iibt keinerlei
Reiz auf ihn aus. Jedoch war sein geschlechtliches Empfinden auch
niemals auf das mannliche Geschlecht gerichtet. Von Kind-
heit an besteht dieser leidenschaftliche Hang bei ihm, sich als Frau
zu kleiden. Er hat immer wieder versucht, diesen Hang zu bekamp-
fen, aber es war vergeblich. Die Folge einer langeren Enthaltsamkeit
von der Frauentracht war stets eine schwere geistige Depression.
Gliicklich fiihlte er sich nur in Frauenkleidern, wo er ein ganz anderer
wird und die friihere Melancholic und Befangenheit einer inneren
harmonischen Stimmung weicht. Sein ganzer seelischer Zustand hangt
davon ab, ob er Frauenkleider tragt oder nicht. Fiir die Befriedi-
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gung dieser Neigung wiirde er sich, wie er sagt, entmannen lasseii,
ja selbst ins Gefangnis gehen, wenn sie anders nicht moglich ware.
Die weibliche Kleidun^ bot ihm von jeher Ersatz fiir alles andere."
Um die Differentiaidiagnose zwischen Homosexualitat iind Trans-
vestitismus recht deutlich liervortreten zu lassen, fiige ich den be-
reits ail anderen Stellen von mir publizierten Fallen noch ein bis-
her unveroffentlichtes Gutachten bei. Es handelt sich um einen
Transvestiten von leicht androgynem Typus, aber vollig heterosexu-
ellem Liebesempfinden, den ich gemeinsam mit Burchard begutachtete.
Soweit es sich eroiitteln laBt, Regt eine erbliche Belastung bei dem
Kunsttischler Herrn N. nicht vor. Beide Eltern leben uud sind gesund,
ebenso drei jiingere Geschwister.
N. selbst hat sich in korperlicher und seelischer Hinsicht normal
entwickelt und einen seinen Fahigkeiten entsprechenden Beruf er-
griffen, in dem er sich durchaus zufrieden fiihlt und es zu einer ge-
ordneten Existenz und geachteten Stellung gebracht hat. Seine Er-
holung findet er in der Musik, die er zwar nicht ausiibend, aber ver-
standnisvoll genieUend pflegt, und in sportlicher Betatigung. Die
Richtung seines Ge sch lech t s t r i ebs ist absolut nor-
mal, aus s chlieBlich dem weiblichen Geschlechte zu-
§ewandt. Er lebt seit Jahren in gliicklichster Ehe,
ie kinderlos geblieben ist — aller Wahrscheinlich-
keit nach aus Griinden, die in der Korperbeschaffen-
heit seiner Frau liegen, da N. selbst unsern Fest-
stellungen nach vollig zeugungsf ah ig ist.
So ware N. seiner Konstitution und seinem Lebensgange nach
als ein durchaus normaler Mensch zu bezeichnen, hatte sich in seiner
Individualitat nicht schon von friihester Jugend an eine Besonderheit
geltend gemacht, deren Wurzeln wir in der Eigenart der geschlecht-
lichen Personlichkeit zu suchen haben. Bereits im 8. Lebensjahre be-
herrschte ihn ein imwiderstehlicher Drang, Madchenkleider anzuziehen.
Schon damals fuhlte er, wenn ihm dieses ermoglicht wurde, eio ganz
eigenartig wohltuendes Gefiihl seelischer Beruhigung und Entspannung.
So benutzte er iede nur denkbare Gelegenheit, Garderobenstftcke seiner
Sohwester anzulegen. Wahrend seines spateren Berufslebens nahm
dieser Trieb trotz mannigfacher auBerer Schwierigkeiten und starken
Ankampfens imverandert eine beherrschende Stellung im Seelenleben
des Herrn N. ein. Seit acht Jahren ist er, wie erwahnt, gliicklicb
verheiratet und hat, da seine Frau diesen Neigungen verstandnisvoU
gegeniibersteht, Gelegenheit, sie in der Hauslichkeit durch Anlegen
weiblicher Kleidung bis zu einem gewissen Grade zu befriedigen. iBis
zu einem gewissen Gtade nur, denn zur voUen Befriedigung und inneren
Entspannung seines Triebes ist es fur Herrn N. unbedingt erforderlich,
wenigstens von Zeit zu Zeit als Frau sich auch im Freien bewegen zu kon-
nen. Ist ihm dieses langere Zeit hindurch unmoglich, dann stellen sich
nervose Erscheinungen bei ;ihm ein, von denen er sonst frei ist:
innere Unruhe, Griibelsucht, Schlaflosigkeit und angstliche Traume.
Wahrend einer langeren Beobachtungszeit hatten wir Gelegenheit, N.
sowohl in Manner- als Frauentracht in unserer Sprechstunde, wie auch
in verschiedenen Situationen des taglichen Lebens, so u. a. bei Aus-
fliigen in groBerer Gesellschaft, zu sehen, und konnten uns danach ein
zusammenhan^endes und vollstandiges Bild von seiner Personlichkeit
und seiner Eigenart machen. In somatischer Hinsicht zeigt Herr N.
weder krankhafte noch ii^endwie nennenswerte degenerative Erschei-
nungen. Eine gesteigerte nervose Erregbarkeit bekundet sich in den
lebhaften AuBerungen der Reflextatigkeit und in einer erhohten
Schmerzempfindlichkeit. Im Korperbau machen sich Anklange an
feminine Bildung insofern bemerkbar, als die Korperformen mehr
weioli imd abgerundet, die Hande und FiiBe klein und zierlich sind;
femer ist die Taillenweite — allerdings z. T. wohl infolge haufigen
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Korsettragens — sehr gering, 72 cm iiber dem Rock gemessen. Auch
die sparliche Korperbehaarung reiht sich diesen Erscheinungen an,
wahrend die Genitalien ^selbst durchaus normal mannliche JBildung
zeigen, und auch der Samen, wie die mikroskopische Uutersuchung
ergab, lebendige Spermatozoon und Spermakristalle enthalt. In der
Haltung, dem Gang und den Bewegungen tritt deutlich eine natiirliche
Annaherung an den Typus des weiblichen Geschlechts zutage. So
macht denn N. auch in JDamentracht einen so ungezwungenen, natiir-
licheii Eindruck, daC nichts an ihm an den Mann erinnert, solange man
seine tiefe Stimme nicht hort. Man kann sogar entschieden sagen,
daB der Gesamteindruck des Herrn N. als Dame harmonischer ist wie
als Mann. In der Hauptsache ist das dadurch bedingt, dafi seine
Stimmung in Frauentracnt offenbar eine befriedigtere, ausgeglichenere
ist als in Herrenkleidung. Herrn N.s Intelligenz, seine Kenntnisse und
Interessen, seine geistige Urteils- und Leistungsfahigkeit entsprechen
in jeder Hinsicht seinem recht hohen Bildungsgrade. Energie und
Willenstatigkeit sind von gesunder Frische und zielbewuBter Kon-
sequenz.
Gutachten. Es liegt bei N. ein ausgesprochener Fall von
Transvestitismus vor. Dieser von dem mitunterzeSchneten Dr. Hirsch-
feld zuerst beschriebene und weiter von uns beiden u. a. an einer
Reihe von Fallen in der arztlichen Sachverstandigenzeitung geschilderte
Zustand stellt eine urspriingliche und angeborene Mischform beider
Geschlechtskomponenten dar, indem die weibliche — gleichsam in
Form einer Oberflachenspannung — zur Betatigung femininer Art in
Kleidung und Lebensgewohnheiten drangt. Dieser Zustand kann, wie
wir es in zahlreichen anderen Fallen beobachteten, ein dauernder sein.
Er kann aber auch, wie bei Herrn N,, schon in gelegentlicher Befriedi-
gung eine Entspannung erforderlich machen, deren Unterdriicken ner-
vose Storungen nervorruft, die auf die Dauer sicher schwere krankhafte
Zustande mil sich bringen muBten. So ist diese gelegentliche Befriedi-
gung des transvestitischen Dranges eine Notwendigkeit fiir N., der.
er ohne Bedenken nachgehen kann, da er in weiblicher Tracht in
keiner Weise auffallt und irgendwelche sexuelle Nebenabsicht, wie
aus unseren Schilderungen zur Geniige hervorgeht, bei N. absolut
ausgeschlossen und undenkbar ^st. Imser Gutachten geht demnacb
dahin: Es besteht bei N. eine angeborene transvestitische Veranlagung,
die eine zeitweise Befriedigung dadurch, dafi Herr N. sich in Frauen-
kleidung im Freien bewegt, aus arztlichen Griinden erforderlich macht,
da er andernfalls schweren gesundheitlichen Schadigungen in nervoser
Hinsicht ausgesetzt sein wiirde.
Bei manehen Transvcstiten gewinnt es fast den Anschein,
als ob der m&nnliche Teil iiirer Psyche sich an ihrem weiblichen
sexuell errege, etwa im Sinne des Rohlederschen^) 4uto-
monosexualismus, als dessen Charakteristikum er bezeichnet,
„da6 der Trieb auf sich selbst einzig und allein gerichtet ist",
uiid daB „da8 betreffende Individuum selbst und zwar allein
Ausgangspunkt und Endziel des sexuellen Triebes ist**. Einige
Transvestiten geben an, dafi ihr weibliches Spiegelbild sie sexuell
errege, andere berichten von autokohabitatorischen Gedanken
und Handlungen. Wir konnen demnach unter den Transvestiten
folgende ftinf Gruppen unterscheiden : a) die heterosexuelleii.
») Geschlechtsumwandlungen. Berlin 1912; Die Transvestiten. Ber-
lin 1910.
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b) die homosexuellen, c) die bisexuellen, d) die anscheinend
asexuelleii; e) die autonuonosexuellen.
Das oben angegebene Zahlenverhaltnis, nach dem f^.twa nur
die Halfte der an Verkleidungstrieb leidenden Personen homo-
sexuelle Neigungen zeigt, die Halfte heterosexuell ist, diirfte un-
gefahr der Haufigkcit alterosexueller Einschlage tiberhaupt ent-
sprechen. Absolut gibt es unter Mannern und Frauen eben-
sovielo heterosexuelle wie homosexueile Transvestiten. .Da es
aber liberhaupt etwa 20mal so viel Heterosexuelle als Homo-
sexueile gibt, ist der Transvestitismus und der alterosexuelle
Habitus relativ viel haufiger unter Homosexuellen wie
Heterosexuellen.
Der springende Punkt bleibt also nach wie vor bei der
Diagnose der Homosexualitat der exakte Nachweis der kon-
traren Sexualempfindung selbst; wesentlich unterstutzt wird
diese Diagnose zwar durch' das negative Verhalten gegeniiber
dem anderen Geschlecht, sowie durch die alterosexuellen Ein-
schlage, die aber beide flir sich allein genommen
eine sichere Diagnose nicht gestatten.
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ZWOLFTES kapitel.
Untersuchungsmtthode homosexueller Manner und Frauen.
A us allem, was ich uber die Differentialdiagnose der Homo-
aexualitat ausgefiihrt habe, geht hervor, auf welche groBen
Schwierigkeiten ihre sichere Erkenntnis stoBen kann. Ware
dem nicht so, dann ware es auch wohl kaum zu begreifen, daB
sie eich als Erscheinung so lange verborgen halten konnte. In
gewisser Beziehung besteht auch heute noch die Anschauung
eines der altesten Autoren auf diesem Gebiete zu Recht, T a r -
nowskys^), der hervorhob, „wie eingehend ein solches Sub-
jekt xintersucht, wie sorgfaltig und lange es beobachtet werden
muB, bis in welche Einzelheitien sein ganzes Leben zu verfolgen,
der EinfluB der Erziehung, des Beispiels, iiberstandener Krank-
heiten zu ermitteln ist**, „um mit groBerer oder geringteoner
Sicherheit die Frage zu entscheiden, ob im gegebenem Fall die
Paderastie ein angeborener Entwickelungsfehler oder eine auf
anderem Grunde ruhende Handlung ist".
Handelt es sich nun in einem konkreten Falle darum, fest-
zustellen, ob bei einer Person, die unseres Rates oder Urteils
bedari, Homosexualitat vorliegt, so ware es ein Kunstfehler,
wenn wir ihr mit der Frage entgegentreten wollten : Sind Sie
homosexuell ? Bei sensiblen Naturen kann solche Fraj^e, die
einen Menschen vor die plotzliche Preisgabe seines tiefinnersten
Geheimnisses stellt, wie ein schwerer seelischer Chock wirken.
Ich sah namtentlich vor Gericht wiederholt Zeugen, die voUig
benommen waren, als diese Frage sie unerwartet traf; bei
manchen, nicht bei alien, nahm das Auge einen bald mehr leb-
los starren, bald namenlos verangstigten Ausdruck an ; die Haut
des Gesichtes verfarbte sich, der Atem stockte und die Sprache
schien f tir kurze Zeit voUig zu versagen. Wenn auch der Homo-
sexuellc dem Mediziner anders gegeniibersteht wie dem Juristen,
1) T a r n o w s k y , 1. c. p. 143.
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238
80 soil doch auch der Arzt seine Exploration so schonend wie
mcglich einrichten, vor allem so, dall sich die Sehlufifolgerung
und das Zugestandnis der homosexuellen TriebWehtung erst
allmahlich aus den voraufgegangenen Mitteilungen des Patienten
zwanglos aus Fragen ergibt, die die Homosexualitat zunaehst
nicht direkt betreffen. Ich kann sagen, daB ich von den vielen
Tausenden von Homosexuellen, die zu mir kamen, nicht
einen einzigen direkt nach seiner Homosexualitat ge-
fragt habe. Der Arzt kann hier zwei Gruppen unterscheiden.
Manner lind Frauen, bei denen es von vornherein feststeht,
dafi sie zu ih"m kommen, um sich liber ihr SexuallebBn auszu-
sprechen, und soLcher, die ihn wegen verschiedenartiger Be-
schwerden aufsuchen, die erst indirekt die Vermutung nahe-
legen, daB sie Folgeerscheinungen eines unbfefriedigenden oder
unbefriedigten Geschlechtslebens sein konnten. In beiden Fallen
wird man guttun, gleichviel, ob das Thema direkt oder erst
nach Durchsprechung anderer Klagen angeschnitten wird, ja
selbst dann, wenn der Patient uns selbst von vornherein mit
dem Bekenntnis seiner Homosexualitat entgegentritt, nicht un-
mittelbar auf die Erorterung der gleichgeschlechtlichen Emp-
findungen und Beziehungen einzugehen.
Wir miissen immer bedenken, welch starke Uberwindung deu
Betreffenden meist der EntschluB der Aussprache, der Gang zum Arzt
kostete. Ich konnte hierfiir merkwiirdige Beispiele anfiihren. So
berichtetc mir einmal ein Student der Theologie, daB er dreimal idle
Reise von Rostock nach Berlin gemacht hatte, um sich mir anzu-
vertrauen. Zweimal hatte er vor meinem Hause gestanden imd waie
umgekehrt und unverrichteter Saclie wieder heimgefahren. Erst beim
dritten Male traute er sich hinauf. Ahnliches horte ich wiederholt.
Ich sah manchmal, daB Leute tagelang das Haus, in dem ich wohnte,
umkreisten, ehe sie endlich eintraten. Es kam vor, daB Manner und
Frauen zu mir kamen, die, als sie mir gegeniiber saBen, von ganz
anderen Beschwerden, sei es wirklichen oder fingierten, sprachen,
als von denen, die zu erortern sie gekommen waren. Solche groBen
inneren Widerstande darf der Arzt nicht auBer acht lassen.
Ich beginne die mtindliche Erkundigung nach dem Sexual-
kben stets mit der Befragung nach dem n o r m a 1 sexuellen
Verhalten; beiui Manne beispielsweise damit, ob Verkehr mit
dem weiblichen Geschlechte stattgefunden hat, seit wann, in
welchen Abstanden, ob mit ausreichender Potenz; beim Weibe,
ob einc seelische Zuneigung zum mannlichen Geschlechte be-
steht ; dem Patienten f allt es viel leichter, sich tiber die nega-
tive Seite seines Zustandes auszusprechen, seine normalsexuelle
Frigiditat, als tiber die positive Seite, seine Inklination zum
eigenen Geschleoht. 1st das Verhalten zum anderen Geschlecht
besprochen, komrae ich auf das Thema unfreiwilliger Sexual-
erregungen im Schlaf und auf die Frage der Masturbation.
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Audi hier wird die Auskunft meist bereitwilligst gegeben. Die
Befragten wissen, dall die nSchtlichen Pollutionen auBer dem
Bereich ihres WoUens fallen und daU Onanie ein in gewissen
Jahren fast allgemeines Vorkommnis ist. Von hier aus kann
man dann schon auf die Frage tibergehen, ob und welche Vor-
stellungen bei den Pollutionstraumen und der Onanie die Phan-
tasic erftillten und ob die Masturbation immer nur allein oder
aucli mutuell vorgenommen wurde. Damit sind wir dann schon
ganz nahe bei dem eigentlichen Beweisthema, den gleichge-
schlechtlichen Empfindungen, angelangt. Zunachst werden wir
hier nur bei dem rein geistigen, der seelischen Anziehung
verweilen und erst allmahlich die Frage bertihren, ob auch sexu-
elle Betatigung stattgefunden hat oder Neigung dazu bjesteht.
Ist dies zugegeben, so gehen wir zunachst noch nicht des naheren
darauf ein, sondern erkundigen uns genau nach dem eigenen
Seelenleben des Patienten, nach androgynen Zugen und Inter-
essen und ausftihrlich nach seiner Abstammung, den Ge-
schwistern, seiner Erziehung und dem bisherigen aufleren Ver-
lauf seines Lebens. Erst wenn alles dies besprochen, uehm^e
ich die nqtwendige korperliche Untersuchung unter Beriick-
sichtigung alles dessen vor, was fiir die Diagnosestellung, wie
wir sie oben auseinandersetzten, von Bedeutung ist. Aber auch
dann fuhle ich mich in vielen Fallen noch nicht voUkommen
in der Lage, ein abschlieUendes Urteil liber so lebenawichtige
Fragen abzugeben, als die sind, die meiner Entscheidung unter-
stellt werden. Ich setze vielmehr dem Ratsuchenden ausein-
ander, daii noch ein g^druckter Fragebogen von ihm schriftlich
bieantwortet werden soil, einmal, damit er sich selbst nochmals
recht ruhig alles tiberlege und klarmache, und dann, damit ich
mir den Einblick und die tJbersicht verschaffen kann, die ich
zur Abgabe meiner Ansicht fiir erforderlich erachte.
^owohl bei der miindlichen als schriftlichen Exploration imuU
der Befragte nicht nur das voile Vertrauen zum Fragesteller haben,
er muB auch wissen, daB fiir die richtige Beurteilung und Beratung
seines FaHes die voile Wahrheit unerlafilich ist. Die Fragen miissen
immer so taktvoll, diskret und vorsichtig gestellt werden, daB das
natiirliche Schamgefiihl des Befragten nicht verletzt wird und es fiir
ihn keine Dberwindung kostet, sion dem Arzte zu erschlieBen. Ferner
ist es wesentlich, die Fragen so zu formulieren, daB der Gefragte
moglichst wenig merkt, welche Schliisse aus der Antwort zu Ziehen
sind. Es miissen also Suggestiv-Fragen vermieden werden. Man hat
gegen diese rationell vertiefte Anamnese eingewendet, daB bei ihr
leicht subjektive Unwahrheiten und objektive Unrichtigkeiten unter-
laufen, und es muB zugegeben werden, daB die Moglichkeit von Fehler-
quellen gegeben ist. Sie konnen jedoch hier, wie in der wissenschaft-
lichen Forschung iiberhaupt, durch Exaktheit und sonstige
VorsichtsmaBregeln wesentlich vermindert, ja fiir die SchluB-
folgerungen auf ein Minimum beschriinkt werden. Ich bemerke, daB
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der Fragebogen, den ich den Patienten iiberreiche, bereits vor 14 Jahren
im ersten Entwurf von mir ausgearbeitet und seitdem wiederholt
in Gemeinschaft mit mehreren KoUegen von mir iiberarbeitet und
vervollstandigt wurde. Trotzdem kann er auf VoUkommenheit noch
keinen Anspruch erheben. Den Zweck, dem er in erster Linie dienen
soil, die Sicherstellung der Diagnose, erfiillt er auch in seiner jetzigen
Fassung schon in ausgezeichneter Weise. Dariiber hinaas bietet er
eine sehr geeignete Grundlage fiir statistische Untersuchungen vieler
noch nichl geniigend geklarter Beziehungen zwischen Homosexualitat
und anderen Punkten. Der Fragebogen ist so gehalten, daB er von
Personen jeden Geschlechts und jeder Geschlechtsneigung beantwortet
werdeu kann.
Ich gebe nun den Fragebogen im Wortlaut wieder, und zwar
fiige ich als Beispiel die Antworten eines jungen Madchens hinzu, die
ein so eindeutiges Bild geben, daB an der Diagnose: Homosexualitat
nicht gezweifelt werden kann.
Psychobiologischer Fragebogen.
(Die Fragen bitten wir auf den eingeschlossenen Seiten so zu beant-
worten, daB jeder Antwort die Nummer der Frage vorgesetzt wird.)
Vorbemerkung. In Ihrem eigenen Interesse und in dem
der wissenschaftlichen Forschung bitten wir, Zeit und Miihe nicht
zu scheuen, die folgenden Fragen streng wahrheitsgemaB und mog-
lichst genau zu beantworten.
Auf strengste Verschwiegenheit diirfen Sie sich verlassen. Wer
Bedenken tragt, den Fragebogen mit seinem vollen Namen, dessen
Geheimhaltung unter das arztliche Berufsgeheimnis fallt, zu imter-
zeichnen, moge denselben mit einer Nummer oder beliebigen Buch-
staben versehen. Bei einigen Fragen, wie z. B. denen, die sich auf
die Abstammung und Kindheit beziehen, ware vorherige Riicksprache
mit alteren Angehorigen empfehlenswert. Fragen, die zu beantworten
man wider Erwarten Bedenken tragen sollte, bittet man ebenso wie
solche, deren Beantwortung man nicht weiB, einfach unausgefiillt zu
lassen. Wir bitten ferner, die Fragen, welche kurz zu beantworten
sind, am Kande, die iibrigen in einer besond«ren Anlage, moglichst im
Format des Fragebogens, zu erledigen. Erwiinscht, jedoch keincswegs
notwendig, ist schlieBlich Beifiigung der eigenen Photographic (ev.
aus verschiedenen Lebensaltern), sowie einer zweiten, die den unge-
fahren Typus wiedergibt, auf den sich Ihre Neigung erstreckt.
I. National e.
a) Name, Alter, Geschlecht, Rasse, Beruf, Wohnort, Religion.
Agnes W. ; 18 Jahre ; w e i b 1 i c h ; Musikstudierende ; Berlin ;
Jiidin.
b) Verheiratet oder nicht?
Unverheiratet.
II. Abstammung.
1. Leben Ihre Eltern nodi, sind dieselben gesund, oder woran
leiden sie, bzw. woran und in welchem Alter starben ^ie?
Eltern leben. — Vater litt an Lungentuberkulose, die, wenn
auch nicht geheilt, doch zum Stillstand gebracht ist. — Mutter
ist gesund.
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2. Waren die Eltern oder Grofleltern blutsverwandt (falls ja,
in welcher Weise, Cousin und Cousine, Onkel und Nichte
U8W.) ?
Nein.
3. Kamen Ehen zwisdhen Blutsverwandten in Ihrer Familie
hanfiger vor (heirateten z. B. Geschwister von Ihnen Ver-
wandte) ?
Nein.
4. Wie alt waren die Eltern, als Sie geboren wurden? Wie
war der Altersnnterschied zwischeu Vater und Mutter?
Vater 30, Mutter 29 Jahre.
5. Sind Sie ehelidh geboren?
6. Sind Sie mehr dem Vater oder der Mutter ahnlich (korper-
lich und geistig) ?
Korperlich und geistig mehr dem Vater ahnlich.
7. Wie groD ist die Anzahl der Sctwestern und Briider? Wel-
ches ist die Reihenfolge und das Alter der Geslchwister, z. B.
Bruder, Schwester, idi, Bruder)?
Habe noch 1 Bruder, 12 Jahre alt.
8. Ist Ihnen bekannt, ob sitfh die Mutter vor Ihrer Geburt mehr
einen Knaben oder ein Mcldchen wlinschte?
Mehr ein Madchen.
9. War das Zusammenle^ben der Eltern gllicklich oder ungllick-
lich? Heirateten die Eltern aus Neigung oder aus .auBeren
Griinden (Fortpflanzung eines Stammbaums, Geldinter-
essen ufiw.)?
Zusammenleben ungliicklich. — Heirat aus auBeren Griinden,
Jedoch nicht ohne gegenseitige Neigung.
10. Waren die Eltern zu den Kindern mehr zartlieh oder streng ?
War der Vater oder die Mutter energischer ?
Beide zu mir je nach Laune bald streng (so erhielt ich
z. B. zu meinem 6. Geburtstage wegen einer geringfiigigen Un-
gezogenheit keine Geschenke), bald iibertrieben zartlich. Zu
meinem Bruder waren beide iiberwiegend zartlich. Mutter ener-
gischer. Sie ist durchaus der leitende Teil: hat die Geschafts-
fiihrung, die Erziehung der Kinder, den Haushalt in der Hand
und ist sozusagen der „Mann" in der Familie, obgleich im Wesen
selbst keinerlei mannliche Ziige hervortreten.
11. Hatten Sie ftir eins der Eltern groBere Sympathien?
Ich habe fiir meinen Vater groBere Sympathie, die nur eine
Zeitlang, als ich von verschiedenen Amouren meines Vaters er-
fuhr, meiner Mutter als der gekrankten Frau mehr gehorte, sich
aber spater, als ich mehr Verstandnis fiir derlei Abwege erlangte,
Hirschfeld, HomosfxualitSt. 16
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wieder meinem Vater zuwandte. — Es ist vorgekommen, dafi mein
Vater und ich das gleiche Geschopf liebten, und gewohnlich war
ich eigentlich stolz auf die Ubereinstimmung unsers Geschmacks.
12. Litten nahere Verwandte an nervosen oder geistigen Sto-
rungen (etwa Krampfe, Veitstanz, Hysterie, Geistesschwache,
Schwermut oder an Syphilis oder an mangelh after korper-
licher Entwicklung, wie Bruch, Hasenscharte, Ohrmifibil-
dungen, Kropf usw.) und zwar:
a) Unter den Eltern und Voreltern?
Maine GroBeltern vaterlicherseits starben beide an Krebs.
Der GroBvater litt an einem Bruch, der sich auf meinen Vater
und auf mich vererbte, bei mir aber seit ca. 9 Jahren vollig
ausgeheilt ist. Meine GroDmutter miitterlicherseits starb an Ge-
hirnschlag, eine Folge zweier vorhergegangener Schlaganfalle.
b) Unter den alteren oder jlingeren Geschwistern ?
Nein.
c) In der tibrigen Verwandtsehaf t ?
Eine GroBtante ist Morphinistin, ihr Sohn starb an Riicken-
marksschwindsucht.
13. Wie verhielten sich. die Eltern geistigen Getranken (Bier,
Wein, Schnaps) gegeniiber?
Beide absolut mafiig.
14. Kamen in der Verwandtschaft Selbstmorde vor? Bei wel-
chen Verwandten und aus welchen Grtinden?
Nein.
15. Gerieten Verwandte in bemerkenswerter Weise mit den Ge-
setzen in Konflikt?
Nein.
16. Befinden sich in Ihrer Verwandtschaft viele Unverheiratete
uber 30 Jahre (namentlich unter den Geschwistern) ? Wis-
sen Sie aus welchen Griinden? In welchem Alter befinden
sich dieselben?
Nein.
17. Findet sich mannliches Aussehen weiblicher und weibliches
Aussehen mannlicher Familienmitglieder ?
Mein Bruder hat, allerdings nur dem geiibteren Beol)achter
kenntlich, etwas weiblichen Typ. Wir pflegten ihm in friiheren
Jahren deshalb ofter Schniuck umzuhangen oder Madchenkleider
anzuziehen; auch der Spottnaine „Gretchen mit der Perlenkette"
ist ihm bis hcute geblioben, wenn er auch entschicdenen Wider-
willen gegen diose Bezeichnung zeigto. Der ganzc Junge ahnelt
moinor .Mutter: kleinor Mund, sehr kleine, foine Nase und wenigor
dunkler Teint als ich.
18. Sind Ihncn in Ihrer Verwandtschaft (Eltern, Geschwister,
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Seitenverwandte) Falle von abnonnen geschlechtlichen Nei-
gungen bekannt?
Ein Vetter, Sohn einer Schwester meiner Mutter, 30 Jahre
alt, ist homosexuell. — Bei meinem Vater habe ich, trotz seiner
Don Juan-Natur, ofter Ziige beobachtet, die auf eine, ihm wohl
vollig unbewuBte Homosexualitat schlieBen lassen. So geriet er
einmal in einem Restaurant beim Anblick eines jungen Mannes
derartig in Erregung iiber dessen „fabelhafte Figur", daB er
ganz auBer sich meinte: „Diesem Mann konnte ich direkt nach-
gehen!" Ein andermal war er nicht zu bewegen, einen Bissen zu
essen, als er einen jungen Menschen, den wir als Gentleman in
einem Nachtlokal getroffen batten, bei einem Orchester die zweite
Violine spielend wiedersah. Die Enttauschung lieB ihn alles andere
vergessen. ^
III. Kindheitund Jugend.
19. Wann lernten Sie Gehen und Sprechen? Wie und wann
war die erste und ^weite Zahnung?
Ich lernte Gehen mit ca. 3/^ Jahren. Ich war nach Aussage
meiner Eltern bereits nach wenigen Monaten nicht mehr im
Steckkissen festzuhalten und mufite wohl oder iibel auf die Beine
gestellt werden. — Ich sprach ebenso friih und wurde oft meiner
deutlichen Aussprache wegen bewundert: „Das redet wie eine
Alte**.
20. Litten Sie an Gehimentziindungen, Schadelverletzungen,
Kopfschlnerzen, Krampfen, Veitstanz, Schielen, Zahnab-
normitSten, an chronisoher Stuhlverstopfung, an Bettnassen,
ev. bis zu welchem Alter?
Ich litt bis vor ca. 3 Jahren an Stuhlverstopfung, die einer
gestorten Darmfunktion zuzuschreiben ist: mit 3 Jahren trat
der Darm einmal heraus und konnte nur mit Miihe wieder reguliert
werden. AuBerdem litt ich an Gelenkschwellungen (wohl Folgen
einer zu starken Dosis Serum anlaClich einer Diphtherie-Erkran-
kung).
21. Waren Sie angstlich und schreckhaft, wie war es mit Alp-
drucken, nUchtlichem Aufschreien? Stotterten Sie?
Dunkle Zimmer versetzten mich in geradezu betaubenden
Schrecken. Ich muB das den unverstandigen Scherzen meiner je-
weilieen Patronessen zuschreiben, die mich z. B. in dunklen Raumen
plotzlich vom „Huckepack** zur Erde gleiten lieBen, „der schwarze
Mann kommtl" kreischten und die Tiir zuschlugen. Einen be-
liebten SpaB veriibte eine polnische Kochin, indem sie des Nachts
an mein Bett kam und in weiCen Laken mit schwarzer Maske die
Geisterfrau markierte. — Einmal fand ich eine Postkarte, auf der
Faust und Mephisto dargestellt waren. Unsere Kinderfrau — mein
Bruder war gerade geboren — erklarte, das sei der „bose Geist",
und von da ab begann ein Teufelaberglauben in mir groB zu
werden, der sogar meinen bereits mit 10 Jahren zum Atheismus
ubergehenden Gottesglauben iiberlebte.
22. Bestand Kauen an den Fingernageln, Lutschen am J3aumen,
Bohren in der Nase, Hang zum Herumtreiben, zum Liigen,
zum Stehlen, zum tibermaBigen Weinen?
Alles nicht.
• 16*
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23. Spielten Sie lieber mit Knaben oder Madchen? LieLten
Sie mehr Jugendspiele, wie Schneeballwerfen, Raufen,
Steckenpferde, Soldaten usw. oder zogen Sie weibliche Kin-
derspiele vor, wie Puppen, Kiochen, Hakeln und Stricken?
Ich spielte lieber mit Knaben, weil ihre Wildheit mir sym-
pathischer war. Ich konnte jedoch auch Gefallen an Madchen
finden, saB dann aber gewohnlich ruhig und plauderte lieber mit
ihnen. Im allgemeinen zog ich Jungen vor, und die Madchen
schienen sich iiber meine Wildheit nur zu beklagen. So lernte
ich einmal — ich war noch nicht 6 Jahre alt — auf einem Spiel-
platz eine kleine Baronesse kennen, die mir gut gefiel. Auf dem
Heimweg wurde ich wegen meiner Jungenmanieren gescholten und
dariiber aufgeklart, dafi man nicht „so" renne, nicht „so" mit den
Armen schlenkere und nicht „so" laut sei. Die Gouvernante der
Baronesse fand mich zu unerzogen. „Man wirft doch nicht die
Beine derartig beim Zeckspielen und schreit und ruft laut iiber den
Platzl" — Mit meinem Bruder spielte ich Schiff, Soldaten oder
auch „Rennen". Eine Puppe habe ich niemals zum Ausgehen mit-
genommen oder etwa gar zum Vergniigen an- und ausgekleidet.
Ich hatte meinen Stock, meine Biicher und einen ordentlichen Run
mit dem Wagen durch die Wege lieber als Kochmaschine oder
Wiege. Weibliche Handarbeiten machte ich ungern, dagegen fand
ich den Holzbrand sehr unterhaltend und habe bis heute die
meisten „Obligations-Gaben" in allerlei Niiancierungen auf diese
Art fertiggestellt.
24. Merkten Sie, daU Sie anders waren als andere Kinder?
Liebten Sie die Einsamkeit? Zogen Sie sich vom Verkehr
mit Altersgenossen zurtick?
Ich merkte, da6 ich anders war als andere Kinder. Ich habe
von klein auf sozuaagen abseits gestanden. Das trat besonders
beim Eintritt in die Schule zutage. Ich war unbeliebt bei meinen
Kameradinnen und lieB diese vielleicht gerade deshalb meine
Uberlegenheit doppelt fiihlen. Freundinnen besaB ich wenige,
diese wenigen nur pro forma.
25. Sahen Sie vor Hirer Pubertat auffallend madchenhaft resp.
sehr knabentaft aus? Warden Bemerkungen gemacht, wie
„er ist wie ein Madchen** oder „sie ist der reine Junge**?
Ich sah auffallend knabenhaft aus, trug bis zu meinem
siebenten Jahre kurze Haare. — „Der reine junge Hund" oder
,.Du hast entschieden ein paar Glieder zu viel", auch „Junge,
Junge, was soil aus dir noch werden, wenn du so wild bist", wurde
nicht eben sehr selten geaufiert.
26. Besinnen Sie sich auf Traume aus Ihrer Kindheit, nament-
lich auf solohe, die sich haufig wiederholten ? Welchen
Inhali hatten solche?
Traume von tiefen Gewassern, die ich durchschwamm, oder
von Bergen, die ich iiberflog, waren haufig. Ebenso sind inir
solche, in denen ich mir, allerdings vollkommen kindlich, Ge-
schlechtsteile (von Madchen) zeigen lieB, erinnerlich.
27. Wie lernten Sie und wofur waren Sie am besten beanlagt?
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Piir welche F&olher interessierten Sie sich in der Schule
am meisten?
Ich lernte ungewohnlich leicht. Geschichte lag mir, ebenso
deutscher Aufsatz und Sprachen. Zeichnen war mir jedesmal ein
Test, und ich gait als ausgezeichnete Turnerin. Dagegen hatte
ich keinerlei Befahigung fiir Mathematik oder Physik. Ich hatte
standig den ersten und nicht den zweiten Platz im Klassenrang
behauptet, ware die Kleine neben mir nicht eine so vorzugliche
Rechnerin gewesen,
28. Wurden Sie von Eltern oder Lehrern haufig korperlich ge-
ziichtigt oder sonst empfindlidh bestraft? In welcher Weise?
Ich onanierte ofter und wurde deshalb mit Entziehimg vod
Zirkusbesuchen und sonstigen Vergniigungen bestraft, noch haufiger
jedoch mit Schlagen. Eigens zu diesem Zwecke hatte sich mein
Vater einen Kantschu angeschafft, dessen Lederstriemen mir jedes-
mal wiitende Tranen erpreBten. Mein Ungliick war, daB ich nicht
weinte oder schrie: man hielt dies fiir Verstocktheit und ver-
doppelte die Strafe. Ich war mir stets im unklaren iiber die Ur-
sachen dieser Harte und verstand nicht, daB man in der er-
wahnten, mir ganz natiirlichen Gewohnheit eine Ungezogenheit
erbliokte.
29. Wie war Ihre Erziehung? Wurden Sie mit vielen anderen
zusamlnen in Pensionsanstalten, Klostern, Kadettenhausern
oder im Hause Ihrer Eltern erzogen? Wie war das Leben
in den Anstalten ? Fanden dort geschlechtliche Verf iihrungen
durch Altersgenossen oder durch jUngere oder slltere Per-
sonen statt, von weiblicher oder mannlicher Seite?
Meine Erziehung lag, wie das die geschaftliche Position
meiner Eltern bedingte, zuerst ganz in den Handen uninteressierter
Gouvernanten, bald einheimischer, bald auslandischer, die von
kindlicher Eigenart oder Individualitat keine Ahnung hatten. —
Mit 16 Jahren kam ich in ein hiesiges bekanntes Pensionat und
fand hier zum ersten Male das sogenannte „Leben" in einer Form
und Fiille, die mich voUkommen berauschten. In der Ferienzeit
waren wir vollig unbeaufsichtigt, und es konnten sich die ge-
wagtesten Schwarmereien zu erkennen geben. — Verfiihrungen
sind mir nur in zwei Fallen, und zwar seitens alterer, weiblicher
Personen bekannt geworden — mit meiner Person geschah nichts
dergleichen. — Ich war Angreiferin und doch dabei Leidende in
einer Person. — Nach ca. 3 Monaten geriet meine Mutter mit der
Vorsteherin in wirtschaftlicher Beziehung in Konflikt, und ich
verlieB das Pensionat.
30. Bestanden schwarmerische Freundschaften zu Kameraden
oder eine ungewohnliehe innige Verehrung erwachsener Per-
sonen? Auf wen erstreckten sich diese?
Sch warmer ische Freundschaften bestanden zu Kameradinnen
und Schwarmereien fiir Lehrerinnen. Auch in Bucher-Heldinnen,
Marchenprinzessinnen usw. verliebte ich mich. Fiir eine Lehrerin
habe ich mich mit 13 Jahren so „begeistert", daB man mich in ein
Sanatorium mitnehmen muBte.
31 Fand ein Zusamlnenschlafen mit erwachsenen oder nicht
erwachsenen Personen (Vater, Mutter, Geschwister, Dienst-
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246
boten oder andere) statt? (Im gleichen Bett, oder im sciben
Zimmer?) Badeten Sie mit ihneli gemeinsam?
Bis zur Geburt meines Bruders schlief ich mit meinen Eltern
zusammen, spater bis zum 14. Jahre mit meinem Bruder. Mit
diesem habe ich bis zu meinem 10. Jahre auch haufig gemeinsam
gebadet.
32. Wann horten Sie zum erstenmal von geschlochtlichen Dingen
sprechen und unter welchen Umstanden?
Dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen.
33. Hatten Sie geschleahtliche Erlebnisse bereits vor der Puber-
tat und welcher Art?
Nein.
84. Onanierten Sie? Wann begannen Sie damit? Wie kamen
Sic dazu? Fanden Verftihrungen dazu durch gleichaltrige
Personen desselben oder des anderen Gesehlechts statt? Bis
zu welchem Alter, in welchen Abstanden, in welcher Weise
und mit welchen Vorstellungen wurde die ev. Onanie voll-
zogen ?
Ja. Den Zeitpunkt des Beginns weiB ich nicht mehr, doch
fallt derselbe in die friihe Jugend. Eine Verfiihrung dazu fand
nicht statt. Auch gegenwartig onaniere ich noch, wenn auch
nicht regelmaBig: oft monatelang nicht, dann wieder tiiglich. Ich
nahm irgendetwas und preBte es angestrengt gegen den Unterleib;
nach wenigen Minuten trat ein Klopfen ein, das spater Brennen
zur Folge hatte. Zuerst dachte ich dabei an Einspritzungen
(Klistiere), spater an geschlechtliche Ilandhmgen von Mannem
an Frauen.
35. Wann etwa trat die Geschlechtsreife ein, bzw. die erste
Pollution oder Menstruation?
Mit 131/4 Jahren.
36. Wann entwickelten sich anderweitige Zeichen der Ge-
schlecJitsreife (wie tiefere Stimme, Bartwuchs beim mann-
lichen, Anschwellen der Briiste beim weiblichen Geschlecht)?
Bemerkten Sie, falls Sie mannlich sind, in dieser Zeit auch
ein leichtes Anschwellen der Briiste, falls Sie weiblich sind,
auch ein Tieferwerden der Stimme oder die Entwicklung
eines leichten Bartflaums?
Bis ungefahr zum 13. Jahre habe ich stets sehr tiefe und
rauhc Stimme gohabt. — Bekam um diese Zeit einen leichten Bart-
flaum. — AuBerlicIie Entwickhmg erst seit ca. 2 Jahren.
37. In welchem Alter fand der erste Versuch eines Geschleehts-
verkehrs statt und unter welchen Umstanden geschah dies?
Mit 14 Jahren. In unserm Geschaft verliebte ich mich in
eine Kokotte, deren Zuneigung ich anfangs durch bloBe Schwarmerei,
dann durch ganz aus mir selbst entstandene Beriihrungen und
Liebkosungon zu erringen hoffte. Was ich von ihr woUte, war
mir selbst unklar; ich geriet nur durch KUsse (auf Hand, Arm,
Nacken, Mund, Gesicht) und derlei immer tiefer in das VerlangeD
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nacb etwas GroCem — und fand auch plotzlich den Weg dazu, als
wir eiumal eiig aneinander gedriickt auf der Treppe saSen, und
ich sie plotzlich an der Brust beriihrte. Sie lehnte allerdinprs ah,
das Verhaltnis zwischen uns bestand aber bis vor kurzeni nocb
in bald heftigerer, bald weniger aufregender Form, und ist mir er-
innerlich als das Erste, was mich mit geschlechtlichen Dingen
in Verbindung gebracht hat.
IV. Gegenwartiger Zustand.
Bd den unterstrichenen Fragen ist moglichst hinzuzufiigen,
welche Eigenschaften Sie in derselben Hinsicht bei anderen Per-
sonen lieben.
A. Korperliehe Eigenschaften und Zustande.
38. Wie ist Ihre Korperlange und Ihr Gewicht (ungefahre An-
gaben, wie: klein, mittel groB, gentigen)?
Korperlange: mittel. — Gewicht: ohne Kleidung 105 Pfund.
Liebe Frauen, die kleiner sind als ich; moglichst leicht, zierlich.
39. Sind die Muskeln kraftig oder schwach entwiekelt? Ist das
Fleisch weich oder hart (fest)?
Muskeln mittelmaCig entwiekelt (dies liebe ich auch bei
anderen), doch bin ich als kraftig bekannt. — Fleisch weich
(liebe dies auch bei andern).
40. Welche korperliehe Tatigkeit sagt Ihnen am meisten zu, sei
es beruf lich, sei es als Sport, Spiel usw. ? Neigen Sie mehr
zur kraftigen Muskelarbeit, Rudern, Reiten oder zu grazi-
osen Bewegungen wie Tanzen, oder sind Sie jeder korper-
lichen Tatigkeit abhold, ev. aus welchen Griinden?
Gehen, strammes Marschieren, am liebsten im Wind iiber
Felder. Auch schnelles Klettern liebe ich. — Neige mehr zu
Rudern usw., auch grabe ich gern. Tanzen liebe ich erst seit
kurzer Zeit, und zwar mehr aus Freude an der Bewegung selbst,
als um des Vergniigens willen. Ich tanze moglichst ziigellos und
nie anders als Seite an Seite mit dem Partner ; die iibliche Form
ist mir der nahen Beriihrung wegen unmoglich..
41. Sind Ihre Schritte klein, langsam, trippelnd oder groB,
test, gravitatisch ? Wird der Rumpf beim Gehen ruhig und
gerade gehalten, oder findet ein Drehen in den Schultern
oder Hiiften statt? (Besser von dritten zu beurteilen.)
Schritte sind groC ; bei anderen liebe ich wiegenden Gang.
— - Rumpfhaltung ziemlich leger, auch schlenkere ich gern mit den
Armen.
42. Konnen Sie pfeifen?
Pfeife gern und sehr gut. Begleite mioh haufig pfeifcnd
beim Klavierspiel und suche so, da ich keine Stimme habe, diesc
zu ersetzeu.
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43. Ist Ihre Haut (der Teint) mehr hell oder dunkeL rein
oder unrein?
Sehr dunkel und gewohnlich auch ganz rein; wahrend der
Periode verliert der Teint diese Reinheit des ofteren, jedoch nicht
regelmafiig. Bei andern liebe ich sehr hellen und reinen Teint.
44. Ist das Haupthaar lang, dicht, mehr weieh oder hart? Wie
ist die Korperbehaarung (Arme, Beine, Bauch, Riicken
usw.)? Wie ist die Haarfarbe und Haartracht (gescheitelt,
ungeordnet, lockig usw.) ? Ist schwacher, starker Bart-
wuchs oder nur Bartflaum vorhanden ?
Haupthaar lang und dicht, auBerdem weioh. Bin am Korper
sehr stark behaart. Man nannte mich aus diesem Grunde iD
fniheren Jahren haufig: „ Kleiner Affe". Haarfarbe schwarz und
schiefer Scheitel auf der linken Seite. Bartflaum. — Liebe bei
andern helle Haarfarbe und das Haar moglichst seidig, wirr.
45. Erroten oder erblassen Sie leicht?
Errote, aber selten.
46. Ist die Schmerzempfindlichkeit groB oder jklein?
In Kleinigkeiten (Stiche, StoBe usw.) bin ich empfindlich,
bei Krankheiten nach Aussage von Arzten imgewohnlich couragiert.
47. Sind Hand und Fufi klein oder grofi (ev. Handsohuh-
nummer)? Wie geben Sie gewohnlich die Hand?
Hand: 61/4. Schmale und lange Finger. FuB ganz schmal,
GroBe 38. Gebe die Hand nachdriicklich und fest, so daB mau
oft sagte: „Du driickst mir ja die Knochen entzwei" oder „Das
Madel hat einen Druck am Leibel"
48. Wie ist Ihre Schrift? Falls Sie den Fragebogen nicht
selbst ausgefiillt haben, bitten wir hier um eine Probe
Ihrer Handsdirift.
Schrift nicht sehr weiblich. Erhalte stets, wenn ich bei
Bestellungen nicht mit meinem Vornamen zeichne, Briefe mit
der Auf schrift 5,Herrn".
49. Sind die Linien des Korpers mehr schlank, eckig oder
rund, besonders an den Schultern?
Mehr eckig, an den Schultern rund.
50. Sind Ihre Hiiften breiter oder sohmaler als die Schultern
( Tailienweite) ?
Hiiften sind schmaler als die Schultern (Tailienweite: 67).
51. Wie sind die Brliste? Voll, rund, mager oder platt? Sind
die Brustwarzen oder der Warzenhof besonders groB?
Finden sich liberzahlige verktimmerte Brustwarzenreste
bzw. wo?
Briiste etwa wie bei 14jahrigen Madchen. — Warzenhof be-
sonders groB. — Liebe bei andern Briiste wie bei normalen 16 — 17-
jahrigen schlanken Personen.
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52. Sind die Ohren groJJ, abstehend, angewachsen, klein, zier-
lich oder irgendwie auffallend?
Ohren sind mittelgroB, sehr weiB im Gegensatz zur iibrigen
Hautfarbe.
53. Wie ist das Auge? Welclie Farbe hat es? 1st der Blick
mehr fest oder unruhig? Sanft, innig oder schwarmerisch,
kokett, oder bietet er sonst Eigentumlichkeiten ?
Augen groB, schwarz. — Blick mehr fest. — Kann mit Blicken
sehr viel erreichen und werde oft auch von mir ziemlich Freraden
auf meine „gefahrlichen Augen" aufmerksam gemacht.
54. Haben Sie Vorliebe ftir l^sondere Geriiche? Lieben Sie
Parftims ?
Ledergeruch ; Hundegeruch ; Narzissen. — Gebrauche selbst
wenig Parfiim, nur ausnahmsweise behufs schnellerer Erreichung
erotischer Zwecke. — Bei Frauen zieht mich ein Parfiim stets
an, und wenn mich ein solches reizt, kann ich einer Frau oft
straBenweit folgen.
55. Haben Sie Vorliebe ftlr stifle oder bittere, satire, salzige oder
stark gewi&rzte Speisen?
Esse gem saure, salzige und stark gewiirzte Speisen, saure
Gurken, Senf, Zitronen usw. Bin aber durchaus kein Feind von
SuBigkeiten, liebe besonders Obst.
56. Ist der Gesichtsausdruck mehr mannlich oder weiblich,
bzw. wie finden ihn andere? Photographie erbeten. (Ev.
auch derjenigen Person, die Ihreni Geschmack entspricht.)
Gewohnlich mehr weiblich gefunden bis auf den Mund
(Lippen — Bartflaum).
57. Wie ist der Ban des Kehlkopfes? Tritt der Adamsapfel
wenig, stark oder gar nidht hervor? Ist die Stimme hoch
oder tief, laut oder leise, einfach oder geziert?
Der Adamsapfel tritt wenig hervor. — Stimme tiefer als
gewohnlich bei Frauen. Kann sehr laut, in Momenten der Er-
regung sehr leise sprechen. (Liebe bei andern leise und weiche
Stimme.)
58- Besteht Neigung in Fistel- oder Bafistimme zu sprechen
oder zu singen?
Nein, doch singe ich nur tief.
59. Sind Sie linkshfindig?
Nein.
60. Bestehen Storungen des Nervensy stems, wie Kopfweh,
Migr&ne, Schlaflosigkeit, grofle Mattigkeit, Unruhe, Zittern,
Schwindel ?
Schwindel und Mattigkeit nach korperlicher Anstrengung.
Ganz besonders von Zeit zu Zeit derartige Unruhe, daB ich ent-
weder stundenlang drauBen herumlaufe oder voUig erschopft fiir
ganzo Tage in einen Dammerungszustand gerate. Friiher half da-
gegen das Zerschlagen irgendwelcher Dinge; ich wurde danach
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wieder ganz ruhig und befriedigt. Schlaflosigkeit tritt perio-
discb auf.
61. Sind an den Genitalien oder ihrer Umgebung auBerliAe
Bildungsf ehler vorhanden ?
Nein.
B. Geistige Eigenschaftenund Zustande.
62. Wie ist Ihre Gemtitsart, mehr weich oder hart?
Mehr hart. Bia nicht fiir Zartlichkeiten, Verwandtenkiisserei
usw., audi bei den. Eltern nicht. Man halt mich fiir herzlos,
arrogant usw., well ich lieber dafiir gelten will, als bei irgend-
welchen Aniassen meine Neigung und Gefiihisbewegungen zu er-
kenneu zu geben. — Liebe bei andern moglichste Unterordnung.
63. Besteht starke Empfanglichkeit fiir Freude und Schmerz?
Ist besonders Neigung zum Weinen oder Lachen vorhanden?
(Ev. auch bei nicht entsprechenden Gelegenheiten, wie
Weinen vor Freude, Lachen vor Schmerz oder bei Trauer) ?
Steigert sich das Weinen oder Lachen zu krampfhaften
Anf alien ?
Starke Empfanglichkeit fiir Freude und Schmerz. Weine
sehr selten, dann aus Nervositat. Bei Erregungen, die mir naher
gehen, stohne ich laut, verspiire dann auch gewohnlich einen
eigenartigen Geschmack auf der Zunge. Bei Traueranzeigen, Todes-
nachrichten lache ich stets : meistens wandelt sich eine groBe Er-
schutterung in Lachen, z. B. beim Anhoren des Stiickes „Glaube
und Heimat" oder iiberhaupt im Theater. In friiheren Jahren
bekam ich abends mitunter aus ganz geringfiigigen Aniassen
Lachanfalle, die sehr lange dauerten, jeden ansteckten und von
meinen Bekannten humoristisch „ Kicker-Polka" benannt wurden.
Das verier sich aber nach und nach. Weinkrampfe bekam ich
zweimal.
64. Ist Ihr Wesen mehr gleichmaflig ruhig oder sind Sie von
Launen abhangig, oft sehr niedergedriickt, oft ausgelassen
heiter („himmelhochjauchzend, zu Tode betrtibt'*)?
Bin von Launen abhangig, im Innersten jedoch immergleich-
maCig alien Vorkommnissen gegeniiber. Viel EinfluB konnen diese
Launen auf Entschliisse nicht ausiiben.
65. Sind Sie leicht heftig, zornig, erregt, liberschwanglich
(exaltiert) ?
Bin heftig. In Zorn gerate ich nie, ganz besonders nicht,
wenn das bei eincm event. Gegner der Fall wird. Je aufgeregter
der andere, desto ruhiger ich. Bin daher bei Streitigkeiten ge-
wohnlich im Vorteil.
66. 1st Familiensinn stark oder schwach ausgepragt? Hangen
Sie sehr an Vater oder Mutter? An Hausli(5hkeit, Heimat,
Vaterland ?
Familiensinn fast gar niclit ausgepriii^t. Hange weder an
uicinen Eltern noch an meinem Bruder (was selbstverstandlich
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als im landlaufigen Sinne gemeiat zu betrachten ist: Liebe, die
ganz selbstverstandlich erscheinen muB, gehort nicht hierher).
Auch an Hauslichkeit, Heimat, Vaterland hange ich nicht sehr.
67. Besitzen Sie Gutrntitigkeit, Liebenswurdigkeit, Selbstaufopfe-
rung, Menschenliebe, Liebebedtirf tigkeit ?
Bin weder gutmiitig noch liebenswiirdig. Menschenliebe aucb
nicht bedeutend vorhanden, das heiBt: sehr wohl „alles verstehen
— alles verzeihen". Bin liebebediirftig und kann in Fallen einer
erwiderten Neigung der letzten und weitesten Aufopferung fahig sein.
68. Ist starker Ehrgeiz, tlberschatzung der Personlichkeit (oder
Unterschatzung), Empfanglichkeit ftir Bewunderung und
Beifall, Hang aufzuf alien, Herrschsudit vorhanden?
Empfanglichkeit fiir Bewunderung und Herrschsucht.
69. Sind Sie redselig, neugierig, verschwiegen ? Haben Sie Ge-
fallen an Klatsch? Sind Sie mehr mifltranisch oder leicht-
glaubig ?
Bin besonders in Gesellschaft sehr schweigsam. Mit meinen
Freunden rede ich verhaltnismaBig wenig, wenn wir uns erst
kennen. Das Liebste ist mir ein Spaziergang zu zweit, wahrend
dessen Dauer kein Wort fallt. Aur Reisen bildet dies den be-
sonderen Arger meiner Begleiter, da ich auch bei den herrlichsten
Eindriicken niemals Ausbriiche des Entziickens usvv. laut werden
lasse, nicht etwa, weil ich nichts fiihle, sondern weil ich keine
Worte finde und diese bei starken Eindriicken fiir iiberfliissig
halte. In Briefen dagegen spreche ich vieles aus, ebenfalls ganz
Fremden gegeniiber, die ich Halbestunden erst kenne. — Klatsch
ist mir widerwartig, ich auBere jedesmal Emporung dariiber. —
Bin miBtrauisch und leichtglaubig, doch be ides gewohnlich an un-
rechter Stelle.
70. Wie halten Sie es mit der Religion (fromm, gleidhgiiliig,
unglaubig, zn einer Sekte gehorig) ? Wie stellen Sie sidi
zum Cbersinnlichen, Wunder- und Aberglauben, Spiritismus,
Geistererscheinungen, Ahnungen, Mystik? Haben Sie eigene
Erlebnisse zu verzeichnen, auf die sich Ihre Ansicht dar-
iiber sttitzt, welehe efv. ? Haben Sie Ihren Glauben ge-
wechselt ?
Glaube an Gott im Goetheschen Sinne. Bete nicht, hesuche
keine Kirchen. Den Kinderglauben gab ich bereits mit 10 Jahren
auf nach einer Schulbesprechung iiber die Beformation. — Spiritis-
mus halte ich fiir Unsinn, dagegen habe ich bis vor wenigen Jahren
noch unter jedem Waldstein und Felsen Marchenfiguren gesucht.
Zwerge waren mir sympathisch ; einen Waldschratt fiirchtetc und
suchte ich auch cine Zeitlang. Besonders zog mich der Geda-nke
einer Elfenexistenz an: ein Miirchen diesbeziiglichen Inhalts wurde
und blieb mein Liebling viele Jahre. Heute glaube ich an nichts
mehr als an die eigene Kraft.
71. Besteht Abenteuersucht ? Hang zur Romantik? Hang zum
Herumtreiben ?
Abenteuerliche Situationon sind mir nie unwillkommen, wage
gem etwas AuBergewohnliches zu bestimmten Z week en.
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72. Sind Sie ordentlich (pedantisch) oder unordentlich, piinkt-
lich oder unptinktlich, sparsam oder verschwenderi&ch ?
Sammeln Sie etwas? Ev. was?
Sehr unordentlich, peinlich dagegen in bezug auf Waschc
usw. Kann wochenlang em fiirchterliches Chaos in meinen Muai-
kalien mitansehen, ohne mich im geringsten gestort zu fiihlen,
wiirde aber alles andere eher tun, als einen gebrauchten Bade-
mantel umzuhangen oder ein Handtuch zu benutzen, von dem icb
nicht ganz sicher bin, es ausschlieBlich selbst gebraucht zu haben.
— Bin sehr punktlich; verschwenderisch. — Sammelte Bildnisse
interessanter Frauen, eine Zeitlang auch Briefmarken, auBerdem
Negei*waffen und sonstige Exotika.
73. Leiden Sie unter zwangsmaBigen Antrieben, Vorstellungen
oder Unterlassungen ? Ev. unter welchen?
Lit! bis vor kurzem unter zwangsmaBigen Antrieben, machte
Besuche, schrieb Brief e u. dgl. auf inneres GeheiB und sah auch
alle moglichen Gegenstande beweglich, die entweder nicht exi-
stierten oder nur durch meine Einbildungskraft lebendig wurden.
Wenn ich starke erotische Anwandlungen unterdriicken muB, be-
machtigt sich meines ganzen Korpers, der ganzen Person eine an
Verfolgungswahn grenzende Unruhe, die einer Depression weicht
und schlieBlich wieder in den gewohnlichen normalen Zustand
iibergeht.
74. Sind Sie nachtragend oder versohnlich?
Bin versohnlich (gleichgiiltig nachsichtig beinahe) in kleinen,
alltaglichen Vorkommnissen, da ich ihnen keine Bedeutung bei-
messe. Angriffe ^egen etwas Ideelles, Innerstes vergesse ich nie,
ganz gleich, ob sie gegen mich oder eine fremde Auffassung ge-
richtet sind, der ich zustimmen muB.
75. Haben Sie starken oder schwachen Willen, Energie, T^urcht-
samkeit oder Mut?
Habe absoluten Willen. Energie im Durchfiihren mir
wichtig erscheinender Dinge G,du rennst ja doch immer mit deinem
Kopf durch die Wand"). Furchtsamkeit im landlaufigen Sinne
ist mir fremd; bin jedoch in angebrachten Fallen durchaus An-
hangerin des Satzes: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin
um". Einmal fand ich eine Maus im Bett, schiittelte sie heraus
und schlief ruhig weiter. Bei Gefahren bleibe ich ganz ruhig.
Bin einmal iiberfahren worden, habe aber trotzdem keine Scheu,
durch jedes Wagenchaos unbekiimmert hindurchzugehen. — Bei
andern liebe ich Schutzbediirftigkeit.
76. Haben Sie einen groBeren Hang zum Wohlleben oder zur
Anspruchslosigkeit, zu geistiger oder korperlicher Arbeit
oder zur Bequemlichkeit ?
Gehore zu den Menschen, die alles schatzen und alles ebenso-
eni entbehren konnen. Speise mit der gleichen Befriedigung
im Esplanade-Hotel wie auf Holztisch im Bauernhaus. Lebe
wochenlang mit einem Kleid — und finde dasselbe gleichgiiltige
Gefallen an einem tagiich dreimaligen Kleiderwcchsel im Badeort.
Wenn ich etwas haben kann, sehe ich das Entbehren nicht ein,
— wenn ich entbehren muB, wiinsche ich den Luxus jedoch mit
keinem Gedanken. — Ich arbeite gem geistig, finde aber auch
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Befriedigung in darauffolgender korperlicher Bewegung (Graben,
Laufen usw.).
77. Wie halten Sie e8 mit dem Trinken und Rauchen? Konnen
Sie alkoholische Getranke vertragen?
Rauche gern und viel. Trinken kann ich ausgezeichnet
vertragen, z. B. war ich einmal nach 7 Glas franzosischen Sekts
durchaus niichtern. — Bei andern liebe ich Rauchen, aber nicht
Trinken.
78. Wie sind Ged&cihtnis, Aufmerksamkeit, Phantasie? Neigen
Sie zu triiuinerischen Wesen? Erfinden Sie gern phanta-
stische Geschichten?
Gedachtnis sehr gut, Aufmerksamkeit gewohnlich nicht be-
deutend, Phantasie bekannt als weitschweifig. Neige seit einiger
Zeit nicht mehr iiberwiegend zu Traiunereien, kann mich iedocb
immer noch in Gedanken so verlieren, daO ich alles Umgebende ver-
gesse. Phantastische Geschichten erfinde ich nicht.
79. Ist die geistige Beanlagung mehr Neues schaffend oder
nachempfindend ? Mehr prtifend oder leieht beeinf luiibar ?
Selbstandig oder anlehnungsbedtirftig (produktiv kritisch
oder rezeptiv)?
Beanlagung mehr neuschaffend, produktiv. Komponiere,
schreibe aucn etwas. — Mehr priifend. — Absolut selbstandig.
80. Besteht Fahigkeit fiir Mathematik und abstrakte Anfgaben,
literarische, ktinstlerische Veranlagung, wie Talent fiir
Malerei, Plastik usw. ? Lesen und studieren Sie Ariel ?
Welche Lekture ziehen Sie vor? (Wissenschaftliche Werke,
Dichtungen, Belletristik, Kriminalromane, Humoristisches,
Zeitungslektiire) ?
Pahigkeit fiir Mathematik u. dgl. gar nicht, dagegen Ver-
anlagung fiir Musik. Lese verhaltnismafllg wenig, Romane gar
nicht. Ziehe Goethe und die Modernen vor. Kriminalromane
finde ich langweilig, desgleichen Zeitungslektiire bis auf Politik,
doch nur Auslandspolitik. Im iibrigen lese ich die Blatter, um
genau orientiert zu sein. Zoologische Werke interessieren mich
sehr (wollte in friiheren Jahren studieren), ebenso Reisebeschrei-
bungen. — Briefe schreibe ich gern, jedoch nicht iiber AUtaglich-
keiten.
81. Wie verbal ten Sie sich zur Musik ?
Liebe Musik mehr als alles andere, sie hilft mir iiber vieles
hinweg. Bevorzuge alles stark Individuelle : Beethoven, Bach,
Chopin. Spiele Klavier, komponiere. — Bei andern liebe ich Ver-
standnis fiir Musik, das jedoch nicht iiber mein eigenes hinaus-
gehen darf.
82. Besitzen Sie Neigung zur Schauspielkunst ?
Ja. Werde noch heute von alten Bekannten oft gefragt,
weshalb ich nicht Schauspielerin geworden sei. Habe friiher
viel rezitiert und auch selbst geschrieben. Heute habe ich weniger
Interesse fiir das Theater.
83. Welche Personlichkeiten aus Sage und Geschichte (Ver-
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gangenheit und Gegenwart) interessieren Sie am ineisten
resp. sind Ihr Ideal?
Helden : Dietrich v. Bern, Ledersfcrumpf in f riihereD
Jahren, heute Friedrich d. Gr. , Napoleon, der letztere
ganz besonders. Gegenwartig interessiert mich eine Schau-
spielerin durch das Menschliche ihrer Kttnst und das Kassi^e,
Unkultivierte, Leidenschaftliche ihrer auCeren Personlichkeit;
Tilla Durieux. Weder liebe ich sie, noch schwarme ich fiir
sie, nur diese Vereinigung von Tier und Mensch bei ihr ist mir
interessant.
84. Haben Sie Neigung zu bestimtnten Beschaftigungen Kvie
Kochen, Putz, Handarbeiten oder wie Sport, Jagen, SchieBen
usw. ? Fiir welche Gegenstande interessieren Sie sich be-
sonders ? Z. B. Politik, Mode, Theater, Pferde, Blumen usw. ?
SchieBe gem und gut. Habe Neigung fiir Politik, Theater,
Pferde (nicht Pferde r e n n e n). Aus Blumen mache ich mir nichts,
verstehe auch nicht, sie zu pflegen. Koche nicht, Handarbeiten
verstehe ich schlecht.
85. Nehmen Sie am politischen Leben teil? Sind Sie mehr
gemaBigt oder radikal? Bekleiden Sie offentliche Ehren-
amter ?
Nein.
86. Fiihlen Sie sich in Ihrem Beruf zufrieden, bsw. zu welchem
B'^Tiif fiihlen Sie sich hingezogen?
riihle mich absolut fiir meine Plane und augenblicklichen
Beschaftigungen geschaffen und darin zufrieden.
87. Spielt in Ihren Gedanken die Kleidung eine groCe Rolle?
Lieben Sie mehr einfache oder auffallende, anliegende oder
flatternde Gewandungen, hohe Kragen oder freien Hals?
Findet sich eine stark ausgesprochene Vorliebe fiir oder
Abneigung gegen Schmuck? Lieben Sie eine bestimmte
Farbe, ev. welche?
Nein, d. h. nur nicht im iiblichen Sinne : liebe durchaus das
Apartc und weiC auch gewohnlich das Richtige auszuwahlen. In
modernen „Jiing-Damen-Sachen" sehe ich aus wie ein Baby im
Schleppkleid. Liebe einfache Kleidung, moglichst leger (Joppe
mit Gurt usw.) und immer freien Hals. — Besondere Vorliebe
fiir Schmuck habe ich nicht, trage aber gern groCe Binge. — Bei
andern liebe ich Sinn fiir geschmackvolle Kleidung. — An Farben
bevorzuge ich dunkelblau und grau.
88. Sind Sie im allgemeinen mehr beliebt oder unbeliebt? Leben
Sie gerne im gesellschaftlichen Verkt^hr oder mehr fiir sich
abgesondert, einsam? Lieber auf dem Lande, in der Klein-
stadt oder GroBstadt?
Bin mehr unbeliebt ; wo aber einmal Zuneigung zu mir vor-
nanden, bleibt sie „fiir die Ewigkeit", mir nicht selten geradezu
lastig. — Lebe lieber fiir mich. — AVohne lieber in einer Grofistadt.
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89. Haben Sie besondere Leistungen oder Verdienste aufzu-
weisen, ^v. welche?
Habe einige Kompositiouen geschrieben, sonst nichts Be-
sonderes.
C. Geschlechtstrieb,
90. Haben Sie tibsrhaupt geschlechtliche Neigungen oder fehlen
dieselben bei Ihnen ganzlich?
Habo solche.
91. Auf welches G-eschlecht ist Ihr Geschlechtstrieb gerichtet?
Auf das weibliche Geschlecht.
92. Haben Sie bemerkt, dafl Ihre Triebrichtung sich vor,
wahrend oder nach der Geschlechtsreife geandert hat oder
ist sie stets dieselbe geblieben?
Hat sich nach der Geschlechtsreife geandert, d. h. : f iir das
weibliche Objekt empfand ich von jeher unbewuBt wie ein Mann.
Bereits mit 12 Jahren hatte ich das Verlangea, von Frauen um-
armt und gekiiBt zu werden und dies selbst bei ihnen zu tun, wo-
bei korperliche Erregungen eintraten. Da ich aber nichts anderes
als den natiirlichen Verlauf der Liebe kannte, redete ich mich
bei Knaben einige Male in einen „Liebes"zustand hinein, der in
Wahrheit niemals bestanden hat, denn diese „Liebe" beruhte
auf absoluter Schwarmerei (Briefekussen usw.) und hat mit
irgendwelchem geschlechtlichen Verlangen nie das Geringste zu
tun gehabt. Im Gegenteill Einer meiner Vettern, den ich auch
sehr „liebte", wollte mich einmal kiissen, was mich im Moment
der Annaherung geradezu koraisch beriihrte und zuriickgewiesen
wurde. Dabei war ich nach Ansicht aller andern docli geradezu
vernarrt in den Jungen. Ich hatte wohl die gleichen Gefuhle
fiir Knaben, die das Madchen in bestimmtem Alter fiir ihre Kame-
radinnen entdeckt, nur daB sie in ihnen den Mann suchen, wahrend
icli im Knaben das Madchen gesucht zu haben erkenne.
93. Welches sind die ungefahren oberen oder unteren Alters-
grenzen der Personen, welche Sie anziehen, oder ist 'Ihnen
das Alter gleichgtiltig ?
Das Alter ist mir ziemlich gleichgiiltig, am liebsteh sind
mir weibliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren.
94. Fesseln Sie mehr Personen, Hie geistig und sozial iiber
Ihnen oder unter Ihnen stehen, mehr verfeinerte, sanft-
miitige oder mehr grobere, kraftvoUe Naturen? Geben Sie
bestimmten Standen den Vorzug? Lieben Sie Personen,
auf. welche Sie erzieherisch wirken konnen?
Personen, die sich in geistiger Beziehung von mir abhangig
fiihlen miissen. — Mehr verfeinerte Naturen, doch in keinem Falle
von der Gattung des „Veilchens, das im Verborgenen bliiht". —
Bestimmte Stande bevorzugo ich nicht. — Liebe Personen, auf die
ich einwirken, die ich bcoinflussen kann.
95. Auf welchen Eindrticken beruht die Anziehung, welche ge-
wisse Personen des Sie anziehenden Gesohlechts ausiiben?
a) Auf Wahrnehmungen des Gesichtssinns? Was er-
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scheint Ihnen am Gesicht, an der Gestalt besonders
schon ? Beizt Sie mehr der nackte, bekleidete
oder halbverhtillte Korper?
Am Gesicht liebe ich die schmale Form, sodann einen eiu
wenig offenen, mit vorstehenden Zahnen versehenen Mund und
besonders die Augen, die entweder grofi und erstaunt aussehen oder
von den Lidern halbverschleiert sein miissen. Energische Blicke
lassen mich kalt, wie iiberhaupt noch niemand mit Energie etwas
bei mir hat erreichen konnen. — Die Gestalt liebe ich entweder
k 1 e i n und schmal oder s e h r groB und schmal. Vor allem
keine starken, knochigen Hiiften; ausgeprajgte Figuren stoBen mich
ab. Schlank muB die Betreffende in jedem Falle sein. Auch
schmale Handgelenke liebe ich. — Es reizt mich der halbverhtillte
Korper.
b) Auf Wahrnehmungen des Gehors, d. h. zieht die
Stimme der Sie reizenden Personen Sie besonders
an?
Die Stimme einer Person kann alles bei mir bewirken. Liebe
weiche, lassige Stimme, wahrend eine laute und kraftige mich
abstoBt.
c) Auf Wahrnehmungen des Geftihls? Ubt beispiels-
weise weiche und schwellende Haut oder hart und
straff sich anftihlende Muskulatur auf Sie eine be-
sondere Anziehung aus?
Liebe weiche, moglichst glatte und kuhle Haut, besonders
in bezug auf Gesicht und Anne.
d) Auf Wahrnehmungen des Geruchs? Werden Sie
durch den Ausdunstungsgeruch ^ewisser Personen er-
regt oder abgestoBen? Spielt dabei die Ausdiinstung
bestimmter Korperstellen eine Rolle?
Es gibt einen bestimmten Geruch des Mannes, der mir phy-
sisches tfbelkeitsgefuhl verursacht: ein fettiger, penetranter Dunst.
An Frauenkorpern habe ich bestimmte Geruche nicht wahr-
genommen. Im Zustande erotischer Erregung wirkt der weibliche
Korper auf mich suBlich.
e) Oder halten Sie die Anziehung fiir eine rein vor-
wiegend seelische, auf Eigenschaften des Charak-
ters, Willens, Intellekts usw. beruhende?
Nein, denn ich kann mich in Menschen verlieben, mit denen
ich noch kein Wort gesprochen habe und von denen ich nichts weiB.
96. Lieben Sie eine Person wegen solcher Eigenschaften, die
Sie selbst ebenfalls besitzen oder die Sie nicht haben,
z. B. bzgl. GroBe, Haarfarbe, geistiger Bildung uaw. ?
Gewohnlich liebe ich das Gogenteil von mir, also: klein,
blond, zart, geistig unter mir stehend- Es ist aber auch schon
vorgekommen, daB dunkle Typen mich anzogen. Also laBt sich
eine bestimmte Norm bei mir nicht aufstellen.
97. Bezieht sich Ihr Gesehleehtstrieb auf Personen mit ausge-
sprochenem Typus des Sie anziehenden Geschlechts (also
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ftuf echt m&nniiciie oder echt weibliche Erscheinungen) oder
aiil weniger ausgepragte Gescfilechtstypen, also Frauen, die
in ihrem AuBeren und Charakter Mannliches Jiaben, oder
Manner, die weibliche Ztige aufweisen?
Auf echt weibliche Erscheinungen.
98. Auf welches Geschlecht bezogen sich, Jbzw. welchen Inhalt
batten Ihre erotischen Traume?
Traume bezogen sich nur auf das weibliche Geschlecht.
99. Erregen im Publikum, auf der Strafle, im Theater usw. melir
Damen oder Herren Ihre Aufmerksamkeit? In welcher Ge-
sellschaft flihlen Sie sich am wohlsten?
Mehr Damen. — Fiihle mich am wohlsten unter Damen.
Cbrigens fiihle ich mich nicht unbeq^uem belastigt durch event.
Kourmacherei der HeiTen, die in ihrer angeborenen Arroganz eine
Abweisung seitens der Frauen fUr Schausi^ielerei, Gleichgiiltig-
keit fiir Unliebenswiirdigkeit halten.
100. Interessieren Sie sich mehr ftir Bilder, Photographien, pla-
stische Darstellungen weiblicher oder mannUcher Personen ?
Interessiere mich mehr fiir Darstellungen weiblicher Per-
sonen, finde aber den mannlichen Bau vom Gesichtspunkt „Kunst-
werk" aus — in tadelloser Reinheit — nicht abstoBend (z. B.
ApoU V. Belvedere).
101. Welchem Geschlecht gegentiber sind Sie unbef angener ? Be-
sitzen Sie ausgesprochenes Sehamgeftihl, und ist es weib-
lichen oder mannlichen Personen gegeniiber groBer?
Unbefangener dem miinulichen Geschleclit gegeniiber. — Be-
sitze kein ausgesprochenes Schamgefiihl, doch ist das vorhandene
weiblichen Personen gegeniiber groBer. Allerdings ist es mir
audi schrecklich, von einem Manne mit seinen Augen (also als
Weib) betrachtet zu worden.
102. Sind Sie in Ihren Zuneigungen mehr fliichtig oder be-
standig? Lieben Sie den ,, Flirt'* (das sogenannte „Pous-
sieren") ?
Unbestandig. -- Den ,, Flirt'* liebe ich nicht.
103. Wie unterscheiden Sie Freundschaft und Liebe? Worauf
grtindet sich bei Ihnen Ihrer Meinung nach ein Freund-
schaf tsverhaltnis ? Bestanden Freundschaftsblindnisse von
langer Dauer? Kann Freundschaft Ihnen Liebe ersetzen?
Liebe ist bei mir das, was Goethe in dem Satz :
„Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?" so ausgezeichnet
als den Inbegriff alles Selbstverstandlichen, im Grunde Sclbst-
losen und Unabanderlichen charakterisicrt. Freundscliaft
kann nur auf Gegenseitigkeit und Kenntnis der innersten Eigen-
scbaften beruhen. Des ersteren Gefiihls — der Liebe an sich —
bin ich nur fiir Frauen fahig. Wenn ich die Eigenschaften eines
Mannes schatzen kann, ist mir ein Freundschaftsverhaltnis mit
ihm auch moglich. Auf den .,ersten Blick" kann ich fiir einen
Mann nie etwas empfinden. — Freundschaftsblindnisse be-
standen zweimal mit Knaben ; sobald ich aber von ihrer Seite
Hirschfeld, Hom-scxualitat. \j
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258
erotische Neigung bemerkte, zog ich mich zuriick. Diese bund-
iiisse waren nicht von langer Dauer. — Freundschaft kann mir
Liebe nicht ersetzen.
104. Gingen Sie eine Dhe ein und aus welchem Grunde? Wie
war bzw. ist das Eheleben?
Nein.
105. Hatten bzw. haben Sie Kinder und wie viele? Lieben Sie
dieselben? Haben Sie bei denselben Besonderheiten (auch
in geschlechtlicher Hinsicht) bemerkt?
Kinder liebe ich nicht.
106. Wie war die Starke und die Beherrschbarkeit des Ge-
schlechtstriebes ? Halten Sie denselben bei sich auf die
Dauer fur unuberwindlich ? Inwieweit wurden die Nei-
gungen unterdriickt, inwieweit wurde ihnen nachgegeben
oder wurden sie durch Selbstbefriedigung ersetzt?
Sehr stark, wenig beherrschbar. — Auf die Dauer uniiber-
windlich. — Neigungen unterdriickt durch Fernhalten von den
begehrten Personen; aus Mangel an Gelegenheit konnte ihnen
wenig nachgegeben werden; Selbstbefriedigung half nicht, kann
die Neigungen nicht ersetzen.
107. Wie oft etwa fand bzw. findet durchschnittlich sexuelle
Betatigung statt? Tritt die Befriedigung rasch oder lang-
sara ein?
Jeden 2. bis 3. Tag. — Befriedigung tritt langsam ein.
108. Welche Art der geschlechtlichen Betatigung entspricht
Ihrem Empfinden? Bevorzugen Sie beim geschlechtlichen
Verkehr eine besondere Abart? Ist Ihr Verhalten beim
sexuellen Verkehr mehr mannlich aktiv oder weibUch:
passiv ?
Besonders Kiisse, und zwar das sogenannte „Trinken" aua
des andern Mund, dann ein Aufeinanderliegen. — Bin aktiv.
109. Bestand Widerwillen oder Gleichgtiltigkeit gegen den nor-
malen Akt? Fanden trotzdem Versuche statt ihn auszu-
tiihren? Welche Empfindungen hatten Sie herna^ci? Be-
stand eine Unmoglichkeit resp. ein Hindernis, (Jen normal-
geschlechtlichen Akt zu vollziehen? (Impottenz, ev. wo-
durch verursacht) ?
In der Theorie Gleichgiiltigkeit, in dcr Praxis Widerwillen..
— Versuche fanden statt. — Nachher hatte ich das Gefuhl de*
Ekels, der Lacherlichkeit, der Gleichgiijtigkeit
110. Verkehren Sie mit ProstituierteUi u^nd wantm^ (z. B. Mangel
an anderem Verkehr, besond;ere Keigung) oder werden Sie
durch solche abgestofien?
Verkehrte (bezw. verkehre) mit etner solohen- Verstand za
Anfang des Verhaltnisses nichts von Pi!ostitution; os jnufi also Zu^
neip^unp dem V^erkehr zugrund.e U^^gcn.. Werde diu'ch ProstUuLprte
nichl absrestofien.
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111. Ergtreckt sich der Geschlechtstrieb immer nur auf Per-
sonen des einen oder auch auf Personen des anderen Ge-
schlechts, in gleichem oder verschiedenem bzw. in welchem
Grade (Bisexualitat) ?
Auf Personen des eigenen Geschlechts.
112. Ist der Verkehr aussehliefllich mit Personen des anderen
oder anch mit Personen des eigenen Geschlechts moglich?
Mtissen Sie sich beim Verkehr mit Hilfe der Einbildungs-
kraft eine Person eines anderen Geschlechts vorstellen, als
desjenigen, mit welchem Sie verkehren?
Nur mit Personen des eigenen Geschlechts — Nein.
113. Bestand je Neigung zu geschlechtlich unreifen Personen?
Nein.
114. Hatten Sie Neigungen, den von Ihnen geliebten Personen
korperliche Schmerzen, seelische Demiitigungen, sonstige
Schadigungen oder womoglich gar Gewaltakte zuzuTtigen?
(S a d i s m u s).
Seelische Demiitigungen, die mir bei aller Freude daran viel-
leicht doch mehr Schmerzen bereiten als den Betreffenden selbst.
— Ferner Brennen mit Zigaretten; Pressen.
116. Hatten Sie den Wunsch, von der geliebten Person eine
solche Behandlung selbst zu erleiden? (M asochismus).
Ja: Stechen mit Nadeln, StoCen, Schlagen, BeiBen.
116. Haben Sie eine vorwiegende Leidenschaft ftir bestimmte
Korperteile (Haar, Hand, FuB, Leberflocke usw.) oder be-
stimmte Bekleidungsstticke (Wasche, Schuhe, Handschuhe,
Uniform usw.) oder fiir bestimmte Stoffe^ wie Pelz, Samt,
Seide, Leder, Lack usw. (Fetischismus)? Reizt es
Sie, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen (E r o -
tischer Verkleidungstrieb)?
Fiir Hande und FiiCe, auch fiir Haar (ein haBlicher Haar-
wuchs kann mir den schonsten Menschen verleiden). Liebe
Wasche, Schuhe, Seide. — Es reizt mich, mannliche Kleidung
anzulegen; fiihle mich darin bedeutend wohler und gleichsam
befreit.
117. Neigen Sie dazu, sich vor anderen zu entbloBen (Exhibi-
tionismus)?
Nein.
118. Erregt Sie sexuell nur Ihr eigener Korper (Automono-
sexualismus)?
Nein.
119. Haben Sie eine Neigung, andere Personen bei Verrichtung
diskreter Akte zu beobachten (Voyeurtum)?
Nein.
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120. Sind Sie jemals durch Tiere sexuell erregt worden (Zoo-
p h i 1 i e) ?
Nein.
121. Leiden Sie an einer andern, hier nicht erwahnten sexuellen
Abweichung von der Norm?
Nein.
122. Falls einer der von Nr. Ill — 121 erwahnten Triebe vor-
liegt:
a) Konnen Sie diesen Trieb erklaren? Glauben Sie, daB
er auf Verftihrung, ein bestimmtes Erlebnis in
der Kindheit oder im spateren Alter zuriickzuftihren
ist, oder auf eine innere A n 1 a g e ?
Trieb 111, 111, 115 und 116 beruhen auf innerer Anlage.
b) Wann und bei welcher Gelegenheit entdeckten ^ie
den anormalen Trieb bei sich?
Die Entdeckung der Triebe 111 und 116 geschah schon in
friiher Kindheit, diejenige der Triebe 114 und 115 im Verkehr mit
der unter Nr. 37 und 110 erwahnten Kokotte.
c) Haben Sie diese Neigung betatigt?
Ja.
123. Haben Sie stark gegen Ihre Natur angekampft? Mit wel-
chen Mitteln und welchem Erfolge? Unterzogen Sie sich
einer arztlichen Behandlung, welcher, mit welchem Er-
gebnis ?
Ja, durch Fernhalten von der geliebten Person, durch Zwingen
zum Zusammensein mit jungen Mannern usw. — Ohne Erfolg,
denn nachher ergriff ich um so temperamentvoller die Gelegen-
heit, das als unersetzlich erkannte Gefiihl fiir die Frau in irgend-
welchen Formen zu betatigen. — Unterzog mich einer psycho-
analytischen Behandlung, die mir das driickende Gefiihl einer
Schuld, die ich bisher in meiner Veranlagung erblickt hatte,
absolut nahm.
124. Ftihlten Sie sidh sehr ungliicklich? Litten Sie an Lebens-
uberdrufi, machten Sie Selbstmordversuche ? Hatten Sie
Konflikte (Unannehmlichkeiten) mit Ihrer Familie, Be-
horden oder solche anderer Art? Z. B. Erpressungen.
Brachte Sie Ihr Trieb in iConflikt mit Ihrer religi5sen oder
sozialen .^nschauung ?
Durch das BewuBtsein, nach Ansicht der weitesten, auch
meiner eigenen Kreise, ein ,,Verbrecher" gegen das Naturgesetz
zu sein, wurden Lebensmut und Arboitsfreudigkeit bei mir nicht
gerade gehoben. Ich habe auch mehrmals aus diesen Griinden
Anlaufe zum Selbstmord gemacht, bin aber im letzten Moment
jedesmal durch ein starkes Gefiihl der Verantwortung meinen
Eltern gegeniiber davon zuriickgehalten worden. Ich tat diese
wiederholten Schritte nicht aus Trotz oder dergleichen, sondern
von Verzweiflung getrieben, in der ich (infolge Mangels an jeg-
licher Aussprache oder Verstandigung bzw. Aufkliirung iiber
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meinen Zustand) mein ganzes Leben, besonders das der Zukimft.
als etwas Verfehltes, Halbes, Ungliickliches ansah. Durch die
psychoanalytische Behandlung bin ich zu einer gegenteiligeo
Ansicht gelangt, und es miiBte heute schon etwas mir vorlaufig
Undenkbares eintreten, wenn ich nochmals ein gewaltaames
Scheiden aus diesem Leben ins Auge fassen soUte. — Was meine
Familie betrifft, so bezeichnete meine Mutter die Eventualitat
einer kontraren Veranlagung meinerseits als ihr groCtes Ungliick;
infolgedessen Verstandnislosigkeit auf ihrer Seite und MiBver-
haltnis zwischen uns seit Jahren. Mit Behorden hatte ich keine
Unannehmlichkeiten, dagegen erhielt ich von privater Seite Ver-
kehrsverbote. — Religiose Konflikte hatte ich nicht, aber so-
ziale insofern, als man AuBerungen einer mir nicht innewohnenden
Veranlagung fordert und verlangt, daB ich MMchen spielen soil,
wahrend ich Mann bin. Dadurch komme ich fortgesetzt in
Konflikt mit der Wahrheit und der Auffassung der Welt.
125. Was halten Sie selbst von Ihrem geschlechtlichen Zustand?
Glauben Sie schuldig oder schuldlos, krank oder gesund,
naturlich oder naturwidrig zu sein? Wtinsehten Sie, wenn
es mioglich ware, dafl Ihre Natur geandert wiirde, oder
sind Sie mit Ihrer gegenwartigen geschlechtlichen Veran-
lagung zufrieden?
Ich halte mich fiir schuldlos, ganz gesund und, da eben
m e i n e r Natur entsprechend, auch natiirlich. Bin mit meiner
geschlechtlichen Veranlagung zufrieden und konnte mir eine Ver-
schiebung derselben nach der normal en Seite weder als etwas
Erstrebenswertes noch mir iiberhaupt Mogliches denken.
126. Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich sexueller Ab-
weichungen, wie BisexualitUt, Homosexualitat, Masochis-
mus usw. bei anderen gemacht? Verkehren Sie in Kreisen
Ahnlichempfindender oder stehen Sie allein? Kennen Sie
Leute, die wie Sie empfinden, wie viele etwa? Wie hoch
schatzen Sie ihre Zahl und aus welchen Griinden? Haben
Sie dieselben bei Angehorigen bestimmter Stande, Klassen,
V5lker haufiger beobachtet als bei anderen?
Hinsichtlich der Bisexualitat bin ich zu der Uberzeugung
gekommen, daB sie fast haufiger zu sein scheint, als der Nor-
male anzunehmen pflegt. Das ist bei Frauen bzw. Madchen wohl
schon dadurch bedingt, daB sie vor der Ehe, besonders in den
sogenannten guten Kreisen, keinerlei Gelegenheit haben, ihren
Trieben einen Ausweg zu schaffen, und da meiner Meinung nach
den wenigsten (die ich kennen lernte) auf autoerotischem Wege
geholfen ist, verfallt die Mehrzahl auf das bisexuelle Prinzip und
schadet sich auch nicht im geringsten dabei ; zum mindesten
nicht diejenigen, welche sich der Rolle des gleichgeschlechtlichen
Verkehrs als eines Notbehelfs bewuBt bleiben. Ubrigens halte
ich es nicht fiir Verfiihrung, wenn die eine oder andere ganz auf
das homosexuelle Gebiet iibertritt. Das sind keine „Verfuhrten",
— die Natur bricht sich Bahn und findet ihren Weg, auch wenn
der Mensch erst tausend Irrwege gegangen ist. Der „Verfiihrte"
kehrt entweder nach kiirzerer oder langerer Zeit im geeigneten
Moment in das gelaufige, vielleicht nur miBgeleitete Fahrwasser
zuriick — oder er war eben schon von Geburt an homosexueU
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262
und ware friiher oder spater, vielleicht erst nach unglucklichen
Erfahrungen, auf das Gebiet seiner ureigensten Veranlagung ganz
von selbst hinge wiesen worden. — Mit meinen Empfindungen
stehe ich allein. Das Wesen der Homosexuellen, als einer Ge-
meinschaft, ist mir auch nicht sympathisch. Ich kann die
Richtung nicht gutheiBen, die einzig wegen einer gleichen
Veranlagung auch eine Gleichheit in den Lebensverhaltiiissen
schaffen will ; die Normalen unter sich bilden a\ich nicht eine
geschlossene Phalanx, und keinem Normalen wiirde es etwa ein-
f alien, an Herrn X. oder Y. irgend welches Interesse zu nehmen,
weil diese auch die Frauen lieben! Das ganze Gebaren der
Homosexuellen, soweit ich es kenne, hat aber seinen Kern in
dieser Gimeinschaftseinheit, — und ich finde, daC diese Art
der Glei(ftiwertung der Selbstverstandlichkeit widerspricht, mit
der sie iewohnlich ihre Lage darzustellen pflegen. Aus einer
Selbstverstandlichkeit heraus interessiert man sich eben nicht
fiir die ahnliche eines Dritten. Man wird hier einwerfen: „Gleich
und gleich gesellt sich gern" oder: Kiinstler und andere Ab-
seitige finden sich ja auch zusammen. Hier aber, meine ich,
han< es sich um eine Gemeinschaft des Geistes, und sie ist
ein anerkannteres Bindeglied als die der Sexualitat!
127. HabeD Sie sich tiber den Naturzweck Ihrer eigenen sexu-
elleii Empfindung eine Ansicht gebildet und welche?
Irgendeine beabsichtigte Wirkung kann ich bis heute
meiner Veranlagung nicht zugrunde legen, es sei denn die Mog-
lichkeit konzentrierteren Wirkens auf Gebieten, die der nor-
malen Frau versagt sind. Man wird sich allmahlich durchringen
miissen zu der Einsicht, dafi die geistigen Kinder und Erziehungs-
prinzipien den gleichen Wert haben konnen fiir Welt und Men-
schen wie die nach bequemer Logik selbstverstandlichen und
natiirlichen Berufe der Frau als Gattin und Mutter. Schon um
des Kampfes willen, den die Kontrare fiir das auszufechten hat,
was ihrer normalen Sch wester miihelos in den SchoB fallt und
weil sie erst durch tausend Widerwartigkeiten hindurch sich
den Platz erobern muB, der ihr von Natur aus von Anfang an
aLs etwas gleich Gutes wie Natiirliches gebiihrt, soUte man sie
nichl. verwerfen.
Auf den ersten Blick mag es manchem ein unbilliges Ver-
langen erscheinen, eine gewissenhafte Bean two rtung so zahl-
reicher Fragen zu beanspruchen, eine Arbeit, die eine ganze
Reihe von Stunden, ja Tagen, in Anspruch nimmt. Die Er-
fahrung hat aber gelehrt, da6 es vielen, namentlich gebildeten
Personen geradezu eine innere Genugtuung und Erleichterung
gewahrt, in dieser Weise sich einmal liber sich selbst Rechen-
schaft zu geben. Wenn einer vollends vom Arzt Rat, Hilfe
und Klarheit erheischt, opfert selbst der Beschaftigtste, wenn
es zur Erreichung seines Zieles notig ist, gern die erforderliche
Zeit.
Unter anderen besitze ich eine Beantwortung des Fragebogens,
deren Umfang nicht weniger als 360 eng beschriebene Quartseiten be-
tragt. Das Begleitschreiben des Beantworters ist charakteristisch ;
er schreibt: „Hiermit unterbreite ich Ihnen hoflichst die Beantwortung
des Fragebogens, die ich am 6. Dezember v. J. begann und heute am
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30. Mai 1912 beendete. Icli bitte urn Verzeihuag, dafi sicli die Boant-
wortuug so lange hinausgezogen hat und daB sie so sehr lang ge-
worden ist. Ich wollte Ilinen gem alles schreiben und mein Herz
ausschiitten. Ich mufite auch darum alles schreiben, well ich mir
doch nicht die Fahigkeit anniaUen kann, zu entscheiden, was fiir die
Beurteilung dienlich sein kann und was nicht. Hoffentlich ist es
auch moglich, irgend etwas fiir die Wissenschaft Niitzliches heraus-
zusichten. In der Darlegung meines Zustandes habe ich mich gan:^
allein an mein tatsachliches Empfinden gehalten, auch da, wo ich mich
mit Kirche und Gesetz in Widerspruch gesetzt habe. Nur mein
Fiihlen und mein Sehnen waren mir mafigebend. Ich spreche Ihnen,
hochvcrehrter Herr Doktor, meinen innigsten Dank aus, daB Sie eine
Instanz geschaffen haben, wo man sein Denken, seine Gefiihle und
seine Triebe vor dem Forum der Wissenschaft aussprechen kann ..."
In manchen Fallen kann es den Sachverstandigen nicht dringend
geuug empfohlen werden, die direkte Befragung durch Konferenzen
mit Personen zu erganzen, die den zu Begutachtenden lange und gut
keunen. In erster Linie kommen hier die Eltern, dann die Geschwister
und Ehegatten, ferner friihere Arzte und Lehrer, auch Geistliche so-
wie Freunde und Freundinnen, sonstige Verwandte und Bekannte in
Betracht. Es kann Falle geben, wo den Aussagen Dritter fiir die Be-
gutachtung mehr Bedeutung beizumessen ist als den eigenen Be-
kundungen. In Prof. Dr. G. Aschaffenburgs „Monatsschrift
fiir Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform*' (1908 Dezemberheft)
habe ich einen solchen Fall in einer Polemik mit Herrn Direktor
Dr. Knapp in Bethel-Bielefeld behandelt. Eine wesentliche Vervoll-
standigung der Fragebogen bilden auch zusammenhangende Aufzeich-
nungen, Autobiographieen, Tagebiicher, Liebesbriefe und Liebesgedichte.
Es liegt auf der Hand, daC eine so griindliche Untersuchung eines
Mannes oder Weibes nicht in einer oder zwei Konsultationen geschehen
kann. Es bedarf dazu mindestens einiger Tage, oft langer.
Man kann den Arzten den Vorwurf nicht ersparen, dafi
sie in der Erforschung des Sexuallebens eines Menschen oft
sehr unmethodisch zu Werke gegangen sind ; dem Ansehen ihres
Standes war das nicht forderlich. Die Verantwortung des Arztes
ist in diesen Fragen um so groBer, als sein Votium zum
F a t u m werden kann — nicht nur fiir den, der sich an ihn
wendet, sondern fiir den anderen, dessen Greschick sich an das
Schieksal des Betreffenden kntipft, und f ixr dritte, die vielleicht
besser nicht geboren waren.
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DREIZEHNTES KAPITEL.
Einteilung der mannlichen und weiblichen Homosexualit^t.
Allgemeine Gesichtspunkte.
Fast alle Autoren, welche eine groflere Anzahl von mann-
lichen und weiblidhen Homosexuellen zu beobachten und zu
studieren Gelegenheit hatten, erkannten alsbald, daU in mehr als
einer Hinsicht unter ihnen groBe Verschiedenheiten vor-
kommen. In t)bereinstimmung damit sehen wir in der Faoh-
literatur das Bemiihen, die Homosexuellen nadh bestimmten Ge-
sichtspunkten in Gruppen einzuteilen. Je mehr Homosexuelle
allerdings jemand kennen lernte, um so mehr mulJte er wahr^
nehmen, daB auch diese Unterabteilungen nur notdiirftige Sche-
mata sind; genau betrachtet gibt es namlich unter den Homo-
sexuellen ebenso wenig wie unter den Heterosexuellen zwei gleich-
geartete. Vdllige Ubereinstimmung in jeder Beziehung, sowohl
der eigenen seelischen und k5rperlichen Beschaffenheit als im
Sexualziel, der Geschmacksrichtung, der Triebstarke und Be-
tatigungsweise wird man nicht nachzuweisen imstande sein.
So manche theoretische Meinungsverschiedenheit in der Be-
urteilung der Homosexualitat erklart sich daraus, dafl die Ver-
fechter einer Anschauung zu wenig diese groBe Variabili-
tat berlicksichtigen.
tJberschauen wir die bisherigen Einteilungen der Homo-
sexualitat, so sehen wir, daB die Autoren in der Hauptsaohe
hierbei von vier verschiedenen Punkten ausgingen. Manche
stellten die Beschaffenheit der Homosexuellen voran;
andere legten das Objekt der Anziehung, die Triebrichtung,
zugrunde, — unterschieden etwa solche, die sich zu jlingeren,
von denen, die sich zu alteren Personen hingezogen ftihlen — ;
wieder andere richteten sich nach der Betatigung; hier ware
als Beispiel etwa die alte, noch jetzt vielfach gebrauchte Tren-
nung der Homosexuellen in A k t i v e und Passive zu nennen.
Eine vierte Grundlage der Einteilung endlich bildete bei vielen
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die Entstehung der Homosexualitat. Diese ordneten die
Falle im wesentlichen in zwei Kategorien, in die angeborene
und die erworbene Homosexualitat.
Wir werden finden, daB die hauptsacblichsten Schriftsteller
unseres Faches in ihrer Gliederung des Stoffes bald mehr von den
einen, bald mehr von den andern Merkmalen ausgingen. Am tveitesten
in der Einteilung nach bestimmten Akten ist R o h 1 e d e r i) gegangen^
Er zerlegt den „Kontrarsexualismus beim mannlichen Geschlecht" In
4 Unterabteilungen : a) die griechische Liebe, auch Eros oder Padophilie
tfenannt, bei der, dhnlich wie beim Exhibitionismus, keine koitusarti^e
Vereinigung stattfindet, sondefn det bloBe Anblick, eventuell mit
leichten Liebkosungen, voile sexuelle Befriedigung gewahrt. Er fiihrt
als typisch fur diese Form die Worte eines Patienten, einefi jungeu
Piiesters, an, welche lauten : „Nur eine fliichtige Beriihrung ttm nackten
Arm Oder Schenkel geniigen mir"; b) den Fellatorismus und homo-'
sexuellen CunnilingUs, einen Ausdruck, den man mit Recht bemangelt
hat, da cunnus die lateinische Bezeichnung des weiblichen Geschlechts-
teils ist ; im fellatorischen Akt — die von Martial stammende Be-
zeichnung hangt mit dem lateinischen fellare saugen zusammen —
alter membrum alterius in os suscipit, alter membrum suum in os
alterius immittit; beim „homosexuellen Cunnilingus" dagegen membram
non in os immittitur, sed solum lingua lambitur. Rohleder meint,
daB der fellatorische Verkehr den analen „an ScheuBlichkeit, dem All-
femeingefiihl nach wenigstens, bedeutend iibertreffen diirfte" ; c) dU«
aderastie, bei welcher der aktive „Padikator" von dem passiveri
„Pathikus", dem Kinaden, zu unterscheiden ist; d) der Kontrarsexua-
lismus, worunter Rohleder „das Urningtum, welches alien Former)
des Homosexualismus mit Ausnahme der Paderastie und des Fellatoris-
mus huldigt", versteht. Er unterscheidet hier wiederum 6 Unter-
gruppen: 1. Onanie resp. mutuelle Onanie, 2. Coitus inter femora,
inter crura, 3. Coitus in axillam resp. in axillas, 4. Coitus inter genua,
5. Appressio membrl ad partem aliquem corporis alterius, 6. Lieb-
kosungen, Kiisse usw.
Meines Erachtens kamen hier nur die mutuelle Onanie, der Coitus
inter femora und die diesem sehr nahestehende Appressio membri ad
corpus alterius als besondere Gruppen in Betracht. Der Coitus in
axillas und der inter genua sind, ebenso wie die von Rohleder gleich-
falls erwahnte immissio in aurem oder gar die auch schon einmal
beobachtete immissio in cavitatem oculi extracti solche Raritaten,
daB sic bei einer Systematik besser iibei-giangen werden. Die letzte
Gruppe, der kontrarsexuelle Verkehr durch Kiisse und Liebkosungen,
den Rohleder auf eine „hochgradige sexuelle Hyperasthesie" zuriick-
fiihrt, ist kaum von dem zu unterscheiden, was Rohleder unter
Rubrum a seines Schemas als griechische Liebe schildert.
In analoger Weise teilt Roll le der auch den „Kontrarsexualis-
mus beim weiblichen Geschlecht" nach dor Betatigungsform in fiinf
Gruppen: a) die mutuelle Masturbation, die frictio mutua vulvae et
vaginae; b) die lesbische oder sapphische Liebe, auch amor lesbicus,
Sapphismus oder Lesbismus benannt, bei der, ahnlich wie beim hetero-
sexuellen Cunnilingus, die sexuelle Befriedigung dadurch erzielt wird,
daB die eine Frau genitalia alterius, praecipue clitoridem, lingua et
labiis lambat. osculat et sugat, meist usque ad ejaculationem muoi ;
c) den Tribadismus, worunter die mutuelle frictio genitalium feminarum
sine masjburbatione verstanden wird. Rohleder unterscheidet hier noch
den TribadJFmus externus, bei der die eine femina vulvam vel femora
ad vulvam alterius fricat, und den Tribadismus internus, bei der cin
1) Loc. cit. pag. 260 ff. und 449 ft
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Weib versucht, clitoridem in vaginam alterius immittert* : d) v(in dieser
trennt er dann noch wieder als eine besondere Gruppe : .,dea homo-
sexuelleii weiblicheili Fellatorismus und die Clitoriscohabitation** ab,
bei der eine vergroCerte Clitoris vollkommen die Stelle des membrum
virile vertritt und als solche in unam de tribus cavitatibus aut in
vaginam aut in os aut in anum immittitur; e) als fiinfte Form weib-
licner Homosexualitiit bezeichnet Rohleder eine Form, die sich
nicht hinsichtlich der Betatigungsart, sondern in der Richtungsqualitat
von der vorgenannten vierten unterscheidet, die auf unreife Personen
desaelben Geschlechts gerichtete „Padophilia erotica homosexualis femi-
narum**.
Etwas einfacher als die Rohleder sche Einteilung ist die von
C h e v a 1 i e r 2). Er unterscheidet nur drei Formen der weiblichen
Homosexualitiit: den Tribadismus, Clitorismus und Sapphismus, die
er, wie folgt, definiert: „La tribadisme est le proced6 dans lequel
I'accouplement est simule par le simple contact, accompagne de frotte-
ments des organes genitaux externes. Le clitorisme est ce m^me
proc6de avec un temps en plus, consistant dans Tintromission vagi-
nale d'un clitoris demensurement long, developpe jusqu'a Tanomalie,
d'ou la rarete de ce modus faciendi. Enfin on reserve plus
8p6cialement le nom de sapphisme au coit buccal, proc6d6 le
plus habituel.**
V. Krafft-Ebing dagegen liiCt in seiner von vielen Lehr-
biichern iibernommenen Einteilung das Objekt und die mit ihm vor-
genommene Art der Betiitigung ganzlich auBer acht und fragt fast
ausschlieBlich nach dera Zustand des empfindenden Sub-
j e k t s. Hiernach unterscheidet er zunachst nach der Ursache die
angeborene von der erworbenen kontraren Sexualempfindung und teilt
die erstere in
„a) die psychische Hermaphrodisie. bei der nel)en vorwiegend
gleichgeschlechtlicher Empfindung Spurcn von heterosexueller
Triebrichtung bestehen ;
b) die eigentliche Homosexualitat, bei der jede Ncigung zum
andern Geschlecht geschwunden ist, und nur sexuelle Neigung
zum eigenen besteht;
c) die Effemination, bei der auch das sonstige Scelenleben der
kontraren Geschlechtsempfindung weiblich geartet ist;
d) die Androgynie, bei der sich sogar die Korperformen dem Ge-
schlecht nahern, dem die Geschlechtsempfindung entspricht."
Auch die erworbeno kontrare Sexualempfindung teilt 'Krafft-
Ebing in vier Stufen :
Die erste Stufe, die er als ,,einfache Verkehrung der Geschlechts-
empfindung** bezeichnet, soil mit dem Zeitpunkt erreicht sein, ,,wo die
Person des eigenen Geschlechts aphrodisisch wirkt".
Die zweite Stufe ist beim Manne die Eviration == Entmann-
lichung, beim Weibe die Defemination = Entweiblichung, und zwar
nimmt er an, dafi sich in diesen Fallen allmiihlich im Zusammen-
hang mit der erworbenen kontraren Scxualen>pfindung eine .,tiefer
greifendc und dauernde Umiinderung der psychischen Personlichkeit
vollzieht."
Als dritte Entwicklungsstufc der erworbenen kontraren Sexual-
empfindung schildert v. Krafft-Ebing Falle. in denen sich auch
das korperliche Empfinden im Sinne einer .,Transmutatio sexus" (Ge-
schlechtsumwandlung) umgestaltet, wiihrend or als vierte Stufe den
Geschlechtsverwandlungswahn annimmt — die Metamorphosis sexu-
alis paranoica — , die ungemein seltenon Falle ausgesprochener Geistes-
krankheit, in denen Patienten iiberzeugt sind, und meist auch Stim-
2) Chevalier, L'inversion sexuelle p. 219.
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men horen, die bestatigen, daU sie bestimmte, dem andern Gesohleclit
zugehorige Personen seien.
Diese Vierteilung der erworbenen kontraren Sexual-
em pfindung des beriihmten Wiener Psychiaters hat in der Fach-
literatur wenig Anklang und Eingang gefunden, und auch ihr
Urheber scheint ihr schlieBlich keinen rechten Wert mehr bei-
gelegt zu haben, trotzdem sie sich noch in den nach seinem Tode
(1902) erschienenen Auflagen der Psychopathia sexualis findet.
Denn in der letzten zusammenfassenden Arbeit, die er 1900
verof f entlichte, hat er den atiologischen Begrif f der er-
worbenen Homosexualitat fast vollstandig durch den bedeu-
tend vorsichtigeren zeitlichen Begrif f der tardiven Homo-
sexualitat ersetzt.
Um so mehr aber hat v. Krafft-Ebings Vierteilung
der angeborenen Homosexualitat den Beif all der Fachge-
nossen gefunden. Wir finden sie fast liberall teils ira Wort-
laut, teils mit geringen Modifikationen akzeptiert.
So unterscheidet Hofrat Lowenfeld drei Entwicklungsgrade :
I. die psychosexuelle Hermaphrodisie oder das psych osexuelle Zwit-
tertum, bei dem hetero- und homosexuelle Neigungen in einem Indi-
viduum vorhanden sind ; im Gegensatz zu v. Krafft-Ebing, der
in seiner Einteilung der kontraren Sexualempfindung darunter nur
seiche Falle verstanden wissen wollte, in denen die homosexuelle Emp-
findung als die primare wie zeitlich intensiv vorwiegende in der Vita
sexualis zutage tritt 3), unterscheidet aber Lowenfeld hier noch
drei weitere Unterabteilungen. Auf der untersten Stufe stehon
nach seiner Ansicht die Falle, in denen neben einer im allgemeinen
vollkommen heterosexuellen Richtung des Geschlechtstriebs 1 a t e n t e
homosexuelle Neigungen bestehen, die sich nur in psychischen Aus-
nahmezustanden, wie etwa im Traum, im Rausch, im epileptischen
Anfall Oder Trance Geltung verschaffen. An diese reiht er als z w e i t e
Gruppe die Falle, in denen sich beide Triebrichtungen nebeneinander,
bald die eine, bald die andere starker hervortretend, zeigen, und als
zur d r i 1 1 c n Stufe gehorig bezeichnet er die Personen, m denen die
homosexuellen Neigungen entschieden iiberwiegen. Als Prototypen
dieser letzten Kategorie der Bisexuellen fiihrt er Michel Angelo
und Shakespeare an.
Als zweiten Entwicklungsgrad der Homosexualitat fiihrt
der Munchener Psychiater den Zustand exklusiver Homosexualitat
an, dem sich dann als dritter die Effemination anschlieBt, bei
der „die ganze Richtung des Denkens, Fiihlens und WoUens den weibi-
schen Typus annimmt". Von der Androgynie, der mehr odor minde)
ausgesprochenen Annaherung der Korperformen an den weiblichen
Typus, die v. Krafft-Ebing als vierte besondere Form ansah,
meint er mit Recht, daU sie sowohl mit dor zweiten als mit der
dritten seiner Homosexnalitatsstufen verkniipft sein konne.
Vergleichen wir nun die grundlegende und zur Zeit ihrer
Aufstellung zweif ellos sehr scharfsinnige Einteilung v. Krafft-
8) V. Krafft-Ebing: Ps. sex., 1903, p. 251, und Uber psycho-
sexuelles Zwittertum, im internationalen Zentralblatt fiir die Physio-
logic und Pathologic der Ham- und Sexualorgane, Bd. I, Heft 2.
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Ebings mit dem gegenwartigen Stand unserer Erkenntnis, so
fragt es sich zunachst, ob es richtig ist, die psychische Herm-
aphrodisie oder Bisexualitat in die Einleitung der Homosexuali-
tat mit einzubeziehen. Nach ihrer Wesensart steht sie zwischen
der Heterosexualitat und Homosexualitat ; wenn man aber ledig-
lieh, was mir jedoch. nicht angangig erscheint, die Betatigung
mit beiden Geschlechtem berticksichtigen woUte, so rangiert sie
zwischen der eohten und Pseudo-Homosexualitat. Auf alle Faile
aber bildet die Bisexualitat eine Gruppe fiir sich, und ist es da-
her folgerichtig, sie auch als solche zu behandeln und ein-
zureihen. Es empfiehlt sich deshalb, die Menschen nach ihrem
Geschlechtstrieb in drei Gruppen zu teilen: in die groJJe Mehr-
zahl der heterosexuellen Manner und Frauen, in die Min-
derzahl mannlicher und weiblicher Homosexueller und die
Bisexuellen beiderlei Geschlechts, deren Neigung in ver-
schieden hohem Grade bald weiblichen, bald mannlichen Per-
sonen zugewandt ist.
Neben diesen drei kamen noch zwei weitere Gruppen in Betracht,
die man gelegentlich in der Literatur erwahnt findet : die A s e x u -
alien und die Monosexuellen. Die Asexuellen, von deaen es
meines Erachtens iiberhaupt noch nicht feststeht, ob sie auBer bei
tiefgreifenden psychischen Storungen tatsachlich existieren, sollen im
Zustande voUiger sexueller Gleichgiiltigkeit von jeder ^eschlechtlichen
Vorstellung und Anfechtung Zeit ihres Lebens frei sein. Die spezia-
listische Erfahrung zeigt, dafi nicht selten Personen, die eine von
der heterosexuellen Norm abweichende Triebrichtung in geschickter
Weise diskret zu halten wissen, und diese gibt es in groBer Menge,
von ihrer Umgebung, einschlieBlich ihrer Hausarzte, fiir asexuell ge-
halten wurden. Namentlich bei Gelegenheit gerichtlicher Begutach-
tungen horte ich bei Riicksprache mit den naheren Bekannten des
Angeklagten immer wieder die Meinung auBern: „wir glaubten bisher,
daB er vollig unsinnlich veranlagt sei ; wir hielten ihn fiir frigide, fiir
asexuell." Sicherlich gibt es untcr den scheinbar Asexuellen aber auch
solche, die der gleich zu erwahnenden Gruppe der Monosexu-
ellen angehoren. Bei dieser nach Menge und Art bisher ebenfalls
noch nicht vollig geklarten Kategorie sexuell Anormaler bildet die
e i g e n e Person nicht nur das Objekt sexueller Betatigung, sondern auch
den ausschlieBlichen In ha It sexueller Vorstellungen. Kertbeny,
bei dem sich zuerst das Wort „monosexueir* im Jahre 1869 als Gegen-
stiick zu dem von ihm ebenfalls gebildeten Ausdruck „homosexueH"
findet, definiert sie nur in einem parenthetischen Satz als Menschen,
„bei denen geheime Selbstbefleckung zum chronischen Bediirfnisse ge-
worden ist". Gustav Jaeger spricht 1878 in seiner .,Entdeckung
der Seele" *). in ahnlichem Sinne von „m onosexueller Idiosyn-
krasie" als einem Zustand, bei dem die Masturbation keiner Phantasie
durch Vorstellung eines andern Individuums bedarf. In dem spater
im Jahre 1900 im II. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufon von
Prof. Jaeger veroffentlichten bisher ungedruckten Kapitel iiber
Homosexualitat aus der „Entdeckung der Seele" bezeichnet sein ano-
nymer Gewiihrsmann Dr. M. die Monosoxuellou „als solche, die
mit sich selbst auskomme n", und fiihrt als Beispiel „den
*) Pag. 259.
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unfflucklichen genialen Lenau, diesen geborenen Onanisten" an. Ich
selbst schrieb im Jahre 1903 in einer' Arbeit, die ich im V. Jahrbuch
fiir sex. Zwischenstufen unter dem Titel: „Ursachen und Wesen des
Uranismus** veroffentlichte, folgendes:
„In den Uranfangen der Sprache erhalten sich oft durch Gewohn-
heit verdunkelte Begriffe. Das Wort Sexus — Geschlecht kommt
von sequi — folgen, der Geschlechtstrieb ist urspriinglich nor der
Trieb zu folgen, sich anderen anzuschlieCen, und damit ist er
der freilich oft nur leise durchschimmernde psychologische Hinter-
grund der sozialen Regung. Der Monosexuelle folgt nur
sich allein; die wenigen Monosexuellen, die ich personlich ge-
sehen habe, es waren drei zur Einsamkeit und Eigenbewunderung nei-
gendo Onanisten mit ausgesprochener Antipathic gegen beide Ge-
schlechter, zeichneten sich durch den denkbar groBten Indiffe-
rentismus nicht nur alien Menschen, sondern auch alien Dingen gegen-
uber aus*\
Rohleder^) zitiert diese Stelle mit dem Bemerken, daB sie
sich am meisten mit dem deckt, was er dann spater in mehreren
ausfuhrlichen Fallen als Automonosexualismus beschrieben und
gelegentlich auch als Sexualegoismus bezeichnet hat, „eine Erschei-
nungsform des menschlichen Sexuallebens, bei der das betreffende
Individuum selbst, und zwar allein, den Ausgangspunkt und das End-
ziel des sexuellen Triebes darstellt*'. Von Autoren, die sich mit ver-
wandten Zustanden beschaftigt, seien kurz noch zwei genannt : H a v e -
lock Ellis, der unter dem Namen Autoerot ismus die spon-
tanen Geschlechtsregungen ohne irgendwelche direkte oder indirekte
Anregung seitens einer anderen Person" verstanden wissen wollte,
und N a c k e ^), der Beispiele von Verliebtsein in sich. selbst als N a r -
z i B m u s geschildert hat. Die Verliebtheit in die eigene Person kann
sowohl eine homosexuelle als eine heterosexuelle Farbung haben; homo-
sexuell, wenn die betreffenden Manner und Frauen sich als solche be-
trachten; heterosexuell, wenn sie sich, wie es bei einigen der von
mir monographisch behandelten Transvestiten 7) der Fall zu sein
scheint, besonders zu der andersgeschlechtlichen Komponente ihrer
Wesenheit hingezogen fiihlen. Trotzdem miissen wir aber Rohleder
Recht geben, wenn er meint, daB diese Zuriickst rah lung des Triebes
auf sich selbst weder zum Homo- noch zum Heterosexualismus zu recli-
Den ist, sondern als Monosexualismus „eine streng abgegrenzte und
isolierte** Gruppe darstellt. In einem Fall, den ich kiirzlich zu be-
obachten Gelegenheit hatte, bezogen sich die Phantasien auf das
eigene Spiegelbild als incubus, miC dem der Patient als succubus ad
ejaculationem masturbierte. Es wirkte geradezu verbliiffend, wie der
zufallige Anblick der eigenen, zwecks Untersuchung entkleideten Per-
son im Spiegel wahrend der Konsultation einen Zustand hochster ge-
schlechtlicher Ekstase hervorrief.
Es gibt noch mannigfache andere Varianten, die man kaum
in eine der genannten flinf Rubriken unterbringen kann. So
suchte mich vor einiger Zeit eine Kiinstlerin von groBer Eleganz
auf, die sich sexuell nur durch Manner gefesselt ftihlte, die selbst
als Frauen lebten. Sie hatte auch nach vielem Suchen einen
^) Rohleder, Geschlechtstrieb und Geschleclitslebcn. IM. II,
p. 511 ff.
6) N a c k e , Psychiatrischen en neurologischen Bladen Xr. 2,
1899. Derselbe, Einige psychiatr. Erfahrungen.
'^) Hirschfeld, Dr. Magnus: Die Transvestiten. Eine Unter-
suchung iiber den erotischen Verkloidungstrieb. Berlin 1910.
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normalsexuellen Transvestiten gefunden, mit dem sie sich ver-
heiratete. Wirklidhe Frauen waren ihr ebenso antierotisch, wie
echte Manner. Wir werden diese sexuell nichts weniger als fri-
gide Frau weder als homosexuell, noch als einwandfrei hetero-
sexuell, ebenso wenig aber auch als bisexuell oder gar als auto-
monosexuell ansehen konnen.
Als homosexuell kann ich auch kaum eine mir bekannte Prau
von ausgesprochener Weiblichkeit bezeichnen, die seit 10 Jahren mit
einer ungemein virilen Frau zusammenlebt, welche, well in weiblicher
Tracht zu auffallig, die Erlaubnis bekommen hat, als !Mann zu gehen.
Die Frau, eine sehr fromme katholische Polin, versichert hoch und
heilig, weder sie noch ihre Freundin empfanden gleichgeschlechtlich,
sie sei vollkommen Weib, er unbedingt Mann. Ein anderer Fall ist
mir bekannt, in dem ein Mann 5 Jahre lang ein Verhaltnis mit
eineui Madchen hatte, bei der sich in ihrem &. Jahre eine irrtiim-
liche Geschlechtsbestimmung herausstellte. Es war also ein Mann,
allerdings mit regelrechter Vagina, mit dem der Verkehr stattgefunden
hatte. Beide hat ten so, allerdings unwissentlich, den Tatbestand des
§ 175 RStrGB. erfiillt. Damendarsteller, sowohl homosexuell als hetero-
sexuell veranlagt, haben mir wiederholt mitgeteilt, wie oft sie von
jMannern begehrt wiirden, die es als Beleidigung betrachten wiirden,
wenn maD sie als Homosexuelle anselien wiirde.
AUe diese Falle, die sich leieht vermehren lieBen, sind
mehr als Kuriositiiten ; sie lehren die kaum zu liberbietende
Variabilitat alles Sexuellen, die Mannigfaltigkeit und Haufig-
keit von Grenz- und t)bergangsf alien, zugleich aber audi die
Schwierigkeit alles Schematisierens. Wir wiirden unsere Auf-
gabe, eine in sich gut begrtindete Einteilung der Homosexualitat
zu geben, sehr erheblich komplizieren, wenn wir bei der Grup-
pierung alle neben der Homosexualitat vorkommenden Vari-
anten oder auch nur jede innerhalb der Unterabteilungen vor-
kommende oder mogliche Schattierung ausnahmslos berticksich-
tigen woUten.
Wiirden wir dieses tun, so mtiBten wir, da es liinsicht-
lich ihrer Sexualitat zwei gleiiche Individuen tiberhaupt nicht
gibt, auf jede Klassifizierung von vornherein Verzicht leisten.
Damit wiirden wir uns aber dann zugleich eines der wichtigsten
Erfordernisse exakter Forschungsmethodik begeben, der syste-
matischen Gliederung der einzelnen Falle nach ordnenden
Prinzipien. Das ist zu weit gegangen, wenn wir uns auch
bewuflt bleiben mtissen, daB stets Verschiedenheiten vorhanden
sind, und es sich daher i m m e r nur urn Ahnlichkeiten
handeln kann.
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VIERZEHNTES KAPlTIiL.
Einteilung der Homosexuellen nach ihrer persiinlichen
Eigenart.
Zweifellos gibt es unter den Homosexuellen, und zwar
unter den homosexuellen Mannern sowohl als unter den gleich-
gesehlechtlichen Frauen, ebenso markante tJbereinstimmungs- wie
Unterscheidungsmerkmale. Betrachten wir einmal eine groBere
Urningsgesellsehaft oder, noch besser, rufen wir uns in der
Erinnerung einen jener groBen Urningsballe zurlick, wie sie,
von mehr als tausend Homosexuellen besucht, noch vor wenigen
Jahren im Dresdner Kasino in Berlin oder in der Salle du
Wagram in Paris ein besonders geeignetes Studienobjekt fiir
Massenbeobachtungen boten, da konnte auch der Ungetibte, der
wuBte, daU die tanzenden Paare aus Homosexuellen bestehen,
unschwer zwei Gruppen voneinander unterscheiden : eine Gruppe,
die einen durchaus mannlichen Eindruck macht, der im ge-
wohnlichen Leben „niemand etwas anmerkt**, kaum der Arzt,
geschweige denn der Laie; weder in der Sprache, noch in Er-
sKjheinung und Benehmen verraten sie den Urning. Dann gibt
es aber noch einen anderen Teil, der in Gesten und Gehaben
unverkennbar weibliche Eigenschaften aufweist. Man sieht,
wie Baron Teschenberg sich ausdriickte, f ormlich die un-
sichtbare Schleppe. Einige gehen auch in Frauenkleidern, und
auch die, welche keine besitzen, haben meist in ihrer Tracht
weibliche Einschlage, sei es auch nur im Schmuck oder in
Parfiims, in Bander n und Strtimjfen, gebrannten Locken und
glattrasiertem Gesicht. Viele nahern sich auch in ihren Ge-
sichtsziigen, Teint und Haar, in den runden Formen, den breiten
Htiften, vor allem auch in ihrer Stimme und Sprache dem Ge-
Sichlecht, welchem sie am liebsten ganz angehoren mochten.
Wlirde man ihre Gesprache horen, ohne sie zu sehen, so
konnte taian nach deren Inhalt manchmal geneigt sein anzu-
nehmen, dafl zwei Damen in lebhafter Unterhaltung begriffen
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sind. Von deli extremsten Fallen sagt v. Krafft-fibing,
daB es „Weiber in Mannerkleidung mit mannlichem Genitale**
sind, ein Wort, das an den Vers erinnert, mit dem einst der
Spotter Martial einen Urning charakterisierte : „pars est
una patris, cetera matris habet** („nur ein Teilchen hat er
vota Vater, alles t)brige von seiner Mutter*').
Zwei ganz analoge Gruppen konnen wir sehen, wenn wir
eine grolJere Veranstaltung weiblicher Homosexueller besuchen.
Auch iiier findet sich eine Abteilung von Prauen, die ijn
Tracht, Haarschmuck, Haltung und Bewegung, in der Art zu
sprechen, zu trinken und zu rauchen etwas ausgesucht Viriles
aufweisen; viele haben auoh eine rauhe, tiefe Stimlne, derbc
mannliche Gesiditszlige, schmale Hliften, wie tiberhaupt einen
an das „starkere** Geschlecht erinnernden Knoehenbau. Ihren
Namen geben sie unter sich haufig eine virile Form. Daneben
aber existiert eine nichtmindergrolJe Gruppe homosexueller
Frauen, die sich auJJerlioh von anderen Frauen ihrer gesell-
schaftliehen Sphare kaum unterscheiden ; sie tragen Toilette
und Frisuren naoK derselben Mode wie diese, perhorreszieren
weder Korsetts, nooh hohe Absatze und erscheinen in ihren
Geflihls-, Geschmacks- und GedankenauBerungen so durchaus
weiblich, daS sie niemand ftir homosexuell halten wlirde. Und
doch sind sie es in genau 30 fixierter Weise wie ihre virilen
Schicksalsgenossinnen.
Zwischen den beiden Gruppen homosexueller Manner und Frauen
besteheii nichl saltan auch insofern Gegensatze, als sia gesellschaft-
lich wani^ mitainandar sympathisiaren. Die mannlicher gaarteten
Uminge sind geneigt, die femininen etwas von oben zu behandeln,
zum mindastan auf sia mit ainem gawissen Bedauarn herabzusehan ;
aber auch die femininen mokieren sich gern ain wenig iiber die mann-
lichen Kollegan, die ihrer Meinung nach so stolz den Mann markiaren
und doch den Raizen schonar Mannar abenso leirht erliegen wie sie.
In gleichar Waisa wollen oft die weiblich gaarteten homosaxuellen
Frauen von den „Mannweibern" nichts wissen, wahrend diese wieder-
um gern iiber die homosaxuellen „Weibclien" herziehen. Ein gutes
kameradschaftliches Verhaltnis und Einvernohmon herrscht dagegen
oft zwischen den virilen Homosexuellen beiderlei Geschlachts und
abenso zwischen dan faminin Gearteten unter. den homosexuellen Man-
nern und Frauen.
Ahnliche Erfahrungstatsachen und Beobachtungen, wie die hier
kurz geschilderten, waren es offenbar, die Krafft-Ebing bewogen,
die eigentlichen Homosexuellen unter den Mannern und Frauen in je
drei Untargruppen zu tailen : „a) die Homosexuellen oder U r -
n i n g a , die ab origine ausschlieBlich sexuelle Empfindung und
Neigung zu Personen desselben Geschlechts haben, bei denen sich
aber im Gegensatz zu der folgenden Gruppe die Anomalie nur auf die
vita sexualis beschrankt und nicht tiefer und belastend ein auf den
Charakter und die gesamte geistige Personlichkoit einwirkt", b) die
Effeminierten, bei denen die psychische Persdnlichkeit, speziell
ihre gesamte Gefiihlsweise und ihre Xeigun^on, von der gleich-
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gesohlechtlichen Empfindung beeinfluBt ist, u. c) die Androgynen,
bei denen das Individuum sich nicht nur in psychosexualer und psy-
chischer, sondern auch in anthropologischer Hinsicht dem
seinem Genitalapparat nicht entsprechenden Geschlechtstypus nahert.
Die entsprechenden Gradstufen bei der Frau bezeichnete er als:
a) Homosexualitat, „bei der sich die Anomalie weder durch
auBerliche Zeichen, noch durch seelisch-mannliche Geschlechtscharak-
tere verrat, b) als V i r a g i n i t a t , bei der sich das Weib psychisch
als Mann fiihlt, und c) die Gynandrie, bei der auch somatische
Abweichungen vom weiblichen Typus vorhanden sind.
Krafft-Ebing schloB sich in seiner Klassifizierung ziem-
lich an Ulrichs an, der allerdings iiber die weiblichen Homosexu-
ellen noch so wenig unterrichtet war, daB er sie iiberhaupt in seine
Einteilung nicht einbezog. In dem § 115 seiner 1864 geschriebenen
„anthropologischen Studie" Formatrix schreibt der hannoversche Amts-
assessor: „Unter den Urningen scheinen folgende zwei Klassen unter-
schieden werden zu konnen, zwischen welchen indes tausend Ab-
stufungeu zu konstatieren sind: a) Urninge, in denen das raann-
1 i c h e Element, welches ihrem mannlichen Korperbau entspricht, iiber-
haupt in alien Stiicken vorherrscht, indem es insonderheit ihrem
weiblichen Liebestriebe eine gewisse mannliche Farbung jjibt: also
Urninge mil. vorwiegend mannlichem Habitus, korperlich wie geistig,
und zugleich mit vorwiegend aktivem Begehren. Diese scheinen
vorwiegend Jiinglinge zu lieben, nicht Burschen. Ich mochte sie nennen
die „A' i r i I i o r e s" oder „M a n n 1 i n g e", die mannlicheren Urninge.
b) Urninge, in denen das w e i b 1 i c h e Element, welches ihrem weib-
lichen Liebestriebe entspricht, iiberhaupt in alien Stiicken vor-
herrscht, indem es insonderheit ihrem mannlichen Korperbau eine
gewisse weibliche Farbung gibt: also Urninge mit vorwiegend weib-
lichem Habitus, korperlich wie geistig, und zugleich mit vorwiegend
passivem Begehren. Diese scheinen iiberwiegend Burschen, nicht
Jiinglinge, zu lieben. Ich mochte sie die „M u 1 i e br i o r e s" nennen
Oder „W e i b 1 i n g e", die weiblicheren."
Ich halte die Einteilung, welche Ulrichs hier gibt, trotz der
auch hier, wie so oft bei inm, wenig gliicklichen Wortbildung und
trotzdem manche Einzelheiten in seiner Differenzierung, wie wir noch
sehen werden, der Naujhpriifung nicht standgehalten haben, doch fiir
weit pragnanter und praktischer als die seines groCen Nachfolgers.
GroBeu Scharfsinn beweist Ulrichs in der Wahl der Komparative
vlriliores und muliebriores statt der entsprechenden Positive ; offen-
bar wollte er damit zum Ausdruck bringen, dafi es sich hier nur
um Grad-, nicht um Art unterschiede handelt, indem auch die
Mannlinge weibliche, die Weiblinge mannliche Eigenschaften, nur beide
in schwacheren Graden, aufzuweisen haben. Der Unterschied, den
Krafft-Ebing zwischen ef feminierten und androgynen Mannern,
sowie zwischen virilen und gynandrischen Frauen macht, ist zu f lie-
Bend, um die statt der Ulrichsschen Zweiteilung gewahlte Dreiteilung
geniigend zu motivieren, auBerdem ist die Androgynie an sich keine
starkere Stufe der kontraren Sexualempfindung. Es ist durchaus
nicht gesagt, daB Personen mit korperlichen Zeichen des andcrn Ge-
schlechts, also etwa Manner mit Gynakomastie oder Frauen mii Andro-
trichie, auch psychisch ihrem Genitalapparat inkongruent sind ;
meist sind sie nicht einmal kontrarsexuell. Es gibt auch psychisch
feminine Manner und virile Frauen, die nicht homosexuell sind, ander-
seits gibt es Hiinen von Mannern, die seelisch voUkommene Weiber
sind ; kurz, alle nur erdenklichen Kombinationen mannlicher
und weiblicher Eigenschaften kommen vor, so daB die Krafft-
Ebing sche Einteilung der P r a z i s i o n ermangolt, welche wir von
einer guten Systematisierung verlangen miissen ; es ist auch uner-
findlicn, weshalb Krafft-Ebing nur die virilen Manner — und
Hirschfeld, Homosexualitflt. I3
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die feminineii Frauentypen als ,,Homosexuelle oder Utninge" bezeich-
uet, da die effeminierten und androgynen Manner-, sowie die virilen
und gynandrischen Frauengruppen nach seiner Voraussetzung docl)
ebenfalls gleichgeschlechtlich fiihlcn.
Aus alien diesen Grlinden scheint cs das einzig Richtige,
dowohl die homosexuellen Manner, als auch die homosexuellen
Frauen nach ihrer Beschaffenheit lediglich in die femininer
und viriler Gearteten einzuteilen. Hochstens konnte man noch
hinsiehtlich des Grades des weiblichen oder mannlichen Ein-
schlags Unterscheidungen gelten lassen, indem man bei den
homosexuellen Mannern leichter und starker feminine
und virile, bei den homosexuellen Frauen h o c h gradiger
und maBiger virile und feminine unterscheidet. Wie
weit das weibliche Empfinden mancher Homosexueller geht,
zeigen drastisch die Forderungen, die ein Urning H. Marx^)
in einer Broschlire aufstellt:
„D ie soziale Stellung des Urnings, schreibt
erallen Ernstes, seidie derMadchen und Frauen;
er trage auch einen weiblichen Namen. Eltern und Vormiinder
seien verpflichtet, das Auftreten der urnisehen Natur an ihrem
Kinde und Pflegekinde der Behorde sofort anzuzeigen. 1st
die urnische Natur eines Individuums konstatiert, so ist das-
selbe als Urning in das Zivilstandsrcgister einzutragen, hat
einen eigenen Namen anzunehmcn und seiner Natur _pemafl
sich zu kleiden. Im Interesse der Sittlichkeit empfiehlt es
sich, dafl der Urning das nachtliche Umherstreichen auf den
StraBen und offentlichen Platzen seines Wohnortes, das Be-
suchen von Wirtshausern ohne Begleitung unterlaBt und sich
uberhaupt seiner weiblichen Natur gemaB sittsam und bescheiden
auffuhrt.** Entgegengesetzt auBert sich ein homosexuelles Weib
in einem hinterlassenen Schreiben-) : ^Bei mir hatte die
Natur in der Wahl des Geschlechts einen Fehl^riff getan. Ich
fluchte meinem Geschick, das mich nicht als Mann geschaffen
hat."
Es bedarf kaum der Erwahnung, daB, ebenso wie eine sich zu
weit erstreckende Niiancierung der charaktcrologischen Beimischung
des Femininen beim Manne nicht durchfiihrbar ist, auch eine zu weit
gehende Differenzierung seiner virilen Komponente als gekiiiislelt
anzusehen ist. Marc Andre Raffalovich hat eine seiche Mehr-
teilung versucht, indem er^) drei Arton von Homosexuellen unterscheidet:
*) H. Marx, Urningsliebe. Die sittliche Hebung des Urning-
tums und die Streichung des § 175 des Dcutschen Strafgesetzbuchcs.
Ein Wort an das deutsche Volk, die Manner der Wissenschaft und die
Mitglieder des deutschen Reichstages. 1875 in Leipzig erschienen.
=) Jahrb. f. s. Zw. III. Bd. p. 34.
2) R a f: f a I o V i c h 1. c. p.
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275
die Ultravirilisten, die Virilen und die Weiblinge. Die Ultravirilisten
wiirdeii etwa der Gruppe entsprecheu, die GustavJaeger als super-
virile Homosexuelle bezeichuete. Dieser Aiisdruck findet sich in dem
1884 ersciiienenen III. Telle seines „Lehrbuchs der allgemeinen Zoologie"
(„Entdeckung der Seele",,3. Aufl., Bd. I, S. 269), wo die betr. Stelle
folgendermaBen lautet: „Was mich anfangs am meisten frappiert hat,
mir aber jetzt vollstandig erklarlich, ja naturnotwendig erscheint:
Unter den Homosexualen steckt die merkwiirdigste Sorte von Mannern,
namlich die, welche ich superviril nenne. Dieselben sfcehen, ver-
moge einer individuellen Variation ihrer Seelenstoffe, ebenso ii b e r
dem Manne wie der Normalsexuelle (sollte heiBen: Diirchschnitts-
sexuelle) iiber dem Weibe. Ein solches Individuura ist imstande, die
Manner durch seinen Seelenduft zu bezaubern, wie diese — aber in
passiver Weise — ihn bezaubern. Da er nun stets in Mannergesell-
schaft lebt, und Manner sich ihm zu FiiCen legen, so erklimmen solche
Supervirile haufig die hdchsten Stufen geistiger Entwicklung, sozialer
Stellung und mannlichen Konnens." Es ist zuzugeben, daB der maun-
liche Einschlag beim homosexuellen Mann auch einmal starker sein
kann, als er durchschnittlich beim heterosexuellen Manne ist ; die Welt-
geschichte hat die Namen einiger Feldherren, Staatsmanner und Kunst-
Keroen bewahrt, die an Tatkraft und Geistesscharfe die Mehrzahl der
Manner iiberragten, gleichwohl aber urnisch waren; dennoch empfiehlt
es sich und geniigt auch vollauf, angesichts der so sehr ineinander
iiberflieBenden Gradstufen und Mannigfaltigkeit der Mischungsart
mannlicher und weiblicher Eigenschaften auch hier nur von siarkeren
und schwacheren Graden der Virilitat und entsprechend beim homo-
sexuellen Weibe von verschieden starken Einschlagen der Femininitat zu
reden. Die auf den ersten Blick befremdliche und mit der Lehre von
den Zwischenstufen zunachst schwer vereinbare Tatsache, daB homo-
sexuelle Manner viriler, homosexuelle Frauen femininer sein konnen
als heterosexuelle Manner und Frauen, sucht Prof. Jordan- Katte
in seiner sehr bemerkenswerten Arbeit, betitelt: „Die virilen Homo-
sexuellen** *) dadurch zu begriinden, daB es nicht bloB auf das relative
Verhaltnis der mannlichen zu den weiblichen Elementen, sondern auf
das nach Starke und Art verschiedene absolute Quantum beider
Komponenten ankommt. Nicht mit Unrecht bemangelt Jordan in
diesem Aufsatz, daB von den Fachschriftstellern in der Kasuistik und
Theorie die ihrem Geschlechtsapparat entsprechenderen Typen unter
den Homosexuellen bisher viel weniger beriicksichtigt sind als die
psychisch und somatisch starker von der Norm abweichenden. Er
5chreibt^) : „Es ist ein — wenn auch verstandlicher — Fehler der
neueren Schriftsteller auf dem Gebiete der Homosexualitat, daB sie so
ganz vorzugsweise den femininen Typus des homosexuellen Mannes
schildern und rechtfertigen und den virilen Typus vernachlassigen,
der den Heterosexuellen vielleicht ansprechender erscheint als jener.
So wird — entsprechend — leider auch immer nur das virile homo-
sexuelle W e i b , das mannliche Alliiren zur Schau tragt, in die Dis^
kussion gebracht und die meist iiberaus zuriickhaltcnde feminine
Jungfrau, die auch den Heterosexuellen oftmals interessiert, well sie
nichts wesentlich Auffalliges darbietet, hintenangesetzt.'* An einer
anderen Stelle gibt der Autor aber selbst hierfiir die Erklarung, indem
er sagt. daB sich jede menschliche Klaa^ifizierung zunachst wohl
Oder iibel an die markanten und extremcn Erscheinungs-
gruppeh halten muB.
*) Max Katte, Die virilen Homosexuellen, J. f. sex. Zw., Bd.
Ttl, p.
&) L. c. p. 94.
18*
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276
Was das Zahlenverhaltnis der virilen und femininen Ura-
nier anlangt, so diirfte I wan Bloch^) redht haben, wenn er
sagt, daB es nach seinen Beobachtungen ungefahr das
gleiche ist. Auch die virilen und femininen Uranierinnen
scheinen an Menge einander etwa gleich zu sein.
Mehr theoretisch als empirisch mtissen die SchluBfolge-
rungen angesehen werden, welche viele Autoren bei der Ein-
teilung der homosexuellen Manner und Frauen in die virileren
und feminineren aus der personlichen Beschaffenheit auf die
Geschmacksrichtung, die Betatdgungsweise oder gar auf. die
Entstehung und Heilbarkeit ziehen. Wir stoBen auf solche
Angaben an vielen Stellen der Fachliteratur ; auch ich selbst
sebrieb in einer meiner ersten Arbeiten liber den Gegenstand:
„Je femininer ein Mann ist, um so mehr liebt er ausge*-
sprochen mannliche Typen, je mehr im Timing die mannlichen
Ziigc tiberwiegen, um' so mehr liebt er Individuen, die im
Auflem und Charakter etwas Weiblich-zartes haben, Jiinglinge,
wobei ihm jedoch femiiiine Urninge zu weibisch zu sein pflegen,
und das gleiche gilt fiir das kontrarsexuelle Weib, je mehr
Weibliches in ihr ist, je weniger sie von der Norm abweicht,
um so mehr liebt sie Frauen, die Mannliches an sich haben,
kraftige geistesstarke Weiber, Kiinstlerinnen, Schriftstellerinnen,
und je viriler sie selber ist, um so mehr flihlt sie sich von
jungen, echt weiblichen Madchen angezogen."
Offenbar schwebte bei diesen SchluBfolgerungen den Fach-
leuten bewuBt oder unbewuBt die so weit verbreitete, aber
auch fiir den normalen Verkehr noch keineswegs erwiesene
Vorstellung von der Anziehung des Gegensatzlichen in der
Liebe vor, eine Meinung, die beispielsweise Schopenhauer
und nach ihm in noch viel verstarkterem MaBe Weininger
dahin formulierten, daB stets „dem bestimmten Grade seiner
Mannheit der bestimlnte .Grad ihrer Weibheit entspricht. In
Wirklichkeit liegen aber die Anziehungsgesetze viel kompli-
zierter. Ich habe im Laufe der Zeit viele feminine Homosexuelle
kennen gelernt, die, trotzdem sie selbst am liebsten in Frauen-
Jcleidern gingen, junge bartlose Leute liebten, und sehr virile
Frauen, die ich zunachst fiir gute Freundinnen in unerotischem
Sinn hielt, bis ich gewahr wurde, daB die auBerlich und an-
pcheinend auch seelisch so verwandten Typen seit vielen Jahren
ein regelrechtes sexuelles Verhaltnis miteinander batten. Eben-
80 kann man nicht selten voUminnlichen Urningstypen be-
«)Iwan Bloch, Das Sexualleben imserer Zeit, 7. — 9. Aufl.
1909 p. 651.
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gegnen, von denen man — ehe man das Wundern auf sexuellem
Gebiet verlernt hat — zu seinem groBen Erstaunen hort, daU
sie sich fiir Manner unter 50 Jahren sexuell liberhaupt nicht
interessieren k5nnen. Erst vor kurzem suchte mich ein etwa
25jahriger Homosexueller auf, der durchaus mfinnlich erschien,
dabei aber ftir Manner mit weiJJen Vollbarten, und zwar nur
ftir diese, eine groBe Leidenschaft besaB.
Auch die Meinung von U 1 r i c h 9 , dafi sich bei Urningen mit
korperlich und geistig voUig mannlichem Habitus aktives Begehren,
bei denen mit weiblichem Hjibitus passives Begehren findet, halt reich-
licherer Erfahrung nicht stand. Urn von vielen, die diese Anschauung
hegen, nur einen anzufiihren, erwahne ich Robert Sommer, der
meint, daI3 man z w e i Arten der Homosexualitat unterscheiden miisse,
die passive und die aktive. „Der passive Paderast weise einen deut-
lichen Typus auf. Haufig bestehe schon in der Jugend Neigung zum
Anlegen weiblichen Schmuckes und Kleidung. Dazu komme eine
weibisch siiBliche fiir normale Manner widerwartige Art der Bewegung,
welche diese Individuen als dirnenhaft erscheinen lasse. Bei dem
aktiven Typus fehle dieses Wesen vollstandig. Er sei aus seinen Symp-
tomen kaum erkennbar. Bei den weiblichen Homosexuellen unter-
scheidet Sommer gleichfalls zwei Typen. Der aktive Typus, gleichsam
das Gegenbild der femininen Form des mannlichen Homosexuellen,
zeige sich im maskulinen Wesen, wahrend die passive Form anscheinend
in keiner Weise auCerlich charakterisiert sei."
In Wirklichkeit besteht keiue absolute Cbereinstimmung zwischen
Virilitat und Aktivitat, Passivismus und Feminismus. Wir lassen
dabei zunachst die Frage, mit der wir uns spater noch zu beschaftigen
haben, unerortert, ob iiberhaupt die Einteilung der homosexuellen
Manner und Frauen nach ihrer Betatigungsneigung in Aktive und
Passive zu Recht besteht. Das eine lehrt jedenfalls eine ausgedehntere
Praxis: unter denen, die passiven Pygismus pflegen, gibt es nicht
wenige, die ansonsten einen mehr mannlichen, als weiblichen Eindruck
machen, und andererseits finden sich unter denen, die zur aktiven
Immission neigen, manche, die in ihrer Psyche dem Weibe naher stehen
als dem Manne. Es kommen eben auch hier alle nur erdenklichen
Verbindungen vor, welche lehren, daB die Wahrheit der Wahrschein-
lichkeit immer noch weit iiberlegen ist.
Noch einen Schritt weiter ist neuerdings der Freudschiiler S.
Ferenczi in Budapest gegangen. In einem Vortrage, den er im
September 1911 auf dem KongreB fiir Psychoanalyse in Weimar hielt,
unterscheidet er die Homosexuellen in zwei Gruppen, die er als Objekt-
homosexuelle und Invertierte bezeichnet. Bei den Objekthomosexuellen
triige der homosexuelle Trieb den Charakter der erworbenen Zwangs-
idee eines Neurotikers, die als solche auf psychoanalytischem Wege
leicht zu erkennen und zu beseitigen sei. Ganz anders lage es bei den
Invertierten, bei denen tatsachlich ein konstitutioneller Zustand vor-
handen sei.
Bei einiger Cberlegung wird man leicht einsehen, daC die Objekt-
homosexuellen und die Invertierten im Grunde genommen nichts an-
dcres sind als die Mannlinge und Weiblinge von U 1 r i c h s , daB jedoch
hier eine Ansicht wiederkehrt, die sich gelegentlich schon bei den
Alten findet, beispielsweise bei J u v e n a 1 , wenn er (in satir. II),
die Weiblinge in Schutz nehmend, sagt : hunc ego f a t i s imputo,
qui morbum vultu incessuque fatetur, diesem, welcher seine Krank-
heit — er meint vovo(k ^i^Xeia, die weibische Krankheit — durch sein
Mienenspiel und seinen Gang verrat, rechne ich sie als Schicksal,
nicht als Schuld an. Die Ferenczi sche Auffassung, dafl die Homo-
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sexualitat des Virilen „lockerer" sitze als die des Femininen, wird
zweifellos auf den ersten Blick fiir manchen etwas Bestechendes haben,
sie hat nur einen Fehler, namlich den, dafi sie mit der Wirklichkeit
im Widerspruch steht, die zeigt, daB die Homosexualitat der viriler
Gearteten ebenso fest mit der Konstitution verkniipft und ebenso-
weiiig von dieser abzutrennen ist, wie die der Feminineren.
Recht beachtenswert ist die Einteilung, welche Hans Bliiher
in seiner Arbeit: „Die drei Grundformen der Homosexualitat" 7) gibt.
Er unterscheidet „den invertierten Weibling" — so nennt er den
femininen Homosexuellen — von dem ,,Mannerhelden". Er versteht
darunter deu sich seiner Inversion und der damit verbundenen Auf-
gaben voll bewufiten Homosexuellen, der seine Triebriclitung nicht
nur in geschlechtlicher Beziehung betatigt, sondern auch seine er-
zieherischen Fahigkeiten gegeniiber dem eigenen Geschlechte voll zur
Entfaltung bringt. Er iibt infolgedessen auf jiingcre Personen des
mannlichen Geschlechtes besondere Anzieliungskraft aus und spielt
im eingeschlechtlichen Milieu namentlich in Jugendbewegungen eine
groBe Eolle. Als dritte Grundform bezeichnet B 1 ii h e r die „]atente
Inversion**, bei der die homosexuelle Komponentc bewuBt u n t e r-
d r il c k t Oder unbewuBt verdrangt oder in rein kiinstlerische oder
wissenschaftliche Betatigung sublimiert wird, wobei eine Um-
setzung in neurotische Komplexe erfolgt mit stark antihomosexuellen
Instinkten. (Verfolgertyp).
Sowohl in homosexuellen als heterosexuellen Kreisen
herrscht vielfach die Neigung, die weiblicher gearteten Homo-
sexuellen niedriger zu bewerten, als die mannlicheren. Das
ist ebenso unangebracht, wie der alte miiUige Streit, ob Mann
oder Weib hoher zu bewerten seien. In der Natur aller ruhen
gute Eigenschaften, durch der'en Entfaltung sie dem Ganzen
forderlich sein konnen.
•) Jahrbuch fiir sex. Zwischenstufen. Bd. XIII, p. 139 ff., 326 ff.,
411 ff.
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FUNFZEHNTES KAPITEL
Einteilung der Homosexuellen nach ihrer Geschmacks-
richtung und den Betatigungsformen.
Sind wir auch nicht imstande, aus der Zugehorigkeit zu
der virileren oder feminineren Uraniergruppe die Geschmacks-
und Betatigungsart eines Homosexuellen abzuleiten, so ist damit
keineswegs gesagt, dafi diese nicht dennoch im wesentlichen von
der individuellen Eigenart eines Menschen abhangig ist. Sicher-
lich ist die Riehtung des Geschlechtstriebes kein freier Will-
ktirakl, nur liegen die Verhaltnisse viel komplizierter, als daB
sich von der Beschaffenheit des Subjekts die Besehaffenheit des
Objektft so leicht ablesen liefle. Fiir das Vorhandensein solcher
Zusammenhange spricht neben anderen Griinden vor allem die
relative Konstanz des anziehenden Typus. Fast so konstant
wie die subjektive Sexualpsyche der gleichgeschlechtlich emp-
findenden Person ist das von ihnen bewuBt oder unbewuBt be-
gehrte Sexualziel, selbst wenn die Manner oder Fraucn, welche
Trager der erregenden Eigenschaft-en sind, in mannigfacher Hin-
sicht voneinander verschieden zu sein scheinen. Jedenfalls
ist das, was die Sinnesorgane der Liebenden erotisch lustbetont
als schon empfinden, in ihren Sexualzentren selbst a priori de-
fcerminiert, wobei allerdings zu beachten ist, daB der Gefiihls-
komplex, den ein Individuum in einem andern auslost, durcliaus
nicht immer ein wechselseitiger ist.
ITnter den Homosexuellen selbst herrscht liber die relative
Festigkeit des Geschmackstypus kein Zweifol ; in
ihren Unterhaltungen tiber Geflihlsgenossen spielt die Erortorung
dieses' Untcrscheidungsmerkmals eine ziemliche RoUe, beispiels-
weise wenn sie die Frage aufwcrfen, ob jemand jtingere oder
altere Personen liebe, etwa, um mich einer unter ihnen haufigen
Sprechweise zu bedienen, ,,mit oder ohne Bart**, oder wenn es
weibliche Homosexuelle sind, ob eine „Frauen oder Madchen**
vprzieht. In der Fachliteratur findet sich die Einteilung nach
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der Triebrichtung nicht so haufig. Planmafiig durchgefiihrt
findet sic sich in meinem „Wesen der Liebe**, woselbst ich die
Homosexuellen nach etwa 100 dort veroffentlichten detaillierten
Geschmacksschilderungen in drei Gruppen teile: die Ephebo-
p h i 1 e n , die es zu gesehlechtsreifen Jtinglingen von der Puber-
tat bis Anf ang der Zwanzig zieht ; die Androphilen, welche
Personen von diesem Alter ab bis in die Flinfzig lieben, und
die Gerontophilen, die von alteren Mannern bis zu solchen,
die sich bereits im Greisenalter befinden, gefesselt werden.
Kohleder und B 1 o c h i) haben diese Einteilung akzeptiert.
M o 1 1 ^) schreibt : „Wenn wir verschiedene Homosexuelle betrachten,
so ergibt sich, daB das Alter, das sie bevorzugen, durchaus verschieden
ist. Der eine liebt geschlechtsunreife Knaben, ein anderer rnehr junge
Leute, etwa im Alter von 15 — 18 Jahren, ein dritter nur voUkommen
geschlechtsreife, vollentwickelte Manner."
Dr. V. Romer beriicksichtigt in seinem koinplizierten Schema
der Geschlechtsdifferenzierungen, dessen Klarheit imter allzu groBer
Gewissenhaftigkeit leidet, ') ebenfalls das Alter des Objekts, nimmt
es aber nicht als etwas Absolutes, sondern stellt es dem Alter des
liobenden Subjekts gegeniiber. Danach unterscheidet er vier Oruppen:
I. diejeni^en, die Personen lieben, die jiinger sind als sie selbst,
Neotcrophile (abgeleitet von vewzegog der jiingere) ; TI. solche, die altere
lieben : rresbyterophile (abgeleitet von jigeofivregos alter), III. solche,
die gleich alte lieben: Helikophile (abgeleitet von tjXi^ der Alters-
genosse, und IV. solche, die kein bevorzugtes Alter kennen: Broto-
phile (abgeleitet von figotdg sterblich).
Zu der letzteren Gruppe ist zu bemerken, daB es in der Tat
homosexuelle Manner und Frauen gibt, deren Geschlechtsrichtung
innerbalb eines ausgedehnten Altersspielraums belegen ist; so kenne
ich mehrere Homosexuelle, die von einer gewissen, mannlichen Art
des Auftretens und der Bewegung so fasziniert werden, daB sie es
demgegeniiber gering veranschlagen, ob der Betreffende Anfang der
Zwanzig oder Ende der Vierzig ist. Es ist dies aber verhaltnismaBig
nur selten, viel haufiger findet man, daB der Altersspielraum enger
bemessen ist, als er unserer Einteilung in Ephebophile und Andro-
phile entspricht. So gibt es Homosexuelle, die fast nur von jungen
Menschen im Beginn der Reife, also vom 14. bis 16. Lebensjahre,
andere, die von 16—19 jahrigen, oder etwa von 19—25-, 30 — 40-, 40 — 60-
jahrigen angezogen werden. Es ist nicht moglich, alle diese Unter-
abteilungen bei einer systematischen Gruppeneinteilung zu beriick-
sichtigen. Fiir verfehlt halte ich den Gesichtspunkt von Romers,
das Alter des Liebenden mit dem der geliebten Person in Relationen
zu bringen, da, wie die Erfahrung zeigt, die anziehenden Alters-
stufen verhaltuismaBig konstant bleiben, wahrend das Alter des Lieben-
«) Iwan Bloch 1. c. p. 563.
*) Moll, Dr. med. Albert, die kontrare Sexualempfindung. 1899.
p. 33 f.
•) Wer soil beispielsweise trotz aller voraufgegangenen Erklarun-
en folgenden Satz verstehen: „Die Tragweite meser Unterscheidung
allt sofort auf, wenn man bedenkt, daB der heterophile Orchiphor,
der karterophil und presbyterophil ist, in der methebetischen Periode
doch eigentlich naher beim homoiophilen Orchiphoren, der presby-
terophil und karterophil ist, oder beim normalen heterophilen Metra-
phoren steht als beim ausgesprochen normalen heterophilen Orchi-
phoren.*' Jahrb. f. sex. Zwischenst. VI, pag. 348.
I
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den doch weiterriickt. Wer 20 jahrige liebt, tut dies mit 20 Jahren
meist genau so wie mit 70 Jahren; nach v. Romer wiirde man ihn mit
20 Jahren als helikophil (Gleichaltrige liebend), mit 18 Jahren als
presbyterophil (Altere liebend), mit 30 als neoterophil (Jiingere liebend)
bezeichnen miissen, wahrend wir ihn sowohl mit 18 als mit 80 ephebo-
phil nennen wiirden. Es kommt zwar vor, daB sich die Altersgrenzen
etwas verandern, Manner und Frauen in spateren Jahren etwas Altere
Oder Jiingere lieben, wie sie friiher taten, doch ist diese Geschmacks-
veranderung so geringfiigig und selten, daB sie vernachlassigt wer-
den kann.
Noch weiter in der Einteilung nach dem bevorzugten Alter wie
V. Romer geht B e m b o *), der die homosexuellen Manner einteilt
in diejenigen, die das gleiche Alter suchen — er nennt sie Gemelos
(Zwillinge) — und die, welche andere Altersstufen begehren. Diese
zerfallen in die Infantilistas, welche sich fiir Kinder im Sauglingsalter
entflammen, wovon er einen Fall kennt, ferner die Pederastas, die
sich fiir unreife Knaben von 13 — 14 Jahren interessieren, die Pedi-
cones, die Jiinglinge lieben, die Filodelfos, welche jxinge Manner von
20 bis ungefahr 30 Jahre lieben, die Virastas, welche Erwachsene von
30 bis 45 vorziehen, und die Senectas, deren Geschmack sich auf alte
Leute von 60 und mehr Jahren richtet.
Ganz ahnlich teilt er auch die von ihm als Saphistas bezeich-
net«n homosexuellen Frauen ein.
Nach unserer gegenwartigen Erfahrung mochte ich die
friihere Dreiteilung nach Altersstufen insofern modifizieren,
als es mir entsprechender erscheint, in dieser Hinsicht zwei
groBero Hauptgruppen und zwei kleinere Nebengruppen zu
unterscheiden. Die beiden Hauptgruppen, von denen
jede etwa 45o/o der gesamten Homosexuellen betragen diirfte,
sind die E p h e b o p h i I e n , die Personen vom Beginn bis zum
Abschlufl der Reife, also im Jtinglingsalter von etwa 14 — 21
Jahren, lieben, und die Androphilen, die zu Personen vom
Beginn des Mannesalters bis zum Beginn des Greisenalters
neigen. Es sei hier aber nochmals ausdriicklieh tetont, dafi sich
die Ephebophilie keineswegs nur bei virilen, die Androphilie
bei femininen Homosexuellen findet. Hierzu kommen dann noch
zwei Nebengruppen, die Padophilen und die G e r o n -
tophilen, von denen die einen — zweifellos die am ungliick-
lichsten veranlagten — zu noch nicht geschlechtsreifen Personen
inklinieren, wahrend die andern nur fiir Greise sexuelle Emp-
findungen versptiren. Die an 100 o/o fehlenden lO^/o aller
Uranier teilen sich, wie es scheint, in Hiese beiden Gruppen zu
etwa gleichen Teilen. Fiir die Frauen gilt dieselbe Einteilung,
zwei Hauptgruppen, die parthenophilen und gynako-
philen, und zwei Nebengruppen, die korophilen und
graophilen. [noQ'&hog Jungfrau, ywrj Frau, ^igrj Madchen,
ygavg Greisin.)
*) Prof. Max Bembo, La mala vida en Barcelona.
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Mit der Vorliebe ftir eine bestimmt^ Altersstufe ist die
Gcschraacksdifferenzierung naturlich keineswegs erschopft. Es
gibt ;innerhalb jedes Altersspielraiims eine Menge ,bestimmter
korperlicher und seelischer Eigenschaften, beispielsweise in b^zug
auf die Figur, die Farbe der Haare und Augen, auf Wesen, Cha-
rakter, Art sich zu bewegen, Bildung, Stand, die ftir die spon-
lane Anziehung von nicht zu unterschatzender Bedeutung sind.
Hier scheitert jede Einteilung an der Ftille der Falle, wenngleich
sich gewisse Gruppen, wie etwa die der nur zu Soldaten neigen-
den homosexuellen Manner oder die der homosexuellen Frauen,
deren Spezialitat weibliche Prostituierte sind, zienilich deut-
lich aus der Menee herausheben.
Aber auch hier gibt es inaerhalb jeder Gruppe immer noch sehr
atarke Dif ferenzierungen ; so finden wir unter den „Soldatenfreiern"
salche, die nur fiir die Mannschaften inklinieren, darunter wieder
welche, die fast ausschlieBlich auf Unteroffiziere, andere, die fast nur
auf. Offiziersburschen ,,fliegen" ; dann gibt es welche, die sich nur
mit Offizieren befassen. Daneben spielen die verschiedenen Truppen-
gattungen eine KoUe. Fiir viele existiert nur die Infanterie, fiir andere
dio Kavallerie, fiir dritte die Marine. Ich kannte einen Homosexuellen,
fiir den nur die „ersten Garde-Ulanen" von erotischer Bedeutung
waren, die ganze iibrige deutsche Armee schien fiir ihn nicht vor-
handen zu sein. Vor einiger Zeit hatte ioh einen Arzt zu begutachten,
der ausschlieBlich Kavallerie-Offiziere liebte. Da er mit ihnen ander-
weitig nicht in Konnex kommen konnte, hatte er sie dadurch auf sein
Zimmer zu locken verstanden, daC er mit ihnen Gcldg-eschafte entrierte.
In alien diesen Fallen spielt offenbar der F e t i s c h i s m u s eine be-
trachtliclie Rolle, von dem sich Anklange iibrigens auch bei alien an-
deren Homosexuellen meist unschwer nachweisen lassen.
DaC es sich hier tatsachlich um Fetischismus handelt, jgeht
daraus hervor, daB, wenn der Fetisch fehlt, an die Stelle der sexu-
ellen Attraktion oft vollige Indifferenz, wenn nicht gar Aversion,
tritt ; so erzahlen Soldatenfreunde, wie vollig ,,abgekiihlt" sie seien,
wenn ihre friiher geliebten Freunde sie als „Reservisteu" aufsuchen.
Diese wiederum, meist sehr erfreut iiber die schon langst ersehnte
Zivilkleidung, sind oft nicht wenig verwundert iibor das ganzlich ver-
anderte Benehmen ihrer Gonner. Ein junger Priester schreibt mir:
„rch bin vollstandig homosexuell. Der Typus, der mich anzieht, ist
der kraftige, schone Mann im Alter von 25 — 40 Jahren. Ob dieser
Typus nun blond oder schwarz ist, ist mir gleichgiiltig, nur muB er
sympathische Gesichtsziige und vor allem einen Schnurrbart — aber
ja keinen Vollbart — haben, bartlose Manner konnen mich auf. keinen
Fall reizen ; wie sehr die geschlechtliche Reizung von dem Schnurr-
bart abhangt, illustriere folgendes : Mcin Onkel, — ein hoherer katho-
lischer Geistlicher — bei dem ich mich studienbalber aufhielt, hatte
einen Kaplan, der jenen kraftit>en schonen Typus darstellte, den ich
Hebe, una welcher als katholischer Geistlicher keinen Bart tragen
durfte. Wir beiden verkehrten ganz freundschaftlich miteinander,
ohne daB ich meinerseits sexuell von ihm erregt wurde. Ich brachtc
nun eines Tages einen beim Friseur gekauften Schnurrbart mit heim
und bat ihn, er mochte ihn anlegen, was er auch tat. Sofort be-
machtigte sich meiner eine tiefe Erregung und ich hatte Miihe, ihn
nicht an mich zu reiBen und zu verkiissen."
Wie ungemein detailliert und spezialisiert die Geschmacksrich-
tung der Homosexuellen sein kann, mogen noch einige seltenere Falle
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belegen. Ich kannte Urninge, die sich erotisch ausschlieOlich fiir
Schutzleute interessierten, andere, die nur „Studenten mit Schmis-
sen*' liebten; einen Urning lernte ich kennen, dessen ausschlieB-
liche Leideuschaft Ilirten warcn. Nach diesen lugte er aus weiter
Feme aus. „Einmal,** so erzahlte er, „erblickte ich in der Gegend
von San Remo oben auf dem Berge einen Hirten inmitten seiner
Herde ; leider hatte ich meinen Feldstecher vergessen. Da mir seine
Gest^lt jugendlich erschien, machte ich mich zu ihrn auf den Weg,
68 war ein sehr beschwerlicher Weg durch ein tiefes Tal, wohl iiber
eine Stunde. Als ich oben angelangt war, sah ich, daB es ein ganz
alter Mann war. S o ist es mir menr als einmal ergangen."
Ein anderer wurde durch den am Nacken stark hervortretenden
siebenten Halswirbel machtig angezo^ren, andere durch Kahlkopfe ; von
zwei urnischen Briidern, die ich in Briissel kennen lernte, liebte der
einc nur „Chasseurs'\ der andere nur Chanffenre.
Ich kannte einen Urning, der prinzipiell nur mit Rheinlandern,
Westfalen und Pommern sexuell verkehrte, „ganz ausgeschlossen*' seien
fiir ihn Sacbsen, Hamburger und Elsasser; einer wurde nur durch Leute,
die kurze Shagpfeife rauchten, erregt. Verschiedene Urninge und Ur-
ninden teilten mit, daD s c h o n e Menschen sie kalt liefien, dagegen
fiihlteu sie sich angezogen durch Leute von grotesker HaBlichkeit.
Oberhaupt ist bei den homosexuellen Frauen diese Differenziertheit
des Geschmackes ebenso groi3. So konnte sich eine mir ])ekannte Ur-
ninde nur fiir verheiratete Frauen interessieren, eine andere nur fiir
Dienstmadchen, eine weitere wurde durch Pelze, eine andere durch groBe
OLrringe machtig angezogen, eine liebte „Frauen nicht unter 200
Pfund**.
Wenn Kriegsminister von Einem iiber die Homosexuellen sagtc:
„Ich babe aus Broschiiren' und wissenschaftlichen Schriften gelesen,
daB jene Manner, die mit dieser Leidenschaft behaftet sind, sich die-
jenigen Manner aussuchen, die ihnen die Verkorperung der Starke
und VoUkommenheit zu sein scheinen: z. B. sollen Lasttrager, Roll-
kutscher und Bierkutscher ganz besondere Objekte ihrer Lust sein",
so zeigte er sich nur sehr einseitig oriontiert.
Ein spekulativer Militarschneider in Berlin, der ein vielbesuchtes
Abate igequartier fiir Homosexuelle unterhielt, hatte in seinen Schranken
alle moglichen Uniformspiele hangen, mit denen er ganz nach Wunsch
Infanteristen in Ulanen, Land- in Seesoldaten umwandeln konnte. Auch
sonstige Requisiten, mit denen er fetischistischen Anspriichen geniigen
konnte, fehlten nicht; vom Apachenhalstuch bis zum Priesterkragen,
vom Sporenstiefel bis zum Lackhalbschuh „war alles da". Wenn
.1. A. Symonds*a), der viele interessante Beispiele fiir fetischistische
Liebhabereien beibringt, diese objektiv zu erklaren sucht durch
Strammheit, Sauberkeit, Erdgeruch usw., so trifft dies nur sehr bedingt
zu ; das Wesentliche liegt in rein subjektiven Gedankenassozia-
tionen, welche der einen Individualitat die engen Reithosen, der an-
deren die weiten Matrosenhosen begehrenswerter erscheinen lassen.
Die Verfolgung der Ursachen soloher individueller Absonderlichkeiten
bis an die Grenze des endogen Gegebenen geschieht am besten auf
psycboanalytischem Wege. Aus einer umfangreichen Statistik, in der
ich die Eigenschaften des Liebesobjektes mit der eigenen Person ver-
glich, ergab sich, daB etwa 55 o/o der Homosexuellen Eigenschaften
suchen, die sie selbst besitzen, ca. 45 o/o in ge ge n t e i 1 igen Eigen-
schaften die Erganzung ihres Tchs finden.
*a) Havelock Ellis und J. A. S v m o n d s , Das kontrare Ge-
gchlechtsgefiihl. (Leipzig 1896) p. 283 ff. '
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Bedeutsam sind noch folgende Unterscheidungen : zunachst
die, ob eine homosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann
ebenfalls nur homosexuell Empfindende lieben oder nnr Hetero-
sexuelle.
Es ist zweifellos, dafi, wahrend viele Homosexuelle eben-
falls urnisch Empfindenden bei weitem den Vorzug geben und
manchen es in ilirer Neigung keinen Unterschied macht, ob die
Betreffenden kontrar flihlen oder nicht, eine ganze Anzahl von
Urningen ausschlieUlich zu heterosexuellen Naturen neigen. Oft
sind ihnen die Glcich- oder Ahnlichfiihlenden direkt antipathiseh,
sie sind ihnen zu „weibisch** oder zu verwandt. „Wir sind zu
gleichartige Naturen, wir passen nicht flir die Liebe, wohl a'ber
fiir die Freundschaft** erwi.derte eine beruhmte urnische Schau-
spielerin einer KoUegin, welche ihr ihre Liebe erklarte. Wenn
For el meint: „Der Urning verliebt sich natiirlidh am
ehesten in einen normalen Mann, dessen ,Frau* er sein mochte**,
so trifft dies nur flir einen gewissen Frozen tsatz, sicherlich
nicht ftir die Mehrzahl der Urninge zu.
Ein dritter Teil scheint der Veranlagung der Partner iiber-
haupt keine Bedeutung beizulegen; es konnen diese so wohl durch
Homosexuelle als Heterosexuelle gereizt werden, wofern sie
nur im iibrigen einem bestimmten Typus entsprechen. Die
einen wtirde man nach dieser Klassifizierung Homoiophile
(Gleichliebende), die anderen als Alloiophile (Ungleich-
liebende), die dritten etwa als Amphiphile (nach beiden
Eichtungen Liebende) bezeichnen konnen^).
Ferner gibt es homosexuelle Leute, die nur Personen ihres
Standes lieben, wobei man die hoheren oder niederen Gesell"-
schaftsklassen unterscheiden kann, und solche, die sich nur zu
Niedergestellten odiBr ausadhliefilidh zu Hohergestellten hinge-
zogen fiihlen. Zur ersten Gruppe gehorte eines der heftigsten
Liebesverhaltnisse, das ich beobachten konnte, zwischen dem
Postillion und dem Schaffner eines Gepackwagens, ein anderes
zwischen dem Portier und dem Hausdiener eines Hotels, ferner
die vielen Verbal tnisse, die weibliohe Prostituierte mit ein-
ander haben; ein in ihrer Zeit viel genanntes Liebespaar
waren Anne Bonny und Mary Read, die beide als See-
rauberinnen in Westindien hausten. Die Beispiele der zweiten
Gruppe, in der Homosexuelle hoherer und hochster Stande,
beispielsweise Offiziere oder adelige Damen, sich nur unterein-
ander lieben, sind ebenso wie die dritte und vierte, in denen
5) V. R 6 m e r gebraucht diese Ausdriicke loco citato pag. 335
in etwas anderem Sinne.
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Leute aus dem Volke nur an prominenten Stellen Stehende und
umgekehrt sozial Hochgestellte nur „Volk** lieben, so haufig,
dalJ Mch die Anftihrung von Einzelbeispielen ertibrigt. Hier
schlieBt sich die Unterscheidung an, ob jemand geistig und
sozial unter ohm oder [iiber ihm Stehende liebt. v. Romer
spricht von Didaskalophilen (hergeleitet von diddaxaXog
Lehrer), die sich zu solchen hingezogen ftihlen, von denen sie
lernen konnen, und von Manthanophilen (von fiav&d-
vovteg Schtiler) als solchen, die zu Personen neigen, auf die
fide padagogisch wirken konnen.
Wir bertihren mit dieser Unterscheidung in Lernende und
Lehrende pchon ein Gebiet, in dem die Trennung nicht mehr
so sehr vom Gesidhtspunkt der eigentlichen Geschmacksquali-
tat erfolgt, als nach Mafigabe der Betsltigung, denn sicherlich
ist <las instinktive ^edtirfnis, ein geliebtes Wesen geistig zu
heben, eine Form seelischer Aktivitat, wahrend in dem Wunsche,
sich an einen starkeren anzulehnen, geistig von ihm zu emp-
fangen, eine gewisse seelische Rezeptivitat und Passivitat zum
Ausdruck kommt. Wir begegnen hier zwei Worten, die in der
Einteilung der Homosexuellen von jeher eine groBe und, sagen
wir «es gleich, eine ubergrofie RoUe gespielt haben, den friiher
fast allgemein und auch heute noch vielfach nicht nur von
Laien, sondem auch von Arzten und Juristen angewandten
unterscheidenden Ausdriicken : a k t i v und p a s s i v. Ursprting-
lich scheinen diese Bezeichnungen nur korperlich gemeint ge-
wesen zu sein, und auch jetzt werden sie vielfach so aufgefafit.
Es gab und gibt auch gegenwartig noch Volke r, die in der Be-
urteilung homosexueller Akte einen wesentlichen Unterschied zwischen
aktiven und passiven Betatigungsformen statuieren, nur die passiven
sind ihnen Gegenstand der Verachtung und des Spottes, wahrend die
Aktiven als etwas Gleicheiiltiges hingenommen werden. Diese Uber-
lieferung aus der Antike nat sich namentlich im ganzen Orient, aber
auch in vielen Gegenden Siideuropas und Siidamerikas bis auf den
heutigen Tag erhalten. Es scheint hier der nicht ganz unberechtigte
Gedanke mitzuwirken, daB diejenigen, die sich zu passiven Akten
hergeben, fast immer wirkliche Homosexuelle sind, wahrend die
aktiven Handlungen nicht selten auch von Bisexuellen oder von
Heterosexuellen als Surrogatakte vorgenommen werden.
Gegen die alte Einteilung der Homosexuellen in aktive und pas-
sive laCt sich mancherlei geltend machen. Wir wissen heute, daC
der Akt der Immission und Susception in anum, von der diese Ein-
teilung ihren Ausgang genommen hat, keineswegs die gewohnliche
homosexuelle Betatigungsform ist ; im Gegenteil, diese Verkehrsform
wird an Haufigkeit von anderen Betatigungsarten weit iibertroffen.
Wie will man aoer beispielsweise bei der verbreitetsten Verkehrsweise,
der mutuellen Masturbation, die Aktiven und Passiven unterscheiden?
Gewohnlich wird derjenige, der den andem beriihrt, als der Aktive
angesehen. Denken wir uns aber die Ilohlhand als Substitut der
Vagina, eine Vorstellung, die ich gelegentlich von Staatsanwalten
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286-
in ihren Plaidoyers habe aussprecliea horen, so erscheint in der Tat
derjenige. der sich der Hand ae3 anderen zur •Erzielung seines Orgas-
mus bedient, als der Aktivere ; nicht anders ist es im oralen Verkehr.
Hier wird meist derjenige, qui membrum alterius in os suum suscipit,
als passiver Teil erachtet, in Wirklichkeit ist er aber vielfach der
Aktivere gegeniiber demjenigen, der, oft vollkommen passiv daliegend,
den Akt an sich vornehmen lafit. Es ist deshalb auch sprachlich voll-
kommen richtig, wenn in Gerichtsverhandlungen dem Angeklagten zur
Last gelegt wird, er habe als Tater membrum in os „genommen", nicht
etwa empfangen. Selbst bei dem analen Verkehr kann der Immit-
tierende passiv sein ; beispielsweise wenn, wie ich ebenfalls vor Gc-
richt wiederholt habe nachweisen lioren, der eine Angeklagte sich
nackt auf den nackten SchoB des anderen setzte, und beide so ahn-
lich ihro Position vertauschten, wie im heterosexuellen Verkehr das
Weib als aktiver Incubus mit dem Manne als passivem Succubus.
Streng genoramen ist liberhaupt jeder sexuelle Verkehr
ein mutueller, kein ausschlieJJlich aktiver und passiver; die
Partner verkehren eben „miteinander*', wenngleicli zugegeben
werden kann, daU vielfach bei dem einen die Aktivitat, bei dem
andern die Passivitat vorherrscht; meist findet sich aber bei
beiden beides, und diese Einteilung ist deshalb nur in einem
verhaltnismaBig geri'ngen Bruchteil der Falle durchftihrbar.
In hoherem MaBe gilt dies noch flir die seelische Aktivitat und
Passivitat. Ebenso wie sich in jedes Menschen Wesenheit un-
trennbar der virile und feminine Anteil mischt, sind auch
in seinem Tun stets die aktive und passive Komponente ver-
bunden, wennschon verschieden stark. Urninge, deren Neigung
es ist, im Sexual verkehr sehr hingebend zu sein, sind oft in
der Ankniipkfung von Liebesbeziehungen nichts weniger als
passiv, im Gegenteil recht aggressiv.
Hinsichtlich der eigentlichen Sexualakte besteht zwischen
den mannlichen und weiblichen Homosexuellen eine voUkommene
Analogic. Bei beiden konnen vier Hauptformen unterschieden
werden : die manuelle, orale, femorale und a n a 1 e Be-
tatigung, welch letzterer beim Weibe die membrale entspricJiL
I. Die manuelle Verkehrsform wird vielfach auch als mutuelle
Ojianie bezeichnet. Dieser Ausdruck ist aber nicht zutreffend, da
die Onanie meist nur ein Surrogat sonst nicht vorhandener sexu-
eller Befriedigung darstellt, wahreud die mutuelle Onanie gewohnlich
nicht faute de mieux, sondein als die bevorzugle und vollkommen ge-
niigende Befriedigungsform vorgenommen wird. Es fehlt hier ein
der fellatio, cunnilinctio oder pedicatio entsprecheudes Wort, als
welches ich die Bildung digitatio vorschlagen wiirdc. Das Wesent-
liche dieses Aktes besteht in der Vereinigung von Hand imd Geni-
talien, in Betastungeii, Beriihrungou, UmschlieBungen und schlieBlich
Friktionen des mannlichen oder weiblichen Geschlechtsteils. Wie
beim Manne das Membrum, so ist bei der Frau Klitoris und Vulva^
sel toner die Vaginalschleinihaut Zielpunkt der Hand. Die immissio
digiti in vaginam more membri ist den homosexuellen Frauen viel-
fach unsympathisch.
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287
In einer groBen Zahl der Falle sind diese Akte n i c h t mutuell,
sonderii der eine Teil wiinscht nur den andern usque ad ejaculationem
adducere oder von ihm usque ad ejaculationem adduci. Einige legen
auf die libido, erectio und ejaculatio des andern keinen Wert, wahrend
andere, ohne sich beriihren zu lassen, nur diese erstreben. Ich kannte
in London einen homosexuellen Backer mit dem Beinamen „the Queen",
der, wenij er ausging, an einem Abend in Whitechapel oft zehn mann-
liche Personen ad ejaculationem onanislerte, ohne sich anfassen zu
lassen : er selbst befriedigte sich schlieBlich durch Autoonanie. Im
Gegensatz hierzu fiihre ich den Fall eines ca. 24 jahrigen jungen
Kaufmanns an, der mich mit seinem Vater konsultierte. Er hatte
den sehnlichsten Wunsch, von einem Manne an den Genitalien be-
iiihrt zu werden, hielt sich zu diesem Zwecke oft lange auf Bediirfnis-
anslalteu auf, wiirde es aber nie iiber sich gewonnen haben, seiner-
seits einen Partner anzugreifen. Nicht selten findet eine Anfeuch-
tung manus vel membri rnit sputmn statt, dagegen diirfte es nur ver-
einzelt sein, dafi, wie Moll angibt, manus masturbantis vaseline
vel oleo linitur (event, in Badeanstalten sapone). Unter homosexu-
ellen Frauen spielt bisweilen die eine mit einer Hand an den Scham-
teilen der Partnerin, wahrend sie die andere Hand benutzt, um sich'
selbst zu befriedigen. Nach den von mir in der forensischen
und konsultativen Praxis gesammelten Erfahrungen
diirfte die Digitatio in etwa iOojo der Falle die von
homosexuellen Mannern und Frauen ausschlieBlich
geiibteVerkehrsformsein. ;
II. Ebenfalls inetv^a 40o/o der Falle findet im mann-
lirhen und weibli.chen Homoscxualverkehr die ja auch
im heterosexuellen weit vorbreitete Vereinigung der f einen Tastkorper-
chen der Mucosa 1 a b i a 1 i s und 11 n g u a 1 i s mit denen der Genital-
organe statt. Auch hier ist der Verkehr entweder mutuell, fiir dessen
Bezeichnung eigentiimlicherweise in vielen Sprachen eine Doppelzahl
(69) ihren Namen hergegeben hat, offenbar, weil deren Ziffern ahn-
lich zueinander gestellt sind wie die Loiber der sich oral-genital
wechselseitig betatigenden Partner oder Partnerinnen ; oder aber die
Verkehrsart, und zwar scheint mir dies haufiger zu sein, ist eine ein-
seitige, dergestalt, dafi der eine Teil nur lambit, der nndere nur
lambitur.
Was die Ausfiihrung des Aktes betrifft, so folgen wir der Dar-
stellung Rohleders, der hinsichtlich der Manner folgende Be-
schreibung gibt:^) „glans penis in os immittitur et altera pars extra
OS manet. Fellator hoc modo glandem lingua tangit atque lambendo
illam et libidinem propriam.et alterius libidinem excitat, saepe usque
ad ejaculationem spermatis cum orgasmo. Pars penis, qui extra os
nianet, nonnumquam eodem tempore manibus fellatoris tergitur i. e.
masturbatio mutua huius partis. Rarus est ille modus, quo totum
membrum vel partem majorem penis in os alterius immittitur, prop-
terea, quod longitude penis erigati pressiones faucium producat. Plu-
rimum quidem eo momento, quo ejaculatio incipit, penis ex ore
extralii solet, aliquando autem perversio in tantum gradum pervenit,
ut fellator etiam semen ejaculatum alterius in os proprium suscipiat
et — horribile dictu — magna cum voluptate consumet. Intordum
etiam fellator semen ejaculatum exspuit."
Die spiiter in dem Kapitel iiber Sapphismus und Lesbismus ge-
gebene Scnilderung zeigt die groBe Uberuiustimmung zwischen dem
mannlichen und weibliclien Lambitus:^) „Tota actio, Sappliismus sen
Lesbismus nominata, eo modo peragitur, ut una feraina faciem suam
^) Rohleder, Vorlesungen Bd. 2, p. 279.
•) Ibidem Bd. 2, p. 474.
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288
inter femora alterius locans labiis et lingua labia majora et minora
vulvae lambat, interdum etiam eo mode, ut aut linguam in vaginam
immittens lambat aut lingua clitoridem solam sugat usque ad ejacu-
lationem muci perpauci. Nonnumquam etiam cunnilingua clitoridem
sugendo mucum apparendum non exspuit, sed devorat, interdum etiam
san^is menstrualis summa cum voluptate Iambi tur." Die femina
lambens wird in der Fachliteratur cunnilinga genannt; der am Weibe
vorgenommene Akt heiBt cunnilinctio, gleichviel ob er vom Manne
Oder einer Frau ausgeiibt wird. Die femina lambens ist im homo-
sexuellen Frauenverkenr meist die virilere, die femininere Homosexuelle
ist oft nur bereit, den Akt an sich vollziehen zu lassen, iibt. ihn
aber selbst nicht aus. Im mannlichen Homosexualverkehr, In dcm dj«»
immissio penis in os auch „immiatio", die susceptio „fellatio*' iro-
nannt wird, sind diese Grenzen weniger scharf.
III. Im Verhaltnis zum mutuellen und oralen Verkehr ist der
femorale bei homosexuellen Mannern und Frauen wesentlich
seUener, was um so bemerkenswerter ist, als diese Form, in welcher
der aktive Teil nach Art des Mannes incubus, der passive nach Art der
Fran succubus ist, noch am ehesten als eine imitatio coitus normalis
angeseheii werden konnte. Beim Manne findet dabei eine appressio
membri ad partem aliquam corporis alterius statt. Oft dringt dabei
der Geschlecntsteil des einen Partners in die von den Schenkeln unter-
halb des Scrotums gebildete Vertiefung (inter femera), in die er dann,
gleichwie in die weibliche Scheide, ejakuliert. Bei der Frau findet
in vollig analo^er Weise eine appressio Vulvae ad vulvam aut alteram
partem corporis feminae oder auch der Versuch einer immissio cli-
toridis in vaginam statt. Die Angabe, daC im . homosexuellen Frauen-
verkehr Weiber mit groBer Clitoris bevorzugt werden, die dann gleich-
sam die Stelle des penis vertritt, findet in den Tatsachen keine Be-
statigung. Das schon im Altertum gebrauchliche Wort Tribadie bezog
sich urspriinglich nur auf den tritus mutuus genitalium, fiir dessen
maunliches Pendant ein besonderer Ausdruck nicht existiert.
Der femorale Verkehr wurde unter 100 von mir beobachteten
Fallen mannlicher und weiblicher Homosexualitat in zirka 12 zur
Herbeifiihrung des Orgasmus ausschliefilich geiibt oder sehr stark
.bevorzugt.
IV. VerhaltnismaBig am seltensten, namlich etwa nur in
den noch restierenden 8 o/o der Falle, findet bei mannlichen
Homosexuellen die Einfiihrung des Gliedes in anum, die soge-
nannte Pedikation, bsi homosexuellen Frauen die analoge Ein-
flUhrung eines klinstlichen, meist umgeschnallten Phallus in
die Vagina statt. Das Gemeinsame beider Akte ist die Be-
vorzugung eines fremdartigen, dem mannlichen membrum und
der weiblichen vagina in ihrer Beschaffenheit moglichst nahe-
komuxenden Organs, wobei es psychologisch von nur unterge-
ordneter Bedeutung ist, dafi dieses im Fall des Mannes ein dem,
Korper selbst zugehoriges schlauchformiges Gebilde, namlich
das rectum ist.
Ein Gewahrsmann Molls*) berichtet, dafi unter 966 Mannern,
mit denen sein Freund in sexuellen Beziehungen gestanden habe, nur
57, also 5,9o/o, immissionem in anum ausgeiibt hatten.
*) Moll, Contrare Sexualempf indung a. a. O. p. 238.
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289
Biese Akte wiirden vermutlich noch seltener sein, wenn nicht die
griechischen Komodienschreiber und romischen Satiriker den Mythus
aufgebracht batten, sie seien die Verkehrsform gleichgeschlechtlicb
Empfindender xat' i^oxrjv. Vielfach werden diese Akte nur probeweise
versucht, infolge tecbnischer Schwierigkeiten, beim Manne infolge
Widerstandes der engen, bei auBerer Beriihrung dazu noch oft sich
reflektorisch kontrahierenden Sphinkteren sehr bald wieder aufge-
geben. Es ist andererseits begreiflich, dafi gerade die krassen homo-
sexuellen Praktiken, die sich von den auch im heterosexuellen Verkehr
geiibten Akten der digitatio, fellatio, cunnilinctio und appressio am
markantesten abhoben, den Spott der Humoristen herausforderten. So
gehorte ein ubematiirlich groBer lederner Phallus, den man Olisbos
nannte, zu den Requisiten jeder antiken Biihne, und sein durch Vasen-
bilder vielfach bezeugter Gebrauch verfehlte in den grotesken Komodien
nie seine unbandige Heiterkeit hervorrufende Wirkung. In Aristo-
phanes' Lysistrata (Vers 108 — 110) klagen die Frauen, daB die
Milesierinnen sie im Stick gelassen batten und ihnen nun nicht ein-
mal als Notbehelf ein lederner Phallus von acht ZoU Lange zu Gebote
stande. Wie den Lesbierinnen der orale wurde den Milesierinnen nam-
lich von antiken Schriftstellern mit Vorliebe der instrumentelle Ver-
kehr nachgesagt. Bei Herondas im VI. Dialog unterhalten sich
zwei Freundinnen ganz ungeniert uber die besten Bezugsquellen dieser
Artikel mit Angabe samtlicher Details. Nach den Angaben von S t o 1 1
(Das Geschlechtsleben in der Volkerpsychologie, Leipzig 1908), und
vielen anderen*) findet man den Gebrauch von Phallen, Godmich6s,
Bijoux, Consolateurs, Bienfaiteurs, Selbstbefriedigern, Trostern, Samt-
hansen oder wie sie sonst heifien mogen, bei fast alien Volkern. „In
At jeh auf Sumatra werden Phalli aus Wachs bereitet. S t o 1 1 meint,
der Larrio oder „Gebarvater" der Tagalen, ein groOes, zangenformiges
Instrument, das zu geburtshilflichen Zwecken dient, sei arspriinglich
auch ein „01isbos" gewesen." Friedrich S. Krauss hat in: Das
Geschlechtsleben in Glauben, Sitte und Brauch der Japaner, (Leipzig
1907), einc Anzahl japanischer Olisben teils Gebrauchsgegenstaiide,
tcils Votivgaben, aus Papiermach^, Bronze, rotem Siegelwachs, Horn
und anderm Material abgebildet.
Von den eingeborenen Frauen Sansibars berichtet Oskar Bau-
m a n n in der Zeitschrift fiir Ethnologic 1899 u. a. folgendes : „Die aus-
gefuhrten Akte sind: Kulambana = einander lecken, kusagana = die
Geschlechtsteile aneinanderreiben, und kujita mbo ya mpingo == sich
deu Ebenholzpenis beibringen." Manchmal soil dieses Gerat bei ihnen
aus Elfenbein gefertigt sein.
In Deutschland habe ich mehrfach bei homosexuellen Frauen
einen aus sehr einfachem und billigem Material hergestellten Olisbos
angetroffen. Er besteht aus einem etwa fingerdicken Holzstab als
Kern, der in ziemlich viel Watte eingehiillt ist. Darum wird eine
Leinen-, Mull- oder Cambricbinde kunstgerecht gewickelt und das
Ganze mit einem Condom iiberzogen. Der aktive Teil pflegt dieses
Instrimient beim Gebrauch an einer Menstrualbinde zu befestigen.
Eine Uminde schreibt: „Es ist merkwiirdig, ich fiihle meine weib-
lichen Geschlechtsteile nicht mehr als solche, sondern als ^ann-
liche. Meine Illusion hat sich so weit darin entwickelt, daO ich mir
kiinstlich einen solchen Geschlechtsteil machte und ihn stets trage.
Und noch merkwiirdiger — ich empfinde damit Lustgefiihle und diese
Tauschung wird von der Person, mit der ich geschlechtlich ver-
9) Antonii Panormitae Hermaphroditus. Cbersetzt von C.
Fr. F o r b e r g. Herausgegeben von Dr. Wolf-Untereichen. Mit
einem sexualwissenschaftlichen Kommentar von Dr. Alfred Kind.
Leipzig, 1908, p. 322.
Hirschfeld, Homosexualitat. 19
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290
kehre, nicht einmal bemerkt. Naturlioh lasse ich die Geschlechtateile
bedeckt. Ich fragte sie einmal, was sie sagen wiirde, wenn ich nur bloB
ein Weib sei. Da meinte sie, dann wiirde sie mich denaoch lieben,
aber ich soUe ihr so etwas nicht weiB machen, ich sei ein Mann
und sie woUte nichts anderes wissen."
Dem instrumentalen Homosexualverkehr des Weibes und dem
analen des Mannes ist gemeinsam, daU hier scharfer als sonst der
aktive immittierende Tei^ gleichviel ob unter Frauen oder Mannern,
dem passiven, rezeptiven gegeniibersteht, der bei beiden Greschlechtern
der femininere zu sein pflegt. Es sei hier noch eine Beschreibunc
des Pedikationsaktes selbst gegeben, der nach Rohleders Angabe lo)
so ausgeiibt wird, daB pars passiva in ventre Cubans, nates refiectet.
Interdum pars activa, quae paedicator appellatur, genua flexans eo
incubat et penem in anum immittit. Eodem tempore paedicator penem
alterius in manum suum immittit, ut manustupret. Saepe eo
modo actus peragitur, ut pars passiva penem stupratoris in
auum pioprium (suum) immittit. Saepe membrum oleo perunguent,
ne faeces peni adhaereant. Interdum ante actum pauluhim olei oli-
varum cum siphunculo, quod therapiae gonorrhoeae habebat, in anum
injicitur, ut penis melius importetur. Auch wird angegeben, inter-
dum penem condomatum immitti, ne faeces alterius membro adhaereant.
Regula est ejaculatio eius qui penem immittit, interdum etiam eius
qui stupratur, saepe eodem tempore pars passiva se manustuprat
usque ad orgasmum cum ejaculatione.
Im allgemeinen ist es die Kegel, daB der aktive Partner, der in
anum oder cum membro artificiali verkehrt, sich nicht auch seinerseits
zum passiven Teil dieser Positionen hingibt und umgekehrt, daB der
passive sich nicht mit dem Phallus umgiirtet oder selbst immissio in
anum aktiv vollzieht. Immerhin kenne ich Falle, in denen homo-
sexuelle Manner, welche dazu neigten, feminine Manner zu pedizieren,
gelegentlich auch ihrerseits dem Drange, sei es dem eigenen, sei es
dem eines anderen, sich pedizieren zu lassen, nachgaben, und zwar
dann mit Vorliebe von normalsexuellen Mannern.
Wiederholt berichteten mir Pygisten, daB sie beim Orgasmus des
Partners die Empfindung batten, als ob sich auch bei ihnen innerhalb
lies Rectums unter starkem WoUustschauder ein Sekret absonderte.
Solches woUen sie auch, ohne daB ein wirklicher Analverkehr statt-
fand, im Traum wahrgenommen haben.
Die relative Seltenheit des analen Verkehrs erklart sich nicht
aus den gesetzlichen Beschrankungen, auch nicht aus Gedankenhem-
mungen, die in den Akt etwas besonders Unasthetisches hineinlegen,
sondern dadurch, daB das instinktive Bediirfnis gerade diese Ver-
einigung zu vollziehen und dementsprechend die Befriedigung fehlt.
Nicht selten stehen der Ausfiihrung im passiven Verkehre auch
mechanische Hindernisse, Engigkeit oder Reizbarkeit der Sphink-
teren und infolgedessen Schmerzhaftigkeit entgegen.
DaB der Hang zum passiven Pygismus beim homosexuellen Manne
starker ist als bei der homosexuellen Frau, erklart sich zwanglos aus
dem Mangel einer Vagina, die sich manche passive Homosexnelle am
liebsten operativ herstellen lassen wiirden, wie es von Heliogabal
und Sporus, dem Liebling Ner6s, die Geschichte iiberliefert ;
ebenso wie stark virile homosexuelle Frauen ernsthaft an Arzte mit der
Frage herangetreten sind, ob ihnen nicht auf chirurgischem Wege ein
kiinstljches Membrum, etwa aus der Bauchhaut oder aus Paraffin,
geDildet werden konne.
Der Fall der ungliickseligen, von Kreisphysikus Frankel in
Dessau unter dem Titel „Homo mollis" beschriebenen „Stickerin"
*o) Rohleder, Vorlesungen, II. Band, p. 290.
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29a
SuBkind Blank"^ ist nicht der einzige, der die Effeminiertheit
so weit trieb, daB mit ihm verkehrende Arbeiter glaubten, ein Weib
vor sicli zu haben. Ich gebe aus dem in mehr als einer Hinsicht be-
achtenswerten Originaiartikel einige Hauptstellen wieder: „SiiBkind
jBlank brachte es bald zu einer so betrachtlichen Kiinstfertigkeit in
alien weiblichen Arbeiten, daB er durch seine Stickereien einen groBen
Ruf und eine ^ewisse Wohlhabenheit erlangte. Infolge der Beschaf-
tigung mit weiblichen Arbeiten ergab er sich weibischer Eitelkeit,
zerstorto sorgfaltig seinen Bart, legbe sein Haar in Locken, stopfte
sicJi Busen und Hiiften aus, und benutzte jede Gelegenheit, sich als
Frauenzimmer zu maskieren. Was anfangs nur lappische Affektion
sein mochte, wurde allmahlich zur anderen Natur, der Ton seiner
Stimme, von Natur tief, wurde fein und kreischend *und der Gang
trippelnd. Blank kam um die obrigkeitliche Erlaubnis ein, sich weib-
lich kleiden und nennen zu diirfen, und obwohl abschlagig beschieden,
zeigte er doch unter dem Namen „Friederike Blank" eines Tages seine
Verlobung mit einem fremden Handwerker an Um diese Zeit
bekam ich einen ITjahrigen Schneiderlehrling, der an einem heftig
eutziindlichen Tripper litt, in Behandlung, und erfuhr, daB derselbe die
Krankheit durch einen Beischlaf mit Blank sich zugezogen habe,
welcher letztere mit einer voUstandig weiblichen Scheide versehen
waie. Die gerichtliche Besichtigung ergab, daB es lediglich Blanks
After wai", der bisher fiir eine weibliche Scheide gogolten hatte. Der-
selbe war dermaBen erweitert, daB ich bequem mit zwei Fingern ein-
fehen konnte. Der Sphinkter war zerrissen, Fetzen desselben, sowie
aj-tieen der hypertrophischen Schleimhaut, hingen zur Miindung heraus.
.... Im August 1847 wurde er zwischen 10 und 11 Uhr abends in
einem Bastionshofe der Festung Tor^au festgenommen, wie er in
Frauenkleidern nach den dort befindhchen Kasematten zueilte. Es
wurde ermittelt, daB Blank, um beim Ausiiben des Aktes als Frauen-
zinmier zu gelten, sich auf den Rvicken zu legen, den SteiB nach vorn
zu drangen, mit der einen Hand Skrotum und Penis zu bedecken und
in die Hohe zu Ziehen, und mit der anderen Hand den Penis des Stu-
prators in seinen After zu leiten pflegte. Im Sommer 1852 besuchten
die Lehrlinge B. und K., 16 bis 17 Jahre alt, ein Volksfest; Blank
schloB sich an sie an, gab ihnen freie Zeche und begleitete sie auf
dem Ruckwege, wo er einen angeblich naheren Weg durch ein Gebiisch
einschlug. Hier frug er sie, ob sie noch niemals mit einem Frauen-
zinmier zu tun gehabt hatten. Auf die verneinende Antwort fuhr er
fort zu auBern, es sei eine sehr schone Empfindung, er kenne die-
selbe jedoch nur von anderen, da er selbst kein Mann, sondern ein
Frauenzimmer sei, und weibliche Kleider nur deshalb nicht trage, well
sie ihn beim Gardinenaufstecken hinderen. Hiernach erbot er sich
den Knaben seine weiblichen Geschlechtsteile zu zeigen, f order te sie
auf, sich mit ihm niederzusetzen, zog das eine Bein seiner Hose
ganzlich aus, legte sich auf den Riicken, zog den Lehrling B. zu sich
heran und verfuhr in oben geschilderter Weise."
Es kommt iibrigens auch vor, wenngleich wohl sehr selten, daB
Frauen sich von anderen Frauen cum phallo pedizieren lassen, ja
sogar, daB Manner sich von Frauen in dieser Weise gebrauchen lassen.
Vor einiger Zeit richtete eine Dame der besseren Gesellschaft nn
mich die Anfrage, ob dieser von ihrem Gemahl geforderte Akt — der
natiirlich weni^er in das Gebiet der Homosexualitat als in das des
Masochismus fallt — vom Gesetz verboten, also strafbar sei, was
zu verneinen war, ferner ob er als Ehescheidungsgrund gelten konne,
was als wahrscheinlich bejaht werden muBte.
11) Medizinische Zeitung, 22. Jahrg. 1853, pag. 102. Dr. F r a n k e 1,
Homo mollis.
19*
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292
Es ist hierbei zu beriicksichtieen, daB bei den meisten Mannern
und Frauen, und zwar nicht nur bei Homosexuellen, der Anus eine
fast ebenso starke erogene Zone darstellt, wie Mund und Hand,
vielfach sogar diese an erogener Reizbarkeit noch iibertrifft. Daher
gehoreu auch Vereinigungen der digitalen, labialen und lingualen
Nervenendigungen mit den analen Terminalkorperchen keineswegs zu
den Raritaten, sei es in Form der immissio digiti in anum viri aut
mulieris, die sich dann haufig mit dem tactus genitalis manus alte-
rius kombiniert, sei es als anilinctio des Mannes am Manne, des
Weibes am Weibe (wie iibrigens auch des Weibes am Manne und des
Mannes am Weibe). Alter alterius anum lingens altera manu femur
ejus amplectitur et genitalia eius fricat, altera anum fricat.
Es gehort zu den vielen forensischen Seltsamkeiten, daB die
anilinctio ebenso wie die cunnilinctio im Gegensatz zu der penilinctio
nicht strafbar ist. Die homosexuellen Manner und Frauen empfinden
sie aber selbst als obszoner als die anderen Akte und schamen sich.
daher sehr, sie zuzugestehen. Ein fast tragikomisch zu nennender Fall,
aer das eben Gesagte gut illustriert, trug sich vor einigen Jahren in
einer rheinischen GroBstadt zu. Dort wurde ein homosexueller Kauf-
mann infolgc von Briefen, die seine Wirtschafterin gelesen und der
Polizei iibergeben hatte, in ein scharfes Verhor genommen. SchlieB-
lich gab er auf eindringliche Vorstellungen zu, menrbrum alterius in
OS genommen zu haben. Als dann gegen ihn Aiiklage erhoben werden
sollte, kam er zu mir. Im Laufe der Unterredung gestand er, daB er
„eigentlich noch etwas viel Schlimmeres" getan hatte, als er zuge-
standen, er hatte den lambitus namlich nicht am penis, sondem am
anus des andern vollzogen und ihn dabei masturbiert. Er war nicht
wenig erstaunt, als ich ihm sagte: „Das ist ja straffrei". Als er dann
dem Gericht mitteilte, daB er den strafbaren Akt angegeben hatte,
weil er sich geschamt hatte, den straflosen zuzugeben, wollte man
ihm anfangs nicht Glauben schenken, stellte dann aber auf ein aus-
fiihrlich begrundetes Gutachten das Verfahren dennoch ein.
Schwierig sind fiir den Richter auch oft die fiir ihn nach be-
stehendem Recht so wichtigen Feststellungen, ob der penilingus auch
tatsachlich die verbotene fellatio war una nicht etwa, wie von dem
Verteidiger nicht selten geltend gemacht, jener erlaubte Akt, den
Rohleder als homosexuellen Cunnilingus bezeichnet. Ich erinnere
mich eines Falles, in dem ein Gerichtsvorsitzender, um sich endlich
Klarheit zu verschaffen, bei dieser oft so iiberaus schwierigen Fest-
stellung seinen eigenen Daumen erst seitlich, dann von vorne mit
dem Munde beriihrte und die Angeklagten ersuchte, nun an ihrem
Daumen genau zu demonstrieren, ob der Akt so oder so vorgenommen
worden sei.
Mogen diese Unterscheidungsmerkmale kriminalistisch wich-
tig sein, fiir die biologische und psychologische Differenzierung
und Bewertung der Homosexuellen ist es von gan^z unter-
geordneter Bedeutung, ob die korperliche Entspannung auf die
eine oder andere Art erfolgte.
Da« praparatorische Stadium, das im Gegensatz zum inadaquaten
im adaquaten Verkehr moglichst zu verlangern gesucht wird, vollzieht
sich bei alien diesen verschiedenen Betatigungs-
f o r m e n homosexueller Manner und Frauen in gleicher Weise. Ge-
nau wie im heterosexuellen Verkehr spielt unter den Aktpraliminarien
der K u B in alien seinen Modifikationen (LippenkuB, ZungenkuB,
„LutschkuB", BiBkuB) und Pradilectionsstellen (Mund, Wange, Haare,
Nacken usw. usw.) die groBte RoUe.
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Zwischen den vier Hauptkategorien der Betatigungsarten kommen
auch Mischformen vor, indem sich etwa eine Homosexuelle, die im
allgemeinen nur den tritus mutuus genitalium ausiibt, gelegentlich
auoh eines membrum artificiale bedient, oder indem ein liomosexu-
eller Mann bald imimatio, bald pedicatio vomimmt.
Im allgemeinen aber herrscht hinsichtlidb. der Vorliebe
flir einen bestimmten Akt eine sehr weitgehende Stereotypie
vor, die sich oft sogar auf ganz detaiJIierto Begleitum'stande
erstreckt. So beichtete mir eine homosexuelle Dame, daB eine
conditio eine qua non zur Befriedigung ftir sie an ihr vorge-
nommene Beizungen der Mammillen durch eine anziehende Per-
son eeien; ein homosexueller Mann, daB es „unbedingt n5tig**
sei, daB bei mutueller Digitatio der Schuh seines Partners
aul seinem FuBrucken steht 1st die Stereotypie der Verkehrs-
weise auch nur ausnahmsweise eine so hochgradige, so hat
es doch eine gewisse Berechtigung, wenn Homosexuelle, die
angeschuldigt sind, immissio in os oder anum vorgenommen
zu haben, sich spontan erbieten, Zeugen beizubringen, die
unter Eid bekunden wtlrden, daB sie sich „immer nur" durch
mutuelle Digitation befriedigt hatten.
Allerdings ist zu berticksichtigen, dafl namentlich zwei
Umstande Ausnahmen von der Kegel bewirken; einmal kommt
es vor, daB homosexuelle M&nner und Frauen eine ihnen bisher
unbekannte Art, wie sie wohl sagen, ,,der Wissienschaft halber**
ausprobieren, um allerdings dann meist wieder rasch zu ihrer
FaQon zurQckzukehren. Ferner aber, und das ist haufiger, ent-
fifeheidet nicht der eigene Wunsch, sondern der des Partners
die Verkehrsform. So lassen sich vielfach Homosexuelle im
Auslande pedizieren, die eigentlich gar keine* Neigung dazu
haben, nur well der normalsexuelle Eingeborene, mit dem sie
sich eingelassen haben, oft unter entschiedener Ablehnung
anderer Handlungen, darauf besteht. Wir werden spater mit-
tieilen, daB Homosexuelle gerade infolge dieses Vorkommens
nicht selten Geschlechtskrankheiten mitbringen. Auch Chan-
teure legen oft in raffinierter Weise Wert darauf, daB der
homosexuelle Partner strafbare Handlungen, wie aktive Pedika-
tion, mit ihnen vornimmt, trotzdem dieser sie gar nicht be-
gehrt, weil sie glauben, ihn dann sicherer in ihrer Gewalt
zu haben.
Ein moralisches Werturteil, welche homosexuelle Betati-
gungsform „sittlich h5her pteht** als eine andere, wie es sich
bei B. Friedlaender, Rohleder und anderen Autoren
findet, halte ich ftir unangebracht. Ich habe wiederholt vor
Gericht auseinanderzusetzen mich bemliht, daB vom Stand-
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294
punkt des Arztes zwischen dem „coitus in anum oder maniiin'*
der Unterschied nur ein sehr geringer sei. Welche Hand-
lung der einzelne Homosexuelle vornimmt, hangt
groBtenteils von dem Grad und der Art seiner
erogenenReizfcarkeitab. Je leichter jemand auf homo-
sexuelle Seize reagiert, je homosexueller er also sozusagen ist,
um 60 leichtere Bertihrungen genligen oft zur zeitweisen Ent-
spannung.
lu Wiesbaden befand sich ein Urning, der zur volligen sexuellen
Befriedigung kam, wenn er nachts Arm in Arm mit einem Bnrschen
aus dem volke durch den Wald streifte. Nach einstiindigem Ge-
sprache, in dem ihm dieser von seinen Lebensschicksalen erzahlte,
kam es gewohnlich ohne jede weitere Beriihrung zur Ejakulation. Ich
behandelte einen Studenten, der seit vier Jahren ein festes Ver-
haltnis mit einem anderen Studenten hat. Letzterer kennt den Zu-
stand seines Freundes, doch gewinnt dieser es nicht uber sich, trotz-
dem sio zusammenwohnen, eine sexuelle Handlung vorzunehmen. Er
meint, „die Poesie ihrer Freundschaft konne darunter leiden". Da-
gegen hat er oft Ejakulationen, wenn der Freund sich ihm auf den
SchoB setzt, -was bei gemeinschaftlicher Arbeit haufig vorkommt.
Nicht nur in bezug auf die korperliche, sondern auch nach der
seelischen Betatigungsweise hat man die Homosexuellen einzuteilen
versucht. So horte ich einmal auf einer der groBen englischen Uni-
versitaten eine Einteilung der Homosexuellen in die athletischen
und asthetischen, von denen erstere sich mit ihren Freunden
hauptsachlich dem Sport, letztere den Kiinsten und Wissenschaften
widmeten. Auch von „Edeluraniern" im Gegensatz zu unedleren hat
man gesprochen und als leuchtendes Beispiel der ersteren den von
G e B n e r sanctus paederasta genannten Sokrates angefiihrt.
Der spanische Autor Bembo klassifiziert die Uranier Barcelonas
nach ibren moralischen Unterschieden in: „a) Gute und Schlechte,
b) Feinfiihlcnde und Canaillen, c) Gebildete und Ignoranten, d) In-
telligento und nicht Intelligente, e) Kluge Schweiger und klatsch-
siichtige Scbwatzer."
Alle diese Unterscheidungen, so bedeutsam sie an sich sind,
lieBe man besser fallen, teils sind sie zu wenig markant, teils ver-
lieren sie sich im Nebensachlichen oder treffen Merkmale, die keine
Besonderheiten der Homosexuality sind.
Das gilt auch von einer weiteren Unterscheidung, der in mono-
game und polygame Homosexuelle, von denen die ersteren mehr zur
Bestandigkeit, zu einem sogenannten „festen Verhaltnis", die letz-
teren mehr zur Veranderung geneigt sind. Keineswegs steht es aber
mit den Tatsachen in Hbereinstimmung, wenn behauptet wird, daB
die polygamen, den Wechsel liebenden Homosexuellen haufiger unter
den virilen, die monogamen dagegen mehr unter den feminmen vor-
komraen.
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SEGHZEHNTES KAPITEL.
Einteilung der HomosexualitSt nach Entstehung und
Begleiterscheinungen.
Wir gelangen nun noch zur weiteren wichtigen Zweiteilung
der Homosexualitat, zu ihrer Trennung vom Gesichtspunkt der
Entstehung in angeborene und erworbene Homosexuali-
tat. Nachdem v. Krafft-Ebing 1877 in seinem grund-
legenden Werk diese als Hauptunterscheidung seinen wertvollen
Ausftihrungen zugrunde legte, ist sie fast allgemein akzep-
tiert worden, unbeklimmert darum, daB v. Krafft-Ebing
selbst sie nach stark vermehrter Materialkenntnis wesentlich
eingeschr&nkt hat. In der Einleitung zu dem grofien Abschnitt
der ^,Psychopathia sexualis", welcher „die kontrare Sexual-
Empfindung" iiberschrieben ist, sagt er, daB diese entweder als
„eiDgeborene Erscheinung" imponiert, wenn sie „mit dem sich
entwickelnden Geschlechtsleben spontan, ohne auBere Au-
la sse, zutage tritt, oder als eine „gewordene, erworbene**,
wenn ^,sie sich erst im Verlauf einer anfangs normale Bahnen
eingeschlagen habenden Sexualitftt auf Grund ganz bestimmter
ecbadlicher Einfllisse entwickelt** hat. Sehr wichtig ist aber
die spfitere, unmittelbar folgende Erganzung dieses letzten
Satzes, welche lautet: „Es ist wahrscheinlich, auf Grund ge-
nauer Untersuchung der sogen. erworbenen F^Ue, daB die auch
hier vorhandene und als unerlaBliche Bedingung zu betrachtende
Veranlagung in einer latenten Homo- oder mindestens Bi-
sexualitat besteht, die zu ihrem Manifestwerden der Einwirkung
von veranlassenden gelegentlichen Ursachen bodurfte, um aus
ihrem Schlummer geweckt zu werden. Die erworbene kontrare
Sexualitat wfire somit richtiger als eine tardive zu be-
zeichnen."
Es ist hier nicht der Platz, die umfangreiche Frage nach
den Ursachen der Homosexualitat aufzurollen. Das soil weiter
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296
unten geschehen. Hier sei nur erwahnt, daB als echte, wahre
Homosexualitat ausschlieBlich (iiekonstitutionelle,en(Jo-
gene anzusehen ist, in denjenigen Fallen, wo es bei urspriing-
lich heterosexuellen Personen zu homosexuellen Handliingen
kommt, bedarf es zunachst der Feststellung, ob die Akte ent-
Bprechend oder entgegen einer wirklich vorhandenen inne-
ren Neigung vorgenommen werden. Letzterenfalls handelt es
sich um der Onanie verwandte Manipulationen. Wir werden
einen Menschen, der, weil er wochenlang keine Arbeit finden
konnte, aus Not schlieUlich dazu gelangt, dem Rate arbeitsloser
Kameraden folgend, die Berliner FriedrichstraBe oder die Pa-
riser Boulevariis abzulaufen, um sich, bis er wieder Stellung
hat, Homosexuellen anzubieten, nicht als homosexuell bezeich-
nen konnen, weil er dies eben lediglich „der Not gehorchend,
nicht dem eigenen Triebe*' tut. Ebensowenig ist ein Madchen
hbmosexuell^ das sich mit alien Fasern ihres Herzens nach
einem Manne sehnt, da sich aber keiner ihrer erbarmt, schlieB-
lich mit den Umarmungen eines virilen Weibes vorlieb ninunt.
Das sind keine echten Homosexuellen, sondern unechte, pseudo-
homosexuelle.
Chevalier unterschied in ahnlichem Sinne nicht iibel Homo-
sexuelle „par gout" und „par calcul", aus Neigung und aus Berech-
nung. Unter den homosexuellen Mannem und Frauen selbst sind
verwandte Unterscheidungen seit langem gang und gabe. Vielfach be-
schaftigt sie die Frage, ob jemand, den sie kennen lernten, „echt"
oder „unecht" sei; im Jargon der Homosexuellen existieren eigentiim-
liche Abkurzungen, die dieser Einteilung entsprechen; so bedeutet in
manchen urnischen Kreisen a. s. „auch so , m. m. „macht mit",
t. u. „total unverniinftig". Ein urnischer Greis erzahlte mir, daB man
dafur in seiner Jugendzeit unter den Homosexuellen Berlins noch viel-
fach die in friederizianischer Zeit iibliche Einteilung der gleichge-
schlechtlich Verkehrenden in „Passionisten", „Professionisten" und ,,0k-
kasiouisten** gebraucht habe. Der Jurist Wachenfeld unterscheidet
in seiaem von Juristen vielzitierten Buch Personen, die „aus Laster"
und „aus Krankheit" gleichgeschlechtlich verkehren. In einer hochst
eigenmachtigen Nomenklatur will er nur die Lasterhaften als Homo-
sexuelle bezeichnet wissen, wahrend er die Krankhaf ten K o n t r a -
sexuello nennt. So sagt er : „M oil und alle, welche eine ungewohn-
lich grofie Verbreitung der Kontrasexualitat annehmen, verfallen in
den Fehler, die Grenzlinie zwischen ihr imd bloBer Homosexualitat,
zwischen Krankheit und Laster, zu verwischen." Noch theoretischer
wio Wachenfeld unterscheidet Braunschweig^) „anerzogene und
angeborene Homosexualitat;" er meint: „Der Natur-Urning, der ge-
borene Homosexuelle, ist ein kranker Mensch ; der Gewohnheitsurning
steht auf der Scheide zwischen krankhaft und lasterhaft; der Ge-
schaftsurning gehort vor den Richter."
Einc ganze Reihe von Autoren, die friiher die erworbene
und angeborene Homosexualitat voneinander trennten, haben
Braunschweig, Das dritte Geschlecht, 1903, Halle p. -12.
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297
allinahlich diese Einieilung fallen lassen und unterscheiden.
jetzt echte und unechte, oder wahre und falsche, sogenannte
Pseudohomosexualit&t.
In erster Linie ist hier Iwan Bloch zu nennen, der in seinem
„Sexualleben" *) schreibt: „In den Jahren 1905 und 1906 habe ich
mich fast ausschliefilich mit dem Problem der Homosexualitat be-
sohaftigt und Oelegenheit gehabt, eine sehr groBe Zahl echter Homo-
sexueller, sowohl Manner als auch Frauen, zu sehen, zu untersuchen
und wahrend langerer Zeit zu Hause und in der Offentlichkeit zu be-
obachten, ihre Lebensweise, ihre Grewohnheiten, Anschauungen, ihr
gauzes Tun und Treiben, auch im Verhaltnis zu den nicht homosexu-
ellen Personen gleichen und anderen Geschlechts kennen su lemcn.
Und da hat sion mir die unzweifelhafte Tatsache ergeben, dafl die
Verbreitung der echten Homosexualitat als angeborener Naturerschei-
nung doch eine viel ^roBere ist, als ich friiher annahm^), so daB
ich mich jetzt genotigt sehe, die andere Eategorie der e r w o r -
benen, scheinbaren, gelegentliohen Homosexuali-
tat, von deren Vorhandensein ich nach wie vor fest iiberzeugt
bin, unter der Bezeichnung „Pseudo-Homosexualitat" davon
zu trennen und in einem besonderen Kapitel zu behandeln." Der Aus-
druck Pseudohomosexualitat ist insofern gut gewahlt, als er der ana-
logen Bezeichnung Pseudohermaphroditismus entspricht, dem alten
Worte fur die sexuellen Zwischenstufen ersten Grades, bei denen es
sich auch nicht um wahres Zwittertum — das waren mannliche und
weibliche auf ein und demselben Individuum — , sondem um Schein-
zwitter handelt. Bei den zwei anderen Gruppen sexueller Zwischen-
stufen, den Transvestiten und den Androgynen, gibt es gleichfalls
solche vorgetauschte Formen. Ein Pseudotransvestit ware beispiels-
weise ein Mann, der nicht um die 6tarke weibliche Eomponente seiner
Seele zum Ausdruck zu bringen, Weiberkleider tragt, sondem ledig-
lich, um sich besser verbergen zu konnen, wie etwa der hollandische
Gelehrte Hugo Grotius, als er in Frauenkleidern seinen Feinden
entwich. Eine pseudoandrogyne Frau ware etwa eine solche, die nicht
infolge innerer Virilitat mannliche Brust- und Korperkonturen auf-
weist, sondem, weil „durch ein zehrendes Leiden des Fettpolsters
vollig beraubt, der runden weiblichen Formen verlustig gegangen ist."
Es kann in alien diesen vier Gruppen Falle geben, in denen die Unter-
scheidung zwischen wahren und falschen Erscheinungsformen erhebliche
Schwierigkeiten bereitet.
Bltihers EinWand gegen den Ausdruck, es gSbe keine
Pseudohomosexualit&t, weil die Natur kein ^'ev^ockenne, ist in-
sofern unberechtigt, als es doch ein wesentlicher XJnterschied
ist, ob eine homosexuelle Handlung aus festgewurzelter, innerer
Notwendigkeit oder vorubergehendem Mangel, sei es an Ge-
schleclitsverkehr oder Geld, vorkommen kann.
Es sind nun aber keineswegs alle Personen, die l)ei an-
scheinend normalsexueller Veranlagung homosexuelle Akte vor-
nehmen, als pseudohomosexuell zu erachten, ein nicht unbe-
trftchtlicher Teil f&llt in die zwischen den Homosexuellen und
Heterosexuellen stehende Gruppe der Bisexuellen. Es gibt
?
Iwan Bloch, 1. c. p. 641.'
Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia sexualis,
Bd. I, S. 219.
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298
Bisexuelle, die bei tiberwiegend heterosexueller Triebrichtung ho-
mosexuelle Anwandlungen aufweisen, andierseits solche, die
bei im wesentlidhen thomosexueller Beschaffenheit gelegentlich
auch von Personen des andern Geschlechts angezogen werden;
am seltensten scheinen diejenigen, die homosexuell und hetero-
sexuell zu etwa gleiclien Teilen — wie es im Berliner Homo-
aexuellen - Jargon heiJBt — ,Jtalb und halb** sind. Die von
V. Kraf f t-Ebing*) in spateren Jahren als tardive, von
Nackc als „temporare** Homosexualitat beschriebenen Falle
fallen offenbar, wie diese Autoren auch mit Recht konstatieren,
in das Gebiet einer von Haus aus bestehenden Bisexualitat, sind
also ebenf alls nicht als erworbene Homosexualitat auf zuf assen. Be-
sonders verdienen unter den temporaren Homosexuellen viele
in den Reifejahren von 14 bis 21 befindlic^he junge Madchen
und Manner erwahnt zu werden, bei denen, ebonso wie si(^li ihr
KOrper und Geist noch nidit zur voUi^ec^n Weiblichkeit und
Mfinnlichkeit differenziert hat, auch das Geschlechtsleben haufig
eine ausgesprochen bisexuelle Farbung aufweist. Die Erfahrung
zeigt, daJJ die libergroJJe Anzahl dieser Jungfrauen und Jting-
liuge, selbst wenn vorlibergehend die homosexuelle Komponente
stark liiberwog, sich mit AbscihluB der Eeifeperiode doch, ent-
sprechend ihrer eingeborenen Anlage, voUkommen heterosexuell
einstellt.
Endlich sei noch einer Unterscheidung gedacht, die in der
Fachliteratur bisher wenig hervorgehoben ist, um so haufiger
aber in der forensischen und psychiatrischen Praxis zur Sprache
kommt und sicherlich keine geringe Bedeutung beansprucht:
die Einteilung djer homosexuellen Manner und Frauen in ge-
sunde und nervose oder, besser ausgedriickt, in solche mit
stabilerem oder labilerem Nervensystem. Die stabilen Homosexu-
ellen sind diejenigen, die tibler ein in sich gefestigtes Nerven-
system verftigen, geistig und korperlich gesund sind, vielfach so-
gar robuster und widerstandsfahiger als das Gros der Hetero-
sexuellen. Diesen stehen die Labilen gegentiber, bei denen eine star-
ker neuronathische Disposition bewirkt, da6 sie nicht etwa nur
infolge homosexueller Konflikte hochgradig nervos und sensitiv
sind. Sie leiden nicht selten an ungewohnlich starkem Stim-
mungswechsel, Cberspanntheiten verschiedenster Art, an Neigung
zum Alkoholismus, an religiosem oder Verfolgungswahn, vielfach
auch an stark hysterischen und hypochondrischen Zustanden,
Storungen, die sich auch vielfach in ihrer Familie vorfinden,
*)v. Krafft-Ebing, Uber tardive Homosexualitat, Jahrb. f.
8. Zw. III. p. 7—20.
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und die Grund genug eind, daD, wenn sie einmal als Homo-
sexuelle aus ihrer glatten Bahn geschleudert werden, die Schwie-
rigkeiten des Lebens fiir sie ganz besonders grolJe, oft kaum
iiberwindbare eind.
Gerade die Homosexuellen, die mit den Behorden in Konflikt
geraten, gehoren oft vielfach zu der letztgenannten Gruppe, der auch
die Mehrzahl derer angehoren, die freiwillig und unfreiwillig zur
Kenntnis der Gerichts- und Irrenarzte gelangen. Dadurch erhalten
diese oft ein einseitiges Bild. Es sind allerdings auch zwiscben den
stark, leicht und anscheinend nichts weniger als nervosen Homo-
sexuellen die tTbergange so flieBend, daB man sich besser auch hier
des Komparativs bedient und statt von stabilen und labilen lieber von
stabileren und labileren Homosexuellen spricht. Es hat etwas fiir sich,
wenn d e J o u x in „Die Hellenische Liebe" *) schreibt : „Neben dem
kerneesunden, kampfstarken, groCgeistigen Uranismus gibt es ein
krankhaftes, neurasthenisches, ungluckseliges Urningtum."
Zwanglos ergibt sich sdhlieJJlich noch aus der Praxis eine
letzte Einteilung, die in eine einfache (unkomplizierte)
und komplizierte Homosexualitat, je nachdem diese fiir
sich allein oder in Verbindung mit anderen Triebanomalien vor-
kommt. AUe Perversionen, die bei Heterosexuellen beobachtet
wurden, kommen auch in der vita sexualis der Homosexuellen
vor. Vor allean sind hier die drei Parallelgruppen des Fetischis-
mus und Antifetischismus, Masochismus und Sadismus, Visio-
nismus und Exhibitionismus (Sdiautrieb.und EntbloJJungstrieb)
zu nennen.
Fiir alle diese Triebabweichungen in Kombination mit mann-
lichem und weiblichem Uranismus konnte ich eine reiche Kasuistik
beibringen, wenn ich nicht dadurch den mir nach Inhalt und Bogen-
zahl gesteckten Rahmen weit iiberschreiten wiirde. tJber den in der
homosexuellen ebenso wie in der heterosexuellen Liebe ungemein ver-
breiteten Fetischismus gab ich schon oben einige Stichproben. Von
antifetischistischen Homosexuellen will ich nur kurz zwei erwahnen,
die sich in einer Spezialarbeit von mir iiber Horror sexualis par-
tialis «) beschrieben nnden :
„C., friiher katholischer Geistlicher, Anfang der 40er Jahre, teilt
folgendes mit: Er hatte vor einiger Zeit einen iungen Handwerker
kennen gelernt, der in jeder Beziehung, in seinem AuBeren und Wesen,
dem Typus entsprochen hatte, den er sich von dem Objekt seiner
Zuneigung gemacht hatte. Es hatte sich zwischen beiden ein herz-
liches Freundschaftsverhaltnis gebildet. C. pflegte den Freund abends
von seiner Werkstatt abzuholen und nach Hause zu begleiten; „er sei
auf diesen Heimwegen so gliicklich gewesen wie noch nie zuvor".
Eines Abends gingen beide gemeinsam in den Zirkus. Darauf hatte
ihn der Jungere in seine Wohnung begleitet. Hier hatte er ihn zum
erst^nmal geliebkost und ihm iiber sein hiibsches AuBere allerlei
Schmeichelhaftes gesagt. Der ziemlich naive Handwerker hatte darauf
erwidert: „Da sollten Sie mich aber erst einmal nachsten Sonntag
*) Die Hellenische Liebe, p. 14.
«)M. Hirschfeld, Uber Horror sexualis partialis (sexuelle
Teilaversion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, FetisohhaB). Im
„Neuiolog. Centralblatt". 1911. Nr. 10.
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300
mit meinem neuen Anzug und meinen gelben Schuhen sehen I" In
demselben Moment, wo er das Wort „gelbe Schuhe" gehort hatte, sei
jede Erregung bei ihm verschwunden gewesen; es sei ihm unmoglich
gewesen, den jungen Mann, dem sein verandertes Wesen vollig un-
verstandlich gewesen sei, noch zu beruhren. Er hatte ihm Kaum
noch die Hand beim schnell herbeigefiihrten Abschied reichen konnen.
Die mit einem Gefiihl starken Widerwillens verbundene Abkiihlung
erklare sich dadurch, daB er gegen gelbe Schuhe eine ihm selbst un-
begreiflicho Aversion verspdre. Er konne mit Menschen, die solche
Schuhe triigen, kaum sprechen. Er hatte sogar schon einmal ein
Attentat gegen §elbe Schuhe veriibt, indem er sich auf Heisen in
eineni Hotel in tiefer Nacht aus seinem Zimmer gesohlichen und auf
ein Paar gelbe Schuhe mit einem Taschenmesser eingestochen hatte,
die in den Korridor herausgestellt waren.
Freiherr v. R., etwa 50 Jahre alt, ebenfalls homosexuell, hat einen
undberwindlichen Ekel gegen die freiliegende Glans penis, vor allem
gegen Membi*a, an denen die Zirkumzision vorgenommen ist. Es sei
ihm aus diesem Grunde ganz unmoglich, mit jiidischen jungen Leuten
zu verkehren. Durch eine komisch wirkende, sich naoh oben reckende
Bewegung seines Kopfes sucht er den Eindruok zu veranschaulichen,
den das „dreiste Hervorgucken" der Glans an einem des Praputiimis
beraubten Membrum auf ihn mache. Eine so entbloBte Glans er-
scheine ihm, als einem „an feine Formlichkeit gewShnten Astheten,
indezent, schamlos, frech"."
Bei homosexuellen Frauen findet man dieselben fetischistischen
und antifetischistisohen Neigungen wie bei heterosexuellen Mannern.
Findet sich in der Literatur bisher auch noch nicht der Fall einer umi-
schen Zopfabschneiderin vor, so laBt sich seine Beobachtung bei
weiterem Ausbau der Sexualwissenschaft doch schon mit Sioherheit
voraussehen.
Sehr oft findet man bei urnisohen Mannern und Frauen m a s o -
c h i s t i 8 c h veranlagte.
tJber einen hierher gehorigen Fall, den ich, wie ich beilaufig
bemerke, mit noch 10 anderen Psyohiatern zwecks Wiederaufnahme-
verfahrens sp^ter zu begutachten hatte, berichtet K i n d ^) im Jahrbuch
fiir sexuelle Zwischenstufen, wie folgt:
„Schon in fruhester Jugend befand sich Frau Y. in einem Milieu,
das infolge von mangelhafter Erziehung und Aufsicht zu erotischer
Zugellosigkeit tendierte. Vom 8. Jahre an begannen sexuelle Reiz-
handlungen mit gleichaltrigen Knaben und Madchen, sowie mit Er-
waclisenen. Ware eine Disposition zur Heterosexualitat bei ihr vor-
handen gewesen, so hatte sie sich hier schon auBern konnen. Aber
im Gegenteil ; sie schaute als Zehn jahrige heimlich durch ein Fenster
zu, quomodo ancillae patris cauponis ab hospitibus quibusdam futu-
erentur, und masturbierte hinterher in der Vorstellung, sie sei der
betreffende Mann. Auch hatte sie schon damals Orgasmus, wenn
sie andere Madchen lingua manuque befriedigte, o h n e sich selber
irgendwic zu beruhren. Sie zog mit ihrer Familie als Kunstradfahrerin
von Variet6 zu Variety und muBte sich mehrfach Manner aufdrangen
lassen, deren actiones sie kalt und unbeteiligt liber sich ergehen lieB.
Weiber dagegen versetzten sie sofort in Exzitation. Der eben ge-
nossene Anblick der trikotbekleideten Kolleginnen hinter der Biihne
bewirkte, daB sie selbst wahrend ihrer Radfahrproduktion vor dem
Publikum vollen Orgasmus bekam. Sie brauchte (und braucht jetzt
noch) nur in der StraBenbahn einer schonen Frau gegeniiber zu sitzen,
um plotzlich „wegzuschwimmen".
') A. Kind, Cber die Komplikationen der Homosexualitat mit
andem sexuellen Anomalien. Im Jahrb. f . sex. Zw., Jahrg. IX, p. 67 ft.
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301
Inzwischen hatte sich auch die masochistische Farbong ihrer
Libido vollig ausgebildet. Es ist bei der Y. der Drang vornaaden,
ihrer Partnerin um jeden Preis Orgasmus zu verschaffen, und zwar
in der Art, dafi sie derselben ein blind gefiigiges Instrument der
Befriedigung ist, sich von ihr aufs riicksichtsloseste zu solchem
Zweck gebrauchen laBt, und ihr eine Sklavin sein will, die jeder
brutalen Laune und jedem unasthetischen Kitzel der Domina Ge-
niige leisten mufi.
Sie hat im Laufe der Zeit eine groBe Anzahl von Partnerinnen
gefunden, fast lauter heterosexuelle Frauen, die teils auf Bitten, teils
aus eigener Initiative die entsprechende G^genroUe ubernahmen. Die
vorgekommenen Lusthandlungen zwischen beiden Partnerinnen beweg-
ten sich in dem bekannten Kreislauf. Die Y. wurde mit verbalen
Insulten gemeinster Art bedacht, geschlagen, getreten, gekratzt, ge-
stochen, debebat pedes, cunnum, anum amicae lingere atque os prae-
here ad ejus mictionem usw. ; denique adesse et adjuvare solebat,
quando femina mentula fututoris delectabatur. Szenen der letzteren
Art fiihrten iibrigens, bei Verkennung der subjektiven Grundlage dieser
Handlungen, zu einer schweren Verurteilung der Y. aus § 180 StrGB.
Hinzuzurugen ist, daB der maritus der Y., der sie vor drei Jahren
heiratete, nur die sekundare Rolle eines Surrogats in diesem ero-
tischen System spielt. Die Y. bleibt in cohabitatione vollkommen frigid,
sobald &ie dabei nicht gerauft, gestochen, insultiert oder bespien
wii'd; sie stellt sich dann als Urheber solcher algolagnistischer Aktivi-
tat geschwind ein Weib vor und erhalt den gewiinschten Orgasmus,
wenn auch in minderer Hohe.
Die masochistische Tendenz der Y., ihre Unempfindlichkeit gegen
Schmerz, die Verkehrung der Schmerz- in Lustempfindung ist absolut
nur auf gleichgeschlechtlichen Verkehr eingestellt. Wenn sie sich
etwa unversehens an einer Tischkante stoBt, schreit sie auf; Schelt-
worte und Schlage von seiten eines Mannes bringen sie in Harnisch.
Dagegeu nimmt sie solche, ebenso wie blutunterlaufene Striemen von
seiten eines Weibes in regungslosem Entzucken hin."
Seltener als masochistische scheinen unter homosexuellen Man-
nem imd Frauen sadistische Neigungen zu sein. Einen Fall, in dem
ein homosexueller Sadist im Grunewald einem Burschen plotzlioh
einen Messerstich in die Brust versetzte, habe ich mit Burchard
begutachtet. «)
Der Schautrieb macht sich dagegen meiner Erfahrung nacb
bei recht vielen Homosexuellen bemerkbar. Sehr verschiedenartig und
ganz von individuellen Neigungen abhangig sind die Objekte, welche die
Voyeurs im einzelnen suchen. Am moisten und haufigsten reizt homo-
sexuelle Manner imd Frauen wohl die Beobachtung eines Koitus, der
von einer ihnen erotisch zusagenden heterosexuellen Person vollzogen
wird, entsprechend der starken Anziehung, welche echte Mannlichkeit
auf Uminge, echte Weiblichkeit auf Urninden ausiibt. Aber auch
diskrete Akte einzelner Personen und homosexuelle Betatigungen werden
von anderen als Objekte des Schautriebs bevorzugt. In Bediirfnis-
und Badeanstalten fmdet man vielfach die holzernen Zwischenwande
mit Metallplatten bedeckt, um das von Voyeurs beiderlei Geschlechts
vorgenommene Einbohren von Gucklochern zu inhibieren. Mauche
Urningo besitzen ein ganzes Handwerkzeug, in dem Spiegel und Bohrer
die Hauptrolle spielen, mittelst dessen sie sich mit geradezu erstaun-
lichem Raffinement Anblick von Handlungen verschaffen, welche Per-
sonen, die keine Ahnung haben, daB man sie belausclit, im geheimen
begehen. Der von M o 1 1 9) vorgeschlagene Ausdruck Mixoskopie trifft
^) Veroffentlicht in Aschaffenburgs Monatsschr. f . Kriminal-
psych. u. Strafrechtsref., 10. Jahrg., 7. H, Okt. 1913.
•**) Loc. cit. p. 3C8.
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302
insofem nicht den Kern der Sache, als /</?/«• nur die geschlechtliche
Vermischung zwischen Mann und Weib bedeutet, deren Beobachtung
keineswegs das ausschlieBliche Begehren dieser sexuellen Visio-
nisten ist.
Wie bei den Voyeurs das Ange, so feiert bei den Renifleiirs
(T a r d i e u) die Nase, bei den Stimmfanatikem das Ohr, bei den
„S pei c he He c kern", den Spermato- und Koprophagen der Ge-
schmack und bei den Frotteuren und Toucheuren der Gefiihlssinn
Orgien. Fiii* alle diese seltsamen Liebhabereien fand ich unter den
Homosexuellen Vertreter in ebendemselben Verbal tn is zur Gesamtzahl
wie unter den Heterosexuellen.
Ein Berliner „Toucheur" erzahlte mir, daB er sein Leben in drei
Periodeu teilt, die erste, in der er im Gedrange der Stadtbahn, die
zweite, in der er auf dem Perron der elektrischen StraBenbahn, die
dritte, in der er auf den Stehplatzen der Untergrundbahn Touchier iingen
vornabm, die seine einzige sexuelle Betatigung bildeten.
Dem Trieb des Schauens entspricht als Kehrseite der Trieb,
sich zur Schau zu stellen, der Exhibitionismus, iiber dessen
mannigfache Formen und Ursachen sich vielerlei sagen lieBe. Die
Berliner Kriminalbeamten, denen sistierte Exhibitionisten vorgefiihrt
werden, haben mir ofter ihre Verwunderung ausgedriickt, daB man im
Vergleich zu der Zahl der Exhibitionisten, die sich vor Madchen ent-
bloBen, verhaltnismaBig so selten auf homosexuelle Exhibitionisten
stoBt. Ob dies von einer groBeren Schamhaftigkeit der Urninge her-
riihrt oder ob es, was ich fiir wahrscheinlicher halte, dadurch begriindet
ist, daB diejenigen, die das Verlangen haben, „etwas zu aeigen", in Be-
diirfnisanstalten, ohne sich in Gefahr zu begeben, dazu in aus-
reichendem MaBe Gelegenheit haben, diirfte schwer au entscheiden
sein. Vielleicht komrat sogar keine dieser beiden TJrsachen, sondern
erne dritte unbekannte in Betracht.
Noch seltener als letztgenannte Anomalie sind bei Urningen
die auch bei Heterosexuellen nur als groBe Raritaten vorkommen-
den Perversionen, beispielsweise die Nekrophilie und der Pyg-
malionismus.
Von praktisch hoherer Bedeutung als die bisherigen ist
aber die Komplikation der Homosexualitat mit einem Zu-
standsbilde, das Burchard und ich als sexuellen Infantilismus ^^)
hesehrieben haben. Er findet sich sowohl bei Hetero- als Homo-
sexuellen und ist dadurch charakterisiert, daU einmal die Per-
fiionen selbst auffallende Zeichen mangelhafter geistiger und
seelischer Entwicklung darbieten, die nicht selten fast die Grenze
der Tmbezillitat erreichen, zweitens daB sie sich. meist an unreife
oder halbreife Schulknaben oder Madchen heranmachen, denen
sie sich bewuBt oder unbewuBt auf gleicher Stufe stehend f iihlen,
und drittens dadurch, daB auch. die AuBerungen der Sexualitat
meist auf dem Niveau kindlicher Spielereien stehen, also
Kindlichkeit des eigenen Wesens, Ki ndlichkeit
der Sexualobjekte und Kindlichkeit der Sexual-
betatigung.
10) M. Hirschfeld und E. Burchard, Der sexuelle Infanti-
lismus. In „Juristisch-psychiatrische Grenzfragen". IX. Bd., Heft 5.
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303
tch gebe als Beispiel das Gutachten iiber einen forensischen Fall,
den Burchard und ich langere Zeit beobachteten :
Vorgeschichte. Die Mutter des Herrn B. soil sehr nervos
seiji und an Platzfurcht leiden. Er selbst ist der jiingste von drei
Briidern, war als Kind sehr schwachlioh und hat an Gehirnhaut-
entziindung und Krampfen gelitten. Noch wahrend der Sohul-
zeit war er angstlich und schreckhaft, schlief unruhig und hatte haufig
Alpdnicken. In seinem Aussehen und Wesen zeigte er ausgesprochen
madchenhafte Ziige, so daB seine Mutter oft sagte, es sei ein Madchen
an ihm verloren gegangen.
In der Schule kam Herr B. nur sehr schwer vorwarts, blieb
wiederholt sitzen (in Sexta, Quinta, Unter- und Obertertia und zwei-
mal in Untersekunda) und konnte nur mit groBer Miihe das Ein-
jahrigen-Zeugnis erlangen. Namentlich fielen ihm die Facher schwer,
die ein verstaudesgemaBes Erfassen des Gegenstandes verlangen, wie
Mathematik, Physik usw. Er konnte sich nur ein gewisses MaB von
Kenntnissen rein gedachtnismaBig einpauken, die er aber nach seiner
und seines Binders Angabe, sowie nach unseren eigenen Feststellungen
sehr bald nahezu vollig wieder vergessen hat.
Auch der weitere Werdegang des Herrn B. verzcgerte sich infolge
der spaten Erreichung des Schulzieles und seiner Kranklichkeit be-
trachtlich, so daB er gegenwartig mit nahezu 22 Jahren erst
im zweiten Jahre seiner kaufmannischen Lehrzeit
s t e h t.
B e f u n d. B. ist ein grazil und schwachlich gebauter junger
Mann von ausgesprochen knabenhaftem Aussehen, schwacher Musku-
latur und zarter Hautfarbe. Die Korperbehaarui^ ist sehr sparlich,
Bartflaum kaum vorhanden, so daB bis jetzt Easieren noch nicht er-
forderlich geworden ist.
Es bestehen Degenerationszeichen im Bau der wenig differen-
zierten und ungleich gebildeten Ohrmuscheln und in der asymme-
trischen Bildung des Gesichts, sowie in der Kleinheit des Schadels.
AuBerdem fallt die lebhafte Muskel- und GefaBerregbarkeit, sowie eine
deutliche Steigerung der Sehnenreflexe auf. Der Befund der inneren
Organe entspricht der Norm.
In seelischer Beziehung fallt bei Herrn B. zunachst eine sehr
geringe Gefiihlsbetonung, ein merkwiirdig affektloses Verhalten auf.
Der kurz vor der Beobachtungszeit unter besonders tragischen Um-
standen erfolgte Tod eines alteren Bruders schien nur geringen Ein-
druck auf ihn gemacht zu haben. Gelegentliche Schwankungen in
seiner Stimmun^ machten einen durchaus oberflachlichen Eindruck, nie
schien etwas wirklich tief in sein Gefiihlsleben einzugreifen. Infolge
einer gewissen Summe auswendig gelernter Kenntnisse und einer durch
eine vorziigliche Erziehung bedingten Formgewandtheit macht Herr B.
bei fliichtiger Bekanntschaft den Eindruck eines durchaus normalen
und unterhaltenden jungen Mannes. Bei naherem Eingehen auf seine
intellektuellen Fahigkeiten stellt sich aber sehr bald eine geradezu
verbliiffende Liickenhaftigkeit seines Wissens, ein erstaunlicher Mangel
an geistigem Interesse und eine auBerst gering entwickelte Fahigkeit
zu vernunftgemaBem SchlieBen und Urteilen heraus. Das Verstandnis
fiir chronologische Zusammenhange und historische Beziehungen fehlt
ihm vollig. So verlegt er die Reformation in das 18. Jahrhundert.
Aus Dramen und Biichern, die er gesehen oder gelesen hat, sind ihm
nur einzelne Bruchstiicke in Erinnerung, doch kann er sich in keinem
Falle des Inhalts und der Gedanken des Gelesenen entsinnen. Er ver-
sagt bereits bei einfachen Gedanken- und namentlich Rechenoperationen
und ermiidet bei den geringsten geistigen Anstrengungen sehr schnell.
Seine Interessen erstrecken sich nur auf sportliche Fragen und
sensationelle Tagesereignisse ; politische und wissenschaftliche Artikel
liest er nie.
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304
Sein Wesen und Verbal ten hat etwas ungewollt Naives
und Kindliches. Er ist harmlos mitteilsam und offenbar gar
nicht imstande, seine Gedanken und Gefiihle irgendwie zu verbergen.
Auch in dieser Beziehung macht er den Eindruck einer weit hinter
seinem wirklichen Alter zuriickliegenden, noch ausgesprochen kind-
lichen seelischen Entwicklungsstufe.
Gutachten. Es wird Herrn B. zur Last gelegt, daB er beim
Rodeln einen vor ihm auf dem Schlitten sitzenden Jungen, den er
seiner Angabe nach fiir 15 — 16 Jahre gehalten hat, unziichtig beriihrt,
eventuell mit ihm onaniert haben soil.
Zwei Momente in der seelischen Individualitat des Herrn B. sind
bei der Beurteilung seiner Verantwortlichkeit fiir dieses Delikt yon
Bedeutung. Einmal liegt bei ihm zweifellos in sexueller Hinsicht eine
ausgesprochene und, soweit es sich feststellen lafit, ausschlieBliche
Neigung zu Personen des mannlichen Geschlechts vor. Es kann fiir
die Beurteilung dieses Zustandes dahingestellt bleiben, ob es sich um
eine durch Anlage und Entwicklung fixierte Anomalie der Triebrichtung
handelt, oder ob diese sich noch in dem jugendlichen Stadium der
unentschiedenen Triebrichtung befindet, das seine Erklarung in der
entschieden hinter dem Lebensalter zuruckgebliebenen seelischen Ent-
wicklung des B. finden wiirde.
In dieser abnormen Jugendlichkeit der gesamten Personlichkeit
des Angeschuldigten ist das zweite wesen tliche Moment zu sehen.
Seine Anschauungen und Lebensauffassung, seine Urteilsfahig-
keit und sein tJberlegungsvermogen sind noch in so^eringem MaDe ent-
wickelt, dafi wir das (^samtniveau seiner psychischen Personlichkeit
wic das eines 16 — ITjahrigen, nicht wie das eines 20jahrigen jungen
Mannes auffassen und beurteilen mussen. Wurde Herr B. das acht-
zehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, so konnte man unbe-
dingt den Schutz des § 56 StrGB. fiir ihn geltend machen, da er die zur
Erkenntnis der Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht
nicht besaB. Bei seinem Lebensalter ist dieser Mangel an Einsicht,
veranlaBt durch eine entschieden krankhafte Entwicklungshemmung
in seelischer Beziehung zweifellos als eine geistige Storung aufzufassen,
welche einen Fortfall oder zum mindesten eine erhebliche Minder ung
sonst normaler seelischer Hemmungen mit sich bringt. In Verbindung
mit der homosexuellen Veranlagung bedingt dieser Mangel normaler
Hemmungen sicher einen Zustand krankhafter Storung der Geistes-
tatigkeit, der bei dem in Frage stehenden als infantilis tische sexuelle
Spielerei aufzufassenden Delikt die freie Willensbestimmung im Sinne
des § 51 StrGB. ausschloB.
Auf dieses Gutachten hin wurde das gegen B. eingeleitete Straf-
verfahren eingestellt.
Haufig kommen die verschiedenen Anomalien miteinander
kombiniert vor; so ist der Fetischismus (beispielsweise der so
haufige Schuhfetischismus) und Visionismus urnischer Personen
nicht selten mit MasocKismus^ der Antifetischismus und Exhibi-
tionismus mit sadistischen Regungen vergesellschaftet, doch kom-
men bei „polymorph Perversen'* auch alle sonst erdenklichen
Triebvermengungen vor.
Endlich sei bemerkt, daJJ auch die quantitativen Ano-
malien des Geschlechtstriebs, sowohl die bis zur Satyriasis ge-
steigerte Hyperaesthesia sexuills (Erotomanie, Nymphomanie),
wie eine bis zur kompletten Anasthesie geminderts Hypaesthesia
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306
sexualis bei umischen Mfinnern und Frauen relativ ebenso oft
wie bei heterosexuellen zu konstatieren sind.
Passen wir nun die samtlidien hier gegebenen Einteilungen
resiimierend zusanunen, so gelangen wir in den wesentlichsten
Punkten zu folgender Systematisierung.
Wir teilen naoh der Richtung ihres Geschlechts-
t r i e b s die erwacihsenen Manner und Frauen in drei Gruppen :
A. Heterosexuelle (ca. 94o/o)
B. Homosexuelle (ca. 2o/o).
0. Bisexuelle (ca. 4o/o).
Die homosexuellen Manner und Frauen teilen wir ein:
I. Nach ihrer pernonliehen Eigenart in zwei Gruppen:
a) die virileren (ca. SOo/o),
b) diefeminineren (ca. 50o/o),
eventuell noch etwas spezifizierter in:
a) die stark viril en (ca .26o/o),
b) die schwacher virilen (ca. 25^o/o),
c) die sc'hwficher femininen (ca. 26<yo),
d) die stark femininen (ca. 25o/o).
II. Nach ihrer Triebrichtnng in zwei Hauptgruppen :
a) die ephebophilen (ca. 45o/o),
b) die androphilen (ca. 45<yo),
zu denen sich zwei Nebengruppen geaellen:
c) die pftdophilen (ca. S^/o),
d) die gerontophilen (ca. 5o/o).
Die analogen Gruppen unter den homosexuellen Frauen
sind :
a) die parthenophilen (von naq^hog Jungfrau) (ca. 45^/^),
b) die gynakophilen (von ywrj Frau) ca. 45^/^,),
c) die korophilen (von xdgri Madchen) (ca. 5^/o).
d) die graophilen (von yqavg Greisin) (ca. 5**/J.
Als weitere Gruppen wSren unter den homosexuellen Man-
nern und Frauen nach Beschaffenheit ihres Sexaalziels,
je nachdem sie "zxi ebenfalls homosexuellen odar heterosexuellen
neigen, zu nennen:
a) diehomoiophilen (ca. SSVs^/o),
b) die alloiophilen (ca. SSVa^/o),
c) die amphiphilen (ca. SSVs^/o).
III. Nach der Trieb-Bet&tigang unterscheidet man in wenig
praziser Weise:
a) die aktiveren homosexuellen Manner und
Frauen (ca. 50o/o),
Hirschfcid, Homosexualitat. 20
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S06
b) die passiveren homosexuellen M&nner nnd
Frauen (ca. 50o/o).
Die Akte selbst zerfallen unter den homosexuellen Mannern und
Frauen in vier Kubriken:
a) die manuellen (digitatio) (ca. 40o/o),
b) dieoralen (linctio) (ca. 40o/o),
c) die femoral en (appressio) (ca. 12o/o),
zu denen viertens hinzukomlnen
d) die anal en bei den Mannern,
die mem'bralen bei den Frauen (pedicatio
und olisbismus^^) (ca. 80/0).
IV. Hinsichtlich ihrer Entstehnng ist die veraltete
Einteilung in eingeborene und erworbene
Homosexualitat bei beiden Geschlechtern zu ersetzen
durch eine Unterscheidung in
a) echte (eingeborene, eigentliche) und
b) une eh te (Pseu do- Homosexualitat).
— Uranlsmns genainas et spnrins. — '
V. Des weiteren sind noch zu unterscheiden :
a) die g e s u n d e n oder stabileren homosexuel-
len Manner und Frauen (ca. 50 0/0),
b) dienervSsen oder labileren homosexuellen
Manner und Frauen (ca. 50 0/0).
VI. Eine letzte Einteilung der mannlichen und weib-
lichen Homosexualitat ist die in
a) einfache (unkompUzierte) J Homosexualitat,
b)komplizjerte J
— Uranismas simplex et complicatas. —
je nachdem sie fiir sidh allein oder mit anderen
a) qualitativen oder P) quantitativen Triebanoma-
lien verbunden vorkommt, unter denen folgende be-
sonders zu nennen sind:
Fetischismus — Antifetischismus
Masochismus — Sadismus
Visionismus — Exhibitionismus
Infantilismus — Transvestitismus
HyperSsthesie — Hypaesthesia sexualis.
*) Gebildet vom griechischen oXiopog = membrimi artificiale.
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807
Bei diesem ganzen Schema ist zvl bertlcksiolitigen, dafi es
sicih nur tun Einteilungsgrundsatze, um einen Leitfaden
in der FuUe der Erscheinungen Iiandelt, daB aber zwischen
den einzelnen Abteilungen — wie liberall in der Natur — die
Grenzen nicht abeolut sciharf sind, sondem flieJQend ineinander
tlbergehen.
20*
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SIEBZEHNTES KAPITEL.
Entstehung und Erkl&rung der mSnniichen und weiblichen
Homosexualit&t
Griinde fiir das Angeborensein der Homosexualit&t
Iwan BlocK hat das Kapitel, welches er in seinem
„Sexualleben unserer Zeit*'^) „d6r gleichgeschlechtlichen Liebe"
gewidmet hat, mit der Gesamtiiberschrif t : „Das Eatsel der
Jlomosexualitat" versehen, und zwar deshalb, well sie ihm,
wie er einleitend bemerkt, „je mehr er wissensohaftlich in
sie eiDzudringen suohte, um so ratselhafter" geworden ist.
Auch Ulrichs hatte schon einige Jahre frlih'er seinen vor-
schiedenen Schriften liber den Gegenstand ein zusammen-
fassendes Titelblatt vorangesetzt, auf dem neben dem Motto:
„.Vincula frango** die Worte standen: „Forschungen iiber das
R fits el der mannm&nnlichen Liebe". Blocfa. und Ulrichs
sind nicht die einzigen Autoren, die der Homosexualitat gegen-
tiber als von einem Naturrfttsel sprechen; offenbar geben beide
dem Gedanken Ausdruck, 'welcher unendlich vielo kultivierte
nicht (Weniger "wie primitive Mensdhen erftillte, als sie wahr-
nahmen, daB auJJer der Liebe, auf welcher der Bestand der
Menschheit beruhte, noch eine weniger haufige existierte, die
anscheinend keine Priichte tragt.
Es verdient diesem Erstaunen gegeniiber erortert zu werden, wes-
halb eigentlich die sexuelle Neigung eines Mannes zum Mann, einer
Frau zur Frau dem denkenden Menschen so seltsam und dunkel er-
schien und erscheinen muBte. Der Grund ist in dem menschlichen
Kausalitats- und Utilitatsbediirfnis zu erblicken, das unsere Spezies
in hervorragender Weise von den unter una stehenden Lebewesen unter-
scheidet. Der Mensch will Wesen und Zweck eines Dinges wissen.
Bewufit und imbewuBt beherrscht ihn fort und fort diese Frage nach
dem "Wanun und Weshalb. Sie ist auch voUauf berechtigt, denn die
Tatsache, daB das meiste, was wir in der Natur sehen, nicht nur
kausal bedingt ist, sondern auch einen bestimmten Zweck erfiillt, laBt
sich nicht leugnen, gleichviel wie man sich zu dem Problem stellen
1) Pag. 639—592.
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maig, oh es nicht ausschlieClich Sache der Wissenschaft ist, nach dem
Verhaltnis voa Ursachen und Wirkung und nicht nach „Zwecken"
zu f^hnden. Was die Liebe betrifft, so hat man sich alleirdiags iiber
ihrd Ursache nachzodenken zunachst ebenso wenig bemiiBigt gefanden,
ale man sich etwa iiber die Ursache der Welt, der Mensohheitoder
des Lebens den Kopf zerbrach. Dazu war die Liebe etwas viel zu
Elementares, bildete zu sehr des Daseins Ausgangspunkt und Mittel-
punkt. Umsomehr beschaftigte man sich mit ihren Wirkungen, ihren
so ersichtlichen, wenn auoh durchaus nicht immer erwiinschten Folgen.
Was lag naher, als in ihrer bedeutsamsten Folgeerscheinung — der
Fortpflanzung — den Zweck der Liebe zu erblicken; man ging aber
weit^r; man sah in der Zeugung nicht allein den natiirlichen Zweck,
sondern auch die natiirliche Ursache der Liebe. Gijlg man von
diesen Voraussetzungen aus, und wer wollte zweifeln, daU man es tat,
dann mufito man aUerdings von Menschen, die sich in Liebe solcheh
Personen zuwandten, mit denen eine ErfiiUung dieses Naturzwecks
auBer dem Bereich der Moglichkeit lag, annehmen, dafi sie wider die
Natur, „widerhatiirlich" handelten, dann muBte man in der gleich-
feschlechtlichen Liebe in der Tat zuin mindesten etwas hochst Eatsel*
aftes, Sonderbares erblicken. Nicht mit Unrecht hat freilich
U 1 r i c h s bereits in seiner ersten Schrift ahnliche SchluBfolgerungen
irit folgenden Worten zuriickgewiesen : „Da6 unsere Liebesakte ^ur
Fortpflanzung nicht tauglich sind, sowie daB eine innere, unsichtbare
Naturgewalt gerade zu solchen unfruchtbaren Liebesakten una an-
treibt und nicht zu fruchtbaren: fiir beides sind wir nicht verant-
wortlich, sondern die Natur. Der uns obliegenden Verantwortlichkeit
geniigen wir vollkommen, wenn wir dem Zuge, den eine hohere Hand
^— Gott Oder die Natur — in unsere Brust gepflanzt hat, nicht wider-
streben, sondern folgen. Weitere Verantwortlichkeit trifft una
nicht. Beruhifft ihr euch nicht mit dieser Unfruchtbarkeit unsrer
Liebesakte, verlangt ihr eine Verantwortung wegen derselben: so for-
dert diese Verantwortung von jener hoheren Hand, nicht v6n uns."
Andere- Honiosexuelle haben sich temtiht, eine Erklftrung
ihrer gleichgeschlechtlichen Neigungen aus dem Geiste derer
heraus zu geben, die aus ihrer leiblichen Unfruchtbarkeit ihre
Naturwidrigkeit oder zum mindesten ihre Zwecklosigfceiit
folgerten; so haben viele der Meinung Ausdruok gegeben, daJi
die Natur sie von der Verbindun^ mit dem andern Oeschlecht
deshalb zuriickhalte, um einer OhervSlkerung vorzubeugen;
manche haben dabei nicht nur die Zeugungsquantitat, sondern
auch die Zeugungsqualitat beriicksiehtigt und gemeint, daB
die Natur durch ihre Unfruchtbarkeit eine Vorbeugung der
Degeneration bezweckte. Ich besitze Zuschriften von Urningen,
die sich bei Auseinandersetzung dieser Gesichtspunkte auf die
Bibelstelle Ev. Matthai, Kap. 19, v. 12 berufen, wo es heiUt:
,,Es gibt Verschnittene, die vom Mutter leibe also geboren
sind . . .** Diese Stelle, meinen sie, bez5ge sich auf sie. EsJ ist
Mer nicht der Ort zu untersuchen, ob und inwieweiti diesen Er-
wagungen eine Berechtigung innewohnt, wir kommen spater
noch einmUl darauf zuriick, wenn von der praktischen Be-
deutung der Homosexualitat die Rede ist; in diesem Abschnitt,
in dem wir ihre Ursache zu erkennen tins bemtihen, liegt
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310
uns zunachst ob, kutz klarzulegen, ob denn tiberhaupt das
Fundament, auf dem der SchluB der WidernaturKcihkeit sich
aufbaut, dafi namlich die Liebe urn der Fortpflanzung willen
da ist, zu Recht besteht.
B 1 o c h ') fafit seine Ausfiihrungen iiber diesen Punkt in dem
Satze zusammen: „Liebe und Liebesumarmung sind nicht nur Grat-
tungszweck, sie sind auch Selbstzweck, sind notig fiir Leben,
Entwicklung und inneres Wachstum des Individuums selbst." Ich
selbst babo in meinen „Naturge8etzen der Liebe" die Frage nach der
Identitat von Geschleohtstrieb und Fortpflanzungstrieb eingehend be-
handelt und halte es fair notig, die wiohtigsten Stellen bier wieder-
zugeben, weil die Klarung dieses VerhaJtnisses fiir die Entscheidung, ob
die homosexuedle Neigung eine widernatiirliche, die homosexuelle Be-
tatigung widerpatiirlicne Unzucht ist, von gmndlegender und ausschlaj^-
gebender Bedeutung ist. Es heiBt dort: Der Einflufi der durch die
liebe hervorgerufenen psycbischen Veranderungen auf das unsern Kor-
per beherrscnende Nervensystem ist ein ganz enormer.
Alle Freudigkeits- und Gliicksgefuhle, und welche Affekte ver-
mittelten solche zahlreicber und starker als die Liebe, beschleunigen
den Stoffwechsel der Lebewesen in vorteilbaf tester Weise. Blutkreis-
lauf und Herztatigkeit heben sich, Sauerstoffzufuhr und Verbrennung
mehren sich, die Ausscheidung der Lebensschlaoken wird gesteigert
und die Leistungsfahigkeit des Korpers und aller seiner Teile ge-
fordert. Es ist experimentell nachgewiesen, dafi Freude das Gesichts-
feld erweitert und Leid es verengert, und es ist kaum zu bezweifeln,
dafi auch die Funktionen aller anderen Sinnesorgane ahnlich giinstig
beeinflufit werden. Goethe, als er 17 Jahre alt sich in die Tochter
des Leipziger Weinwirts Schonkopf verliebte, schrieb an seinen
um 11 Jahre alteren Vertrauten Benrisch: „0, Behrisch, ich
habe angefangen zu leben." Und viele Jahre spater trug er in ein
Stammbuch die zwei einzigen Worte ein: „Lieben belebt". In der Tat
ist die Liebe die kraftigste Steigerung unseres Selbst und damit die
starkste Bindung an das Leben; mit der Lebenslust fordert sie einen
gesunden, lebensbejahenden Optimismus wie keine andere Empfindung
sonst. Indem sie den Egoismus mit dem hochsten Grade des Altruis-
mus yerbindet, ist sie &3 wesentlichste Moment, den Existenzkampf
zu mildern. Schillers Wort: „Was ist das Leben ohne Liebes-
flanz, Ich werf* es hin, da sein Gehalt entschwunden", entspricht der
eelenverfassung vieler Menschen, fiir die das Leben ohne Liebe ein
wertloses D a s e i n ware. Ninon kleidet dies Gefiihl in die Worte :
„Was ware die schonste Zeit unseres Lebens ohne die Liebe? Man
wiirde nicht leben, sondern nur vegetieren" ; und Goethe wiederum
lafit den armen Werther sprechen: „Ich habe verloren, was meines
Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich
Welten um mich schuf." Unter den Minneregeln (regulae amoris)
des 12. Jahrhunderts lautete eine der wichtigsten: „Niemant sol seiner
lieb und mynn on ureach (sine rationis excessu) beraubt werden."
Es ist richtig: wer dem Menschen seine Liebe nimmt, verstiimmelt
ihn. Wiirde man wohl ihretwegen so viel gelitten haben und leiden,
wenn sio es nicht als hochstes der Gliicksgoiter verdiente? Die
ae'ketische Richtung ist nun zwar der tJberzeugung, dafi nur der
Sexualakt als zweckentsprechend, berechtigt und „natiirlich" ange-
sehen werden konne, der der Fortpflanzung diene; dies sei die aus-
schliefiliche Bedeutung der Liebe, die aber trotzdem ein Cbel sei.
2) Iwan' Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, pag. 104.
^) Magnus Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe, pag. 36 ff.
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denn „in Sunde" sei der Mensch empfangen. Gab es doch Kirchen-
vater, die schlechtweg erklarten: „das Weib sei Siinde".
Die christlichen Verfechter der Idee, daB jeder Verkehr, der
nicht der Fortpflanzung diene, „siindige Fleischeslust sei**, verfahren
nicht immer folgerichtig. Sonst diirften sie nicht nur die Mittel zur
VerhiitunK der Empfangnis verwerfen, sondern miifiten konsequenter-
weise aucn den Verkehr mit einer Frau vom Beginn ihrer Empfangnis
bis zum Ende der Stillungszeit verbieten; der Mann diirfte dann die
Gattin, die er bald nach der Hochzeit befruchtete, ein und ein halbes
Jahr nicht mehr beruhren. Und nach den Wechseljahren, wo die
Empfangnismoglichkeit erloschen ist, diirfte ebenfalls ein Verkehr
nicht mehr stattfinden, ebenso wie alle Menschen, deren Unfrucht^
barkeit festgestellt ist, von der Liebe ausgeschlossen bleiben miifiten,
Denn alle diese Personen, und es sind nicht die einzigen, konnen
den Zweck, der nach theologischer Auffassung allein zu sexuellen
Handlungen berechtigen soil, nicht erfiillen.
Mit der Anschauung, daU der Zweck der Liebe die Fortpflanzung
sei, stehen nun allerdings viele Erfahrungen des Lebens nicht im
Einklang. Zunachst sehen wir, dafi der verkehr viel haufiger trotz
der Fortpflauazunff als um der Fortpflanzung willen aus^eiibt wird.
Und ebenso hauJtig, wie Liebe ohne Fortpflanzungsmoglichkeit, ist
Fortpflanzimff ohne Liebe. Wenn Friedrich Nietzsche in der
„Morgenrote*^) bemerkt : „Die Zeugung ist eine oft eintretende g e -
legentliche Folge einer Art Befriedigung des geschlechtlichen
Triebes: nicht dessen Absicht, nicht dessen notwendige Wirkung,"
und an anderer Stelle : „Fortpflanzungs t r i e b ist reine Mythologie",
so gibt er wieder, was vor und nach ihm Naturforscher und Philo-
sophen oft ausgesprochen haben, die klarlegten, daB der Mensch nur
einen GescMechtstrieb, aber keinen Fortpflanzungstrieb besitzt. Ge-
wifi, ein Fortpflatnzungs w i 1 1 e ist oft vorhanden, aber Trieb und Wille
sind nichts weniger als identisch. Dies soUte man endlich erkennen
in einer Angelegenheit, die so oft Gegenstand kiihler Erwagungen
ist, wie die Cberlegung, ob und wieviel Kinder man haben mochte.
Einige Autoren seien hier noch zitiert: der alte erfahrene Frauenarzt
E i s c h sagt in seinem Werke „Die Sterilitat des Weibes" : „Der
Geschlechtstrieb ist eine so wechselvolle, in gewissen Lebensperio-
den den ganzen Organismus des Weibes so iiberwaltigend beherr-
schende elementare Gewalt, daB ihre Entfesselung der Reflexion iiber
Fortpflanzung keinen Raum laBt, und daB im Gegenteil die Begattung
begehrt wird, auch wenn vor der Fortpflanzung Furcht herrscht
Oder von Fortpflanzung keine Rede mehr sein kann." T h e o d o r
von Wachter setzt im „Problem der Ethik" ^) eineehend ausein-
ander, daB die Auffassung, welche die Liebe gleichbedeutend mit
dem Fortpflanzungstrieb ansieht, den Kern punk t bilde fiir alle falschen
und beschrankten Konsequenzen in den Fragen menschlichen Liebes-
empfindens, und Rohleder^) schreibt: „Man gibt mit dem Worte
Fortpflanzungstrieb dem Geschlechtstrieb einen Flicken, der ihm abso-
lut nicht anhaftet und auch nicht anhaften kann."
Nehmen wir aber einmal wirklich in der Verkniipfung von Liebe
und Fortpflanzung einen Zweck an, so ist es ebenso wahrscheinlich,
ja wahrscheinlicher, daB die Natur es fiir zweckmaBig hielt, die Fort-
pflanzung der Liebe als eine keineswegs immer erwiinschte Folge
oeizugeben, um sie sicher zu stellen. Das Einzelwesen hatte kein
so groBes Interesse, „die Art zu erhalten", weder der Mann als Er-
nahrer der Kinder, noch die Frau, die sie in Schmerzen gebart,
*) Morgenrote, § 603.
^^ Ein Problem der Ethik. — Die Liebe als korperlich-seelischc
Kraftubertragung. Von Th. v. Wachter. Leipzig.
•) Die Zeugung beim Menschen, pag. 32.
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wenn die Natur nicht die starksten Lustgefiihle, die Empfindungen
hochsten Erdengliicks als Pramie darauf gesetzt hatte.
„Und ware die Fortpflanzung tatsachlich nicht nur eine Wir-
kung, sondern e i n Zweck der Liebe, so ist damit noch nicht gesagt,
daB sie ihr einziger Zweck ist. Viele Organe und Instinkte dienen mehr
als einem Zweck, oft sehr verschiedenen. Die Zunge ist fiir die Sprache
ebenso wichtig, wie fiir den Geschmack und die Nahrungsaufnahme,
der Bewegungstrieb dient der Erhohung des Stoffwechsels, wie der Er-
weiterung unserer Kenntnisse. Die Liebe aber wirkt fur die Erhaltung
des Lebens in dreierlei Weise. E i n m a 1 , indem sie uns durch Lust-
empfindungen an das Leben fesselt, zum z w e i t e n , indem sie
die Einzelwesen aneinander bindet, den Zusammenhang zwischen
ihnen herstellt, aus dem sich die Menschheit als hoherer Organismus
entwickelt, zum d r i 1 1 e n , indem sie Mann und Weib seelisch und
korperlich iiber rsich hinaus wachsen laBt. — Zusammenfassend
konnte man sagen, der Geschle.chts- und Liebestrieb ist
nicht Fortpflanzungstrieb, sondern Trieb nach Lust- und Le-
benssteigerung.
Sobald man anerkennt, dafl nicht die Fortpflanzung der
ausschlieBliche Zweck der Liebe jst, verliert die unter dieser
Voraussetzung so rateelhafte Ersdheinung der Homosexualitat
ein gutes Stlick des iRratselhaften, und in noch hoherem Grade,
wenn man zugibt, daB die Liebe auch produktiv ist, wenn
ihr keine neuen Lehewesen entsprieBen, daB audh eine geistige
Befruchtung existiert, und der Wert eines Menscihen von den
Werten abhangt, die er erzeugt, gleiohviel ob diese materieller
oder spiritueller Art sind. Dient die Liebe vornehmlidh dazu,
das eigene Gllick und das anderer zu vermehren, so ist nicht
eiiizusehen, weshalb sie sich nicht auch auf Personen von
demselben Geschlecht erstrecken soUte.
Nun hat man allerdings noeh einen andern Punkt heran-
gezogen, um zu beweisen, daB ein sexueller Verkehr zwischen
Personen gleichen Geschlechts gegen die Natur ist; den Bau
der mannlichen und weiblichen Geschlechtswerkzeuge. Diese
paBten in anatomischer und physiologischer Hinsicht so absolut
ineinander, dafl sie unbedingt nur fiireinander geschaffen sein
konnten. Hat man die Verbindung der Keimzellen im Auge,
so trifft es «icherlieh! zu, daB die beiderseitigen Teile kaum
entsprechender zu denken waren; eine andere Prage ist es
freilich, ob alle mannlichen und weiblichen Keimzellen diese
Aufgabc tatsachlich erfullen soUen. In Wirklichkeit sehen wir,
daB, wie in der ganzen Natur, so auch beim Menschen unter
hundert Millionen Keimzellen kaum eine dazu gelangt. Wozu
diese unvorstellbar groBe Verschwendung von Lebensstoffen
und Liebeskraf ten ? Andererseits ist nicht einmal liberall in
der Natur die Konjugation der Keime zweier Wesen zur Fort-
'pflanzung erforderlich. Bei vielen GesChopfen besteht diese
lediglich in einer Teilung, AbstoBung und Weiterteilung
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eigener Zellen, einem einfach'en Vorgang, den man als
Wachstum liber die Grenzen seiner eelbst hinaus bezeichnen
konnte.
Und wie ist mit der genitalen Kongruenz die psyohisdh'e
Inkongruenz vereinbar, welehe Lustgefiihl, Potenz und Orgasmus,
die Vorbedingungen triebantsprechender Kohabitation, ausbleiben
lalJt. Warum empfinden viele dieselben starken Ekstas^en,
iWelche die meisten beim Koitus versplirien, bei Akten, die
nicht zur Fortpflanzung ftibren konnen? Ist Lust der Zweck
der Liebe, so ist zur Erfiillung dieses Zweckes der palJrechlte
Gebrauch der Organe sicher nicht in alien Fallen Erfordernis.
Schwerlidi aber ist es angangig, jemandem vorzuwerfen, daB
ihm ein bestimmter, nicht zur Erzeugung von Nachkommen-
schaft dienender Kontakt ein groBeres Lustgeftihl gewahrt als
ein p,nderer, der diese Moglichkeit in sioh schliefit.
Aus diesen Empfindungen und Erfahrungen heraus — dem
deutlichen Insiinkt zum eigenen und ihrem ebenso sicheren
Kontrainstinkt gegenliber dem andern Geschlecht — haben sich
viele Uminge dahin ausgesprodhen, da6 die gesetzlichen Be-
stimmungen iiber die „widernatiirliche Unzucht** wohl gar nicht
auf sie gemtinzt sein konnten. Ihr Verkehr sei gar nicht
wider die Natur, wandten sie ein, sicherlidh nicht g.egen
ihre eigene Natur, die sie doch zu Personen desselben Ge-
schlechts ziehe; jedes Individuum mtisse aber ,,ex natura sua**,
nicht nach einer ihm fremden Natur beurteilt werden.
Besonders scharf hat U 1 r i c h s diesen Standpunkt im II. Haupt-
abschnitt seiner ersten Studie betont, der uberschrieben ist : „ J u r i -
stischer Nachweis, daB nach Deutschlands bestehenden
Gesetzen Cbung angeborener mannmannlicher Liebe, als unter
den Begrif f naturwidriger Handlungen nicht fallend, s t r a f -
los ist, und daB daher strafrechtliche Untersuchungen wegen solcher
tJbung gesetzlich iiberhaupt nicht statthaft sind, bezw. daB begonnene
Untersuchungen sofort einzustellen sind." („Vindex", pag. 38.)
Aus ganz ahnlichen Griinden haben auch viele Homosexuelle und
ihre Sachwalter auseinanderzusetzen sich bemiiht, daB die von theo-
logischer Seite so oft gegen sie ins Feld gefiihrte Stelle aus dem
ersten Kapitel des Romerbriefs (Vers 26 und 27) sich unmoglich
auf angeborene HomosexualitS-t beziehen konne, denn hier sei
die Bede von „Weibern, die den natiirlichen Gebrauch mit dem ver-
tauschten, der wider die Natur ist" (feminae immutaverunt
naturalem usum in eum usum, qui est contra naturam) und von „Man-
neru, die den natiirlichen Gebrauch des Weibes verlieBen und in
ihren Be^ierden eegeneinander entbrannten, indem sie, Manner mit Man-
nern, Schandlichkeiten trieben" („masculi, r e 1 i c t o naturali usu femi-
nae, exarserunt in desideriis suis in invicem, msisculi in masculos,
turpitudinem operantes" '). Bei dem homosexuellen Weibe und dem
') Der griechische Text lautet: (v. 26) ^,Aia tovto jraQiScoxev avrovg, 6
&e6g eig Ttd^ drtpilag, at re yciQ ^rjXetai avribv fieirjXXa^av rrjv (pvoixrjv XQV^^'*' ^^^ ^^•^
jTOQa. (pvoiv, (y, 21) ' Ofiolcog xb xal ol dggsveg dqpivrsg xrjv <pvaixr)v XQ^^^^ ^^^
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ebenso veranlagten Manne konne vom „Vertauscheii und Verlassen"
des andern Greschlechts nicht die Rede sein, denn sie hatten ja fiir
dieses vom Erwachen ihres Geschlechtstriebes an nie Liebe empfunden.
Auch Pastor S c h a 1 1 berief sich in der ersten Reich stags ver-
handlung (13. Januar 1898), in der die homosexuelle Frage ange-
schnitten wurde, auf diese Bibelstelle. Er sagte laut Stenogramm :
„Ich habe die von Herrn Rebel mitangezogene Petition, die ja von
Mannem von beriihmten Namen aus alien Berufsschichten unter-
schrieben ist, und von der Herr Rebel sagt, er habe sie selbst
unterschrieben, auch bekommen, die eine Aufhebung dieses Paragraphen
verlangt, und ich habe wie vor einem R a t s e 1 gestanden, wie es
iiberbaupt moglich ist, daB Manner von offentlicher Stellung und
sittlichem Urteil eine solche Petition einreichen konnen; denn, meine
Herren, es handelt sich doch hier um ein Verbrechen, wel-
ches bereits der Apostel Paulus als eine der schlimm-
sten Ver siindigu ngen und Laster des alten Heiden-
tums im Rriefe an die Romer im ersten Kapitel hin-
gestellt hat." Demgegeniiber sagt Professor Wirz in seiner „vom
orthodox-evangelischen Standpunkt" geschriebenen Studie :
„Der Uranier vor Kirche und Schrift^^) ,,Nur grobe Unwissenheit
und blinder Eifer konnen gleichgeschlechtliches Empfinden, das ein
eingeborener Zustand, ein Naturtrieb ist, in einen Topf werfen mit
solcher Degeneration, Entartung und sittlicher Verkommenheit, sei
es im alten Rom, sei es in unsern Tagen," und auch der k a t h o -
1 i s c h e Geistliche, welcher im IV. Jahrbuch fiir sex. Zw. 9) die bibli-
schen Unterlagen der Urningsverfolgung kritisch untersucht, meint,
dafi Paulus offenbar die „subjektiven Momenta, welche hier ins
Gewicht fallen und eine relative Natiirlichkeit bedingen konnen, ganz
aus dem Spiel gelassen" hatte.
Es unterliegt keinem Zweifel, daB sich die Getlankengangte
dieser theologischen Kritiker auf eine wirkliche Kenntnis des
einschlagigen Menschenmaterials stiitzen, und die Anschauung
der weitaus groBten Mehrzahl der homosexuellen Manner und
Frauen wiedergeben, die ihre Neigung als etwas empfinden, das
sich' iaus ihrer Personlichkeit ganz unmittelbar, spontan und
elementar ergibt. Unter 1000 Homosexuellen, denen die Frage
vorgelegt fwurde: „Halten Sie Ihren geschlechtlichen Zustand
fiir etwas Natlirliches oder l^aturwidriges?** antworteten liber
950: ,,Ich halte ihn ftir etwas Natiirliches**, und fast d^eselbe
Anzahl Homosexueller erwiderte auf die Anfrage, wie sie ihren
^Xei'ag s^exav&rfoav sv tf/ oge^ei auTMV eig dkXtjXovg, aggeveg iv aggeatv rijv
doxfjfioovvrjy^ xategya^ofievoi xai rr^v dvrifjiio&iav fjv sSei zijg jtXdvtjg avKOV fv
eavTotg djtoXafifidvavreg." Nach de Wettes Ubersetzung : (v. 26) „Um
deswUleu gab sie Gott schandlichen Liisten preis. Denn ihre Weiber
verwandelten den natiirlichen Genufl in den unnatiirlichen : (v. 27)
und gleicherweise verlieBen auch die Manner den natiirlichen GenuC
des Weibes und entbrannten in ihren Begierden gegeneinander, indem
sie Mann mit Mann Schandlichkeiten iibeten, und so den gebiihrenden
Lohn ihres Irrwahnes an sich selber erapfingen."
8) Wirz, Prof. Caspar, Der Uranier vor Kirche und Schrift.
Eine Studie vom orthodox-evangelischen Standpunkt. Im „Jahrb. f.
sex. Zw.*\ Jahrg. VI, pag. 65 ff.
^) Homosexualitat und Bibel. Von einem katholischen Geist-
lichen. J. f. s. Zw., Jahrg. IV, pag. 199 ff.
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homosexTiellen Trieb erkl&ren, daU sie ihn ftir angeboren an-
seheu oder ihn wenigstens auf eine innere Anlage zurlickfuhren
zu mtissen glauben.
GewiB k5nnen die subjektiven Ansichten und Auffassungen
der Beteiligten iiber die Entstehungsursac^he ihres sie in so
hohem Mafle beherrschenden Triebes nicht als ausschlaggebend
erachtet warden; ihre Meinungen soUten aber als ein nicht un-
erhebliches Argument nicht vollig ausgeschaltet bleiben, zumal
sich unter den Mannern und Frauen, die sidi tiber den Ursprung
ihrer Neigung auBern, zahlreiche befinden, die es nicht an ab-
wagender Urteilsscharfe fehlen lassen und ihrer Homosexualitat
nichts weniger als wohlwollend gegenliberstehen.
Wenn wir iiber die ebenso- bedeutsame wie viel erorterte
Frage, ob die Homosexualit&t „angeboren oder erworben" ist,
Klarheit gewinnen wollen, mttssen wir moglichst alles prlifen,
was f ,ii r (und g e g e n beide Anteichten gesprochen wurde, um dann
mit groBter Objektivitat zu untersuchen, was daflir und da-
gegen spricht.
Wir beginnen damit, eine Zusammenstellung der Grtinde zu
geben, ^5velche fiir das Angeborensein der Homosexualitat
ins Treffen geflihrt worden sind:
I. Die homosexuelle Triebrichtung bricht sich Bahn,
trotzdem von alien Seiten in Wort und Schrift, in zahllosen
Kunstwerken die Liebe zum andern Geschlecht geriihmt und
gefeiert wird, trotzdem oft gerade die, ftir welche die jugend-
lichen Homosexuellen besonders schwarmen, diese Liebe nicht
geixiigend preisen konnen, trotzdem die ganze Umgebung wie
eine machtige Suggestion nach der entgegengesetzten Seite wirkt ;
sie bricht sich durch, trotzdem man noch nichts von eigentlichem
Uranismus weiB; trotzdem man das, was man gelegentlich von
gleichgeschlechtlichen Beziehungen flustern horte, als etwas Ab-
scheuliches empfindet.
So schrieb mir — unus e multis — ein urnischer Schrif tsteller :
„Die gleichgeschlechtliche Neigung trat ein, trotzdem der erste sexuelle
AnatoQ weiblicher Art war, — eine Kindsmagd verfuhrte mich — ,
trotzdem mir das weibliche Geschlecht durch Erziehung von Jugend
an sozusagen auf dem Prasentierteller gereicht wurde und meine
Lektiire nur die Weiberliebe verherrlichte."
II. Schon vor der Geschlechtsreife entwickeln sich bei dem
Kinde, das spater homosexuell wird, charakterologische
Zuge, die es andersgeartet erscheinen lassen als Kinder, die,
wenn sie erwachsen sind, heterosexuell fiihlen, namentlich fallt
ein mfidchenhaftes Wesen bei Knaben, ein knabenhaftes bei
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Madchen in die Augen. Schrenck-Notzing^^) sieht diesen
Nachweis als „fur die originare Anlage zur kontraren Sexual-
empfindung" beweisend an.
III. Schon lange vor der Pubertat fiihlen die Homosexuellen
sich zii Personen hingezogen, die ungefahr dem Typus ent-
sprechen, der sie spater erotisch reizt; es bleibt ihnen dabei
vollig unbewuBt, daB es sich hier bereits um Keime ftexueller
Empfindungen handelt.
Von 600 Urningen, die bereits das 25. Jahr iiberschritten hatten,
aiitworteten auf die Frage nach dem e r s t e n Auf treten gleich-
geschlechtlicher Regungen:
3 mit 4 Jahren 4 mit 8—9 Jahren
22 „ 9
6 „ 9-10
40 „ 10 ■
82 „ 11
54 „ 12
43 „ 13
o
5
5-6
14
6
4
6-7
15
6
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7-8
18
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8
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mit 14 Jahren
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15
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17
18
?»
18
4
11
19
6
11
20
183
272
- 54.4
'U
183
= 36,6
%
71 201
Mi thin zwischen 4 und 13 Jahren
14 „ 20 „
AuBerdem antworteten:
In friihester Kindheit 5\
Sehr friih 16 1
Nicht erinnerlich 24 45 = 9,0 ^/p
500 = 100,0 o/o
In einem anderen Untersuchungsmaterial von 930 Fallen ergaben
sich ganz ahnliche Zahlen.
Aus den Antworten liber das Auf treten der ersten gleichgeschlecht-
lichen Regungen geht hervor, daB der Verfiihrung durch altera Per-
sonen nicht die Bedeutung zukommt, die man ihr beigemessen hat.
Keuerdings hat Stabsarzt S t i e r i^) gegen das Angeborensein
der Homosexualitat geltend gemacht, daB unter 3000 von ihm in der
Kinderabteilung der Nervenpoliklinik der Charit6 untersuchten ner-
ven- und geisteskranken Kindern und Jugendlichen bis zum Alter
von IG und 18 Jahren (darunter 400 Jugendgerichtsf alien) nicht ein
Fall von homosexueller Perversion nachweisbar war, trotzdem er
sein Augenmerk darauf richtete. Nur ein einziger Fall bei einem
Hjahrigen Knaben, der aus § 175 angeklagt, vom Jugendgericht uber-
wiesen war, kam nach den 3000 Fallen zur Beobachtung.
Zunachst konnte dieses Ergebnis dafiir sprechen, da^ sich unter
den Homosexuellen verhaltnismaBig sehr wenig bereits in der Kind-
heit nervos und psychisch Kranke finden, so daB die spater bei ihnen
haufig auftretenden Storungen des Zentralnervensy stems raehr eine
Folge als eine Ursache der homosexuellen Veranlagung sind. Ande-
rerseits steht aber der negative Befund der Stierschen Beobach-
txmgen offenbar doch in Widerspruch mit der mit so seltener Cberein-
stimmung von ungemein vielen Homosexuellen spater bekundeten An-
JO) Loc. cit. p. 194.
11) Dr. Ewald Stier, Zur Atiologie des kontraren Sexual-
gefiihls. In „Monatsschrift fiir Psychiatric und Neurologic. Heraus-
ogeben von Prof. Dr. C. Bonhoeffer." Band XXXII. Heft 3,
912. p. 221 ff.
!;
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gabe, sich deutlich zu erinnern, daB sie sioh schon vor dem
16. Lebensjahre stark zu Personen hingezogen fuhlten, die ihrer
spateren sexuellea Grefiihlsrichtung entsprachen; nur waren sie sich
wie sie meist binzufiigen, damals noch nicht klar gewesen, daB dabei
schon sexuelle Momente mitspielten. Dieser Nachsatz lost den vor-
handenen Widerspruch. Eine der Sachkenntnis ermangelnde und aucb
tatsachlich noch im Latenzzustande befindliche Eigenschaft miiB sich
selbsb einem scharfen Beobachter entziehen, zumal wenn es sich um
sexualpsychologische Vorgange handelt, die, wenn ihr Charakter aus-
nahmsweise einmal in das BewuBtsein dringt, aus Instinkt und Scham
mindestens ebenso streng geheim gehalten werden, wie etwa die kind-
liclie Onanie.
Ich kann deshalb der SchluBfolgerung S tiers, daB „das tat-
sachlich fast vollige Fehlen solcher Zustande bei Kihdern und Jugend-
lichen** dagegen spricht, daB bei der Homosexualitat „\iberhaupt ein
angeborener Zustand" vorliegt, keine Beweiskraft zuerkennen, weil
die Pramissen unsicher und die Eonklusionen nicht scharf genug
sindi2).
IV. Fast alle homosexuellen Manner und Frauen Jconnen
sich erinnern, daB ihr bewuflter Geschlechtstrieb sich von
seinem ersten Erwachen an anf Personen des gleioHen
Geschlechts richtete. Bereits v. M a g n a n , der groJJe f ranzo-
sische Psychiater, sagt: Die Verkehrung des geschlechtlichen
Empfindens (inversion du sens genital) zeigt sich oft schon in
frliher Jugend, und gerade das ist charakteristisch ; nichts spricht
deutlicher flir die ererbte Beschaffenheit dieser Anomalie, als
ihr fruhzeitiges Auftreten.**
V. Es spricht weiterhin flir das Angeborensein der homo-
sexuellen Triebrichtung, dafl sidh bereits die ersten erotischen
Traume (PoUutionstr&ume) wie auch die spateren auf Per-
sonen jdesselben Geschlechts beziehen.
VI. Das Angeborensein der Homosexualitat laBt sich ferner
daraus folgern, daJi es mit dem ganzen Wesen der Pers6nlich-
keit auf das innigste verschmolzen ist. Der homosexuelle
Mann und die homosexuelle Frau unterscheiden sich nicht nur in
der Richtung des Gesdhlechtstriebs von heterosexuellen Mannern
und Frauen, sondern durch die Sonderart ihrer Individualitat.
Dies gilt nicht etwa nur flir die femininen unter den mann-
lichen und die virilen unter den weiblichen Homosexuellen,
sondern auch die anscheinend mannlichen unter den homo-
sexuellen Mahnern und die weiblichen unter den homosexuellen
Frauen unterscheiden sich von den markanter akzentuierten
Typen ihres Geschlechts.
Bemerkenswert ist folgender Ausspruch eines ausiandischen, selbst
uinischen Psychiaters: „Ich kann und mufi erklaren, dali ich nie-
1*) Vergl. auch die Erwiderung von Dr. Burchard und mir
in: Monatsschrift fur Psychiatric und Neurologie, herausgegeben von
Bonhoeffer, Bd. XXXII, Heft 6 (1912), p. 549 ff.
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mals einen Fall von Homosexualitat kennen gelernt habe, dem ich
nicht das Pradikat „aQfi;eboren" hatte beilegen mussen. In alien
von mir untersuchten Fallen — sobaJd die Betreffenden sich natiirlich
eaben und ihren SuBerlich zur Schau getragenen „Normalmenschen"
Deiseite lieBen — war die Homosexualitat etwas so sehr dem ganzen
Wesen des Einzelnen Entsprechendes, dem Individuum Adaqnates,
daB mir jede andere Auffassung als die einer angeborenen sozasagen
psychisch konstitutionellen Amage geradezu unmoglich erschien.
VII. Dafiir, daB der homosexuelle Trieb nicht erworben,
Bondern angeboren ist, spricht auch. seine Festigkeit. Ware er
durch auBere Anlllese entstanden, dann, so* mllBte man folgern,
wlirde er auch einmal 'durch auOere Einfllisse znm Schwinden
gebracht werden konnen. Es mtifiten nicht nur Heterosexuelle
hofmosexuell, Bondem auoh einmal Homosexuelle heterosexuell
werden k5nnen. Beides steht mit den Ergebnissen einer sehr
reichlichen Erfahrung in Widerspruch. Hingegen steht es fest,
daB Manner und Frauen von ungew5hnlich starker Willens- und
Geisteskraft trotz grfiBter Mtihe auBerstande waren, die Rich-
tung lihres Oesdhlechtstriebes umzu^ndern.
Zwei Beispiele aus vielen ahnlicben Zuschriften mogen das Ge-
sagte bestatigen: Ein Homosexueller aus der Schweiz scnreibt: „Von
Jugend an bin ich hartnackig gegen mich angegangen und habe mir
die grofite Miihe gegeben, meine Neigun^en zu beherrschen. Bs ge-
lanR mir hie und da, aber leider machte ich stets dieselbe Erfahrung;
je mnger ich anscheinend siegreich den Trieb unterdruckte, um so
heftiger kehrte er auf einmal zuriick. Hauptsachlich geschieht dies
naohts beim plotzlichen Erwaohen, wenn die Willenskraft durch den
Schlaf vermindert ist. Was habe ich nicht alles angewandt: feste
Entschliisse und Gelubde, Irzte zu Rate gezogen, Wassarkuren, Hyp-
nose und Elektrizitat, systematische Ablenkung der gefahrliohen Qe-
danken durch korperliche Cbungen, Ackerbau, Reisen, Militardienst,
Studien, Lesen usw. Ich opferte geliebte Gegenstande ; weder Religion
nooh Philosophic waren mir behilflich. Ich litt stark an Lebens-
uberdruU. Vier Jahre war ich leidenschaftlich in einen jungen Mann
^leichen Alters verliebt, bis derselbe im 24. Jahre starb, ohne daB ich
ihm jemals eine AuBerung machen durfte. Es war ein HoUenleben."
Und ein umischer Arbeiter auBert sich wie folgt: „Durch meine sehr
from me Mutter stark zur Religion erzogen, habe ich nach Erkenntnis
meines seelischen Zustandes Gott in heiBen Gebeten angefleht, er
solle mir in meiner Not einen Ausweg zeigen. Als ich sah, daB sich
trotz eiserner Beherrschung! und ungeheurer Kampfe mein Zustand nicht
anderte. habe ich mein Gottvertrauen verloren."
VIII. Piir das Angeborensein sind ferner zwei wichtige
Analogieschltisse anzuftihren. Der eine bezieht sich auf
die absolute €bereinstimmung der homosexuellen mit der hetero-
sexuellen Geflilhlsrichtung in alien ihren seelischen Begleit^
erscheinungen, ihrem Suchen und Sehnen, Freuden und Leiden,
ihren Formen, ihrer oft so idealen und oft nichts weniger als
idealen Gestaltung, in ihrer ungemein groBen Differenziert-
heit und ihren eamtlichen Anomalien. Nehmen wir an, daB
die Liebe zum andern Gesohlecht dem grdBten Teil der Men-
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schen als von Natur eigen angeboren ist, so dlirfen wir aus
iliren so analogen Erscheinungen folgern, daJJ bei einem feleine-
ren Teil der MenscKheit auch die homosexuelle Liebe dieselbe
Drsache hat.
Wie soil man sich wohl anders als durch die innere Triebrichtung
die Erweckiing folgenden G^efiihlskomplexes, wie er uns ahnlich in
vielen Hunderten von Schilderungen entgegentritt, vorstellen: ,,Eiirz
bevor ich meine Natur entdeckte", sohreibt ein Urning, „hatte ich
mein Herz an einen Unteroffizier der Artillerie verloren, einen Mann
von stolzer, herrlicher Schonheit. Er wohnte ganz in meiner Nahe.
Als ich ihn zum ersten Male auf der Stra0e sab, blieb ich wie festee-
wurzelt stehen und blickte ihm nach, bis er mir entschwand. von
nun an sah ich ihn ofter und wie sehnte ich mich nach diesen Be-
gegnungen, und wenn er kam, wie stockt'e mir der Atem, die Kehle
war mir wie zugeschniirt. Gingen wir entgegengesetzt, dann kehrte
ich imi und folgte ihm, mit den Blicken die wunderbare Gestalt ver-
schlingend. Ich fand bald heraus, um welohe Zeit er ungefahr abends
aus der Kaserne nach Hause kam. Ich saB dann am Fenster ,und
wartete geduldig, (ein moderner Toggenburg), um ihn bloB fiLr einige
Sekunden zu sehen. Wenn sich seine Heimkehr verz^erte, saB ich
so wohl eine Stunde und langer, ein Buch oder eine Zeitung in der
Hand, bei jedem Sabelklirren zusammenfahrend. Oft fiirchtete ich, er
konne mein Benehmen bemerken, aber nein, gleichgultig streifte mich
sein Blick wie jeden beliebigen anderen Menschen, wenn ich an ihm
voriiberging. So ging es viele Jahre, ohne dafi ich je gewagt hatte,
seine Bekanntschaft zu machen."
IX. Die zweite Analogic, aus welcher der Ursprimg der
Homosexualitat als angeboren gefolgert werden muB, ist fol-
gende. Alle Geschlechtsunterschiede zeigen Abweichungen von
der mannlichen oder weiblichen Durchschnittsform.
Diese intermediaren Typen sind hinsichtlich der Geschlechts-
organe: die Hermaphroditen, hinsichtlich der iibrigen korperlichen
Geschlechtsunterschiede: die Androgynen, in bezug auf den Ge- ,
schlechtstrieb ; die Homosexuellen und in bezug auf (ue ubrigen seeli-
schen Unterschiede : die Transvestiten. Stellen nun die drei Gruppen
der Hermaphroditen, Androg3men und Transvestiten eingeborene Er-
scheinungen dar, bedingt cfidurch, daU fiir gewohnlich im Embryo-
nalleben atrophierende Komponenten zur Entwicklung gelangen, so
ist wohl zu folgern, dafi dies auch fur die vierte Gruppe zutrifft.
Ich zitiere hier folgende Stelle aus „Der urnische Mensch" i^) :
„Es ist ein Beweis fiir das Natiirliche und Urspriingliche einer Er-
scheinung, wenn sich dieselbe in eine fortlaufende Reihe verwandter
Naturerscheinungen so einfiigt, daU ihr Mangel geradezu einen Aus-
fall in der liickenlosen Linie bedeuten wurde. Fiir die Erscheinung
der Homosexualitat trifft dies im vollsten Umfange zu. Es ware sehr
merkwurdig, wenn von den flieUenden Ubergangen, die sich an jedcm
Organ, an jeder Funktion von einem zum anderen Geschlechte fiihrend
nachweisen lassen, der Geschlechtstrieb ausgenommen ware. Wenn
samtliche mannliche Eigenschaften gelegentlich vereinzelt oder in
groBerer Anzahl bei einem Weibe und umgekehrt samtliche weiblichen
beim Manne auftreten konnen, woran auch nicht mehr der mindeste
Zweifel bestehen kann, so wiirde es etwas Aufierordentliches sein, wenn
der Geschlechtstrieb hier die einzige Ausnahme bilden sollte."
") p. 126.
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32a
X. Dafl die Homo^exualitat auf angeborener Basis beruht,
geht ferner daraus hervor, dafl sich in der Blutsverwan,dt-
8 c h a f t homosexueller Manner und Frauen vielfaeh ebenso ver-
anlagte Personen oder doch solche befinden, die ausgesprochenen
Zwischenstufeneharakter tragen.
V. R 6 m e r 1*) sagt : „In mindestens 35 o/o der Falle tritt der
Uranismus familiar auf."
Ich fand nicht ganz so hohe Ziffern, doch immerhin so betracht-
liche — 23,2o/o — , dafi kein zufalliges Zusammentreffen obwalten kann.
In nahezu der Halfte der Falle handelt es sich um Bruder und
Schwester. Unter 58 urnischen Geschwistern, die mir personlich oder
dem Namen nach bekannt sind, finden sich 26mal Bruder und
Schwester, 21 mal homosexuelle Briider, darunter 2 mal Zwillingsbriider,
3 mal homosexuelle Schwestern, 6 mal 3, 1 mal 4, 1 mal 5 urnische
Geschwister. 29 mal sind samtliche (2, 3 und 5) Kinder homosexuell,
in 7 Fallen hat sich ein Bruder wegen Homosexual i tat das Leben ge-
nommen. Im Falle der 5 urnischen Geschwister berichtet der alteste
Bruder, ein mir personlich bekannter tuchtiger Schrif tsteller : „Meine
vier jiingeren Geschwister, eine Schwester und 3 Briider, sind wie ich
veranlagt. Mein zweiter Bruder nahm sich mit 28 .Tahren das Leben.
Er verlobte sich, glaubte aber nach kurzer Zeit das Madchen nicht
wirklich lieben und befriedigen zu konnen, wurde krankhaft, miB-
trauisch gegen seine Umgebung, von der er sich in seiner Anomalie
durchschaut glaubte, und erhangte sich in einem Sanatorimn. . Wir
Geschwister sind samtlich von der Mutter her sehr musikalisch und
schongeistiK veranlagt, die Mutter war eine kluge energische Frau
von vorziiglichen Gemiitseigenschaften. In ihrem Gesicht lag ein
manulicher Zug. Sie starb im 60. Jahr an Unterleibskrebs Der Vater
skrofulos, schwerhorig, willensschwach, er starb im 68. Jahr nach
laiigjahrigem Riickenmarksleiden. Die Mutter meines Vaters hatte
in ihrem Tun ebwas entschieden Mannliches und hatte im Alter einen
Bart." In der von Krafft-Ebing mitgeteilten Geschichte des
Kaufmannes G. i^) heiBt es : „Ein alterer Bruder des G. ist kontrar-
sexual. Auch von zwei Schwestern, die friih starben, ist dies zu
vermut-en, weil sie nie mit jungen Burschen verkehrten und man sie,
statt in der Kiiche, im Stalle usw. und am liebsten Mannerarbeit ver-
richten sah."
In einer rheinischen Stadt befinden sich unter 7 Geschwistern
5 homosexuelle Bruder, alle von auBerer Kraft strotzende Personlich-
keiten, und eine homosexuelle Schwester. Der sechste Bruder ist
schwerer Dipsomane und angeblich asexuell.
Oft sind die urnischen Geschwister getrennt voneinander auf-
gewachsen. So berichtet ein hochst femininer Urning von russischer
Abkunft, der in Deutschland erzogen wurde: „Meine einzige Schwester,
von der ich seit Kindheit getrennt bin, hat fast alle Vorziige eines
Mannes, sie studiert in Petersburg Medizin, raucht und treibt sehr
viel Sport; sie schwarmte in der Schule sehr fiir ihre Lehrerin und
lebt mit einer Studiengenossin in enger Freundschaft zusammen."
Viele homosexuelle Geschwister erkennen sicli als solche erst
sehr spiit, manche iiberhaupt nicht, auch kommt es vor, dafi nur der
eine von dem anderen Kenntnis hat, nicht aber umgekehrt. So er-
fahrt jemand von der Veranlagung seines Bruders dadurch, dafi er etwa
mit dem Gesetz in Konflikt kommt, oder in sonstige Ungelegenheiten
1*) L. S. A. M. V. R o m e r , Die urnische Familie, Untersuchunpen
iiber die Ascendenz der Uranier. Amsterdam.
15) Der Contrarsexuelle vor dem Strafrichter. p. 45.
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geraten ist, wahrend der „Verungluckte** von der Homosexualita.t des
anderen nichts erfahrt. Oft sind es seltsame Zufalle, die zur Ent-
deckung fiihren. Ein Beispiel fiihrte ich bereits an, in dem die ge-
legentliche Rekognoszierung eines Verwandtenbildes durch eineH Dritten
das Geheimnis enthiillte. Mehr als einmal hat es sich ereignet, dafi
auf verborgenen Treffplatzen Homosexueller vollig ahnungslose Ver-
wandte einander begegneten.
Nicht selten ist auch eines der Geschwister liomosexuell, ein
anderes trans vestitisch, oder ein homosexueller Bruder hat eine viril
aktivistische Schwester, oder eine Urninde einen passivistisch femi-
ninen Bruder. Erst vor kurzem suchte mich die Witwe eines Offiziers
vor ihrer Wiederverheiratung auf, die mit Vorliebe als Mann geht. Ein
Bruder von ihr ist homosexuell, ohne trans vestitische Neigungen.
Das Gemeinsame in alien solchen Fallen sind alterosexuelle Ein-
schliige der Geschwister, die unendlich variieren. M o 1 1 1^) erwahnt
einen ihm bekannten Urning, der, obschon er bereits Mitte der 20er
Jahre steht, fast gar keinen Bart hat, und in dessen Familie, obwohl
sich in ihr kontrare Sexualempfindung nicht zu finden scheint, all-
gemein nur schwacher Bartwuchs vorkommt.
In dem Gutachten Birnbachers iiber die Sarolta Vay heifit es
p. 15: „. . . als eine letzte Beilage moge auf eine Photographie ihres
nun 26jahrigen Bruders Peter hingewiesen werden, welche die Ge-
richtsarzte den Herren Untersuchungsrichtern vorzuzeigen Gelegen-
heit hatten, die den kleinen jungen Herrn in Magnatenuniform ganz
mit dem bartlosen, kindlichen Gesichte einer schonen jungen Dame
zur Darstellung bringt." VerhaltnismaJJig haufig sind auch lietero-
sexuelle Geschwister von Homosexuellen mit Homosexuellen verheiratet.
Relativ oft finden sich auch Homosexuelle in der Vetternschaft.
In einer europaischen Fiirstenfamilie, welche im Jahre 1880 14 mann-
liche Mitglieder zahlte, fanden sich nachweislich vier, wahrscheinlich
sogar sechs Urninge. Ich kenne auch Falle, aber sie scheinen seltener
zu sein, wie die unter Geschwistern und Vettern, in denen ein homo-
sexueller Vater, und auch solche, in denen eine homosexuelle Matter
einen oder mehrere homosexuelle Sohne und Tochter besitzen. Nicht
selten sind auch Onkel und Neffe homosexuell.
So gab es in Trouville einen homosexuellen SchieCbudenbesitzer,
der zwei erwachsene homosexuelle Sohne hatte. AUe drei wufiten
voneinander. In einem urnischon Absteigequartier Berlins spielte sich
im letzten Sommer der folgende Vorgang ab. Ein alterer Auslander
fuhr eines Vormittags dort vor, um seinen Besuch fiir den Abend an-
zumelden. Er befande sich mit seiner Familie auf einige Tage in
Berlin und hatte sich unter allerlei Vorwanden fiir den Abend frei-
gemacht. Der Wirt versprach fiir die bestimmte Zeit ein Zimmer
zu reservieren und teilte dem ihm bereits seit langem bekannten
und geschatzten Kunden mit, er wiirde ihm heute jemand vorstellen,
von dem er glaube, daC er dem Geschmack des Herrn ganz besonders
gut entsprache, einen jungen, eleganten Mann, Anfang der Zwanzig,
der Herren mit Vollbart liebe, keine Geldsache ; dieser hatte sich
schon diesen Morgen vor 7 Uhr friih ebenfalls etwas fiir den Abend
bestellt. In gespannter Erwartung betritt der Fremde das Haus, an
der "VVohnungstiir raunt ihm der Wirt zu. dali der junge Herr — auch
ein Auslander — schon da sei. Wer aber beschreibt sein Erstaunen
und Entsetzen, als in dem Jiingling, „der alt liebt", ihm sein eigener
ebenso ahnungsloser Sohn entgegentritt.
Bei einem alteren Uranier in Miinchen sprach eines Tages ein
Herr aus einer kleinen Sbadt vor. Er kam auf Empfehlung eines
i«) Moll, Kontr. Sex. pag. 153.
Hirschfeld, Homosexuaiitflt. 2 1
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geineinsameii Freundes aiis der Provinz. Ais im Verlaufe der Untei*-
haltung der alte Mann zu dem Besucher, der ihm gefiel, zaxtlich
wurde, bemerkte dieser, sich straubend: „Ich hatte Sie mir nach der
8childerung meines Freundes viel jiinger verges tellt." „Ach," meinte
der Miinchener, „dann gilt die Empfehlung gewiB meinem Sohne, der
ist auch so, aber leider verreist."
Eine homosexuelle Dame, welche mit einer sehr virilen tJrninde
im f eaten Verhaltnis lebt, hat einen 19 jahrigen Sohn, der sich ftLr
einen Uming halt, imd es allem Anschein nach auch ist. Die Mutter dieser
Dame war zweifellos ebenfalls homosexuell. Ihr etwas femininer, aber
nicht homosexueller Gatte, Kunstler von Beruf, nimmt an der ihm
bekannien Homosexualitat seiner Frau keinen AnstoB, nennt ihre
Freundin sogar seine Schwagerin.
XI. DalJ die Homosexualitat in der Organisation des
genus humanum belegen ist, findet auiJerdem eine Bestatigung in
ihrer gleichmaBigen Verbreitung in alien Jahrhunderten, unter
alien Himmelsstrichen, bei alien Volkern, unter alien Beruf en
und innerhalb aller Kulturstufen. Ja, es scheint bei alien
getrenntgesehlechtlichen Lebewesen, auch im Tierreich und Pflan-
zenreich, stets eineGruppe von Einzelwesen zu geben, die nicht
von andersgeschlechtlichen, sondern von gleichgeschlechtlichen
Partnern angezogen werden.
Schopenhauer, der im ubrigen den Ursachen und dem Wesen
der Homosexualitat ein fiir seinen so groBen Geist erstaimlich ge-
ringes Verstandnis entgegengebracht hat, legte auf diese Ubiquitat
besonderen Nachdruck, um zu beweisen, „daB sie irgendwie aus der
menschlichen Natur selbst hervorgehen miisse". Wir geben diese
Stelle, welche sich in dem „Metaphysik der Geschlechtsliebe" iiber-
schriebenen Abschnitt von der „Welt als Wille und Vorstellung"
findet, im Wortlaut wieder. Sie lautet: „Auf Seite 620 habe ich der
Paderastie beilaufig erwahnt und sie als einen irre geleiteten In-
stinkt bezeichnet. Dies schien mir, als ich die zweite Auflage be-
arbeitete, geniigend. Seitdem hat wei teres Nachdenken iiber diese Ver-
irrung mich in derselben ein merkwiirdiges Problem,, jedoch auch
dessen Losung entdecken lassen. ... An sich selbst betrachtet nam-
lich stellt die Paderastie sich dar als eine nicht bloB widernaturliche,
sondern auch im hochsten Grade widerwartige und Abscheu erregende
Monstrositat, eine Handlung, auf welche allein eine vollig perverse,
verschrobene und entartete Menschennatur irgend einmal hatte ge-
raten konnen, und die sich hochstens in ganz vei*einzelten Fallen
wiederholt hatte. Wenden wir nun aber uns an die Erfah-
rung, so find en wir das Gegenteil hiervon: wir sehen
namlich dieses Laster, trotz seiner Abscheulichkeit, zu alien Zeiten
und in alien Landern der Welt vollig im Schwange und in liaufiger
Ausiibung. Allbekannt ist, daB dasselbe bei Griechen und Romern
allgemein verbreitet war, und ohne Scheu und Scham offentlich ein-
gestanden und getrieben wurde. Hiervon zeugen alle alten Schrift-
steller, mehr als zur Geniige. Zumal sind die Dichter samt und senders
voU da von : nicht einmal der keusche Virgil ist auszunehmen
(Eel. 2.). Sogar den Dichtern der Urzeit, dem Orpheus (den des-
halb die Manaden zerrissen) und dem Thamyris, ja, den Gottern
selbst, wird es angedichtet. Ebenfalls reden die Philosophen viel
mehr von dieser als von der Weiberliebe : besonders scheint P 1 a t o n
fast keine andere zu kennen und ebenso die Stoiker, welche sie als
des Weisen wiirdig erwahnen (S t o b. eel. eth., L. II, c. 7). Sogar
dem Sokrates riihmt Platen, im Symposion, es als eine bci-
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323
spiellose Heldentat nach, daB er den, sich ihm dazu anbietenden
^Mbiades verscnmS>ht habe. In Xenophons Memorabilien spricht
Sokrates von der Paderastie als einer untadelhaf ten, sogar lobens-
werten Sache (Stob. Flor., Vol. 1, p. 67). Ebenso in den Memo-
rabilien (Lib. I. cap. 3. § 8\ woselost Sokrates vor den Ge-
fahren der Liebe wamt, spricht er so ausschliefilicb von der Knaben-
liebe, daB man denken soUte, es gabe gar keine Weiber. Auch Ari-
stoteles (Pol. II., 9), spricht von der Paderastie als etwas Ge-
wohnlichem, ohne sie zu tadeln, fiihrt an, daB sie bei den Kelten in
offentjichen Ehren gestanden habe, und bei den Kretem die Gesetze
sie begiinstigt batten, als Mittel gegen tJbervolkerung, erzahlt (c. 10)
die Mannernebschaf t des Gesetzgebers Philolaos usw. Cicero
sagt sogar: Apud Graecos opprobrio fuit adolescentibus, si amatores
non haberent. Fiir ^elehrte Iieser bedarf es hier uberh^fupt keiner Be-
lege: sie erinnem sich derer zu Hunderten: denn bei aen Alten ist
alles voll davon. Aber selbst bei den roheren Volketn, namentlich
bei den Galliern, war das Laster sehr im Schwange. Wendon wir
uns nach Asien, so sehen wir alle Lander dieses Weltteils, und zwar
von den friihesten Zeiten an bis zur gegenwartigen herab, von dem
Laster erfiillt, und zwar ebenfalls, ohne es sonderlich zu verhehlen:
Hindu und Chinesen nicht weniger als die islamitischen Volker, deren
Dichter wir ebenfalls viel mehr mit der Knaben- als mit der Weiber-
liebe beschaftigt finden; wie denn z. £. im Gulistan des Sadi das
Buch „von der Liebe" ausschlieBlich von jener redet. Auch den
Hebra^m war dieses Laster nicht unbekannt, da Altes imd Neues
Testament desselben als strafbar erwahnen. Im christlichen Europa
endlich hat Religion, Gesetzgebung und offentliche Meinung ihm mit
aller Macht entgegenarbeiten mussen: im Mittelalter stand iiberall
Todesstrafe darauf, in Frankreich noch im 16. Jahrhundert der Feuer-
tod, und in Englaind wurde noch wahrend des ersten Drittels dieses
Jahrhunderts die Todesstrafe unnachlaBlich voUzogen; ietzt ist es
Deportation auf Lebenszeit. So gewaltiger MaBregeln also bedurfte
es, um dem Laster Einhalt zu tun; was denn zwar in bedeutendem
MaBo gelungen ist, jedoch keineswegs bis zur Ausrottung desselben;
sondern es sohleicht unter dem Schleier des tief-
sten Geheimnisses allzeit und uberall umher, in
alien Landern und unter alien Standen, und kommt, oft wo
man es am wenigsten erwartete, plotzlich zutage. Auch ist es in den
fruheren Jahrhunderten, trotz alien Todesstrafen, nicht anders damit
gewesen; dies bezeugen die Erwahnungen desselben und Anspieliingen
darauf in den Schriften aus alien jenen Zeiten. — Wenn wir nnn alles
dieses uns vergegenwartigen und wohl erwagen; so sehen wir die
Paderastie zu alien Zeiten und in alien Landern auf eine Weise auf-
treten, die gar weit entfernt ist von der, welche wir zuerst, als wir
sie bloB an sich selbst betrachteten, also a priori, vorausgesetzt
hatten. Namlich die ganzliche Allgemeinheit und be-
harrliche Unausr ot tbar kei t der Sache beweist, daB
sie irgendwie aus der menschlichen Natur selbst her-
V o r ^ e h t ; da sie nur aus diesem Grunde jederzeit und iiberall unaus-
bleiblich auftreten kann als Beleg zu dem naturam expelles furca.,
tamen usque recurret. Dieser Folgerung konnen wir daher uns schlech-
terdings nicht entziehen, wenn wir redlich verfahren woUen. 0ber
diesen Tatbestand aber hinwegzugehen und es beim Schelten und
Schimpfen auf das Laster bewenden zu lassen, ware freilich leicht,
ist jedoch nicht meine Art mit den Problemen fertig zu werden; son-
dern meinem angeborenen Berufe, iiberall der Wahrheit nachzuforschen
und den Dingen auf den Grund zu kommen, auch hier getreu, .,er-
kenne ich zuerst das sich darstellende und zu erklarende rhanomen,
nebst der unvermeidlichen Folgerung daraus, an. DaB nun aber etwas
so von Grund aus Naturwidriges, ja, der Natur gerade in ihrem wich-
21 ♦
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324
tigsteu unci angelegensten Zwecke Entgegentretendes aus der Natur
selbst hervorgehen sollte, ist ein so unerhortes Paradoxon, daB dessen
Erklarung sich als ein schweres Problem darstellt, welches ich je-
docli jetzt, durch Aufdeckung des ihm zugrunde liegenden Natur-
geheimnisses, losen werde."
In wie unzureichender Weise Schopenhauer diese Lo-
sung gelang, werden wir weiter unten sehen.
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ACHTZEHNTES KAPITEL.
Griinde gegen das Angeborensein der Homosexualit&t
Der letzte Beweis flir das Angeborensein der Homosexuali-
tat ist per exclusionem zu erbringen. S&mtliche Griinde, die
von den Autoren, welche annehmen, daJJ heterosexuelle
Menschen die Homosexualit^t erwerben konnen, als Ent*
stehungsursache der veranderten Triebrichtung angegeben wer-
den, erweisen sich an Hand ausreichenden Beabachtungs-
materials als nicht stichhaltig. Es sind gegen 100 verschiedene
Motive, auf die in einer sehr umfangreiclien Literatur die
Homosexualit&t zurtickgeftihrt worden ist. Keiner dieser Griinde
halt aber einer sorgsamen Nadhprlifung stand, so daB eine
unvoreingenommene Untersnchung dieser angeblidh so ausschlag-
gebenden Faktoren zu dem Ergebnis fiihren muB, dafl eohte
Homosexualitat nicht dnrch ^ufiere Momente erworben werden
kann, sondem stets eine absolut endogene, aus-
schlieBlieh in der angeborenen Konstitution be-
grtindete, mit der Individualit&t eines Menschen
untrennbar und unabanderlich verknii'pfte
Eigenschaft ist.
Bereits in meinem ersten Schriftchen, das ich dem Gegenstande
der Homosexualitat widmete i), bemerkte ich g^enuber K r a f f t -
E b i n g : „Deshalb sind wir im Gegensatz zu Frhr. v. Krafft-
E b i n g , dem auf diesem Gebiet so hochverdienten Autor, der Mei-
nimg, daB es Falle erworbener kontrarer Sexual empfindung nicht
gibt." — „Das BewuCtwerden eines Triebs darf nicht mit seinem
Auftreten verwechselt werden. Es gibt allerdings viele Manner und
Fj*auen, denen erst nach ihrer Verheiratung klar wurde, daB sie
eigentlich zum eigenen Geschlecht empfanden. Selbst K r a f f t -
Ebing hebt hervor, daB ohne das pradisponierende Moment der
Belastung weder Onanie noch eine beliebige andere Ursache jemals
zu kontrarer Sexualempfindung fiihren konne. Er gibt damit zu,
daB der angeborene Faktor unentbehrlich ist. Es ware daher
am besten, man lieBe den Unterschied zwischen an-
*) Sappho und Sokrates. Wie erklart sich die Liebe der
Manner una Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Von Dr.
Magnus Hirschfeld. Leipzig 1896, pag. 20f.
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326
geborener und erworbener kontrarer Sex ual e m pf i n -
dung, wie ihn ein Autor vom anderen ubernimmt, vollkommen
fallen. Das „Erwerben" ist lediglich ein Manifest werden, ein Er-
wachen des Triebs ganz analog den Umstanden, die zu AuBerungen des
normalen Triebs fiihren. Die meisten wiirden, wenn sie konnten,
hier freilich lieber G o e t h e s Rat :
Was du e r e r b t von deinen Vatern hast,
E r w i r b es, um es zu besitzen,
unbefolgt lassen."
Es ist nunmehr unsere Aufgabe, im einzelnen die Grunde
diirchzugehen, fwelche von den Anhangern der Erwerbstheorie
angefiihrt worden sind. I wan B loch hat das groUe Ver-
dienst, in einer seiner giiindlichen Arbeiten^) allein liber 1B0
,,occasionelle Momente'' zusammengestellt zu haben, aus denen
nach einer friiher allgemein verbreiteten und auch jetzt noch
keineswegs erloschenen Ansicht „die gleichgeschlechtliche Liebe
ohne jede originare Anlage entspringen kann'\ Das Un-
zureichende fast aller dieser Motive geht daraus hervor, daQ
es wohl iiberhaupt keinen Menschen gibt, der nicht im Leben
einem oder mehreren der genannten Faktoren nachdrticklichst
und wiederholt ausgesetzt war. Tatsachlich wird von diesen
aber nur ein kleiner Teil homosexuell. Der Grand hierftir kann
nur in der verschieden gearteten Psyche der Be-
teiligten gefunden werden, nur die unterschiedliohe Konsti-
tution kann bewirken, daB sich Menschen denselben Umstanden
gegeniiber so unterschiedlich verhalten. Deshalb ist das
Wesentliche die angeborene Beschaf f enheit. G^-
rade dafi diese auBeren Eindriicke mit solcher Leichtdgkeit
Homosexualit&t erzeugen, beweist, eines wie geringen AnstoQes
es bedarf, den vorhandenen Trieb zu erregen.
Es entspricht vollkommen den Tatsachen, wenn R. Loewen-
feld') sagt: „Unter alien den okkasionellen Schadlichkeiten, die
nach den bisherigen Ermittelungen fiir die Ablenkung des Geschlechts-
triebes in die homosexuelle Bahn in Betracht kommen konnen, findet
sich keine einzige, die mit RegelmaBigkeit die Inversion nach
sich zieht. Den gleichen Schadlichkeiten sind zahlreiche Individuen
im Laufe ihres Lebens ausgesetzt gewesen, deren Geschlechtstrieb
den heterosexuellen Charakter bewahrt hat. Auch bei hereditar neuro-
pathisch veranlagten Personen konnen die fraglichen Schadlichkeiten
ohne EinfluB auf die Richtung des Sexualtriebes bleiben." Es gibt
nach £ 1 o c h s „Atiologie der Psychopathia sexuaHs" *) fast nichts,
was nicht schon als Entstehungsursache der Homosexualitat in Be-
tracht gezogen wurde. Unter den Dingen, die durch ihre Einwir-
kung Homosexualitat erzeugen sollten, befinden sich vielfach die voll-
2) I wan Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia sexu-
alis. Dresden 1903.
') Loewenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, pag. 18 f.
*) Die hinter den Griinden eingeklammerten Seitenzahlen beziehen
sich auf Blochs „ Beitrage zur Atiologie d. Psych, sex."
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327
kommensten Gegensatze. So wird als Ursache der Homosezualitat
angefuhrb bald zu heiBes (Bd. L S. 21 und 174) bald zu rauhejS
(S. 33) •Klima, Askese (S. 97) und tJbersattigung (S. 67, 221), Ebe-
losigkeit (S. 61) und Vielweiberei (S. 170), Jugend (S. 52) und
Greisenalter (S. 53), mangelnder (S. 38) und iibermafiiger (S. 68)
Geschlechtstrieb, Verehrung (S. 74) und Veracbtung (S. 96) der
Korperschonheit, Anblick des bekleideten (S. 141) und des nackten
Korpers (S. 186, 221), Leben in Arbeiterwobnungen (S. 179) und bei
Hofe (S. 179), in Fabriken (S. 184) und auf dem Lande (S. 51).
SadgerS) erklart einmal, dafi „die regelmaBig zu findende Atiologie
der passiven Paderastie" — das haufige Klistiertwerden durcb die
Mutter sei.
Als weitere atiologisobe Momente, welche bei normalsexuellen
gesunden Menschen zur Homos ex ualitat fiihren konnten, werden Be-
rufe angegeben, die mebr dem weiblicben Charakter entsprecben wie
die der Koche, Friseure, Damenschneider, Damenkomiker (S. 65), sehr.
lebhafte oder irregeleitete Pbantasie (S. 70), besonders beim Kiinst-
ler (^S. 74), religioser Affektzustand (S. 78 ff.), Abnormitaten der
Genitalien (S. 126), iibermaBige Kleinheit des membrum virile, abnorme
Weite Oder Kiirze der Vagina (S. 172), Gonorrhoe (S. 127), Kastraten-
und Eunuchentum (S. 128), korperlicber Hermaphroditismus (S. 130),
Onanie (S. 132), chronischer Alkoholismus (S. 137), OpiumgenuJJ
(S. 138), Hasohischgebrauch (S. 138), Effemination in Tracht und
Sitte (S. 161), Bediirfnis nach Variation in den sexuellen Beziehungen,
welches sicb zum geschlechtlichen Reizhunger steigem kann (S. 166),
Wustlingtum, Don-Juanismus, MiiBiggang imd Blasiertheit (S. 171),
Verfiihrung, besonders duroh Aufsicntspersonen (S. 174) und in Bor-
dellen (S. 177), sowie durch andere Urninge (S. 238), Zusammen-
wohnen gleichgeschlechtlicher Personen in Kasernen (S. 179), Schulen
Pensionaten (8. 180), Kadettenbausern, Harems (S. 182), Moncbs-
und Nonnenklostern, Gefangnissen (S. 183), groBen Hotels (S. 184)
und Theatern (S. 185), die offentlichen Bediirfnisanstalten !(S. 185),
der Anblick tierischer Geschlecbtsakte, sowie das intime Zusammen-
leben mit Tieren (S. 186), die erotische und obszone Literatur (S. 186),
.,auch nichb obszone Werke wie die Bibel und die Schriften der
Kirchenvater" (S. 189), der Anblick geschlechtlich erregender Kunst-
werke (S. 200), die Betrachtunjg des eigenen Spiegelbildes (S. 201),
obszone Photographien (S. 202 ft.) und Bilder (S. 202), obszone Tato-
wierungeu (S. 210), ferner Besuch von Museen mit antiken und
modemen Statuen, noch mehr aber der anatomischen Museen mit
piastischen Nachbildungen mannlicher und weiblicher Geschlecbts-
teile (S. 210), sowie der offentlichen Kunstausstellungen (S. 212),
auch Balletts, Tanze, gewisse Darbietungen im Zirkus, Spezialitaten-
theater, lebende Bilder, Poses plastiques heroischer oder idyllischer
Natur, sowie der Anblick von Mannern in Damen- und Madchen in
Mannerkleidem (S. 214), weiterhin die zufallige Beobachtung mann-
licher Genitalien, z. B. des vaterlichen Membrums (S. 2*21), eigene
abstoBende HaBlichkeit (S. 222), Furcht vor venerischen Leiden
(S. 223), abnorme Beschaffenheit der Analgegend (S. 224), Analmastur-
bation (S. 224), Flagellation der Analgegend (S. 227), Annahme mann-
licher Lebensfuhrung, namentlich bei Prostituierten (S. 232), umge-
kehrt weibliche Angewohnheiten bei Mannern (S. 233), die Mysogynie
des Lebemannes (S. 235), die mannliche Prostitution (S. 241). Als be-
soudere Ursachen der weiblicben Homosexualitat werden angefiihrt
die „mutuelle Masturbation der Clitoris cum digito et lingua" (S. 244),
„tJberdruB am Manne, Widerwillen gegen den Verkehr mit dem
Manne" (S. 244 und 245), der Wunsch mancher Manner, besonders
») „Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen". Von Dr.
J. Sadger, Jahrb. f. sex. Zw., fX. Jahrg. 1908, 341 ff.
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328
der voyeurs (S. 247) und endlich die „moderne Frauenbewegung, die
das Weib auf sich allein stellt und mannlich empfindende Cha-
raktere zuchtet" (S. 248).
Der Beweis, daU diese „auBeren occasionellen Momente**
tinmoglich fiir die Entsteliung der Homosexualitat gen'ugen
konnen, ist leicM zu erbringen. Man kann die aufgeftilirten
Erwerbsmoglichkeiten in vier Gruppen teilen.
In der e r s t e n Abteilung sind die zahlreidhen Dinge
unterzubringen, die viel zu allgemein verbreitet sind, um iiber-
haupt aLs einigermaBen voUgiiltiger Grund in Frage kommen
zu konnen. Da Millionen und aber Millionen Menschen
tierische Geschlechtsakte erblicken oder eine Bediirfnisanstalt
benutzen, von diesen aber nur ein sehr geringer Brudhteil homo-
sexuell oder tisexuell eind, so kann nach alien Gesetzen der
Logik hier unmoglicjih' ein Kausalnexus statuiert werden. Wenn
von den vielen, die im heiOen oder rauhen KUma, in Arbe;iter-
wohnungen oder bei Hole leben, die eine sehr lebhafte Phantasie
oder ein sehr I'eligioses Gemlit besitzen, die offentlidie Kunst-
ausstellungen oder Museen aufsuchen, in Sdhulen oder Pen-
sionaten zusammenwohnen, sicih nackt im Spiegel erblickt haben
oder onanieren, nur ein ganz verschwindend kleiner Prozent-
satz Urninge werden, so miissen die genannten Umstande im
Verhaltnis zu einer anderen Kausalitat, die den Ausscihlag gibt,
als irrelevant erachtet werden.
Zu der z w e i t e n Gruppe gehoren die nicht weniger zahl-
reichen Momente, bei denen die Verwechselung von Ursache
und Wirkung unv^rkennbar ist. Nicht aus der Ehelosigkeit oder
Impotenz eines Menschen entsteht seine gleichgeschlechtliche
Neigung, sondern diese hat seine Ehelosigkeit zur Folge, ebenso
ist der Widerwillen der Frau vor dem Manne nicJit die Ursache,
sondern eine Wirkung ijirer homosexuellen Natur. Auch be-
dingt nicht die weibliche Kleidung eine Umgestaltung des
inneren Mensc^hen, sondern der innere Mensdi verschafft sich
die Kleidung, die ihm zusagt. Die Ursache des Charakters liegt
nicht in der Tracht, sondern die Ursache der Tracht im Cha-
rakter des Menschen. Ebenso ist es mit dem Beruf. Der Urning
wird nicht feminin, weil er Frauenrollen spielt, sondern, weil
er feminin ist, bevorzugt er Frauenrollen. An homosexuellen
Kunst- und Literaturwerken wird nur derjenige Interesse
nehmen, der daflir empfanglioh ist. Dem Normalsexuellen wird
ein urnischer Roman gleichgtiltig oder abstoBend sein. Wer
k.*ine Jlinglingsphotographien liebt, wird sich auch keine kaufen.
Die dritte Rubrik endlich umfaBt jene Hypothesen, die
ganzlich eine Kenntnis des Homosexuellen vermissen lassen.
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Wer auch nur 200 Homosexuelle untersucht hat, kann nicht
schreiben, daB Abnormitaten der Genitalien, abnorme Be-
schaffenheit der Analgegend, abstoBende HaBlichkeit oder chro-
niseher Alkoholismus zur Homosexualitat fiihren. Es entspricht
einfach nicht den Tatsachen, daB der Durchschnitt der Homo-
sexuellen haBlicher, trunksiichtiger oder im hoheren MaBe mit
Genitalanomalien behaftet ist wie der Durchschnitt der Normal-
sexuellen.
In einer vierten Gruppe handelt es sich um Verwechse-
lungen der homosexuellen Triebrichtung mit Onanie oder
Pseudohoraosexualitat. So soheint eine zu weitgehende Absper-
rung der Geschlechter, wie sie namentlich bei den islami-
tischen Volkern liblich ist, in der Tat sowohl unter ien ledigen
Mannern, als den im Harem abgesonderten Frauen homosexuelle
Praktiken zu befordern, die aber, wie wir in dem Kajjitel
,yDifferentialdiagnose*' eingehend auseinandersetzten, fiir die
kontrare Sexualemp fin dung keine Beweiskraft haben.
Einigc der angegebenen Griinde beruhen auch auf doppeltem Fehl-
schluB. So sind die Anhangerinnen der Frauenbewegung im Verhaltnis
zu der Menge urnischer Frauen viel zu ^zahlreicn, als daB dieser
Emanzipationskampf einen ausreichenden Erklarungsgrund fiir gleich-
geschlechtliches Empfinden abgeben konnte, anderseits besitzen aller-
dings gerade homosexuelle Frauen oft Eigenschaften, die sie zu Vor-
kampferinnen fiir die Rechte der Frau im allgemeinen befahigen.
Wir woUen eine besondere Aufmerksamkeit nun noch den-
jenigen Grtinden zuwenden, von denen am haufigsten ange-
nommen wurde, daB durch sie Homosexualitat entstehen kann.
Da ist eine der am m!eisten angefiihrten Ursachen: tlber-
sattigung durch heterosexuellen Verkehr ; durch ausschwei-
fende Betatigung seien Manner der Frauen oder Frauen der
Manner iiberdrlissig geworden und hatten sich „uberreizt" dem
gleichen Geschlecht zugewandt, eine Vorstellung, wie sie ja
auch in den zitierten Bibelstellen zura Ausdruck gelangt.
Auch unter Arzten und Juristen ist diese Anschauung weit ver-
breitet. So meint Wollenberg''), daB die Homosexualitat in den
meist^n Fallen als das Endprodukt eines lasterhaften Geschlechts-
lebens betrachtet warden miisse. Und W a c h e n f e 1 d s) sagt : „Den
Verkehr mit dem gleichen Geschlecht als einen spezifisch starkeren
Reiz sucht der Rou6, der nach Durchkostung aller naturlichen
und unnaturlichen Geniisse am Weibe iibersattigt ist". Auch Ham-
mer, der sich viel mit der Homosexualitat der weiblichen Prosti-
tuiert.en beschaftigt hat, auflert sich dahin^), dai3 „Enthaltsamkeit
^) W o 1 1 e n b e r g. Cber die Grenzen der strafrechtlichen Zu-
rechuungsfahigkeit bei psychischen Krankheitszustanden, im Neuro-
logischen Zentralblatt 1899. Nr. 9.
®) "VV a o h e n f e 1 d in Goltidammers Archiv.
*) Hammer, Die Tribadie Berlins.
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330
und Ausschweifung bei Willeasschwachen oft zu dem gleichen
Ende fiihren, zu einem Versinken in Gleichgeschlechtlichkeit".
Dr. Kathe Schirmacherio) schrieb, als nach dem Vor-
entwurf zu einem neuen deutschen RStrGB. der Homosexualitatpara-
graph auf das weibliche Geschleoht ausgedehnt werden sollte, fol-
gendes: „E8 Ribt besonders eine Kate^orie von Frauen, unter denen
gleicbgeschleontliche Beziehun^en haufiff sind, die Prostituierten. Aus
welchen Grunden laBt sich mit vier Worten sagen : Aus Ekel am
Manne. — Fiir ihren Verkehr mit dem Manne werden sie nun schon
in einer Weise gestnrft, die biirgerlichen Tod bedeutet. Sollen diese
Loiohen nun noch einmal totgeschlagen, soil auch noch der Verkehr
mit Frauen unter Strafe gestellt werden? Dann hat die Prostituierte
ja nicht in den eignen vier Wanden Ruhe, und das Gebiet der Will-
kiir verschlingt ihr letztes Refugium."
Es liegt ja in der Tat nahe zu vermuien, daU die unter
den Prostituierten verhaltnismaBig h&ufige Neigung zu gleich-
gescblechtliehen Liebesverhaltnissen durch CberdruB am Manne
entstanden sei. In Wirklichkeit liegt aber die Sache ganz andere,
und zwar im wesentlichen so, daU gewisse sozial und ethisch auf
tiefer Stufe stehende Urninden von vornherein durch die abso-
lute Gleichgultigkeit, mit der sie dem Manne gegentiberstehen,
mehr als mannliebende Frauen zu rein geschaftsmaUiger Hingabe
ihres KSrpers pr&destiniert sind. Wir werden in dem Abschnitt
iiber die Verbreitung der HomosexualitSt noch auf die auf den
ersten Blick so befremdliche Haufigkeit dieser Erscheinung unter
den weiblichen Prostituierten zurtickzukommen haben.
Ich habe mir grofle Mtihe gegeben, die Wtistlinge und Eoues,
die iibers&ttigten Frauen ausfindig zu machen, von denen es
heiBt, daB sie aus „Eaffinement** und Lasterhaftigkeit schlieB-
lich auf das eigene Geschlecht verfallen. Es ist mir nicht ge-
lungen. Unter der groBen Anzahl Homosexueller, die ich beob-
achtete, war nicht ein vom Weibe Obersattigter ; die meisten
batten nicht einmal vom Weibe gekostet, geschweige denn, daB
sie an ihm satt geworden waren. Zweifellos batten homosexuelle
Jlinglinge, die eine Vorliebe ftir altere Manner haben, solche
WQstlinge kennen lemen mtissen. Sie stellen ihr Vorkommen
entechieden in Abrede. Es mliBte nach Analogic dieser Lebe-
mfinner doch auch einmal ein homosexueller Lebemann — und
es gibt deren genug — aus Reizhunger auf das Weib ver-
fallen. Es ware darait vielleicht ein therapeutischer Weg ge-
geben, die Homosexuellen durch „t)bersattigung** zu heilen. Aber
es konunt nicht vor. Ich halte nach meinen Forschun^en diese
Wtistlingsp&derasten filr ebensolche Fabelwesen, wie die Hexen,
von deren Aussehen, Sitten und Gewohnheiten man zur Zeit der
10) „Der AboUtionist" 1. I. 1911.
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331
Bexenprozesse auch so ausftihrliche Schilderungen zu geben
wufite.
G r o 6 ^^) hat voUkommen recht, dafi ein solcher Umschlag der
Greschmacksrichtung auBer aller Logik und Wahrscheinlichkeit lie'gt.
Das Variationsbediurfnis hat wohl auf die Art der Betatieung einen
EinfluiJ, nichb aber auf die Neigung des Geschleohtstriebs an und
fur sich.
GroB**) bemerkt zutreffend weiter: „Der sogenannte sexuell
tJbersattigte ist nicht iibersattigt, sondern er empfindet nur, daB
von den zwei Wegen, die seiner Natur offen standen — dem hetero-
sexuellen und dem homosexuellen — der erstere fiir ihn nicht der
richtige war, und so gelangt er auf den zweiten Weg." Der Autor
fiihlt hier den Tatsachen entsprechend heraus, daB es namentlich
die Bisexuellen sind, die von vielen als Rou6s oder zum mindesten
als Menschen angesehen weirden, die willkiirlich das Weib verlassen.
Wenn iibrigens Hoc he und a;ndere Autoren betonen, daB Normal-
sexuelle aus „Reizhunger" und „Variationsbediirfnis" die Homosexu-
alitat erwerben konnen, so vergessen sie auseinanderzusetzen, worin
denu eigentlich dieser Reizhunger besteht. Es scheint fast, als ob
die Autoren bei dem Cbergang von einem Geschlecht zum andern
ausschlieBlich den analen Verkehr im Auge haben, der doch nur
eine, und zw^ relativ seltene homosexuelle Betatigungsform dar-
stellt. In der Tat geben altere Schriftsteller, und selbst noch M a n -
t e g a z z a , als einen Grund der Homosexualitat den geringeren Duroh-
messer des musculus sphincter ani gegenuber dem des sphincter cunni
an, 6hne zu bedenken, daB doch auch das a n d e r e Geschlecht iiber
einen analen SchlieBmuskel verfugt.
Ebenso scheint Hammer, wenn er einen der Grunde gleich-
geschlechtlicher Frauenliebe darin erblickt, daB „lingua pertinacior
pene" zu iibersehen, daB doch auch der Mann eine lingua besitzt.
An die Potenz, die doch bei den „Cberreizten*' meist herabgesetzt
ist, wdrde ubrigens die immissio membri in anum feminae aut viri
groBere Anforderungen stellen als der vaginale Verkehr; auch wiirde
sich durch diese Sphinkteren-Hypothese der auch fur die weibliche
Homosexualitat angenommene UberdruB am Manne in keiner Weise
erklaren lassen.
Havelock Ellis meint einmal, daB zwar nicht tJbersatti-
Oaber „getauschte Liebe zum andern Geschlecht" den kontraren
zur Folge haben kann. Diese Enttauschung sei stark genug,
um jemandem das ganze andere Geschlecht zu verleiden und seine
Neigung dem eigenen Geschlecht zuzufiihren. Er fiigt spater hinzu,
daB diese Enttauschung in der normalen Liebe ebenso wie die Ver-
fiihrung „in den moisten Fallen eine entwicklungsfahige organische
Anlage, auf welche sie wirken konnen", voraussetzen. Sollte es hier
nicht heiBen in alien Fallen, und sollte nicht die organische Homo-
sexualitat von vornherein das ursachliche, wenn auch unbewuBte
Motiv der „Enttauschung am andern Geschlecht" sein?
Wahrend friiher mehr Aussehweifungen ftir das Entstehen
der Homosexualiatt verantwortlich gemacht wurden, hat man
neuerdings ofter das Gegenteil behauptet, namlich daB geechlecht-
liche Enthaltung „auch den von GeWrt Normalsexuellen"
zur Homosexualitat treiben konne, und zwar nicht nur zu Surro-
") GroB: Archiv f. Kriminalanthropologie. 10. Band. 1. und
2. Heft, p. 195.
") A. a. O.
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332
gathandliingen, sondern auch zu „aquivalenten** Handlungen,
d. h. es konne ausschlieBlich durch die Abstinenz der normal-
sexuelle Trieb in einen kontrarsexuellen umgewandelt werden.
Vor allem hat Max Marcuse diesen Standpunkt vertreten
und sich dabei auf Schreack-Notzing, Tarnowsky u. a.
berufen. Wir erwahnten schon, daB auch Hammer neben der Aus-
schweifung ausdriicklich die Enthaltsamkeit als Ursache der <weib-
lichen Homosexualitat auffiihrt und mit Rutgers glaubt, daB „die
Abstinenz nicht selten auch dort zu kontraren Sexualempfindungeu
fiihre, wo diese nicht angeboren war" ^^). Ebenso meint L e h i e n i*),
dafl Homosexualitat nicht selten eine Folge keuschen Lebens sei.
So sehr wir beziiglich der gesundheitlichen Nachteile der Absti-
nenz im allgemeinen mit Max Marcuse iibereinstimmen, so wenig
scheint un? der Nachweis erbracht, daB w i r k 1 i c h e Homosexualitat
aus geschlechtlicher Enthaltung hervorgehen kann. DaB Manner und
Frauen, die aus irgendeinem Grunde gezwungen sind, langere Zeit
des heterosexuellen Verkehrs zu entbehren, „faute de mieux" sich
gelegentlich zu gleichgeschlechtlichen Praktiken bereit finden, nament-
lich, wenn sie von Homosexuellen dazu animiert werden, ist richtig;
es sind das aber nichts anderes als onanistische Manipulationen, die
ja, mutuell vorgenommen, allerdings auBerlich Homosexualitat vor-
tauschen konnen. Die Erfahrung zeigt aber, daB solche Heterosexu-
elle sofort wieder den homosexuellen Verkehr aufgeben, sobald sich
ihnen die Gelegenheit bietet, in der ihnen adaquaten Weise zu ver-
kehren. Sehr richtig bemerkt daher Rohlederi*): „Infolge sexu-
eller Abstinenz wird homosexueller Verkehr, deficiente coitu normali,
wohl oft gepflogen, und zwar in den verschiedensten Formen, aber es
sind nur homosexuelle Akte. Homosexuelles Fiihlen, kontrare Sexual-
empfindung wird dadurch nicht hervorgebracht."
Vielf ach hat man behauptet, daB die O n a n i e , und zwar
so wohl die solitare als auch die wechselseitige, bei beiden Ge-
schleehtem Homosexualitat erzeugen kann.
Um von vielen nur zwei Autoren anzufiihren, so behauptet
Schimmelbusch-Hochdahl in einem Vortrage, den er auf der
Hamburger Naturforscherversammlung 1902 1^) iiber das Thema: „Der
Grundirrtum in von Krafft-Ebings Psychopath ia sexualis histo-
riscli und philosophisch betrachtet", hielt, daB „perverses Sexual-
empfinden, welches der regsame Forscher Ulrichs „Urningtum" ge-
nannt, nicht als angeboren, sondern als durch Masturbation e r-
w o r b e n zu betrachten sei."
Und Braunschweig schreibt i^) : ,,DaB die Onanie ein ganz
auBerordentliches Diingemittel zur Forderung urnischer Liebhabereien
ist, steht fest. Weitaus die meisten Onanisten haben sich in eine
Aversion gegen das Weib hineingelebt. Umgekehrt wiederholt sich
dasselbo Bild bei den weiblichen Onanisten."
^3) Zitiert nach M. Marcuse, Die Gefahren der sexuellen Ab-
stinenz fiir die Gesundheit, Leipzig 1910, pag. 86.
^*) L e h i e n , Dr. H., Geschlechtsleben und Ehe.
1-^) R o h 1 e d c r , Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb und Ge-
schlechtsleben des Menschen, Berlin 1907, p. 371.
^*) Referat in der Miinchener Medizinischen Wochenschrift, No.
47, 1902. Eine griindliche Widerlegung des Schimmelbuschschen Vor-
trags findet sich im Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. IV, pag.
964 ff.
") 1. c. p. 30.
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333
Wie oberflachlioh dieser Autor allerdings das ganze Problem er-
fafifc, geht deutlich aus einer Bemerkung hervor, die sich an einer
spateren Stelle i*) derselben Schrif t findet, wo es heiCt : „Homo-
sexualitat ist ja schlieBlich Onanie zu Zweien."
Namentlich hat man geglaubt, daB die in Internaten, Knaben-
und Madchen-Pensionaten, Kadetten-, Waisen- und anderen Erzie-
hungsanstalten so weit verbreitete mutuelle Masturbation eine haufige
Ursachc der Horn osexuali tat abgabe. In der Tat gibt es manche hocli-
beriihmte Schulen besonders in Deutschland und England, aus denen
zuverlassige Gewahrsmanner iibereinstimmend berichten, daB in ihnen
seit alters her mutuelle Onanie epidemisch sei. Ich selbst besitze
eine groBero Reihe hierhergehoriger Berichte i^). Aber gerade diese
ausgedehnte Verbreitung beweist schlagend, daB der Onanie eine ent-
scheidende Bedeutung fur die Entstenung der Homosexualitat nicht
inne wohnen kann. Wenn beispielsweise von 120 Waisenknaben, die
unter gleichen Verbal tnissen erzogen fast ausnahmslos masturbierten,
nachweislich nur einer homosexuell geworden ist, wenn unter 100
Menschen 98 Onanisten sind, und unter diesen sich spater. nur einer
als dauernd homosexuell herausstellt, 2 als bisexuell, 96 als vollig
heterosexuell, so werden wir unmoglich die Onanie als ausreichenden
Grund homosexueller Triebrichtung ansehen konnen. Unter den vielen
mannlichen und weiblichen Personen, die mich wegen Befreiung von
Onanie um Rat fragten, befand sich nicht eine, deren seelische Trieb-
richtung infolge der Masturbation eine Anderung erfahren hatte. Die
heterosexuelle Mehrzahl blieb heterosexuell, die homosexuelle Minder-
zahl homosexuell. Auch die Phantasie-Vorstellungen hatten, soweit
vorhanden, gleichbleibend entweder homosexuellen oder hetero-
sexuellen Inhalt. Richtig ist, daB im allgemeinen Homosexuelle die
Masturbation noch in einem Alter betreiben, in dem sie bei Hetero-
sexuellen bereits dem Geschlechtsverkehr mit dem andern Geschlecht
Platz gemacht hat. Vielfach geschieht dies aus prophylaktisclien
Griinden. So suchte mich einmal ein holierer protestantischer Geist-
licher auf, der mitteilte, daB er seit seinem 20. Jahre — er war 54
— taglich zwei- bis dreimal mit homosexuellen Vorstellungen onaniere,
um sich vor Anfechtungen zu schiitzen, die ihm gefahrlich werden
konnten.
Man hab sich geauBert, daB Onanie dadurch Homosexualitat er-
zeuge, weil sie die Willens^kraft des Onanisten derartig schwache,
„daB er den Mut verlore, sich an Weiber zu wenden, und daher Manner
angehe.*' Als ob, wie Meisner ganz richtig einem Geistlichen, der
diesen Standpunkt vertrat, entgegenhielt, unter heutigen Verhaltnissen
nicht mehr Mut dazu gehore ein mannliches als ein weibliches
Wesen (beispielsweise eine Prostituierte) um Geschlechtsverkehr „an-
zugehn." Es seien zu diesem Punkte noch die Ansichten zweier
Autoren angefiihrt, von denen der eine der Masturbation, der andere der
kontraren Sexualempfindung eine besondere Monographic gewidmet
hat. Rohleder, der Verfasser von „Die Masturbation" ^o)^ betont,
daB die Onanie wohl als eine Folgeerscheinung der kontraren Sexual-
empfindung anzusehen sei, daB aber von einer Entwicklung der
letzteren aus der Onanie nicht die Rede sein konne, und Moll
meint: „Ganz entschieden muB ich die Annahme einiger zuriickvveisen,
daB Onanie die Ursache des perversen Triebes sei. Es ist dies
18) 1. c. p. 54.
13) Ein solcher ist veroffentlicht in Hirschfeld, Dor urnisclie
Mensch, Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. V, pag. 28 ff.
20) Dr. med. Hermann Rohleder, Die Masturbation, eine
Monographic fiir Arzte und Padagogen. Berlin 1899. Seito Co und 287.
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eine falsche Auffassung, bei der Ursache und Wirkung verwechselt
werden; es sind eben sehr viele Uminge gezwungen zu onanieren,
well ihnen eine andere Art der Befriedigung fehlt.*^
Um Onanie, nicht una Homosexualitat handelt es sich] oft
auch bei einer anderen Atiologie, die vielfach zur Begrilndung
der Homosexualitat hierangezogen wird, bei der Verfiih-
rung.
Ich mochte bei diesem in mehr als einer Hinsicht wichtigen
Punkte auf die Ausfiihrungen verweisen, die ich in H. GroB' Archiv 2')
gegeben habe. Es heifit dort : „ Auf die Gefahr der Verfiihrung
wird in den Motiven des Vorentwurfs ebenfalls hingewiesen. Da dieser
Grund auch von anderen Gegnern der Aufhebung des § 175 wiederholt
ins Treffen gefuhrt ist, scheint es besonders wichtig, genau zu unter-
suchen, inwieweit er zutreffend und inwieweit er hinfallig ist. Von
einer Verfiihrung zur eigentlichen Homosexualitat sprechen die Motive
des Vorentwurfs nicht, offenbar, weil sie ja iiberhaupt in Abrede
stellen, daB es homosexuell empfindende Menschen gibt, sondem an-
nehmen, daB alle Menschen, die homosexuelle Akte begehen, Ver-
brecher sind. die, wenn sie nur den ernsten Willen hatten,
genau so ^t wie die Mehrzahl anderer Menschen anstatt mit dem
eigeneiL mit dem anderen Geschlecht verkehren k o n n t e n. DaB
normalsexuelle Menschen sich gelegentlich homosexuell betatigen, ist
unbedingt zuzugeben. Es ist su>er vollig unrichtig, anzunehmen« daB
sie dadurch homosexuell werden. Die Handlung, die sie mit einem
Homosexuellen vornehmen, ist in solchen Fallen der Onanie gleich-
zustellen und auch als solche zu beurteilen. Sowie die Gelegenheit
vorhanden ist, wird stets der ihnen eigentiimlichen Art der Betatigung
bei weitem der Vorzug gegeben. Es lieBen ^ich viele fiei-
spiele dafiir anfiihren, daB junge Manner und Madchen, die
zeitweilig zwischen dem 16. und 21. Jahre homosexuell verkehrten,
sich spater vollkommen normalsexuell verhielten. Um nur ein be-
kannteres, aber sehr typisches Beispiel anzufiihren, sei etwa auf den
Zeugen im Eulenburg -ProzeB, den Fischer Ernst verwiesen,
der beschwor, daB im Jiinglingsalter mit ihm homosexuelle Hand-
lungen vorgenommen worden seien, und der dennoch vollig hetero-
sexuell geblieben ist."
Es entspricht vollkommen meinen Erfahrungen, wenn Ellis und
S y m o n d s -*) sagen : „DaB ein Versuch der Verfiihrung, der manch-
mal nur ein plotzlicher und uniiberlegter Akt einer bloB sinnlichen Be-
friedigung ist, fiir sich allein einen Geschmack an kontraren Prak-
tiken hervorrufen soUte, ist hochst unwahrscheinlich ; in nicht abnorm
veranlagten Individuen wird er wahrscheinlich Widerwillen .hervor-
rufen, wie in dem Jugenderlebnisse J. J. Rousseaus."
V. Krafft-Ebing driickt seine analoge Auffassung in der
„Psych. sex." einmal so aus: „Es ist kein Fall nachzuweisen, in
welchem die Perversitat zur Perversion, zur Umkehr der Geschlechts-
empfindung geworden ware." Und auch Moll ,,m6chte es einstweilen
23) M. Hirschfeld. Kritik des § 250 und seiner Motive im
Vorentwurf zu einem Deutschen Strafgesetzbuch. Im Archiv fiir Kri-
minalanthropologie und Kriminalistik. Herausg. von Prof. Dr. Hans
GroB in Graz. Bd. 38. 1910. pag. 101 f.
-*)Havelock Ellis und J. A. S y m o n d s. Das kontrare
Geschlechtsgefiihl. Deutsch unter Mitwirkung von Dr. Hans Kurella.
Leipzig. 1896. Pag. 2*5 f.
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bezweifeln, ob aus zahlreichen homosexuellen Akten bei Hetero-
sexuellen ein homosexueller Trieb hervorgehen kann."
Man hat nun eingewandt, dafi, wenn auch nicht durch
die Verftihrung od6r richtiger Ausftihmng homosexueller Akte
eine Umwandlung heterosexuellen Empfindens in homosexuelles
stattfinden konne, dies durch die dem Verkehr mit einem Homo-
sexuellen innewohnende Kraft der Suggestion geschehen
ktone, wie Tarnowsky^^) sich einmal ausdrtickt: durch ein
morali&ches Kontagium.
So schreibt Hans Freimark*^) uber „Zuchtbarkeit der Homo-
sexualitat": „Nur ein wenig Psychologie gehort dazu, um zu be-
greifen, daB manchen Naturen das Besondere, das in den Augen der
Allgemeinheit den Homosexuellen anhaftet, interessant und aus-
zeichnend erscheint. Widerstande gegen homosexuelle Akte sind zu-
nachst ia nicht zu iiberwinden. Das aber, was man als homosexuelles
Wesen bezeichnet, wirkt apart, wenn auch vielfach apart im iiblen
Sinne. Aber das geniigt, junge Leute, die sich durch nichts anderes
auszuzeichnen wissen, zu veranlassen, dieses „aparte Gebaren" nach-
zuahmen und sich schlieBlich in ihm zu verstricken . . . Einmal solche
Pose angenommen, wird sie schlieBlich zur Wahrheit, wozu der Ver-
kehr in den betreffenden Ereisen nicht wenig beitragt. Eine solche
Beeinflussung ist natiirlich nur bei jugendlichen Personen moglich.
Die aber kommen einzig in Frage. Man hat eingewendet, daB bei der
Eonstanz des Triebes eine solche Metamorphose nicht wahrscheinlich
sei. . Da aber von alien Forstihern das Bestehen einer gewissen in-
differenten Periode zugegeben wird, man auch weiter zugesteht, daB
in dieser Periode das Individuum sich einer seiner spateren Art ent-
gegengesetzten Erotik hingeben kann, so kann man die Moglich-
keit nicht ausschlieBen, daB schwache Charaktere vom urspriing-
lichen Ziel ihrer EntwicMung abgelenkt werden konnen."
Es handelt sich in diesen Auseinandersetzungen um rein
iheoretische Erwagungen, der Verfasser spricht ja selbet be-
scheiden nur von Moglichkeiten, und tatsachlich sind es
auch nur Moglichkeiten, deren wirkliches Vorkommen man kaum
wird nachweisen konnen, wobei nicht in Abrede gestellt werden
soil, daB voriibergehend einmal vollig normale Leute, na-
mentlich in jugendlichem Alter, eine homosexuelle „Pose" an-
nehmen konnen. Von einer dauernden Metamorphose kann hier
aber ganz und gar nicht die Rede sein. Ware diese auf sug-
gestivem Wege zu erzielen, dann mlilJte bei den slarken Real-
suggestionen, die das Leben dem homosexuell Veranlagten nach
der entgegengesetzten Richtung erteilt, bei den Auto- und Fremd-
suggestionen, die fortgesetzt auf ihn wirken, bei den Verbal-
suggestionen ihnen nahestehender Personen der gleichgeschlecht-
liche Trieb als Naturphanomen langst erloschen sein. Ist doch
") B. Tarnowsky: Die krankhaften Erscheinmigen des Ge-
schlechtssinnes. Eine forensisch - psvchiatrische Studie. Berlin 1886.
Pag. 63.
2«;. Zitiert bei Dr. Max Marc use, pag. 81.
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die Suggestionskraft der gesamten Literatur, die in ihren Ro-
manen und Epen, ihren! Dramen und lyrischen Gedichten nahezu
ansschlieUlich die normale Liebe zum Mittelpunkte hat, nicht
imstande, den Trieb auf das Weib zu richten. Wenn es dem
jungen Mann allmahlich klar wird — was meist um das zwan-
zigste Jahr herum der Fall ist — daB sich sein Begehren von
dem seiner Umgebung wesentlich unterscheidet, beginnt gewohn-
lich ein Kampf gegen sich selbst, der an Starke wohl k;aiim seines-
gleidien hat. Ein homosexueller Ktinstler "berichtet und ahn-
lidhes horte ich unendlich oft: „Ich habe ganz furchtbar gekampft
mit Aufgebot meiner ganzen Willenskraf t ; vergebens; ich habe
so gclitten, daO ich eine langjahrige Nervenkrankheit bekam.
Kaum genesen, begann der aufreibende Kampf von neuem. Als
ich merkte, daJJ sich die ureigenste Natur nicht umwandeln laBt,
verfiel ich in eine tiefe, lange Melancholic, die sich — obwohl
ich nie auJJere Konfliktehatte — bis zum argsten Lebenstiber-
drull steigerte usw.**
Wif- sehr ist die ^anze Erziehung darauf gerichtet, aus
dem urnischen Knahen einen VoUmann zu entwickeln ; zu Hause
und in der Schule wird er genau so wie die anderen normalen
Kinder erzogen, schon friih wird ihm alles formlich als Schande,
zum mindesten als Unschicklichkeit, ausgelegt, was man als dem
andern Geschlechte zukommlich ansieht. Fangen die Kameraden
oft schon mit dreizehn, vierzehn Jahren an, fiir das Weib zu
schwarmen, so gibt sich der homosexuelle Jungling die groBte
Mtihe, es den andem nachzutun, er schamt sich formlich, daB
er noch „keine Flamme** hat. Sehr haufig tritt auch die erste
aexuelle Verfiihrung von weiblicher Seite, namentlich durch
Dienstmadchen, ein. Eine ganze Reihe von Urningen erklaren
auf das allerbestimmteste, daB sie sich genau erinnern, daB die
erstmaligen Erregungsversuche vom anderen Geschlecht aus-
gingen. Aber so wenig ein Heterosexueller durch die ebenfalls
nicht seltene erste geschlechtliche Erregung einer mannlicheoi
Person homosexuell wird, ebenso wenig wird ein Homosexueller
dadurch weibliebend.
Es isl uach alledem zvveifellos wohlbegriindet, wenn der anonyme
Gewahrsmann Gustav Jaegers schreibt-^) : „Seit 19 Jahrhunderten
sind sogar Vatermord und frechster Raub nicht so verachtet, ge-
haBt, langc sogar mit Feuertod, dann doch nocli mit schwersten
Strafen, mit Entehrung, Brotlosmachung, ZerreiBung aller Verwandt-
schaftsbande usw. bedroht wie der Homosexualismus, ja, der bloBe
Ruf, demselben zuzuneigen. Und siehe da — von antiker Welt gar
nicht zii sprechen — bis in das moderne Zeitalter weist die Ge-
schichte uns evident eine Reihe von beriihmten Mannern nach, welche
^^) Zitiert nach Jahrb. f. sex. Zwischenst. Jahrg. II, pag. 86 f.
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die AVelt mit ihren edlen Tdeen erfiillten, als Menschen und als
Burger gleich gut waren, wirkten, und sich doch nicht so wait be-
herrschen konnten, ilire geheime Leidenschaft nicht zu verraten.
Fiirsten, Machtige und Reiche, die sich willkiirlichst ganzo Weiber-
hai'ems hatten halten oder sich zu willigsten Sklaven von Matressen
hatten macben konnen, bei freiester Wahl unter alien Schonen der
Welt — auch sie ergaben sich dieser sie brandmarkenden Leiden-
schaft. Kann man sich ein schlagenderes Argument
fiir das A ng ebor e n s e i n denken?"
Einen besonders starken suggestiven EinfluB hat man der
Literatur zugeschrieben, und zwar sowohl deA wissenschaft-
lichen als den belletristischen Werken, die sich mit der Frage
der Homosexualitat beschaftigen. Selbst Autoren wie
Schrenck-Notzing^S) und C r a m e r 2^) glauben an durch
LektUre bedingte Autosuggestion. Wiederholt habe ich im Ge-
richtssaal gehort, daB von Staatsanwalten, Richtern und Mit-
gutachtern die Meinung ausgesprochen wurde, der Angeklagte
hatte sich seine Homosexualitat vermutlich aus „Krafft-Ebing**
„angelesen", als ob es nicht Homosexuelle gegeben hatte, langst
ehe von einer wissenschaftliehen Bearbeitung der Frage die
Rede war.
Casper^^) erwahnt den Fall eines Buchhandlergehilfen,
der „durch die Lekture der Alten zur Padexastie gekommen sein
will". Ahnliches behauptetcn ilbrigens verschiedene Zeitgenosson
von dem Historiker Johannes von Mtiller, ja selbst von
Johann Joachim Winckelmann.
Ich habe einmal, als ein anonymer Autor zur Zeit der groBen Sen-
sationsprozesse in der Berliner klinischen Wochenschrift si) behauptete,
daB „die sexuelle Literatur direkt sexuelle Anomalien erzeugen konne",
folgendes erwidert: „GewiB ist es richtig, dafi von der Norm ab-
weichende Personen, die nur eine undeutliche Vorstellung von ihrem
Zusi^nde haben, vielfach nach Biichern fahnden, in denen sie G e-
w i B h e i t und Beruhigung zu f inden hof fen, genau so, wie der
Nervenkranke nach Schriften iiber Neurasthenic, der Zuckerkranke
nach solchen iiber Diabetes greift. Es ist auch zuzugeben, daB der
sexuell Leidende in vielleicht noch hoherem Grade Schriften kauft,
als andere, und zwar, weil ihn eine groBere natiirliche Scheu zuriick-
halt, sich Fachleuten anzuvertrauen, und er — ob mit Recht oder
Unrecht, will ich nicht entscheiden — vielfach der Meinung ist, daB
die ihm zur Verfii^ung stehenden Arztc seiner Familie, seiner Stadt
asw. seinen Fall nicht vollig zu beurteilen imstande siud. Erkennen
und Entstehen ist nicht dasselbe. So wenig ein unmusikalischer
28) Dr. A. Freiherr v. Schrenck-Notzing: Die Sug-
gestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes
U9W. Stuttgart, 1892. Pa^. 195.
*®) A. Cramer: Die kontrare Sexualempf indung in ihren Be-
ziehungen zum, § 175 des RStrGB. Berliner klin. Wochenschrift 1897.
N. 43. Pag. 964.
80) Casper, Handbuch der gerichtlichen Medizin, Berlin 1881,
p. 195.
31) 1907, No. 50.
Hirschfeld, Homosexualitftt. 22
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MenscL dadurch, daB er Werke iiber Musik liest, musikalisch wird;
so wenig jemand durch B 1 o c h s „Ursprung der Syphilis" syphilitisch
wird, e&nsowenig kann jemand durch Molls „Kontrare Sexualemp-
fiiidung" kontrarsexuell werden." Es gibt iibrigens eine recht be-
trachtliche Zahl homosexueller Manner und Frauen — nach meiner
Erfahrung sind es mehr als 76 o/o aller — , die niemals
ein Buch iiber Homosexualitat gelesen haben. Es ist auch eine vollig
irrige Annahme, daB sich die Schriften von U 1 r i c h s „in den Handen
aller Urninge" befinden. Wie wohl ware Ulrichs gewesen, wenn
auch nur der hundertste Teil dieser Behauptung entsprache, dem
armen Ulrichs, der sich noch wenige Jahre vor seinem Tode
bitter dariiber beklagte, daB die Schriften, die er auf eigene Kosten
drucken lieB, ihn „an den Bettelstab" gebracht hatten.
Sind die bisher genannten Faktoren solche, die ihre umge-
staltendc Kraft dm wesentlichen erst nach der Reife ent-
falten, so haben wir nun noch eine Reihe von Umstanden zu er-
ortern, von denen behauptet wurde, daB sie bereits in der Kind-
heit auf heterosexuell geborene Menschen derart einwirken kon-
nen, daU die Triebrichtung eine Ablenkung auf das gleiche Ge-
schlecht erfahrt. Auch die zuerst von Binet in der Revue
philosophique (Paris 1887 No. 8) aufgestellte, spater in ahn-
licher Weise oft wiederholte These, dalJ die kontrare Sexual-
empfindung durch „pathologische Assoziationen" in friihester
Kindheit, durch einen ,,choc fortuit**, ein psychisches Trauma
bedingt sei, ist in Wirklichkeit nur eine bisher durch einwand-
freies Tatsachenmaterial nicht erhartete Hypothese. Wenn es
wirklich lediglich darauf ankame, ob jemand die erste Erektion
durch ein Weib oder durch einen Mann gehabt hat, dann mtiBte
die Zahl der Homosexuellen weit groUer sein, da nachweislich
in den Schulen sehr viele zuerst gleichgeschlechtlich erregt wer-
den. Wie soil aber ein derartiger choc die doch meist im
Vordergrunde stehende negative Seite der Erschei-
n u n g , die Abneigung gegen das Weib, bei der Urninde die gegen
den Mann, erklaren und wie vor allem soil er imstande erein,
eine solche Umgestaltung der ganzen korperlichen und geistigen
Beschaffenheit hervorzurufen, wie sie sich bei den Homosexu-
ellen so haufig findet? Ich erinnere mich der Bemer*kung eines
KoUegen, dem ich einmal einen Homosexuellen vorstellte, der
in jeder Linie seines Gesichts, in der kleinsten Bewegung, in
der Stimme und im ganzen Gebaren den geborenen Urning ver-
riet. Der KoUege rief mit feiner Ironie aus: „Wie stark muB
bei diesem Manne der choc fortuit gewesen sein!*'
Dip Ansicht B i n e t s hat besonders bei den Franzosen An-
klang gefunden, bei denen ja auch die verwandte Lehre Magnans
von den „Obsessions" In psychiatrischen Kreisen groBe Ver-
breitung gefunden hat. In der Tat laBt es sich nicht leugnen,
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daB der anf dasselbe Geschlecht gerichtete Trieb viel Verwandt-
schaft mit der groBen Gruppe von Erscheinungen aufweist, die
in der modernen Psychiatric als Zwangszustande beschrieben
sind.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daB dem •homosexuellen
Drang ein ahnlich obsedierender Charakter innewohnt, wie etwa
dem pathologischen Wandertrieb (Dromomanie), der Sammelwut, Pyro-
manie, Kleptomanie uiid ahnlichen, abgesehen von der Art des
Impulses untereinander, im iibrigen sehr verschiedenen Erscheinungen.
Es handelb sich im Sinne der bekannten Formulierung ,W e s t -
p h a 1 s 33) um ein psychisches Element, das sich bei %itakter Intelli-
genz und Einsicht in den Vordergrund des BewuBtseifts drangt, sich
trotz Gegenstrebens nicht aus dem Geist des Individuunw verscheuchen,
laBt und den normalen Ablauf der Vorstellungen durchkreuzt. Lassen
wir zunachst einmal die Frage of fen, ob und inwieweit die V o r *•
n a h m e der Handlung, in unserm Fall die gleichgeschlechtliche Hand-
lung, zwangsweise bedingt ist (die Starke des Triebes und
die Starke des Willens sind vor allem dabei in Betracht zu ziehen), so
feht ihr doch jedenfalls ein Zwangs trieb voraus, der der normalen
erdrangbarkeit durch Willenseinfliisse ermangelt und seinerseits in
Zwangsempfindungen und Zwangsvorstellungen basiert. Auch
die von den franzosischen Autoren, in erster Reihe von Ma^nan 3*) auf-
gestellten Kriterien der den Zwangszustanden analogen „Obses-
sions", zunachst „Impulsion", ein aJs Zwang empfundener Trieb, dann
,,Irr6sistibilit6", die verhaltnismafiige Unwiderstehlichkeit, die aber da-
bei doch vorhandene: „Lucidit6", Einsicht, femer die „Angoisse con-
commitante", eine von dem Zwang hervorgerufene Spannung und Angst,
endlich die „satisfaction consecutive", das Gefiihl der Erleichterimg
und Beruhigung nach „vollbrachter Tat", nach der „Befriedigung" des
Triebes, alle diese Symptome treffen auf die Homosexual i tat an sich zu.
Nun bin ich zwar mit War da 35) der Meinung, daB der Ausdruck
psychische Zwangszustande — und fiir das franzosische ,,obsessions"
(= Besessenheit) gilt das in noch hoherem MaBe — allmahlich zu
einem „hindernden Schlagwort" geworden ist; die Bezeichnung
„z.wang£er9cheinung" ist eine viel zu allgemeine, nachdem wir mehr
und mehr kennen gelernt haben^ daB auch innerhalb der Breite und
Gesundheit die F r e i h e i t und Ungezwungenheit unserer Empf in-
dungen, Vorstellungen und Handlungen groBen Beschrankungen unter-
liegt. Das gilt ganz besonders auch von der „ Zwangs liebe", gegen
deren Aufstellung sich bereits L. Loewenfeld in seinem ausgezeich-
neten Werk : „Die psychischen Zwangserscheinungen" (Wiesbaden, 1904)
wandte.
Laurent hatte in seiner „ramour morbide" ausgefiihrt, daB
eine Liebesleidenschaft, „welche weder MaB noch Ziigel kennt und
den Menschen zum Narren mache", als .„une v^ritaiDle obsession"
zu erachten sei, die gleich anderen Zwangserscheinungen zu den Syn-
dromen der psychopathischen Entartung (d6g6n6rescence) zahle; er
sagt mit Bezug auf Magnans Defination wortlich : „Ne s'accompagne-t-il
pas, de cette irresistibility caract6ristique et en quelque sorte
fatale, de cette angoisse concommittante et p^nible, ae cette con-
33)Westphal: tJber Zwangsvorstellungen. Berliner klinische
Wochenschrift 1877, Nr. 46, nach einem in der Berliner medizinisch-
psychologischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage.
3*) Mag nan: Psychiatrische Vorlesungen 1884—87, deutsch von
Mobius. Leipzig 1892.
36) War da: Uber Zwangsvorstellungspsvchosen. Monatsschrift
fiir Psychiatric und Neurologie. Bd. 12, Heft"^!, 1902;
22*
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soienoe complete de Tetat et enfin de cette satisfaction cons6(jutive
h Facte accompli, en un mot de tons les sympt6mes carac-
teristiques de I'obsessio n". Demgegeniiber bemerkt mm
Lowenfeld ganz mit Recht, daB auch in der normalsten Liebe etwas
von einem Zwangszustande stecke, daB die Kriterien der Obsession fiir
sie ebenso zutreffen wie fiir die krankhafte Liebe, daB jedenfalls die
Grenze zwischen pathologischer und physiologischer Liebe vom Stand-
punkt des ZwangsmaBigen nicht scharf gezogen werden konne. Er
zitiert jenen beriihmten Vers, welcher das Ungewollte der Liebe so
deutlicb zur Darstellung bringt, den Vers:
Ich liebe dich, weil ich dich lieben m u B ,
Ich liebe dich, weil ich nicht anders k a n n ,
Ich liebe dich durch einen SchicksalsschluB,
Ich liebe dich durch einen Zauberbann.
Unter den Bauern herrschte friiher vielfach der Aberglaube, daB
wer das gleiche Greschlecht liebe, „behext" sei; auch jetzt kommt es
noch vor, wie mir aus der Bukowina mitgeteilt wird, daB beispiels-
weise ein ruthenisches Weib zum Geistlichen geht, mit der Bitte, er
moge den Teufel aus ihrem Manne „austreiben", er sei von ihm „be-
sessen**, denn er gehe zu Burschen.
Jedenfalls ist mit der einfachen Behauptung, der homosexu-
elle Trieb gehore zu den Zwangsvorstellungen oder gar
in das Gebiet des impulsiven Irres^ins ftir seine Besonderheit
nicht das mindeste erklart, da er sich hinsichtlich der Zwangs-
mafligkeit keineswegs von der auf das andere Geschlecht ge-
richteten Triebrichtung unterseheidet.
Uber die auBeren Anlasse, welche zu „Iiomo8exuellen Zwangs-
vorstellungen" fuhren, sprechen sich die Vertreter dieser Anschauung
verhaltnismaBig wenig aus. Immerhin ersieht man gelegentlich, daB
auch andere Srlebnisse in Frage kommen sollen als Begegnungen
mit einem adaquaten Partner. So berichtet Hammond **), daB ein
Mann dadurch homosexuell, und zwar Liebhaber der passiven Anal-
immission wurdet^ weil er als Kind sah, wie ein Hund sich mit einer
Hiindin paarte. Er hatte angenommen, daB es sich dabei um Ein-
fiihrung m den After handelte, und hatte, um den Akt nachzuahmen,
sich einen Bleistift in den After gefiihrt. Dies sei schmerzvoll, aber
auch lustvoll gewesen, und hatte ihn dauernd homosexuell
gemacht. Weshalb aber gerade dies eine Kind zum Unterschied von
so vielen Tausenden, die demselben „choc fortuit" durch ein Hunde-
paar ausgesetzt waren, wird nicht gesagt. Die Antwort liegt nahe,
weil es von dem Homosexuellen oder seinem Arzt ein Irrtum war, dem
Eindruck, den ein zufalliger Vorfall verursachte, eine lebenswendende
Bedeutung beizulegen.
Der franzosischen Auffassung uber die Entstehung der
Homosexualitat steht die Ansicht F r e u d s ^7) und seiner Sch tiler
insofern nahe, als auch sie okkasionellen Einfltissen — inf an-
tilen Sexualerlebnissen — eine sehr hohe atiologische
**) Hammond, William, Sexuelle Impotenz beim mann-
lichen und weiblichen Geschlecht. Deutsch von Salinger. Berlin 1892,
p. 34 ff.
37) S i g m. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Leip-
zig und Wien 1910.
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Bedeutung beimessen. Allerdings wird nach ihrer Auffassung
die zwangsmaBige Homosexualitat nicht durch den sogenannten
„choc fortuit", sondern durch eigenttimliche psychisehe Verarbei-
tungsvorgSnge hervorgerufen, unter denen die Prozesse der ,,Ver-
drangung** und „€bertragung** in erster Linie zu nennen sind.
Gemeinsam ist der franzosischen und Wiener Schule aueh die
Annahme einer endoj^enen Disposition, der Freud neuerdings
sogar eine etwas groBere Bedeutung beizulegen scheint.
In den „Drei Abhandlungen" schreibt er : ^s)
„Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit dem
Ansatz der verschiedenen Komponenten in der sexuellen Kon-
stitutioii die Entscheidung iiber die Gestaltung des Sexuallebens ein-
deutig bestimmt ware. Die Bedingtheit setzt sich vielmehr fort
und weitere Moglichkeiten ergeben sich je nach dem Schicksal, wel-
ches die aus den einzelnen Quellen stammenden Sexualitatszustande
erfahren. Diese weitere Verarbeitung ist of fenbar das end-
gUltig Entscheidende, wahrend die der Beschreibung nach gleiche
Konstitution zu drei verschiedenen Endausgangen fiihren kann ;" da-
gegen auBert er sich spater in der Anmerkung zu einem Aufsatz „Zur
Dynamik der Ubertragung", ^9) ^je folgt: „Verwahren wir uns
an dieser Stelle gegen den m i B v e r s t a n d 1 i c h e n Vor-
wurf, als hatten wir die Bedeutung der angeborenen
(konstitutionellen) Momente geleugnet, well wir die
der infantilen Eindriicke hervorgehoben haben. Ein
solcher Vorwurf stammt aus der Enge des Kausalbediirfnisses der Men-
schen, welches sich im Gegensatz zur gewohnlichen Gestaltung der
Kealitat mit einem einzigen verursachenden Moment zufrieden geben
will. Die Psychoanalyse hat iiber die akzidentellen Faktoren der
Atiologie viel, iiber die konstitutionellen wenig geauBert, aber nur dar-
um, weil sie zu den ersteren etwas Neues beibringen konnte, iiber die
letzteren hingegen zuniichst nicht mehr wuBte, als man sonst weiB.
AVir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen beiden Reihen
von atiologischen Momenten zu statuieren ; wir nehmen viel-
mehr ein regelmaBiges Zusammenwirken beider zur
Hervorbringung des beobachteten Effekts an. Aai^mv
xal Tvyri bestimmen das Schicksal eines Menschen ; selten, vielleicht
niemals, eine dieser Machtc allein. Die Aufteilung der atiologischen
Wirksamkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell und im
einzelnen vollziehen lassen. Die Reihe, in welcher sich wechselnde
GroBen der beiden Faktoren zusammensetzen, wird gewiB auch ihre
extremen Falle haben. Je nach dem Stande imserer Erkenntnis wer-
den wir den Anteil der Konstitution odor des Erlebens im Einzel-
falle anders einschatzen, und das Recht behalten, mit der Verande-
rung unserer Einsichten unser Urteil zu modifizieren. Cbrigens konnte
man es wagen, die Konstitution selbst aufzufussen als den Niedcr-
schlag aus den akzidentellen Einwirkungen auf die unendlich groBe
Reihe der Ahnen."
Es sei dabei hervorgehoben, daB Freud auch bei der Hetero-
sexualitiit k e i n Angeborensein eines Triebs oder einer bestimmten
Reaktionsfiihigkeit, sondern eine erst intra vitara erfolgeiide Objekt-
wahl durch ausschlaggebende Erlebnisse der friihen Kindheit an-
nimmt. AuBer der sexuellen Konstitution sind noch einige andere
Momente zu nennen, welche nach Freud die Objektwahl beeinflussen:
3^) p. 81.
5^) Zentralblatt fiir Psychoanalyse. II. Jahrg., Heft 1, pag. 167.
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die sexuelle Friihreife, von der allerdings schon Loewenfeld mit Recht
bemerkt*o^ daU sie sioh nach seinen Erfahrungen durchaus nicht
konstant oei Hpmosexuellen findet, und eine erhohte psychische Haft-
barkeit infantiler Sexualerlebnisse, die „bei Neurotikern und Perversen
nachweisbar erhoht" sei. Zusammenfassend sagt er: „In die Ver-
ursachung teilen sich das Entgegenkommen der Kon-
stitution, die Friihreife, die Eigenschaft der er-
hohten Haftbarkeit und die zufallige Anregung des
Sexualtriebs durch fremden Einflu B." Sehr ■ geeignet, die
Schwierigkeiten der homosexuellen Problemlosung zu vermehren, scheint
mir in der Freudschen Lehre der Umstand, daC Freud ahnlich wie
Benedict Friedlander den Begriff „Liebe" viel weiter faBt, als wir ihn
zu fassen gewohnt sind. Freud selbst sagt in seincm Bos toner Vor-
trage:
„Ich gebraiichte das Wort in einem viel weiteren Sinne, als Sie
gewohnt sind, ee zu verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es
fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne ge-
brauchen, wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung einschran-
ken ;" hierzu bemerkt B 1 e u 1 e r *i) mit Recht : „MaLnche Einwande
gegen die Sexualtheorie waren unterblieben, wenn man den Freud-
scnen Begriff des Sexuellen verstanden hatte. Da man aber
nur verurteilte und nicht studierte, hat man nicht gemerkt, daB
die Freud sche „Libido" ein ungleich weiterer Begriff
ist a Is der ^ewohinliche des sexuellen Verlangens.
In gewissen Beziehungen gehort all unser Streben, soweit es positiv
ist, dazu; trennt der Autor doch seinen Sexual trieb (beim Saug-
ling) nicht einmal vom Nahrungs trieb."
Am eingehendsten unter den Freudschiilern hat sich Joseph
Sadger mit der Atiolo^ie der Homosexualitat beschaftigt. *2) Er
hat inr im Jahre 1909 eine Abhandlung gewidmet, in der er davor
warnt, die Homosexualitat auf eine einzige Ursache zunickzufuhren.
Neben der angeborenen Konstitution kamen verschiedenartige Faktoren
in Betracht, die in der Kindheit die psychosexuelle Entwicklung be-
einf lussen. Der Homosexuelle hatte in den ersten Lebens-
jahren abnorm starke heterosexuelle Neigungen. Unter
dem Eindruck von Enttauschungen, die ihm sein heterosexuelles Ideal
raubten, wende er sich dann seinem eigenen Geschlechte zu. Die erste
Liebe des Knaben pflege die Mutter zu sein. Spater sagt Sadger;
„ist'6 doch ein unsterblicher Wunsch jedes Knaben, die Mutter moge
ihn ins sexuelle Leben einfiihren, am liebsten natiirlich an ihrem eige-
nen Leibe." Wird er von der Mutter enttauscht, wende er sich dem
Vater zu. Damit sei dann der Libido fiir die Zukunft die bestimmte
*^) L e w e n f e 1 d , L., Homosexualitat und Strafgesetz, Wies-
baden 1908, p. 20.
*^) Jahrbuch fiir psychoanalytische und psychopathologische For-
schungen, herausgegeben von E. Bleuler und" S. Freud, II. Band,
II. Halfte, p. 645.
*2) Sadger, Zur Atiologie der kontraren Sexualempfindung.
Medizinische Klinik, 1909, Nr. 2, cfr. Jahrb. f. psychoanalyt. und
psychopath. Forschungen, I. Band, II. Halfte, p. 589." Weitere Arbei-
ten, in denen Sadger seine Anschauungen iiber die Homosexualitat
S,uBert, sind: Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen, im
Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. IX, p. 339 — 424.
Ist die kontrare Sexualempfindung heilbar? Zeitschr. f. Sexual-
wissenschaft, 1908, p. 712 — 720, und: Neue Beitrage zur Theorie der
Homosexualitat, in dem Aufsatz „Ein Fall von multipler Perversion mit
hysterischen Absenzen" im Jahrb. f. psychoanalyt. n. psvchopath. For-
schungen, II. Bd., I. Halfte, p. Ill ff.
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Richtung gegeben. Wichtig scheint aus dem gleichen Aufsatz fol-
gender Satz Sadgers:
„Die Fixierung der maanlichen Liebe entstand durch Verdran-
gung des heterosexuellen Empfindens, wie umgekehrt bei jedem Nor-
malgeschlechtlichen die Unterdriickung des Homosexuellen Voraus-
setzung ist. . . . Die letzten entscheidenden Griinde je-
doch, warum es zur Verdrangung in der einen oder
andern Eichtung kommt, sind kons t i t u t i o nell or^
gaiiischer Art und volliges Ratse l.**"
In seinen „Neuen Beitragen zur Theorie der Homosexualitat" ge-
langt Sadger zu dem Ergebnis, daB er 'durch seine psychoana-
l}iiischen untersuchungen zunachst alles bestatigt gefunden hatte.
was er in der friiheren Arbeit iiber die Atiologie angefiihrt habe, und
fugt dann als neue Erkenntnis nachfolgende Thesen hinzu:
„1. Der Urning leidet an der Abkehr von der Mutter (bezw.
ersten Pflegerin), in deren Liebe er sich schwer getauscht fiihlt.
Er verdrangt die Mutter, indem er sich mit ihr identifiziert. Eine
Reihe typischer Inversionsziige geht auf diese Identifikation zu-
riick, vor allem die harmlosen L«iebesauJ3erungen, sowie das Be-
streben, den Geliebten zu belehren und zu unterweisen.
2. Der Weg zur Homosexualitat fiihrt uber den Narzismus,
d. h. die Liebe zu sich selbst, wie man tatsachlich war, oder,
idealisiert, gem gewesen ware.
3. Im Sexualideal des Invertierten finden sich nicht nur
Ziige fniherer weiblicher und mannlicher Sexualobjekte, sondem
noch viehnehr des eigenen geliebten Ichs.
4. Aufwachsen ausschlieBlich in weiblicher Umgebung — der
Vater kommt hier nicht in Betracht — befordert die Homosexu-
alitat beim Manne wie beim Weibe aus Griinden, die noch nicht
geniigend bekannt sind. Zudem sind Urninge meist einzige
Kinder oder einzige Sohne, mit aller Verzartelung, welche diesen
zukommt.
6. Unterstutzt wird endlich die Inversion durch den „nach-
traglichen G^horsam" gegen die Worte der Mutter, was wieder an
die mangelnde sexuelle Aufklarung, ja Abhaltung von allem Ge-
schlechtnchen ankniipft. Ich fand nicht selten, daB die Mutter
fruhzeitig ihren Kindern — dies scheint fiir Knaben wie fiir
Madchen zu gelten — einen selbst ganz harmlosen, doch freund-
schaftlichen verkehr mit dem andern Geschlecht als etwas Un-
rechtes und AnstoBiges hinstellte, was in leider nur zu buchstab-
lichem spateren Gehorsam die Neigung zum eigenen Geschlecht
verstarkt."
Gegen diese Sadgerschen Thesen sind zunachst einige tat-
sachliche Berichtigungen zu erheben. Es ist nicht richtig, dafi die
Urninge meist einzige Kinder oder einzige Sohne sind. *3) unter 600,
die daraufhiu exploriert wurdeu, befanden sich nur 67 einzige Kin-
der, auBerdem 54 einzige Sohne.
Es ist auch sehr die Frage, ob eine Verzartelung urnischer Kinder,
selbst wenn sie einzige waren, von den Eltern ausgegangen ist, ob es
nicht vielmehr so ist, daB die an und fiir sich weicbere urnische
Psyche sich anlehnungs- und hilfsbediirftiger an die Eltern anschmiegte
als die robustere una stabilere heterosexueller Kinder, was dann erst
die Eltern wiederum zu groBerer Zartlichkeit veranlaBte. Bei homo-
sexuellen Madchen, die weniger unselbstandig sind, kann von solcher
atiologischen „ Verzartelung" vollends nicht die Rede sein. DaB der
*^) Auch Ernst Neter meint in Heft 26 des Broschiirenzyklus
.,Der Arzt als Erzieher", daB die eii^zigen Kinde^ besonders haufig
homosexuell ^are^i.
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Weg zur Homosexualitat iiber den Narzismus fiihrt, kann hochstens
fiir einen Teil der jungliebenden Homosexuellen zugegeben werden;
bei diesen kann man allerdings gelegentlich nachweisen, daC sie im
pubischen Alter in ihr Spiegelbild, ihre jugendlichen Photographien
verliebt waren, wenn eben der Fall, zu dem sie sich hingezogen fiihlten,
ungefahr den Typus hatte, den sie selbst in dieser Zeit boten. Bei
Homosexuellen, die altere Personen lieben, ist solche narzistische
Periode kaum je auch bei intensivem Befragen festzustellen nnd kommt
sicherlich nicht haufiger vor als bei Heterosexuellen.
Was das von S a d g e r und anderen F r e u dschiilern hervorge-
hobene starke Attachement der Homosexuellen an ihre Mutter betrifft,
so liegt dieses in der Tat vor, und zwar erstreckt es sich bei fast alien
Homosexuellen iiber die eigene Kindheit hinaus auf die ganze Lebens-
zeit der Miitter. Wir sahen, daU viele, die ihre Mutter im vorgeriickten
Alter verioren, sich lange Zeit nicht von diesem "Schlage erholen
konnten. Es erscheint aber viel naheliegender anzunehmen, daC diese
Starke Liebe zur Mutter nicht als Ursache der Homosexualitat anzu-
seheu ist, sondern als Folge. Abgesehen von seiner feminineren
Natur, verweist auch der Mangel eigener Hauslichkeit den Homo-
sexuellen inniger und langer an seine Mutter, besonders wenn diese,
wa^ gerade bei homosexuellen Kindern nicht selteii, eine starkere
Personlichkeit ist. Bei Urningen, die eine Ehe eingehen, ist diese
Hingabo an die Mutter iibrigens nicht so ausgesprochen, vielfach
ubertragt sich dann dieser nicht erotische, wenn auch auBerlich ero-
tische Liebe leicht vortauschende Gefiihlskoraplex auf die Gattin.
Welche Stellung verbleibt in der Freudschen Lehre der
konstitutionellen Anlage? Nach Freud und S a d g e r
ist sie doch wesentlich wirksam'. Aber in dem von ihnen ge-
gebenen Entwicklungsschema der Homosexualitat erscheint sie
zunachsl iiberfliissig. Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung
ist die Fixierung auf das nach Freud primare heterosexuale
Geschlechtsobjekt, ftir Knaben auf die Mutter. Was von dieser
primaren Typik der Triebrichtung ab\yeichen laflt, sind exqgene
Momente, die mit der Konstitution nichts zu tun haben. Sad-
ger zahlt eine Reihe dieser Momente auf: „Zufalle**, ,,auflere
Umstande*', wie er selbst sagt, die nicht in der Personlichkeit
des Subjekts und auch nicht in der des Sexualobjekts liegen.
Und die Reaktionsart des werdenden Homosexuellen auf diese
exogenen Ablaufe ist wieder keine abnorme, konstitutionell vor-
bedingte, sondern voUig adaquat dem sie erwirkenden ouBeren
Moment ; sie voUzieht sich in den Formen der Freud schen
Mechanismen, die j e d e m , auch dem Heterosexuellen, beine
Sexualitat bestimmen.
Also die Konstitution, als ererbte Disposition der Trieb-
richtung, spiclt ftir diese ganze Entwicklung anscheinend keine
RoUe. Wenn ihr Freud nun doch einen Platz anweisen will,
auf welchem sie mitwirkt, und Sadger ausdriicklich sagt, dafl
„die letzten entscheidenden Griinde'* jedoch, warum es zur
Verdrangung in der einen oder anderen Richtung kommt, kon-
stitutionell organischer Art sind, so darf wohl hierin
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das stillschweigende Zugestandnis gesehen ,werden, daB die
Ltickenlosigkeit ihrer Ableitung der Sicherheit ermangelt.
Es bleibt eben die Tatfeache bestehen, daB sich neb en der psycho-
sexuellen Inversion oft gleiehzeitig Sexualvarianten sekun-
darer und tertiarer kSrperlicher Merkmale finden, die n u r
konstitutionell und angeboren sein konnen. Ihr
so haufiges Nebeneinander laBt nur den AnalogieschluB zu, daB
auch die Variation der Triebrichtung endogen bedingt ist. Da-
mit sinkt der Wert aller exogenen Abteilungen der Homosexuali-
tat auf ein Minimum.
Wie Freud und S a d g e r sich die angeborene Konstitution
der Homosexualitat so recht eigentlieh denken, dartiber sprechen
sie sich nirgends deutlich aus. Immefrhin scheinen sie sich
etwas Bestimmteres darunter vorzustellen, wie Binet**), der
die homosexuelle Triebrichtung auf ein accident agissant sur
un sujet predispose zurtickftihrte und ausdrticklich hervorhebt,
daB das ,,accident" nur die Bedeutung eines beliebigen zuf alligen
Eriebnisses habe, wahrend unter „predisposition** eine allgemeine
nervose Hyper^sthesie zu verstehen sei.
Dieselbe Vorstellung von der angeborenen Anlage zur Homo-
sexualit^t findet sich bei zahlreichen Psychiatem; so steht
S c h a f e r *5) auf dem Standpunkt, daC bei der Homosexualitat eine
„reizbare Schwache" des nervosen Zentralorgans vorliege, zu der friih-
zeitige Eindriicke von Personen desselben Geschlechts hinzugetreten
seieu. M e y n e r t *6) erklart die Homosexualitiit fiir etwas zufallig
auf dem Boden der Neurasthenic durch Zwangsvorstellungen Ge-
wordeues, und auch Schrenck-Notzing*') glaubt, daB auJJer
auBeren Einfliissen insbesondere die neurasthenische Disposition fiir
die Entstehung der Homosexualitat von Bedeutung sei.
Erst neuerdings hat Z i e h e n *8) in einem beachtenswerten Auf-
satz in den Charite-Annalen dies wiederum in der Weise ausgedriickt,
daB sexuelle Anomalien s t e t s so entstanden, „d a B ein ,d e t e r-
minierendes* Erlebnis die sexuellen Gefiihlsbetonungen nicht
mib dem normalen Sexualakt verkniipfe, sondern mit irgendeiner
anderen Empfindung, Vorstellung oder Handlung. Diese abnorme Asso-
ziation haf te, weil infolge der psychopathischen Kon-
stitution eine Tendenz zur Bildung iiberwertiger Vorstellungen und
Vorstellunigsankniipfungen bestehe."
**) B i n e t , Du f^tischisme dans Pamour, Revue philosophiciue
1887.
**) Dr. ^chafer: Die forensische Bedeutung der in „Viertel-
jahrsschrift fiir gerichtliche Medizin usw., dritte Folge, 7. Bd., 2. Heft.
*^) M e y n e r t , Klinische Vorlesungen iiber Psychiatric usw. 1890,
S. 184 ff., zitiert bei Wachenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz,
1901, p. 70.
*^) V. Schrenck-Notzing, Archiv fiir Kriminalanthropologie
Bd. 1 (1898), S. 5f., zitiert bei Wachenfeld, Homosexualitat und Straf-
gesetz, 1901, p. 70 f.
*8) T h. Ziehen, Zur Lehre von den psychopathischen Kon-
stitutionen. In den Charite-Annalen (redigiert von Prof. Dr. Scheibe).
XXXIV. (Jubilaums-)Jahrgang. Berlin 1910. S. 272 ff.
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In Konsequenz mit dieser Anschauung meint Ziehen, daB es auf
den eigentliehen Inhalt einer sexuellen Anomalie gar
nicht ankame, so wenig wie es etwa beim GroBenwahn von Be-
deutung sei, ob jemand sich einbilde, Gott, Konig oder Millionar zu
sein; das Wesentliche sei bei den Parhedonien nur, daB es sich um
Symptomo einer psychopathischen Konstitution handle. Er findet
deshalb auch die Einteilung der sexuellen Anomalien „nach dem zu-
talligen Inhalt der Perversitat" „naiv", „harmlos" und „oberflach-
lich". Es ist nicht ohne Interesse, daB sich M o e b i u s einmal
desselben Ausdrucks bedient, nm gerade die exogenetischen Deutungs-
versuche zu geiBeln; er sagt: „Erklarungen aus dem Milieu beruhen
fast stets auf Oberflichlichkeit".
Ich habe diesen Ziehen schen Ausf iihrungen gegeniiber in einem
Aufsatz im neurologischen Zentralblatt ^o) betont, daB seine Ausstel-
lungen wohl eine Berechtigung haben wiirden, wenn die Konstitution
bei den sexuellen Anomalien tatsachlich nur die von ihm als neuro-
pathische oder psychopathische bezeichnete sein wiirde. In Wirklich-
keit konne aber diese niemals zur Erklarung als ausreichend erachtet
werden, vielmehr konne es sich nur um eine zielstrebige i n d i v i-
duelle S.exualkonstitution handeln, die auf ein ihrer Eigen-
art entsprechendes Sexualziel einschnappt. „Das wirklich Entschei-
dende, ,l)eterminierendeV* sage ich dort, „ist nicht das auf dem
Grunde einer nervosen Konstitution haftende auBere Erlebnis, sondem
eine spezifische Konstitution, die sich nur auf Adaquates,
Entsprechendes, nicht auf einen beliebigen, zufalligen, gleichgiiltigen
Inhalt einstellt."
TatsHchlich handelt es sich bei der Annahme, daB eine
erstmalige und von da ab dauernde sexuelle Exzitation und
Attraktion primar durch das reizauslosende Objekt, nicht aber
durch die individuelle Beschaffenheit der sexuellen Empfangs-
organe im Nervensystem bedingt ist, um eine T h e o r i e , die
bisher weder bewiesen ist, noch iiberhaupt bewiesen werden
kann. Denn daU das erstmalige Zusammentreffen des ent-
wickelten Geschlechtssinnes mit dem, was „sein Fall** ist, jpust-
empfindungen auslosen muB, die, wenn sie stark sind, auch
ins BewuBtsein dringen, bedarf als selbstverstandlich keiner
Erorterung; vergleichen wir aber die Ubiquitat geschlecht^
licher Reize mit der RaritSt der individuellen geschlechtlichen
Reaktion, berlicksichtigen wir, daB an demselben Objekt, das die
einen in Ekstase versetzt, Millionen anderer achtlos und reak-
tionslos vorlibergehen, so liegt es nach alien Gesetzen der
Logik klar zutage, daB nur die Beschaffenheit der nervosen
Zentralorgane, „die Anlage** es sein kann, welche den Aus-
schlag gibt. Von dem bestimtnten individuellen Geprage unseres
Inneren hangt es ab, was wir als Reiz empfinden, nicht vom
Reiz ftls solchen. Daflir spricht die elementare, zielstrebende
60) „t}ber Horror sexualis partialis (sexuelle Teilaversion, anti-
fetischistische Zwangsvorstellimgen, FetischhaB)." Von Dr. med.
Magnus Hirschfeld im „Neurologisches Zentralblatt". 1911. No. IQ,
Ked. : Pr. Kurt Mendel- Leipzig.
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Durchschlagskraft, mit der alien WoUen und Wlinschen, Ein-
fltissen und Einfllisieningen zum Trotz der Geschleehtstrieb
auf sein Objekt lossteuert. Wie viele, die von der Existenz der
Homosexualitat im allgemeinen und ihrer eigenen keine Ahnung
hatten, euchten ohne sich je gleichgeschlechtlich betatigt zu
haben, gleich- ihren Kameraden heterosexuellen Verkehr auf,
bis sie aus dammerndem Empfinden heraus merkten, ,4^ier
ist etwas nicht in Ordnung**, um dann frtiher oder spater ihrer
Natur und ilires Naturtriebes bewuBt zu werden. Und umgekehrt.
Wie viele junge M&dchen und Manner betatigt^n sich in der
ersten Auflerung ihrer indifferenten geschlechtlichen Sehnslichte
homosexuell, gingen sogar auf Erziehungsanstalten regelrechte
homosexuelle Liebesverhaltnisse ein, und sehen wir sie zehn
Jahre spater, so sind fast alle heterosexuell, nur ein ganz kleiner
Bruehtei] ist homosexuell, namlich die, die es a priori, wenn
auch unwissentlich, waren.
Geradezu naiv muB einen Kenner sexueller Attraktionsgesetze
der Versuch anmuten, die Homosexualitat „objektiv'* durch die groBere
Schonheit der Manner und Jiinglinge zu erklaren; weil ihr schlanker
Korper den Anforderungen der Asthetik mehr entspreche als der der
breithuftigen Weiber, meinen die Verfechter dieser Anschauung, emp-
fanden viele homosexuell ; nicht . selten wird hinzugefiigt, daB „he-
kanntlich auch fast im ganzen Tierreiche das mannliche das schonere
Geschlecht" sei. Nicht nur Homosexuelle haben ihre Neigung in
dieser Weise begriindet, sondern auch von Heterosexuellen ist diese
Ansicht vertreten worden, so von Driesmanns ^i). Auf die weib-
liche Homosexualitat, die doch unmoglich auf die groBere Mannes-
schonheit zuiiickgefiihrt werden kann, wird dabei — wie bei fast
alien exogenen Hypothesen — nicht Bezug genommen. Es verdient
erwabnt zu werden, daB kein Geringerer als Goethe eine ahnliche
Ansicht verfocht. Als in den Gesprachen njit Eckermann eines
Tages die Rede „auf die griechische Liebe und Joh. von Miiller"
kam. entwickelte er, „wie diese Verirrung eigentlich daher komme, daB
nach rein asthetischem MaBstab immerhm der Mann weit schoner, vor-
zugiicher, voile ndeter wie die Frau sei. Ein solches einmal entstandenes
Gefuhl schwenke dann leicht ins Tierische, grob Materielle hinuber."
Er fugt hinzu: „Die Knabenliebe sei so alt wie die Menschheit, und
man konne daher sagen, sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen
die Natur sei." Ubrigens hat, wahrend Goethe die homosexuelle
Neigung auf die Schonheit des Mannes zuriickfiihrt, einer seiner Zeit-
genossen, v. Archenholtz*2) den Abscheu gegen die HomosexueUen
urch die Schonheit der Frau erklart; er bemerkt: „Da das englische
Frauenzimmer so schon ist, so iibersteigt auch der Abscheu dieser In-
sulaner gegen die Paderastie alle Grenzen."
fii) Driesmanns, Hch., „Das Geschlechtsempfinden der
Griechen" im Magazin fiir Literatur von G a u 1 k e und Philipps
(Berlin) Nr. 61 und 52 vom 22. und 29. Dezember 1900.
w)^ J. W. von Archenholtz, „England und Italien", Leipzig
1787, Bd. II, S. 267. Cf. auch dessen Annalen der britischen Ge-
sohichte, Hamburg 1791, Bd. V, S. 352.
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NEUNZEHNTES KAPITEL.
Die menschliche Doppelgeschlechtigkeit als Grundlage der
mMnnlichen und weiblichen HomosexualitMt
(Zwischenstufentheorie.)
Wie aber haben wir uns nun diese spezifische Konstitution
der Homosexuellen zu denken, und worauf ist sie zuriickzu-
f tihren ?
War ein Beobachter erst einmal zu der Erkenntnis ge-
langt, daD die Homosexualitat in einer spezifischen Disposition,
Konstitution oder Organisation ihren Ursprung hat, so waren
fiir ihn die Richtlinien, auf denen er der charakterijstischen
Beschaffenheit der eigenartigen Anlage naher kommen konnte,
gegeben. In doppelter llinsicht unterscheiden sich der homo-
sexuellc Mann und die homosexuelle Frau von dem Geschlecht,
d^m sie nach ihrem Genitalapparat angehoren: in der Rich-
tung ihres Geschlechtstrirbs, die bei mannliebenden Mannern
genau so oder fihnlich wie bei mannliebenden Frauen^ bei weib-
liebenden Frauen Hhnlich wie bei weibliebenden Mannern ist,
und zweitens in bezug auf seelische, nicht selten sogar korper-
liche Eigenschaften, die gleiehfalls bei homosexuellen
Mannern oft weibliche, bei homosexuellen Weibern mannliche
Einschlage aufweisen. Was lag da wohl naher, als zu
folgern, daU sich der Urning an denjenigen Stellen, in denen
man den zentralen Sitz dieser Triebe und Eigenschaften -zu
suchen hat, im Gehirn — funktioneller gesprochen in
seiner Seele — von dem vollmannlichen oder voUweiblichen
Typus unterscheidet, indem sich bei ihm, ahnlich wie bei
Zwittern, dem andern Geschlecht zukommliche Substrate er-
halten haben.
So sehen wir denn, daB man im griechischen Altertum die echte
Homosexualitat, und zwar die des Mannes sowohl als die des Weibes,
fast panz allgemein als eine androgyne Erseheinung auffaCte, ahnlich
wie den von antiken Kiinstlern so viel dargestellten Hermaphroditeu.
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von dem Christodorus*) sagte : „Sieh ia dem einen vereint die
Reize der beiden Geschlcchter". H e r o d o t und Hippokrat^'es
sprechen von ihr als der „weiblichen KTsmkheit" {{}tj?.€tavovaog\V aLTme-
nideB gab in seinem Werk jtegi tpvaeco; der Meinung Ausdruck, daC
gleichgeschlechtlich Liebende entstanden, wenn die Samenflussigkeiten
von Vater und Mutter sich bei der Begattung nicht innig genug
vermischt batten ; in P 1 a t o s Gastmahl beruf t sich einer der Gaste,
Aristophanes, befragt, was er iiber die Entstehung der Liebe
denke, auf den alten Mythus, nach dem es im Anfang drei Geschlechter
gegeben habe: Manner, Frauen und Hermaphrodite n. Als Zeus sah,
oaB die Menschen kiihner, kraftiger und stolzer wurden, fiirchtete
er ihren tJbermut und, um sie zu schwachen, spaltete er sie in zwei
Telle. Diese Telle suchten sich jetzt wiederzufinden, und das nenne
man Liebe. Die meisten Menschen suchten das entgegengesetzte Ge-
schlecht: sie selen die Nachkommen der Hermaphroditen ; die Nach-
kommen der urzeitlichen Manner aber fiihlten sich nur zu Mannern,
die der Frauen zu Frauen hingezogen. Noch origineller 1st die Fabel,
in der A s o p ^% der zu S o 1 o n s Zeiten gelebt haben soil, berichtet,
woi*auf die Existenz der Tribaden und ihrer mannlichen Gegenstiicke,
der molles mares, beruhe. Prometheus, der Gott der schaffenden
Natur, hatte, als er die Menschen aus Ton formte, die Geschlechts-
telle flir sich gebildet, um sie den Leibern anzuformen. Als er eines
Tages wieder damit beschaf tigt war, lud Bacchus Ihn zu einem
Gelage. Spat und tmnken kam er helm und schon halb im Schlaf, griff
er fehl und setzte den Weibern die mannlichen Glieder („masculina
membra feminis"), den Mannern die weiblichen an. Diese Beispiele, die
sich noch durch Zitate aus Martial, Dio Cassius und vielen
anderen vermehren lieBen, zeigen die Ansicht der Alten, die, der
Natur bescheiden sich fiigend, welt davon entfernt, an Willkiir und
Widernatiirlichkeit zu glauben, iiberzeugt waren, dafi nur die Gott-
heit selbst hier die Hand im Spiele haben konne.
Wie anders die Anschauung des Christentums. Das aske-
tische Prinzip, das gehon im normalsexuellen Geschlechtsakt
ein notwendiges t) b e 1 f tir den in Stinden geborenen Menschen
sah, verfolgte die ^,Sunde Sodoms** mit Feuer und Schwert.
Montesquieu hebt hervor, dafl die drei Handlungen, auf
welche das Christentum die harteste Strafe — den Feuertod
— setzte, sfimtlich Phantasiedelikte waren: die Ketzerei, die
1) Vgl. Palatlnische Anthologie Bd. II.
*) In den Jamben des Phadrus (Buch IV, Fabel 19) lautet
diese asopische Fabel:
Rogavit alter: „tribades et molles mares
Quae ratio procreasset?" Exposuit Senex:
„Idem Prometheus, auctor vulgi fictilis.
Qui, simul offendit ad fortunam, frangitur,
Naturae partes, veste quas celat pudor,
Quum separatim toto finxisset die,
Aptare mox ut posset corporlbus suis:
Ad coenam est invitatus subito a L i b e r o.
Ubi irrigatus multo venas nee tare,
Sero domum est reversus titubanti pede.
Turn semisomno corde et e r r o r e ebrio
Applicuit viriginale generl masculo
Et masculina membra applicuit feminis."
Ita nunc libido pravo fruitur gaudio.
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Hexerei und das Verbrechen „wider die Natur". Zwei dieser
angeblichen Verbrechen, denen Hunderttausende zum Opfer
fielen, sind als Hirngespinste erkannt; wann endlich wird das
dritte folgen? Unter dem EinflnJJ kirchlicher Verdammung und
Verdummung ruhte fast zwei Jahrtausende die wissenschaft-
liche Betrachtungsweise der Homosexualitat, die freilich selbst
trotz aller Verfolgungen nie und nirgends erlosch. Sobald man
sich aber nach dem reinigenden Ungewitter der franzosischen
Revolution wieder in ernster, unbefangener und eingehender
Weise mit der Frage des Uranismus zu beschaftigen begann, kam
man boi der Erklarung der Erscheinung rasch wieder auf die-
selben Zusammenhange zurlick, die sich schon den Alten auf-
gedrangt hatten.
Bereits Heinrich HoB^li, der ebenso schliclite wie gedanken-
tiefe Putzmacher von Glarus, erkannte die Verbindung homo-
sexuellen Em p find ens mit korperlicher Bisexual i-
tat. Im II. Bande seines groBen, 1838 erschienenen Werkes: „Eros,
die Mannerliebe der Griechen, ihre Beziehmigen zur Geschichte, Er-
ziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten" mit dem Untertitel:
„Die Unzuverlassigkeit der auBeren Kennzeichen im Geschlechtsleben
des Leibes und der Seele", eines Werkes, welches als erstes imter den
neueren das homosexuelle Problem in seiner weit iiber den Geschlechts-
akt hinausgehenden Vielseitigkeit erfaBt hat, heiBt es (S. 299) : „Die
der Mannerliebe zugrunde liegende Natur zeigt iiberall s o -
wo hi die weiblichen als die mannlichen Hauptziige
uiid P^igenschaften der Seele und des Gemiits mit
alien ihren mannigfachen Kraften und Stimmungen
in sich vereinigt."
Sein Nachfolger U 1 r i c h s spricht sich schon in den Briefen an
seine Verwandten (1862 geschrieben, 1899 in den Jahrbiichern fiir
sex. Zwischenstufen veroftentlicht) deutlich iiber dieses Zusammen-
trefi'en aus. Im ersten Briefe schreibt er: „Wir enthalten iibrigens
in mehrfacher Beziehung ein entschieden weibliches Ele-
ment. Wir sind gar nicht Manner im gewohnlichen
Begriff." Und in dem zweiten Briefe kommen folgende Stellen vor:
„Der Uranier ist eine Spezies von Mannweib." „Uranismus
ist eine Spezies von He r maph r odi t i sm us oder eine
koordinierte Nebenform von ihm."
Ein anderer Autor, Bernhardi, bezeichnet in einer 1882 zu
Berlin erschienenen Arbeit: „Der Uranismus" die Urninge 'kurzweg
als ^ine „MiBgeburt weiblichen Geschlechts" und dementsprechend
die homosexuellen Frauen als „MiBgeburten mannlichen Gescnlechts".
Am weitesten geht aber in dieser Richtung ein Schrifts teller
namens H. Marx. Ich will aus seiner Broschiire (1876 in Leipzig
erschienen). welche den Titel fuhrt: „Urningsliebe. Die -sittliche
Hebung des Urningtums und die Streichung des § 175 des deutschen
Strafgesetzbuchs. Ein Wort an das deutsche Volk, die Manner der
Wissenschaft und die Mitglieder des deutschen Reichstags", einige
Stellen anfiihren, die, so sonderbar sie manchem vorkommen werden,
(locJi vollkommen ernst gemeint sind und in ihrer wohl der eigenen
Individualitat entspringenden Konsequenz recht beachtenswert sind-
Es heiUt da S. 8: „Hat sich einmal die Wahrheit iiberall Bahn ge-
brochen, daC ein timing k e i n Mann ist, sondern zum w e i d -
lichen Geschlecht gerechnet werden muB, so verschwinden von
selber die Vorurteile gegen urnische Liebe." Und weiter: „Der Urning
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kann nicbts dafur, daB der Schopfer ihn mit einem seinen Leib schan-
denden Organ geschaffen hat, das fiir den Urning ganzlich unbrauch-
bar ist. WoUte ein Urning einen solchen ihn schandenden Korperteil
gebrauchen, um als Mann mit dom Weibe Liebe zu geniefien, so ware
er einfach ein Mann und dazu ein verkommenes, natu^widriges Ge-
schopf."
Einige Forscher haben versucht, verwandten Anschauungen ein
anatomisch-physiologisches Gewand zu geben. So meinte Gley Gjl^^vue
f>hilosophic|ue, Januar 1884), „die Kontrarsexuellen hatten ein weib-
iches Gehirn bei mannlichen Geschlechtsdriisen, das kranke Gehirn
bestimme bei ihnen das Geschlechtsleben, wahrend unter normalen Ver-
haltnissen die Geschlechtsdriisen das Geschlechtsleben bestimmten ;
ahnlich spricht auch Mag nan (in den „Annales m6d. psychol."
1885, S. 458) vom Gehirn eines Weibes im mannlichen Korper. Der
Amerikaner k i e r n a n geht bei seiner Erklarung (im „Medical Stan-
dard", November 1888) ebenfalls davon aus, „that a femininely func-
tionating brain can occupy a male body and vice versa" und meint,
daU die Homosexualitat ein bei belasteten Individuen vorkommender
Hiickschlag in die hermaphroditischen Formen der niederen Tiere sei,
zusammennangend mit „the original bisexuality of the ancestors of
the race, shown in the rudimentary female organs of the male".
A He diese Anschauungen entsprechen im wesentlichen dem, was
U 1 r i c h s (1868) in dem lapidaren Satz, mit dem er das zweitauseud-
jahrige Ratsel der Homosexualitat gelost zu haben glaubte, zusammen-
faBte: anima muliebris virili corpore inclusa. Ulrichs legte auf diese
seine Erklarung der Homosexualitat einen hohen Wert, unsers Erach-
tens einen fast zu hohen, wenn man beriicksichtipt, dafi es sich im
wesentlichen nur um eine pragnante Fassung einer Beobachtung han-
delt, die sich bisher keinem wirklichen Kenner der Homosexuellen hat
entziehen konnen. Er schreibt in „Memnon" (neue Ausgabe p. 16
und 16):
„Der Satz „anima muliebris virili corpore inclusa" wird stehen,
einer auf^erichteten Saule gleich, und der Zahn der Zeit wird ihn
nicht zerfressen. Seine Konsequenzen fiir das Sittengesetz werden zu
den hochsten Problemen der Weisheit gehoren, wenn man langst
wird vergessen haben, welch eines Bingens es bedurfte, die Natur zu
befreien aus den Handen ihrer Peiniger, und man kaum noch der
Volker und Stadte bemitleidend gedenken wird, welche einst ihre
Verfolgung zum Gesetz erhoben."
Der Gedanke, daJJ die Abweichung des (Jeschlechtstriebes
vom Geschlecht^apparat mit der ontogenetischen Bisexuaiitat
des Embryo in Verbindung stehe, konnte naturgemSB erst auf-
tauchen, als durch die embryologische Wissenschaft in der
Mitte des 19. Jahrhnnderts festgestellt war, daB sich die
Eingeschlechtigkeit der Frucht aus einer nrspriinglichen Doppel-
geschlechtigkeit entwickelt.
Chevalier, welcher sich in seinem Buche „ Inversion sexu-
elle" ^aris 1893) gegen B i n e t s Theorie der Entstehung der Homo-
sexualitat durch assoziative Verkniipfungen wendet, weist dabei als
einer der ersten auf die Bisexuaiitat des menschlichen Fotrus hin und
fibb der Vermutung Ausdruck, daB sich unter gewissen Umstanden
puren der unterdriickten Sexualitat erhalten konnten, wahrend bei
normaler Evolution „im Kampf der mannlichen und weiblichen Streit-
krafte" ein Geschlecht den Sie^ erringe,
Unabhangig von dem franzosischen Forscher hatte ich 1896 (unter
dem Pseudonym R a m i e n) eine Broschiire veroffentlich mit dem
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Titel: „Sappho und Sokrates. Wie erklart sich die Liebe der Manner
iind Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts" (2. Aufl., Leipzig
1902). in der ich auf Grund entwicklungsgeschichtlicher Deduktionen
zunachst theoretisch folgende sechs Moglichkeiten der Entwicklung
des Geschlechtstriebs konstruierte :
I. Es entwickeln sich mannliche Geschlechtsorgane. Der auf
den Mann gerichtete Instinkt verkummert. Mit dem Schwunde der
weiblichen Genitalanlage erstarkt der Drang zum Weibe : w e i b -
li e b e n de Manne r. II. Die weiblichen Fortpflanzungsorgane bilden
sich unter Riickbildung der fur Frauen fiihlenden Nervenzentren. Ande-
rerseits tritt unter Verkiimmerung der mannlichen Geschlechtsorgane
der Trieb zum Manne hervor : mannliebende Frauen. III. Die
peripheren Geschlechtsorgane entwickeln sich in mannlicher Rich-
tung. Dagegen fallt die Differenzierung der nervcisen Zentren un-
vollkommeu aus. Manner mit Neigung zu beiden Geschlechtern :
mannliche Bisexuelle. IV. Die Geschlechtsdriisen formen
sich weiblich. Die Triebzentren bleiben auf mehr oder weniger herm-
aphroditischer Stufe stehen. Frauen mit Neigung zu beiden Ge-
schlechtern : weibliche Bisexuelle. V. Trotz mannlicher Geni-
talien geheu die Neigungsfasern zum Alanne nicht zuriick. Hingegen
verkiimmert mit dem Verschwinden der weiblichen Geschlechts-
charaktero der Trieb zum Weibe : mannliebende Manner, Ur-
ninge. VI. Es bilden sich weibliche Sexualorgane und auf das VVeib
gerichtete Zentralstellen, wahrend mit dem Riiekgang der mannlichen
AuBenteile der Trieb zum Manne verschwindet : weibliebende
Frauen, Urninden.
Diese sechs Entstehungsmoglichkeiten lassen sich in drei Grup-
pen zusammenfassen. A. Mit der Bildung des einen Geschlechts
entwickelt sich der Trieb zum anderen :Heterosexualitat. B. Die
Differenzierung der Geschlechtsneigungen fallt unvollkommen aus:
Bisexualitat. C. Mit der Bildung des einen Geschlechts geht
der Trie!) zum anderen verloren : Homosexualitat.
Ich setzte dann auseinander, daC dieses theoretisch konstruier-
bare Entwicklungsschema in einer ausgedehnten Empiric seine Be-
statigung gefunden hatte.
Fast gleichzeitig mit meiner Schrift erschien eine neue Auf-
lage von Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis", in welcher
dieser, um die Klarung der sexuellen Probleme so ungemein verdiente
Naturforscher ebenfalls eine entwicklungsgeschichtliche
Theorie aufstellte, welche in folgenden Satzen gipfelte: „Die kon-
triire Sexualempfindung ist Verletzung des' empirischen Gesetzes der
den Geschlechtsdriisen gleichartigen Entwicklung des zerebralen Zen-
trums (Homosexualitat), eventuell audi desjenigen der monosexualen
Artung des Individuums (psychische „Hermaphrodisie"). Im ersten
Falle ist das dem durch die Geschlechtsdriise reprasentierten Ge-
schlecht gegensatzliche Zentrum, welches in paradoxer Weise den
Sieg iiber das zur Herrschaft prMestinierte davontragt, jedoch bleibt
wenigstens das Gesetz monosexualer Entwicklung gewahrt. Im
zweiten Falle bleibt der Sieg keinem der beiden Zentren, jedoch
eine Andeutung monosexualer Entwicklungstendenz bleibt immerhin
insofern, als eines dominiert, und zwar regelmafiig das kontrare. Es
ist dies um so sonderbarer, als demselben keine entsprechenden Ge-
schlechtsdriisen, iiberhaupt kein peripherer Sexualapparat zur Stiitze
dienen, ein weiterer Beweis dafiir, daB das zerebrale Zentrum a u t o -
nom, in seiner Entwicklung von den Geschlechts-
driisen unabhangig ist."
Weder Krafft-Ebing noch ich wuBten, daB audi U 1 r i c h s
bereits mit ziemlicher Ausfiihrlichkeit dieselbe Hypothese ausge-
sprochen hatte. Sie findet sich in dem vierten Briefe an seine Ver-
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wandten votn 23. Dezember 1862 (also 30 Jahre vor Chevalier), den ich
zwei Jahre nach Erscheinen meines Schemas von U 1 r i c h s* Sch wester
erhielt. Die namentlich in ihrem SchluB sehr denkwiirdige Stelle
lautet :
„Am mannlichen Embryo, namentlich an dem der ersten Monate,
sind die Geschlechtsorgane von denen des weiblichen Embryo fast
gar nicht zu unterscheiden. Membrum virile und Klitoris unter-
scheiden sich dann noch gar nicht oder fast gar nicht voneinander.
Bmstwarzen und Brustdriisen unterscheiden sich beim mannlichen
und beim weiblichen Embryo geradezu gar nicht voneinander. Hier-
nach nimmb man an, daB:
a) in j e d e m Embryo ein doppelter geschlechtlicher Keim
vorhanden sei, ein Keim der Virilitat und neben ihm ein Keim
der Muliebritat, daB sich aber b) nur der eine Keim ent-
w i c k 1 e , wahrend der andere nicht zur Entwicklung gelange.
Die Annahme dieses Satzes wird um so wahrscheinlicher, wenn
wir uns in der Schopfung sonst umschauen. Hier finden wir, daB bei
der weitaus iiberwiegenden Mehrzahl der Pflanzen gattungen in
jedem einzelnen PflaSzenindividuum mannliches und weibliches Ele-
ment nebeneinander nicht nur im Keim vorhanden ist, sondern daB
es nebeneinander auch zur voUstandigen Entwicklung kommt. Das-
selbe finden wir auch im Tierreich, z. B. bei den Schnecken.
Jede einzelne Schnecke tragt den geschlechtlichen Dualismus nicht
nur im Keim in sich, sondern in einer jeden gelangt auch die Virili-
tat und zugleich auch die Muliebritat zur voUstandigen Entwick-
lung, so daB zwei Schnecken sich gegenseitig begatten und
gegenseitig befruchten. DaB aber der Satz b nur die Kegel sei,
daB hiervon vielmehr auch Ausnahmen vorkommen, beweisen eben
die Zwitter, bei denen stiickweise beide Keime nebeneinander
korperlich zu einer gewissen Entwicklung ^elangen. Warum sollte es
nun undenkbar sein, daB in einzelnen Individuen die Natur in ihrer
Mannigfaltigkeit noch anders zu Werke gehe, daB sie korper-
lich den mannlichen Keim und nicht den weiblichen Keim
zur Entwicklung gelangen lasse, geistig dagegen umgekehrt den
mannlichen Keim nicht zur Entwicklung gelangen lasse, geistig
vielmehr den weiblichen Keim in alien seinen Richtungen zur
Entwicklung gelangen lasse? DaB sie also in Weichheit des Cha-
rakters, in Neigungen zur Beschaftigung usw., in Manieren und vor
allem in der Richtung des geschlechtlichen Liebes-
triebes zu Mannern, den Keim der Muliebritat zur Entwick-
lung gelangen lasse? d. i. daB sie Uranier schaffe? Die Tat-
sache wiirdc also lediglich diese sein — eine Tatsache, welche meines
Erachtens keineswegs so gar absonderlich sein wurde:
„Der geschlechtliche Dualismus, welcher aus-
nahmslos in jedem menschlichen Individuum imiKeim
vorhanden ist, kommt in Zwittern und Uraniern nur
in hoherem Grade zum Ausdruck, als im gewohnlichen
ManneundimgewohnlichenWeibe. Im Uranierkommt
er ferner nur in einer anderen Weise zum Ausdruck,
als im Zwitte r."
Dio Erkenntnis des hermaphroditischen Charakters der
Homosexualitat f iigt diese als ein Glied in eine Reihe verwandter
Naturerscheinungen, deseen Mangel einen Ausfall in einer
Itiekenlosen Linie bedeuten wiirde. Es ware sehr merkwtirdig,
wenn von den flieUenden tlbergangen, die sich an jedem Organ,
an jeder Funktion von einem zum anderen Geschlechte fiihrend
nachweisen lassen, der Geschlechtstrieb ausgenommen ware.
Hirschteld, HomosexualitSt. oo
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Wenn sfimtlich^ mJlnnllche Eigenschaften gelegentlich vereinzelt
oder in grofierer Anzahl bei einem Weibe und umgekehrt samt-
liche weiblichen beim Manne auftreten konnen, woran auch
nicht der mindeste Zweifel bestehen kann, so wiirde es etwas
ganz Auflerordentliches sein, wenn der Geschlechtstrieb hier
die einzige Ausnahme bilden soUte.
Das Nichtvorhandensein der Homosexualitat ware demnach ein
groBeres Ratsel als ihre Existenz, die vielen befremdlicher und natur-
widriger erscheint als etwa das gelegentliche Vorkommen eines Bartes
beim Weibe oder milchgebender Briiste beim Manne. Wie man nach
den Atomgewichten die im periodischen System der Elemente noch
fehlenden Stoffe vorausberechnen konnte, ehe man sie fand, wie man
aus den Abstanden der Planeten die Stelle und die Umlaufsbahn des
Neptun beschrieb, ehe man ihn entdeckte, wie man die Zwischen-
stufen zwischen den Vogeln und Reptilien schilderte, ehe man im
Solenhofer Kalkschiefer auf den Arcnaeopteryx stiefi, so liatte ein
nachdenklicher Gelehrter die Homosexuellen nachweisen konnen, ehe
er sie von Angesicht zu Angesicht sah.
Mit Recht sagt Dr. K 6 1 s c h e r - Hubertusburg^) : „Unsere ganze
Phylo- und Ontogenie und die Beobachtung der Vererbung mufi uns
dazu fiihren, zu gestehen, dafi es kein absolutes Weibtier und kein
absolutes Manntier gibt, sondern dafi in jedem Individuum eine
Mischung von beiden zum Tier der betreffenden Art, bei uns zum Men-
schen, statthat."
Da die „Zwischenstiifentheorie**3), um die es sich hier
handelt, noch vielfach grolJem Unverstandnis und irrtiimlichen
Auffassungen begegnet, will ich versuchen, sie auch hier noch
einmal moglichst klar darzulegen. Zunachst ist zu betonen,
dafi es sich dabei in erster Linie nur um ein Einteilungs-
prinzip handelt. Wir verstehen unter sexuellen
Z wischens tuf en Manner mit weiblichen und
Frauen mit mannlichen Einschlagen.
Die Voraussetzung dieses Einteilungsprinzips ist demnach eine
gcnaue Erklarung dessen, was mannlich und was weiblich
ist, und hierin liegt die Hauptschwierigkeit, zumal es neben rein mann-
lichen und weiblichen Eigenschaf ten auch solche gibt, die w e d e r
mannlich noch weiblich oder richtiger ausgedruckt, s o w o h 1 mann-
lich als weiblich sind. DaB diese gemeinsamen Eigenschaften aber
keine vollige Gleichheit der Geschlechter bedingen, steht auCerFrage;
die Geschlechter mogen gleichwertig und gleichberechtigt sein,
gleichartig sind sie nicht.. Was aber ist weiblich, was mann-
lich ? Weiblich ist zunachst die weibliche Keimzelle, das E i , sodann
die Di-iise, in welcher das Ei bereitet wird, der Eierstock, ferner
die sich anschlieBenden Wcge und Werkzeuge, in denen die Eizelle auf-
bewahrt, befruchtet und bebriitet wird, orler durch die sie, falls keine
Verbindung mit einer mannlichen Keimzelle stattgefunden hat, peri-
odisch wieder ausgeschieden wird; diese Organe sind: Eileiter, Ge-
2) Das Erwachen des GescIilechtsbewuCtseins und seine Ano-
malien. Wiesbaden 1907.
3) Die Zwischenstufentheorie wurde u. a. von mir behandelt in
den Jahrbiichern fiir sexuelle Zwischenstufen, Sappho und Sokratos,
Gesohlechtsiiborgange. Der rrnische Mensch, Die Transvestiten.
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barmutter, Scheide und Scham. Dem Bau und der Aufgabe dieser
Gebilde entsprechend ist das weibliche B e c k e n , in dem diese Telle
erofitenteils gelagert sind, vom mannlichen Becken abweichend in
& r i) B e und Form. Dadurch ist die Hiiftgegend starker und die
Stellung der vom Becken abgehenden Beine ein wenig anders wie
beim Manne. Alle diese Organe befinden sich ungeSlhr bis zum
14. Lebensjahr, dem Zeitpunkt der Reife des Eies, in einem gewissen
Ruhezustand. In diesem Alter aber treten zwei weitere weibliche
Eigentiimlichkeiten auf, die mit der von nun ab moglichen Emah-
ruug der Frucht in engstem Zusammenhange stehen: die Menstruation
— durch die zugleich mit dem unbefruchteten Ei ein fiirsorglich
bereitetes Schleimhautnest abgestoBen wird — sowie das Wachstum
der Brustdriise. Diese bewirkt, dafi ietzt auch der Oberkorper der
Fran voller wird, so daB die ganze Figur durch diei groBere Fiille
des oberen und unteren Rumpfabschnittes, die durch die schmalere
„Taille*' vbneinander getrennt sind, ein von der Mannesgestalt erheb-
lich abweichendes Aussehen erhalt.
Die starkeren Hervorwolbungen der Briiste und Huften gehen in
sanften Linien in die benachbarten Korperpartien iiber; diese Ab-
rundung geschieht durch reichlichere Ablagerung von Fettgewebe. Die
sich daniber spannende Haut ist zarter, feiner und glatter als die
mannliche. Auch ihre Anhangsgebilde, vor allem die Haare, sind
diinner, kiirzer und weicher, nur das Kopfhaar ist wesentlich langer,
wahrend die Korperbehaarung nur schwach ist und die Pubes eine
charakteristische, dem Mons veneris entsprechende v^ildung zeigen.
In Cbereinstimmung mit ihrem Kox-perbau, der der Empfangnis,
der Aufbewahrung und Emahnmg des Eindes so vortrefflich angepafit
ist, erscheint auch im Geschlechts 1 e b e n die Frau der empfangende,
aufnehmende und mehr passive Tell, weicher dem Manne als dem
zeugenden, inkumbierenden und mehr aktiven Partner entgegenstrebt.
Seine Aufmerksamkeit und Nci^ung sucht sie durch starkere Hervor-
hebung und Erhohung ihrer Reize zu gewinnen. D<3r Aufziehung imd
Erziehung der Kinder widmet die Frau sich auch iiber Schwanger-
schaft, Geburt und Laktation hinaus in hoherem Grade als der Mann ;
daher fallt auch die stillere, hausliche Tatigkeit in der Familie, die
Bewirtschaftung des „Nestes", mehr in ihr Bereich. Aber nicht nur
im Liebesleben, auch im sonstigen Geistosleben lit die Frau empfang-
licher, empfindsamer, gemiitvoller, unmittalbarer ais der Mann, wahrend
ihr die streng abstrakte, schiirfend-griibc-lnde oder auch rein schop-
ferisch tatige Seite der menschlichen Psjche weniger liegt. Doch ge-
niigt ihre Produktionsfahigkeit voUkonunen fiir die verhaltnismaSig
einfachen, leicht erlernbaren Obliegenheiten fast aller gegen-
wartigen Berufe, einschlieBlich der jenigen, die man ge-
wohnlich als mannliche bezeichnet. Dagegen steht der Beweis noch
aus, ob ihre Begabung fiir die Hochstleistungen der Kultur, in Technik,
Eunst und Wissenschaft, ausreicht. Wenn manche Vertreterinnen der
Frauenbewegung, wie schon in friiheren Zeiten, so in der (tegenwart
bebaupten, der Mangel an genialischen Leistungen und cpochalen
Schopfungen kame daher, well den Frauen zu ungestorter Entfaltung
ihrer Entwicklungsmoglichkeiten bisher keine Gelegenheit gegeben sei,
so bin ich mit Wilnelm Ostwald*) und anderen der Meinung,
dafi „die systematische Unterdruckung von seiten der Manner" hier
weniger in Betracht kommt, als die natiirliche Beechaffenheit der
Frauen an und fur sich. Immerhin ist zuzugeben, daB wir das MaB
geistiger Leistungsfahigkeit beim Weibe nach Quantitat und Qualitat
exakt abzuschatzen bisher noch nicht recht in der Lage sind, daB
es sicherlich durch Ubung noch wesentlich gehoben werden kann, und
*) Ostwald vertritt diese Anschauung in seinem Werk : „GroBe
Manner".
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dafi es unrichtig ist, wenn Weininger und andere ,,Antif emi-
nisten** cfich dahin auBem, „daB niemals ein wirkliches Weib die
Fordening der Frauenemanzipation erhebe, sondern dafi dies durch-
weg nur mannlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mifideuten,
una die Motive ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen
des Weibes zu sprechen glauben". (W eininger: Geschlecht und
Charakter. Seite 89.)
Gehen wir nun zu der Begriffsbestimmung des Wortes „mann-
lich" uber. Mannlich sind zuvorderst die mannlichen Keimzellen, der
Samen, sowie die Driisen, welche den Samen bereiten, die Testes
(Hoden), ferner die von diesen ausgehenden Gauge und Kanale, deren
Wandungen eine Zwischenfliissigkeit absondem, durch welche die
SamenzeUen nach aufien geleitet werden: die Ductus ejaculatorii mit
ihren Ausbuchtungen und Anhangen, wie den Samenampullen und der
Vorsteherdi-iise (Prostata) ; mannlich sind die zum groBten Teil
auBerhalb des Beckens gelegenen Umhiillungen dieser Gauge : das
Skrotum und das Mem brum virile. Auch beim Manne treten wie bei der
Frau mit dem Reifen der Keimzellen weitere Geschlechtseigentiimlich-
keiten auf ; sie stehen aber nicht in so naher Beziehung mit der Fort-
pflanzung wie die Menstruation und die Brustdriisen, sind vielmehr
Veranderungen und Verstarkungen allgemeiner Korpereigen-
schaften; so wird die Stimme tiefer und die Haut rauher, indem
einerseits die Stimmbander langer und breiter werden, wobei sie den
Kehlkopf nach aufien vordran^en („Adamsap£el")» anderseits sich die
Haut behaart, besonders reichlich im Gesicht und auf der Brust; auch
die Pubes zeigen eine von der weiblichen abweichende, mehr rauten-
f ormig O nach dem Nabel zu sich verlangernde Bildung. Da die Fett-
polsterung in der Brust- imd Hiiftpartie in Wegfall kommt, iiberhaupt
die allgemeine Fettablagerung wohl auch infolge der groBeren Aktivitat
eine geringere ist, erscheinen die mannlichen Korperlinien nicht so
weich und rund wie bei der Frau, vielmehr treten die ohnehin starkeren
Knochen lynd Muskeln merklicher hervor. Ein sehr bedeutsamer Unter-
schied ist ferner, dafi die AusstoBung der Keimzellen nicht wie bei
der Frau periodisch und unwillkiirlich erfolgt, sondern unregelmafiiger,
bewufiter und reichlicher vor sich geht. Im Geschlechts 1 e b e n ist
der Mann mehr der aggressive, aufsuchende, abgebende Teil. Der
erste Verkehr bewirkt bei ihm keine der weiblichen Defloration ent-
sprechende Veranderung. Der ganzen Sexualsphare somit unabhan-
giger gegenuberstehend ist ihm von Natur mehr Spielraum gegeben,
die sonstigen K 6 r p e r - und Geisteskrafte zu entwickeln, und
erscheint er daher als der unternehmendere differenziertere Mensch,
wahrend ihm auch geistig das Anmutige und Schmiegsame des Weibes
mehr mangelt.
Mit diesen Unterschieden, die allerdings die hauptsachlichsten
sind, ist die Besonderheit mannlicher und weiblicher Eigenart n o c h
nicht vollig erschopft. Wiirden wir jeden einzelnen Teil des
menschlichen Korpers in Bau und Aufgabe durchgehen, so wiirde sich
uberall eine wenn auch noch so geringe Verschiedenheit in der durch-
schnittlichen Beschaffenheit der Geschlechter nachweisen lassen, die
freilich in alien Fallen nur auf ein kleines Plus oder Minus hinaus-
lauft. So betragt — um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen —
die mittlere GroBe des Mannes (in Deutschland) 167, die des Weibes
156 cm. Der Mann hat durchschnittlich (nach Bischoff)
41,8 o/o Muskelgewebe und 18,2 o/o Fettgewebe, die Frau dagegen nur
35,8 o/o Muskel-, dafiir aber 28,2 o/o Fettgewebe. Die Kraft der Frauen-
hand erweist sich mit dem Dynamometer gemessen etwa ein Drittel
kleiner als die des Mannes ; er kann etwa das Doppelte seines Gewichtes
tragen, die Frau ungefahr die Halfte des ihrigen. Im Blute finden
wir beim Manne auf 1 Gramm 6 Millionen, bei der Frau 4—41/2 Mil-
lionen roter Blutkorperchen, der Gehalt an Blutfarbstoff betragt beim
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Manne 14,6 o/o, bei der Frau 13,2 o/o, das mannliche Herz schla^t
dmchschnittlich 72mal, das weibliche 80mal in der Minute. Es wiirde
zu weit fiihren, nnd auch hier fiir den Zweck unserer Darlegung ohne
Bedeutung sein, wollten wir hier j e d e s Stiick des Korpers fur sich
besprechen. Wenn ich bereits vor Jahren in meinem Buche „Ge-
schlechtsiibergange" den hypothetischen SchluB zog, daB sich der ge-
schlechtliche Durchschnittscharakter h5chsl wahrscheinlich bis auf
jede einzelne Korperzelle als die Bausteine des ganzen Organismus
erstrecken wiirde, so haben die scharfsinnigen Forschungen, welche
in neuerer Zeit Wilson, Rabe, Boveri, van Beneden und
andere iiber die Individualitat der Zelle angestellt haben, diese An-
nahme bestatigt. Diese Forscher nehmen auf Grund ihrer mit den
feinsten Beobachtungsmitteln angestellten mikroskopiechen Studien an,
daB es Spermien (Samenzellen) von mannlichem und weib-
lichem Charakter gibt und hochstwahrscheinlich auch mann-
liche und weibliche Eizellen, vielleicht sogar, wenn wir
H a 1 b a n f olgen, hermaphroditische Keimzellen. Die Ge-
schlechter unterscheiden sich in den Eizellen morphologisch vonein-
ander durch eine verschiedene Zahl der Ohromosomenkorperchen.
Dieser Chromosomenbestand ist auch bei der befruchteten Eizelle, aus
der ein Weibchen wird, ein anderer wie bei der, aus welcher sich ein
Mannchen entwickelt. Dementsprechend findet sich auch bei den
Tochterzellen, welche durch unaufhorliche Zweiteilung der Chromo-
somen aus der einen Ur- oder Mutterzelle hervorgehen, um schlieB-
lich den eanzen Organismus als hohere Einheit aufzubauen, je nach
ihrer Geschlechtszugehorigkeit ein verschieden starker Chromatingehalt.
Wir konnen das Bisherige nunmehr dahln zu-
sammenfassen, dafl wir die Unterschiede der Ge-
schlechter in vier deutlich voneinander abgrenz-
bare Gruppen teilen; sie betref f en wie wir sahen :
I. die Geschlechtsorgane,
II. die sonstigen korperlichen Eigenschaften,
III. den Geschlechtstrieb,
rV. die sonstigen seelischen Eigenschaften.
Ein voUkommen weibliches, „absolutes** Weib ware demnach
ein eolches, das nicht nur Eizellen produziert, sondern auch
in jeder anderen Beziehung dem weiblichen Typus entsprache*,
ein „absoluter*' Mann ein solcher, der Samenzellen bildet, zu-.
gleich aber auch in alien tibrigen Stiicken den mannlichen
Durchschnittstypus aufweist. Derartig absolute Vertreter ihrea
Geficblechts sind konstruierte Abstraktionen, in Wirklichkeit*'
sind sie in so extremer Zusammensetzun^g bisher nicht be-
ohachtet worden, vielmehr hat man bei jedem Manne wenn
auch noch so geringfiigige Anzeichen seiner Abstammung vom
Weibe, bei jedem Weibe entsprechende Reste mannlicher Her-
kunft nachweisen konnen. Nehmen wir jedoch selbst an, daB
Menschen existierten, die, um es zahlenmaBig auszudriicken, zu
100 Prozent mannlich waren, oder einen ebenso hohen weiblichen
Gehalt besaUen, so steht es doch auBer Frage, und auch hier
befinden wir uns immer noch auf dem Gebiete einfacher Er-
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fahrungstatsachen, daU sehr vielfach Personen vorkommen,
die, trotzdem sie Eizellen tragen, Eigenschaf ten aufweisen, die
im Allgeineinen dem mannlichen Geschlecht zukommlich sind,
und da6 es anderseit-s Menschen gibt, die Samenzellen absondern,
gleichwohl aber weibliche Eigentumlichkeiten erkennen lassen.
Da wir im Sprachgebrauch gewohnlich die Besitzer von Eizellen
kurz als Frauen, die Trager von Samenzellen e i n f a c h
als Manner bezeichnen, gibt es also Frauen mit mannlichen,
Mfinner mit weiblichen Einschlagen, und diese Misehformen sind
es eben, die * unter den Ausdruck „sexuelle Zwischenstufen"
gefaUt werdei.
Wir konnen sie, wie die Geschlechtsunter-
schiede selbst, am iibersichtlichsten nach den
vier angefiihrten Gesichtspunkten ordnen. In die
erste Gruppe der Zwischenstufen gehoren demnach solche,
die auf dem Gebiet der Geschlechtsorgane liegen, die Zwitter-
bildungen im engeren Sinne, sowie die „Scheinzwitter**, Manner,
die durch weibliche Spaltbildungen an den Genitalien, Frauen,
die durch ein gesteigertes Wachstum dieser Organe schon oft
genug bei der Geburt zu Irrtiimern in der Geschlechtsfbestimmung
AnlaQ gaben .Franz von Neugebauer hat in seinem klas-
sischen Handbuch^) iiber den „Hermaphroditismus beim Men-
schen" die hier vorkommenden Abstufungen und Kombinationen
mit vorbildlichem FleiB und groBtem Verstandnis gesammelt
und von den verschiedensten Gesichtspunkten aus kritisch ge-
sichtet.
Die zweite Bubrik der sexuellen Zwischenstufen bezieht
sich auf korperliche Eigenschaften auflerhalb der Ge-
schlechtsorgane.
Hier finden wir Marnier mit weiblichem Brustdriisengewebe (Gy-
nakomasten), sowie Frauen ohne solches (Andromastie) ; Frauen mit
mannlicher Behaarung, etwa mannlichem Bart oder mannlichen Fubes
(feminae barbatae, Androtrichie) und Manner mit weiblichem Haartypus
wie weiblichen Pubes, Bartlosigkeit usw., Frauen mit mannlichem Kehl-
kopt (Androglottie) und Manner mit weiblich geformten Stinmibaudem
und weiblicher Stimmbildimg (Gynoglottie), Manner mit weiblichem
Becken (Gynosphysie) und Frauen mit Mannerbecken^) (Androsphysie),
*) Hofrat Dr. Franz Ludwig von Neugebauer, Direktor
der gynakologischen Abteilung des evangelischen Hospitals zu War-
schau: Hennaphroditismus beim Menschen. Leipzig 1908.
6^ Der Berliner Anatom Waldeyer (vgl. „Das Becken, togo-.
eraphisch-anatomisch usw. Teil II. Bonn 1899. 5. 393) sagt bezug-
lich dieses Organs, bei dem man a priori doch gewlB eine strenge
geschlechtliche Differenzierung voraussetzen soUte: „Wir finden auch
Weiberbecken vom Habitus der Mannerbecken. Die
Knochen sind massiver, die Darmbeine stehen steil, die Schambogen
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Manner mil weiblichem Knochen- und Muskelbau und Frauen init mann-
lichem Skelett und mannlicher Muskulatur, von mannlicher GroBe und
Figur ; Manner mit weiblichen, Frauen mit mannlichen Bewegungen, Man-
ner mit dem zarten Teint der Frau, und Frauen mit der derben Haut des
Mannes, kurzum, welchen Tell des Korpers wir auch her-
ausgreifen mogen, stets werden wir in nicht zu sel-
tenea Fallen mannliche D urchs ch ni 1 1 s f ormen bei
Frauen, weibliche bei Mannern wahrnehmen konnen.
Zu der dritten Abteilung sexueller Zwischenstufen, den
hinsichtlich ihres Geschlechtstriebes abweichenden Personen,
recbnen wir Mfinner, die Frauen gegentiber mehr zu eine,Tn
sexuellen Verkehr nach Frauenart, beispielsweise zur Sukkum-
bierung neigen, die aggressive Weiber sowie niasochistisch'e'^)
Betatigungsformen lieben. Diesen entsprechen unter den Frauen
solche, die zur Inkumbierung neigen, sexuell sehr aggressiv
sind (von Prostituierten, wo hierfiir andere Ursachen in Be-
tracht kommen, ist hier natiirlich abzusehen), sowie solche,
die sadistische Regungen zeigen. In bezug auf die Richtung des
Geschlechtstriebs deutet es bei einem Manne auf Femininitat,
wenn er sich zu Frauen von mannlichem Aussehen und Cha-
rakter, zu sogenannten „energischen Frauen*', manchmal auch
zu direki homosexuellen hingezogen ftilhlt,'' oder zu mannlich
gekleideten sowie zu solchen, die wesentlich gereifter, intel-
lektueller, alter als er selbst sind. Bei der Frau hinwiederum
verrat sich die mannliche Beimischung in einer Vorliebe fiir
weiblich geartete, sehr anlehnungsbediirftige, sehr jugendliche,
oder ungewdhnlich zartbesaitete Manner, iiberhaupt fiir solche,
die in ihren Ziigen, ihrem Benehmen und Charakter dem femi-
ninen Ty pus nahestehen. Endlich gehoren in diese
Kategorie der Zwischenstufen Frauen, die nicht
nur weiblich geartete Manner, sondern auch
sind eng, die Beckenhohle hat eine Trichterform. Me ist haben die
betreffenden Frauen auch in ihrem iibrigen Korperhabitus etwas Mann-
liches (Viragines), doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein."
') Da der korperliche und seelische Sexual-P assivismus, den
wir in seiner pathologischen Form nach K r a f f t - E b i n g Maso-
chismus nennen, wie dieser Autor sehr richtig betont hat, cine ,,Aus-
artung spezifisch weiblicher psychischer Eigentiimlichkeiten" ist, so
ist sein Auftreten bei einem Manne zweifellos ein feniininer Zug, der
nach meiner Erfahrung iibrigens auch haufig mit anderweitigen Zeichen
der Feminitat vergesellschaftet ist. Da umgekehrt der Sadismus —
um mit Krafft-Ebing zu reden — „eine pathologische Steige-
rung" mannlicher psychischer Geschleohtscharaktere darstellt, so sind
sadistisch veranlagte Frauen mannliche Frauen. Demnach zahlen wir
den Masochismus beim Manne, den Sadismus der Frau zu den in das
Grebiet der sexualen Zwischenstufen gehorigen Erscheinungen, wahrend
unseres Erachtens der Sadismus beim Manne und der Masochismus der
Frau Auswiichse von Instinkten sind, die in dem Triebe wurzeln,
der dem Geschlecht des Betreffenden entsprioht.
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msLnnlich geartete Frauen lieben — oder auch nur
letztere — allein oder (ganz nach Art „richtiger**
Manner) Frauen von durchaus weiblicher Art
lieben. Das GegensttickzudieserUnterabtei lung
sind Manner, die auBer Frauen von mannlicher
Art auch Manner von femininer Art lieben oder
nur diese oder auch (ganz wie Frauen) mehr bder
weniger stark ausgepragte Manner ty pen (Homo-
sexuelle und Bisexuelle).
In Gruppe IV, unter welche wir die nicht un-
mittelbar mit dem Liebesleben zusammenhangen-
den seelischen Eigenschaf ten begreifen, sind den
sexuellen Zwischenstufen beizuzahlen banner von femininer
Geistes- und Sinnesaxt, wie sie sich in ihrer Lebensweise, ihrer
Gesohmacksrichtung, ihren Manieren, ^rer Sensitivitat^ viel-
fach auch in ihren Schriftzugen widerspiegelt, auch Manner,
die sich mehr oder weniger wie Frauen kleiden oder ganz als
solche leben (Trans vesti ten), anderseits Frauen von mannlichem
Gharakter, mannlicher Denk- und Schreibweise, starker Zu-
neigung zu mannlichen Passionen, mannlicher Tracht, natuj-
lich auch Frauen, die mehr oder minder ganz das Leben eines
Mannes ftihren.
Alle andersgeschlechtliohen Einschlage konnen in sehr verschieden
hohem Gi-ade vorhanden sein. Dieser hangt einmal wesentlich vom
Lebensalter ab. Am markaatesten erscheinen die Geschlechts-
unterschiede zwischen dem 20. und 60. Lebensjahre. Vorher im Jung-
lings- imd Jungfrauenalter zeigen auph noch nach der Reife Madchen
oft ein juveniles, junge Manner ein feminines Geprage. Und auch
spater in der Riickbildungsperiode nach dem 6. Lebensjahrzehnt stellen
sich bei Matronen nach den Wechseljahren oft leichte virile Stig-
mata ein, wahrend alte Manner haufig viel Frauenartiges bekommen.
Weiter ist von Wichtigkeit, dafi alle diese Einsch^e isoliert
oder kombiniert auf treten konnen. Es kommen alle nur e r-
denklichen Verbindungen mannlicher und weiblicher Eigeaschaften
vor. Legen wir der Berechnung der Anzahl moglicher Eombinationen
jede der vier Hauptcruppen als ein Ganzes zugrunde, ver-
gegenwartigen wir uns also, daB erstens die Geschlechtsorgane,
zweitens die ubrigen korperlichen Eigenschaften, drittens der Gre-
schlechtstrieb, viertens die sonstigen seelischen Eigenschaften mann-
lich, weiblich oder gemischt sein konnen, so ergeben sich allein dar-
aus 81 Grundtypen der sexuellen Zwischenstufen.
Die Menge der moglichen Variationen ist aber viel groBer, wenn
wir beriicksichtigen, daS ja in jeder der vier Gruppen viele einzelne
Attribute zusammengefaBt sind, von denen jedes in Verbindung mit
jedem beliebigen anderen, beliebig viele mit beliebig vielen anderen
und jedes noch dazu verschieden stark auftreten kann. Nehmen wir
in jeder Gruppe nur vier verschiedene Attribute an, z. B. in Gruppe II
Haarkleid, Kehlkopf, Brust, Becken usw. (in Wirklichkeit sind es
sehr viel mehr), so ergeben sich schon 4 x 4 = 16 Einzeleigenschaftcn,
die mannlichen, weiblichen oder gemischten Gharakter tragen konnen,
das sind an 3i« = 43 046 721 Kombinationsmoglichkeiten oder Zwi-
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schenstufentypen. Die ausfiihrlicheren Berechnungen dieser sexuellen
Varietaten, welche ich gemeinsam mit Professor Dr. K. F. Jordan
ausgefiihrt habe, finden sich in meinem im April 1910 erschienenen
Bu(me : „Die Transvestite n". Versuchen wir, nns von dieser
Vermischung mannlicher und weiblicher Substanz wenigstens annahe-
rungsweise eine Vorstellung zu machen, so kann etwa der mannliche
Einschlag bei einem Weibe, welches sich von dem absoluten Frauen-
typus nur wenig unterscheidet, auf 1 — lOo/o beziffert werden, es kann
aber auch wesentlich mehr, etwa 26o/o betragen. Es konnen weiter
ebenso viele mannliche wie weibliche Eigenschaften vorhanden sein,
ia ea konnen bei einer Tragerin weiblicher Keimzellen, also elnem
Weibe, die m§,nnlichen Eigenschaften zahireicher vertreten sein wie
die weiblichen, und so gelangen wir na^h und nach zu einem Punkte,
wo aufier den Geschlechtsoreanen die Geschlechtscharaktere der drei
ubrigen Gruppen, der Geschlechtstrieb sowohl als die allgemeinen
korperlicheu und seelischen Erscheinunffen mannlich geartet sind..
Dieser Typus grenzt an den „absoluten Mann, bei dem dann eben
auch noch die vierte Gruppe, die Geschlechtsorgane mannlich
sind. Und nun wiederholt sich dasselbe. Es kann dem Manne nur
eine Spur Weiblichkeit beigemengt sein, die Beimischung kann wesent-
licher sein, die weiblichen Qualitaten kSnnen den mannlichen gleich-
kommen, sie konnen diese iiberragen, trotzdem es sich um einen Trager
mannlicher Keimzellen, also einen Mann handelt, und so kommen
wir allmahlich wieder zu dem Punkte, wo Gruppe II, III und IV be-
reits totaliter weiblich, nur Gruppe I noch mannlich ist oder gar
noch in dieser einzelne Annaherungen an den femininen Typus vor-
handen sind. Damit nahem wir uns dann wieder imserm Ausgangs-
punkt, dem vollkommen weiblichen G^schlechtstypus. Alle diese sexu-
ellen Varietaten bilden einen vollkommen geschlossenen
K r e i s , in dessen Peripherie die angefdhrten Zwischenstufentypen
nur besonders markante Punkte sind.
Ob nun jemand die sexuellen Zwischenstufen samt und
Bonders f iir pathologisch ansieht — ein fiir einen auf dem Boden
der Entwicklungslehre stehenden Biologen meines Erachtens un-
haltbarer Standpunkt — oder ob man nur die starkeren Ein-
schlage von Mannlichkeit bei einem Weibe und Weiblichkeit
bei einem Manne ftir pathologisch halt, die schwacheren Grade
fiir physiologisch — wobei es schwer halten dtirfte, in der
Beihe der unmerklich ineinander tibergehenden Typen eine
Grenze zu ziehen — oder ob man, wie wir es tun, alle diese
Zwischenstufen als sexuelle Varietfiten auf f afit (und den
Begriff des Pathologischen im Sexualleben von ganz anderen
Momenten abhangig macht), alles das sind nebensaehliche Ent-
scheidungen gegeniiber der Hauptsache, daB wir mit den sexu-
ellen Zwischenstufen als einer weitverbreiteten und bedeutsamen
Naturerscheinung zu rechnen haben.
Die „Zwischenstufentheorie** bezweckt also im wesentlichen
nicKts anderes als eine Systematisierung, sie will be-
kannte und verwandte Phanomene methodisch ordnen; mag
im Einzelfall die Frage auftauchen, ob die Charakteri-
sierung einer k5rperlichen oder geistigen Eigenschaft als m&nn-
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lich oder weiblich insofern gerechtfertigt ist, als sie dem Durch-
schDittstypus des mannlichen oder weiblichen Geschlechts auch
wirklich entspricht, an dem' Faktum, dafi in alien vier genannten
Gruppen der Geschlechtsunterschiede Mischformen, Geschlechts-
iibergange vorkommen, andert das nichts. Von einer 'eigentlichen
Zwischenstuf en t h e o r i e kann nach meinem Daftirhalten erst
die Rede sein, wenn eine Theorie aufgestellt wird, welche das
Vorhandensein und die Haufigkeit solcher Mischformen zu
erklaren sucht. Diese Erklarung ist ebenso einfach und ein-
leuchtend wie die Lehre von den Zwischenstuf en selbst. Sie
stiitzt sich darauf, daU nach den Gesetzen der gemischten oder
beiderseitigen Vererbung jedem Kinde, gleichviel ob mannlich
oder weiblich, das aus der geschlechtlichen Vermischung von
Mann und Weib entsteht, vaterliche und mtitterliche Eigen-
schaften angeboren sind; es iibertragen sich nach den Gesetzen
der latenten und alternierenden Vererbung auf jeden Sohn
auch noch Eigentlimlichkeiten aus der miitter lichen Ahnen-
reihe beider Eltern, auf jede T o c h t e r Eigenschaf ten der V o r -
vftter. DerAnteilderkonkurrierendenErblasser
ist in jedem einzelnen Fall ein variable r.
Einer der bedeuteadsten Forscher, den wir in Deutschland auf
dem Gebiet der Vererbung haben, August Weismann^), sagt:
„Vom Menschen her wissen wir, dafi samtliche sekundaren Geschlechts-
charaktere nicht nur von den Individuen des entsprechenden Ge-
schlechts vererbt werden, sondern auch von denen des anderen. Die
schone Sopranstimme der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch
auf die Enkelin vererben, ebenso der schwarze Bart des Vaters durch
die Tochter auf den Enkel. Auch bei den Tieren miissen in jedem
geschlechtlich differenzierten Bion beiderlei Geschlechtscharaktere vor-
handen sein, die einen manifest, die anderen latent. Der Nachweis ist
hier nur in gewissen Fallen zu fiihren, weil wir die individuellen
Unterschiede dieser Charaktere nur selten so genau bemerken, allein
er ist selbst fiir ziemlich einfach organisierte Wesen zu fiihren und
die latente Anwesenheit der entgegengesetzten Geschlechtscharaktere
in jedem geschlechtlich differenzierten Bion mufi deshalb als allge-
meine Einrichtung aufgefaBt werden."
Im Kampf mit der doppelgeschlechtlicheu Vererbung liegt die-
jenige, welche Darwin die geschlechtliche (sexuelle) nannte. Diese
bewirkt, dafi manche Eigentlimlichkeiten nur bei mannlichen, andere
nur bei weiblichen SproBlingen zur Entwicklung gelangen. So iiber-
tragt der Hirsch das Geweih in der Kegel nur den mannlichen Nach-
kommen, das weibliche Tier die milchgebende Driise nur der weib-
lichen Nachkommenschaft. Doch sind die Anlagen fiir diese charakte-
ristischen Geschlechtszeichen auch stets bei den andersgeschlecht-
lichen Abkommlingen vorhanden, nur wachsen sie dort wenig oder
gar nicht. Auch hier mogen noch zwei Gewahrsmanner gehort wer-
den : D a r w i n ») selbst, der seine Betrachtungen mit den Worten
®) Weismann: Das Keimplasma, eine Theorie der Vererbung.
Jena 1892. S. 467.
®) Darwin: Das Variieren der Pflanzen und Tiere im Zustande
der Domestikation. 2. Auflage. Stuttgart 1873. Bd. II. S. 59.
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schlieBt: „\vir sehen, daB iu vielen, wahrscheinlich in alien Fallen
die sekundkren Charaktere jedes (leschlechtes schlafend oder latent in
dem entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentiim-
lichen Urastanden zu entwickeln"; sodann der Gynakologe A. He gar.
der in einer Arbeit „Uber die Exstirpation normaler und nicht zu
umfanglicher Tumoren degenerierter Eierstocke" ^o) klarlegt, „dafi ur-
sprijnglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende Momente
vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum Weibe
fiihrt.** „Diese suchen nicht bloB die spezifischen Keimdriisen, son-
dern gleichzeitig auch die anderen Geschlechtscharaktere herzu-.
stellen. „Fiir gewShnlich iiberwiegt eine Bewegungsrichtung so, daB
nur ein spezifischer Typus geschafien, wahrend der andere verdrangt
wird." Er setzt dann auseinander, dafi diese Verdrangung wahrschein-
lich auf mechanischen Ursachen beruht — was ich nicht fur sehr
wahrscheinlich halte — und endet mit den Worten: „e8 wird (wenn
die Verdrangung nicht nder nur teilweise stattfindet) das andere
geschlechtsbedingende Moment zur Geltunp kommen, und wir sehen
so ein Individuum entstehen, welches einen anderen Geschlechts-
typus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdriise nach zu-
kommt. Meist sind freilich Gemische mannlicher und
weiblicher E ige n s c haf te n in den ma n nigf ach s t e n
Kombinationen vorhanden, bis zu jenen feinen Nuancen
herab, bei denen wir von einem weibischen Manne und einem Mann-
weib sprechen."
Das biologische Gesetz, daU in jedem Men-
schen auch das gegenteilige Geschlecht ruht, bil-
det dieGrundlage fiir dicEntstehung und dasVer-
stfindnis der sexuellen Zwischenstufen; ich habe es
in dem Leitartikel der Jahrbiicher ftir sexuelle Zwischenstufen
kurz etwa dahin prazisiert: „alles, was das Weib besitzt, hat
wenn auch in noch so kleinen Resten, der Mann, und ebenso sind
bci jedem Weibe zum mindest^n Spuren aller mannlichen Eigen-
ttimlichkeiten vorhanden** und in dem Buche „Geschlechtsuber-
gange": „In jedem Lebewesen, das aus der Vereini-
gung zweier Geschlechter her vorgegangen ist,
finden sich neben den Zeichen des einen Ge-
schlechts die des andern, oft weit iiber das Rudi-
mentar stadium hinaus, in sehr verschiedenen
Gradstufen vor.**
DaB die Gradstufen so haufig von der dem Geschlecht im allge-
meinen eigentiimlichen Durchschnittsform abweichen, wird um so ver-
standlicher. wenn wir in Betracht ziehen, daB der mannlichen oder
weiblicheu Gestaltung stets eine einheitliclje Form vorangeht. Aus
dieser neutralen Anlage wachsen einige Teile starker, andere
schwacher, und auf diesem „m e h r oder „w e n i g e r" der Ent-
wicklung beruht der ganze Unterschied der Geschlechter. So ent-
stehen die in der ersten Gruppe der Geschlechtsunterschiede zu-
sammengefaBten Organe bei beiden Geschlechtern aus der ge-
schlechtslosen Geschlechtsdriise, an die sich ursprunglich sowohl
beim Manne als beim Weibe die Urnieren, Urnierengauge und Miiller-
10) Im Zentralblatt fiir Gyuakologie. 10. Nov. 1877. S. 297
bis 307.
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schen Gange anschlieBen, wahrend an der Korperoberflache in b e i d e n
Fallen der Geschlechtshocker, die Geschlechtsrinne, die Geschlechts-
falten und Geschlechtswiilste, die Vorstufen der auBeren Genital-
bildung darstellen. In der zweiten Gruppe der Geschlechtsunter-
schiede ist noch bis kurz vor der Reife die einheitliche Grundlage vor-
handen; Brustdriisen, Behaarimg, Kehlkopf lassen im Kindesalter
keine Differenz wahrnehmen. Auch hinsichtlich der dritten
Gruppe der Geschlechtsunterschiede wird angenommen, dafi der Diffe-
renzierung des Geschlechtstriebs ein undifierenziertes Stadium vor-
ausgeht ^i), und ebenso sind die seelischen Unterschiede (Gruppe IV),
wenn auch in der Kindheit schon vielfach angedeutet (mit Recht be-
zeichnet der Sprachinstinkt das Kind als Neutrum), so doch nicht
im entferntesten so ausgebildet und ausgepragt wie beim Erwachsenen.
Die Zwischenstufentheorie ist auBer den bereits genannten so
vielen anderen sachkundigen Autoren anerkannt worden; unter den
Naturf orschern seien Rohleder, Ellis, Nacke, Karsch, Neu-
gebauer, Mobius, Merzbach, unter Juristen Wulffen,
Praetor ius, Hans GroB hervorgehoben, von denen der letz-
tere im Archiv fiir Kriminalanthropologie und Kriminalistik i*) seinen
Standpunkt etwa wie folgt, prazisiert : „Jedes Individuum hat die
sexuelle Tendenz, zu welcher es durch seine Konstruktion
getrieben wird; sei diese vorwiegend mannlich, so werde das Indi-
viduum vom Weibe angezogen, und umgekehrt. Da diese Konstruk-
tion nicht bloB vom Bau der Geschlechtsteile abhangt, so kann ein
Individuum zwar nach dessen Bau dem einen Geschlecht, nach seiner
sonstigen Konstruktion jedoch dem anderen angehoren. Homosexu-
alitat ist K on s t ruk t i ons ei'gebni s."
Es sind aber auch Einwande gegen die Auffassunj- der
Homosexualitat als einer intersexuellen Variante erhoben worden.
Diese Einwendungen sttitzen sich auf die an sich zutreffende
und auch nie bestrittene Behauptung, daB Homosexuelle einen
voUig ihren primaren Geschlechtscharakteren entsprechenden
Eindruck machen konnen, anderseits sehr feminine Manner und
virile Frauen durchaus homos^xuell sind.
I w a n B 1 o c h 13) meint : j,Die Zwischenstufentheorie H i r s c h -
f e 1 d s , die aus den graduellen Ubergangen zwischen den Geschlech-
tern die homosexuellen Phanomene erklart, diese interessante Theorie
erklart nur einen Teil der originaren Homosexualitat. Aber sie ver-
sagt da, wo Homosexualitat bei Fehlen jeder Abwei-
chung vom Typus auftritt, also z. B. in jenen Fallen, wo
mannliche Individuen mit durchaus normalem mannlichen Korper-
bau bereits von Kindheit an lange vor der Pubertat streng homo-
sexuell empfanden." Ahnlich auBert sich auch F o r e H*) : „ Was man
zugeben kann, ist, daB die kontrare Sexualempfindung samt homo-
sexueller Liebe einer Art partiellen Hermaphroditismus entspricht,
in welcher die Geschleqjitsdnisen und die Begattungsorgane die Merk-
male des einen Geschlechts besitzen, wahrend das Gehirn zu einem
guten Teil diejenigen des anderen tragi." — „DaB gelegentlich ein
mannlicher Urning auch somatische weibliche Eigenheiten besitzt und
ein weiblicher Urning mannliche, ist nicht zu leugnen. Die Homo-
^1) Vgl. u. a. Prof. M. D e s s o i r. AUgem. Zeitschrift fiir Psv-
chiatrie. 1894. Heft 5.
12) Besprechung des Jahrbuchs IV n. V.
^5) Iwan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit, p. 688.
1*) Aug. Forel: Die seiuelle Frage, p. 260 u. 264.
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dexualitat ist vornehmlich rein psychisch. Die ganze Zwischenstufen-
theorie scheitert aber ferner daran, dafi logischerweise eine wirklich
sexuelle Zwischenstufe wohl bisexuell oder hermaphroditisch, aber
nicht homosexuell fiihlea sollte." — „Wenii daher ein Mensch mil
durchaus charakteristischen Sexualorganen und sonstigen Merkmalen
des einen Geschlechts eiazig und allein fiir sein gleicnes Geschlecht
sexuell empfindet — und so ist es beim typdschen Urning — bleibt
dies, trotz alien gekiinstelten Gegenargumenten, eine pathologische
Erscheinung oder, wenn man will, eine Abnormitat, una kann nicht
als normalc Zwischenstufe bezeichnet werden."
Auch von den Anhangem der „physiologischen Freundschaft"
und der „mannlichen Kultur", so von Benedict Friedlaender
in seiner „Renaissance des Eros Uranios" und vorher von Elisarion
V. K u p f f e r , ist die Zwischenstufentheorie abgelehnt und bekampft
worden. K u p f f e r wendet sich in der Einleitung zu seinem Werk
,,Lieblin^minne und Freundesliebe in der Weltliteratur", wo er im
iibrigen in sehr vortrefflicher Weise klarlegt, „welche Quelle der Kraft"
dui-ch die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Liebe der menschlichen
Gesellschaft entgeht , scharf gegen „die krankelnde Prinzipiensucht
unsrer wissenschaftelnden Zeit (pag. 3) ; es sei „in humanwissen-
schaftlichen Kreisen Mode geworden, von einem „dritten" Geschlecht
zu reden, dessen Seele und Leib nicht zusammenstimmen sollen"; es
seien nicht nur diejenigen zuriickzuweisen. „(pag. 16) welche sich in
feindseliger Verleumdung ergehen, sondern auch die, die durch ihre
krankhaften Theorien vom Urning und von der Effemination alles
verwirren und verzerren." „Ich will," schreibt er (pag 16), ,,ja nicht
ieugnen, daB es solche extreme Erscheinungen gibt, denn die Natur
ist unerschopflich reich, aber die Lieblingminne deckt sich mit
ihuen keineswegs." Er beruft sich dann auf Goethe, welcher mit
Recht von J. J. Winckelmann gesagt hatte: „Er hat als Mann
gelebt und ist als ein vollstandiger Mann von hinnen gegangen."
Die Gegner der Zwischenstufentheorie ubersehen Kunachst
ihren rein systematischen Charakter.
Zwischenstufen zwischen dem mannlichen und weiblichen
Geschlecht werden eben die Personen genannt, die nicht aus-
schliefllich vollmannliche oder voUweibliche Formationen,
sondern Mischungen beider besitzen. „Wenn daher ein Mensch**
— ich bediene mich hier absichtlich Fore Is eigener Worte —
mit durchaus charakteristischen Sexualorganen und sonstigen
Merkmalen des einen Geschlechts, einzig und allein fiir sein
eigenes Geschlecht sexuell empfindet, — so ist eben diese Ver-
bindung viriler oder femininer Sexualorgane mit einem diesem
nicht entsprechenden SexuaHrieb eine Mischf orm, ein Geschlechts-
iibergang, eine Zwischenstufe in unserm Sinn. Es wird ferner
von den Gegnern zu wenig beachtet, daB feminine Einschlage in
der Psyche viriler Manner und virile bei homosexuellen Frauen
durchaus nicht immer sehr offenkundig zutage treten, sondern
vielfach erst nach sehr sorgsamer Tiefenexploration feststellbar
sind; weiterhin, daU jemand an mannUcher Aktivitiit^ Energie
und sonstigen mannlichen Eigenschaften sehr wohl den Durch-
schnitt der Manner tibertroffen, deshalb auch einen sehr mann-
lichen Eindruck machen und gleichwohl eine betrachtliche Menge
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weiblicher Gemlltsqualitaten in sich beherbergen kann und um-
gekehrt.
Katte hat in einem Artikel „Die virilen Homo-
sexuellen" ^^) eine Briicke zwischen den Gegnern und Anhangern
der Zwischenstufentheorie zu schlagen versucht, indem er aus-
ftihrte, daU sich eine gewisse Supervirilitat, bernhend auf einem
absoluten Plus des m^annlichen Elements, sehr* wohl mit femininen
Eigenschaften vertragt.
Man hat gemeint, die Zwischenstufentheorie passe wohl f iir
die femininen, nicht aber fiir die virilen Homosexuellen. Das
ist voUkommen unzutreffend, da sich beide Gruppen nur durch
die Starke alterosexueller Einschlage, nicht aber prinzipiell
unterscheideji.
Vou denen, die nicht auf dem Boden der Zwischenstufentheorie
steheu, gleichwohl aber die Homosexualitat als einen natiirlichen und
angcborenen Zustand betrachten, haben einige versucht, die Homo-
sexualitat auf andere Weise zu erklaren. So nat sich B. Fried-
I a e n d e r im wesentlichen die Theorie Gustav Jaegers ^6) zu
eigen geraacht, welcher meinte, dafi die Homosexualitat des Marines
darauf beruhe, dafi seine Seelenstoffe mit den Seelendiiften des Weibes
in Disharmonie stehen, wahrend sie mit denen gleichgeschlechtlicher
Personen harmonierten. Noch spekulativer ist die Theorie Her-
manns"), die dahin geht, daB bei den Homosexuellen das Polaritats-
gesetz gestort sei. Der lebende Korper sei ein elektro-chemisches,
polargespanntes System, in dem bei den homosexuellen gewisse Isola-
tionen und Hemmungen wegfielen.
Ma n tegazz a ^^) erklart die angeborene Homosexualitat
dadurch, daB infolge einer anatomischen Anomalie die nervi
erigentes einen fehlerhaften Verlauf zum Mastdarm statt zu den
Genitalien genommen batten und dadurch eine Verlagerung der
erogenen Zone bewirkt batten. Bei dieser Erklarung iibersieht
Mantegazza nicht allein die homosexuellen Frauen, sondern
den groBten Teil der homosexuellen Manner, denen die immissio
in anum im Fiihlen und Handeln fremd ist.
Gleichwohl hat auch diese Meinung Anhanger gefunden; so hat
La C a r a ^^) eine BeObachtung publiziert, in der er die homosexuelle
1*) Dr. Max Katte: Die virilen Homosexuellen. Im Jahrb. f .
sex. Zwisclienstufen, Jahig. VII, p. 94 f f.
16) Gustav Jaeger: Entdeckung der Seele. 3. Aufl. 1. Bd.
Leipzig 1884, p. 268.
!•) G. Hermann: Genesis. Das Gesetz der Zeugung. 5. lid.
Libido und Mania. Untersuchungen iiber Sexualprobleme. 'Leipzig,
1903 (besprochen von Pratoriuj im Jahrb. f. sex. Zw., p. 483 ff.).
1®) Paul Mantegazza: Anthi opologisch-kulturhistorische Stu-
dien iiber die Geschlechtsverhaltnisse des Menschen. 3. Auflage. Ein-
zig autorisierte deutsche Ausgabe. Jena. S. 120.
*9) La C a r a : Un ermafrodita psicosessuale. Rivista mensile di
psichiatria forense, etc. 1902. Nr. 9. Besprorihen von P. Nacke
ill! Jahrb f. sex. Zwischenst. V, 2. |i. 9v^2.
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Neigung eines ephebophilen Homosexuellen auf eine solche vermut-
liche Nerven-Aberration zuriickfiihrt.
Die Erorterungen dieser Gelehrten werden an naiver Ignoranz
kaum vou der jenes Berliner Schlachtermeisters iibertroffen, der vor
Vielen Jathren mit dem Ersuchen zu mir kam, ich mochte doch fest-
stellen, ob er homosexuell veranlagt sei, er ware auf diese Vermutung
gekommen, weil er im After ein so heftiges Jucken verspiire. Die
Untersuchung ergab, daB es sich um eine Verwechslung zwischen
Helminthiasis (Wurmkrankheit) und Homosexualitat handelte.
Auf ebenso irrtiimlichen Voraussetzungen aufgebaut wie
Mantegazzas Theorie der Homosexualitat ist diejenige
Schopenhauer s. Wir geben sie gleichwohl in den Haupt-
stellen des Originals, weil sie von einer Personlichkeit stammt,
die selbst dorl, wo sie irrt, zur Sache doch WertvoUes zu sagen
weifl.
Schopenhauer 20) glaubte, dafi er „das unerhorte Phanomen,
dessen Erklarung sich als ein so schweres Problem darstellt, durch Auf-
deckung des ihm zugrunde liegenden Naturgeheimnisses gelost habe";
„Zum Ausgangspunkt dient ihm * eine Stelle des Aristoteles in
Polit., VI, 16. — „Daselbst setzt dieser auseinander, dafi erstlich zu
j u n g e Leute schlechte, schwache, mangelhaf te und klein bleibende
Kinder zeugen; und weiterhin, dafi dasselbe von den Erzeugnissen
der zu alten gilt: nam, ut juniorum, ita et grandiorum natu foetus
inchoatis atque imperfectis corporibus mentibusque nascuntur: eorum
vero, qui senio confecti sunt, suboles infirma et imbecilla est." Ari-
stoteles schreibt daher vor, daB, wer 54 Jahre alt ist, keine Kinder
mehr in die Welt setzen soil; wiewohl er den Beischlaf noch immer,
seiner Gesundheit, oder sonst einer Ursache halber, ausiiben mag.
Die Natur nun ihrerseits kann die der Vorschrift des Aristoteles
zugrunde liegende Tatsache nicht leugnen, aber auch nicht aufheben.
Denn, ihrem Grundsatze natura non facit saltus zufolge, konnte sie
die Samenabsonderung des Mannes nicht plotzlich einstellen; sondern
auch hier, wie bei jedem Absterben, muC eine allmahliche Deterioration
vorhergehen. Die Zeugung wahrend dieser nun aber wiirde schwache,
stumpfe, sieche, elende und kurzlebende Menschen in die Welt setzen.
Ja, sie tut es nur zu oft: die im spateren Alter erzeugten Kinder
sterben meistens friih weg, erreichen wenigstens nie das hohe Alter,
sind, mehr oder weniger, hinfallig, kranklich, schwach, \md die von
ihnen Erzeugten sind von ahnlicher Beschaffenheit. Was hier von
der Zeugung im deklinierenden Alter gesagt ist, gilt
ebenso imunreifen. Nun aber liegt der Natur nichts so sehr
am Herzen. wie die Erhaltung der Species und ihres echten Typus ;
wozu wohlbeschaffene, tiichtige, kraftige Individuen das Mittel sind:
nur solche will sie. Ja, sie betrachtet und behandelt, (wie im Kapitel
41 gezeigt worden) im Grunde die Individuen nur als Mittel ; als Zweck
.bloB die Species. Demuach sehen wir hier die Natur, in Folge ihrer
eigenen Gesetze und Zwecke, auf einen mifilichen Punkt geraten und
wirklich in Bedrangnis. Auf gewaltsame und von fremder Willkiir
al3hangige Auskunftsmittel, wie das von Aristoteles angedeutete, konnte
sie, ihrem Wesen zufolge, immoglich rechnen, und ebenaowenig darauf,
daC die Menschen, durch Erfahrung belehrt, die Nachteile zu friiher
oder zu spater Zeugung erkennen und demgemaB ihre Geliiste ziigeln
wiirden, infolge verniinf tiger, kalter Cberlegung. Auf beides also
konnte, in einer so wichtigen Sache, die Natur es nicht ankommen
*®) Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung,
p. 64a ff.
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lassen. Jetzt blieb ihr nichts anderes iLbrig, als von zwei Obeln das
kleinere zu wahlen. Zu diesem Zwecke nun aber muBte sie ihr beliebtes
Werkzeug, den Instinkt, welcher, wie in vorstehendem Kapitel gezeigt,
das so wichtige Geschaft der Zeugung iiberall leitet und dabei so selt-
same Illusionen schafft, auch hier in ihr Interesse Ziehen, welches
aber hier nur dadurch ceschehen konnte, daJ3 sie ihn irre leitete (lui
donna le change). Die Natur kennt namlich nur das Physische, n i c h t
das Moralische: sogar ist zwischen ihr und der Moral entschiedener
Antagonismua. Erhaltung des Individuums, besonders aber der Species,
in moglichster Vollkommenheit, sei ihr alleiniger Zweck. Zwar sei nun
auch physisch die Paderastie den dazu verfiihrten Jiinglingen nach-
teilig; jedoch nicht in so hohem Grade, daB es nicht von zweien
tJbeln das kleinere ware, welches sie demnach wahlt, um dem sehr viel
grofieren, der Depravation der Species, schon von Weitera auszuweichen
und so das bleioende und zunehmende Ungliick zu verhiiten. Dieser
Vorsicht der Natur zuf olge stellt, ungefahr in dem von Aristoteles
angegebenenem Alter, in der Kegel eine paderastische Neigung sich
leise und allmahlich ein, wird immer deutlicher und entschiedener, in
dem Mafie, wie die Fahigkeit, starke und gesunde Kinder zu zeugen,
abnimmt. ... So veranstaltet es die Natur. . . . Der Zweck, den die
Natur dabei hat, wird dadurch erreicht, daB jene Neigung Gleich-
giiltigkeit gegen die Weiber mit sich fiihrt, welche mehr und mehr
zimimmt, zur Abneigung wird und endlich bis zum Widerwillen an-
wachst. Hierin erreicht die Natur ihren eigentlichen Zweck umso
sicherer, als, je mehr im Manne die Zeugiingskraft abnimmt, desto ent-
schiedener ihre widernatiirliche Richtung wird. — Diesem entsprechend
finden wir die Paderastie durchgangig als ein Laster, alter Manner.
Nur solche sind es, welche dann una wann, zum offentlichen Skandal,
darauf betroffen werden. Dem eigentlich mannlichen Alter ist sie
fremd, ja, unbegreiflich, Wenn einmal eine Ausnahme hiervon vor-
kommt, so glaube ich, daB es nur infolge einer zufalligen imd vor-
zeitigen Depravation der Zeugungskraft sein kann, welche nur schlechte
Zeugungen liefern konnte, denen vorzubeugen, die Natur sie ablenkt.
Daher richten die in groBen Stadten leider nicht seltenen Kinaden
ihre Winke und Antrage stets an altere Herren, niemals an die im
Alter der Kraft stehenden oder gar an junge Leute. Auch bei den
Griechen, wo Beispiel imd Gewohnheit hin und wieder eine Ausnahme
von dieser Kegel herbei^efiihrt haben mag, finden wir von den Schrift-
stellern, zumal den Philosophen, namentlich P 1 a t o n und Aristo-
teles, in der Kegel, den Liebhaber ausdriicklich als altlich dargestellt.
Insbesondere ist in dieser Hinsicht eine Stelle des Plutarch bemerkens-
wert im Liber amatorius, c. 5 : 'O Jiaidixog Igcog, Sxpe yeyovcog, xal nag'
a)QavT(p fiicpf v6§og xal oxoriog, i^ekavvei xbv yvrjoiov EQCOxa xal nQEOpvxeQOv.
(Puerorum amor, qui, quum tarde in vita et intempestive, quasi
spurius et occultus, exstitisset, germanum et natu majorem amorem
expellit.) Sogar imter den Gottern finden wir nur die altlichen, den
Zeus und den Herakles, mit mannlichen Geliebten versehen, nicht
den Mars, Adollo, Bacchus, Merkur. — Inzwischen kann im Orient
der infolge der Polygamic entstelfende Mangel an Weibern hin und
wieder gezwungene Ausnahmen zu dieser Kegel veranlassen: ebenso
in noch neuen und daher weiberlosen Kolonieen, wie Kalifomien usw.
— Dem entsprechend mm ferner, daB das unreife Sperma, eben so wie
das durch Alter depravierte, nur schwache, schlechte und ungliick-
liche Zeugungen liefern kann, ist, wie im Alter, so auch in
der Jugend eine erotische Neigung solcher Art zwischen Jiing-
lingen oft vorhanden, fiihrt aber wohl nur hochst selten zum wirk-
lichen Laster, indem ihr, auBer den oben genannten Motiven, die Un-
schuld, Reinheit, Gewissenhaftigkeit und Verschamtheit des iugend-
licheu Alters entgegenstebt. Aus dieser Darstellung ergibt sich, daB,
wahrend das in Betracht genommene Laster den Zwecken der Natur,
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and zwar im Allerwichtigsten and ihr Angelegensten, gerade entgegen-
zaarbeiten scheint, es in Wahrheit eben, diesen Zwecken, wiewohl nor
mittelbar, dienen muB, als Abwendungsmittel groBerer
Ubel. Es ist namlich ein Phanomen der absterbenden and dann
wieder der anreifen Zeugangskraft, welche der Species Gefahr drohen,
and wiewohl sie alle beide ans moralischen Griinden pausieren sollten,
war hierauf doch nicht zu rechnen, da iiberhaupt die Natur das
eigentlich Moralische bei ihrem Treiben nicht in Anschlag bringt.
Demnach griff die, infolge ihrer eigenen Gesetze, in die JEnge ge-
triebene Natur, mittelst Verkehrung des Instinkts, zu einem Not«
behelf, einem Strategem, ja, nian mochte sagen, sie baute sich eine
Eselsbrucke, um, wie oben dargelegt, von zweien tTbehi dem grofieren
zu entgehen. Sie hat namlich den wichtigen Zweck im Auge, un-
gliicklichen Zeugungen vorzubeugen, welche allmahlich die ganze Species
depravieren konnten, und da ist sie, wie wir gesehen haben, nicht
skrupulos in der Wahl der Mittel.**
Schopenhauer setzt dann naher auseinander, daB bei aller
Geschlechtsliebe der Instinkt die Ziigel fuhrt und lUusionen schafft,
well der Natur das Interesse der Gattung alien anderen voreeht; auch
fur die gleichgeschlechtliche Liebe ergeben sich als letzte Griinde die
Zwecke der Gattung, nur seien sie in diesem Falle bloB negativer Art,
indem die Natur dabei prophylaktisch verfahre. Schopenhauer schlieflt
diese denkwiirdigen Auseinandersetzungen mit dem Satze, daB er durch
Darlegung dieser paradoxen Gedanken auch den durch das immer
weitere Bekanntwerden seiner von ihnen so sorgfaltig verhehlten Philo-
sophie sehr consternierten Philosophieprofessoren eine kleine Wohl-
tat habe zuflieBen lassen wollen, indem er ihnen die Gelegenheit er-
offnete zu der Verleumdung, daB er die Paderastie in Schutz genommen
und anempfohlen hatte.
Schopenhauer& Behaoidlung der Homosexualitat kann
vor dem Forum der Tatsachenforachung insofern nicht zu Recht
bestehen, als ja keineswegs vornehmlich 'uur die Jugend und das
Alter gleichgeschlechtlicli empfinden, vielmehr wer homosexuell
fiihlt und handelt, es von der Jugend bis zum Alter in der-
selben Weise tut. Hier irrt der grolJe Denker; um so mehr
scheint er mir aber in einem Punkte den Kern der Sache zu
treffen, dort, wo er klarlegt, daB die letzten Griinde homo-
sexueller Neigung Griinde der Gattung sind, nicht Entartung,
sondern VerhtttungderEntartung.
In Schopenhauer schen Gedankengan^en bewegen sich noch
drei weitere Autoren, Gyurkovechky *i), K u r n i g *') und G r a-
b o w s k y. Der erstere meint, daB die Homosexualitat infolge der
Heteroimpotenz entstehe, der andere, daB ihre Ursache „Prokreations-
Nihilismus'* sei, wahrend Grabowsky*^) glaubt, daB in Wirklich-
keit „der Ekel vor der geschlechtlichen Fortpflanzung bei dem Urning
groBer sei, als der vor dem anderen Geschlecht." BewuBt ist dies
allerdings, wie ich auf Grund sehr vieler Explorationen feststellen
konnte, sicher nicht der Fall.
**) Victor V. Gyurkovechky: Pathologic und Therapie der
mannlichen Impotenz. Wien und Leipzig. 2. Aufl. 1897. S. 107.
**) E u r n i g , Der Neo-Nihilismus, Anti-Militarismus, Sexualleben.
(Ende der Menschheit.) Leipzig, 1901. — Besprochen von Dr. N.
Praetorius im Jahro. f . sex. Zwischenst. VI, p. 488 f f .
*•) Norbert Grabowsky, Die verkehrte Geschlechtsempf in-
dung usw. Leipzig, 1894 p. 32.
Hirschfeld, Homosexualitftt. 24
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ZWANZIGSTES KAPITEL.
l8t Homosexualit&t Entartung, Krankheit Oder VarietSt?
Mit der Annahme einer spezifischen Konstitution von psy-
chisch-hermaphroditischem Habitus ist unserm Kausalitats-
bediirfnis in Sachsen der Homosexualitat noch niclit Geniige ge-
sohehen. Es tut sich sogleich eine neue Frage auf ; wie kommt
es, fahrt der Forscher fort, daB unter 100 Menschen nur so und
so viele von diesem Typus geboren werden; worauf beruht es
im Einzelfall, daB jemand mit solcher Anlage zur Welt kommt.
Man konnte darauf antworten: es gibt eben nicht nur zwei Ge-
schlechter in absoluter Reinkultur, sondern auBerdem Zwischen-
stufen, die man nicht ohne eine gewisse Berechtigung auch als
drittes Geschlecht bezeichnet hat. So wenig wir etwas Genaueres
dartiber sagen konnen, weshalb das eine Mai ein Knabe, ein
anderes Mai ein Madchen geboren wird, wissen wir zu begriinden,
weshalb in anderen Fallen Knaben-Madchen und Madchen-Kna-
ben entstehen. Mit dieser einfachen Konstatierung hat man sich
nun allerdings nicht abgefunden und angesichts der Seltsamkeit
und verhaltnismaBigen Seltenheit der Erscheinung auch schwer-
lich abfinden kSnnen. Man hat vielmehr iiber die Ursachen der
spezifischen Sexualkonstitution manchexlei Vermutungen auf-
gestellt.
Einige Gelehrte, und zwar sind dies namentlich italienische aus
der SchuTc^ Lombrosos, haben die Homosexualitat als A t a v i s-
mus, als Riickschlagsbildung in jenen Zustand aufgefafit, der phylo-
genetisch der Trennung der Geschlechter voraufging. Wir finden
diese Anschauung bei Celesiai), der in seinen Angabcn allerdings
sehr wenig zuverlassig ist (so meint er, daB unter den Miisikern 60 o/o
homosexuell seien), und vor allem bei dem trefflichen, allzu friih ver-
storbeneu Pasquale PentaS), dem ersten Herausgeber eines ,, Archi-
^.) C e 1 e s i a : Sulla inversione sessuale in Lombrosos Ajchivio
di psichiatria: Vol. XXI. 1900. S. 209. ~ Besprochen von N. Praeto-
r i u s im Jahrb. f. sex. Zwischenst. III., p. 331 f.
•) Vgl. P. N a c k e : Penta als einer der besten Kenner und
Forderer der Sexualwissenschaft. In der ,,Zeitschr. f. Sexualwissen-
schaft", 1908, p. 74 ff.
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371
vio delle psjchopathie sessuali" (1896), der in der Homosexualitat
ebenfalls „ein atavistisches tJberbleibsel — sopravivenza — " sah.
Auch B 1 o c h hielt anfanglich in seiner kleinen Schrift „Die Per-
versen"^) die Homosexualitat fiir einen Atavismus, der auf friihere
Zustande in der Sexualitat zuruckweise. Andere haben als atiologisches
Moment weniger phylogenetische als ontogenetische Verhaltnisse in
Betracht gezo^en und unter Bezug auf die normale Bisexualitat des
Embryo die Homosexualitat als nemmungsbildung aufgefaBt.
Ich selbst babe in meiner ersten Schrift iiber den Gegenstanid *)
diesen Standpunkt vertreten. Es heifit dort:
„Den Schliissel zum Verstandnis der gleich-
geschleoht lichen Liebe gibt die Ent wi oklungs -
gesohichte. Die menschliche Frucht im Mutterleib. ist bis zimi
Eude des dritten Monats wie die der niedersten Orffanismen wahrend
ihrer ganzen Lebensdauer ungeschlechtlich. Es ist bis zu dieser Zeit
unmoglich zu unterscheiden, ob das betreffende Individuum ein Junge
Oder ein Madchen werden soil.
Analog dem undifferenzierten auBeren Gescblechtscharakter muB
auch das geistige Zentrum der Geschlechtsempfindun-
gen urspriinglich einheitlich sein nach dem entwicke-
lungsgeschichtlichen Grundgesetz, daB mit jedem Organ eine
entsprechende Funktion und Idee in wechselseiti-
ger Abhangigkeit verkniipft ist. Wurde die Frucht bereits
im zweiten Monat etwas wie Liebe empfinden konnen, so miiBte diese
alle Wesen, d. h. beide Geschlechter, in gleicher Weise umfassen.
In der Uranlage sind alle Menschen korperlich und
seelischZwitter.
Woher es kommt, daB die eine Frucht sich plotzlich in mann-
licher, die andere in weiblicher Richtung entwickelt, ist ein Ratsel,
dessen Losung viel versucht, bisher jedoch noch nicht gelungen ist.
Wir wissen, daB durch Verkiimmerung eihiger und Erstarkung anderer
Partien ein und derselben Zellenmasse nach einem bestimmten, zum
Teil recht komplizierten Bildungsschema die Geschlechtsdriisen eines
Madohens oder eines Knaben deutlicher und immer deutlicher hervor-
treten. Doch ist es der Lupe des Forschers sehr wohl moglich, die
Reste der ur s pr iinglichen Z wi t teranlage bis in dae
spateste Alter nachzuweisen. Jeder Mann behalt seiae ver-
kiimmerte Gebarmutter, den uterus masculinus, die iiberfliissigen Brust-
warzeu, jede Frau ihre zwecklosen Nebenhoden und Samenstrange bis
zum Tode.
Es kann uns bei dem verwickelten anatomischen
Bau der Geschlechtsorgane nicht wundemehmen, daB der unbekannten
Schaffenskraft ihr schwieriges Werk nicht immer bis in alle
Einzelheiten gelingt, ja daB in keiner Region des mens c:hi-
lichen Korpers Abweichungen von der normale n Bil*
dungsweise so haufig vorkommen, wie in dieser. ta
starkerem oder geringerem MaBe miBrat die Formung des auBeren
Genitalapparates oft und fiihrt dann zu unvoUkommener Gestaltung
einzelner Telle (Spaltbildungen der Harnrohre, Uterus bicornis, bipaxti-
tus usw.), zu fast ganzlichem Mangel wichtiger Organe wie der Gebar-
mutter, sowie zu den wahren und falschen korperlichen Zwitterbil-
dungen in ihren mannigfachen Variationen.
5) Iwan Bloch, die Perversen. In „Moderne Zeitfragen", No. 16,
Herausgeber Dr. Landsberg. — Besprochen von N. Praetorius im
Jahrb. f. sex. Zwischenst. VIII, p. 836 ff.
*)M. Hirschfeld: Sappho und Sokrates. Wie erklart sich
die Liebe der Manner und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?
2. Aufl., p. 11 ff.
24*
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Auoh die seelischen Ze nt rals t ellen der Ge-
schlechtsempfindung, wo auch im Hirn und Riickenmark
ihre Bahnen verlaufen mogen, miissen ihre anfangliche Neu-
tralitat aufgeben, und sich entscheiden. Die Kegel ist, daB
mit der Entwickelung der AuBenteile in mannlicher
Ricfhtungdas Triebzentrum zumWeibe erstarkt, wah-
r^^^nd mit der Bildung der weiblichen Geschlechts-
clha')*akt ere die Neigungsfasern zum Manne sich ent-
wickeln, beide Male wie ein sehnendes Verlangen
nach dem einst innegehabt en, verloren gegangenen
B s i t z. Wir diirfen aber mit aller Bestimmtheit annehmen,
daB auch hier Residuen des zum Untergang bestimmten
Triebes zuriickbleiben, gleich der verkiimmerten Ge-
barmutter des Manne s. Sobald es gegliickt sein wird, den Ge-
schlechtstrieb genau in seinem ganzen Verlauf zu lokalisieren, wird
auch die Auffindung dieser Reste der urspriinglichen Zwitterbildung
nicht lange auf sich warten lassen.
Wie im peripherischen bleiben auch im zentralen Abschnitt der
Geschlechtssphaxe Unvollkommenheiten nicht aus. Ihre Erkennung
ist deshalb so ungemein schwierig, weil sie in das dunkle G^biet jener
Entwickelungsfehler fallen, die sich bei der Geburt durch keinerlei
greifbare Abnormitaten verraten, und erst im spateren Leben als Ande-
rungeu der Funktion hervortreten. Denn wenn auch vor der Pubertat
selbst imbewuBt AuBerungen des Geschlechtstriebes vorkommen, so
wird doch im allgemeinen erst in der Reifezeit das bis dahin un-
parteiische Zentralorgan in deutlicher Weise fiir sexuelle Vorstellungen
und Gefiihle aufnahmefahig.
Demnach haben wir es bei den Abweichungen vom normalen Trieb
nicht mit einer Erankheit im gewohnlichen Sinn zu tun, sondem
mit eister angeborenen Evolutionsstorung, welche ana-
tomisch Hemmungsbildungen wie der Hasenscharte, dem Wolfsrachen,
der Hypo- und Epispadie, der geteilten Gebarmutter, dem Nabelbruch
usw. gleichartig an die Seite zu setzen ist.
Ansprechender als der Vergleich der Homosexualitat mit
einer Hasenscharte ist der aller dings weniger vom atiologischen,
als vom funktionellen Gesichtspunkt ausgehende mit der Farben-
blindheit. Symonds^) meinte, daB, wie ein Farbenblinder
unempfindlich ist fttr Strahlen, die auf ein normales Auge be-
sonders erregend wirken, so auch der Kontrare emotionelle Werte
nicht filhlt, die normalen Individuen als Reize erscheinen, zu-
gleich aber wie der Farbenblinde Werte auf Beize libertragt, die
dem Normalen als etwas ganz anderes erscheinen. Ellis, der
diese Bemerkung von Symonds erwahnt, erganzt den Ver-
gleich, indem er auch das Farbenhoren^) — audition coloree — die
Verkntlpfung von Farben mit Gehorseindrticken — als eine der
Homosexualitfit analoge Anomalie heranzieht, doch will uns die
ursprtingliche Symondssche Bezugnahme auf die Farbenblindheit
ssutreffender erscheinen. Die tTbereinstimmung zwischen der
*)Havelook Ellis u. J. A. S y m o n d s : Das kontrare Ge-
schlechtsgefuhl. Deutsch von Dr. Hans Kurella. 1896, p. 241.
«) Vgl. Prof. Dr. med. W. Lohmann, „Die Storungen der Seh-
funktionen", Leipzig 1912. Kap. IX. S. 143 ff.
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Farbenblindheit imd der Homosexuality t besteht in einer durch
endogene Ursachen bewirkten, von der Mehrzabl abweichenden
Gefiihlsrichtung.
Diese Oegentiberstellung ist auch insofern bemerkenswerty
weil der Farbenblinde zwar die Welt anders sieht als die Ma-
joritat der Menschen, gleichwohl aber nicht im gewohnlichen
Sinn als ein Kranker oder Degenerierter, sondern eben nnr als
Angehdriger einer Minderzahl anzusehen ist.
Auoh sonst findet man in der Literatur haufig Vergleiche der
Homosexualitat mit korperlichen Gebrechen. So ve]^leicnt B u r g -
hauser') die Homosexuellen mit Einaugigen mid Stotterern. Pro-
fessor GroB schreibt einmal: „Jede Verurteilmig nach § 176 macht
mir denselben Eindruck, wie wenn man jemanden strafen wollte, weil
er sechs Finger an jeder Hand oder rote Haare hat, weil er gem
iebende MaiKafer verzehrt, oder ein Eoprophage ist." Andere ver-
gleichen die Homosexuellen mit Lahmen, Buckligen, Taubstummen und
Blinden. Ein Umine bezeichnete sich als „Druckfehler", eine CJrninde
als „Kontrebande** der Natur.
Eine der hSufigsten Erklarungen, die sich Homosexuelle
selbst von ihrem Zustande geben, — in mir gewordenen miind-
lichen und schrif tlichen Mittsilungen kommt diese Angabe immer
wieder — geht dahin, daU sich ihre Mutter wfihrend der
Schwangerschaft ein Kind entgegengesetzten Geschlechtes ge-
wtinscht habe.
Auch homosexuelle Prauen aufiern nicht selten die Ver-
mutung, sie seien wohl so geworden, weil ihre Mutter sich einen
Sohn gewtinscht bfitte, doch horte ich von manchen Urninden
auch die entgegengesetzte Meinung aussprechen; sie wuJiten von
ihren Eltern, daU diese iiber ihre Geburt sehr erfreut gewesen
seien, da sie sich ein Madchen ersehnt batten; sie meinen ?iun,
daJl sich infolge dieser Sehnsucht um ihren minnlichen Kern
eine weibliche Htille gebildet hatte.
So glaubt B. F r e i m a r k 8), daB das Begehren der Mutter, „gleich
einer Suggestion die Entwickelung des werdenden Erdenwesens be-
eindrucken kann."
In abnlicher Welse suchte der franzosische Schriftsteller Geor-
ges Clar^tie auch die Homosexualitat Oscar Wildes zu erklaren.
£r schreibt im Figaro, Paris, 1. April 1907, in einem langeren Auf-
satz iiber „L'auteur de Salom6": „Seine Mutter hatte sich eine Tochter
gewunscht, und um sich zu trosten, kleidete sie ihren Sohn wahreud
langer Jahre in Madchenkleider und behangte ihn mit Juwelen wie
ein indisches Gotzenbild."
Vom streng wissenschaftlichen Standpunkte kSnnen diese
Annahmen, daB die Wtinsche der Mutter auf das Seelenleben
des Kindes derart umgestaltend einwirken sollen, nicht viel
Wahrscheinlichkeit filr sich in Anspruch nehmen.
') Bur^hauser, Liebe in Natur und Unnatur. p. 77.
<*) Freimark, Der Sinn des Uranismus. p. 13.
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Noch zwei weitere Ansichten liber das Zustandekommen
der Homosexualitfit finden sich mehrf ach bei Homosexueilen un'd
ihren Sachwaltern vertreten; einmal die Meinung, dalJ Homo-
sexuelle besonders haufig von kinderreichen Eltern abstammen,
was sich ja allerdings ziemlich einfach dadurch begrtinden lieUe,
daC, je mehr Kinder in einer Familie sind, um so grofier die
Wahrscheinlichkeit sein wird, daU eins oder mehrere davon
urnisch veranlagt sind. Diese Angabe steht mit der obigen von
S a d g e r und N e t e r , die Homosexueilen seien meist einzi^e
Kinder, in bemerkenswertem Widerspruch.
Eine andere Annahme ist die, daU gleichgeschlechtlich ver-
anlagte Kinder besonders oft die Nachkommen von Vatern sind,
die in heterosexueller Beziehung sehr ausschweifend gelebt haben.
Ich kann nicht verbehlen, daB ich selbst vielfach diesen Ein-
druck gehabt habe.*
A Is krasses Beispiel ist mir der Fail eines Fabrikanten in Er-
innerung geblieben, der wegen seiner ehebrecherischen Lebensfiihrung
in hohem MaBe verrufen war. Sein einziger ehelicher Sohn und Erbe
war homosexuell. Er hatte mich aus verschiedenen Griinden ersucht,
seinen Vater fiber seinen Zustand aufzuklaren. Ich unterzog mich
der schwierigen Aufgabe, dem Manne die ihm voUig nnverstandliche
Triebrichtung seines damals 22ja,hrigen, stark femininen Sohnes be-
greiflich zu machen. Als ich glaubte, daB mir dies einigermaBen ge-
Xungen sei, rief ich den Sohn, der wahrend der Unterredung angst-
erfiillt im Vorramn gewartet hatte, herein. Da stiirzte der chole-
rische Alte, der seinen eigenen Trieben stets so ungehemmt Folge
gegeben hatte, wutentbrannt auf den bedauernswerten Sohn, und nur
mit Miihe gelang es mir, die zum Schlage erhobene Rechte des Vaters
zuriickzuhalten.
Otto de Joux, der in der Homosexual i tat ebenfalls „die
Rache der durch Ausschweifung beleidigten Natur" sieht, hat sich in
seiner „hellenischen Liebe" *) iiber ahnliche Zusammenhange einmal
wie folgt geauBert:
„Gesetzt den Fall, der oben gezeichnete wilde Madchenjager
entschlieBe sich, Hymen seinen Tribut zu zollen, eine Familie zu griin-
den, und erzeugt einen Sohn. Die beleidigte, emporte Natur wird sich
nun an diesem rachen: die notwendige Reaktion tritt ein; das un-
geheure UbermaB an sexuellen Freuden muB, nach den ewigen Prin-
zipien natiirlicher Ausgleichung, sich friiher oder spater m einem
^ewissen horror vor denselben verwandeln, wie jeglichem Rausche
die ode Erniichterung folgen muB. Die ausartende Wollust wird nun,
wenn auch erst im Leibessprossen des Don Juans, sehr wahrscheinlich
in CberdruB und Ekel vor geschlechtlichen Funktionen uberhaupt um-
kippen, sich in eine anormale Kalte, ja vielleicht in eine angeborene
unuberwindliche Abneigung vor dem Weibe imiwandeln und somit
den Eeim, die Grundlage zu uranistischen Neigungen im Sohne legen,
zur spateren leidenschaf tlichen Liebe zum Manne, zum absoluten
Uranismus. Der Nachweis f iir diese Voraussetzung ist unschwer
zu erbringen. Man braucht bloB in der Historie beriihmter Urninge
nachzuschla^en und den Lebenslauf ihrer Erzeuger zu durchforschen.
Die Vater eines Karl X., eines Conde, Moli^re, eines Byron usw. waren
^) 1 1 o d e Joux: Die hellenische Liebe in der Gegenwart.
Psychologische Studien. 1897, p. 21.
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der venus vulgivaga leidenschaftlich ergeben; besonders galante
Konige und Fursten batten oft Sohne, die fur die Reize des zarten
Geschlechts nicht nur kein Verstandnis besaBen, sondern als wiitende
Weiberhasser ^efiirchtet waren."
Auch Christine von Schweden sagte einmal zur Begriindung ihrer
Eigenart: „Mein Vater liebte die Frauien zu viel."
Einc verwandte Theorie iiber die Entstehung ererbter Homosexu-
alitat vertritt merkwiirdigerweise auch der Rassentheoretiker W.
H e n 1 8 c h e 1 1^) ; er meint, daB sich das spatere Geschlecht der
Kinder in korperlicher Hinsicht bei der Empfangnis entscheide,
dafi aber die Psyche des Kindes durch die Frau in ungunstiger Weise
beeinfluBt werden konne, und zwar dermaBen, daB in einem mann-
lichen K6rper weibliches Empfinden und in einem weiblichen mann-
lidies Platz greife.
Schon die alten Indier glaubten, daB das Verhalten der Eltern
wahrend der Zeugung auf die Entstehung sexueller Zwischenstufen
einen EinfluB habe. So heiBt es in einem Spruch aus dem Oupnek'hat
Porshi: „Wenn in den Nachten, in denen ein Sohn erstrebt wird,
eine etwas zu reichliche Kost zu sich genommen Wird, so wird, da in-
folge hiervon der weibliche Samen den mannlichen iiberwiegt, ein Sohn
geboren werden, welcher weibliche Formen und Anlagen besitzt. Und
wenn in den Nachten, in denen eine Tochter erstrebt wird, der Same
des Mannes kraftiger ist als der der Gattin, wird eine Tochter mit
mannlicher Form und Anlage geboren werden. Und wenn beide
Saxnen in den ungleichen Nachten, wo eine Tochter gezeugt werden
soil und in den gleichen Nachten, wo ein Sohn gezeugt werden soil,
gleich sind, so wird ein Zeugungsunfahiger und Zwitter geboren. In
den gleichen Nachten entstent alsdann ein mannlicher, in den un-
gleichen ein weiblicher Zwitter."
Eine verwandte, aber mehr modernen Anschauungen Rechnung
ti-agende Hypothese erwahnt M e i s n e r i^). Danach wii^de, wenn
sich ein mannliches Spermatozoon mit einem weiblichen Eichen ver-
einigt, ein vollmannliches Individuum entstehen, wahrend aus derVer-
einigung eines weiblichen Spermatozoons mit einem weiblichen Ovu-
lum ein Vollweib hervorgehen soil, werde diese chemotaktische An-
ziehung einmal gestort oder irritiert, so daB ein weibliches Samen-
fadchen in ein mannliches Ei gelange oder umgekehrt ein mannliches
in ein weibliches Ei, so entstehe ein mannliches Wesen mit weib-
licher Sexualempfindung und umgekehrt ein weibliches Wesen mit
mannlicher Sexualempfindung."
Noch moderner, aber doch auch nur hypothetisch, ist die Auf-
fassung Richard Semons i*), der seine Theorie von der Mneme
auch auf ein „seltsames, beim Menschen zu beobachtendes Instinkt-
phanomen, die homosexuelle Liebe, d. h. die Liebe zwischen zwei Indi-
viduen desselben Geschlechtes" anwendet und zu folgendem Ergebnis
felangt: „Jedes Individuum besitzt die ganze Fiille der Engramm-
ompTexe des anderen Geschlechts, die nur normalerweise bei ihm nicht
ekphoriert werden, nachdem die Alternative, welchen Ast der ge-
schlechtlichen Dichotomie es durchlaufen wird, einmal entschieden
ist. Da jedes Individuum somit die Instinktengrainme des anderen
Geschlechts, wenn auch zunachst eben nur als Engramme, besitzt,
it») Hentschel, W., Die Ursachen der Gleichgeschlechtlichkeit,
Ln der Politisch-anthropologischen Revue, Mainummer 1909. Gegen
die Hentschelschen Anschauungen wendet sich Dr. E. Wilhelm: Zur
Frage der Strafbarkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs. Eine Er-
widerung. In der Politisch-anthropologischen Revue, November 1909.
^*) M e i s n e r , Der Uranismus, p. 3(5.
12) Richard Semon: .,Die ISfneme als erhaltendes Prinzip
im Wechsel organi^chen Geschehens." Leipzig 1904.
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ist es vielleicht nicht so wunderbar, als es zunachst scheinen mochte,
daB sie unter Umstanden auch ekphoriert werden konnen. Das Fak-
tum, dafi die Verfuhning zu homosexueller Liebe besonders bei dem-
jenigen Individuum, bei dem die divergierenden Engramme der nor-
malen intersexuellen Liebe noch nicht ekphoriert sind, verhaltnis-
maBig leicht erfolgen kann, und dafi nach der ersten Ekphorie dieser
Engramme spatere Ekphorieen sehr erleichtert sind, dafi es sich
aJso bei aller Schadlichkeit fiir die Erhaltui^ der Art doch um eine
generelle, in alien Individuen schlummernde Disposition handelt, wird
durch Einfiihrung des Begriffs der mnemischen Dichotomie verstandlich
gemacht." Mit anderen worten glaubt auch Semon, daB der erstmalige
Verkehr fur den Jiingling oder die Jungfrau den Scheideweg darstellt,
der ihre ererbte „Mneme" nach der einen oder anderen Seite diri-
fiert, eine Annahme, die, wie wir oben sahen, mit den tatsachlichen
Irfahrungen in deutlichem Widerspruch steht. Auch Prof, de Lata-
mendi in Madrid nimmt eine hermaphroditische Biplastizitat, ,,die
Existenz latenter weifclicher Keime beim Manne und latenter mann-
lioher Keime beim Weibe" an; diese latenten Keime konnen nach
der Herrschaft streben und sie mitunter wirklich erlangen.
Bei scharfer Durchdenkung aller dieser Lehren werden wir
wahrnehmen, daB ihr gemeinsames solides Fundament die Er-
kenntnis ist, daB die Homosexualitiat letzten Endes auf der Mann-
weiblichkeit des Menschen beruht, daB aber alle Deutungen dar-
liber hinaus mehr oder weniger geistvoUe Umschreibungen oder
Vcrmutungen sind.
\Nicht nur auf psychologische und biologische Griinde hat
man das Vorkommen der Homosexualitat zurtlckgeftihrt, sondern
auch auf chemiachem Wege hat man es zu erklaren versucht,
und zwar nicht allein im Sinne Gustav Jaegers durch eine
auf chemotropistischen Wirkungen beruhende Anziehung und
AbstoBung, sondern auch durch den inneren Ohemismus.
Iwan Bloch wirft die Frage auf:*') „Wie kommt es, daB
die zentralen Organe bei den Homosexuellen nicht den peripheren Ge-
schlechtsorganen entsprechen, obgleich doch letztere embryologisch
lange v o r den ersteren ausgebildet werden, also die Zentralorgane
sich eigentlich nach den peripheren Teilen rich ten miiBten? Sie
tun es aber nicht," und gibt folgende Antwort: „Das laBt sich nur
so erklaxen, daB die Verbindung der Zentralorgane mit den peripheren
Organen durch ein d r i 1 1 e s Moment unterbrochen, gestort wird,
und daB dieses letztere eine eigentiimliche Wirkung
auf die Zentralorgane unabhangig von den Keimdriisen aus-
iibt." Er meint dann : „Es lage am nachsten, hier an chemische
Einfliisse zu denken, an Anderungen im Chemismus der Sexualspan-
nung, die sicher eine groBe Unabhangigkeit von den Keim-
driisen befiitzt, da sie bei Kastraten und Eunuchen erhalten bleiben
kann."
Nach den Ausf uhrungen Krehls**), die er, wie f olgt, zusammenfaBt :
„Wenn man auch annehmen muB, daB viele Arten von Zellen sohon
in der Anlage gleichsam den Stempel ihrer mannlichen oder weib-
lichen Natur erhalten, so gewinnt diese ihre wirkliche
"!
Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, Berlin 1908, p. 689.
L. K r e h 1 , 0ber die Storung chemiscber Korrelationen im
Organismus, Leipzig 1907,
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377
Ausbildung doch zweifellos weseatlich unter dem
aiidauernden chemischen EinfluB der Ovarien und
Testikel;" ist eine eolche Vorstellungsweise durchaus annehm-
bar und naturwissenachaftlich haltbar. Alle naheren Details uberdiese
,,Sexiialhormone" (nach dem Ausdrucke Starlings) sind noch un-
bekannt, aber friiher schon erwahnte Experimente naben ihre Exi-
stenz ergeben. „Meines Erachtens," f^hrt Bloch fort, „kajin der
anatomische Widerspruch, die naturwissenschaftliche Ungeheuerlich-
keit einer weiblichen bzw. unmannlich gearteten rsyche in einem
typisch mannlichen Korper oder einer weiblich unmannlichen SexuaJ-
psyche bei normal gebauten and normal funktionierendea m3jcinliohen
Genitalien nur auf diese Weise gelost werden, wenn man diesen inter-
kurrenten dritten Faktor zu Hilfe nimmt. Diesen kann man abet
sehr wohl aus irgendwelchen bereits embryonalen Storungen
des Sexualchemismus aibleiten. Das wiirde auch erklaren, wesnalb
die Homosexualitat so oft in voUig" gesunden Familien auftritt, als
eine vereinzelte Erscheinung, die mchts mit der Verei^ung oder der
Degeneration zu tun hat."
Die chemistische Theorie der Homosexualitat hat ftir den
Kenner innersekretorischer Vorgange in der Tat etwas Be-
stechendes. DaB sowohl das mannliche als das weibliche Ge-
schlecht spezifische Sexualsafte in die Blutbahn absondert —
in meinen „Naturgesetze der Liebe"^^) bezeichne ich sie als
Andrin und Gynacin — ist unzweifelhaft, aber vieles spricht
dafiir, daC diese Safte im wesentlichen nur dazu dienen, die
praformierten Sexualoharaktere reifen zu lassen, ihre Entwick-
lung und Funktion anzuregen, dafi also ihr EinfluB, wie
H a 1 b a n^*^) sich einmal ausdriickte, nur ein protektivei* ist!
Zu denken geben allerdings die Experimente von Steinach,
Foges und Lode, durch welche nach Transplantation von
Ovarien auf mUnnliche Tiere weibliche Eigenschaften, durch
Cbertragung von testikularem Gewebe auf Weibchen mannliche
Sexualoharaktere ktinstlich erzeugt werden konnteh^^).
Auch der oben mitgeteilte Fall einer Person, bei der Psyche
und Keimdrtisen mannlich, alles Cbrige einsdilieBlich der
a.uBerenGeschlechtsorgane, weiblich beschaffen war, k5nnte fiir
die innersekretorische Theorie der Homosexualitat in Ansjruch
genommen werden. Andererseits zeigt aber gerade dieser Fall
die relative Selbstfindigkeit und Unabhangigkeit aller Ge-
schlechtscharaktere und kann auch einfach als eine intersexuelle
i«) M. Hirschfeld: Naturgesetze der Liebe, Berlin 1912, p. 179, 182.
17) VgL besonders den Vortrag von Steinach iiber die kiinstliche
'andlung des Geschlechtes bei Tieren in der Abteilung fiir Pbysio-
auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Arzte im Sep-
er 1913 in Wien.
") VgL dariiber Iwan Bloch, Die Auf^aben der „Arztlichen
Gesellschaft fur Sexualwissenschaft", Berliner klin. Wochenschr. 1913,
Nr. 18.
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378
Variante gedeutet werden, bei der Keimstocke und Gehirn mann-
lich, der ganze sonstige Korperbau weiblich praformiert waren.
Immerhin diirfte das weitere Studium der inneren Sekretion
zurzeit der vielversprechendste Weg sein, um liber die letzten
Griindc der Homosexualitat zu noch groUerer Klarheit zu ge-
langen. Auch Blutuntersuchungen nach der Abderhaldenschen
Methode — von einer berichtete Juliusburger in der Gesell-
schaft flir Sexualwissenschaft Oktober 1913 — konnten wichtige
Besultate zeitigen. Schon Bernhardi meinte in seiner mehr als
ein Menschenalter zurtickliegenden Schrift^^a) man solle an der
Leiche „d<?8 Pa+hicus** Untersuehungen anstellen, „ob nicht die
Prostata entwickelter ferscheinen als bairn Manne, ob Eierstocke
erkennbar oder angedeutet seien." Jedenfalls ware bei den von
GroB und anderen geforderten Obduktionen homosexueller
Manner und Frauen^^b) hierauf ebenso ^u achten, als „auf
den feineren Bau des Gehirns**, iiber dessen eigentliche Sexual-
zentren wir bisher so gut wie gar niehts wissen.
An der Stelle, wo B 1 o c h die chemische Theorie der Homo-
sexualitat vertritt, begriindet er auch die Ansicht, daU sie keine
Degenerationserscheinung sei. Schon vorher hat er in dem
Kapitel (XVII), das er „die anthropologische Betrachtung der
Psychopathia sexualis'* bezeichnet hat, unter Bezug auf seine
historischen Forschungen eingehend begriindet, daB „die echte
Homosexualitat durchaus unabhangig von der Degeneration und
Kultur bei sonst gesunden Menschen vorkommt*'^^). Mit vollem
Recht hat F r e u d^^) es B 1 o c h als bleibendes Verdienst ange-
rechnet, daB durch ihn „in der Auffassung der Inversion die
pathologischen Gesichtspunkte von den anthropologischen abge-
lost wurden.** Freud selbst wendet sich dann ebenso ent-
schieden wie B 1 o c h gegen die Entartungshypothese der Homo-
sexualitat, wobei er vor allem — und auch hier miissen "wir
ihm beipflichten — klarlegt, eine wie geringe „praktische Be-
deutung" der Diagnose „Degeneration** uberhaupt zukommt.
Er beruft sich dabei auf M o e b i u s , der unter den Deutschen
wohl als hervorragendster Kenner des Entartungsproblems anzu-
sprechen sein diirfte. In einer zusammenfassenden Schrift liber Ent-
artung kam er zu dem Ergebnis, daB man, wenn man das weite Ge-
biet der Entartung iiberblickt, schlieClich einsieht, „daB es sehr ge-
ringen Wert hat, Entartung uberhaupt zu diagnostizieren". Freud
i^a) A. a. O. p. 27.
i*b) Prof. Dr. Hans Gross, Das somatische Moment bei den
Homosexucllen. In Vierteljahrsberichte des W.-h. K. Jhgg. I. S. 428 ff.
»9) Dr. Iwan Bloch: Das Sexualleben unsercr Zeit, Berlin 1908,
p. 517.
^0) Sigm. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualthcorie. 2. Aufl.
1910, p. 5.
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379
meinb. daB man von Entartung nicht sprechen soil, wenn nicht
„1. melirere schwere Abweichungen von der Norm zusammentreffen ;
2. wenn nicht Leistungs- und Existenzfahigkeit im allgemeinen schwer
geschadigt erscheinen. Er fahrt dann fort: „DaB die Invertierten
nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne sind, geht aus meh-
reren Tatsachen hervor:
1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen
schweren Abweichungen von der Norm zeigen.
2. Desgleichen bei Personen, deren Leistungsfahigkeit nicht ge-
stort ist, ja die sich durch besonders hohe intellektuelle Entwiok-
lung und ethische Kultur auszeichnen.
Wenn man von den Patienten seiner arztlichen Erfahrung ab-
sieht und einen weiteren Gesichtskreis zu erfassen strebt, stoBt man
nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Dege-
nerationszeichen aufzufassen verbieten.
a) Man muB Wert darauf legen, daB die Inversion eine haufige
Ersoheinung. fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution
bei den alten Volkem auf der Hone ihrer Kultur war;
b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und
primitiven Volkern, wahrend man den Begriff der Degeneration auf
die hohe Zivilisation zu beschranken gewohnt ist."
B 1 o h und Freud, die beide von verschiedenen Forschungs-
gebieten zu den gleichen Resultaten gelangten, sind nicht die em-
zigen, welche die Homosexuellen nicht zu den Degenerierten rechnen.
Una noch einige andere zu nennen, die derselben Ansicht sind, sei
auf Nacke«0> Loewenfeld Elli s"), Carpenter "), •*) ^
Raffalovich **), Rohleder**) verwiesen.
Loewenfeld meint, daB „die Ei^entiimlichkeiten der ner-
vosen Organisation, die zur Homosexualitat fiihren, nicht von einer
Art sind, daB sie die psychische oder korperliche Leistungsfahigkeit
ungiinstig beeinflussen, und dei^estalt eine Minderwertigkeit des Indi-
vidutmas, abgesehen von seinem sexuellen Verhalten, bedingen." „Wir
konnen," fahrt er fort, „nach dem Angefiihrten nur zu dem Schlusse
kommen, daB die Homosexualitat eine Anomalie darstellt, die zwar
mit Erajikheit und Entartung auf korperlichem und seelischem Ge-
biete vergesellschaftet vorkommt, in der Mehi^zahl der Falle jedoch
eine isoliert bestehende psychische Abweichung von der Norm bildet,
die nicht als krank£[after oder degenerativer Natur
betrachtet werden kann und den Wert des Individuums als Glied der
bArgerlichen Gesellschaft nicht herabzusetzen geeignet ist." Bedeut-
sam sind auch die Ausfuhrungen, die Loewenfeld schon an einer
friiheren Stelle macht. Er sagt: „Wir haben bisher die Homosexu-
alitat, in gewissem MaBe dem Gauge unserer Erorterungen vorgreifeud,
als Anomalie, d. h. Abweichung von der Norm und damit nicht der
heterosexuellen Triebrichtung vollig gleichwertig bezeichnet. Dies will
iedoch keineswegs besagen, daB die Homosexualitat als Erank-
neitserscheinung oder AuBerung der Entartung auf-
zufassen ist. Wir kennen zahlreiche Anomalien sowohl auf korper-
81} U. a. in Laehrs Allg. Zeitschrift f. Psychiatrie 1902. S. 827.
"S Loewenfeld: Homosexualitat u. Strafgesetz, p. 21 f .
25) Edward Carpenter: Homogenic love and its place in
a free society. Manchester 1894. S. 25 ff.
**) Havelock Ellis u. J. A. Symonds: Das kontrare Ge-
schlechtsgefiihl. Deutsche Ausgabe. Leipzig 1896. S. 208.
'5) Marc-Andr6-Raffalovich: Uranisme et Unisexualit^.
Etude sur diff^rentes manifestations de Tinstinct sexuel. Lyon, Paris
1896. S. 144.
*«) H. R o h 1 e d e r : Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb u. ge-
samtes Geschlechtsleben des Menschen. Bd. II, p. 362.
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lichem wie auf geistigem Gebiete, die den Trager nicht als krank er-
scheiuen lassen, Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit, der Besitz einer
sechsten Zehe, sCgenannte Muttermaler sind derartige Anomalien, die
mit dem Besitze volliger Gesundheit vereinbar sind. Fiir die Auf-
fassung einer Eracheinung als Aufierung einer Entartung kann anderer-
seits nicht diese allein maBgebend sein, und zwar auch dann nicht,
wenn es sich um vererbbare Anomalien handelt, wie Moebios an-
nahm. Es kommt auf die Vergesellschaftung, in der die Anomalie
auftritt, die Anwesenheit oder der Mangel anderer Anomalien und die
Schwere derselben an, sonst miiBten wir den Kurzsichtigen ohne Riick-
sicht auf seinen sonstigen korperlichen und seelischen Zustand zu
den Entarteten zahlen."
Nut ein wenig weiter geht Rohleder *^). Er meint, daB die
erbliche neuropathische Disposition und Belastung fiir den Ausbruch
der Homosexualitat pradisponierend zu wirken vermag. Bei
weiteni am starksten fallt aber in dieser schwierigen Entscheidung
Erafft-Ebings Ansicht ins Gewicht, weil er ebenso bedeutend
und erfahren als Psychiater wie als Sexologe gewesen ist.
Kraffb-EbinK*8) hatte urspriinglich unter Beriicksichtigung
der „in fast alien Fallen vorhandenen neuropathischen Belastung die
Ansicht geauBert, „daB diese Anomalie der psychosexualen Empfin-
dungsweise als funktionelles Degenerationszeichen klinisch ange-
sprochen werden muB." Mit der Men^e der zu seiner Beobachtung
gelangenden Homosexuellen hat er allerdings diesen Standpunkt 'wesent-
lich eingeschrankt, und in seiner Arbeit im III. Bande der „Jahr-
biicher fiir sexuelle Zwischenstufen" (S. 6) erklart er ausdriicklich .-
„DaB die kontrare Sexualempf indung an und fiir sich nicht als
psychische Entartung oder gar Erankheit betrachtet
werden darf."
Don genannten Autoren stehen nun allerdings eine ganze Anzahl
von Irren- und Nervenarzten gegeniiber, die in der echten, dauemden
Homosexualitat stets die AuBerang ererbter psychoneuro-
athischer Disposition erblicken. So meinte M a g n a n *>),
er groBe franzosische Eenner der Entartung: „Die Verkehrung des
geschlechtlichen Empfindens ist nicht eine Krankheit fiir sich, son-
ern das Zeichen eines allgemeinen krankhaften Zustandes, ein Syn-
drom im Bilde der ererbten Entartung", und auch M o e b i u s ^^), der
vortreffliche deutsche Interpret Magnaivs, bat in der geistvoUen
Schrift: „Geschlecht und ifntartung" die Anschauung vertreten, daB
die Homosexualitat stets eine Form angeborener Entartung sei,
er beruf fc sich dabei besonders darauf, daB stets erbliche Belastung
iiachzuweisen sei und daB stets auch auBerhalb der Geschlechtlich-
keit liegende korperliche und geistige Zeichen der Entartung vor-
handeu waxen. Wir sahen bereits, daB die erste Voraussetzung nicht
zutrifft, und werden erfahren, daB auch die zweite Pramisse einer
Massenbeobachtung gegeniiber nicht Stich halt. tJbrigens rechnet
M 6 b i u s (S. 36) die Homosexuellen „nur zu den Leichtentarteten
Oder wie man gewohnlich sagt, zu den Nervosen." Ein anderer sehr
erfahrener Psychiater — selbst Urning — schreibt: „Meine Studien
haben mir kein positives Res^ltat ergeben. Wohl fand ich in ein-
zelnen Fallen von Homosexualismus hereditare Einfliisse, die aber bei
anderen fehlten. Allerdings fand ich unter Homosexuellen Typen mit
ausgepragten psychischen und korperlichen Degenerationszeichen, an-
dererseits fand ich aber wieder so kerngesunde, harmo-
«7) A. a. O.
28) V. Erafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 209.
2») Mag nan: Psychiatrische Vorlesungen, IV., V. Heft, S. 38.
«o) S. 2§ ff.
I
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aisohe Naturen, dafi sich f iir mich trotz eifrigsten Bestrebens
niohts Eindeuti^s zur EntscheiduDg dieser Frage eimb. Allerdings
ist ein so verhaltnismafiig kleines Material, wie es bisher jedem, auch
dem bedeutendsten Forscher vorgelegen hat, nicht geeignet, absolut
einwandfreie Schlusse zu ziehen. £in entscheidender Beitrag zur
Losan^ dieser Frage ist wohl nur von der Bearbeitung eines groBen
einscliiagieen Materials zu erwarten."
Ich nabe in Gremeinschaft mit dem KoUegen Dr. Ernst
Burchard bereits vor Jahren die Beziehungen zwischen Degenera-
tion und Homosexualitat einem eingehenden Spezialstudium unter-
zogen. Wir legten uns zuvorderst die Fra^e vor, inwieweit die Homo-
sexualitat als Teilerscheinung bei Persdnhchkeiten auftritt, die ihrer
gesamten korperlichen und geistigen Veranlagung nach als Entartete
zu bezeichnen sind. Wir gingen dabei von dem jetzt allgemein
gultigen Grundsatze aus, d^ ein vereinzeltes D^enerations-
zeichen noch kein Beweis von Entartung ist, daB es in jedem Fall
des Zusammentreffens mehrerer solcher Eigenschaften bedarf. Wenn
Mobius^i) sagt: „Kinderliebe ist ein wesentlicher Zug des weib-
lichen Geistes; wenn ein Mann seine Kinder abscheulich findet, so
erregt das kein Bedenken, tut es ein Weib, so ist sie mit Bestimmtheit
als entartet zu bezeichnen", so trifft dies fiir ein normalsexuelles
Weib gewiii zu, nicht aber fiir eine urnische Individualitat, zu deren
Gesamtbild diese Abneigung gegen Fortpflanzung und Kinder als Teil-
erscheinung gehort. El^nsowenig werden wir bei einem homosexuellen
Manne „senr weiche Hande" oder starke Brustentwicklung oder Bart-
losi^keit ohne weiteres als Stigma der Degeneration, vielmehr als
urnisches Stigma ansehen durfen. Von korperlichpn Degenerations-
zeichen hatte KoUege Burchard f olgende fiir unseren Zweck zu-
sammengestellt 32) :
Abnormer Kopfumfang — Asymmetrie des Hirnschadels —
Asymmetrie des Gesichtsschadels — Abnorme HaBlichkeit —
Mikro- und Anophthalmus — Fehlen, Colobom der Iris .—
Farbeniingleiehheit der Iris — Ektopie und Ungleichheit der
Pupillen — Retinitis pigmentosa — Angeborene Kataract —
Cysten der Augenhohle — Sehielen, Nystagmus — Die zahl-
reichen Anomalien im Bau des auBeren Gehororgans (wie ^j)itz-
ohr, Darwinsches E[jiotchen, tibermalJig groBe, sehr stark ab-
stehende Ohren) — Fisteln der Ohrmuschel — Anhange der
81) Stachyologie S. 176.
•») Es wurden besonders folgende Werke beriicksichtigt :
Morel: D^^nerescences de Tesp^ce humain. Paris 1866.
Mag nan: Psychiatrische Vorlesungen, Deutsch von Mobius,
Leipzig 1891.
Tf€T€: Nervenkrankheiten und ihre Vererbung. — Deutsche medi-
zinische Presse.
Mobius: tJber Entartung, Wiesbaden 1900.
Nordau: tJber Entartung, Berlin 1893.
A r n d t : Biologische Studien (II. Artung und Entartung, Greif s-
wald 1895).
Rhode: Cber den ^egenwartigen Stand der Frage nach der Ent-
stehung und Vererbung mdividueller Eigenschaften und Krankheiten,
Jena l895. (Mit eingehender Literaturangabe uber Vererbung bis 1896).
C o h n : Ein Beitrag zur Lehre von der Vererbung. — Deutsche
medizinischc Presse.
Fuhrmann: Das psychotische Moment, Leipzig 1903.
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regio auricularis und regio colli — Kiemengangcysten — Ge-
sichtsspalten — Hasenscharten — Cysten des Zwischenkiefer-
spalts — Anomalien der Zahnstellung und des Zahnbaus —
Hoher und spitzer Gaumen — Spaltungen des Gaumens — Auf-
fallend massiver Unterkiefer — Mikro- und Makroglossie —
Anomalien des Zungenbandchens — Stottern, Stammeln — An-
geborene Abweichungen der Wirbelsaule — Fehlen von Extrer
mitfiten und einzelnen Gliedern — Entwickelungshemmungen in
der Lfinge der Finger und Zehen — Polydaktylie, Syndaktylie
— Schwimmhaute — Zu harte knochige, zu breite tatzenartige,
zu weiche, wie knochenlose, libermaBig -feuchte kalte Hand —
KlumpfuB, PferdefuB usw. — Hammerartige MiBbildungen der
grolJen Zehe — Angeborene Luxationen, Neigung zu Luxationen
— GroBenmillverKaltnisse der Extremitaten zum Rumpf —
Riesen-, Zwergwuchs — Angeborene Exostosen — Akromegalie
— Spina bifida — Mangelhafte Muskelentwicklung — Fehlen
einzelner Muskeln — Starke Fettleibigkeit — Multiple Lipome
— Hamophilie — Situs inversus — Neigung zu Krampf adern —
Aplasie der Arterien — Pigmententartung der Haut (Flecken
usw.) — Albinismue — Hornartige Gewachse der Haut —
Mangelhafte und abnorme Behaarung — Vorzeitiges Ergrauen —
Doppelter Haarwirbel — Ungenugendes Wachstum der Haare
— Zartheit der Nagel — Briiche, Bruchanlage — Atresie,
Prolapse des Mastdarms — Abnorme Lange des proc. vermi-
formis — Neigung zu Appendicitis — Cberzahlige Briiste —
Pseudo-Hermaphroditismus — Kryptorchismus - Ektopie der
Testikel — Hypospadie-Epispadie — Phimose.
Die einzelnen Stigmata sind in ihrer Bedeutung verschieden zu
bewerten; so werden vorzeitiges Ergrauen, Neigung zu Appendicitis,
zu Krampfadern und Bruchanlage zusammengenommen weniger zu
besagen haben als eine Verbindung von Hasenscharte und Polydaktylie.
An die korperlichen Entartungszeichen schlieBt sich die Neigung zu
bestimmten konstitutionellen Erkrankungen an, die man ebenfalls als
Entartungszeichen ansieht. Im wesentlichen sind es Rachitis, Tuber-
kulose, Skrofulose, Diabetes und die Krankheiten der arthritischen
Gruppe. Die Anlage zu gewissen nervosen Erkrankungen, der man
eine gleiche Bedeutung beilegt, zur Chorea, Basedowschen, Parkinson-
schen, Thomsenschen Krankheit, Muskelatrophic, Migrane, Neuralgien,
Epilepsie, Hysteric und Neurasthenic leitet uns auf das Grebiet der
psychischen Degenerationszeichen iiber. Hier kommt es fvir una
weniger auf die ausgesprochen- pathologischen Zustande des soge-
nannten Entartungsirreseins an, die ohnehin von den iibrigen endo-
genen Psychosen schwer zu trennen sind, als vielmehr auf jene psy-
chischen Stigmata, die auBerhalb eigentlicher Geistesstorungen den
EntaHeten charakterisieren.
Es sind dies nach F 6 r 6 : Extreme Reizbarkeit des Charakters,
Veranderlichkeit der Gefuhle und Neigungen, Absonderlichkeit des
Geschmacks (z. B. im Alkoholismus und Morphinismus hervortretend) ;
damit im Zusammenhang steht die fiir den Entarteten charakteristische
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Tatsache, daC bei ihin der Impuls ziim Handeln starker ist, als es nach
den bestimmenden Motiven der Fall sein sollte. Magnan stellt in den
Vordergrund die verringerte Fahigkeit, sich geistig konzentrieren zu
konnen, nebst der Unfahigkeit, lastige Gedanken zu bannen, was zu
Zwaugshandlungen fiihrt (Platzfurcht, Onomatomanie, Arithmomanie,
Selbstmordmanie usw.). Mobius endlich sieht das Wesentliche in
der psychischen Unbestandigkeit und Disharmonie, die in Gleich-
gewichtsstorungen zum Ausdruck gelangt.
Wichtig fiir die Bewertung psychischer Entartungszeichen ist der
Satz, dafi diejenigen, welche unter gleichen Lebensbedingungen stehen,
eher als andere beurteilen konnen, was an dem Betreffenden atypisch
ist. Hier ist jedoch wieder zu beriicksichtigen, daB dem Normal-
sexuelien vieles atypisch erscheinen wird, was dem spezifisch homo-
sexuellen Empfinden entspringt und mit der urnischen Natur voU-
fcommen harmoniert, so daB von .diesem Gesichtspunkt aus von einer
Disharmonie der psychischen Personlichkeit nicht die Rede sein kann.
Weiterhin sind auch die nervosen Stigmata in Abzug zu bringen,
welche als unmittelbare Folgeerscheinungen der homosexuellon
Triebrichtung aufzufassen sind. Wenn wir uns vergegenwartigen, was
die homosezuelle Leidenschaft im individuellen Leben ausmacht, so
werdeii wir begreifen, daB starkere Alterationen dieser Sphare auf
das mit dem Sexualtrieb so eng verkniipfte Nervensystem besonders
nachteilig wirken werden. „Ungliickliche Liebe" steht unter den Ur-
sachen der Neurasthenic obenan, und man sollte nie versaumen, wenn
man bei Patienten mit erhohter Erregbarkeit verbundene nervose Depres-
sionen findet, das Sexualleben im weitesten Sinn als iitiologisches
Moment in Betracht zu ziehen. Gilt das schon fiir Normalsexuelle,
um wie viel mehr fiir Homosexuelle, deren innere Angst- und Er-
regunjgszustande, deren haufig zu Selbstmordversuchen fiihrende Liebes-
konflikte, deren qualvolle Unterdriickungskampfe oft genug eine fort-
laufende Reihe psychischer Traumen darstellen. Wir miissen also bei
unseren Untersuchungen die auf dem Boden der Entartung
und die auf dem der Homosexualitelt entstandene
Neurasthenie :«vohl unterscheiden.
Wenn wir uns nun nach AusschluB der mit dem homosexuellen
Triebe im unmittelbaren Zusammenhang stehenden Stigmen die Frage
vorlegen: Bestehen bei Homosexuellen die korperlichen und geistigen
Entartungszeichen in hoherem Prozentsatz als bei Normalsexuellen ?,
so lautet die Antwort: Nein. Burchard und ich fanden unter 200
beliebig ausgewahlten Homosexuellen 32 mit ausgesprochenen Dege-
nerationszeichen, also ca 16 o/o, und zwar waren diese fast samtlich
erblich belastet. Stande die Homosexualitat im unmittelbaren Zu-
sammenhang mit der Degeneration, so miiBten-die Zeichen der Ent-
artung nicht nur bei Homosexuellen, sondern auch die Homosexualitat
in groBerem Umfange bei schwerer Degenerierten nachzuweisen sein.
Auch das trifft nicht zu. Man vergleiche die im „Jahrbuch fiir
sexuelle Zwischenstufen", Jahrg. V, 1, p. 194 ff. von Nacke mitge-
teilten Beobachtungen aus der Irrenanstalt Hubertusburg ; auch Dr.
Burchard sah wahrend seiner mehr jahrigen Tatigkeit in der Heil-
anstalt Uchtspringe unter dem dortigen, iiberaus zanlreichen Material
von Degenerierten schwerster Art nur einen Fall ausgesprochen homo-
sexueller Veranlagung (bei einem Epileptiker).
Steht demnach die Homosexualitat keineswegs so oft in Ver-
bindung mit sonstigen Zeichen der Degeneration, daB sie notwendig
mit ihr verkniipft erscheint, so bleibt noch der Einwand iibrig, und
dieser ist erhoben worden, daB die Homosexualitat allein fur sich
ihren Trager zum Degenerierten, zu einem minderwertigen Reprasen-
tanten der Gattung Mensch stempelt. Auch Mobius scheint dieser
Meinung zuzuneigen. Er sagt (Stachyologie S. 132): „Mit der Zivili-
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384
sation waohst die Entartung, d. h. die Abweichung von der ursprung-
liehen Art. — Eine der wichtigsten Arten geistiger Abweichuog be-
steht darin, daB der Geschlecntscharakter an seiner Bestimmtheit
verliert, dafi beim Manne weibliche Zuge, beim Weibe mannliche auf-
treten." Mobius mifit hier diesen Ziigen, deren Komplex eine Ein-
heit bildet, eine Bedeutung bei, die er keinem anderen Stigma allein
fiir sich zuerkennt, und setzt sich mit dem selbst angegebenen Satz
in Widerspruch, daB es zur Feststellung der Entartung stets
mehrerer Degenerationszeichen bedarf. Um zu entscheiden, ob
die Homosexualitat fur sich eine Entartung bedeutet, muB man
sich vor aUem iiber diesen Begriff Elarheit verschaffen, eine durch-
aus nicht leichte Aufgabe, denn die Erklarung Magnans ,, Entartung
ist ein krankhafter Geisteszustand auf Grund krankhafter Zustande
der Erzeuger", sowie die andere Definition: „Entartung ist eine er-
erbte Abweichung vom Typus, die die durch die Variabilitat gezogenen
Grenzen uberstei^t", rufen sofort die Gegenfragen wach: was ist
krankhaft? Was ist der Typus? Was ist die Norm 7 Welches sind die
Grenzen physiologischer Variabilitat? Wir konnen doch umnoglich
Lombroso beipflichten, der auf die telegraphische Anf rage des
New- York Herald: Was ist ein normaler Mensch? antwortete: „Ein
Mensch, der fiber einen gesegneten Appetit verfiigt, ein (tiichtiger
Arbeiter, egoistisch, geschaftsklug (routing), geduldig, jede Macht-
sphare achtend .... ein Haustier."
Gewifi stellt der Homosexualismus die Minoritat des ge-
schlechtlichen Empfindens dar, so daiJ man ihn vergleichs-
weise als von der Natur der Mehrzahl abweichend und in
diesem Sinne als abnormal bezeichnen kann. Sieht man
aber von Vergleichen ab und betracht^t ihn rein fiir sich, objek-
tiv als etwas einmal Bestehendes, so entspricht die ihm eigene
Geschlechtsempfindung so sehx dem ganzen Wesen des Uraniers
und zeigt so bis ins einzelne gehende Analogien mit der hetero-
sexuellen Geschlechtsempfindung, dafl man bei der Homosexuali-
tat wohl von einer Abart, einer Varietat, aber nicht von
einer Anomalie im pathologischen Sinne reden kann.
Die Ansicht Molls, welche er mit den Worten vertritt : „Zu
den krankhaften Erscheinungen rechne ich unter alien Umstanden die
ausgepragte Homosexualitat. Wo ein solches MiB verbal tnis zwischen
Korperbildung und seelischer Verfassung besteht, haben wir einen
pathologischen Zustand vor uns", ware richtig, wenn der Homosexuelle
korperlich und geistig so konstituiert ware, wie der Normalsexuelle.
Wir haben dargetan, daB ein derartiges MiBverhaltnis in Wirklichkeit
nicht besteht. Nicht ohne Berechtigung schreibt ein homosexueller
Gelehrter: „Ich verspiire nach jeder Auslosung meines Triebes ein
so erhohtcH Kraftgefuhl, so viel innere Harmonic, eine so arbeitsfrohe
Stimmung, daB seine vollige Unterdriickung fiir mich eine Contradictio
in subjecto bedeuten wiirde." Damit diirfte doch das Pradikat „krank-
haft" widerlegt sein. Die Pathologen "verstehen unter Erankheit eine
den Korper schadigende, meist auch imangenehm empfundene Er-
scheinung. Die Homosexualitat an und fiir sich verschafft ihren
Tragern aber weder Schaden noch Unannehmlichkeiten, diese erwachsen
ihnen nur aus den Verhaltnissen. Bemerkenswert ist auch der Um-
stand, daB, abgesehen vom Geschlechtlichen die Homosexuellen sich
sehr offc einer erstaunlichen korperlichen und geistigen Gesundheit,
Kraft und Zahigkeit erfreuen; erst kiirzlich besuchte mich ein 70-
jahriger Uranier, der mir mitteilte, daB er nie krank gewesen sei und
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385
es im alpinen Sports, dem er tiait Eifer huldigte, uoch jetzt mit jeder-
mann aufnehmen konne.
Manche erblicken schon in der relativeii Fortpflanziingsfahig-
keit der Homosexuelleii einen Bewei-s ihrer Krankhaftigkeit. So
sagt W ache nf e ld^3) ; ,,Die Homosexualitat kann nichts rein Natur-
liches, Physiologisches sein ; denn sonst wiirde die Natur die homo-
sexuelle Befriedigung, ebenso wie die heterosexuelle, in den Dienst
der Fortpfianzung und Arterhaltung gestellt haben." Audi Krafft-
E b i n g schwebte wohl diese negative Seite des homosexuellen Triebes
vor Augen, als er urspriinglich meinte:^*) „Die Verletzung von
Natuivgesetzen ist anthropologisch und klinisch als eine degene-
rative Erscheinung anzusprechen." Wie aber, wenn hier gar kein
Naturgesetz verletzt wiirde, wenn es im Plane der Natur gelegen hatte,
Wesen hervorzubringen, fiir die es nicht normal ist, sich fortzu-
Eflanzen? Wie, wenn der Zweck des Geschlechtstriebes nur die
I i e b e ware, die stets f ruchtbar ist, zeugt und gebiert, audi wenn
ibr keine neue Lebewesen entsprieBen? Man kann auch produktiv
sein, ohne sich fortzupflanzen. Wenn M o b i u s die Fortpfianzung
als wichtigsten Naturzweck ^^) bezeichnet, so steht dem Leipziger Psy-
chiater der Leipziger Ps ychologe W u n d t entgegen. Dieser stellt
als mittelbaren und unmittelbaren Zweck des Lebens die Erzeugung
geistiger Schopf ungen hin. 3^) Haben denn Michelangelo, Beet-
hoven und Friedrich der GroBe ihren Naturzweck verfehlt,
weil sie keine Kinder zeugten? Nicht umsonst hat man von geistiger
Befruchtung und Zeugung gesprochen. Die Erzeugnisse des Geistes,
die Gedanken, sind treibende Krafte, Entwickler der Menschheit. Auch
wer neue Wahrheiten entdeckt und verbreitet, neue Gestalten bildet
und formt, ist ein zeugender Forderer. Tolstoi ruft einmal aus :
„Mochten doch die Menschen begreifen, dai5 die Menschheit, nicht
durch tierische Erfordernisse, sondern durch geistige Krafte fort-
bewegt wird." Nur der Tatenlose ist nutzlos, zwecklos nur, wer nicht
am gemeinsamen Werke der Weiterbildung und Vervollkommnung mit-
arbeitet. Der Wert eines Menschen hiingt von den Werten ab, die
er erzeugt. Hand in Hand mit den beiden anderen Geschlechtern
hat der Uranismus trotz allem und allem Werte und Werke geschaffen
fiir den einzelnen und die Gesamtheit. Das war des Uraniers, wie jedes
Menschen, Pflicht und Zweck.
Konnen wir die Homosexuellen auch nicht als Degene-
rierte ansehen, so geht doch aus dem, was ich an friiherer Stejle
uber ihre Abstammung ausftihrte, mit Sicherheit hervor, dafi
hereditare Momente bei ihrer Eutstehung eine nicht zu unter-
schatzende Rolle spielen, was ja bei einer so ausgesprochen
angeborenen Erscheinung, wie es die echte Homosexualitat ist,.
von vornherein wahrscheinlich ist. Da es sich um eine Besonder-
heit des Zentralnervensystems handelt, ist anzunehmen, dafi
wir hier die Angriffsstelle erblicher Einfliisse zu erblicken iiaben,
33) A. a. O. S. 38.
3*) Psychopathia sexualis S. 218.
35) In dem Aufsatz „tjber die Verorbung kiinstlerischer Talente**
sagt M o b i u s (Stachyologie S. 123) : ,,Das Talent ist dem wich-
tigsten Naturzweck, der Fortpfianzung, nicht f order-
lich. Gerade unter den groCen Talcnteii findeii wir viele kinderlosu
Leute."
3*5) Eisler. Wilh. Wundts Philosophic u. Psvcbologie in ihren
Grundlageu dargestellt, Leipzig 1902. S. 183.
Hirschfeld, Homosexualitat. 25
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386
was einerseite dadurch bestatigt wird, da6 in der Tat in den
Familien vieler Homosexueller Nervositaten aller Art weit ver-
breitet sind, anderseits dadurch, daU das Nervensystem der
Homosexuellen selbst haufig recht labil und unausgeglichen ist.
Recht haufig ist bei den Angehorigen Homosexueller eine
leichtero oder schwerere neuropathische Disposition unverkenn-
bar, Oder es bestehen Faktoren, von denen wir wissen, dafl sie
im allgemeinen der stabilen Geschlossenheit des Zentralnerven-
systems nicht glinstig sind.
Bei 60/0 der Homosexuellen waren die Elteru oder GroBeltern bluts-
vorwandt. Da man auch den Altersunterschied als ein fiir die sexuelle
Beschaffenheit der Kinder bedeutungsvolles Moment angefiihrt hat,
habe ich auch nach dieser Richtung mein Material durchforscht. Id
10 0/0 der Falle waren die Eltern nahezu gleich alt, bei 9 0/0 war die
Mutter alter, in 18,7 0/0 war der Vater mehr als 10 Jahre alter als
die Mutter, in 2 0/0 iiber 24 Jahre, in den ubrigen 62,3 0/0 war der
Vater 1—10 Jahre alter als die Mutter. In 19 0/0 der Falle war der
Vater, in 2,4 0/0 die Mutter stark dem Alkoholismus eigeben, doch fan-
den sich auch 16,4 0/0 abstinente Vater, 48,2 0/0 abstinente Mutter,
alle anderen waren maUig. Bemerkenswert ist, daB in 22, 6 0/0 der Fami-
lien Homosexueller Selbstmorde vorkamen, darunter in 16,7 0/0 der Falle
wegen homosexueller Veranlagung, in 13, 9 0/0 wegen ungliicklicher homo-
sexueller Liebe, in 11,1 0/0 „aus Schwermut", in 8,3 0/0 im Delirium, in
16,70/0 aus pekuniaren und in 33, 3 0/0 aus unbekannten Griinden.
Es scheint, als ob bei neuropathischen Konstitutionen viel-
fach die mannliche und weibliche Erbmasse starker balanciert
als bei festverankerten Nervensystemen, bei denen sich das
Schwergewicht einer dieser beiden Komponenten stabilierter nach
dem einen oder andern Pol verschiebt. Deshalb findet man alle
sexuellen tJbergangsformen, und namentlich auch die Homo-
sexualitat, oft mit einer nervosen Labilitat verge-
sellschaftet, wobei allerdings im Einzelf all nicht leicht
zu .entscheiden ist, was von vornherein vorhanden und was
erst infolge der Homosexualitat entstanden ist.
Bereits in „ Sappho und Sokrates" ^3) fiihrte ich aus, dafi, wenn
bei kontrar Veranlagten Nerven- und Geistesstorungen haufiger sein
soUen, wie bei den luideren, dies sicherlich kein Wunder ware. Ich
bemerkte dort: „Jeder Psychiater weiB, wie innige Wechselwirkungen
zwischen der Genitalsphare und dem gesamten Nervensystem bestehen.
Es geniigt, an das vielgestalt ige Bild der Hysteric zu erinnern, deren
Namen auf diese Tatsache (^votfqov, die G^barmutter) zuriickzufiihren
ist. DaB weiterhin die dauernde angstliche Geheim-
haltung eines angeborenen Defekts, dessen Existenz
man anfangs als Siinde und Verirrung, spater als
Laster, S i 1 1 lichkei t s verbr eche n oder Geis t eskrank-
heit auffaBt, dafi die driickenden Ge wis sensqualen,
der ewige Kampf des willigen Geistes gegen das
schwache Fleisch, daB die stete Furcht vor Ent-
deckuiig, vor Erpressern, vor Verhaftung, gericht-
w) p. 23.
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387
licherBestrafung, Verlust dersozialen Stellung und
der Achtung seitens der Familie und der Mitmen-
schen, das Gemiit stark affizieren, die Nerven auf-
reiben muB und Neurasthenie, Melancholic, Hyste-
rie und Selbstmord g e danken erzeugen kann, liegt
wohl auf der Hand. Es wiirde also die kontrare Sexualempf in-
dung in diesen Fallen nicht sowohl eine Folge der nervosen
Disposition sein, als vielmehr der giinstige Nahrboden, auf
dem die Nervositat im weitesten Sinne zur Entwicklung gelangen
kann.
Die Behauptung, daU #Urningsliebe die Volker entnerve, suchte
schon U I r i c h s *^) durch f olgende Ausf iihrungen zu widerlegen :
„Die Ostromer, die durch Urningsliebe doch entselzlich entnervt
hatten sein miissen, waren stark genug, auch das Keicli der Ostgoten
in Italien zu zerstoren. Spater waren die Araber staCrk genug, das
westgotische Reich in Spanien zu zerstoren und die Tiirken stark ge-
nug, bis vor die Mauern Wiens vorzudrii^en : und doch ist die Urnings-
liebe bei Arabern und Tiirken von jeher ganz besonders stark ver-
breit^t gewesen. Gegenwartig sind Siidslaven und Albanesen die
kraftvollsten Stamme nicht nur der Balkanhalbinsel, sondern vielleicht
— neben Bergschotten und Dalekarliern — Europas. Hat doch Pro-
fessor V i r c h o w erst kiirzlich aus dem Ban der Schadel der Alba-
nesen prophezeit: „Diesen gehort die Zukunft der Halbinsel". Und
doch ist in beiden Volksstammen Urningsliebe stark verbreitet, nament-
lich bei den Albanesen. Ebenso verbreitet ist sie bei mehreren der
urwiichsigsten und kraftigsten Volker des Erdballes, z. B. den Bedu-
inen und fast alien Stammen Sibiriens." Und Carpenter *0 ruft
mit wohlberechtigter Ironie aus: „0b die Dorischen Griechen oder die
Polynesischen Insulaner oder die Kelten (von denen bei A r i s t o -
teles, Pol. II, 7 die Rede ist) oder die Normannen, oder die Albani-
schen Bergbewohner, oder irgendwelche andere als kiihn bekannte
Volker, unter denen die Leidenschaft verbreitet war, von nervoser
Degeneration besonders geplagt waren, dariiber kann man sehr wohl
Zweifel hegen", ein Zweifel, der noch angebrachter erscheint, wenn
man an einzelne groBe Uranier und Uranierinnen unserer und friiherer
Tage denkt.
Trotzdem wird auch heute noch, selbst in Lehrbiichem und Ge-
setzesentwiirfen immer wieder die Behauptung wiederholt, daB die
groBen Volker des Altertums „bekanntlich an dem Laster der Pad-
erastie zugrunde gegangen seien. So schreibt erst neuerdings wieder
der gerichtliche Sachverstandige Dr. Bischoff*2) in Wien:
„Die neuesten Gesetzentwiirfe haben die Strafbestimmungen gegen
homosexuellc Handlungen beibehalten. In der Tat scheint es not-
wendig, diese Verirrung zu strafen, wo sie nicht durch eine krank-
hafte Geistesbeschaffenneit begriindet ist, um gegen die besonders in
Zeiten hoherer Zivilisation wachsende Gefahr der weiten Verbreitung
derartiger Unzuchtshandlungen dauernd ein wirksames Mittel anwenden
zu konnen. Hat ja doch die luxuriose und iippige Lebensfiihrung im
spateren Kaiserreiche Rom z. B. zu den scheuBlichsten Ausschwei-
fungen solcher Art gefiihrt. Es zeigt gerade dieses zeit-
weilige Anschwellen am besten, daB die Homosexu-
*o^ Ulrichs. XII. 42/3.
*i;Ed. Carpenter, Die homogene Liebe und deren Bedeu-
tung in der freien Gesellschaft. Leipzig (als Manuskript), p. 24.
**) Lehrbuch der Gerichtlichen Psychiatrie fiir Mediziner und
Juristen von Dr. Ernst Bischoff, Privatdozent fiir Psychiatrie
und Nervenheilkunde in Wien. Sachverstandiger fiir Psychiatrie des
k. k. Landgerichts in Wien. 1912.
26*
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alitat zum groBen Telle nur Laster und nicht Krank-
heit Oder Abnormitat is t."
DaB die Homosexualitat in Rom und Hellas zur Zeit des
Aufstieges dieser Volker und als sie auf ihrem Hohepunkt
standen, genau so verbreitet und anerkannt war, wie wahrend
des Niederganges, seheint dem Verfasser unbekannt zu sein.
Fassen wir die Ansichten der f iihrenden Autoren auf diesem
Gebiet mit unsern eigenen Ermittelungen zusammen, so laBt
sich liber die wichtige Frage, wie sich Homosexualitat und De-
generation zueinander verhalten, kurz folgendes sagen:
1. Ausgesprochene korperliehe oder geistige Entartungs-
zeichen sind bei homosexuellen Mannern und Frauen ver-
haltnismafiig selten, jedenfalls finden sie sich im Ver-
ba Itnis zu der Gesamtzahl der Homosexuellen nicht hau^
. figer als unter Heterosexuellen beiderlei Geschlechts.
2. Dagegen findet sich haufig und, wie es seheint, nicht
nur als eine Folge der Homosexualitat eine starkere
Labilitat des Nervensystems vor (oft mit dem perio-
dischen Charakter endogener Stimmungsschwankungen).
3. In den Familien der Homosexuellen finden sich oft eine
grofiere Anzahl nervoser, sowie vom normalen Sexual-
typus abweichender Individuen.
4. Die homosexuelle Triebrichtung und der homosexuelle
Typus sind in demselben Sinne als ererbte Eigenschaften
anzusehen wie die heterosexuelle Triebrichtung und der
voUweibliche und voUmannliche Typus.
6. Die Homosexualitat allein als Degenerationserschei-
nung anzusehen, ist nicht angangig: a} weil wir von
Degeneration sonst nur sprechen, wo mehrere Degenera-
tionszeichen vorhanden sind ; b) weil die Homosexuellen
meist korperlich vollkommen gesund, in sich harmonisch
und durchaus leistungsfahig sind; c) weil bei alien ge-
schlcchtlich differenzierten Arten Varianten vorkommen,
die zur geschlechtlichen Fortpflanzung ungeeignet eind.
Der Gedanke, daC die Homosexualitat eine sexuelle Varietat dar-
stellt, sei es im Sinne unvoUstandiger Gesclilechtsdifferenzierung, sei
es als Ubergangsvariante, wurde bereits von mehreren Autoren aus-
gesprochen, die tiefer in das Wesen der Erscheinung eingedrungen
sind. Wir nennen unter ihnen Lydston, Weininger, Ellis,
Katte. Aletrino und d e V r i e s.
L y d s t o n *3) sagte : „Wie es allgemein Varietaten der physischen
und psychischen Charaktere gibt, so kann es Varietaten und Abwei-
chungen der anscheinend unangreifbar einheitlichen geschlechtlichen
*^) Lydston: Addresses and Essays. 1892. pair. 2 IG.
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Affinitat geben." Otto Weininger**) fuhrte aus: „Solltea wirk-
lich alle „Weiber" und alle „Manner" streng voneinander geschieden
sein? . . . Wir finden stetige Ubergange von Metallen zu Nicht-
metallen, von chemischen Verbindungen zu Mischungen, zwischen
Tieren und Pflanzen, zwischen Phanerogamen und Kryptogamen, zwi-
schen Saugetieren und Vogeln gibt es Vermittlungen 4 ", , Wir werden
es nach den angefiihrten Analogien auch hier von vornherein fiir
unwahrscheinlich halten diirfen, daB in der Natur ein S c h n i 1 1 ge-
fuhrt sei zwischen alien Maskulinis einerseits und alien Femininis
anderseits, und ein lebende's Wesen in dieser Hinsicht einfach so be-
schreibbar sei, daC es diesseits oder jenseits einer solchen Kluft
sich aufhalte."
Ilavelock Ellis *5) bemerkt: „So begegnen wir bei dieser
Triebumkehr einer Erscheinung, die man sehr wonl als eine ,,S p i e 1 -
a r t'* bezeichnen dilrf te, eine jener organischen Umbildungen, die wir
in der ganzen belebten Natur, im Pflanzen- wie im Tierreiche iiberall
wiederfinden."
Ganz ahnlieh hat sich der hollandische Gelehrte Dr. A 1 e -
t r i n o ^) dahin ausgeeprochen, dafi der Uranier eine Varietat dar-
stelle, und wohl der groCte derzeitige Kenner biologischer Mutationen
und Variationen, Professor Hugo de Vries*^) hat diese Auffassung
ausdriicklich bestatigt.
Ein anderer hollandischer Autor, I h 1 f e 1 d *®), hebt gleichfalls
hervor, daB der Uranismus keine Degenerationserscheinung, sondern
eine normale Varietat darstelle. Und Franz von Neugeoauer**)
sagt in seinem groCen Kompendium : „So gut -wie es unzahlige Vari-
ant en in dem sexuellen Habitus zwischen Mann und Weib gibt,
also sexuelle Zwischenstufen, so ist auch das Existieren psychischer
sexueller Zwischenstufen leicht verstandlich." M e i B n e r **>) meint :
,,Die Annahme, daB Homosexualitat eine Krankheit sei, ist sozusagen
ein Cbergangsstadium, um dies friiher ganzlich verponte Thema iiber-
haupt diskutierbar zu machen."
Freud") auBert sich einmal : „Ich verfechte gleich vielen Ge-
lehrten den Standpunkt, daB der Homosexuelle nicht vor das Forum
des Gerichtes ^ehort. Ich bin sogar der festen Cberzeugung, daB
Homosexuelle nicht als Kranke behandelt werden miissen, denn der
pervers Veranlagte ist deshalb noch lange nicht krank. MiiBten
")Otto Weininger: Geschlecht und Charakter, Einleitung
pag. 6.
*5^ Havelock Ell is: Sexual Inversion. 2. Aufl., p. 186.
**) U. a. auf dem 5. internationalen kriminalanthropologischen
KongreB zu Amsterdam vom 9. — 14. Sept. 1901. — Vgl. Bericht
N a c k e s im Archiv fiir Kriminalanthropologie u. Kriminalstatistik von
G r o B , Bd. 3, Heft 1, besprochen von Dr. P r a t o r i u s im Jahr-
buch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. IV, pag. 831 ff.
*7) Vgl. Dr. von Romers Aufsatz: Nogmaals het derde geslacht"
im Dezember-Heft 1904 von „De nieume Tijd" in Amsterdam, be-
sprochen von Jonkheer Dr. J. A. Schorer im Jahrbuch fiir sex.
Zwischenstufen, Jahrg. VII, p. 920.
*8) „Over Uranisme" vom praktischen Arzte Karl Ihlfeld
Amsterdam.
**) Franz von Neugebauer, „Hermaphroditismus beim
Menschen" (Leipzig 1908).
*®) M e i B n e r , Der Uranismus, p. 30.
") „Die Zeit", Wien, vom 27. Oktober 1905, iiber die Affaire
des Professors Beer.
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wir dana nicht viel grofie Denker und Gelehrte aller Zeiten, von derer
perverser Veranlagung wir Bestimmtes wissen, und von denen wir
gerade ihren gesunden Geist bewundern, als krankhafte Menschen be-
zeichnen ? Homosexuelle Personen sind nicht krank-
haf t, sie gehoren aber auch nicht vor den Gerichtshof." Und Car-
Le n t e r 52) endlich fuhrt folgendes aus : „Fniher hielt man es ein-
ch fiir selbstverstandlich, &B diese Erscheinungen nur die Folge
von Krankheit und Entartung seien. Aber bei genauerer Betrachtung
der Tatsachen fallt es im (Jegenteil auf, daB viele solche Menschen
durchaus gesunde Vertreter inres Geschlechtes sind, von kraftiger
Muskulatur, wohlproportioniertem Korperbau, von machtiger Geistes-
kraft, von hochentwickelten Umgangsformen, und mit keiner irgend-
wie erkennbaren abnormen oder krankhaften Eigenschaft ihrer pnysi-
sohen Personliphkeit. Das trifft naturlich nicht auf jeden zu. In
einer gewissen Anzahl der Falle wird man auch schwachlichen Ge-
stalten begegnoo, bei denen der Nervenleidende nicht zu verkennen ist."
Auch Katte*') faUt in einem bemerkenswerten Aufsatz das Br-
gebnis seiner Untersuchungen in den Satz zusammen: „Die Zwischen-
stufen siAd nichts anderes als Variationen der Gattung Mensch."
U 1 r i c h s fand auch hier schon ein richtiges Wort, indem er an
seine Verwandten schrieb^*): Uranismus ist ein Naturspiel, wie
es deren in der Natur tausende gibt", und schlieBlich hat auch
BlochW) die originaren Homosexuellen fiir eine „merkwiirdige an-
thropologische Varietat des genus homo" erklart.
Einen besonderen Standpunkt in dieser Frage nimmt
Dr. von ROmer^^) ein, der im tibrigen auch der Meinung ist,
„daB man das allergrSBte Recht hat zu behaupten, daB der
Dranier lediglich als Varietfit auf zuf assen ist". Er sieht
in der HomosexualitMt nicht sowohl eine Degenerationserschei-
nung, als vielmehr ein Mittel zur Regeneration.
Seine Auffassung ist etwa folgende:
An einer Stelle der Generationsreihe, die eine Degeneration be-
ffirchteii laBt, und zwar bei noch nicht ausgesprochen degenerativen,
aber doch schon beachtenswert eigenartigen Besonderheiten der Eltem,
wird ein homosezuelles Kind geboren. Auf dieses an und fur sioh
meist noch ganz gesunde, vieuach sogar sehr leistunesfahige, aber
doch nicht zu weiterer Fortpflanzung bestimmte Individuum wird —
wie bei den geschlechtslosen Bluten der Pflanzen — der sonst zur
Degeneration ftihrende Strom gewissermaBen abgeleitet, wahrend der
Stamm in der gesunden Nachkommenschaft der normalen Geschwister
duroh diese Entlastung die Degeneration uberwindet und zur voUen
iCraft zuruckkehrt.
wj Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 21.
w) Prof. Dr. Max Katte: fiber den Begriff der Abnormitat
mit besonderer Beriicksichtigung des sexuellen Gebietes, in der „Zeit-
Bchrift ffir Sexualwissenschaft" 1908, p. 399.
**) Vier Briefe Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine
Verwandten, im Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. I, p. 60.
W) Dr. Iwan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit, p. 658.
*«) Dr. L. S. A. M. v. Romer: Die erbliche Belastung des Zen-
tralnervensystems bei Uraniem, geistig gesunden Menschen und Geistes-
kranken, im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VII, p. 81 ff.
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Der Stammbaum der urnischen Familie ware demnach etwa der
folgende :
M. W.
(beide in maBigem oder eins in starkerem Grade abartig, neurastheniscb
und zu degeaerativen Ziigen neigend).
Ki K, Ks
leicbt belastet homosezuell leicht belastet
I korperlich unfrucbtbar I
regenerierte Nacbkommenscbaft.
Einen guten Beleg fiir diese „Regenerationstheorie^* fcietet
eine europaische Herrscherfamilie, und zwar dreimal im Laufe
weniger Generationen.
Auch mir hat sich immer wieder die tJberzeugung auf-
gedringt, dafi die Homosexuellen, ohne selbst Degenerierte zu
sein, einen Degenerations-Ersatz darstellen, vielleicht weniger
nach dem komplizierten Schema von ROmers als einfach der-
gestalt, dafi sich die Natur der Homosexuellen als eines
Vorbeugungsmittels der Degeneration bedient.
Diese Annahme wird durch die Ehen und die Nachfeommeai-
schaft der Homosexuellen bestfitigt. Ein grofler Teil dieser Ehen
ist kinderlos. Gehen aber Kinder aus den Verbindungen Homo-
sexueller hervor, so tragen diese zum Unterschied von ihren
Erzeugem vielfach den Stempel geistiger Minderw^ertigkeit,
es sei denn, dafi durch eine besonders gesunde Ehe-
h&lftc ein relativer Ausgleich geschaffen wird. Jedenfallsi ist
vom rassenhygienischen Standpunkt die Ehe eines oder einer
Homosexuellen stets ein sehr gewagtes Unternehmen.
Icb gebe Beispiele bomosexueller Deszendenzen :
I. Vater homosexuell, heiratete eine gesunde 5 Jahre altere Frau.
Nach vierjahriger Ehe wurde ihnea ein Sohn geboren, der jetzt
20 Jahre alt ist und bereits zweimal wegen akuter Psychosen in
einer Irrenanstalt war.
II. Vater homosexuell. Hoherer auslandischer Offizier. Aus seiner
Ehe gingen drei Sohne hervor, die sich samtlich zwischen 20.
und 30. Jahr das Leben nahmen.
III. Vater homosexuell, ebenfalls Offizier, hat zwei Tochter, die
trotz Wohlhabenheit der Familie der Prostitution anheimfielen.
Die eine starb bei Ausiibung des Coitus in einem Bordelle an
Herzlahmung.
fV. Vater homosexuell, heiratete eine stark virile Frau; vier auf-
fallend schone Kinder. Der al teste Sohn ebenfalls homosexuell,
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leidet an Zwangsvorstellungen. Der zweite Sohn, normalsexueli,
sehr befahigt, aber „verbummelt", mit 18 Jahren Zuhalter in
Palis, spater „das Verhaltnis" eines xeichen Homosexuellen. Die
beiden Tochter, sehr nervos, haben mit Kiinstlern cine gliick-
liche Ehe.
V. Mutter homosexuell, heiratete einen bedeutend alteren, sehr kraf-
tigen Mann, haben drei Sohne, von denen sich der alteste mit
20 Jahren aus unbekannten Griinden erschoB, die beiden anderen
sind schwachsinnig.
VI. Vater homosexuell, nahm sich das Leben ; sein einziger, jetzt
12]ahriger Sohn schwer neuropathisch (u. a. Tic convulsif.).
Vir. Vater homosexuell, drei Sohne, eine Tochter; ein Sohn kriminell,
zwei Sohne kinderlos verheiratet, der eine Melancholiker ; die
Tochter sehr hysterisch.
VllT. Vater homosexuell, von sehr hohem Herkommen, ein Sohn im-
bezill, eine Tochter erotomanisch, ging mit einem Kiinstler, der
vorher „das Verhaltnis" ihres Vaters. war, und heiratete ihn.
IX. Mutter homosexuell; ihr Gatte erschoB sich, kurz darauf ver-
giftete sich ihre einzige zwanzigjahrige Tochter; ihr Sohn (da-
mals 14 Jahre) jetzt 22 Jahre alt, ist iiberans feminin, hat trans-
vestitische Neigungen bei anscheinender Asexualitat.
X. Mutter hor^ios.exuell, heiratete einen gesunden Richter, haben sechs
Kinder. Die alteste Tochter, weder nervos noch homosexuell,
heiratete einen Urning, dessea Neigungen sie nicht kaiinte.
Ihre Nachkommenschaft ist unter VII. beschrieben. Das zweite
Kind, ebenfalls eine Tochter, ist homosexuell, unverheiratet,
sehr befahigt. Es folgen zwei Sohne, von denen der altere
homosexuell, der zweite normalgeschlechtlich, ein menschen-
scheuer Sonderling ist. Von den beiden jiingsten Tochtern ist
die eine schwer nervenkrank (epileptisch), die andere anscheinend
ein Urbild der Gesundheit, lebte in gliicklicher Ehe, bis eine
virile Urninde, eine Freundin der zweiten Tochter, in ihr Leben
trat und sie ihrer Familie vollkommen entfremdete.
Es kann nicht bestritten werden, daB den Ehen Homo-
sexneller mit degenerierter Nachkommenschaft auch seiche gegen-
iiberstehen, aus denen anscheinend — wohlgemerkt anscheinend
— vollig gesunde Kinder hervorgegangen sind; nach meiner Er-
fahrung sind sie aber in der Minderzahl.
Lassen wir die Entscheidung of fen, ob, wie ich es glaube,
die Homosexualitat ein Ersatz- und Vorbeugungs-
mittel der Degeneration oder, wie von Homer meint,
ein Entlastungsmittel zum Zwecke der Familien-Regeneration
ist, die Homosexuellen einfach von der Fortpflanzung elimi-
niert oder irgendwelchen anderen Zwecken nutzbar gemacht
werden eollen, was ich fiir sehr wahrscheinlich halte, jeden-
falls steht fest, daB sie ein Stiick der Nature rdnung ist,
genau so wie es das mannliche und weibliche Geschlecht in
den fiir einander bestimmten Typen sind. Begegnen wir dech
im Pflanzen- urid Tierreich an mehr als einer Stelle der deut-
lich ausgesprochenen Tendenz, auch dort, we eine geschlecht-
lichc Fortpflanzung existiert, mehr als zwei Sexualitaten her-
vorzubringen. Ein wiederholt zum Vergleich herangezogenes Bei-
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393
spiel bieteu die Ameisen, Bienen und Termiten. Hier linden
wir auBer voUentwickelten zeugungsfahigen Mannchen und
Weibchen die Gruppen der Arbeiter und Krieger, die sich nicht
an derFortpflanzung beteiligen, daftir aber eine andere dem Ge-
meinwohl forderliche Funktion erftillen.
Unter manchen anderea liat sich einmal der als Zoologe recht
bedeutende Benedict Friedlander tref fend iiber diese Analogic
geaufiert. In seinen Bemerkungen zu einem Artikel E. R ii d i n s ^^)
sagfc er:
„Es ist richtig, daB die reine Homosex-ualitat im allge-
meiueu einen schwereii und besouders fiir die Rassenerhaltung ins Ge-
wicht falleuden Defekt darzustellen scheint ; denn eine Verallgemeine-
rung dieser Eigenschaft wiirde jeder Basse oder Species cin schnelles
Endo bereiten. Dennoch kann man, nach dem gegenwartigen Stande
unserer Kenntnisse, kein abschlieCendes Trteil fallen. . Wen n es
sich namlich herausstellen s o 1 1 1 e , daC es einen einigermaCen kon-
stanten Prozentsatz von Mannern gibt, welche also beschaffen sind,
o li n e daB sie im iibrigen als minderwertig gelten konnten, so miiBte
dadurch die Auffassung der Homosexualitat als einer Abnormitat er-
heblich erschiittert werden. Ja, es kounte sich geradezu die Erage
erheben, ob nicht dieser Prozentsatz von Horaosexuellen — die daim
wirklich eine Art ,,dritten Geschlechts" darstellen wurden — ahnlich
zu beurteilen ware, wie die fortpflanzungsunfahigen sogenannten
.jArbeiter'* in den Staaten der Hymenoptcren. In der Tat ist es recht
bemerkenswert, daB gerade bei den hochstsozialen Species einer
ganz anderen Tierklasse eine solche weitergehende Differenzierung der
Sexualitat als offenbare Norm eingetreten ist, Dafi nim die Bienen-
arbeiter im allgemeinen gar keine, und die Homosexuellen der
Species Homo sapiens nur unfruchtbare Sexualakte ausfiihren,
und daB erstere auch anatomisch, letztere aber vielleicht nur
physiologisch von den eigentlichen Gcschlechtswesen abweichen,
wurde wenig gegen die grundsatzliche Zulassigkeit jenes Vergleiches
beweisen ; denn die ^lannigfaltigkeit der Natur ist unberechenbar,
und eine vollkommene Analogic zwischen der Differenzierung der
Individuen im Primaten- und Hymenoptcren 8 taate von vornherein
nicht zu erwarten. Gerade die Soziabilitat erf order t und begiin-
stigteine Art von Arbeitsteilung: Die Fortpflanzung und die speziellen
Auigaben der Soziabilitat stellen beide an die vitale Energie sehr
hohe Anspriiche, und es ware daher am Ende nicht so wunderbar, wenn
auch beim Menschen eine solche Arbeitsteilung nicht nur bewuBt-
sozial, sondern auch, wie bei sozialen Insekten, unbewuBt-physio-
logisch durchgefiihrt ware. Es kann doch ein rein Homosexueller, wenn
er sonst tiichtig ist — (genau so wie eine Arbeitsbiene fiir ihren
Stock) — , fiir seine Basse oder sein Volk, und sogar fiir die Volks-
vermehrung indirekt mehr leisten, als wenn er selbst eine groBe
Zahl von Kindern in die Welt setzte ; namlich indem er die Lebens-
bedingungen fiir die anderen durch seine Arbeit verbessert." . . ,
Die Ergriindung der Zusammenhange zwischo.n Soziabilitat und
sexuellen Cbergangsformen bietet vielleicht kiinftigen Forschern groBe
und tiefe Probleme, die wir heute erst zu ahnen imstande sind.
Passen wir das iiber die Entstehung der Homosexualitat
G:esagte noch einmal kurz zusamjnen, so sind drei Anschau-
5')B. Friedlander: Bemerkungen zu einem Artikel E.
R ii d i n s : Zur RoUe der Homosexuellen Im LebensprozeB der Rasse.
Aus dem Archiv fiir Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Berlin. 1. Jahr-
gang. 2. Heft. Marz 1904. p. 4 f f .
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ungen zu unterscheiden : die eine, welche dahin geht, dalJ die
Homosexualitgt niemals angeboren ist, sondern intra
vitam, sei es in der friilien Kindheit oder spater erworben
wird; eine zweite Annahme, die zwoi Arten der Homosexualitat
kennt, die angeborenen und die infolge sehr verschiedener An-
lasse erworbenen Palle; eine dritte Ansicht, zu der auch wir
uns bekennen, die lautet, daB die Homosexualitat stets
angeboren ist. Die friihere Auffassung, welche den ange-
borenen Faktor bei der Homosexualitat ganz in Abrede stellte,
hat unter Fachleuten heute kaum noch Vertreter. Selbst der Ver-
fasser der ^,,Pastoralmedizin**^^), wohl der angesehenste arzt-
liehe GewShrsmann der katholischen Kirche, sagt:- „Viel ofter,
als man bisher angenommen, zeigen sich die sexuellen Funk-
tioneu beim Menschen abnorm. Der Kausalnexus ist dabei ent-
weder so gelegen, dafi die ursprlinglich normale Anlage sich
durch Exzesse abnorm gestaltete (Perversitat), oder aber, daB
die abnorme Punktion auf ererbter krankhafter Veranlagung des
Zentralnervensy stems beruht. (Perversion.)"
Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen sind
nicht ganz so scharf, wJe sie erscheinen, da die Anhanger der
Erwerbstheorie jetzt ausnahmslos eine Disposition, ein auf einer
Anlage beruhendes Entgegenkommen zugeben, wMhrend diejenigen,
die vom Angeborensein der Homosexualitat tiberzeugt sind,
gleichwohl ftuBere Gelegenheitsurachen anerkennen^ von denen
aller dings die konsequenteren Vertreter der kongenitalen Lehre
meinen, daB sie von ganz untergeordneter Bedeutung sind, da die
spezifischc Anlage zielstrebig auf die adaquate „Gelegenheit**
lossteuert. Das Fiir und Wider gegeneinander abwagend ge-
langen wir unsererseits zu folgendem SchluBresumde :
I. Cie echte Homosexualitat ist stets ein angeborener Zu-
stand.
II. Dieser angeborene Zustand besteht in einer spezifischen
homosexuellen Konstitution des Gehirns.
III. Diese spezifische Gehirnkonstitution ist durch ein be-
sonderes Mischungs verhftltnis der m&nnlichen und weib-
lichen Erbsubstanz gekennzeichnet.
IV. Dieses mannweibliche Mischungsverhaltnis ist haufig
vergesellschaf tet mit stftrkerer L a b i 1 i t & t des Nervensystems.
V. Zwischen der spezifischen und nerv5sen Konstitution
des Zentralorgans besteht ein kausaler Zusammenhang.
^®) Dr. C. Capellmann, Pastonil-Medizin, 16. Auflage. Aachen
1906, p. 136.
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VI. Alle fiuBeren Ursachen sind nur wirksam beim Vor-
handensein der inneren homosexuellea Konstitution.
VII. Die HuBeren Ursachen — Anl&sse — sind so allgemeine
Erscheinungen, daB in 99o/o der FfiUe die angeborene homo-
sexuelle Konstitution friiher oder spater erwacht und klar in
das BewuBtsein tritt.
VIII. Die Homosexualitat ist weder Krankheit noch Ent-
artung, noch Laster oder Verbrechen, sondern stellt ein Stilck
der Naturordnung dar, eine sexuelle Variante wie
zahlreiche analoge Sexual-Modifikationen im Tier- und Pflan-
zenreich.
Viele haben sich bemiiht, das RStsel der gleich'geschlecht-
lichen Liebe zu Idsen ; wie aber, wenn hier im Grunde genommen
kein grdBeres Eatsel als sonst bei irgend einer Naturerscheinung
vorliegt? Die Frage nach dem „Warum** ist nicht immer nur
ein Zeichen tiefgrllndiger Gelehrsamkeit, sondern haufig auch
kindlicher Bcschr&nklhcit Wollte jemand wissen, warum
gibt es Siugetiere, oder weshalb Menschen, wtirde man ihn
kaum einer Antwort wert halten, so sehr sich eine Beschreibung
der verschiedenen Arten der Saugetiere oder eine Untersuchung
der Aufgaben der Menschen verlohnen wtirde. Wir sehen eben
die Tatsache ihrer Existenz als etwas Gegebenes an — und so
soUten wir es auch mit dem Uranismus tun — , da die Natur
unbegrenzt ist in der Hervorbringung ihrer Wesenheiten, auch
solcher, die der Mensch zwecklos nennt — womit nicht gesagt
ist, daB sie es sind, sondern nur, daB sie es ihm scheinen, weil
sie nicht in die Vorstellung hineinpassen, die er sich jeweils von
dem doch in jeder Beziehung so verwickeltem Weltmechanismus
machi.
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EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Behandlung und Prognose der m^nnlichen und weiblichen
HomosexualitMi Behandlung durch heterosexuellen Verkehr.
(Ehetherapie.)
Unter Behandlung der Homosexualitfit begreifen wir
zunaehst alle Maflnahmen der Heilkunde, welche die Be-
seitigung (oder Unterdriickung) homosexueller Empfindungen
und Handlungen bezwecken. Die Voraussetzung, von der die
Anhfinger einer therapeutischen oder auch prophylaktischen Be-
einflussung der Homosexualitat ausgehen, ist, dafi hier ein
krankhafter Zustand vorliegt, der heilungsbedlirftig und
vor allem heilbar ist. Trifft allerdings das zu, was wir im
vorigen Kapitel bewiesen zu haben glauben, daB die echte Homo-
sexualitat iiberhaupt keine Krankheit, sondern eine eingeborene,
mit der individuellen Konstellation untrennbar verknlipfte sexu-
elle Varietat ist, dann JPallen die Pramissen, auf die sich jedes
firztliche Bemlihen zu ihrer Ausrottung in der Hauptsache
stiitzt .
Gleiehwohl wiirde aber dieses Werk sehr unvollstandig sein,
wenn wir uns mit der Konstatierung der Tatsache : echte Homo-
sexualitat ist unausrottbar, begnligen wollten. Denn abgesehen
davon, dafl es der Charakter dieses Buches als einer mog-
lichst erschopfenden Darstellung der Homosexualitat erfordert,
referierend und kritisch auch die Anschauungen derer durch-
zugehen, die sich bemlihten, die Homosexualitat, welche sie flir
ein schweres Leiden hielten, zu heilen, ergeben sich auch fiir den
Arzt, der uberzeugt ist, daB die homosexuelle Konstitution und
die aus ihr entspringenden Neigungen endogen bedingt sind,
wichtige Fragen ihrer Behandlung.
Zunaehst. ist nicht gesagt, dafi mit dem praformierten Charakter
der Homosexualitat ihre absolute Unzuganglichkeit feststeht. Sind
wir doch beispielsweise in der Lage, angeborene Entwicklungshem-
mungen auf operativem Wege zu beseitigen. Deshalb ist es auch in der
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Begiiindung nicht ganz zutreffend, wenn Schrenck-Notzing^)
SB>gt: „Jc mehr sich die Zahl der Falle hauft, in denen bleibende thera-
peutische Resultate erzielt wordea sind, um so eeringer erscheint
nach unserer Meinung der Anteil, den die erbliche Disposition in der
Entstehung dieser Anomalie beanspruchen kann", oder R o h 1 e d e r 2),
dessen Ausfiihrungen iiber die Therapie der Homosexual itat icli im
iibrigen fiir das Beste und Konsequenteste halte, was in diesem Punkte
geauBerfc worden ist, meint, dafi „fiir denjenigen, der die perverse homo-
sexuelle Empfindung fiir eine eingeborene halt, damit gleichzeitig
auch der Wegfall jeglicher therapeutischen Beeinflussung dieses Ge-
fiihls gegeben sei, da, was eingeboren ist, nun und nimmer durch
eine Behandlung weggebracht werden konne, ebensowenig wie jnan
imstande sei, eine angeborene Heterosexualitat durch Behandlung zur
Homosexualitat zu machen." Die Therapie, die beide Autoren hier
in erster Linie im Au^e haben, ist die hypnotische Suggestions-
behandlung. Wenn es aber moglich gewesen ist, durch Beeinflussung
der Psyche korperliche Veranderungen, wie Brandblasen, hervorzurufen,
wenn man Blindheit und Taubheit, Anosmie und Ageusie suggerieren
konnte, wenn man tiefgreifende Wirkungen in der Hypnose auf die
Menstruationen und PoUutionen ^lusiiben konnte und Medien zu ver-
anlassen vermochte, nach dem Erwachen „etwas zu sehen, was nicht
da war, etwas nicht zu sehen, was da war", wenn Hypnotiseure alte
Leute davon iiberzeugten, sie seien wieder Kinder ge worden, warum
soil es denn so unmoglich sein, angeborenen Homosexuellen voriiber-
gehend GenuB am Weibe zu suggerieren? Es geht auch zu weit, wenn
Binswanger^) bemerkt, „daB den Aussagen der an perverser Sexual-
empfindung Leidenden iiber Erfolge in der Hypnose kein Glauben bei-
zxunessen sei*\ Um so mehr stimme ich aber Krafft-Ebing bei, der
— gleich groB als Kehner der Hypnose und der Homosexualitat — er-
fclart *), dafi selbst die dauerndsten Erfolge der Hypnose „nicht auf
wirklicher Heilung, sondern auf suggest iver Dressur beruhen" ;
„es seien bewunderungswiirdige Artefakte hypno-
tischer Kunst, keineswegs Umziichtungen der psychosexualen Exi-
stenz**. Krafft-Ebing fiihrt, als bezeichnend dafiir, den glan-
zendsten Heilerfolg Schrenck-Notzings an, dessen Beprasentant
nach voUendeter „Heilung" von sich selbst sagte: „ich fuhle immer
eine gewisse, nicht zu iioerwindende Schranke, die nicht auf mora-
lischen Griinden basiert, sondern, wie ich glaube, direkt auf die Be-
handlung zuriickzufiihren ist." Der Verfasser der Psychopathia sexualis
schlieCt diese Bemerkungen mit dem Satze : „ Jedenfalls b e w e i s e n
sole he „Heilungen" (die hier und vorher bei diesem Worte
angebrachten Anfiihrungsstriche f inden sich auch im Original) n i c h t s
gegen die Annahme des originaren Bedingtseins der
kontr^ren Se x ual e m p f i ndu ng."
Ist also auch dann, wenn die Homosexualitat als eine zwi-
schen den Geschlechtern stehende endogene Sexualvariante zu
gelten hat, die Heilungs moglich k ei^ nicht voUig auszu-
schlieBen, so muB um so mehr auf Grund dieser Erkenntnis
ihre Heilungs bedlirftigkeit in Zweifel gezogen werden. Ist
1) Dr. Frhr. v. Schrenck-Notzing: Die Suggestionstherapie
bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes, p. 149.
') H. Rohleder: Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb und ge-
samtes Geschlechtsleben des Menschen. Bd. II, 1907, p. 399.
3) Binswanger: Verwertung der Hypnose in Irrenanstalten.
Therap. Monatshefte 1892. Heft 3 und 4, p. 167.
*)v. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 311 ff.
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die Homosexualitfit voUends — was ungemein viel Wahrschein-
lichkeit f iir sich hat — ein Vorbeugungs mittel der Degene-
ration, so erhebt sich die vom rassenhygienischen und entwick-
lungsbiologischen Standpunkt so ungemein gewichtige Frage, ob
die Heilung eines Homosexuellen, deren „conditio sine qua non**
nach Schrenck-Notzing^) „der geregelte normale Ge-
schleehtsrapport" ist, sich n i c h t mehr wider die Natur richtet,
als die vom Gesetz als widernatlirlich bezeichneten Betatigungs-
formen. So lange audh nur ein Zweifel dariiber besteht, ob wir
una nicht an der zukiinftigen Generation verslindigen, wenn wir
den homosexuellen Mann auf das normalsexuelle Weib und das
homosexuelle Weib auf den normalsexuellen Mann „dressieren",
haben wir keinen Grund, uns der „erfolgreichen Behandlung"
eines Patienten „mit kontrfirer Sexualempfindung bei voUstan-
diger Effemination** zu rlihmen, der nach 142 hypnotischen.
Sitzungen unter „Abbruch homosexueller Beziehungen" jede
Woche einmal regelmfiBigen Geschlechtsverkehr mit dem Weibe
pflegt. Beilauf :g bemerkt ist es derselbe Patient, der unter Be-
zug auf die ihm vorgelesene Krankengeschichte den letzten Brief
an Schrenck-Notzing, in dem er ausfiihrlich von seiner
„Heilung** berichtet, mit folgender Nachschrift^) schlieBt: „Bitte,
bitte, Herr Baron, streichen Sie doch die „groBen Hande", ich
habe Handschuhnummer 7^/4, das ist doch nicht groB, und ganz
weiBe gepflegte Hande; noch nie hat jemand gesagt, ich hatte
groBe Hande, bitte, streichen Sie es, ja??**, eine Bemerkung,
die nicht gerade auf eine radikale Umgestaltung seiner femininen
Personlichkeit schlieBen laBt.
Mir sind mehrere Falle in Erinnerung, in denen Homo-
fiiexuelle von so femininer Beschaffenheit, daB auBer ihrem
Genitalapparat fast nichts Mannliches an ihnen zu entdecken
war, Monate, ja Jahre lang auf Veranlassung ihrer Angehorigen
hypnotisiert worden waren. Mit negativem Erfolg. Ware aber
tatsachlich Beischlafsf&higkeit mit dem Weibe erzielt worden,
so erscheint es keineswegs sicher, ob dadurch dem Homosexuellen
ein Dienst geschehen ware, und selbst wenn dieses zutrafe^ bleibt
die Frage offen, ob der Arzt die Verantwortung der Folgen sol-
cher Heilungen tibernehmen darf. Der alte medizinische Leit-
satz „Nil nocere" bezieht sich nicht nur auf den Patienten selbst,
sondern auch auf seine Ehehalfte und auch auf seine Nach-
l^ommenschaft.
Wir stehen hier auf dem Grunde des Nietzsche schen Wortes ;
nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf. Erafft-Ebing und
^) V. Schrenck-Notzing, loc. cit. p. 311.
^)v. Schrenck-Notzing, loc. cit.* p. 248.
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Schrenck-Notzing sind allerdings anderer Meinung. K r a f f t -
E b i n g widerlegt den auch ihm schon gemachten Einwand, dafi durch
Heilversuche an Homo9exueIlen zwar dem einzclnen ausnahmsweisc
geholfen, der Gesellschaft aber geschadet werden kann, mit folgendem
Ausspruch : ') : „Wenn ein Contrarsezoaler aus ethischen, sozialen oder
sonst welchen Grunden eine solche Behandlung verlangt, so kann ihm
dieselbe nicht versagt werden. Es ist heilige Pflicht des Arztes, jedem
Hilfesuchenden nach Eraf ten Eat und Hilfe zu gewahren. Das W o li 1
des Elienten muB dem Arzt immer viel hoher steben
als das der Gesamtheit. Diese vennag er reichlich fiir mog-
licben Schaden, den er im Einzelfalle ibr zufugt, zu entscbadigen, in-
dem er Hygiene und Propbylaxe ubt."
Wenn S a d g e r es wiederholt den Homosexuellen zum Vor-
wurf macht, daO die meisten von ihnen weder den Wunsch noch
die ernstliche Absicht haben, sich heilen zu lassen, so tibersieht
er, daU der Wunsch fehlt, weil ihnen der Glaube fehlt. Der
groBen Mehrzahl scheint es als ein Unding, daB etwas zum
Schwinden gebracht werden kann, was sie ebenso zu sich ge-
horig empfinden, wie den Schlag ihres Herzens oder das Atmen
ihrer Lungen. Dsshalb kommt auch tatsachlich unter 1000
Homosexuellen hochstens einer iiberhaupt auf den
Gedanken, den Arzt aufzusuchen, um sich „kurieren** zu lassen.
Vollends unter den homosexuellen Frauen ist der Prozenteatz
noch viel geringer.
An Schrenck-Notzing, der versucben wollte einem Urning
durcb Hypnose sexuellen Gescbmack am Weibe beizubringen, schrieb
dieser in groBer Emporung: „Die Natur hat micb so erscbaffen — sie
wird schon wissen warum — und s o will icb bleiben. Mir feblt jedes
Verstandnis, warum es moraliscber sein soil, mit irgend einem, viel-
leiclit bezablten, Frauenzimmer zu verkebren als mit einem Freunde,
den ich lieb babe." Ist es docb vorgekommen, daB ein Urning, den
icb wegen Scblaflosigkeit bypnotisierte, mir vor der Behandlung das
Versprechen abnabm, daB icb nicbt an seiner Homosexualitat „herum-
sugfferiere". Obne sie — meinte er — woUe er nicbt leben. Ahnlich
denken viele.
Die Geschichte therapeutischer MaBnahmen gegen die Homo-
sexualitat ist verhaltnismaBig kurz. Sie erstreckt sich auf die
kauDi ein halbes Jahrhundert betragende und jetzt schon fast
wieder abgeschlossene Epoche, innerhalb derer die Homosexualitat
als eine Krankheit angesehen wurde. Es gab Zeiten und Volker,
in und bsi denen sie als eine durchaus nattirliche Erscheinung
aufgefaBt und als solche dem sozialen Leben eingereiht wurde.
Zu anderen Zeiten und bei anderen Volkem sah man wiederum
ein verabscheuungs- und etrafwiirdiges Verbrechen in ihr^ das
man nur mit Mitt3ln der Justiz zu tilgen bemtiht war. Haben
wir fiir die erste Anschauung ein charakteristisches Beispiel in
den Volkern des klassischen Altertums, so standen die Zeiten
") V. Krafft-Ebing, loc. cit. p. 325.
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des christlichen Mittelalters vollig unter dem EinfluB Jer zwei-
ten. Erst die wissenschaftlichen Fortschritte des 19. Jahr-
hunderts auf medizinischem Gebiete, namentlich das Entstehen
der Psychiatrie als eines selbstandigen Forsehungsgebiets, ftihrte
zii der Annahme, es mtisse sich bei der Homosexualitat um eine
pathologkche, zum mindesten abnorme Erscheinung, mithin um
etwas der Heilung Zugangliehes und der Behandlung Bedtirftigee
handeln. Diese Auffassung rief die mannigfachsten Versuche
arztlicher und niehtarztlicher Behandlung hervor, iiber deren
Wert und Unwert die Meinungen bis zum heutigen Tage noch
vielfach auseinandergehen.
Bemerkenswert ist, daB bei alien therapeutischen Vor-
schlagen und Versuchen fast nur von der mannlichen und fast
niemals von der weibliehen Homosexualitat die Rede ist; weder
die Vertreter der Hypnosetherapie noch die Anhanger der
Freud schen Psychoanalyse berticksichtigen in ihren Veroffent-
licfiungen die Homosexualitat der Frau. SoUte dies vielleicht
daher ruhren, daU die Homosexuellen nicht sowohl unter ihrer
Veranlagung leiden. als unter den Konflikten, die eine unmittel-
bare Folge ihrer sozialen und forensischen Beurteilung sind, dafi
es die sich daraus ergebenden MiBhelligkeiten und das damit im
Zusammenhang stehende Unterdruckungsbedtirfnis sind, die sie
zum Arzte ftihren. SoUte dies der Fall sein, so gabe dies einen
wertvoUen Fingerzeig, wo die wahre Therapie homosexueller
Leiden anzusetzen hat, in erster Linie namlich nicht bei den
Homosexuellen selbst, sondern bei den Vorurteilen, welche
die Hauptquelle ihrer Beschwerden sind.
Die grundlegenden Vorschlage iiber die Therapie der Homo-
sexualitat, auf die direkt oder indirekt fast allc spateren Experten
fuBen, riihren von Kraffft-Ebing her. Er schreibt s) :
„Die Aufgaben der Behandlung bestehender contrarer Sexual-
empfindung gegeniiber sind folgende:
1. Bekampfung von Onanie und anderen, die Vita sexualis schadi-
genden Momenten. 2. Beseitigung der aus antihygienischen Verhalt-
nissen der Vita sexualis entstandenen Neurosen. ' (Neurasthenia sexualis
uud universalis). 3. Psychische Behandlung im Sinne einer Bekamp-
fung homosexualer und der Forderung heterosexualer Gefiihle und Im-
puJse.
Der Schwerpunkt der therapeutischen Aufgabe liegt nach
Krafft-Ebing in der Erfiillung der dritten Indikation. „Nur
in sehr seltenen Fallen", sagt er, ,,vermag bei noch nicht vorge-
echrittencr erworbener contrarer Sexualempfindung die Erfiillung
von 1 und 2 geniigen. In der Eegel wird die korperliche Behandlung,
wcnn audi unterstiitzt durch moralische Therapie im Sinne energischer
Ratschlago behufs ^leiden von Masturbation, Unterdriickung homo-
sexualer Gefiihle und Drange und Weckung heterosexualer, selbst bei
erworbenen Fallen von contrarer Sexualempfindung, nicht ausreichen.
^) V. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 317 f.
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401
flier kaan nur eine Methode der psyohischen Behandlung —
die Suggestion — Hilfe bringen."
Von den drei Krafft-Ebing schen Heilmitteln der Homo-
sexualitat hat in den mehr als dreiundeinhalb Jahrzehnten, eeit der
eroBe Wiener Gelehrte sie zuerst aufstellte, nur das zweite — die Be-
kampfung der Neurasthenie zur Erhohung der Triebwiderstande —
seine Stellung einigermaBen behaupten konnen. Die dritte — psy-
chische — Behandlungsmethode hat sich einem ungleich groBeren und
langer verf olgten Beobachtungsmaterial gegeniiber, als es E r a f f t -
E b i n g zu Gebote stand, bei weitem nicht so bewahrt, wie ihre ur-
spriinglichen Verfechter selbst es glaubten und erhofften. Von dem
ersten Heilmittel voUends, das Krafft-Ebing anfiihrt, der Be-
kampfung der Onanie, verspricht sich heute ka\mi noch jemand einen
Erfolg flir die Beseitigung der Homosexualitat.
Wir betonten bereits, daB durch Onanie, selbst Jahre lang ge-
trieben, die kontrare Sexualempfindung nicht erworben wird. Vom
Beeinii bis zum Ende der Reifezeit, vornehmlich also in der zweiten
Haifte des zweiten Lebensjahrzehnts, ist die Onanie sowohl unter
Homosexuellen als auch unter Heterosexuellen nahezu so allgemein
verbreitet, daB sie von einigen Autoren sogar in diesem Alter schon
als etwas Physiol o^isches erachtet wurde. Anfang der zwanziger,
vor allem mit Eintritt regelmaBigen Geschlechtsverkehrs pflegt sie in
der groBen Mehrzahl der Falle zu schwinden. Bei Homosexuellen
scheinb sie sich allerdings durchschnittlich etwas langer zu erhalten
als bei Heterosexuellen. Das riihrt aber lediglich daher, weil der
Homosexuelle im allgemeinen schwieriger und spater zu einer adaquaten
Regelung seines Geschlechtslebens gelangt. Kommt er dazu, so
hort auch bei ihm die Selbstbeiriedigung bald vollig
auf. Das gilt auch fiir die zahlreichen Homosexuellen, deren Betati-
gungsweise die mutuelle Onanie ist. Das Ausschlaggebende liegt eben
nicht in dem Akt als solchem, sondern in dem Partner, mit dem er
voUzogen wird.
Von den Homosexuellen wird librigens nicht die Beseitigung, son-
dern das Gegenteil die Ausiibung der Onanie oft, wenn auch nicht
als ein Heiln^ittel homosexueller Neigung, so doch als ein Vorbeugungs-
mittel homosexueller Betatigung angesehen. Nicht selten wird sie
von ihnen in recht erheblichem Grade angewandt, um wenigstens
iuv einige Zeit eine sexuelle Entspannung herbeizufiihren. In wie
exzessiver Weise gelegentlich von diesem Mittel Gebrauch gemacht
wird, zeigb der Fall eines ims bekannten Konsistorialrats, der seiner
eigenen Angabe nach Jahre hindurch taglich dreimal masturbiert hat,
um den Anfechfcungen seiner homosexuellen Veranla^ng nicht zu
erliegen. Trotzdem blieben ihm schwere seelische Eanvpfe und De-
pressionen infolge der gewaltsamen Unterdriickimg seines homosexu-
ellen Triebes nicht erspart, die in Verbindling mit den schwachenden
Wirkungen der maBlos betriebenen Onanie naturgemaB zu schwerer
Neurasthenie fiihrten. Immerhin hat in Fallen geringerer sexueller
Reizbarkeit und Bediirftigkeit maBig ausgeiibte Onanie den homo-
sexuellen Trieb oder doch den Drang nach homosexueller Betatigung
oft auf kiirzere oder langere Zeit hinaus wesentlich abgesch^^acht. Es
sei aber ausdriicklich darauf hingewiesen, daB an dieser Stelle natiir-
lich nicht von der Onanie als arztlichem Behandlungsmittel der Homo-
sexualitat, sondern lediglich von ihr als einer haufig gewahlten Me-
thode der Selbstbehandlung die Rede ist. Als Kuriosmn sei ein uns
bekannter Fall erwahnt, in dem ein Homosexueller durch die Onanie
die denkbar radikalste Beseitigung seiner Veranlagung, den Selbst-
mord, auszufiihren beabsichtigte. Es handelte sich um einen Herrn,
der auf Grund einer Anzeige aus § 175 sich in Untersuchun^shaft
befand. Der Versuch scheiterte an der physischen Unmoglichkeit der
Durchfiihrung.
Hirschfeld, HomosexiuUitflt. 26
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AG2
Auch unter den weibliclien Homosexuelleii ist die Onanie gewohn-
lich in Form der Klitorisfriktion, begleitet von wunschentsprechenden
Phantasievorstellungen, als Surrogatakt weit verbreitet. Dabei ist
iiicht ohne Interesse, daB sowohl bei den weiblichen als mannlichen
Homosexuellen die Autoonanie vielfach nicht erst bei Ausiibung mutu-
eller Akte, sondern bereits bei Eintritt einer starkeren seelischen Be-
ziehung homosexueller Art nachlaBt. So steht seit langerer Zeit
ein friiher an sehr heftigen Depressionen leidender Oberleutnant in
meiner Beobachtung, der viele Jahre nicht davon abzubringen war,
mehrmals tSglich zu masturbieren. Eines Tages verliebte sich in ihn
ein junger Homosexueller, dessen Neigung er heftig erwiderte. Kurz
nach inrer Bekanntschaft wurden sie ortlich getrennt, indem der
Offizier nach einer weit entfernten Grenzgarnison versetzt wurde. Der
Verkehr beschrankte sich monatelang nur auf zartliche Briefe. Gleich-
wohl horte die vordem inkurabel erscheinende Onanie seit Bestehen
des seelischen Liebesverhaltnisses definitiv auf.
Ebensowenig wie die Selbstbefriedigung homosexuelle Nei-
gungen zu beseitigen imstande ist, vermSgen dies andere For-
men nicht adilquater Sexualbetatigung, vor allem der normale
Koitus. Wir kommen hier zur Besprechung eines Mittels, das
zwar Krafft-Ebing in sein Behandlungsschema nicht niit
aufgenommen hat, das aber vor und nach ihm von Arzten als
einc Art Radikalkur homosexuell empfindender Personen vor-
geschlagen wurde, zu dem von Rohleder^) mit feiner Satire
als etwas zu allopathisch bezeichneten Mittel der Ehe. Schreibt
doch selbst Schrenck-Notzing in bezug auf die Homosexu-
ellen kurz und biindig: „Man bestimme solche Individuen, tern-
peramentvolle Frauen mit lebhaftem Geschlechtstrieb zu hei-
raten." Und noch neuerdings meint Gei jerstam^.^), wenn
ein Homosexueller nicht zu hodigradig nervos sei, liege ftir den
Arzt kein Grund vor, ihm von der Ehe abzuraten. Sehr viele
Arzte sind, wie ich bereits in einer frliheren Arbeit ^i) an Hand
von zahlreichen Beispielen aus dem Leben ausftihrte, noch heute
in dem Irrtum befangen, dali es sich bei Homosexuellen um eine
Abirrung handle, die durch Heirat in normale *Bahnen gelenkt
werden konne. Dies ist ein verhangnisvoUer Irrtum'. Mancher
Urning hort, selbst nicht gentigend von der Unausloschlichkeit
seines Triebes unterrichtet, auf ,den Rat des Arztes und ent-
schlieBt sich daraufhin zur Ehe. Verheiratet, sieht er nur zu
bald, dafi der Rat, welchen der Arzt ihm erteilte, ein recht
schlechter war.
9) H. R o h 1 e d e r , a. a. O., p. 406, sowie R o h 1 e d e r , Mono-
graphieen iiber die Zeugung beim Menschen. Bd. Ill: Funktions-
storungen der Zeugung beim Manne. Leipzig 1913. p. 168 ff.
10) cf. Zeitschrift fiir gerichtliche Medizin und Psychiatric in den
Nordlanden. Jahrg. 5, Heft 3.
11) M. Hirschfeld: Sind sexuelle Zwischenstufen zur Ehe
geeignet? Im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. Ill, p. 39.
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403
Wir wollen typische Beispiele geben von der Ehe eines homo-
aexuellen Mannes mit einer heterosexuellen Frau und einer
analogen Ehe zwischen einer homosexuellen Frau und einem
heterosexuellen Manne, um zu zeigen, wie sich in vielen Fallen
ein derartiges Btindnis gestaltet.
Einer unserer Patienten schrieb:
„Sie wuDSchen zu wissen, wie ich dazu kam, mich zu verheirateu
und welche Erfahrungen ich in der Ehe gemacht habe.
Bevor ich mich dazu entschloB, mich zu verheiraten, war ich in
einer hochst traurigen sozialen Lage. Wie Sie wissen, lebe ich in
einer grofien Stadt. Ich war meinem ungliicklichen Triebe, der mich
Uingang mit dem eigenen Geschlecht suchen lieB, haufiger gefo^t.
Dies muiJte bekannt geworden sein, wenigstens hatte ich stets das Ge-
fiihl, in manchen Fallen vielleicht unberechtigt, daB man meinen Um-
^ang zu meiden suchte. Zu empfindsam, um in der Lage zu sein,
irgend jemand meinen Umgang aufdriingen zu konnen, zog ich mich
immer mehr von Geselligkeit und freundschaftlichem Verkehr zuriick.
Ich verbrachte Ta^e und Nachte in Verzweiflung hin, die' besten
Lebensjahre verstrichen im einformigsten Einerlei. Dieser traurigen
Lage wollte ich ein Ende machen. Meine Altersgenossen waren yer-
heiratet, Familie und einige Bekannten rieten ebenfalls dazu. Aber
den Grund, warum ich nicht heiraten wollte, durfte ich niemandem
sagen. Dies gehort auch zu den traurigsten JSeiten unseres Schicksals,
daS wir ein Geheimnis, das unser Innerstes aufs Tiefste bewegt, nie-
mand, nicht einmai den nachsten Anverwandten, anvertrauen konnen.
Ich sah andere Menschen glucklich und zufrieden und wollte auch
glucklich werden. Wenn mir auch der innere Drang zur Ehe fehlte,
so hoffte ich doch innere Ruhe und Zufriedenheit in derselben zu
finden. Um mein G^wissen zu beruhigen, und mich zu vergewissern,
ob ich meinen ehelichen Pflichten nachkommen konne, wandte ich
mich an einen Arzt. Derselbe sagte mir, ich moge einmai zu einer
Fuel la ^ehen, um mich zu iiberzeugen, ob ich imstande sei, den coitus
auszufiihren. Wenn mir nun auch der Coitus nicht den geringsten Ge-
nuB, ja eher Widerwillen bereitete, war ich doch imstande, ihn aus-
zufiihren. Ich sagte dies meinem Arzte, und dieser riet mir inf olgedessec
zur Heirat. Da ich mich noch mehr vergewissern wollte, um meine
Zweifel zu beruhigen, wandte ich mich noch an einen aus-
wartigen, bekannten Arzt, dem ich meinen Zustand und mein Anliegen
ausfubrlich berichtete. Derselbe antwortete mir folgendes: „Da Sie
Erektionen haben, konnen Sie unbedingt ruhig heiraten, ich bin der
Meinung, daB dadurch allmahlich Ihre contraren Emp-
findungen sich calmieren werde n." Ich wandte mich schlieB-
lich an Professor K., der mir schrieb: „Heirat ist moglich, da Potenz
besteht. Ich kenne manchen verheirateten Uming, der Familienvater
ist. Eine prekare Sache ist immexhin die Heirateines
Urnings." Ich habe Ihnen dies, geehrter Herr Doktor, absichtlich
etwas ausfiihrlich mitgeteilt, um Ihnen zu zeigen, daB ich nicht ohne
g'oBe Bedenken in die Ehe ging, die aber mehr oder weniger durch die
erren Arzte beseitigt wurden. Jedenfalls ging ich mit der Hoffnung
und dem Wunsche in die Ehe, daB ich durch dieselbe von meiner
Anomalie befreit wiirde. Nachdem ich Ihnen im Vorstehenden ausein-
andersetzte, wie ich zur Ehe kam, gehe ich jetzt dazu uber, Ihnen
meine Erfahrungen wahrend der Ehe mitzuteilen. Schon auf der Hoch-
zeitsreise machte ich die Bemerkung, daB mir die Ausfdhrung des
Coitus viel eher eine lastige Verpflichtung war, denn ein Vergmigen.
Dabei blieb aber mein Hang zimi eigenen Geschlechte bestehen. Ich
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cab mir die denkbar groBte Miihe, mich innerlich und geistig von dieser
Neigung unabhangig zu machen, aber vergeblich.
Wie war und ist n\in das Verbal tnis zu meiner Frau? Ich liebe
und scbatze meine Frau ibrer vielen ausgezeicbneten Eigenscbaften
willen; wegen der Tiefe des Gemiits, wegen ibrer Pflicbttreue, auch
finde ich sie korperlicb biibscb, aber trotz alledem ist diese Liebe
mebr einem innigen Freundscbafts verbal tnis abnlicb, wie einer Liebe,
wie sie zwiscben Ebeleuten bestebt und die nacb meiner Empfindung
auBer in der moraliscben Wertschatzung aucb auf einer in smnlicben
und korperlicben Gefallen berubenden Grundlage aufgebaut sein mufi.
Bei diesem Mangel an sinnlicber Liebe zu meiner Frau, gebt nebenber
die sinnlicbe Liebe zum eigenen Gescblecht. Meine Frau fiiblt diesen
Mangel an sinnlicber Liebe zu ibr wobl beraus, indem sie mir zu-
weilen den Vorwurf des Mangels innerer Seelengemeinscbaft macbt.
Wir wiirden aber ganz gliicklicn zusammen leben, wenn nicbt ein Um-
stand ware, der mir das Leben zur Qual macht. Icb lebe in bestan-
diger Furcbb vor Entdeckung und AusstoBung aus der Familie, sowie
in dem BewuBtsein, von meinen Mitmenschen veracbtet zu sein. DaB
ein derartiges Leben mebr eine Qual, denn ein Gliick ist, werden Sie
versteben usw.
Als Seitenstiick zu diesem gibt uns der folgende gutacht-
liche Fall einen Einblick in die Ehe eines heterosexuellen Manjies
mit einer homosexuellen Frau.
Ein Herr W., normalsexueller, vollig gesunder Arcbitekt, will sicb
von seiner Frau wegen „Verkebrs mit dem Dienstmadcben" scbeiden
lassen, er wiinscbt von mir ein Gutacbten, daB, da seine Frau zweifel-
los bomosexuell, der gescblecbtlicbe Verkebr ihrerseits mit dem Weibe
dem Ebebrucb gleicbzusetzen sei. Frau Elise W., geb. D., 26 Jabre,
aus Berlin, ist seit 4 Jabren verheiratet. Ibr GroBvater von B. ,sebr
excentrisch, Alkobolist, mit starkem Han^ zur Vagabondage, wurde
als Amtsricbter seines Amtes entsetzt. Elise abnelt auBerlicb diesem
GroBvater. Ibr Vater sebr jabzornig. Sie litt als Kind an Krampfen,
Bettnassen, Eauen an den Fingemageln, batte ausgesprocbene Ab-
neigung gegen Puppenspiele, liebte Scbneeballwerfen, Raufen mit
Jungen, batte besonderes Interesse fiir Recbnen und Matbematik, scbon
auf der Scbule deutlicbe Neigung fiir scbwacbe, zierlicbe, weiblicbe
Personen.
Gegenwartiger Zustand: Knocbengeriist nicbt besonders kraftig,
Becken scbmal, Scbadel breit, Korperkonturen eckig, Knochen treten
bervor, Oberarm zylindriscb abgeflacbt, Oberschenkel scblank, Hande
scbmal, robust, lebbafter, mebr mannlicber Handedruck, Muskulatur
scbwacb, aber fest, Scbritte fest, gravitatiscb, kann pfeifen, unreiner
Teint, Briiste sebr wenig entwickelt, Hauptbaar scbwacb, Haartracbt
ungeordnet, leicbter Bartflaum, groBe Ohren, rubiger „beraus-
fordernder** Blick, mannlicber Gesicbtstypus, laute Spracbe, kann nicbt
singen, Tone werden in tiefer Alt-, fast BaBstimme berausgebracbt.
Sie leidet an Scbwindel, Herzklopfen, baufigem Farbenwecbsel,
unrubigem Scblaf, stebt nacbts oft auf, abmt wabrend des Scblafs
baufig die Bewegungen des Mannes beim Coitus nacb.
Gemiitsleben mebr mannlicb, fiir Freude und Scbmerz wenig emp-
fSnglicb, Familiensinn gering, batte sehnlicbsten Wunscb von Kindem
frei zu bleiben. Als im Anfang der Ebe die Periode ausblieb, gab sie
sicb groBte Mube durch fortwabrendes Reiten, Radfabren und Berg-
steigen dieselbe „wiederzubekommen", was aucb gelang. Sebr beftig,
erregbar, ebrgeizig, Dbertreibung der Personalitat ; — berrscbsuchtig,
ausgesprochener Hang zum Wohlleben, sebr starker Trieb zum Vaga-
bundieren. Elise blieb nie nacbmittags zu Hause, sondern bumm^te
zwiscben 3 und 8 Ubr durcb die StraBen Berlins. Nacb hauslicben
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Szenen bestie^ sie sofort das Had, um tagelang nioht nach Hause zu
kommen. Geistige Bildimg im allgeineinen oberflachlich, sie studiert
am liebsten Prozesse, verfaBt selbst Klstgen, mit Begierde las sie Dar-
wins Werke, sie ist sehr veranlagt fiir Mathematik ; kiinstlerische,
literarische Neigungen sind kaum vorhanden. Vorliebe fiir Pferde,
Sport, SchieBen, sie interessiert sich fiir den Techniker- und Seemanns-
beraf, bevorzugt enganliegende Kleidung, die Schrift wiirde man fiir
die eines Mannes halten.
Stets entschiedene Neigung zu Personen desselben Geschlechts,
Liebestraume bezogen sich ausschliefilich auf weibliche Personen. In
den Museen und Galerien suchte sie besonders nach „nackten
Gottinnen". Vor dem normalen Coitus starker Widerwille, sie fiihlte
sich durchaus unbefriedigt, erklarte schon in den Flitterwochen, sie
konne nicht begreifen, „was man dabei finden konne", sie verlangte
von ihrem Manne, daB er nicht incubus, sondern succubus, sie selbst
aktiv sei. Der geschlechtslose Umgang mit Damen war sehr geniert,
sie verkehrte ungern mit Frauen der bssseren Gesellschaft. Bel einer
groBeren Radpartie nach F. nahmen Damen teil, die zuriick pinen
vVagen benutzten, sie weigerte sich dem Manne gegeniiber energisch,
mit einzusteigen, „weil sie sich geniere" und fuhr zu seinem VerdruB
den ganzen Weg mit dem Hade als einzige Dame unter 12 Herren.
Der sexuelle Verkehr wurde bereits im Elternhaus am liebsten mit
Dienstmadchen gepflogen. In der Ehe daUerte die Homo-
sexualitat unverandert fort. Sie nahm besonders kleine,
zarte Dienstmadchen, die sie bald vollig beherrschte. Der Mann,
welcher bis zur Ehe iiberhaupt nichts vom Wesen der kontraren Sexu-
alitat kannte, wurde erst aufmerks^m, als er wiederholt bei unver-
hofftem Eintreten in seine Wohnung die Frau mit dem Dienstmadchen
umschlungen oder letztere zu FiiBen der Frau fand. Die Frau hielt
sich mit Vorliebe im Zimmer des Dienstmadchens auf. SchlieBlich
setzte sie es durch, daB der Mann das ^emeinsame Schlafzimmer mit
seiner Frau aufgab. Sie nahm dann bald da^s Dienstmadchen in das
Schlafzimmer und verweigerte dem Manne jeglichen Eintritt. Die noch
schwebende Ehescheidung ist erschwert, da das neue biirgerliche Ge-
setzbuch gegenseitige Abneigung und Einwilligung nicht mehr als
Scheidungsgrund anerkennt und der Richter kurz und biindig auf mein
Gutachten erklarte: „Ehebruch einer Frau mit einer Frau gibt es
nicht.*'
Unter unsern Fallen finden wir nicht ein einziges Mai
durcli die Ehe Heilung der Homosexualitat, niir selten Besse-
rung, fast stets bleibt der Trieb sich gleich. Ein Weinhandler,
der isich spSter scheiden lieli, berichtet, dali bereits auf der
Hcchzeitsreise nach Italien die junge Frau sein Interesse fiir
Manner entdeckte; in einem exorbitanten Fall erfuhren wir,
dalJ ein Wirt die erste Nacht. nach der Hochzeit statt mit der
Frau mit seinem im Hause aufgenommenen friiheren Geliebten
verbrachte. Die Ansicht Molls^^)^ ^^0 die Ehe zum Schwinden
der Perversion beitragen kann, halte ich fiir falsch. Wir grei-
fen noch einige konkrete Beispiele heraus.
In dem Brief e einer Urninde, den Guttzeit^*) veroffentlichte,
heiBfc es: „Mein Gatte ist ein Ehrenmann, ich schatze ihn um seiner
12) A. Moll: „Perverse Sexualempfindung, psychische Impotenz
und Ehe" in „Krankheiten und Ehe", Bd. Ill, p. 677.
18) H. Rohleder, loc. cit. p. 405.
1*) Guttzeit, Naturrecht oder Verbrechen, p. 47/48.
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vorziiglichen Charaktereigenschaften willen sehr hoch — aber lieben,
nein, lieben kann ich ihn nicht. Er hatte wahrlich ein besseres
Los vcrdient, denn er liebt mich wirklich. Nun denn, ich lieB ihn
wenigstens niemals merken, welche fiirchterliche Qualen mir seine Lieb-
kosungen verursachten, wie namenlos eland ich mich fiihlte, wenn
ich ihn am Gipfel seiner Wiinsche sah. Einmal schiitzte ich Migrane,
ein andermal heftige Zahnschmerzen vor, um mich seiner gliihenden
Zartlichkeit entziehen zu konnen. Ach, wie gerne hatte ich mir taglich
einen gesunden Zahn reiBen lassen und, wie Berenike, meine Locken
geopfert, um mich loszukaufeni .... Nun, der Mensch gewohnt sich
schiieBlich auch an Daumenschrauben .... Von einem wahrhaft
schrecklichen Zome, der beinahe an Tobsucht grenzte, wurde ich er-
faBfc, als sich die ersten Zeichen von Schwangerschaft einstellten.
Mir da si . . . . Ich turnte und focht fleiBig, nahm eiskalte Bader
und ignorierte absichtlich meinen skandalosen Zustand. Ich haBte
das Ungeborene wahrhaftig und schniirte mich, um es zu qualen, so
stark, Sa^B mir toteniibel wurde. Endlich geschah eine Fehlgeburt."
Ein verheirateter Urning von hoher geistiger Bildung sendet
mir folgende beachtenswerte Zeilen: „So siedend heiB das Blut bei dem
Anblick eines wahrhaft Geliebten stromt, so trage rinnt es in einem
erzwungenen Bunde. Wehe dem Armen, dem die tausend abstoBenden
intima eines gemeinsaiaen Schlafraumes, bei denen der Geruch nicht
die kleinste Kolle spielt, die Augen offnen iiber vorher nicht ge-
ahnte Einfliisse. Kleine eheliche Verstimmungen werden am besten
liberwunden, wenn die Macht der allgemeinen Liebe in stiller Stunde
ihre Triebkraft entfaltet und Koseworte ungesucht auf die Lippen
treten. Erwarte diese Wirkung nicht bei einerPflicht-
erfiillung, zu der du dich anstandiger- oder mitlei-
digerweise wieder einmal nach dem Kalender ent-
schlieBen muBtest, selten zu Beginn der Nachtruhe, sondernr
meist erst, wenn du in einem Liebestraum nach deiner Art in der
notigen Verfassung aufwachst. Sage niemand, das seien frivole Ent-
hiillungen, nein, es sind zu ernster Warnung aufgedeckte drakonische
Naturgesetze, die oft das Gliick eines armen betrogenen Weibes zer-
malmen, ganz abgesehen von dem schon durch ein Leben der Qualen
miirbe gemachten Mann. Wohl fehlt einer ehrbaren Frau der Ver-
gleich. aber ein voiles Gliicksgefiihl kann ihr solche Vereinigung
nicht bringen, und je feinfiihliger sie ist, desto mehr wird sie eine
ihr, wenn auch noch so heroisch verborgene Lebensuntiefe des ge-
liebten Mannes ahnen und — leiden. Warnen, auf das Instandigste
warnen lasse sich jeder Homosexuelle, eine Ehe einzugehen. Es ist
die lahmendste Unwahrheit und Unwurdigkeit, und da in den meisten
Fallen aus hundert Riicksichten keine Befreiung moglich ist, im
Innersten ein tagliches Fegefeuer." Ein Homosexueller, der, um einer
ihm drohenden Bestrafung zu entgehen, in das Ausland geflohen war,
wo er eine reiche Frau heiratete, die sich in ihn verliebt hatte —
er hatte ihr nichts verschwiegen — sagte: „Fiinf Jahre Gefangnis
batten nicht so schlimm sein konnen als ein Jahr Ehe."
Ist, wie wir sehen, die Hoffnung, daU die Homosexualitat
in der Ehe und durch die Ehe schwindet, fast stets eine trii-
gerische, so ist bei einem weiteren Grunde, welcher viele Ur-
ningc zur Heirat veranlalit, bei dem Verlangen nach eigehem
Hausstand die Enttausehung keine so allgemeine. Wie den
meisten Menschen, so ist auch dem urnischen eine tief innere
Sehnsucht eingepflanzt, mit einer geliebten Person zusammen>
zuleben, mit welcher er Freuden und Leiden, Gedanken und
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Empfindungen teilen kann. Namentlich wenn die Betreffenden
alter werden, feste Lebensstellungen errungen haben, in Amt
und Wurden sind^ macht sich haufig das Geftihl der Verein-
samung geltend, um so mehr, wenn sie die gleichaltrigen Freunde
und Genossen einen nach dem anderen ihr Weib heimftihren
sehen. Es kommt hinzu, dafl viele Urninge einen ausgesproche-
nen Familiensinn besitzen, voiles Verstandnis ftir das stille, fried-
lichc Gluck des eignen Herdes. „Es gibt Urninge, die niehts
sehnlicher wiinschen, als Familiengltick", sagt der selbst iirnisch
empfindende Arzt van Erkelenz^^). Deshalb glauben Un-
kundige von ihnen auch vielfach, daU sie ganz besonders
gnte EhemSnner abgeben wlirden. Ein kontrarsexueller Herr
schreibt uns: „Der Anbliok glucklich wandelnder Paare, ja,
das Betrachten eines Bildes, anf welchem brautliches oder Fa-
miliengliick dargestellt ist, konnte mich oft unter ausbrechen-
den Tranen in die Einsamkeit jagen.** Bei der Uminde ist
dieser hausliche Sinn bei weitem nicht so stark entwickelt, vor
allem ist der elterliche Instinkt bei *xhr gewohnlich' nur in ge-
ringem Grade vorhanden; sie macht sich niehts aus Kindern,
doch wird bei ihr der Trieb nach eignem Heim vielfach durch
den Wunsch ersetzt, versorgt zu sein. Ein Umstand wirkt bei
beiden glinstig, das Verstandnis, welches der homosexuelle Teil
oft flir dio Interessen des. anderen durch seine Veranlagung be-
sitzt, der Urning ftir (die Toiletten, die Ktiche der Frau, die
Urninde ftir den Beruf des Mannes^ seinen Sport, seine Politik.
Dieso Interessengemeinschaft ist oft stark genug, ein ortrag-.
liches Zusammenleben herbeizuftihren, vorausgesetzt, daU der
normale Teil nicht besonders einnlich veranlagt ist; es bildet
sich ein freundschaftliches Verhaltnis heraus, wie zwisdhen Ka-
meraden, zwischen Bruder und Schwester, ein leidenschaftsloses
Gliick, oft erhellt durch den Glanz, den Kinderaugen liber ein
Haus auszubreiten vermogen.
Das Verlangen nach Kindern ist beim Urning etwas groBer
und haufiger als bei der Urninde. Es entspringt weniger einem in-
stinktiven Fortpflanzungstriebe als anderen Griinden, so oft einem
padagogischen Hange, der namentlich vielen virilen Urningen eigen
ist. Nocb mehr fallt der Wunsch, Nachkommen zu besitzen, beim
Eingehen einer Ehe fiir den Urning ins Gewicht, wenn er der Geburts-
oder Geldaristokratie oder gar einem regierenden Hause angehort, so
dafi die ganze Familie auf den Erben narrt, der die Dynastie, das
Geschlecht, die bedeutende Firma fortsetzen soil. Nur wenige besitzen
den Mut, in letzter Stunde zuriickzutreten, wie der kontrarsexuelle
Ludwig 11. von Bayern gegeniiber der von ihm aufrichtig verehrten
Braut Herzogin Sophie in Bayern, der spateren Alengon. Nicht selten
1*) V. E r k e I e n z ; Strafgesetz u. widernaturljchc Unzucht, Ber-
lin, p. n.
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eind dagegen bei diesen konventiouellen Ehen die Falle von „ratsel-
haftem" Selbstmord am Tage vor oder.nach der Hochzeit. Viele Homo-
sexuelle glaubten aus Reprasentationsgrunden heiraten zu miissen,
weil sic fur ihre gesellschaftliche Stellung, oder fiir ihr Geschaft eine
Frau „brauchteii".
In nocli hoherem MaBe sind praktische Gesichtspunkte bei den-
jenigen Umingen maBgebena, — und es gibt deren mehr als genng — ,
welcbc um der Mitgift willen heiraten. Wiederholt haben uns Homo-
sexuelle mitgeteilt, sie wiirden keine Ehe eingegangen sein, wenn
sie nicht gezwungen gewesen waren, standesgemaB aufzutreten oder
ihre Schulden zu decken, „sich zu arrangieren*', wie der terminus tech-
nicus lautet. In ahnlicher Weise lassen sich auch Urninden durch
Bang und Titel des Bewerbers bestimmen, der Stimme ihres Herzens
entgegen zu handeln. GewiB ist es oft schwer, standhaft zu bleiben,
wenn die Vermittler mit den „glanzenden Vorschlagen" kommen, allein,
sind diese materiellen Griinde bei den Heterosexuellen schon nicht zu
billigen, so stellen sie bei den homosexuell Empfindenden ein groBes
Unrecht dar. Kiirzlich wurde mir eine Urninde zur Behandlung ge-
bracht, deren Mutter erklart hatte, sich ein Leid antun zu wollen,
wenn ihre Tochter nicht von ihrer abnormen Frauenfreundschaft und
Mannerfeindschaft ablassen wiirde.
Einige Urninge geben als Grund an, sie hatten geheiratet, um
nicht fiir homosexuell gehalten zu werden, ein sonderbarer Grund,
aber verstandlich, wenn man die Auffassung bedenkt, welche die offent-
liche Meinung noch heute vielfach dem urnischen Phanomen gegen-
iiber einnimmt. Namentlich in kleinen Stadten kommen altere J u n g -
gesellen, welche viel mit jungen Leuten verkehren und etwas
„Mamselliges" an sich haben, leicht in den Verdacht, „Paderasten"
zu sein.
Unter 1000 von mir nacheinander beobachteten Urningen
waren 854 = 84o/o unverheiratet,. 146^^ I60/0 verheiratet. Von
diesen gab etwa die Halfte an, sie hatten sich aus sozialen
Griinden, Geschaftsrucksichten, dem Wunsch, ein bequemes Heim
zu haben oder auf Bitten der Eltern verelielicht, ein Viertel be-
zeichnet als Ursache ,,Hoffnung auf Heilung der homosexuellen
Veranlagung'*, die iibrigen „Mangel an Aufklarung" oder
„kameradsehaftliche Zuneigung".
AUe Griinde, welche die Homosexuellen zur Heirat ver-
anlassen, entsprechen dem Zweck der Ehe nur insofern, als
diesc eino tvirtschaftliche Verbindung darstellt etwa im Sinne
des AUgemeinen preuBischen Landrechts, welches den Satz ent-
hielt : „auch zur wechselseitigen Unterstiitzung allein kann eine
Ehe geschlossen werden" ; sie entsprechen aber nicht dem
natiirlichen Grunde, auf welchen diese wirtschaftliche Ver-
einigung sich sttitzen muli. Mit vollstem Recht sagt Paul
Mongre in seinem Buche „Aus der Landschaft Zarathustras" :
„reine Konvenienzheirat ist Stinde gegen die Natur, ist wider-
natlirlich. Wie sich die Elemente im Alltagszustande nicht ver-
binden, sondern nur unter erhohtem Druck, erhohter Tempe-
ratur, so bedarf auch die eheliche Verbindung einer gewissen
Erotik".
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Die urnische Louise Michel schreibt: „Ceux qui m'avaient de-
mand^e en mariage m'auraient 6t6 aus'si chers comme fr^res que je
les trouvais impossibles comme maris ; dire pourquoi, je n'en sais
vraiment rien. . . . j'ai tou jours regard^ comme une prostitution toute
union sans amour." Ein anderes Mai ruft sie aus: „Je n'ai pas voulu
§tre le polage de Thomme."
Fiir die Homosexuellen gelten in ganz besonderem MaBe die Worte,
welche Mantegazza in der Physiologie der Liebe im Kapitel iiber
„die eheliche Pflicht" im allgemeinen ausspricht: „Es gibt wohl
keine groCere Tortur als die, welche ein menschliches Wesen zwingt,
sich die Liebkosungen einer ungeliebten Person gefallen zu lassen."
Was dem einen zur Lust ist, ist dem andeten zur Last. Welche pein-
lichen, oft verzweifelten Situationen entstehen, wenn der uruische Teil
nichfc die geringste Neigung zum Geschlechtsverkehr hat, wahrend
der andere sich danach sehnt, bedarf nicht naherer Ausfiihrung.
Wohl laBt auch in den Ehen Normalsexueller die gegenseitige An-
ziehung oft viel zu wiinschen ubrig, aber nie ist doch der seelische
und geschlechtliche Unterschied zwischen den Ehegatten in diesen
ein so groBer wie in Urnings-Ehen.
Aus einem unbastimmten SchuIdbewuBtsein heraus gibt sich
der urnische Teil vielfach Mtihe, dem anderen Liebe und Zu-
neigung zu bekunden, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist,
aber instinktiv fiihlt doch der eine, wenn ihm auch die anor-
malen Neigungen des anderen unbekannt sind, dieses heraus
und klagt liber Nichtverstandensein, Vernachlassigung und
Kalte. Es fehlt eben die wechselseitige Durchdringung der
zwei, welche nach Kant erst das ganze Menschenwesen bilden.
Namentlich das normale Weib mag in der Liebe nichts Halbes,
wer sie nicht stark und machtig umfangt, wird von ihr nicht
geachtet. Aus der Gleiphgiiltigkeit entsteht die Langeweile, aus
Langeweile innere Entfremdung, wenn nicht gar Hali.
Der Homosexuelle bringt aber noch die Gefahr eines die Ehefrau
in Mitleidenschaft ziehenden Skandals mit in die Ehe. Der Hoch-
zeitstag bietet der homosexuellen Leidenschaft und ihrer Betatigung
fast niemals Halt. Legt der Urning sich Schranken auf, so tragt er
stets ein unbefriedigtes Gefiihl mit sich herum, folgt er seinem Triebe,
so kann er nicht nur sich und seine Angehorigen, sondem auch seine
Frau und deren Familie in groCte soziale Unannehmlichkeiten stiirzen.
Aus diesem qualvollen Konflikt entspringen oft die traurigsten Fol-
gen. Friiher oder spater erreichen in den meisten Ehen Geriichte
vom homosexuellen Verkehr des Mannes die Ohren des Weibes. Oft
sind €S Chanteure, die unter Hindeutung auf den § 176 RStrGB.
die Frau angstigen.
In einer Novelle ^^) des Decamerone erzahlt Boccaccio; „Pietro
Vinci ola, der „die Frauen so gern hat als Hunde die Priigel", iiber-
rascht seine Frau, die, um sich fiir die Vernachlassigungen, die sie
von ihrem Manne erleidet, schadlos zu halten, einen jungen JBurschen
eingeladen hat. Er verzeiht seiner Frau, begliickt, den Burschen,
auf den er schon langst ein Auge geworfen hat, bei sich behalten
zu konnen. Die Frau entschuldigt ihren Ehebruch f olgendermaCen :
„rch handle bloB gegen die Gesetze, mein Mann handelt gegen die
^^) Nummer 10 des fiinften Tages.
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G^setze und gegen die Natur." „Wenn er wuBte, dafl ich ein Weib
war, warum nahm er mich zur Frau, wenn die Weiber ihm zuwider
waren." Heterosexuelle Manner, die homosexuelle
Frauen heiraten, sind nioht weniger iibel daran. Im
Dezember 1905 schoB in Berlin der Artist B. auf die homosexuelle Frau
Sch. und verletzte sie schwer. Wegen ihrer Neigungen b^reits von
zwei Mannern geschieden, wohnte diese seit zwei Jahren bei dem
Artistenpaar. Ein inniges Freundschafts verbal tnis hatte sicb zwiscben
ibr und Frau B. entwickelt und alle Bemiihungen des Gatten, der
Freundin seiner Frau die Tiire zu weisen, waren an dem Widerstand
der Gattin gescbeitert. Als eines Tages Frau Scb. die B. zu bewegen
wuBte, eine Gesellscbaft vorzeitig zu verlassen und sicb mit ibr nacb
der Wohnung zu begeben, bescbloB B., ein Ende zu macben, er stiirmte
nacb seiner Bebausung, und driickte aus unmittelbarer Nabe den
Revolver auf die Zerstorerin seines Ebegliickes ab. Abnlicbe, wenn
aucb nicbfc so blutige Eifersucbtstragodien hatte icb wiederbolt kennen
zu lerneu Geleg^nbeit.
Ein sehr wichtiger Faktor f iir eheliches Gltick sind Kinder,
deren Pflege, Erziehung und Versorgung fortgesetzte Ablenkung
und Beschaftigung bringen. Besitzen Urninge die potentia
coeundi, so pflegt auch die potentia generandi vorhanden zu
sein. In Ehen mit urnischen Frauen beobachteten wir haufiger
Kinderlosigkeit, als in Ehen homosexueller Manner mit nor-
malen Frauen. Fehlen Kinder, so fehlt das starkste Bindeglied
zwiscben den Ehegatten. Die normal empfindende kinderlose
Frau ist zudem in ihrem unerftillten Sehnen den Andeutungen
gefalliger Zutrager leichter zuganglich, sie griibelt mehr, und
bei ibr ist die Wahrscheinlichkeit groBer, dalJ sie von dritter
Seite iiber die wahre Natur ihres Mannes aufgeklart sicb in
Zorn von ihm wendet.
Und doch ist es schwer zu entscheiden, ob in Urnings-
ehen der Besitz oder der Mangel von Nachkommen das
wiinschenswertere ist. Ganz abgesehen davon, daU auch die Sohne
und Tochter von dem Skandal betroffen werden konnen, mit
welchem der homosexuelle Vater stets zu rechnen hat, sind
bier die Gesetze der Vererbung sehr zu beriicksichtigen.
Denn nicht gering ist die Wahrscheinlichkeit, daU von CTrningen
und Urninden Kinder und Enkel stammen, welche ein ahn-
liches Schicksal mit auf die Welt bringen, als ihre Vorfahren
tragen muBten. Und sind die Nachkommen auch niicht selbst
homosexuell, so sind sie doch stets hereditar belastet.
Ein Urning scbreibt mir: „Bei meinem Sohne bemerkte icb einmal,
daB er nur den Vater kiissen woUte, aber nie Frauen. Icb erscbrak
und macbte mir die bittersten Vorwiirfe, daB icb Kinder zeugte. Lieber
will icb mein Kind tot wissen, als den Qualen ausgesetzt, wie icb sie
erdulden muBte und vielleicbt noch weiter erleiden werde. Meine Ebe
war mein Verderben. Hatte icb den Naturtrieb gekannt, so wie heute,
nie hatte icb eine Ebe gescblossen. Icb bin dadurch ein vor der Zeit
alter Mann geworden, doch obne Scbuld."
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Soviel steht fest: wiirde die normale Ehehftlfte vorher liber
die HomosexualitUt der anderen aufgeklart sein, wSren ihr die
wahrscheinlichen oder auch nur moglichen Folgen dieser Ver-
anlagung b^kannt, sie wiirde wohl in den meisten Fallen ver-
zichtet haben. Der urnische Teil gibt dem anderen nicht, was
er erwartet und worauf er Anspruch hat. Es ist nicht zuviel
gesagt, wenn wir behaupten, der liber sich selbst unterrichtete
Uming, der, ohne sich als solcher zu erlcennen zu geben, zur
ehelichen Lebensgemednschaft schreitet, macht sich des Be-
triiges schuldig. In verstarktem MaBe gilt das gegenwartig,
wo nach dem neuen Blirgerlichen Gesetzbuche die Ehescheidung
auf Grund uniiberwindlicher Abneigung nicht mehr zulassig ist.
BloBe Andeutungen, man mache sich nichts aus dem sexuellen
Verkehr, man betrachte die Ehe nur als ^egenseitige Untecr-
stlitzung, genligen nicht, sie werden meist nicht verstanden.
Uns sind mehrere Falle bekannt, in denen sich spater die
Manner darauf beriefen, sie hatten ja den Frauen vorfxor
Hinweise gegeben, wahrend in Wirklichkeit die Frauen keine
Ahnung des twahren Sachverhalts hatten.
Immerhin wird es Frauen geben, die sich entschlieBen,
auch einem nidht normal empfindenden Manne die Hand zum
Lebensbunde zu reichen, vor allem solche, bei denen geschlecht-
liche Wiinsche nicht oder nur in sehr geringem Grade hervor-
treten. Doch kommen hier sehr starke Selbsttauschungen vor.
Mir ist mehr als ein Fall bekannt, in dem das Madchen ihre
Zuneigung vor der Hochzeit fur eine rein kameradschaftliche
hielt, um nur zu bald unter furohtbaren Eifersuchtsqualen gewahr
zu werden, wie sehr sie sich liber den Charakter ihrer Sehn-
sucht geirrt habe.
Besonders ist mir die Gattin eines polnischen Gutsbesitzers in
der Erinnerung, eine sehr sympathische, edle Frau, die nach Berlin
gekommen war, fest entschlossen, sich zur Beseitigung ihres Ge-
schlechtstriebes kastrieren zu lassen. Sie hatte einen Mann kennen
gelernt, dem sie bei naherer Bekanntschaft mitteilte, daB sie ohne
geschlechtliche Empfindungen sei, jede korperliche Annaherung einer
mannlichen Person sei ihr im hochsten Grade zuwider. Der Mann
hatte ihr darauf seine homosexuelle Veranlagung gestanden und beide
waren aus praktischen Griinden iibereingekominen, eine kameradscliaft-
liche Ehe einzugehen.
Nach etwa halbjahrigem Zusammensein verliebte sich die Frau
sehr wider Willen aber doch in ihren Mann, sie war auCerordentlich
eifersiichtig auf seine Freunde, fiihlte sich sehr deprimiert und tief
ungliicklich, und da sie die Versuche ihres Mannes, nun mifc ihr doch
zu verkehren, als fiir sie entwiirdigend empfand, sah sie den einzigen
Ausweg in der Kastration, in der Meinung, im Verbal tnis mit ihrem
Gatteu so die sexuellen Regungen und Aufregungen ausschalten zu
konnen. Als ich ihr diesen Glauben nahm, war sie erst sehr verzweifelt
und nur mit groBer Miihe gelang es mir, durch eine lang fortgesetzte
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psychische Kur sie so weit zu bring'en, daB sie zu ihrem Manne 211-
ruckkehrte, mit dem sie seitdem leidlich zufrieden zusammen lebt.
Vielfach ist auch namentlich in den letzten Jahren, seit
sich das Wissen liber mannliche und weibliche Homosexuali-
tat mehr und mehr verbreitet hat, unter den Beteiligten die
Meinung aufgetreten, daS es aus verschiedenen Griinden das
praktisch Vorteilhafteste sei, wenn Uranier Uranierinnen
heiraten. Schon um den vielen, oft so taktlosen Fragen der
Angehorigen und Bekannten, warum man denn eigentlich nicht
heirate, aus dem Wege zu gehen, sind wiederholt homosexuelle
Manner und Frauen iibereingekommen, solche Vereinigungen zu
3chlieBen, in denen ja, wie man sich das vorher so schon
ausmalte und ausmachte, jeder mdglichst ungestort seiner eigenen
Geschmacksrichtung wtirde folgen konnen. In einem Falle, den
idi kenne, ging eine Uranierin eine solche Ehe ein, um ^in
Familiengut in ihren Besitz zu bringen, auf das sie bei Ver-
ehlichung Anspruch hatte. Im ganzen sind mir 14 Ehen
zwischen Homosexuellen beiderlei Geschlechts bekannt geworden.
Fast stets zeigte sich, daB die theoretischen Voraussetzungen
in der Praxis nicht standhielten. Unter den 14 Ehepaaren ge-
langten 3 alsbald wieder zur Scheidung, 4 leben getrennt,
und audi die librigen bereuen mit Ausnahme von 2 Paar^n
den Schritt, der ihnen vorher so zweckmafiig erschien.
Verh§ltnismttBig noch die gunstigste Eheprognose etellen
bisexuelle Mftnner und Frauen, wobei es ailerdings nicht sowohl
auf eine nach beiden Seiten mogliche Potenz als vielmehr auf
eine nach beiden Eichtungen vorhandene libido ankommt.
DaB Pseudohomosexuelle, also normalsexuelle Manner und
Frauen, die gelegentlich gleichgeschlechtlich verkehrten, heiraten
durfen, ist klar, da praktisch der nicht entsprechende Verkehr
lediglich die Bedeutung einer vor der Ehe vorgekommeneli
Masturbation hat und so wenig wie diese einer EheschlieBung
entgegensteht.
Pur den echten Homosexuellen aber ist in den weitaus
meisten Fallen, wie Fere^*^) sich einmal ausdriickt, „die Ehe
eine Holle". Das Gleiche gilt auch fiir die homosexuelle Frau.
Schon Mantegazz a^®) wies darauf hin, daB so manche Ehe,
die ungliicklich sei, ohne daB man wisse, warum, es infolge
der Horaosexualitat der Frau geworden sei.
1') Charles F6re: La castration centre rinversion sexuelle.
Revue de chirurgie 1905.
i«) Zit. bei A. Moll: Die kontrare Sexualempfindung 1899, ohne
Quelienangabe. p. 563.
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Es ist nach allem schwer zu verstehen, daU ein Mann wie
Schrenck-Notzing so energisch den Homosexuellen die Ehe-
achlieBung empf iehlt, und wir miissen vollkommen Rohleder bei-
pflichten, wenn er dfemgegeniiber bemerkt ^») :
„IcL halte diesen Rat nach alle dem Vorausgegangenen fiir ganz
und gar verfehlt und kann alle KoUegen nicht dringend ^enug da-
vor warneni Die Folgen eines derartigen Rates sind uniibersehbar
und fallen sehr schwer auf den betreffenden Arzt zuriick." Noch
viel scharfer driickt sich For el aus, der in seinem Werke: ,,Die
sexuelle Frage", S. 251, von der Ehe der Urninge sagt: „Das ist der
ETartigste Unsinn und zugleich die s c h 1 i m m s t e Tat, die sie
(hen konnen, denn ihre Frauen fiihren ein Marterleben, indem sie
sehr bald betrogen, verachtet und verlassen fiihlen. . . . Seiche
Ehen endigen mit tiefster Zerriittung oder Ehescheidung, und sie
wissentlich zu fordern, ist geradezu verbrecherisch.
Dagegen, und nicht durch Bestrafung urningischer Liebesverhaltnisse
zwiscnen erwachsenen Mannern sollte das Gesetz Vorkehrungen tref-
fen.**, und Seite 431 : „Fniher, als man die Homosexualitat der Urninge
ftir ein erworbenes Laster hielt, suchte man sie mit Heirat zu kurieren.
Heute noch kommt diese soziale Ungeheueriichkeit vor und wird
selbst noch von unwissenden Arzten empfohlen. — Ihre Frau spielt
dann die RoUe einer B^ushalterin oder Hauptmagd, die als Neben-
beschaf tigung geleeentlich ein paar Kinder aui die Welt setzt. N i e -
mals dart sich ein eventuell zugezogener Arzt zum
Mitschuldigen an einer solchen Ehe machen. Forel
meint sogar, dafi der Arzt die Pfllcht habe, „dem Urning mit Anzeige
an seine Braut zu drohen, falls er die Missetat wirklich voUbringen
will," — ein Rat, den allerdings schwerlich ein Arzt befolgen wird,
da es eine Verletzung seines Berufsgeheimnisses bedeuten wiirde.
Selbst V. Notthafft^o) erklart es fiir „ganz unzulassig, einen
timing, um ihn zu kurieren, einfach einer begehrenden jungen Frau
an deu Hals zu hangen. Das ist ein groBes Unrecht sowonl gegen
den kranken Mann, als gegen die gesunde Frau." Und Otto d e
J o u X 21) bemerkt :
„Auf alle Falle bleibt die Urningsehe eine Ungeheueriichkeit, ein
ebenso gefahrliches als verderbliches Hazardspiel, ja, sie ist oft ein
Verbrechen."
GewiU liegt in dem Verzicht auf eheliches Gltick eine der
grdiJten Entsagungen, welche einem Menschen auferlegt werden
kann, aber zur Unf ruchtbarkeit ist man damit nicht verurteilt.
Unter den GrolJten aller Zeiten gab es seiche, die nictt Menschen
der Ehe waren und sich vielleicht gerade darum leichter frei
von vielen Rucksichten und Lasten zu dem, was sie waren, ent-
wickelten. Kann der Homosexuelle auch nicht leibliche, so
kann er doch auf alien Gebieten menschlichen Fortschritte
geistigc Prtichte hinterlassen ; viele taten es, und jedes strebe
danach, im Kleinen oder GroBen jeglicher nach seiner Kraft
Hnd einen Vorzug hat der unverheiratete Urning vor den ver-
heirateten, dafi er wenigstens abends in seinen vier Wanden
w) H. Rohleder, loc. cit. p. 410.
«o) Cf. KoiJmann und WeiJ3, „Mann und Weib" 1908, II. Bd.
p; 539.
*i) O. de Joux, Die Hellenische Liebe p. 95.
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die Maske der Heuchelei ablegen kann, welche der Tag ihm
aufzwingt, er hat nicht zu fiirchten, daii die Seufzer, die eich
seiner Brust entringen, jemanden verletzen.
Was hier von der Ehe Homosexueller gesagt ist, gilt im
wesentlichen auch vom auBerehelichen Geschlechtsverkehr, tiber
den Schrenck-Notzing auBert : „ein geregelter Geschlechts-
verkehr mit dem Weibe erscheint uns auch da zweckmaBig,
wo die Triebrichtung und die Effeminatio oder sonstige Perver-
sionen noch in voUem Umfange bestehen". Urn den Abscheu zu
iiberwinden, rfit er den Alkohol zu Hilfe zu nehmen.
Eine tausendfaltige Erfahrung beweist, daB von einer ge-
wohnheitsmafligen Anzlichtung heterosexuellen Verkehrs bei
homosexuellen Personen keine Rede sein kann. Hat doch der
groflere Teil der Homosexuellen, ohne den Arzt zu fragen, solche
Versuche mit negativem Erfolge unternommen.
Mo 11^2) trifft hier das Richtige, wenn er in bezug auf
diese den Homosexuellen empfohlene „Bordelltherapie'* sagt:
„In Wirklichkeit ist ein solcher Rat ungefahr dasselbe, wie wenn
man einem normal ftihlenden Manne sagen wtirde, er solle den
Geschlechtsakt mit dem Manne ausftihren und nicht mit dem
Weibe/'
Cbrigens ist es durchaus kein vereinzeltes Vorkommnis,
daB Homosexuelle in Befolgung des ihnen von Arzten ge-
gebenen Rates schwere venerische Krankheiten akquirierten.
Sie infizieren sich bei ihren Kohabitationsversuchen offenbar
um so eher, well ihnen dem Weibe gegenliber die erforderliche
Erfahrung und Aufmerksamkeit mangelt. Welcher gewissenhafte
Arzt mochte wohl die Verantwortung iibernehmen, durch ein
Heilmittel, das in Wirklichkeit keines ist, einem Patienten
die Syphilis indirekt verursacht zu haben. Vor einigen Jahren
fragte einmal ein dsterreichischer Homosexueller, dem dieses
Ungltick passiert war, bei mir an, ob er den Arzt daflir haft-
pflichtig machen dlirfe^"*). Noch bedenklicher ist naturlich die
Verordnung heterosexuellen Verkehrs einem homosexuellen Weibe
gegenuber. Hier gesellt sich zu alien tibrigen Bedenken noch
die Moglichkeit unehelicher Schwangerung.
**^ A. Moll: Die kontrare Sexualempfindung, 1899, p. 463.
^^) Vgl. Amtsgerichtsrat Dr. Eugen Wilhelm, „Die rechtliche
Beurteilung des arztlichen Rates zum illegitimen Geschlechtsverkehr".
In „JSexuaT-Pi'obleine", Septemberheft 1912.
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ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Uber medikament&se, hygienische, operative und psychische
Behandlung der mannlichen und weiblichen Homosxualitftt.
Da Homosexuelle, welche Arzte konsultieren, vielfach die
uegatiye Seite ihres Zustandes, die Impotenz dem Weibe gegen-
tiber, mehr betonen als die positive Hinneigung zum Manne,
manchmal sogar diese ganz verschweigen und sich einfach als
psychisch Impotente ausgeben, kommt es nicht selten vor, daB
ihnen potenzsteigernde Medikamente verordnet werden. Die
Hoffnung, durch sogenannte Aphrodisiaka eine auf das andere
Geschlecht gerichtete Erregbarkeit hervorzurufen, erweist Bich
fast immer als trtigerisch, da die stimulierende Wirkung der
betreffenden Reizmittel sicji meist nur in der von der Natur
gegebenen sexuellen Triebrichtung bewegt und keine Anderung
derselben erzielen kann. SoUte wirklich einmal ein voruber-
gehender, ktinsUich hervorgerufener geschlechtlicher Beizzustand,
eine Art Priapismus, zu der geflihlsfremden BetStigung mit
einer andersgeschlechtlichen Person ftihren, so ruft die danach
zurtickbleibende Leere, das Geftihl nicht erreichter seelischer
Befriedigung und Entspannung gewohnlich ein gesteigertes Be-
diirfnis nach dem der individuellen Triebrichtung entsprechen-
den Geschlechtsverkehr hervor, so dalJ also sowohl auf direktem
als indirektem Wege durch derartige Stimulantien nur eine
Steigerung der originHren homosexuellen Triebrichtung bewirkt,
keineswegs aber ein nicht oder im Verba Itnis zu dem homo-
sexuellen nur minimal vorhandenes heterosexuelles Geschlechts-
empfinden geweckt wird.
Es ist dabei natiirlich im Prinzip gleichgiiltig, ob diese Beiz-
5i anorganischer oder organischer Natur, ob sie tierische oder
flanzliche Produkte sind, ob sie innerlich eingenommen oder auBer-
mittel anorganischer oder organischer Natur, ob sie tierische oder
pflanzliche Produkte sind, ob sie innerlich eingenommen oder auBer-
lich in Form von Linimenten und Salben appliziert werden. In alterer
Zeit bevorzugte man mehr die animalischen Stoffe, wie Moschus und
Eanthariden, in neuerer die dem Pflanzenreich entstammenden Yo-
himbiu und Muriacithin. Eine gewisse Rolle in der Geschichte der
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Homosexualitat spielten derartige Aphrodisiaka dadurch, dafi der un-
gliickliche Schweizer Anwalt Desgouttes, dessen furchtbare Liebes-
tragodie H 6 B 1 i die Anregung zu seinem „Eros" bot, durch den Ge-
nuJj solcher Mittel, namentlich Alkohol, Zimmt und Kantharidin, seine
eigene Potenz steigern und, indem er sie seinem heiBgelieblen, vollig
heterosexuellen Freunde Daniel Hemmler beibrachte, dessen Er-
regung wachrufen wollte. Auch hier reagierte der Heterosexuelle
naturgemaB nicht in der ihm nicht entsprechenden homos ex uellen
Triebrichtung, wahrend Desgouttes' homosexuelle Verliebtheit sich
bis zur Satyriasis steigerte, die, durch die Gleichgiiltigkeit des Ge-
liebteu zur Baserei geschiirt, ihn schlieBlich zum Lustmord trieb.
Eine andere Gruppe von Mitteln, die therapeutisch zur
Anregung des spezifischen sexuellen Empfindens in Betracht
kommen, stiitzt sich auf eine etwas logischere Erwagung. Es
handelt sich urn Praparate aus den Drtisen des soge-
nannten innersekretorischen Systems, die durch Absonderung
bestimmter Stoffe die Korper zu bestimmten organischen Funk-
tionen anregen, unter denen die chemische Speisung spezifischer
Sexualitfitscharaktere eine hervorragende Stellung einnimmt.
Theoretisch erscheint es nun einleuchtend, dafi man dadurch,
dalJ man die normalweiblichen Sexualhormone in Gestalt von
Eierstocksubstanz dem Korper einer homosexuellen Frau zu-
ftihrt, in ihr eine Stoffwechselanderung im Sinne eines normal -
weiblichen Sexualchemismus anregen und damit auch ihre sexu-
ellen Neigungen in diesem Sinne beeinflussen konnte. Ein ana-
loger Erfolg wiirde sich beim homosexuellen Manne durch Dar-
reichung normalgeschlechtlicher Hodensubstanz erzielen lassen.
Es kamen Substanzen in Frage, die etwa den von mir als Andrin
und Gynaein bezeichneten Stoffen entsprechen wiirdeni). Nun
sind aber die innersekretorischen Zusammenhange noch so
dunkel und liegen so kompliziert, wahrend hingegen die indi-
viduellen Eigenttimlichkeiten und Abhangigkeiten so deter-
miniert erscheinen, dafi wir auch den praktischen Erfolgen
dieser Therapie aufierst skeptisch gegenilberstehen. Ganz be-
sonders wiirde dies bei Darreichung solcher Praparate per
s der Fall sein, da ihre Verarbeitung im Verdauungskanal, und
die Frage der Entfaltung ihrer spezifischen Wirksamkeit da-
Relbst durchaus noch nicht geklart ist.
Ein wenig bessere Aussicht fiir eine wirkliche Einschaltung der
sekretorischen Stoffe in den Stoffwechsel bote nach den von S t e i -
n a c h und anderen vorgenommenen Tierversuchen die operative Trans-
plantation der betreffenden Gewebe in den Korper der in Frage kom-
menden Personen, doch diirfte schwerlich durch die Homosexualitat
eine Indikation hierzu gegeben sein.
Selbst die Bluttransfusion wurde, als sie Mode war, Urnin-
gen anempfohlen. Homosexuelle sollten sich das Blut Heterosexu-
^) M. Hirschfeld: Naturgesetze der Liebe, p. 179, 182.
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eller eingieUen lasseu. Als sich Ulrichs*) 1869 in Wiirzburg auf-
hielt, sprach ihm sogar ein dort Medizin studierender Amerikaner, „dem
es mit der wissenschaftlichen. Forschung ernst war", personlich den
Wunsch aus, durch Bluttransfusion, und zwar durch Transfusion des
BJuies von Ulrichs „einmal auf etwa 14 Tage zum Urning um^ewandelt
zu werden, um wahrend soldier Zeit an sich selbst Studien iiber
Uranismus machen zu konnen."
Nicht nur potenzsteigernde, sondern auch p o t e n z -
heiabsetzende Mittel sind bei der Therapie der Homo-
sexualit^t in Betracht gezogen worden, um die fiir den Trager
baufig so bedenklichen und gefahrlichen Folgen einer Betatigung
seiner Veranlagung zu mindern. Man hat dabei vielfach be-
bauptet, dafi bei den Homosexuellen, abgesehen von der ab-
w^ichenden Triebrichtung, auch eine grollere gesehlechtliche
Eeizbarkeit und Bedlirftigkeit vorliege als bei den Normal-
geschlechtlichen. An sich scheint mir das nicht der Fall zu
sein; doch wickelt sich das Sexualleben der Homosexuellen jge-
wohnlich nicht in so geregslten Normen und Bahnen ab, wie das
des heterosexuelien Mannes oder Weibes, so daU dadurch nicht
selten eine etarkere sexuelle Unruhe bedingt wird.
Von den beruhigenden und reizabschwachenden Mitteln kommen
in erster Linie die vielfachen Brompraparate in Betracht, die in-
dessen in ihrer fortgesetzten Anwendune, so wie sie erforderlich
ware, um tatsachlich einen nachhaltig abschwachenden EinfluB auf
die sexuelle Erregbarkeit auszuiiben, so erhebliche Nebenwirkungen
fiir den nervosen Gesamt organism us bedingen wiirden, dafi ihre Ver-
wendung zur Unterdriickung der Homosexualitat als solcher nicht
empfohlen werden kann. Zweckentsprechender wlirde es sein, durch
Steigerung der nervosen Widerstandsfahigkeit und der natiirlichen
Hemmungen eine bessere Beherrschbarkeit sexueller Antriebe zu er-
streben. Von Medikamenten kamen in dieser Hinsicht vor allem
die zahlreichen neueren Baldrianpraparate, wie Validol, Valyl, Valysan,
Bornyval, Adamon usw. in Betracht. Ihre kaum zweifelhafte giinstige
Wirkung in Einzelfallen diirfte sich aber mehr durch allgemeine,
als durch spezifische Wirkungen erklaren lassen.
AUes in allem werden Medikamente bei der Behandlung
der Homosexualitat nur gelegentlich zur Bekampfung sekundarer
Erscheinungen in Frage kommen. Fiir die Beseiticrunef oder
gar fiir eine „Umziichtun^" des Triebes sind die Aphrodisiaka
ebenso belanglos wie die Antiaphrodisiaka.
Ware es moglich, durch ein Mittel den Geschlechtstrieb des
Homosexuellen zum Schweigen zu bringen, so wlirde jedenfalls
die Umziichtung eines Homosexuellen in einen Asexuellen seiner
immer doch nur fragwiirdigen Umwandlung in einen Hetero-
sexuelien vorzuziehen sein. Bemerkenswert sind in dieser Bich-
tung die Worte, mit denen Krafft-Ebing das Kapitel der
2) Ulrichs, Formatrix. p. 16 Argonaut icus p. 83.
Hirschfeld, Homosexualiiat. 27
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Therapie der kontraren Sexualempfindung in seiner Psycho-
pathia sexu8,lis schlieBt^) :
„Oft genug ist tibrigens der Kontrarsexuale schon zufrieden,
wenn er bloiJ sexual neutralisiert werden kann. Hier dient die
Kunst dann dem Individuum und zugleieh der Gesamtheit.**
Unter denen, die sich mit besonderer Scharfe gegen die Um-
wandlung des homosexuellen Triebes in dea heterosexuellen ausge-
sprocben haben, miissen vor allem Raffalovich und Grabowsky
genannt werden.
Marc Andr6 Raffalovich schreibt *) :
„D€r Kontrare, der es mit der Heterosexualitat .versucht, wird
ebenso sittenlos werden, wie der gescblechtlich normale Menach, der
es mit der Homosexualitat probiert." Seine Gegenvorschlage spricht
er wie folgt aus:^) „Hat man einen Kontraren mit ernstem Streben
vor sich, so soUte man doch lieber versuchen, ihn zu beschaftigen, zu
interessieren, ihm Ziele zu zeigen, die er durch Energie erreichen
kann, anstatt einen Madchenjager aus ihm zu machen, der spater der
ungliickliche Gatte einer wenig gliicklichen Frau und der Vater von
Kiudern wird, die ebenso viel oder noch mehr als er selbst leiden
werden**, und schon fniher meint er«): „Wenn wir uns Miihe geben,
das urnische Kind herauszufinden, es zu vervollkommnen und zu
verbessern, wenn wir es ihm erleichtern, enthaltsam, keusch, ernst
und pflichttreu zu werden, so sehen wir eine neue Gruppe von Men-
schen entstehen, die zum Zolibat, zur Arbeit und zur Religion
geeignet sein wird, da die ErfiiUung ihrer Wiinsche nicht von dieser
Welt ist."
Einen ahnlichen Standpunkt nimmt Norbert Grabowsky
ein. In seinem Werke „Die verkehrte Geschlechtsempfindung oder die
maonmannliche und weibweibliche Liebe" tritt er lebhaft fiir die
Keuschheit der Homosexuellen ein, an die er folgenden Appell rich-
tet ^) : „Bekampft also, so rufe ich den Urningen zu, euren Sinnestrieb.
Gebet euch nicht der vorgefaUten Meinung hin, lals seid ihr in
diesem Leben zur Wollust geschaffen. Ihr werdet besser, wenn ihr
der Wollust entsagt." „ Schon die normalen, weibliebenden Men-
srchen*) werden um so voUkommener, je mehr sie sich von der
sinnlichen Liebe abwenden. Um wieviel mehr noch sollte der Urning
Veranlassung nehmen, die Sinnesliebe zu meiden, da die Art der
Ausiibung seines Triebes fiir ihn so schwer erreichbar und mit so-
viel Unannehmlichkeiten verkniipft ist I Nicht beneiden sollte der
Urning den Dioning um dessen LiebesgenuB. Sondern der Urning
sollte in sich eingehen und erkennen, daB es des Menschen am wiir-
digsten ist, ganz und gar der geistigen Liebe anzugehorcn."
Um aber nicht den Eindruck eines bloBen Theoretikers zu machen,
unterstiitzt er seinen Rat mit folgendem Satz : ») „Wenn es mir, ob-
wohl es mich harte Kampfe genug gekostet hat, moglich gewesen ist,
mich vom Weibe fernzuhalten, warum sollte es den Urningen nicht
')v. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 325.
*) Marc Andr6 Raffalovich: Die Entwickelung der Homo-
sexualitat, 1895, p. 3.
») p. 7.
*) P- 4.
^) Norbert Grabowsky: Die verkehrte Geschlechtsempfin-
dung Oder die mannmannliche und weibweibliche Liebe, 2. Aufl. 1897,
p. 52.
**) N. Grabowsky, a. a. O. p. 49.
^') A. a. O. p. 51.
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moglicli sein, sich vom Manne fern zu halten? Starker als bei mir
der Drang zum Weibe wird doch wohl nicht bei den Urningen der
Drang zum Manne sein." Der Verfasser scheint sich an dieser Stelle
nicht mehr recht zu erinnern, daB er drei Seiten vorher geschrieben
hat, wo es heiBt : *o) „GewiB, gewiB, mit der Enthaltsamkeit ist es ein
schweres Ding. Ich kann es nicht leugnen, daB oft, sehr oft ein
driickendes Gefiihl der Ode mich beschleicht, und daB ich an manchen
Tagen hellauf emport bin iiber mein ganzes Schicksal ... ja, es
kaum noch zu tragen wahne." Ein anderes Mai schreibt dieser Autor:
,,Merkts Euch: Ekelhaft und tierisch ist aller sexuelle Verkehr, gleich-
giiltig, ob der gewohnliche, oder der urningische."
Die meisten Anh^nger homosexueller Abstinenz berufen sich
auf ein hervorragendes Beispiel, auf Sokrates, der in Plates
Gastmahl die rein seelische Liebe im Gegensatz zu der leiblichen
preisl und von dem in demselben Gesprach Alkibiades
3childert, wie er alien Verfuhrungskiinsten zum Trotz, die
Alkibiades aufwandte, um sich mit ihm korperlich zu be-
tatigen, fest blieb. Man konnte einwenden, daB das, was einem
Geist wie Sokrates moglich gewesen ist, vielleicht auch nicht
zu alien Zeiten seines Lebens moglich war, nicht von jedermann
verlangt werden kann; man konnte auch die Frage auf-
werfen, warum wohl die Natur in viele Menschen einen so
beftigen Drang einpflanzte, wenn seine Befriedigung niemals
stattf inden soil. Grabowsky, der Ubrigens auch ein Buch
verfaBt hat, das den Titel fiihrt: „Die Geschlechtsliebe, der Fluch'
des Menschentums, und ihre Bekampfung**, weifl die Antwort.
Sie lautet^^): „Allerdings, wer sich zu einem enthaltsamen
Leben aufraffen will, muB auch den Zweck eines solchen
kennen. Dieser Zweck ist das Leben nach dem Tode."
Die Mittel allerdings, die ein abstinentes Leben ermoglichen,
teilt uns Grabowsky nicht mit, dagegen f inden wir zwei
der wichtigsten bei Raffalovich angefiihrt: Eeligion und
Arbeit. Weit iiber das historische Mittelalter hinaus bis in
unsere Tage vermeinten sehr viele Homosexuelle durch den festen
Glauben an Ubernatiirliche Krafte der Anfechtungen des Flei-
sches und des Begehrens der Welt Herr werden zu konnen. HeiBe
Gebete zu Gott um „Errettung*' aus Ihrer Gebundenheit, An-
rufung der Heiligen, Weltflucht und BuBlibungen, Ersatz der
Liebessehnsucht durch brlinstige B-eligiositat, nicht seiten auch
durch religiose Brunst — man lese das Leben des, wie es scheint,
bisexuellen Grafen Zinzendorf^^) — wurden angewandt,
10) A. a. O. 48.
11) N. Grabowsky: Die Geschlechtsliebe, der Fluch des Men-
schentums, und ihre Bekampfung, Leipzig, p. 41.
12) Dr. Oskar Pfister: Die Frommigkeit des Grafen liud-
wig von Zinzendorf. Ein psychoanalytischer Beitrag zur Kenntnis
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aber nur ganz selten mit Erfolg. In der groIJen Mehrzahl der
Fa He gin gen die Homosexuellen in dem langen vergeblichen
llingen nicht ihres Triebes, aber ihrer Glaubensfreudigkeit ver-
lustig.
DaB namentlich von geistlichen Ratgebern den Homosexuellen
immer wieder die religiosen Heilmittel dringend anempfohlen werden,
bedarf kaum der Erwahnung. So heiBt es in dem Traktat der Evan-
geliscli-„Protestantischen" Mission „Mara atha": „Darum, du Urning,
der du von Gott als normaler Mann zum naturgemaBen Lebensgeuufi er-
schaffen und doch mit aller Gewalt ein Weib sein wills t, und du,
normalgeschlechtliches Weib, du „Urninde", mit dem widernatUrlichen
mannlichen Empfinden, wir bitten euch: stellt euch in das Licht
der gottlichen Majestat und priifet euch auf Herz und Gewissen: er-
kennc die Ursache eurer Geistes- und Geschlechtsverwirrung, nehmt die
Geisteskraft Gottes als Heilmittel an und macht euch
frei von der Geisteskrankheit „Homosexualitat", die euer Leben ver-
giftet, euer Gewissen beschwert, euch um Gesundheit, Gliick und
Wohlergehen betrogen." „Ein drittes Geschlecht liegt nicht im Schop-
fungsplane Gottes". Dr. Capellmann^^) meint ebenfalls, daB psy-
chiscne Kontrarsexuelle „namentlich dem Seelsorger ein dankbares Ob-
jekt zur Rettung** bieten.
Auch hier einige Beispiele aus dem Leben:
Ein Arbeiter schreibt: „Durch mein'^ sehr fromme Mutter stark
zur Religion erzogen, habe ich nach Erkenntnis meiues seelischen Zu-
standes Gott in heiBen Gebeten angefleht, er soUe mir in meiner Not
einen Ausweg zeicen. Als ich sah, daB sich trotz eiserner Beherrschung
und ungeheurer Kampfe mein Zustand nicht anderte, habe ich mein
Gottvertrauen verloren." Ein zweiter berichtet: „Ich rang zu dem
Gott, der mir in der Schule gelehrt war, mich von dem gleich-
geschlechtlichen Triebe, den ich fiir siindhaft hielt, zu befreien. Der
llimmel aber blieb taub. Ich kam mi!r vor wie ein Schiff, das mitten
auf dem Ozean den Wellen preisgegeben ist. Obwohl ich in solchen
Stunden dann niederkniete, und im Gebete um Erlosimg schrie, blieb
ich verlassen. SchlieBlich gerieten dariiber alle meine religiosen An-
schauungen ins Wanken. Jetzt ^laubte ich an nichts mehr. Ich
k a n n nicht mehr glauben." Einige stark religiose Naturen kommen
nach langen vergeblichen Kampfen zu der Uberzeugung, daB ihr Zu-
stand von Gott gewollt sein muB. Ein katholischer Graf sagt: „Die
Annahme, meine Gleichgeschlechtlichkeit sei Siinde, Laster, IJnnatur,
erscheint mir als Beleidigung des allweisen Weltscho{)fers." Und ein
protestantischer Pfarrer meint: „Wenn ich um meines mir einge-
Sflanzten Triebes willen ein Verbrecher bin, dann ist es der Schopfer,
er mich als Verbrecher erschaffen hat. Das heiBt aber doch, den
Schopfer einer Untat bezichtigen. Gott erschafft niemand als Ver-
brecher. Wer das sagt, lastert Gott." Nur wenige besitzen die Energie,
sich mit Hilfe der Religion zur Askese durchzuringen. Im un-
klaren iiber die eigene Natur ihrer Neigungen, die sie selbst als nie-
drige Fleischeslust empfinden, gelangen sie nicht selten, nach Ab-
legung: von Keuschheitsgeliibden, zu einem Enthaltsamkeits- und Sitt-
liclikeitsfanatismus, der sich oft genug bitter racht. So erregte vor
einiger Zeit die Verhaftung des Schrit'tfiihrers einer groBen Sittlich-
keits-Organisation, eines ehemaligen Geistlichen, Aufsehen, der sich
an Knaben vergriffen hatte. Man erschrickt gewohnlich iiber den
Grad der Heuchelei, der sich anscheinend in solchen und ahnlichen
der religiosen Sublimierungsprozesse und zur Erklarung des Pietis-
mus. Leipzig und Wien 1910.
") Dr. C. C ape lima nn, Pastoral-Medizin. 16. Aufl. p. 144.
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FalJeii kundgibt, iibersieht aber, daB solche Menschen nicht trotz
ihrer Neigungen iind Handlungen Sittlichkeitsvereinen angehorten oder
Pries ter wurden, sondern wegen derselben^ vergeblich hoffend,
hier die Kraft der Entsagung zu finden.
Auch durch intensive Arbeit, und zwar sowohl durcsh geistige
wie durch korperliche, haben viele ihre homosexuelle Neigung
zu unterdrticken versucht; „am meisten hilft noch", schrieb mir
einer — und er steht mit dieser Auffassung nicht allein — , ,,sich
abarbeiten, bis man so miide wird, daU gleich der Schlaf ein-
tritt.** Vielfach hat man behauptet, daO eine Art Wechselwir-
kung zwischen geistiger und sexueller Produktivitat besteht,
dali die potentielle Energie des Geschlechtstriebs sich statt in
sexuelle in andersartige lebendige Krafte umsetzen kann. Schon
einer der altesten Philosophen, Plato, von dem ja auch an-
genommen wird, daB er gleichgeschlechtlich emj)fand, nannte
einmal das Denken sublimierten Geschlechtstrieb, und einer der
neuesten, Nietzsche, der mindestens theoretisch voiles Ver-
standnis ftir die homosexuelle Liebe besafi^*), schreibt: Der
Geschlechtstrieb konne an die Maschine gestellt werden und
ntitzlich arbeiten lernen, zum Beispiel Holz hacken oder Briefe
tragen oder den Pf lug f lihren. Man mulJ seine Triebe
ausarbeiten.i^) Bis zu einem gewissen Grade, ftir eine ge-
raume Zeit und geistig dazu besonders befahigte Menschen mag
das zutreffen, fiir die groDe Mehrzahl nicht. Von Homosexuellen
liegen mir viele Berichte vor, dall sexuelle Enthaltung sie zwar
eine Weile in ihrer ktinstlerischen, wissenschaftlichen oder mo-
chanischen Leistungsfahigkeit zu fordern schien, daU aber sich
nach und nach ein Zustand der Unruhe, der Leere und Depres-
sion einstellte, der ihre Arbeitskraft wesentlich schwachte, bis
dann durch Regelung des Geschlechtslebens ein Ausgleich eintrat.
Besonders hat man seit alters auch in sportUchen Kraftleistungen
ein Abfuhrmittel sexueller Spannkrafte, hier homosexueller
Spannkrafte, erblicken wollen. Die Erfahrung hat gezeigt, dall
auch dieser Behauptung nur eine relative, keine absolute
Gtiltigkeit zukommt.
Viele Homosexuelle haben geglaubt, sie konnten durch eine
reizlose, abhartende Lebensweise, das ,,simple life" der Ameri-
kaner, durch Rohkost, Enthaltung von Alkohol, Tabak, Kaffee,
Fleisch und Gewlirzen ihre Libido zum Schwinden bringen. Ich
kenne einige, die in Vegetarierkolonien, beispielsweise nach
i<) Vgl. Dr. V. R 6 m e r : Stellen aus Friedrich Nietzsches Werken
uber Uranismus, Homosexualitiit und Verwandtes, in der Zeitschr. fiir
Sexualwissenschaft, 1908, p. 39 ff.
") Vgl. M. Hirschfeld: Naturgesetze der Liebe, p. 228.
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Ascona gegangen sind. Hie und da vermochten sie auf diesem
Wege die Triebstarke herab- und das Beherrschungsvermogen
heraufzuschrauben, den Trieb selbst in seiner Richtunfr abzu-
andern oder ihn abzutoten vermochten sie nicht, diesen immer
wieder durchbrechenden Drang, den selbst die harteste Gefang-
nisstrafe nicht zu ersticken imstande ist. Mit wie tief er-
schtitternden Worten schildert der ungliickliche Uranier Oscar
Wilde in der Zuchthausballade von Reading Goal, wie sich
in der Kerkerzelle noch im Zustand groUter Apathie dieses Be-
gehren regt. Es heifit da:
„And all, but Lust
is turned to dust
in Humanity's machine"^^).
In schlichteren Ausdrticken haben mir oft Homosexaelle er-
zahlt, wie in der Gefangenschaft ihr Trieb fast unvermindert
fortbestand.
Einige Male kamen Homosexuelle, darunter ein Professor
der Medizin, zu mir, die Morphinisten geworden waren, sei es,
um die aus ihrer Abstinenz sich ergebende Unruhe und Schlaf-
losigkeit zu bekampfen, sei es, um ihre homosexuelle Neigung
zu betauben. Das erstere gelang ihnen, das letztere nicht.
Da der Homosexualitat auf den genanntsn Wegen der Be-
handlung so ungemein schwer beizukommen ist, haben manclie
radikalere Mittel und Methoden empfohlen und angewandt,
von denen wir zwei des naheren besprechen miissen: die Iso-
lation und die K a s t r a t i o n. Von dem Gedanken ausgehend,
daU die Homosexualitat eine „unheilbare Geisteskrankheit" sei,
haben Arzte und Laien vorgeschlagen, die an ihr Leidendon in
Irrenanstalten und Spezialanstalten — wie solche ahnlich ftlr
Epileptiker und Alkoholiker bestehen — unterzubringen. Es
handelt sich dabei weniger um eine Beseitigung der Homosexu-
alitat an sich, als um eine Beseitigung der Homosexuellen aus
der Gesellschaft.
So wurdo in einer zu Koln gefaUten Resolution der evangelischen
Sittlichkeitsvereine gefordert, daU alle „wirklich krankhaft Geborenen
unter den Homosexuellen" in Heilanstal ten untergebracht werden soUten.
Am 12. Mai 1905 hielt Pastor P h i 1 i p p s -Plotzensee in der Tonhalle
in Berlin einen Vortrag, in dem er laut Bericht ihm nahestehender
Zeitungen sagte: Der § 175 muB bestehen bleiben. Wie der Eriippel
ins Kriippelheim, wie der Geisteskranke in die Irrenanstalt, so gehort
der an emem falschen Triebe Erkrankte in ein Sanatorium, wo er, wenn
man will, sogar auf Staatskosten gut gehegt und gepflegt werden kann.
In die Freiheit gehort nur der, der diesen falschen Trieb zu ziigeln
i«) Alles im mensch lichen Triebwerk ist wie zerstoben, nur die
sinnlicnen Begierden nicht.
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weili und nicht andere mit hineirireiCt. Der Freiburger Stadtpfarrer
Dr. Han s jak ob^^) schrieb inir: „Die betreffenden Personen be-
mitleide ich, weil sie zweifellos unter angeborener Belastung stehen.
fch wiirde sie auch nicht ins Gefangnis stecken, wohl aber in* die
Irrenanstalt. weil sie aiiormal sind." Audi F u c h s ^^) schlug
„W ohltatigkeitsanstalten fiir die Behandlung sexueller
l*erversionen'* vor. Er meint, daB ihre Errichtung ein dringendes
Bediirfnis sei, da es vielen der in Betracht kommenden Kontrarsexu-
elJen nicht moglich sei, „Zoit und Gold kostende, monatelange Kui'en
zu unternehmen". ..Man denke nicht", fiihrt er fort, i^) daC die
sexuelleu Perversionen in niedrigeu Kreisen der Bevolkerung um ein
Betrachtliches wenigor haufig seien, als in den hoheren." Einige,
wie Hans Hyan 20)^ haben sogar ernstlich ^eraten, den Homo-
sexuellen Wohnsitze in einer K o 1 o n i e anzuweisen, wahrend schon
Professor Geigel in einer Gegenschrift Ulrichs zurief: ,,Kaufen Sie
sich gefalligst mit ihren 25 000 Urningen 21) am Nordpol an; aber ver-
schonen Sie giitigst unsero Deutsche Erde mit ilirer Gegenwart."
Burghauser^-) und Braunschweig suchen die Ur-
ningo iiber die Internierung in eine Irrenanstalt zu trosten.
Ersterer meint: Es mag ja traurig erscheinen, sonst ganz nor-
male und gesunde Menschen gewissermaBen in eine Geschlechts-
irrenanytalt zu sperren, aber eines mag und mufl in dem 6e-
danken versohnen, daU sich die ,jUnter sich" Internierten gliick-
lich f uhlen werden. Und Braunschweig ^3) sagt : ,.Das Irren-
haus, die Besserungsanstalt, das Genesungsheim und der kleine
Kreis liebevoller Erziehungsstatten wird dem Homosexuellen
Unterkunft bieten. Und die heiisame Einwirkung dort an Ort
und Stelle wird die Aussicht auf Befreiung oder Herabminderung
der kontrarsexuellen Neigungen am ehesten in sich schlieBen.*'
Merkwtirdigerweise beschrankt sich die ernstliche Forderung, die
Homosexuellen in Irrenanstalten, Kolonien ,,oder auf einer ein-
samen Insel" unterzubringen, nur auf Manner, die urnis^chen
Frauen scheinen weniger ,,gem6ingefahrlich**.
Schon Krafft-Ebing bemerkte zu diesen Ideen^*):
„Ganz ungeheuerlich ist der Vorschlag, solche Leute, wenn sie
ihrem abnormen geschlechtlichen Drange nicht. widerstehen kon-
nen, ins Irrenhaus zu sperren, wozu eine Berechtigung und Ver-
") Cf. Hirschfeld, § 175 im Urteil der Zeitgenossen, p. 64.
'®) Therapeutische Bestrebungen auf dem Gebietc' sexueller Per-
versionen, im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jalirg. TV., d. 18.*>.
i») A. a. O., p. 186.
»o) Cf. „Die Welt am Montag", Berlin, 7. Januar 1905.
*^) Cit. von dem Abgeordneten Thaler in der 177. Sitzung
des Deutschen Reichstages am 31. Marz 1906, (in der die Petition des
Wissenschaftlich - humanitaren Komitees, betr. die Abschaffung des
I 176 StrGB. beraten wurde), er fiigte hinzu: „Damals waren es nur
25 000, jetzt sind es schon 1200 000."
^2^ Burghauser: Liebe in Natur und Unnatur, 1909, p. 78.
2J^)M. Braunschweig, Das dritte Geschlecht, 1903, p. 69.
**)v. Krafft-Ebing: Psvchopathia sexualis, 12. Aufl., 1903,
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pflichtung doch nur in den seltenen Fallen bestande, wo der
Kontrfirsexuale zugleich an einer Psy chose leidet, wegen welcher
an und fiir sich derselbe einer Internierung bedlirfte."
Gleiehwohl haben neuerlich Angehorige, besonders Eltern
von Homosexuellen nicht selten versucht, diese in Irrenanstalten
unterzubringen, wo man allerdings meist bereits nach einigen
Wochen oder Monaten das Vergebliche eines solchen Vorgehens
erkannte. Mir ist ein Kollege bekannt, der auf Veranlassung
seines Vaters, der ebenfalls Arzt ist, zur Behandlung in eine
geechlossene Anstalt ging, nach einigen Wochen aber bereits
vom Chefarzt gefragt wurde, ob er nicht lieber als Assistenzarzt
der Heilanstalt angehoren woUe, ein Vorschlag, der akzeptiert
wurde.
Wiederholt sind auch namentlich in frtiheren Zeiten Homo-
sexuelle aus f reien Stiicken in Privatanstalten gegangen. Sie
erkannten ihre Unheilbarkeit, fiihlten aber anderseits, dalJ sie
nicht lasterhaft waren, und so schien ihnen immerhin das Irren-
haus noch ein entsprechenderer Aufenthalt als das ihnen dro-
hende Gefangnis. Besonders ist mir ein vomehmer Homosexu-
eller in Erinnerung geblieben, den ich in England in einem Asyl
ftir geisteskranke Verbrecher (wie der Englander sagt, ftir „ver-
brecherische Geisteskranke** „criminal lunatics") traf. Er be-
fand sich bereits liber 20 Jahre freiwillig in der Anstalt. Ich
fand ihn in seinem kleinen hiibsch eingerichteten Zimmer> das
eine prachtvoUe Aussicht liber eine weite htigelige Landschaft
bot, umgeben von zahlreichen philosophischen und schongeistigen
Btichern, in denen er studierte. Seine Neigung erstreckte sich
auf Jiinglinge kurz nach derPubertat. Da ich ihn in Gesellschaf t
mehrerer Anstaltsfirzte besuchte, konnte ich auf das ihm vor
mehreren sehr peinliche Thema seiner Krankheit nicht naher ein-
gehen. Wie ich beim Abschied den Wunsch auUerte, er moge
sich spater doch noch einmal der Preiheit erfreuen, erwiderte
er sehr ernst: „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, noch einmal
gesund zu werden.** Als ich nachher mit dem Direktor des Hau-
ses die weiten Hofe und Gartenanlagen der Anstalt durch-
wanderte, sah ich ihn noch einmal im lebhaften Gesprach mit
zwei geisteskranken M5rdern. Dieser arme Homosexuelle, der
aus einem Pseudo- Verbrecher ein Pseudo-Irrer geworden war,
hatte keine Ahnung, wer der Besucher aus Deutschland war, der
ihm an jenem Tage die Hand drtickte.
Auch in einer danischen Irrenanstalt meldete sich, wie mir
ein dortiger Psychiater berichtete, ein Homosexueller, der sehr
religios war und bat freiwillig um Internierung, weil sein Drang
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sieh mit mannlichen Personen .sexuell zu betatigen so stark sei,
dafi er f iirchte, sich nicht zuriickhalten zu konnen.
Gegen die Unterbringung der Homosexuellen in Irrenanstal-
ten oder Spezialansta'ten spricht sowohl ihre Qualitat als auch
ihre Quantitat. Michelangelo — Johann Joachim
Winckelm;ann — Andersen — ja auch nur Oscar
Wilde wegen unheilbarer Homosexualitat als gemeingefahrlich
dauernd in einer Irrenanstalt — es ware lacherlich, wenn es
nicht gar so unsinnig ware. Man lose das folgende Kapitel
iiber die Verbreitung der Homosexualitat, um die Undurchftihr-
barkeit so absurder Ideen zu erkennen. AUein Berlin brauchte,
um seine mannlichen und weiblichen Homosexuellen unterzu-
bringen, Platz und Mittel ftir zehntausende von Betten; Paris
und London nicht weniger. Derartige Bemtihungen, die Homo-
sexuellen „unschadlich zu machen**, wiirden einen Kampf gegen
Windmiihlen, zum mindesten ein SchieUen mit Kanonen nach
Spatzen bedeuten.
In noch hoherem Grade gilt dies von der jgleichfalls wieder-
holt angepriesenen operativen Behandlung der Homosexuellen
durch Kastration. Einige Arzte wie R i e g e r 25) und neuer-
dings noch der Wiener Psychiater Benedikt haben diese
Methode empfohlen, auch die Homosexuellen »elbst haben sie
gelegentlich in Erwagung gezogen; Laien haben sogar manch-
mal bef iirwortet, sie zwangsweise einzuf lihren, um nach
dem Grundsatz : „Womit du gesiindigt hast, soUst du bestraf t
werden" Homosexuelle zu ztichtigen und unschadlich zu machen.
Auch ich bin einige Male von Homosexuellen, in einem Falle
sogar von einer homosexuellen Frau, konsultiert worden, die
sich von der Kastration Rettung erhofften.
Ein Urning schreibt: „Da die Sachen so liegen, habe ich mit
einigen wohlgesinnten Mannern gleicher Anlage die JFrage ventiliert, ob
wir nicht doch zur Chirurgie unsere Zuflucht neUmen sollen?"
Ch. F6r6 28)j der sich eingehend mit der Frage der Kastration
der Invertierten beschaftigt hat, berichtet von einem 42jahrigen Homo-
sexuellen, der seit friihester Jugend geschlechtlich mit Jiinglingen
verkehrte. Er versuchte alles, um seinen Trieb los zu werden, auch
Hypnose. Trotzdem er nie mit einem Weibe verkehrt hatte, ver-
heiratete er sich zwecks Heilung. Die Ehe dauerte acht Monate. Ein
Geschlechtsverkehr mit der Frau war unmoglich. Ein Briisseler Arzt
empfahl dann Brom, dreimal am Ta^e, und, falls auch das nicht an-
schliige, die Kastration, die jedoch von F 6 r 6 widerraten wurde.
25) B i e g e r , Centralblatt fiir Nervenheilkunde und Psychiatric,
August 1892.
2«) Ch. F 6 r 6 : La castration centre Tinversion sexuelle. (In
der Bevue de chirurgie. Felix Alcan, 6dit., Paris, 10. Mars 1905.)
Besprochen im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VIII, p. 713 ff. von
Dr. N. Praetorius.
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Die Befiirworter der Kastration geheii von der vollkommen
falschen Voraussetzung aus, daC def Sitz der kontraren Sexualemp-
findung im Genitalapparat belegen sei. Will man auf chirurgischem
Wege die schadhafte Stelle entfemen, so muB man schon den Kopf
beseitigen, in dem Sie sich. in Wirklichkeit befindet, eine Operation,
die ja in friiheren Zeiten, als noch auf Homosexualitat Todesstrafe
stand, auch tatsachlich dann und wann vorgenommen wurde. Wir
wissen heute mit Sicherheit 2^), dafi die Kastration auf die Kichtung
des Geschlechtstriebs gar keinen und, nach der Pubertat vorgenommen,
auch auf die Starke des Triebs nur einen unwesentlichen EinfluB hat.
Typisch dafiir ist der f olgende, ebenfalls von F 6 r e mitgeteilte
Fall eines Homosexuellen, der sich. beide Testikel beseitigen liefi so).
Der betreffende Homosexuelle hat seit dem 5. Jahre Neigung zu
Miinnern. Besonders sexuell wirken reife, behaarte Manner mit tiefen
Stimmen. Geschlechtsverkehr mit dem Weibe war nie mo^ich. Er
bat noch niemals seinem Trieb nachgegeben, trotz starkem Drang; er
floh, wenn er in Gefahr kam, zu unterliegen. Beging drei Selbstmord-
versuche. Auf Anraten verschiedener Arzte und zweier X^hirurgen,
die ihm die Moglichkeit der Beseitigung seines Triebes durch Kastra-
tion versicherten, unterzog er sich der Operation. Sein psychischer
Zustand ist seither nur noch schlimmer. Die Neigung zu Mannern
besteht fort, er hat die gleichen Erektionen, nur ist sein Wille
schwacher geworden, weniger wider stands f ah ig. Um nicht eine tiefere
Neigung zu einem Mann zu fassen, muB er oft den Wohnort wechseln,
Er kann sich mit keiner Arbeit mehr wie friiher nachhaltig be-
schaftigen, seine neurasthenischen Storungen nehmen zu ; ebenso die
sexuellen Zwangsgedanken. Er hat die Selbstmordgedanken aufgegeben,
aber er sucht Narcotica, wie Chloral und Opium, um sich zu betauben."
Im Zentralblatt fiir Chirurgie auBert sich ein Kezensent iiber
F6r4s Arbeit wie folgt: „Gegen den Versuch, die ungliicklichen per-
vcrs Sexuellen durch Kastration heilen zu wollen, erhebt F. seine
wai*nende Stimme an der Hand einer recht bezeichnenden Leidens-
geschichte. Es ist auch eine recht oberflachliche Anschauung iiber
Sitz und Wesen solcher individueller homosexueller Veranlagung, die
zu einem Vorschlage wie dem obigen, gefiihrt haben niag, und man
darf dem Verfasser nur zustimmen, wenn er in ahnlichem Falle einem
Patienten, der um Kastration bat, entschieden abriet.
Wir konnen hinsichtlich der Kastrationstherapie nur
iinterstreichen, was RohlcderSi) sagt: „Wer einem Kontrar-
sexuellen die Kastration als Heilmittel gegen seinen Zustand
anrat, handelt entweder ganz gewissenlos, oder er hat keine
Ahnung von dem wahren Zustande, dem wirklichen Wesen des
Homosexualismus, und in diesem Falle soil er von jeglicher Rat-
erteilung absehen. Einen derartigen Rat dann aber zu erteilen,
haltc ich ebon fiir ein Verbrechen."
Ebenso scharf wendet sich Amtsgerichtsrat W i 1 h e 1 mS^a) gegen
die Kastration. Er verwirft sowohl ihre therapeutische Anwendimg
*9) Vgl. M. Hirschfeld: Kastratenstudien. In d. „Sexual-
Probleme**, 8. Jahrgt 2 Heft. Februar 1912.
•0^ A. a. 0., p. 714 f.
51; H. Rohleder: Vorlesungen tiber Geschlechtstrieb und ce-
samtes Geschlechtsleben des Menschen, 2. Aufl. 1907, Bd. II, p. 415.
s^a) In seiner Schrift: „Beseitigung der Zeugungsfahigkeit und
Korperverletzung de lege lata und de lege ferenda in den juristisch-
psychiatrischen Grenzfragen VII, Heft 6 und 7.
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gegen den krankhaften Geschlechtstrieb als ihre Anwendung als Strafe
gegen Sittlichkeitsdelikte, als welche sie neuerdings in ein ameri-
kanisches Gesetz gegen PaUierastie iibergegangen ist. Er schreibt S. 66) :
„pal3 die Einfiihrung der Kastration als Abschrecknngsmittel und als
eigentliche Strafe vollig zu verwerfen ist, daS sie die Riickkehr zu einem
barbarischen, iiberwundenen Standpunkt bedeutet, bedarf wohl niclit
weiterer Ausfiihrung."
Es kann nach allem bisherigen nicht wundernehmen, daC,
nachdem man erkannt hatte, daU der Sitz der Homosexualitat
im Gehirn zu suchen sei, man auch diese Stelle zu exstirpieren
trachtete. In einer Diskussion liber die Behandlung der Homo-
sexuellen meint9 Dr. Bodlander alien Ernstes, man mlisse vor
allem die Hirnregion ermitteln, in weleher der homosexuelle
Trieb lokalisiert sei, dann konnte man nach Trepanation des
Schadels leicht durch Zerstorung dieses Zentrums die Homo-
sexualitat beseitigen. Hoffen wir angesichts dieses gutgemeinten
yorschlags, daJJ das zirkumskripte psychische Zentrum d3r Ho-
mosexualitat erst aufgefunden wird, wenn man sich durch die
richtige Beurteilung der Homosexuellen von der tlberflttssigkeit
solcher Operationen uberzeugt hat.
Die iibrigen Methoden, die sich an das psychische Zentrum
wenden, sind weniger tiefgreifend und gefahrlich. Es sind im
wesentlichen drei Behandlungsweisen zu nennen, die hier in
Frage kommen :die Hypnosetherapie, die Freud sche
Psychoanalyse und die von Moll neuerdings als „Assoziations-
therapie** bezeichnet^ Milieubehandlung.
•Die hypnotische Absuggerierung der Homosexualitat ist
von Krafft-Ebing inauguriert worden. Die ersten groBeren
Fachwerke liber die kontrare Sexualempfindung fielen in die
Zeit, als auch die ersten wissenschaftlichen Arbeiten liber den
Hypnotismus von Frankreich her nach Deutschland drangen,
hier weite Verbreitung fanden und, wie man wohl heute bei
aller Anerkennung mancher liberraschender Erfolge sagen darf,
vielfach mit einem Enthusiasmus und einer Cberschatzung auf-
genommen wurden, denen sehr bald eine Ernlichterung folgte.
Was lag naher, als diese psychische Methode bei einem so eminent
psychischen Zustand wie der Homosexualitat anzuwenden.
In einem Artikel uber Suggestions therapie in Eulenburgs enzyklo-
padischen Jahrbiichem ^2) bezeichnete C o r v a 1 die Moglichkeit, die
kontrare Sexualempfindung mittels Hypnose zu bekampfen, als „die be-
deutendste Errungenschaft auf dem Gebiete der Psychotherapie in
letzter Zeit". Krafft-Ebing war von vornherein skeptischer und
kritischer. Zwar bezeichnete auch er die Hypnose anfanglich als
„das einzige Rettungsmitte 1", als „eine enorme Wohltat,
welche solchen Ungliicklichen erwiesen werden kann", fiigte aber
doch hinzu: „vor Illusionen liber den Wert hypnotischer Therapie
»») 11. Jahrg., Wien und Leipzig 1892.
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durfte zu warnen sein". Auch betouto er, daD nur dort, „wo die
Hypnose zum Somnambulismus vert left werden kann", Erfolge zu
erzielen und daB auch diese nicht etwa als .,Umzuchtun«^en" der
psycbosexuellen Existenz aufzufassen seien, wie dies von Schrenck-
N o t. z i n g behauptete, sondern lediglich „als bewunderungswiirdige
Artefacte hypnotischer Kunst". In seinen spateren Publikationen,
namentlich der letzten, in der er in der Homosexualitat keine Krankheit
mehr erblickte, scheint Krafft-Ebing dann fast ganz von der Hypnose
zmiickgekommen zu sein, wenigstens erwahnt er sie nicht mehr, und
auch in seinen trostreichen Schreiben, die er Horaosexuellen, die sich
an ihn wandten, zuteil werden lieB — ich habe vielfach solche Briefe
geleseu — , ist kaum noch von der Hypnose die Rede.
Bedeutend welter als Krafft-Ebing ging Schrenck-
N o t z 1 n g , welcher der Suggestions therapie der kontraren Sexual-
empfindung eine vielgelesene Monographie widmete '3). Er bewegt
sicn in mancherlei Widerspriichen. Er glaubt einerseits, daC es eines
so tiefen hypnotischen Schlafs, wie Krafft-Ebing f orderte, nicht
bediirfe, meint aber, daB man bei nervosen Homosexuellen „mitunter
geuotigt sei, die Hypnose durch Narpotica herbeizufiihren." Ferner
schreibt er, daB die originare, also angeborene „Gemutsentartung"
der Homosexualitat unheilbar sei, bringt dann aber eine Reihe aus-
fuhrlich beschriebener „Heilungen" Kontrarsexueller, die offenbar fast
ausnahmslos originare Homosexuelle sind.
Im ganzen sind es nur sechs Falle, die der beriihmteste Hypno-
therapeut der Kontrarsexuellen anfiihrt, alle waren mannlichen Gre-
schlechts, vier zwischen 20 und 30, einer zwischen 30 und 40, einer
zwischen 40 und 50 Jahren. Die Zahl der hypnotischen Sitzungen
betruff bei dem ersten 45, bei den iibrigen 142, 7, 7, 204 und 20;
nur der erste konnte in das somnambule Stadium versetzt werden.
Die von Schrenck-Notzing erteilten Suggestionen waren fast stets
die gleichen, wie sie bereits Krafft-Ebing in einem Schema
empfohlen hatte; sie lauteten: 1. Ich verabscheue die Onanie, denn
sie macht siech und elend; 2. ich habe keine Neigung mehr zum
Manne, denn die Liebe zum Manne ist gegen die Religion, gegen die
Natur und gegen das Gesetz; 3. ich empfinde Neigung zum Weibe,
denn das Weib ist lieb und begehrenswert und fiir den Mann ge-
schaffen.
Nur in zwei Fallen, von denen er den einen 2 Jahre
7 Monate, den andern 1 Jahr 8 Monate beobachten konnte, s p r i c h t
der Autor selbst von Heilung, in zwei Fallen von leichter
Oder vorubergehender, in einem Fall von bedeutender Besserung,
den sechsten bezeichnet er selbst als MiBerfolg.
Es diirfte ohne weiteres klar sein, daB die Zahl und Beobach-
tungszeit dieser Resultate eine zu geringe ist, und das gilt auch fiir
die von andern Hypnotiseuren veroffentlichten, um von wirklichen
Dauererfolgen, von Naturfehler-Korrekturen 3*) zu sprechen. Es ist
daher wohl begreiflich, wenn Binswanger^s) meint, daB den Aus-
sagen der an perverser Sexualempfindung Leidenden iiber Erfolge in
der Hypnose kein Glauben beizumessen ist", und wenn Rohleder^s)
kurz und biindig erklart: „Heilung der kontraren Sexualempfindung
durch Suggestion gibt es nicht, ebensowr^nig wie ein Heterosexueller
durch Suggestion homosexuell fiihlen wiirde. de Joux vollends urteilt:
'*) V. Schrenck-Notzing: die Suggestionstherapie bei
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Stuttgart 1892.
«*) V. S c h r e n c k N o t z i n g : a. a. O. p. 286.
•*) Binswanger: Verwertung der Hvpnose in den Trrenanstal-
ten. Therapeutische Monatshefte 92, Heft '3 u. 4, p. 167 ff.
w) H, R o h 1 e d e r : a. a. O. p. 403. d e Joux, Die Enterbten.
p. 77.
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„Nur die hohere Charlatanerie kann marktschreierisch verkuaden, sie
habe die Macht, einem homosexuellen Wiistling den Weg zur Familie zu
ebnen, ein entartetes Mannweib zu einem Muster holder Weiblich-
keit dui'ch llypnose umzugeheimnissen."
Bemerkenswert ist, daB auch F o r e 1 ^7), der ausgezeichnete Ken-
ner und Forscher auf dem Gebiet des Hypnotismus, meint, daB eine
Bese.il igung der kontraren Sexualempfindung mittelst Suggestion nur
da gelingen diirfte, wo sie „weder angeboren, noch durch eine
latento Anlage unterstiitzt" wird, mit anderen Worten bei
echter Homosexualitat nicht. Selbst Moll, der wohl die groBte An-
zahl Homosexueller hypnotisiert hat, ersetzt die Suggestions- neuer-
dings 38) durch die Assoziationstherapie.
Auch ich bin auf Grund der recht betrachtlichen Anzahl
hypnotisierter Homosexueller, die ich langere oder kiirzere Zeit
nach der Kur zu sehen Gelegenheit hatte, der Meinung, daB a n -
geblich geheilte Homosexuelle entweder nicht
geheilt oder nicht homosexuell waren. Wenn
Geijersta m^^) die nach hypnotiseher Behandlung wieder auf-
tretenden homosexuellen Anwandlungen und Handlungen euphe-
mistisch als „Rezidive" bezeichnet, die auch bei vielen anderen
Leiden nicht ausgeschlossen eeien^ bei denen man keineswegs
von Scheinerfolgen rede, so tibersieht der schwedische Autor^
dall dem Geschlechtstrieb „Rezidive** in mehr oder weniger
langen Zwischenraumen an und flir sich eigentlimlich sind.
Es ist merkwiirdig, daB die Autoren, welche die Homosexuellen
im iibrigen fiir unwabr halten, gerade den Aussagen, die sie liber
ihre unter suggestivem EinfluB erwachte Liebe zum Weibe machen,
so viel Glauben beimessen. Die durch llypnose erzielten Scheinerfolge
erklaren sich auf dreierlei AVeise: Ein Teil sind bewuCte Tauschungen
der Homosexuellen, die sie begehen, weil die erzielte Heilung fur ihr
Lebeii von ausschlaggebender Bedeutung ist. So lieBen sich viele
Homosexuelle nicht aus eigenem Antrieb'e, sondern lediglich auf Ver-
anlassune von Yerwandten, namentlich ihrer Vater, hypnotisieren,
die nur im Falle der Heilung oder doch energischer Versuche hierzu,
den materiellen oder sonstigcn Zusammenhang mit homosexuellen An-
gehorigen aufrecht zu erhalten gesonnen waren. Einen Fall kenne
ich, wo der hohere A^'orgesetzte eines alten Beamten diesem nach einer
ihm gemeldeten nicht strafbaren Affare erklarte, er wiirde ihn nur
im Dienst behalten konnen, wenn er ein Attest brachte, daB er
von der nervosen Storung, auf die er seine uniiberlegte Handlimg zu-
ruckfiihi*te, genesen sei ; in einem zweiten Fall wollte ein Fabrikant
einem homosexuellen Bruder nur im Fall vorhergegangener Heilung
eine Existenz verschaffen; in einem dritten machte ein Vater das
philologische Weiterstudium seines Sohnes von der Wiederherstellung
von seinen krankhaften Trieben abhaugig. Ich habe manchen Homo-
sexuellen Vorwiirfe gemacht, daB sie die Arzte iiber ihren Zustand
tauschten und sie daxlurch zu irrigen Meinungen veranlaBten, die fur
3') A. Forel: Die sexuelle Frage, 4. u. 5. Aufl. 1906, p. 293.
38) A. Moll: Handbuch der Sexual-Wissenschaf ten. VII. Haupt-
abschnitt I, 5 : Medizinisches iiber die sexuellen Perversionen, p. 661 ff.
89) Cf. Zeitschrift fiir gerichtliche Medizin und Psychiatrie in
den Kordlanden, Jahrgang 5. lie ft 3.
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andere von so prinzipieller Bedeutung sirid. Sie erwiderten, daB sie
sich in ihrer Not keinen andern Ausweg gewuJJt batten.
Eine zweite Gruppe tausclit den Arzt par complaisance; gut-
miitig, wie sie sind, mochten sie den Arzt, der sich so grofie Miihe
mit ilinen gibt, auf die tagliche Frage, ob es denn nun besser geworden
sei, keine Enttauschung bereiten. Wir brauchen dabei nicht eine
besondere Zuneigung des Homosexuellen zu dem hypnotisierenden Arzt
anzunehmen, wie Sadger*o) tut, der von der hypnotischen im Gegen-
satz zur psychoanalytischen Behandlung schreibt: „Bisher ward als
Heilpotenz hochstens Hypnose und Suggestion geiibt, die, wie ich
aus einigen Fallen weiB, die erfahrene Hypnotiseure behandelten, dai*-
unter selbst Schrenck-Notzing, nie eiue dauernde Veranderung brin-
gen. Sie wirken im giinstigsten Falle solange, als
der Homosexuelle in seinen energischen Hypnoti-
seur verliebt is t."
Eiu di'itter Teil endlich tauscht sich selbst, entweder iiber die
eigene Homosexualitat, die, wie wir salien, keineswegs immer leicht zu
erkennen ist, oder iiber die scheinbare Heilung, die eben doch nur
eine kiinstliche Dressur ohne Bestand war. Als die Hypnosebehand-
lung aufkam, wurde in homosexuellen Kreisen in verschiedenen Ver-
sioneii eine kleine Anekdote kolportiert, die auch heute noch Beach-
tung verdient. Ein Berliner Aristokrat, der ein ausgesprochenes Faible
fiir Kavalleristen hatte, begab sich nach W i e n , um sich dort mit
Hj'pnose behandeln zu lassen. Als er nach zwei Monaten zuriick-
kehrte, bestiirmten ihn seine gleichempfindenden Freunde mit Fragen,
ob er denn nun kuriert sei. „Jawohl , sagte er, „au3 der Kavallerie
mache ich mir nicht mehr so viel, dafiir liebe ich aber jetzt die
Artillerie".
Wien ist auch die eigentliche Heimat einer zweiten Form
psychischer Behandlung der Homosexualitat, der von Freud
zuerst angewandten Psychoanalyse. Das Wesentliche bei der
psychoanalytischen Methode ist „die Moglichkeit einer wirk-
lichen Heilung durch Weckung des latenten, unterdriickten
h^terosexuellen Triebs bei Niederhaltung des homosexuellen".
Vorausset^ung und Ausgangspunkt der Methode ist, dalJ jeder
Mensch bisexuell veranlagt ist. Daraus sei zu folgern, dafl
auch jeder Homosexuelle in der Uranlage heterosexuelle Eigen-
schafien habe, die er, wie die Psychoanalyse ergcbe, in friihester
Kindheit verdrangt hat. Diese unterdriickten Kom-
plexe des Ich soil der Psychoanalytiker zuriickverfolgen, auch
in den Traumen aufsuchen und rekonstruieren. Durch
die Aufdeckung und das BewuBtwerden des UnbewuBten und
HalbbewuBten wiirden tiefverankerte Empfindungen „ab-
reagiert**.
Bemerkenswert ist, daC Sadger zu der tiberzeugung, .,daB alle
Menschen, auch die im Geschlechtslebeu scheinbar Normalsten, selbst
joue, welche den Uranismus am scluirfston verdammen, einer mehr
odor minder groCen Dosis von Homosexualitat nie ermaugeln *i), nicht
bei der Behandlung mannlicher uiid weiblicher Urninge gelangte,
^^) J. Sadger: Fragment der Psychoanalyse oines Homosexu-
ellen. Im Jabrb. f. sex. Zwischenst.. Jahrg. IX, p. 34(J.
*») J. Sadger: a. a. O., p. .345.
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sondern bei Behandlung der Hysterie und Zwangsneurose nach
Freudscher Methode ; er schreibt *2) : „Ich weiB, daJ3 die Auf-
findung dieser Tatsache mich seinerzeit auf das hochste verbliiffte.
Ganz abgesehea davon, daiJ ich Homosexuelle, wie wohl alle KollegeD
hier in Wien mit EinschluB der Nervenarzte, bis vor wenigen Jahren
nur von der Literatur her kannte, ihre Zahl auch naturgemafi weit
unterschatzte, war ich am allerwenigsten darauf gefaBt, dem Trieb und
Hang zum gleichen Geschlecht just bei der alltaglichsten unter den
Neurosen, der Hysterie, ala regelmaUiger Wurzel zu begegnen. Und
docli, es duldete gar keinen Zweifel, seitdem ich darauf gestoBen
worden, habe ich die Homosexualitat in keinem einzigen Fall mehr
vermiBt.**
Die von S a d g e r im Jahrb. f . sex. Zwischenst. *3) und in der
Zeitschrift f. Sexuauwissenschaft **) mitgeteilten Falle machen nicht
den iiberzeugenden Eindruck wirklicher Dauerheilungen. Wir wollen
den in letztgenannter von ihm selbst als „Paradigma eines g 1 a n -
z e n d e n Erfolges" bezeichneten Fall im Wortlaut Sadgers zitieren :
„Der damals 21 jahrige Student wurde mir gesandt, weil ihn
seine homosexuellen Neigungen qualten, die besonders auf junge Leute
von 14 — 20 Jahren gerichtet waren, nebstdem noch allerlei xnaso-
chistische Geliiste. Beim Weibe (einer Prostituierten), dem er bis
dahin dreimal beigewohnt (die zwei ersten Male spontan, um zu
sehen, ob er iiberhaupt potent sei, das dritte Mai auf arztliches, so-
wie auf Vaters Drangen), fiihlte er sich voUkommen impotent.
Auf Befragen, ob er schon irgend einmal eine Neigung zum anderen
Geschlecht verspiirte, erinnert er sich bloB, im 2. oder 3. Lebens-
jahre einem gleichaltrigen Madchen in besonders galanter Weise das
Gaitentor geoffnet zu naben. Von familiarer Belastung weiB er an-
zuffeben, daB ein Bruder der Mutter geisteskrank sei. Die Mutter
seloer habe immer etwas Burschikoses und Mannliches an sich* ge-
habt, der Vater wieder zeigte stets sehr geringe Sinnlichkeit, daneben
auch deutlich invertierte Ziige, die friihverstorbene Sch wester hatte
einen knabenhaften Gesichtsausdruck. Sie bevorzugte Bubenspiele und
wiinschte sich zu W^ihnachten mit vier, fiinf Jahren ein Schaukel-
pferd fiir Knaben. Je eine Cousine vaterlicher-, wie miitterlicher-
seits war unverkennbar amphigen invertiert. Der Kranke selber hatte
ein unverhaltnismaBig breites Becken und auBerst sparliche Bart-
entwickelung. Als Kind soil er nur mit Puppen, nie mit Soldaten
gespielt haben, er beteiliglie sich nie an Knabenspielen und lernte
aucn sticken.
Demnach ein reiner Fall von Inversion mit masochistischen
Ziigen. Was ergab nun die Analyse des obendrein sehr intelligenten
Kranken? Zunachst etwas sehr Merkwiirdiges : Seine friiheste Neigung
gehorte den Frauen, und zwar nicht einer, sondern gleich einer An-
zahl. Die Erstgeliebte war die Mutter, von der er sich freilich spater
abkehrte. Mit zwei Jahren fiihlte er sich machtig zu einer alten
Kinderfrau hingezogen, der er direkt einen Heiratsantrag machte,
und welcho er spater in wiederholten Traumen der Pubertat zu Koitus-
phantasien benutzte. Etwas spater folgte seine besondere Galanterie
gegen das gleichaltrige Madchen, die so auffallend war, daB ihn seine
Mutter dariiber aufzog und er sich darob sehr genierte und argerte.
Auch eine Dienstmagd machte in den allerersten Jahren pinen
tieferen Eindruck auf sein Herz und kehrt in verschiedenen Manner-
typen wieder. Von homosexuellen Neigungen der ersten Jahre fulirc
ich als starkste und allerwichtigste die Liebe zu zwei Vettern an,
«) A. a. O., p. 312.
*3) Jahrg. IX, p. 341 ff.
**) J. Sadger: 1st die kontrare Sexualempfindung hoilbar? In
'lor Zeitschr. f. Sexualwiss., 1908, p. 712 ff.
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mit deneu er vom ersten Jahre ab spielte, dann im zweiten Jahre
die zu einem 9 jahrigen Baron, im vierten zu einem Kuaben, der ihn
masturbieren lehrte, im sechsten und siebentea zu einem Hauslehrer.
Im vierten Jahre schlief er aus AnlaB der Entbindung seiner Mutter
eine Zeitlang mit dem Vater in einem Bette, woran sich eine Reihe
homosexueller Wiinsche und Phantasien auf diesen kniipfte. Als dann
sein Schwesterchen zur Welt kam, verliebte er sich alsbald auch in
dieses. Noch auffalliger sind im siebenten und achten Jahre des
Patienten ein paar normalgeschlechtliche Verliebtheiten in drei bis
vier gleichaltrige Schuhnadel. Wie sich dann herausstellte, gab jede
von diesen etwas fiir einen spateren Typus her, und zwar fiir Jiing-
linge sowohl als Madchen, die spater sein Wohlgefallen erregten.
All diese Dinge, die dem Kranken vollstandig
unbewuJJt gewesen und erst durch monatelange Ana-
lyse sehr miihsam ausgegraben werden muBten, geben
ein vollig neues Bild. Sie lehren uns vorerst, wie wenig
auch der Intelligen teste sich kennt, wie vorsichtig also selbst die ehr-
lichsten Angaben aufzunehmen sind. Zweitens, daB auch schein-
bar reine Falle von Inversion der normalgeschlechtlichen Ziige nicht
entbehren, ja daB die letzteren in groBer Zahl vorhanden sein konnen,
ohne doch dem Kranken bewuBt zu sein. Zum dritten endlich, daB
die Inversion iln friihester Kindheit bis zum vierten Lebens-
iahre inklusive festgelegt wird, wenn sie auch meist erst in der
Pubertat zum BewuBtsein gelangt.
Icli sagte oben, daB hinter den gleichgeschlechtlichen Idealen
stets wieder das andere Geschlecht zu finden sei. Auch die Heilung
geht dann derart vor sich, daB, wenn man die verschiedenen Inver-
sions-Auflagerungen durch Psychoanalyse weggebracht hat, die ur-
spriingliche Heterosexualitat ins 'BewuBtsein tritt und sich Neigung
zumfanderen Geschlecht entwickelt, nicht ohne Riickfalle in die Homo-
sexualitat, hinter welchen dann wieder ein heterosexuelles zu finden
ist. Der oben genannte Patient z. B. hatte schon am zehnten Tage
der Analyse den Erfolg zu verzeichnen, daB er beim n a -
n i e r e n sich nicht Manner mehr vorstellte, sondern direkt ein Mad-
chen, bald regte sich Verlangen nach einem Koitus mit dem Weibe,
dann berichtet er wieder: „Wenn mir jetzt ein Mannergesicht ge-
fallt, was ohnehin nur mehr selten geschieht, brauche ich mich
nur zu fragen: welches Weib steckt dahinter? was ich binnen einer
halben Stunde herausbringe, und alles ist gut und voriiber." Am
bezeichnendsten aber ist folgende Episode. Am 19. Tage der Ana-
lyse meldet der Kranke einen argen Riickfall. Die mannlichen Schen-
kel auf der Abbildung eines jungen Athleten, der bei Ronacher auf-
trat, hatten es ihm angetan. Er trage eine kurze Hose, ahnlicb
einer Schwimmhose. Da aber schon drangte sich eine bezeichnende
Zw^ischenbemerkung ein: „Die Hose ist so gefaltet und gefranst, und
das hat mich an die Unterhose eines Weibes erinnert." Ich ent-
gecrnete sofort: „Ihr Riickfall in die Homosexualitat ist also eigent-
lioh Heterosexualitat?" was er anfangs bestreitet. Doch in der nam-
lichen Stunde bereits erzahlte er selber: „Am andern Tag in der
Friihe ist dieser homosexuelle Trieb wiedergekommen, und zwar das
Verlangen, von einem Manne im Anus koitiert zu werden. Ich stellte
mir vor, ich liege auf dem Riicken, die Hande auf dem Riicken gefesselt,
und irgendein junger Mensch — Brust und Gesicht ist ganz unbestimmt
geblieben, nur die Schenkel waren stark vortretend, es waren die der
Athletenfigur und dann hatte er auch diese Schwimmhose an —
der koitiert mich." Ich erklare ihm seine Phantasien. In jener
VorstelJung des Athleten mit der Unterhose eines Weibes seien zwei
Vorstellungen zu einer verbunden, namlich einmal wirklich von einem
Athleten, also einem besonders starken Manne gefesselt zu werden,
und zweitens von seiner Mutter in Unterho^en, die ja nach seiner
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Angabe auch so furchtbar stark sei. Er entgegnet darauf: „Ja, in
Windeln gewickelt und so gefesselt zu werden. Ich glaube, es wird
ofters passiert sein, daB, wenn ich mich in der Nacht naB oder vol!
maclite, die Mutter rasch auf stand, nur in die Unterhosen schliipfte,
mich aus- und natiirlich auch wieder einwickelte."
Hier von einem „glanzenden*' Erfolge zu sprechen, verrat
einen reeht betrachtlichen Grad von Optimismus. Ich selbst
habe im Laufe der letzten Jahre eine ganze Anzahl von Personen
gesehen, die sich einer zum Teil auf einen langen Zeitrauan
erstreckenden eingehenden psychoanalytischen Behandlung unter-
zogen, darunter Personen, welche die von Sadger betonte Vor-
bedingung daU sie „von ihrer Abnormitat wirklich befreit sein
wollen** und diesen Wunsch nicht bloB wegen eines sie .be-
drohenden strafgesetzlichen Paragraphen hegen*^), durchaus er-
fiillten. Fast libereinstimmend horte ich von ihnen, daB sie
in mancher Beziehung, namentlich in der ersten Zeit der Be-
handlung, eine gtinstige Wirkung verspiirten; es sei ihn6n ge-
wesen — so drtickte eich einer aus — , als ware durch die
Psychoanalyse ein Knoten in ihrer Seele gelockert und gelost
worden; von einer Umwandlung des homosexuellen Triebes in
einen heterQsexuellen konnte dagegen in keinem der zu meiner
personlichen Kenntnis gelangten Falle die Rede sein. Und einer
der erfahrensten Kenner der Psychoanalyse, Dr. Wilh^lm
StekeH^a) schreibt: „Ich habe noch nie eine voUstandige Hei-
lung einer Homosexualitat durch Psychoanalyse gesehen." Wenn
Sadger einmal*^) von seiner Behandlung der Hoijiosexualitat
sagt: „Was auch die Psychoanalyse nicht mehr zu losen ver-
mochte, war dann angeboren, entsprach der sexuellen
Konstitution'*, so erinnert dieser Ausspruch sehr an den ahn-
lichen Satz von Schrenck-No tzing**^), in dem auch er
die originare Form der kontraren Sexualempfindung als die
der Heilung durch Hypnose nicht mehr zugangliche „Gemuts-
belastung** bezeichnet.
Beide Autoren geben in diesem Satz die Erklaxung ftir das
Qnzureichende ihrer Methoden. Es beruht darauf, daB die
Homosexualitat liberhaujptj „der sexuellen Konstitution ent-
eprechend", originar ist, kein psychisches Erlebnis, sondern
*5) Vgl. Jahrb. f. psychoanalytische u. psyc} )pathoIogische For-
schungen. Plerausg. v. Bleuler u. Freud. I. Bd. II. Halfte.
Karl Abraham: Bericht iiber die osterreichische u. deutsche
psychoanalytische Literatur bis zum Jahre 1909, p. 689.""
45a) Vgl. Zentralblatt fiir Psychoanalyse. Dritter Jahrg. Heft 4/5.
1913. S. 200: Stekel, Die Ausgange der psychoanalytischen Kuren.
*^) J. Sadger: Fragment der Psychoanalyse eines Homosexu-
ellen. Im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. IX, p. 347.
*") V. Schrenck-Notzing, a. a. O. p; 199.
Hirschfeld, Homosexualim. 28
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das Ich selbst als der unzerstorbare Urgrund psychischen Ge-
schehens.
Die „zerteilende** Wirkung, wie sie die Patienten von der
Psychoanalyse riihmen, wohnt der dritten psychischen Heil-
methode, die A. Moll neuerdings unter dem Namen „A8Sozia-
tionstherapie** mehrfach*^) geschildert hat, nicht inne.
Er meint**): „Obwohl diese Art Therapie nahe liegt, ist
sie bisher fast ganzlich igaoriert worden. Die Methode be-
steht in der richtigen Leitung des Vorstellungslebens, in der
methodischen Ausbildung der normalen und in der methodischen
Unterdriickung der perversen Assoziationen. Dabei wird, wie von
Freud, theoretisch vorausgesetzt, daB „bei fast alien Perversen eine
Brucke vorhanden ist, die zum normalen Geschlechtsleben hiniiber-
leitet." Auf dieser Briicke soil man nun moglichst viel normale
Reize in das substituierte Gehirnzentrum hineinschicken, „wo die
Vorstellungen lokalisiert sind, die das Weib zum Inhalt haben", wah-
rend man dementsprechend bei der homosexuellen Frau heterosexu-
elle Assoziationen in die im Schema als m bezeichnete Stelle senden
muB, woselbst „die Vorstellungen, die den Mann zum Inhalt haben,
lokalisiert sind". Deshalb soil „homosexuell entwickelten weiblichen
Personen moglichst viel der Verkehr mit anstandigen jungen Man-
nern gestattet werden", homosexuelle Manner aber sollen „moglichst
wenig mit Geschlechtsgenossen und moglichst haufig mit weiblicheu
Personen, besonders jiingeren, zusammen sein". „Tanzstunden, Sport,
gemeinsame Ausfliige, geselliges Zusammensein und andere Gelegen-
heiten sind gute Mitteli prophylaktisch und therapeutisch zu wirken.
Der strenge Abschlui3 der Geschlechter ist vom Standpunkt der Per-
version, besonders der Homosexualitat aus, nicht zu billigen." Ganz
besonders wichtig erscheint dem Befiirworter der Assoziationsthera-
pie die Lektiire ; vor allem ist den Homosexuellen Maupassant
zu empfehlen. „Der Arzt wird sich mitunter," schreibt Moll^o),
.,bei der Empfehlung von Lektiire iiber Bedenken- von Sittenrichtern
hinwegsetzen miissen, und er kann gelegentlich selbst eine Lektiire
empfehlen, die Moralpredigern geeignet erscheint, das „Schamgefiihl
groblich zu verletzen . „Die etwas freiere Schilderung eines Weibes,
die sinnlich erregende Schilderung eines Boudoirs oder eines Harems,
wie sie sich nicht selten in der erotischen, aber auch in der gewohn-
lichen belletristischen Literatur fin,det, wird zuweilen gute Dienste
leisten.**
Weiterhin kann man nach Moll mit Vorteil auch Abbildungen
zu Heilzwecken benutzen; „leicht verhiillte weibliche Personen oder
auch bekleidete, gelegentlich auch wirkliche Aktdarstellungen konnen
Dienste leisten". Ahnlich sollen Theatervorstellungen, lebende Bilder
uud kinematographische Darstellungen durch den Anblick „weiblicher
Personen in erotisch anregenden Kostiimen" auf Homosexuelle wirken.
Um auf diesem Wege geheilt zu werden, ist „die erste Vorbedingung
der EntschluB, an der Behandlung mitzuarbeiten", „der gute Wille zur
Mitwirkung". Dieser wird dann fehlen, „wenn der Homosexuelle unter
dem EinfluB einer ungeeigneten Umgebung steht, die ihn in seiner
Perversion bestarken will. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das
Wirken mancher Agitatoren anzusehen, die den Homosexuellen die
*8) Vgl. besonders A. Moll: Handbuch der Sexual- Wissenschaf-
ten. VII. Hauptabschnitt 1,5: Medizinisches iiber die sexuellen Per-
versionen, p. 661 — 671. •
*9) A. a. 0. p. 662.
60) A. Moll, a. a. O. p. 665 f.
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Unwandelbeurkeit und Unheilbaxkeit ihres Zustaades suggerierten."
(p. 670.)
Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, einen Fall zu b^obachten,
der recht treffend illustriert, was von dieser sogenannten „Asso-
ziationatherapie" zu halten ist. T., einem seit zwei Jahren ver-
heirateten Homosexuellen, hochgebildeten Akademiker, lag auBerordent-
lich viel daran, seine Frau zu schwangern, die sich nngemein ein
Kind wunBchte. Es bestand vollkommene impotentia coeundi, trotz-
dem seit der Hochzeit niemals homosexuelle Betatigung stattgefundeu
hatte und auch homosexueller Verkehr ganzlich vermieden wurde.
T. hatte alles Erdenkliche versucht und war schlieBlich auch auf die
Afisoziationstherapie verfallen. Aber weder die schons^n weiblichen
Akte. noch der intensive Anblick weiblicher Schonheit^n in den be-
sirickendsten Posen und Kostiimen fuhrten seine PoteAz herbei, und
auch Maupassant lieB ihn im Stich. Da schlu^ er ' auf den Bat
eines anderen Arztes den entgegengesetzten Weg ein. Er schloB sich
abends in sein Studierzimmer ein, besichtigte mannliche Aktstudien
und las homosexuelle Belletristik. Nachdem er mit d i e s e n Reizen,
Vorstellungen und Assoziationen sein Sexualzentrum „geladen'*, betrat
er hochgradig erregt das Schlafzimmer seiner Frau, und es gelang
ihm, was er so lange ersehnte: der normale und schlieBlich auch er-
folgreiche Koitus.
Die MollBclie Aseoziationstherapie steht im Wider-
spruch mit dem so nngemein spezifisch dif ferenzierten sexuelien
Selektionsprinzip, nach dem nur Eindiiicke zur Wirkung kom-
men, denen die individuelle Beschaffenheit des Sexualzentrums
die entsprechend reagierenden Angriffspunkte bietet. Was ich
in meinen „Naturgesetzen der Liebe'' liber die Konstanz und
Anderung der Triebrichtung im allgemeinen sagte, gilt hier
im ganz besonderen. Es JieiBt da^^) : „Wenn neuerdings ein
Antor^) den Standpunkt vertreten hat, dalJ man dureh metho-
disches Hineinsenken von Assoziationen in das Gehirn den
Trieb nmmodeln konne, so ateht diese Anschauung im Wider-
sprnch mit allem, was wir von der spezifischen Haftbarkeit von
Sinneseindriicken wissen. Es ist diese Methode nicht viel anders,
als wenn man einen Farbenblinden mit den von ihm nicht
richtig erkannten Farben umgibt, oder einen Tauben heilen
zu konnen meint, indem man ihn in Konzerte ftihrt. Was
Goethe vom Sehorgan eagt: ^,War' nicht das Auge sonnen-
haf t, die Sonne konnt es nie erblicken**, gilt von jedem Sinnes-
organ, jeder Sinneszelle, auch vom Geschlechtssinn : ist der
Geschlechtssinn nidit frauenhaft, so kann das schonste Weib
ihn nicht in Vibration versetzen; es fehlt die H af tstelle.**
Es kommt hinzu, dafl die Moglichkeit, ausschlieBlich die ge-
\rQnschten Eindrlicke auf den Patienten wirken zu lassen und
"J M. Hirschf eld: Naturgesetze der Liebe. 1912, p. 160 f.
**) Zeitschrift fur Psychotherapie und medizinische Psycholcgie.
Sonderabdruck aus Band III, Heft 1. Moll, die Behandlung sexu-
eller Perversionen mit besonderer Berucksiohtigung der Assoziations-
therapie. Stuttgart, 1911.
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die nicht gewtlnschten v5llig auszusch alien, im Grande nur
eine rein theoretische ist, da der kleinste sich einschleichende
adaquat'e Reiz auch bei groflter Vorsicht und sorgsamstex
Auswahl alle Mlihe des Arztes und des Patienten liber d^n
Haufen werfen muJJ. In den Beispielen, die Moll ftir die
Macht solcher Gewohnung und Anpassung anfiihrt, verwechselt
er augenscheinlich Ursache und Wirkung. Sowohl der Lehrer,
den seiner Meinung nach sein Beruf padophil macht, wird
umgekehrt dturch seine ihm selbst vielleicht zunachst unbe-
wuJJte Sympathie zur Jugend in den Beruf gefiihrt; der Ehe-
mann, der im Laufe der Ehe seine alle andern abstoBen,de
Frau immer lieber gewinnt, wird nicht durchGewQhnung
aeinen Abscheu liberwinden, sondern in der weitaus groBeren
Anzahl derartiger Falle durcK eine den anderen unverstand-
liche, meist fetischistische Neigung gerade zur Ehe mit dieser
Frau veranlaflt sein.
Theoretische Erwagungen und praktische Erfahrungen
haben uns liibereinstimmend zur Evidenz gezeigt, dafl cbenso-
wenig wie medikamentare, operative, diatetisch^, die psychischen
oder sonstigen Methoden imstande sind, einen Zustand und
einen Trieb zu zerstoren, der bis an das Lebensende unloslich
der Individualitat anhaftet. Nur ein Mittel kann ihn vernichten :
der Tod.
Rohl€der^3) trif f t durchaus das Richtige, wenn er als Resii-
mee seiner therapeutischen Auslassungen den Satz sperrt^*): „Die
Homosexualitat, selbst die psychosexuelle Herm-
aphrodisie ist therapeutisch durch nichts beeinfluB-
bar, und was fiir die homosexuelle Triebrichtung gilt, gilt auch fiir
die heterosexuelle." Ein wahres Wort iiber die arztliche Behandlung
der Homosexuellen findet sich auch bei Back ^Aa). Dieser offenbar sehr
gut unterrichtete Autor sagt: „Was die Natur im Keime verfehlt,
das wird der Mensch mit allem seinen Wissen kaum zu korrigieren
vermogen, und deshalb mogen sich die Homosexuellen als mundus in
mundo ihi* Dasein zimmern, hiiteu aber mogen sie sjch vor der Tor-
heit zu heiraten und vor falschen Vorstellungen von unserem arzt-
licben Konnen bei der Behandlung ihrer Anlage, die Suggestion und
Elektrizitat, Isolierung und Wasser, Licht, Diat und Medizin ebenso
wenig ipastande sind zu beseitigen, wie es moglich gewesen ware,
einem Moiart seine musikalischen Anlagen zu nehmen oder einem
Michelangelo neben seiner Homosexualitat die Gottesgabe des Kiinstler-
tums".
Und in der Tat, wie soil man auch erwarten, dafl irgend-
eines der genannten Mittel und Medikamente imstande sein
**) H. Rohleder: Vorlesungen iiber Geschlechts trieb u. ge-
samtes Geschlechtsleben des Menschen, 2. Aufl., 1907.
w) A. a. O., p. 415.
^) Dr. Georg Back, Sexuelle Verirrungen des Menschen und
der Natur, Berlin 1912, p. 674.
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soUen, eine Leidenschaft zu vernichten, die weder Furcht vor
Strafe, noch die vor gesellschaftlicher Achtung, vor Familien-
schande, Verlust der Lebensstellung, vor Erpressungen und
sonstigen Unbilden vernichten konnte.
Horeu wir noch einige gebildete Homosexuelle selbst. Ein
Schweizer Uranier schreibt: „von Jugend an bin ich hartnackig
gegen mich angegangen und habe mir die grofite Miihe gegeben,
meine Keigungen zu beherrschen. Es gelang mir hie und da,
aber leider machte ich stets dieselbe Erfahrung; je langer ich
anscheinend siegreich den Trieb unterdnickte, um so neftiger
Icehrte er auf einmal zuriick. Hauptsachlich geschieht dies nachts
beim Erwachen, wenn die Willenskraft durch den Schlaf vermindert
ist. Was habe ich nicht alles angewandt: feste Entschliisse und Ge-
Ifibde, Arzte zu Rate gezogen, Wasserkuren, Hypnose und Elektrizitat,
systematische Ablenkung der gefahrlichen Gedanken durch korper-
liche Ubungen, Ackerbau, Reisen, Militardienst, Studien, Lesen usw.
Ich opfertc geliebte Gegenstande; weder Religion noch Philosophic
waren mir behilflich. Ich litt stark an LebensiiberdruB. Vier Jajire
war ich leidenschaftlich in einen jungen Mann gleichen Alters verliebt,
bis derselbe im 24. Jahre starb, ohne daB ich ihm jemals eine AuBerung
machen durfte. Es war ein Hollenleben." Ein Urning wHnscht sogar
ein Gesetz, „welches den Seelenarzten anbefehlen soil, wenn sich ein
verzweifelnder Uranier an sie um Hilfe wendet, denselben auf elek-
trischem Wege zu toten, damit er seines grausamen Geschickes,
welchem verglichen korperliches Sichtum ein wahres Labsal ist,
schmerzlos enthoben werde."
Es gibb viele Uranier, die die Nutzlosigkeit ihres Ringens ein-
sehend, sich alsbald auf den Standpunkt stellen: c*est plus fort que
moi. Auch hier moge einer fiir mehrere sprechen. Ein nomosexuelier
Ungar schreibt: „Unsere Liebe ist genau so, wie die der gewShnlich
Empfindenden, bis in die kleinsten Regungen genau so; was unsere
Liebe entstellt, ist die Furcht. Unsere Leute miissen sich ihrer
Liebe schamen; das verzerrt ihr Bild. Auf Verfiihrung kann es nicht
beruhen, da mich niemand verfiihrt hat. Ich allein, aus eigenem
Drange heraus, bot mich zum eraten Male — und wie gerne — meinem
Liebsten an. Von einer ganzlichen Unterdruckung des Triebes zu
sprechen ware Unsinn ; man wiirde krank oder verriickt werden. Gleich
am Anfange war meine Liebe, obwohl tastend und unbestimmt, doch
immer auf Manner gerichtet. Sehr friih, mit ca. 14 Jahren, fiihlte
ich bereits, daB ich anders war, doch ich konnte es mir nicht erklaren,
daher wurdc ich sinnend und lernte iiber mich und mein Innenleben
nachdenken. Vom Vorhandensein der Homosexualitat wuBte ich da-
mals noch gar nichts, kam aber nach und nach iiber mich ins Reine.
Nur das eine war schon damals fest: ich haBte bartlose, weibliche
und weibische Manner, die floBten mir Ekel ein ; wahrend blonde,
Starke, derbe, schnurbllrtige Manner mich rasend verliebt machten,
ich ihnen nachlief und alles fiir sie getan hatte, denn ihre Nahe
allein machte mich unsagbar gliicklich. Wogegen soil ich ankampfen?
Gegen etwas, was keinen Menschen verletzt? Nein, dagegen habe und
werde ich nie ankampfen I Ich bin nicht krank I Ich war mit meiner
Mama diesbeziiglich bei Budapester Psychiatern, sie erklarten, an
meiner Veranlagung sei nichts zu andern." Mama war anfanglich sehr
ungliicklich, jetzt nimmt sie es schon leichter, und ich war, seit ich
iiber meine Psyche im Klaren bin, nicht eine Minute ungliicklich. Mit
gemeinen Leuten gebe ich mich nicht ab, und erst muB ich jemand
sehr, aber schon sehr genau kennen gelernt haben, bevor ich etwas
anfange ; bin auBerst vorsichtig. Bin sehr leicht erregt ; gewiB kann
ich meinen Geschlechtstrieb beherrschen, doch nur bis zu einer ge-
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wisseu Grenze. WuBte auch nicht, weshalb ich meinen Trieb ffanz
dammen sollte, ist doch die Befriedigung auf reinere und asthetiscnere
Weise zu erlangen als bei HeterosexueUeii, und da wird weder Gott,
noob konnen die Menschen etwas dagegen haben. Und wer ein Liist-
ling ist, der wird es ebensogut als Hetero- wie als Homosexueller sein.
Ich suche nur dann Befriedigung, wenn es wirklich scbon s e h r not-
wendig ist; etwa alle zwei Monate. Ich kiisse meinen Freund heftig,
er umarmt mich fest, und wahrend er mich innig an sich preBt und
liber meine Geschlechtsteile fahrt, bekomme ich sofort heftiffen Samen-
erguB. Einsame Onanie ist und war mir immer unbegreiflich."
Lesen wir diese und viele ahnliche Berichte, so kann man
nicht zweifeln, dafl es sich bei der Homosexualitat um einen
nicht beherr^hbaren Trieb handelt. Von mehreren hundert
Hoinosexuellet, die nach sorgsamer Prlifung die Frage beant-
wortcn sollten: halten Sie ihren Geschlechtstrieb fiir unliber-
windlich? antworteten 98<yo dem Sinne nach : auf dieDauer
ja, nur 2o/o erklarten ihre Leidenschaft ftir beherrschbar,
sagten aber nicht, fiir wie lange Zeit. Im einzelnen diixftie
di(> Starke des Triebes und die Kraft der Hemmungen, als deren
Resultante uns die sexuelle Betatigung entgegentritt, sehr
verschieden sein. Sicherlich gibt es unter tausend homosexuellen
M^nnern und Frauen einige, die ihr Leben lang abstinent leben;
ich kenne einige, die erst nach dem 50. Jahr zum ersten Mai
sexuell verkehrten, aber das sind doch nur verschwindend ge-
ringe Ausnahmen. Dabei branch en wir nicht anzunehmen, daQ
das durchschnittliche Bedtirfnis der Homosexuellen nach Betati-
gung groBer ist als das der Heterosexuellen, allerdings auch
nicht geringer.
Wenn Krafft-Ebing in der Schrift „Der Kontrar-
aexualc vor dem Strafrichter** von der homosexuellen Emp-
findung sagt^^) : „Sie macht sich in der Kegel mit abnormer
Starke geltend, beherrscht in oft geradezu krankhaf ter Weise
das ganze Denken und Ftihlen der mit ihr Behafteten und kann
zeitweise so heftig sich Befriedigung erzwingen, dafl Beherr^
schung uumoglich wird, umsoweniger, als diese Befriedigung
als wohltatig, n5tig und nattirlich empfunden wird, somit sitt-
liche Gegenvorstellungen nicht zu Gebote stehen", so liegt
dies im wesentUchen daran, dafl fiir den Homosexuellen keine
Sexualordnungen bestehen, welche es erm5glichen, den Ge-
schlechtstrieb als ein gelostes Lebensproblem aus seinem Denken
und Fuhlen auszuschalten. Schon bei homosexuellen MSnnern
und Frauen, die zusammenwohnen, tritt seine Bedeutung
wesentlich zurUck.
**)v. Krafft-Ebing: Der Contrarsexuale vor dem Straf-
richter, p. 7.
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DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Adaptionsbehandlung (Anpassungstherapie) der Homo-
sexualitat
Soli sich nun der Arzt angesichts der Erkenntnis der Un-
abander'lichkeit der Homosexualitat auf den Standpunkt des
Nihilisraus stellen, soil er die Behandlung Homosexueller ab-
lehnen und die Homosexualitat als eine nicht in sein Intter-
essengebiet fallende anthropologische Varietat betrachten? Mit-
nichten. Wie bei einer korperlichen Wunde durch Absonde-
rung der Druck und Schmerz nachlaUt, so entlastet sich eine
seelische Wunde durch befreiende Aussprache. Diese losende,
oft geradezu erlosende Wirkung durch Wort und Schrift wird
um so wohltatiger empfunden, je mehr Verstandnis, richtige
und eingehende Beurteilung dor Leidende findet. Der in seinem
Seelenleben von der Norm Abweichende spiirt sehr bald her-
aus, ob der Arzt, dem er sich anvertraut, Art und Grad seiner
Beschwerden begreift. Versetzen wir uns in die Lage eines
Menschen, der sich nach vielem' Zagen endlich entschlieBt, eine
Beichte abzulegen liber Empfindungen, Neigungen und Hand-
lungen, die ihm selbst bald als Sdiuld und Slinde, bald als
geistige Verirrung und Verwirrung, bald als schweres Ungliick er-
schienen sind, liber einen Zustand, der ihn mit dauernden Ge-
fahren bedroht. Diese Personen haben das Bewufltsein: „ein
Schwert des Damokles pendelt liber ihrem Haupte**, „sie tanzen
auf einem Vulkan". Mehr als zehnmal haben sie sich fest
vorgenommen, mit einem Arzt zu sprechen, ihta ,,alles" zu
sagen; ebenso oft brachten sie es nicht liber ihre Lippen; sie
gingen vor seinem Hause auf und ab und kehrten schlieB-
lich um ; sie bef anden sich im Wartezimmer des Arztes und gingen
unverrichteter Sache davon; sie saflen im Sprechaimmer dem
Doktor gegentiber und tauschten ihm im letzten Moment irgend-
eine andere Krankheit, an der si^ l^iden Qder nicht lei den ^ Kopf-
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weh, Schlaflosigkeit, Hamorrhoiden, vielleicht sogar Impotenz
vor und gelangen in langstlichem Bangen nicht an ihr Ziel.
Wenn der Urning sich nun aber endlich ein Herz gef aBt hat, und
der Arzt macht ihm zwar keine Vorwtirfe, speist ihn aber mit
Satzen ab wie: „Sie bilden sich das gewifi nur ein** oder „Sie
haben wohl Krafft-Ebing oder ahnliche Schriften gelesen**
(er tat es, aber langst, nachdem sein Flihlen determiniert war)
oder ;„das sind noch Folgen der Onanie**, oder der Arzt be-
gniigt sich, ihm Aphrodisiaka oder Nervina zu ver-
ordnen, oder laBt ihn — wenn er Anhanger der Hypnoser
therapie ist — die Augen schlieBen und scharft ihm ein:
„von jetzt ab werden Sie nur noch fur das Weib Liebe emp-
finden** — dann merkt der Homosexuelle nur zu bald, dafl
er bei diesem Arzt weder Hilfe noch sachVerstandigen Rat
finden kann.
Nicht saltan schrecken einen Homosexuellen audi Bemerkungan
ab, die ein Arzt, in manchen Fallen dar Hausarzt der Familie, im all-
gemeiDeu uber die Homosexualitat fallte, ohne zu wissen, daJJ sie das
Ohr eines parsonlich Beteiligten trafen. So barichtete mir einmal ein
Patient, der, ca. 35 Jahra alt, wagan hochgradigar nervoser Angst-
zustande vollig arbaitsunfahig seit nahazu ainem Jahrzehnt mit kurzen
Unterbrechungan von ainem Sanatorium in ain andares gegangan war,
dai3 er immer versucht hiitta, in allgameinen Gasprachen heraus-
zuboren, wie der Arzt iiber die Homosexualitat dachte; weil fast alle
aine ungiinstiga Meinung aufiertan, h§,tte ar sich niemals entschlieBen
konnan, die eigentliche Ursacha seiner schweren Naurasthenie zu offan-
baran. .
Der Arzt, der von einem Homosexuellen konsultiert wird,
hat die Aufgabe und Pflich't, sich ein Urteil tiber den Fall erst
auf Grund sehr eingehender Exploration zu bilden. Er muiJ
sich ganz genau informieren uber das erste Auftreten homo-
sexueller Empfindungen, iiber Kindheit, Jugend und Reife-
zeit, liber Abstammung und Erziehung des Betreffenden, iiber
seine seelischen und korperlichen Eigenschaften, seine Inter-
essen und Fahigkeiten, er muB nach dem Inhalt der erotischen
TrUume forschen, nach den Typen und Eindriicken, die ihn
unwillkiirlich fesseln, nach dem, was ihn sexuell abstoBt und
anzieht, nach Vorstellungen bei etwaiger Selbstbefriedigung, er
raufl einen Bericht erhalten, welche sexuellen Akte versucht
und vorgenommen wurden, wie sie verliefen, mit welchen
Mitteln gegen die unerwiinschte Triebrichtung angekampft
•wurde. Daran wird sich eine korperliche Untersuchung zu
schlieBen haben, bei der sowohl auf Stigmata neuropathischer
und degenerfitiver Disposition als auf feminine Einschlage beim
homosexuellen Mano, auf virile bei der homosexuellen Frau
geachtet werden und unmerklich auch ein Blipk auf die Klei-
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dung und Unterkleidung der Patienten geworfen werden muB.
Alles das wird sich kaum jemals in einer einzigen Konsultation
btewerkstelligen lassen, vielmehr wird es einer ganzen Reihe
von Besprechungen bediirfen, um ein klares Bild zu gewinnen.
Diese methodische Befragung, wobei sich mir der psycho-
biologische Fragebogen als gutes diagnostisches Hilfsmittel be-
wahrt hat, wird auch den Patienten selbst schon eine nicht un-
wesentliche Erleichterung bringen. Wie treffend heiBt ea doch
in Goethes „Tasso** (III, 2) :
„Die Krankheit des Gemtites loset sich
In Klagen und Vertrau'n am leichtsten auf.**
Das Ergebnis, zu dem wir gelangen werden, kann ein vier-
f aches sein. Entweder tauischt sich der Patient selbst iiber
scinen Zustand, er ist liberhaupt nicht homosexuell, sondern
es liegt einer der im Kapitel tiber Differentialdiagnose ge-
schilderten Komplexe vor, die zu einer Verwechslung mil
Homosexualitat fiihren konnen. Dann wird man dies dem um
Rat Fragenden ausftihrlich auseinandersetzen und begrlinden
mlissen. Oder aber — diese zweite MogUchkeit wird namentlich'
bei Jugendlichen nicht selten vorkommen — es ist noch nicht
moglieh, eine sichere iDiagnose zu stellen. Dann wird man
alios tun, die heterosexuellen Neigungen zu kraftigen, voUige
Entfernung aus dem homosexuellen Milieu fordem und die
Entscheidung auf ktirzere oder langere Zeit, gelegentlich auch
wiederholt vertagen. Die dritte Moglichkeit ist, daB es sich
um psychischen Hermaphroditismus, um einen Bisexuellen
handelt, wobei es dann der Losung der Unterfrage bedarf, ob
und in welchem Grade die eine der beiden seelischen Kompo-
nenten das Ubergewicht hat. Das vierte Ergebnis endlich kann
sein, daB wirkliche, echte Homosexualitat vorliegt.; was
werden wir d a tun ?
In diesem Falle werden wir die homosexuelle Personlich-
keit — gleichviel ob Mann oder Weib — in erster Linie zu
beruhigen haben; wir werden ihr erklaren, daB es sich um
eine eingeborene unverschuldete Triebrichtung handelt, die nicht
als solche, sondern durch die ungerechte Beurteilung, die sie er-
fahrt, ein Ungllick darstellt, daB sittlich hochstehende Homo-
sexuelle, worunter nicht nur vollig abstinente zu verstehen
sind, „mehr Unrecht leiden, als Unrecht tun*' ; wir werden wei-
t-erhiu auseinandersetzen, daB das Ungllick, homosexuell zu sein,
sehr oft iiberschatzt wird, daB es viele keineswegs als solches
empfinden, und die Homosexualitat an sich niemanden hindert,
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wenn auch gegenwartig noch vielfach unter erhohten Schwierig-
keiten, ein tlichtiger Mensch, ein sozial nlitzliches Glied der
Gesellschafi zu werden. Wir werden dies durch einige Beispiele
aus der Geschichte belegen und dann auch auf die weite Ver-
breitung der Homosexualitat in der Vergangenheit und Gegen-
wart eingeheir, um den sich meist sehr isoliert Flihlenden die
qufilende Vorstellung der Vereinsamung zu nehmen. Als An-
gehSrige einer groBen Menschheitsgruppe wird der Homosexu-
elle seine Lage ganz anders beurteilen als ein mit dem Stempel
der Monstrositat behafteter Sonderling. Das alte Dichterwort:
,^olamen raiseris socios habuisse malorum*' bewahrt hier oft
genug seine bedeutungsvoUe Wahrheit.
Die deprimisrenden Kohabitations-Versuche mit dem anderen
Geschlecht sollen aufgegeben werden, vor allem auch der Ge-
danke an eine Ehe, die, abgesehen von der Rlicksichtslosigkeit
anderen gegenliber, nur die eigene Situation zu verschlimmern
imstande ist. Etwa zu diesem Zweck angewandte potenz-
steigernde Mittel sollen nicht mehr genommen werden, aber
auch, von Ausnahmen abgesehen, nicht „beruhigende** Arzneien
wie Brom, vor allem nicht Morphium. Solche Medikamente
setzen nur die nervose Widerstandsfahigkeit herab, die gerade
gehoben werden soil. Der Steigerung der Nervenkrfifte dient
vor allem eine nach bestimmten Geaichtspunkten geregelte
. Lebensweise. Fiir diese Allgemeinbehandlung wird sich in
manchen Fallen, zumal es dem allein stehenden Homosexu-
ellen oft an entsprechender Pflege mangelt, eine roborierende
und gleichzeitig kalmierende Kur in einem Sanatorium unter
Leitung eines Arztes, dem sich der Patient voll und ganz an-
vertrauen kann, empfehlen.
Um zu der therapeutisch so wichtigen volligen Klarheit
liber sich selbst zu gelangen, sind mit dem Patienten, dessen
melancholische Gemlitsstimmung sich nicht selten bis zu Selbst-
mordgedanken steigert, noch zwei weitere Hilfsmittel zu be-
sprechen: gute Lektiire und Anschlufl an geistig hochstehende
Gleichempfindende.
Von geeigneten Schriften leisten, um nur einige wenige zu nennen,
auch haute noch Platos Dialoge gute Dienste, ferner Werke wie
Gleichen-RuBwurms Freundschaft i), Carpenters feinsioniize
Arbeiten, die Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen mit ihren zahi-
reichen biographischen Studien, Platens Tagebiicher und E 1 i 9 a-
ri(»n V. Kupffers Anthologie der Freundcsliebe.
i)A. V. Gleichen-RuBwurm: Freundschaft. Eine psycho-
logische Forschungsreise. Stuttgart, 1911.
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Mit Recht schreibt GrabowskyS) in C here ins timmung mit
Nacke, Meisner^a) imd vielen anderen :
„Segensreich hat bereits die Literatur iiber das Urningtum ge-
wirkfc, wieviele Urninge leben in den Provinzen, die eines Tages ihren
kontraren Trieb merkend, dadurch tief ungliicklich gemacht werden,
weil sie wahnen, dafi sie mit solchem Tnebe allein stehen; die in
steter Furcht ihre Tage hinbringen, es mochte ihr Trieb einmal ent-
deckt werden und sie dadurch ihres Ansehens in der menschlichen Ge-
sellschaft verlustig gehen. Aus welchem Jammer werden diese Un-
gliicklichen erlost, wenn sie nun durch die Literatur erfahren, dafi
sie keineswegs mit ihrem Triebe allein slnd, sondorri noch vide, viele
Tausende Schicksalsgefahrten habeni"
In ahnlicher Weise wirkt die Bekanutschaft charaktervoUer Homo-
sexueller, die bereits in den Hafen der Selbsterkenntnis eingelaufen
sind. Allerdings bedarf es bier einer gewissen Vorsicht, weil es vor-
kommen kann, dafi der Wunsch nach geistigem Verkehr als Vorwand
fiir korperlichen angegeben wird. So richtete einmal ein Homosexueller,
der sicn an seinem kleinen Ort sehr vereinsamt fiihlte, die flehent-
liche Anfrage an mich, ob ich ihm nicht die Moglichkeit gewahren
konnte, sich mit einem „Leidensgenossen" auszusprechen. Auf wieder-
holtes Versichern fragte ich bei einem mir in derselben Stadt be-
kannten, gleichfalls recht vereinsamten Urning. an. Nachdem beide
sich kennen gelernt hatten, schrieb mir der Bittsteller, er sei sehr
enttauscht, der Leidensgenosse hatte einen Spitzbart und sei schon
50 Jahre alt.
Sehr wesentlich scheint es mir ferner, dem Homosexuellen,
der unsern Rat erbittet, klarzulegen, dafi auch heute noch
die Lehre P 1 a t o s von dem Unterschied zwischen ethiseh subli-
mierter und korperlicher Betatigung zu Recht besteht. Aus
beiden, nicht nur aus der letzten Form, entstromt dem Homo-
sexuellen eine Quelle des Glticks und der Befriedigung. Das
geistige Ausleben gleichgeschlechtlicher Liebe ist dem Homo-
sexuellen unbenommen, wenngleich oft genug durch Vorurteile
erschwert. Wurde doch erst vor kurzera in einer grofien Jugend-
organisation, um deren Gedeihen sich Homosexuelle erhebliche
Verdienstc erworben hatten, von der Majoritat Her Alteren
— dem Elternrat — dahin entschieden, dafi nicht etwa nur
Personen, die sich homosexuell betatigten, sondern auch solche,
die seelisch homosexuell empfanden, auszuschlieflen seien.
In mannigfachster Hin'sicht kann der Homosexuelle iiicht
nur auf sportlichem Gebiet, sondern auch in Kunst und Wissen-
schaft und vor allem auf dem grofien Felde der Erziehung
Aquivalente der Entspannung finden, wirken und schaffen ;
er kann sich den Interesseri derer widmen, deren Gegenwart^
Anhanglichkeit und Liebe ihn belebt und erfrischt.
Das war es ja so recht, was die griechischen Philosophen wollten
und meinten, vor allem Plato, der „die ubertriebeno ginnlicho Leiden-
2) Dr. Norbert Grabowsky: Die verkehrte Geschlechtsemp-
findunc oder die mannmannliche und weibweibliche Liebe. P. 17.
^a) Mei&ner, a. a. O. p. 4.
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schaft nur deshalb bedauerte, weil sie d£is Gleichgewicht der Seele
stort, den Menschen leicht machtlos, hoherer Weisheit unzuganglich
and hoheren Gliicks unwiirdig macht". „In diesein Sinne gait ihnen"
— wie Gleichen-KuBwurm^) so trefflich ausfiihrt — „leideii-
schaftlicho Frauenminne fiir ebenso verwerflich, wenn nicht fiir ver-
werflicher**. Der eben genannte Autor faBt an anderer S telle diesen
Gedanken der platonischen und nachplatonischen Philosophic *) in
folgeuden Satz zusammen: „Das Gefuhl inbriinstiger Dankbarkeit von
Schiller zu Meister, die SiiCigkeit des Erfolges von Meister zu Schiiler,
liebevoller Wettbewerb zwischen Altersgenossen im Guten und Schonen
ist der Inhalt ihrer Freundschaftslehre, die zarten Wonnen, die sie
verheiBt, der Lohn wiirdiger Neigung von Mann zu Mann"; er schlieBt
daa Kapitel, in dem er die antike Jiinglingsliebe behandelt, mit fol-
gendem bemerkenswerten Satz : ^) „Die Stoiker batten die Sinnen-
liebe in der Freundschaft mit Achselzucken abgefcrtigt, die eifrigen
Christen verdammten sie mit pathetischer Geste, mit ziirnend zum
Fluch erhobener Hand."
Obrigens existiert wohl kaum ein Homosexueller, der sich nicht
seiner seelischen Triebrichtung entsprechend in sublimierter Form,
wenn audi oft ohne daB er sich dessen bewuBt wird, betatigt. DaB
der Eindruck irgendeiner Gestalt, die unser Auge trifft, lustbetont
im Gebirn empfunden wird, dessen kann niemand sich erwehren; so-
bald sich aber spontan die Sinne an den Reiz heften, ihn suchen
and wieder suchen, verschaffen wir uns zentrifugal Lust und betatigen
uns. Es hangt nicht zum mindesten von der Starke der Phantasie
ab, inwieweit eine Reizung der Sehnerven bei jemandem das zuwege
bringt, was bei einem andern nur Reizungen der Gefiihlsnerven ver-
mogen. Ein Beispiel: vor einigen Jahren starb an einer siiddeutschen
Universitat ein alter homosexueller Professor. In seinem Testament
hatte er mich zum Erben einer noch jetzt in meinem Besitz be-
findlichen Sammlung von etwa 3000 mannlichen Aktstudien eingesetzt.
Er hatte sie sich aus aller Welt, namentlich aus Italien schicken
lassen, fein sauberlich aufgezogen und mit Nummern und Zeichen
versehen. Bei vielen hatte er die Namen der Originale beigefugt,
nach denen sie photographisch aufgenommen waren, stolze, klassische
Namen, wie sie noch jetzt in der niederen italienischen Bevolkerung
traditionell sind: Cesare und Horatio, Romulo, Vergilio, Adriano, An-
tonio, manche in hundert und mehr Stellungen. Diese nackten Jiing-
lingsbilder, zum Teil von kiinstlerischem Wert, zum Teil auch offen-
kundig zu erotischen Zwecken hergerichtet, bildeten die ganze Freude
des alten Universitatsprofessors. Jeder neuen Sendung sah er mit
Spannung ent^egen, der nur selten eine Enttauschung folgte. Trotz-
dem er Antonio und Romulo nie lebend geseheu, stand er mit ihnen
auf vertrautestem FuBe; stundenlang versenkte er sich in stillem
Gliick in ihre Korperformen, umgab sie mit Erlebnissen, die ihn in
seine Traume verfolgten. Er war in kameradschaftlicher Ehe ziem-
lich harmonisch verheiratet. Seine geistig hochstehende Frau hielt
ihn fiir einen gelehrten Sonderling, schatzte sein enormes Wissen,
seineii FleiB und guten Charakter, ahnte aber wohl schwerlich, daB
das Wenige, was er ihr im Ehebett gab, eigentlich den Gestalten seiner
Traume, Cesare und Aristide, gait, ditrch dereii idcelle Beihilfe sie
drei geliebten Kindorn das Loben schcnktc.
Das Schwierigsto, was wir mit dem Homosexuellen zu
besprechen haben, ist die Frage der korperlichen Sexualbe-
3) A. a. O. p. 77.
4) A. a. O. p. 79.
^) A. a. O. p. 91.
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tatigung. Wtirden wir uns nur auf rein hygienischen Stand-
punkt stellen, unbeeinfluBt von Vorurteilen und unbektimmert
um Gesetzesvorschriften, deren Voraussetzungen sich als irrig
erwiesen haben, so wtirden wir zweifelsohne bemliht sein, das
ftir das jeweils individuelle Befinden notige Minimum und das
erlaubtc Maximum nach MaBgabe aller flir die Personlichkeit
in Frage kommenden Momente insAuge fassen. Wir wlirden das
richtige Gleichgewicht zwischen den Reflex- und Hemmungs-
mechanismen herzustellen suchen, etwa im Sinne des Aus-
spruches von Feuchtersleben: „Die Leidenschaften woUe
man nicht ertoten, wodurch die geheimnisvoUen Keime und
Triebkrafte des Lebens und der Gesundheit getotet wlirden;
man wisse sie nur gegenseitig zu balancieren, zu mafiigen, zu
beherrschen".
So einfach liegt nun allerdings flir den arztlichen Rat-
geber die Frage nicht. Hat man doch sogar die Frage aufge-
worfen, und sachkundige Juriston neigten dazu, sie zu bejahen,
ob sich nicht der Arzt, der einem Patienten den sexuellen Vv«^r-
kehr empfiehlt, strafbar macht.
Einige Autoren, denen das Wohl ihrer "Kranken am Herzen
lag, haben, ihrer Verantwortung vol! bewuBt, gleichwohl kein
Bedenken getragen, dort, wo sie infolge allzu heftiger Unteir-
driickung hochgradige Seelenstorungen auftreten sahen, eine Ent-
spannung durch sexuellen Verkehr zu raten, von dem sie
wuBten, daB er wie ein Spezifikum wirken und das einzi^e in
Frage kommende Heilmittel sein wtirde.
loll erinuere mich eines amerikanischen Arztes, und ich konnte
zahlreiche ahnliche Beispiele anfiihren, der an einem permanenten
Kopfdnick litt, so heftig, daB ihm alle Lebensfreude getriibt war.
Er war schlaflos, nahezu arbeitsunfahig und reiste in der Welt umher
von einer Autoritat zur andern. Mit dem Tage, wo er sich zur ge-
sclilechtlichen Betatigung der homosexuellen Neigungen entschloB, die
er bis dahin mit Aufbietung aller seiner Krafte sublimiert hatte,
wai-en alle seine Beschwerden wie mit einem Schlage verschwunden.
Der miCmutige, schweigsame Mensch, dem der Stempel der Verstort-
heit und Vcrzagtheit auf der Stirne stand, war nicht wiederzuer-
kennen, so frisch sah er aus ; er schlief, fiihlte den Kopf frei, konnte
arbeiten, und spriihende Freudigkeit strahlte aus seinen Augen.
Ein Herr von etwa 50 Jahren suchte einen Schweizer Psy-
chiater auf. Dieser explorierte ihn eingehend und sagte dann : „riir
Sie weiC ich nur einen Rat, suchen Sie sich einen Freund." Wieder-
holt haben mir KoUegen stark neurasthenische Homosexuelle mit
einem Begleitschreiben zugewiesen, in dem sie mich angingen, ich
mochte, da alle Mittel erschopft seien, dem Patienten doch raten, wie
er in ungefahrlicher Weise zu homosexuellem Verkehr gelangen konne^).
«) A*gl. die Arbeit von Dr. E. Wilhelm: „Die rechtliche Be-
urteilung des arztlichen Rates zum illegitimen Geschlechtsverkehr". In
„ Sexual-Problem e", Septemberheft 1912, die sich insbesondere auch
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Es ist das viel verlangt, und ich glaube, dafl, wie die
Verhaltnisse heute liegen, ein Arzt es schwerlich tibernehmeii
kann, direkt den homosexuellen Verkehr zu verordnen. Ich halte
auch hier ein offenes, ehrliches, abwagendes Verfahren, das
dem Patienten nicht nur die Resultate, sondern auch die Motive
ajztlicher Cberlegungen klarlegt, fiir das Beste. Man wird
zunachst die Gefahren homosexueller Betatigung besprechen,
die mit den drei Mogliehkeiten der Bestrafung, Erpressung und
Ansteckung noch keineswegs erschopft sind; man wird dem die
Vorteile gegeniiberstellen, die ein maUig ausgetibter adaquater
Verkehr ftir Korper und Geist mit sich bringt. Dann *wird
man auch die Nachteile und den Nutzen sexueller Enthaltung
durchnehmen und schlieBlieh noch zweierlei erortern, einmal
wie die Abstinenz leichter bewerkstelligt und ertragen, und
zweitens wie die Gefahrlichkeiten der Betatigung gemildert
werden konnen. Die schlieBliche Entscheidung muB der Homo-
sexuelle, wie iibrigens auch der Heterosexuelle in diesen
privates ten aller Lebensangelegenheiten, selber fallen. Ihm liegt
es ob, und von seiner Geschicklichkeit hangt es ab, wie er sein
Ijebensschiff zwischen Scylla und Gharybdis hindurchsteuert.
Man konnte da ein Dichterwort variieren: „Zwischen Resi-
gnieren und Riskieren bleibt dem Urning nur die bange Wahl.*'
Mit der hier geschilderten Behandlung, die man als An-
passungstherapie oder Adaptionsmethode be-
zeichnen konnte, ist die Aufgabe, die der Arzt einem Homo-
sexuellen gegentiber zu erfiillen hat, nur in den seltensten
Fallen erschopft. Es kommen Spezialfragen hinzu, die oft
genug von lebenswichtigster Bedeutung ftir den Patienten Bind,
Entscheidungen, die eine griindliche Kenntnis sowohl der Homo-
sexualitat im allgemeinen als des betreffenden Homosexuellen
im besonderen voraussetzen. Wir greifen einige solcher Fragen
heraus. Da mochte jemand wissen, ob er sich nicht am besten
seiner Naturanlage anpaflt, indem er diese und sich selbst dauernd
in ein Land versetzt — und es gibt deren ja genug — , in
dem er unbeanstandet von Sitte und Gesetz seinen Empfindungen
nachgehen kann; ein anderer will horen, ob er nicht dunch
Aufklarung seiner Angehorigen iiber seinen Seelenzustand, vor
allem durch Informierung der Eltern, seiner Lage mehr Sicher-
heit zu schaffen imstande ist; er ersucht den Arzt, dies in
geeigneter Weise vorzunehmen. Ein dritter kommt nicht wegen
seiner Homosexualitat als solcher, mit der er sich abgefunden
mit der rechtlichen Beurteilung des Rates zum homosexuellen Verkehr
beachaftigt, namlich p. 617.
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hat, sondern well er besonders intensiv an eine einzige Person
fixiert ist, ohne die er nicht leben zu konnen meiiiit, die?
aber seine heftige Leidenschaft nicht zu erwidem, ja nicht
einmal zu wiirdigen vermag. Wieder einer — es ist ein horao-
sexueller Beamter oder Offizier — wiinscht Rat, ob er nicht
seineu Beruf wechseln oder den Abschied nehmen soil, um sich
seine Pension zu sichern, da er fiihlt, da6 er auf die Lange
der Zeit seinen Drang zu unterdriicken auBerstande ist. Viele^
die in der triigerischen Hoffnung auf Heilung eine Ehe ein-
gegangen sind, woUen mit dem Arzt iiberlegen, wie sie eich
nun ihrer Frau gegenliber verhalten soUen.
Eine weitere groBe Gruppe von Fragen betrifft nicht die Homo-
sexualitat selbst, sondern deren Folgeerscheinungen, wobei man wobl
zu unterscheiden hat, ob es sich um Folgen handelt, die durch die
Anschauungen der Umwelt bedingt sind, oder um Folgen des homo-
sexuellen Geschlechtsverkehrs ; in erstere Kategorie gehoren vor allem
nervose und psychische Leiden; in die zweite Abteilung sind besonders
die Geschlechtskrankheiten zu rechnen, die unter homosexuellen Per-
sonen durchaus nicht so selten sind, als man gewohnlich anzunehmen
geneigt ist.
Auf einen anderen Zweig arztlicher Tatigkeit werden wir im
II. Haupteil einzugehen haben. Es handelt sich um die wichtigen Auf-
gaben, welche der arztlicbe Sachverstandige nicht sowohl als un-
mittelbarer Ratgeber der Homosexuellen, sondern als Gehilfe des Rich-
ters, meist des Strafrichters, gelegentlich aber auch des Zivilrichters,
zu leisten hat: mannigfach geartete und oft recht komplizierte Auf-
gaben, deren richtige Losung gleichfalls nur bei wirklicher Durch-
dringung des einschlagigen Problems moglich ist.
Betrachten wir einige der aufgeworfenen Fragen des
naheren, so unterliegt es keinem Zweifel, daO die Auswande-
rungsfrage ftir die Lebensldsung des Homosexuellen eine der be-
deutsamsten ist. Ist e& richtig, und sicherlich trifft es zu,
daC ein groBer Teil homosexueller Leiden von den Anschau-
ungen der Umwelt herriihrt, also mehr von einem geo-
graphischen als biologischen Faktor, so liegt es nahe,
durch einen Wechsel der Umgebung diese Leiden wesentlich
herabzumildern. Seit alten Zeiten haben daher viele Homo-
sexuelle diesen Weg der Selbsthilfe eingeschlagen. Die Graber
von Ulrichs, Platen und Johann Joachim Winckel-
mann sind nicht die einzigen homosexueller Martyrer auf
italienischem Boden.
Es gibb wohl kaum einen auslandischen Platz, an dem sich nicht
innerhalb der deutschen und englischen Fremdenkolonie Homosexu-
elle befinden. In alien Staaten Siidamerikas, in den romanischen Lan-
dern Europas, vom Orient und Asiens Reichen ganz zu schweigen,
iiberall haben namentlich anglogermanische Homosexuelle sich eine
zweite Heimat zu griinden versucht. Einige Orte sind als urnische
Anziehungsstatten besonders beriihmt geworden, so in Italien Taor-
mina, Capri und Florenz. Noch vor kurzem — nach den ungliick-
licheu Af faren, die sich an die Namen K r u p p und A 1 1 e r s kniipfen
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— eirichtete in Capri ein in Frankreich lebender homosexueller Schrift-
eteller ein prachtvoU geiegenes und ebenso ausgestattetes Haus, das
er mib der weithinleuchtenden Inschrift versah: dolori et amori sacrum.
Auf Veranlassung eines einfluBreichen Verwandten, eines italieniscben
March ese, wurde er ausgewiesen.
Viele Homosexuelle gingen erst auBer Landes, als sie in Kon-
flikte geraten waren, manche um einem drohenden Strafverfahren,
manche, um dem StrafvoUzug, manche, um Erpressern zu entgehen,
manche auch, nachdem sie bereits eine Strafe verbiiBt hatten. Viele
wanderten aber auch vollig makellos aus, sei es, um Verwicklungen
vorzubeugen, sei es, um sich unbehinderter sexuelle Befriedigung ver-
schaffen zu konnen, oder auch, um ihre Familie von einem Mit-
glied zu befreien, das den guten Namen schanden kounte.
Zahlreiehe Homosexuelle suchen fremde Lander auch nur
voriibergehend auf; so kenne ich einen Juristen, der jiihr-
lich mehrmals mit dem Nachtschnellzug aus dem Herzen
Deutschlands nach Amsterdam fuhr. Er konnte dort dieselbe
Handlung, durch die er sich am Abeind zuvor in seiner Heimat
strafbar gemacht hatte, am nachsten Morgen straflos begehen.
Als neiilich einmal vor einem Berliner Gerichtshof eia iioUan-
discher Kapitan abgeurteilt wurde wegen tatlicher Beleidigung,
begangen durch homosexuelle Liebkosungen, meinte ein Bei-
sitzer, man konne nicht scharf genug mit diesen Fremden ins
Gerieht gehen, die in Berlin ein Eldorado der Perversitat zu
erblicken glaubten; dieser Eichter wufite wohl kaum, daB un-
gleich mehr deutsche Homosexuelle im Ausland als auslandische
in Deutschland Gastfreundschaft genieBen. Es gibt massen-
haft deutsche und englische Urninge, die sich prinzipiell nur
auBerhalb der Landesgrenze sexuell betatigen. In den Week-
end- Ziigen, die Freitag und Sonnabend von London nach Paris
laufen, um Montag zuriickzukehren, finden sich stets eine ganze
Anzahl Homosexueller, die im Monat ein- bis zweimal die
englische Metropole mit der franzosischen vertauschen, nicht
weil sie die Seine der Themse, sondern weil sie die Bestimmungen
des Code Napoleon denen der vereinigten Konigreiche vorziehen.
Wei* in auslandischen Verkehrszentren Studien macht, wird fast
uberall diese temporaren und permanenten Urningstypen buntgemischt
wiederfinden. Als Beispiel will ich die europaische Urningskolonie
Konstantinopels schildern. Da ist ein friiherer osterreicliischer Offi-
zier, schon seit langem zum Islam iibergetreten, mit dem Rang eines
tiirkischen Paschas. Jedermann weiB von seiner Homosexual i tat, ohne
daB jemand AnstoB nimmt. Er findet seine Frcunde auf der groBen
PerastraBe, in der Nahe der Kasernen, auf der Galatabriicke. Man
sieht nicht selten, daB junge Leute sich ihm ziemlich offentlich an-
bieten. Ein Landsmann von ihm, auch schon seit mehr als 20 Jahren
dort unten, ist Stamm^ast der Bader, die auf beiden Seiten des Gol-
denen Horns, namentlich aber in Stambul, man kann fast sagen,
historische Statten homosexueller Vergniigungen sind. Seine Vor-
liebe fiir die Hammanns hat EinbuBe erlitten, seit unter jungtiirki-
schem Regime die Vorschrift ergangen ist, daB die dort bedienenden
Osmans und Hassans das 20. Lebensjahr erreicht haben miissen. Diese
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beiden Osterreicher liberschrittea die Orenzen ihres Landes, well sie
nicht seine Gesetze iiberschreiten wollten. Ein Dritter, Franzose,
von Geburt, hatt« dies nicht notig, da in seiner Heimat die gleiche
Straffreiheit wie im Morgenlande herrschte; er nahm jedoch Riick-
sicht auf die Landessitte, die im Westen als Laster verwarf, was im
Osten nur als eine, wenn auch nicht jedermann verstandliche Ge-
schmacksrichtung gait. Er war sehr aristokratisch, sehr fromm und
sehr monogam, mied StraBen und Bader und lebte seit langem in
einer schonen Villa mit einem schonen Griechen, der sein Sekretar,
Vertrauter und Geliebter war. Aus ahnlichen Grunden mochte auch
ein Freund des vorigen, ein deutscher Schriftsteller und Forschungs-
reisender, sein Vaterland verlassen haben; auch er zog ein mono-
games Verhaltnis vor, was ihm aber zu finden bisher nicht gelungen
war. Ein anderer Deutscher hatte sich zum Bosporus gefliichtet,
weil gegen ihn eine Anzeige erstattet war, und wieder ein anderer
war „ausgeriickt", nachdem er wegen „widernatiirlicher Unzucht im
RiickiPair* zu einem Jahr Gefangnis verurteilt war. Ea waren noch
viele sonstige Homosexuelle aus Westeuropa da, namentlich Eng-
lander, von denen man nicht wuBte, ob sie das Weite gesucht hatten,
weil sie wollten oder muBten. Hinzu kamen Urninge, die in Ge-
schaften, namentlich als Teppichhandler, den Orient bereisten, andere,
die sich als Globetrotter mer fiir einige Wochen oder Monate an-
gesiedelt hatten, und schlieBlich solche, die auf noch kiirzere Zeit
zur Erholung oder zum Vergniigen in Byzanz weilten. Zwischen den
einzelnen Homosexuellen bestand nur ein geringer Zusammenhang ;
viele, die schon seit Jahrzehnten derselben Fremdenkolonie ange-
horten und genau voneinander „Bescheid wuBten", kannten sich kaum,
ja mieden sich geflissentlich, weil sie fiirchteten, sie konnten sich
durcheinander kompromittieren oder ihren „guten Ruf* aufs Spiel
setzen, den sie meist gar nicht mehr besaBen. Eine ganze Reihe
traf sich allerdings abends zwischen 6 und 9 Uhr auf ein Viertel-
sttindchen bei der alten „Baba" oder etwas spater auf der „Otto-
manischen Bank", beides homosexuelle Treffpunkte in parallelen Seiten-
gaBchen der „grajide rue" von Pera. Die Baba war eine noch immer
hiibsche Matrone mit schlohweiBem Haar, urspriinglich von deut-
scher Abkunft, aber langst orientalisiert. Sie hielt eine maison de
passe fiir Homosexuelle, die sie bemutterte, und die in ihr ein Stuck
Heimat erblickten. „Es sind alles meine Kinder," sagte sie einmal
zu mir, als gegen ein Dutzend im engen Stiibchen um sie herum-
saBen. Vor allem sorgte sie, daB sich die ziemlich kecken griechi-
scheu und tiirkischen Jungen, die um die Rendezvous- Stunde von
Zeit zu Zeit im Tiirrahmen erschienen, um nicht selten mit einem
der Gaste in einem ihrer Fremdenzimmer zu verschwinden, keine
Ubergriffe erlaubten. Die Ottomanische Bank war ein direktes Manner-
bordell, das seinen Spitznamen davon erhalten hatte, weil Prosti-
tuierte, von Homosexuellen nach ihrem Beruf gefragt, mit Vorliebe
zu antworten pflegten, sie arbeiteten auf der Ottomanischen Bank,
was dann allmahlich die Bedeutung annahm, sie seien bereit, fiir
einige Medjidies den Herrn zu begleiten.
Fragen wir uns, ob den Homosexuellen die Cbersiedelung
in straffreie Lander anempfolilon warden kann, so ist gegen
einen zeitweisen Aufenthalt in ihnen sicherlieli nicht viel ein-
zuwenden. Immerhin ist auch hierbei Vorsicht am Platz. Viel-
fach grunden sich in Landern, die keine direkten Straf-
bestimmungen gegen Homosexuelle kennen, Verfolgungen und Er-
pressungen auf Gesetze und Gesetzesauslegungen, die wir in
Deutschland nicht kennen. So ist der Begriff des offentlichen
Hirschfeld, Homosexualitat. 29
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Argernisses, der bei uns nur dann gegeben ist, wenn jemand,
und sei es auch nur ein Polizist, an einer Handlung wirk-
1 i c h Argernis genommen hat, in romanischen und vielen anderen
LSndern schon erftillt, wenn jemand hatte Argernis nehmen
k 5 n n e n , beispielsweise wenn eine homosexuelle Bertihrung zur
Nachtzeit auf einer Bank in Parkanlagen stattfand, wo sie
ein Dritter zufalligerweise hatte wahrnehmen konnen. In
Nizza bestand jahrelang ein ausgedehntes Erpresserkonsortium,
das aus der Unkenntnis der Fremden liber den Begriff „offent-
Jiches Argernis** Kapital schlug und viele Homosexuelle in
Angst und Schrecken versetzte.
Liegen gleichwohl flir einen Homosexucllen — vorausgesetzt
daU er es sich leisten kann — kaum' ernstliche Bedenken
vor, einige Wochen im Jahre an einem Platze zu verleben,
der flir ihn eine Art Refu^um darstellt, ist ihm sogar, namenfe-
lich wenn er sich in exponierter Stellung befindet, und andere
vou der Ungestortheit seiner Position abhangen, eine solche
Zeit der Ausspannung und Entspannung wohl zu gonnen, so
bildet die dauernde Auswanderung in ein f remdes Land einen
Schritt, der sehr grlindlich nach alien Sei ten tiberlegt seia
will. Den nicht zu bestreitenden Vorteilen stehen meist so
erhebliche Nachteile gegentiber, da6 vor allem flir Personen
in vorgertlcktem Alter das Endresultat oft nichts weniger als
eine Verbesserung ihrei: Lage bedeutet. Das Geftihl starker
Vereinsamung, das ihn in die Feme trieb, folgt ihm liber das
Meer. Gibt er eich ein wenig offener als Homosexueller, so
spricht sich seine Eigenart unter den vielf ach nicht nur crtlich
beschrankten Mitgliedern der Fremdenkolonie nur zu bald herum,
und nicht lange, so steht der wegen seiner Liebenswtirdigkeit
zuerst mit offenen Armen empfangene Landsmann isolierter
da als daheim. Man wendet ein, dafi doch wenigstens nicht
die Gefahr besteht, mit dem Gesetz in Kollision zu geraten,
man aibersieht aber, daU auch in Landern mit Strafgesetzen,
wie Deutschland, England, Amerika und RuBland, diese nur in
verhaltnistoaBig geringem iMaJJe vorhanden ist, indem unter-
10 000 Urningen kaum einer durch ein Ungef ahr der Strafe ©der
Anklage verffiUt. Anderseits sind auch Homosexuelle im Aus-
landc oft Unannehmlichkedten ausgesetzt und genieUen als
Fremde dann nur selten den Schutz und die Moglichkeiten der
Verteidigung, wie sie ihnen in der Heimat zur Verftigung
stehen.
Ein Beispiel fiir viele. An einem kleinen Orte der ligurischen
Kuste hatte sich ein friiherer deutscher Offizier eine Villa als buen
retire errichtet. Er hatte, wie Homosexuelle nicht selten, eine Lieb-
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haberei far 8elbstanfertigung photographischer Akte. Ala er eben
den Bau seines Landhauses beendet natte, kam der Sindaco des Ortes
und teiltc ihm vertraulich mit, er stande im Verdacht gleichgeachlecht-
licher NeiRungen, und musse daher seine Ausweisung beantragt wer-
den. Der vater eines seiner Modelle hatte bereits uber ihn Beschwerde
gofuhrt. Alfl er die Verstimmung des Fremden bemerkte, lieB er
darchblicken, daB der Vater wohl von ihm, dem Sindaco, mit einigen
tausend Lire zur Riicknahme seiner Anzeige veranlaBt werden konne.
Wohl Oder ubel entschloB sich nun der Deutsche zur Hergabe einer
groSeren Summe, worauf ihn dann der edle Biirgermeister und der
vermutlich nur imaginare Vater in Ruhe lieBen. Erinnem wir uns
auch, dafi einer der groBten deutschen Uminge Johann Joachim
Winckelmann nicht in Deutschland, sondern in Istrien voneinem
rauberischen Erpresser ermordet wurde, und daB es ein^m Forschungs-
reisenden unserer Tage nicht viel besser ging, trot^em er selbst
einmal meinte: ein Abend im Moigenlande sei ihm lieber als
tausend Morgen^) im Abendlande. Auch ein deutsoher Marineoffizier,
der wahrend des Boxeraufstandes an der chinesischen Kiiste eine
Bootsfahrt untemahm, von dier er niemals wiederkehrte, soil unter
ahnliohen Umstanden sein Ende gefunden haben. Ich konnte viele
Beispiele anfiihren, in denen deutsche und englische Homosexuelle,
die sich mit den Eingeborenen von ihnen bereister Lander einlieBen,
schweren MiBhandlungen, Bedrohungen mit dem Messer und anderen
Grewaltakten ausgesetzt waren. Im Earneval von Palermo erhielt
vor einigen Jahren ein skandinavischer Homosexueller, der im be-
wegten Maskentreiben einem 20jahrigen Pierrot einen KuB versetzte,
von dem Vater des Burschen einen so heftigen Faustschlag in das
Auge, daB er durch den eingedrungenen Splitter seines Eneifers das
Sehvermogen verier. Wie gemiBhandelte Homosexuelle meist, sah er
von der verfolgung des Taters ab.
Man wird es danach verstehen, wenn einmal ein Homo-
sexueller, der „au8gewandert" war, mit den Worten zurtick-
kehrte: „Lieber entrechtet daheim, als vogelfrei in der Fremde**.
Oft haben Homosexuelle, die, ohne sich in ihrem Lande sexuell
betatigt zu haben, durch die Welt geirrt waren, wenn sie nach
der Rtickkehr die Verhfiltnisse und Auffassungen ihrer Heimat
kennen lernten, tief bedauert, sich so lange des Vaterlandes
beraubt zu haben. Denn zu den Empfindungen der Isoliertheit,
des Entwurzeltseins gesellen sioh bei diesen oft aus nichts
weuiger als hartem Holz geschnitzten Menschen das Heimweh,
die Sehnsucht nach den AngehSrigen, namentlich der alternden
Mutter, Unlustgeftihle, deren Oberwindung nicht geringe Kraft
erfordert.
Vor allem ist es dem Homosexuellen im Auslande oft auch
sehr erschwert, den ihn fesselnden Personen gegentiber jene
geistig befruchtende TStigkeit zu entfalten, von der wir sahen,
daJJ sie in so hohem MaBe auf den Spender zurtlckwirkt. Ge-
wifi gibt es eine ganze Anzahl Anpassungsfahiger, die, wenn
sie idie Landessitte und Landessprache gut beherrschen,
sich nach und nach so akklimatisieren, dafi sie auch im fremden
') Gemeint sind Morgen Landes.
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Boden Wurzel schlagen, aber bei der weitaus grofleren Mehr-
zahl der Homosexuellen, die ich im Auslande sah — und es
waren ihrer nicht wenige und viele geistig hochstehende —
koiinte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als =ob die
Fremde ihnen im Grunde doch mehr ein Exil als ein Asyl
war. Idi hatte diesen Eindruck lange, ehe ich auf Ulrichs'
Grabstein in A(juila den kleinen, aber vielsagenden Zusratz
las: „Exul et pauper**.
Exul at pauper — verbannt und arm starb Ulrichs, well er
ein Urning war. Ware er heterosexuell gewesen, so hatte es der aus
bester Familie stammende Jurist bei seinem enormen Wissen nach
menschlicher Voraussicht in der Heimat wohl nicht nur zum gliick-
lichen Gat ten und Vater, sondern auch zu einem wohlbestallten Be-
amten oder Professor gebracht. Die A r m u t ist unter alien Ver-
schlimmerungen der Lage eines Homosexuellen sicherlich eine der
schlimmsten. Ich habe zwar auch Homosexuelle kennen gelernt, die
erklarten, sie hatten sich erst von dem Zeitpunkt an zufrieden ge-
fiihlt, als sie nichts mehr hatten, oder richtiger, als sie nichts
mehr zu verlieren hatten. Das sind aber doch nur Ausnahmen,
meisb zu jener seltsamen Urningsgruppe gehorig, deren Geschmacks-
richtung sie an und fiir sich zu den untersten ^evolkerungsschichten
treibt. Im Londoner Eastend, in Pariser Apachenquartieren, in den
Seemannskneipen von Hamburg, Marseille und Barcelona, in den deut-
schen Landstreicherherbergen in Rom und Neapel konnten mir Ge-
wahrsmanner Homosexuelle vorstellen, die dort als Stammgaste be-
haglich verkehrten, nachdem sie in ihrem Heimatlande 'Ramg und
Besitz freiwillig oder unfreiwillig aufgegeben hatten. In dem bunten
Gemisch homosexueller Typen gibt es auch diese Gruppe, im allge-
meinen aber ist die materielle Sorge und Not ein Umstand, der den
Homosexuellen noch unfreier und ungliicklicher macht, als er es
infolge seiner Sonderart ohnehin so haufig ist. Fiir die meisten
Homosexuellen aber ist der Existenzkampf in der Fremde, wofern sie
nicht von Hause aus mit festen Anstellungen oder Auftragen fort-
geschickt werden, viel komplizierter als im Vaterlande. Ich habe in
Paris Homosexuelle aus den gebildetsten Klassen gesehen, die tat-
sachlich hungerten, und auch in Italien und anderswo sah ich fruhere
Geistliche und Offiziere, Lehrer und Beamte in Stellungen so unter-
geordnet und unwiirdig, wie sie es selbst und noch weniger ihr^
Angehorigen, als sie das Elternhaus verliefien, schwerlich jemals fiir
moglich gehalten haben wiirden. Schon aus den Beobachtungen sol-
cher Lebensschicksale heraus habe ich Homosexuellen, die sich mit
Fluchtgedanken trugen, weil gegen sie ein Ermittlungs- oder Straf-
verfahren schwebte, oft geraten, sich lieber fiir einige Zeit einsperren
zu lassen, als sich selbst die Heimat und die Zukunft zu versperren.
Ich habe auch Homosexuellen, die mich um Rat angingen,
nie verhehlt, dafl ich aus den verschiedensten Griinden A r b e i tl ,
geregelte intensive Arbeit, gleichviel ob korperliche oder gei-
stige, fiir eins der wichtigsten Erfordernisse fiir ihr Wohl-
befiuden halte ; einmal als Selbstzweck, weil Tatigkeit und Wirk-
samkeit dem Homosexudllen iiber vieles hinweghilft, ihn ab-
zulenken und auszuflillen geeignet ist, dann weil sie ihm die
beste Gelegenheit gibt, vor allem auch der Familie gegenuber
den Bewcis seiner Tauglichkeit und Ntitzlichkeit zu erbringen,
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dann aber auch als Mittel zuin Zweck, um sich ftir alle Even-
tualitaten einen auBeren Hialt zu sichem neben dem inneren
BTalt, den nur der Glaube an sich selbst vermittelt.
Fuj* einen grolJen Fortschritt halte ich es, daO Homo-
sexuello viel haiifiger, wie dies friiher der Fall 'war, ikre
nSchsten Verwandten, sfei es aJlein, sei es mit Hilfe des Arztes
iiber ihre Sonderart aufklaren. Urninden sind darin bisher
noch zuriickhaltender. 1st auch der Schmerz der Mutter, die
Furcht des Vaters, die Sorge der Geschwister zunachst be-
trfichtlich. so tiberwiegen doch die Vorteile der Offenheit als-
bald die Nachteile bei weitem.
Ein Urning schreibt mir:
„Wie ich Ilmen seinerzeit schon erzahlte, habe ich mich meiner
Mutter mit groBem Erfolge anvertraut; nun auch der Gesundheits-
zustand meines Vaters sich wieder gebessert, hat ihm die Mutter
alles von mir erzahlt; ich erhielt von ihm einen schonen Brief
und ich versichere Sie, jetzt, wo vollkommenes Verstandnis und Klar-
heit zwischen uns herrscht, sind wir durch nur noch innigere Liebe
verbunden. Auch bei meinen Freunden hatte ich das schonste Er-
gebnis durch Aufklarung iiber mich. Zum Teil waren es Leute,
die sich in der scharfsten Weise gegen den Uranismus ausgesprochen
batten; allmahlich versuchte ich dieselben wissenschafthch aufzu-
klaren, um mich schlieBIich selbst zu erkennen zu geben. War auch
die anfangliche Uberraschung sehr grofi, so habe ich doch nie etwas
verloren, sondern noch engere Freundschaft mit ihnen erworben. —
Leider gibt es noch so unendlich viel Urninge, die vielfach aus
falscher Scham schweigen, wiirden diese aber erst einmal das schone
Gefiihl kennen lemen, das man bei einem solchen Erfolge empfindet,
so ware unserer Sache ein groBer Dienst geleistet."
Will man die Angehorigen nicht direkt aufklaren, empfiehlt es
sich, sie so vorzubereiten, daS „wenn etwas passiert", sie „sich schon
immer so etwas dachten". Nicht zu sorgsam verwahrte Biicher iiber
diesen Gegenstand, gelegentliches objektives Beruhren des homosexu-
ellen Themas, AuBerungen, man wiirde nicht heiraten, Riihmen der
Freundschaft sind hierher fiihrende Wege.
In besonders tibler Situation befinden sich solche Homo-
sexuelle, die mit dem Bekanntwerden ihrer Neigungen nicht
nur Freiheit und Ehre, sondern auch Stellung und Vermogen
verlieren. Das sind namentlich in Staatsstellungen befindliehe
Personen, oft auch stadtische Beamte. Diese konnen, wenn
ihnen etwas zustoBt, ohne Pension auf disziplinarem Wege
entlassen werden. Deshalb erwagen Offiziere und Beamte oft,
wenn sie so viele Dienstjahre hinter sich haben, dafl sie mit
der ihnen zustehenden Pension einigermaBen meinen auskommen
zu konnen, ob sie sich nicht lieber durch ehrenvollen Abschied
auf alle Falle sichern soUen: sind sie einmal mit einem Ruhe-
gehalfc entlassen, so kann ihnen dieses selbst im Straffall nicht
wieder aberkannt werden.
Besonders lehrreich waren in dieser Hinsicht die Parallelfalle
der Grafen X. und Y. : beide hohe Offiziere der Potsdamer Garde,
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beide desselben Deliktes schuldig. Der eine aber, well bereits pen-
sioniert, behalt trotz Rangverlust seine Staatspension, der andere
wird ohne sie verabschiedet.
Da sehr viele Homosexuelle neben und oft genug auch durch
ihre Anomalie starke Neurastheniker sind, fallt es ihnen meist nicht
schwer. Militar- und Spezialarzte zu finden, die ihnen, oft ohne iiber-
haupt etwas von ihrer Homosexualitat zu wissen, ihre Dienstunfahig-
keit bescheinigen. Waren die Herren nicht homosexuell, so wurden
sie aUerdings nicht daran denken, ihre Pensionierung zu beantragen,
und insofem schlieBt ein solches Vorgehen ein gutes Stdck U n e h r -
lichkeit in Sich ein« Wie die Anschauungen aber nun einmal
liegen, bleibt ihnen oft nur dieser Weg ubrig, wie folgendes Beispiel
illustrieren moge. Unter mehreren homosexuellen Kriegsgerichtsraten,
die ich kenne, befindet sich einer, der beschlossen hatte, freimiitig
vorzugehen. Er hatte sich nie im Inlande homosexuell betatigt,
furchtete aber, da er seine Widerstandsfahigkeit abnehmen fiihlte,
auf die Dauer nicht fiir sich garantieren zu konnen. So hatte er
denn ein Schriftstuck aufgesetzt, in dem er ausfiihrte, daB er an zu-
nehmender Homosexualitat „litte", und bat, wegen dieser geistigen
Erkrankung pensioniert zu werden. Er fragte auch, ob er sein Ab-
schiedsgesuch, das er von mir durch ein entsprechendes Grutachten
unterstutzi zu haben wiinschte, so absenden solle. Ich erklarte mich
zwar im Prinzip bereit, seinem Schriftsatz ein motiviertes Attest
beizufiigen, verhehlte dem ehrlichen Manne aber nicht, daB ich eine
Sicherheit, daB die vorgesetzte Behorde ihn auf bloBe Homosexu-
alitat hin mit Pension entlassen wiirde, nicht iibemehmen konnte.
Da ihm dies von zustandiger Stelle privat bestatigt wurde, unterlieB
er es darauf, seinen Antrag zu stellen.
Man wird vielleicht geltend machen, daB Erwagnngen die-
ser Art nicht mehr in den Rahmen rein arztlicher Tatigkeit iind
Behandlung gehdren. Das mag teilweise zutreffen. Aber an
wen anders soil sich wohl ein Homosexueller in so wichtigen
Fragen seiner Lebensgestaltung wenden, wem sonst soil er sein
Triebleben anvertrauen als einem sachverstandigen Arzte, wel-
cher in der 60 viele Einzelkenntnisse erforderlichen Materie
bewandert und an das Berufsgeheimnis gebunden ist? Mag
aber immerhin der eine oder andere meinen — mir scheinen
die Bedenken nicht berechtigt — , daB die arztliche Flirsorge
in solchen Fallen leicht zu weit getrieben werden Jcann, so
wird man bezliglich derjenigen Leiden homosexuell empfinden-
der Personen, denen ich jetzt noch einige Worte widmen will,
kaum zweifeln, daB sie in das unmittelbare Eessort des Medi-
ziners fallen. Es handelt sich um die seelischen und korper-
lichen Folgezustande, die durch das Verhalten des Homosexuellen
bedingt sind, wobei vorausgeechickt werden kann, daB die see-
lischen Leiden mehr von der Enthaltung, die korperlichen
mehr von der Betatigung homosexuellen Verkehrs herriihren.
tJber die Enthalteamkeitsstorungen haben wir uns bereits
mehrfach ausgesprochen. Es sind im wesentlichen ganz die-
selben, die wir auch bei heterosexuellen Mannern und Frauen
finden, die in der UnterdrUckung der nach zeitweiser Ent-
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spannung dr&ngenden Libido zu weit gehen, Erscheinungen,
die man nicht unterschatzen soUte, weil sie „nur nervds** sind
oder :Weil man nicht daran stirbt. Dauernd mit Kopfweh
herumlaufen zu mlissen, nicht schlafen, nicht arbeiten zu kSn-
nen, stets sexuell unbefriedigt und deprimiert zu sein, iiber die
Stfirko solcher Leiden solite nicht derjenige ein wegwerfendes
Urteil abgeben dtirfen, der, wenn er geschlechtlich hungrig,
sich auch geschledhtlich zu sattigen imstande ist. Es ist recht
leicht, solche Klagen, wie ein bertihmter Strafrechtslehreo: es
neuerdings wieder tat, mit dem Satze abzutun: „Die Homo^
sexuellen m6gen uns doch endlich mit ihrem Gequieke ver-
schonen**.
Ich babe bei Homosexuellen Zustande von Praoordialangst mit
starkeii vasomotorischen Storungen gesehen, wie sie furohtbarer scbwer-
lich eedacht werden konnen. Neben der Angstneurose scheint mi'r
als Abstinenzleiden besonders gelegentlicb eine Art Verfol^ungswahn
vorzukommen, bei dem es oft scnwer zu unterscheiden ist, ob er
noch in das Gebiet nervoser ZwangsvorstelluDgen oder schon in das
der Paranoia fallt. Solche Persoiuen bilden sich ein, daB iedermann
ihnen ihre Homosexualitat anmerke, die Leute beobachteten inre Hande
und lachelten spottisch, dafi sie keinen Verlobuncs- und Trauring
trugen, im Restaurant zisohelte man an den Nachbartisohen „ver-
standnisinnig" uber den „eingefleischten Junggesellen", in den Hotels
merkten Portiers und Kellner ^leich, „was los sei", und behandelten
sie verSchtlicher oder vertraulicher als die iibrigen Gaste, auf der
StraBe fielen Bemerkungen fiber ihren trippelnden Gang, kurz iiberall
fdhlen sie sich beobachtet, geniert ; manche erroten fortwShrend, andere
werden krankhaft miBtrauisch und menschenscheu, wieder andere —
und das ist das Schlimmste — fliichten sich zum Alkohol. tTber-
zeugt von der Richtigkeit ihrer Wahmehmungen und auch dem Arzte
gegeniiber refraktar, entschliefien sich Patienten dieser Art meist
schwer und spat, zum Arzt zu gehen, dem sie sich dann haufig erst
unter falschem Namen vorstellen. Haben diese Verfolgungsideen be-
reits sehr lange gedauert, so sind solche Zustande kaum noch zu be-
seitigen, jedenfafls erfordern sie die grofite Miihe und Geduld des
Arztes, sowio das Aufgebot seines ganzen Heilapparats, vor allem des
psycho- und hydrotherapeutischeu, wogegen man mit Medikamenten,
fiir deren Verordnung eiile ziemliche verlockung besteht, recht vor-
sichtig sein soil.
Ich stehe nicht auf dem Standpunkt mancher Arzte, die
meinen,, es kame 90wohl bei den eeelischen als auch bd. den
korperlichen Folgezustanden der Homosexualitat nur auf das
Krankheitsbild als niches an. Es sei gleichgiiltig, ob eine sexu-
elle Neurasthenic auf Masturbation oder Abstinenz oder einer
Triebanomalie beruhe; ebenso sei eine Syphilis die gleiche, ob
sie sich jemand bei einem Manne oder Weibe geholt habe. Erst
ktirzlich sagte mir ein Syphilidologe, den ich bei einem an Syphi-
lidophobic leidenden HomosexueUen zuzog, er frage prinzipiell
keinen Patienten, wo er sich seine Ansteckung akquiriert hatte,
er betrachte es ak ausschlieUliche „Privatsache**, ob jemand.
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der ihn konsulticrte, homosexuell oder heterosexuell sei. Mensch-
lich ganz vernlinftig gedacht, arztlich weniger.
Es erinnert dieser Standpunkt an den atiologischen Z i e h e n s ,
den ich im vorigen Kapitel erwahnte, daB es belanglos ware, so wenig
es von Bedeutung sei, ob ein Megalomane sich fiir den Kaiser oder
Bismarck hielte, ob ein „Parhedoniker" Fetischist, Masochist oder
homosexuell sei, die psychopathische Konstitution sei
a 1 1 e s. Meines Erachtens muB der Arzt sich bei jedem Patienten
iiber die Art und Richtung seines Geschlecbtslebens informieren, tut
er es nicht, begeht er eine Unterlassung, die sich, wenn auch nicht
immer, so doch haufig fiir die Behandlung als Kunstfehler erweist,
ganz abgesehen davon, daB das Vertrauen des Ratsuchenden zum
Arzte ein ungleich groCeres ist, wenn er Gelegenheit hat, sich iiber
einen Punkt auszusprechen, der fiir ihn selbst so wichtig ist, ihm
so unmittelbar mit seinen Leiden verkniipft erscheint wie die Homo-
sexualitat.
Ich babe selbst Falle von analer Infektion gesehen, in denen
tnir Patienten mitteilten, daB der von ihnen konsultierte Arzt sie
mit keinem Wort, vermutlich aus libertriebenem Schamgefiihl, nach
dem Ursprung ihrer Krankheit gefragt habe. Kommen venerische
Leiden an dieser Stelle gelegentlich auch wohl bei Heterosexuellen
oder bei Homosexuellen ohne voraufgegangenen coitus analis, meist
dann wohl durch Selbstinfektion nach nachtlichen PoUutionen aus
der infizierten Urethra vor, so sind dies doch groBe Seltenheiten, und
die weitaus haufigste Ursache ist die passive Hingabe zum homosexu-
ellen Verkehr. Immerhin ist der Indizienbeweis, wie Urninge glauben,
die sich Arzte aufzusuchen scheuen, kein absoluter. So beobachtete (laut
brief licher Mitteilung) Iwan Bloch eine zweifelsfreie Cbertragung
der durch normale Kohtibitation mit einem Weibe erworbenen CJretnral-
gonorrhoe eines absolut heterosexuellen Individuums auf die
Kectalschleimhaut, hochstwahrscheinlich durch bloBes UberflieBen oder
auch durch sekundare Infektion vom verunreinigten Hemde oder
Bette aus. Haufiger laBt sich diese direkte Cbertragung auf den
Darm durch Autoinfektion beim Weibe mit seinem relativ kiirzeren
Perineum beobachten. Trotzdem die a n a 1 e n Geschlechtsleiden, in
erster Linie der Mastdarmtripper, viel seltener die Darmlues, eine spezi-
fisch homosexuelle Erkrankung sind, ware es irrig, woUte man aus
ihrer relativen Haufigkeit einen SchluB Ziehen auf die Verbreitung
und vor allem auf die Vorliebe fiir diese Betatigungsart. Viele Homo-
sexuelle, die sonst nur manuell oder interfemoral verkehren, pro-
bieren einmal ausnahmsweise diese Form,- meist auf Drangen des
aktiven Partners, oder aus Neugier, weil sie wissen, daB sie den
gleichgeschlechtlich Empfindenden seit alters her als vor allem eigen-
tiimlich zugeschrieben wird. Ganz besonders haufig werden diese
analen Krankheiten aus dem Auslande, namentlich aus siideuropai-
schen und orientalischen Gegenden mitgebracht. Ich habe Homosexu-
elle aus Agypten, Indien und anderen Liindern tiefungliicklich, mit
(licsen Krankheiten behaftet heimkehren sehen, die in ihrer Heimat
jiie anders als manuell verkehrt batten. Das erklart sich so. Der
im Ausland reisende Homosexuelle ist meist auf normalsexuell ver-
aulagte Eingeborene angewiesen, die gegen Entgelt fiir ihn „zu haben"
sind. Diese aber halten nach alter Tradition nur den passiven Ver-
kehr fiir etwas Schimpfliches, wahrend sie in der aktiven Immission
nicht viel mehr als eine harmlose Abwechslung sehen. Die wirklich
Ilcuiosexuellen unter den Einheimischen selbst haben aber meist einen
fpsteu Fround und erachten es wiederum fiir ehrlos, sich zu prosti-
tiiiciun. Mir erzahlte einmal ein sprachkundiger Homosexueller, wie
ihn in Assuan ein Eingeborener ausgelacht habe, als er nur mit ihm
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mastui-biereu wollte ; dazu brauche er ihn doch nicht, das braclite
er doch auch allein fertig. Der verschiedene Standpuakt der beiden
Partner bewirkt, daB es in den orientalischen Landern, und das gilt
schon fill* die meisten Gegenden Italiens und Spaniens, nachdem eine
prinzipielle Bereitschaft vorliegt, hinsichtlich der Ausfiihrung des Ver-
kehrs zu einem eigenartigen Feilschen und Strauben koramt. Der
einheimische Heterosexuelle oder Bisexuelle lehnt es ab, auch nur das
membrum des Homosexuellen anzufassen, lafit sich aber seinerseits
alle Beriihrungen gefallen und dran^t auf aktive Analimmission, die
wiederum der diesen Akt perhorreszierende fremde Homosexuelle zu-
riickweist. Manchmal einigen sich dann beide dahin, dafi der Homo-
sexuelle membrum alterius in os suum suscipit; diese Form stellt dann
gieichsam einen Mittelweg dar, der das, was aktiv und passiv ist, so
ununterscheidbar verbindet, daB beide „halbwegs" auf ihre Kosten
kommen. Haufig aber „unterwirft" (in des Wortes eigentlichem Sinne)
sich der nachgiebigere Fremde dem brutaleren Eingeborenen, wo])ei er
dann nicht selten von dem oft unwissentlich akut oder haufiger
chronisch Erkrankten Gonokokken oder Spirochaeten acquiriert. Ein
deutscher Arzt berichtete mir, daB er unter neun 18 — 24jahrigen jnngen
Leuten, die ihm der homosexuelle italienische Wirt eines Hotels fiir.
seine fasu ausschlieBlich gleichgeschlechtliche Kundschaft vorst elite,
drei miL rezenter Syphilis fand; einer hatte eine frische Pustel am
Mundwinkel, einer Sklerose an der Glans, der dritte ein frisclies
Exanthem und Plaques im Halse.
Es soil mit der Betonung dieser Ansteckungfegefahr im
Auslande, ftir die ich noch zahlreiche Einzelbeispiele beibringen
konnte, nicht gesagt sein, dafi Homosexuelle nicht auch im In-
lande Geschlechtskrankheiten erwerben konnten. Namentlich
unter den mannlichen Prostituierten, die gleichzeitig mit Mad-
chen verkehren, gibt es recht viele Geschlechtskranke.
Am ehesten stecken sich bei diesen Homosexuelle an, die eich
pedizieren lassen. Auch gibt es Prostituierte, besonders in Deutsch-
land, England und RuBland, die den Homosexuellen animieren, bei
i h n e n Immission vorzunehmen ; sie tun es, teils well sie selbst sehr
feminin sind, teils well sie in den Landern, wo diese Akfce strafbar
sind, mehr zu verdienen oder gar zu erpressen hoffen. Nicht selten
bilden sich auch zwischen femininen und virilen mannlichen Prosti-
tuierten, die sich, auf Erwerb ausgehend, fast allabendlich an den-
selben Stellen* treffen, intersexuelle Beziehungen heraus ; sie nehmen
eine gemeinsame^ Wohnung, auch kommt es vor, daB der virilere
heterosexuelle Prostituierte dem femininen gegeniiber, der ihn wo-
moglich liebt, die Rolle eines Zuhalters iibernimmt. Es sind dadurch
oft sehr komplizierte Ansteckungswege gegeben. In einem Falle
konnte ich folgende Stationen feststellen : ein homosexueller Gutsbesitzer
suchte mich wegen akuter Urethralgonorrhoe auf; er hatte sie sich
wahrend eines kurzen Berliner Aufenthaltes bei einem „Strichjungen
von der FriedrichstraBe" geholt, den er gegen seine sonstige Gewohn-
heit und Neigung pediziert hatte. Er brachte mir diesen Prostituierten,
eineu friiheren Kellner, zur Untersuchung und Behandlung ; dicser litt
an frischer, wie er angab, ihm selbst bei dem Verkehr mit dem Herrn
noch nicht bewuBter Analgonorrhoe mit starken entziindlichen Infil-
trationen der benachbarten Lymphbahnen am Oberschenkel und der
Leistenbeuge. Es ergab sich, daB dieser etwa zwanzigjahrige Bursche,
der selbst homosexuell war, mit einem hochst verwegenen Kunipan
zusammenhauste, den er erst seit einigen Wochen kannte. Dieser,
ein „kesser" Zuhalter, lieB, Wie er sich selbst ausdriickte, zwei „Reun-
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pfcrde'* laufen, auBer diesem Jungen eia Madchen, deren beider Er-
werb er vertrank und verspielte. Die Puella hatte die Gonokokken
heimgebracht, sie auf ihren „Brautigam" iibertragen, der bereits
mehrere Male infiziert war. Dieser hatte sie in den Anus des „Weib-
lings*' deponiert, der sie dann an meinen Patienten weitergegeben
hatte. So stammen die Ansteokungskeime der Homosexuellen letzten
Endes auch meist aus einer weiblichen Vagina, wenn nicht direkt, so
doch durch Zwischentrager, als welche fast stets heterosexuelle Prosti-
tuierte oder Bisexuelle in Frage kommen.
Cbrigens wird der Harnrohrentripper homosexueller Manner
keineswegs immer nur auf analem Wege erworben, sondern mindestens
ebenso haufig bei interfemoralem Verkehr; das gilt in erhohtem Mafie
vom ulcus moUe und durum. Relativ am wenigsten gefahrlich scheint
nebeu der manuellen die orale Betatigungsform zu sein. Fiir Gono-
kokken ist die Mundschleimhaut liberhaupt unempfanglich, und auch
einen sogenannten „Rachenschanker" san ich unter mehr als 200
FalJen an Geschlechtskrankheiten leidender Homosexueller, die ich
im ganzen beobachtete, nur zweimal. Den einen dieser Falle hat
B 1 o c h 8) beschrieben. Eine nicht geringe Gefahr fiir luetische In-
fektionen involviert zweifellos das bei Homosexuellen oft sehr intensiv
betriebene Kiissen, sowohl der LippenkuB, als besonders der Zungen-
kuC. Vor kurzem verstarb an schwerer Syphilis ein 283ahriger, junger
Aristokrat, der sich auf diese Weise angesteckt hatte.
A lies in allem scheinen die Geschlechtskrankheiten unter
Homosexuellen verhaltnismaBig aber doch wesentlich seltener zu
sein als unter Heterosexuellen ; die von mir beobadhteten zirka
200 Falle frischer Infektionen bei Urningen erstrecken sich
auf rund 10 000 Homosexuelle, unter denen sich aber auch noch
eine betrSchtliche Anzahl befindet, die frliher einmal geschlechts-
krank war. In hoherem MaBe als ihre mannlichen Schicksals-
genossen scheinen die homosexuellen Frauen von Geschlechts-
krankheiten verschont zu bleiben; verkehren sie unter sich, so
ist die MSglichkeit liberhaupt so gut wie ausgeschlossen. Ziem-
lich groB ist dagegen die Gefahr einer luetischen Infektion, wenn
sie mit weiblichen Prostituierten verkehren. Sch&tzungsweise
diirfte die Zahl derjenigen Homosexuellen, die sich im Laufe
ihres Lebens Geschlechtskrankheiten zuziehen, etwa lOo/o be-
tragen, eine absolut immerhin betrachtliche Zahl und groBer,
als man frliher anzunehmen geneigt war, relativ allerdings we-
niger groB, wenn man berlicksichtigt, daB unter den Hetero-
sexuellen ca. 50o/o intra vitam an venerischen Krankheiten
leiden.
In ihrem Verlauf unterscheiden sich die Geschlechtskrankheiten
Homosexueller, soweit sie die Urethra betreffen oder soweit es sich
um eine luetische Allgemeininfektion handelt, kaum von den analogen
auf heterosexuellem Wege erworbenen Erkrankungen. Sie erfordern
daher auch die gleiche Behandlung und geben dieselbe Prognose. Als
sehr hartnackig ei-weist sich oft die Analgonorrhoe. Dies riihrt offen-
bar einerseits davon her, daB in der analen Schleimhaut, ahnlich wie
8) Twan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit, pag. 414.
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in der urethralen, viele Falten und Buchten vorhanden sind, die den
Infektionskeimen zum Versteck dienen, anderseits von der schad-
lichen mechanischen und chemischen Reizung der entziindeten I'lachen
durcli die Defakation. Nicht selten sieht man ziemlich lang3 nach
scheinbarem Erloschen des Krankheitsprozesses infolge irgendwelcher
Exzesse ein erneutes Aufflammen der Erscheinungen ; so sah ich bei
einem Englander, den ich selbst fiir geheilt hielt, nach einem langeren
Ritt, ohnc dafi eine Wiederholung des Verkehrs stattgefunden hatte,
ein heftiges Rezidiv, mehrmals beobachtete ich auch Exacerbationen
und Riickfalle nach Alkoholexzessen.
Die Behandlung des Mastdarmtrippers erfordert natiirlich in erster
Linic eine genaue Sicherstellung der Diagnose, die bei dem benonders
reichen Gehalt des Mastdarmschleims an Formelementen sehr griind-
liche mikroskopische Untersuchungen erforderlich macht. Ebenso
selbstverstandlich ist es, daB wahrend der Behandlung wiederholte
Nachuntersuchungen auf Gonokokken stattfinden miissen, und daC
der Fall erst dann als geheilt angesehen werden kann, wean bei
mehreren in groBeren zeitlichen Zwischenraumen vorgenommenen Unter-
suchungen keine Gonokokken mehr zu finden waren. Fiir die Be-
handlung selbst gelten in erster Linie die allgemeinen Vor-
schriften, die bei der Behandlung des Harnrohrentrippers zu beriick-
sichtigen sind. Da eine sekundare Affektion der Hoden auch bei
der analen Gonorrhoe durchaus nicht auszuschlieBen ist, empfiehlt
es sich von vomherein ein Suspensorium tragen zu lassen. Die Diat
ist besonders streng zu regeln. Alle Reizmittel, Gewiirze, scharfe Sauren
und Alkohol sind zu verbieten, eine vorwiegend vegetarische Diat zu
empfehlen und vor allem reichlicher MilchgenuB zu verordnen. Ein
bei dem Mas tdarm tripper besonders zu beachtender diatetischer Ge-
sichtspunkt ist die Notwendigkeit, fiir leichten Stuhlgang Sorge zu
tragen. Eventuell sind milde Abfiihrmittel (Laxinkonfekt) oder Suppo-
sitorien zu verordnen.
Von einer medikamentosen Behandlung per os . darf man sich
nicht viel versprechen, da die betreffenden Stoffe auf den Harnwegen
ausgeschiedeu werden, mithin nicht an die erkrankten Stellen
^elangen. Eher ware dies von dem Gonokokkenserum zu erhoffen,
:alls es sich weiter so bewahrt, wie es den Anschein hat. Vor
allem ist eine sorgfaltig durchgefiihrte lokale Behandlung unbe-
dinfft erforderlich. Ich habe fiir eine solche eine 2 bis 3-prozentige
Thallinlosung als besonders vorteilhaft gefunden, doch konnen auch
Silberlosungen (Hegonon, Argent, nitr.) mit Nutzen angewandt werden.
Eine individualisierende Behandlung wird auch nach dieser Richtung
erforderlich sein. Im allgemeinen wird man die Einspritzungen mit
einer gewohnlichen Trippers pritze oder Glyzerinspritze ausfiihren kon-
nen, doch wird eine hoch sitzende Erkrankung unter Umstanden auch
Einlaufe mit dem Irrigator erforderlich machen. Die Ausfiihrung der
Injektionen behalt sich der Arzt am besten selbst vor, da ihre Technik
immerhin eine gewisse Ubung erfordert.
Als Begleiterscheinungen des Mastdarmtrippers stellen sich nicht
selten Geschwiirsbildungen und Rhagaden am After ein. Behandlung
mit HoUensteinsalbe und eventuelle Atzungen mit dem Hollenstein-
stift sind hier angezeigt, doch konnen auch reizmildernde Anwen-
dungen (Umachla^ge mit verdiinnter essigsaurer Tonerde, Auflegen von
Bor-, Zink- oder Salicylsalbe) notwendig werden.
Differentialdiagnostisch kommen einfache, meist durch mecha-
nische Insulte veranlaBte Katarrhe und Entziindungen der Rektal-
schleimhaut in Betracht, die ganz ahnliche starke Schmerzen und
auch Absonderungen hervorrufen wie die spezifische Ansteckung.
Haufig leiden auch Homosexuelle an Condylomen, die ebenfalls nicht
immer nur nach Gonorrhoe oder Lues auftreten, sondern, wie es
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scheint, ebenso liaufig nach mechanischen Einwirkungen. Ich sali
wiederholb spitze Condylome ohne voraufgegangene Infektionen, und
zwar scheinen sie sich weniger nach immissio in anum zu entwickeln
als nach heftigen StoBen zwischen den Glutaeen ohne Oberwindung des
Sphinkter. Ihre Behandlung ist eine operative, und zwar konnen sie
nach und nach durch Atzmittel oder kUrzer durch Abtragung mittelst
der Schere beseitigt werden.
Fassen wir noch einmal kurz alles iiber die Behandlung
der mannlichen und weiblichen Homosexualitat Besprochene
zusanimen, so erkannten wir als gewilJ, daB wirkliche
Homosexualitat durch keine der bekannten Methoden l)ehoben
werden kann, weder auf operativem noch medikamentosem noch
auf dem Wege irgendeiner psychischen Therapie.
Ein volliger TrugschlulJ ware aber die Annahme, daU die
Homosexualitat, weil der Arzt sie nicht andern kann, auBer
den Bereich jlrztlicher Wissenschaft und Kunst f allt. Im Gegen-
teil entschlfigt sich der Mediziner eines wesentlichen Faktors
seiner Leistungsf ahigkeit, wenn er auf die genaue Kenntnis dieser
Erscheinung verzichtet. Richtig bemerkt HenrikDediche n^) :
„Jeder Arzt soUte diesen Unglticklichen mit Verstandnis und
Sympathie entgegenkommen, was sie verdienen und was ihre
seelischen Leiden wesentlich erleichtern kann. Er ist e» seiner
Wissenschaft schuldig, an sainem Teile daran mitzuarbeiten, daB
ein Vorurteil beseitigt wird, das in der Homosexualitat den
auBersten Grad sittlicher Verworfenheit sieht.'*
Der Arzt kann, wenn auch nicht die Homosexualitat, so
doch den Homosexuellen behandeln. Vor allem wird ihm die
ausfiihrlich geschilderte Anpassungstherapie gute Dienste leisten.
Wenn der Patient bei mannigfachen nervosen, seelischen und
k-orperlichen Storungen nicht mehr dem Arzt zu verhehlen
braucht, daB er ein Homosexueller ist, sei es, well er sich
dessen schamen zu mtissen glaubt, sei es, weil er ftirchtet,
der Arzt werde seine Klagen kurz abweisen, so kann das
ftir beide Teile nur vorteilhaft sein ; der Kranke wird
lieber zum Arzt gehen, wenn er sich ihm voll und ganz
anvertrauen kann, und der Arzt wird ihm dann auch viel eher
richtig zu raten imstande sein. Wir mtissen danach trachten,
daB der Ausspruch Grillparzers nicht mehr zu Recht besteht, der
einmal ischiieb: ,,Ich mag nicht beichten ; am wenigsten den
Arzten ; sie haben kein Verstandnis ftir Krankheiten, die einen
Teil meinei Biographic ausmachen. Sie halten das tlbel fur
9) In jjTidsskrift for Nordisk Retsmedicin og Psykiatri", 6. Jahr-
gaug. Heft 3.
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eine Sch'wiche der Nerven, was im Gegenteil eine auBerordent-
liche Erregung derselben ist.'* 1st es auf dem Gebiete der
Homosexualitat dem Arzt auch nicht vergonnt, ein magister
naturae zu sein, vermag er die Natur zwar nicht zu meistern,
so kann er um so mehr als tiiclitiger ministeiT
naturae 1 eisten.
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. Zweiter Hauptteil.
Die Homosexualitat des Mannes und
des Weibes als soziologische Erscheinung.
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VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Die Verbreitung der mSnnlichen und weiblichen Homfh
sexualitMt
Statistische Unterlagen.
In dem ersten Bande dieses Buches beschaftigten wir uns
mit den einzelnen Homosexuellen ; wir studierten ilir Ver-
halteu gegeniiber dem eigenen und dem anderen Geschlechte,
sowie ihre sonstigen Eigenschaften ; wir legten dar, wie wir sie
erkennen und von denen unterscheiden konnen, denen sie in man-
chen Punkten ahnlieh sind; wir gruppierten sie nach den ver-
schiedensten Gesichtspunkten, suchten eine Erklarung ihrer
Eigenart zu geben und besprachen die Vorschlage, die gemacht
wurden, sie zu heilen oder wenigstens mit dem Leben. in Ein-
klang zu bringen. Hatten wir uns bisher mit dem' Homo-
sexuellen als E i n z e 1 erscheinung beschaftigt, so wenden wir:
uns jetzt der Homosexualitat als M a s s e n erscheinung zu.
Zu diesem Zwecke wollen wir zunachst ihre Haufigkeit
untersuchen, ihre Verbreitung sowohl unter den verschiedenen
Schiciten der Bevolkerung, als unter den verschiedenen Vol-
kern. Dann wollen wir die Rolle untersuchen, welche sie inner-
halb der menschlichen Gesellschaft einnehmen, ihre Symbiose
mit den Heterosexuellen, ihre Sammelstatten und Bundnisformen,
um schlieBlich ihre Geschichte in drei Hauptabschnitten zu
behandeln, die Geschichte im Altertum bis zu den Gesetzen der
ersten christlichen Kaiser, die lange Geschichte ihrer Verfolgung
und die deren Abwehr in neuerer Zeit.
WoUten wir diesem zweiten Hauptteil ein Motto voransetzen,
so ware es ein Wort, das Adolf Wilbrandi) seinem iirnischen
Kunslprofessor in den Mund legt: „Eiu Unikum? Glaube mir, es gibt
ungezahlte Existenzen ahnlieh wie ich. Man stoBt auf sie, man
wundert sich iiber sie, man lacht oder argert sich uber sie, man findet
sie „8onderbar", aber man zergliedert sie nicht wissenschaftlich, man
erkennt sic nicht."
1) Adolf Wilbrand, Fridolins heimliche Ehe, p. 02.
Hirschfeld, Homosexualitit. 30
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Es ist ohne weiteres klar, daB die Frage nach dem Urafang des
Ui-anismus wesentlich ist. GiLbe es beispielsweise, wie der Korrespon-
dent Caspers, Graf Cajus, der sich selbst als Urning bekannte,
annahm, auf 10 000 Manner nur e i n e n Homosexuellen, dann ware diese
Erscheinung eine kaum beachtenswerte Raritat, empfande und be-
tatigte sich aber nicht jeder zehntausendste, sondern jeder 50. oder
gar jeder 30. homosexuell, dann kame ihr im Volkskorper eine ganz
andere Bedeutung zu. Es ist durchaus zutreffend, was Iwan Bloch
bereits in seinan „Beitragen" 2) bemerkte: „Das Urningtum wiirde tat-
sachlich s o z i a 1 e Bedeutung besitzen, wenn die Angabe iiber die
groBe Zahl der Homosexuellen, spezieli derer mit angeborener kon-
trarer Sexualempfindung, rich tig ware."
Dieser soziologische Gesichtspunkt B 1 o c h a erscheint mir
wich tiger als der kriminologische, der haufiger ins Feld ge-
fiihrt ist, um zu begriinden, wie notig es ware, iiber die Ausdehnung
der Homosexualitat unterrichtet zu sein. So betonte Hans GroB')
vor einigen Jahren den Wert einer zahlenmafligen Feststellung, indem
er meinte, „man miisse feste Anhaltspunkte iiber die Zahl der Kon-
traren und die Begehung homosexueller Handlungen, notigenfalls unter
Beihilfe der Homosexuellen, gewinnen, xxm die Zahl der Gesetzesiiber-
tretungen und die Anzahl der tatsachlich erfolgten Verurteilungen
vergleichen zu konnen. Wehn die Prozentzahl der gesiihnten
Verbrechen gegen die Zahl der begangenen verschwindend Klein sei,
so sei der Strafzweck nicht erreichbar; eine Bestrafung einer winzigen
Anzabl von Fallen verfalle dem Fluche der Lacherlichkeit. Bei der
Zweifelhaftigkeit der Strafbarkeit homosexueller Handlungen bilde dies
dann einen Grund mehr fiir die Straflosigkeit." Einen ahnlichen
Gedankengang entwickelte bereits 1869 Kertbeny in seiner Mono-
graphie: „§ 143". Der offenbar gut unterrichtete Verfasser rechnet
auf die 700 000 Einwohner, welche Berlin damals zahlte, 10 000 Homo-
sexuelle. Er nimmt an, daB diese sich einmal die Woche zu Hand-
lungen verleiten lieBen, die der GefaJir Verfolgung durch § 143 aus-
gesetzt seien. Diesen 520 000 Fallen, „welche jahrlich Siihne zu
fiirchten haben", standen im Jahre 1867 57 Falle gege nuber, welche
zur Anzeige gekommen sind; zu einer Verurteilung kam es nur in
18 Fallen, in 35 wurde das Verfahren eingestellt, 4 blieben „imer-
Jedigt". Im Jahre 1868 kam in ganz Berlin bloB ein Fall „wider-
natiirlicher Unzucht" zur Anzeige. Der Verfasser von „§ 143" fahrt
nach diesen Gegeniiberstellungen wortlich fort: „Dehnt man diesen
approximalen Ksdkul auf alle 1212 groBere und mittlere Stadte PreuBens
aus, je nach der Hohe ihrer Bevolkerung — die ganz kleinen Stadte
und die ungemein groBe Anzahl der Landbewohner vollig auBer acht
lassend — so erhalten wir ein Zahlenresultat iiber wahrscheinlich
veriibte, jetzt noch strafbedrohte Handlungen, gegen welche die wirk-
lich strafrechtlich verfolgten Falle sich verhalten wie eine Miicke
zu einem Elefanten. Tausende und Tausende begehen stundlich, tag-
lich Handlungen, welche heute noch strafbedroht sind, aber dem
Gesetz verfallen jahrlich von alien diesen Tatern kaum drei, vier
Dutzend. Und diese nicht etwa weil sie das strafbedrohte Vergehen
so artr iibertrieben, im Gegenteile, nur, weil sie so ungliicklich oder
so unklug waren, sich zu sehr zu exponieren, weil sie der Denunziation
unterlagen, zumeist wohl, weil sie zu mittellos waren, um streng
yerscblossene Gemacher, treue Diener, willige Kreaturen zu haben,
ihres Geliebten wie aller Mitwisser Schweigen zu erkaufen, oder weil
*)Iwan Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia
sexualis, Tl. 1, S. 215. Dresden.
3) Hans GroB, Besprechung des Buches von Wachenfeld :
Homosexualitat und Strafrecnt, Archiv fur Kriminalanthropologic usw.,
Bd. VI., Heft 3 und 4, 1901, S. 361—365.
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•467
sie sozial zu niedrig staaden, als daB man mit ibnen viel „Feder-
lesens" gemacht hatte." Von ahnlichen Gesichtspunkten ging Bebei
aus, als er in seiner ersten Reichstagsrede iiber dea § 176*> sagte, daB,
wenn ein Strafgesetz nur ausnahmsweise gehandhabt werden
kann, oder gehandhabt wird, die Frage entsteht, ob die Strafbestim-
mung noch aufrecht zu erhalten ist.
Der dritte Gesichtspunkt, von dem aus ein statistisch'es
Fundament in dieser Frage notwendig ist, ist der biologische.
Ist cs in der Tat richtig — und es hat viel Wahrscheinlichkeit
iilT sich — daB der Uranismus ein Mittel der Ausaonderung ist,
indeni er die zur Fortpflanzung ungeeigneten Petsonen elimi-
niert und zu anderen Zwecken aufspart, so beaniprucht diese
nattirliche Selektion eine andere Beachtung, wenn ihr Quotient
ein konstanter oder ein variabler ist, eine andere, wenn er
nach Prozenten oder nach Promillen rechnet.
Es ist nun von vornherein klar, daB einer Ermittlung der
Anzahl der Homosexuellen auBerordentlich grofle Schwierig-
keiten entgegenstehen. Diese Schwierigkeit ist zunachst durdi
jene SuBere Anpassung bedingt, welche wir sexuelle Mi-
mikry^) nennen.
Genan so wie im Naturreich viele Lebewesen in Farbe und Form
ihrer Umgebung so gleichen, daB ihre Feinde sie nur ganz auBer-
ordentlich schwer herauszufinden vennogen, so passen sich die Homo-
sexuellen den Foitnen ihrer Umgebung derart an, daB selbst geschulte
Beobachter sie als besonders geartete Menschen schwer herauskennen.
Ich habe bereits eine gauze Reihe von Beispielen angefiihrt,
wie Homosexuelle den ihnen am nachsten Stehenden oft jahxe- imd
iahrzebntelang in dem, was sie am tiefsten erfiillte, unbekannt ge-
blieben sind, und konnte diese Beispiele leicht vermehren. Wie oft
ist es vorgekommen, daB sich nahe Verwandte, Briider, Vettern, ja
Vater und Sohne auf homosexuellen Pfaden begegneten, wie oft waren
Schulkameraden, Regimentskameraden, Berufskollegen eng befreundet,
ohne daB der eine von der Homosexualitat des anderen wuBte. Wie
oft hat einer wahrend seines ganzen Lebens nicht bemerkt, daB der
andere, dem er sich so gern anvertraut hatte, „auch so" war. Be-
zeichnend ist auch der folgende Fall: Zwei Kunstmaler von. Ruf
waren seiL 20 Jahren innig befreundet. Seit ihrer gemeinsamen Stu-
dienzeit duzten sie sich, sahen sich fast taglich und hatten anscheinend
kein Geheimnis voreinander. Der eine war verheiratet, der andere
Junggeselle. Nur in einem Punkte spiegelten sie sich gegenseitig
etwas vor. Beide gaben sich voreinander als groBe Verehrer des
weiblichen Geschlechts, mit dem sexuell zu verkehren ihnen in Wirk-
lichkeit niemals gelungen war. Als des einen Frau starb, vertraute
sicli in einer langen Aussprache der Witwer endlich dem Freunde an.
GroB war dessen Erstaunen, noch groBer das des Witwers, als er
nun auch von der homosexuellen Artung seines Freundes erfuhr.
Sie hatten geschwiegen, weil sie bei der Preisgabe des angstlich ge-
huteten Geheimnisses einander zu verlieren gefiirchtet hatten. Um-
gekehrt wird in einem Lande der Anschein einer groBeren Verbrei-
tung der Homosexualitat dadurch erweckt, daB ihre nicht unter Strafe
stehende Betatigung weniger geheim gehalten wird. Besonders fiir
♦) Of. Jahrbuch f. sex. Zwischenst., B. 1, p. 274.
*) Cf. Naturgesetze der Liebe, p. 17 — 19.
30'
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die homosexuellen Verhaltnisse im Orient hebt Numa Prato-
rius*) diesen Gesichtspunkt mit Recht hervor.
Selbsfc denjenigen, die sine grofie Anzahl Homosexueller kennen,
ist immer nur ein geringer Prozentsatz von alien bekannt. Trotzdem
ich selbst viele tausend horn osexue lie Manner und Frauen gesehen
babe, kenne ich, wenn ich einmal ein urnisches Lokal aufsuche,
um arztlichen KoUegen Homosexuelle zu zeigen, unter den Anwesenden
meist nur 5 — 10 (ge^en lOo/o), oft noch weniger; es hat mich oft in
Erstaunen gesetzt, wieviel neue Gesichter man immer wieder an ienen
Platzen findet. Dasselbe sagten mir auch Kriminalbeamte, die 16 Jahre
und langer in dem zustandigen Ressort tatig waren. Ebenso bieten
die in die Polizeilisten eingetragenen Homosexuellen fur statistische
Zwecke kein schliissiges Material. Diese Listen, welche eingerichtet
wurden, um „in vorkommenden Fallen" Anhaltspunkte zu besitzen,
entstehen in der Weise, dafi zustandige Beamte die Namen derjenigen
angeben, von welchen sie direkt oder indirekt erfahren haben, oaB
sie homosexuell sind; sie umfassen in Berlin 20 — 30 000 Nummern.
Es liegt aber auf der Hand, dafi diese Eintragungen nicht nur unvoll-
standig, sondem auch unzuverlassig sein miissen. ') Die Sammel-
platze Homosexueller geben als solche kein richtiges Bild iiber die
Zahl der Urninffe im Verbal tnis zu der iibrigen Bevolkerung. Die
iibergroBe Afehrzahl .der Urninge halt sich von diesen fern
und lebt ganrfich zuriickgezogen fiir sich oder mit einem Freunde,
bemiiht, ihre „Schwache" als tiefstes Geheimnis vor der Welt, meist
auch vor Schicksalsgenossen, zu bewahren. Andere haben wohl einige
homosexuelle Bekannte, huten sich aber gleichwohl, Ortlichkeiten aui-
zusuchen, die als Treffpunkte urnischer Personen gelten. Immerhin
ist OS beachtenswert, daB es in Berlin gegenwartig allein 30 — 40 Restau-
rants, etwa 6 Bader und mindestens ebensoviele Pensionsanstalten
gibt, die fast nur von Homosexuellen aufgesucht werden, und daB alle
diese Zusammenkunftsstatten meist stark frequentiert sind; auf den
friiher haufig stattfindenden Urningsballen in Berlin befanden sich
oft nicht weniger als 800 — 1000 Homosexuelle in einem Saal, von
denen ich haufig nur 20 — 30 personlich und etwa 60 dem Aussehen
nach kannte.
Ebensowenig brauchbar sind die Angaben der eigentlichen Kri-
minalstatistik. Diejenigen Homosexuellen, welche zur Anzeige und
Aburteilung gelangen, bilden erfahrungs- und naturgemaB einen so
verschwindend kleinen Bruchteil der wirklich vorhandenen, daB ihre
Zahl fur eine Abschatzung der Homosexuellen nicht verwertbar ist.
GeJangten doch nach der mitgeteilten Berechnung Kertbenys 1868
nur 0,00019 o/o der wahrscheinlich vorgekommenen Falle zur Anzeige.
Wenn wir uns von den Juristen an die Mediziner wenden,
so bleiben auch diese die Antwort schuldig. Vollig zutreffend
schreibt Merzbach^): „Die Homosexuellen sind zwar aller-
<5)Numa Pratorius bei Besprechung des Artikels von
N a c k e : Die Homosexualitat im Orient bei GroB 16. Bd. 3. u. 4. Heft.
S. 363 ff. Im Jahrb. f. sex. Zw. Bd. VII. 2. p. 763.
■') Ein naiver SchluB ist es, aus der VergroBerung der Polizei-
listen die Zunahme der Homosexuellen zu folgern, wie es in Leipzig
in einem Vortrage (am 18. Januar 1905) Hofprediger S t 6 c k e r ta^
der meinte: „Die aktuellste Frage ist zur Zeit die homosexuelle. Die
Berliner Polizei kannte vor 20 Jahren nur 2000 Urninge, heute sind
es schon 20 000."
8) Die Lehre von der Homosexualitat, als Gemeingut wissenschaft-
licher Erkenntnis, von Dr. Georg Merzbach, in der Monats-
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orten, auf dem Lande und in den Stadten, in der Htitte und in
den Palasten, bei den Kulturvdlkern wie bei den wilden Stam-
men in nicht eben kleiner Zahl anzutreffen, aber es diirfte doch
nur wenige Arzte geben, denen sioh Homosexuelle in dieser Eigen-
schaft als Patienten anvertraut haben. Diesen Umstand erklart
einesteils die begreifliche Scheu des Homosexuellen, sich selbst
dem Arztc in einem Zustande anzuvertrauen, den die Gesell-
schaft mit Achtung und das Gesetz mit harter Strafe bedroht,
anderenteils ihr BewuBtsein, daB sie der Arzt entweder nicht
versteht oder ihnen Rat und Heilung doch nicht zu bieten im-
stande ist.**
Wenn manche beschaftigte Arzte, wie im deutschen Reichs-
tag der elsassische Abgeordnete Hoffel, behaupten, die Homo-
sexualitat sei sehr selten, denn sie hatten in ihrer Praxis noch
nie einen Homosexuellen gesehen, so ist zu bemerken, daB es
wohl keinen beschaftigten Arzt gibt, der keinen Homosexuellen
gesehen; die Arzte twaren eich blofl dessen nicht bewuBt und
soUten deshalb ihre Behauptung vorsichtigerweise einschranken,
indem sie sagen, sie hatten wissentlich noch keinen Homo-
scjxuellen gesehen. WliBten sie, wieviele und welche Homo-
sexuelle sie in ibrer Tatigkeit gesehen, unwissentlich geseJien
haben, ihr Urteil iiber die Homosexuellen wurde vermutlich
anders lauten.
Das gilt nicht nur fur den einfachen praktischen Arzt, sondern
auch fur den Spezialarzt, sowohl den fiir Geschlechtsleiden, als den
fiir Seelenstorungen. Seitdem hervorragende Gerichtsarzte und Psy-
chiater wie Casper, Griesinger, Westphal und K r a f f t -
E b i n g in den sechziger und siebziger Jahren des ietzten Jahr-
hunderts dem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zugewandt haben, haben
sich die Psychiater fiir besonders qualifiziert erachtet, nicht nur
iiber das Wesen, sondern auch iiber die Zahl der Homosexuellen
selbstiindige Urteile abzugeben. Entsprechend ihrer Erfahrung er-
klarten fast alle die Homosexualitat als ein auBerordentlioh seitenes
Vorkommnis. So bezeichnet K r a p e 1 i n») die Angabe von U 1 r i c h a
in seinem Lehrbuch als wahrscheinlich betrachtlich libertrieben. Noch
apodiktischer erklart Straiimann^o) die Angaben von U 1 r i c h s
zu hoch. Ebenso nennt C r a m e r i^) die Zahlen der Literatur zu
hoch. Ein wenig vorsichtiger meint H o c h e ^2) ; die Haufigkeit
wird wohl iiberschatzt. Demgegeniiber ist es ein Verdienst von Ober-
schrift fiir Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene. Heft 1, Jahrg. I.
1904. Herausgegeben von Dr. med. Karl Ries.
9) Krapelin, Kurzes Lehrbuch der Psvchiatrie, Leipzig, p. 631,
1887.
10) 1896 StraCmann, Lehrbuch der gerichtlichen Medizin,
p. 119.
11) 1900. Cramer, Gerichtliche Psychiatric, Jena.
12) 1902. Hoche, Handbuch der gerichtlichen Psychiatric,
Berlin.
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medizinalrat N a c k e i^), hervorgehoben zu haben, dafi die meisten
dieser Autoren keine geniigenden Sachverstandigen seien, well ihr
Material viel zu gering und iinter abnormen Verhaltnissen beobachtet
sei. DaB aber von den sechs Autoren, welche N a c k e als wirkliche
Sachverstandige auf dem Gebiete der Homosexualitat aufzahlt, nicht ein
einziger sich getraute, eine bestimmte Meinung iiber die Anzahl der
Homosexuellen zu auCern, ist sicherlich kein Zufall.
Einige Autoren haben Mitteilungen veroffentlicht, welche
ihnen Urninge selbst tiber die Anzahl der Homosexuellen ge-
geben haben, tells iiber die Menge, welche sie liberhaupt kennen
gelernt haben, teils uber diejenigen, welche ihnen in der Stadt,
in der sie lebten, bekannt geworden sind.
Ein Patient Krafft-Ebings kennt in einer Stadt von 13 000 Ein-
wohnern 14 Urninge, in einer anderen von 60 000 Einwohnern wenig-
stens 80, ein Urning hat Moll mitgeteilt, daB ibm in Magdeburg
70, ein anderer, dai3 ihm in einer Stadt von 60 000 Einwohnern
50 Homosexuelle bekannt seien, ein anderer hat in einer Stadt von
350 000 Einwohnern mit 250 Mannern Beziehungen gehabt, ein an-
derer, der sehr viel gereist ist und sich genaue Aufzeichnungen
gemacht hat, will in 20 Jahren gar mit 965 ^Fiinnern sexuell ver-
kehrt haben. Auch ich besitze eine Reihe ahnlicher Mitteilungen ;
so kennt ein Urning in Hamburg 60, ein anderer daselbst 11 Homo-
sexuelle, einer in Danzig iiber 100, ein zweiter in der gleichen Studt
iiber 50, einer in Braunschweig 82, einer kennt in Hildesheim 15,
ein zweiter 8 Gleichempfindende, fiir Stuttgart gibt ein Homosexu-
eller 130, ein zweiter 40, ein dritter 25 ihm bekannte Urninge an. In
Flensburg kennt einer 25, in Elberfeld 30, in Gorlitz 10, in StraB-
burg 40—50, in Triest 24, in Weimar 10, in Bern 10, in Diisseldorf
gegen 200, fiir Miinchen gibt einer 100 ihm bekannte Homosexuelle
an, ein zweiter will mehrere Tausend kennen. Die Zahl der Homo-
sexuellen in Barcelona schatzen nach Bembo**) einige auf 6000,
andere auf 18 000, ein weiterer gab sogar 30 000 an.
Ich halte alle diese Angaben fiir eine Statistik iiber die
Homosexualitat f tir unverwertbar, da es sich doch immer
nur um eine beschrankteGruppe handelt, die einem Urning
direkt oder indirekt bekannt geworden ist, namentlich die zahl-
reichen monogam veranlagten Urninge werden selten bekannt,
auch entsprechen die Geriichte, die iiber die Homosexualitat
dieser oder jener Person im Umlauf sind, keinesfalls immer
der Wahrheit. Zweifelsohne wohnt auch vielen Urningen die
Nei^ung inne, die Menge ihrer Leidensgefahrten zu hoch zu
beziffern; doch kommt auch das Gegenteil vor, so hebt Moll
mit Recht hervor, daC sich Ulrichs „kaum einer tJbertreibung,
eher einer Unterschatzung schuldig gemacht hat, wenn er
auf 2000 Seelen oder auf 500 erwachsene Manner durchschnitt-
lich einen Urning rechnet**.
^5) Dr. P. N a c k e , Die Probleme auf dem Gebiete der Homo-
sexualitat, in der allgemeinen Zeitschrift fiir Psychiatrie und psychia-
trisch-gerichtliche Medizin. Bd. LIX, Heft 6, S. 805—829.
^*5 La mala vida en Barcelona. Kap. Uranismo. Von Prof. Max
B e m b o.
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In seiner letzten Schrift i*) nimmt U 1 r i c h s iinter den Volkern
deutscher Abstammung durchschnittlich „einen Urning unter etwa
800 Seelen der Bevolkerung an". Er fiigt hinzu: „ Unter den Mag-
yaren und den Slaven, namentlich unter den Siidslaven, ebenso auch
unter den germanisierten Slaven, scheint die Verhaltnisziffer der
Urninge eine etwas hohere zu sein."
Ganz unbrauchbar ist eine von Moll wiedergegebene Statist ik
eines Urnings, der seine Beobachtungen an einer Bediirfnisanstalt
anstellte. Unter 682 Besuchern, welche die Anstalt von 8 Uhr friih
bis 12 Uhr nachts besuchten, will dieser homosexuelle Herr, der, wie
Moll sagt, „durch seine wissenschaftliche Bedeutung eine Gewahr
fiir seine Mitteilungen gibt," genau bei 100 eine Disposition zur
Homosexualitat wahrgenommen naben. Er folgerte dies daraus, daB
die betreffenden Personen teils ihre Genitalien zeigten, teils andere
sehen woUten, teils Erektionen erzeugten. Abgesehen davon, daB
diese Zeichen sehr unsicher sind, sollte dieser Gewahrsmann wissen,
dafi in groBeren Stadten — er stellte seine Beobachtungen in einer
Stadt von 400 000 Einwohnem an — , stets einige Toiletten von Horao-
sexuellen sehr bevorzugt, andere sehr wenig aufgesucht werden. In
Berlin gibb es eine oder zwei in verschiedenen Stadtgegenden ge-
legene Beddrfnisanstalten, in denen nahezu der dritte Teil aller
Besucher homosexuell ist oder sich zum homosexuellen Verkehr an-
bietet, wahrend andere in derselben Gegend von Homosexuellen mit
EntbloBungs- oder Schautrieb nur ganz zufallig benutzt werden.
Als ich einmai an einem mitteldeutschen Landgericht Gutachter
war, kam es wahrend der Verhandlung, die sich gegen 16 Angeklagte
richtete, zur Sprache, dafi der Tatort eine sehr entlegene Bediirfnis-
anstalt war. von Heterosexuellen wurde diese Anstalt nach 7 Uhr
abends fast gar nicht frequentiert. Einen gewissen SchluB auf die
^oBe Verbreitung des Uranismus laBt vielleicht eine andere, sich
m Bediirf nisanstalten aufdrangende Erscheinung zu: Die groBe
Hiiufigkeit von Wand i ns c h rift en und Zeichnungen
homosexuellen Inhalts. Die Phalli, angemalt mit Kohle oder
Blei, nicht selten auch in den Stein gekratzt und in Teer gezogen,
ruhren in der ubergroBen Mehrzahi der Falle sicherlich von Homo-
sexuellen her. Gelegentlich mogen sie auch von Heterosexuellen an
die Wand geworfen werden, doch sind sie dann meist durch weib-
lichc Embleme erganzt. Ich fand diese Bilder und Inschriften Homo-
sexueller von Chicago iiber Tanger bis Constanza allerwarts, undweiter
Gereiste bestatigen, daB man sie in vollig, gleicher Weise in Rio
wie Tokio findet i«).
Etwas bessere Anhalt^punkte, aber auch nur allge-
meine,nichtprozentuale, liber die Haufigkeit der Hiomo-
sexualitat gibt eine andere, von Urningen selbst gewohnlich zu
Ankniipfungszwecken angewandte „Untersuchungsmethode**, die
des Inserats^"^).
So gab beispielsweise im Jahre 1901 ein urnischer Philologe
in Berlin das folgende Inserat auf: „17— 21jahrigen Freimd sucht 25-
jahriger Doktor. „Z" Morgenpost, Schiffbauerdamm 2." Nur 11 von
Kritische Pfeile, p. 12.
Nui
«) Kritii
w) cf. I
, ^-. Artikel von Numa Pratorius in Anthropophy tela.
Bd. VIII. p. 410 ff. „Homo8exuelle Pissoirinschriften aus Paris".
1') Jahrbuch f. sex. Zw., Jahrgang V. Band 2. p. 950, Ano-
nym. (Dr. B.) Eine praJstische Enquete iiber die Haufigkeit der Homo-
sexualitat in Friihrot, freiradikale Zeitschrift, herausgegeben von
Robert Heymann, Nr. 8, 9, 10, 11, 12 und 13. (1901.)
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36 Zeitungen nahmen die ihnen iibersandte Anzeige auf. Insgesamt
antworteten auf das Inserat, das nur einmal erschien, 140 Per-
sonen, damnter befanden sich' 111 — der Verfasser legte mir spater
selbst die Briefe vor — , die nahezu mit Sicherheit von Homosexuellen
h'erruhrten die sich nach einem „iiitiinen Freund" sehnten. Viele da-
von geben ganz offen das h'omosexueile Gefiihl, das nach Erwiderung
verlangt, kund. Das angegebene Alter der Briefs ch'reiber schwankte
zwischen 16 1/2 und 30 Jahren, vereinzelt fanden sich auch Herren von
35, 39, 40, 46 und noch' hoherem Alter. Der Verfasser des Inserats
meint, die Zahl von 111 Eingangen auf 13 Zeitungen Berlins scheine
zwar gering, dabei sei aber zu beriicksichtigen, dai3 ein nur ein ein-
ziges Mai gebrachtes Inserat von sehr wenigen Lesern gelesen werde,
sowie dali die wenigsten Homosexuellen es wagten, auf Inserate zu
reagieren. Demgegeniiber bemerkt aber Pratorius ganz richtig^Ja) :
„Die Anzahl der auf das Inserat eingegangenen Schreiben ist nicht
als eine geringe zu betrach'ten, wie Verfasser meint, sondern als eine
relativ groBe, wenn man bedenkt, wie viele Bedingungen erfiillt sein
miissen, bis ein Homosexueller antwortet. (Leser der betreffenden
Zeitung, Leser des Inseratenteils, Leser des betreffenden Inserats,
Lust zu antworten, Mut zu einem solch'en Schritt usw.)."
Ein weiteres Mittel, das einen gewissen MaCstab fur die
Haufigkeit der Homosexualitat bietet, ist die katholische
Beichte. Es liegen mir eine ganze Reihe interessanter Mit-
teilungen katholischer Priester vor, von denen ich wenigstens
einige wenige wiedergeben will.
So antwortet ein Geistlicher auf die Frage, ob er auf Grund
seiner pastoralen Erfahrung bestatigen konne, daB es Menschen gibt,
welchen von Natur aus kein anderer als ein gleichgeschlechtlich^T
Trieb innewohnt, folgendes: „Schon lange in der Seelsorge tatig,
namentlich viel mit Manuerseelsorge beschaftigt, kann ich die Existenz
sotban gearteter Naturen ganz decidiert bestatigen. Ich lernte von
Homosexuellen kennen: Einen Fabrikarbeiter, einen Gesellen — Senior
eines katholischen Gesellenvereins — , einen Bauernknecht, einen Pro-
fessor, eine Sprachlehrerin u. a. m." — Ein anderer Geistlicher schreibt :
,,Da ich schon fruhzeitig von diesen Dingen Kenntnis erhielt, habe
ich im Beichtstuhl immer darauf gerichtete Erganzungsfragen gestellt.
Ich frage jedesmal, wenn von Siinden gegen das 6. Gebot die Rede
geht: Ist es mit jemand vom anderen oder mit jemand vom eigenen
Geschlecht geschehen? Und dabei bediene ich mich eines Tones, aus
dem der Penitent entnehmen kann, daB mich letzteres nicht im
mindesten iiberraschen wiirde. Im Durchschnitt heiCt es dann natur-
lich: Mit jemand vom anderen Geschlecht. Wenn nun diese Antwort
nicht ganz schnell und sicher kommt, frage ich weiter: Mit Personen
vom eigenen Geschlecht gar nicht? und befleifiige mich womoglich
einer noch groBeren Freundlichkeit. Da kommt dann nicht selten
ein schiichternes „Auch". Ja, es stellte sich schon herau'S, daB
Siinden mit dem anderen Geschlecht gar nicht vorgefallen waren,
sondern nur Siinden solcher Art. Zuletzt erkundige ich mich immer
nach den Ursachen und Anlassen. Dor Ursachen gibt es dreierlei
(nach meinen Erfahrungen namlich; jindere mogen vielleicht wieder
anders urteilen) : Verfiihrung, Mangel an Gelegenhcit, mit Personen vom
i"a) Vgl. die Arbeiten von Numa Pratorius uber Inserate,
namentlich: „Homosexuelle Inserate", Anthropophyteia Bd. VI, S. 167 ff.,
und „Ein homosexuelles Inserat und die eingegangenen Angebote"'
„Homosexuelle Inserate" aus der Pariser Zeitung „Le Supplement"
Ko. 2—3 und Anthropophyteia Bd. VIII S. 244 If.
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ent^eeengesetzten Geschlechte zusammenzukommen und endlich gleich-
geschlechtliche Naturanlage. Letztere Ursache ist die gewohnliche ;
und icb glaube, daB auch in den ersteren Fallen immer ein biBchen
jjlomosexualismus" mit unterlauft, nur dafi oft bloB leichte, schwache
Anlasse vorhanden sind. Ich bin der Oberzeugung, dafi solche
Menschen gar nicht so selten vorkommen, fiirchte aber, daB sehr
viele von ihnen, weil sie nur von wenigen Beichtvatern verstanden
und billig beurteilt zu werden hoffen diirfen, ihr Leben lang kein auf-
richtiges Bekenntnis machen." Ein Dritter sagt: „0b ich als Beicht-
vater die Existenz des Homosexualismus als einer objektiv gegebenen
Tatsache bestatigen konne? Das kann ich allerdings. Ich habe tau-
sende von Beichten entgeg^ngenommen, habe Mannern und Frauen,
Greisen und Jiinglingen, Landleuten und Stadtern, Menschen der
obersten und der untersten Stande ins Gewissen geschaut, so tief ins
Gewissen geschaut, daB ihr innerstes Leben, ihre innersten Empfin-
dungen, Kampfe und Gefiihle offen vor meinen Blicken lagen, una ich
muB den Satz unterschreiben : „Es ist eine Erscheinung, mit der wir
uns, als einmal gegeben, abfinden miissen, daB die fleischliche Liebe
nicht exklusiv an das entgegengesetzte G^schlecht gebunden ist. Wenn
wir auch die Griinde dafiir bisher nicht verstanden, so ist doch ein
Zweifel dariiber ausgeschlossen, daB es eine ansehnliche Zahl
von Mannern und Frauen gibt, die sich, und zwar mit physischer Not-
wendiffkeit, nicht vom anderen, sondern vom eigenen Geschlecht
sexuell angezogen fiihlen." Ein Vierter antwortet endlich auf Grund
einer 30jahrigen pastoralen Erfahrung: „Es gibt einen, allerdings
sehr geringen, Prozentsatz von Menschen, denen kein anderer,
als ein gleichgeschlechtlicher Trieb innewohnt; weit groBer aber ist
die Zahl derer, die zwar auch vom anderen Geschlecht, in hoherem
MaBe aber vom eigenen sich angezogen fiihlen."
Da die gesehilderten Unterlagen ftir die Gewinnung eines
Urteils iiber das Vorkommen homosexueller Empfiudungen hoehst
unzureichend sind, ist es nur zu begreiflich, daU die Meinungen
iiber die Menge der Homosexuellen friiher ganz auUerordentlich
weit auseinandergingen. In wie hohem! MalJe dies der Fall war,
mogen noch einige Literaturangaben zeigen, die ich den bereits
angefiihrten hinzuftigen mochte.
Gustav Jageris) berichtet, daB ein Gewahrsmann von ihm
auf 50 Manner 1 Homosexuellen annimmt. Es ist dies wohl derselbe
Dr. M., der in der spater von Jager in dem Jahrb. f. sex. Zw. i^) ver-
offentlichten Abhandlung mitteilt, daB er „auf eine Million Manner
20 000 Mutuelle und Pygisten" rechnet. Nach den Mitteilungen von
Otto de Joux soil die Zahl der Urninge in ganz Europa etwa 6 Mil-
lionen betragen, es sollen 4,5 o/o aller Personen mannlichen Geschlechts
Urninge, dagegen bloB 0,1 o/o aller Personen weiblichen Geschlechts
Urninginnen sein. Wahrend d e Joux den Prozentsatz der homo-
sexuellen Frauen geringer veranschlagt als den der homosexuellen
Manner, halt H. Ellis ihn im Gegenteil fiir wesentlich hoher. Er
schreibt*o): ,^Bei dem berufstatigen, gebildeten Elemente der Mittei-
lt) Gustav Jager, Entdeckung der Seele, 3. Aufl., Bd. I,
p. 257, Leipzig 1884.
19) Jahrb. f. sex. Zw., II. Jahrg. 1900, p. 53: Ein bisher unge-
drucktes Kapitel iiber Homosexualitat aus der „Entdeckung der Seele"
von Dr. med. Gustav Jager in Stuttgart.
20) H. Ellis, Psychology of Sex. Band: „SexuaI inversion"
p. 29—30.
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klasse in England findet sich ein bestimmter Prozentsatz von Urniogen,
mauchmal bis zu 5 o/o, wenn auch solche Angaben immer nur
schatzungsweise bleiben konnen. Bei den Frauen derselben Klasse
scheint der Prozentsatz mindestens die doppelte Hohe aufzuweisen —
wenn auch bier die AuBerungsformen unbestimmter imd weniger tief
sind." Moll schreibt in seiner „Kontraren Sexualempf indung" ") •
„Was die Zahl dor Urninge betrifft, so ist es unmoglich, genau an-
zugeben, welchen Prozentsatz der Bevolkerung sie ausmachen"; und
etwas weiter: ,,Ich habe selbst in Berlin etwa 600 — 700 Urninge ge-
sehen und beobachtet und von etwa 250 — 350 gehort. Nach diesem
ungefahren Bilde kann ich feststellen, daU sich die Zahl der Berliner
Urninge mindestens auf 900 belauft. DaU aber in Wirklichkeit diese
Zahl wesentlich iiberschritten wird, kann ich mit grofiter Wahrschein-
lichkeit sagen. Ob es 3000 oder 10 000 oder sogar, was ich nicht fiir
ausgeschlossen halte, noch mehr Homosexuelle in Berlin gibt, dariiber
kann ich mit Sicherheit nicht urteilen." v. R 6 m e r ^2) glaubt, „daC
der Uranismus in einem Minimum von 2 o/o und in einem Maximum von
33 o'o vorkommt**.
In fast allon sonstigen Liter aturstellen, die ich kenne, be-
gnligt man sich damit, die Homosexualitat entweder flir ein
haufiges oder flir ein seltenes Vorkommnis zu erklaren, ohne
allerdings diese Vermutungen des naheren zu begrlinden. Wenn
Volt aire 2^) von ihr sagt: „Ce vice est tres-rare parmi Jious",
so ihandelt es sich nicht weniger um eine subjektive beweislose
Meinung, als wenn de Joux auBerf : „Niemand ahnt, welche
ungeheure Verbreitung der moderne Hellenismus hat. Jedee
Haus hat hjeute sein Urning-Skelett. Unerkannt, ungeahnt, in
trefflicher Maske sitzt der Uranismus, gleichsam in eine Tarn-
kappe gehtillt, an alien Tischen, nimmt liberall am offentlichen
Leben teil und fordert gebieterisch sein Naturrecht."
Angesichts der groBen Unsicherheit und Verschiedenheit
der Anschauungen (schwankten doch die Verhaltniszahlen zwi-
schen 1 auf 2 und 1 auf 10000), dtirfte es wohl berechtigt ge-
wesen sein, was ich selbst in meiner ersten Arbeit iiber den
Uranismus geauBert habe: ^-Bei dem dichten Sclileier, der ge-
heimnisvoll das Geschlechtsleben des Menschen umgibt, cntzieht
es sich jeglicher Berechnung, in welchem Zahlenverhaltnisse
diese drei Menschenklassen (gemeint sind die Heterosexuellen,
Bisexuellen und Homosexuellen) zu einander stehen; alle bis-
herigen Untersuchungen und Schatzungen selbst
namhafterForschersindmehroderwenigerunzu-
verlassige Vermutungen.** Um zu zuverlassigeren sta-
tistischen Unterlagen zu gelangen, wandte ich in Gemeinschaft
*i) A. Moll, 1. c. p. 144.
"?) Jahrb. f. sex. Zw., VII. Jahrg. Bd. 1, p. 67: Die erbliche Ba-
les tung des Zen trainer vensy stems bei Uraniern, geistig gesunden Men-
schen und Geisteskranken, Von L. S. A. M. v. Romer.
=^5) Voltaire, Diet, philos., p. 285.
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mit einer Anzahl meiner Mitarbeiter zwei Mittel an: Stich-
proben und Rundfragen. Wir schlossen, damit wir keine
zu hohen Zahlen erhielten, bei beiden Methoden von vornhefein
Gruppen aiis, von denen man hatte annehmen konnen, dafl
unter ihnen das homosexuelle Element besonders stark ver-
treten ist.
Bei den Rundfragen sucliten wir Kreise aus, von denen man
theoretisch voraussagen durfte, daD in ihnen die Anzahl der Homo-
sexuellen keineswegs groBer sein wiirde als in der iibrigen Bevolkerung,
das eintj Mai Studierende technischer Facher, das andere Mai Metall-
arbeiter. beides also zwei besonders „mannliche" Bemfe. Bei den
Stichproben legte ich Wert darauf, daB es sich um gemischte, mog-
lichst indifferente Gruppen handelte, vor allem nicht um den engeren
Bekanntenkreis einer Personlichkeit, in welchem moglicherweise die
Menge der gleichgeschlechtlich Empfindenden hatte iiborwiegen konnen.
Man konnte gegen die Stichproben geltend machen, daB die Homo-
aexuellen nicht selten die Neigung haben, die Zahl der Gleichfiihlenden
zu iiberschatzen. Demgegeniiber ist zu erinnern, daB von den Bericht-
erstattern ausdriicklich verlangt wurde, nur Personen aufzunehmen,
die ihnen positiv als homosexuell bekannt waren, wahrend es of fen-
bar in den meisten der angefiihrten Kreise den einen oder anderen
gibt, der seine Anlage so gut zu cachieren weiB, daB sie audi guten
Beobachtern entgeht. Deshalb sind die Resultate auch hier wie in
den Enqueten eher als etwas zu niedrig als zu hoch gegriffen an-
zusehen. Ich lasse nun Beispiele von Stichproben f olgen,
wobei ich bemerke, daB die samtlichen Ermittelungen von Personen
herriihrcn, die mir als zuverlassig bekannt waren. Die Bericht-
erstatter sind, soweit sie selbst Urninge sind, mit eingerechnet.
I. Unter einer Gruppe von im ganzen etwa 40 Personen, welche
dem hochsten europaischen Adel angehoren, befinden sich
nach absolut zuverlassigen Informationen zwei, deren Uranis-
mus auBer Zweifel steht. 2 : 40 = 5 o/o.
II. Ein urnischer Offizier kennt 660 Offiziere aus 10 verschiedenon
Regimcntem; unter diesen befinden sich 14 Homosexuelle, ziemlich
proportional auf alle Chargen verteilt. 14: 560 = 2,5 o/o.
III. Ein Einjahriger eines ostpreuBischen Infanterieregimentes gibt
an, in seiner Kompagnie 4 Homosexuelle verschiedener Chargen gefunden
zu haben. 4 : 125 = 3,2 o/o.
IV. Ein zu einer achtwochentlichen Waffeniibung eingezogener
urnischer Ingenieur fand in seiner Kompagnie auBer sich 2 Ur-
ninge, einen Unteroffizier und einen Gemeinen. 3: 125 = 2,4 o/o.
V. Unter 120 Mannschaften und Unteroffizieren einer Kiirassier-
schwadron befanden sich 3 Homosexuelle. Ref. folgert dies nicht etwa
daraus, daB sie mit Homosexuellen verkehrten — wenn dies beweisend
sei, so ware der Prozentsatz hoher — , sondern aus ihren Angaben
und ihrem Gebaren. 3: 120 = 2,5 o/o.
VI. Ein Marineoffizier, der sehr zahlreiche und sorgfaltige Be-
obachtungen angestellt hat, taxiert den Prozentsatz der Homosexuellen
in seinem Stande auf 5 unter 100 = 5 o/o.
VII. Unter 400 franzosischen Soldaten befanden sich 12 Homo-
sexuelle. 12 : 400 = 3 o/o.
VIII. Ein urnisch veranlagter evangelischer Pastor teilt mit, daB
er unter seinem geistliclien Bekanntenkreis, der 87 Herren umfaBt,
2 Homosexuelle kenne. Dem einen von beiden gestand er, um sich mit
ihm zu beraten, seine geschlechtliche Eigenart und erfuhr zu seiner
Oberraschung, daB derselbe sich in der gleichen Lage wie er selbst
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befande. Die Homosexualitat des anderen verriet ihm ebenfalls ein
unzweideutiges Selbstbekenntnis. 3 : 88 = 3,4 o/o.
^ IX. Ein Priester hat unter 95 katholischen Geistlichen, die er
naher kennen lernte, 2 Uminge gefunden. „Beide haben es mir selbst"
— so schreibt er — „(extrasakrameiital) eingestanden, der eine aus-
driicklich, der andere so gut wie ausdrucklich. Ein Zweifel ist aus-
geschlo8sen." Der Gewahrsmann fiigt hinzu, daC nacli seiner Mei-
nung die Homosexualitat unter der katholischen Geistlichkeit starker
vertreten sei, als unter irgendeinem andem Berufe. 3: 95 = 3,15'>;o.
X. Ein umischer Brieftrager hat unter ca. 1000 Postbeam-
ten eines der groDten Berliner Postamter in mehreren Jahren 18 kennen
gelemt, von denen er mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrschein-
lichkeit aussagen kann, daB sie „so" sind. 18: 1000 = 1,8 o/o.
XI. Ein Eisenbahnbeamter kennt unter 300 Beamten seines Di-
strikts 3 Homosexuelle. 3:300=1 o/o.
XII. Ein homosexueller Lehrer berichtet, daB sich unter 90 Zog-
lingen eines Lehrerseminars — Internats — 2 Homosexuelle
befanden, die es auch jetzt nach Jahrzehnten noch sind. 2:90 = 2,22 o/o.
XIII. Ein Korpsstudent kannte imter 35 Mitgliedem seiner
[corporation 2 Uranier. 2: 35 = 6,71 o/o.
XIV. Ein Student fand in einer groCeren Verbindxmg von
durchschnittlich 100 Aktiven im I. Semester 2 Homosexuelle, im
II. Semester 2 Homosexuelle, im III. Semester 3 Homosexuelle, im
IV. Semester 4 Homosexuelle, im V. Semester 2 Homosexuelle, im
VI. Semester 1 Homosexuellen, im VII. Semester 2 Homosexuelle,
durchschnittlich unter 100 Studenten: 2,28 Homosexuelle. 2:100 = 2o;o.
XV. Ein Gj'mnasiallehrer kennt unter 152 Lehrern, die er im
Laufe der Jahre genauer kennen gelemt hat, 3 Homosexuelle, sich
mit eingerechnet. 3 : 162 = 1,97 o/o.
XVI. Dr. Numa Pratorius gibt in der Bibliographie des
VII. Jahrganges des Jahrbuches fiir s. Zw.25a) folgende Stichprobe:
„Ich kenne unter der auf etwa 200 sich belaufenden Anzahl der Richter
eines deutschen Bundesstaates drei geborene Homosexuelle, die sich
untereinander ausgesprochen haben, zwei davon sind ausschlieBlich
homosexuell und einer bisexuell, aber mit sehr stark iiberwiegender
homosexueller Neigung. Die Vermutung liegt nahe, daB auBer diesen
drei in dem betreffenden Bundesstaat noch weitere Justizbeamte homo-
sexuell sind, denn es ware wahrlich ein mehr als seltsamer Zufall, daB
einzig und allein diese drei, die sich zufallig kennen lernten, homo-
sexuell wiiren, die samtlichen anderen aber, von denen eine groBe
Anzahl deu Dreien iiberhaupt personlich nicht bekannt ist, alle ins-
gesamt heterosexuell waren." (3: 200 = 1,5 o/o).
XVII. Einer urnischen Telegraphongehilfin waren unter 350 Tele-
phonistinnen ihres Amtes 8 als homosexuell bekannt. 8: 350 = 2,3 <Vo.
XVIII. Unter 70 Chefs in der Berliner Damenkonfektion sind
Berichterstatter 5, unter ca. 200 Angestellten dieser Firma 3 als sicher
homosexuell bekannt. Berichterstatter ist heterosexuell. 8:270 = 3^^0.
XIX. In einer groBen Backwaren-Fabrik kannten sich unter 90
Backern 3 als homosexuell. 3: 90 = 3,3 o/o.
XX. In einem Berliner Warenhause befinden sich unter ca.
400 im Lager beschaftigten Personen 6 untereinander bekannte Ur-
ninge. 6: 400= l,5o/o.
XXL Ein Bankangestellter fand unter ca. 100 in oiner
Berliner Bank beschaftigten Person 2 Uranier. 2: 100 = 2 o/o.
XXII. Ein in einer bekannten Kunstanstalt seit 8 Jahren
heschaftigter Urning kennt untor den 400 Zeichnern, Atzern und
Sotzern iisw. 7 Homosexuelle (sich mit einbogriffcn). 7:400=1,75^^/0.
2\a) Jahrb. f. sex. Zw., VIL Jahrg. 2. Band. 1905. p. 819/20.
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XXIII. Ein Urning, der regen gesellschaftlichen Verkehr pflegte,
machte die Wahrnehmung, dal sich in jeder groBeren F a m i li e
innerhalb dreier Generationen, also ca. unter 30 Personen, ein Homo-
sexueller findet. Es stimmt das mit der Beobachtnng iiberein, die
ich aus der Kenntnis zahlreicher homosexueller Namen gemacht habe,
daB es kaum eine deutsche Standesfamilie gibt, die nicht unter
ihren Agnaten einen Homosexuellen zahlt. l:30 = 3,3o/o.
XXIV. Ein homosexueller 27 jahriger Schlachtergeselle kennt
110 Schlachtermeister und Gesellen. Darunter sind, ihn eingerechnet,
fanz sicher 4 Urninge, 1 Meister und 3 Gesellen zwischen 26 und
Jahren. Samtliche haben unserem Gewahrsmanne ihre homosexu-
elle Neigung zugegeben. 4 : 110 = 3,63o/o.
XXV. Ein Nichturning "
ing kennt unter ca. 200 Angestellten seines
Geschaftshauses 2 Homosexuelle. Auch einer der beiden Chefs
gilt als Urning. 2:200 = lo/o.
XXVI. Unter 2000 Marburger Studenten kannte S. 80 Urninge.
80: 2000 =-.4 0/0.
XXVII. Einem homosexuellen Schauspieler waren in seiner Lauf-
bahn unter ca. 900 Schauspielem an verschiedenen Biihnen 50 als
gleichfalls so veranlagt bekannt geworden. 50:900 = 6,5 o/o.
XXVIII. Unter 60 polnischen Konfirmanden befanden sich 2 femi-
nine, von denen der eine ein Damenschneider, der andere Damenfriseur
in Berlin geworden sind. Beide trafen sich spater in homosexuellen
Lokalen wieder. 2 : 60 = 3,3 o/o.
XXIX. Unter 200 Mann Personal eines groBen Badehotels be-
fanden sich' 6 Homosexuelle. 6: 200 = 2,6 o/o.
XXX. Unter 80 Angestellten eines Geschaftes fiir Damenhut-
federn in einer rheinischen Stadt waren. 3 'Homosexuelle. 3: 80 = 3,76 o/o.
XXXI. Dr. Merzbach teilt im IV. Jahrgang des Jahrbuches
fiir sex. Zwischenstufen 26) mit: „In Berlin befindet sich ein Welt-
haus fur Theaterausstattungen, an Kostumen und Requisiten, dessen
Besitzer, der mehrere hundert Leute in den verschiedenen Betrieben
beschaftigt, mir mitteilte, daB er iiber 20 Homosexuelle unter seinem
Personal kenne, und zwar seien dies gerade diejenigen Herren, die
in der Schonheit der Zusammenstellung, iiberhaupt in der Erfindung
von Kostumen, das Hervorragendste leisteten und welche Gehalter bis
iiber 10 000 Mark jahrlich bezogen." 20:ca. 400 = 6 o/o.
XXXII. Von Carpenter, Das Mittelgeschlecht. p. 122, riihrt
folgende Angabe her: „Nehmen wir die englischen Konige von der
normannischen Eroberung an bis auf den heutigen Tag, so haben wir
deren etwa 30. Und unter diesen waren drei, namuch William
Rufus, Edward II. und James I. in hohem Grade homosexuell
und miissen als regelrechte Urninge bezeichnet werden. Einige an-
dere, wie William III., hatten eine starke Beimischung des glei-
chen Temperamentes. Drei unter 30 ist schon ziemlich viel, — 10 o/o,
— und wenn man bedenkt, daB Herrscher ihren Beruf im allgemeinen
uicht selber erwahlen, sondern nur durch das Akzidens ihrer Ge-
burt in diese Stellung kommen, so erscheint dies Verhaltnis gewiB
merkwiirdig." „Bedeutet das etwa," fiigt Carpenter hinzu, „daB
der fiir das groBe Leben allgemeingiiltige Prozentsatz ein gleich holier
ist, und nur dann richtig zu erkennen ware, wenn er unter die scharfe
BeJeuchtung kame, denen die Throne ausgesetzt sind?" 3: 30 = 10 o/o.
XXXIII. Von 3 der ca. 200 Schiiler, mit denen ich selbst das
Domgymnasium meiner Vaterstadt besuchte, weiB ich mit Sicherlieit,
daB sie jetzt homosexuell sind. Sie haben sich mir nach meinen
Arbeiten auf diesem Gebiete dekouvriert. Von den drei Schiilern,
86) Jahrb. f. sex. Zw. IV. Jahrg. 1902. Dr. med. G e o r g M e r z
bach- Berlin, Homosexualitat und Beruf. p. 194.
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von denen einer einea Madchenspitznamen fiihrte, war mir damals
nichts daruber bekannt.^O 3: 200 = 1,5 o/o.
XXXIV. Diese Ermittelung bezieht sich auf dieselbe Kloster-
schule R., auf welcher Hoche*^) Beobachtungen uber die Liebesver-
haltnisse zwischen Primanern als Amantes una Tertianern als Amati
angesteJlt hat. H o c h e , welcher zu den Psychiatern gehort, die dem
Angeborensein des homosexuellen Triebes widersprechen, sucht seine
Annahme dadurch zu stiitzen, daB er auf die „Liebesverhaltnisse"
zwischen Schiilern hinweist, die spater ganz normalsexuell wiirden.
Trotz „schwarmerischer, lyrischer Ergiisse, Mondscheinpromenaden,
gliihender Liebesbriefe, feuriger Umarmungen und Kiisse, gelegentlichcn
Zusammentreffens im Bett, selten mit Onanie, nie mit Paderastie, ent-
wickelte sich spater der Primaner als durchaus normaler Mensch weiter
und der Tertianer wurde in Prima selbst wieder ein Amans." Ich
verdanke einem urnischen Mitschiiler H o c h e s , dem Grafen X., einen
ausfiihrlichen Bericht iiber das Leben und Treiben auf dem altberiihm-
ten Erziehungsinstitut E., welches 1554 in einem alten Oisterzienser-
Nonnen-Kloster eingerichtet wurde und zur Zeit, als Graf X. dasselbe
besuohte, von Quarta bis Prima gegen 130 Schuler zahlte. Die Halfte
davon waren Adelige, Gutsbesitzers- und Offizierssohne, die anderen
meist protestantische Pfarrers- und Domanenpachterssohne, fast alle
aus Sachsen, Brandenburg, Schlesien, Pommern und Posen. X. be-
statigt, daB zwischen Alteren und Jiingeren Verhaltnisse bestanden,
die trotz X^iebkosungen, groBen Vertraulichkeiten und Eifersuchts-
anwandlungen meist „platonischer'* Natur waren, hie und da kam es
wohl zu sexuellen Akten, die jedoch mehr jugendlichem Gefiihlsiiber-
schwang im sexuell noch wenig differenzierten Obergangsstadium, als
wirklichen homosexuellen Neigungen entsprangen. Bei den meisten
alteren Schiilern zeigten sich bereits deutliche AuBerungen ihrerhetero-
sexuellen Natur, denen gegeniiber sogar die Magde der Professoren
und Lehrer im Anstaltsgebaude oft einen harten Stand hatten. Alle,
die heterosexuell waren, sind heterosexuell geblieben und zmn Teil
sehr gliickliche Ehemanner geworden. Von 1 seiner friiheren Schul-
kollegen weiB Graf X., daB sie jetzt homosexuell sind, und zwar be-
tont unser Gewahrsmann, daB gerade bei diesen die von Hoc he ge-
schilderten auBeren Liebesbezeugungen viel weniger sichtlich hervor-
traten, was er auf eine gewisse Scheu und Scham zuriickfuhrt, die
gleichgeschlechtlich Empfindenden oft schon in der Schule eigen
zu sein pflegt. 7 ; 130 = 5,4 o/o.
B u m k e hat gegen die Stichproben eingewandt, daB die Kontrolle
ihrer Eichtigkeit sich der Nachpnifung entzoge. Demgegeniiber hoben
Pratorius in der Bibliographie una ich selbst in einer Replik her-
vor, daii die Stichproben von Personen herriihrten, bei denen voraus-
gesetzt werden durfte, daB sie ihre Angaben ohne Voreinge-
nommenheit machen wiirden. Gerade die Ubereinstimmung der
Resultate der Stichproben untereinander und das analoge Er-
gebnis der Rundfragen zeigt die Zuverlassigkeit dieser Vertrauens-
2') Wenn Bumke (Jahrb. f. sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. 2. p. 817)
diese Augaben bemangelt, weil hier von homosexuellen Schiilern die
Rede ist, so ist dieser Einwand insofern hinfallig, als jene An-
gabeir selbstverstandlich nicht von noch in der Schule befindlichen
Personen herriihren, sondern von Erwachsenen, die aus der Schule
langst entlassen, z u r z e i t homosexuell sind, und die Zahl ihrer
Mitschiiler angegeben hatten, von denen sie wuBten, daB sie eben-
falls homosexuell sind. Cf. Hirschfeld, „Zur Frage der Haufig-
keit homosexueller Vergehen" in der Miincheuer Medizinischen Wochen-
sohrift 17. Januar 1905. Nr. 3.
28) „Zur Frage der forensischen Beurteilung sexueller Vergehen",
Xeurologisches Zentralblatt 1896, S. 517—568.
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479
personen. Weiterliin machte Bumke gegen die Stichproben geltend,
daB die Homosexuellen sicher iibertrieben, denn „ieder Alkoholist,
Morphinist usw. bezichtigte einen moglichst honen Prozentsatz
seiner Bekannten derselben Schwache, lun seine eigene Widerstands-
losigkeit zu entschuldigen, er wende damit nur ein Beschonigungs-
prinzip an, das jedem ertappten Kinde gelaufig ist." Darauf er-
widert Pratorius**) : „Bumke beweist mit diesen Satzen aufs deut-
licbste, daB er niemals ernstere vertrauenswiirdigere Homosexuelle
kennen gelernt hat. Nur von diesen ernsteren Elementen hat aber
Hirschfeld die Stichproben bezogen. Diese geben aber die An-
zahl der ihnen bekannten Gesinnungsgenossen nicht auf Grund bloBer
MutmaBungen, sondern auf Grund ganz sicherer Kenntnis ab. DaB
die an^efiihrten Stichproben vorsichtig aufgenommen sind, beweist
z. B. diejenige iiber den Prozentsatz der Homosexuellen unter dem
allerhochsten Adel Europas. Die Anzahl der bestimmt Homosexuellen
wird hier nur auf 2 angegeben, und doch weiB jeder Kenner der Ver-
liaitnisse sicher, daB die Zahl 6 fiir Deutschland allein nicht zu
hoch gegriffen ist. Naheliegende Griinde verbieten ein naheres Ein-
gehen auf diese Anzahl."
Das Gesalntresultat der im Jahre 1904 gesammelten 30
vStichproben ergab unter 6611 Personen 132 Urninge gleich
1,990/0 ; im Jahre 1912 stellten wir weitere 35 Stichproben zu-
sammen, die unter 17160 Personen 393 Urninge gleich 2^29o/o
ergaben; also unter insgesamt 23 771 Personen 525
Urninge gleich 2,14o/o.
leh komme nun auf die zweite Methode zur Ermittelung
des Prozentsatzes der Homosexuellen: die Enqueten.
Den Gegenstand unserer ersten Rundfrage bildeten 3000 Stu-
dicrende der Technischen Hochschule zu Charlottenburg. Es han-
delte sich hier um eine abgegrenzte, in vieler Hinsicht gleichartige,
verhaltnismaBig auf hoher geistiger Stufe stehende Personengruppe,
deren Tatigkeit ebenso sehr im wisseuschaftlichen, wie im praktischen
Leben wurzelt, deren Beruf klares, mathematisches Denken erfordert,
ein im allgemeinen gesunder, kraftiger, unverkiinstelter Menschen-
schlag, der daher fiir eine voraussetzimgslose wissenschaftliche Unter-
suchung besonders geeignet erschien. Wir sandten in geschlossenem
undurchsichtigem Umschlag an jeden personlich adressiert und an
samtliche mit gleicher Post das folgende Schreiben ab:
Eundfrage des wissenschaftlich-humanitaren
Komitees.
Charlottenbuig, Dezember 1903.
Sehr geehrter Herri
Das unterzeichnete Komitee hat sich die Aufgabe gestellt,
einige Fragen auf dem Gebiete der Sexualpsychologie wissenschaft-
lich zu erforschen. Die Ergebnisse imserer Enquete werden vor-
aussichtlich nicht nur von theoretischem Interesse, sondern auch
von praktischer Bedeutung sein, da sie friiher oder spa tor auf
die Gesetzgebung, auf das soziale Urteil und somit auf das Schick-
sal eines erhebhchen Teiles unserer Bevolkerung von EinfluB sein
werden.
Da es sich um eine statistische Feststellung handelt, so
kann die Aufgabe nur auf dem Wege der Sammelforschung gelost
werden, und da das Objekt der beabsichtigten Feststellung im
59) Jahrb. f. sex. Zw., VII. Jahrg., Bd. 2, p. 818 (1905).
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subjektiven Empfindungsleben liegt, so muB eine fiir die Zwecke
der Statistik hinreichende Zahl von Personen zu freiwiUiger und
wahrheitsgemafier Auskunft iiber den Inhalt ihres intimen Trieb-
lebens gewonnen werden. Wenn wir uns mit dieser Rundfrage
zuvorderst an die akademische Jugend wenden, so geschieht es,
well wir bei ihr den sittlichen Ernst, die Bereitwilligkeit und die
Fahigkeii sicher voraussetzen dxirfen, auf welche wir bei dieser
Enquete unbedingt rechnen miissen. Die Hauptfrage, welche wir
Ihnen vorlegen, ist folgende: Richtet sich Ihr Liebestrieb (Ge-
schlechtstrieb) auf weibliche (IV), mannliche (M) oder weibliche
und mannliche (M-\^W) Personen? Wir bitten Sie, diese Frage
auf einliegender Postkarte durch bloBes Durchstreichen und Unter-
streichen der Buchstaben W und M moglichst bald und vor allem
streng wahrheitsgemaB zu beantworten. Namen bitten wir nicht
zu nennen, dagegen das Alter durch Unterstreichen der zutreffenden
Zahl zu bezeichnen.
Indem wir hoffen, daB Sie die kleine Miihe nicht scheuen
werden, zur wissenschaftlichen Losung dieser Probleme beizu-
tragen, zeichnet, auf Wunsch gem zu weiteren Auskiinften er-
botig, unter Zusicherung strengster Diskretion
HochachtungsvoU
fur das wissenschaftlich-humanitare Komitee
Dr. med. Hirschfeld.
Die beigefU^te Antwortkarte, welche weder auf der Vorder-, noch
auf der Riickseite mit geheimen Zeichen versehen war, hatte fol-
gendes Aussehen:
W. M. W, + M.
16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30.
Von den 3000 Briefen kamen 103 als unbestellbar („unbekannt
verzogen", „nicht zu ermittein") zuriick, von den 2897 Personen, welche
in den Besitz der Anfra^e gelangten, trafen 1766 Antwortkarten ein;
von diesen muBten 60 als fraglich oder als unbrauchbar ausgeschie-
den werden, von den iibrigen 1696 hatten 1593 das W., 26 das M.,
77 das W. -f- M, in vollig einwandfreier Weise unterstrichen ; das
W. -^ M. wai* von den meisten gieichmaBig unterstrichen, von einigen
wenigeu war, ohne daB danach gefragt war, das W. oder das M. durch
zwei oder mehrere Striche starker hervorgehoben worden. Es er-
klarten sich demnach als:
heterosexuell 1593 von 1696 = 94,Oo/o,
homosexuell 26 „ 1696 = 1,5 o/o,
bisexuell 77 „ 1696 = 4,5o/o.
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Ba muBte iins von vornherein klar sein, daB trotz groBter Vor-
sicht unser Schritt — der einzig gangbare und mogliche Weg zur
Erhaltung zuverlassiger Resultate — auf Verkennungen und Wider-
stande stoBen wiirde. In der Tat blieben diese nicht aus. Nament-
lich die jeaktionare Presse schleuderte heftige Angriffe gegen uns,
bezeichnete die Rundfrage als eine „Unverschamtheit", als eine „Be-
leidigung** und „Verfiihrung" der akademischen Jugend. Babei kam
es diesen Blattern auf sachliche Unrichtigkeiten wenig an, so be-
richteten sie, die Rundfrage sei „anscheinend in Hunderttausenden von
Exemplaren", femer, sie sei „der Billigkeit wegen natiirlich in offe-
nem iJmschlag*" verschickt worden. Ein Volksredner driickte in einer
offentlichen versammlung sein Erstaunen aus, daB „die Studenten
nicht dem Dr. Hirschfeld die Fenster eingeworfen batten". Ein
Prediger, Dr. R u n t z e , sagte auf einer Synodalversammlung in be-
zug auf die Enquete: „I)er Ausdruck „dreist und frech" sei in diesem
Falle viel zu milde, er nenne es eine ruchlose Schamlosigkeit, die
gegen alles verstoBe, was Sitte und Religion fordere." Das Starkste
aber leistete sich ein Pastor Pbilipps, welcher in einer von ihm
zum Kampfe gegen die Unsittlichkeit einberufenen Studentenversamm-
lung im Langenbeckhause (im Hause, das nach dem Arzte seinen
Kamen fUhrt, welcher sich mit V i r c h o w als einer der ersten
gegen die Bestrafung der Homosexuellen gewandt liatte) : „Zwei
Attentate auf die studentische Ehre" zur Sprache brachte; das eine
riihre von einem gewissen Dr. Hirschfeld her, welcher an die
Studentenschaft einen Fragebogen verschickt habe, auf dem die Adres-
saten angeben sollten, ob sich ihre Neigung in nittiirlicher oder nicht
vielmehr in unnattirlicher Richtung bewege, das andere Attentat sei
das massenhafte Angebot einer Firma, die ein Vorbeugungsmittel gegen
ansteckende Krankheiten fabriziere." „Die Versammlung erhebt" —
so heiBfc es in dem veroffentlichten Protest — „gegen die Zusendung
solcher Schandlichkeiten einmiitig und feierlich den allerentschieden-
sten Widerspruch und fordert samtliche Kommilitonen, denen seiche
ehreriihrige Sendungen zugegangen sind, dringend auf, dem Vorstand
des Akademischen Vereines Ethos ihre Namen mitzuteilen, um dann
gemeinschaftlich bei der Staatsanwaltschaft gegen die Urheber der
Sendungen die Beleidigungsklage zu erheben, damit in Zukunft solchem
schnoden Treiben wirksam vorgebeugt werde."
Die Folge dieser Treibereien war denn auch, daB 6 von 3000 Be-
f rag ten sich fiir beleidigt erklarten, und ich daraufhin in den Anklage-
zu stand wegen Beleidigung und Verbreitung unziichtiger Schriften
versetzt wurde. Wer sich fiir diesen ProzeB interessiert, sei auf den ein-
gehenden Bericht verwiesen, der sich im VI. Jahrgange des Jahrbuches
f. sex. Zw. (pag. 677 — 721) findet. Es diirfte geniigen, an dieser Stelle
nur die kurzen Worte wiederzugeben, die ich am Schlusse der miind-
lichen Verhandlung zu meiner Selbstverteidigung sagte: „Ich wiirde
glauben, eine Schuld auf mich zu laden, wenn ich, im Besitz der Kennt-
nisse, welche ich mir auf dem Gebiete der Homosexualitat gesammelt
habe, nicht alle Krafte daran setzte, einen Irrtum zu zerstoren, dessen
Folgen zu schildern die menschliche Sprache zu arm ist. Erst zu
Beginn dieser Woche hat ein mir bekannter homosexueller Student
der Technischen Hochschule sich vergiftet, weil er homosexuell ver-
anlagfc war. In meiner arztlichen Behandlung befindet sich zurzeit
ein Student derselben Hochschule, der sich wegen Homosexualitat in
die Brust geschossen hat. Vor nur wcnigen Woehen habe ich in diesem
Saale einer Verhandlung gegen zwei Erpresser beigewohnt, die einen
homosexuellen Herren, einen der ehrenwertesten Manner, die ich
kannte, zum Selbstmord trieben, von dem ein Zweiter, durch die nam-
licheu Erpresser bedroht, nur mit Miihe zuriickzuhalten war. Seiche
und ahnliche Falle konnte ich hundertfach anfiihren. — Ich
glaubte diese Umfrage veranstalten zu miissen, um
Hirschfeld, Homosexualitat. ^i
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die Menschheit voA einetil Makel zu befreien, an den
sie binst m i t tiefster Beschamung zuriickdenken
wird: Per scientiam ad justitiam!"
Trotz allem wurde ich zu einer Geldstrafe verurteilt, wenn auch
mit der Begrundung, dafi „der Angeklagte die Tat im Eifer wissen-
schaftlicher Interessen begangen hat, dafi er sich dabei aber in den
Mitteln zur wissenschaftlichen Forschung versehen hat." Waren nun
zwar diese Anklage und Verurteilung, diese heftigen Angriffe, gewiB
recht schmerzhafte Nebenwirkungen der statistischen Untersuchung,
so durfte ich mir nicht verhehlen, daB sich Wahrheitssucher oft zur
Erreichung ihres Zieles groBerer Widrigkeiten aussetzen muBten. Was
haben Forschungsreisende auf sich genommen, um ein neues Stiick
Land dem Wissen zu erschlieBen, und war nicht auch unser Vor-
gehen eine Forschungsreise in ein bisher der Kenntnis entzogenes
Gebiet?
SchloB nicht der ernste und wissenschaftliche Charakter unserer
Fragen, ihre sorgsame Begriindung, die Annahme einer Beleidigung
von vornherein aus? Die Anfrage ist vollig indifferent, sie enthalt
keine Behauptung, keine Vermutung, keine Zumutung. Ob der Ange-
fj-agte normal oder anormal, homosexuell, heterosexuell oder bisexuell
ist, ist den Fragestellern an sich gleichgiiltig. Wo soil da also der
Angril'f auf die Ehre des anderen liegen? Es kommt hinzu, daB die
Antwortkarten ohne Namensnennung, ohne Schriftzuge
zmiickerbeten wurden, so daB voUkommen die Moglichkeit genommen
war, die abweichend gearteten Personen herauszukennen. Nahm trotz-
dem der eine oder andere ein Argernis, so war dies gewiB zu bedauern;
wie klein muBte aber dieses Gefiihl gegeniiber einer Arbeit erscheinen,
von der ein Biologe sagt, daB ihre Ergebnisse in der Geschichte der
Wissenschaft vom Menschen — eine dauernde Statte behalten werden.
Die Umfrage schrieben manche, soil eine Verfiihrung der
Jugend involvieren, indem junge Leute durch die Enquete erst auf
die Homosexualitat gebracht werden. Ob wohl durch eine Statistik
iiber die Verbreitung der Farbenblindheit schon jemand farbenblind
geworden ist? Solange dies nicht der Fall, halte ich es fiir ausge-
schlossen, daB jemand durch die Frage, ob er homosexuell sei, homo-
sexuell geworden ist. Man muB sehen, mit welcher Bestimmtheit
und Sicherheit die 94 o/o der Studenten und die 96 o/o der Metall-
arbeiter ihr W. unterstreichen, mit welcher Einfachheit und Ent-
scbiedenheit auf der anderen Seite die 6 o/o bezw. 4 o/o das M. oder
M-)-W. markieren, um inne zu werden, daB es die unbeeinfluBte Per-
sonlichkeib ist, die uns hier entgegentritt. Die Tatsache, daB bei
der zweiten Enquete die Fragestellung im Perfectum („Hat sich ihr
Trieb gerichtet?") den Prozentsatz derjenigen, welche sich fiir beide
Geschlechter bekannten, nicht vermehrte gegeniiber der ersten En-
quete, bei der im Prasens („Richtet sich ihr Trieb?") angefragt war,
dieses Ergebnis ist ein deutlicher Hinweis, daB der sexuelle Trieb
eine der Personlichkeit unverauBerlich adharente Eigentumlichkeit ist,
welche weder dadurch, daB man sie erklart, noch dadurch, daB man
sie statistisch feststellt, geandert wird.
Die Antworten, meinen andere, soUen unzuverlassig, der
Wahrheit nicht entsprechend, nicht ernst zu nehmen sein. Wir be-
merken hierzu, daB samtliche Karten, die auch nur im geringsten
zweifelhaft erschienen, auBer Beriicksichtigung gestellt worden sind.
Es wurden nur diejenigen in Berechnung gezogen, — und das war
die ubergroBe Mehrzahl, 96,4 o/o — , welche die Buchstaben in ge-
wiinschter Weise mit Strichen versehen hatten, ferner solche, welche
das Zeichen ihrer Neigung — und zwar war dies fast ausnahmslos
das W. — anstatt einfach, doppelt oder mehrfach unterstrichen oder
unirahmt hatten, endlich auch die, welche Zusiitze beifiigten, (etwa:
„Vivant omnes virgines I" oder „M. mir einfach unverstandlich").
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aus denen die beabsichtigte Antwort sicher heryorging. Wer sich
einen Witz erlauben woUte, gab dies auch in mehr oder minder ge-
lungener Form deutlich zu erkennen, ein SpaB, der lediglich darin
bestandeii hatte, auf einer anonymen Karte den Strich unter einem
nicht der Wahrheit entsprechenden Buchstaben anzubringen, erscheint
schon deshalb ausgeschlossen, weil einem solchen Scherze jedes charak-
teristische Zeichen eines Witzes mangeln wiirde und der Zweck, Heiter-
keit zu erzielen, unmoglich erreicht werden konnte. Die vollig sach-
gemalie und ernste Art der Beantwortung bei 58,5 o/o entspracn nicht
nur der ernsten Art der Frage, sondern auch der Aufnahme, welche
nach unseren eingebenden Erkundigungen die Rundfrage bei der uber-
groBen Majoritat der Studenten gefunden hatte. Gerade die Karten
heterosexueller Studenten enthielten haufig Zusatze, wie „Den
menschenfreundlichen Bestrebungen wunsche vollen Erfolgl" oder
„\Vunsche Ihrer humanitaren Enquete die besten Erfolge"; in ahn-
licbem Sinne auBerte sich auch eine Reihe von Zuschriften aus den
Kreisen der Befragten, vor allem aber teilten uns zahlreiche Stu-
denten, in erster Linie zwei Assistenten der Technischen Hochsohule,
mit, daB in den Hor- und Zeichensalen, innerhalb der Verbindungen,
an Stammtischen, in Kneipen und Studentenheimen die Rundfrage sehr
viel besprochen wurde, und zwar haufig scherzhaft, daB aber iiberall
der Ernst des Gregenstandes und die Pflicht hervorgehoben wurde,
wahrheitsgemaBe Antworten zu erteilen.
Wie die Enquete in Arbeiterkreisen aufgenommen wurde, zeigt
u. a. der Brief eines Metallarbeiters, aus dem ich die Hauptstelle
gleich hier wiedergeben mochte:
„Nun habe ich in diesen Tagen durch die Tageszeitungen fer-
fahren miissen, daB die Enquete zu einer Klage gegen Sie Veran-
lassung gegeben hat, weil die Leute durch Ihre diskrete Anfrage in
ihrem SittRchkeitsgefuhle verletzt sein woUen. Ich mochte hier als
Arbeiter mit HuB sagen: ,0 heilige EinfaltT. Wie gliicklich in dieser
Beziehung sind doch wir „einfaltige" Arbeiter; denn ich kann wohl
sagen, daB die Enquete unter den Arbeitern durchweg als das ge-
wiirdigt wurde, was sie sein soil und was sie ist namlich: Eine wissen-
schaftliche Forschung." .
Wenn gleichwohl ein verhaltnismaBig nicht kleiner Teil der Stu-
denten, namlich 1141 von 2897 = 39,3 o/o, iiberhaupt keine Antwort
erteilte, so laBt sich dies aus Indifferenz, Unverstandnis, Nachlassig-
keit, ( — wollten antworten, kamen aber nicht dazu, verlegten die Karte,
vergaBen, sie in den Briefkasten zu stecken usw. — ) und vor allem
aus dem MiBtrauen der Befragten erklaren, Eigenschaften, mit denen
bei jeder Enquete gerechnet werden muB. Ein erfahrener Statistiker
teilte mir mit, daB bei den harmlosesten Umfragen — es gilt dies bei-
spielsweise auch bei Arbeitslosen-Statistiken — bei nicht wenigen
der Beteiligten ein unuberwindlicher Verdacht besteht, es konnte
ihnen aus der Antwort Weiterungen irgendwelcher Art erwachsen.
Das anonyme Verfahren schlieBt diesen Argwohn nicht aus ; so meinten
verschiedene, die Karten konnten in unauffalliger Weise gekenn-
zeichnet, etwa numeriert sein. Ein umischer Student schrieb am
Tage nach der Versendung sehr verangstigt, wer uns denn seine
Adiesse und Neiguneen verraten hatte. Will man die Moglichkeit
einer gelegentlichen udschen Angabe aufrechterhalten, so ist cs jeden-
falls naheliegender, daB einmal ein Homosexueller in seiner
Furcht das W. unterstreicht, als daB ein Normalsexueller sich fur
mannliebend erklart.
Man kann aus der Scheu und Angst lichkeit, die bei den Homo-
sexuellen sicher ungleich groBer sind, als bei den Normalen, mit Eecht
folgern, daB sich auch unter den Schweigsamen noch eine ganze An-
zahl verscliamter Urninge befinden ; mehrere, die die Rundfrage nicht
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beantworteten, well aie ihren Argwohn nicM uberwinden konnten,
haben wir spater personlich kennen gelemt.
Es ist dieser Umstand wohl zu beachten gegeniiber dem Einwand,
der erhoben wurde, da6 die Zahl der Nichtbeantworter den
Wert der Enqueten erheblich herabdriicke und dafi es nicht angangig
sei, die gefundene Prozentziffer auf die, welche keine Antwort gaben,
zu iibertragen.
Auf den ersten Blick will es allerdings scheinen, als ob die
Nichtbeantworter samtlich heterosexuell sein durften, da die Homo-
sexuellen, in deren Interesse die Enquete veranstaltet wurde, gewiB
alle freudig die Gelegenheit wahrnehmen wiirden, slch einmal in unge-
fabrlicher Weise zu ihrer Natur zu bekennen. Ware dieses der Fall,
waren also alle Nichtbeantworter normal, dann miiBten wir die Zahl
der Abweichungen mit der Gesamtzahl der Befragten verrechnen. Auch
so kamen noch erkleckliche Prozentzahlen heraus, namlich:
homosexuell 26 von 2897 = 0,89 o/o,
bisexuell 77 von 2897 = 2,65 o/o.
Gegen diese Art der Berechnung spricht aber auBer der obigen
Erwacung noch eine weitere Beobachtung. Wiirden sich die Homo-
sexuellen in der Tat so unbedenklich an unseren Feststellungen be-
teiligen, so miiBte der Prozentsatz der M. sowie der M-f-W. in den
ersten Tagen nach Versandt der Karten, deren umgehende Riick-
sendung erbeten wurde, besonders hoch sein; er miiBte dann nach
und nach, entsprechend dem zunehmenden Ubergewicht der W. bis zum
Ende des Einlaufes 'der Antworten sinken. Dies ist nun aber ganz und
gar nicht der Fall, wie sich aus folgender Vergleichung ergibt:
I. Enq
(Versandt erfolgte
[ u e t e.
am 3. XII
1903.)
Datum
2 3:'
W
M
M+ W
Homo- u. Bi-
sexuelle
qi8l4.XII.03.
bis 1. I. 04.
1566
1698
1474 = 94,10/0
1593 = 94,0%
22^^1,40/0
26 = 1,50/0
70 = 4,40/0
77 = 4,50/0
99 = 5,80/o
103 = 6,00/0
Der besseren Ubersicht halber fiigen wir hier gleich eine spe-
zialisierte Tabelle bei, welche das Steigen und Sinken der Prozent-
zahlen bei unserer zweiten Enquete veranschaulicht.
11. Enquete.
(Versandt erfolgte am 27. 11. 1904.)
Datum
Zahl der I
Antworten I
0/0 der Homo- !
% der
sexuellen Bisexuellen
u. Bisexuellen
29. II.
492
1,42
2,84
4,26
1. in.
918
1,10
2,42
3,52
2. III.
1244
1,04
2,64
3,68
4. III.
1563
0,89
2,93
3,82
8. III.
1800
0,94
2,98
3,92
11. III.
1845
1,03
2,98
4,01
15. III.
1884
1,18
8,08
4,25
22. III.
1912
1,15
3,19
4^
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Betrachten wir diese Tabellen, so sehen wir, wie beide Male kurz
vor AbschluB der Enquete die Anzahl der Abweichenden etwas in die
Hohe geht; namentlicn bei den Metallarbeitern zeigt es sich deutlich,
daB der Prozentsatz der Abweichenden zuerst ein verhaltnismaBig hoher
ist, daB er dann langere Zeit abnimmt, um gegen Ende wieder erheb-
lich zu steigen. Daraus geht hervor, daB wir bei den Homo- und Bi-
sexuellen zwei Gruppen unterscheiden konnen, eine, die in der Tat
sofort ihre Karte ausfiillt und absendet, eine andere, die zogert und
zaudert, bis sie nach tagelangem Schwanken zu einem positiven Ent-
schluB celangt. Diirfen wir danach nicht annehmen, daB es noch
eine Beihe von Homosexuellen gibt, bei denen die Entscheidung schlieB-
lieh nach der negativen Seite ausfallt?
Man wild daher schwerlich einen Fehler begehen, wenn man die
Prozentsatze der abweichend veranlagtea Personen von den A u s-
kunftgebern auf die Befragten ubertragt. Im iibrigen mag
gem zugegeben werden, daB die Genauigkeit der Feststellungen durch
die Zahl der Nichtbeantworter leidet. Wer aber daraufhin unseren
Enqueten den Vorwurf der Ungenauigkeit macht, dem ist zu ant-
worteUj dafi es hier auf so genaue Resultate gar nicht ankommt. Ein
reohb beherzigenswertes Motto, das den 5stelligen Logarithmentafehi
Theodor Wittsteins vor^edruckt ist, lautet : „Der Mangel an
mathematischer Bildung gibt sich durch nichts so auffallend zu er-
kennen, als durch maBlose Scharfe im Zahlenrechnen." Fiir den vor-
liegenden Fall ist es ziemlich gleichgiiltig, ob sich der Prozentsatz
der Homosexuellen etwas iiber oder unter 1,5 o/o befindet, ob der der
Bisexuellen ein Geringes iiber oder unter 6 o/o liegt.
Hfitte man frtiher die Prage aufgeworfen, ob die Zahl der
Homosexuellen nach Hunderten oder Tausenden betrage, so hatte
niemand darauf eine Antwort geben konnen, die mehr als eine
unsichere oder h5chst willkiirliche Annahme ^ewesen ware.
Jetzt wissen wir, daB wir das Ver haltnis der Ab-
weichenden zu den sogenannten Normalen nicht
nach Promillen, sondern nachProzenten zu be-
ziffern haben. Das Ergebnis, daB bei alien Rundfragen
und Stichproben stets eine Zahl gefunden wird, die inner-
halb derselben GroBenordnung, sogar immer in der
Nah3 von 1,6 o/o gelegen ist, diese auBerordentliche tJberein-
stimmung kann unmoglich auf einem Zufall beruhen, son-
dern muB von einem Gesetz abhangig sein, von dem Naturgesetz,
daB nur 90 — 95 o/o der Menschen als heterosexuell ^eboren wer-
den, daB ca. iVs — 2 o/o Homosexuelle — also in Deutschland
tiber eine Million — , die homosexuelle Gruppe der Bevol-
kerung bilden und daB als tlbergang zwischen den Hetero- uad
den Homosexuellen etwa 4 o/o Bisexuelle restieren.
Ganz besonders auffallend ist die tJbereinstimmung unsererRund-
frage mit den Resultaten einer Enquete, die bereits 2 Jahre zuvor
Dr. V. R 6 m e r in etwas anderer Form und bedeutend kleinerem Umfange
unter seinen Kommilitonen in Amsterdam veranstaltete. v. R 6 m e r
legte 695 Studenten 6 Fragen vor, unter denen die 4. lautete: Fiihlen
Sie geschlechtlich fiir Weiber, Manner oder fiir beide? Die iibrigen
Fragen bezogen sich auf das Alter der Befragten, sowie darauf, ob
sie der Onanie ergeben waren, ob sie im Pubertatsalter gleichgeschlecht-
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liche Akte veriibt hatten, endlich, ob die Neigung bestand, Freunde zu
kuseen. Hierzu ist zu bemerken, dafi der KuB unter mannlichen
Personen in Holland ein viel selteneres und daher bedeutungsvolleres
Vorkommnis ist, als in Deutschland. Die Antworten waren mit den-
selben Ziffern versehen, wie die Fragen und sollten durch Unter-
streicbeii bestimmter Antwortsmoglichkeiten C^ie „]a", „nein" usw.)
gegeben werden. Von 695 antworteten 308 = 51,7 o/o, bei uns 68,5 o/o.
Von diesen erklarten sich fiir:
Heterosexuell 290 = 94,1 o/o, bei uns 94,0 o/o oder 0,1 o/o wemger,
Heteroscxuell 6 = 1,9 o/o, bei uns 1,5 o/o oder 0,4 o/o weniger,
Bisexuell 12 = 3,9 o/o, bei uns 4,5 o/o oder 0,6 o/o mehr,
Homo- u. bisex. 18 = 6,8 o/o, bei uns 6,0 o/o oder 0,2 o/o mehr.
Wfirde man annehmen, daB alle Schweigenden heterosexuell waren,
was aber bestimmt nicht zutrif ft, da v. R 6 m e r selbst spater unter
den Nichtbeantwortern Urninge kennen gelernt hat, so ware das
Zahlenverhaltnis :
Homosexuell 1,02 o/o, bei uns 0,89 o/o oder 0,2 o/o weniger,
Bisexuell 2,01 o/o, bei uns 2,66 o/o oder 0,6 o/o mehr.
Homo- und bisexuell 3,03 o/o, bei uns 3,54 o/o oder 0,5 o/o mehr.
Die tJbereinstimmung zwischen der Charlottenburger und Amster-
damer Studentenenquete betragt somit iiber 99 o/o, die Abweichungen
an keiner Stelle 1,0 o/o, bei den meisten Zahlen kaum i/jo/o. Ich meine,
wer hier von einem Zufall sprechen wollte, konnte mit dem gleichen
Recht die Ahnlichkeit eineiiger Zwillinge fiir eine bloBe Zufalligkeit
erklai-en, welche von dem Naturgesetz der Vererbung unabhangig sei.
Dabei legen wir natiirlich kein Gewicht darauf, daB die Abweichungen
so auBerordentlich geringfiigig sind. Die GesetzmaBigkeit bliebe
bestehen, selbst wenn die Abweichungen zehnmal so groB waren. Auch
bei dem von Osterlen an 59 351 000 Geburten ermittelten Sexual-
yerhaltnis'^^) von 106,3 Knaben zu 100,0 Madchen kamen in
den verschiedenen deutschen Staaten Schwankungen von 107,2 bis
105,3 zu 100,0 vor. Was will dieser kleine Spielraum von 2 o/o besagen
gegeniiber der imposanten Konstanz dieser so bedeutsamen Verhalt-
niszahl.
Hatten wir uns mit unserer ersten Rundfrage an akademische
Kreise gewandt, so traten wir mit unserer zweiten Enquete an die
Arbeiterklasse heran. Wir wiinschten, eine Bevolkerungsschicht
zu untersuchen, von der man im allgemeinen annahm, daB in ihr das
homosexuelle Element nur schwach, ^2) jedenfalls sehr viel ge ringer
vertreten sei, als in mittleren und hoheren Volksschichten. Aus der
Klasse der Lohnarbeiter in Marx^chem Sinne griffen wir die in
Berliner Fabriken beschaftigten Eisen-, Metall- und Revol-
verdreher heraus. Wir wollten eine Abteilung wahlen, deren Arbeit
so beschaffen ist, daB sie der durchschnittlichen urnischen Konsti-
tution und Individualitat nicht besonders verlockend erscheinen kann.
Beispielsweise ware in dieser Hinsicht der Gold arbeiter anders zu
bewerten gewesen, als der Eisen arbeiter. G^werkschaftlich orga-
nisierte Manner hatten zudem den Vorzug, daB bei ihnen eine ernstere
51) Als Sexual verhaltnis bezeichnet man das durch die Statistik
festgestellte Verhaltnis der geborenen Knaben und Madchen. Man
vergl. besonders Osterlen, Handbuch der medizinischen Statistik ;
Goehlert, tiber das Sexual verhaltnis der Gieborenen, Sitzungs-
bericht der k. Akademie der Wissenschaften, XII, Wien, 1854; auch
Sadler, Law of population, London 1830. Eine gute Literaturiiber-
sicht liber den Gegenstand findet sich in dem Artikel „ Sexual verhalt-
nis", in Eulenburgs Real-Enzyklopadie, III. Aufl., Bd. XXII, p. 417.
88) Vergl. u. a. Nacke, Jahrb. f. sex. Zw., V. Jahrg., Bd. 1,
p. 197—198.
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487
Lebensauffassung vorausg^setzt werden durfte. Ein bemerkenswerter
Unterschied gegeniiber unserer era tea Enquete lag in dem Umstand,
dafi 68 sioh dieses Mai nicht um eine eng begrenzte Gruppe ziemlich
altersgleicher, fast ausnahmslos lediger Personen, wie bei den Studen-
ten, handelte, sondern um verheiratete Leute jeden Alters, vom 18. bis
iiber das 60. Lebensjahr hinaus.
Ferner fragten wir bei dieser zweiten Umfrage — es geschah
dies nach eingenenden t)berlegungen — nicht wie bei der ersten im
Prasens nach der Richtung des Geschlechtstriebes, sondem zo^en
die Vergangenheit mit in die Frage hinein, um zu ermitteln, ob sich
dadurch etwa die Zahl derer, welche W-j-M unterstrichen, erheblicb
steigem wurde, wie das von denjenigen unserer Freunde, die der Bi-
sexualitat eine besonders groBe Rolle zuschrieben, vorausgesetzt wurde.
So richteten wir denn an 5721 Eisendreher, deren Adressen uns
vom Verbande deutscher Metalldreher in dankenswerter Weise zur
Verfiigung gestellt waren, das folgende Anschxeiben:
Rundschreiben des Wissenschaftlich-humanitaren
Eomitees.
Charlottenburg, im Februar 1904.
Sehr geehrter Herr!
Hiermit erlaubt sich das unterzeichnete Komitee, Sie hof-
lichst um Ihre Mitwirkung bei der Beantwortung einer wissen-
schaftlichen Frage. zu bitten.
Es ist Ihnen vermutlich bereits bekannt, daB sich der Liebes-
trieb (Geschlechtstrieb) zahlreicher Manner nicht ausschlieBlich
auf Frauen, sondern teilweise und mitunter sogar ausschlieBlich
auf mSnnliche Personen richtet. Man bezeichnet solche Manner
als teilweise oder ganzlich „homosexueU" (gleichgeschlechtlich
veranlagt) und nennt die Veranlagung selbst „Homosexualitat"
(gleichgeschlechtliche Veranlagung). Die entsprechende Ersohei-
nung kommt auch unter Frauen vor.
Wahrend wir heute wissen, daB die Homosezualitat eine an-
geborene Eigentiimlichkeit darstellt, welche ebenso unverschuldet
wie im allgemeinen auch unschadlich ist, und wahrend Im Alter-
tum diese Liebe mehr oder minder offentlich anerkannt imd bei-
spiels weise von griechischen und romischen Dichtem ebenso un-
befangen besungen wurde wie die Frauenliebe, hat sich im Mittel-
alter der Aberglaube der Sache bemachtigt und sie volli^ ver-
dunkelt. Die unwissenschaftlichen Anschauungen jener Zeit bil-
deten den Ausgangspunkt fiir eine ganz tibertriebene Verponung
der gleichgeschlechtlichen Liebe (Homosexualitat), deren grobere
Formen nach dem Aberglauben jener Jahrhunderte Erdbeben, Pest
und andere Himmelsstrafen, wie besonders dicke, gefraBige Feld-
mause, erzeugen sollten. Daher standen auf dem homosexuellen
Verkehr, dem sogenannten „Verbrechen wider die Natur", die
allerschwersten Strafen, in Frankreich der Feuertod, der sonst nur
noch wegen zweier anderer eingebildeter Verbrechen, namlich
wegen Ketzerei und wegen Hexerei verhangt wurde. Nach dem
friesischen Rechte wurde zwischen Selbstentmannung, Lebendig-
begraben und Verbrennen die Wahl gelassen.
Die Aufklarung der franzosischen Revolution hat mit jenen
Paragraphen aufgeraumt. Sie fehlen bereits in den Strafgesetz-
buchern derjenigen Lander, in denen das bleibende gesetz^ebe-
rische Ergebnis der groBen Revolution, der „Code Napoleon",
Eingang gefunden oder EinfluB ausgeiibt hat. In anderen Lan-
dern, wie auch in Deutschland, finden sich jedoch noch Uber-
reste jener vom Aberglauben erzeugten Strafandrohungen vor, ob-
wohl es doch klar ist, daB durch den homosexuellen Verkehr selbst
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In seinen grobsten, nur selten vorkommenden Formen — wenn
es sich um freiwillige Handlungen erwachsener Personen handelt
— niemandes Rechte verletzt werden uad der in Wirklichkeit an-
gerichtete Schaden sogar geringer ist, als der durch den aoBerehe-
lichen Geschlechtsverkehr mit Frauen entstehende. Denn dieser
vernichtet, in Verbindung mit unseren Sittlichkeitsanschauungen,
zahlreiche Frauenexistenzen und ist ferner die Hauptquelle fiir
die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten.
Die Strafandrohung des § 175 hat praktisch nur die Folge^
dafi ein besonderes Erpressertum groBgeziichtet worden ist und
daU jahrlich zahlreiche Manner aller Bevolkerungsklassen — Man-
ner, die niemandem etwas zuleide getan haben — durch Furcht
vor Schande und entehrender Gefangnisstrafe in Verzweiflung und
nicht selten in den Tod getrieben werden.
Mit Recht sind daher viele Blatter, unter ihnen auch die
gesamte Arbeiterpresse, fiir die endliche Ausmerzung jenes mit-
telalterlichen Uberbleibsels eingetreten.
Das unteTzeichnete Komitee, welches sich die Aufgabe ge-
stellt hat, das Liebes- und Geschlechtsleben des Mensche ii, ein-
schlieBlich der Homosexualitat, allseitig und vorurteilsfrei wissen-
schaftlich zu erforschen, wiinscht nun gegenwartig vor allem die
ungefahre Zahl der Homosexuelleji in Erfahrung zu bringen. Es
ist klar, daJ3 der Prozentsatz nur durch statistische Enqueten
gefunden werden kann, und daB diese nur durch Rundschreiben
naoh Art des vorliegenden ausfiihrbar sind, da es sich ja um
die Feststellung von Zustanden des inneren Empfindungslebens
handelt. In Anbetracht der Vorurteile, welche noch vielfach auf
dem Gegenstande lasten, muB sich die Forschung zur Erlangimg
brauchbaren statistischen Materials an solche Volkskreise wen-
den, bei denen die moderne Aufklarung durchschnittlich am wei-
testen vorgeschritten ist.
Das unterzeichnete Komitee hat vor einigen Monaten ein ahn-
liches Rundschreiben mit Antwortkarten an ungefahr 3000 Stu-
dierende der Technischen Hochschule zu Charlottenburg versandt,
mit dem Ergebnis, daB etwa 1700 geantwortet haben, von denen
sich nicht weniger als 25 oder 1,5 o/o als rein homosexuell, 77 oder
4,6 o/o als teilweise homosexuell, zusammen also 102 oder 6o/o als
abweichend von der Regel bekannt haben. So wichtig dieses Er-
febnis auf alle Falls ist, so wird es doch ein wenig durch den
Tmstand beeintrachtigt, daB immerhin mehr als ein Drittel der
Angefragten (fast 1300 von 3000) nicht geantwortet hat und
daB man natiirlich nicht mit Sicherheit wissen kann, ob das
Frozen tverhaltnis unter den Nichtbeantworteten dasselbe ist, wie
unter den Beantwortern. Man darf annehmen, daB die meisten
der Nichtbeantworter nur auf Grund gewisser piiider Vorurteile
ihre keinerlei Miihe oder Kosten verursachende Mitwirkung an
einem Unternehmen verweigert haben, welches doch offenbar nur
der Wissenschaft, der Aufklarung und der Gerechtigkeit zugute
kommen kann.
Das unterzeichnete Komitee hat nunmehr beschlossen, sich
an die freidenkende Arbeit erschaft Berlins zu wenden, in der Er-
wa^ung, daB das Vorurteil dort durchschnittlich am geringsten
und die Zahl der Nichtbeantworter demgemaB am kleinsten sein
diirfte. Den Beruf der Dreher haben wir deswegen fiir unsere
diesmalige Enquete ausgewahlt, weil die Zahl der organisierten
Dreher in Berlin — zwischen 5000 und 6000 — unseren Zwecken
am besten entspricht.
Wir bitten Sie, zu bedenken, daB die Losung dieser Aufgabe
einem wissenschaftlichen Zwecke dient und auf keinem anderen
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Wegc moglich ist, als auf dem liier eingeschlagenen der direkten
Befragung, dafi sich niemand zu genieren oder Bedenken zu tragen
braucnt, die Antwortkarte auszufiillen, da dies nur durch ein-
faches Unterstreichen des Zutreffenden erfolgt und somit die
volligc Verschwiegenheit schon durch diese auBere Einrichtung
unserer Enquete gewahrleistet ist. Die Antwortkarten sind eiD
fanzlioh unpersonliches statistisches Material ; die von
hneri abzusendende ist nur eine unter tausenden, und nie-
mand kann erfahren, daB diese Karte gerade von Ihnen ab-
gesandt worden ist.
Um vollig unbeeinfluBte, ernste und streng wahrheitsgemaBe
Antworten zu erzielen, bitten wir Sio, die Karte nicht in Gegen-
wart anderer, sondern allein auszufiillen und abzusenden.
Die Frage, welche wir Ihnen vorlegen, ist folgende: Hat
sich Ihr Liobestrieb (Geschlechtstrieb) immer nur auf weib-
liche (W.), immer nur auf mannliche (M.) oder sowohl auf
weibliche wie auf mannliche (W. -f M.) Personen gerichtet?
Wir bemerken hierbei noch ausdriicklich, daB sich unsere
Frage nur darauf bezieht, ob Sie eine wirkliche sinnliche Zunei-
gung empfunden haben, und nicht darauf, ob und inwieweit Sie
derselben nachgegeben haben.
Wir bitten Sie nun, die obige Frage auf einliegender fran-
kierter Postkarte durch bloBes Unterstreichen der vorgedruckten
Buchstaben W., M. oder W. -|- M. in folgender Weise zu beant-
worten :
W. M. W. + M.
bedeutet, daB sich Ihr Trieb immer auf weibliche Personen ge-
richtet hat.
W. M. W. 4- M.
bedeutet, daB sich Ihr Trieb immer auf mannliche Personen ge-
richtet hat.
W. M. W. +M.
bedeutet, daB sich Ihr Trieb sowohl auf weibliche wie auf mann-
liche Personen gerichtet hat.
SoUte das Letztere zutreffen und soUten Sie dabei die Be-
obachtun^ gemacht haben, daB die eine der beiden Triebrichtungen
zu iiberwiegen pflegt, so bitten wir folgendermaBen anzustreichen :
W. M. W. +M.
bedeutet, dafi sich Ihr Trieb zwar auf Personen beiderlei Ge-
schlechts richtete, der Trieb zum Weibe aber entschieden uber-
wog;
W. M. W. + M.
hingegen bedeutet, daB eich Ihr Trieb auf Personen beiderlei
Geschlechts richtete, daB aber die Neigung zu mannlichen Per-
sonen entschieden iiberwog.
Wir bitten Sie also, die beigefiigte Postkarte moglichst bald
und vor allem streng wahrhcitsgemaB in der angegebe-
nen Weise durch Unterstreichen des Zutreffenden zu beantworten
und abzusenden. Namen bitten wir nicht zu nennen, dagegen
Ihr Alter durch Unterstreichen der zutreffenden Zahl zu oe-
zeichnen.
Indem wir hoffen, daB Sie die kleine Miihe nicht Bcheuen
werden, zur Losung einer wissenschaftlichen Frage und mittel-
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bar auch zur Ausmerzung eines naturrechtswidrigen und gemein-
schadlichen Gesetzes beizutragen, zeichnet
hochachtungsvoll
Die statistische Kommission
des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees.
Im Auftrage
Dr. med. Hirschfeld.
Die in keiner Weise gekennzeichnete Antwortkarte hatte fol-
gendes Aussehen:
Af. W,
Af. + W.
18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27.
28. 29. 80.
Zwischen 30 und 40. Zwischen 40 und 50.
Zwischen
50 und 60. tfber 60 Jahre.
Von den 5721 abgesandten Brief en kamen 1137 (503 mit dem
Vermerk „unbekannt verzogen", 634 mit „nicht zu ermitteln" usw.)
zuriick, das sind 19,8 o/o, und zwar riihrte diese grofie Zahl der Re-
touren zumeist von jiingeren oder alteren Arbeitern ledigen Standee
her, die sich in Schlafstellen befanden. In die Hande der Adressaten
gelangten 4694 Brief e, die Gesamtzahl der Antworten betrug 1912
= 41, 6 o/o, nach den Erfahrungen, die man mit anderen Enqueten
in Arbeiterkreisen gemacht hat, und den Voraussagen, die uns von
geiibten Statistikern gegeben waren, eine verhaltnismaCig hohe Zahl.
Es erklarten sich fiir:
W 1802 = 94,250/0
M 22= 1,160/0
W + M 14= 0,730/0
W + M 36= 1,880/0
W-f M 11= 0,680/0
Fraglich" 27= 1,41 o/p
1912 = 100,00/0
Es bekannten sich somit als heterosexuell 95,7 o/o, gegen 94,Oo/o
bei der I. Enquete, also 1,7 o/o mehr; nicht ausschlieClich heterosexuell
4,3 o/o, gegen 6,0 o/o bei der I. Enquete, also 1,7 o/o weniger ; homosexuell
1.1 o/o, gegen 1,5 o/o bei der I. Enquete, also 0,4 o/o weniger; bisexuell
3.2 o/o, gegen 4,5 o/o bei der I. Enquete, also 1,3 o/o weniger.
Als vorwiegend oder rein homosexuell bekannten sich:
M 22 = 1,15 0/0, W + M 11 = 0.58 o/o ; i m g a n z e n 33 = 1,73 o/o.
Fifr die Nicht bean tworter dieser Enquete gilt dasselbe, was ich
bei der Studenten-Enquele bereits auseinandersetzte, wobei ich be-
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senders auf die Tabelle verweise, welche das Sinkcn uad Steigen der
Prozentziffern ausdriickt. Recht bezeichnend war in dieser Hinsicht
eine Bemerkung, welche mir ein Urning iiberbrachte: „Ein ihm be-
kannter homosexueller Arbeiter habe ihm gesagt, or antworte
nicht, sem Geschlechtstrieb ginge keinen etwas an. Ich bemerke
iibrigens, daB sowohl dieser Nichtbeantworter, als auch der Student,
welche sich spater miindlich als homosexuell bekannten, bei der Be-
rechnung auBer acht gelassen wurden, da bei dieser nur die ordnungs-
maBig ausgefiillten Karten beriicksichtigt werden sollten.
Vergleichen wir die beiden Rundfragen, so laBt sich das Plus
von 0,4 o/o der rein Ilomosexuellen und 1,3 o/o der Bisexuellen, welches
die Studenten gegeuiiber den Metallarbeitern aufweisen, in verschie-
dener Weise erkliiren. Es konnte davon herriihren, daB, wie es von
N a c k e und a r. ieren behauptet wurde, die Homosexualitat in den
hoheren SchicLfcen etwas starker verbreitet ist, als in den unteren
Volksklassen, es kann darauf beruhen, daB ceteris paribus der akade-
mische Beruf von urnischen Individualitaten, meistens wohl ohne
Kenntnis ihrer eigentlichen Sexualpsyche, mehr aufgesucht wird, als
der Schlosserberuf, es kann das Minus bei den Metallarbeitern aber
vielleicht auch nur auf die Menge der Retouren zuriickzufiihren sein,
in der Voraussetamng, daB unter den in Schlafstelle befindlichen ledigen
Leuten, namentlich den alteren, der Prozentsatz der Abweichenden
hoher ist, als unter den verheirateten Personen, endlich aber kann
auch eine zufallige Divergenz vorliegen, da dieselbe in keinem Falle
2 o/o, bei den Homosexuellen noch nicht einmal 1/2 *^/'o betragt, die
gefundenen Zahlen also nicht nur in dieselbe GroBen-
ordnung fallen, sondern innerhalb dieser sogar nur
in kleinen Grenzen variieren.
Auffallend ist es, daB die Anzahl der Bisexuellen bei beiden
Enqueten sich fast genau dreimal so groB erweist als die Menge
der Homosexuellen, indem sich bei der I. Enquete 1,5 0/0 Homo-
und 4,50/0 Bisexuelle, bei der II. Enquete 1,1 0/0 und 3,2o/o er-
gaben. Bei der v. Komerschen Enquete steht das Verhaltnis
dagegen wie 1:2, namlich l,9o/o Homo- und 3,9o/o Bisexuelle.
Die "Obereinstimmung zwischen unseren beiden Rundfragen ist
um so beachtenswerter, als die Fragestellung im Perfektum die
Prasenzstarke nicht verandert hat, ja, trotzdem es sich durch-
schnittlich um altere Personen handelt, nahm die Zahl der-
jenigen durchaus nicht zu, welche erklarten, daB ihr Geschlechts-
trieb sich wahrend ihres Lebens auf beide Geschlechter erstreckt
habe. Es ist dies ein weiterer und wichtiger Beweis daflir, daB
auch die bisexuelle Richtung des Geschlechtstriebes eine ein-
geborene, nicht durch auBere Einfltisse bestimmbare Eigentlim-
lichkeit darstellt, daB auch die Bisexualitat durch einen kon-
stitutionellen Komplex gebildet ist, welcher seine Erganzung
in Typen findet, die unter beiden Geschlechtern vorkommen.
DaB zwischen den Heterosexuellen und den Homosexuellen auch
noch Dbergange, namlich Bisexuelle, vorkommen wiirden, war a priori
zu erwarten. DaB sie re vera existieren, haben die drei Enquetea
auBer Z we if el gestellt. Das Cberwiegen der homo- oder hetero-
sexuellen Komponente diirfte sich bei den einzelnen Bisexuellen recht
verschieden verhalten. Ein recht femininer Student, welcher M-f-W
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unterstrichen hatte, gab, als er sich mir spater personlich vorstellte,
folgende Erlaiiterung seiner Bisexualitat : „er fiihle zu 99 o/o fiir den
Mann, „hochstens" zu 1 o/o fiir das Weib."
Praktisch sind solche Bisexuelle, die so weit nach rechts stehen,
ebenso zu bewerten wie die Homosexuellen, sie sind auch anniihernd
denselben Leiden, Kampfen und Konflikten ausgesetzt. Die weiter
links — den Heterosexuellen naher — stehenden Bisexnellen, konnen
sich im allgemeinen leichter in das Leben der Normalsexuellcn fiigen,
ebenso auch diejenigen, welche in der g 1 e i c h e n Weise hetero-
sexuell und homosexuell fiihlen und verkehren konnen. Man geht
schwerlich fehl, wenn man in diesen beiden letzten Gruppen der Bi-
sexuellen die starksten Widersacher der Homosexuellen sucht; weil
sie die homosexuelle Quote ihres Geschlechtstriebes mehr oder weniger
ieicht unterdriicken oder sublimieren konnen, nehmen sie dasselbc
auch von den rein oder vorwiegend Homosexuellen an.
Die 94 — 96 o/o der drei Enqueten, welche das W untersttichen,
stellen ein imposantes Bekenntnis der Liebe des Mannes zum Weibc
dar, eine kraftvoUe Kundgebung der Art fiir die Erhaltung der Art ;
sie zeigen, wie unbegriindet die Befiirclitungen sind, daO je das ur-
nische Element eines Volkes Wesen und Wert der groBen Mehrheit be-
eiutrachtigen konne ; sie machen fiir jeden, der weiB, daB Instinkten
Kontrainstinkte entsprechen, aber auch das groBe MiBverstandnis be-
greiflich, welches so lange in urnischen Menschen Verbrecher sah.
Ziehen wir nun aus unseren Stichproben und Rundfragen den
Durchschnitt, so ergeben sich folgende Ziffern:
A. Zahl der Heterosexuellen:
Bei der Charlottenb. Studentenenquete
Bei der Amsterdamer Enquete
Bei der Metallarbeiterenquete
B. Zahl der Abweichenden :
Bei der Charlottenb. Studentenenquete
Bei der Amsterdamer Enquete
Bei der Metallarbeiterenquete
C. Zahl der Homosexuellen
Bei der Charlottenb. Studentenenquete
Bei der Amsterdamer Enquete
Bei der Metallarbeiterenquete
D. Zahl der Bisexuellen:
Bei der Charlottenb. Studentenenquete
Bei der Amsterdamer Enquete
Bei der Metallarbeiterenquete
94.0 o/o
94.1 o/o
95,7 o/o
283,8= J
3
)4,6 0/0.
6,0 o/o
5,8 o/o
4,3 o/o
16,1 =
3
5,4 o/o.
1,5 o/o
1,9 0/0
1,1 0/0
4,5 =
3"
1,5 0/0.
4,5 o/o
3,9 o/o
3,2 o/o
11,6 =
3
3,9 0/0.
E. Zahl der vorwiegend Homosexuellen unter den Bisexuellen:
Bei der Metallarbeiterenquete bekannten sich von 3,2 o/o Bisexu-
ellen 0,58 o/o oder der 5. Teil als iiberwiegend homosexuell. Nehmen
wir diesen Satz auch bei den Studenten an, was sicher nicht zu hoch
ist, 8o finden wir:
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Bei der Charlottenb. Studentenenquete ^/s von 4,5 = 0,9 o/o
Bei der Amsterdamer Enquete 1/5 von 3,9 = 0,8 0/0
Bei der Metallarbeiterenquete 1/5 von 3, 2 = 0,6 0/0
~ 2,3 = 0,8 0/0.
3
Ziehen wir die 0,8 0/0, welche sich als vorwiegend homo-
sexuell bezeichnen, zu den 1,5 0/0 der ausschlieBlich homosexuell
Empfindenden hinzu, so ergibt sich 2,3 0/0 oder ftir Deutsch-
land, dessen Einwohnerzahl bei der letzten Volkszahlung
64 925 993 betrug, 1493 298 Urninge.
Das Ergebnis der Enqueten mit 2,3o/o steht mit
der oben mitgeteilten der Stichproben — 2,14o/o —
in erstaunlicher Ubereinstimmung.
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FUNFrNDZWANZKlSTES KAPITEL.
Die HomosexualitMt in den verschiedenen Bevolkerungs-
schichten.
Es ist nun die wichtige Frago zu erortern, ob und in
wie weit die gefundenen Prozentzahlen auf allgemeine Gtiltigkeit
Anspruch haben. Gelten sie ftir jedes Alter, fiir beide Ge»-
schlechter, fiir aUe Beruf sstande ? Sind wir berechtigt, die ge-
fundenen Prozentsatze von der Stadt auf das Land, vom
Norden auf den Sliden, von den unteren und mittleren auf
die oberen Volksschichten zu libertragen, stimmen sie fiir alle
Eassen, alle Parteien und Religionsbekenntnisse — treffen sie
fiir samtliche Volker und alle Zeiten zu? Mit alien diesen
Fragen werden wir uns nun im folgenden auseinanderzusetzen
haben.
Dal3 eine Obertragung auf die verschiedenen Alters-
k las sen zulassig ist, kann nach folgender tJberlegung unbedenk-
lich bejaht werden. Wir nehmen an, daB die homosexuelle
Naturanlage ebenso wie die heterosexuelle und die bisexuelle
eine dem Menschen bis zum letzten Atemzuge anhaftende Grund-
edgentlimlichkeit ist. Wlirden wir daher aus alien Personen
einer bestimmten Altersklasse die sexuell Abweichenden er-
mitteln, so wlirde stets der gleiche Prozentsatz herauskommen
mlissen.
Diese tbeoretische Erwagung findet ihre Bestatigung in dem
praktischen Ergebnis unserer Enqueten. Das Alter der von uns be-
fragten Studenten erstreckte sich vom 16. — 30. Lebensjabre. Das
Durcbscbnittsalter betragt nacb einer fiir diesen Zweck binreichend
genauen Scbatzung etwas weniger als 23 Jabre. Nun war das Ge-
samtalter dieser 26 bomosexuellen Studenten 581, so daO deren Durcb-
scbnittsalter 22,34 Jabre betrug. Das Gesamtalter der 77 Bisexuellen
betrug 1728 Jabre, bier kamen auf jeden 22,44 Jabre. Bei denMetall-
arbeitern ergab eine abnlicb langwierige Berecbnung, daB nicbt nur
das Durcbscbnittsalter der jenigen, welcbe W, M und W -\-M, sondern
aucb derer, die W -\-M, W-f-M und W -f M unterstricben batten,
stets zwiscben 27 und 30"fiel. Aus diesen Zablen gebt bervor, daD
die Ricbtung des Gescblecbtstriebes eine der Lebensdauer zu-
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kommliche, mithin vom Lebensalter unabhangige Erscheinung ist.
Dies wird nicht nur dadurch bestatigt, daO die Homosexuellenquote
bei den Studenten, deren Durchschnittsalter 23 Jahre betragt, die
gleiche ist wie bei den Metallarbeitern, die durchschnittlich etvva
281/2 Jahre alt waren, sondern auch durch die nbereinstimmung mit
den Stichproben, deren Personengruppen alien moglichen Alterskate-
gorien zugehorten.
Unter 635 Personen, welche nach der Zusammenstellung des
ReicbsjustizEimtes wegen widernatiirlicher Unzucht in Deutschlaiid ver-
urteilt wurden, befanden sich:
13 Personen unter 16 Jahren
102 „ zwischen 15 und 18 Jahren
98 „ „ 18 „ 21 „
59 „ ,, 21 „ 25 „
272 Personen von 536 unter 26 Jahren
63 Personen zwischen 25 und 30 Jahren
91 „ „ 30 „ 40 „
61 „ „ 40 „ 50 „
48 „ iiber 50 „
263 Personen von 636 iiber 25 Jahre.
Demnach sehen wir auch hier, dafi nahezu die Halfte der wegen
homosexueller Delikte verurteilten Personen jiinger, nahezu die andere
Halfte alter als 25 Jahre ist.
Der Pariser Gerichtsarzt Tardieu^) gibt in seinen „nota-
tions sur les ped^rastes eux-m§mes", die er von der prostitution
p^d^raste unterscheidet, folgende Altersangaben : „Leur repartition sui-
vant les -fi. g e s a donn6 les chif fres suivants :
Au dessous de 16 ans 32
de 16 k 25 ans 84
„ 26 „ 36 „
30
„ 36 „ 46 „
31
„ 46 „ 65 „
28
„ 65 „ 66 „
6
„ 66 „ 70 „
6
Non indiqu6
57
273.
Ganz aufzuraumen ist mit derfrtiher weitverbreiteten, auch
noch von Schopenhauer vertretenen Anschauung, dafi die
Homosexualitat im Greisenalter haufiger sei als in anderen
Lebensperioden. Samtliche homosexuelle Greise und Greisinnen,
die ich kannte — und ihre Zahl ist niciht gering — bekundeten
mir, dafl die Richtung ihres Geschlechtstriebes wahrend ihres
langen Lebens iminer die gleiche geblieben sei, daU sie vor
50, 60 und mehr Jahren seelisch genau so empfanden wie
gegenwartig — der alteste meinei Gewahrsmanner war tin liber
90 Jahre alter Berliner Hor.osexueller, der als Jungling ein
Freund Alexander von Humboldts gewesen war.
Wenden wir una der Fiage zu, ob die flir das mannliche
Geschlecht gefundenen Zahlen auch fur das weibliche passen,
so soUte man theoretisch voraussetzen dlirfen, daB die groBe
1) Loc. cit. p. 171.
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GeeetzmaBigkeit, die konstante Proportion, welche wir in der
Geburtenziffer beider Geschlechter finden, auch fiir ihren
uniischen Bruchteil gilt. Allerdings sind wir hier mehr auf
Vermutungen als auf Berechnungen angewiesen, (deren exakte
Gewinnung in ausreichendem Mafle bei den Frauen auf noch
groBere Schwierigkeiten wie beim Manne stoBen dtirfte.) Des-
halb sind auch die oben erwahnten Angaben der Autoren, die
die weibliche Homosexualit&i fiir verbreiteter erklarten als
die jnannliche, ebenso unsicher, wie die, welche das Gegen-
teil sagen. Auch ich kann hier nur nach Eindrlicken urteilen.
A us diesen gewann ich, je langer ich mich mit dem Studium
der Homosexualitat befaBte, immer starker die Cberzeugung,
daB ebensowenig wie ein Unterschied in der Wesensart, den
Niiancen und Erscheinungsfomien der Homosexualitat zwischen
beiden Geschlechtem besteht, ein solcher in bezug auf die Haufig-
keit vorhanden ist. Der gleichen Ansicht ist K o h 1 e d e r.
In dem Aufsatze „§ 250, der Ersatz des § 175, in seinen even-
tuellen Folgen fiir das weibliche Geschlecht" (Reichsmedizinalanzeiger,
1911, Nr. 3, p. 67) schreibt er in bezug auf die Haufigkeit der weib-
lichen Homosexualitat :
„Statistische Zahlen stehen uns hier nicht zur Verfiigung. Meines
Erachtens diirfte sie, d. h. die reine Homosexualitat und ebenso die
Bisexualitat, ungefahr die gleiche Verbreitung haben wie die mann-
liche. Es liegt kein Grund vor, warum eine Naturerscheinung, wie die
Homosexualitat sie ja darstellt, das eine Geschlecht mehr treffen
sollte als das andere." Ahnlich hatte Rohleder sich schon in
seinen „Vorlesungen"^a) geauCert: „Es mag wohl ungefahr den Tat-
sachen entsprechen, wenn man praeter propter die Anzahl der Homo-
sexuellen unter den Frauen ebenso hoch rechnet als unter den Man-
nern, also ca. 2o/o. Nur dadurch, daJ3 sie in geringerem Grade sich
offentlich zeigen, offentlich hervortreten, sind sie bisher weniger be-
obachtet — und unterschatzt worden." •
Fiir weit haufiger als beim mannlichen Geschlecht halt Roh-
leder beim weiblichen Geschlechte die Pseudohomosexualitat und aus
ihr sich ergebende „homosexuelle weibliche Akte". Er sagt infolge-
dessen in dem erwahnten Artikel (p. 70) : „Wenn man in den Motiven
zum Vorentwurf zu einem Deutschen Strafgesetzbuch meint, daB die
widernatiirliche Unzucht zwischen Frauen nicht so haufig sei, so irrt
man sehi*. Man kann hochstens den anderen Satz gelten lassen,
daB sie nicht so sehr in die Offentlichkeit getreten sei. DaB sie letz-
teres infolge § 250, wenn er Gesetz werden sollte, weit mehr tun
wird als bisher, ist sicher.
Ahnlich sagt Wulffen (Sexualverbrecher, S. 583): „DaIJ
beim Weibe die angeborene kontrare Sexualempfindung (und
das gilt nattirlich auch von der homosexuellen Betatigung)
seltener als beim Manne ist, wird kaum behauptet werden
konnen. DaO weniger solche Falle bekannt werden, liegt daran,
^a) Rohleder, Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb und gesamtes
Geschlechtsleben des Menschen. Berlin 1907. p. 452, t. 2.
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daJJ das Weib sich hierliber weniger offen ausspricht und hierzu
auch weniger Veranlassung hat, da naeh deutscliem' Strafge-
setz Tribadie und lesbiscbe Liebe zwischen Weibem straflos ist/*
Auch eine der besten Kennerinnen der weiblichen Homo-
sexualitat, die sich selbst als urniseh bekennende Schrif tstellerin
Anna E ti 1 i n g^), schreibt : „Eine genaue statistische Erhebung
liber die Zahl der homosexuellen Frauen fehlt uns leider noch,
doch dtirfen wir nach meinen sehr groBen Erfahrungen und ein-
gehenden Studien auf diesem Gebiete annehmen, daB das Resul-
tat, das die statistischen Erhebungen des Herrn Dr. Ma^us
Hirschfeld liber die Verbreitung der mannlichen Homo-
sexualitai ergeben haben, auch auf die Frauen in Anwendung
gebTacht werden kann.*'
Die Verfasserin fiigt dieser Anschauung eine Betrachtun^ hinzu,
die ein bemerkenswerter Beleg fiir das ist, was ich oben liber die sozio-
l(^ische Bedeutung der Homosexuellenziffer sagte ; sie schreibt : s)
„Demzufolge wiirde es in Deutschland annahernd die gleiche Anzahl
urnischer und lediger Frauen geben. Das ist nicht falsch aufzu-
fassen. Ich will z. B. sagen, es gabe 2 Millionen lediger und 2 Mil-
lionen homosexueller Frauen. Unter diesen 2 Millionen der ledigen
befindet sich naturgemaiJ schon ein groBerer Prozentsatz der urni-
schen, sagen wir 6O0/0, also 1 Million; unter den Homosexuellen be-
finden sich aber wiederum etwa 60 0/0, die sich infolge auBerer Um-
stande verheiratet haben, die also den 60 0/0 normalsexueller lediger
Frauen bei einer EheschlieBung im Lichte standen. Die Konseque|i-
zen aus dieser Tatsache zu zienen sind leicht. Bei moglichster
Eh elosigkeit aller Urninden wiirde die Wahrschein-
lichkeit einer Ehe s chlieB ung fiir die heterosexu-
ellen Frauen um ein betrachtliches steigen, womit ich
freilioh nicht gesagt haben will, daB hier etwa ein Universalmittel
gegen die alte Jungfernschaft gefunden worden sei, denn die zuneh-
mende Animositat der Manner gegen die Ehe hat ihren Grund viel-
fach in sozialen Verhaltnissen, iiber welche zu reden hier nicht der
Ort ist."
Was nun die Verbreitung der Homosexualitat unter den
verschiedenen Berufsklassen betrifft, so sind von manchen
die von uns veranstalteten Umfragen deshalb beanstandet worden,
weil sio sich auf Stande erstreckten, in denen sich nach ihrer
Meinung verhaltnismaBig weniger Homosexuelle befanden, wie
in anderen Berufen.
Bemerkenswert ist nach dieser Rich t ung der folgende Brief eines
siiddeutschen Ingenieurs, den wir im AnschluB an unsere erste Enquete
erhielten: „ Selbst Techniker, sogar friiherer Studierender der
Technischen Hochschule Charlottenbui^, habe ich, was die tech-
nisch Gebildeten angeht, mir iiber den Beitrag, den diese Manner zur
Gemeinde der Homosexuellen stellen, schon seit langem ein selbst-
standiges Urteil gebildet. Derselbe ist auBerst klein. Aus freien
2) Jahrb. f. sex. Zw. Jahrg. Bd. 1. 1906. p. 137: „Welches
Interesse hat die Frauenbewegung an der Losung des homosexuellen
Problems? Rede von Anna Ruling."
») A. a. O. p. 137/8.
Hirschfeld, Homosexualitlt. 32
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Stiicken wird wohl hochst selten ein Uranier den Ingenieurberuf er-
wahlen, einen Beruf, der wie kein zweiter ganze M$.nner braucht,
der Produktivitat, Energie, Tatkraft, Umsicht, einen weiten Blick,
Oiiganisationstalent und, last not least, Mathematik, viel Mathematik
(auch m i r ein Buch mit sieben Siegeln) verlangt. Mich personlich
haben brutale, auBere Umstande veranlaBt, diesen meinem ganzen
Wesen widerstrebenden Beruf zu ergreifen, und ich glaube und weiB
zum Teil, wie mir, so erging es sehr vielen meiner urnischen Kol-
legen. Hatten Sie unter den Studierenden der Universitat zu Berlin
Oder unter den Musensohnen einer Malerakademie oder Musikhoch-
schule usw. eine Umfrage gehalten, so hatten Sie ohne Zweifel einen
wesentlicL hoheren Prozentsatz konstatieren konnen. Das Mittel aus
beiden diirfte dann meines Erachtens dem wahren Sachverhalt am
nachsten kommen. Da also das technische Each dem Urning im all-
gemeinen nicht liegt, dagegen andere Berufe eingestandenermaBen
sehr, so darf man von den wenigen Homosexuellen der T. H. zu Ch.
nimmermehr einen SchluB auf die relative Seltenheit der Uranier
im allgemeinen Ziehen."
Kichtig in dieser Zuschrift ist, daB in der Tat die Homo-
sexuellenziffer in der gewahlten Berufsschicht ether etwas unter
als liber dem Durchschnitt stehen diirfte. Wir wahlten sie
aber gerade aus, weil uns daran lag, erst einmal MinimaJzahlen
zu gewinnen und zwar lieber zu niedrige als zu ho he,
um zu ermitteln, ob der Anteil der Homosexuellen an der
Gesamtbevolkerung nach Prozenten oder Promillen rechnet.
Um feinere Unterschiede zu erweisen bedtirfte es vieler
weiterer Erhebungen. Vermutlich wird sich dann er^eben, daB
manche Berufe ein Durchschnittsplus, manche ein Durch-
schnittsminus zeigen, wUhrend sich die meisten — vor allem
die nicht aus freiwilligem Antrieb gewahlten — f tir den Prozent-
satz indifferent erweisen werden. Die Bevorzugung mancher
Berufe wird zum Teil von der Eigenart der Homosexuellen
selbet, zum Teil von ihrer Triebrichtung abhangen, und zwar
in beiden Fallen zunachst meist ohne deutliches BewuBtsein
dieser Ursache.
Mehr iiber die eigentlichen Motive pflegen sich die klar zu sein,
die ihren Beruf anderten. Spaterer Beruf swechsel ist unter den Homo-
sexuellen ein recht haufiges Vorkommnis. So ist es beispielsweise
der juristische und theologische Beruf, in dem sich viele Homosexu-
ello, von ibren Eltern gedrangt, recht bald ungliicklich ftLhlen. Nicht
wenige von ihnen sah ich „u m s a 1 1 e 1 n", und zwar in Facher,
die von ihrem urspninglichen weit ablagen, so kannte ich mehr als
einen homosexuellen Studenten der Jurisprudenz oder der Theologie,
der Schauspieler, Maler oder Lehrer, manchen homosexuellen Offizier,
der Schriftsteller oder Sanger wurde. Dabei lassen wir diejenigen
auBer acht, die, infolge homosexueller Konflikte gezwungen, ihren
Beruf aufgaben. Unter Beamten und Offiziereu ist deren Anzahl
sehr erheblich.
So sicher es nun aber ist, daB bei den verschiedenen Be-
rufskategorien nicht unerhebliche Differenzen vorkommen
werden, ebenso sicher erscheint es mir, von ganz geringen
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Ausnahmen abgesehen, daJJ diese aus der bish'er gefundenen
GroBenordnung von 1 — lO^/o kaum je herausfallen, und sicli
bei alien insgesamt um einen innerhalb dieser GroBen-
ordnung bewegenden Mittelpunkt bewegen werden, weleher sich
hochstwahrscheinlicli fiir die Homosexuellen in der Nahe von
2o/o, flir die Bisexuellen zwischen ^.iii^d 5o/o befindet.
Zu den erwahnten Ausnahmen diirften nur die maskulinen Frauen-
und die femininen Mannerberufe gehoren. Seit dem genauen Studium
der Transvestiten wissen wir aber, daB selbst unter den „Damen-
komikern" und Mannerdarstellerinnen nicht mehr als die Halfte homo-
sexuell sind. DaB eini^e Berufe bezii^lich der Homosexuellenzif fer iiber-
schatzt werden, erscheint mir zweifellos. In einigen Fallen ruhrt dies
von einer groBeren Offenheit, in anderen von einer ^roBeren Geneigt-
heit zum homosexuellen Verkehre her. Ersteres gilt beispielsweise
fiir die Schauspieler, letzteres fiir Kellner und Friseure. Spricht
sich die Homosexualitat eines im Vordergrunde des Interesses stehen-
den Schauspielers oder einer groBen Schauspielerin herum, so folgern
manche daraus gleich eine groBe Verbreitung der Homosexualitat im
Schau spielers tanae iiberhaupt. Wenn vor einiger Zeit eine groBe
Pariser Zeitung schreibt: Ein groBer Tell der franzosischen Schau-
spieler sei von dieser Seuche erfaBt, oder F e r n a u *) sagt : „Die
bekanntesten und obskursten Schauspieler gehoren zu dieser Sorte," '
so sind dies Verallgemeinerungen, die ohne statistische Unterlacen
jeder Beweiskraft ermangeln. ErfaJirene Sachkenner fanden selbst
unter dem Kiinstlerpersonal groBerer Theater selten mehr als zwei
Oder drei Homosexuelle ; eine Ausnahme machen, wenn auch keines-
wegs immer, Schauspieler, die imter homosexuellen Direktoren stehen,
wie etwa die beriihmten Meininger unter dem homosexuellen Theater-
leiter Chr. Auch unter den Kelinern, die oft als ein besonders homo-
sexueller Stand angefiihrt werden, iibersteigt der Prozentsatz der wirk-
lich homosexuellen nach dem Urteil sehr sachkundiger Berufskol-
legen sicher nicht die erste Dezimale, hochstwahrscheinlich nicht
einmal 60/0. Richtig ist nur, daB durch die starke Gelegenheit mit
Homosexuellen in Kontakt zu kommen, in diesem Stande der Prozent-
satz derer ein relativ hoher ist, die fiir ein hohes „Trinkgeld" zum
homosexuellen Verkehre bereit sind — doch ist diese Bereitwilli^keit
nichts weniger als allgemein, auch befinden sich innerhalb dermann-
liohen Prostitution verhaltnismaBig viele stellungslose Kellner. Das
gleiche gilt fur die Friseure.
^'enn D r. M. *), der Gewahrsmann Prof. J a g e r s , in bezug auf
die passiven Homosexuellen sagt : „es ist ein Stand, der sie ganz vor-
zugsweiso in sich schlieBt: Friseure und Barbiere, und zwar so sehr,
daB ich die passiven Pygisten bald nur stereotyp „Barbiergesellen"
nannte", so stand ihm sicherlich nur ein sehr einseitiges Beobach-
tUDgsmaterial zur Verfiigung. Auch die sich an diese Bemerkung
anschlieBende Erklarung: „Dieses Gewerbe ist wie geschaffen fiir pas-
sive Pygisten, diese Weiber in Mannesgestalt, es ist eine weibische
Beschaitigung und bringt sie zu der ihnen sympathischen Manner-
welt in angenehme Beziehungen", ist nur zum kleinsten Teil zutreffend.
Kur unter den Damenfriseuren erhebt sich, ahnlioh wie bei
den Verfertigern von Damenhiiten und Damenkleidern, der Prozentsatz
wesentlich hoher, und zwar nach sachverstandigem Urteil bis ^egen
10 vom 100. Ungleich mehr Homosexuelle wie im Kellner- befinden
sich nach meinen Erfahrungen und Ermittelungen im Diener-
*) L. c.
») Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 108.
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beruf, der besonders den femininen Homosexuellen eine gute Q^l^en-
heit gibt, ihren wirtschaft lichen Neigungen G^eniige zu verschaffen.
Ich kenne Herrschaiten, die, ohne selbst homosexuell zu sein, einer
homosexuellen Dienerschaft den Vorzug geben, well sie behaupten, diese
seien anstelliger, schmiegsamer, und solider als heterosexuelle Diener
und es scheint fast, als handelten diese einsichtsvoUer als die, welche
entriistet ihr Personal entlassen, sobald ihnen Klatsohgeschichten liber
deren Homosexualitat hinterbracht werden. Oft kommt es auoh vor, daO
homosexuelle Herren Burschen aus dem Volke, an denen sie Gef alien
fiuden, auf die Dienerschule schicken. Sie nehmen sie dann spater als
Diener in ihr Haus, um ihr Zusammenleben vor MiBdeutungen zu
schutzen. Ich kenne eine Reihe Urninge, die diesen Weg einschlugen,
um ihren Geliebten, — der allerdings durchaus nicht immer homosexuell
ist, — dauernd in der Nahe zu haben. So tat es auch Alexander
von Humboldt mit seinem Diener S., dem er dann fiir vieljahrige
treue Anhanglichkeit den groBten Teil seines Vermogens vermachte.
Eine ahnliche Enttauschung wie seine Verwandten erlebten Ver-
wandte, die auf das reiche Erbe homosexueller Junggesellen spekulieren,
oft. So hoch nun aber auch die absolute Zahl homosexueller Diener
ist, so scheint sie dennoch nicht den zehnten Teil der Gresamtmit-
glieder dieses Berufes auszumachen.
Und die Bemerkung d e J o u x ' ^) : „Man kann sa^en, jeder
dritte mannliche Domestike sei Urning", ist ebenso libertrieben, wie
die Ansicht Celpsias'), der in Lombrosos Archiv behauptete, daB
sich unter den Musikern bis zu 6O0/0 Homosexuelle befinden.
Die gleiohe Einschrankung ist auch bezuglich gewisser homo-
sexueller Frauenberufe am Platze. Wenn Anna Rilling schreibt:
„Wie der homosexuelle Mann oftmals mit Vorliebe Beruf e ergreift, die
ana Weibliche anklingen, — z. B. die Damenschneiderei, die Kranken-
pflege, den Beruf des Koches, des Dieners — so gibt es auch Berufe,
denen die urnischen Er^uen besonders geneigt sind; wie die Erfahrung
lehrt, weisen unter anderen.der aorztliche, der juristische, der land-
wirtschaftliche und der selbst schaffende Kiinstlerberuf eine beson-
ders groBo Zahl homosexueller Frauen auf,"«) so muB auoh hier vor
Verallgemeinerung gewarnt werden. Das Gleiche gilt auch fiir die
urnischen Erauenrechtlerinnen. Sicherlich hat es viel Wahres fiir
sich, wenn Ruling meint *) : „Von den ersten Anfangen der Frauen-
bewegung an bis zum heutigen Tage — sind es zum nicht geringen
Teil homogene Frauen gewesen, die in den zahlreichen Kampfen die
Fiihrerschaft iibernahmen, die erst durch ihre Energie die von Natur
gleichgiiltige und sich leicht unterwerfende Frau des Durchschnittes
zxmi BewuBtsein ihrer Menschenwiirde und ihrer angeborenen Rechte
brachten.** Andrerseits zeigten mir aber wiederholte Besuche, die ich
mit urnischen Frauen in England den Suffragetten, in Deutachland
dem Verein fiir Frauenstimmrecht abstattete, daB auch unter den
radikalsten Vertreterinnen der Frauenemanzipation der Prozentsatz
der Urninden auBerhalb der ersten Dezimale bleibt.
N a c k e ^®) teilt die Schatzung einer urnischen Journalistin iiber
die Haufigkeit des Vorkommens der weiblichen Homosexualitat in
den verschiedenen Ereisen mit. Danach waren unter Frauen in kiinst-
lerischen und wissenschaftlichen Beruf en 40 0/0 homosexuell, unter Feld-
arbeiterinnen 10 0/0, Fabrikarbeiterinnen 60/0, Lehrerinnen lo/o, Dienst-
«) Otto de Joux, Die Enterbten des Liebesgliickes, p. 193.
')CeleBia, „Sulla inversione sessuale" in Lombrosos Archi-
vio di psichiatria. Vol. XXI. 1900. p. 209.
*) Loco citato p. 144.
») L. c. pag. 144/6.
10) N a k e , Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin a. a. O.
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boten lOo/o, Prostituierten 5o/o. Diese wie mir scheint ziemlich will-
kiirliche Schatzung diirfte in bezug auf einige Berufe — namentlich
beziiglicli der Kiinstlerinnen zu hoch, hinsichtlich anderer, wie der
Prostituierten, zu ^ering sein.
Gerade beziiglich der letzteren liegen von anderen Seiten sehr
viel hohere Schatzungen vor. So behauptet Hammer in der „Tribebdie
Berlins", daB unter 3000 Dimen sich mindestens 1000 Lesbierinneu,
Riilingioa), daC nachweislich unter den Prostituierten 20 o/o homosexuell
verankigt seien. Diese Autorin fiigt eine Erklarung dieser sonderbaren
Tatsache hinzu, die im wesentlichen eher das Richtige trifft, als die
friiher mitgeteilte des Frl. Dr, Schirmacher vom „Ekel am Manne". Sie
meint: ,,Das mag zunachst befremden, scheinen doch Homosexoalitat
und dauernder sexueller Verkehr mit dem Manne das Widersprechendste
zu sein, das es geben kann. Auf meine Frage, wie es denn moglich sei,
daC eine Urninde zur Prostituierten werde, antwortete mir mehr als
einmal ein „Madchen von der StraBe", daB sie ihr trauriges Handwerk
rein als Geschaft auffasse; ihr geschlechtlicher Trieb komme dabei
gar nicht in Betraoht, den befriedige sie bei der Geliebten. Widrige
hausliche und wirtschaftliche Verhaltnisse hatten diese Madchen auf
die StraBe getrieben."
Auch ftir die Manner gilt die oft geauBerte Ansicht, dafl
sich iu hoheren Standen verhaltnismaBig mehx Homo-
sexuelle finden, wie in niederen, trifft nur sehr bedingt zu.
Wenn uns ein sehr versiertes Mitglied der Aristokratie mitteilt,
daB er personlich neun deutsche Prinzen ans regierenden
Hausern, 14 aus reiehsunmittelbaren Familien, 6 aus fremden
regierenden Hausern und auBerdem 20 Diplomateh kennt, die
homosexuell sind, so kann man dieser Zahl als anderes Extrem
die des JosiahFlynt^^) entgegenhalten, der auf Grund zehn-
jahriger Forschungen unter 50 — 60000 Tramps der Vereinigten
Staaten — den Armsten der Armen — 5 — 6000 homosexuelle
Vagabunden reehnete, eine Schatzung, die ein Vagabund in
Texas, der von ihr horte, als zu niedrig bemessen erachtetie.
Unter den deutschen Lands treichern soheint der Prozentsatz der
Invertierten ein nicht ganz so hoher zu sein, immerhin ist er, nach
dem, was mir ein so guter Kenner des Vagabundentums, wie Hans
O 8 t w a 1 d berichtet und zahlreiche „Kunden" selbst bestatigten, ein
nicht unbetrachtlicher.
Der Vers von B6ranger
Les gueux, les gueux
Ce sont des gens heureux
lis s'aiment entre eux.
gilt nicht nur fiir die franzosischen Vagabunden. In den Asylen fiir
Obdachlose, den Herbergen zur Heimat bilden wie „auf der Walze** und
unter den Briickenbogen, einem nachtlichen Lieblingsaufenthalt der
Penner und „Tippsen" (weibliche Vagabunden), homosexuelle Vorkomm-
nisse einen beliebten und keineswegs nur theoretischen Unterhaltungs-
i^a) Cf. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. VII, Bd. 1,
p. 148.
11) Cf. H a V e 1 o c k Ellis und J. A. Symonds, Das kon-
traro Geschlechtsgefiihl. Leipzig, 1896, Zusatz zu Kapitel I. pag.
269 ff: Homosexuiuitat unter Vagabunden.
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stoff. Viele Berliner Homosexuelle suchten und fanden die ihrem
eigentiimlichen Geschmack entsprechenden Partner in oder vor der
„Augustbude" (der Herberge zur Heimat in der Augusts traBe) oder der
Rocbbude, einem seltsamen Platze in der Nahe der Zentralmarkthalle.
Ein hochgebildeter homosexueller Ingenieur, den sein ausscblieClich
„proletarischer** Geschmack auf die Walze und in die Herbergen trieb,
gibt folgenden Berioht: „Nicht nur in den Asylen groBer Stadte habe
ich wiederholt genachtigt, sondern mich auch tage-, ja sogar wochen-
lang ill Wander- Arbeitsstatten („Roter Hans" bei Frankfurt a. M., in
Hanau usw.) und in der groBten derartigen Kolonie Hoffnungstal bei
Bernau aufgehalten. Dort konnte ich die proletarische Psyche aus
nachster Nahe kennen lernen, wie sonst nirgends. Und wie liberrascht
war ich, als ich dort, sowohl in der Baracke, in der ich selbst schlierf,
als auch in den andern, ziemlich ausgedehnte homosexuelle Verhalt-
nisse, ja einen ganzen Konzern gleichgeschlechtlich verkehrender junger
Manner beobacntete. Nicht jeder freilich beobachtet das. Das Auge
des Homosexuellen aber erkennt das erklarlicherweise leicht, und aus
Umfragen ersah ich auch, daB dies vielen dort bekanut war. Nament-
lich ein junger „Rabe", der besonders „keB" war und der seiner Ver-
anlsjgung halber allgemein „Lieschen" genannt wurde, bildete einen
gewissen Mittelpunkt dieses „Zirkels". Ich selbst hielt mich von
diesem Treiben fern, well die Betreffenden mir zu dreist waren. Ich
horto kiirzlich, daB „Lieschen" seiner wohl etwas ungeniert fortge-
setzten Umtriebe wegen inzwischen ausgewiesen ist. Auch einige altere
Arbeiter, die periodisch wieder dorthin zu kommen pflegen, sind den
meisten „Kolonisten" als homosexuell („warm") bekannt. Aber nie-
mand wirft ihnen deswegen Kniippel zwischen die Beine. Einer von
ihnen erfreut sich infolge seines wirklich netten, anstandigen Be-
nehmens sogar besonderer Beliebtheit auch bei den (verheirateten)
Leitern der Kolonie. Sogar ein Paar der dort amtierenden „Bruder"
sind mir als homosexuell bezeichnet worden, einer soil sogar beinahe
deswegen seinen Abschied bekommen haben.
„Wie sehr die Homosexualitat in den Obdachlosen- Asylen zu Ilause
ist, ist bereits offentlich so bekannt geworden, daB ich dariiber nichts
welter zu sagen brauche. Alle aus Unkenntnis der Wirklichkeit und
gutgemeintem Eifer unternommenen Versuche, sie dort etwa auszu-
rotten, miissen selbstverstandlich vei^eblich bleiben. Ich will mich
verpflichten, wenn ich dort nachtige, stets innerhalb meiner nachsten
Umgebung einen oder gar mehrere junge Leute zu homosexuellen
Handlungen zu gewinnen. Viele warten sogar formlich darauf. Einem
solchen „Kunden** braucht man nur ein paar „Trittchen" (Striimpfe)
oder eine „Staude" (Hemde) zu versprechen, um seiner geschlechtlichen
Beihilfe sicher zu sein. Mehr verlangt er nicht, denn er weiB, wie
knapp das Geld ist, und etwas Mitleid hat er schlieBlich auch im
Leibe.'' Mein Gewahrsmann fahrt fort:
„Ein Musterbeispiel eines homosexuell „geaichten" Kunden lernte
ich kurzlich in Berlin kennen. Er war nicht nur durch ganz Deutsch-
land gekommen, sondern auch durch Osterreich, Italien bis Rom,
und die Schweiz. Uberall hatte er leicht homosexuelle „bessere"
Bekanntschaften gemacht, die ihm ein auskommliches Leben sicherben.
Jung und hiibsch, gebiirtig aus Stuttgart, erst 17 jahrig, blond
und blauaugig, echt germanische Rasse, ist er fiir virile Uminge
erotisch gefahrlich. Allerdings vernachlassigt er sein AuBeres sehr,
sonst hatte er sicher noch ganz andere „Erfplge" haben konnen.
Trotzdem hatte er iiberall offene Tiire gefunden, in Deutschland wie bei
den Monchen Roms und der Schweiz, von denen er mir manches Stiick-
chen erzahlte. Es gibt mithin kein unwahreres Marchen als die Le-
gende von der Zugehorigkeit der Homosexualitat zu den besser situ-
ierten oder womoglich nur adligen Kreisen. DaB homosexuelle „Falle"
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aus diesen Kreisen in erster Linie bekannt werden, liegt lediglich an
dcr mehr exponierten Stellung, welche Homosexuelle dieser Kreise
einnehmen. Die Verbreitung der Homosexualitat ist in Wirklichkeit
in den proletarischen Kreisen mindestens ebenso stark wie anderswo,
and im vagabundentum ist sie sozusagen an der Tagesordnung."
Zweifellos handelt es sich unter den Vagabunden lihnlich wie
unter den Gefangenen oft um Surrogatakte, doch gibt es sicherlich
unter beiden auch viele echte Homosexuelle. So suchten mich wieder-
holt strafentlassene Homosexuelle auf, die unter heftiger Sehnsucht
nacli einem Mitgefangenen litten und sich ernstlich mit dem Gedanken
trugen, eine Straftat zu begehen, um zu ihrem Freunde — in einem
FaUe war es ein lebenslanglich Intemierter — zuriickzugelangen.
Ein Seitenstiick zu diesen Beobachtungen finde ich in dem Be-
richt, den ein Mann, der sich J. A. nennt, unter dem Titel „Lebenslauf
eines Zuchthausstraflings" in der „Tribiine" vom 5. Juni 1907 gibt:
Naohdem der Verfasser erzahlt hat, daB die jiingeren Gefangenen im
Alter von 18 — 24 Jahren, die im ganzen etwa 28 oder 32 Mann einen
gemeinsamen Schlafsaal ffir sich haben und auch in der Kirche allein
auf den ersten Banken sitzen, von den alteren Gefangenen die „Damen"
fenannt werden, und dafi jede dieser „Damen" einen „Alten" zum
iiebsten hat, von denen oft zwei oder drei sich um einen Jungen aus
Eifersucht die Kopfe blutig schlagen, erzahlt er, dai3 einer der ver-
rufensten der „Alten", zum vierten Male jetzt im Zuchthause in P.,
wahrend seiner letzten Strafzeit einen jiii^eren Freund hatte und daB
beide wie Eheleute miteinander lebten. „Was er hatte, hatte „sie, der
„Junge**. Als derselbe entlassen wurde, hatte der „Junge" noch 2 Jahre
10 Monate zu verbiiBen. Was tut nun der „Alte"? Er veriibt eii)
Verbreohen, von dem er weiB, daB es ihm etwfl, 2 bis 21/2 Jahre Zucht-
haus eintragt, damit er ja wieder zu seinem „Jungen" kommt und
letzteren kein anderer „ Alter" in Beschlag nehmen kann. Und richtig
fenau nach 6 Wochen passiert der „Alte" wieder ein mit 2 Jahren
Monaten Zuchthaus. Ich kann das Gaudium nicht schildern, als
er wiederkam. Jeder sagte es ihm ins Gesicht, daB er sich bloB wegen
seines „warmen Jungens" so beeilt hatte; selbst die Aufseher sehen,
horen und wissen dies alles, konnen aber nichts dagegen tun. Also
der „Alte" lebt jetzt wieder gliicklich und zufrieden mit seinem
„JuDgen*' zusammen, und wenn sie jetzt miteinander entlassen werden,
werden sie drauBen „zusammenarbeiten". Dieser „Junge" ist der Sohn
anstandiger Biirgersleute, und hat bei einer Rauferei einen Menschen
erstochen, wofiir er 8 Jahre Zuchthaus verbuBt."
Einen ahnlichen Fall erzahlt Wilhelm Cremer aus der
Fremdenlegion : Ein Legionar wird nach Oran zum Kriegsgericht ge-
bracht. Sein Freund, den er liebte, war zur Zwangsarbeit (travaux
forces) verurteilt. Da verkaufte er seine samtlichen Sachen und kam
drei Tage nicht in die Kaserne, nur mn auch verurteilt zu werden
und dem Geliebten folgen zu konnen.
Unter den homosexuellen Vagabunden gibt es viele, die einst
bessere Tage gesehen: Gescheiterte, Entgleiste. In Sizilien, der Pro-
vence und anderswo, traf ich solche, die 10 Jahre und langer nichts
von ihren Angehorigen, die sie vermutlich langst fiir gestorbeii hielten,
gehort hatten. Manche von ihnen, die, als sie noch etwas besaBen,
m Zusammenhang mit ihrer Anlage immer wieder Erpressern, Raubern
und Dieben in die Hiinde fielen, erklarten, daB ihnen erst wohl sei,
seifc sie nichts mehr zu verlieren hatten. In Rom lernte ich in der
deutschen Herberge einen sehr merkwiirdigen Urning kennen, einc Art
Bettlerkonig ; wegen seines langen Kopf- und Barthaares, seines sanft-
miitigen Wesens und einer gewissen prophetisch-poetisch-pathetischen
Pose nannten ihn die anderen Kunden, von denen ihn namentlich die
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jiingeren vereotterten, ,,ireilaiid" i*). Bei nicht wenigen Urningen
liegt ein wichtiger Grund zur Vagabondage in nervoser Unrast, die
oft genug allerdings auch eine motorische Umsetzung sexueller Un-
ruhe ist. Das gilt in noch hoherem MaCe wie fiir die armen fiir die
reichen Vagabunden, dem Seitenstiick der Tramps aus wohlhabenden
Kreisen, den Globetrottern. Was ich in den .,Xaturgesetzcn der
Liebe ^^) von den sexuell unbefriedigten Heimfliichtigen im allge-
meinen sagte: ,,Da reison diese alleinstehenden Manner und Frauen,
von den Beatifikationen des Papstes zum Selamik des Sultans,
von den heulenden Derwischs zu den indischen Fakiren, vom Yoshi-
wara zum Yellowstonepark ; da findet man diese unbewuCt von sexu-
ellem Drang Getriebenen in Bayreuth und Oberammergau, auf alien
mondainen Sammelplatzen, in Monte Carlo und Ostende wie in den
Palasthotels am Rande der Sahara und am Ufer der Themse, immer
friedlos und rastlos," gilt Mr die Urninge und Uminden der hoheren
Stande in ganz besonders hohem Grade.
Auch in der gesellschaftlichen Mittelschicht gibt es eine von Ort
zu Ort wandernde Gruppe, die freilich wirtschaftlich und sonst auch
in vieler Hinsicht ganz anders zu bewerten ist, wie die genannten
Gruppen. Ich meine die Geschaftsreisenden, unter denen ich
ebenfalls viele Homosexuelle kennen lernte. Manche von ihnen, und
damit komme ich wieder zu den bodenstandigeren Klassen, besitzen
eine Liste homosexueller Gasthausbesitzer, bei denen sie abzusteigen
pflegen. Namentlich finden sich auch in diesen Verzeichnissen
Hoteliers kleinerer Stadte. Es scheint mir, als ob der Prozentsatz
der Homosexuellen unter den Inhabern und Leitern der Hotels und
Gastwirtschaften etwas groBer ist, als unter den Kellnern, von denen
ich bereits sprach. Unter den iibrigen Angestellten zahlt das Kiichen-
personal viele Urninge, namentlich die feinen franzosischen Kiichen-
chefs sind oft homosexuell.
Wie in den Hotels im landlaufigen Sinn findet man auch
in den von den Franzosen bezeichneten als Hotels de dieu be-
zeichneten Hospitalern viele Homosexuelle, und zwar bier in
erster Linie unter den Krankenwartern. Es dlirfte wohl kaum
ein groBeres Hospital geben, in dem sich nicht ein oder mehrere
Pfleger befinden, und es sind nicht die schlechtesten. Auch
unter den Krankenschwestern kenne ich viele Urninden. Zwei
von ihnen, die in einem Charlottenburger Krankenhause ange-
stellt waren, nahmen sich vor einigen Jahren zusammen das
Leben. Vom Arztestand meint Merzbach, daB er nicht zu den
von Homosexuellen bevorzugten Standen gehortu Ich bin von
homosexuellen Arzten aus alien Kulturstaaten aufgesucht worden
und erfreute tnich ihrer Fiihrung in skandinavischen wie in
siideuropaischen Landern. Es waren unter ihnen wohl alle
Spezialfacher vertreten, auch Chirurgie und Frauenheilkunde.
Ich kenne allerdings auch homosexuelle Mediziner, denen die
korperliche Untersuchung weiblicher Korper, namentlich das soge-
nannte Touchieren und das Beklopfen der Brustdriisenregion, groBtes
Unbehagen verursachte, einige wuBten dies zu umgehen, indem sie
") Cf. auch Oskar AVohrlc, Der Baldamus (Stuttgart 1913)
p. G2.
*3) „Naturgesetze der Liebe**, Berlin 1912, p. 245.
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Kinderarzte wurden oder sich auf die Leitung von Mannerabteilungen
in Sanatorien beschrankten. Die Arztinnen, unter denen es eben-
falls eine betrachtliche Anzahl urnischer gibt, haben es in der Um-
gehung von Manneruntersuchungen, falls diese ihnen unbequem sind,
leichter. Im iibrigen scheint mir der Arztestand, der in Deutschland
allein 33 627 (1913) Personen umfafit, fiir genauere statistische
Untersuchnngen vermoge seiner Vorbildung besonders in Betracht zu
kommen. I^U diese trotz aller Schwierigkeiten im Interesse der
Wissenschaft erforderlich sein werden, steht wohl aul^er ZweifeL
Gehen wir von den Medizinern auf die anderon
akademischen Berufe .iiber, so seien zunachst die Juristen
erwahnt. Ihr Beruf wird vielfach nioht aus eigener innerer
Neigung, sondern, namentlich in Beamtenfamilien, mehr auf
Wunsch der Eltern, aus praktischen Gesichtspunkten ergriffen.
Unter den Anwalten scheint mir die Zahl der Homosexuellen
ein wenig geringer zu sein, als unter den Arzten, immerhin
sind mir in Berlin allein ungefahr ein Dutzend homosexueller
Kechteanwalte bekannt. Etwas hoher ist der Prozentsatz der
Homosexuellen im Richterstande, im Verwaltungsdienst und der
Diplomatic; auch mehrere homosexuelle Staatsanwalte iind
Kriegsgerichtsrate lernte ich kennen. Der Gewissenskonflikt,
in dem sich Manner befinden, die selbst homosexuell, liber
Homosexuelle richten, kam mir zu Beginn meiner Tatigkeit
besonders schwer vor, er erscheint mir im milderen Lichte,
nachdem mir homosexuelle Richter versicherten, daB sie wieder-
holt bei Beratungen in der Lage gewesen seien, auf ein geringeres
StrafmaB hinzuwirken.
Ich weiJJ Falle, in denen junge Leute aus § 175 vor einem
Richter standen, mit dem sie selbst homosexuell verkehrt hatten.
Es gereicht ihnen zur Ehre, daB sie die geangstigten Richter, in
einem Falle war es ein homosexueller Untersuchungsrichter,
nicht kompromittierten. In Wien ereignete sich allerdings vor
mehreren Jahren der Fall, daB sich ein Gerichtsprasident
erschoB, dem ein wegen Diebstahls angeklagter Bursche, als
er ihn barsch anfuhr — er erkannte ihn nicht wieder — zurief :
„Im Votivpark haben Sie anders mit mir gesprochen, wenn
Sie auf mich gepaBt haben/'
Wie die Juristen, wechseln auch die Theologen, wenn sie
sich ihrer Homosexualitat bewuBt werden, gern den Beruf. Viele
behalten ihn auch bei, weil sie glauben, durch religiose Mittel
ihrer am besten Herr zu werden. Oft, wenn auch nicht immer,
ist diese Hoffnung trtigerisch. Ich habe protestantische und
noch mehr katholische Geistliche fast aller Alters- und Rang-
stufen kennen gelernt, die unter ihrer homosexuellen Anlage
schwer litten.
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506
Einc alte Chronik erzahlt von einem Bischof zu Bambei^, der im
14. Jahrhundert lebte, sich gerne in Weiberkleider steckte und durch
seine unwiderstehliche Begierde nach den Kiissen schoner Jiinglinge
auBer Fassung gebracht, sich von seinen Knechten mit Ruten streichen
lieB, so oft inn urnische Geluste anfielen.
Im XII. Jahrhundert sah sich der Abt Wibald, einer der hervor-
ragendsten Manner der deutschen Geistlichkeit jener Zeit, offenbar
durch die Vergehungen der ihm Unterstellten genotigt, in feierUcher
Weise einen andern Abt um Auskunft iiber die Frage zu bitten: „Si
viiginitatis am it tat palmam, qui vel propriis aut alienis manibus
vei qualibet alia arte praeter naturalem coitum sibi semen elicuerit."
Cf. Jaffe, Monumenta Corbeiens. Bd. I d. Biblioth. Rer. Grerman. 1864.
U 1 r i c h s erwahnt in Formatrix i*) ein Buch „Enthiillungen iiber
Lehren und Leben der katholischen Geistlichkeit", Sondershausen,
1862, das gesammelte Notizen iiber eine zahlreiche Reihe katholischer
Geistlichen enthalt, vorzugsweise aus Siiddeutschland, aber auch Frank-
reich und Belgien, aus der Zeit von 1637 — 1713 und von 1859 — 1861,
„aus denen hervorgeht, daB dieselben Urninge waren." Unter anderem
enthalt es in deutscher tJbersetzung die aktenmaBigen lateinischen
Berichte aus einer Disziplinaruntersuchung wider den Jesuiten Mare 1 1
am Jesuitengymnasium zu Augsburg aus dem Jahre 1698, deren Ori-
ginale sich im koniglichen Staatsarchiv zu Miinchen befinden (ver-
offentlicht unter dem Titel : ,,Reverendi in Christo patris J a c o b i
M a r e 1 1 i S. J. amores. Per Carolum de Lang. Monachii 1815."
Dieser Jesuitenpater hatte nacheinander „Liebesverhaltnisse" mit zwei
Grafen F u g g e r und einem Grafen Oettingen i^).
DaB auch die gleichgeschlechtliche Betatigung in Klostern
oft und vielfach recht erheblich war, konnen *wir zahlreichen Schilde-
rungen des Klosterlebens und satirischen Darstellungen aller Zeiten
entnehmen. Die psychologischen Momente liegen hier auBer in dem
Anreiz des eingeschlechtlichen Milieus in den asketischen Neigungen
vieler Homosexueller.
Braunschweig erzahlt, daB die Insassen des Klosters Eber-
bach in Ungarn, trotzdem die gleichgeschlechtliche Liebe ihnen als
Todsiinde verboten ist, in jedem Jahr ein „Fest der Hochzeit" feiern.
wahrend dessen Dauer sich jeder Bruder einen Geliebten halt. „Ich
habe", sagt er, „mehrfach und nachhaltig die Beobachtung gemacht,
daB der Abtpfarrer in nicht miBzuverstehcnder Weise einen jiingeren
Kaplan liebkoste."
N a c k e ^^) zitiert einmal den „gelehrten und geistreichen Vor-
trag" eines friiheren katholischen Geistlichen „Uber das Verhaltnis
von Christentum zum Urningtum", der meinte, daB gerade unter den
Priestern viele Homosexuelle seien, weil ihr Wesen und Charakter,
sowie das wegen des Horror feminae willkommene Colibat sie zu dem
Priesterberuf hinzoge.
14) Ulrichs IV, p. 28.
15) Im Jahre 1890 hat ein gewisser Karl von Hutten
Langs Biichlein deutsch iibersetzt herausgegeben : die Knaben-
liebschaften des Jesuitenpaters Morell (Leipzig, 1890) 1908 er-
schien ebenfalls in Leipzig von einem Feinde der Homosexuellen imd
der Jesuiten eine Schrif t, betitelt : Boden, Karl, Dr. med. : Zur
Homosexualitat der Jesuiten. Aktenauszuge aus den Ordensarchiven
Oberdeutschlands von Karl Heinrich Bitter von Lang, bayr. Archiv-
direktor. Als Beitrag zur Frage der Aufhebung des § 175 und des
Jesuitenordens, lateinisch und deutsch mit Einleitung. Vgl. auch B o u -
hours, Pere, Sentiments des jesuites touchant le p4ch6 philosophique.
Paris 1902.
^^) Cf. N a c k e , Dr. P. Archiv f. Kriminalanthropologie und Kri-
minalistik Bd. XV. Heft 1 und 2.
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Aus dem Orient berichtet N a c k e i'), daB die Derwische zu ihrem
Prior haufig in sexuellen Beziehungen stehen. Es sei auch noch der
Theosoph Andrew Jackson Davis zitiert, der in der 4. Vor-
lesung der „Harmonischen Philosophic" sagt: „Unter den^Inver-
sionisten f inden wir die alten agyptischen Priester der Sonne,
verschiedene indische Haupter, Jesus und Paulus, die Asketiker
der ersten Jahrhunderte, romisch-katholische Papste, Bischofe, Monche
und Priester." 1905 erschien in der Zeitschrift „Das literarische
Deutsch-Osterreich" ein Artikel von R. C. Capellanus: Die Homo-
sexualitat im katholischen Klerus. Eine FuBnote zum Namen des
Verfassers lautet: „Verfasser ist katholischer Priester, selbst homo-
gen vcranlagt."
In einer amerikanischen Zeitung befand sich einmal ein Artikel,
der sich gegen homosexuelle Priester wandte, mit der Cberschrift: „We
do not wand any more ,sissy men* in the pulpit."
Im allgemeinen sind homosexuelle Priester, so lange man
nichts von ihren Neigungen weiB, in ihren Gemeinden ihres
menschenfreundlichen Wcsens wegen, sehr beliebt. Zur vdlligen
Askese gelangen nur wenige, manche retten sich in Mastur-
bation, andere flihren eine Doppelexistenz, wieder andere toteten
sich selbst, wie jener ungliickliche Pfarrer Rudolf Stahel
ill der Schweiz, der an eine befreundete Familie schrieb, als
seine HomosexualitSt ruchbar wnrde: „Bal(i wird es von niir
heiBen: er hat sich gemordet. Das ist falsch. Es mu6 lieiBen:
er ist gemordet worden." Von der ganz auBerordentlichen Ver-
ehrung und Anhanglichkeit, die dieser Geistliche genoB, legen
die Predigten Zeugnis ab, die Professor von SchultheB-Tlech])erg
und Vikar BoBhard an seinem Grabe hielten^^).
AUes in allem dlirfte es wohl zutref fen, wenn Freimark
sagt: „Es f inden sich im Priesterstande nicht wenig Ange-
horige des dritten Geschlechts, und wtirde es wohl lohnend sein,
eine Geschichte des Priestertums von diesem Gesichtspunkte
aus zu schreiben, welche erstaunliche Resultate zeitigen durfte^^).
In hoherem MaBe als die Theologie gehort die Philologie
zu den von Urningen erwahnten Fachern. Sowohl die padago-
gischc Lehrtatigkeit als auch das beschauliche Bucherstudium
sind Gebiete, die gleichgeschlechtlich Veranlagte von jeher an-
gezogen haben.
Namentlich „sublimierte" Homosexuelle, die ihren Trieb in pla-
tonischer Weise zu vergeistigen trachten, sind unter Philologen haufig.
Aber unter den mich aufsuchenden Homosexuellen, die Verkehr pfleg-
ten — , auch nicht etwa mit Schiilern, befanden sich zahlreiche Lehrer,
sowohl akademische als Volksschullehrer. Ebenso gibt es auch unter
") Naoke, Die Homosexual! tat im Orient. In GroB' Archiv,
16. Bd. 3. u. 4. Heft. S. 353 ff.
18) Jahrb. f. sex. Zw. Jahrg. VI. 1904. p. 725.
19) Vgl. auch Carpenters Aufsatz „ Homosexuality and Divi-
nation" in „The American Journal of Religious Psychology", June 1912.
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den Lehrerinnen, namentlich Schulleiterinnen, eine nicht unbetracht-
liche Anzahl Homosexueller. Ich kenne Beispiele, in denen sich in
den ihnen von ihren Schiilerinnen gegebenen Spitznamen treffend
ihre Eigenart widerspiegelte.
Noch etwas hoher als unier den Mannern und Frauen der
Wissenschafli ist die Anzahl von homosexuell Veranlagten auf
alien Gebieten der Kunst. Beginnen wir mit den bildenden
Klinstlern. Wenn die Zahl der homosexuellen Kiinstler, deren
Leistungen ihnen einen hervorragenden Platz in der Geschichte
ihrer Kunst gesichert haben, einen RlickschluB auf die Ver-
breitung der Homosexualitat in dem betreffenden Kunstzweige
uberhaupt gestattet, steht die Malerei an einer der ersten Stellen.
Ein besonders charakteristisches Bild davon gibt eine Zeitepoche,
die als Bliiteperiode der Malerei angesehen werden darf , weil in
ihr naturgemaU den nach dieser Richtung hin Beanlagten die
groflte Gelegenheit zur Entfaltung ihres Talents gegeben ist.
Unter den markantesten Vertretern der Malerei auf der Hohe der
italienischen Renaissance finden wir die relativ sehr hohe
Zahl von drei Mannern, deren homosexuelle Veranlagung nach
den uns liber sie bekannten biographischen Tatsachen, ergonzt
durch ihre Selbstbekenntnisse, soowie durch die Eigenart ihres
Schaffens, als erwiesen angesehen werden darf: Giovanni
Antonio Bazzi (von seinen Zeitgenossen bezeichnenderweifie
„Sodonia** genannt), Michel Angelo und Leonardo da
Vinci. DaB auch unter den Malerinnen Frauen mit homo-
sexueller Veranlagung sich einen hervorragenden Namen er-
worben haben, beweist das Beispiel der bertihmten Tiermalerin
Rosa Bonheur, an dem wir deutlich erkennen konnen, wie
die der homosexuellen Frau eigenttimliche virile Wesenskompo-
nente ihr in der Kraft und Energie ihrer kiinstlerischen Aus-
drucksweise zu statten kommt. Analog diesen Koryphaen eind
auch unter den dii minores der Malerei die Homosexuellen in
relativ hoher Zahl vertreten; namentlich auch in der Schwarz-
weiBkunst, in der die Linie mit ihrer f einen, dekorativen Wir-
kung oft in origineller Weise zur Geltung kommt, haben urnische
Zeiehner, von denen ich einige personlich kennen lernte, Hervor-
ragendes geleistet.
DaB es auch unter den Meistern der Plastik Homosexuelle ge-
geben hat, zeigt die antike Tradition, lehren gut verburgte Cber-
lieferungen der Renaissance, bezeugt das tragische Schicksal des bel-
gischen Bildhauers Duquesnoy, beweisen lebende Kiinstler mit
und ohne Ruf, deren homosexuelle Veranlagung auBer Z we if el steht.
Etwas geringer als unter den Bildhauern scheint mir die Horaosexu-
alitat unter den Baumeistern verbreitet zu sein, die zwischen dem
Kiinstler und Techniker stehen, immerhin sind mir im Laufe der
Zeit eine ganze Anzahl homosexueller Architekten bekannt geworden.
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Das Gebiet der Kunst, auf dem Homosexuelle beiderlei Gte-
schlechts sich seit Anakreon und Sappho aber vor allem
betfitigt und ausgezeichnet haben, ist die Poesie. Vergegen-
wftrtigen wir uns die psychische Eigenart des homosexuellen
Typus, 80 kann uns das nicht wundernehm^n. Weibliche Ein-
drucks- und mfinnliche Ausdrucksfahigkeit, oft sogar gewisse
neuropathische Ztige, wie die der Pseudologia phantastica ver-
wandte „Lust zum Fabulieren**, geben die Basis, auf der sich
die dichterischen Talente der Homosexuellen entwickeln konnen.
Nehmen wir dazu den Weltschmerz, der ihrer meist unverstande-
nen Liebe entspringt, die Sehnsucht, wienigstens im Lied zu
sagen, „was sie leiden**, so verstehen wir, dafi neben den
Anlagen auch Bedtirfnis und Neigung die poetische Betatigung
der Homosexuellen begilnstigen.
Zu alien Zeiten und bei alien Volkern begegnen wir homosexuellen
Dichtem. Am unverkennbarsten treten sie uns im klassischen Alter-
tume entgegen, in dem eine der homosexuellen Veranlagung Rech-
nung tragende Kultur den Dichtern gestattete, sie frei zu bekemien.
In „Der iJros und die Kunst" bemerkt F r e y einmal : ,»Fast von der
ganzen Dichtung des Altertums kann man sagen, daB sie mit urnischem
Geiste durchtrankt ist." DaB der Prozentsatz aber auch zur Zeit des
Humanismus kein geringerer gewesen ist, erfahren wir beispielsweise aus
Dantes Holle, in der der Dichter eine groBe Anzahl der bekanntesten
Dichter und Schrifts teller seiner Zeit — unbeschadet seiner hohon Ver-
ehrung fiir ihre Werke und ihre Person — in die Holle der Sodomiten
versetzt. DaB Dichter von hochster Beanlagung bis in unsere Tage
die „H611e der Homosexuellen" kennen lemten, lehrt uns Oscar
Wilde. Welohe Piille poetischer Nuancierungen auf dem Boden der
homosexuellen Psyche sich entwickeln konnen, zeigt uns die lange
Beihe hervorragender urnischer Dichter, von Walt Whitmans
grandioser Epik bis zu Anders ens kindlich ruhrendem Marchen-
talent. Ohne mich in Einzelbeispiele zu verlieren, will ich aus eigenen
Erfahrungen nur hinzufiigen, daB mir selbst eine so groBe Anzahl
zeitgenossischer Dichter und Schriftsteller beiderlei Geschlechts miind-
lich und brieflich ihre homosexuelle Veranlagung bekannten, daB
ich berechtigt zu sein glaube, den Prozentsatz fiir dieses G«biet kiinst-
lerischer Betatigung relativ hoch — sicher aber nicht unter 2o/o —
zu veranschlagen. Ich habe mehr als einmal iiber die Ironie des
Lebens lacheln mussen, wenn sich eine Zeitung iiber dem Strich
gegen die Homosexuellen aussprach, die unter dem Strich, ahnungs-
los, zwei Oder drei Artikel beriihmter homosexueller Autoren brachte.
Wenden wir uns nun der M u s i k zu, so scheint es not-
wendig, den Eigenarten homosexueller Beanlagung Eechnung
tragend, hier zwischen den schaffenden und ausubenden
Klinstlern, den Komponisten und den Virtuosen zu unterscheiden.
Die Gabe produktiv- musikalischen Schaffens ist, worauf schon
M 6 b i u s hinweist, eng mit dem Sinn fur das Rhythmische, Zahlen-
maBige verknupft. Entsprechend der Beobachtung, daB diese Fahigkeit
bei den Homosexuellen in der Kegel nicht besonders hoch entwickelt
ist, scheint" auch die Zahl groBer homosexueller Komponisten keine be-
sonders hohe zu sein. Es liegt nahe, hier an die Tatsache zu denken,
daB auch das weibliche Geschlecht, trotz ausgedehnter musikalischer
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Betatigung, keine groBen Komponisten faervorgebracht hat. Ganz so
negativ verhalt es sich mit dem Urningtum nun zwar nicht, wie das
Beispiel des einwandfrei homosexuellen Tschaikowsky und man-
ches anderen noch lebenden Tondichters lehrt. Die einzige kompo-
nierende Dame, die ich kennen lernte, war eine sehr virile Uminde.
Ganz anders wie bei den Komponisten liegt die Sache bei den
ausiibenden Musikern. Hier kommt den Homosexuellen ihr rezeptives
Empfinden, ihr Anpassungsvermogen, ihre Befahigung zu stimmungs-
vollerem, zarterem Vortrag zu statten. Zweifellos ist die Zahl homo-
sexueller ausiibender Kiinstler in alien Zweigen der Musik eine unge-
wohnlicli groBe. Schon unter den Berufsmusikern gewohnlicher Konzert-
kapelleu ist der Prozentsatz relativ hoch, wesentlich hoher aber ist er
unter den Kiinstlern mit virtuosem Konnen. Auch Paganinis Homo-
sexualitat oder Bisexual! tat scheint nach zuverlassigen Angaben ziem-
lich verbiiigt zu sein.
Eine besondere Stellung unter den ausiibenden Kunstlern nehmen
die Sanger, hauptsachlich die Opernsanger, ein, deren kiinstlerische
Betatigung sich aus der musikalischen und schauspielerischen zu-
sammensetzt und uns so zu den darstellenden Kiinsten iiberleitet.
Dem homosexuellen Sanger kommen oft noch gewisse korperliche
Eigentiimlichkeiten zu statten, die bei Urningen besonders haufig
sind: eine groBe Modulationsfahigkeit der Stimme, ein weiches, klang-
volles Organ. tJberwiegend pflegt die Stimmlage homosexueller Manner
der Tenor zu sein.
Der f ranzosische Gewahrsmann von Raffalovich *%) berichtet
iibrigens, daB nach seinen Wahrnehmungen auch „unter den San-
go rinnen viele f iir Frauen seien".
Ein selbst homosexueller Musiker schildert seine Auffas-
sungen und Erfahrungen iiber die Beziehungen zwischen Homo-
cexualitat und Musik in folgender bemerkenswerter Weise:
„Auch die Stellung des Homosexuellen in der biirgerlichen Ge-
sellschaft ist eine der des Kiins tiers verwandte und treibt ihn dem
Kiinstlerstande zu . . . Entspringt doch die Scheu und Abneigung
des „guten Biirgers" gegen die „fahrenden Leute" wie die Abneigung
vor dem Homosexuellen einer und derselben Quelle, der Angst vor
allem, was anders ist, was wild, unruhig, phantastisch, zwecklos
und zweckwidrig und unverniinftig erscheint.*'
Die seeliscne Konstitution des Homosexuellen macht es begreif-
lich, daB er fiir musikalische Wirkungen auBerst reizbar ist, daB
seine Phantasie und Sinne lebhaft darauf reagieren und er leicht unter
ihrem Banne steht. In der Tat wird man von den meisten Homo-
sexuellen horen konnen, daB sie die Musik lieben. In den meisten
Fallen nehmen sie aber die Musik nur als ein Stimmungselement, als
rein sinnlichen Eindruck, der ihnen etwa irgendwelche Bilder, Far-
ben, Ideen hervorzaubert. Es ist deshalb naturgemaB die romantische,
farbigere, sinnlichere Musik, die moderne Musik mit „literarischem"
Einschlag, die den Homosexuellen anzieht, wahrend ihm die klas-
sische und altere, mehr Geistesmitarbeit verlangende gleichgultiger
ist. Der Homosexuelle liebt die Stilvermengung, er liebt nicht rein
lyrischo oder dramatische Musik, Lieder oder Symphonien, sondern
die „Programmusik", bei der die Aufeinanderfolge der musikalischen
Gebilde durch deutlich festgelegte Bilder, Ideen, durch einen Text be-
stimmt wird, mehr noch: er liebt — die Oper. Und zwar nicht die
klassische, bei der doch schlieBlich die Musik der Hauptzweck ist,
und deren geschlossene Formen, Arien, Ensembles usw. er als den
Fortgang des Dramas storend und „unnatiirlich** empfindet, sondern
"a) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. VII. 2. TeiL p. 769/60.
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511
das modeme Musikdrama aeit Wagner, speziell Wagner selbst:
diesc Musikdramen, die — als rein dichterische Leistung bewertet
— ohne Musik den Anforderungen der poetischen Technik kaum ge-
nugen diirften, die ebensowenig reine Musik sind, diese Gefiihls-
dramaiik, die ihre Steigerung weniger durcK dramatisch-logischen Auf-
ban, als durch Aufeinandertiirmung von Ekstasen bewirkt, diese pessi-
mistisch-martyrerhaft-pathetische Stimmung, diese Musik, die den Text
illustrierend, untermalend, gleichsam nur ein Teil des „Gesamtkunst-
werkes", doch sein Haupterregungsmittel, streckenweise oft nur Er-
hohung des Buhnenvorganges ist, dann wieder durch ein wohlbekann-
tes „Leitmotiv*' ab una zu die Ohren der Horer erfreuend.
Das Erfassen des Kunstwerkes als Ganzes, der Blick fiir die Archi-
tektonik eines Stiickes, einer Sonate, einer Fuge, geht ibm durch-
schnittlich ab. Kiinstler s e e 1 e n sind die Homosexuellen, Astheten.
aber nicht Kiinstler aus Damonie. Es gibt Kunstler, die aus Lebens-
iiberfiille zu ihrem Berufe kommen, und solche, die es aus Fein-
heit, aus Uberkultur werden. Zu den letzteren gehoren die Homo-
sexuelk n. Im ^roBen und ganzen scheint der zu iiberwindende Wider-
stand des technischen Materials, das kolossale Uben dem homosexuellen
Charakter ferner zu liegen. Selten sind homosexuelle Dirigenten.
Hier handelt es sich um die Fahigkeit, Massen zu inspirieren und zu
beherrschen.
Hiermit bertihren wir schon die Frage musikalischen Pro-
duzierens selbst. Die Phantasie, die EinfsUle, die Ideen sind oft
da, abei' es fehlt der schopferische Antrieb, die Aktivitat, die
gestaltende, zeugende Kraft und Energie, die den mannlichen
Anteil am Zeugungsakt des Kunstwerkes haben. Tschai-
kowsky muB, nach seinen Werken zu urteilen, wohl eine Aus-
nahmeerselieinung sein. Franz von Holstein (1826/78), der
ein feiner Komponist gewesen sein eoU^ hat indes wohl nie
groJJeres Interesse mit seinen Werken erregt. Karl Storck
nennt ihn in seiner Musikgesehichte „eine liebenswlirdige, vor-
nehme Natur, vielseiti^ begabt", und meint, daU sein bfestes
Werk, die Oper „Der Heideschacht*' (1868) wohl der Buhne
erhalten bleiben soUte. Auch manche seiner Lieder ergriffen
durch ihre etwas wehmlitige Schonheit.
Viel h'aufiger sind, namentliei in neuerer Zeit, Komponisten
mit femininem Einschlag, ohne direkt homosexuell zu sein.
Hier ist z. B. der Romantiker Robert Schumann zu nennen,
der in sich zwei Naturen, den starken Florestan und den zarten
Eusebius fuhlte. Auch Richard Wagner gehort hierher,
desgl. Peter Cornelius, stark unter dem Bann von
R. Wagners Personlichkeit ^ehend. Er soil bisexuell gewesen
sein.
Zum Schlusse sei noch eine Kritik zitiert, die ein unbe-
fangener Kritiker iiber einen jungen homosexuellen Sanger
schrieb : „ . . . Wenn Herr beim Konzertsingen, und vor
allem bei einem gewissen f einen, kleinen Genre bleibt, also seine fur
kundige Ohren ihm von der Natur geradezu aufgedrfingte Spe-
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zialitat sucht und findet, kann er einst ein erster Kiinstler, eine
PersoBlichkeit werden In dem Augenblick aber, wo er
grofie Tdne produzieren will oder gar heldenbaritonale Gelliste
bekommt, ist es aus mit dem Klang dieser sonst ungemem klang-
voUen Stimme, deren Besitzer zudem iiber ein ganz merk-
wurdig feinbesaitetes und distinguiertes Etwas
in seinem Vortrag verftigt, so da6 die Erinnerung
daran in der Seele noch lange nachschwingt."
Was nun die Schauspieler anlangt, so bemerkte ich oben
bereits, dafi die Angaben iiber die grofie Haufigkeit ihrer Homo-
sexualitat oft tibertrieben werden, immerhin schatze ich eie
gut doppelt so hoch wie den Durchschnitt, also mindestens 50/o:.
Auch hier kommen wieder verschiedene Momente zusammen, die
einen bestimmten Typ unter den Homosexuellen zur Schauspiel-
kunst in hohem MaBe befahigen. Seine in der Doppelgeschlecht-
iichkeit begrlindete rezeptive Aktivit&t, sein Anpassungsver-
mogen, eine gewisse Neigung zur Pose, zur €berschwanglichkeit,
oft auch ein Bedtirfnis, sich zur Schau zu stellen^ sind Eigen-
sehaften, die den Homosexuellen haufig zum Schauspieler quali-
fizieren.
Als ich einst in einem D.*er Theater einer Auffiihrung von Oscar
Wildes „Eine Frau ohne Bedeutung" beiwohnte, stellte ich fest,
daB von den auf dem Theaterzettel verzeichneten Personen mir
sechs als homosexuell bekannt waren: neben dem Dichter und seinen
beiden Cbersetzern waren es drei Darsteller wichtiger Rollen. Nicht
nur quant itativ, sondern auch qualitativ nimmt der Urning eine hohe
Stufe in der Sohauspielkunst ein, wie es imter vielen anderen Iffland,
Kunst, Hendrichs, unter den Schauspielerinnen die Vesfphali imd
viele noch lebende bewiesen haben, an deren urnischer Veranlagung
kein Zweifel besteht. Auf die Frage, ob Neigung zur Schauspielkimst
vorhanden ist, antworteten 60 o/o der befragten Urninge und Uminden
ja. 80/0 mit stark.
tJber England schreibt H. Ellis^o): „Leidenschaftliche
Freundschaften unter Madchen, von den unschuldigsten bis zu
den ausgesprochensten Ausschreitungen in der Richtung auf
Lesbos, sind auJJerordentlich haufig inTheatern, sowohl unter
Schauspielerinnen als ,auch vomehmlich unter den Choristinnen
und den Balletteusen."
Den Biihnenkiinstlem stehen die Vari6t6kunstler nicht nach.
Neben den geschilderten Anlagen begiinstigt der in vielen Homo-
sexuellen wurzelnde Wandertrieb, ihre Abenteuersucht die Geneigt-
heit und Geeignetheit fiir den Artisten-Beruf. Es kommt noch hinzu,
daB gewisse Zweige artistischer Kunst, wie Verwandlunffskiinstler,
Sopransanger, weibliche Athleten, virile Soubretten an und fiir sich
schon Varianten der Sexualitat in gewissem Grade zur Voraussetzung
haben.
Selbst unter den Vari6t6kunstlern, bei denen man solches zu-
nachst nicht voraussetzen sollte, den Ringkampfem, Athleten, Tier-
»o) H. Ellis, Sexual Inversion, p. 130.
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bandigero, Kunstradfahrefn, Kunstreitern, Kunstschuitzen — und zwar
nicht etwa nur unter dea weiblichen Vertretem dieser Gattung —
Bind mir Homosexuelle bekaimt geworden. Im AnschluB hieran sei
audi bemerkt, daB auch unter den Champions des Sportes, wie den
Sportsleuten iiberhaupt, Homosexuelle nicht selten sind. Auch hier
spielt neben eigener Qualifikation sichtlich die Liebe zum Milieu eine
gewisse Rolle. Unter den beruhmten Jockeys und Herrenreitern be-
fanden und befinden sich auch heute noch eine ganze Anzahl Homo-
sexueller. Auch von einem homosexuellen „Flieger" sind mir meh-
rere seiner Sportskollegen, namentlich ein beriihmter deutscher und
franzosischer Flieger als homosexuell bezeichnet worden.
Ein Gewahrsmann von Raffalovich 21), ein franzosischer
Scliriftsteller, der, ohne selbst homosexuell zu sein, „in die Welt
der Sodomiter Einblick erlangt hatte", driickt seine Verwunderung
aus, daB er die Ilomosexualitat gerade unter den Herkules der Jahr-
mlirkte, den Kraftnaturen der Hallen, den Metzgern der Vororte, sehr
verbreitet gefunden habe, und diese Manner liebten nicht etwa den
verweichlicbten „petit-jesus", sondcrn den wirklichen Mann. Der fran-
zosische Autor folgert daraus, daU „diese Leidenschaft nicht einer
Nervenschwache oder einer Armut des Organismus zuzuschreiben sei."
Endlich besitzen urnische Manner in relativ hohem Grade die
korperlichen und seelischen Eigenschaften, die sie zur Tanzkunst
besonders befahigen. Ihr graziler Korperbau und ihre graziosen Be-
wegungen, vor allem aber ihre feminine Hiugebung, kommen ihnen
dabei zu statten. So sind homosexuelle Manner nicht nur auf der
Vari6tebuhne, sondern auch im gewohnlichen Leben oft geschickte
und so leidenschaftliche Tanzer, daB sie sogar ihre Abneigung gegen
den Geruch und die Beriihrung des weiblichen Geschlechts iiber-
winden, um ihrer Neigung huldigen zu konnen. Erst kiirzlich fiihrten
mir in einem Londoner urningsklub zwei amerikanische Berufstanzer
mit eminentem Konnen den Tango vor. Dagegen haben Urninden oft
wegen ihrer ungelenken Bewegungen und ihrer tieferen Lebensauf-
fassuug weniger Beanlagung und Neigung zum Tanzen als normale
Frauen.
Nicht so lioch wie unter den Kiinstlern ist der Prozentsatz
rein oder vorwiegend Homcsexueller unter den Technikern.
Von den Bautechnikeirn — den Arehitekten — war bereits die
Rede. Auch Maschinentechniker — Ingenieure — und Chemiker
sind in unserer homosexuellen Statistik in ziemlicher Anzahl ver-
treten. Mit Vorliebe lassen sie sich von groBen Weltfirmen,
besonders der Elektrizitatsbranche, nach auBereuropaischen Lan-
dern dirigieren, deren Sitten und Gesetze einem ihrer Natur ent-
sprechenden vorsichtigen „Ausleben** weniger als die der Heimat
entgegenstehen.
Ein homosexueller Diplomingenieur, der sich selbst sehr fiir die
Frage der Verbreitung der Homosexualitat interessiert, will den bei
der Enquete an der Technischen Hochschule zu C harlot tenbui-g ge-
fundenen Satz von 3 Homosexuellen auf 200 an vielen umfangreichen
Maschinenfabriken bestatigt gefunden haben; er nimmt einen ahn-
lichen Prozentsatz auch innerhalb der an der Spitze industrieller Unter-
nebmungen stehenden Personen an. In der Kriminalstatistik steht die
Gruppe Industrie und Bergbau, was die absolute Zahl der Verur-
teilungen aus §. 175 anbelangt, an erster Stelle: von 6495 Verurteilten
21) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. Vll. 2. Teil. p. TfJO.
Hirschfc d, f lomoscx.-.alitai. 33
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6li
(1902 — 1910) gehorten 2263 dieseh Berufen an. tm Verhaltnis zu deJ:
Zabl der Beiufstatigen dagegen steht diese Gruppe an ietzter Scelle:
von 100000 wurden jahrlicn nur 2,73 verurteilt, gegeniiber 4,13 in der
Land- und Fortwirtschaft.
Zahlreicher als unter den Technikern sind Homosexuelle
und zwB,T, wie mir scheint, nicht nur absolut, sondern relativ
in zwei anderen mit der Industrie eng verbundenen Standen ver-
treten. im Kauf manns- und Arbei terstand. Besnchen wir
die homosexuellen Lokale Berlins, so werden wir gut ^/4 der An-
wesenden diesem Stande angehorig finden. Bei den Kaufleuten
sind mehrere Branchen starker mit Urningen durchsetzt als
andere.
So sagt Merzbach 22), und meine Erfahrung stimmt damit
uberein, „<iaB wir eine groBe Anzahl Homosexueller in der Konfek-
tion und in der Fabrikation von Phantasieartikeln finden".
Andere geben an, daB sie viele Homosexuelle an der Borse und
im Bankfach kennen gelemt haben, wahrend ein erfahrener Gewahrs-
mami mir versichert, die meisten in der „Nahrungsmittelbranche"
gefunden zu haben. Auch homosexuelle Apotheker und Drogenhandler
sind vielfach zu mir gekommen. Ein Stand endlich, der nach meiner
Erfahrung sowohl in England und Frankreich auffallend stark von
Urningen durchsetzt ist, ist der der Kunst- undAntiquitaten-
handler. Zwei Urninge schrieben mir, daB ihnen die relativ groBte Zahl
unter den Kondukteuren begegnet sei. Haben solche Mitteilungen auch
nur bedingten Wert, da dort, wo auf Grund individueller Geschmacks-
richtungen am meisten gesucht, wohl auch am meisten gefunden werden
wird, so geben sie uns von der ubiquitaren Verbreitung der Homo-
sexualitat ein anschauliches Bild. Im Arbeiterstand ist die Zahl echter
Homosexueller unter den ungelernten und gelernten Arbeitern, den
Handwerkern, eleich groB. Von einer Reihe gut dariiber orientierter
zuverlassiger alterer Homosexueller, die ich nach ihren Erfahrungen
fragte, behaupteten vier, die meisten Homosexuellen unter den Schlach-
tern kennen gelemt zu haben, zwei unter den Backem, drei sahen
die meisten unter Schlossern, zwei unter gchneidern, drei unter Deko-
rateuren und Tapezierem. Auffallend wenig ist in meinem umfang-
reichen Homosexuellenmaterial das doch ziemlich verbreitete Gewerbe
der Schuhmacher vertreten, ob zufallig oder innerlich begrundet, ver-
mag ich nicht zu sagen. In der Kriminalstatistik rangieren derKauf-
mannsstand allerdings mit 14,2 o/o der aus § 176 Verurteilten an drit-
ter, die „Arbeiter und Tagelohner" mit 6,6 o/o an vierter Stelle. Zwir
schen ihnen und der ersten eteht an zweiter Stelle die Land- und Forst-
wirtschaft, aus der mit 34,6 o/o (1965 unter 6496 in 9 Jahren) fast eben-
so viel Verurteilte stammen, wie aus Industrie und Beigbau. Personlich
habe ich in den 18 Jahren sehr viele homosexuelle Gutsbesitzer und
Landleutc kennen gelemt. Die Ansicht, daB Homosexuelle sich fast
nur inStadten vorfinden, bedarf durchaus der Rich tigstellung. DieLand-
bewohner kachieren ihre Neigung nur in noch hoherem MaBe als die
Stadter, teils betatigen sie sich an ihren Wohnorten iiberhaupt nicht,
begeben sich vielmehr grundsatzlich zu diesem Zwecke in benachbarte
groBere Stadte, teils unterhalten sie von beiden Seiten sehr ver-
schwiegen behandelte Beziehungen, etwa mit einem ihrer Diener,
Kutscher, Knechte oder Volontare.
=^2) Merzbach, Homosexualitat und Beruf. Jahrb. f. sex. Zw.
Bd. IV. 1902. p. 187 ff.
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Den stftrkBten Satz Homosexueller unter den mit der freien
Natur in engerem Konnex stehenden Gewerben zeigen die Gart-
ner. In Berlin kann nach Angaben von BerufskoUegen die Pro-
zentzahl urnischer G&rtner a\if 5o/o beziffert werden, die unter
den Inhabern besserer Blumengesch&fte noch wesentlich h5her
steigt .
Verh<nismaflig gering ist in der Kriminalstatistik der An-
teil der B e a m t e n. Es ware verkehrt, daraus die groBe Seiten-
heit liberhaupt ihres Vorkommens zu folgern. S(jhon eine Sta-
tistik der Disziplinaruntersuchungen wegen homosexueller Vor-
kommnisse wtirde una eines anderen belehren. In Wirklichkeit
gibt es unter den hoheren, mittleren und unteren Beamteil nicht
wenige Homosexuelle, und zwar ebenso bei den staatlichen, als
bei den st&dtischen Behdrden^ von den Privatbeamten ganz ab-
gesehen.
Nur einige Beamtenkategorien seien herausgegriffen. Ahnlich
wie die Riohter schienen mir die ersten urnischen Polizeibeamten,
die ich kennen lernte, wie ein Widerspruch in sich selbst. Mehr als
einmai gingen mich homosexuelle Schutzleute, die in Erpresserhande
eeraten waren, um Rat an, auch Polizeioffiziere und hohere Polizei-
oeamte. Merkwiirdij^ ist, daB an manchen Platzen — aui3er von den
groBeren S tad ten Siidamerikas hat man mir dies aus London beson-
ders berichtet — manche der Polizisten sich aus dem homosexuellen
Verkehre einen Nebenverdienst - vers chaff en. Ich kenne eine Insel
im Mittelmeer, in deren kleiner Hauptstadt die stattlichen Polizisten
sich ziemlich offenkundig den Fremden anbieten. Ein in Buenos Aires
tatiger, wegen Homosexualitat aus der preuBischen Armee verabschie-
deter Offizier erzahlte mir, daB er dort unten spat nachts einen Wach-
mann nach einem Bordell gefragt habe, von dem er gehort habe, daB
es nicht nur weibliche, sondern auch mannliche Insassen beher-
berge. Der Polizist hatte geantwortet, daB es schon geschlossen sei,
doch sei er selber gem bereit, dem Herrn als Ersatz zu dienen. Tat-
sachlich machte der Deutsche auch von dem Anerbieten Gebrauch.
Die Geschichte des Polizisten, der in einem Parke ein homo-
sexuelles Liebespaar uberrascht, sich von dem eeangstigten Alteren
ein Goldstiick in die Hand driicken laBt und erklart, er wiirde den
Jiingeren zum Schutze bei sich behalten, sich in Wirklichkeit aber
bald mit ihm selbst betatigt, spielt allerdings nicht in Siidamerika,
sondern in Nordeuropa.
Noch eigentiimlicher als die Tatsache homosexueller und pseudo-
homosexueller Polizisten — denn sicherlich sind von denen, die sich
bezahlen lassen, nlir ein TeU „echt" — ist es vielleicht, daB manche
Homosexuelle gerade auf Schutzleute sehr scharf sind, ich kannte
einige, die ausschlieBlich mit solchen verkehrten. Es diirfte da wohl
etwas Masochismus mit im Spiele sein.
Recht haufig suchten mich homosexuelle Postbeamte auf. Erst
heute, wo ich dies niederschreibe, war ein Elternpaar bei mir, deren
einziger Sohn sich vor einigen Tagen vor einen Eisenbahnzug ge-
worfen hatte. Es war ein 25 jahriger Postassistent. In seinem Ab-
schiedsbriefe hatte er die Eltern an mich verwiesen. Unter den Be-
amtinnen, deren Gesamtzahl ja numerisch hinter der ihrer mann-
lichen Kollegen erheblich zuriickbleibt, betragt der Prozentsatz homo-
sexuell Veranlagter nach den Mitteilungen, die mir namentlich im
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Post- and Eisenbahndienst beschaftigte Uminden maobten — sicher
auch nicht weniger als 2^,o.
Von vornherein ist anzunehmen, daB die Homosexuellen,
wenn sic in alien Kreisen und Standen vertreten sind, auch ira
Soldatenstande nicht fehlen, namentlich in einem Lande mit
allgemeiner Wehrpf licht. Wollen wir im einzelnen das Vor-
kommen homosexueller Veranlagung in Heer nnd Marine ermit-
teln, 80 raiissen wir neben der Eint^ilung in diese beiden ^rofien
mililarischen Komplexe zwischen den unabhangig von ihrem
Willen eingestellten „Militartauglichen*' und der Berufssoldaten
unterscheiden, wobei letztere wieder in Offiziere und die so-
genannten Chargierten des Unteroffizierstandes zu trennen sind.
Wahrend bei der Militartauglichkeit lediglich die Frage der
kiorperlichen Eignung ausschlaggebend ist, sprechen bei den
beiden anderen Kategorien auBere Verhaltnisse und personliche
Xeigung in hoherem MaBe mit. Der Prozentsatz der militiir-
iauglichen Homosexuellen ist nicht wesentlich anders als das
Verhaltnis der homosexuell zu den heterosexuell Veranlagten
liberhaupt. Der Ausfall, den etwa eine ubergroBe Effemination
im Korperbau der Homosexuellen bedingt, kann nicht sehr er-
heblich sein, da diese Erscheinung fast nie den Grad erreicht,
der Dienstuntauglichkeit bedingt, und andrerseits der Gesund-
heitszustand der Homosexuellen sich nicht wesentlich von dem
der anderen unterscheidet, nach Meinung mancher sogar im
all^emeinen ein recht guter ist.
Die mir zur Verfiigung stehenden Stichproben bestatigen diese
Annahme, indem sich liier der Prozentsatz unter den Mannschaf-
ten als iibereinstimmend mit dem ungefahren Durchschnitt von 2oo
ergab. Zwischen Armee und Marine diirfte, soweit es sich um die
urnische Veranlagung handelt, kaum ein Unterschied bestehen; die
liomosexuelle Betatigung durfte unter den Mannschaften der Marine,
insbesondere wenn cs ^ich um langere Seereisen handelt, als E r -
satzhandlung groBer sein. Wahrend der besonderen Triebrich-
tung wegen viele Homosexuelle ihrer Dienstzeit mit erwartungsvoller,
freudiger Spannung entgegensehen, bei manchen allerdings auch Furcht
und Zweifel iiberwiegen, ob sie mit ihren femininen Einschlagen den
an sie herantretenden Anforderungen auch gewachsen sein wcrden,
wird nicht selten in angstlichen Urningen ein Zwie^palt wachgerufen,
ob sie bei ihrer Veranlagung den Versuchungen, denen sie wahrend
der Dienstzeit ira engen Zusammensein mit Menschen, die ihrem sexu-
ellen Geschmacke entsprechen, ausgcsetzt sind, widerstehen konnen.
Bei einigen ging diese Sorge so weit, daO sie sich an mich mit dem
Ersuchen wand ten, ihre diesbeziiglichen Bedenken in einem Gutachten
der Militarbehorde klarzulegen. Viele Urninge zeigen sich ihrer Indi-
vidualitat entsprechend im Frontdienst wenig brauchbar. Sie sind
aber meist gutwillig und anstellig, und so finden wir sie nicht selten
alsbald in Stellungen, zu denen sie sich ihren Fahigkeiten nach
besser eignen: als Lazarettgehilfen, Musiker, Bureauschreiber, als
Ordonanzen, in der Kiiche oder im Kasino, besonders auch als Burscheu.
Bisweilen haber homosexuelle Offiziere ihrer eigenen Angabe nach
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eineii guten Blick dafur, gleichveranlagte Soldatea ausfindig zu machen.
So erzahlte mir ein alterer Offizier, der fast ausnahmslos sexuell mit
seinen Burschen verkehrt hatte, daC er bei ihrer Wahl so vorsichtig
und sachkundig vorgegaugen sei, daU er nicht nur stets auf Nach-
giebigkeit gegeniiber seinen Wiinschen, sondern oft aucb anf Er-
widening seiner Gefiihle und immer auf Verschwiegenheit gestoCen
sei. Relativ weniger Homosexuelle als unter den Mannschaften gibt es
im Unteroffizierstand. Die den urnischen Neigungen weniger ent-
sprechenden Erfordernisse des praktischen Militardienstes sind hier
nicht geniigend durch Aquivaleiite, wie sie den Offizier leiten, kom-
pensiert, um ihnen diese Laufbahn als verlockend erscheinen zu lassen.
tJnt-er den Deckoffizieren der Marine ist der Prozentsatz ein etwas
hoherer, weil der Dienst in der Marine gewisse fur Homosexuelle an-
ziehende Momente mit sich bringt.
Unter den Offizieren der Armee ist nach den mir zur Ver-
fiigung stehenden zahlreiehen Mitteilungen der Prozentsatz der Homo-
sexuellen recht hoch, zum mindesten dem Durchschnitt entsprechend,
so daC die Schatzung, daB auf jedes Regiment durchschnittlioh! 2 homo-
sexuelle Offiziere kommen, wohl zutreffend ist. Einer der ibesten
Kenner der Homosexualitat beim Militar, K. F r z. v. L e e x o w sagt in
seiner sehr lesenswerten Schrift „ Armee und Homosexualitat" in bezug
auf da43 deutsche Heer: „Ich kann hier keine VogelstrauBpolitik treiben,
ich gebe ruhig zu, wie die Verhaltnisse in Wirklichkeit liegen: Unsere
Armee ist von den hochsten Stellen bis zum jiingsten Rekruten mit
homogenen Elementen durchsetzt. Bei der auBerordentlichen Vorsicht,
mit welcher der Kontrarsexuelle seinen Lebenslauf einzurichten hat,
ist es fiir den Laien natiirlich ganz auBerordentlich erschwert, einen
Einblick zu gewinnen. . . . Kannte ich doch in einem Infanterieregi-
ment nicht weniger als sieben, bei einem Kavallerieregiment drei homo-
gene Offiziere, und bei anderen Truppenteilen lagen die Verhaltnisse
nicht viel anders. Dabei machte ich haufig die Erfahrung, daB die
Kameraden wohl orientiert waren, daB sie — teils achselzuckend —
teils lachend dariiber hinwegsahen und nur angstlich darauf hielten,
einen Skandal auf alle Falle zu vermeiden." DaB es auch in fremden
Armeen ungefahr das gleiche ist, belegt Leexow durch viele Beispiele.
Das Bild, das v. Unruh in seinem Drama „Offiziere" entwirft, diirfte
hinsichtlich des numerischen Verhaltnisses homosexueller und hetero-
sexueller Offiziere typisch sein. Es liegen im Berufe des Offiziers eine
ganze Reihe von Momenten, die den IJrning anziehen: die glanzende
Uniform, die gesellschaftliche Position, in hoherem Grade aber wohl
die Aussicht, einen sexuell sympathischen Menschen zum Kameraden
und Untergebenen zu bekommen, oft auch die Moglichkeit, sie er-
zieherisch beeinflussen zu konnen. Auch der herzliche Ton, der in dem
Offizierskorps herrscht, der enge freundschaftliche Verkehr, hat sicher
viel Sympathisches fiir den Homosexuellen. v. Leexow, der selbst
ein ausgezeichneter Kavallerieoffizier war, sagt einmal: Der Homo-
sexuelle ist ein besonders guter Soldat, er ist der gebbrene Berufs-
soldat. Er ist tapfer und hinge bend, voll intelligenter Disziplin. Das
widerspricht durchaus nicht dem femininen Einschlag, den viele haben.
Eine Truppe, in der sich viele Homosexuelle befinden, hat ein groBeres
kameradschaftliches Gemeinsamkeitsgefiihl I Und an anderer Stelle :
,,Die Homosexualitat gibt dem Soldaten ein anschmiegendes, offenes
Wesen, Liebe und Fiirsorge fiir Unter^ebene, und nicht zuletzt eine
hohe Begabung mit auf den Weg. Wahrend der Normalsexuale von
Anfang an eine gerade Linie vor sich sieht, wird der Homosexuelle
allein schon durch seinen Zustand zum Griibeln angeregt und vieles
Denken vertieft den Geist. Der homosexuelle Offizier ist oft Kiinstler.
Es ist eiu Etwas, das ihn treibt, das ode Einerlei des Dienstes zu ver-
sohonern, es herauszuheben, es menschlich nahe zu bringen, und ich
bin gewiB, daB durch solche Arbeit mehr erreicht wird, als diu:ch
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Drill und durch stumpfes Einpauken der geforderteH Obungeu. AVahrend
der Normale seinen Dienst um des Dienstes willen tut, verrichtet ihn
der Homoerote aus Liebe. Riihrend ist es liaufig zu sehen, init welcher
Sorgfalt der Vorgesetzte den Untergebenen umgibt, wie er die Zagen
aufmuntert, die Ungeschickten belehrt, den Leichtsinnigen zuriick-
halt, den Schwachlicnen unterstiitzt. Aus Gram wurde vor absehbarer
Zeit ein Offizier wahnsinnig, well sein Bursche beim Pferdebaden er-
trank. Aber solche Liebe — ich bitte das Wort nicht sinnlich auf-
zufassen — schafft auch Zuneigung von seiten der Mannschaft, ein
seelisches Band umschlieBt die Herzen und halt fester zusammen als
bloBe Kameradschaft und Fahneneid. Als Verfasser einst einen homo-
genen Unteroffizier befragte, ob denn nicht leicht von der Mannschaft
geschleohtliche Dinge ausgeplaudert wiirden, die von kontraren Offi-
zieren vielleicht einmal im Rausche begangen seien, erwiderte er die
inhaltsschweren. Worte : „Wir werden doch nicht die besten Offiziere
verraten " v. L. ,schlieBt seine Darlegungen mit den Worten : „Wenn wir
unser Vaterlancf zum Hochsten fiihren woUen, miissen wir fast nach
auBen hin stehen und nicht im eigenen Fleische wiiten. Unsere Staaten
sind geeinigt, seit dem groBen Kriege, mochte man endlioh daran
denken, auch den Frieden mit den Hunderttausenden von Homoeroten
herbeizufiihren, die in unserem Lande leben." Entsprechend dem Pro-
zentsatze der homosexuellen Offiziere ist auch die Zahl derer, die
mittelbar oder unmittelbar durch ihre Veranlagung zum Ausscheiden
aus dem Berufe gezwungen werden, eine recht betrachtliche. Wenn
natiirlich auch nur ein Bruchteil das Ungliick hat, daB seine Veran-
lagung bekannt wird, so ist fiir den Offizier die Chance dazu doch be-
sonders groB, well er einmal besonders starken Versuchungen ausge-
eetzt ist und die Gefahr sich zu kompromittieren durch die obligaten
Liebesmahle mit ihrem unvermeidlichen AlkoholgenuB noch erheblich
steigt. Hauft sich die Zahl homosexueller Affaren in einer Garnison,
so kommt diese meist in den unberechtigten Ruf, starker von Homo-
sexuellen durchsetzt zu sein als andere Platze. Sogar in Scherz-
namen findet diese Nachrede manchmal ihren Ausdruck, so wurde
die ostpreuBische Garnison Rastenburg eine Zeitlang nach einigen
solcher Vorfalle Pad- rastenburg genannt.
V. Leexow 'berichtet, daB ein selir bedeutender englischer
General zu einem seiner Bekannten sagte: „Wenn wir koine
Offiziere melir fair den Sudan haben, dann stelle ich die verab-
schiedeten Homosexuellen wieder ein.** Unter auslandischen Regi-
mentern steht eeit jeher die franzosische Tremdenlegion besonders
in dem Rufe, eine Pflanz- und Pflegestatte homosexueller Be-
ziehungen zu sein. Die jugendlichen Mignons, die sich den
alteren Soldaten hingeben, werden „girons** genannt. Von den
alteren dtirften nur etwa 5 — lO^/o wirkliche Homosexuelle sein ;
der Rest bedient sich der femininen Girons „faute de mieux"
aus Weibermangel. Rebierre^^) nimmt nach seinen Ermitte-
lungen an, dafi in den freien Kompagnien dauernd 20o/o, in
den Straf kompagnien bis SO^/o der Soldaten homosexuellen Ver-
kehr pflegen.
*') Rebierre, Paul, Joyeux et demi-fous. Paris. 1909. (Nach
einem Ref erat von Dr. Epaulard in den Archives d'anthropologie
criminelle, August-Septembre 1909.)
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Wir besitzen eine ganze Reihe von Schriften frtiherer Le-
gioMre in deutscher und franzSsischer Sprache, die sich mit
diesem Gegenstand beschftftigen. Es sei nur der Roman „Ver-
lorene Sohne" von Wilhelm Cremer genannt, der mir auch
persSnlich vieles uber das gleichgeschlechtliche Leben in Sidi Bel
Abb^s und Saida, den Hauptquartieren der beiden Fremdenregi-
menter, erzahlte. Ich gebe einen mir von Cremer freund-
lichst libersandten Bericht wortlich wieder:
„Fur den Sexualforscher gibt es wohl keine interessantere
Menschenklasse als die Legionare. Man denke sich acht- bis zehn-
tausend junge Manner, meist in den zwanziger Jahren, zusammen-
gesetzt aus alien europaischen Nationen mit starkem tJberwiegen des
dentschen Sprachstammes (allein ca. 60 o/o), Menschen, die man gering-
sohatzig verlorene Sohne, verpfuschte oder zweifelhafte Existenzen
nennt, Handwerksburschen, Deserteure, Verbreoher, bankerotte Mutter-
sohnchen, verkommene Genies, und alle diese Menschen losgerissen
aus der sozialen Gremeinschaft mit den iibrigen auf fiinf Jahre zu
einem eintonigen Soldatenleben gezwungen, ohne Mogliohkeit sich indi-
viduell iivenawie zu betatigen und vor allem fast ohne Moelichkeit
eines Verkehrs mit dem anderen Geschlecht. Der Legionar hat kein
Liebchen. Das ist leicht erklarlich, denn von seiner taglichen Lohnung
von einem Sou, vier Pfennigen, bleibt ihm nichts iibrig, und wie ein
Volkssprichwort sagt: „Ohne Greld keine Liebe". In den Familien der
spanischen und franzosischen Eolonisten der afrikanischen Gamison-
stadte ist er gesellschaftlich verrufen und geaohtet, und kein Madohen
wiirde es wagen, sich mit einem Legionar zu zeigen. Ein Verkehr mit
Prostituierten kommt nur in Ausn^mefallen vor, wenn ein Legionar
Geld aus der Heimat bekommen hat — aber auch dann ist es das
gewohnlichere, daB das Geld mit guten Freunden vertrunken wird.
Einen Ersatz fiir die fehlende Frauenliebe sucht nun der Legionar
in der Pfl^e engerer Kameradschaft und friiher oder spater im homo-
sexuellen verkehr. tJber die sexuellen Zustande in der Legion ist un-
endlich viei ^efabelt worden. Die moralische Entriistung von Leuten,
die ihren Bencht iiber das „H611enleben" in der franzosischen Fremden-
legion nicht sensationell genug gestalten konnen, feiert hier wahre
Orgien. Noch vor kurzem wurde in einer Zeitungsnotiz berichtet, wie
pnge Legionare von Unteroffizieren gewaltsam miJibraucht wurden, was
ieder Kenner der Verhaltnisse von vorn herein fiir unmoglich er-
klaren muB.
In Wirklichkeit liegen die Dinge anders, als man es sich ge-
wohnlich denkt. Wenn man als Soldat zur Legion kommt, bemerkt
man zunachst iiberhaupt nichts von iigendeinem homosexuellen Ver-
kehr Oder deigleichen. Auch der Gesprachston ist durchaus nicht
so „gemein", wie man es gewohnlich behauptet. An jedem normalen
Philisterbiertisch durfte mehr „gezotet" werden. Aber nach einiger
Zeit hort man den Ausdruck „Giron" und er^Lhrt, daB man damit
lunge Legionare meint, die sich von den alten Soldaten sexuell ge-
)rauchen lassen. Meist redet man sehr verachtlich von den Girons,
die eine Art mannlicher Prostituierter sind, wobei man nicht ver-
gessen darf, daB bei den Geldverhaltnissen in der Legion nur selten
von einem eigentlichen Bezahlen fiir solche Hingabe die Rede sein
kann. Man lernt auch Liebespaare kennen, unzertrennliche Freunde,
die offenbar ein sexuelles Verh^ltnis haben. Man kann dabei auch
meist den weiblichen und mannlichen Teil unterscheiden. Sie zanken
sich und versohnen sich wieder wie in einer richtigen Ehe. Jeder
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Jceunt den homosexuellen Charakter des Vorhalmisses und findet
nichts dabei.
SchlieBlich erfahrt mau denn auch, daB fast alle iilteren Legio-
nare, wenigstens zeitweise (ii^ den Kolonien, auf Militarposten), homo-
sexuell verkehrt haben. Man erzahlt von dem und dem Offizier, daB
er „scharf** auf solche Sachen sei ; man beobachtet, wie besonders
junge und hiibsche Legionare von alteren Kameraden zum Wein und
zu Spaziergangen eingeladen werden. Man lernt echt homosexuelle
Menschen kennen, die vielleicht gerade wegen ihrer Veranlagung zur
Legion gegangen sind. Hier konnen sie sich wenigstens offcn aus-
sprecben. Und immer wieder eriebt man Eifersuchtsdramen, merk-
wiirdige Geschichten, die in ihrer Art oft riihrend sind, so, wenn
ein Legionar ein halbes Jahr Zwangsarbeit bekommt, und sein Freund
ein paar Uniforms tiicke verkauft, um so vielleicht ebenfalls bestraft
zu dem anderen zu kommen. Man sieht alles, was man sonst in
der Liebe sieht: Gliick und Ungliick, Aufopferung und Treue, aber auch
Roheit und Gemeinheit. Alles in allem: kein Legionar wird
zum homosexuellen Verkehr gezwungen. Aber die meisten machen
friiher oder spater die Sitte mit, besonders in den Kolonien, wo die
Legionare manchmal Monate auf ^insamen Posten zubringen. 'Sehr
groB schien mir die Anzahl der gleichgeschlechtlich veranlagten Offi-
ziere. Hier geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daB sie
sich gerade wegen ihrer Veranlagung zur Legion gemeldet haben."
t)brigeDS ist die Mannerliebe in der Fremdenlegion eine
traditionelle Institution von der Zeit an, als sie ^egen A b d -
€l-Kader zog und in jahrzehntelangen Kampfen das fran-
zosische Nordafrika eroberte, bis 1835, wo viertausend Legionare
sich gegen einen iibermachtigen Feind in Spanien verbluteten;
vom Krimkriege, in dem sie bei der Belagerung von Sebastopel
die gefahrlichsten Arbeiten verrichteten, von der Schlacht bei
Magenta, in der sie die Osterreicher liber den Haufen rannten,
bis zum mexikanischen Feldzuge, in dem sie unter B a z a i n e
2000 Mann verloren, und in dem deutsch-franzosischen Kriege.
Schon Ulrichs^*) bringt den Bericht eines Deutschen aus dem
Jahre 1862, der selbst Geliebter eines Unteroffiziers in der afri-
kanischen Fremdenlegion war.
Ganz ahnlich wie in Algier scheinen die Verhaltnisse in
Madagascar und Tongking zu liegen. Und auch iiber die fran-
zosischen Straflingsanstalten in Neu - Kaledonien^^) liegen ent-
sprechende Schilderungen vor, nach denen die „tap6ttes", ahn-
lich wie. die „girons**, von ihren Liebhabern aufs eiferslichtigste
bewacht und verba tschelt werden.
Bei der Marine kommen neben den geschilderten Anreizen,
die der Offiziersberuf an sich ftir den Homosexuellen in sich
birgt, noch andere Momente von erheblicher Bedeutung hinzu.
Die Gelegenheit, die er dem Homosexuellen bietet, seiner mehr-
-*) U 1 r i c h s , !Memnon, p. 56.
-5) Vergl. Dr. Robert Heindl, Meine Reise nach den Straf-
kolonien. Mit vielen Originalaufnahmen. Berlin und Wien.
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facli erwahnten Unruhe Rechnung tragen zu diirfen, und vor
allem das ausschlieBlich eingeschlechtliche Milieu, das nament-
lich fiir die Kontraren von hohem Werte ist, bei denen die nega-
tive Seite der Homosexualitat, die Abneigung gegen das Weib,
besonders stark ausgepragt ist.
Aus diesem Grunde geben beispielsweise viele Homosexuelle
Wilh elm shaven vor Kiel den Vorzug, weil dort die Frau noch in viel
hoherem MaBe zuriicktritt. Anziehungspunkte bilden fiir manche auch
die kleidsame Tracht der Matrosen und der Aufenthalt in fernen
Landern. der die leichtere Moglichkeit homosexueller Abenteuer in
Aussicht stellt. Es steht damit in Einklang, dafi die Verbreitung der
Homosexualitat unter den Offizieren der Marine etwa doppelt so groD
ist, wie in der Armee ; nach Ansicht kompetenter Gewahrsmanner gibt
es kaum ein Kriegsschiff, das nicht einen oder zwei homosexuelle
Offiziere an Bord hat. Immerhin ist weder die homosexuelle Neigung
noch die homosexuelle Betatigung unter den Seeleuten imi so viel
haufiger als anderswo, dafi die Bezeichnung „le vice marin" 26) —
Matrosenlaster — vor dem Forum der Statistik standhalten koimte.
Der Ausdruck ist um so unberechtigter, wenn man die ungliicklichen
sexuellen Verhaltnisse der Seeleute in Betracht zieht.
t)berblicken wir das tiber die Verbreitung der Homosexuali-
tat in den verschiedenen Berufen Ermittelte, so miissen wir
es als vollig zutreffend bezeichnen, was einmal Merzbach aus-
sprach, daJJ wohin auch immer unsere Blicke sich rich ten,
„ob zu den Thronen der Ftirsten oder in die Hiitten der Armut,
ob in die Klausen der Wissenschaft oder in die Gefilde der
Ktinste, ob in die Hallen der Gewerbe oder in die Statten der
Arbeit, liberall Homosexuelle zu finden sind. In alien Teilen
des Gesellschaftskorpers sehen wir sie ihren Platz ausflillen,
oft sogar recht Gutes leisten, so daB die Entfernung eines Homo-
sexuellen aus seiner Laufbahn oft genug nicht nur einen Ver-
lust fiir ihn bedeutet, sondern auch ftir den Stand, dem er
angeh5rte.
Diese Verluste sind oft nicht gering. In der Zeitschrift fiir
Sexualwissenschaft *') hat einmal in einer Notiz unter dem Titel „auch
eine Verlustliste" ein Jurist berechnet, daB wahrend 36 .Tahre nach
Beendigung unseres letzten groCen Krieges die Armee wenigstens 129C
Offiziere wegen homosexueller Vergehen verloren hat. Es heiCt da:
„Im Kriege gegen Frankreich sind jedoch nur 11 Go Offiziere gef alien.
Der Paragraph wiirde danach an Offizieren mehr gekostet haben, als
der ganze groi3e Krieg."
Besonders Gutes leistet der Homosexuelle, wie wohl jeder,
wenn er in einem Berufe wirkt, der sich mit seiner Neigung
deckt, trotzdem gerade das Anpassungsvermogen des Urnings an
eine ihm anfangs nicht gelegene Tatigkeit, seine Anstelligkeit oft
erstaunlich ist. So schrieb mir einmal ein Homosexueller: „Es ist mit
dem Berufe wie mit einer Landschaft. Hat man in der Wiiste langere
Zeit gelebt und alle ihre Reize kennen gelernt, zieht man sie der
26) Cf. Jean Bosc: Le vice marin, Confessions d*uu matolot.
Paris.
27) Zeitschrift f. Sexualwissenschaft, Bd. L, pag. 61, Anm.
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herrlichsten Vegetation vor." Es war dies die Aotwort auf die Frage
welche lautete: Zu welchem Berufe fiihlen Sie sich hingezogen? Es
ist nicht ohne Interesse, auch hier nooh kurz einige statistiscne Daten
zu vernehmen. Voa 500 Urningen, welche diese Frage beantworteten,
fuhlte sich der groBte Teil zu JBerufen hingezogen, in denen sie nicht
tatig waren, una zwar 123 oder 25o/o zu kunstlerischen Berufen, dar-
unter 43 insbesondere zum Schauspielerberuf ; 24 speziell zu musika-
lischer Wirksamkeit. Etwas weniger, namlich 107 oder 21,5 o/o Ziehen
felehrte Berufe vor, 28 waren am liebsten Lehrer geworden, 16 Arzte,
4 Priester, dagegen (und das ist bemerkenswert) nur 6 Juristen.
24 geben Schriftstellerei als Lieblingsberuf an, 5 mochten Forschungs-
reisende und 3 Astronomen sein. Etwas mehr noch, namlich 2 o/o (31)
erklaren sich fiir praktische Berufe, und zwar 43 fiir den Kauf-
manns-, 27 fiir den Soldatenstand und 25 fiir die Landwirtschaft. Acht
wunschten Diplomaten^ 7 Ingenieure, 4 Kunsthandler zu sein. DaB nur
11 o/o (56) handwerksmaBigen Berufen zuneigen, durfte daher riihren,
daB die Frage iiberwiegend Personen mit hoherer Schulbildung vor-
gelegt wurde. Unter der bevorzugten Gruppe dieser Berufe stehen
obenan die Gartner mit 11, dann folgen die Diener mit 6 und die
Krankenpfleger mit 5 Points. Die iibrigen verteilen sich auf alle mog-
lichen Berufe. 16,5 o/o haben keinen bestimmten Lieblingsberuf.
H. E 1 1 i s 28) bemerkt zu den von ihm aufgefuhrten Beispielen von
Homosexualitat : „Sie enthiillen die interessante Tatsache, daB sich
bei 32 von ihnen, das heiBt, bei 68 o/o, kilns tlerische Begabung in
wechselndem Grade vorfinden. Galton fand bei der Untersuchung
von etwa 1000 Personen, daB in England allgemein im Durchschnitt
etwa 30 o/o kunstlerischen Geschmack zeigen."
Wi6 unter den Angehorigen aller sozialen Schichten und
Stande in Stadt und Land, so finden sich Homosexuelle auch
unter den Vertretern aller politischen, religiosen und
sonstigen Anschauungen. Es ist daher vollig unberechtigt,
wenn Gegner sich Homosexuelle imlner wieder einander „an
die RockscholJe hangen". Das war schon im Altertum, als
Sokrates den Schierlingsbecher trinken muBte, ein beliebt^sMittel,
sich unbequemer Personen, denen man sonst schwer beikommen
konnte, zu entledigen, und ist es bis auf unsere Tage geblieben.
Kommi ein Homosexueller von der Rechten zu Falle, so irium-
phiert die Linke, fallt einer von der Linken, die Rechte. Dabei
hatte die Sozialdemokratie ebenso ihren I. B. v. Schweitzer ^9),
dessen Mannheimer Skandal mit einem Maurer Lassalle An-
laU gab, sich sehr tolerant liber die gleichgeschlechtliche Nei-
gung zu aulJern, wie das Zentrum seine „schwarze Ida**. Unter
djiesem Spitznamen ftihrte in den Berliner Urningskreisen der
siebziger und achtziger Jahre ein Parteiganger Windthorsts
ein Doppelleben, das, wie ein witziger Kopf jener Zeiten meinte,
ihm ebenso viele Freunde in den Kreisen der romischen Kirche
wie der griechischen Liebe verschaffte. Auch innerhalb der
konservativen und liberalen Parteien hat es nicht nur unter
28) Studies in the Psychology of Sex, Vol. II, p. 173.
29) Cf. H. F r i e d 1 a n d e r. Viertelj.-Ber. d. W.-h. K., 1910,
H. 4, p. 426 f.
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den Wahlern, sondern auch unter den Gewahlten Urninge ge-
geben. Ich weiJJ von einem, der sich mir vor seinem Tode an-
vertraute — und er soil nicht allein stehen — der bei der Be-
ratung des jetzt gtlltigen Eeichsstrafgesetzbuches ftir die Bei-
bfehaltung des Paragraphen 176 stimmte, aus Furcht, fur homo-
sEexuell gehalten zu werden.
In einer verhaltnismaBig kleinen Partei schien es mir, als ob
sioh in ihren Reihen im Verhaltnis mehr Homosexuelle und Feminine
befinden, als in anderen, in der anarchistischen. Ob aus ideologischer
Schwarmerei, oder weil sie das Gefuhl, ungerecht entrechtet zu sein,
verallgemeinern, ob aus sexueller Vorliebe fiir die untersten Schichten
Oder ob sie aus passivistischem Masochismus die brutale Gewalt der
anderen lieben, ist schwer zu sagen, diirfte sich wohl auch nur ent-
scLeiden lassen, wenn jemand sich der Miihe unterzoge, oine groBere
Reihe von Anarchisten einer exakten Psychoanalyse zu unter werf en.
VoUig unabhfingig ist das Vorkommen homosexueller Nei-
gUDgen von der Religionszugehorigkeit. Selbst dies bedarf der
Betonung, da gelegentlich Katholiken 30) die Meinung vertreten,
die Homosexualitfit sei in protestantisehen Landern liaufiger,
Evangelische dasselbe von der katholischen, beide von der jU-
'dischen Konfession, alle drei es von den Tlirken und Heiden
bebaupteten. Es ist sehr bezeichnend, dafi jesuitisohe Schrift-
steller das Reformationswerk von Theoior Beza und Jo-
hannes Calvin dadurcih zu erscblittern suchten, dalJ sie ihnen
„des mcBurs infames contre nature** nachsagten und zwar, wie
Karschlund Scbouten^^) in den Jahrbiichern f. sex. Zw.
nachgewiesen baben, ohne den Scbatten eines wirklichen Be-
weises. Wie steht es nun in Wirklicbkeit mit dem Anteil der
verscMedenen Religionen am Uranismus? Nach der letzten
VolkszShlung zahlte das Deutsche Reich am 1. Dezember 1910
64926993 Einwohner. Davon gehSrten die meisten, namlich
39991421 = 61<yo dem evangelischen Bekenntnis an, rSmisch^
katholisch waren 23821 453 = 36o/o, Israeliten 616021 = 0,9o/o.
Der Rest verteilte sich auf christliche Sekten und andere Be-
kenntnisse. Vergleichen wir mit diesen Zahlen die Religions-
bekenntnisse der in den Jah^en 1902 — 1910 aus § 175 Verur-
teilten, so sehen wir, dafl von insgesamt 5690 Personen eben-
falls die meisten, namlich 58,3o/o evangelisch sind; 2332 = 41o/o
waren katholisch, 34 = 0,6 o/o israelitisch. Demnach ist der
^0) Selbst Laupts teilt diese Ansicht; vgl. seine Note zu einer
Besprechung des Aufsatzes von Dr. N a c k e : „Sur la pr^tendue d6g6-
n^rescence des peuples remans et particuli^rement de la France"
in den Archives d anthropologie criminelle de m^decine legale «t
de psychologic normale et pathologique. 16. April 1908.
") Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IV. p. 291: The odor Bex a, der
Reformator.
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Anteil der Katholischen an der Bestrafung ein wenig hoher
und der Prozentsatz der Juden ein wenig geringer, als man nach
ihrem Verhaltnis zur Gesamtbevolkerung annehmen konnte. I^egt
man aber der Berechnung zu Grunde, dafi auf 100 000 Deutsche
in den letzten 10 Jahren mit erstaunlieher GesetzmaBigkeit
5mal 1,5, 4mal 1,4, und Imal 1,6 (1901) Personen aus § 175
verurteilt sind, und reehnet nun nach, wieviele Verurteilte
Evangelische, Katholische und Jlidische auf je 1000000 dieser
Bekenntnisse kommen, so ergibt sich, daB auf je 1 Million jahr-
lich entfa^en : Evangelische 9,2 ; Katholische 10,9 ; Juden 6,2.
Ebenso fand ich bei 10 000 von mir beobacbteten Homosexu-
ellen, dafl der Anteil der verschiedenen Bekenntnisse ihrem prozcn-
tuellen Anteil an der Gesamtbevolkerung entsprach. Es traf nicht zu,
wenn Iwan Bloch friiher32) aus dem mustergiiltigen Familien-
leben der Juden folgerte, dafi ,,Homosexualitat bei ihnen kaum vor-
kommt", ebensowenig wie es statistisch belegt ist, wenn Friedlander ^3)
bebauptet, daB „die hebraische Rasse von den in Europa hausenden
Volkern am wenigsten zur pliysiologischen Freundschaft inkliniere".
Wenu Friedlander an dieser Stelle sagt, dafi in bezug auf die Ver-
breitung der Homosexualitat „unzweifelhaft die arischen Deutschen
an erster Stelle stehen", und dann fortfahrt: „darauf folgen die Angel-
saclisen der alten und der neuen Welt nebst einer beachtenswerten
Anzahl reiner oder gemischter Slaven. In erheblichem Abstand fol-
gen dann die Romanen und bei weitem zuletzt — auch bei Veranschla-
fung ihrer geringeren Zahl — die Juden", so ist das eine voUig will-
iirliche, um nicht zu sagen aus der Luft gegriffene Aufstellung.
Die jiidischen Urninge sind nur in dem Sinne in christlichen Landern
selten, wie die protestantischen, von denen man Gleiches behauptet
hat, in katholischen Gegenden. Genau so wie mit den europaischen
Religionen verhalt es sich mit den asiatischen. Sowohl unter den
Anhangem des Islams als denen B u d d h a s und B r a h m a s ist die
Homosexualitat kein seltenes Vorkommnis, und ebenso ist sie unter
den Glaubigen der chinesischen und japanischen Religionen weit ver-
breitet. DaC auch das antike Heidentum sie kannte, vor allem die
der romischen und griechischen Gotterlehre, bedarf kaum noch der
Erwahnung. In einem Artikel iiber die Homosexualitat in Albanien^*)
bebt N a c k e hervor, dafi der „amor masculus" ganz in der gleichen
Weise unter den albanischen Muslims existiert — sowohl die iigypti-
schen Mameluken, als die tiirkischen Janitscharen bestanden ja zum
groiiteri Teil aus ihnen — als unt^r den christlichen Arnauten, und
unter diesen ebensosehr, wie bei den griechisch-orthodoxen als den
rumisch-katholischen Merediten.
Ihrer eigenen religiosen Anschauung nach sind unter den Homo-
sexuellen alle Richtungen vertreten, vollkommene Freigeister, aber auch
sehr bigotte, die keine Messe versaumen. Ich sah manche, die schr
fromm waren, in das Gegenteil umschlagen, aber auch das Umge-
kehrte kommt vor, namentlich Konvertiten sind nicht selten, pro-
testuntische und jiidische Urninge, die zum Katholizismus iibertreten.
Viele neigen zum Aberglauben. Ubrigens vereinigen nicht wenige starke
Religiositat mit starker Sexualitat. Es verdient erwahnt zu werden,
32) Bloch, AtioL d. Psych, sex. I. p. Gl.
33) Friedlander, Mitteilungen dcs Buiides fur mannliche
Kultur. II. Jahrg. 3.
3<) Cf. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen. Bd. IX. p. 325 ff.
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dafi in London lunge Zeit ein Hauptsammelplatz der Urninge der
Sonntagsnachmittagsgottesdienst in einer anglikanischen Kirche war.
Ganz das Gleiche erzahlte maji mir in Barcelona von einer katho-
lischen Kathedrale. Wenn v. N o 1 1 h a f 1 3^) von den Homosexuellen
beliauptet: „Nicht selten fiiidet man einen ganz infernalen Religions-
und KirchenhaB, welcher zuletzt auf die Weigerung aller Religions-
gesellschaften, dem Urning die Betatigung seines Triebes zu gestatten,
zuriickzufiihren ist," so trifft dies nur sehr bedingt zu.
Auch die in der Literatur nicht selten ^6) geauBerte An-
sicht, daC „die Zahl von solchen Mannern nnd Frauen in neuerer
Zeit bedeutend zugenommen haben mag*', halte ich nicht nur
ftir unerwiesen, sondern auch fur unwahrscheinlich. Fest scheint
mir nur das eine zu stehen, daB — abgesehen davon, daB unsere
Zeit die Erscheinung selbst erst richtig begriffen und ihr groBere
Aufmerksamkeit gewidmet hat — die hohere individuelle Selb-
standigkeit der Menschen, vor allem der Frauen, bewirkt hat,
daB viele, die fruher ihr Leben in einem ungliickseligen Dammer-
zustand oder sklavischer Abhangigkeit verbrachten, jetzt eher
klarer und starker zura B?.wu6tsein ihrer selbst kommen.
35^ L. c. pag. 537.
36) Z. B. auch in der Einleitung von Carpenters „Mittel-
geschlecht*'.
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SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Die HomosexualitJLt in den germanischen, angelsSchsischen
LMndern und deren Kolonien.
In noch hoherem MaBe, wie die verschiedenen Stande, Re-
ligionen und Parteien lieben es von jeher die Nationen, einander
in den Geruch der Homosexualitat zu bringen. Ich habe bereits
in dem Abschnitt liber „Name und Begriff*' die Willktir ctieses
Branches gekennzeichnet, die noch deutlicher wird, wenn wir
nun die einzelnen Volker und Rassen Eevue passieren lassen.
Priifen wir hier die Angaben verschiedener Autoren, so fallen una
zunachst die voUigen Widerspriiche auf, die freilich nicht zu ver-
wundem sind, da die meisten nur „nach dem Eindruck", der ungemein
tauschen kann, urteilen. Trifft beispielsweise das „8icher" Wachen-
felds 1) zu, der sohreibt : „Auch ohne statistische Belege ist es
„s i h e r", daB in den romanischen Landern, die keinen Urnings-
paragraphen kennen, namentlioh in Italien, die Homosexualitat in
einer Weise verbreitet ist, wie man sie in Deutschland nicht ahnt",
Oder das „s i c h e r 1 i c h" eines Mitgliedes* der hohen Aristokratie,
das auf Grund einschlagiger Studien in ffanz Exiropa schreibt: „"Wenn
die Homosexualitat fiir einen Staat den Niedergang politischer Macht-
stellunx bedeutet, so werden England und Deutschland und in Deutsch-
land zuerst PreuBen „s i c h e r 1 i c h" zuerst untergehen." Ist es rich-
tig, wenn Josef Miiller^) und B u s c h a n behaupten : „Die Trieb-
anomalie, welche zu homosexuellen Gepflogenheiten fuhrt, ]iegt den
der Katur naher stehenden Volkern fern", oder miissen wir Karsch
beistimmen, der nach Beibringung imgemein zahlreicher Einzeltat-
sachen zu dem Schlusse kommt, daB die Erscheinungen gleichge-
schlechtlichen Lebens bei alien Naturvolkern ohne Ausnahme we it
verbreitet sind? Solche gegensatzliche Behauptungen lieBen sich aus
der Literatur noch eine ganze Reihe anfiihren. Auch unter den Homo-
sexuellen, die viel in der Welt herumgekommen sind, herrschen recht
verschiedene Meinungen. Von 600 Urningen, denen ich die Frage vor-
legte, ob nach ihren Erfahrungen und Beobachtungen in bestimmten
Landern mehr Homosexuelle anzutreffen seien als in anderen, erklarten
300, daB sie auBerstande seien, dariiber ein Urteil abzugeben. Von
den iibrigeu 200 meinten 36, daB der homosexuelle Verkehr ungefahr
iiberall in gleicher Starke bestehe, 23 sind der gleichen Ansicht,
fiigen aber noch hinzu, daB nach ihrer Meinung durch kein Straf-
gesetz der Homosexuelle dauernd vom Geschlechtsverkehr zuriick-
^) J.
Wachenfeld in Goltdammers Archiv. •
Miiller, Das sexuelle Leben der Naturvolker. Leipzig 1902.
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tehalten werden konne; 34 finden, daB in Landern mit Strafgesetzen
er Verkehi- starker und auffalliger sei, als in Landern, die mann-
mannlichen Geschlechtsverkehr ignorieren, und zu diesen kommen
17 (eine iiber Erwarten groBe Zahl), die meinen, daB im sexuellen Ver-
bot ein Anreiz liege, der die Verbreitung f ordere, da „verbotene Fiiichte
am besten schmecken". Die librigbleibenden Personen nennen alle
moglichen Volker, unter denen sie die groBte Anzahl Gleichempfin-
d^nder kennen gelemt haben. Je 20 „GloDetrotter" bezeichnen Deutsch-
land und Eng£,nd nach ihrer Wahrnehmung als das homosexuellste
Land, IG Italien, dann folgen Frankreich una RuBland, etliche nennen
Nordafrika, andere Nordsunerika, wieder andere Siidamerika, davon
einer speziell Brasilien, einer Argentinien; je drei haben in China und
Japan am meisten homosexuelles Leben gesehen, ebenfalls drei unter
den Arabem, zwei unter den Negem, mehrere erklarten die Ungarn,
einer die Danen, drei die Schweden, zwei die Hollander, zwei die
Schweizer, einer die Osterreicher, einer die Spanier, einer die Portu-
giesen als das nach ihrer vielseitigen Erfahrung am meisten von Homo-
sexuellen durchsetzte Volk. Ein vielgereister Kaufmann berichtet:
„Ich habe die Erfahrung gemacht, daB gleichgeschlechtliche Liebe
in Frankreich, Spanien, Italien und der Tiirkei weniger vorkommt
als in Deutschland, Schweden und Danemark." Drei weisen auf die
groBe Haufigkeit der Homosexualitat in den russischen Ostseepro-
vinzen hin. In einer Antwort heiBt es: „Ungewohnlich groB scheint
die Zahl der Urninge unter den Kurlandern deutschen Stammes izu
sein." Ein Dolmetscher endlich, welcher mehrere Erdteile durchzogen
hat, teilt mit: „Auffallend viel Urninge fand ich in dem niederen
N^olke Oberbayerns, das doch wirklich ein kraftiges und gesundes ist."
Unterziehen wir Tins der Aufgabe, Volk fur Volk hin>
riichtlich seines homosexuellen Bestandteiles zu durchforschen,
so erscheint dies Unterfangen anfangs bei der Ftille der Daten
erdrtlckend grolJ; bald aber erheben sich berechtigte Bedenken,
ob das zu erwartende Resultat der Miihe entspricht, denn die
Einzelergebnisse, so interessant sie sein mogen, treten vollig
hinter dem Gesamtergebnis zurtick, da sich uns tiberall ein ganz
erstaunlich ahnliches Bild bietet. Das Verschiedenartige er-
scheint ganz geringftigig gegentiber dem Gemeinsamen. tfberall
grabt sich die gleiche Leidenschaft die gleichen Kanale. t)berall
sehen wir unter den homosexuellen Mannern und Frauen die-
selben Hauptgruppen, feminine und virile Typen, zwischen denen
eine dritte weniger scharf charakterisierte Gruppe steht, tiberall
finden wir neben den rein Homosexuellen zwischen beiden Ge-
schlechtern schwankende Bisexuelle, neben echteil Homosexuellen
solche, deren Homosexualitat zweifeUiaft ist und solche, die
trotz heterosexueller Veranlagung temporar homosexuell ver-
kehren, und liberall finden wir auch hierflir die gleichen Mo-
tive: mangelnde Gelegenheit zu normalsexuellem Verkehr, hau-
figer der aktive Wunsch, von einem homosexuellen Partner ma-
terielle oder sonstige Vorteile zu erlangen, und ebenso haufig
passive Nachgiebigkeit verbunden mit einem namentlich bei Ju-
gendlichen nicht seltenen Geftihlskomplex von Leichtsinn, Neu-
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gierde, Sinnlichkeit, Gutmiitigkeit und harmloser Nonchalance.
Die Verschiedenlieiten beruhen in der Hauptsache in der Bozi-
aleu Baurteilung seitens der Heterosexuellen, und anch hier
lassen sich einige wenige Auffassungsformen unterscheiden, von
denen eine der eigentlimlichsten die bei einigen Volkern aus
sehr alten Zeiten stammende Tradition "ist, die nur den sich
zum passiven Verkehr hingebenden Partner verachtet, den Akt
dcs Aktiven als chose negligeable ansieht. Im Zusammenhang
mit den verschiedenen Auffassungsformen stehen die Ausdrucks-
formen der Homosexualitat, die aber bei weitem nicht so mannig-
fach sind, wie man nach der Mannigfaltigkeit der sozialen und
der damit durchaus nicht immer ubereinstimmenden kriminellen
Anschauungen erwarten sollte. tlberall dieselben Treffpunkte
und Sammelplatze, bald etwas versteckter und privater, bald
etwas freier, in denen sich die urnische Welt begegnet. Es sind
verbltiffend ahnliche Typen, die nachts um dieselbe Stunde in
Kairo auf dem Fischmarkt, in Rom auf der Piazza Colonna und
in Kopenhagen auf dem Rathausplatz stehen, ganz analoge- Ge-
stalten, die sich gleichzeitig auf der Perastrafie am Goldenen
Horn und dar B3rlinerFriedrichstraBe anbieten; es sind dieselben
Halb- und Ganzprostituierten, die im Hydepark in London, im
Retire in Madrid, im Asakusapark in Tokio, im Prater in Wien
und in Paris in den Champs Elysees bestimmte Wege bevolkern,
die gleichen Angehorigen der Marine, hier Friesen, dort Basken,
die amSeedeich vonCuxhaven^ an der Condha von San Sebastian,
auf dem Molo. von Pola, wie an jeder Hafenpromenade am
Atlantischen oder Pazifischen Ozean auf Mannerbekanntschaft
ausgehen. Gerade das einheitliche Gesicht, das die Homosexuali-
tat so weit und doch so voUig unabhangig voneinander tragt,
war ftir mich immer einer der durchschlagendsten Beweise ihrer
rein biologischen Atiologie.
Trotz dieser weitgehenden t^bereinstimmung der Erschei-
nungen lassen die uns bisher zur Verftigung stehenden ethno-
graphischen Quellen sehr viel zu wlinschen tibrig. Das hat zwei
Grtinde: die Schwierigkeit der Differentialdiagnosa und die
sexuelle Mimikry. Ist es schon fiir den voUig orientierten For-
scher haufig recht schwer, zu entscheiden, ob homosexuelle Hand-
lungen auf Grund echter oder verge tauschter Homosexualitat
vorliegen, und sind die auBerlich einander so ahnlichen Formen
der Geschleehtsubergange und Varianten oft nur mit groJJter
Miihe exakt zu bestimmen, um wieviel mehr gilt dies ftir den
bisher voUig ununterrichteten Ethnologen.
Es ist zwar richtig, was K a r s c h in der Einleitung zu seinem
grofi angelegten Sammelwerke iiber das gleichgeschlechtliche Leben der
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V'olker betnerkt: ,.Dai3 zwar nicht unbedingt als homoerotisch anzu-
sehen. aber des Homoerotismus dringend verdachtig sind: 1. die
sogenannten Hermaphroditen (Zwitter), Mannweiber • sowohl als
Weibmanner; 2. die Manner in Weibertracht, die Weiber in Manner-
tracht (Transvestiten Magnus Hirschfelds), 3. die effeminierten Man-
ner und die virilisierten Weiber; 4. die Zolibatare (ehelose Manner und
Frauen)*', er wird aber selbst zugeben miissen, daB es groBter Detail-
kenntnis bedarf, um klarzustellen, ob dieser „Verdacht" auch zu llecht
besteht. In SOo/o der Falle ist er es, wie in dem Kapitel „ Differential-
diagnose" auseinandergesetzt wurde, nicht, von praziser Feststel-
lungsmethodik kann aber bisher anf diesem ethnographischen Ge-
biete iiberhaupt nicht die Kede sein. Der zweite Grund der Unzuver-
lassigkeit der u nterlagen ist die sexuelle M i m i k ry , infolge deren sich
nur die markantesten Typen homosexueller Manner und Frauen — und
diese sind in der Minderzahl — abzuheben pflegen. Die virileren Grup-
pen homosexueller Manner, die feminineren homosexueller Frauen ent-
ziehen sich meist der Beobachtung. Will man sich hier auf das ver-
lassen, was der Zufall einem in den Weg fiihrt, wird man sehr wenig
sehen. Nur das Studium eines gewiegten Kenners ad hoc im Lande
selbst gibt ein halbwegs deutliches Bild; er bedarf dazu noch der
Unterstiitzung eines der Landessprache machtigen Ortsinsassen, mog-
lichst eines eingeborenen und selbst homosexuellen und besser nicht
nur eines, sondern mehrerer, die verschiedenen Kreisen angehoren.
Es gibt Urninge, die jahrzehntelang in einer Stadt leben und doch ganz
mangelhaft liber die ortlichen Verhaltnisse unterrichtet sind. Als*
ich einmal nach Edinburgh kam, sagten mir schottische Arzte und
altere Homosexuelle, die infolge meiner Schriften mit mir in Korre-
spondenz getreten waren, daB es bei ihnen keine urnischen Sammel-
platze gabe. Sie waren sehr erstaunt, als ich ihnen nach den mir
von einem Londoner Herrn gegebenen Informationen in der Nahe von
Princess Street das Lokal eines homosexuellen Wirtes mit homosexu-
ellem Stammpublikum und eine Reihe anderer homosexueller Sehens-
wiirdigkeiten demonstrierte. Ahnliches erlebte ich oft.
Schon die ersten Autoren, die sich wissenschaftlich mit
dem Problem der Homosexualitat befaBten, haben, soweit sie
nicht einfach die Kasuistik zu vermehren bemtiht waren, auf das
volkerkundliche Material groBen Wert gelegt.
U 1 r i h s hob bereits in seiner zweiten Schrift Inclusa ^) im
XI. Abschnitt, die: „Allgemeine Verbreitung der urnischen Liebe"
hervor und brachte Zitate bei iiber das Vorkommen homosexueller Be-
tatigung bei den Tyrrhenern, Etruskern, Samnitern, Messapiern, Juden,
Kelten, Griechen, Makedoniern, Romern, Arabern, den Persern des
Mittelalters, Peruanern und Wilden Nordamerikas. Wenn K a r s c h *)
es ablehnt, als ein „Bahnbrecher fiir eine ethnologische
Betrachtungsweise gleichgeschlechtlichen Trieblebens" hinges tellt
zu werden, um auf Molls „baJinbrechende" Arbeit hinzuweisen,
so muB erwahnt werden, daB gerade Moll') im Gegensatz zu U 1 -
r i o h s den pathologischen Standpunkt gegeniiber dem anthropologi-
schen wieder in den Vordergrund geriickt hat, wie er auch bis heute
der Hauptvertreter der von K a r s c h in der Einleitung seines Werkos
so unglimpflich behandelten medizinischen Richtung geblieben
ist. Wenn K a r s c h zuerst schreibt, daB vorwiegend „die medi-
zinische Literatur. dem gleichgeschlechtlichen Empfinden ganz allge-
5) M
63.
arsch
oil, 1.
, 1. C.
c, cf.
p. 46.
Titel und
P
Hirschf
eld,
Homosexualitat.
663.
34
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530
mein den Stempel des Erankhaften au^gedruckt hat" imd dies sohon
in der Bezeichnung kontrare Sexualexnpfindung enthalten sei, so setzt
er sich 620 Seiten spater in diesem Punkte mit sich selbst in einen
eewissen Widersprucn. loh glaube, daB mit groBerem Rechte, wie von
Karsch Moll, von Freud Bloch das Verdienst zu^eschrieben
wird, daB „in der Auffassung der Perversion die pathologischen Ge-
sichtspunkte von anthropologischen abgelost worden sind"^).
Grade dieser gemeinsame Gesichtspunkt, zu dem Iwan Bloch mehr
als Historiker nnd Kulturforscher, ich mehr als Gegenwartsforscher
gelangte, bildete fiir uns beide, trotzdem anfanglich unsere Ansichten
iiber Ursachen und Beurteilung der Homosexualitat voneinander ab-
wichen, von vomherein den storken Boden, auf dem wir uns bej^eg-
neten. Karsch hat es untemommen, „die Darstellung des gleich-
feschlechtlichen Lebens aller lebenden wie ausgestorbenen Volker der
Irde" in fiinf Banden zu geben. In dem ersten bereits erschienenen
Bande hat er mit BienenfleiB aJles zusammengetragen, was er uber die
Paderastie und Tribadie bei den Naturvolkem gefunden hat, die er
in vier Haupt^ruppen teilt, die negroiden, malaiischen, arktischen und
amerikanisohen Naturvolker. Der 2. Band soil „die mongolischen
Kulturvolker", der 3. die I^imiten und Semiten behandeln, der 4. und
5. ist fur die arischen Volker vorgesehen. Stehen die weiteren Bande
dem 1. an Starke nicht nach, wie anzunehmen, so hat der Verfasser
fur seine verdienstvoUe Arbeit nicht weniger als 3330 Seiten zu
seiner Verfiigung. In unserem Buche, das eine G e s a m t ubersicht
liber die Homosexualitat des Mannes und des Weibes nach dem jet-
zigen Stande der Wissenschaft geben will, konnen wir natiirlich
nur an Hand pra^nanter Erfahrungstatsachen eine kurze tJbersicht
uber die ortliche verbreitung der Homosexualitat geben, aus der her-
vorgeht, daB diese biologische Erscheinung ebensowenig wie die Liebe
zwischen Mann und Weib an geographische Grenzen oder Rassenunter-
schiede gebunden ist.
Wir wollen zu diesem Zweoke nicht wie Karsch von den
Naturvolkem aufwHrts zu den Kulturvolkern schreiten, sondern,
vom eigenen Vaterlande ausgehend, zunachst untersuchen, oh
auch die uns benachbarten und verwandten germanischen
L§nder, wie Holland, Skandinavien, Osterreich und die Schweiz
eine fihnliche Verbreitung und Form der Homosexualitat zeigen,
wie Deutschland. An die germanischen feoUen sich die ihnen
nahestehenden angelsachsischen Volker anschliefien^ vob
allem England und die Vereinigten Staaten von Amerika sowie
einige dem englischen Weltreich angegliederten und von ihm
stark beeinfluBten Staaten, wie die siidafrikanische Union. Von
den Angelsachsen f tihrt der Weg zu den romanischen Vol-
kern, in erster Linie naoh Prankreich und Italien, dann inach
Spanien und den von ihnen kolonisierten und iii ihrer Kultur
abhSngigen Staaten Nordafrikas und Stidamerikas. Darauf rich-
ten wir unser Augenmerk nach den auf der anderen Seite von
unserem Mittelpunkt gelegenen slavischen Volkern, auf das
groBe russische Eeich unti die ihm benachbarten Balkanvolker,
«) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Auflage.
Leipzig und Wien 1910. p. 5. Anm. 3.
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von denen wir dann nach einem Seitenblick auf Ungarn zu den
T ti r k e n gelangen. Von hier aus "kommen wir tiber Westatfien
nach Englisch- und NiederlUndisch - 1 n d i e n , dann nach China,
Japan und Korea, um durch die arktischen Gebiete nach unae-
rem Ausgangspunkt zurtickznkehren. Diese Obersicht tiber die
ortliche Verbreitung der Homosexualitat wtirde nidht vollstHndig
sein, wenn wir nicht znm Schlusse liber die Verbreitung dieser
Erscheinung bei anderen zweigeschlechtlichen Lebewesen einiges
sagen woUten.
Zunfichst einiges liber die Verbreitung der Homosexualitat
im Deutschen Eeiche. Meine literarische Besch&ftigung mit
der homosexuellen Frage bewirkte, dafi ich in steigendem Mafie
von Urnihgen und Urninden aus allsn Teilen Deutschlandsf auf ge-
sucht wurde und von ihnen bei gerichtlichen und sonstigen Kon-
flikten mit der Zeit nach alien groBeren und vielen kleineren
Platzen Nord-, Slid-, Ost-, West- und Mitteldeutschlands gerufen
wurde, wo ich dann meist gute Gelegenheit hatte, die ortlichen
Verhfiltnisse auf homosexuellem Gebiete n&her zu studieren.
Man hdrt dann und wann, dafi manche Gegenden Deutschl&nds
starker vom Uranismus durchsetzt seien als andere; so gabe es
auf dem platten Lande und in kleineren Stadten nicht nur ab-
solut, sondern auch relativ weniger Urninge als an grofieren
Orten; auch im Norden unseres Vaterlandes seien sie haufiger
als im Sliden, beeonders viel Urninge fande man in der Rhein-
provinz, besonders wenige in Westfalen. de Joux*^) schreibt:
„Nach den Schfitzungen vielgereister Urninge ware Hamburg
unter alien deutschen Stfidten urnisch am schwersten belastet;
sie behaupten, jeder vierte Mann 'wSre dort urnisch, jeder sechste
bisexuell veranlagt."
Alles das kann ich nicht bestatigen, kann vielmehr auf
Grund meiner so vielseitigen Erfahrungen nur bekunden, dafi das
Bild, das sich uns in dieser Hinsicht von Konigsberg bis Koln,
von Kiel bis Konstanz darbietet, ein ganz erstaunlich SJinliches
ist. Homosexuelle Geschaftsreisende, die jahrzehntelang Deutsch-
land durchkreuzten, haben mir das best&tigt, und auch die
deutsche Reichs-Kriminalstatistik stimmt damit liberein, indem
ihre Zahlen einen sich tiber alle Oberlandesgerichtsbezirke
gleichm&Big erstreckenden Durchschnitt von Verurteilungen aus
§ 175 aufweisen.
Auch die Tatsache, daiJ Stichproben aus einzelnen Gruppen,
in denen die Feststellung der Homosexuellen dem Berichtenden
7) Die Hellenische Liebe, p. 215. Anm.
84*
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auf Grund seiner Beziehungen moglich war, in alien Gegenden
Deutschlands annahernd den gleichen Prozentsatz ergaben,
spricht daflir, daB die Ausbreitung der Homosexualitat uberall
eine ungefahr gleiche ist, und nur zufallige Schwankungen
durcli den standigen Wechsel der Bevolkerung bedingt werden.
Diese Beobaehtung sttitzt unsere wissensehaftliche Auffassung
vom Wesen der Homosexualitat als einer konstanten biologischen
Variante der Sexualitat.
Wenn man uber ein und denselben Platz gelegentlich von dem
einen hort, dafi dort nichts, von einem anderen, daB dort viel „los"
sei, so erklart sich dies einfach daraus, daB der eine durch irgend-
vvelcho Beziehungen und Umstande Einblicke gewinnen konnte, die dem
anderen versact blieben. Man muB seine Ansicht hier oft revidieren.
So kam ich friiher oft nach Stettin, Niirnbei-g, Trier und wunderte
mich, daB dort scheinbar so gut wie nichts von Homosexualitat be-
merkbar war, als ich dann aber spater von Ortsansassigen und Unter-
richteten — beides trifft keineswegs immer zusammen — an die sehr
versteckt gelegenen „Schlupfwinker' der Homosexuellon gefiihrt wurde,
fand ich gerade das Gegenteii von dem, was ich anfangs wahrgenommen
hatte. Recht bezeichnend ist auch der Brief eines deutschen Aristo-
kraten, der uns zur Verfiigung gestellt wurde. Der Betreffende kehrte
im Sommer 1897 nach Berlin zuriick, nachdem er mehrere Jahr-
zehnte im Auslande gelebt hatte, um „dem Urningsparagraphen aus
dem Wege zu gehen". „Nein, diese Torheit", heiBt es wortlich,
„treibe mich da ^ahezu 40 Jahre im Exil herura, um am Ende meiner
Tage zu sehen, daB in der Hauptstadt des Vaterlandes, das ich so
schwer vermiBte, das urnische Leben unter dem § 175 ausgedehnter,
ungezwungener und freier ist, wie nur je an einem Ort im Orient oder
Okzident.**
Das einzige Land, in dem man sich wie in Deutschland die
Verbreitunjg der Homosexualitat zahlenmaBig festzustellen be-
mtiht hat, ist Holland, und es ist sehr bedeutsam, dafl, wie
oben des naheren ausgeftihrt, der gefundene Prozentsatz von 2,2
dem unsrigen nahezu vollkommen entspricht.
Holland war auch das erste Land, das, als von Berlin aus die
Organisation fiir die Emanzipation der Homosexuellen in die Wege
geleitet wurde, seinerseits diesen Kampf aufnahm, was um so be-
merkenswerter war, als seine Gesetze seit fast einem Jahrhundert
keine Strafbestimmung mehr gegen die Urninge enthiclten. Ledig-
licli die falschen Vorstellungen iiber das Wesen der Homosexualitat
und die infolgedessen starken Vorurteile waren es, die man zu modi-
fizieren trachtete. In dieser Bewegung ragtcn besonders d r e i Ge-
lehrte hervor, die keine Anfeindungen scheutcn, um in Wort und
Schrift fiir die Homosexuellen einzutretcn : Dr. L. S. A. AI. v. Homer,
der vortreffliche Amsterdamer Polizeiarzt A 1 e t r i n o und Jonkheer
Dr. jur. v. S c h o r e r ®), der Verfasser von „Tweeerlei Maat", und
Prjisident des wissenschaftlich - humanitaren Komitees in Holland.
Ihren wissenschaftlichen Anschauungen stand eine reaktionare Majo-
rity t im Parlament gegeniiber, ein aus calvinistischen und romisch-
katholischen Parteigangern bestehender Block, der unter Berufung
auf die Bibel 100 Jahre nach Aufhebung der mittelalterlichen Bestim-
8) Cf. auch Jahrb. VII, 912 ff., V. 956, Vierteliahrsber. II. 140.
278—87. 361.
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533
mungen gegen den homosexuellen Verkehr eine wesentliche Eiii8chr§,n-
kuiig der Straffreiheit durchsetzte. Der von dem streng katholisohen
Juslizminister Dr. Regout kurz vor seinem Tode veranlaflte
Artikel 248 bis der am 15. Juni 1911 in Kraft getreten ist, lautet:
„Der Miindige, der mit einem Unmiindigen desselben Geschlechts
Unzucht treibt, wird mit Gefangnis bis zu vier Jahren bestraft." Das
Miindigkeitsalter betragt 21 Jahre.
Nach diesem Gesetz sind auch bereits eine ganze Anzahl hol-
laudischer Urninge bestraft worden. Einer davon stellte sich rair in
London vor. Er hatte mit einem Kamex*aden, der zwei Jahre jiinger
als er selbst war, sexuell verkehrt. Vor der Beratung habe derRich-
ter, dem das Schicksal des Angeklagten nahe ging, ihm eine Briicke
bauen wollen und gefragt, ob er ihm versprechen woUe, seinen homo-
sexuellen Lebenswandel aufzugeben. Dann wiirde man dieses Mai noch
ein Auge zudriicken. Der Jiingling antwortete: ,,Ich kann nicht ver-
sprechen, was ich nicht halten kann." Er wurde zu einer Freiheits-
strafe verurteilt, der er sich durch die Flucht nach England entzog.
Da R e g o u t s urspriingliche Fassung, die auch den heterosexu-
ellen Sexualverkehr mit Unmiindigen unter Strafe gestellt wissen
woUte, vor der Einbringung aufgegeben wurde, stellt das neue Ge-
setz eine Ausnahmebestimmung dar, die unter den Homosexuellen
tiefe Erbitterung hervorgerufen und eine ganze Anzahl auBer Landes
getrieben hat, zumal unmittelbar nach seiner Einbringung die Er-
presser „wie Pilze aus der Erde schossen".
Diese Abwanderung, deren Griinde naturgemafi verschleiert wer-
den, ist fiir ein so kleines Land um so weniger belanglos, als sich
unter seinen Urningen viele materiell und kulturell hochstehende
Personlichkeiten befinden. Es gibt wohl unter den groBeren
und mittleren Stadten Hollands kaum eine, aus der
mich nicht im Laufe der letzten 15 Jahre Uranierauf-
gesucht haben, einige kamen mit ihren Freunden, viele zeich-
neteii sich durch Intelligenz und Charakter aus. Wenn der Psychiater
Wertheim-Salomonson^) in einem Fachorgan erklarte, „die
Homosexualitat sei in Holland s e 1 1 e n", so ist dies durch nichts
als durch die Geringfiigigkeit seiner Erfahrungen belegt. DaB sie auch
schon friiher nicht selten war, zeigt die groBe Uranierverfolgung im
Jahre 1730 ^^)j wahrend derer die Generals taaten von 250 wegen homo-
sexueller Betatigung gerichtlich vorgeladenen Personen 91 verbannten,
31 erwurgen, lo erhangen, 8 versengen, mehrere enthaupten lieBen,
zwei in ein FaB mit Wasser und fiinf ins Zuchthaus steckten. Meh-
rere der Sodomiter hatten, wenn sie nicht getotet waren, noch recht
gut die vollige Aufhebung des Gesetzes erleben konnen, auf Grund
dessen man sie so grausam hingerichtet hatte. Auch in der nach
Abstammung und Sprache der hollandischen nahe stehenden v 1 a m i-
s c h c n Bevolkerung ist die Zahl der Urninge nicht gering. Die vla-
mische Zeitschrift „Ontwaking", die in Antwerpen erscheint, widmet
dem homosexuellen Problem besondere Aufmerksamkeit ; auch der 1854
zu Antwerpen geborene Schriftsteller Georges Eckhoud, den
Pratorius einen „Bahnbrecher in der kiinstlerischen Darstellung
der Homosexualitat" nennt, ist ein Flamlander. Er ist nicht der einzige
Dicht^r, der in den Niederlanden den Uranismus in Romanform be-
handelt. Von alteren sei der Amsterdamer Jakob de Haan^^)
9)Couvee en Wertheim Salomonson: Een geval van
Homosexualiteit Psvclii. en Neurot. Bladen. 1901/02.
10) cf. Jahrb. f. sex. Zw. VIIL Jahrg. p. 365 ff. : Der Uranis-
mus in den Niederlanden bis zum 19. Jahrhundert, mit besonderer Be-
riicksichtigung der groBen Uranierverfolgung im Jahre 1730. Von
L. S. A. M. von R o m e r.
J') Jakob de Haan. Pijpelijntjes. Amsterdam 1904.
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034
genannt, desscn Pijpelijntjes bei ihrem Erscheinen viel Aufsehen
machten, von neueren Exler^*), dessen psychologischer Roman „Le-
vensleed" Leben und Leiden eines Uraniers naturgetreu sohildert.
Sehr ahnlich sind in ihrem Wesen den hoUandischen die
skandinavischen Homosexuellen. Sowohl in DSnemark und
Island als in Schweden, Norwegen und Finnland ist der Uranis-
mus ziemlich stark verbreitet. Unter denDanen gehoren ihm von
Christian Andersen bis Hermann Bang und vor und
nach ihnen viele der bekanntesten Manner an.
In Kopenhagen treffen sich auf zwei langen StraBenziigen, die vor
dem RathauB zusammentreffen, jeden Abend viele Homosexuelle mit
ihren Partnern. Auch solche, cfie sich Herren gegen Bezahlung an-
bieten, fehlen niemals. Hier wie in Holland — beide Lander besuchte
ich in langeren Abstanden zweimal unter sachverstandiger elnhei-
misoher Fiihrung — lernte ich auch einige von Homosexuellen
niederster Klasse stark frequentierte Lokale kennen. Pratorius
beriohtet von Kopenhagen, daB es wohl den groBten Soldatenstrich
der Welt aufzuweisen habe, doch lauten auch in diesem Punkte die
Angabeu 'internationaler Soldatenfreunde, die mit Truppen fast aller
Lander sexuellen Verkehr gepflogen haben, verschieden. Auch in
Danemark setzte Anfang der neunziger Jahre eine aufklarende Be-
wegung ein. Erwahnenswert ist vor allem die ausfiihrliche Arbeit
von Tandem ^3)^ „Den kontraere Sexualfomemmelse", die im An-
schluB an einen Artikel von Dr. Knud Pontoppidan iiberschrieben
„Pervers Sexualitet", erschienen war. Diese wissenschaftliche Be-
handlung der Frage hinderte aber nicht, daB noch zu Beginn dieses
Jahrhunderts unter Minister A 1 b e r t i eine ziemlich groBe Urnin^s-
verfolgung einsetzte, die viele Homosexuelle nach Deutschland tneb
und erst aufhorte, als die Lawine Personen hochster Kreise mit sich
zu reiBen im Begriffe stand. Neuerdings sind in Danemark Gesetzes-
anderungen geplant, nach denen der Homosexualverkehr zwischen Er-
wachsenen freigegeben, jedoch ahnlich wie in Holland ein Schutz-
alter von 21 Jahren eingefiihrt werden soil. In Norwegen hat man be-
reits, bald nach der im Jahre 1905 stattgefundenen Trennung von
Schweden, das Gesetz wesentlich gemildert. Man begniigt sich mit
Geldstrafe und auch diese wird nur verhangt, wenn ahnlich wie bei
Beleidigung derjenige, auf den die Handlung sich erstreckte, Straf-
antrag stellte. Da dieser aber als Mittater ebenfalls strafbar ist,
kommt das in Wirklichkeit kaum noch in Frage. Es wird mir mit-
geteilt, daB auf die Verbreitung homosexueller Betatigung die
Aufhebung der alten Strafbestimmungen keinen EinfluB gehabt
hat. Wie vor ihnen ist auch jetzt der Uranismus gleichmaBig
iiber das ganze Land verbreitet, ohne allerdings dem nicht Suchenden
sonderlich aufzufallen. Sach- und Fachkundige sehen allerdings auch
hier mehr, und einer meiner Gewahrsmanner, ein vielgereister Uranier,
berichtet mir, daB nach seinen Erfahrungen und Erlebnissen Ber-
gen die homosexuellste Stadt der Welt sei. Ich erinnerte ihn, als ich
dies horte, daran, daB in Bergen die ersten auf skandinavischem Boden
gegen die Urninge erlassenen Strafbestimmungen erla^sen wurden. Es
war im Jahre 1164, als im Kirchenrecht des Gulathing der folgende
Abschnitt eingeriickt wurde: „Wenn zwei Kerle Leibeslust zusammen
mischen, und dessen uberfiihrt werden, dann sind sie beide friedlose
Manner. Wenn sie es aber leugnen und es doch im Kirchspiel ruchbar
12) M. J. J. Exler, Levensleed. Haag 1909.
1*) Tandem, Den kontraere Sexualfomemmelse. Fragmenter til
Oplysning. In Bibliothel^ for Laeger. 1. April 1892. p. 205.
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wird, dann sollen ale es mit Eisentragen leuenen (Gottesurteil). Wenn
sie aber der Sache uberfiihrt werderu hat der Konig die Halfte ihres
Vermogens und der Bischof die H§Jfte." Ahnliche Gebote gingsD
dann im folgenden (XIII.) Jahrhundert auch auf Island, Schweden
und DSnemark uber. Yorher hatte man in den skandinavischen Ge-
setzbuchern nur einen Paragraphen, nach dem we^en schwerer Ver-
leumdung derjenige belangt warden eoUte, der von jemandem z u U n-
r e c h t behauptet, er habe sich von einem Mann passiv schSjiden
lassen; der also Beschuldigte hatte in diesem Falle sogar das Recht,
den Verleomder totzuschlagen. Ein ei^enartiges Gesetz, wenn man
bedenkt, dafi die Ausubung mannmannlichen verkehrs an sich nicht
strafbar war. DaB diesen die gewiB nicht degenerierten Nordgermanen
und Wikinger aber sehr wohl kannten, geht nicht nur aus diesem Ge-
setz, sondern auch aus anderen Belegen hervor, die sich bei Wester-
mark und dem „norwegischen Gelehrten" i*^ finden, der den Artikel
im rv. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen verfaBt hat. Die alt-
nordischen Sagas und Gedichte enthalten hierfiir viele Zeugnisse.
Ein Beispiel fiir viele. Als der durch seinen Humor ausgezeichnete
Islander H a 1 1 i kurz nach dem Jahre 1000 Norwegen besuchte, be-
gegnete sein schlichtes island] sches Fahrzeug auf dem breiten Fjord
von Drontheim einem vornehmen ^Schiffe, dessen Herr ihn fragte, wo
er die letzte Nacht sein Schif f vertaut hatte. H a 1 1 i antwortete :
„Bei Agdhanes, einem Vorgebir^e an der Mundung des Fjords." Dann
fragte der Herr weiter: „Stuprierte er (sardh) euch denn nicht, der
Agdhe, d. h. der Unhold, den der Volksglaube im Berge von
Agdhanes wohnen laBt?" „Noch nicht", meinte Halli, der wohl
merkte, daU der Herr, mit dem er Worte wechselte, der Eonig selbst
war. „Aber spater h4tte er es vielleicht getan," fuhr der Konig fort.
„Nein,** sagte Halli, „es war ein Umstand, der uns von der Schande
rettete. Er verlangte dazu vomehmere Leute als wir waren, und dar-
um wartet er eure Ankunft heute abend ab". „Du bist mir ein groBer
Worthabicht", brach der Konig ab. Handelte es sich hier um harm-
lose Spafie von denen nicht einmal feststeht, ob sie der Sage oder
• Geschichte angehoren, so ereignete sich drei Jahrhunderte spater auf
skandinavischem Boden ein homosexueller „Hofskandal", an dessen
Wirklichkeit kein Zweifel besteht. Er betraf den ersten Unionkonig
von Schweden und Norwegen, Magnus Eriksson, in Schweden
„Smek*', „der Schmeich^lnde" genannt, der dem alten Geschlechte der
Folkunger entstammte. Ahnlich wie sein Zeitgenosse, der englische
Konig E d u a r d II., wie Heinrich III. von Frankreich und mancher
andere Herrscher — aus unseren Tagen sei Karl von Wurttemberg ge-
nannt — geriet er in schwere Konflikte, weil er „den alteren und
weiseren Ratgebern jiingere und schonere vorzog"i*). Sein Liebling
war Benkt Algotson, den der Konig zum Herzog von Finnland
und den beiden Hallandesn ernannte, eine Gunstbezeugung, die umso
mehr auffiel, als der Herzogtitel bis dahin in Schweden niemandem ver-
liehen worden war. Der Unwille der MiBvergnugten und Neider, an
deren Spitze 1356 der Konigssohn Eric trat, verscharfte sich zu
schlimmen Unruhen, als der Regent seinem Liebling zu alien friiheren
Auszeichnungen die Verwaltung der reichen imd wichtigen Provinz
Schonen ubergab und dem Vater Benkts grofie Giiterkomplexe in
Norwegen schenkte. Es kam zu offener Fehde, von alien Sei ten ver-
langte man den Sturz Benkts, doch Konig Magnus gab ihn nicht
auf, imd erst der Tod des Kronprinzen Eric im Jahre 1359 und im
^*) Jahrb. f. sex. Zw., Bd. IV., p. 244 ff.: „Spuren von Kontrar-
sexualitat bei den alten Skandinaviern."
^*) Die Hauptquelle fiir des Konigs „damnatissima libido" ist
auBer den „Revelationes" der Santa Brigitta, der im Jahrhundert
nach dem Konig lebende Geschichtsschreiber Ericus Olai.
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Jahre darauf die Ermordung von Benkt Algotson durch seine
Feinde von der Magnatenpartei beendeten die verwickelte Situation
und ein Drama, das der Konig, ohue sich von seinem Schmerze erholen
zn konnen, noch 14 Jahre iiberlebte.
Trotzdem noch drei andere der markantesten Gestalten auf
Scliwedens Thron, Karl XII., G u s t a v III. und Gustav Adolfs
Tochter, die Konigin Christine vielfach in ihrem Lande selbst als
Ilomosexuelle galten, herrschten auch dort diesclben Vorurteile wie
in alien christlichen Landern, die allerdings nicht hinderten, daC der
Uranismus in Schweden ebenso verbreitet, (ja nach Ansicht manclier
noch verbreiteter) war, als bei den skandinavischcn Briidervolkern.
Die Hauptstadt Stockholm zeigt jedenfalls ein regeres urnisches
Leben, als Christiania. Mciglich ist es, dafi dies von dem groBeren
Fremdenverkehr herruhrt. Eine groBe Anziehung bilden hier wie in
den anderen skandinavischen Landern fiir die Urninge die Bader, aber
nicht wie in RuBland, im Orient und anderswo die Dampfbadeaustalten,
sojidern die Freiluftbader. Es wird dort von Mannern und Frauen
noch jetzt wie in der Vorzeit nackt gebadet und das ist auch ein
MauDterrund, weshalb viele homosexuelle Auslander mit Voriiebe im
Sommer nach Nordland gehen. Sie befriedigen allerdings wie die ur-
nischen Inlander in den Bildern nur in vorsichtiger Weise ihren
Schautrieb, denn es gilt als verpont, sich seine Anlage merken zu
lassen. Dem Eingeweihten entgehen freilich nicht die meist alteren
Personen, die oft stundenlang mit groBter Aufmerksamkeit den Be-
wegungen, Dbungen und Spielen der jungen Leute folgen, an dencn die
jiingeren Urninge selbst unerkannt teilzunehmen pflegen. Mir ist noch
heute der melancholisch-gespannte Gesichtsausdruck in Erinnerung, mit
dem im Freilich tgymnasium in Christianslund am Oeresund
ein alter graubartiger Mann an den jugendlichen Gestalten hing; er
machte einen sehr femininen Eindruck, war der einzige, der sich
nicht entkleidet hatte, und wechselte mit niemandem ein Wort.
In der neueren schwedischen Literatur ist sehr wenig zu finden,
was auf die Homosexualitat Bezug hat. Immerhin besprechen Viktor
Rydberg in einem Essay iiber Romische Kunst die Freundschaft
zwischen Hadrian und A n t i n o u s , und Dr. E m i 1 Z i II i a c u s
in einem 1911 erschienenen Buch ,,Griochische Lyrik*' die griechische
Liebe eingehend mit groBer Sympathie.
Von Schweden gelangen wie liber Finnland nach Estland,
Livland und Kurland, die alle von Homosexuellen stark durch-
setzt sind. Von Finnen lernte ich im Laufe der Zeit in Berlin
etwa ein Dutzend kennen, die mir samtlich berichteten, daB in
ihrer Heimat urnische Manner und Frauen durchaus nicht selten
sind. Ein finnischer Staatsanwalt berichtete mir:
„Die alten schwedischen und germanischen Sagen und Volks-
lieder en thai ten, ebenso wie das finuische Volksepos (Kalevala) wenig,
woraus man schlieBen konnte, daB die gleichgeschlechtliche Liebe
in ienen vorgeschichtlichen Zeiten eine grciBere Bedeutung gehabt
hatte. Da jedoch alles, was von der Dichtung der Alten zu unserer
Zeit iiberliefert ist, von spateren Generationen vielfach zensuriert
und zum groBen Teil erst in spateren Jahrhuuderten aufgezeichnet
worden ist, ist aus jener Tatsache nicht mit Sicherheit anzunehmen,
daB altgermanische Dichtungen und Sagen nicht auch ahnliche
iSchilderungen von erotischen Freundschaftsverhaltnissen zwischen
Mannern oder zwischen Frauen gekannt habcn, wie jene der grie-
chischen Dichtung. Wohl singen auch die altschwedischen Lieder
von Freunden, die so innig aneinander prebundon waren, daB sie ihr
Leben fiireinander aufopferten, oder daB dor oirio dea Tod suchte.
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weil fiir ihn das Leben alien Wert verloren hatte, nachdem der andere
gefallen war. Es erzahlen auch die Heldensagen von machtigen
Riesenjungfrauen, die in Mannerriistung in Krieg nnd Vikingfahrt
durch Heldenmut und Blutdurst die Manner iibertrafen. Hier kann man
freilich nur ahnen, aber nichts mit Bestimmtheit wissen iiber die ge-
schlechtlichen Geheimnisse, welche unter diesen anscheinend Unscluil-
digen verborgen liegen.
Sobald wir aber auf historischen Boden gelangen, erfahren wir
soforl, daC die gleichgeschlechtliclie Liebe eino nicbt nnbedeiitcnde
Rolle spielte. So zeigen die auf kanonischem und altjiidischem Eeclit
erbauten schwedischen Gesetzbiicher des Mittelalters, daO der Staat
r*.zr Kirche durch unerhort strenge Strafbestimmungen in der Be-
kampfunj' der „widernatiirlichen Greuel" seinen Beistand geben wollte.
Der gescnlechtliche Verkehr zwischen Mannern wurde mit Todesstrafe
und fiirchterlichen Martern bedroht. Trotzdem laBt uns J^ber die Ge-
scliiclite so mancher Konige und hoher Herren wieder und wieder
sehen, wic keine Strafandrohung, keine erhabene Pflichtstellung, keine
Verfolgungen und Leiden die Manner im hohen Norden, ebensowenig
wie die des Siidens, von ihrer widernatiirlichen Natur hat befreien
konneu. •
Es ist mir bekannt, dafi die strengen Strafgesetze des Mittel-
alters (v. d. Jahren 1274 und 1442), ebenso wie die gemilderten Straf-
bestimmungen des Gesetzbuches vom Jahre 1734 kein toter Buch-
stabe geblieben sind, sondern immer dann und wann, der rohen Masse
zum Vergniigen und „anderen zur Warnung", zur Anwendung gekommen
sind. Ich weiB auch aus der Kriminalgeschichte, dafi in diesen
Prozessen, namentlich in alteren Zeiten, eine summarische und will-
kiirlicbe ProzeBform, wie in den Hexen verfolgungen, zur Verwendung
kam, und daB auch schon kleine Knaben dem Blutdurst und dem
Aberglauben friiherer Zeiten geopfert wurden.
Erst in der Aufklarungszeit, Ende des 18. Jahrhunderts, kam eine
Erleichterung. Der damalige Konig von Schweden, G u s t a v III.
(ein Sohn der Schwester Friedrichs des GroBen von PreuBen,
Louise Ulrike, die mit Adolf Fredrik, dem Konige von
Schweden, verheiratet war) war von den groBen Philosophen seiner
Zeit beeinfluBt; durch sein personliches Eingreifen wurden nicht nur
die Strafgesetze iiberhaupt, sondern auch namentlich die Strafbestim-
mungen fiir „widernatiirliche Unzucht" wesentlich gemildert.
Aus der Geschichte Konig G u s t a v s IIL wird seine groBe
Freundschaft zu mehreren jungen Lenten liberliefert. Unter diesen
war der schone, junge, finnische Freiherr Gustav Mauritz Arm-
felt der bekannteste. In einem Alter von etwas iiber 20 Jahren ^hatte'
der Konig ihn schon zu seinem Generaladjutanten und zum General-
leutnant befordert, und, wollte man etwas bei dem Konig erzielen,
muBte man stets dafiir zuerst den machtigen Giinstling gewinnen,
der immer in der Nahe des Konigs war und seine Wohnung im
SchloB in unmittelbarer Verbindung mit den Privatgemachern des
Konigs hatte. In den Armen seines Freundes starb G u s t a f III.
im Jahrc 1792, von der Kugel eines Meuchelmorders auf einer Hof-
maskerado getroffen.
Im Jahre 1809 wurde Finnland von RuBland erobert, und mun
finden wir den schonen Monarchengiinstling wieder in der Geschichte
unseres Landes. Nach dem Tode Gustavs III. aus Schweden ver-
jagt, kam der schone A r m f e 1 1 nach vielen Abenteuern amoureuser
Art in die Dienste des fiir mannliche Schonheit nicht unempfind-
iichen russischen Kaisers Alexander I., der ihn zum Mmister
fiir finnische Angelegenheiten und zum Grafen ernannte. Finnland
hat diesem merkwiirdigen Manne zum groBen Teil seine autonome
Staatsform zu verdanken.
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Sohon einige Jahrzehnte nach der Vereinigung Finnlands mit
RuBland machte sich wieder ein Mann nicht nur als Wissenschaftler,
Astbetiker, Dichter, groBer Redner und Vaterlandsfreund bekannt,
soudern gleichzeitig duroh seine homosexuellen Neigungen. Dieser
Mann hieB Fredrik Cygnaeus, jedem Finnlander bekannt,
namentlich dnrch die nie zu vergessende Rede, welche er auf einem
akademischen Feste am 13. Mai 1848 hielt, von welcher Gelegenheit
die Erweckung der Nationalitatsgefiihle in Finnland ihren Anfang
nahm. Cygnaeus vereinte mit den Studenten nicht nur seine
Stellung als akademischer Lehrer, sondern es kamen auch viel in-
timere und zartlichere Bande in Betracht. Fast iibermiitig von
Natur bemiihte sich Cygnaeus nicht iibennaBig, seine Jiomosexu-
ellen Empfindungen geheim zu halten. Es verkehrte bei ihm die
Jugend frei und ungeniert imd ich glaube, daB noch von dieser Zeit
her das ziemlioh oifene Treiben einiger Homosexueller in den aka-
demischen Kreisen der Hauptstadt Finnlands, Helsingfors, herzu-
leiten ist.
Das jetzige Strafgesetz vom Jahre 1894 bestimmt ireilich,
daB, wer Unzucht mit jemandem desselben Geschlechts treibt,
mit Gefangnis bis zu zwei Jahren bestraft werden soil. Soviet
mir bekannt ist, ist jedoch dieser Paragraph, wenigstens nicht
in stadtischen Gerichten zur Anwendung gekommen. Auf dem Lande
hat zwar dann und wann auf Antrag ernes landlichen eifrigen Amts-
anwalts ein Ungliicklicher eine Strafe von einigen Monaten Gefangnia
bekommen, auch dies ist aber sehr selten vorgekommen. Die Recnts-
iehrer der Universitat Helsingfors haben auch in dieser Frage eine
ziemlich aufgeklarte Stellung eingenommen. Sowohl der jetzige Pro-
fessor des Strafrechts Dr. Allan Serlachius, wie schon sein
Vorganger, Professor Dr. J. Forsmen, haben die Ansicht ver-
treten, dafl die Homosexualitat zunachst als eine Abnormitat oder
krankhafte Erscheinung anzusehen sei, und daB es unsicher sei, ob
liberhaupt in solchen Fallen Strafbarkeit angenommen werden diirfe.
Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei finden es imter sol-
chen Umstanden angemessen, die Sache dem Privatantrag zu uber-
lassen.
Von manchen der angesehensten Manner des Landes ist es auch
]etzt mehr oder weniger publik, daB sie, keine Freunde von Wei-
bern, ihre Sympathien der mannlichen Jugend zuwenden. Die meisten
Leute nehmen keinen AnstoB daran. Man lacht ein wenig, und in
engeren Kreisen werden mehr oder weniger deutliche Witze gemacht.
Dabei heiBt es dann, gute Miene zu halten und mitscherzen. Ich
denke mir, daB diese freie Anschauungsweise daher kommt, daB die
Herreh, die jetzt in Amt und Wiirden sind, auch einmal jung waren,
und wareh sie einigermaBen hiibsch, mit den geschlechtlicnen Ge-
heimnissen des einen oder anderen Onkels „Farbror", wie sie ihn
nennen, vertraut wurden, somit wissen, wie harmlos die Sache doch
eigentlich war; manche denken sicher noch mit dankbarem Gefiihl
an den guten Alten, bei dem sie in der Studentenzeit ein zweites Heim
hatten, immer einen guten Rat und wohlwollende Stiitze finden konn-
ten und mit dem sie so manche angenehme und lehrreiche Stunde
verlebten.
In diesem Zusammenhange ist wohl zu erwahnen, daB in fast
alien mir bekannten Fallen der geschlechtliche Verkehr nur in mutu-
eller Onanie bestand, hoclist selten Fellatio von dem alteren an dem
jiingeren Freund ausgefiihrt wurde und Pedikatio in anum fast nie-
mals, wenigstens in diesen Kreisen, vorkam. Unter solchen Um-
standen ist auch zu verstehen, wie urnische Herren sich oft einer
groJJen Beliebtheit erfreuen konnten, so daB sie, wenn sie zur rech-
ten Stunde in einem von Studenten besuchten Restaurant erschienen,
von der ganzen Jugend mit Jubel und Gesang begriiBt werden konnten.
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Und dann ging es in starker Eolonne naoh Haus zu dem alien
Herrn, wo man noch bei Wein und Punsch bis zum grauenden Mor-
gen weilte. Da war das Gesprach fiir einen, der es zum ersten Male
mitmachte, oft sehr gewagt, und war der Student zu schiichtern und
angstlich, wurde er mit donnerndem Marsch in das Schlafzimmer
^eleitet. Von solchem wilden Anfang entstanden oft innige und
dauernde Freundschaftsverhaltnisse, die eine Bedeutung fiir das ganze
Leben des jungen Mannes batten. Weitere Studien wurden durch den
Beistand des Freundes ermoglicht und manche Scbwierigkeiten oko-
nomisober oder anderer Art beseitigt.
DaB unter solchen Umstanden die Gesellscbaft, in welcher es
so mancber in seiner Jugend mitgemacbt batte, die Sacbe nicbt so
streng verurteilte, ist zu versteben. Vor 1905, als Finnland nocb
eigenes Militar batte, war aucb der Betrieb in dem Park binter der
Gardekaserne in Helsingfors sebr bunt und ungeniert." >
Von der Verbreitung der Homosexual i tat ist bebauptet worden,
daB un^efabr 2,2 o/o der Menscbbeit ihr zugebore. Was die Haupt-
stadt Fmnlands, Helsingfors, betrifft, muB icb jedocb sagen, daB mir
diese Prozentzabl viel zu klein vorkommt. Mir allein sind ca. 200
reife bomosexuelle Manner aus den gebildeten Kreisen in Helsing-
fors bekannt. Wie viele sind auBerdem da, abgeseben von solcben,
die es kaum sicb selbst einzusesteben wagen, daB sie anders fiiblen,
als die Menge. Und dann noon die mittleren und niederen Scbicbten
der Gesellscbaft. Und die Frauen. Wiirden Sie die Fiibrerinnen
der Frauenbewegung in Finnland heranmarscbieren sehen, schon von
weitem wurden Sie den Typus erkennen, die bartigen, breitscbultrigen
Frauen mit ihren jungen Freundinnen.
In den nordlicben Teilen der skandinaviscben Halbinsel und
Finnlands leben die L a p p e n , welcbe eine eigene Nation bilden. Unter
ibnen soil aucb die Homosexualitat sebr verbreitet sein, und zwar
soil sie, wie man erzablt, mit religiosen Gebrauchen in Zusammen-
bang steben.
So bewegt sicb — scblieBt unser Bericbterstatter seine wert-
vollen Ausfiihrungen — in alien Landern, unter alien Volkern, das
menscblicbe Leben in denselben Kreisen. Und tiberall, mehr oder
weniger, liegt die verbangn is voile Verdammung liber uns, und wird
liegen, bis unwidersteblicb naturwissenscbaftlicb bewiesen wird, daB
die Homosexuellen nicbt nur „psychiscbe", sondern aucb biologiscbe
Hermaphroditen sind, in ibrer Zellenzusammensetzung anders be-
schaffen, als gewohnlicbe Manner und Weiber. Auf dem Wege exak-
ter Naturwissenscbaft soil unsere Ehrenrettung voll und ganz und
unbesiegbar kommen. Und wir warten — ."
Von den Balten war bereits oben kurz die Rede. Es diirfte
im baltischen Adel scbwerlicb eine Familie geben, die nicbt ein oder
mebrero urniscbe Mitglieder beberbergte. Viele Homosexuelle aus den
Ostseeprovinzen Ziehen es vor, ibren Aufentbaltsort im Ausland zu
nebmen, besonders sind Dresden, Wiesbaden, Paris und Italien bei
ibnen beliebt. Aucb der gegenwartig nachst Eeckhoud erfolgreicbste
Verfasser urniscber Romane, Pernauhm, ist, wie E. v. Kupffer.
Deutscbrusse.
Ein Aristokrat aus den Ostseeprovinzen schreibt mir :
„In den Adelsfamilien Liv- und Kurlands gibt es sebr viele
ecbte Homosexuelle (icb mochte dieselben auf mindestens 10 o/o
taxieren). fast ausnabmslos virile. In Estland scheint der Prozent-
satz kleiner zu sein, docb liegt dies vielleicht daran, daB die andem
Provinzen mit Estland weniger in Beriihrung kommen, und daher die
Homosexuellen dort unbekannter sind. Beim lettischen Volke finde
icb aucb viele Homosexuelle, und zwar mit stark femininem Ein-
scblag. Jedenfalls sind die Letten mit ganz geringcn Aus-
nahmen st^ts bereit, die Sacbe mitzuraacben. In den groBeren Stadten,
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wie Riga, Libau, Reval, Mitau, gibt es homosexuelle Treffpunkte.
die aber sehr schwach frequentiert sind, mit Ausnahme Rigas. Voa
den kleineren Stadten weiB ich nichts. Homosexuelle Prostitution ist
in Riga vorhanden, doch in bescheidenen Grenzen. Sie soil in letzter
Zeit gefahrlich sein. Vor zehn Jaliren war es auf dem sogenannten
Strich ganz sicher. In den biirgerlichen Kreisen — wie Literaten-,
Kaufmanns- und Handwerkerstaud — findet man auch haufig Homo-
sexuelle, doch scheint mir der Prozentsatz kleiner als beim Adel.
Da die zum Militar Einberufenen p,us dem lettischen und est-
nischen Tolke in die russischcn, und nicht in die hiesigen Garni-
sonen kommen, so weiB ich nur wenig von ihnen ; doch nach dem,
was j c li gehort, geben sie sich, wie fast a 1 1 e russischen Soldaten, Cge-
ringe Ausnalimen abgerechnet), gem den Homosexuellen hin. Be-
sonders in St. Petersburg bliiht der Verkehr der Homosexuellen mit
den Soldaten nicht weniger als in Berlin und Italien."
Die deutschrussischen Urninge haben mich in einer gewissen
Derbheit ihres Wesens irnmer am meisten an die der deutschen
Schweiz erinnert, aus der ich in Berlin und im Lande selbst
zahlreiche Homosexuelle kennen lernte. Hauptstatten homo-
sexuellen Verkehrs sind Zurich und Basel, Luzern und Bern,
denen sich in der franzosischen Schweiz Genf anschlieflt. Ob
ein Kanton Strafbestimmungen gegen die Urninge hat oder nicht,
hat nach tibereinstimmender Versicherung einheimischer Kenner
nicht den geringsten EinfluB auf die Betati^^ung, eher tritt in der
deutschen Schweiz, die noch Gesetze hat, der Uranismus ctwas
merklicher zutage, als in den franzosischen und italienischen
Landesteilen, in denen bereits seit langem keine Verfolgung
mehr existiert.
Kamentlioh an bestimmten Stellen der Quais am Vierwaldstiitter-,
Ziiricher-, Genfer- und Luganer See stoBt der fremde Urning stets auf
fleichempfindende oder zum Verkehr sich anbietende oder bereite
artner. Man konnte daraus folgern, daB der starke Fremdenverkehr
fiir den Uranismus in der Schweiz im wesentlichen verantwortlich
zu machen sei. Das wiirde aber ein Irrtum sein. Man muB allcrdings
in der Schweiz wie in Italien, Berlin und anderswo unterscheiden
zwischen dem homosexuellen Leben, das dem Reisenden entgegen-
tritt und das in der Hauptsache prostitutiven Charakter tragt und
dem urnischen Innenleben des Landes selbst, das sich fast nur dem
Eingesessenen offenbart. DaB es in der eidgenossischen Bevolkerimg
vielo Eingeborene gibt, denen auch die homosexuelle Anlage ein-
geboren ist, kann nicht dem mindesten Zweifel unterliegen. In Luzern
lernte ich drei Homosexuelle in mittleren Jahren kennen — zwei von
ihnen waren Vettern — die lange Zeit ein gemeinsamos Unternehmen
leiteten, ohne von ihrer gegenseitigon Veranlagung zu wissen. Eine
urnische Sammelstatte von internationalem Rufe ist ein Bahnhof in
der Schweiz. Man kann die Zahl derjenigen, die in seinen Hallen
Manuerbekanntschaften suchen, gering gerechnet, auf 20 000 im Jahr,
wahrend des Tages auf 60—70 Pers(men beziffern.
Trotzdem die Sexualheuchelei im Schweizer Lande der eng-
lischen nicht vi.el nachsteht, hat es eine Reihe von Mannern her-
vorgebracht, die sich um eine Besserstellung der Urninge groBe
Wrdienste erwarben, vor allem He in rich HoBli in Glarus,
der schon 1836, also zu einer Z ut, als in anderen Landern von
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einer Befreiungsaktion noch keine Rede war^ sich im ,,Eros"
mit grolitem Eifer der mannmannlichen Liebe annahm, zu dem
sich in unserer Zeit mehrere Schweizer Vertreter der exakten
Wissenschaf t, wie Caspar Wirz, August Forel und
Eugen Bleuler gesellten.
Vom Nachbarland der Schweiz, Tirol, ging mir der folgende
Bericbt zu : „Im „heiligeii Lande" Tirol, so genannt wegen der tief
eingewurzelten Frcimmigkeit der bauerlichen Bewohner, kann die Ubung
des gleichgeschlechtlichen Verkehrs in alien Schichten der Bevolke-
rung, die bauerliche nicht ausgenommen, als ebenso verbreitet gelten
wie irgend anderswo. Was das Leben und Treiben der Homosexu-
ellen in den Stadten wie Innsbruck, Bozen, Meran, Bregenz betrifft,
diirfte kein auffallender Unterschied im Vergleich mit anderen gleich-
groBen Stadten Osterreichs zu konstatieren sein. Wie iiberall gibt
es auch dort Promenaden (ebenfalls Striche genannt), welche des
Nachts, hauptsachlich in wiirmeren Jahreszeiten, von Einheimischen,
mehr aber von durchreisenden Fremden, frequentiert werden. Lokale,
in denen ausschlieBlich oder groBtenteils Homosexuelle verkehren,
gibt es nicht, wohl aber von Arbeitern und Soldaten stark besuchte
Kneipen, in denen sich Homosexuelle ihre Freunde suchen, die leicht
durch die Bezahlung einer Zecho fiir intimere Zwecke zu gewinnen
siud. Auch die offentlichen und Bahnhofstoiletten (in Osterreich
„Logen") sind Treffpunkte, wo sich aufgeklarte und unbewuCte Homo-
sexuelle zu finden pflegen, und zwar zu alien Tages- und Abendstunden.
Ein geselliger Verkehr unter Homosexuellen selbst kommt sehr selten
vor, die meisten, besonders solclie, welche eine gesellschaftliche Stel-
lung einnehmen, tracliten, ihre erotischen Geheimnisse moglichst vor-
einander zu verbergen. Die Ursache dieser angstlichen Reserve ist
in dem alien Verstandnisses baren Urteil zu suchen, das die spieB-
biirgerliche Klatschsucht der Homosexualitat und ihrer Betatigung
entgegenbringt. Um einen eventuell erweckten Verdaclit abzu-
schwachen, befleiBigen sich viele Urninge lebhaftesten Komodienspieles,
pflegen Verkehr mit Madchen und Frauen, und fallen dann nicht
selten bindenden Konsequenzen anheim, die zu einer Ehe wider Willen
flihren, unter deren Deckmantel sie aber bald wieder im Geheimen
dem angeborenen Triebe folgen. Im Fasching, hauptsachlich an Sonn-
tagen und in den drei letzten Festtagen dieser Zeit wagen sich einige,
von dem Verlangen geleitet, selbst einmal das Weib zu spielen, aus
ihrem Versteck heraus. Auf den Redouten in Innsbruck crschienen
in den letzten Jahren ca. 20 weibliche Dominos, deren Maske ein
mannJiches Gesicht, nicht selten Schnurr- oder Vollbart deckte. Eini-
gen Jugendlichen gelingt die Tauschung durch die Toilette und die
femininen Bewegungen so gut, daB ihnen ein Preis fiir die schonste
Weibermaske zufallt. Die Gelegenlieit sich beim Tanze an Manner
scbmiegen zu konnen, bereitet ihnen den erwiinschten GenuB. Der
Soldatenliebe huldigen hier viele Urninge, weil diese meist leicht
und harmlos zum Ziele fiihrt ; die relative AVeib- und absolute Gcld-
losigkeit verleiten den jungen Soldaten vom Lande fast stets, homo-
sexueller Werbung Gehor zu schenken. Stark verbreitet ist die mutu-
elle Masturbation in Mittel- und speziell Klosterschulen, wo nioht
selten Priester und Lehrer die Vcrfiihrer sind. Von 8 geistlichen
Professoren, die ich im IV. Kurse des Gymnasiums hatte, bin ich
heute von dreien iiberzeugt, daB eie homosexuell veranlagt waren,
und unter meinen Mitschiilem (ca. 30 — 35) kannte ich mehr als die
Halfte, von denen ich wuBte, daB sie unter sich sexuellen Verkehr
hatten, viele von diesen haben spater den priesterlichen Beruf ge-
wahltj den sie vielleicht in ihrer Abneigung gegen das weibliche Ge-
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scLlecht als ein Refugium betrachtet haben. Auch in der Land-
bevolkerung, in ganz entlegenen Talern sind Homosexuelle anzu-
treffen, die aber, weil ihnen selten ein Gleichgesinnter beeegnet, zu-
meist der Autoerotik verfallen, auch oft dem Drangen folgend hei-
raten, um sich dann fatalistisch in ihr Schicksal zu fugen. Viele
solcher bauerlichen Homosexueller ergeben sich dann dem Trunke und
finden darin Ersatz fur das ihnen versagte Liebesgliick. Der jugend-
liche, gesunde Bauernbursche ist vor und nach Emtritt der Pubertat
nicht schwer von einem Homosexuelle n, der mit ihm umzugehen ver-
steht, zum intimen Sexualverkehre zu bewegen, doch darf das Pra-
ludium nicht den Stempel der Liebeswerbung tragen, die ihn angst-
lich machen wiirde. Auf unauffallig kollegialer Basis gewinnt man
bald sein Zutrauen, die scheinbar absichtslose Gelegenneit des Zu-
sammenschlafens und die wortlose Werbung fiihrt am besten zxmi
Ziele. Auch nach Erreichung desselben darf mit ihm von Liebe nicht
fesprochen werden, es liegt in der Natur des Bauernvolkes, Gefiihls-
alte zu pflegen oder zu heucheln. Ein mir bekannter Zahnarzt ge-
wann in dem Orte, wo er seine Praxis ausiibte, einem Dorfe von
3000 Einwohnern, durch sein geselliges Talent, seine musikalische
Tatigkeit und seine Gastfreundschaft mehr als 60 der schonsten Bur-
schen, die seiner Gunst wegen oft in Streit gerieten und sich ihm
immer wieder mit gespielter oder wirklicher Leidenschaft hingegeben
haben, meistenteils ohne Geld zu fordern oder angebotenes anzunehmen.
Ein andrer Homosexueller war mit der Familie eines Bauern be-
kannt, der drei Sohne im Alter von 14 — 18 Jahren hatte, die alle in
einer Kammer schliefen; so oft der ^Freund aus der Stadt" zu Be-
such kam, stritten sich die Briider, in welchem Bett der Gast schlafen
sollte, jeder wufite vom andern, was er zu erleben wiinschte."
Ein Seitenstiick zu dieser Mitteilung ist die folgende aus dem
Salzkammergut, die uns mit dem Bilde eines homosexuellen
Freundespaares in landlicher Nationaltracht zuging. „Seit meiner
fruhesten Eindheit haben sich meine geschlecntlichen Vorstel-
lungen stets nur auf Manner bezogen, auch die Traume. Ich habe
noch niemals Lust gehabt, mit einem Weibe zu verkehren, trotzdem
ich vom Lande bin, 60 km siidlich von Salzburg und mich als sehr
hiibscher und starker Bursche der Nachstellungen des anderen Ge-
schlechts kaum erwehren kann. Ich bin infolge meines witzigen
Charakters iiberall sehr beliebt, und niemand ahnt, daB . . . Ich bin
Vorstand des Volkstrachten-Erhaltungs-Vereins und gehe stets in
Landestracht. Der auf dem Bilde neben mir stehende Bursche ist
mein Busenfreund und auch so veranlagt wie ich; er ist der einzige
Mensch, mit dem ich seit vier Jahren geschlechtlich verkehre. Mir
widerstrebt es sehr, mit mehreren zu verkehren, oder gar auf Antrage
von Herren, die ich so von heute auf morgen kennen lerne (leider sehr
zahlreich) einzugehen, um als Objekt ihrer Lustbefriedigung zu dienen.
Meine Landsleute, die Pongauer und Pinzgauer, finden an der gleich-
feschiechtlichen Liebe nichts so Grafilicnes, wie die halbzivilisierte
fenge in der Stadt. Das merkt man auch daran, daB die Salzbui-ger
Zeitungen beziigliche Nachrichten aus dem Pongau und dem Pinzgau
niemals bringen, trotzdem es bei uns sehr viel „Solche" gibt. Der-
artige Nachrichten riihren fast stets aus Ober-Osterreich, seltener
aus der Stadt her. Alle paar Tage liest man aber in den Grazer
Blattern bezugliche Falle: Ursache: die Mischlinge zwischen deut-
schem und slovenischem Blute sind eben die geborenen Denunzianten."
Wir brauchen uns die letzte Bemerkung, die auf Rech-
nung des in Osterreich so sehr zugespitzen Nationalitllten-
gegensatzes fallen dlirfte, nicht zu eigen zu machen, um die
Fakten des Einsenders selbst wertvoU zu finden. Oerade Oster-
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reich mit seiner starken Volkermischung zeigt, wie sich die homo-
sezuellc Anlage blutwenig darum ktimmert ob jemand Bosniake
oder Tzscheche, Kroate, Slovene oder Deutschnationaler ist. Im
Wiener Prater sehen wir sie allesamt durch ein Band geeint, das
stark genug ist, Sprach- und Stammesgegensatze zu tiber-
brlicken.
Ich babe bereits im Jahre 1901 in einer medizinischen Zeitscbrift
einen Artikel iiber „Die Homosexualitat in Wien" veroffentlicbt, i') in
dem icb die urniscben Sammelplatze der osterreicbiscben Metropole
scbilderte, namentlicb aucb jene internationale Attraktion, die Pra-
t o r i u s wobl mit Recbt als „das groBte bomosexuelle Bad" be-
zeicbneto 18). Icb erwabnte in jenem Artikel aucb, imd zwar war
dies V o r unserer deutscben Enquete, daU unterricbtete Gewabrs-
manner die Zabl der Wiener Homosexuellen auf 1 o/o der Bevolkerung
scbatzen. Wie Back mitteilt, sind es im Sommer besonders idie
in der Nabe Wiens befindlichen Kurorte Baden und Voslau, in
deren Parkanlagen sicb abends ein reger bomosexueller Ver-
kebr entwickelt. Fiir das internationale Urningtum bat Wien
dadurcb eine bobe Bedeutung gewonnen, dafi es die Wirkungsstatte
Krafft-Ebings war. Dieser babnbrecbende Sexualf orscber batte
zwar scbon vorber in Graz und Prag (1873 — 1889) seinen Weltruf be-
griindet, aber erst von 1889 — 1902, als er in Wien lebrte, stromten zu
ibm die Homosexuellen aus alien Lander n der Erde. Aus ibrer person-
lioben Bekanntscbaft gewann Krafft-Ebing immer mebr die Uber-
zeugung. daB bei ibnen nicbt nur nicbt von v erbrecben und Laster
— dariiber war er sicb bald klar geworden — sondern aucb nicbt ein-
mal von Krankbeit die Rede sein konne.
Osterreich geh5rt zu den ganz wenigen Landern, in denen
gegenwHrtig auch noch „die widernatlirliche Unzucht" unter
Frauen mit Strafe bedroht ist, docb ist seit Jahrzehnten kaum
noch ein Fall bekannt, in dem dieses Gesetz in Anwendung ge-
bracht wurde. Ein osterreichiscber Gewahrsmann entwirft von
den homosexuellen Verbaltnissen seines Landes folgende instruk-
tive Schilderung:
„€ber die Verbreitung der Homosexualitat in Osterreicb und
seinen Eronlandern laBt sicb ein abscblieBendes Urteil insofern nicbt
fallen, als durcb den gebeimen Terror vor dem iiberall sicb dokumen-
tierenden Polizeigeist ein groBer Teil der Homosexuellen in strenger
Zuruckgezogenbeit lebt. Soweit gewisse Indizien, Nacbforscbungen
und Betracntungen es gestatten, kann aber immerbin fiir Wien ein
mit Berlin „prozentual iibereinstimmendes Verbaltnis angenommen
werden. Dem Anscbeine nacb stellen die Gebildeten das groBere Kon-
tingent, docb diirfte dies nur ein TrugscbluB sein. Im Volke, wo
die prekaren Subsistenzverbaltnisse ein gut Teil der Jugend der Prosti-
tution zufiibren, tritt die angeborene Homosexualitat weniger deutlicb
in den Vordergrund, sie verliert sicb im Gesamtbilde der spekulativen
gleicbgescblechtlicben Betatigiing, die sicb alien Erlassen und Ver-
Doten zum Trotz ziemlicb breit macht. Aucb darin balten Wien und
die ubrigen Landesbauptstadte fast gleicben Scbritt mit anderen GroB-
stadten. Wir finden da dieselben Treffpunkte: Offentlicbe Garten,
") Hirscbfeld, Die Homosexualitat in Wien, Wiener kli-
niscbe Rundscbau Nr. 42. 1901.
") Jabrb. f. sex. Zwiscbenst., Bd. IV., P. 799.
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Volkskeller, Bader, Uferproinenaden, Bediirfnisanstaltea, unverbaute
IMatze. mehrere StraCen etc.
IJnter den hiesigen Urningen trifft man nicht iibermaCig vielc
Effeminierte, namentlich im Rahmen der Prostitution prasentieren
sich beinahe vorwiegend virile Erscheinungen. Es ist dies um so er-
klarliclier, als die meisten jener Manner, die sich in gewinnsiichtiger
Weise fiir homosexueUe Zwecke hingeben, normal veranlagt, sogenannte
„franke Burschen" sind. Effeminierte haben wenig Succ^s und noch
weniger Urninge. Beziiglich des sexuellen Verkehrs mit letzteren
aufierte ein Homosexueller : „Schwestern unter sich, pfui, das ware ja
Blutschandel" Die umworbenste Personlichkeit ist und bleibt der
Soldat, weil abgesehen von dem bestechenden Eindruck seiner kleid-
samen Uniform, die Berufsart ziemlich sichere Gewahr vor erpresse-
rischen Ausschreitungen und dergleichen bietet. Der Soldat seiner-
seits, in richtiger Erkenntnis der Gefahr und UnverlaBlichkeit eines,
wenn auch noch so raffiniert betriebenen Strichlebens, strebt mit alien
Kraften ein dauerndes Verhaltnis an. Viele unter ihnen finden
iibrigens darin ein Surrogat fiir jene normalen Geniisse, die ihnen aus
unterschiedlichen Griinden oft schwer erreichbar sind, mitunter nicht
einmal wiinschenswert erscheinen. Allerdings darf der Begriff
„daujernd" nicht zu streng aufgefaCt werden. Waren die Beziehungen
auch noch so innige, vom Hauche wahrster Zuheigung verklart, so endet
trotzdem fast stets mit der Abriistung des Mannes das mehrjahrige
Freundschaftsbiindnis. Man trennt sich unter gegenseitiger Versiche-
rung einer liebevollen Erinnerung, eines Briefwechsels ohne es damit
ernst zu meinen. Ist der Soldat ins Zivilleben zuriickgekehrt, erwecken
diese Reminiszenzen meist peinliche Gefiihle in ihm, er wird sprode
und tut nicht selten „entriistet".
Was die der Prostitution zugehorigen Zivilpersonen betrifft, re-
krutiert das Gros sich aus den bekannten Durchschnittstypen, aus
Individuen ohne jegliche Berufsart, verkrachten Existenzen, abee-
straften Jungens, die nichts mehr zu verlieren haben, vagierenden
Kommis und Arbeitern. Wollte man spezialisieren, so lieBen sich even-
tuell folgende Kategorien als besonders vertreten anfiihren: Kellner,
Schankburschen, Scnriftsetzer, Backer, Maler, Fleischhauer und die
diversen Hilfsarbeiter. Zivilisten sind indes weniger gesucht, da ihnen
das Odium der bis zum Erpressen moglichen Geldgier anhaftet.
Auflerst schwierig gestaltet sich der Einblick in das gleichge-
' schlechtliche Leben der Frauen. Offentlich werden Faile von Tribadie
nie verlautbart. Bei der Hochverehrung, welche das Weib hierzulande
geniefit, erfahren derartige Vorkommnisse keinen Tadel, geschweige
denn eine Bestrafung. Der Wiener geht sogar in krassesten Fallen mit
den beschonigenden Worten „Verriickte Frauenzimmer" zur Tagesord-
nun^ liber. Damit ist die Sache fiir ihn erledigt. Zweifellos haben die
Urninden ebensolche Treffpunkte wie die Urninge. Bekannt sind in
Wien nur zwei Caf6-Meiereien der inneren Stadt. Wer iibrigens nicht
mit verbundenen Augen und Ohren in unserem Lande lebt, der gewinnt
bald ein klares Bild auch in dieser Richtung. Hier wimmelt es von
Masseusen, weiblichen Gesangskomikern, weiblichen Abteilungsvor-
standen typischen Aussehens, mit kurz geschorenem Haar und mann-
\ lichem Einschlag in der Kleidung, Gesellschaftsdamen usw. Wir hatten
j unter anderem lange Jahre einen stadtbekannten weiblichen Omnibus-
/ Expediter und in letzter Zeit sogar einen weiblichen Jockey bei den
I Pferderennen in Budapest. Sichere Anzeichen sprechen fur eine vor-
l sichtige Restringierung der Tribadie in streng interne Kreise, trotzdem
\ der Urninde die Moglichkeit sich auszuleben hierzulande viel leichter
\ ist als dem Urning, denn abgesehen von der nachsichtsvollen Beur-
\teilung, die ihr vorweg gesichert erscheint, erwecken ihre Entre-
\prisen keine besondere Aufmerksamkeit in der, liber weibliche Homo-
texualitat fast gar nicht aufgeklarten Offentlichkeit. Die raannmann-
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liche Liebc hingegen ist hier jedermann bekannt und begegnet p,l8 i
unduldsames, verpontes Laster dermaBen der Anfeindung, dafi selbst
Personen, die der Sache ganzlich fernstehen, sich verpflichtet fiihlen,
Detektiv zu spielen und unklare Konnexionen, ja selbst harmlose
Zusammenkunfte von nicht gleichaltrigen Freunden unter KontroUe zu
stellen, eventuell nachzuforschen und die Polizei zu verstandigen.
Auf dem Gebiete der Neugierde, Spionage und Denunziation wird in
Osterreich schier das Unglaublichste geleistet. Es geniigt, wenn bei-
spielsweisc ein alterer Herr einen jungen Burschen auf der StraBe um
irgend welche Auskunft bittet, daB mehrere Voriibergehende stehen .
bleiben, zuhorchen und beim Weggehen den Jungen fragen, was der I
Herr von ihm gewoUt hat. Der Wachmann besitzt den Homosexuellen '
gegeniiber carte blanche. Er kann in Fallen, die ihm, beziehungsweise
seiner Phantasie, halbwegs zweifelhaft erscheinen, unverziiglich ein-
schreiten. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie im Stadtpark
am hellen Tage zwei distinguierte Herren, ohne unmittelbare Veran-
iassung vou einem Wachmanne coram publico zur Ausweisleistung
verbalten wurden. Einem jungen Burschen, der tatsachlich nicht
homosexuell ist, wurde von einem Wachmanne der Stadtpark verboten,
weil er langere Zeit am Ufer des Teiches stehend, plotzlich einen neben
ihn befindlichen Herrn frug, wie spat es sei. Ein anderer meiner Be-
kannten erzahlte mir, es habe sich eines Tages in einer Tabak-Trafik
spontan ein Wachmann vor ihm aufgepflanzt, ihm acharf ins Ge-
sicht gestarrt und gesagt er miisse iiber hoheren Auftrag seine Fhysio-
enomie in Vormerk nehmen. Ich selbst wurde einmal, als ich ahnungs-
los im Prater aus einer Au trat, in der ich ganz allein spazieren ge-
gangen war, von zwei Wachmannern, die, man hore und staune, im
liaufschritt herbeikamen, eneigisch inquiriert, mit wem ich im Ge-
holze gewesen sei.
Solche Falle lieBen sich an Hunderte erzahlen. Grotesk an der
fanzen Sache ist, daB ungeachtet dieses drakonischen Vorgehens der
'olizei, ihr lustig die Nase gedreht wird. Wahrend sie die Homo-
sexuellen aufs Korn nimmt, tummeln sich Plattenbriider, Erpresser,
mannliche und weibliche StraBenhuren des Abends unbekiimmert und
irech auf den Strichplatzen um sie herum. Selbstredend ist sie im
Besitz einer bis in hochste Kreise hineinreichenden Nomenklatur.
Kommen Fakten vor Gericht, werden sie weidlich ausgeschrotet.
Das gerichtsarztliche Gutachten konstatiert fast stets voile Verant-
wortlichkeit. Natiirlich! Osterreichs medizinischer Schule war es ja
vorbehalten, eine Koryphae zu schaffen, jenen bekannten Professor
Benedikt, der in kritikloser Verkennung einer Naturanlage, die Homo-
sexuellen als Verbrecher stigmatisiert und zur Befreiung der Welt
von diesen Scheusalen, deren Kastrierung oder Internierung in einem
Narrenhause empfiehlt. Aber selbst in den seltenen Ausnahmsfallen
wo unwiderstehlicher Zwang oder verminderte Willenskraft diagnosti-
ziert wird, erfolgt erbarmungslos Verurteilung. Als ich vor einicen
Jahren Gelegenheit hatte, mit einem Oberlandesgerichtsrate dariiber
zu sprechen, sagte er mir: „Wir wurden angewiesen, uns nicht durch
freisprechende Erkenntnisse in Gegensatz zur Berufungsinstanz zu
setzen, welche dieselben prinzipiell kassiert." tTberfliissig, zu be-
tonen, daB infolgedessen die Chantage hier iippig bliiht.
Hat man solchermaBen einen Vorgeschmack von der Tendenz
osterreichischer Judikatur empfan^en, wird es nicht Wunder nehmen,
zu horen, daB die gleiche Gerechtigkeit in bezug auf das Motiv, auch
hinsichtlich des Angeklagten obwaltet. Ist es ein Mann aus dem
Volke oder dem Mittelstande, dann weh* ihm. Ist es ein Mann von
Rang und Namen, dann mogen wohl die Schillerschen Verse ange-
bracht sein :
„Ihm diirfen wir nicht rachend nah'n,
Er wandelt frei des Lebens Eahnl"
Hirschfeld, HomosexualitSt. gg
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Bei der Weltfremdheit unserer Richter, deren auswendig gelernte
Wissenschaft anlaClich solcher Falle ihre ganze Hilflosigkeit erweist,
kann die Rechtspflege nicht anders beschaffen sein. Nicht umsonst
sagt der bekannte Satiriker und Publizist Karl Kraus: „Ieh bin ea
miide. osterreichische Richter in Sexualfragen aufzuklaren I"
Gebaut auf dieser Basis, kann das neue Strafgesetz we nig Er-.
freuliches bringen. Allenthalben und stets liort man nur von der
Riicksichtnahme auf die offentiiche Meinung, auf das Volksempfinden
sprechen. Als ob dieses Argument bei anderen sozialen Fragen je-
mals in Erwagung gezogen wiirde. Demgegeniiber verhalten sich
OsteiTeichs Homosexuelle vollig passiv. Der gebildete Wiener mit
seiner eigenartigen Exklusivitat, die die an ihm besimgene Ge-
miitlichkeit griindlich ad absurdum fiihrt, zeigt aucli in dieser
Interessensphare, speziell dort, wo es sich um die Verfolgung
idealer Ziele, um gemeinsamen Sinn und gemeinsame Tat handelt,
dieselbe hart an Egoismus streifende Tendenz, unbeschadet der trau-
rigen Tatsache, daB hierdurch dem Gegner eminenter Vorschub ge-
leistet wird. Alle Bemiihungen, sie aufzuriitteln und die Empfindung
der Zusammengehorigkeit zu wecken, blieben erfolglos. Nach wie vor
gelit jeder seine eigenen Wege und kiimmert sich des Teufels um das,
was die Zukunft bringt. Erst ganz neuerdings wird von der Jiildung
einer „M' i s sens c haft li c h - h uman i tare n Gescllschaft
berichtet, die nach deutschem Muster auf Gesetzgebung imd Bevol-
kerung aufklarend wirken will.
Wie der aus Deutschland (Mannheim) stammende K r a f f t -
E b i ng in Osterreich fiir die Urninge. wirkte, so war kurze Zeit nach
ihm ein Osterreicher fiir seine verfolgten Briider in Deutschland tatig,
iiidem erj durch Wort, Schrift imd Tat den Kampf aufnahm, den die.
W^issenschaft fiir ihre Rechte begonnen hatte : Hermann Freiherr
von T e s c h e n b e r g i^), gemeinsam mit Leo Pavia, Verdeutscher
Oscar AVildes.
Mil dem Namen Wildes kommen wir zu der zweiten
groBen Landergruppe, die wir in bezug auf den Uranismus
einer kurzen Betrachtung unterziehen wollten, der angel-
sachsischen, in erster Linie zu England. Audi won
Britannien haben manche viel gereiste Uranier behauptet, daO
es das homosexuellste Land der Welt sei. Es dlirfte schwer
halten, dies zu 'beweisen, daB aber der Uranisums dort bei beiden
Geschlechtern sehr weit verbreitet ist, darf als sicher gelten.
Wer es bezvveifelt, lese die vortreffliche Artikelserie von I. L.
Pa via 20) iiber: Die mannliche Ilomoscxualitat in England. Sehr
viele seiner Angaben habe ich auf einer dreimaligen Studienreise nach
England und Schottland unter Fiilirung englischer Experten dmch
eigeno Anschauung bestiitigt gcfunden.
Ziemlich ausfiihrliche Schilderungen aus dem englischen Urnings-
leben finden sich auch schon bei U 1 r i c h s , namcntlich in Memnon -i).
Besonders wird der ausgedehnte homosexuelle Bekanntenkreis eines
P) Cf. Vierteljahrsberichte des wissenschaftl.-hum. Komitees.
III. Jalirg. p. 243.
20) I. L. Pavia, Die mannliche Homosexualitat in England
mit besonderer Beriicksichtigung London*. Ein Beitrag zur Sitten-
geschichte, In „Vierteljalirsberichte des wissenschaftlich-humani-
taren Komitees" I. Jahi^. 1909. p. 3G2— 378 ; 11. Jahrg. 1910, p. 18— iL
397—408: III. Jahrg. 1911, p. 32—49, 1G6— 181, 297—316. .
21) L. c. p. 137.
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„jungen englischen Urnings der distinguiertesten Kreise", der „Viola
genannt wurde, beschrieben. In einem vom 12. Januar 1868 datierten
Sriefe an Ulrichs heiCt es : „Das urnische Leben in London ist
iiber jede Vorstellung. In einem luxuriosen Cafe chantant, das haupt-
sachlich von 11 — 1 TJhr nachts stark besucht ist, sind ganze Tische
nur von Urningen okkupiert. In der City besteht ein Klub junger
Kaufleute, in den ich zweimal als Gast eingefiihrt ward. Hier ist-
Uranismus so stark vertreten, daU er die Kegel bildet, einen Dioning
zeigt man sich heimlich mit den Fingern." Ulrichs fiigt hinzu:
„England, nm den Uranismus auszurotten, bedroht Urningsliebe jetzt
gesetzlich mit 15 Jahren schweren Kerkers, etwa Zuchthaus. Alle
Natur s p o 1 1 e t der Barbarei."
Im Grunde genommen ist es freilich in England, von geringen
Modifikationen abgesehen, dasselbe Bild wie iiberall. Was in Wien
der Prater, ist in London der Hydepark, der Union Square New Yorks,
heifit hier Leicester Square, die Pariser Alhambra nennt sich an der
Themse Colosseum, die Promenaden von Ostende befinden sich am
Strando von Brighton, die Horse- und Footguards vertreten die Leib-
und Lieblingsregimenter anderer GroBmachte, Plymouth ist Kiel und
was in Frankreich Chanteur, in= Deutschland ' Preller heiBt, wird in
England Renter genannt. Einer der groCten Sammelplatze internatio-
naleu Urningtimis ist am Marble Arch in London. Wahrend die Dak-
tylisteu bei den Meetings des angrenzenden Hydeparks auf ihre
Kosten kommen, suchen die Visionisten und Exhibitionisten die unter-
irdischen Bediirfnisanstalten auf, vor allem aber treffen sich die Sol-
datenfreundc in den benachbarten Bars, in denen das Angebot der
Life- und Foot-Guards die Nachf rage meist weit iibersteigt. Da man
ipilitarische Lokalverbote in England nicht kennt, sind es schon seit
Jahrzehnten dieselben „Inns** (Restaurants), in denen Soldaten ;Und
Homosexuellc Freundschaft schlieUen.
Charakteristisch fiir engiische Homosexuelle ist eine Form der
Betatigung, die uns den Ansdruck „stumme Siinde" verst^ndlich macht.
Sie besteht darin, daC sich. im Gedriinge zwei mannliche oder auch
weibliche Personen wechselseitig betas ten und masturbatorisch voU-
kommen befriedigen, ohuje daB auch nur eine Silbe gewechselt, ja,
bhnc daC kaum eine Miene verzogen wird. Fremd wie vorher gehen
feeidc post actum ohne GruB voneinander.
Ein Deutscher erzahlte mir, daC er einmal nach einem solchen
Verkehr den partner gefragt hatte, ob sie nicht ein Glas Bier zu-
sammen trinken woUten, worauf er die lakonische Antwort erhalten
hatte: ,.No, Sir."
Auf der Galerie und im Parterre einiger Vari6t6s treffen isich
an manchen Abenden Hunderte von Homosexuellen ; die Vorgange
auf der Biihne keines Blickes wiirdigend, kniipfen sie entweder jiur
Bekanntschaften an, oder geben sich in ausgedehnter Weise, begiin-
stigt von der Dunkelheit und dem Gedrange, dem tactus genitalium oft
nach beiden Seiten hin. Ganz dem gleichen Zwecke dienen die
Meetings im Hydepark. Wahrend hier ein Methodistenprediger mit
flteigender Begeisterung das 'Reich Gottes preist, und neben ihm Man-
ner und Frauen der Heilsarmee fromme Hymnen erschallen lassen,
umdrangen sie Leute, deren verziickte Gesichter durchaus nicht immer,
'Wie man zuerst meint, religiose, sondern vom Nachbarn ausgeloste
^rotische Lustgefiihle widerspiegeln ; ats aber einmal ein Redner an
dieser selben Stelle auftrat, an der man sonst iiber, fiir und gegen
ailes spreohen darf, um mit sachlichem Ernst das homosexuelle Pro-
blem zu erortern, wurde er vom PuWikum verhohnt und von der.
Polizei entfernt. Das ist England, das noch in unseren Tagen seinen
^lanzendsten Dichter die Tretmiihle treten liefi fiir eine Handlung,
•die taglich dort Tausende ungestraft begehen, England, das einem
jHavelock Ellis die • Herausgabe seiner streng wissenschaftiiehen
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psychosexuellen Studien in der Heimat umnoglich machte, ja, dessen
Britisches Museum sich weigert, sie auch nur in seinem Katalog auf-
zufiihren ; England, in dem auch die von einem arztlichen Kollegen
verfafite Dbersetzung meiner „Geschlechtsiibergange" nicht erscheinen
konnte, . dessen Privatgesellschaften, einschlieBlich der „so-parties"
aber nur zu oft in ungeziigelte Orgien ausarten, bei denen der Ent-
bloCungs- und Schautrieb in gleicher Weise befriedigt wird, und in
dem einmal ein Mediziner, mit dem ich die homosexuelle Frage er-
orU^rte, antwortete: „Hier kann man selbst mit Arzten oder Juristen
nicht uber die sexuelle Frage sprechen, entweder haben sie einen
Eke I oder eine Erektion." Wenn man eine engliscbe Gerichtsver-
handlung verfolgt, die eine homosexuelle Begebenheit zum Gegen-
stande hat, kann man oft beim besten Willen nicht unterscheiden,
ob man es bei den Kechtsvertretern mehr mit einer Weltfremdheit
oder bewuBter Heuchelei zu tun hat. Bei einem ProzeB in Old Bailey,
dem ich beiwohnte, waren zwei typisch Homosexuelle angeklagt, die
von einem Polizisten ertappt waren, als der eine the person des
anderen, so bezeichnen die englischen Richtsr euphemistisch das miinn-
liche Genitaloi^an, in der Hand hielt. Der Verteidiger fiihrte aus,
der Polizist hatte die Situation vollig verkannt, der eine Angeschul-
digte ware betrunken gewesen, und hatte sich infolgedessen seine
Kleider nicht allein ordnen konnen. Lediglich dabei ware ihm der
andere behilflich gewesen. Sie wurden freigesprochen. Ebenfalls
Freispruch erfolgte in einem anderen Falle, in dem mehrere Homo-
sexuelle in Frauenkleidern festgenommen waren. Bei dieser Gelegen-
heit meinte der Staatsanwalt : bisher ware England ja noch gliicklicher-
weise von dieser kontinentalen Pest — er meinte die Homosexu-
alitat — verschont geblieben. Kommt es zu einer Verurteilung. so
sind die Strafen furchtbar streng. Noch bis zum Jahre 1861 stand
auf Pedikation (Buggery) die Todesstrafe, bis 1891 lebensliingliches
Zuchthaus. Seitdem trat eine Milderung ein, die dem llichter ge-
stattet, bis auf wenige Jahre Zuchthaus herabzugehen, immerhin nucb
genug, wenn man bedenkt, daB die Handlung im Jahre 1533 von dem
zum Protestantismus iibergetretenen Heinrich VIII. (1509 — 1547)
iiberhaupt erst zum Verbrechen gestempelt wurde. Die Verbesserungen
auf der einen Seite wurden durch Verschlimmerungen auf der andereu
Seite mehr als ausgeglichen. Wahrend bis 1885 nur der aktive und
passive coitus analis strafbar waren — auch immissio in os gait
nicht als buggery — wurde von diesem Jahre ab durch die Criminal
Law Amendment Act: „Jedes mannliche Wesen, welches offentlich
oder im Geheimen irgend einen Akt der groben Unzucht mit einem
mannlichen Wesen begeht, dem Begehen Vorschub leistet, oder es
bewerkstelligt oder zu bewerkstelligen versucht", mit einer Kerker-
strafe bis zu zwei Jahren bestraft. Nach diesem neuen Gesetz wurde
10 Jahre nach seiner Einfiihrung (25. Mai 1895) auch Oscar Wilde
abgeurteilt. Die Strafe, die er erlitt, zwei Jahre imprisonment with
hard labour, war idie hochst zulassige, da sie „ein Maximum von
Arbeit mit einem Minimum von Essen" verbindet. Es kommt nicht
selten vor, daB Verurteilte bitten, ihnen diese zwei Jahre Kerker
giitigst in drei Jahre Zuchthaus umwandeln zu wollen. Die abscheu-
lichste Einrichtung im englischen Gerichtsverfahren sind aber die
auch fiir Homosexuelle sehr verhiingnisvollen Kronzeugen, die Kom-
plizen des Angeklagten, denen Freispruch zugesichert wird, wenn sie
gegen mitschuldige Tater die Wahrheit eingestehen. Sie spielten auch
in Wildes Scnulfall eine entscheidende Rolle. Mit oerechtigter
Emporunjg ruft Pa via aus: „So muBte der ungliickliche Oscar
W i 1 d e eine Kerkerstrafe von fast zwei jahriger Dauer erleiden, wah*
rend die Erpresser und Lumpe, die als Kronzeugen gegen ihn aufge-
treten sind, obwohl sie ihre friiheren Erpressungsakte und ihren ge-
schlechtlichen Verkehr mit Wilde zugaben, ganz frei davon-
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Isamen/'^^) Die Grausamkeit der englisohen Gesetze ist um so grofier,
a)3 mit achweren Zuchthausstrafen bestraft wird, was viele Tausende
taglich ungestraft tun, dena die schweren Strafandrohungen *') hindern
weder die reichen Uminge in West- nooh die armen in East-London,
noob die in den Provinzen sich aus^edehnt homosexuell zu betati-
gen. WoUte oder konnte England dieienigen, die sich niir an ein-
zigen Tagen gegen die antihomosexuellen BestimmunRen vergehen,
ernstlich zor Rechenschaft Ziehen, es miiBte fiir ihre IJnterbringung
auvor mindestens 100 neue Gefangenanstalten bauen.
Die „Con8>piration of silence'", die seitens der Presse, Publi-
kum und Polizei gegeniiber dem Urningtum in England herrscht,
wird nur alle paar Jahre einmal — und das ist schon seit JaJir-
hunderten so — von einem Skandal unterbrochen, der wie ein
greller Blitz das Schlachtfeld beleuchtet, auf das sich alsbald
wieder scheinbare Grabesruhe senkt.
Zwei der letzten Falle betrafen Prinzen von Braganza 2*).
Der eine hatte sich wahrend der Kronungsfeierlichkeiten im Jahre 1902
abends spat mit drei Burschen in ein beriichtigtes Quartier nach
Southwark be^eben — ich sah selbst das sehr obsknre Haus. Der Por-
tier, duroh die ele^nte Soir6etoilette des Fremden aufmerksam ge-
macht, bohrte ein Loch in die Zimmertiir des Mieters und rief die
P-otizei herbei, die den Herzog voUig entkleidet iiberraschte. Er wurde
aus nicht vollig aufgeklS,rten Griinden frei^esprochen, wahrend die
drei Burschen Kerkerstrafen erhielten. Weniger gut kam der andere
Braganza 2^), ein 59 jahriger romisch-katholischer Priester fort,
dessen Fall sich 10 Jahre spater zutrug. Er hatte sich an einem
jungen Diener Preston ver^angen, der kurze Zeit bei ihm be-
schaftigt war. Ein anderer Diener, vermutlich ein Erpresser, erstat-
tete die Anzeige. Trotzdem der Herzog, der 16 Jahre lang auf St.
Helena unter groBter Anerkennung als Priester gewirkt hatte, die Aus-
sagen des Jungen bestritt, lautete das Urteil auf 10 Jahre Zucht-
haus. Bei Prozessen wie den beiden letztgenannten sprechen die
englischen Richter und Zeitungen gem von den durch Fremde ein-
geschleppten, dem englischen Temperament so fern liegenden Lastern,
eine puritanische Uberhebung, wie sie unberechtigter und krasser
gar nicht gedacht werden kann, konnte man doch eher im GegenteiJ
behaupten, daB die Englander die Homosexualitat ins Ausland tragen,
denn Paris, Florenz, Nizza, Kairo und andere Platze wimmeln von
englischen Urningen, die sich vor den Gesetzen und zahlreichen Er-
presseru ihrer Heimat fliichten.
In letzter Zeit mehren sich die Zeichen, daB auch in Eng-
land die starke Mauer scheinheiliger Voreingenommenheit, die
zwischen der theoretischen Wissenschaft und der jraktischen
«2) L. c. p. 405.
«8) Wilde hat in der „Ballad of Reading Gaol" diese „hard
labour" mit erschreckender Plastik wiedergegeben :
„We tore the tarry rope to shreds
With blunt and bleeding nails ;
We rubbed the doors, and scrubbed the floors,
And cleaned the shining rails:
And, rank by rank, we soaked the plank
And clattered with the pails."
«*) Cf. Jahrb. f. sex. Zw. Jahrg. V. Bd. 2. p. 1267 ff. 1903.
«&) Cf. Vierteljahrsberichte, Jahrg. III. p. 456 ff.
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Befolgung ihrer EtrungenSchaften steht, ein wenig ins Wanken
ger.at. E.s ist auch kaum andars denkbar, dafi die Saat, die
Westermarek, Ellis, Carpenter und vor allem Dar-
win aus<^estreut haben, iiber kurz oder lang selbst auf dem
steinigeii Boden Englands Friichte zeitigen wird. Ein vielver-
sprechender Anfang war die anlaBlich des internationalen Arzte-
kongresses in London 1913 von mir veranstaltete Ausstellung
der „sexual transitions*' (Gesehlechtsubergange), die zehn Jahre
zuvor noch kaum ausftihrbar sich nun im Imperial college of
Bcienco and technology des Interesses und, der Anerkennung
weitei* Kreise zu erfreuen hatte.
Noch um einen Grad versteckter als im U n i t e d Kingdom
spielt sich das homosexuelle Leben in den United States ab.
So konnte ich bei einem' Besuche von Philadelphia und Boston
kaunl etwas von Homosexualitiit wahrnehmen, wahrend mir
Besucher aus jenen Stadten spater versicherten, dafi in diesen
Zentren der Quaker und Puritaner in intimen Kreisen ^,kolos-
sal viel los" sei. Immerhin unterscheiden sich die Vereinigten
Staaten insofern vorteilhaft von dem vereinigten Konigreich,
als in ihnen der wissenschaftlichen Literatur iiber die Homo-
sexualitat ein etwas freierer Spielraum gegeben ist, mehr als
ein Manuskript wanderte von England iiber den Atlantischen
Ozean, um in Amerika einen Verleger und Drucker zu finden,
auch die Gesetze sind weniger drakonisch als im Mutterlande,
doch sind die Vorurteile und die Unwissenheit immer noch stark
genug. Dabei liegen sichere Anhaltspunkte vor, dafi schon in
der indianischen Urbevolkerung der Uranismus bekannt war,
und dafi unter den vielen Volkern, die sich in dem grofien
Schmelztiegel Amerikas gemischt finden, nicht eines ist von den
Yankees und Deutschen bis zu den Negern und Chinesen, das
frei von Homosexuellen ist. Hat doch so mancher urnische
Offizier und Beamte, dem der europaische Boden zu heifi unter
den FiiCen wurde, so mancher Kaufmann und Akademiker in
der neuen Welt ein neues Leben begonnen, ohne damit den alten
Menschen zu andern, an dessen Eigenart alsbald nach seiner
Landung im Zentralpark von New York dieselbe Versuchung
herantrat, wie in der Heimat.
Der Prozentsatz unter den Eingeborenen diirfte dem unter deu Ein-
wanderern wenig nachgeben. Erst vor kurzem muBte ein Admiral
der pazifisclien Flotte seinen Abschied nehmen, weil seine Homosexu-
alitat offenkundig geworden war. Im allgemeinen scheinen allerdings
Jiorccsexuelle Skandalaffaren weniger haufig vorzukommen als in em*o-
paischen Staaten. Dagegen berichten die amerikanischen Zeitungen
ungewohnlich oft von Mannern, die in Frauenkleidcrn und Frauen,
die iii'Mannerkleidern aufgegriffen wurden. Oft sind diese Mitteilun-
gen und Vorkommnisse sehr kurios. So muBte ein Mann, der nicht
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davon lassen konnte, als> Frau zu gehen, auf seiner Taille ein Schild
toit der Aufschrift tragen: „Ich bin eiti Mann"26). .., ,
Wenn auch nichit alle, so sind doch.'ein grofier Teil. der ameri-
kanischen Transvestiten homosexuell. In Chicago wurde mir auf der
Clark Street ein Negermadchen vorgestellt, hinter der siclj ein mann-
licher Prostituierter verbarg. Zwei andere Transvestiten dagegen, die
ich personlich kennen lernte. aus San Francisco und New York, waren
heterosexuell. Auch stark vergeistigte Homosexualitat ist. in Ame^
rika haufig; ein gutes Beispiel bietet der Dichter der tameradenliebe,
Walt W h i t m a n , den B e r t z den „Yahkee-Heiland" . nannte. . In
einer seiner Dichtungen sagt er:
Ich bin verliebt in das Dasein unter freiem Himmel,
In Milnner, die mit dem Vieh leben oder den Hauch des Ozcans oder
des Waldes ausstromen,
In Schiffbauer und Steuerleute, in Axt- und Schlegelschwinger ttnd in
Rosselenker,
Wochc fiir Woche kann ich mit ihnen essen uiid schlafen."
Mit Recht bemerkt dazu sein Biograph Eduard Bert z 27):
„Seine Schmeichler sind voUig im Irrtum, wenn sie glanben,
er babe lediglich in kiinstlerischer Absicht und zu Studienzwecken
mit den Omnibuskutschem des Broadways und den Piloten, Matrosen
und Deckarbeitern der Fahrboote Kameradschaft geschlossan. Ebenso
unzutrefi'end ist es, wenn Gabriel Sarrazin sagt, es gereiche ihm. sehr
aur Ehre, dafi er diese Vorliebe fiir die Schichten gehabt habe, die
von den Snobs aller Lander das gemeine Volk genannt wiirden. Nein,
diese Kameradschaft war ihm Selbstzweck ; sie war ein Zug seiner
Natur, der ihn durch seine ganze Laufbahn an „kraftvolle, ungebil-
dete Leute** fesselte. "^
Ein urnischer Gelehrter aus dem Staate Colorado schreibt
mir:
.,In Denver kenne ich eine Menge Homosexueller, personlich oder
vom Ilorensagen. In diesem Moment erinnere ich mich an 5 Musiker,
3 Lehrer, 3 Kunsthandler, 1 Pfarrer, 1 Richter, 2 Schauspieler,
1 Blumenhandler, 1 Damenschneider. Ein junger Kiinstler von aus-
nehmend feinem Geschmack und nobler Gesinnung gibt Abendgesell-
schaften, zu denen einige seiner homosexuellen Freunde in Frauen-
kleidern erscheinen. In Denver gibt es keinen ausgesprochen'en
„Strich**; mannliche Prostituierte trifft man manchmal in dem Capitol-
Garten an, aber nicht in groBer Anzahl.
Die tiirkischen Bader, welche in New York, Boston, Philadelphia
und Chicago als Treffpunkte dienen, bieten bei uns wenig. Man trifft
selten Homosexuelle in ihnen, doch sind von den 9 Masseuren in den
Badern von Denver 6 als tolerant bekannt und wahrscheinlich
selbst „so*\
.Unter den zahlreichen tiirkischen Badern in New 't'ork ist
eins am Nachmittag und eins in der Nacht viel von Homo-
sexuellen besucht, in Boston ,,T. . . str.", in Chicago „P. . . str.";
in Philadelphia existiert ein Bad, in welchem man Sonnabend
Nacht ca. 60 Homosexuelle treffen kann, unter einem homosexuellen
Bademei^ter, der die Aufsicht mit gebiihrender Riicksicht gegcn die
Klientelder Anstalt fiihrt. Im allgemeinen kann man sagen, dai3 die
tiirkischen Bader in Amerika ein sicherer Ort fiir Homosexuelle sind.
Per Eintrittspreis von 1 Dollar ist geniigend hoch, um den gewohn-
lichen mannlichen Prostituierten fernznhalten. Die Leute, welchen
26) Cf. Transvestiten. p. 362.
27) Jahrb. f. sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. 2. p. 153 ff.
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man dort begegnet, sind nicht, um zu erpressen, hing^gangen. Na-
tiirlicli sind nicht alle Besucher notgedrungen homosexaell. Urninge
von atiBerhalb scheuen sich nicht, die tiirkischeh Bader aufzusuchen,
wabreud die Einheimischen vorsichtiger sein miissen. Ein Bekannter
schreibt mir, daB in einer Badeanstalt einer kleinen Stadt in Ohio
der einzigc Bademeister, ein Mulatte, absolut homosexuell sei.
In der Nahe von Denver liegt ein Fort mit einigen hundert Mann
Besatzung. Letzten Sommer hat sich mir einmal ein Soldat von dort auf
der StraBe in Denver angeboten. Man hat mir erzahlt, daB das in San
Francisco und auch in Chicago ofters passiert. Ich entsinne mich, vor
langerer Zeit einen Soldaten in San Antonio, Texas, strichend getroffen
zu haben, und letzten Sommer einen jungen Matrosen aus Massachusetts.
Dieser suchte sich spat nachts auf den StraBen einer Sommerfrische homo-
sexuellen Verkehr. In alien diesen Fallen war es schwer festzustellen,
ob die Soldaten „echt" waren oder Prostituierte oder faute de mieux
mit Mannern vorlieb nahmen. Die Linie ist nie leicht zu ziehen, und
heutigen Tags, bei den teuren Zeiten, kann jemand sich leicht bewogen
fiihlen, auf irgendeine Art etwas Taschengeld zu verdienen.
Das ganze Thema wird hier fast niemals beruhrt, und nur gezahlte
Nord-Amerikaner wissen, daB Homosexualitat jetzt wissenschaftlich
untersucht wird.
Ich will Ihnen nun einiges iiber die Universitat mitteilen, an der
ich Professor bin. Wir haben hier ca. 1000 mannliche Studenten, unter
denen sich wohl der gewohnliche Prozentsatz von Homosexuellen be-
findet, aber es ist schwer, das Faktum zu beweisen. Haufig bemerke
ich an Studenten alle Merkmale der Homosexuellen. Augenblicklich
kennc ich einen, bei dem jeder Zweifel ausgeschlossen ist. Er ist
26 Jahro alt, in Denver geboren, und wohnt seit seinem 8. Jahre hier.
Durchaus arm, muB er sehr okonomisch leben, und hatte ich manchmal
GeJegenheit, ihm Konzert-Billette zu besorgen, wodurch ich sein Ver-
trauen gewann. Seine freie Zeit verbringt er mit dem Aufputzen von
Hiiten und mit dem Ausdenken von JDamenkleidern. Von einigen
jungen Leuten spricht er mit Enthusiasmus, aber ich bin iiberzeugt,
daB er sich bis jetzt mit gar keinem Menschen eingelassen hat. Er
schwarmt fiir Musik und feine Parfumerien. Bis dato habe ich nicht
fewagt, ihn aufzuklaren, da er auBerst empfindlich ist. Ober diesen
'all bin ich vollkommen sicher. AuBerdem kenne ich zwei Stu-
denten der Jurisprudenz, die immer zusammenhalten und die geneckt
werden, wie „Mann und Frau" zu sein. Einer von diesen beiden er-
zahlte mir kiirzlich, er ware im Sommer einen Monat mit einem Schau-
spieler zusammen gewesen, von dem ich bestimmt weiB, daB er homo-
sexuell ist.
Vor vier Jahren hatte sich ein Student im Ingenieur-Fach in dem
Gebaude der „Young Men's Christian Association mit Jungens ein-
gelassen; er wurde arretiert imd nach der Polizeiwache gebracht, wo er
sich mit seinem Revolver erschoB. Er war der Sohn eines Professors.
Ein friiherer Schiiler von mir — jetzt ist er selbst Professor an
einer der angesehensten Universitiiten in den Ost-Staaten — , der vor
10 Jaliren unsere Hochschule verlieB, hat sich mir vor 2 Jahren als
Urning zu erkennen gegeben. Ein anderer homosexueller Student, der
uns vor 3 Jahren verlieB, ist jetzt ein begabter Mitarbeiter an einer
New Yorker Zeitung. Sein friiheres Verhaltnis, der nach seinem eigenen
Bekenntnis schon jede Art von homosexuellen Handlungen vorge-
nommen hat, schreibt augenblicklich fiir eine Zeitschrift in New
York. Er setzte kurzlich seine Bekannten durch eine Anzeige seiner
baldigen Heirat in Erstaunen. Ein anderer Zogling von uns ist einer
der gefeiertsten Schauspieler in ganz Nordamerika. Als Junge be-
stand er darauf, mit dem Madchennamen Sadie gerufen zu werden.
Ferner kenne ich an unserm kleinen Platz noch einen Homosexuellen,
der fiir seine alte Mutter sorgt lind alle hauslichen Arbeiten verrichtet.
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Er ist jetzt 45 Jahre alt, friiher soil er ein Eorsett ^etragen und
stark „roage*' auf^etragen habea. Nicht ein mal habe ich jemanden
vernunftig iiber ihn urteilen horen. Wenn eine Truppe voruber-
gehend im hiesigen Theater spielt, halt er sich gern an der Aus-
gangatiir fur die Schaospieler auf; und bier kann ich einfiigen, da0
die Schauspieler ihm haufig „gefallig" sind.
Vor einigen Jahren graduierte an unserer Universitat eine junge
Dame, sehr resolut und mit tiefer Stimme. Ich hatte schon immer
starken Argwohn, als ich kiirzlich von einer befreundeten Dame eine
luBerung iiber sie horte, die meine Vermutungen vollauf bestatigto.'*
Aus Boston geht uns f olgende Zuschrif t zu :
„Ich freue mich stets, auch iiber den geringsten Erfolg, welchen
Sie iiber alteingewnrzelte Vorurteile erringen. Und auch hier in Ame-
rika tate ein solches Wirken recht not. Jedoch bei der anglo-ameri-
kanischen Heuchelei ist einstweilen noch keine Aussicht vorhanden, dal?
irgend ein Mann der Wissenschaft Verstandnis und Mut genug besaBe,
den Schleier zu liiften, welcher iiber dem Wesen der Homosexuellen
hierzulande ruht. Und wieviele Homosexuelle habe ich kennen gelernt.
Boston, die gute alte Puritanerstadt, zahlt sie in die Hunderte und den
groBten Prozentsatz nach meiner Erfahrung vStellen die Yankees aus
Massachusetts und Maine, desgleichen New Hampshire. Auch franzo-
sische Kanadier stellen eine unvergleichlich groCe Anzahl Homo-
sexueller. Die Unwissenheit iiber ihr eigenes Wesen ist unter fast alien
hiesigen Urningen, welche ich hier kennen lernte, eine ganz erstaun-
liche. Der moralische Ton ist in der Gesamtheit ein recht niedriger.
Das letztere ist wohl Folge des absoluten Todschweigens und der
IntoJeranz, welche noch niemals und nirgends Moralitat gefordert hat.
Doch mit dem Anwachsen der Bevolkerung und der sich immer mehr
verbreitenden Intelligenz wird auch hier die Zeit kommen, wo man
dem Ratsel der Homosexualitat naher treten muB. Auch hier wie
driiben erstreckt sich das Urningtum auf alle Klassen. Von den
Slums des Northends bis in die hochfashionable Back Bay. Es sind
mir von zuverlassigen Homosexuellen Namen genannt worden, welche
sich bis in die hochsten Kreise Bostons, New lorks und Washingtons
erstrecken, Namen, welche mich mit unsagbarem Erstaunen erfiill-
ten. Auch habe ich die Wahrnehmung gemacht, daB die Bisexualitat
ziemlich verbreitet sein muB, obgleich ich gestehe, daB ich den Mit-
teiiungen homosexueller Freunde, welche behaupten, daB die Neigung
zum weiblichen Greschlecht den groBeren Teil ihres Ich beherrsche,
recht skeptisch gegeniiberstehe. Wesen und Handlungen stehen oft
in direktem Widerspruche zu ihren Behauptungen. Ich amiisiere
mich oft, wenn mir derartiges versichert wird, und ich solche Leute
uberall treffe, wo keine Frauen zu finden sind."
nber die ebenfalls „in den Staaten" weitverbreitete weibliche
Homosexualitat ist neuerdings ein Aufsatz in H. GroB' Archiv, Bd. 55,
p. 141 — 147 (Leipzig 1913), „Die kontrare Sexualempfindung des Wei-
bes in den Vereinigten Staaten von Amerika" von Douglas C. McMurtrie,
New York, erschienen.
DaB auch die Amerikaner bald dieses, bald jenes Volk
ftir die Homosexualitat verantwortlich machen, bedarf kaum
der Erwahnung, so behauptete klirzlioh ein Kriminalbeamter
aus den Sudstaaten, daB die mannliehe Prostitution sich erst
mit der Einwanderung der italienischen Vergazzi in jenen Terri-
torien verbreitet habe ; besonders wird immer gesagt, die Ameri-
kaner behaupten, daB die unter ihnen wohnende gelbe Be-
volkerung der Mannerliebe stark ergeben sei. Diese Bemerkung
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durft« in ihrem positiyen Telle zutreffen, dagegen kaum in
d^m negativen, daB namlich die weifle und schwarze Bevolke-
rung es weniger seien.
DaC der indianischen Urbevolkerung der Uranismus
niclits weniger als fremd war, bezeug^n die verstreuten, aber sehr
miteinander iibereinstimmenden Mibteilungen zahlraicher Forscher. So
schrieb schon 1697 H e n n e p i n , ^s) von den Illinois, sie seien „scham-
los bis zum Laster gegen die Natur und stecktsn manche ihrer
Knaben in die Kieidung der Weiber, weil sie dieselben als solche be-
nutzten. Diese verrichteten dann weibliclie Arbeiten und zogen weder auf
die Jagd noch in den Krieg." — Ebenso de Lahontan: die Illinois
und alle andern Mississippi-Stamme liatten einen ungliickseligen Hang
zur Sodomie. lie r i o t 30) e^rzahlt, daU es bei den Illinois, den Sioux von
Louisiana und den Bewohnern von Florida und Yucatan junge Man-
ner gab. die weibliche Kleider annahmen und zeitlebens behielten.
Sic fanden Befriedigung in Ausfiihrung der niedrigsten Arbeiten des
andern Gesclilechts und heirateten niemals, dock beteiligten sie sich
an alien religiosen Zeremonien, und infolge dieser auljergewohnlichen
Lebensarl: erschienen sie iliren Stammesgenossen als Personen einer
bolieren Wiirde.
Nach J. M a r q u e 1 1 e 3^) veranlasse ein Aberglaube manche Illi-
nois und Nadowessier, schon in jungen Jahren Weiberkleider anzn-
kgen und ihr Lebenlang zu tragen ; sie verheiraten sich niemals
und suchen ihren Ruhm darin, dali sie sich zu Arbeiten erniedrigen,
welclie die Frauen verrichten ; sie ziehen zwar mit in den Krieg, aber
sie diirfen sich dabei nur der Keule bedienen, niemals aber Bogen
und Pfeil gebrauchen, welche ausschliefilich AVaffen der Manner sind.
Sic wohnen alien Zauberspielen und auch den Festtanzen bei, die
zur Ehrung des Kalumet veranstaltet werden, sie singen dort, diirfen
aber nicht tanzen; sie werden in den Ratsversammlungen aufgerufen,
in denen man ohne ihren Einflufi nichts entscheiden kann, und
gelten infolge ihrer auCergewohnlichen Lebensfiihrung fiir Manitoos,
d. h. fiir Genies oder auserlesene Menschen.
Ganz iihnlich berichtet d e C h a r 1 e v o i x 32) von den Irokesen
(Kanadiern), von denen andrerseits der Deutsche von Gagern^s)
mitteilt, der Freund gelte ihnen mehr als die Gefahrtin. Die Semi-
nolen, die heutigen Rothaute in Florida, haben nach Powell^*) die
Einrichtung der fellowhood oder Bruderschaft. Zwei junge Manner
beschlieCcn, als Freunde innjger denn Briider zu leben, einander
jedes Vertrauen zu schenken und einander in jeder Gefahr zu be-
schijt'/en.
Den Berdashe- oder Bardache- (auch Icoocooha-) Tanz der Dacota
schildert Catlings). Der Tanz wird jahrlich und auBerdem bei
jedcr Neuwahl eines Bardache aufgefiihrt. Dies ist ein Mann in
Weiberkleidung, der sein ganzes Leben die RoUe eines Weibes spielen
28) R. p. L. Hennepin, Nouvelle decouverte . . . dans rAm6-
rique 1697 p. 219.
30) G. Heriot, Travels through the Canadas 1867, p. 278.
3j) J. Marquette, Recit de voyages et de d^couvertes, 1675,
p. 52.
32) P. F. X. d e Charlevoix, Hist, et descript. gen. de la
Nouvelle France 1744, VI, p. 4.
«3) n. C. C. F. von Gag em. Die Resultate der Sitten-
geschichte, Bd. V/VL 1882. p. 85.
3*) V. Report of the Bur. of Ethnol. ot the Smithsonian Inst.
Wash. 1887. p. 469.
85) C. Cat 1 in, Manners, Customs of the Indians 1841. p. 124 f.
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muB. Fur die auCerordentlichen -Vorreclite, deren er si-ch erfreut,
darf er auch die iinwiirdigsten und erniedrigendsten Pflichten nicht
ablehnen. Er ist immer der einzige seines Stammes, wird /aigleich
als Arzt und als lieilig betrachtet, und man gibt ihm jahrlich ein
Fest. Bei den Crows (Krahen-Indianern) erwiibnt schon Prinz z u
W i e d ihrer Bardaches ; noch genauere Angaben verdanken wir A. B.
Holder ^c) iiber die „Bote" genannten Manner. Das Wort .,Bote"
bedeutet bei den Crows von "Montana „niclit Mann, nicht Weib", wiih-
rend die Washington-Indianer diese Leute „burdach", d. li. lialb
Weib, halb Mann nennen. Die Bote, die iibrigens auch bei den
Schoschoni (Schlangen-Indianer) vorkommen, suchen ihre geschlecht-
liche Befriedigung ausschlieBlich in Fellatio. Sie bilden cine Klasse
in jedem Stamm und kniipfen freuudschaftliche Beziehungen init ihres-
gleichen in andern Stammen an? so daU sie audi uber die ein-
schlagigen Verhaltnisse der Nachbarstamme genau unterrichtet sind.
Sie verrichten weibliche Arboiten mit solcher Anstelligkeit und Wil-
iigkeit, dal) sie auch bei der weiBen Bevolkerung haufig Beschiiftiginig
erhalten.
Bisweilen haben sie an Weibes S telle jahrelang vertraulichen Um-
gang mit ein und demselben Manne und leben mit diesem glcichsam
in richtiger ehelicher Gemeinschaft, gewohnlich aber sind sie bereit,
jedem Manne zu willfahren, der ihre Dienste verlangt.
Ahnliche Mitteilungen liogen audi iiber die nordpazifischen Rot-
haute vor, von der Nordwestkiiste, Kalifornien und aus Nordmexiko,
deren fiir religiose Zwecke kiinstlich effeminierte Mujerados durcli
die klassisclie Besclireibung Hammond s^?) eine besondere Beriihmt-
lieit erlangt haben. Mit eigeiitlicher Homosexualitat scheinen diese
absichtlich impotent gomaohten Halbkastraten abcr sehr wenig zu
tun zu haben.
Ahnlich wio die nordamerikanischeist die isiidafri-
kanischeUnion ein Tochterland hollandiseher und encrlischer
Ansiedler, die auch ihre Moralanschauungen dem fremden Boden
als ein Stliek vaterlandischer Kultur einpflanzten. Auch hier
wird uns der Bsricht eines eingesessenen Saehkenners — aus
Johannesburg — in die urnischen Verhaltnisso der Kolonie
einen guton Einblick gewahren; er ischreibt:
„Homo- und Bisexualitat sind in Transvaal stark verbreitet —
erstere ungefahr in gleichem Verhaltnisse wie in London, letztere
wahrscheinlich in grofierem MaBe, oder um mich genau auszudriicken,
bisexuell veranlagte Manner werden sich hier infolge der Verhalt-
nisse mehr wie anderswo dem homosexuellen denn dem heterosexu-
ellen Verkehr hingeben. Es sind mir hier einige Falle von intimen
Beziehungen zwischen Mannern bekannt, wo es mir wahrscheinlich
erscheint, daB dieselben nicht bestehen wiirden, wenn die hiesigen
englischen Anschauungen dieselbe Freiheit im heterosexuellen Ver-
kehr gestatten wiirden, w^ie dies z. B. in Frankreich der Fall ist.
Aber auch eine Reihe anderer Umstande .tragen dazu bei, den
homosexuellen Verkehr zu fordern. Die Griindung und Aufrechterhal-
tung eines eigenen Haushaltes erfordert hier auch fiir den Mittel-
stand groBe Mittel, „siiBe Madel*' kosten, wie iiberall, viel Geld, Bor-
delle existieren nicht, und die. weibliche Prostitution geniigt kaum
den bescheidensten Anspriichen, ganz abgesehen davon, daU, da es
»«) Plolder in The New York Med. Journal 1889. S. 121 ff.
*^) W. A. Hammond, Sexuelle Impotenz b. dem mannlichen und
weiblichen Geschlecht. 1891. p. 111.
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keine Kontrolle gibt, die Gefahr der Ansteckung sehr groB ist-
Dazu kommt, daS Mieten hier sehr teuer sind. Ein anstandiges
Zimmer kostet £ 4 — G, eine Wohnung von zwei Zimmern mit Bade-
zimmer £ 10 — 15 monatlich, weshalb es mehr wie in Europa vorkommt,
daB zwei Bekannte oder Freunde sich zusammentun und Zimmer oder
Wohnung teilen. Natiirlich ist in vielen, vielleicht den meisten,
Fallen das Verhaltnis der Zusammenwohnenden ein rein freundschaft-
liches, bei irgendwelcher liomosexueller oder bisexueller Anlage sind
aber intimere Beziehungen die natiirliche Folge, um so mehr, als
Entdeckung und selbst Verdacht beinahe ganz ausgeschlossen sind.
Ganze Hauser sind fiir moblierte Einzelzimmer eingerichtet — keine
Partei kiimmert sich um die Nachbarn — bis 12 Uhr ist die Haus-
tUre offen — niemand kontrolliert die Ein- und Ausgehenden. Es
ist nichts Ungewohnliches, daB Fretinde, die auf den Minen angestellt
sind und sich in der Stadt verspateten, um 12 Uhr nachts anklopfen
und bitten, man mochte sie fiir die Nacht beherbergen, was darauf
hinauslauft, daB zwei Freunde das Bett teilen. ohne daB jemand etwas
<fciran findet. Dabei handeit es sich nicht etwa um gewohnliche
Arbeiter, sondern um gutgestellte Leute aus guter Familie, denen
der Gedanke, mit einem nicht einmal sehr intimen ^Freunde das
Bett zu teilen, eher kommt, als der uns Kontinentalen viel naher
liegende, im Hotel ein Zimmer zu nehmen. Marcel Prevost
sagt in den Demi-Vierges, daB der Held eine den „hommes-k-femmes"
eigene Abneigung gegen die Beriihrung seines Korpers durch einen
Mann gehabt habe. Diese Abneigung, die ich selbst bei sehr sinnlich
veranlagten heterosexuellen Freunden beobachtete, ist nach meiner
Erfahrung bei Englandern viel seltener zu finden. Das hier stark
ausgepragte Sportsleben bringt es zudem mit sich, daB jeder seinen
Freunden seine physischen VorzUge des oftern ad oculos demonstriert.
AUes dies begiinstigt ohne Zweifel homosexuellen Verkehr.
Auch auf den um Johannesburg gelegenen Minen sind die Verhiilt-
ni&se ahnliche wie in der Stadt selbst, von den weiter wegliegenden
Minen wird gesagt, daB, da mit Ausnahme weniger verheirateter
Frauen die ganze Ansiedlung aus jungeu Mannern besteht, intime Be-
ziehungen zwischen den Beamteten und Angestellten an der Tagesord-
nung seien, doch glaube ich, daB dies zum mindesten etwaa iiher-
tricben ist. Was die siidafrikanischen Garnisonen anbelangt, so sind
die^elben zum Teil. in kleinen Stadten stationiert (Potchefstrom,
Pietermaritzburg, Robert Heights bei Pretoria), und die Verhaltnisse
daselbst sind wohl die gleichen wie bei andern Kolonial-Truppen.
Trotzdem aber Ilomosexualitat in alien Abstufungen hier nach
meinen Erfahrungen stark verbreitet ist und trotz des wenig
schmeichelhaften Renommees, dessen sich unsere Stadt erfreut, so
bietet Johannesburg keineswegs mehr Gelegenheit zu homosexuellem
Verkehr als eine Stadt gloicher GroBe (ca. 200 000 Einwohner). Eng-
lands und des Kontinents. Die Stadt dehnt sich liber eine groBe Ober-
fliiche aus — die Wohnhauser sind meist Einfamilienhiiuser mit etwas
Garten — was dem Nachtleben natiirlich Eintrag tut, die Bars wer-
deii nm 12 Uhr geschlossen, und die Theater und Variet^s sind be-
scheiden, sowohl was Quantitat als auch Qualitat anbelangt. Eng-
lander, die besuchsweise hierher kommen, sind von der SpieBbiirger-
lichkeit dieser als Siindenpfuhl verschrienen Stadt schmerzlich ent-
tauscht, und wcnn sie homosexuell veranlagt sind. so wiinschen sie
sich schnellstens nach London zuriick. In Kapstadt sind die
Verhaltnisse ahnlich wie hier; was der Stadt an Einwohnerzahl ab-
geht, wird durch Fremde, Matrosen und dort stationierte Soldaten wett
gemacht. Durban ist eine Kleinstadt und bietet, trotzdem es
Hal'enstadt ist, nicht mehr als eine Kleinstadt des Kontinents. Wiih-
rend des siidafrikanischen Krieges soil dagegen von englischen Offi-
zieren homosexuellem Verkehr stark gehuldigt worden sein.
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Ziemlich zahlreiche Homosexuelle sind mir bier in alien
Elas&eu der Bevolkerung bekannt, sowohl unter akademisch ge-
bildeteu Leuten, Beam ten, Lehrern, Offizieren, hoheren Angestellten
usw., als auch unter Leuten der niedrigeren Schichten, wie iMinen-
arbeitern, Handwerkern, Ladengehilfen, Kellnern und Coiffeurs, wobei
naturlicb ist, daB man den Homosexuellen der tiefern Elassen ofter be-
gegnet als den den boheren Elassen angeborenden und um ibre ge-
scbaftlicbe und soziale Stellung besor^ten Invertierten. Einige sebr
ausgesprocbene Falle von Homosexualitat sind mir aucb unter den
sogenannten „Cape-Boys** vorgekommen, d. b. den Bewobnern der Eap-
Eolonie, die einen bescbeidenen Einschlag weiBen Blutes baben, euro-
paiscbe Scbulung genieBen und in der Kapkolonie ungefabr die glei-
cben Becbte wie der Wei Be baben. Ob sicb unter der eingeborenen
scbwarzen Basse, Zulus, Basutos, Sbangans usw., Falle von Homo-
sexualitat vorfinden, eutziebt sicb meiner Beurteilung und konnte
bloB vou Ansiedlern und Missionaren beurteilt werden, die jabrzebnte-
lang in Verkebr mit diesen Eassen standen.
Meine personlicbe Ansicbt gebt dahin, daB der Englander aller
Elassen und die biesige mannlicbe Bevolkerung — WeiBe von eng-
liscber, scbottiscber, iriscber, bollandischer und deutscber Abkunft
— dem bomosexuellen Verkebr im allgemeinen nicbt so scbroff gegen-
iibersteben wie dies bei den Bewobnern des europaiscben Eontinents der
Fall ist, und gelegentlicben Exkursionen ins Gebiet der Homosexualitat
keine allzugroBe Bedeutung beimessen. Der gelegentlicb im Scberz
gebraucbte Ausdruck ,,If you can't get a woman, take a man" durfte,
zyniscb, wie er ist, der Lage ziemlicb genau entsprecben.
Der § 21 der Immorality-Ord. von 1903:
„Ever3' male person wbo —
a) knowingly lives wbolly or in part on tbe earnings of prosti-
tution ;
b) in any public place solicits or importunes for immoral pur-
poses sball be guilty of an offence and liable on conviction to
imprisonment witb bard labour for a period not exceeding
tbree years, and to whipping not exceeding twenty-four strokes
in addition to sucb imprisonment,"
wurde anno 1908 insofern verscharft, als Abscbnitt „b", wie folgt,
abgeandert wurde:
„b) in public or in private aids or is a party to tbe commission
by any male person of any act of gross indecency with an.
other, male person."
In die Offentlicbkeit gelangen diesbeziiglicbe Falle auBerst selten.
und baben meines Wissens bloB zwei Falle im Laufe der letzten sieben
Jabre das offentlicbe Interesse erregt.
Der erste Fall betraf einen Turnlebrer (Professor of physical
culture) in Pretoria, der sicb an Negem verging und, .gl^^ube icb, zuzwei.
Jabren „hard labour" und Kutenhieben verurteilt wurde, der zweite
Fall beschaftigte das Publikum in bohem MaBe, als homosexuelle Be-
ziebungen in verbindung mit einer Mordaffare eine Bolle spielten.
Mit der aus Mann, Frau und einigen Eindern bestehenden Familie
eines Minenar belters (das Einkommen eines solchen variiert bier von
25 — 80 Pfund Sterling monatlich, wovon allerdings Getranke, Wetten
und die Bdrse meist viel verschlingen) lebte vor 4 — 5 Jabren ein nacb
den Urteilen seiner Freunde sebr ruhiger und netter jiingerer Mann, .
der aber im Laufe der Zeit nicbt nur der Liebbaber der Frau, sondern
auch der Geliebte des Mannes wurde, und zwar waren samtliche Be-
teiligte und auch ein biesiger Geistlicber, der sicb bemubte Ordnung
zu schaffen, sicb iiber die Lage klar. Nacb und nacb stellten sich
aber Differenzeix jin; der Mann, ein roher Patron, miBbandeltie die
Frau und fand den Mieter, der zudem die Partei der Frau ergriff, nicbt
mehr gefiigig. Und das Ende war, daB der jiingere Mann den Gatten
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auf dem Felde riicklings erschoC. Vor Gericht kam die ganze Ge-
schichte heraus, und der Morder wurde zum Strang verurteilt. Der
Fall erregto grofies Aufsehen und die offentliche Meinung war dem
Morder sehr giinstig. Aber trotz eines von einem groBen Teil der
hiesigen Bevolkerung, die in der Verfiihrung des jungen Mannes durch
den iilteren einen Milderungsgrund sah, unterzeichnetcn Gnaden-
gesuches wurde das Urteil vollzogen. Der Fall passierte ca: 4 — 5 Jahre
zunick und ist Ihnen vielleicht aus englisclien Zeitungen bekannt.
In Johannesburg war bis vor einigen Jahren der abends ziem-
lich verlassene Marktplatz der Rendezvous-Platz der Homosexuellen.
Daselbst wurden auch religiose und politische Meetings abgehalten,
die zu Bekanntschaften AnlaC gaben. In einer etwas abseits gelegenen
Bediirfnisanstalt spielten sich besonders Samstag abends die tollsten
Szenen ab, und die Polizei schloC die Augen. Seither ist diese Bude
aber abgebrochen und der Marktplatz iiberbaut worden, und nun
siud die StraCen um das Postgcbaude herum die beliebteste Promenade.
In Durban sind die im Zentrum der Stadt gelegenen Public
Gardens und in Kapstadt die ,. Parade" (der Exerzierplatz) die Orte, wo
Homosexuelle zu finden sind, doch spielt sich alles in sehr bescheidenen
Grenzen ab. Bars und Restaurants, die besonders von Homosexuellen
fi'equentiert werden, existieren liier nicht. Dagegen soUen einigc
billige Kinematographen-Theater von Homosexuellen stark frequcntiert
werden. •
Manner und Jungens, die ausschlieBlich von homosexucller
Prostitution leben, sind mir personlich nicht bekannt, obwohl man
mir einigu Personen als derart ihr Leben fristend bezeichnete. Da-
gegen ist die Zahl derer. die aus Freude an der Sache. oder auch ohne
solche, homosexuellem Verkehr zuganglich sind und Geldgeschenke
gerne annehmen, zieralich grofi. Meist sind es bar-men, Kellneroder
Coiffeurs oder Leute, die es auf keinem Posten lange aushalten.
Eine Garnison gibt es hier nicht und kommen bloB ausnahms-
weise groBere Mengen von Soldaten in unsere Stadt. Welcher Prozent-
satz davon homo- oder bisexuell veranlagt ist, ist von Fernstehendcn
schwer zu bestimmen; ein Kenner der Verhiiltnisse. der selbst einige
Monate in einem Kavallerie-Regimente diente und ziemlich zuverlassig
ist, hat unter 450 Mann acht Homosexuelle gefunden. In dicsem Fall
waren Gcschenke ausgeschlossen, doch glaube ich, daB gegen finanzielle
Vorteile ein viel groBerer Prozentsatz homosexuellem Verkehr zugang-
lich ist.
Charakteristisch fiir Johannesburg diirfte der Umstand sein, daB
cine relativ groBe Zahl der in Siidafrika geborenen Jungen von 15
bis 20 Jahren sich gegen sehr bescheidene Betrage hergeben. und wird
dieser Zustand den hier zahlreich vertretenen Griechen in die Schuho
geschoben. Beinahe an jeder StraBenecke ist ein Grieche als Handler
etabliert, uud zwar sind seine Spezialitat Friichte, Schokolade, Bon-
bons, Zigaretten und alkoholfreie Getranke, die in einem hinter dem
Laden gelegenen Zimmer ausgeschenkt werden. Diese Greek-Shops
werden von Jungens jeden Alters stark frequent iert, und sollen den
Willfahrigen unter ihnen die vorhandenen Leckereien frei zur Ver-
fiigung stehen. Ein mir bekannter und hier aufgewachsener Homo-
sexuelier behauptet, daB ein jeder dieser Griechen mehrere Jungens
gratis mit Zigarett-en und SiiBigkeiten versorge, und will aus Erfahrung
sprechen. Mangel an Erziehung und Aufsicht und die groBe Selb-
fltandigkeit der hiesigen Jugend leisten diesem Wesen natiirlich Vor-
echub. Soviel ich hore, liegt der Griindung eines „Boys Club" durch
den hiesigen Bischof der Wunsch zugrunde, die heranwachsende Jugend
dem Besuche dieser Greek-Shops zu entfremden.
Fallo von Erpressung sind mir nur hochst selten zu Ohren ge-
kommen. Von einem Falle ist mir bekannt, in dem die Polizei auf
Verlangeu eines hiesigen Geschaftsmannes dem Vorgehen einiger-
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zweifelhaften Charaktere ohne viel Federlesens Einhalt tat. Ubrigens
sind die Zeiten hier so schlecht, daB es nicht viel zu erpressen gibt I
Ich erlaube mir, nachstehend einige Zahlen anzufiihren, fiir deren
Richtlgkeit ich insofern garantieren kann, als sie jedenfalls nicht zu
hoch gegriffen sind.
Nach meinem Wissen befinden sich:
unter 450 Mann eines engl. Kavallerieregiments 8 Homosexuelle
„ 696 Mitgliedern eines hiesigen Klubs 2 „
„ 46 Angestellten eines hiesigen Finanzhauses 2 „
,, 120 Angestellten eines hiesigen Warenhauses 3 „
„ 24 Bewohner eines hiesigen Chambre garnie-
Hauseg 4 „
unter~123G' "! 19^ ca. l,5o/o
DaB auch in der eingeborenen afrikanischen Urbevolke-
rung die marinliche und weibliche Homosexualitat weit ver*
breitet ist und war, wird durch zahlreiche Reiseberichte be-,
statigt, die Karsch' zusammengestellt hat.
So ist — um nur einige wenige Stichproben zu geben —
die Tribadie bei den .Hottentottinnen durch Gustav Fritsch^s)
einwandfrei festgestellt. Die Meinung von Bart e Is ^^^^ duQ.
frdhzeitige Tribadie die Ursache der .„Hottentottenschiirze" sei,-
scheint mir allerdings nicht erwiesen. Nach B a u m a n n *o) soil bei
der mannlichen Kegerbevolkerung Sansibars die kontrare Triebrichtung
ziemlich haufig vorkommen. Ihre Haufigkeit beruhe auf dem EinfluB
der Araber, welche zusammen mit den Komorensern und den Swahili-
mischlingen dort eine ausgedehnte mannliche Prostitution unterhielten.
Sie leben hauptsachlich in Ngambo und betrieben ihr Handwerk ganz
offentlich, manche von ihnen triigen Weiberkleidung und bei den
Tanzen konne man sie unter den Weibern sehen. Manner von ange-
borener kontrarer Sexualitat zeigten auch dort von Jugend auf keinen
Trieb zum Weibe, finden vielmehr an weiblichen Arbeiten Vergniigen.
Sobald ihre Angehorigen dies bemerken, fiigen. sie sich ohne Wider-
streben dem Tatbestand dieser Eigenheit; der junge Mann lege Weiber-
kleider an, trage das Haar nach Weiberart geflochten und henehme sich
vollig als Weib, sein Verkehr bestehe hauptsachlich aus Weibern und
mannlichen Prostituierten, geschlechtliche Befriedigung suche er in
Pedikation und beischlafahnlichen Akten, In ihrer aui3eren Erschei-
nung seien die angebornen kontraren Manner von den mannlichen
Prostituierten nicht zu unterscheiden, gleichwohl machten die Einge-
borenen unter ihnen einen scharfen Unterschied, inde.m sic die
Berufsmai3igen verachteten, das Verhalten .der so
Geborenen dagegen als Willen Gottes zudulden
pflegten.
Auch kontrarsexual veranlagte Weiber sind nach B a u m a n n
unter der Negerbevolkerung Sansibars nicht selten, sie tragen in
hauslicher Zuriickgezogenheit Mannerkleidung und zeigen auch Vor-
liebe fiir mannliche Verrichtungen. Sie erkennen ihresgleichen teils
an der mannlichen Haltung, teils daran, daB ihnen die weibliche
Kleidung nicht steht, und suchen geschlechtliche Befriedigung teils-
bei diesen, teils bei normalen Weibern, die sich aus Zwang oder Ge-
winusucht dazu hergeben. Die ausgefiihrten Akte bestehen in Frik-
*8) Gustav Fritsch, Die Eingeborenen Siidafrikas. 1872,
p. 351.
39) PloB-Bartels, Das Weib in der Natur- und Volkerkunde
8. A. 1905.
") Cf. Zeitschrift fur Ethnologie, Jahrg. 31, 1899, S. 6G8 ff.
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tionen, Cunnilingus oder gegenseitiger Beibringung eines Ebenholz-
penis. Tribadie wird wie Paderastie nach arabischen Gesetzen be-
straft, ebenso die Anfertigung kiinstlicher Penes.
Im Kongolande trafen schon 1606 die beiden Priester A z e v e r e-
d u s und S e q u e r i u s **) in Loanda, der Hauptstadt von Angola,
Leute, die, obgleich Manner, das weibliche Geschlecht nachahmten und
sich nach weiblicher Art kleideten. „Sie verheirateten sich, gleich als
ob sie Weiber waren, mit Mannern und rechneten sich dies noch als
Ehre an." Man nannte sie Chibados. Auch La bat berichtet von den
„Schmutzereien", die die Neger bei ihren Versammlungen trieben, sowie
von unziichtigen Tanzen und daB der erste Opferpriester Ganga Ya
Chibanda gewohnlich weiblich gekleidet sei und „GroBe Mutter" ge-
nannt werde. Nach Tessmann*-) sind die Loango ihrer Pad-
erastie wegen ziemlich bekannt. Er halt es fiir zweifellos, daB ein
gewisser Prozentsatz unter den Negern iiberhaupt, ebenso wie bei
der arischen Rasse, gleichgechlechtlich veranlagt sei. Nach Ham-
mer ^^) kommt auch bei den Dualla Paderastie unter Jiinelingen in
gleich^eschlechtlichem Sinne vor, desgleichen bei den Madchen wech-
selseitige Befriedigung. Bei den Bangala findet sich sowohl mutuelle
Masturbation, wie Pedikation unter Mannern sehr haufig und bringt
gar nicht oder nur wenig Schande, wahrend der Coitus in anum mit
einem Weibe friiher mit dem Tode, jetzt mit schwerer GeldbuBe be-
straf t wird. Nach van der Burgh**) soUen mannscheue Mad-
chen sogar getotet werden. Aus Dahomey berichtet Rich. Bur-
ton*^), daB die ehelosen „Amazonen**, die den Titel „Konigliche
Weiber" mit den Eunuchen gemein haben, in einer Starke bis zu
10 000 die Leibgarde des Herrschers bilden. Sie wollen nicht Weiber
sein, sondern „Manner".
Mischlich gibt Mitteilungen iiber gegenseitige Befriedigung der
Frauen durch einen kiinstlichen Penis (Madigo), was vor der eng-
lischen Invasion mit dem Lebendigbegrabenwerden oder dem Verkauf
in die Sklaverei geahndet wurde.
Einen tribadischen Fall auf der Insel Maintirano berichtet
R o u X *^) von einer 50 jahrigen Wit we, die nach dem Tode ihres
Mannes mannliche Kleidung anlegte und sich um die Gunst ihrer
Landsmanninnen bewarb, die sie reichlich bezahlte. Nach Erschop-
t'ung ihrer Mittel entschloB sie sich zur Heirat mit einer be-
jahrten Frau.
DaB afrikanische Neger in abhangigen Stellungen — wie sie sich
in groiJeren Mengen in der agyptischen Armee oder als Diener bei
marokkanischen GroBen finden — je nach der Veranlagung ihrer Her-
ren auch homosexuellen Zwecken dienstbar gemacht werden, bedarf
kaum der Erwahnung.
*^)Petrus Jarric, Thesaurus Indicus. Tom IIL 1616,
p. 482.
**) Giinther Tessmann, Gleichgeschlechtliches Leben
Pangwe — . Ms. 1909.
") Cf. Geschlecht und Gesellschaft. Bd. IV. 1909, S. 193.
**)van der Burgh, Dictionnaire Fran9ais-Kirundi 1903.
**) Richard F. Burton, A mission to Gelele, king of Daho-
mey, 1864.
*6) Cf. Anthropophyteia Bd. VI, S. 96.
*^) Cf. Bulletin et mem. de la Societe d 'anthropologic de Paris
vol. VI. p. 218.
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SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL,
Die Homosexualitat in den romanischen Lslndern und
deren Kolonien.
Wenden wir uns nun der dritten zivilisierten Staaten-
gruppe der romanischen Volker zu, so fallt unser Bliek zu-
nachst auf das geistig und politisch hervorragendste Land dieses
Kulturkreises, auf Frankreich. Man hat, als neuerdings wieder
einmal infolge unserer Sensationsprozesse das alte Marchen
von dem vice allemand auftauchte, dartiber polettniaiert, ob
die gleichgesehlechtliche Liebe haufiger in Frankreich oder
in Deutechland vorkomme. Dr. Laupts, der sich um die wissen-
schaftliche Erkenntnis dieser Materie in Frankreich groCe Ver-
dienste erworben hat, der Verfass-er der groflten franzosischen
Monographic tiber diesen Gegenstand^), versichert, sie sei in
seinem Lande wesentlich seltener als in unserem. Nacke^)
schliefit sich ihm an, wahrend Pratorius^), der eich mit der
Homosexualitat beider Lander eingehend beschaftigt hat, wie-
derholt erklart hat, daU sie diesseits wie jenseits der Vogesen
in gleicher Weise verbreitet sei, und einige Autoren, wie von
frtiheren Wachenfeld, von neueren Fernau*) sogar behaupten, dali
sie dort starker „grassiere" als hier. Ich selbst bin bei drei-
maligem Aufenthalt in Paris und mehrfacher Anwesenheit in
Nord- und Slidfrankreich nach eigenen Beobachtungen und Mit-
teilungen franzosischer Urninge, von denen ich viele person-
lich kennen lernte, mit Pratoriusi zu der tlb^rzeugung gelangt,
1) Laupts (Docteur) (G. S a i n t - P a u 1), L'homosexualite fet
las types homosexuals. (Nouvelle Edition da perversion at perver-
sity sexuelles. Preface d'Emile Zola. Paris 1910.)
2) Paul Nacke, Die Homosexualitat in den romanischen Lan-
dern. Zeitschrift f. Sexualwissenschaft Nr. 6. p. 359 — 364.
3) Pratorius, A propos de Particle du Dr. Laupts sur Phomo-
sexualit^ dans les archives d'anthropologie crirainelle. Marz 1909.
*) F e r n a u , H e r m., Die Homosexualitat in Frankreich. In den
Sexualproblemen. Dezember 1909.
H irschf eld , Homosexualitat. gg
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daC ein wesentlicher Unterschied in dieser Hinsicht zwischen
beideii Nationen nicht besteht. Flir den Eineceweihten hat die
Ahnlichkeit zwischen franzosischen und deutschen Urningen so-
gar geradezu etwas Verbltiffendes.
Es gibt allerdings Forscher, denen im Ausland manches neu and
typisch erscheint, well sie griindlichere Forschungsreisen in der Fremde
als in der Heimat unternommen haben. Wenn beispielsweise Oscar
M e t e n i e r in „Vertus at Vices allemands"^) einen homosexuellen Ball,
den er im Dresdner Kasino in Berlin besuchte, eingehend als Berliner
Spezialitat beschreibt, so hatte er nur auf den Montmartre steigen
branch en, wo er bei Van tier dasselbe Schauspiel haben konnte, die
gleichen Masken und Typen, das gleiche Leben und Treiben, ja, wie
ich mich bei meinem Besuch iiberzeugte, zum Teil sogar dieselben Per-
sonen aus dem urnischen Globetrottertum. DaB die mannliche Homo-
sexualitat von dem Unbeteiligten in Frankreich verhaltnismaBig weni-
ger bemerkl wird, als bei uns, riihrt in erster Linie davon her, daB es
seit mehr als 100 Jahren kein Gesetz mehr kennt, das homosexuelle
Angelegenheiten an die Offentlichkeit zerrt, infolgedessen auch keine
Bewegung. die sicli Gehor verschaffen muB, um ungerechte Bcstimmun-
gen beseitigen zu helfen, und auch keine offentlichen BloBstellungen
durch Ehrabschneider und Erpresser. Es ist das unvergangliche Ver-
dienst Frankreichs, daB es das erste Kulturland war, das den Urnings-
paragraphen wieder aus seinen Gesetzbuchern ausmerzte, und gerade
„die Vermeidung der schmutzigen und skandalosen Untersucbungen,
welclie so haufig das- Familienleben durchwiihlen und erst recht Arger-
nis geben" ^), war ja das Hauptmotiv zu seiner Beseitigung. I)a-
mit ist nun allerdings nicht gesagt, daB der Uruing in Frankreich
„auf Rosen gebettet" ist. Er begegnct dort demselben Unverstandnis,
derselben Verkennung seines Wesens und seiner Handlungen, wie in
den Nachbarlandern, und das ist auch der Grund, daB er dort ebenso-
wenig wie anderswo seinen Uranismus zugesteht. Die Scheu, das Thema
zu beriihren, es selbst objektiv zu erortern, ist dort eher noch groBer
als bei uns. Wagte doch nicht einmal ein Zola, — der um des ein-
zigen Dreyfus willen, den er zu Unrecht verurteilt glaubte, sein
j accuse in die Welt schleuderte — sich der Tausende anzunehmen,
von denen er genau wuBte, unter welchem Vorurteil sie litten. Halten
es doch die beiden wissenschaftlichen Hauptvertreter der homosexu-
ellen Materie in Frankreich — L a u p t s und S i m a c — noch heute
fiir notig, pseudonym ihre Anschauungen zu vertreten. Besonders
bezeichnend fiir die Stimmung in Frankreich ist, daB viele Urninge
iiberhaupt nicht wissen, daB die gegen sie gerichteten Gesetze langst
aufgehoDen sind. Als ich einmal von Marseille nach Paris fuhr, stieg
auf einer Station, — ich glaube, es war in Nimes — ein junger weiB-
gekleideter Franzose in das Coupe, dessen in der Eile ungehemmte Be-
wegungen sogleich den Urning verrieten. Ich kam mit ihm in ein
Gesprach, in dessen Verlauf er mir erzahlte, daB sie ihn in seiner
Heimat nach Boildieus Oper „Die weiBe Dame" nannten. Wir unter-
hielten uns iiber die Lage der Urninge in Frankreich, und als ich be-
merkte, daB doch wenigstens der urnische Verkelir ais solcher nicht
strafbar sei, bestritt er dies mit aller Entschiedenheit. Das Gleiche
behauptete noch kiirzlich ein Homosexueller in Lyon. Wie konstant
das franzosische Urningsleben seinen Charakter bewahrt hat, mit und
ohne Gesetze, zeigen die Schilderungen von Pisa n us Fraxi'),
ft) Paris 1904.
'^) Chauveau et Faustin, Th^orie du code penal, Tome V*I,
p. 110.
■) Cf. Bloch, „Sexualleben" p. 574.
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die Mitteilungen Tardieus^), die Polizeimemoiren von Carlier»)
und vor allem die Briefe der Liselotte ^^).
Madame^ die zweite Gattin Philipp von Orleans, schrieb an eine
Jugendfreundin am 3. Oktober 1705: „Wo habt ihr denn gesteckt, du
and Louise, dafi ihr die Welt gar so wenig kennt? WoUte man alle
diejenigen kopfen, welche fiir Manner in Liebe ergliihen, mochten wir
wohl nur recht wenige Ritter iibrig haben, die wir lieben konnten.
Es gibt hier solche in alien Schattierungen, Manner, welche die Weiber
hassen wie den Tod, und die immer nur Manner lieben konnen. Mylord
von R . . . gehort zu diesen. Andere wieder lieben nur unreife
Knaben, doch diese sind in der Minderzahl; die meistten beten Jiing-
linjge von 17 bis 25 Jahren an." L. Taxilii) erwahnt, daB zu seiner
Zeit nicht nui* in Paris eine aufsichtsfiihrende Abteitung fiir mann-
liche Prostituierte organisiert war, sondern daB sogar am polizei-
arztlichen Komitee eine „sous-brigade des p^d^rastes" bestand.
Dali homosexueller Verkehr auch schon unter den Vorfahren der
heutigen Franzosen, den Galliern, gepflegt wurde, bestatigen Stellen
bei Strabo, Athenaus, Diodorus^^) und anderen.
So erzahlt Diodorus Siculus, nachdem er von der Wild-
heit der Gallier berichtet hat, daB sie es nicht fiir Schande halten,
mit geliebten jungen Mannern auf Tierfellen zu ruhen. Wie noch
heutc der sog. „schwule Weg" im Tiergarten dasselbe Bild bietet,
wie er unter der Regierung des alten Fritz geboten haben soil, und
vermutlich unter der des. GroBen Kurfiirsten geboten hat, so tragen
die homosexuellen Alleen der Champs-Elysees auch noch jetzt das
gleiohe Geprage, wie unter Napoleon und unter Ludwig XIV. Nur
etwas internationaler diirften mit den Erscheinungen des Verkehrs
Angebot und Nachfrage, etwas durchmischter die Volker geworden
sein. Mancher petit- j6sus der Boulevards begann seine „Lauf"bahn
in der Berliner FriedrichstraBe. Ich bat einmal einen in Paris leben-
den Urning aus dem ElsaB, mir einen echten petit-j6sus zu zeigen.
Die homosexuellen ElsaB-Lothringer ziehen aus begreiflichen Griinden
die franzosische der deutschen Reichshauptstadt vor, jch kenne so-
far mehrere, die nach dem Frankfurter Frieden nur deshalb nach
'rankreich optierten, um nicht unter ein ihnen bis dahin unbekanntes
Strafgesetz zu gelangen, ahnlich wie 1866 Hannoveraner (wie U 1 -
r i c h s) sich nur deshalb der Welfenpartei anschlossen, well PreuBen
einen fjrningsparagraphen hatte, Hannover nicht. Ich bat also ein-
mal in Paris einen mir bekannten Elsasser, mir einen echten petit-
j^sus zu zeigen; es wahrte nicht lange, da sagte er: „voil^!", indem er
mich vor der GroBen Oper auf einen zierlich trippelnden gar9on mit
geschminktem, gekrauseltem Puppenkopf aufmerksam machte. Er sah
aus wie 18, mochte aber wohl fast doppelt so alt sein. Mit graziosem
„merci, monsieur" nahm er die ihm gebotene Zigarette. Als ich ihn
fragte, woher er sei, antwortete jedoch der petit- j6sus plotzlich in un-
verfalschtem Berliner Tonfall: „Na, wenn Sie es denn wissen wollen,
Herr Doktor, jeboren bin ick uf 'm Wedding, erzogen in der Acker-
straBe, Hof, vier Treppen links". Es stellte sich heraus, daB ich ihm
von einer Moabiter Gerichtsverhandlung, in der ich als Sachverstan-
8)Ambroise Tardieu: „Die Vergehen wider die Sittlich-
keit", deutsch von Theile 1860.
») Paris 1855.
i<>) Cf. Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte
von Orleans (1652 — 1722). Ein Beitrag zur Bisexualitat im 17. u.
18. Jahrhundert. Zusammengestellt von Herm. Michaelis,
Magdeburg. In Vierteljahrsberichte. IV. Jahrg. p. 62 ff. 1912.
^^) L. Taxil, La prostitution contemporaine, p. 283, 356.
12) Angegeben von HoBli a. a. O. IL p. 234 ff.
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diger zu tun hatte, personlich bekannt war. Sein Taufname war
Johannes, der in Berlin in Hannchen, in Paris in Jeanette um-
gewandelt war.
Wahrend das Berliner und das Pariser Strichleben kaum nennens-
werte Unterschiede aufweisen, sind in Paris die homosexuellen Bader
haufiger und freier, die homosexuellen Lokale seltener und wech-
selnder als in Berlin. Fernau erwahnt von Kestaurants „Ia
more Gilbert", deren Inhaber, la m^re, ein friiherer mannlicher Pro-
stituierter ist und die bekannte Palmyre-Bar auf der Place blanche,
ahnlich der eingegangenen (neuerdings wieder auferstandenon) Mau-
rice-Bar, ein Restaurant nach Art des friiheren Billow-Casinos in Berlin.
Der eigenartigste urnische Sammelplatz, den ich in Paris sah, befand
sich in der Nahe der Place de la Bastille, eine Mischung von Bad und
Restaurant. An einem oder zwei Abenden der Woche trafen sich hicr
mehr als 100 Urninge, entkleideten sich, gingen dann in warme oder
kalte Bassins, bewegten sich in HeiCluftraumen, um dann in einen
dunklen Raum zu verschwinden, in den von Zeit zu Zeit Dampf hin-
eingelasseu wurde. In dem dichten Wassernebel, der ein gegen-
seitigea Erkennen unmoglich machte, nahmen sie auf einer in der
Mitte der Dampfkammer stehenden kreisrunden Treppe Platz, die
nach oben spitz zulief und bildeten so in Paaren dicht aneinaader
gedrangt eine Menschenpyramide. Die Mehrzahl von ihnen versetzte
sich bier in sexuelle Ekstase. Wenn nach einer Viertelstunde der
Dampf allmahlich nachlieB und aufhorte, gingen sie ermattet unter
die Dusche und begabeu sich dann, in groBe, weiCe Bademantel ge-
hiillt, in den Restaurationsraum ; dies war ein langgestreckter Saal,
an dessen Wiinden rechts und links in nischenartig parallelen Reihen,
den Mittelweg freilassend, Tische und Banke standen. An diesen
nahmen die urninge, wie alte Romer drapiert, Platz, tranken Rot-
wein, aCen Spezialgerichte, plauderten und scherzten, wahrend aiif
einer Biihne ein junger Homosexueller das Klavier bearbeitete, ein
anderer die Zither schlug und dazwischen ein sehr beliebter urni-
scher Volkssanger von grotesker Komik — ein Seitenstiick zur Ber-
liner „Miecke" — seine immer wieder bejubelten Lieder vortrug von
den koketten petits gens, die von klapprigen vieux gens gefolgt die
Boulevards entlang trotten, von der fetten Marcelle, der von den
Apachen, die er so liebte, erschlagen wurde, und den beiden Freun-
den, die sich unverbriichliche Treue bis zum Grabe schwuren: „erst
stach einer tot den andern, dann stiirzt' sich jeder ins Meer". Sehr
beliebt sind in Paris die von Homosexuellen fiir Homosexuelle ge-
gebenen Empfange, Jourfixe, Fiinfuhrtees. Bei fast alien spielen musi-
kalische Yortrage eine groBe Rolle ; einige sind stark iisthetisiereiid.
Die meisten Homosexuellen, die ich hier und ^onst in
Paris kennen lernte, stammten aus der Provinz ; liber diese
lielJo sich noch vieles sagen^^). Namentlich in Nizza, Marseille
Bordeaux, Pau, Biarritz, Lyon und Lille machte ich beachtens-
werte Studien. Ich muB es mir aus Raummangel versagen,
darauf einzugehen, um noch einiges iiber das franzosische Nord-
afrika zu bringen. Ein dortiger Arzt schreibt mir:
„Wer den Boden Nordafrikas betritt und die Stadte und Statten
Algeriens und Tunesiens ^*) durchwandert, wird erstaunt sein, in wie
13) Vgl. auch Chavagny, L'homosexualite dans Tarmee. Rev. do
I'hypnot. et psychol.-physiol. Paris, 1908/9. Bd. 23. p. 39.
1*) Beziiglich der Nomenklatur sei hier folgendes bemerkt: Der
FiaDzosc ncnnt die Kolonie Algier TAlg^rie, die Regentschaft Tunis la
Tunissie. Die Ilauptstadte hoi Ben Alger und Tunis. Wir spreclien
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eigenartiger Weise sich hier Orient und Okzident, franzosisches und
arabisches Leben, Islam und Christentum, beriihren und mischen. Sie
m i s c h 6 n sich mehr in der alten Kolonie Algerien, wo man vielfach
gewaltsam franzosiert hat und das Leben der Einheimischen in die
romanische Schablone pressen woUte. Sie bestehen mehr n e b e n -
e i n a n d e r in der Regentschaf t Tunesien. In dieser, die heute kaum
weniger Eigentum der Franzosen ist als Algerien, hat man, durch man-
cherlei Erfahrungen belehrt, den Arabern ihre Sonderexistenz mog-
lichst belassen, in ihr privates Leben so wenig als moglich, in ihr
offentliches, nur soweit es die unbedingten allgemeinen Interessen
erforderten, eingegriffen.
Wahrend in Tunesien das Arabertum als kompakte Einheit dem
Abendlander gegeniibersteht, bestehen in Algerien zwischen den
Gruppen der einheimischen Bevolkerung ethnoeraphisch tiefeehende
Unterschiede. Westlich und in den Gebirgen wonnen die Kabylen, ein
hamitisch-berberischer Volksstamm, ostlich und nach der Wiiste zu die
eigentlichen Araber. Die Kabylen, ein urspriinglich seBhaftes und
ackerbautreibendes Volk, sind, durch Enteignungspolitik getrieben, viel-
fach in die groBen Stadte — Alger, Constantine — ausgewandert. Hier
vermischten sie sich mit den dort schon ansassigen Arabern ,und
bilden teils den Kem der die niedere Arbeit verrichtenden Bevolkerung,
teils riickten sie als Kaufleute und Gewerbetreibende in den Mittei-
stand auf. Die Beamten in Verwaltung und Justiz, die groBen Kaufleute
und ihre Angestellten sind in Algerien und Tunesien Franzosen oder
Abkommlinge von solchen, die mittleren und niederen Stande der euro-
paiscben Bevolkerung bilden im Westen — Oran — vielfach Spanier,
im Osten — Tunis — Italiener. In Alger selbst findet man
Spanier und Italiener, sowie deren Nachkommen. Einen groBen und
wichtigen Bestandteil aller algerischen und tunesischen Platze bilden
die Juden, die im Westen, speziell Alger, ganz europaisiert, im Osten,
besonders in Tunesien, noch sehr orientalisch geblieben, in alien
Scbichten der Bevolkerung, als reiche Leute und Proletariat, als
Kaufleute, Handler, aber auch sehr viel als Handwerker — nament-
lich in Tunis — anzutreffen sind.
Dies Volkergemisch, interessant genug fiir jeden, der offenen
Auges zu wandern versteht, spiegelt sich auch in unserer besonderen
Frage wieder.
Die Homosexualitat ist, wo es sich beiderseits um Europaer
handelt, im franzosischen Nordafrika die gleiche wie in den iibrigen
Mittelmeerstadten iiberhaupt. DaB es unter den wohlsituierten ein-
gewanderten und einsassigen Europaem eine nicht geringe Anzahl
von Homosexualen gibt, ist sicher; daB viele, wie im Suden haufig,
sich hetero- und homosexual betatigen, ebenso. Sie zu beobachten
aber ist schwer. Man fiirchtet ebenso wie bei uns die Chantage,
Erpressung, mindestens aber das gesellschaftliche Achselzucken. Kurz,
wer etwas zu verlieren hat, reserviert sich, gerade so wie im Norden.
Immerhin kann man durch Befragen geeigneter Personlichkeiten man-
cher^ei erfahren ; solche Angaben sind natiirlich sehr mit Vorsicht
zu verwerten. Von den Bisexuellen resp. sich bisexual Betatigenden
demgemaB von Algerien und Tunesien als Landern, von Alger und
Tunis als Stadten. Die christlichen Einwohner benennen wir, dem
dort iiblichen Sprachge branch folgend, na^h ihrer europaischen Ab-
stammung; wir nennen sie entweder allgemein Europaer oder Fran-
zosen, Italiener, Spanier; diese konnen also eingewanderte oder dort
geborene Christen sein. Selbst in der zweiten und dritten Gene-
ration bezeichnen sich die Leute noch vielfach nach ihrem Ursprungs-
land. Als Algerier (Alg6rois) klassifizieren sich in Alger fast nur
die eingeborenen Juden. Als Araber bezeichnen wir alle Muhammedaner,
gleichgiiltig, ob Araber, Berber, Kabylen, Beduinen, Tiirken.
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abgesehen, soheint naoh meinen ErmittluDgen der Pro-
zentsatz in Algier, Tunis etwa dem unserer groBen Mittelstadte gleich-
zukommen.
Ungenierter als die Ansiedler bewegen sich natiirlich die Fremden.
AIs solche kommen vor allem Vergniigungs- und Geschaftsreisende,
Franzosen, Deutsche und Englander in Betracht. Auch wolilgestellte
arabische Kaufleute aus der Provinz und dem Siiden fallen unter
diese Kategorie.
Viel leichter zu iiberschauen und iiberaus reichlich ist das A n-
gebot. All das Volk, das sich um die einlaufenden Schiffe und
Eisenbahnziige haufig unter der Firma Fremdenfiihrung drangt, alle
„apaches** und „voyous" der groBen Stadte, bieten sich, namentlich
dem allein reisenden Fremdlin^, mehr oder minder unverbliimt und
zudringlich an. Wer sucht, wird auch unter dem anstandigen Teil
der Bevolkerung AnschluB finden konnen. Italiener und Spanier sind
in diesem Punlste freier, Franzosen reservierter. Manche, viele Jahre
iiberdauernde Freundschaft ist, wie uns wohl bekannt, aus einer zu-
nachst zufalligen Annaherung entstanden. In den kleinen Stadten
laBt das Angebot sehr nach, dafiir gibt es weit weniger iible Elemente.
Eigentlich Homosexuelle sind unter den sich Anbietenden nicht
haufiger, eher seltener als bei uns. Prostituierte, worunter wir solche
verstehen, die ausschliefilich von homosexuellen Akten leben,
findet man nur in den groBten Stadten, Alger, Tunis. Diese zeichnen
sich haufig durch eine gewisse Eleganz aus, haben manchmal gewisse
weibliche Alliiren, einen tanzelnden Gang, schmachtende Blioke an-
genommen. Die Prostituierten sind oft recht geschaftliche Burschen ;
um bestehen zu konnen, miissen sie sich der passiven Pedikatio hin-
geben, da sie auch von Arabern viel frequentiert werden: Im iibrigen
werden, unter Europaern, die f iir den intimen Verkehr allerorts
iibliohen Grenzen in der Kegel nicht iiberschritten.
Die Gefahren, denen der Homosexuale ausgesetzt ist, sind die
fleichen wie in nordlichen Landern, besser gesagt, den romanischen
iidstaaten. Raub und Erpressung auf Grund nomosexualer Hand-
lungen konnen ebenso leicht vorkommen, wie bei uns. Wer sich mit
gemeinem StraBengesindel und offentlichen Prostituierten abgibt, wird
dem leichter zum Opfer fallen, als wer wahlerischer ist. Die Ver-
brecher beuten die Unkenntnis der Sprache und Landesgesetze ihres
Opfers, sowie seine Scheu, mit den einheimischen Behorden in derlei
Dingen zu tun zu haben, aus. Namentlich die sonst so praktischen
und kiihlen Englander leisten in ihrer Angst gei-adezu Naives; am
sichersten bleiben die Franzosen, die sich in Nordafrika mehr zu Hause
fuhlen und wissen, was verboten und nicht verboten ist.
Rechtlich gilt fiir Europaer ohne jede Einschrankung der fran-
zosische code p^nal. Homosexuelle Akte als solche sind nicht stmf-
bar, konnen es aber, wie ubrigens der normale Verkehr, unter gewissen
Umstanden, z. B. wenn es sich um Verkehr im Freien, Verfiihrung von
Minderjahrigen handelt u. a. m., werden. Fremde, deren Gebaren zu
unliebsamem Aufsehen fiihrt, laufen Gefahr, ausgewiesen zu werden,
wenn man sich auch seitens der Behorden ohne Not nicht leicht in
diese Angelegenheiten mischt. Auch eine Uberwachung auffalliger Per-
sonlichkeiten kommt vor. Im ganzen sollen jedoch die franzosischen
Behorden in den groBen Stadten nicht sehr rigoros sein, immerhin
ist ein Zusammentreffen mit ihnen nicht angenehm. Die Zeitungen
behandeln homosexuelle Fragen und Vorkommnisse in der Kegel vom
Standpunkt des Sittenskandals aus, ohne Verstandnis der Einzelheiten
des Fa lies.
Soweit also Europaer untereinander in Frage kommen, sind die
Verhaltnisse nicht viel anders als in den iibrigen christlichen Landern
des Mittelmeergebiets iiberhaupt ; sie andern sich aber und gewinnen
sehr an Interesse, sobald A r a b e r das Gebiet betreten.
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Wie sich der Koran selbst zu der Frage stellt, wissen die
wenigsten. Immerhin scheinen homosexuale Neigungen, wie aus den
Erzahlungen der „Tausend und cine Nacht" hervorgeht, nicht als
Ruhmestitel gegolten zu haben. Jedenfalls 'eteht der Islam, dies
darf docli wohl als sicher gelten, den homosexuellen Fragen freier
gegeniiber als das Christentum. Von dem Privatleben der feineren
Araber wissen wir nicht allzuviel, selbst in Alger und Algerien wenig,
in Tunis aber, wo das Arabertum eine in sich geschlossene Majoritat
bildet, fast gar nichts. Selbst dem besteingefiihrten Europaer zeigt
der Araber nur einen ihm gut diinkenden Ausschnitt seines Lpbens,
und in diesen wird er seine vita sexualis sicher nur in den seltensten
Fallen einbeziehen.
Es will uns trotzdem scheinen, daB wahre Homosexualitat nicht
selten, . Bisexualitat aber nnter den Arabern hauf ig sei. Dem Fremden,
der in den StraUen der groBen algerischen Stadte, speziell aber in
Tunis selbst, wandelt, kann es zustoBen, daB ihm von vornehm und
fein gebildeten Arabern sehr unzweideutige Anerbietungen gemacht
warden. Auch lernt man wohl ab und zu auf gesellschaftlichem Wege
arabischc Homosexuelle kennen. Ein Teil der hier wiedergegebenen
Aufschliisse riihrt von solchen her. Homosexuelle Lupanare sind uns
weder in Algerien noch in Tunesien bekannt geworden; vielleicht
existieren in der Stadt Tunis solohe fiir Araber, unsere Gewahrs-
leute wuBten allerdings nichts davon. Notwendig sind solche Lupa-
nare nicht, sie werden vollkomuK ii durch die arabischen Bader
— Plammans — ersetzt. Uber diese, die einen wichtigen Faktor
in dem sozialen Leben der Muhammedaner bilden, seien nier einige
nahere Angaben gemacht. Es bestehen in alien arabischen Stadten
rest). Stadtteilen eine Anzahl arabischer Bader, deren wochentlichen
Gebrauch der Koran vorschreibt. Die meisten sind sehr diirftig ein-
gerichtet; ein, meist kiinstlich erleuchteter Empfangssaal mit Matten,
auf denen, in Laken gewickelt, die Glaubigen nach dem Bade ruhen,
plaudern, wohl auch spielen und Zigaretten rauchen; dahinter die oft
wenig anheimelnden Wasch-, Bade- und Schwitzraume. Der Preis eines
solchen Bades ist minimal, und man hat gegen eine kleine Nebengebiihr
das Recht, im Hamman zu iibernachten. Der Vormittag ist fiir die
Frauen, der Nachmittag und die Nacht ausschlieBlich fiir Manner
bestimmt. Homosexualitat bliiht hier recht iippig; haufi^ sitzen eine
Reihe geeigneter Personlichkeiten wechselnden Alters im Vorraum
und bieten ihre Dienste als Masseure neben den eigentlichen, sozu-
sagen angestellten Badewartern an, oder man holt fiir einen besser
situierten Baxlenden einen „Masseur" nach Wunsch aus der Nachbar-
schaft.
Die Sicherheit auch gegen Diebstahle soil nichts zu wiinschen
iibrig lassen. Die franzosische Polizei verlangt in groBeren Stadten,
daB j e d e r , der im Hamman iibernachtet, seinen Namen in eine
Art Fremdenbuch einschreibt resp. einschreiben laBfc, das ziemlich
fenau kontrolliert wird. Auch hat sie den Aufenthalt jugendlicher
ersonen in den Vorramnen der Bader mancherorts verboten.
Der beliebteste Aufenthaltsort am Tage fiir die Araber, die be-
kanntlich immer Zeit haben, sind die unzahligen kleineren und groBoren
Caf6s, wo man fiir 1 bis 2 Sous ein Schalchen Kaffee oder Tee triiikt,
Karten oder Domino spielt, raucht, plaudert oder gar nichts tut vom
friihen Vormittag bis znm spaten Nachmittag. Sehr viele Araber haben,
ganz wie bei uns, ihr Stammcafe, wo sie taglich verkehren: man
gruppiert sich nach der landsmannschaftlichen oder Stammeszuge-
norigkeit oder auch wohl nach Standen und Gewerben. Wer einen
Araber wiederzufinden wiinscht, erfragt oder besucht ihn am besten
in seinem Caf6. Eine ahnliche RoUe spielen die Barbierstuben;
auch hier versammelt man sich keineswegs nur zum Bart- oder Kopf-
rasieren; man verbringt viele Stunden dort, schlieBt Geschafte ab,
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klatscht, raucht, spielt usw. Es ist sicher, daB an all dicseii Orteii
homosexuale Bekanntschaften angeknxipft werden, aber ein Caf4 mit
besonders prononciertem homosexualem Verkehr konnten wir weder
in Alger noch in Tunis in Erfahrung bringen. Hingegen wurden uns in
beiden Stadten Barbierstuben gezeigt, in denen zweifellos der-
artige Bekanntschaften vermittelt wurden. Vermutlich sind die Eigen-
tiimer dieser Barbierstuben, ahnlich wie die Wirte homosexueller LoKale
bei uns, selbst zumeist Homosexuale. In den arabischen Cafes verkehren
audi die zahlreichen Marchenerzahler, blinden Sanger und Musikanten
des Orients, ferner treten Tanzerinnen auf, sogenannte Ouled Nails,
ein Beduinenstamm aus der Wiiste, oder prostituierte Jiidinnen. Viel
echter und bodenstandiger sind in den algerischen Platzen die kaby-
lischen Knabentanze. Diese sind in den meisten Stadten offentlich
nur wahrend des Monats Rhamasan erlaubt; sie entsprechen aber in
der Tat einer wirklichen Volkssitte. Wir sahen sie bei einer Wanderung
durch die — in vieler Beziehung sehr interessanten — arabischen
Quartiere voja Constantine. Es sind ein oder mehrere .liinglinge,
etwa 16 bis 20 Jahre alt, die zu den Klangen der einformigen Musik
tanzen; sie legen Hosen und Schuhe ab und tanzen im Hemde und ge-
stickten Jackchen. Man gibt einige Sous. Wer etwas Besonderes
tun will, befeuchtet ein halbes oder ganzes Frankstiick leicht mit
der Lippe und heftet es an die Stirn des Tanzenden. Dafiir dankt der
tanzende Jiingling in orientalischer Weise sehr innig, indem er die
Hand aufs Herz legt und sich besonders anmutig und ausdrucksvoll
bewegt. Im iibrigen ist die Gesellschaft, in der man sich befindet,
wenig gewahlt: schmierige Hammals (Lasttrager) und anderes Volk,
aber der sich ruhig gebende Fremde wird stets zuvorkommend be-
handelt und ist vollkommen sicher. Im Monat Rhamasan beteiligen
sich an diesen Tanzen die Sohne der besten Familien; ihre Gebraucne,
alJes natiirlich etwas verfeinert, sind die gleichen. Etwas homo-
sexuell Betontes haben diese Tanze an und fiir sich nicht. Immerhin
wirken diese Tanze sicher stark auf die Phantasie homo- oder bi-
sexuell veranlagter Zuschauer, und die manchmal sehr anmutigen und
graziosen Tanzer werden viel umworben; auch mag sich unter ihnen
eine Reihe Kynaden befinden; die Kenntnis des letzten Wie im ara-
bischen Volksleben ist ja so schwer zu gewinnen.
Von Badern, Caf6s, Barbierstuben abgesehen, ist die groBe Ver-
mittlungsstelle, wie fiir die Ankniipfung aller Beziehungen, so auch
der homosexualen die StraBe, auf welcher der Araber, wie jeder Siid-
lander, lebt und webt. In den Basaren, auf den Platzen vor den
groi3eu Caf6s, in den HauptstraBen der europaischen Viertel, am Hafen,
m der Umgebung der Bahnhofe, iiberall bieten sich Araber unter jedem
Vorwand an. Ihre Zudringlichkeit an den groBen Fremdenplatzen ist
teilweise geradezu beispiellos. In den ganz groBen Stadten findet man
auch eino Reihe offentlicher Prostituierter, die, in oft sehr elegaiiter
arabischer Kleidung, ihrem Gewerbe nachgehen; darunter tadellos
schone Leute. Diese sind wie anderwarts „les grandes cocottes",
ziemlich teuer. Alles iibrige sind Gelegenheitsanerbieten ; man ist
hierbei mit jedem Preis zufrieden und vielfach durchaus anstandig.
Wer ein biBchen zu wahlen versteht, soil unschwer die Bekanutschaft
sehr honetter arabischer junger Leute machen konnen und weder
geprellt werden, noch sonst eine Unannehmlichkeit haben. Alle unsere
Gewahrsleute riihmten die Anhanglichkeit und Treue der Muharame-
daner, die als Diener und Freunde bei ihnen aus- und eingingen.
Selbst sehr intime Beziehungen wurden fast nie in gemeiner Weise
ausgeniitzt, wie sich iiberhaupt die oft den untersten Volksschichten
entstammenden Araber und Kabylen hiiufig sehr vorteilhaft in ihrem
Charakter von den christlichen Mittelmeerbewohnern unterscheiden
und sich durch sanftes und gefalliges Wesen auszeichnen.
In rechtlicher Beziehung sind die Europaer, auch im Verkehr mit
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den Arabern, dem code penal unterworfen. Fiir die Araber iinterein-
ander sollen besondere Bestimmungen, eine Mischung von scherifi-
schem und franzosischem Recht gelten. Jedenfalls ,ist die franzosiscbe
Behorde aus mancherlei Griinden in Fragen der Sittenpolizei Arabern
gegenuber sehr duldsam ; von selbst mischt sie sich — soweit nicht
offentliche Interessen in Frage kommen — wohl kaum je ein, und die
Araber zeigen noch weniger Neigung als sonst, in derlei Fragen
den franzosischen Kadi in Anspruch zu nehmen. Gegen arabische
Prellereien und Erpressungen wird streng vorgegangen — wenn solche
den Beholden bekannt werden. Auf manchen kleinen, aber von Frem-
den viel besuchten Platzen kontrolliert wohl auch die Polizei den
Verkehr zwischen Arabern und Fremden als solchen und regelt die
„Fremdenfiihrung" sehr rigoros. Von der groBen HeerstraBe ent-
fernte kleinere Platze weisen sehr reinliche Verhaltnisse auf; das
Angebot ist gering und diskret, aber wo arabische und kabylische
Bevolkerung lebt, liberall gelegentlich voriianden^^a).
Sehr im Gegensatz zu der mlnnlichen bildet die weibliche
Homosexualitat in Frankreich einen beliebten Vorwurf der
Schrif tsteller ; sie sehen in ihj nichts weiter als eine interessante
Absonderlichkeit des Geschmacks, die man der Frau, wie
alle^, gern nachsieht.
Sehr interessante Einblicke in die Beziehungen homosexueller
Frauen in Paris gewahrt ein 1912 von F. Baumann in der Ham-
burger „Zeitschrift" i*) veroffentlichter Artikel. Auch im franzosischen
Nordafrika soil unter den chriatlichen wie muselmannischen Frauen
der gleichgeschlechtliche Verkehr eine haufige Erscheinung sein; er
wird aber, trotzdem er von AuBenstehenden toleriert wird, wie der
Geschlechtsverkehr iiberhaupt, sehr geheim gehalten. T a r u f f i i^)
erwahnt die marokkanischen Wahrsagerinnen, die Sahacat, d. i. Fri-
catrices, genannt werden. Sie stehen allgemein im Rufe, daB sie von
Frauen, die ihnen gefallen, als Honorar fiir ihre Weissagungen Hin-
gabe zu lesbischem Verkehre verlangen.
tlberschreiten wir die Grenzen Frankreichs nach den, drei
ihm benachbarten romanischen Reichen Belgien — Italien —
Spanien, so ist zunachst beztiglich Belgiens zu bemerken, dafl
die dortigen homosexuellen Verhaltnisse den franzosischen nahe-
zu voUkommen gleichen. Briissel verhalt sich zu Paris wie
Ostende zu Nizza und Ltittich zu Lille.
Auch in Belgien stand mehrere Jahrhunderte hindurch auf homo-
sexuelie Betatigung die Todesstrafe — einer der beriihmtesten bel-
gischen Kiinstler, Jerdme Dusquesnoy, fiel „convaincu de Sodo-
mie" ihr zum Opfer. Allmahlich wurden auch hier die Gesetze und
Auffassungen milder, bis schlieBlich Straffreiheit eintrat, dabei aber
keine Kenntnis, geschweige denn Anerkennung der urnischen Natur,
nur Duldung, jederzeit bereit, wie der ProzeB gegen den Schrif tsteller
E e k h o u d (Inkriminierung von „Escal Vigor" als unziichtige
Schrift) zeigte, in das Gegenteil umzuschlagen. Wie in Frank-
^*a) Vgl. auch den Aufsatz v. N. Pratorius: „tTber gleichge-
schlecbtlichen Verkehr in Algerien und Tunis" in KrauB' -^Vnthro-
pophyteia Bd. VII, p. 179—189.
15) 3. Jahi^. Heft 2. p. 54 ff.
i«) T a r u f f i , Caesare, Hermaphroditismus und Zeugungsunfahig-
keit, deutsch von Dr. med. Teuscher. Berlin, 1903.
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reicb, Italien und anderen Landern entziehen ^ich auch in Belgien
die monogamen Beziebungen zuriickgezogen lebender Homosexueller
den Blicken Fremder, oft selbst den Augen Nabestehender. Was auf
der Oberflacbe scbwimmt und desbalb leicbt ein verzerrtes Bild vor-
tauscbt, ist die gewerbsmaCige und Gelegenbeitsprostitution, die
namentlicb auf dem Damm von Ostende und an einigen Stellen in
Brussel verbreitet ist und vielfacb wie an dem beriichtigten Platze
binter der Briisseler Borse mit Chantage eng vergesellscnaftot auf-
tritt. Nicht selten wurden in Briissel fremde Homosexuelle auch in
dunkle entlegene Winkel gelookt und, falls sie nicht alles heraus-
ruckten, was sie bei sich fiihrten, von den Helfershelfern der Lock-
vogel schwer gemiBbandelt. Ich habe mehr als einmal in Berlin auf
solche Weise in der belgiscben Hauptstadt erworbene Kopf- und Arm-
wunden verbunden. Nach Pratoriusi') soil Brussel kein homo-
sexuelles Bad, dagegen .,zahlreiche homosexuelle "VVirtschaften" besitzen,
sine Wahrnehmung, die ich nicht bestatigen konnte.
Am interessantesten in urnischer Hinsicht fand ich in Briissel das
Leben auf der rue haute. Besucht man hier die Ballsale niederster
Volksschichten, Lokale, in denen meist eine groBe Drehorgel oder eine
Ziehharmonika die jeweils ziindendsten Melodien aufspielt und die
nur selten jemand mit Kragen betritt, so kann man, sofern beide
Geschlechter in etwa gleicher Anzahl vertreten sind, folgende Be-
obachtung machen. Nur etwa die Halfte der Manner tanzen immer
mit Frauen, mehr als ein Viertel tanzen ausschlieBlich mit Mannern
und ein letztes Viertel sieht man sich bald mit Madchen, bald mit
iliresgleichen drehen. Auch unter den Frauen gibt es eine ganze An-
zahl, die darauf bedacht sind, immer nur weibliche Partner zu haben
und Aufforderungen von Mannern „h6flich, aber bestimmt" ablehnen.
Viele der gleichgeschlechtlichen Paare zeichnen sich durch sicht-
liche Hingabe aneinander aus ; Wange an Wange, Knie an Knie ge-
lehnt, verschmelzen ihre Korper unter dem EinfluB der einschmei-
ohelnden Musik formlich miteinander. Die meisten tanzen immer
nur mit einer bestimmten Person. Ich habe mich oft mit diesen
eingeschlechtlichen Paaren aus dem niedersten Volke unterhalten —
wie in Briissel, auch in Bastia, Palermo, Triest und vielen anderen
Stadten — und erfuhr, nachdem ich das Vertrauen der Leute mehr
als durch Zigaretten und Getranke durch eine gewisse Technik mit
ihnen zu reden, gewonnen hatte, dafi von den eingeschlechtlichen
Paaren, namentlich denen, die immer zusammen tanzen, die meisten
zweifellos homosexuell sind; gewohnlich sind es beide, gelegentlich
auch nur der eine der beiden Partner. Sie verabscheuen, wie sie
versichern, das andere Geschlecht, wohnen und schlafen zusammen,
leben, soweit bei ihrer Armut davon die Rede sein kann, in vollkom-
mener Giitergemeinscliaft, und die Art, wie sie fiir einander eintreten,
erinnert sehr an die Biindnisse, die uns aus anderen Orten und Zeiteu
als Blutsbriiderschaften geschildert werden. Vor einigen Jahren wurde
in Briissel ein homosexueller Schuhmacher mit seiner Frau wegen
homosexueller Kuppelei verhaftet. Man beschlagnahmte bei ihnen
zahlreiche Albums mit Photographien junger Leute ; die Bilder wurden
den nachfragenden Urningen zur Auswahl vorgelegt, und die Ori-
ginale dann zu einer verabredeten Stunde in die Wohnung der Schuh-
machersleute bestellt.
Eine sehr groBe An^^iehuugskraft hat von jeher auf die
Homosexuellen aller Lander Italien ausgeiibt. Namentlich
unter den deutschen, englischen und russischen Urningen gibt es
viele, die Jahr fur Jahr die Zeit herbeisehnen, wo sie sich nach
") Jahrb. f. sex. Zw. Jahrb. IV, p. 800.
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Italien zurtLckziehen konnen, um wenigstens fur einige Wochen
„auf-gesetzlichem Boden** zu leben. Viele haben sich auch
dauernd dort niedergelassen. An einigen Platzen, wie Rom,
Neapel und Florenz kann man geradezu von urnischen Kolo-
nien reden. Auch Capri^®) wird von altersher, und zwar ver*
mutlidi schon vor jener Zeit, wo Tiberius hier seinen Palast
besafl, bis auf unsere Tage, wo auf dem Tiberiusfelsen ein Dich-
ter seine prachtige Villa mit der Inschrift versah: ,,amori et
dolori sacrum", von Urningen bevorzugt und auch in und um
Taormina haben sich viele angesiedelt. Aber auch aus und
an vielen kleinen Platzen von der ligurisohen Kliste abwarts
iiber Etrurien und die Abruzzen his nach Sizilien habe ich
Urningo aus dera Norden kennen gelernt. Den einen lockten
mehr die Reste antiker Kunst, den anderen die Reize der Na-
tur, das sonnige Klima, fast alle aber mehr oder minder auch
die Mildc der Gesetze und „die paradiesische ^chonheit des
Menschenschlages".
Mancher beriihmte Urning und mancher, der langst fiir tot gait
als er starb, hat in italienischer Erde, fern von der Heimat, seine letzte
Ruhestatt gefunden ; ^^) so liegt Winckelmann in Triest auf dem
Lapidario oivico, Platen in Syrakus im Garten der Villa F^andolina,
LT I r i h 8 auf dem Campo santo in Aquila> zu denen sich neuerdings
in Neapel Hermann von Teschenberg gesellte. Trotzdera der
homosexuelle Fremde fiir das gastfreie Italien groiite Sympathie emp-
findet, vollig bodenstandig wird er doch nur selten; meist ist er in
seinem homosexuellen Verkehr auch nur auf Eingeborene angewiesen,
die sich ihm — ohne selbst „echt" zu sein — auBerer Vorteile halber
zur Verfiigung stellen. Den wirklich homosexuellen Italiener, der aus
wirklicher Neigung gleichfiihlende Freunde sucht und findet — ebenso
auch die gleichfiihlende Italienerin — lernen; die Fremden vielfach iiber-
haupt nicnt kennen. DaB sie in betrachtlicher Anzahl in alien virilen
und femininen Abstufungen existieren, ist ganz zweifellos. Nurdiirfto
der Prozentsatz schwer eruierbar sein, um so schwerer, als sie von
den zahlreichen Bisexuellen und Pseudohomosexuellen kaum unter-
schieden werden konnen. Vor allem Siiditalien tragt in dieser Hin-
sicht schon ein stark orientalisches, vermutlich sich bereits auf antike
Traditionen griindendes Geprage, das auch anderweitig zum Ausdruck
gelangt, z. B. in der nonchalanten Beurteilung aktiver gegeniiber der
scharien Verurteilung passiver Betatigung. Erachten es doch selbst
kauflicho junge Manner fiir unter ihrerWiirde, den Partner, den sie zu
pedizieren jederzeit gegen Entgelt bereit sind, ihrerseits zu beriihren,
oder gar inm immissionem in irgendeine „cavitatem" ihres Korj)ers
zu gestatten.
Wenn librigens Pratorius meint, daiJ es in Italien kaum
hblnosexuelle Striche gibt, so kann ich mich dem nicht ganz
anschlieUen. Ich wiiUte nicht, wie man das uns in der Gal-
18) S p e r , Dr. A., Capri und die Homosexuellen. Eine psycho-
logische Studie. Oranienbulrg-Berlin.
15) Cf. „Drei deutsche Graber in fernem Land". In Vierteljahrs-
beriohte des Wiss.-hum. Komitees. Jahrg. I, 1909. p. 29 ff.
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leria Vittorio Emanuele in Mailand und Galleria Umberto in
Neapel entgegentretende Treiben, das abendliche Getriebe vor
dem Cafe Aragno in Rom und am Quatro Canti in Palermo,
um nur einige wenige Beispiele anzuftihren, anders titulieren
soUte. Von zahlreichen mir von in Italian lebenden Homo-
sexuellen zugegangenen Berichten will ich wenigstens einen wie-
dergeben, der zugleich ein Beleg ftir den im Kapitel „Behand-
lung" von mir vertretenen Standpunkt ist, daU Italien lieines-
wegs, wie So oft angenommen wird, die beste Losun^ der sicli
aus der homosexuellen Veranla^ung ergebenden Schwierig-
keiten ist.
Es heiBt da: ,, Italien gilt vielen als das Dorado der Homosexu-
ellen. Aber wie irrig diese Meinung ist, erfahrt man, sobald man
sich einige Zeit in Italien aufhalt. DaB die homosexuelle Veran-
lagung dort bei. weitem nicht so verbreitet zu sein scheint wie in
den nordischen Landern, ist schon mehrfach betont worden. Andrer-
seits tritt sie keineswegs so selten auf, wie manche anzunehmen ge-
neigt sind. So sind m i r bei sechsmonatigem Aufenthalt mindestens
acht ausgesprochen homosexuelle Italiener und ein Bisexueller be-
gegnet. von den ersteren sind vier altere Manner, die andern jiinpere
unter diesen zwei, die eine Vorliebe fiir altere Manner haben. Dies
Ergebnis meiner Beobachtungen ist nicht zu gering zu veranschlagen in
Anbetraoht dessen, daB ich infolge meiner mangelhaften Kenntuis
der Landessprache verhaltnismaBig mit nur wenigen Italienern
in Beriihrung kam, bei der Annaherung an homosexuelle Kreise mit
Riicksicht auf meine gesellschaftlichen Beziehungen zu Landsleuten
groBe Vorsicht walten lassen muBte, und der „bessere" Italiener, wie
ich mir habe sagen lassen, seine homosexuelle Neigung mindestens
ebenso wie der gleichartige Deutsche nach Moglichkeit zu verbergen
sucht.
Mag aber auch die wahre Homosexualitat nur in geringem !MaDe
in Italien verbreitet sein, so ist es um so mehr die homosexuelle B e -
tatigung. Charakteristisch in der Hinsicht war mir der AussiDruch
eines Urnings : „Fiir Geld kann ich in Italien jeden haben, selbst den
Sindaco". Dies ist iibertrieben, enthalt aber einen guten Kern Wahr-
heit. Es ist iiberraschend, wie viel junge Leute in Rom und Neapel
durch Blicke oder durch Erwidern eines ihuen zugeworfenen Blickes
ihre Bereitwilligkeit zu einer Annaherung zu erkennen geben, und
nach meinen Beobachtungen sowohl wie nach den Mitteilungen, die
mir von Italienern gemacht wurden, glaube ich behaujpten zu durfen,
daB in den genannten GroBstadten die italienischcn Jiinglinge im Alter
von 15 — 18 Jahren sich in der M e h r z a h 1 homosexuell betatigen.
Hierbei sehe ich ab von der wechselseitigen Ouanie, die die jungen
Leute auf Schulen und besonders in don in Italien zahlreichen Inter-
naten untereinander betreiben, habe vieluiehr lodiglicli den homosexu-
ellen Verkehr mit melir oder weniger alteren jMannern und namentlich
Fremden im Auge. Wird ein junger Mann in der Gesellschaft eines
Auslanders gesehen, geriit er alsbald in den Verdacht homosexuellen
Verkehrs, insbesondere dann, wenn der Auslander ein Amerikaner,
Englander oder Deutscher ist. Namentlich stchen die sich voriiber-
gehend in Rom aufhaltenden Deutschen im Rufe der Homosexualitat.
Ein mir bekannter, gebildetcr Italiener von etwa 18 Jahren, der trotz
seiner Jugend einen sehr intensiven h e t e r o sexuellen Verkehr unter-
hielt, aber sich ausnahmsweise auch homo sexuell betatigte, verstieg
sich zu der ungeheuerlichen Behauptung, daB die Deutschen, die nach
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Horn kommen, zu — 90o/o homosexuell seien. Diese Behauptung stiitzte
er hauptsachlich auf Erzahlungen aus dem Kreise der romischeD
Jeunesse doree, in der er verkeurte und in dem nach seiner glaub-
wiirdigeu Angabe solche Dinge einen beliebten Gesprachsstoff bil-
deten. Ich vermute, daB diese geradezu lacherliche Ansicht im Ge-
folge der Eulenburg- Prozesse entstanden ist. Will man in Rom
einen Deutschen als homosexuell verdiichtigen, so sagt man von ihm :
e della tavola (oder tavola rotonda), d. h. er gehort zur Tafelrunde,
soil heii3en zu dem Liebenberger Kreise. Auch von Angehorigen der
deutschen Kolonie wurde mir gegeniiber als eine beklagenswerte Folge-
erscheinung jener Prozesse hervorgehobeii, daB in Rom die Deutschen
im Geruche der Homosexualitat stehen. Um sich nicht verdachtig
zu machen, scheuen sich in der Regel die jungen Italiener — wenig-
stens soweit sie den besseren Standen angehoren — , sich in Begleitung
von alteren Ausliindern in der Offentlichkeit zu zeigen, und zwar
selbst dann, wenn ciu geschlechtlicher Verkehr zwischen ihnen und dem
Auslander nicht stattfindet. In Neapel trat ein mir unbekannter Mann
mit dem Anerbieten an mich heran, daB er mir einen bello ragazzo ver-
schaffen wolle, und auf meiue Frage, wie er zu solchem Anerbieten
komme, erwiderte er, er hatte mich in Gesellschaft eines jungen
Neapolitaners spazierengehen gesehen. Erwerbssinn und S i n n -
1 i c h k e i t sind die Beweggriinde f iir die homosexuelle Betatigung
des jungen Italieners. Ganz o h n e Entgelt pflegt auch der wirklich
homosexuelle Jiingling sich dem alteren Manne nicht hinzugeben. Min-
destens ein kleines Geschenk erwartet selbst der echte Homosexuelle.
Ein junger Mann, den ich kennen lernte, erklarte es zwar fiir „brutto",
Geld zu nehmen, bat aber, ihm ein neues Jackett zu schenken. Und
es sind nicht etwa bloB Jungen niederer Volkskreise, die sich fiir Geld
hingeben. Die Entgeltlichkeit ist die conditio sine qua non auch bei
den Jiinglingen der besseren und besten Stande.
Entsprechend der sozialen Stellung wird ebenso wie in Deutsch-
land der Liebeslohn bemesscn. Ein romischer Student, dessen Forde-
rung von 10 Lire dem um ihn werbenden Auslander zu hoch schien,
meinte, unter dem konnte doch ein junger Maun wie er es nicht tun.
Ein Unteroffizier war geradezu entriistet iiber ein Angebot von o Lire ;
auf die Auf f order uiig, seinerseits seine Bedingungen zu nennen, er-
klarte er in gekranktem Stolze, daB noch nie ein Auslander es ge-
wagt habe, ihm ein ihn so erniedrigendes Angebot zu machen, und
daB bei dieser Geringschatzung seiner Person jede weitere Verhand-
lung ausgeschlossen sei.
Die Sucht nach Gelderwerb, die, wie dargelegt, bei der Hin-
gabe des Italieners eine so groBe Rolle spielt, zeitigt auch die uner-
freulichc Erscheinung, die so vielfach in Verbindung mit dem homo-
sexuellen Verkehr auftritt: die Chantage, im Italienischen „ricatto"
genannt. DaB eine solche in einem Lande, in dem eine dem § 175 ent-
sprechende Strafbestimmung nicht besteht, iiberhaupt moglich ist,
erregt bei dem Nichtkenner der italienischen Verhaltnisse Befremden.
Gilt ihm doch Italien als das Land der Freiheit fiir den homosexu-
ellen Verkehr.
Irrig ist aber zunachst schon die Ansicht von der voUigen Straf-
freiheit. Straflos ist zwar der homosexuelle Verkehr an und fiir sich.
Er wird aber unter den gleichen, besonderen Umstiinden wie
der auBereheliche heterosexuelle Verkehr bestraft, und dies ist —
abgesehen von dem MiBbrauch eines Abhiingigkeitsverhaltnisses, der
Unzucht mit Kindern unter 12 Jahren, der Gewalttiitigkeit und illin-
lichen Qualifikationen — dann der Fall, wenn er erstens uffentlich
feschieht, und zweitens mit unbcscholtenen Personen, die das
G. Lebensjahr noch nicht volleudet haben. Letzterenfalls freilich
nur auf Antrag. Der Begriff der Offentlichkeit wird sehr ausgedehnt
ausgelegt : so wird z. B. als ein c'ffentlicher Ort, wie man mir ge-
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sagt hat, schon die — wohl von innen nicht verschlieBbare — Kabine
einer Badeanstalt angesehen. Diese gesetzlichen Bestimmungen dienen
nun vielfach als Handhabe fiir die Chantage. Erleichtert wird dies
dadurch, daB der Italiener sioh friihzeitig entwickelt, und man sich
infolgedessen leicht iiber sein Alter tauscht. Sowohl in dem einen wie
in dem anderen Falle gehen nun die Erpressungen unter Androhimg
von Anzeigen nicht etwa nur von den angeblich in ihrer Sittlichkeit
Verletzten selbst aus, sondern oft auch von deren Eltem und son-
stigen Angehorigen, die sich gegen Zahlung eines Schweigegeldes be-
reit erklaren, von Stellung eines Strafantrags Abstand zu nehmen.
In dieser Weise wird auch dann vo^egangen, wenn eine Verlctzung
des Schutzalters iiberhaupt nicht in Frage Kommt. Es wird schlank-
weg behauptet, der andere Teil habe sich strafbar gemacht, und man
rechnet darauf, daB der F r e m d e sich einschiichtern laBt. Dieser
Zweck wird vielfach schon durch die Scheu vor Scherereien mit der
Polizei Oder vor einem Skandal erreicht. Man findet sich ab, um sich
nicht weiteren Belastigungen auszusetzen. Kommt es doch vor, daB
iugendliche Erpresser manchmal selbst dann, wenn eine geschlecht-
lichc Beriihrung gar nicht stattgefunden hat, dadurch auf ihr Opfer
einzuwirken suchen, daB sie sich tagelang an seine Fersen heften.
In einem Falle verfolgte in Rom ein Junge einen Herrn nachts mehrere
Stunden, stieg mit ihm in die StraBenbann, lief, als der Herr sich eine
Droschke nahm, andauernd neben her und hatte die Frechheit, in einer
HauptstraBe Roms von hinten an die Droschke hinanzuspringen, um
dem Herru einen Schlag iiber den Kopf zu versetzen. Schon eine kurze
Unterhaltung, die an sich unverfanglich ist, geniigt manchmal dem
Jungen oder seinen Helfershelfern, um die Erpresserschraube anzu-
setzen. Hierbei ist es keineswegs Voraussetzung, daB die Anrede von
dem Herrn ausgegangen ist. „Was haben Sie mit meinem Bruder
gemacht?" oder „Was haben Sie meinem Freunde zugemutet?",
herrscht plotzlich ein anderer Junge, der „unversehens" dazukommt,
den Herrn an, welcher sich im Gesprach mit dem ersten Jungen be-
findet oder solches auch wohl bereits beendet hat. „Sie haben ihm
unsittliche Antrage gestellt" oder so ahnlich heiBt es weiter. Als-
dann wird mit der Guardia (Polizei) gedroht, um durch diese Ein-
schiichterung den Boden fiir die Geldforderung vorzubereiten, oder
sie, falls schon gestellt, zu unterstiitzen. Nur groBte Energie kann
hier retten. Dies mag folgendes Beispiel lehren.
Ein Deutscher hatte in Rom mit einem dorb studierenden 20-
jahrigen Italiener aus Ancona ein Verhaltnis. Die intimen Zusammen-
kiinfte der beiden fanden teils in der Pension des Deutschen statt,
teils ill der Wohnung des Studenten, fiir die diesem der Mietpreis von
dem Deutschen zur Verfiigung gestellt wurde. Da dem Studenten die
freiwilligeu Geldspenden seines Freundes nicht geniigten, versuchte er
mehr Geld aus ihm herauszuziehen. Er schwindelte zunaohst vor,
daB ihm seine Wohnung auf sofort gekiindigt sei, weil er unerlaubte
Beziehungen zu dem Auslander unterhalte, und seine Zimmerwirtin
mit Mitteilung an seine Eltern gedroht habe, falls er nicht sogleich,
ohne das fiir den eben angebrochenen Monat im voraus gezahlte Miet-
geld zuriickzuerhalten, ausziehe. Er bat seinen Freund nun flehentlich
ihm eine groBerc Summe zu geben. Als dieser sich ablehnend ver-
hielt, beschloB man „aufs Ganze zu gehen". Hierzu wurde von dem
Studenten einem alteren Bekannten die Rolle seines Schwagers aus
Ancona zugeteilt. Bei der nachsten Zusammenkunft in der Wohnung
des Deutschen, die der Student angeregt hatte, gab sich dieser so
zartlicli wie nie zuvor. Da wurde plotzlich an die Tiir geklopft, und
herein stiirmte mit drohend erhobener Faust ein vierschrotiger Geselle,
der aiigebliche „Schwager", Schmahworte ausstoBend gegen den „miB-
ratenen Jungen", der sich zitternd wie Espenlaub in eine Zimmerecke
gefhichtot hatte und wehklagend rief : ,,0 mio cognato, mio cognato da
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Ancona I"2<^) Der Deutsche, zunachst noch in gutem Glauben, daB
die Zimmmerwirtin des Studenten ihre Drohung wahr gemacht habe
und der aus Ancona herbeigeeilte Schwager dem Famllien-
angehorigen zu Leibe wollte, versuchte vergeblich, den Eindringling
wieder aus dem Zimmer hinauszuschieben oder doch an die elektrische
Klingel zu gelangen. In diesem kritischen Momente erschien, durch
den Larm herbeigerufen, das Zimmermadchen, und kurz entschlossen
gebot dieser der Deutsche, den padrone (Pensions inhaber) herbei-
zurufen, der denn auch alsbald erschien und auf Wunsch des der
italienischen Sprache nicht geniigend machtigen Deutschen den „co-
gnato" nach seinem Begehr befragte. Der „cognato" erzahlte von den
angeblichen brieflichen Mitteilungen an die Eltern des Studenten und
fiigte hinzu, er sei deshaib von Ancona heriiber^ekommen, um nach
dem reohten zu sehen, und wiinsche die Angelegenheit mit
dem Deutschen zu ordnen. Der padrone verfehlte nicht, seine Zweifel
an der Richtigkeit der Angaben zu aufiern, machte auch den „cognato"
auf die unangenehmen Folgen einer Verleumdung aufmerksam und
kelirte dann zu dem Deutschen zuriick, den er von jenen Angaben in
Kenntnis setzte. Nach langerem Hinundherreden erklarte sich der
Deutsche bereit, die verlangte Unterredung spater in Gegenwart des
padrone an einem dritten Ort zu gewahren. Nunmehr entfernte sich
der „cognato", nachdem ihm auf Befragen versichert war, daB sich
der Student inzwischen entfernt habe. In Wahrheit befand sich frei-
lich der Student noch im Zimmer des Deutschen, wo er wahrend
und nach der Unterredung zwischen dem „cognato" und dem padrone
iammerte: „Was hast Du getan? Warum gleich so heftig? Hat test
Du meinen Schwager nicht so hart angelassen, hatte
er mit sich reden lassen. Nun werden wir beide ins Ge-
fangnis kommen." Auf letztere AuBerung kam er immer wieder zuriick,
obwohl ihm — der Wahrheit entsprechend — von dem Deutschen be-
deutet wurde, daB das, was zwischen ihnen vorgefallen ware, nach
italienischem Gesetz nicht strafbar sei. Weiter wehklagte er, was
aus ihm werden soUte, und stohnte, daB ihn sein Schwager totschlagen
werde. Dann wollte er wiederum fort, obwohl ihm p^esagt wurde, daB
er Gefahr laufe, seinem wiitenden Schwager noch vor dem Hause zu
treffen, und im nachsten Augenblicke erklarte er, sofort zu seinen
Eltern nach Ancona reisen zu wollen. Kurzum er tat ganz kopflos —
die Komodie wurde vortrefflich gespielt. SchlieBlich wurde er fort-
geschickt mit der Weisunc, sich zu der Unterredung mit dem „co-
gnato", an der wegen Behinderung des padrone nunmehr ein Rechts-
anwalt teilnehmen sollte, einzufinden. Bevor der Student ging, steckte
dei* Deutsche seine Pistole in die Tasche mit dem Bemerken, daB er
diese zur Vorsicht mitnehmen werde, was ersichtlich Eindruck auf
den Studenten machte. Nachtraglich entschloB sich der Deutsche,
der sich inzwischen klar dariiber geworden war, daB es sich um ein
Komplott handelte, jegliche Auseinandersetzung mit dem „cognato"
zu vermeiden. Er sowohl wie der bereits telephonisch angerufene
Rechtsanwalt blieben deshaib der Zusammenkunft fern — und damit
war die Sache zu Ende. Sowohl der „cognato" als auch der Student
haben nichts mehr von sich horen oder sehen lassen. Der Plan
der beiden SpieBgesellen lag klar zutage: man rechnete darauf, daB
der Deutsche, dm*ch den Uberfall eingeschiichtert, um gut Wetter bei
dem sichtlich entriisteten „cognato" bitten und, sei es aus eigenem
Antriebe, sei es auf die ihm dann zu machenden Andeutungen hin, sich
bereit erklaren wiirde, durch Zahlung einer BuBe den Zorn der in ihrer
Ehre gekrankten Familie zu beschwichtigen, d. h. sich loszukaufen.
Weniger giinstig war der Ausgang eines ahnlichen Abenteuers
eines anderen Deutschen in Neapel. Dieser hatte auf der StraBe die
^^) Ach mein Schwager, moin Schwager aus Ancona!
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Bekanntschaft eines jungen Neapolitaaers gemacht, der sich schon
seit mehreren Jahren zu gleichgeschlechtlichem Verkehr fiir Geld
hei-gab, und hatte sich mit ilim in ein Absteigequartier begeben, nach-
dem er ihm vorher als Eatgelt 10 Lire versprochen hatte. Die beideii
hatteu sich eben halb ausgekleidet, als es an die Tiir pochte. Als
der Fremde offnete, drangten sich zwei Burschen ins Zimmcr, die sich
als Briider des Jungen ausgaben, dem Herrn vorhielten, dafi er iiber
ihre Familie Schande gebracht habe, und ein Schweigegeld verlangten,
widrigenfalls die Saclie zur Anzeige gebracht wiirde. Nach langerem
Verhandeln kam eine Einigung dahin zustande, daB sich der Deutsche
mit 100 L., die er den Dreien gab, abfand. Der Junge hatte die naive
Unverfrorenheit, den Vorgang einem andern in Neapel seiJhaften
Deutschen, mit dem er schon seit Jahren in Beziehungen stand, zu
erzahlen; als ihm dieser die Schandlichkeit seines Vorgehens zu Gc-
miitc fiihrte, erwiderte er: „Die Fremden, die nach Italien kamen,
hatten viel Geld, er aber hatte keins, und da sei es ganz in der Ord-
nung, jene zu rupfen." 21) in dieser AuCerung zeigt sich gleichzeitig
die den Siiditalienern nachgesagte Nichtachtung fremden Eigentums.
So werden denn in Italien bei Gelcgenheit des homosexuellen Verkehrs
auch vielfach Diebstahle veriibt. Einem Deutschen wurde am hellen
Tage, nachdem er in einem Park an entlegener, im iibrigen menschen-
leerer Stelle mit einem Italiener verkehrt hatte, seine goldene Uhr
regelrecht geraubt, und der Italiener schamte sich nicht, am nachsten
Tage vor dem Hotel des Deutschen, der mit anderen Gas ten drauBen
stand, vorbeizustolzieren — er wuCte, daB die Scheu vor einem Skaudal
den Beraubten abhalten wiirde, ihn festnehmen zu lassen.
Es ist aber nicht Schaden an Hab und Gut allein, den man in
Italien bei Liebesabenteuern zu besorgen hat, man ist auch der Ge-
fahr korperlicher Beschadigurigen ausgesetzt. Kommt es auch
nicht gleich zu Mord und Totschlag, wie s. Zt. bei W i n c k e 1 m a n n ,
so soil doch ein Messerstich dessen, der sich in seinen Erwartuagen
auf Gewinn getauscht sieht, keineswegs zu den Seltenheiten gehoren."
Auffallend ist die spate und geringe Beachtung, welche die
wissenschaftliche Seite homosexueller Fragen in Italien gefunden hat,
trotzdem doch von hier die moderne Kriminalistenschule, welche sich
anderswo viel mit ihr beschaftigte, ihrcn Ausgang genomraen hat.
Als ich Lombroso in Turin und den alten Mantegazza in Florenz
sprach, war ich erstaunt, wie geringe Erfahrungen und Kenntnisse iiber
die mannliche und die weibliche Homosexualitat sie bei ihrem funda-
mcntalen Wissen auf beuachbarten Gebieten gesammelt hatten. Einzig
and allein Pasquale Penta 22), der leider 1904 nur 45 Jahre alt,
als Professor der Psychologie und Kriminalanthropologie in Neapel
starb, hat dem Problem die verdiente Aufmerksamkeit gewidmet.
Vom Umingstum in Spanien horte man fiiiher yerhaltnis-
maUig wenig. Homosexuelle Weltenbummler berichteten mir,
-^) In dem Aufsatz: Erotische Ausdrucksweisen der Sorrentiner
Landbevolkerung, in der Anthropophyteia von KrauB, Band VII,
Leipzig 1910, hebt Spectator hervor, es habe sich eine anschei-
nend nicht unbedeutend florierende Industrie zur Ausbeutung homo-
sexueller Fremden in der dortigen mannlichen Landbevolkerung- ge-
bildet.
22) Nacke, Zeitschrift fur Sexualwissenschaft 1908. p. 74 ff.
„Penta als einer der beston Forderer der Sexualwissenschaft."
Pent as Ansichten finden sich in seinen Schriften: „I perverti-
menti sessuali neiruomo e Vicenzo Verzeni strangulatore di donne"
189.'5. „Archivio delle psichopatia sessuali", 1896. ,,Rivista mensile
di P&ichiatrja Forense, Antropologia criminale c Scienze affini", Lc-
zioni di Psichiatria, dettato nciranno scolastico 1899—1900.
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sie h§!tten aufier einer ziemlich, aufdringlichen und gef&hr-
lichen Prostitution in den Premdenzentren — wie auf der
Puerta del Sol in Madrid oder der Bambla in Barcelona — wenig
oder nichts Typisches gesehen. Es ist immer die gleiche Er-
fahrung. Das national-homosexuelle Leben, dessen Gestalt scihon
den heterosexuellen Einheimischen verborgen bleibt, versehlieBt
sich in seiner Tiefe den der Landessprache und Landessitte
unkundigen Premden fast vollig. Nur der urnische Auslander,
der viele Jahre im Lande lebt, gewinnt allmahlieh einen „Ein-
blick hinter die Kulissen**, der ihn gewohnlich aber auch nur
einen Ausschnitt kennen lernen laBt. Am meisten lernt der
Sachkundige kennen, wenn er mit eingeborenen Urningen ver-
schiedener Art Geschmacksrichtung und Bildung Piihlung
nimmt. Dies ist der Weg, auf dem ich vorzugehen pflege und
auf ihm habe idh auch auf der iberischen Halbinsel wichtige
Kenntnisse sammeln konnen.
Als ich in San Sebastian spanischen Boden betrat, war einer der
ersten Eindriicke, die ich empfing, ein offensichtlioh urnisches
Freundespaar im Kasino. Ein etwa 30jahriger und ein 20iahriger
Vollblutspanier lauschten Hand in Hand der schonen Musik; die lieb-
kosenden Blicke, mit denen sie einander verzehrten, batten iiber den
Charakter ihrer Beziehungen selbst dann keinen Zweifel gelassen, wenn
sicli nichl der urnisch-feminine Typus des alteren dem Eenner allzu-
deutlich verraten hatte. In einer Pause begriiBte sie ein spanischer
Uraings-Dandy, ein junger eleganter Weibling, dessen Schleppe man
fonnlich rauschen horte. Vor dem Kasino auf der Concha boten sich
baskische „Strichjungen" an, die nichts weniger als vertrauenswiirdig
ausschauten; man teilte mir spater mit, daB die „anstandigen" sich
um die neue Kirche zum buen Pastor aufzustellen pflegen. An den
Abendeu beobachtete ich in fast jedem der dicht bevolkerten Bordells,
die ich mir ansah, — sechs an der Zahl — unter den etwa 10 — W In-
sassinnen spanische Freundinnenpaare „aus Lesbos". Wenn etne mit
einem Freier verschwand, lieB die andere die Fliigel hangen und
wurde erst wieder munter, wenn die andere die Treppe herunterstieg,
die von den Bettzimmern abwarts fiihrte. Sie eilte der Freundin ent-
gegen, umarmte und kilBte sie, tanzte mit ihr die „chonta" und blieb
test an ihrer Seite, ohne daB die Partner, die Kolleginnen oder Be-
sucher AnstoB daran nahmen. Ahnliches sah ich im Caf6 de la Mag-
dalena in Madrid und anderen Flamengo-Lokalen (Tanzvariet^s), in
denen sich Manner aus dem Volke die Madchen holen, mit denen sie
sich in die Schlafgemacher des Hauses zuriickziehen. In Madrid suchte
ich zwei deutsche Homosexuelle auf, die mit dem wissenschaftlich-
humanitaren Komitee in Beziehungen standen. Der eine, ein Ge-
lehrter, lebte 15, der andere, ein Diener, 7 Jahre in Spanien. Beide
waren einander unbekannt. Der Gelehrte, der mit einem Torero in
fester Freundschaft lebte, wuBte von der Homosexualitat in Spanien
fast nichts. Hatte ich mich allein auf seine Auskiinfte verlassen,
so hatte ich annehmen mussen, daB der echte Uranismus unter den
Spaniern hochst selten sei. Umso mehr wuBte der Diener. Er fiihrte
mich zu Don Carlos — genannt Donna Carolina — der seit 24 Jahren
den beliebtesten umischen Rendezvousplatz der iberischen Halbinsel
unterhalt. Don Carlos, der mit seiner Frau und seinem Freund zu-
sammenwohnt, erzahlt, daB er, wenig gerechnet, im Tage drei, im
Jahre gegen 1000, seit er sein Quartier leitet, an 20 000 verschiedene
Hirschfeld, Homotexnalitflt. 37
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Uranier zu Gesichte bekommen hat, von denen Vs Spanier und Portu-
eiesen und etwa nur 1/5 Auslander waren. Unter den Mitgliedern der
Diplomatic, die seine Stammgaste waren, befanden sich auch zwei
ui'nische Japaner. Ich traf dort „las camelias**, zwei urnische Zwil-
lingsbriider, „la malva loca", die verdrehte Malve, „la munneca" Tdie
Puppe), einen jungen Diener, der seinen Namen von dem kindlicnen
Fuppengesicht fiihrte, das fiir manche Homosexuelle typisch ist ; ferner
sail ich dort „ Madame Antonia", eine sehr elegante Modistin und
seine Konkurrenten, der „la Imperatriz", die Kaiserin, genannt wird,
eine gioBe stattliche Erscheinung, die fast nur mit Toreros verkehrt:
audi „la Presidenta", einen reichen Kaufmann aus Zaragossa, lernte
ich kennen, und „la tia del pueblo" (die Tante vom Dorfe), einen
homosexuellen Bauern. Aber nicht nur dem femininen Typus spani-
scher Urninge begegnet man bei Donna Carolina, sondern haufiger dem
vollig virilen und dazwischen dem wohlsoignierten imd parfiimierten
zierlichen Stutzer, der zu dem Carnatero, dem Ochsentreiber, in Liebe
entbrannt ist und fiir dessen bunte camisa de flanela (Flanellhemd),
seine Albagetas (weiBc Bastschuhe), seine weiten Manchesterhosen
und womoglich gar fiir seine Piajos (pulices) schwarmt. Der groBeD
Nachfrage entspricht natiirlich auch das Angebot, vor allem kommen
in die casa de la Carolina Soldaten, besonders solche der Escorta real,
sowie Matrosen, Husaren und namentlich guardias (Schutzleute), aller-
dings in nichts weniger als amtlicher Eigenschaft. Ahnlich wie bier,
nur nicht so lebhaft, geht es bei la Ricarda, auch Sindientes,
die Zahnlose genannt, zu. Dieser wohnt mit seinem Freunde la Pepa
(Pepe gleich Joseph) und zwei Frauen, Lola und Leonora, zusammen,
die seit langer Zeit in einem festen homosexuellen Verhaltnis leben,
das oft von starken Eifersuchtszenen unterbrochen. ist. Die weib-
liclie Homosexualitiit ist iiberhaupt in Spanien nicht weniger ver-
breitet wie die mannliche ; sehr bekannt ist in Madrid eine Mar-
((uesa, die den Namen „la Gloria" fiihrt. Sie unterhalt yerschiedene
Kokotten und Sangerinnen, hat haufig Skandale, ist eine Stamm-
gastin niederster Bordelle und Tabernas und duzt alle Droschkenkut-
scher und Blumenverkauferinnen. Das hindert ebensowenig ihr Er-
scheinen bei den Festen der Aristokratie, wie es ihrem Seitenstiick,
dem Marquis mit dem Spitznamen la casta Susanna (die keusche
Susanne) in seiner Beliebtheit geschadet hat, daB er bereits acht-
mal wegen Erregung offentlichen Argernisses MO Peseten zahlen muBte.
weil er sich nicht enthalten konnte, in Bediirfnisanstalten ihm pra-
sentierte membra zu beriihren. Auch von einem der geschatztesten
Biihnendichter neuerer Zeit, der namentlich in der Damenwelt sehr
beliebt ist, weiB man, daB er Maurer, Kutscher und Toreros nicht
nur platonisch liebt. Seine Freunde aus dem Volke erzahlen, daB
er, wenn er mit ihnen schlaft, nie vergiBt, Notizbuch und FuUfeder-
halter auf das Kopfkissen zu Icj^en, um sogleich seine schonen
Verse zu Papier zu bringen, die ihm wahrend der Betatigung ein-
fallen. Auch einer der beriihmtesten und vergottertsten Espadas, —
ich lernte ihn in Barcelona personlich kennen, — steht im Rufe
der Homosexualitat, die unter den Stierkampfern keine Seltenheit
ist. Hat ein homosexueller Matador einen Liebling aus dem Volke,
so pflegt er ihn zu seinem mozo die estoque (Stockjun^en) zu machen,
d. i. seinem Gehilfen, der hinter der Bajriere stehend ihm wahrend des
Kampfes stets zur Hand ist, vor allem ihm auch den Degen und das
rote Tuch iiberreicht. Die Toreros ihrerseits haben vielfach auch
homosexuelle Gonner, denen sie, gleichviel, ob sie hetero- oder homo-
sexuell, sehr anhangen. Haben sie ihnen doch oft genug ihre Aus-
biiCiung zu verdanken. Es kommt nicht selten vor, daB sie den
Stier statt dem Prasidenten einem Freunde widmen. Ich sah solches
selbst in Barcelona. Im iibrigen stehen die Stierkampfe noch heute
genau eo wie vor hundert Jahren im Mittelpunkte des Volksinter-
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esses. Fast die ganze Unterhaltimg der Spanier dreht sich um die
Toreros und Corridas ; sie sparen und verse tzen Hab und Gut, iim
einen beriihmten Stierkampfer zu sehen, uud es ist charakteristisch,
daB an den Tagen vor den Stierkampfen das Aiigebot
auf den Strichen durch die Jungen aus dem Volke,
die sich das Eintrittsgeld in die Arena verclienen
wollen, mehr als verdoppelt ist. Die mannliche Strafien-
prostitution cilt mit Reclit in ganz Spanien von San Sebastian
bis Malaga als aufdringlich und gefahrlich. Oft wird so t^earbeitet,
daB zwei Manner einen gut aussehenden Jungen als Locknilttel aus-
schicken. Reagiert der einsame Spazierganger auch nur oin wenig,
so erscheinen sie plotzlich mit dem Schreckruf : „Was liaben Sie
getan?" auf der Bildflache und schiichtern den Ungliicklichen ein,
indem sie sich als Polizeibeamte (Policia falsa) gerieren. Ein solcher
Anschlag (attraquo) im Retire von Madrid erregte vor einigen Jahren
besonderes Auf sehen, weil sein Opfer, „Donna Emilia", ein sehr ge-
schatzter katholischer Geistlicher aus Nordspanicii war. Nicht so
schlimm wie die madrilenische ist die andalusisrae Prostitution. In
Sevilla gehoren ihr, ahnlich wie in Agypten, fust alle Stiefelputzer
an; wahrend sie die Schuhe reinigen, suchen sie durch nur dem Ein-
geweihten merkliche Beriihrungen und Positiouen, die sie sich zu
geben wissen, ein Verstandnis herbeizufiihren. Geht der Herr auf
ihre Anerbietungen ein, so stellen sie ihr Putzzeug einfach unter eine
Bank, geben ein Zeichen, man soUe ihnen folgen und fiihren den Be-
treffenden in ein nahegelegenes Frauenbordell, wo man beiden gegen
geringes Entgelt ein Zimmer zur Verfiigung stellt. Aus der Selbst-
verstandlichkeit, mit der dieses geschieht, g'jht hervor, daB es sich
um einen ganz alltaglichen Vorgang handelt. Die Gefahrlichkeit
der spanischen Prostitution hat als Folge, vielleicht auch als Ursache,
daB sich ihrer fast nur die voriibergehend im L. nde befindlichen Frem-
den bedienen. Diese allerdiugs in hohem Gr;.de. So sagte mir ein
Alhambrafiihrer in Granada, der Herren fiir tien Abend Tanz jungen
anbot, daB von den Reisenden o h n e Frauen gut die Half te, wenn er
ihnen seine Kupplerdienste zur Verfiigung stellte, nicht Madchen, son-
dern „gar9on8" zu haben wiinschten. Einem Englander aus dem Hotel
Washington Irving hatte er sogar einmal jeden Abend vier „gar9ons"
verschaffen miissen. Dieses „Nachtlager von Granada" hatte sich an
flint aufeinanderfolgenden Abenden wiederholt und taglich 100 Peseten
gekostet. Es gibt iibrigens in Spanien — ahnlich wie in Italien —
englische und deutsche Urninge, die sich ganz akklimatisiert haben,
ausgezeichnet die Landessprache sprechen, ganz die Gewohnheiten
der neuen Heimat annehmen, dabei sich vom Verkehr mit ihren Lands-
leuten zuriickziehen, deshalb fiir Sonderlinge gelten, auch mit Urnin-
gen wenig verkehren und nur einen eingeborenen Freund haben, in
dessen Interessen, und seien sie den ihren noch so abgelegen, voll-
kommen hineinleben, sie nach Moglichkeit auch finajiziell fordern.
Oft dauert es ein Jahr und langer, bis sie die Zuneigung und das
Vertrauen dieses meist normalen, ihnen innerlich fremd gegeniiber-
stehenden Cataloniers, Andalusiers, Arragonesen, so weit gewonnen
haben, daB es auch zu sexuellem Verkehr kommt. Dafiir dauern dann
diese Beziehungen aber auch oft sehr lange Zeit, OiO Jahrzehnte.
Eins der wenigen wissenschaftlichen vVerko, die iiber die Homo-
sexualitat in Spanien geschrieben sind, riihrt von de Quir6s und
Aguilaniedo*"*) her. Die Autoren beschi »iben 19 von ihnen be-
obachtete Uranier mit Kopf- und KorpermaBen, sie unterscheiden echte
Invertierte, die sich als anderes Geschlecht fiiUlen und Pseudoinvt.r-
23) C. Bernaldo de Quir6s und J. M. L. A g a i 1 a n i e d o ,
Verbrechertum u. Prostitution in Madrid. Sexualpsychologische Bi-
bliothek, her. von I wan Bloc h. Bd. III. S. 237—277.
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tierte „aus Laster", ferner Dimorphe, die aktiv und passiv auftreten
und Bisexuelle, sie betonen, daB nicht alle der Padikation huldigen
und dali manche bei mannlichem Typus eine weibliche Psyche besaCen.
Die mannlichen Prostituierten, die, den untersten Klassen entstam-
mend, auch in Spanien vorkamen, seien teils geborene Invertierte,
teils nur lasterhaft; sie benutzten den homosexuellen Verkehr oft nur
zum Zwecke des Diebstahls, des Raubes, ja, des Mordes. Dies werde
dadurch erleichtert, daB Spanien, speziell Madrid, der Homosexu-
alitat sehr feindlich gesonnen sei, wenngleich jetzt weniger ale
in fruberer Zeit. Auch mit der weiblichen Homosexualitat beschaf-
tigen sich die Verfasser. Es ^abe auch in Spanien eine fiir homo-
sexuelle Frauen bestimmte weibliche Prostitution.
In neuerer Zeit ist in einigen Monograph ien, la mala vida en
Madrid, la mala vida en Barcelona 2* ), la Prostitucion 2*) das Thema
in ahnlicher Weise noch etwas ausfiihrlicher behandelt worden. Es
werden namentlich interessante Details iiber die groBe Verbreitung
der Homosexualitat in Spanien beigebracht, doch scheint alien diesen
Autoren die deutsche Fachliteratur, wenigstens im Original, unbekannt
geblieben zu sein.
Cber die weibliche Homosexualitat, die er Safismo o Femi-
nasexualismo nennt, gibt B e m b o wertvolle Auf schliisse. Die Zahl
der „unisexuales femininas" steht nach ihm in Spanien im gleichen
Verhaltnis zur Bevolkerung wie der „Ho m o sexualismus"; er sagt:
„ich habe Gelegenheit, Feminasexuelle zu behandeln, und meine
Aul'zeichnungen dariiber lassen mich die Behauptung aufstellen, daB
Madrid diejenige spanische Stadt ist, wo sie am meisten zu finden
sind; dann kommt Barcelona, Sevilla und Galicia. Er meint, daB
die of fen zur Schau getragene Virilitat der Frau nachgelassen hat.
„Maji kannte friiher den Typus der Virago, des Mannweibes, aber
diese Art des Auftretens war ihnen nachteilig, und er verschwand
von der Bildflache. Die Feminasexuelle ist jetzt mit Sorgfalt darauf
bedacht, daB nichts in ihrer Erscheinung mannlichen Charakter auf-
weise, aber sie muB sich Gewalt antun, denn das Gesetz der
Inversion fordert ihre Vermannlichung." Interessant ist folgende
Bemerkung: „Wir bemerken bei den Sapphistinnen eine aus-
gesprochene Vorliebe fiir die Poesie und die Musik, welche zuweilen
eine „sinestesia g^nito-musical" erreicht, wie Dr. Ingenieros
in zwei merkwiirdigen Fallen beobachtet hat, die er in seinen Publi-
kationen iiber das Strafgefangnis in Buenos Aires erzahlt. Ferner be-
richtet er: „Die Chantage ist auch beim Feminasexualismus tatig,
aber nicht so verbreitet wie beim Homosexualismus."
In dem von Spaniern und Portugiesen entdeckten, .besiedelten
und kulturell stark beeinfluBten Mittel- und Siidamerika ist
der TJranismus gegenwartig pin alien Einzelstaaten eine weit-
verbreitete Erscheinung. Es liegen mir dariiber eine sehr groBe
Anzahl von Mitteilungen zuverlassiger Beobachter vor. Sie
sind zwar nicht eingehend genug, um zuverlassige Sehltisse
iiber die prozentuale Verbreitung der Veranlagung zu gestatten.
Doch sind sich alle Beobachter einig, daB im Durchschnitt
und dem allgemeinen Eindrucke nach die angeborene Honwo-
sexualit^t unter den Bewohnern dieser Lander ebenyo haufig
2<)„La mala vida en Barcelona" por Pro.f Max
Bembo. Estudio II, Uranism o.
«*) Barcelona o. J.
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auftritt wie in Europa, ferner dafl man anch alien andern
Varianten der Sexualitat, dem korperlichen Zwittertum in alien
Nuancen des Hermaphroditismus und der Androgynie, der psy-
chischen Feminitat der Manner und Virilitfit der Frauen,
Transvestitismus usw. dort ebenso hSufig begegenet, wie bei uns.
In einem dieser Berichte heiBt es:
„Besonders im Rufe homosexueller Neigungen steht in Sudame-
rika der katholische Klerus. So werden die Homosexuellen in Chile
„Jacinthos** genannt, nach einem katholischen Orden, der sich fruher
vorwiegend mit Knabenerziehung beschaftigt hat. Es erinnert der Ur-
spning dieses Ausdruckes an die in Osterreich im Volke vielfach iib-
liche Redewendung „ jemanden einen Eapuziner machen", was die
Vomahme der mastnrbatio ad ejaculationem, namentlich alterius be-
deutet. Die Bekanntschaft mit homosexuellen Praktiken ist in alien
Kreisen der Bevolkerung, die als Objekt gleichgeschlechtlicher Be-
tatigung in Frage kommen konnen, in Sudamerika uberaus gewohn-
lich. von der seemannischen Bevolkerung der Hafenstadte bis zu
den Naturburschen auf den abgelegenen „Estancias" Argentiniens und
„Haoiendas** Mexikos, soil man nach Mitteilungen urnischer Kolo-
nisten kaum einen jungen Mann treffen, der nicht „Bescheid weiB"
und gelegentlich sich aus Zuneigung oder des Verdienstes halber zum
gleichffeschlechtlichen Verkehr hingibt. Die Friihreife der Bevolke-
rung hat zur Folge, daB die Jungen bereits in fruherem Alter als
bei uns sexuell empfinden und daher auch in homosexueller Be-
ziehung meistens eher aufgeklart sind. Sie sind oft recht zudriug-
licb in ihren Anerbietungen ; so kann man in Buenos Aires die Frage:
,,Es usted caliente?" von 12 — 14 jahrigen Schuhputzern nicht selten
horen. Ganz wie in Europa spielt auch in Siidamerika das Militar
in der mannlichen Prostitution eine groBe Rolle; an manchen Platzen
scheint ©ie fast das Monopol der Soldaten zu sein. Nicht nur die Mann-
schaften, sondern auch die den besseren Standen entstammenden Offi-
ziersanwarter, Kriegs- und Marineschiiler sind vielfach fiir Geld zu
haben. Am ausgesproohensten ist das Militarangebot in den groCen
S tad ten, Santiago, Kio de Janeiro, Buenos Aires usw. Brpressungen
und Diebstahle sollen von den Soldaten nur selten veriibt werden, sie
Detrachten diese Betatigung meist als einen ehrlichen Neben-
erwerb und bewahren dem homosexuellen Freund oft ein dauern-
des dankbares Andenken. So berichtete ein friiherer deutscher Offi-
zier, der seiner urnischen Veranlagung halber nach Brasilien gehen
muBte, dafi er in Rio mehrfach mit einem Sergeanten verkehjrt habe.
Er traf diesen, der heterosexuell war, nach Jahren in Rio Grande del
Sul wieder. Es war ihm bekannt geworden, daB er sich inzwischen
der Revolution angeschlossen und sehr arge Grausamkeiten veriibt
hatte. Um so mehr war er erstaunt, als er ihn durch das Wieder-
sehen auf das hochste erfreut und in riihrendster Weise anhang-
lich fand. Ein Beruf, der neben dem militarischen ein starkes Kon-
tingent zur siidamerikanischen Prostitution stellt, ist der der Poli-
zisten, die sich groBenteils aus dem Soldatenstande rekrutieren. Aus
nahezu alien ^roBeren Stadten der siidamerikanischen Staaten liegen
Mitteilungen iiber die Bereitwilligkeit der Polizei zu homosexuellem
Verkehre vor. So erzahlte ein Herr, daB ihm in Rio de Janeiro ein
Polizist auf seine Frage nach einem Bordell, bei der er die Ansicht,
daB er ein Mannerbordell suche, habe durchblicken lassen, sich selbst
zur Verfiigung gestellt habe. tJbrigens habe ich zuverlassige Angaben
iiber die Existenz homosexueller Bordells nicht erhalten, doch be-
haupten viele, daB es namentlich friiher solche in alien groBen Stadten
gegeben habe; speziell wird es von Santiago und Buenos Aires be-
richtet. Auch oer Bau des Panamakanals soil eine — ebenso wie
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eine weibliche von Chinesen organisierte umi ausgeiibte — inannliche
Bordellprostitution mit sich gebracht haben, deren Sitz auf der atlan-
tischen Seite Colon, auf der pazifischen La Boca sein soil.
Von Erpressungen hort man im allgemeinen in Siidamerika etwas
vveniger als bei uns. Dagegen soUen Diebstahle gelegentlich gleich-
geschJecbtlichen Verkehrs haufig sein. Wenn iibrigens in oinerargen-
tinischen Druckschrift 26) in bezug auf homosexuelle Erpressungen ge-
sagt wird : „Der Selbstmord des 53 jahrigen Vizekonsuls v. Son. hier
geschah infolge solcher Bedrangnisse ; bis aufs Blut von jenen Ver-
worfenen gepeinigt, griff der Ungliickliche zum Revolver", so ist zu
bemerken. daC dieser ausgezeichnete, mir personlich gut bekannte Be-
amte Erpressungen zum Opfer fiel, die ihn von Berlin aus nach
Buenos Aires verfolgten. Es seien iibrigens aus dieser Broschiire, die
von eiuem Gegner der Homosexuellen, aber von einem offenbar gut
orientierten, herriihrt, noch einige Einzelheiten wiedergegeben. Es heiCt
hier :
„Das Ergebnis der Umfragen des Dr. Hirschfeld, wonach auf
100 Manner 2 anormale kommen, vdiirfte auch fiir Buenos Aires zu-
treffen. Gezahlt hat sie niemand, und zu erkennen geben sie sich
aucii nicht ohne weiteres, woraus doch wohl hervorgeht, daC sie
selbst fuhlen, sie sind auf dem unrechten Wege. . . . Das Publikum
im allgemeiner- hat keine Ahnung von der Ausdehnung dieses un-
natiirlichen Lasters, welches hier ausschlieBlich als „Paderastie" be-
zeiclinet wird, oV-/:?leich die „Wissenschaftlichen" in Deutschland streng
zwisclien PaderaF.ie und Homosexualitat unterscheiden. Wir sind hier
noch nicht „so W'3it", haben auch keinen Paragraphen aufzuheben; da-
gegen dieselbe Erpressung, wie sie z. B. in Berlin geiibt wird. . . .
Die Uranier haben ihre bestimmten Lokale und Verkehrszentren ; unter
letztern spielen gerade die fashionablen StraDen eine Tlauptrolle. In
der Avenida de Mayo, Florida^ Entre-Rios-Callao sind sie zu finden,
besonders in der Nahe der Bediirfnisanstalten. Die mannliche Prosti-
tution geht auf den Strich wie die weibliche, ist ihren Kunden
auch ebenso leicht kenntlich. Der aufmerksame Beobachter wird in
vorgeriickter Nachtstunde nicht selten sonderbaren Paaren begegnen;
ein gutgekleideter, allem Anschein nacn wohlsituierter Mann kommt
mit einem Burschen, der seinem ganzen Aussehen nach absolut nicht
zu dem Freundes- oder Verwandtenkreise des anderen gehoren kann:
es ist der Typus eines Compadrito, blai3gelbe Gesichtsfarbe, bartlos,
den Chamhergo auf dem Kopf und ein Tuch um den Hals. Die beiden
waren in einer jener armseligen Posadas, deren Ausstattun^ in be-
zug auf ISauberkeit schlechter ist als das Logis der Heilsarmee.
In der Nai.e der Avenida de Mayo und Entre Rios befindet sich eine
soiche, eine andere nicht weit vom Polizeidepartement. Der wohl-
iiabende Maan, der sich mit einer professionsmaBigen „Marica" ein-
laDt, riskiert mmitr ausgeplundert zu werden. In einem von solchen
Subjekten besuchteu Cafe, nahe der Once, erzahlte ein kachektisches
Individuum mit dem Spitznamen ,,Corbatita" seine jiingsten Erleb-
nisse. Sie endeten re^'olmaCig darin, daB er den anderen in Angst und
Schrecken versetzt uml ausgebeutet hatte. Wenn ihm der Anormale
fiinf Pesos gab, so entgegnete „Corbatita" mit ausgestreckter Hand
weiter nichts als „Masi" Die b6iden befanden sich auf der StraBe,
und „Corbatita" drohte Skandal zu machen. Erschreckt holt der
andere einen weiteren Fiinfer aus der Tasche. „Mas !" Er ^ibt dem
Un verscham ten noch einen. „Masl" Noch einen Fiinfpesoschem. Dann
laBt der Erpresser sein Opfer los, und dieses verschwindet beschamt
und entriistet um die nachste Ecke. Aber der Ungliickselige fallt
das nachste Mai doch wieder einem solchen Elcnden in die Hande.
*^) „Buenos Aires bei Nacht. Schattenbilder aus der siidameri-
kanischen Metropole''. Von Dr. T r e f f i e s. Buenos Aires 1904.
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Oder die ,.Marica" begleiWt einen in dessen Wohnune. Das ist noch
Refahrlicher fur den anderen. Denn er will natiirlicn jeden Skandal
im Hause vermeiden. Das beutet dann der „Marica'' in frechster Weise
aus und geht nicht fort, bis der andere ganz gehorig ,,geblutet" hat.
Es kommt aber auch anders. So b^egneten wir in der StraBe Bel-
grano, in der Hohe von 2000, in einer empfindlich kalten Mondnacht
gegen 2 Uhr einem kleinen Auflauf, der fur den achtlosen Passanten
nichts weiter als eine der gewohnlichen Eollisionen zwischen ver-
schiedenen Individuen war. Die Sache verhielt sich aber so. Der
Protagonist war ein junger, nicht unsympathischer Bursche mit einem
wahren Madchengesicht ; er gestikulierte heftig und erzahlte das Vor-
gefallene. £r haoe zu seinem hier in der Nahe wohnenden „Freunde"
gehen wollen; auf sein Elopfen offnete ihm aber nicht dieser, sondern
eine andere Person und fuhr ihn grob an. Er antwortete ebenso und
so kam es zu einem Skandal und T&tlichkeiten. Zum Beweise zeigte
der Bursche einen blutenden Finger. AuBer dem Vigilanten standen
noch ein paar iunge Manner neben dem Aufgeregten und lachten still
vor sich bin. lis waren Kumpane des Erstgenannten. Auf der Comi-
saria verhort, konnte der junge Bursche mit dem Madchengesicht
natiirlich keine Erklarung fiir seinen nachtlichen Besuch geben, und
so schrio ihn der Kommissar ohne weiteres an: „Callese, ya sh de que
se trata: sois un p . . . sin verguenza!" und verdonnerte den viel-
verspreohenden JiiMling zu der ublichen Strafe wegen „desorden".
Die passiven urninge putzen und schminken sich oft nach weib-
licher Art, in dieser Hinsicht sehr den weiblichen Prostituierten
ahnelnd. Auch legen sie sich gerne die Namen bekannter oder be-
ruhmter Weiblichkeiten bei. Aus der Sammlung seien folgende er-
wahnt: Maria Stuart, La Pampa, Lola, Lucrecia, Delia, Mafalda, Yo-
landa, la bella Otero, Carmencita, la Marquesa de Malaspina, la Prin-
oesita, la Sirena, Maria Antonieta, Elvira, Aurora, Estrelk^ Magda,
Mauon, la Condesa del Lago, Hosita de la Plata usw. Ein ganz rares
Subjekt war Arturo Jager alias „ Aida". Dieser oder diese fiihlte
nicht tiur weiblich in einer Beziehung, sondern in jeder: er woUte
eroberl. sein wie ein keusches Madchen, imd dann verlangte er eine
„Eheschliefiung" in optima forma, mit weiBem Schleppenkleid und
alien iiblichen Festlicnkeiten und Zeremonien, die gesetzliche natiir-
lich ausgenommen. Aber statt deren wurde ein Kontrakt aufgesetzt,
auf dessen genaue Beobachtung „Aida" drang, andernfaJls sie das
„Band*' loste und sich als „verwitwet" erklarte. Noch etwas Auf-
fallendes hatte er an sich: er bediente sich niemals eines unanstan-
digen Wortes, und die anderen hatten sich in seiner Gegenwart da-
naoh zu rich ten, sonst war die Freundschaft sofort aus. Wie das Bild
zeigt, war sein AuBeres nicht unsympathisch. Sohn wohlhabender
Eltern, sollte er im Alter von zwanzig Jahren sich mit etwas be-
schaftigen, und bekam ein Postchen im Regierungsgebaude. Dort fiel
er nicht auf, ausgenommen durch seine „ungew6hnliche" zarte Sprache ;
keins der leider ^o beliebten Kraftworte kam iiber seine Lippen.
Unter seinen Kollegen befand sich einer, der bedeutend alter war
als J., aber oft in dessen Abteilung kam und sich mit den jungen
Leuten unterhielt. Nach und nach entwickelte sich zwischen beiden
eine intime Freundschaft, und sie waren stets unzertrennlich bei-
sammen. SchlieBlich kam es zu einer Hochzeit im angedeuteten Sinne:
„8ie" in WeiB, er im Frack und weiBbehandschuht. Auch die Wohaung
wurde eingerichtet, wie es bei solchen Anlassen liblich ist. Indes
das „Idylr' dauerte nicht lange; aber doch iiber ein Jahr; dann er-
folgte die ,,Scheidun§". „Aida" blieb allein in ihrem Hauschen, be-
trachlete sich als Witwe. Nach und nach tritt sie jedoch wieder in
die „vida social** ein, macht neue Bekanntschaften, laBt sich den Hof
machen, nimmt teil an Festen, jedoch immer „anstandig**. Alle Zwei-
deutigkeiten waren in ihrer Gregenwart verpont. SchlieBlich, iim„ublen
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Xachreden" ein Ende zu machen, „verheiratete" sich .,Aida" zum
zweiten Male, ebenfalls mit groCem Pomp. Mit ihrem neuen „Ehe-
gespons" war sie sehr zufrieden; jedoch es dauerte wieder nicht
lange: ,,Aida" hatte sich die Schwindsucht zugezogen und starb ein
haloes Jahi spater. Dieses Individuum fiihlte durchaus weiblioh und
war stets nur passiv, niemals aktiv. Sich hinzugeben war sein hochster
Genulj. Im Siiden der Stadt gab es einmal zwei Mannerbordelle ; die
Nachbarschaft machte sie aber unmoglich. Sicher gibt es auch jetzt
solche, aber ihres Bleibens ist nicht lange an ein una derselben Stello.
Tatsache ist, daB dieses Laster mehr verbreitet ist, als das indiffe-
rente Publikum glaubt, und daB ebenfalls sehr hochgestellte Herren
zu den Kontraren gehoren, so der bekannte und von einem drastischen
Witzblatt arg verspottete L., dem man auch einen weiblichen Namen
beilegt.**
Unter dem weiblichen Geschlechte herrschen ganz ahnliche Zu-
stande: „Einer der in letzter Zeit bekannt gewordenen Falle ist der
der Spanierin Carmen Sanchez, die sich mit ihrer Freundin
Marcela Garcia „verheiratete" und dann — aus materiellen Inter-
essen — mit einem schon bejahrten Danen. DaB die arztliche Unter-
suchung der Frau diese als normal erkannte, will nichts heiBen: eben-
sowenig wie der Urning braucht die Urninde physiologische Anoma-
lien aufzuweisen, um kontrar zu fiihlen. Wie es heterosexuelle Manner
gibt, so auch normale Weiber, die sich hier fiir Geld oder aus anderen
Griinden mit kontrarsexuell empfindenden Frauenzimmern einlassen.
Wenn sich eine Urninde mit einem Mann verheiratet, so geschieht dies
aus raateriellem Interesse oder zwingenden Griinden; ebenso umge-
kehrt beim homosexuellen Manne."
Der Verfasser, in dessen Bericht sich Sachkenntnis und U n -
wissenheit so naturwiichsig mischen, schlieBt seine Ausfiihrungen
mit 'folgenden Satzen:
„In der Presse der europaischen Hauptstadte kann man Annoncen
finden des Inhaltes, daB eine Dame die Bekanntschaft einer anderen
zu machen sucht, mit ihr in Korrespondenz zu treten wiinscht oder
eine „rreundin" sucht. Vielfach handelt es sich dabei um homo-
sexuell Veranlagte. In der hiesigen Presse begegnet man solchen
Inseraten nicht, iiberhaupt keinen zweideutigeh, wie z. B. die deutschen
Zeitungen massenhaft enthalten. Ist Buenos Aires also sittlicher?
Buenos Aires, wo den ganzen Tag hindurch die unanstandigsten Worte
gebraucht werden — Fliiche, welche in Deutschland Abscheu und
Entsetzen erregen wiirdenl Wo kein anstandiges Madchen oder Frau
liber die StraBe gehen kann, ohne belastigt zu werden ! Merkwiirdige
Extreme ! . . . Weiter auf dieses Thema einzugehen, ist nicht am Platze ;
ich iiberlasse das gern den „Spezialisten", die in Urningen eine wissen-
schaftliche Raritat erblicken und sich nicht ekeln, solchen Individuen
bis in die tiefsten Tiefen ihres anormalen Seelenlebens nachzusteigen."
Ich gebe im Anschlufi hieran noch den Bericht, ^velchen
mir der Jefe der Policia de la Capital Federal der RepuWica
Argentina liber die dortigen Verhaltnisse libersandte:
La Policia de la Capital, especialmente la de Investigaciones,
dedica especial vigilancia para la represi6n de los actos que consti-
tu3'an delitos 6 simples faltas relacionadas con la moralidad. —
Felizmente este vicio de la pederastia no tiene aqui el desarollo
que en otros paises, y yd, sea por la falta de ambiento 6 el celo de las
autoridades que lo combaten con rigor, sus autores son senalados con
profunda repugnancia por el publico que coopera con la policia d
curar ese mal. —
El homosexualismo se nota en las esferas sociales inferiores, entre
los presos de las carceles y dep6sitos de contraventores, y especial-
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mente entre los va^abundos que pululan por las inmediacionos *del
Puerto, cuya extension presenta facilidades para que aquellos con-
suman sus actos de pederastia, 4 consecuencia tambi^n de la clase
de gente que transita esa zona, y otros de malas costumbres. —
Por lo comun el pederasta activo desciende de k bordo 6 es
un sujeto acostumbrado k robar en esa zona, que duerme en los
wagones del ferro-carril que corren k lo largo de los diques, 6 en
los declives del terreno, que fu6 antes lecho de rio no completamente
rellenado todavia; Y el pasivo, es casi siempre el de menor edad vaga-
bundo, fugado del hogar de sus padres, iniciado en la senda del vicio
y del robo por el ladron y generalmente cada uno de estos tiene un
apodo femenino, y entre ellos mismos se Uaman la querida de fulano.
— Este elemento lambi^n se encuentra entre vendedores de diarios,
que hacen vida an^loga 4 los anteriores. —
La policia cumpliendo los preceptos de la Ley penal que protege
a los menores hasta los 15 anos, de cualquier sexo, en los casos de
violacion 6 estupro, procesa 4 los autores y los somete k la justicia
ordinaria y k aquellos los arresta tambien con el prop6sito de que am-
pai*ados por el Defensor de Menores, sean asilados en sitios especiales,
como ser la Coloriia Agricola de Menores de Marcos Paz. —
Ese vicio tambien lo suelen ejercer sujetos que ocupan em-
pleos de dependientes en el comercio 6 que no se ocupan en nada, pero
ellos no recurren k aquellos sitios solitaries sino que por el contrario
se situan en las inmediaciones de los mingitorios piiblicos del centro
de la ciudad 6 en los bancos de las plazas y avenidas y alii incitan
al hombrc que elijen con tocamientos etc. pero con mucha frecuencia
sou victimas del candidate elejido los que suelen maltratarlos y denun-
ciarlos a los agentes del 6rden publico. —
Otros pederastos pasivos viajan clandestinamente en coches por
las calles centrales, vestidos con ropas de mujer, ^ incitan como
las cocottes al traseunte, y una vez que este sube al vehiculo, apro-
veclian de las emociones que saben causar confundiendo on el sexo
y les sustraen carteras y dinero 6 el reloj, y despues en el trayecto
consiguen burlar k sus victimas escapando en los mismos carruajes. —
Las Secciones de Robos y Hurtos y Seguridad Personal de In-
vestigaciones, tiene prontuariados k numerosos sujetos y los persigue
permanentemente. — En su casi totalidad son extranjeros.
Auch hier wieder der typische Seitenhieb auf die „extran-
jeros".
Dafiir, daB h'omosexuelle Betatigung und demnach natiir-
lich auch homosexuelle Veranlagung in Mittel- und Stidamerika
lange vor der Invasion der Europaer verbreitet waren, spre-
chen die Berichte der Kolonisten aus der Eroberungszeit, die
paderastische Betatigung als ein geradezu spezifisches ,,Laster'*
der Eingeborenen bezeichnen, wie beispielsweise de Castillo, ein
Waffengefahrte des Cortez von den mittel- und stidamerikani-
schen Indianern und besonders den Azteken schreibt: „Erant
quasi omnes sodomia commaculati.**
Eine Mitteilung, die fiir das Vorkommen der Homosexualitat
in der vorspanischen Zeit von Bedeutung ist, wurde Dr. Burchard
von dem Jangjahrigen evangelischen Landesgeistlichcn Venezuelas,
Dr. V o g t in Caracas, gemacht. In den den Hockergrabern der euro-
paischen Steinzeit ahnlichen Grabstatten der Indianerhauptlinge aus
dem Stamme der „Andinos" (Bergindianer der venezuelischen und
kolumbischen Anden) findet man stets neben dem an Schmuck und
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Geraten kenntlichen Skelett des Hauptlings ein weibliches Skelett, das
seiner Lieblingsfrau : Pastor V o g t wuBte nun aus eigener Erfahning
su berichten, daB er zweimal in solchen Grabern neben dem Haupt- .
lingsskelett ein zweites ausgesprochen mannliches Skelett — \ind
zwar offenbar das eines jungen Mannes, in einem Falle mit eben durch-
brechenden Weislieitszahnen, gef unden habe. Pastor V o g t hatte dar-
aus den SchluB gezogen, daC es sich hierbei um ein homosexuelles
Verhaltnis gehandelt habe. In Mittelamerika hat schon 1510
Castaneda bei dem Aztekenvolke der Tahus gleichgeschlechtliche
Gepflogenheiten beobachtet. Es gab unter ihnen Manner in Frauen-
tracht, die anderen Mannern als Geliebte dienten und sie sogar ehe-
lichten. 1646 beschuldigte d e R i b a s ^7) die Tubares jenes „un-
nennbaren Lasters"; doch nur die ihm (passiv) ergebenen habe man
mit Spitznamen benannt und mit Schimpfworten verspottet. Auch die
Mexikaner besitzen einige Sagen von Riesen, den Quinames, welche
roh, iibermiitig und der Pedikation von Mannern und Frauen ergeben
waren. Quetzalcotl, der Gott der Zeugung bei den Azteken, wurde
mannweiblich gedacht. De Gomara^^) schildert besonders die Be-
wohner der rrovinz P^nuco (am Golf von Mexiko) als „groQe
Sodomiten".
Der Bischof de las Casas^s) meint, dafi die Paderastie des-
halb so stark von den Indianern getrieben worden sei, well das Volk
geglaubt habe, daB auch seine Gotter sie ausiibten und daran Wohl-
gefallen fanden. So habe in Verapraz der Gott Chin die Sodomiterei
selbst eingefiihrt. Zwar sollen die von Norden ei nge wanderten imd
unter den andern Stammen zur Oberherrschaft gelangten Azteken in
den von ihnen unterworfenen Gebieten strenge Strafen gegen die Pad-
erastie verhangt haben. Es wurden sogar besondere Justizbeamte be-
stellt, um in den unterjochten Landesteilen auf solche Ubeltater zu
fahnden. Infolgedessen geriet nach de Sahagun^o) schon vor der
spanischen Invasion die Paderastie in einzelnen Provinzen in Mifi-
kredit, so in San Salvador. In Tlascalan standen die Paderasten
zwar nicht unter einem Strafeesetz, wurden aber von der Gesell-
schaft verachtet, wie Weiber behandelt und beschimpft. In Nica-
ragua soil nach de Gomara schon 1564 die Strafe fur (passive)
Pedikation in Steinigung bestanden haben, da „es ja im Lande eine
Kaste anerkannter Freudenmadchen gab". In Tenochtitlan (Mexiko)
stand nach de Mendieta^i) auf Pedikation unter Mannern die Todes-
strafe, und zwar sowohl fiir den aktiven wie fiir den passiven Tail.
Nach andern 32) sollten in ganz Mexiko gemaB den Gesetzen yvon
An^huac nicht nur die der Pedikation Dberfiihrten, sondern auch die
in Weiberkleidern ergriffenen Mannspersonen mit dem Strick gestraft
werden. War der wegen Sodomiterei Gefangene aber ein Geistlicher,
sollte er in einigen Gegenden lebendig verbrannt, in andern erdrosselt
Oder sonstwie vom Leben zum Tode gebracht werden. In Tezcuco
wurde Pedikation unter Mannspersonen gleichfalls mit dem Tode be-
Straft, und zwar wurde der aktive Partner an einen Pfahl gebunden
und durch iibergehaufte Asche erstickt, dem Passiven wurden die
Einffeweide durch den After herausgerissen, dann ward auch er mit
Asche bedeckt, Holz hinziigeworfen und der Haufe angeziindet. So
2n A. Perez de Ribas, Historia de Sa. Fee 1645 p. II u. 171.
28) Fr. Lopez de Gomara, Historia de las Indias 1564.
IV, 4, fol. 441.
«9) Nueva bibl. de autores espan. I. 1909.
5f')F. Bern, de Sahagun, historia gen. de Nueva Espana.
1829/30. Ill, 26.
31) G. deMendieta, hist, eccles. Indiana. Mexico, 1870. p. 137.
52) I. A. The vet. La cosmographie univ. 1575. II fol. 999.
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nach den G^setzen des Eonigs Nezahaalcojatl. *') Anch bei
den Tlascalanem stand auf P&erastie die Todesstrafe. Der Fanatis-
mus gegen die auch nur Verdachtigen ging schlieBlich so weit, dafi
zu Endc des 16. Jahrhunderts ein Mann, der sich offentlich in Wei-
berkleidem blicken lieB, auf der Stelle erschlagen wurde. Das Gleiche
Reschah den Kupplem. — Cber Tribadie scheinen bei den eigentlichen
Naturvolkern Mexikos zwar keine Nachrichten vorzuliegen, dagegen
haben die Azteken die gleichen oder wenigstens gleichgrausame Stra-
fen verba ngt gesen ihre Betatigung, wie gegen bloC ver&chtige Trans-
vestitinnen, so oaB man wohl annehmen darf, daB auch Tribadie keines-
wegs bloC vereinzelt vorgekommen ist.
In Yucatan auf Cap Catoche, an der Laguna de Tenninos und in
Tabasco fanden die Spanier bald nach der Entdeckung des Landes
in und bei den Tempehi plastische Darstellun^en pedikatorischer
Akte'5). — Am Atitlan-See wird Homosexualitat schon aus dem
12. Jahrhundert berichtet; als die Ohnequen die Hauptstadt Guate-
mala erobert batten, mufite jede Stadt und jedes Dorf zwei zu pad-
erastischen Zwecken bestimmte junge Manner jahrlich an die neue
Regierung abliefern, was Bastian***) auf das Bestehen staatlicher
Bordello schlieBen laBt. Brasseur de Bourbourg'^) bemerkt
noch, daB in Mittelamerika zu szenischen Auffuhrungen und Balletts
fast nur mannliche Personen verwendet seien, welche auch die weib-
licheu Rollen spielen muBten. Auch in den Spielhallen soUen neben
weiblichen Prostituierten solche mannlichen Geschlechts zur Unterhal-
tung der Gaste gedient haben. *»)
Bei den Cunas und Chocos auf dem Isthmus trafen die Spanier
offentliche Sodomiterei an, auch auf die Bewohner von Careca soU des-
wegen 1513 nach Gomara Balboa seine Doggen losgelassen haben,
denen u. a. der Bruder des Konigs nebst 40 Genossen zum Opfer fiel.
Boi den Cueva, Careta u. a. herrschte nach Oviedo um die Mitte
des IC. Jahrhunderts nicht nur mannliche Prostitution, sondem die
Kaziken und andere Vornehme hielten sich sogar Harems von Jiing-
lingen (mozos). — In Venezuela, sowohl in Coro wie in
Cumana, gab es nach Gomara gleichfalls viele Sodomiten, die
in alien Stiicken den Weibern glichen, „auBer daB sie nicht ge-
bMren konnten". Auch bei den Chibcha in Sa. Marta fanden die Spanier
BHdwerke mit pedikatorischen Akten, die auch von den Zamora'^) be-
statigt werden. — In Bogota wurde Sodomie wie Diebstahl und Meu-
chelmord gestraft, den tJbeltatern gemeinen Standes wurden Nasen und
Ohren abgeschnitten, danach wurden sie aufgekniipft. Den Vornehmen
verschnitt man zu ihrer Bestrafimg nur das Haar, oder man zerbrach
ihnen die Knopfe ihrer Hemden. — In Cali (Neu-Granada) wurden laut
Go mar as Bericht der Pedikation Schuldi^e nach den Gesetzen
Nomequenes (16. Jahrhundert) unverziiglich durch qualvolle Fol-
tern zum Tode befordert oder mit Auspeitschen und Abschneiden der
Ohreu und Nasen bestraft. — Auch bei den Laches muB nach Pie-
35) Fr. Saverio Clavigero, Storia antica del Messico.
1780/81. I, 272; II, 132 u. 486.
5*)Gonz. Fernand. de Oviedo yValdes, histor. gen.
y natur. de las Indias. 1647. IV, 51.
»«) Ad. B a 8 t i a n , Der Mensch in der Geschichte. 1860. Bd. III.
S. 308.
•^) Brass, de Bourbourg, hist, des nations civil, du Mexi-
que. 1857/59. II, 67.
'^) Diego de Landa, Relation des choses de Yucatan. 1801.
p. 162.
*•) Al. de Zamora, hist, de provinc. de San Antonio. 1702.
Lib. XXI, 1.
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d r a h i t a *o) Paderastie Sitte gewesen sein, w-enn sie auch nur dem
Herrscher formlich gestattet war, denn es gait als Herkommen, daB
der sechste Knabe, den eine Frau gebar, ohne dazwischen ein Mad-
chen zur Welt gebracht zu haben, als Kinade (Cusmos) erzogen wurde.
Die Berichte von einem der Sodomie ergebenen Riesenvolk, das
an der Punta Sa. Helena in Ecuador gelandet, die dortigen Einwohner
mit seinen Liisten arg bedrangt haben soil, sind der Sage zuzuweisen.
Ihr Untergang durch himmlisches Feuer scheint christliche Beein-
fJuysung zu verraten. DaB hingegen bei den peruanischen Eingeborenen
seJbst Paderastie im Schwange war, geht klar hervor aus dem Bericht
von der Thronbesteigung des Inca R o c a *i), der alsbald die Pad-
erasten verbrennen lieB und fortan den Feuertod nicht nur fiir die
Schuldigen selbst, sondern auch fiir ihre ganze Ortschaft verhangte.
Die Inka gingen mit der ganzen Strenge des Gesetzes gegen die
Siinden wider die Natur vor. Das 20. Gesetz lautete: „Wer die Siinde
der Sodomie begeht, soil gewiirgt und gehenkt werden und sterben
und hierauf mit alien seinen Kleidern verbrannt werden; und ebenso
wer sich mit irgend einem Tier vergeht". Doch soil Paderastie nach
Garcilasso de la Vega, der selbst von Mutterseite ein Inka-
sproBling war, immer insgeheim betrieben sein. Auch in der
Hcchlandsprovinz Huayllas und in Chincha ging Capac Yupan-
q u i gegen die Paderasten mit dem Scheiterhaufen vor. Hierdurch
wurde der Kontrainstinkt der Masse derartig gesteigert, daB, wenn ein
Biirger der Hauptstadt Cusco einen andern im Streit aus Unbesonnen-
heit einen Paderasten gescholten hatte, er selbst als ehrlos angesehen
und vielc Tage hindurch als infam behandelt wurde, weil er ein
solches Wort auch nur in den Mund genommen hatte. Doch muBten
schon unter dem Nachfolger des Capac Yupanqui, dem Inka
Sine hi Roca, die alten Gesetze, wie es heiBt, auf Anstiftung der
Frauen, wieder in nachdriickliche Erinnerung gebracht werden. Die
Spanier trafen zur Zeit ihrer Invasion in Peru, vorwiegend im Kiisten-
land in Quito und in Guyaquil, die Paderastie als allgemein von der
Volkssitte geduldet an, Spuren davon fanden sie jedoch so gut wie
an alien Orten des Landes. Dokumente dafiir sind uns auBer in den
historischen Berichten noch heute zuganglich in den Resten kera-
mischer Darstellungen pedikatorischer und anderer paderastischer
Szenen, die als Urnenfunde in altperuanischen Grabstatten entdeckt
wurden ^-). Auch der peruanische Sprachschatz scheint in dieser Be-
ziehung sehr reich ausgestattet gewesen zu sein. — Von Tribadie liegt
weder bei den peruanischen Naturvolkern noch bei den Inka an-
scheinend irgend welche Nachricht vor. Da jedoch der Sonnentempel
zu Cusco stets bis zu 1500 auserwahlter Sonnenjungfrauen, die zur
Keuschheit verpflichtet waren, beherbergte, erscheint Stolls *^) Ver-
mutung, daB es unter diesen wohl zu homosexuellem Verkehr gekommen
sei, nicht ungerechtfertigt.
Nach Dom. de Santo Thomas**) stand in den durch die
Inka nicht unterworfenen Teilen von Peru die Sodomiterei als etwas
Heiliges in hohem Ansehen. In den Tempeln beschaftigte, wie Weiber
gekleidete junge Manner wurden von Kindheit an auf dieses Amt hin-
gewiesen und auf dasselbe vorbereitet. Dasselbe bestatigt C i e c a d e
*o) L. Fern. Piedrahita, hist. gen. de las Conquistas del
nuev. rcyno de Granada. 1688. I, 46; II, 5.
*i) Fern, de Montesinos, Momor. antigu. hist, y pol. del
Piru. 1G42. cap. 9, 16, 18.
*2) Im Anthropophyteia. III. 1906, S. 420.
*3) Otto Stoll, Das Geschlechtsleben in der Volkerpsvchologie.
1908. S. 978.
**)Pedr de Cieca de Leon, La cronica del Peru. 1554.
cap. 64.
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5«9
Leon. Beide frommen Spanier machten naturlicherweise den Teufel
dafiir verantwortlich. — Unter den Indianern der peruanischen Anden
wurden noch 1820/22 Manner beobachtet, welche halb wie Frauen ge-
kleidet, sich offentlich mit den Freudenmadcheu zeigten und in
Sprache und Gebarden tauschend dem andern Geschlecht glichen.
Sie waren unter dem spanischen Namen Maricones bekannt. P 5 p -
pi^AS) erklart es fiir zweifellos, daB es sich bei diesen indianischen
Weibmannern um Freudenjiinglinge gehandelt habe, die aus dem ge-
schlechtlichen Verkehr mit Mannern ein Gewerbe gemacht batten.
Auch in Paraguay haben die Jesuiten wahrena ihrer 200 jahrigen
Herrschaft die Paderastie trotz des Ehezwanges fiir die Eingeborenen
nicht auszuretten vermocht. Ebensowenig konnte die Verhangung
barter Freiheits- und Priigelstrafen etwas ausrichten, ja die Obern
der S. J. muBten sich in ihren Erlassen bisweilen sogar gegen die
Patres selbst wenden, damit ihnen „die Schonheit der Burschen nicht
zum Fallstrick werde".
Nach Alvez do Prado*^) gab es 1795 unter den Guaycuru
Manner, welche in alien Stiicken batten Weiber sein wollen. Sie
kleideten sich wie Frauen und beschaftigten sich mit weiblichen Ar-
beiten. Sie hieiien Cudinas, d. h. Verschnittene. Die Moluchen haben
Zauberer von beiden Geschlechtern. Die mannlichen Zauberer werden
bei ihnen und den Puelchen nach F a 1 k n e r *9) gezwungen, ihr Ge-
schlecht zu verlassen und weibliche Kleidung anzulegen und diirfen
nicht heiraten. Schon als Kinder werden sie zu diesem Stand aus-
gesucht, wobei man besonders auf diejenigen sieht, die schon in ihrem
iriihesten Alter ein weibliches Betragen auBern, sie werden alsdann
sogleich in Weiberkleider gesteckt.
Die Araukaner, die Urbewohner von Chile, haben nach Nunez d e
Pineda y Bascunan^o) die Sodomie allerdings fiir verachtlich
und verwerflich gehalten, doch mit dem Unterschied, daJ3 nur der
Partner dadurch beschimpft wurde. Diese, Hueyes genannt, triigen
sich auch nach Art der Weiber und iibten vorzugsweise das Amt des
Zauberers aus, sie batten auch nicht selten von den Spaniern Er-
fiillung ihrer geschlechtlichen Wiinsche begehrt. Auch Guevara^*)
berichtet noch 1898, daB Paderastie bei den Araukanern nicht nur
geduldet war, sondern daB die Paderasten dort sogar eine Gilde
bildeten. Diese (Hueyes) bildeten hauptsachlich den Stand der arzt-
lichen Zauberer. Sie triigen das Haar lang und schmiickten pich
mit weiblichen Zieraten, und Manner wie Frauen erwiesen ihnen
Achtung.
Ziehen wir das Resumee aus diesen Quellen, so ergibt sich,
dafi auch in Spanisch- und Portugiesisch-Amerika die Homo-
sexualitat eine ubiquitare Erscheinung ist und jederzeit war.
Ihre Beurteilung war freilich grundverschieden, bald sah man in
ihr etwas „Heiliges", bald hielt man sie ftir das todeswtifdigste
Verbrechen. In beiden F&llfen war die Ursache die gleiche —
man verstand sie nicht.
*^) In Ersch und Gruber, II, 17 (1840) S. 357.
*8) Cf. von E s c h w e g e , Journal von Brasilien, 11. 1818,
p. 266.
*9)Thom. Falkner, Beschreibung von Patagonien. A. d.
Engl. 1775 S. 144.
50) Cf. Collecion de historia de Chile, torn. III. 1863.
51) Thom. Guevara, hist, de la civilizac. de Araucania 1898,
p. 216 f.
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ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Die Homosexualitat in Osteuropa und Asien.
Auf die slawische Volkergruppe tibergehend, beginnen wir
mit Rufiland, liber dessen sich homosexuell betatigende Be-
wohner schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts eine wissenschaftlich bedeutsame Arbeit — allerdings
mehr kasuistisch als kritisch wertvoll — erschien. Sie
riihrt von dem Petersburger Professor der Medizin, Tar-
no w s k y , her.
Leider behandelt seine „forensisch-psychiatrische Studie", wie er
sie nennt, auch wiederum hauptsachlich die sich dem Beobachter ja
immer zunachst aufdrangende prostitutive Seite der Erscheinung,
wahrend sie die sublimierteren Formen, die zweifellos auch unter sla-
wischen Volkern welt verbreitet sind — ich kenne viele Beispiele —
kaum streif t. Tarnowsky erwahnt als Hauptstatten homosexuellcr
Betatigung die Badeanstalten, in deren Einzelzellen seit altersher mit
den Badedienern homosexueller Verkehr gepflogen wird. Die Badediener
betreiben nach ihm ihr Geschaft „kartellmaBig", bilden sozusagen ,^e-
schlossene Vereine", haben feste Taxen, verteilen die Einnahmen unter-
einander und halten darauf, daii keine Erpressungen vorkommen. Be-
sucher RuBlands erzahlten mir oft, daB ihnen in Badeanstalten Bade-
diener von verschiedenem Alter und Typus vorgefiihrt wurden, jiingere
und schonere kosten mehr als altere; unberecntigte Mehrforderungen
stellten sie selten. AuBer den Badedienern sind zu homosexuellem
Verkehr besonders geneigt die Droschkenkutscher, dann die Haus-
warter und Handwerksburschen. Alle diese, wie iiberhaupt die Leute
aus dem Volke, stehen mit groBter Gemiitsruhe der „herrschaftlichen
Spielerei" oder dem „Edelmannsspier*, wie sie es unter sich nennen,
gegeniiber, fiihlen sich durch Antrage keineswegs beleidigt, eher ge-
schmeichelt, nehmen sie an oder lehnen sie ab, onne sich kaum jemals
an die Polizei zu wenden. Im wesentlichen diirfte es sich bei dieser
„herrschaftlichen Spielerei" wohl um mutuelle Onanie, Fellatio oder
Irrumatio handeln, mn so mehr als von jeher unter dem strafbaren
Tatbestand des Mujelojstwo — wortlich Mannesbeischlaf — immer
nur Pedikation verstanden wurde. Die ersten weltlichen Gesetze da-
gegen, — vorher gab es nur kirchliche — finden sich in den Kriegs-
artikeln Peters des GroBen, was um so verwunderlioher ist, als
dieser Ilerrscher in der Fachliteratur vielfach auf der Liste der histo-
rischen Urninge aufgefiihrt wird. Anfangs standen nur Korperstrafen
auf „Paderastie", nur wenn bei ihr Gewalt angewandt wurde, Todesstrafe
oder lebenslangliche Galeerenstrafe, 1832 wurde zu den Rutenstreichen
Deportation nach Sibirien gefiigt, das Gesetzbuch von 1845 setzte
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letztere allein fest, fiir die dann 1900 4 — 5 Jahre Zuchthaus einge-
setzt wurde. Also auch hier wie in fast alien Landern in fast jedem
ueueu Gesetzbuch eine Abanderung der alten Bestimmung, eiu Zeichen
der auf diesem Gebiete herrschenaen Unsicherheit.
Ich selbst kenne die russischen Verhaltnisse nicht aus eigener
Anschauung, habe aber zahlreiche Urninge aus Rutland in Berlin
kennen gelernt, darunter intellektuell sehr hochstehende, viele er-
schienen mir sentimentaler und melancholischer als der Durchschnitt
der Urninge anderer Lander.
Auch fiir die weibliche Homosexualitat ist RuBland ein fruchtbaier
Boden. Es gibt dort zahlreiche virile Frauen. Unter den russischen
iStudentinnen in Genf, Ziirich, Paris gibt es viele homosexuelle Liebes-
paare. Von den mir von russischen Urningen zugegangenen Berichten
will ich einen wiedergeben:
„Geistige Homosexualitat ist beim russischen iVolke sehr verbreitet.
Ich habe junge Burschen gesehen, welche sich fiir Altere dermaBen
begeisterten, daB sie bereit waren, sich zu allem hinzugeben. Das
Pagenkorps, die Rechtsschule und das St. Petersburger Lyzeum galten
immer fiir Anstalten, wo die Homosexualitat stark herrscht. Das groBe
russische Epos „Russischer Eros", welches zu den bibliographischen
Raritaten gehort, leider aber noch in keine europaische Sprache iiber-
setzt ist, schildert in realster Weise die Erlebnisse eines Zoglings des
Pagenkorps. Auch Kropotkin spricht davon in seinen Memoiren.
Mir hat es nooh vor fiinf Jahren ein ISjahriger Page bekraftigt, welcher
selbst nicht so veranlagt war. Auch haben mir jfeadetten des Marine-
korps von den dort herrschenden Praktiken erzahlt. Ebenfalls Ly-
zeisten. Es versteht sich, daB hier vop Prostitution keine Rede sein
kann. Als ich Zdgling der Moskauer Krie^sschule war, kam es oft
zu homosexuellen Verhaltnissen, obgleich die jungen Leute Gelegen-
heit hatten, sich heterosexuell zu betatigen. Aus der jetzigen rus-
sischen Aristokratie sind mir eine ganze Anzahl aJs homosexuell be-
kannt, auch unter den Mitgliedern des Reichsrats gibt es mehrere.
Cbrigens habe ich bemerkt, daB virile Homosexualitat seltener ist als
femininel
Besondere homosexuelle Treffpunkte gibt es kaum, aber in jedem
groBeren Bade, von denen in ieder Stadt mehrere vorhanden sind, trifft
man junge Leute, die zum homosexuellen Verkehr bereit sind. Ich
habe von denselben erfahren, daB die Hauptklienten Militarpersonen
bilden, besonders sehr viele junge Leutnants. Also die mannliche
Prostitution ist sozusagen in den Badern reguliert, wo man fiir fiinf
Rubel die Auswahl hat. Nie ist noch daselbst ein Skandal vorge-
kommen, da die Polizei bei den Badinhabern in Sold steht, und die
Jungen mit ihrer Lage sehr zufrieden sind, da sie sich ein Kapital
zusammensparen. Zweimal habe ich in Badern junge Leute von wahrer
homosexueller Anlage gefunden, welche sehr aktiv auftraten und
geradezu aggressiv wurden, auch das Geld verschmahten, um aktiv zu
sein. Auf den StraBen der groBten Stadte sieht man auch Prostituierte
in beschrankter Anzahl; die Polizei kennt sie, und Chantage kommt
fast nie vor. Prozesse werden vermieden, da ja die hochste Aristo-
kratie mit auf dem Spiele steht und man in sexuellen Dingen in RuB-
land sehr tolerant ist, doch muB alles hinter geschlossenen Tiiren
vor sich gehen. In Kavallerie-Regimentern ist die Homosexualitat nach
mir von Soldaten gemachten Aussagen recht verbreitet. Auch Polen
hat viele Homosexuelle."
Letzt«n Satz haben wir hier zu bestatigen Gelegenheit, denn
wie auf die gebildeten Russen hat auch auf die ihnen stamm-
verwandten Polen und Tschechen, das von slawischen Elementen
ja selbst so reichlich durchsetzte Berlin von jeher eine groBe An-
ziehungskraft besessen. Namentlich homosexuelle Gutsbesitzer aus
Russisch-Polen haben mich vielfach aufgesucht. Von einem geistig
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sehr hochstehenden, der fruher vielfach herkam, hortc ich kiirzlich,
daB er sich verheiratet und bald darauf erschossen habe.
Fiir besonders gefahrlich gelten die tschechischen Preller: So
schreibt ein offenbar gut orient ierter Autor, daC „der tschechische
Preller dem Bedauernswerten, dem er eben noch seinen Korper unter
aiifdrangerisehem Anpreisen feilgeboten, am liebsten den letzten Bluts-
tropfen aussangen" mochte. fin librigen hat fast jede bohmische
Stadt eine Bozena — wortlich Gottin — \md Marischka; das sind
dort Lieblingsnamen Homosexueller fiir besonders feminine I.eidens-
genossen-
Eho ich mich den Stidslawen zuwende, mochte ich noch
einiges tiber das von nord- und stidslawischen Volkern begrenzte,
in seiner Herkunft noch immer nicht ganz geklarte Volk der
Magyaren sagen. Unter den mir bekannt gewordenen homo-
sexuellen Auslandern nehmen nach den HoUandern die Ungarn
unmittelbar die zweite Stelle ein. Ich will daraus nicht den
ScliluJJ Ziehen, dafi die Homosexualitat unter den Magyaren
halufiger sei als andei-swo, trotzdem es auffallend ist, daB
U 1 r i c h s allerdings ohne nahere Begrtindung dies behauptet.
Aus der alteingesessenen ungarischen Gentry sind mir eine
ganze Reihe Homosexueller bekannt geworden, aber auch im
Volke sind sie zahlreich vertreten.
Dementsprechend ist auch an aufsehenerregenden homosexuellen
Skandalen in Ungarn niemals Mangel gewesen, bald ist es eine in
Frauenkleidern sich vergnii^ende homosexuelle Gesellschaft, die um-
zingelt und ausgehoben wird, bald ein homosexueller Eifersuchts-
mord, wie der des ungliickseligen F e r e n c z D., bald der Raubmord
an einem Homosexuellen, wie deri) des Privatiers Szilasi durch
deu Studenten Ciszkay, der die Aufmerksamkeit auf sich lenkt,
Oder gar eine Geschichte wie die der ungarischen Sarolta Vay,
die sich in Mannerkleidern mit einer Freundin trauen lieB. Solche
Falle, die von Zeit zu Zeit die Decke der Verborgenheit, die liber das
ganze homosexuelle Leben ausgebreitet ist, explosiv durchlochern,
geben eine entfernte Vorstellung von der Ausdehnung und der Art
dessen, was nie an die Oberflache dringt. Auch Kertbeny, der
Schopfer des Wortes homosexuell, war ein Ungar.
Einer unserer dortigen Korrespondenten berichtet:
„Im gegenwartigen Ungarn gibt es zahlreiche homosexu-
elle Staatsmanner, Politiker, Journalisten, die eine erste Rolle spielen.
Auch in den Ministerien kenne ich Minister, Sektionschefs und Bate,
sowie kleine Beamte rein magyarischer Abkunft, unauffalligen Aus-
sebens, zu welchen ich selbst Beziehungen hatte, und solche, die alle
charakteristischen Alliiren zeigen, von denen man offentlich spricht,
es sicher weiB, und die dennoch in ihren Stellungen bleiben konnen.
Im Gesetze kommt diese Toleranz leider nicht zum Ausdruck, mn
so mehr bei der Handhabung desselben. Alle Prozesse, die ich
kannte, sind im Sand verlaufen. Ich selbst war oft in der Lage,
zum Schutze von in Erpresserhande geratenen Freunden den Polizei-
chef anzurufen. Stets willfahrte man mir, ohne auch nur die
Namen meiner Freunde zu erfragen. All das geschieht
sowohl aus angeborener Toleranz, als auch aus dem sicheren Wissen
von der groBen Verbreitung der Homosexualitat in hohen und hochsten
1) Cf. Artikel Morde an Homosexuellen V.-B. 2/1911 p. 26 u. ff.
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Kxeisen. Der Sotm eines uaser ersten Maf naten ist ebenso wie sein
Vater homosexuell. Wegen dieser Veranlagung und seiner uber-
triebenen Frommigkeit zirkulierte im Parlament der folgeade Witz:
„Bei seiner Geburt schon zeigte sich die Frommigkeit, sowie die
VVeiberscheu des Grafen, denn er wollte die Brust der Amme nicht
nehmen, so daB ihm sein Vater einen jungen Jesuitenpater gab, bei
dem er willig saugte". Dennoch ist er ein wegen seiner Feinheit
sehr angesehenes Mitglied des ungarischen Hochadels. Ich glaube
eher zu wenig als zu viel zu sagen, wenn ich die Zahl der Homo-
sexuelleu im ungarischen Magnatenhause, wie im Parlament, auf min-
destens lOo/o scnatze. Aber auch die breite Masse des ungarischen
Volkes ist tolerant und im hochsten Grade gutmiitig, info^gedessen
homosexuellen Handlungen gegeniiber (auch ohne Entgelt) ent-
gegenkommend. Bei einer Flsische Wein im gemiitlichen Plaudern
offenbart sich bald die enthusiastische, zu briiderlichen Gefuhlen
sehr geneigte Natur des Ungarn, die sich im schnellen Anbieten
des „du" auBert. Dieses „Bruderschaft-Trinken** ist ein feierlicher
Akt mit herzhaftem Kiissen, und wenn die Musik das Ihrige dazu
tut, wiederholen sich KuB und Umarmung so haufig, daB der Cber-
gang zum homosexuellen Akt nur eine Fra^e des Taktes seitens des
homosexuellen Partners ist. Ich hatte unzahlige Erlebnisse dieser Art,
selbst mit Freunden, die extrem heterosexuell waien und in dem
ExzeB nur eine beinahe selbstverstandliche Steigerung der Verbriide-
rungs-Ekstase sahen. Es wiirde zu weit fiihren, wollte ich auch nur
die interessantesten dieser Abenteuer erzahlen, die je nach dem Tempera-
ment des andern sentimental oder lustig und wie in der Stimmung,
so auch im Verlauf sich ganz verschiedenartig abspielen. Die eigent-
lichen Homosexuellen sind in Ungarn, wenn man nicht gerade „ihr
Fall" ist und sie absichtlich Erkennungszeichen geben, nicht leicht
zu erkennen; so sehr ist der mannliche, sozusagen heterosexuelle
Typus vorherrschend. AUerdings gibt es auch effeminierte Gestalten.
Ich kannte sogar 2 — 3 Konstabler (Schutzmanner) von auffallig wei-
bischen AUiiren. Die iibergroBe Mehrzahl jedoch ist mannlich oder
sucht (mit Ei*folg^ so zn erscheiuen. Die Homosexualitat ist in alien
Budapester Gesellschaftsschichten sehr verbreitet.
Trotz der enormen Verbreitung der Homosexualitat haben die
Homosexuellen in Ungarn keine Treffpunkte, die allein ihnen dienen,
wie sie in Berlin so haufig sind. In den Budapester Parks, an wenig
erhellten Stellen, sieht man abends viele lauernde Augen. Bevor-
zugt sind die Parks in der Nahe der Kasernen. Der „Elisabetplatz"
ist so bekannt dafiir, daB nur ganz Vorurteilslose oder Harmlose hin-
gehen. Eine groBe Zahl „Logen** ist schon an den Mannern und Jungen
erkenntlich, die in groBerer oder geringerer Entfernung an den Trottoir-
randern stehen, mit dem Gesicht verdachtig nach den Buden, wie der
Tiirke beim Gebet nach Mekka schaut. Vor allem die Bader dienen
der Zusammenkunf t. Vom friihen Morgen ab gibt es in den D a m p f -
badern, deren etwa 20 existieren, Gelegenlieit zum AnschluB. Die
Leute sitzen so dicht beisammen, daB absichtliche Beriihrungeu als
zufallige gelten konnen, wenn der andere nicht reagieren will. An
Nachmittagen sind die Homosexuellen melir unter sich. Die B a d e -
d i e n e r machen, wenn man nicht auf sie selbst reflektiert, gegen
geringes Entgelt gern die Vermittler. Zur Prostitution geneigt sind
iSoldaten, Matrosen der Donaudampfer, Hausdiener, Friseure, Dienst-
manner, Hotelportiers, Kellner, Theater- und Konzertbilletteure, Kon-
stabler, Gerichtsschreiber, sowie alle Diurnisten (Tag-
schreiber in Amtern und bei Anwiilten), kleine Beamte, Tramway- und
Eisenbahnschaffner, Handlungsgehilfen ; ich kannte auch Detektivs ;
ich verkehrte mit ihnen und gelegentlich schiitzten sie mich. Weder
die Homosexuellen, noch die Prostituierten treten in Ungarn auf-
fallig in den Vordergrund. So groB d'e Toleraiiz, ebenso groB ist
Hirschfeld, Homosexuality. 33
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auf der anderen Seite das Bestreben, den in Ungarn ohnehin stark
prononcierten sexuellen Ton nicht noch schriller erklingen zu lassen."
Wir kommen nun zur Balkanhalbinsel. Hier interessieren
uns zunachst die Bulgaren, dieses griechisch-thrakisch-romisch-
gotisch-stidslawische Mischvolk, das sich mit tatariscsh-mongo-
lischen Stammen in der Wolgamtindung verbunden hat und
stark von Ttirken durchsetzt ist. Nicht nur ihr Umfang und
ihre zentrale Lage, sonidern noch- ein anderer Grund ist es, der
sie uns mit Aufmerksamkeit betrachten laBt. Bulgaren hieUen
wahrend des Mittelalters im groBten Teile Westeuropas bis
nach England die Homosexuellen ; das auch jetzt noch im eng-
lischen Gesetzbuch befindliche Wort Buggery ftir Paderastie
leitet eich vom Namen dieses Volksstammes ab. Wer danach
aber ein besonders reges homosexuellee Leben in Bulgarien zu
sehen erwartet, wird sehr enttauscht sein.
Sofia gehort zu den wenigen Hauptstadten der Erde, in denen
man kaum eine homosexuelle Prostitution finden wird, nur ganz ver-
einzelt machen sich leise Anklange davon im Borisgarten betnerkbar.
Man sieht auch sehr wenig feminine Typen, nicht mit Unrecht nannte
ein Kenner die Bulgaren ein brutales Mannervolk. Trotzdem sind aber
unter ihnen Mannerfreundschaften mit erotischem Beigeschmack haufig.
Bulgarische Weiber sind namlich sehr zuriickhaltend, weil ein
Madchen, das nicht mehr Jungfer ist, nur sehr schwer einen Mann
findet, — dadurch haben ledige Burschen, die aus Geldmangel oder
Ansteckungsfurcht nicht zu Prostituierten gehen konnen oder wollen,
viel weniger Gelegenheit zu ihnen entsprechendem Verkehr und ver-
fallen auf Surrogate. Als ich die bulgarische Landbevolkerung an
einem griechischen Ostersonntag auf der Festwiese ihren slavischen
Nationaltanz exerzieren sah, fielen mir die leidenschaftlichen Um-
schlingungen auf, mit denen sich die Manner begriiBten, die Unzer-
trennlichkeit und Herzlichkeit, mit denen viele stundenlang mitein-
ander tanzten. Wenn sie sich auf den Rasen niederlieBen, sah man
vielfach die Hand des einen in der Hosentasche des anderen. Ein
Gewahrsmann, der lange unter den Bulgaren gelebt hat, bestatigte
mir, daB er dies gleichfalls oft wahrgenommen hat.
Die Haufigkeit und Offentlichkeit, mit der diese anderswo ver-
dachtig erscheinende Pose eingenommen wird, laBt freilich eher den
SchluC zu, daB sie harmlosen Charakters ist. Mein Gewahrsmann,
ein homosexueller Deutscher, berichtet mir, daB unter 70 Gendarmen,
Unteroffizieren, gemeinen Soldaten und Bauernburschen, mit denen
er wahrend seines zweijahrigen Aufenthaltes im Lande sexuellen Ver-
kehr ankniipfen woUte, sich nur zwei ablehnend verhielten, sie sa^-
ten, „so etwas machen Bulgaren nicht", batten aber wohl die Pedi-
kation im Auge, die tatsachlich sehr selten zu sein scheint, zum Unter-
schied von wechelseitiger Masturbation, die sehr haufig ist und coitus
inter femora, der ziemlich oft vorkommen soil, wobei wilde oscula
iiblich sind. Die 68 Bulgaren, mit denen der Gewahrsmann verkehrte,
vollzogen fast samtlich den Akt in dieser Weise.
Selten hort man von homosexuellen Skandalen; immerhin wir-
belte vor einigen Jahren eine Erpressungsaffare, in die ein make-
donischer Diener und ein westeuropaischer Konsul verwickelt waren,
viel Staub auf. —
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Ich sah auf der Festwiese von Sofia auch zahlreiche
Albanesen in ihrer kleidsamen, dunkelumranderten weiBen
Tracht. Diesem auch Arnauten genannten nichts weniger als
degenerierten Volksstamme, ausgezeichnet durch korperliohe
Ttichtigkeit und Schonheit, begegnen wir in der homosexuellen
Literatur haufig, seitdem Hahn in seinen „albanesischen Studien"
von den eigenartigen, nooh heute existierenden Mannerblind-
nissen berichtet hat, die unter feierlicher Entgegennahme der
Eucharistie von denPopen in denKirchen eingesegnet v^er-
den, zu gegenseitigem Schutz auf Leben und Tod. Die m u h a m -
medanischen Arnauten schlieBen entsprechende Btindnisse,
begntigen sich aber, zum Zeichen ewiger Blutbrtiderschaft, damit,
einander in den Finger zu stechen und das Blut auszusaugen.
Das gleiche geschieht, wenn sich ein griechisch- oder romisch-
katholischer Christ mit einem Moslem vereinigt; auch das
kommt vor; sind doch beide Nachkommen der Illyrier, die nooh
vor Thrakern und Hellenen die Halbinsel bewohnten. Der
ttirkische General Achmet Bei schrieb 1864 anUlrichs:^)
„Ein liebender Albanier ist imstande, jemanden, der seine Eifer-
sucht rege macht, auf der Stelle zu ermorden. Auf seinen
mUnnlichen Geliebten macht er Gedichte und schwort ihm ewige
Treue.**
Wahrend Hahn diese schwarmerischen Freundschaften fiir un-
sinnlicli halt, „etwa von der Art, wie Sokrates die griechische Liebe
in P la tons Symposion schildert", sind Nacke^), sein Gewahrs-
niann und andere der Meinung, daB ihnen auch ein korperlich-sexueller
Charakter innewohnt, der, wenn auch nicht gerade zur Pedicatio — an
diese dachte in erster Linie Hahn — doch zu Umarmungen, Kiissen,
Digitationen, gelegentlich auch zum Coitus inter femora fiihrt.
So schreibt B e t h e : „Mich versichert Professor Weigand-
Leipzig, der Albanien, insbesondere Elbassan, Korytsa, Berat,
aus eigener Anschauung und eingehenden Studien kennt, daB
jene Verhaltnisse sehr realer Natur sind, trotz ihrer idealen,
schwarmerischen Auffassung, von der er auch einige. poetische
Proben gesammelt hat; jeder ,trim*, d. i. Palikar, Held, habe
seinen ,dasure* d. i. Liebling: ein altliberlieferter Volksbrauch
sei nicht zu verkennen."
Ncuerdings hat man die ^eweihten albanischen Mannerbiindnisse
als ein Uberbleibsel der hellenischen Verbindungen zwischen Mannern
und J iinglingen erklart, die wie Erich Bethe aus den in Fels ge-
hauenen Inschriften der Insel Thera sicher nachgewiesen hat, nament-
lich bei den Dorern feierlich und fest geschlossen wurden. Diese im
Tempel des ApoUo eingesegneten Biindnisse waren, so meint man, dem
2) Ulri<
3) Nack
Lchs, V. p. 10.
> k e , t)ber Homosexualitat in Albanien. Im Jahrb. f.
sex. Zw. Bd. IX. p. 325 ff.
38*
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Volke eine so altgeheiligte Institution, daB die christliche Kirche,
die. um Boden zu fassen, so vielen heidnischen Gebrauchen Rech-
nunp tragen mufite, wohl oder libel auch in dieser Hinsicht an die
S telle des Apollotempels trat. Verbal t es sich so, und es klingt jjlau-
sibel, so ist nur scbwer einzuseben, wesbalb sicb nur gerade an dieser
Stelle die Reste alten Hellenentums erbalten baben.
Habn *), der als osterreicbiscber Konsul lange Zeit im Lande
lebte, gibL folgende Scbilderung der „knabenliebenden Gegen": „Des
Gegeii Gefiibl fiir seinen Knaben ist rein wie das Sonnenlicbt. Es
8 tell t den Geliebten einem Heiligen gleich. Es ist das Hocbste und
Erbabenste, was das menscblicbe Herz iiberhaupt zu fassen vermag. . .
Der Anbliok eines sebonen Jiinglings erzeugt in ibm Bewunderung
and offnet die Tiiren seines Herzens dem Genusse, welcben die Be-
tracbtung dieser Sebonbeit gewabrt. Die Liebe bemacbtigt sich
seiner in dem Grade, daB sein ganzes Denken und Fiiblen in ibr auf-
geht. Ist er in des Geliebten Nabe, so versenkt er sicb in dessen
Anblick. Ist er fern, so denkt er nur an ibn. Erscbeint der Ge-
liebte unverbofft, so gerat er in Verwirrung. Er wecbselt die Farbe,
wird bald rot, bald blafi. Das Herz scblagt ibm bocb und benimmt
ibm den Atem. Auge und Obr bat er nur fiir den Geliebten. . . . Er
vermeidet es, ibn mit der Hand zu beriibren. Er kiifit ibm nur die
Stirn. . . . Ibn besingt er, ein weibliches Wesen nie."
Ober die gleicbgescblecbtlicben Anlagen und Gebraucbe der den
Albaneseii benacbbarten und in Tracbt und Sitte nabestebenden V61-
ker wie der Montenegriner, Dalmatiner, S e r b e n wissen wir ver-
haltnismafiig wenig. In Belgrad fiel mir das verbaltnismaBig reicb-
licbe Angebot serbiscber Soldaten zu bomosexuellen Zwecken auf.
Audi ist Demerkenswert, wie oft sicb unter den in Pest, Wien, Berlin
und Paris studierenden Serben Homosexuelle befinden, ein besonders
unriibmliches Beispiel bot der Serbe Spaso Kragujewicz, der
vor einigen Jabren zu einer scbweren Freibeitsstrafe in Budapest
verurteilt wurde, well er in Berlin und Wien Homosexuelle, mit denen
er das Lager geteilt, in ibren Betten zu erdrosseln versucbt batte.
In den Volksliedern in Serajewo soil bie und da auf Homosexu-
al tat Bezug genommen werden.
In Belgrad wurde vor einigen Jabren ein nur aus Herren be-
stebender Verein ausgeboben, dessen eine Halfte „gescbminkt und
gepudert" war, und Frauenkleidung trug. Die in Haft genommenen
Mitglieder gestanden, daB in Belgrad nocb andere gebeime Klubs
dieser Art existieren, denen nicbt nur Zivilpersonen, sondern aucb
Offiziere angehoren.
In noch hoherem MaBe als die letztgenannten Volker inter-
essieren uns aus historischen Grlinden von den gegenwartigen
Balkanbewohnern die Griechen. Auch hier gehen die Mei-
nungen auseinander. Wahrend noch G r e v e r u s^) in der Mitte des
vorigen Jahrhunderts behauptete, daB die Paderastie in der
Neuzeit in Griechenland genau noch so wie iiu Aliertum bliihe,
wird dies von anderen sehr energisch bestritten, jedenfalls sind
heute dort die Auffassungen liber die Jiinglings- und Manner-
liebe von denen im alten Hellas toto coelo vei'schieden, was
schon aus den antihomosexuellen Strafbestimmungen hervorgeht,
^) Habn, Albanesiscbe Studien. 1854. p. 166.
s) G r e V e r u s , J. P. E., Zur Wiirdigung, Erklarung und Kritik
der Idvllen Tbeokrits. 2. Auflage. Oldenburg 1815.
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die, wenn auch nicht durchgeftihrt, gegenwartig die strengsten
in ganz Stideuropa sind.
Zahlreiche griechische Homosexuelle lernte ich in Konstantinopel
kennen, dessBn Bevolkerung bekanntlich wie die Smyrnaa zum grofien
Teil aus Griechen besteht. Von den die grande rue de Pera auf und
ab wandelnden mannlichen Prostituierten sind. die Mehrzahl Griechen,
wahrend ihre an und auf der Galatabriicke herumlungernden Kol-
legen hauptsachlich Armenier und Nachkommen spanischer Juden
sind, die hier ebenso wie auf der Calverstraat in Amsterdam ein nicht
unbetrachtliches Kontingent zur mannlichen Prostitution stellen.
Muhammedanische Jiinglinge bieten sich auf der StraCe viel weniger
an, bilden dagegen den fast ausschlieBlichen Bestandteil der in fast
alien Badern — den altberuhmten Hammams — gegen Entgelt fiir
Moslems und Christen verfiigbaren Personen.
U ber die Homosexualitat in der T li r k e i existieren, ebenso wie
iiber die Persiens, des zweiten Hauptlandes Muhammeds, viele
falsche Angaben. Man stellt es vielfach so dar, als ob es hier einen
eigentlichen Uranismus in imserem Sinne iiberhaupt nicht gabe, es han-
dele sich lun normalsexuelle Menschen, die ganz willkiirlich, und
zwar ware dies ein fast allgemeiner Usus, bald so bald so verkehrten,
etwa wenn ihre Frau menstruiere, zu irgendeinem Osman oder
Muliammed der von ihnen frequentierten Hammams gingen, oder etwa
gar nur — wie der Ethnologe Gustav Fritsch fiir Persien behaup-
tet — im Sommer mit Mannern verkehrten, well die Frauen in der
heiBen Jahreszeit zu stark dufteten. Nichts ist unrichtiger als solche
Behauptungen. Es mag sein, daB die Zahl derer, die zeitweise
mit dem gleichen Geschlecht verkehren, ohne homosexuell zu sein,
in Gegenden betrachtliclier ist, in denen auf der Paderastie, nament-
lich auf der aktiven, kein Makel ruht und die Gelegenheit zu ihr durch
das Angebot und die leichte Ausfiihrbarkeit in den Badern eine be-
sonders groBe ist. Es handelt sich dann um onanistische Praktiken.
DaB es aber daneben ganz echte Homosexuelle gibt, die rein seelisch
zu Personen des eigenen Geschlechtes in heftiger Liebe entbrennen
und nur fiir dessen Vorziige Yerstandnis haben, mit dem anderen Ge-
schlecht hingegen nicht oder nur sehr widerwillig sexuellen Umgang
pflegen, ist ganz sicker, wenn auch schwer feststellbar.
Wie sehr die Mohammedaner den psychischen Oharakter der
homosexueUen Liebe erfaBt haben, zeigen die Poesien eines H a f i s ,
der dichtet: „Zarteres, als dein Wangenrot, holder Knabe, gibt es
nicht**, eines S a d i , der von seinem Geliebten singt :
„Seine Schonheit war die Kibla«) meines Augensternes."
tjbrigens haben sich nicht nur die Dichtungen Michel-
a n g e 1 o s und Shakespeares die Verstiimmelung antihomosexu-
eller Kommentatoren gefallen lassen miissen. Der Professor Dr. Paul
Horn in StraBburg scheut sich nicht, in seiner „Geschichte der per-
sischeu Literatur" ^), die auf wissenschaf tlichen Charakter Anspruch
erheben zu konnen glaubt, of fen zuzugeben, daB er den Text eines
Liebesliedes von Abu CHlich wie folgt umanderte:
„Ein schones Christenkind (eigentlich ein Knabe) hat Abd Ca,lich
aus Her&t zu einem Liebesliede begeistert, das wir in Prosa wieder-
geben :
*^) Die Kibla ist da^ Zeichen in den Moscheen, welches dem Beten-
den die Richtung angibt, wo Mekka liegt. (Der Rosengarten des
S a d i. Aus dem Persischen iibersetzt von Nesselmann 1864.)
^) „Geschichte der persischen Literatur" von Dr. P. Horn,
Professor in StraBburg. (Leipzig 1901.) p. 78.
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I h r Glaubc hollisch, himmlisch i h r Gesicht und Wuchs
Gazelleaaugig, ringellockig, tulpenwangig ;
Die Lippo als hatte eines chinesischen Malers Pinsel
Auf Moschus Ziimober aufgetragen. —
Schenkte s i e i h r e Schonheit den Negerinnen,
So wiirden ohne Zweifel die Tiirkinnen auf s i e eifersiichtig
werden usw.
In einer Amnerkung sagt der Autor: „im Original handelt es
sicli um Neger- und Tiirken k n a b e n." Die Tiirken fiihren schon
untereinander selten Gesprache iiber sexuelle Dinge, es sei denn, daB
sie sehr intim miteinander sind, Andersglaubigen enthiillen sie sich in
dieser Beziehung Uberhaupt nicht; gleichwohl hatte ich durch Ver-
Diitteilung eines jungen armenischen Bey und eines tiirkischen Arztes
aus Haidar Pascha in Stambul und B r u s s a (Kleinasien) die Ge-
legenheit, homosexuelle Mohammedaner kennen zu lernen, darunter
mehrere von ausgesprochener Femininitat. Die Zahl polygamer Tiirken
und Perser, die sich zu homosexuellem Verkehr der Strafien- ]und
Badeprostitution bedienen, sind die Minderzahl. Die Monogamen sind
bei weitem haufiger. Entweder haben sie ihren Freund, wenn er
unter ihnen steht, in irgend einer Stellung bei sich, als Diener, Koch,
Verwalter, Sekretar — ich war bei einem solchen Freundespaare in
ihrer Villa am Bosporus zu Gast — oder beide Partner gehen unab-
hangig voneinander ihren Berufsgesohaften nach, und verbringen nur
die freieu Stunden miteinander. Solche monogamen Beziehungen sind
meist so unauffallig, daC selbst die nachste Umgebung, die mit dem
Urning jahrelang unter einem Dache lebt, wie seine Verwandten
und sein Personal ihren wahren Charakter nicht merken, geschweige
denn ein Ethnograph. Es gibt persische und tiirkische Sprichworter,
die besagen, wie vorteilhaft es ist, der Geliebte eines GroBen zu sein,
eins, das in freier Ubersetzung lautet: „Das meiste erreicht ein Mann
mit seinem GesaB, entweder indem er sich darauf setzt und arbeitet,
Oder indem er es einem groBen Herrn zur Verfiigung stellt."
Auch der zum GroBwesir und Schwiegersohn des Sultan Sulei-
man aufgestiegene Rustan — von Geburt ein Kroate — wird von
Stern*) und anderen als homosexueller Emporkommling bezeichnet.
Der Koran verbietet den homosexuellen Verkehr nicht an sich,
wendet sich vielmehr nur gelegentlich wie bei der Erzahlung, die
von der Verletzung des Gastrechtes an den bei Lot abgestiegenen
Fremden handelt, geeen die Ausschweifungen der Sodomiter, die,
nachdem sie ihre Wollust bei Frauen gekiihlt, noch in ihrer Ziigel-
losigkeit Manner begehren. 'Ein ^-usdriickliches Gesetz gegen den mann-
mannlichen Verkehr findet sich in keiner Sure des Korans, auch nicht
in der vierten, die von dem geschlechtlichen Leben handelt. Wie
Pratorius^) mitteilt, soUen sogar die Hodschas im Unterricht
einen miindlichen Ausspruoh iiberliefern, der den Armen gestattet,
sich statt der dritten und vierten Frau einen Jungen beizulegen.
Der Orientreisende v. Maltzahn, der vermutlich mit dem
V. Maltzahn identisch ist, iiber dessen aufsehenerrecenden ProzeB
Ulrichs in den „kritischen Pfeilen" berichtet^®)^ teilt mit^^), daB
sich sogar im Vorhofe der Kaaba in Mekka Burschen zum homosexu-
ellen Verkehre anbieten.
8)Bernhard Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechts-
leben in der Tiirkei. Mit Beiiicksichtigung der moslemischen, Nachbar-
lander und der ehemaligen Vasallenstaaten. Berlin 1903.
5) Aufs. i. d. Anthropophyteia.
" L. c. p. 63 ff.
A. Moll, 1. 0. p. 102.
;:j
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Allerdings herrscht auoh in muhammedanischen L^ndern
vielfach eine ahnliche Unkenntnis der Bestimmungen liber homo-
sexnelle Bet&tigung, wie wir sie in romanischen kennen lernten;
auch unter Porschungsreisenden begegnen wir Meinungsver-
schiedenheiten, so bejaht Baumann die Bestrafung, wahrend
andere sie negieren. Wie gleichgtiltig man im Grunde die ganze
Angelegenheit betrachtet, zeigt die Tatsache, daB man niohts
dabei findet, wenn ein muhammedanischer Jtingling mit einem
christlichen Manne oder ein alterer Moslem mit einem jungen
jJFranken" in sexuelle Beziehungen tritt, wahrend selbst der
leichteste Flirt zwischen einem Unglaubigen und einer itlir-
kischen Frau die schwersten Gefahren flir beide Teile im Ge-
folge hat. Ist doch selbst der Besuch eines muhammedanischen
Bordells den Christen an den meisten l^latzen fast ebenso streng
verboten wie der einer Moschee. Die meisten Mnhammedaner,
selbst die, welche sich flir Lohn den Fremden anbieten, ver-
weigern diesem allerdings, sich' passiv hinzugeben, sondern
woUen ihrerseits aktiv vorgehen, oft lehnen sie sogar jede Be-
rtihrung des Partners ab. Die Grunde sind, daJJ sie nach Tradi-
tion und Instinkt sich zu demlitigen glauben, wenn sie sich
einem Fremden gegentiber zum Weib erniedrigen, wahrend sie
sich ihm umgekehrt tiberlegen ftihlen, wenn sie ihn zum Weibe
machen. Es kommt hinzu, daB die noch unverheirateten Muham-
medaner sehr wenig Gelegenheit haben, heterosexuell zu ver-
kehren, da die Madchen und Frauen abgeschlossen in den
Frauengemfichern leben und auf der StraBe, die sie nur tief-
verschleiert betreten dlirfen, von Mannern nicht angeredet
werden dlirfen. In den Harems selbst soil urnischer Ver-
kehr haufig sein, besonders die „auparischtaka" benannte
cunnilinctio.
Was in bezug auf die Homosexualitat flir die Tlirken und
Perser gilt, trifft flir die Muhammedaner im allgemeinen zu,
sowohl f iir die in Arabien, Agypten und am Mittelmeer als flir
die im tieferen Asien. Hier sei noch kurz einee Volkes gedacht,
dessen homosexuelle Sitten uns neuerdings durch einen Aufsatz
in den Sexualproblemen von Theo Herrmann naher ge-
bracht wird, der S a r t e n , die in dem frliher von Perser n be-
wohnten Turkestan anssLssig sind. Wenn auch die Auffassungen
des Autors der neueren wissenbchaftlichen Erkenntnis nicht
Rechnung tragen — er nennt die Paderastie bald die National"
krankheit, bald das Grund 1 a s t e r der Sarten — so ist doch
das von ihm beigebrachte Material sehr der Beachtung wert.
Wie stark der homosexuelle Verkehr in diesem Volke geiibt wird,
zeigt ein landesubliches Spricihwort, das lautet: „Es gibt ebensowenig
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ej'n Graslein, das die Sense nicht gestreift, als einen Knaben, den
kein Mann beriihrt." Auch hier scheinen wie in anderen muham-
medanischen Landern auBere Griinde die homosexuelle Betatigung zu
fordern, vor allem die strenge Absonderung der Geschlechter im
Frauen- und Mannerabteil, ferner Sparsamkeitsriicksichten, da der
Kaufpreis der Frauen ein verhaltnismaCig hoher ist, den viele der
armeren Sarten sowohl nnter den Landarbeitern und Hirten, als unter
den stiuitischen Kleinkramern, Fabrikanten und Teebudikern nicht
aufbringen konnen. Wie viele unter ihnen echte Homosexuelle oder
Bisexuelle, wie viele nur Pseudohomosexuelle oder Verlegenheitshomo-
sexuelle sind, diirfte ungemein schwer zu sagen sein. DaB alle diese
Kategorien vertreten sind, ist nicht zweifelhaft. Es gibt hier eine
Menschenklasse, die in ganz besonders hohem MaBe das Ziel homo-
sexueller Begehrlichkeit ist, die Batschas, junge, gutgcwachsene
Burschen aus dem Volke, namentlich solche mit dunklen, strahlenden
Augen, die eigene Schulen besuchen, die Batschbosliks, in denen sie
von alten Leuten, die selbst friiher Batschas waren, in korperlichen
Cbungen und geschmeidigen Tanzen, heiligen und unheiligen Gesangen,
heitereu SpaBen und Wortspielen unterrichtet werden. Haben sie das
alles gelernt, dann produzieren sie sich unter freudiger Erwartung,
die sich meist zu Bewunderung und Begeisterung steigert, auf echt
orientalischen Festlichkeiten, die die Sarten auf den Hofen ihrer
Hauser veranstalten und die Basmen genannt werden. Der Mittel-
Eunkt dieser Feste sind die Batschas, die durch ihre Tanze und
ieder, begleitet von Trommeln und Floten, die Zuschauer formlich
berauschen. Welche Rolle diese Jiinglinge spielen, zeigt foleende
Schilderung: „Der Batscha erfreut sich groBer Liebe und volks-
tiimlichkeit. Die Manner verlieben sich in ihn, verfertigen ihm zu
Ehren Verse, seinetwegen richten sie sich zugrunde, lassen W6iber
und Kinder im Stich, seinetwegen kommt es oft zu blutigen Eifer-
suchtshandeln und zum Totschlag. So kamen im Jabre 1906 im ein-
lieimischen Teil Taschkents der Batschen wegen wiederholt blutige
Dramen vor, was die Richter des Syr-Darja-Gebietes veranlaBte, die
Veranstaltung von Basmen zu verbieten. , Dessenungeachtet erhielten
sicii die Basmen in friiherer Bliite. Zur Zeit der Chane batten die
Basmen noch viel weitere Verbreitung. Am Hof des Chans gab es
gewohnlich einen ganzen Staat von Batschen, imd der Lieblings-
batscha des Chans iibte groCere Macht aus als der erste Wesir (Mi-
nister). Fiir die allerhiibschesten Batschen im Syr-Darja-Gebiet gelten
die Sairamaschen. Hochgewachsen, grazios, mit matter Gesichtsfarbe,
schwarzen, brennenden Augen und zarter Stimme machen sie einen
groBen Eindruck auf die Menge. Um ihre Liebe bemiihen sich, wie um
ein groBes Gliick, einfluBreiche, begiiterte Sarten. Der Unterhalt
eines solchen Batschas kostete nicht wenig — bis 1000 Rubel im
Jahr — was dem praktischen Sarten auBerordentlich viel erscheint."
Eine ahnliche Stellung, wie die Batschas bei den Mannern, haben
die Batschenmadchen bei den Sartenfrauen, die sie ebenfalls
durch Gesange, Spiele und Mimik unterhalten. Im iibrigen sind es nicht
nur die Sarten, die in Turkestan, Samarkand und Bucliara homo-
sexuellen Verkehr pflegen, sondern auch die Manner und Jiinglinge
persischer, kirgisischer und russischer Abkunft. Alle wetteifern form-
lich in seelischer und nicht nur in dieser, sondern auch korper-
licher Urningsliebe, wenngleich aiich hier die leichteren Formen ero-
tischer Zartlichkeit, namentlich gegeniiber der Pedikation, bei weitem
zu iiberwiegen scheinen.
Diese Angaben stimmen ganz iiberein mit einer Arbeit, die schon
im Jahre 1900 vonderChoven^s) veroffentlichte ; er ftihrte aus, daB
^2) Choven, v. der, Cber sexuelle Perversionen im Orient.
(Obozr^ni6 psiahiatrii V. 1900).
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in alien Stadten Asiens von den Ufern des Marmarameeres
bis zum Yang-tze-kiang den jungen Burschen, genannt Batscha,
die Tanze und Gesange iibertragen ^eien, die ganz und gar die RoUe
unsrer Schonheiten aus dem Vari6t6 erfiillten. Kritische Berichte iiber
diesen Artikel bringen P. K 6 r e v a 1 1^) in den Archives de Neurologie
und Numa Prat orius ^^).
Urn die Darstellung der Liebes- und Ehegebrauche dm
alien und modemen I n d i e n hati sich Eichard Schmid t^^)
hervorragende Verdienste erworben. Doch hat ihm die Fiille
heterosexuellen Materials fur die Darstellung der gleichge-
schlechtlichen Liebe wenig Raum gelassen, auch mangelt ihm
hierzu anscheinend die erforderliche Objektivitat und Vorurteils-
losigkeit. Wenn nun im folgenden der Versuch gemacht werden
soil, Schmidts Arbeiten nach dieser Richtung hin zu ergauzen,
so Jcann es sich flir einen Nicht-Sanskritisten bei dem' ge-
waltigen Umfang der indischen Literatur, die noch dazu bis
jetzt keineswegs voUstandig in abendlandische Kultursprachen
libersetzt ist, naturgemafi nur um die Zusammenstellung gelegent-
licher Lesefrtichte handeln ; eine voUstandigere methodische Dar-
stellung muB einer kundigeren Feder spaterer Tage vorbehalten
bleiben. Doch auch mit dem Wenigen wird der Beweis moglich
sein, daB schon dem altesten indogermanischen Kulturvolk die
gleichgeschlechtliche Liebe nichts Unbekanntes war und daB die
Gelehrten und Weisen dieses Volkes sich bereits auf dem Wege
zu einer wissenschaftlichen Erklarung dieses sexuellen Prablems
befanden.
Zwar laBt sich aus den alteren Werken der vedisch-brahma-
nischen Periode nicht allzuviel Bestimmtes anfiihren. Die Ubersetzer
scheinen sich manchmal selber im Ungewissen zu befinden, und die
Kommentatoren schweigen sich iiber derartige Stellen i)eharrlicli aus.
Wir miissen uns daher hier mit einer bloBen Auffiihrung gefundener
Stellen begniigen.
So finden sich im Rig- Veda, dem altesten Lieder- und Hymnen-
buch der indischen Literatur, u. dem Atharva-Veda, der ♦ altesten
Sammlung von Zauberspriichen viele Satze, in denen auf die Androgynie
der Gottheiten Bezug genommen wIrd (Rig- Veda VIII, 33, 19; Ludwig
Bd. II Nr. 699)16); Rig- Veda 1. 164, 16 (L. 11. Nf. 951); Atharva-
Veda VIII, 8. 25 (L. Ill, p. 525); Ri^-Veda X, 85, 36 (L. II,
Nr. 905); Ric-Veda X, 60. 7 (L. II Nr. 993); von Brahma heifit es
an zwei Stellen der Qvet^9vatara-Upanishad IV. 3:
Du bist das Weib, du bist der Mann, das Madchen und der Knabe,
Du wachst, geboren^ allerwarts, du wankst als Greis am Stabe.
und V, 10:
Er ist nicht weiblich, nicht mannlich,
Und doch ist er auch sachlich nicht.
18) 24. ann6e Marznummer 1902 p. 236 ff.
1*) Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. V, 2, p. 953.
15) Rich. Schmidt, Beitrage z. ind. Erotik. 1902. Liebe
und Ehe i. alten und modemen Indien. 1904. Kamasutra des Vatsya-
yana. 3. A. 1907.
i«) Rig- Veda, iibers. v. Alfr. Ludwig, 6 Bde. 1876—1888.
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Je naoh dem Leib, den er wahlte,
Steokt er in diesem und dem. ^i)
Ein interessantes Stiick ist in der kurzen Garbha-Upanishad
folgender (III.) Abschnitt 23) : „Beim Uberwiegen des vaterlichen
Samens entsteht ein Mann, beim Hberwiegen des mutterlichen Samens
ein Weib, beim Gleichgewicht des Samens beider ein Z w i 1 1 e r ; bei
Benommenheit des Gemiits entstehen Blinde, Lahme, Bucklige und
Zwerge. Geht der duroh die beiderseitigen Winde eingeprefite Same
entzwei, so wird auch der Korper zwiefach und es entstehen Zwil-
linge."
Eine ebenso groUe RoUe wie das Problem der gottlichen Andro-
gynie spielt in der indisclien Literatur die Erscheinung menschlicher
Geschlechtsverwandlung. Nur eine der vielen uns bekannten G e -
schleohtsverwandlungssagen sei angef iihrt :
Im Matsja-Purana wird dem Manu ein Sohn Ida geboren. Bei
eiuer Rundreise durch seine Besitzungen gerat dieser aus Versehen
in einen Hain, in dem einst Qivas Gattin Parvati zur Unzeit von Weisen
gestort war. Infolgedessen hatte Qiva seiner Gattin versproohen,
dal3 jeder Mann, der diesen Hain betreten wiirde, sioh in eine Frau
verwandeln solle. So wird denn auch Ida sogleich verwandelt und
zu einer Id§,. Durch ein Pferdeopfer an Qiva wird sie zu ein^oi
Zwittergeschopf (kimpurusha), Namens Sudyumna zuriickverwandelt,
welches abwechselnd einen Monat Mann und einen Monat Weib war*
Einen bisexuellen Charakter tragt die zu grofier Bertihmt-
heit gelangte Legende von Rishyasringa (Mahab. Ill,
110 f £28). Er ist der auf wunderbare Weise von einer Gazelle
geborne Solin eines Heiligen und wachst (ein altindischer Simpli-
zissimus) in einer Einsiedelei im Walde auf, ohne irgend einen
andern Menschen auBer seinem Vater je gesehen zu haben.
Vor allem hat er nie ein Weib erblickt. Einst entstand nun
im Reich des K5nigs L o m p a d a eine groBe Dtirre und die
Weisen des Landes erklarten, daB die Gotter erztirnt seien
und es nur dann regnen wiirde, wenn es dem Konig gelinge,
Rishyasringa in sein Land zu bringen. Des Konigs
Tochter Santa iubernimmt nun die Aufgabe, den jungen
HeiUgen in das Land zu locken.
Aus kiinstlichen Baumen und Strauchern wird eine schwimmende
Einsiedelei hergestellt, in welcher Santa zum Wohnsitz des Rish-
yasringa segelt. In der Nahe der Waldeinsiedelei angekommen,
steigt die Konigstochter ans Land und benutzt die Abwesenheit von
Rishyasringas Vater, um sich dem jugendlichen BiiBer zu niihern.
Sie gibt ihm herrliche Friichte und kostlichen Wein und schmiegt sich
in zartlicher Umarmung an ihn, der da glaubt, einen Knaben, wie er
selbst einer ist, vor sich zu haben. Darauf kehrt das Madchen wieder
21) P. Deussen, 60 Upanishads d. Veda 1897, S. 300 und 306.
23) Deussen, 1. c. S. 608.
2«) W i n t e r n i t z , 1. c. S. 342.
Holtzmann, Ind. Dagen. I, 109.
Holtzmann, Mahabar. I, 25 ; II, 78.
Jacobi, 1. c. S. 141.
H. Liiders in Nachricht. d. Getting. Gesellsch. d. Wissen-
schaft. 1897 und 1901.
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603
auf ihre Insel zuriick, da sie das Nahen des alten Einsiedlers bemerkt.
Der Alte iiber die Aufregung seines Sohnes verwundert, fragt ihn,
was gesohehen sei. Dieser berichtet nun sein Erlebnis mit folgenden
Worten :
Ein Scbiiler mit geflochtnem Haar war hier, ganz weiB von Angesicht,
Mit schwarzen Augen und lachelndem Munde, mit schmalem Leib
und hoher Bnist.
Wie wenn im Mai der Kuckuck singt, so lieblicb klang es, wenn er
sprach, — —
Dann fafite micb der Knab' am Haar und zog mein Haupt zu sich (hinab
Und setzte seinen lieblichen Mund auf meinen Mund und machte da
Ein klein Gerausch; das machte, daU mir ein Schauder durch die
Glieder fuhr.
Nach diesem Schiiler sehn' ich mich ; wo er ist, mochte ich immer sein.
Mir ist so iibel, im Herzen so web', seit ich ihn nicht mehr sehen
kann.
Darauf der Vater:
„Mein Sohn, in also schoner Gestalt geh'n Teufel in den Waldern um,
Um frommer Leute BuB' und Heil zu storen; traue ihnen nicht!" —
Kaum ist der Vater fortgegangen, so begibt sich Rishyas-
ringa auf die Suche nach seinem vermeintlichen jungen Freunde.
Bald hat er die sohone Santa gef unden, wird von ihr auf die schwim-
mende Einsiedelei gelockt und in Lompadas Reich entfiihrt. In dem
Augenblick, wo der junge Heilige das Land erblickt, beginnt es in
Stromen zu regnen. Der Konig aber macht ihn zu seinem Schwieger-
sohn, nachdem er den alten Einsiedler durch reiche Geschenke ver-
sohnt hat. Wie beliebt dieser Schwank war, zeigt nach Winter-
nit z der Umstand, daiJ er in verschiedenen Versionen auch in Tibet,
China und Japan bekannt ist und selbst in der Einhorn-Sage des
Abendlandes Spuren hinterlassen hat. AuBerungen hochgestei^erter
Freundsohaftsgefiihle zwischen Mannern begegnen uns — ein Beispiel
fiir viele — in „Mricchakatika" (S. 88): „Zweierlei freilich ist hier
auf dieser Welt Mannern iiber alles lieb, — Freund und Weib", und
(S. 184) beabsichtigt M a i t r § y a , seinem Freunde Tscharu-
datta in den Tod zu folgen: „Mein Freund, denkst du vielleicht, ich
konnte ohne dich noch mein Dasein fristen? . . . Ich kann nun ein-
mal getrennt vom lieben Freunde nicht langer leben . . . ich will
dies Leben von mir werfen und dem lieben Freunde folgen." —
iWenn wir uns heute der Anfange einer Sexualwisfeeox-
schaft rtihmen, so konnen wir darin bereits die alten Inder als
unsre Vorlaufer begrtiJJen, die hiertiber schon eine umfangreiche
und eingehende Literatur hinterlassen haben, der gegeniiber
Ovids Ars amatoria zu einer bloBen Liebesfibel wird. —
Wenn audi nicht zeitlich, so doch inhaltlich steht an der Spitze
dieser ganzen Literaturgattung Vatsyayanas Kamasutra,
d. h. ,,Kamas Gesetz**, ein Werk, dessen Entstehen ;(swischen
das II. vorchristliche und VI. nachchristliche Jahrhuridert zu
setzen ist. Es ist kein Originalwerk, sondern das Sammelbecken
der Meinungen ,altrer Meister, ein Auszug aus zum Teil auBer-
ordentlich umfangreichen Werken seiner Vorganger. Auf alle
Falle ist es aber ein verhaltnismaBig altes Erzeugnis der
Sanskrit-Literatur und enthalt eine Ftille Stoffes, der uns auf
anderm Wege nicht mehr (oder noch nicht wieder) zuganglich
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604
ist. AuJJerdem besitzen wir zu Vatsyayanas Werk noch
einen altern und wertvoUen Kommentar von Yasodhara aus
dem VII. bis VIII. nachchristlichen Jahrhundert, dessen Kennt-
nis uns Richard Schmidts f leiBige Ubersetzungskunst
gleichfalls zuganglich gemaoht hat^^). Sowohl auf die mannliche
als auch auf weibliche Homosexualitat wird in diesen Werken
Bezug genommen.
Als die gebrauchlichstc Form gleichgeschlechtlichen Verkehrs
unter Mannern gait bei den alten Indern das Auparisthaka, der
Coitus ore conficiendus, also irrumatio oder fellatio. Daus Kama-
sutra (fol. 165) bezeichnet als solche, die hauptsachlich os suum
munera vulvae verrichten lassen, trtiya prakrtit, das dritte
Geschlecht. Dieses ist von zweierlei Art, entweder vom Aus-
sehen einer Frau, si coitus oralis a viro in femina exercetur,
oder vom Aussehen eines Mannes. Diese letzteren sollen aber ihrc
Wiiasche verheimlichen und, falls sie einen Mann kapern wollen, das
Geschaft eines Masseurs betreiben. Wahrend des Massierens driicke
der Betreffende die Schenkel des G^liebten, indem er sie mit seinen
Gliedern gleichsam lunarmt. Bei vorgeschrittener Vertrautheit be-
riihre er die Verbindungsstelle der Schenkel samt der Schamgegend et
illius membrum, cum erectum esse intelligit, manu fricans excitet und
tadle ihn gleichsam mit Lacheln wegen seiner Aufgeregtheit. Wenn
er von dem Manne, obwohl dieser das Merkmal erwachter Begierde
tragt und die perverse Art des Masseurs durchschaut hat, nicht auf-
gefordert wird, das Auparisthaka auszufiihren, so schreite er von
selbst dazu: von dem Manne aber dazu aufgefordert, widerstrebe er
und nur unter Strauben willige er ein. — Die Ausfiihrung des Aktes
hat folgende acht Stufen (fol. 167), quorum confectio duplex est,
exterior et interior. Modi exteriores sunt hi : I. Penem manu
comprehensum ad labra adducens atque feriens contra os moveat ;
hie modus m e n s u s est. — II. Manu glandem oiDeriens labrisque a
latere sine dentium cooperatione premens „haec hactenus" tranquil-
lans inquiat, hie morsus lateralis est. — (fol. 168.) III. Porro
invitata labris conclusis illius partem anteriorem premens atque quasi
adducens dimittat, hie est forceps exterior. — Sequuntur modi
interiores: IV. Hie invitatus, postquam glans praeputio denu-
data est, penem paulo longius introducat usque ad glandis nodum et
ille anteriorem partem labris premens exspuat (sive emittat), hie est
forceps interior. — V. Si penis manu comprehensus sicut labrum
corripitur, osculatio est. — VI. Cuius in confectione si glans
undique linguae parte feritur atque lambitur vel si lingua in orbem
circumagitur, contactio est. — VII. Huiusmodi penem libidine
semi-introductum semel atque iterum crudeliter premat, deinde dimit-
tat, hie est suctus pomi amri. — VIII. Ad viri voluntatem penem
devoret, premat usque ad finem (donee semen ejaculetur), haec est
devoratio. — Auch bei diesen einzelnen Phasen mufi der Be-
treffende immer wieder tun, als mache er nur ungern mit, auch konnen
zur Erhohung des Genusses verliebte Schreie und ebensolche Schlage
ausgeteilt werden. — AuBer diesen Amateur- Masseurs, die Yasho-
dara (fol. 67) zu den Eunuchen rechnet, da sie weder das Wesen
des Mannes noch das des Weibes besitzen, erweisen nach dem Kama-
sutra (fol. 172) vor allem junge schongeschmuckte Sklaven ihren Herren
]ene Gunst, wenn diese namlich von kiihlem Temperament (wohl gegen
Weiber) abgelebt (man sieht, daB die Fabel von den abgelebten homo-
25) Das Kamasutra des Vatsyavana, iibers. von Rich.
Schmidt. 3. A. 1907.
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606
sexuellen Rou^s schon auf ein respektables Alter zuruckschaut), iiber-
maUig dick sind oder an Frauen keinen Gefallen finden. Y a s h o -
d a r a zitiert dazu eine Strophe, welche besagt, daB die Sklaven ver-
trauenswiirdig und schon geschmiickt sein sollen und dafi der Bart
noch nicht sprieBen darf, da letzteres fiir einen Fehler gilt. — SchlieB-
lich besorgen das aber auch gewisse Urbani, die einander befrenndet
sind, gegenseitig, (fol. 173) indem sie auf Beiderseitigen GenuB be-
dacht sind.
Je nach dem Grade ihres Verlangens begehen sie den Akt nach-
einander oder gleichzeitig inversis corporibus. — Nach S c h m i d t ^o)
soil im heutigen Indien an Stelle des Auparisthaka zumeist die
Pedikation getreten sein. — Vatsyayana nennt (fol. 128) das
Auparisthaka als besonderes Kennzeichen der Bewohner des Binnen-
landea, der Fliisse Vipar, Satadru, Iravati, Candrabagha, Vitasta
und Sindhu, wahrend die Bewohner der siidlichen Gegenden
(fol. 146) die Pedikation, sowohl beim Manne wie bei der Frau
vorzieheu sollen. Zum SchluB des Abschnittes wamt Vatsya-
yana (fol. 174, wie auch schon fol. 169) jedoch die Brahmanen,
Minister und Ratgeber der Konige davor, das Auparisthaka bei sich
ausfiihren zu lassen, da sie dadurch sonst ihren guten Ruf und
ihre Wiirde beeintrachtigen und der Makel der Schimpflichkeit, der
jener Sache anhaftet, schwer zu tifeen sei; und zwar wird die Aus-
fiihrung des Auparisthaka sowohl bei einem Manne wie bei einem
Weibe einschlieBlich der Ehefrau geriigt, denn Vasistus sagt nach
Yasodhara (zu fol. 170): „Qui in ore uxoris suae legitimae
coitum conficit, illius manes XV annos non edunt", d. h. nehmen die
gespendeten Ahnenopfer nicht an. — Auch M a n u s Gesetzbuch, d. h.
das Dharmasastra, das den Namen des Manu tragt, aber erst dem
2. bis 3. nachchristlichen Jahrhundert entstammt, gebietet nach
Schmidt'^): „Wer mit einem Manne oder mit einer Frau auf
einem Kuhwagen, im Wasser oder am Tage als Zweigeborner (Brah-
mane) geschlechtlich verkehrt, soil bekleidet ein Bad nehmen" und ein
anderes Gesetz lautet (ibid.) : „Wenn der Mann den Koitus mit einem
Manne oder bei einem Weibe anders als in der Vulva, in die Luft
(wohl coitus interruptus), im Wasser, am Tage oder auf einem Kuh-
wagen aiiffiihrt, soil er bekleidet ein Bad nehmen."
Ebenso kannten die alten Inder bereits den amor lesbicus,
wenn auch, wie fast iiberall, die Nachrichten hieriiber spar-
licher vorliegen. ' So finden wir bei Yasodhara (zu fol. 173)
eine Strophe, in der es heiBt, daB gewisse Haremsdamen, die mitein-
ander vertraut sind, wenn sie keine Manner erlangen konnen, inter
se in vulvam voluptatem ore conficiunt. — Auch Susruta kennt noch
(II, 2)82) die Tribaden: „Si uxor maritum in imo ponit atque ita coi-
tum init, filia nascitur, quae sicut vir agit. Quamvis enim muliebri
forma praedita, tamen sicut vir feminam ascendit ejusque vul-
vam sua ipsius vulva perfricat." — Vatsyayana gibt auch
(fol. 192) den Rat, daB man beim Freien ein Mannweib, d. h. ein
Madchen mit dem Aussehen eines Manncs, vermeiden soil. Auch in
dem V. Abschnitt iiber die fremden Frauen kommt Vatsyayana
noch einmal (fol. 295) auf die gegenseitige Befriedigung der Weiber
uutereinander zuriick, die die Milchschwester, Freundin oder Sklavin
nach Art eines Mannes schmdcken und ihr Verlangen stillen durcli
an Form gleiche Glieder in Gestalt von Knollen, Friichten oder kiinst-
lichen Phalli. — Eine merkwiirdige Ansicht auBert Yasodhara noch
(zu fol. 80) : „Denn so gut die Frau in der Vereinigung mit dem Manne
empfangt. ebensogut auch infolge der Vermischung mit einer andern
30) Schmidt, Licbe u. Ehe. S. 263.
81) Schmidt, Beitrage s. 53.5.
82) Schmidt, Liebe u. Ehe. S. 281.
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Frau,** so heiBt es im Susnita: „Weim Frau und Frau zur Begattung
schreiten, lassen sie gegenseitig Samen entstromen, woraus ein knochen-
loses Wesen entstelit." — Auch auf sakralem Gebiet erscheint die
Tribadie hier eine Rolle zu spielen. Denn auch in Indien gibt es
nach S c h m i d 1 33) Gebrauche, ahnlich denen der Bona Dea im alien
Rom, an denen nur Frauen teilnehmen, wahrend die Manner davon aus-
geschlossen sind. Nacklheit der Teibiehmerinnen soil dabei oftmals
ein Haupterfordernis der Feier sein.
Cber das gegenwartige Indien schreibt ein Korrespondent Molls,
dafi er gleioh am ersten Abend seiner Ankunft in Bombay eine Zu-
sammenkunft mit einem Eingeborenen hatte, der sich ihm fiir zwei
Rupien hingab. In Poona, einer Gebirgsstadt in der Nahe Bombays,
verkehrte er an einem Abend mit drei Eingeborenen. Der eine war
ein Kutscher. Er fragte ihn, ob er ihn zu einem Madchen fiihren
solle, und auf die verneinende Antwort bat er ihn zu ihm auf den
Kutschersitz zu kommen. „Obwohl wir uns kaum verstandigen konn-
ten,'* schreibt er, ,,wuBten wir beide was die Glocke geschlagen hatte.
In Madras und in anderen Teilen des siidlichen Indiens sei es nicht
anders. Wenn ich darauf ausgehe," fahrt er fort, „finde ich jeden
Abend mit Leichtigkeit einen Eingeborenen, mit dem ich fiir Geld
und gute Worte geschlechtlichen Umgang haben kann."
Zahlreiche Bericihte tiber die Verbreitung der Homosexuali-
tat erhielt ich aus Niederlandisch-Indien. HolUndische
Urninge suchen sich dort namlich mit Vorliebe als Beamte,
Kaufleute und Arzte einen Wirkungskreis, und viele von ihnen
kamen auf ihren europaischen Urlaubsreisen zu mir und machten
mir Mitteilungen, die durch Literaturangaben von Forschungs-
reisenden wertvoU erganzt warden.
Erst vor kurzem hielt sich ein hollandischer Forstbeamter in
Berlin auf, der im Verlauf eines mehr als 15 jahrigen Aufenthalts
dortselbst mit iiber 100 Sundanesen, Javanesen una Maduresen in
sexuellen Verkehr getreten war. Einen ganz reinen Fall von a u s -
schlieBlicher Homosexualitat will er unter den Eingeborenen aller-
dings nur ein einziges Mai beobachtet haben, namlich in Pali (Mittel-
Java), wo ein verh^irateter Javane mittleren Alters unzertrennlich mit
einem jiingeren, jetzt 25 jahrigen Landsmann zusammen lebt, ohne
jemals sein Weib beriihrt zu haben. Sonst hatten die Javaner, mit
denen er Umgang gepflogen, ihm immer geantwortet, daB sie mit
beiden Geschlechtern verkehrten, sie hielten den homosexuellen Ver-
kehr fiir harmlos und weniger gefahrlich (hinsichtlich Ansteckung),
„es mache ihnen Vergniigen, und sie bekamen noch Geld dazu, was
konnten sie mehr verlangen". Die jiingeren Leute, sagte mir dieser
Gewahrsmann, seien, bis sie verheiratet sind und Kinder haben, ohne
Ausnahme zuganglich, allerdings nicht jedem Fremden, sondem nur
denen, die sie kennen imd die ihre Sprache verstehen. Fast allgemein
zur sexuellen Verfiigung gegen Lohn standen die jiingeren Kutscher,
auch viele altere, namentlich die der Mietkutschen in groBeren Stadten.
Da man mit dem Kutscher Seite an Seite oder Riicken an Riicken
in engem Kontakt saCe, steigerte sich die Korperberiihrung ganz all-
mahlich zu intimeren Akten. Drei Einrichtungen sind es, die auf den
zahlreicheu Inselgmppen zwischen Asien und Australien dem Leben
der Homosexuellen inren besonderen Stempel aufdriicken, wenn auch
nicht in gleichmaBiger Verbreitung : die Tanzjungen, in At jeh an
der Nordkuste von Sumatra „sedatti" genannt ; die gemeinschaftlichen
33) Schmidt, Liebe und Ehe. S. 17.
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Schlafhauser der unverheirateten jungen Manner vom Tage ihrer
Beschneidung (8. — 12. Lebensjahr) bis zu ihrer EheschlieBung und
die Mannerbiinde. In den Mannerhausern iiberuachten auch die
Fremden des Orts, und soUen geschlechtliche Handlungen zwischen
diesen und den Insassen, sowie der zusammenwohnenden Jiinglinge
unt^reinander sehr gewohnlich sein. Auch in den muhammedanischen
Priesterschulen, den „santri", in denen junge Leute vom 12. — 22.
Jahre zusammenschlafen, soil mutuelle Masturbation ein alltagliches
Oder wobl richtiger allnachtliches Vorkommnis sein. Als Zeichen eines
Knabenbauses findet man iiber der Tiir vielfach eine holzerne Figur
angebracht, die einen Mann darstellt, der mit beiden Handen sein in
Erektion befindliches Glied umfaBt halt. Auch die Tiiren selbst
zeigen eingeschnitzt ahnliche Bilder. Ich erhielt vor einiger Zeit
aus Niederlandisch-Neu- Guinea von einem Urning solche Holzfigur
und Tiir eines Mannerhauses, deren Entfernung neuerdings die
europaischen Regierungen angeordnet haben, iib^rsandt und ver-
leibte sie ebenso wie die Photographien javanischer Tanzknaben
unserer sexo-ethnographischen Sammlung ein. In seinem Buche „Aijeh
en de Atiehers" (1877, p. 63) schreibt Kruigt iiber diese Tanz-
knaben : „Bei den Atjeh (NW.) s*) erheitern Knaben von 9 — 12 Jahren,
die Sedattis, meist von Nias eingefiihrt, teils in Seide gekleidet und
mit goldenen und silbernen Hand- und FuBspangen geziert, die Manner-
welt am Abend und wahrend der Nacht durch Gesang und Tanz.
Den meisten Oberhauptern gehoren einige dieser Sedattis als person-
liches Eigentum, sie liefern aber gewohnlich ein Paar davon an die
Bevdlkerung ihrer abgelegenen Pflanzungen zu deren Vergniigen. Die
zur Bewachung dort zuruckgebliebenen Leute ergeben sich, ohne
Frauen, mit den jungen Tanzknaben geschlechtlichem Verkehr. Nach
J a c o b s 3^) soil in Atjeh Paderastie nicht verbreiteter sein als in
jedem anderen, auch europaischen Gemeinwesen. Ebenso ist Tribadie
nach demselben Gewahrsmann unter den alteren Madchen und Frauen
keinc Seltenheit, jedoch auch nicht haufiger als anderswo. Die Gan-
drungs ^6) von Bali (Ost-Java) sind gleich den at jehischen Sedatti
Enaben im Alter von 10 — 12 Jahren, die als Madchen verkleidet
Tanze auffiihren. Ihre Kleidung besteht aus einem prachtigen Sarong
mit dem um die Hiiften geschlungenen Salendang, dessen Enden frei
herabhangen. Dazu kommt noch ein hochaufgelMiuter, reichverzierter
Kopfschmuck und bisweilen prachtige Armbander und ein Facher.
Manner aller Stande und Rangstufen der balinesischen Gesellschaft
huldigen ihnen und fiihren mit ihnen Tanze auf. Tribadie soil nach
Jacobs dort beinah in gleichem MaBe, doch heimlicher mit Hilfe
von Pisangfriichten, wachsernen Instrumenten oder bloB Finger und
Zunge betrieben werden. Auch besitzt der balinesische Sprachschatz
Worte fiir Frauen in Mannskleidern, wie fiir als Manner gekleidete
Tempeldienerinnen. — Wahrend auf Bali paderastischer Liebesbefrie-
digung kein Hindernis im Wege steht, soil auf dem benachbarten
Lombok Paderastie sowie das Auftreten von Gandrungs streng ver-
boten gewesen sein.
Die Bewegungen, welche die vielfach weiUgeschminkten Tanz-
jungen, die javanisch auch „selawaddan" heiUen, mit den Fingern,
Hand- und Armgelenken ausfiihren, sollen, wie mir mein Gewahrs-
mann berichtet, sehr feminin sein. Ubrigens tragen sich bei den
Maduresen, wie auch sonst vielfach in Niederlandisch-Indien, Manner
und Frauen voUkommen gleich. Nur tragen die Frauen niemals Kopf-
bedeckung, so daO der Verkleidungstrieb transvestitischer Manner sich
3*) I. A. Kruigt, Atjeh en de Atjehers, 1877, p. 63.
35) Jul. Jacobs, Familie- en Kampongleven op Gr. Atjeh,
1894, I, 80 ff.
3«) Jul. Jacobs, Eenigen Tijd onder de Baliers, 1883, p. 13 f.
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608
auch HUT auf die Barhauptigkeit erstreckt. Wenn sich auf Java
Prinzen oder Regenten eine BsSlettruppe halten, so besteht diese nicht
selten zumeist aus Jiinglingen in Frauengewandern. — Bei den Ma-
laien in Ost-Java^?) kennt man mannliche und weibliche Personen
mit von Kindheit an bestehenden kontrarsexuellen Neigungen, welche
sich in jeder Lebensrichtung auBern. Sie fuhren in beiden Ge-
sciilechtern die Bezeichnung Wandu. Ihre geschlechtliche Befriedi-
fung soil durch bloBe Beriihrung herbeigefiihrt werden. — Auf der
leinen Insel Madura an der javanischen Nordkiiste wird die Pad-
erastie offentlich gepflegt, ohne daB irgend etwas Tadelnswertes darin
erblickt wird, sogar Kriminalfalle rasender Eifersucht sind daselbst
nicht selten 8^).
Hinsichtilch B o r n e o s hatte schon 1846 H u p e 3^) hervorge-
hoben, dali bei den Dajaks die Paderastie allgemein sei, und daiJ man
solchen Menschen noch eine besondre Achtung bekundete. Eine ge-
schlossene und hochgeehrte Paderastengesellschaf t bilden die B a s i r s,
die sich den Bilians, den Pries terinnen, anschlieCen, sich wie diese
kleiden und mit ihren kraftigen Stimmen einen Sangerchor bilden,
auch dienen sie als Arzte, Wahrsager und Zauberer und lassen sich
von den Mannern zu gleichen Zwecken wie die Priesterinnen ge-
brauchen. Auch nach Hardelands*^) Versicherung sind die Basire
als Weiber gekleidet, sie werden bei Gotzenfesten und zu sodomitischen
Praktiken gebraucht, manche sind formlich an andre Manner ver-
heiratet. Desgleichen versichert Perelaer a^), gleichgeschlechtlichen
Verkehr treffe man bei den Dajaks in alien Standen unter beiden
Geschlechtern an, imd er eei in ihren Sitten so tief eingewurzeit,
daU man annehmen konne, es gabe nur wenig Manner, welche sich
seiner nicht schuldig gemacht hatten. Er kommt auch in der Reli-
gion zmn Ausdruck, indem sich die Dajaks das Jenseits eben so von
Bilians (Tempeldirnen), ahnlich den muhammedanischen Huris, wie
von Basirs als dajakischen Gan}Tneden bevolkert denken. Auch die
Manangbali der See-Da jaks kleiden sich nach Ling-Roth *2) als
Weiber und lassen sich als solche behandeln. Wenn es ihnen gelingt,
einen jungen Mann zu bereden, die Nacht bei ihnen zu schlafen, ent-
lassen sie ihn bei Tagesanbruch mit einem Geschenk und prahlen
mit ihrer Eroberung. Wenn es die Vermogensverhaltnisse eines Ma-
nangs irgend gestatten, nehme er sich einen Ehemann, um seine an-
genommene Wiirde als Weib noch vollstandiger auszugestalten, zeige
sich auch alsdann sehr eifersiichtig. Der Manangbali ist stets eine
Person von groBem EinfloB, nicht selten bringt er es zum Dorfvor-
stand, auch fungiert er haufig als Friedensrichter, so daB er bei den
See-Dajaks geradezu als Staats- bzw. Stammeseinrichtung besteht.
B r o o k € *3) erzahlt, daB auf Celebes unter den Bugis manche
planner ihr Leben hindurch als Frauen und manche Frauen als
Manner gekleidet gingen und auch den Beschaftigungen und Pflichten
der angenommenen Geschlechter sich unterzogen. Dazu geeignete
Knaben werden haufig den Rajahs als Geschenk angeboten und er-
langen oft groBen EinfluB auf ihren Herrn. — Auch unter den Bugis
37) Cf. C. M e m s e , Handbuch der Tropenkrankheiten, Bd. I,
1905, p. 210.
38) Cf. Bijdragen tot de taaland en volkenkunde van Nederland-
sche Indie, 1889, p. 380.
89^ In Tijdschrift v. Neerlands-Indie. 1816, S. 127.
*0) A. liar de land, Dajakisch-Deutsch. Worterbuch. 1895.
*i) M. T. H. Perelaer, Enthnogr. Beschrijving d. Dajaks. 1870.
p. 32 ff.
*2) H. Ling- Roth, The Natives of Sarawak. 1896. I, 270.
*3) Cf. R. M u n d y , Narrative of events in Borneo and Celebes.
1848. I, 01 und 82.
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609
an der Ostkiiste von Borneo gab es effeminierte Manner, Tjolebei
genannt*^), die sine besondere Neignng fur schone wohlgebaute Jiing-
linge verrieten und diese mit LielSosungen zu iiberscLutten ver-
sucliten, nicht selten jedoch auch Objekte aller moglichen Prellereien
wurden. AuBer diesen Tjelebei kennen die Makassaren und Buginesen
noch einen besondern aus Paderasten bestehenden Stand, die Bissus *^),
die audi als Priester und Zauberer fungieren.
Tahiti besaB nach Wilson*') eine Klasse von Mannern,
welche sich wie Weiber kleideten, weibliche Beschaftigungen trieben,
denselben Gesetzen unterworfen waren wie die Weiber und gleich
diesen die Gunst der Manner zu gewinnen strebten; sie zogen dabei
diejenigen alien andern vor, welche mit ihnen zusammen lebten und
auoh ihrerseits allem Umgang mit Weibern entsagten. Solche Manner
hiefien Mahhous. Sie erwahlten die angedeutete Lebensweise bereits
in friiher Jueend und wurden vorzugsweise von den vornehmsten An-
fiihrern begehrt und unterhalten. Auch von den Weibern wurden
diese Menschen nicht verachtet, sondern beide lebten miteinander
in Freundschaf t. E 1 1 i s *8) fiigt hinzu, daB dieser Branch nicht
nur die Sanktion der Priester fand, sondern sogar auf das vorbild-
liche Beispiel einer Gottheit zuriickgefiihrt wurde.
Auf den Sandwichs-Inseln sollen nach Bastian*^) Falle
von wahrer Leidenschaft und Liebe unter den Mannern nicht zu den
Seltenheiten gehoren. Als starkster Beweis der Freundschaft gilt
der Namenstausch *°). Umarmungen mit Nasenberiihrung ist die leiden-
schaftlichste Art der BegriiBung. Mehrfach wird von leidenschaft-
liclien, sogar eifersiichtigen Freundschaften zwischen Personen mann-
lichen Geschlechtes berichtet ^i), von Freundschaften, die zwischen
Angehorigen derselben Insel oder verschiedener Inseln, deren Be-
wohner, auch wenn sie miteinander in Feindschaft lebten, doch diesen
Freundschaften keine Hindernisse bereiteten, oder sogar zwischen Ein-
feborenen und Personen fremder Rassen geschlossen werden. Solche
reunde waren einander tayo. Dagegen beruht nach K a r s c h der von
U 1 r i c h s ^2) angeblich aus D u m o n t d'U r v i 1 1 e entlehnte Bericht
iiber formlich priesterlich eingesegnete urnische Liebesbiinde auf einem
Irrtum. D'Urville berichtet nichts davon. Auf den Fidschi-Inseln
finden*^) pedikatorische Akte bei der Beschneidungsfeier der Jiing-
linge statt. Auch existieren unter den jungen Leuten dort Waffen-
biindnisse intimer Art wie zwischen Verheirateten, die beim Ein-
gehen einer wirklichen Ehe gelost werden. Bei solchem kriegerischen
Liebesverhaltnis endet nicht selten nach dem Fall des einen auch
der andere durch Selbstmord. — Nach B. See-mann^*) hat auch jeder
nichtmilitarische Fidschianer seinen Busenfreund, an den er sich durch
die starksten Bande leidenschaftlicher Zuneigung gefesselt fiihlt.
Lesbische Liebe soil bei den obszonen Frauentanzen der Puber-
tatsweihen junger Madchen der Tami-Insulaner an der Ostkiiste Neu-
**) Cf. Indisch Archief. 1850. p. 442.
*5) Cf. Verhandeling. d. Kon. Akademie v. Wetenschapp. 1872.
*') J. Wilson, A. Missionary Voyage to the Southern Pacific
Ocean, 1799, p. 311 f.
*«) W. Ellis, Polynesian Researches, 1834/35, I, 340.
*9) A. B a s t i a n , Z. Kenntnis Hawaiis. 1883. p. 35.
50) I. Jarves, History of the Hawaiian Islands. 1813. p. 90.
51) D u m o n t d'U r v i 1 1 e , Voyage au Pole Sud. 1840/46. IV, 343.
52) K. Ulrichs, Memnon. 1868. p. 97.
^3) Thom. Williams, Fiji and the Fijians. 1860. I, 45.
5*) Berth. Seemann, Viti. Cambridge 1862. p. 192.
Hirschfeld, Homosexualitftt. 39
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610
Guineas vorkommcn. ^'O — Yon den Neuen Hebridcn erzahlt Som-
m e r V i J 1 e ^6) von einer alten „Lady", die als Hauptlingswitwe un-
abhangig gelebt, bei den religiosen Tanzen sicli das Gesicht wie ein
Mann beraalt und mit den besten Tanzern getanzt habe.
In Neu-Caledonien herrsclit nach dem Marinechirurg V. d c R o -
c h a s •'•■) ein „graBliches iinqiialifizierbares Laster". Foley •'•5) l)e-
riclitet,. dat^ Paderastie dort Volkssitte sei. Die Manner stelien unter-
einander in einer mit Paderastie eng verflochtenen, vielleicht auf ihr
beruhenden Waffenbriiderschaft, die sich eines starken Konkurrenz-
neides seitens der weiblichen Buhlerinnen erfreut.
Sehr haufig soli, wie mir mitgeteilt wird, die weibliche Homo-
sex iialit^t aui den hollandischen Antillen, besonders in Cura9ao imter
den Mischlingen (Hollandern, Spaniern und Negern) sein. Es gibt
dorfc viele Frauen, die zu zweit zusammen leben. Natiirlich besteht
auf alien diesen Inseln, wie sonst iiberall, die liebliche Gewohnheit,
daO ein Volk von einem andern behauptet, daB erst durch sie die
gleichgeschlechtliche Liebe eingeschleppt worden sei. Auf Java wer-
den bald die Europaer, bald die Araber, von denen es einige Tausende
als Kaufleute auf der Insel gibt, bald die Chinesen von einheimischen
und reisenden Heterosexuellen dafiir verantwortlich gemacht. Zu
dieser irrtiimlichen Auffassung tragt viel die Beobachtung bei, daC
haufig Personen verschiedener Rassen, die sich gesellschaftlich fremd
gegeniiberstehen, geschlechtlich miteinander verkehren. So gibt es
in Meester Cornelis bei Batavia einen besonderen Strich, auf dem sich
europaische Soldaten mit Javanern abgeben. Namentlich von den
chinesischen Arbeitern, die nach Sumatra, Banka und Biliton kom-
men, wird ahnlich wie in Nordamerika behauptet, daB sie fast alle
Pedikation pflegen. Als Ursache wird das Fehlen von Frauen ange-
nommen, die bekanntlich nicht aus Asien mitgenommen werden. Oft
halt sich iibrigens eine chinesische Kongsie (Arbeitsgruppe) eine iava-
nische Frau zum gemeinsamen Gebrauch. Auch die Angabe von Ant.
de M org a 60), daB auf den Philippinen der Homosexuellen-Yerkehr,
der auch unter den Frauen dort ziemlich haufig vorkommen soil,
erst durch die Spanier und vor allem durch die Chinesen eingefiihrt
sein soil, muB mit Recht bezweifelt werden.
Die mongolischen Volker, namentlich die Chinesen, teilen
mit zahlreichen Nationen das Geschick, von den vielen, die
den Splitter im Auge des anderen eher sehen, als den Balken
im eigenen, als besonders der Paderastie ergeben geschildert zu
werden, schon die altesten Reiseschriftsteller erzahlen geheimnis-
voU, daO bei ihnen „die Stinde, die man nicht nennen darf**, „das
Laster der Asiaten*', slark im Schwange sei. Auch hier hat
erst die neuere Forschung, und zwar nicht sowohl die rein ethno-
logische als die sexualwissenschaftliche mehr Licht gebracht.
Eine der ersten zuverlassigen Arbeiten erschien im Jahrbuch
fiir sexuelle Zwischenstufen unter dem Titel ^i) : Nan shok, die Pad-
erastie in Japan, von meinem Freunde, dem friiheren Lektor in Berlin,
^5) Cf. Zeitschrift f. Ethnologic Jahrg. 34. 1902. p. 333.
S6) Im Journal of the anthropol. Institutd of Gr.-Brit. XXIII. 1871.
^7) Victor de Rochas, La Nouvelle Caledonie 1862.
s^) Im Bullet, de la Soci^t^ d'anthropologie de Paris. Ser. 3,
tom. II. 1879. p. 604 u. 675.
«o) Ant. de Morga, The Philippine Islands. Transl. b\' Stanle\',
1868, p. 304.
61) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IV. p. 264 ff.
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611
Sujewo Iwaya; es folgte im nachsten Bande ein kurzer Artikel
liber dio Ainofrauen^^). Kurze Zeit darauf erhielt ich eine wertvoUe
Studie eines homosexuellen Diplomaten, der 10 Jahre iu Japan lebte ;
sie ist bei K r a u B ^s) veroffentlicht. Dann kam das Werk von
K a r 8 c b s*) iiber das gleichgeschlechtliche Leben der Ostasiaten, ge-
stiitzt auf zahbreiche Literaturqaellen. Alle authentischen Forschun-
gen bcstatigen, was nach dem gegenwartigen Stande der Wissenscbaft
theoretisch vorausgesetzt werden konnte: alle Arten gleichgeschleclit-
licher Beziehungen, nahezu dieselben Orte homosexueller Betatigung
wie in Europa; das gleiche Schauspiel von Angebot una
Nacbfrage in den Anlagen von Tokio und Yokohama, Tien-
tsin und Peking, wie im Zentralpark von New York und im
Tiergarten von Berlin. Die Unterschiede von Kasse, Sprache und
Tracht erscheinen fast geringfiigig gegeniiber dem gemeinsam Typi-
schen. Mit demselben Rechte, wie eines der beliebtesten Lokale
der Berliner mannlichen Halbwelt den stolzen Namen Mikado fiihrt,
konnte sich ein von Homosexuellen frequentiertes Teehaus der japa-
nischen Hauptstadt nach irgendeinem europaischen Herrscliertitel
beuennen. Es wird behauptet*^), daB in Japan die Mannerliebe
mehr im Siiden, besonders in dem durch die Tapferkeit
seiner Bewohner beriihmten Satsuma, in China mehr im Norden, nach
anderen mehr an der Ostkiiste in und imi Shanghai und Hongkong zu
Hause sei , ich glaube aber, daB alle diese Angaben iiber ein ortliches
Plus Oder Minus mit groBter Vorsicht aufzunehmen sind, ebenso wie
die der Nachpriifung sehr bediirftigen Angaben, daB es einige Stande
seien — man nennt vor allem die Bonzen, Mandarinen und Militar-
personeJi — die hauptsachlich homosexuellen Verkehr pflegten. Es
ist nicht nur per analogiam klar, sondern wird auch durch eingehen-
dere Forschungen bestatigt, daB, wie anders\<ro, so auch in China
alle Gesellschaftsklassen, vom Sohn des Himmels oder wenigstens
seiner Familie herab bis zum geringsten Kuli, von Homosexualitat
durchsetzt sind, ohne daB die Sache selbst oder die ihr Anhangenden
auch nur der geringsten MiBachtung ausgesetzt waren. Sie wird im
allgemeinen als sozial vollkommen gleichberechtigtes Institut neben
der heterosexuellen legitimen oder illegitimen Liebe angesehen. „Ich
werde dich pedicieren^ gilt hier wie auch im klassischen Altertum ^6)
als mehr oder minder scherzhafte Drohung.
Unter den Kaisern zahlt K a r s c h aus der Zeit vom 3. vor-
christlichen bis zum 19. nachchristlichen Jahrhundert nicht weniger
als ein reichliches Dutzend auf, die der gleichgeschlechtlichen Liebe
ergeben wareii. Den Beginn macht ein ungenannter Kaiser der Han-
Dynastie (206 a. Chr. bis 263 p. Chr.), der von einem seiner Minister
sich vollig beherrschen lieB. Nach M a t i g n o n «^) bildet diese
Notiz die erste literarische Erwahnung der Paderastie in China. —
Kaiser G a i t i (7. Jahrh. a. Chr.) hatte bestandig einen jungen Mann von
schoner Figur urn sich, welchen er zu den hochsten Stellen erhob,
so daB dieser bald der eigentliche Kaiser war, ja er woUte ihm so-
62) Jahrbuch f. sex. Zw. V, 2. p. 240 f.: Der Bart der Ainofrauen
von W. Cohn-Antenorid.
63) Das Geschlechtsleben in Glauben, Sitte und Branch der .Fapaiior
von Dr. Friedrich S. KrauB. Leipzig 1907. p. 81 ff. „I)ie VtMbrei-
tung der Paderastie in Japan. Eine Studie von Doriphorus-
Tokio.**
64) Das gleichgeschlechtliche Leben der Ostasiaten, Miinchen.
6^) Cf. Iwaya, 1. c.
66) Cf. Catullus, c. 16: pedicabo ego vos et irrumabo.
67) J. J. M a t i g n o n , Superstition, crime et mis^re en Chine.
3. ^d. 1902. p. 194.
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612
gar, wio einst J a o dem S c h u n (2225 a. Chr.), den Thron abtreten.
— Die Kaiser Hoti (89—106 p. Chr.), Schunti (126—145) und
H u e n t i (147 — 168) wahlteii ihre Lieblinge vorzugsweise aus den
Kreisen der Verschnittenen, wahrend Kaiser 1 1 s o n g (gest. 873 p.
Chr.) den seinigen vom Stallknecht zu hohen Ehren erhob und
Tschoangtsang (924 — 936) und Hoeitsong (11. Jahrhundert)
mehr den Schauspielerstand bevorzugten. Kaiser Tschinghoa (1466
bis 1488) schenkte seine Gunst wieder einem Verschnittenen, wah-
rend Kaiser Tschienlung (18. Jahrhundert) seinen Liebling C h e -
S c ii e n g , einen Mandschu niedern Standes, zum ersten Minister
beforderte. — Sein Sohn, Kaiser K i a - k i n g (1795 — 1821), liebte
wieder vorzugsweise Schauspieler und soil die Paderastie besonders
in der Nordprovinz Petschili begiinstigt haben. — Die Institution
kaiserlicher Beischlafer soil sogar bis in die neueste Zeit unter staat-
licher Sanktion und kultusministerieller Aufsicht in einem besonderen
Palast^ bestanden haben.
Uber gleichgeschlechtlichen Verkehr unter den Bonzen wird schon
aus dem 9. nachchristlichen Jahrhundert berichtet und derselbe auf
Weibermangel zuriickgefiihrt. Die hoheren Beam ten (Mandariuen)
pflegen sich stets von ihrem Pfeifentrager bcgleiten zu lassen, dem
nicht selten auch die Rolle des Lieblings zufallt. Diesem Gebraucli
sollen ganz besonders die Beamten der chinesischen Sittenpolizei hul-
digen. Der Chinese bezeichnet seinen Liebling als Kindlein, Briider-
chen, Katzchen, scherzhait wohl auch als Rauberjunge. Die Objekte
gleichgeschlechtlicher Neigungen rekrutieren sich im allgemeinen aus
zwei, allerdings wohl kaum scharf getrennten Schichten, den Sian-
K6n, d. h. jungen Herren, mondanen Professionells, die von Jugend
auf durch korperliche und geistige Erziehung durch einen Tschaka-
eul (Manager) auf ihren spateren Beruf vorbereitet werden, in dem-
selben je nach Veranlagung eine mehr oder minder glanzende Rolle
spieJeu und nicht selten unter Protektion ihrer Liebhaber auch ihre
amtlichc oder private Karriere machen, und der allgemein zugang-
lichen Gelegenheitsprostitution, die ihrem Gewerbe in Bordells mit
einem Tarife von 1 — 4 Mk., Rasierstuben, Gasthausern, Theatern und
auf den Kanalbooten nachgeht.
Der Schauspielerstand soil sowohl zur ersten, wie zur zweiten
Klasse ein ganz besonders starkes Kontingent stellen, wozu noch be-
merkt Werden mag, dafi auf der chinesischen Biihne, wie auf der
antiken und mittelalterlichen des Abendlandes, auch die Frauenrollen
von jiingeren mannlichen Personen (oder Eunuchen) dargestellt wur-
den. Hieriiber gibt Henri Borel folgende Schilderung: ,, Besonders
10 r den Kiinstler, welcher die Konigstochter Han-Lee Hoa darstellte.
habe ich sehr groBe Bewunderung. Diese Han-Lee Hoa war gar keino
Frau, es wai* ein Mann, der diese ErauenroUe spielte. Als ein chine-
sischer Freund, mit welchem ich der Vorstellung beiwohnte, mir
sfigte, daii in Amoy niemals Frauen in TheaterroUen auftreten, und
dai3 diese Han-Lee Hoa in der Tat ein Mann sei, wollte ich es ihm
nicht glauben. Ich habe absichtlich in meiner obigen Beschreibung
. betont, wie geschmeidig und fein weiblich der Korper Han-Lee Hoa^
war, und wie alle ihre Bewegungen jenes Innig-Zarte, Sanfte und
Ruhige hatten, welches nur manche Frauen und niemals Manner be-
siizen. Auch war ihr Korper sehr zart und geschmeidig, beinahe gleicli
einem Blumenstengel, so schlank und zart vom Boden sich erhebend
und in ihren Augen war wundersames Licht. . . . Wie er so absolut
erhaben diese FrauenroUe spielen konnte, wird fiir mich stets ein
Riitsel bleiben, das sich vielleicht nur durch die Annalmae losen laBt,
daB dieser einfache Chinese, seiner GroBe sich gar nicht bewuBt,
in der Stunde, wo er auf der Biihne auftritt, ein begnadeter Kiinstler
ist, einer jener Kiinstler, die immer verborgen bleiben und keinen
Namen hinterlassen, an die aber derjenige, der so gliicklich war, ihnen
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eimnal zu begegnen, sein Leben lang mit dankbarer Bewunderung
denkt. Dieser Schauspieler ist denn auch der erste unter der Truppe.
Er ist speziell fiir die Darstellung erster Frauenxollen erzogen, kann
aber aucb Manner- Heldenrollen spielen." ^s)
Die Bordellbesitzer soUen nicht selten ihre mannlichen Schutz-
befohlenen zahlungsfahigen Reflektanten zu Gastereien ausieihen. Denn
der bessere manmiche Prostituierte pflegt sich in China vor seineu
weiblichen Genossinnen durch groBere geistige Ausbildung \md Reg-
sarakeit zu seinem Vorteil zu unterscheiden. So geschieht es in
Xord-China, der Provinz Petschili mit Peking, der Hauptstadt,' und
Tientsin, dem chinesischen Sodom, so unter den mittleren Breiten in
Shanghai und Sutschau, der groJ3en Seidenstadt, von der auch ^n
dieser Beziehung das chinesische Sprichwort gelten soil: .,Oben ist
der Himmel. hier unten aber ist Sutschau.", so auch in den siidlichen
Provinzen in Fokien und Kuangtung (Kanton). — Aber auch in der
Fremde vermag der Chinese diese Neigungen nicht zu verleugnen, sei
es als Bergwerksarbeiter in Hollandisch-Indien, sei es als Kuli in den
Pflanzungen Javas und Sumatras oder in den kalifornischen Chinesen-
stadten. \
DaB eine so alte und so weit verbreitete Sitte auch in der Lite-
ratur und Dichtung ihren Niederschiag finden muBte, ist ohne weiteres
anzunehmen. Nur zwei Proben lyrischer Gedichte als Beispiele vieler.
Fei-tschang dichtet :
Donk" ich traurig, dafi ich meinen Schatz nicht sehen soil,
Auf den roten Treppensteinen steh* ich kummervoll.
"Wenn der Vorhang sich beweget, hoff ich, er sei da,
Und wenn sich der Donner reget, daC sein Wagen nah.
Ach, im Norden sind die Frauen alle wunderschon,
Und es mogen wohl die Schlauen ihm den Kopf verdrehn.
Und Kaiser Hou-tschou (583—588):
Es weilt jetzt mein Geliebter im Staate Yen im Nord,
Drum schweift von der Wei-fluB-Buche. mein Blick in die Feme fort.
Stets heft'ger wird mein Kummer beim hellen Mondenlicht,
Wenn auch vor der Briider Blicken der Tranenquell versiegt.
Iclx kann dem Geliebten nicht kiinden, wie weh es mir ums Herz,
Den Saiten meiner Zither vertrau ich meinen Schmerz.
Wenn F o r k e ^^) hierzu bemerkt (S. XIII) : — „Ein eigentiimlicher
Zug der chinesischen Lyrik ist, dafi in den meisten Gedichten die
reciende Person eine Frau (?) ist und die ganze Situation vom weib-
lichen Standpunkt aus beschrieben wird. Vielleicht gestattot die
chinesische Sitte, welche Liebesverhaltnisse im europaischen Sinne fast
ganz ausschlieDt, dem Manne nicht, seine Gefiihle offen zur Schau
zu tragen, und notigt ihn, sie seiner Geliebten zuzuschreiben", — so er-
scheint diese Erklarung insofern nicht stichhaltig, als sich hinliing-
lioh genug Gedichte finden, deren Verfasser ohne Scheu ihre Gefiihle
fiir die Geliebte zum Ausdruck bringen. Viel einleuchtender wird
jedem nicht Voreingenommenen die Erklarung erscheinen, dal3 os sich
in den genannten Liedern um Bekundungen stark gesteigerter Fround-
scliaft oder direkt gleichgeschlechtlichen Liebesgefiihles handelt, dcssen
Darlegung F o r k e mit seiner gewundenen Ausfiihrung anschcinend
aus dem Wege gehen wollte. Auf jeden Fall erscheint eine eingehende
Xachpriifung der Originaltexte von seiten sexualwissenschaftlich nicht
ganz unerfahrener Sinologen unbedingt geboten.
^'^) Henri Borel, AVeishoit u. Schonhoit aus China. Deutsch
V. E. Kcller-Soden. 1898. p. 181.
^^) Bliiten chinesischer Dichtung v. 11. Jahrhundert an bis
VI. Jahrhundert p. Chr. libersetzt von A. Forke 1898.
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A Is Dichter, der die gleichgeschlechtliche Liebe ganz besonders
feierte, nennt Karscli Li-Tai-Pu (699 — 762), der unter den
Dichterii seiner (der Tang-) Zeit unbestritten die erste Stelle ein-
nalini und auch noch heute in aller Miinde ist. Er besang nicht nur
die Liebe. sondern auch den Wein und ist in dieser Hinsicht am besten
mit dem 6 Jahrhunderte spater lebenden Perser Hafis zu vergleicben.
742 kam der Dichter an den glanzenden Hof des kunstliebenden Kaisers
M i n g - H o a n g (7] 2 — 762), (bei F o r k e : H s U a n - T s u n g). wo sich
zwischen Dicliter und Kaiser ein Freundschaftsverhaltnis entspann,
das in den Annalen der chinesischen Geschichte vvohl einzig dastehen
diirfte. Der Kaiser ging in seiner Zuvorkommenheit gegen den Dichter
so weit. dai*. er ihm einmal hochst eigenhandig das Mahl serviert haben
soil. Doch wurde der Dichter durch Intriguen von des Kaisers Fa-
voritin, die er durch satirische Anspielungen verletzt hatte, gestiirzt
und starb nach einem genialen Wanderleben 762. Unter den von
F o r k e iibersetzten Gedichten finden sich zwei, ,,Die Kameraden" und
,.Das Geleit" (S. 129), die die Mannerfreundschaft preisen. Das
letzte Gedicht teilt auch K a r s c h mit. Andre sind von C. H.
PM o r e n z ^^) iibersetzt. — Bemerkt sei noch, da6 Li-Tai-Pu ein-
mal das Freundespaar Pau-schu und K u a n - y i erwahnt, die
Forke (S. 135) den Hellenen Damon und Phintias vergleicht.
Kong-fu-tse (551 — 478 a. Chr.), der Begriinder der chine-
sisclien Morallehre, nimmt der Gleichgeschlechtlichkeit gegeniiber
lediglich einen prophylaktischon 8tandpunkt ein, indem er die Jugend
vor einem derartigen Verkehr warnt: j.^Ieidet einen inversen Mann,
aber ohne daU es aussieht, als ob ihr ihn miedet ; denn das vviirde ihn
in einen euch gefahrlichcn Feind verwandeln**. Ferner wird auch den
Knaben von der Teilnahme an Gastmiihlern und dem Besuch von Schau-
spielhausern abgeraten. Ln XVIL Jahrhundert schreibt Xavarrete
(1, 13) von einer Bestrafung der Pedikation durch Verurteilung zur
Dienstleistung in den Militargarnisonen an der GroBen Mauer, also durch
disziplinare Strafversetzung ; aber wenn alle, so meint er resigniert,
die diesem Laster huldigen, bestraft wiirden, so miifite China ent-
volkert werden und die GroBe Mauer eine ungeheure Garnison er-
halten.
Gleichgeschlechtliche Befriedigung wird nach G. Schlegel
(18('>6) von den chinesischen Frauen, besonders in den Siidprovinzen,
mit instrumentaler Beihilfe gepflegt. Ehescheu, vielleicht aus gleich-
goschlecht lichen Griinden, soil viele Cliinesinnen in die taotistischen
luid buddhistischen Nonnenkloster fiihren, nicht selten aber auch zum
Solbstniord treiben oder. wie de Joux^') mitteilt, dazu veranlassen,
ihren Mann aus der Welt zu schaffen, um in ruhiger "VVeibergemein-
schaft leben zu konnen. In der Provinz Kanton existiert nach den Mit-
teilungen von B r a n d t s "'-) ein Weiberlnmd, ,.Die goldne Orchideen-
gesellschaft*', deren Mitglieder. falls sie sich verohelichen, verpflichtet
sind. bei- ihren Eltern zu leben imd ihren Mann nur zu Neujahr und
an den Quartalsfesten zu besuchen. — Von starker Virilitat bei Chine-
sinnen wird mehrfach berichtet. Als Beispiel sei die chinesische Jung-
frau von Orleans M u - 1 a n angefiihrt, die als Stellvertreterin ihres
altersschwachen Vaters und unmiindigen Bruders 12 Jahre Kriegs-
dienste tat. Als sie die Kriegsgewandung ablegte, sprachen die Kampf-
gefahrten:
,.Zwolf Jahre waren's, seit sie dient' in unserm Heere,
Dennoch haben nie geahnt wir, dafi sie eine Jungfrau ware."
70) In Mitteilungen d. deutschen Gesellsch. f. Natur- und Volker-
kunde Ostasiens i. Tokio. 42. Heft. Juli 1889. Bd. V, S. 44 ff.
•i) O. de Joux, Die Enterbten dos Liebesjjliicks. 1893. S. 219.
'-) M. von Brandt, Sittenbilder aus China. 2. A. 1900. S. 25.
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Deux letzten mir aus der R e p u b 1 i k China zugegangenen Be-
richte entnehme ich folgende Einzelheiten:
„Wie groB der Prozentsatz der Homosexuellen zurzeit bei den
Chinesen ist, laBt sich schwer feststellen. Fragt man einen gebildeten
Chinesen nach Homosexualitat, mannlicher Prostitution oder gar
Knabenbordellen, so weiB er nichts davon, hat nie davon gehort, ja
weist mit Entriistung eine derartige Frage zuriick: „So etwas gibt es
bei uns nicht", selbst wenn er wiederholt an groBen Essen mit „sing-
sang-boys" teilgenommen hat. Mir personlich sind unter reichlich
einem halben Hundert Chinesen, mit denen ich geschlechtlich oder
sonst verkehrte, nur zwei echte Homosexuelle bisher begegnet, ein
t'iinfundzwanzigjahriger Hotelangestellter (viril) und ein vierzigjahriger
Kaufmann mit stark femininem Einschlag.
Homosexuelle Praktiken einschlieBlich pedicatio finden sich in
Internaten, Kasernen, Schulen, sind bei den niedersten Volksklassen
(Kulis) infolge Geld- und Weibermangels allgemein verbreitet, und bei
reichen und gebildeten Chinesen bilden sie eine Spielart der Liebe ent-
sprechend dem Spruche „variatio delectat". Das aus alien Provinzen
in Peking und den offenen Hafenplatzen zusammenstromende Gesindel
stellt die meisten mannlichen Prostituierten. Ein weiterer Teil re-
krutiert sich aus den Schaubudenkiinstlern der Messen und Markte:
Akrobaten, Schauspielern, Gauklern, deren jugendliche Elemente findige
Unternehnier bei schlechten Zeiten den Eltern fiir eine Keihe von
Jahren abmieten oder bei Hungersnoten abkaufen, aus entlaufenen
Kindern und jungen Landstreichern, letztere bilden zumeist die lusassen
der Knabenbordelle. Badediener und Bordellzutreiber gehoren gleich-
falls mit zur mannlichen Prostitution, gehen in verkehrsreichen StraUen
auf Geschaft und Strich. Aufgefallen ist mir, daB bessere Prosti-
tuierte meist ein Taschentuch, das der Chinese doch sonst nicht
kennt, in der Hand tragen.
Unter dem Mandschuregime war in Peking das osterreichische
Glacis, wo sich Soldatenkneipen, Bordello und allerlei anriichige euro-
paische und amerikanische Lokale befinden, jahrelang der frequentier-
teste Strichpunkt, ein weiterer die Stadtmauer am Hatamon und Chien-
mon, und bessere Prostituierte, namentlich die Bordellzutreiber in
schwarzer Robe, wagten sich auch ins Legationsviertel, wo es ja auch
nicht an Kunden fehlte. Von Zeit zu Zeit wurden diese Striche polizei-
lich gesaubert, ernstlicher geht man gegen sie unter der jetzigen repu-
blikanischen Regierung vor.
Im Mai 1910 brachte die Peking Daily News einen Artikel aus der
Feder eines hervorragenden amerikanischen Missionars, der folgenden
Passus enthielt: „The foreign concessions in the treaty ports of the
„far east" are Sodoms and Gomorrhas, worse, I believie, than Sodom
and Gomorrha of old, because more intelligently, more delibeiatly,
wicked. All the vices of our western civilisation are pouring into the
east." Und unter dem 28. Mai ds. Js. schrieb die gleiche Zeitung in
eiueni Leitartikel: „Undesirable establishments" bei Besprecliung des
Treibens am osterreichischen Glacis : „ — — prostitutes and cata-
mites infect the neighbourhood, and every form of vice is indulged
without let or hindrance from the authorities, foreign or Chinese."
Daraufhin erfolgte seitens der chinesischen Polizei die Vertreibiuig
der „catamites" mit dem Erfolge, daB diese ihren abendlichen Bummel
nur etwas weiter die StraBe hinauf, gegen das italienisch- japan ische
Glacis verlegten.
Diese Prostituierten sind fiir geschlechtliche Betatigungen jeder
Art zu haben, doch wird fellare und passive pedicatio von ihnen be-
vorzu^t. Zu letzterer bieten sich alle an, ohne bei dem Akte eine
Erektion zu bekommen, wohl weil der aktive Chinese dies nicht liebt
(vide Matignon), richtiger vielleicht, weil sie ais normalgeschlechtlich
keinerlei Reiz dabei empfinden. Ihre Kunden sind zumeist die fremden
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Soldaten und unter diesen speziell die Franzosen. Die Preise be-
wegen sich hier zwischen 20 — 50 Cents. Besseren Prostituierten, die
in die Wohnung kommen, zahlt man 1 — 2 Dollars.
Die Chinesenstriche auf der Stadtmauer sind seit kurzem voUig
vcrschwunden, dafiir ist aber ein fremder Soldatenstrich entstanden, der
auch seine Kunden hat. Hier stehen die Franzosen obenan, ihnen
zunachst Italiener und Amerikaner, wahrend andere Nationen nur
bochst selten vertreten Isind.
Knabenbordelle, die friiher zahlreich gewesen sein sollen, gibt
es jetzt niu* noch vereinzelt, und selten kommt da ein Fremder hinein.
Ein in Tientsin viel frequentiertes — man sagt, es ware das einzige —
hatte ich Gelegenheit mit einem Eingeweihten zu besuchen. Es be-
findet sich auSerhalb der japanischen Niederlassung in einer chine-
sischen Herberge niedersten Ranges. Die Knaben dort gehoren teils
zum Personal des Hauses, sind wohl oft auch Herbergsgaste, was daraus
zu eninehmen, daB, wie mir mein Begleiter sagte, fast bei jedem Be-
suche neues Material da ist. An dem betreffenden Abend standen
vier Jungen, da von der jiingste etwa 14, der al teste 20 Jahre alt, zur
Verfiigung. Die obligate Taxe (an den Wirt) fiir eine Stunde Auf-
enthaltes betragt 2 Dollars. Die Jungen sind zu allem erbotig.
(Cf. auch 'Otto Ehlers, Im fernen Osten, Aufenthalt in Tien-
tsin, wo Detring ihm die „sing-sang-Boys", „eine Spezialitat
Tienlsins" zeigte.) Einen Strichpunkt besitzt Tientsin gleichfalls.
Auch in Peking lernte ich ein Haus kennen, in dem der
Verkehr mit besseren Jungen (Theaterschiilern, auch Schauspielern)
angebahnt wird. Das Haus befindet sich im Prostituiertenviertel,
aulerhalb Chien mon. Von dem „marLager** chinesiscli hoflichst be-
griiBt, wurden wir in den Empfangsraum gefiihrt, dann wurden ims
mit heiBem Wasser getrankte Handtiicher zum Waschen des Gesichts
und der Hande gereicht sowie Tee und gerostete Erdniisse gebracht.
Nach einiger Zeit trat ein gutgekleideter etwa ISjahriger Junge ein
und meldete uns, daB gleich noch einige seiner Freunde kommen
wurden. Nach etwa einer halben Stunde, wahrend welcher uns der
Junge mit dem Manager Gesellschaft leistete, kamen drei weitere ganz
hiibsche Jungen, von denen der jiingste, ein auBcrst zartes Biirschchen,
etwa 12, die beiden anderen etwa 16 — 17 Jahre zahlten, die sich uns
ungeniert vertraulich naherten. Dann wurde ein blinder Saitenspieler
hereingefiihrt und der Tisch mit einer Fiille von Obst, Kuchen und
sonstigen chinesischen Schleckereien bedecTct. Als Getranke gabs fiir
die Jungen Limonade, fiir uns Bier. Nun sang einer nach dem anderen
in der Fistel, unter Begleitung einer Art Guitarre, ein chinesisches
Lied — die Verve des Kleinsten war groBartig — ; sie setzten sich
nach dem Abtreten zu uns. Zwischen Essen und Trinken gab es eine
lustige ausgelassene Unterhaltung. Nach ungefahr einer Stunde be-
deutete uns der Manager, daB die Jungen nach Hauso miiBten. Zum
Abschied iiberreichte uns noch jeder ein Kuvert mit seiner Adresse
(und der Adresse des Empfangshauses), dann entfernten sie sich mit
dem "Wunsche auf Wiedersehen. Die Rechnung fiir dieses „Vcrgniigen"
betrug ca. 25 Mark. Damit ist der Verkehr mit diesen Jungen ange-
bahnt. Man schreibt nun dem Gewiinschten, ladet ihn ein paarmal
in ein gates Restaurant zum Essen, macht ihm G(\scheuke und kommt
so friiher oder spater zum Ziele. Wohlhabende Chinosen lassen es
sich Hunderte von Dollars kosten, freilich finden sich unter den
Schauspielern oft ausgesucht schone Leute. DaB sich reichc Chinesen
hiibsche Jungen oder Eunuchen zu diesem Zweck als Diener im Hause
halten, ist iiberfliissig zu bemerken, auch die Fremden machen es so.
Homosexuelle gibt es aus wohlbckannten Griinden, wie iibcrall im Aus-
lande, auch unter den Fremden in Tientsin und Peking nicht wenige.
Aber wenn es selbst die Spatzen auf den Diichern pfeifen, daB sie „so"
sind, im personlichen Verkehr wissen diose Herren nichts davon, haben
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von Homosexualitat nichts gehort und wollen nichts davon wissen.
Wozu auch? ,,\Vir haben, was wir brauchen, wir sind hier sicher, was
kiimmern uns die anderen!'* — Einen Strafparagraphen ^ la ,,175"
kennt das chinesische Strafgesetzbuch nicht. Erpressung aus diesem
Grunde ist unbekannt. Wie man den Yerkehr beurteilt? Der Gebrand-
raarkte ist nur, wer sich zum Verkehr hergibt. Wird es bekannt,
„verliert er sein Gesicht", setzt sich dem Spotte aus, wird „ta-pi-ku**
genannt, Der Liebhaber dagogon ist ein ^lann von Geschmack, dem
seine Mittel solche Extra vaganzen gestatten.
Gcschleclitskrankheiten wie Gonorrhoe des Rectums, syphilitische
Geschwiirsbildungen und Wucherungen am Anus, Kondylome, Biibonen
sind bei mannlichen Prostituierten nicht solten. Als Kuriosum will
ich noch anfiihren, daC sich imter 50 ein Polydactylus, ein
Monorchist, ein Kryptorchist und ein Albino befanden. Von
eincr Literatur iiber den gleichgeschlechtlichen Verkehr, ahn-
lich der Xan-shok-Literatur Japans, ist mir nichts bekannt ge-
worden. Das vielverrufene „Chin-ping-raei" scheint entgegen der An-
sicht K a r s c h s und anderer nichts derartiges zu enthalten. Mein
Freund Dr. Rudelsberger- Miinchen hat es auf meinen Wunsch
daraufhin durchgesehen und schrieb mir, daB sich alle Schilderungen
dieses groBen pornographischen Workos ausschlioBlich auf heterosexu-
elle Extravaganzen beziehon. Auch in dem mir vorgelegten, dazu
gehorigen Illustrationsbande konnte ich kein diosbeziigliches Bild
linden. Ich habe mich oft bemiiht, fiir meine Sammlungen ein Bild
aufzutreiben. wie es Laufer vor einigen Jahren in der „Anthro-
pophyteia** publizierto und Nvsclirieb : was mir abor gcbracht wurde,
waren solche allerneuesten Datuma fiir Globetrotter aufgemacht oder
miserable Falschungon. Unter den vielen schonen, neuen wie alten,
erotischen Bildern und Arbeiten, die mir wahrend meines bisherigen
hiesigen Aufenthaltes zum Kaufe angeboten wurden, fand sich auch
nicht ein einziges, das einen homosexuellen Akt dargcstellt hatte."
Wie wenig das Volk im Grunde genommen an homosexuellem
Verkehre AnstoB nimmt, lehrt wohl am besten die Tatsache,
daD dici Eltern selbst sowohl Tochter als Sohne oft schon in
jugcndlichem Alter an offentliclie Hauser abgeben, weil sie
glauben, ihnen so eine bessere Zukunft zu sichern, als sie selbst
sie ihnen zu bieten vermogen. Vater und Mutter besuchen
ihre Kinder auch an diesen Statten, und l>eiderseits wird auf
die Aufrechterhaltung guter Familienbeziehungen trotz des Ge-
werbes, das unsrer allgemeinen Auffassung so schmachvoll
erscheint, groBer Wert gelegt. Lieber noch als in Bordelle
verhandeln manche Eltern ihre Sohne an vornehme Herren,
womoglich - gar als Pfeifentrager an einen Mandarinen,
obwohl sie genau wissen, daB gie nicht nur Pfeife, Mantel
und Laterne, sondern auch den Leib ihres Herrn tragen; sie be-
reiten sie sogar durch korperliche Eingriffe und einen Unter-
richt, ahnlich wie wir ihn bei den Batschas kenncn, auf ihren
spateren Beruf vor und spiegeln sich in ihnen, wenn sie es
in ihrer Laufbahn zur hochsten Stufe bringen, zu einem Sian-
Kon, dem mit allem erdenklichen Luxus umgebenen Geliebten
eines reichen Chinesen, der in kostbaren Seidengewandern lierum-
getragen wird.
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Sprachlich zwar von den monosyllabischen Chinesen ver-
schieden, ethnographisch aber mit ihnen verwandt erscheinen die
J a p a n e r , die, wahrscheinlich zu Beginn des ersten vorchrist-
lichen Jahrtaus3nds, die von der Slidspitze Koreas bis iiber den
45. Breitengrad hinausreichende Inselgruppe in Besitz
nahmen iind dort das Reich der ,,aufgehenden Sonne*' be-
grlindeten. Schon der Missionar Japans, der spanische Jesuit
Franciseus Xaverius, zog 1549, nur 7 Jahre nach der
dnrch den Portugiesen Mendez Pinto 1542 erfolgten Ent-
deckung der Inselgruppe, in seinen Predigten gegen das „unsag-
liehe Laster** los. Noch altere Daten bieten uns die einheimischen
Quellen. So berichten u. a. die 720 p. Chr. in 30 'Btichern, voll-
endeten Japanischen Annalen (Nihongi)^^) aus dem III. nach-
christlichen Jahrhundert von der innigen Freundschaft zweier
Shintopriester, von denen der eine seinem Freunde unmittel-
bar im Tode nachfolgte und auch im gleichen Grabe mit ihm
bestattet wurde. Das Verhaltnis selbst nennt der Japaner
Naushoku oder Daushoku, den aktiv Liebenden Naushokuka oder
Okitsu, den Effeminiertcn Okama, wahrend die Kosenamen fur
den jugendliehen Geliebten wieder auBerst zahlreich sind; iinter
ihnen sind Kosho als Geliebter eines Samurai (Ritter) und Chigo
als Gelicb'er elnes Bodzu (Bonzen) hervorzuheben. Derartige
Verhaltnisse sollen besonders in den sudlichen Provinzen, auf
Kiushiu, vor allem in dem auch durch seine Porzellane be-
riihmten Satsuma verbreitet sein. Jedenfalls kann man nicht
das erst im VI. nachchristlichen Jahrhundert erfolgte Ein-
dringen des Buddhismus und dan von ihm geforderten Zolibat
seiner Priester und Monche daftir verantvvortlich machen ; denn
schon der altjapanische Militaradel, die Samurai, pflegten neben
ihren Frauen junge Manner als Koshu zu halten, ein Verhaltnis,
das, dem kriegerischen Charakter der Kaste gemaO haufig zu
festen Blutsbriiderschaft^n flihrte^ in seiner Leidenschaftlichkeit
nicht selten Eifersuchtsszenen und Duelle veranlaOte und durch
manche einer gewissen Romantik nicht entbehrende Ztige auch
eine literarische Darstellung fand, die besonders in der Toku-
gawa-Zeit (1603 — 1867) florierte und noch bis in die Gegen-
warfc hineinreicht.
Als prominente Persoulichkeiteu nennt in dieser Hinaicht F 1 o -
r e n z (361) besonders den Kanzler und Feldherrn Oda Nobunaga
(1532—1582), der die weltlichen Machtgeliiste der groCen buddhisti-
sclien Kloster brach und das Ashikaga-Shogunat beseitigte. Als von
iliDi protegiert und seinem Protektor treu ergeben lernen wir Hide-
'3) Karl Florenz, Geschichte der japan. Literatur. 190G.
f<. 5(). K a r s c h , 1. c. S. 75.
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y o 3 h i (gest. 1598) kennen^ der es vom ehemaligen Stall jungen zum
Keldherrn und Staatsmann brachte, zugleich aber auch von der Kunst
tines Utamaro (cf. unten p. 621) in Gesellschaft des schonen Jung-
lings Ishida Mitsunasi dargestellt wurde. — Auch soil T s u n a-
y o s h i , der fiinfte Takuwara-Shogun, (1680 — 1709), stark der Jiing-
iingsliebe gehuldigt haben. — Nach Ansicht vieler Ja(paner sollen die
Liebhaber von Jiinglingen mannlicher und tiichtiger, die von Wei-
bern schlaffer und manchmal liederlicher sein. Die japanische Volks-
meinung deckt sich hier mit der Ansicht des Griechen
Platon. Die starke Volksvermehrung in der Takuwara-Periode (1603
bis 1867) bedingte auch ein Anwachsen der geschlechtlichen Be-
diirfnisse. so daiJ in dieser Zeit auch die allgemein zuganglichen
Teehauser mit ausschlieClich mannlichen Personen, den Yaro, auf-
karaen. Auch die Theater stellten. wie in China, ein starkes Kon-
tingent, zumal hier wie dort lediglich mannliche Personen beschaf-
tigt wurden. Desgleichen brauchte auch in den Gasthausern sowohl
in den Stadten und Flecken als auf der LandstraBe keinerloi
Geschmack Not zu leiden ; ebensowenig wie in den Bordellen, deren
weibliclie wie mannliche Insassen unter behordlicher Koutrolle s tan-
den und auf einen Tarif von 3 — 6 Mk. verpflichtet waren. So sollen
im 18. Jahrhundert in Yeddo (Tokio) allein 50 Bordelle mit etwa
225 mannlichen Insassen bestanden haben, die hior wie auch anders-
wo auf Verlangen gleichfalls zu privaten Gastereien ausgeliehen wer-
den konnten. Doch wurden im 19. Jahrhundert die Polizeivorschrif-
ten fiir die Teehauser und Knabenbordelle allmahlich strenger ge-
handhabt, bis sie endlich gegen 1840 zum Teil verboten und mit Be-
ginn der neuen Ara (1868) voUig (?) abgeschafft wurden, natiirlich
um die StraCenprostitution desto lebhafter aufbliihen zu lassen.
Es liegt nahe, daC das gleichgeschlechtliche Leben auch in der
japanischen Literatur^*) einen bedeutenden Niederschla-g ergeben hat.
Leider ist noch bei weitem nicht alles bekannt gegoben, namentlich
lehlt auf dem Gebiete der Lyrik noch jeder Nachweis, und selbst die
eingehendsten Darstellungen japanischer Literaturentwickelung be-
schranken sich hier auf sparliche Proben.
Ganz besonders reich an Chigo-Monogatari (Jiinglingsgeschicli-
ten) ist die Muromachi-Periode (1334 — 1460). F 1 o r e n z fiihrt meh-
rere auf, von denen eins als Beispiel erwahnt sei: Der Held des Tori-
be- yama-M onoga tar i (die Geschichte vom Toribeberg) ist ein Laien-
milglied der buddhistischen Kirche, namens Mimbu-kyo, aus dem Ost-
land. Bei einem Besuch in Kyoto lernt er den jungen Fiyi-no-Ben,
Sohn eines Staatsrates, kennen und schlieBt mit ihm einen Liebes-
bund. Als er kurze Zeit darauf nach seiner Heimat zuruckkehrt, wird
Ben vor trauriger Sehnsucht krank. Die um ihn besorgten Eltern
erfahren den Grund seines Leidens und schicken nach dem Freunde,
doch stirbt Ben noch vor seiner Ankunft. Mimbu erfalirt dies unter-
wegs, geht die Eltern zu trosten und begibt sich dann nach Toribe-
no, wo Ben begraben liegt, um dort durch seine eigene Hand zu sterben.
Doch miCIingt sein Yorhaben, worauf er sich als Einsiedler in die
Berge zuriickzieht, um fiir das Seelenheil des Geliebten zu beten. Einige
Zeit spater verschwindet er spurlos.
Aus dem letzten Jahrzehnt des 16. Jahrliunderts stammt die
Erzahlung „Shizuno-Odamaki" (Der Fadcnknauel) ^'0, das ungedruckte
Erzeugnis eines ungenannten Ycrfassers, das aber gleichwohl noch jetzt
fast jeder junge Mann von Kagoshima auswendig wissen soil. Es ist
eine echte Samurai-Geschichte und schildert das zwei Jahre dauernde
Liebesverhaltnis des 23 jahrigen Samurai Yoshida-Daizo mit dem
^*) Eine ziemlich reichhaltige Bibliographic siehe im Jahrbuch fiir
sexuelle Zwischenstufcn, Bd. II, 1900. S. 439.
7^^) Florenz 1. c. S. 361. Karsch, 1. c S. 110.
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iiingern Hirata Sangoro. Beide nehmen an dem zweiten Kriege Japans
gegen Korea (1597) teil. Als Yoshida hier gefallen ist, sucht und
findet aucli Hirata den Heldentod durch Feindeshaud. Die Novella
schlieBt mit den Worten: „Hiratas Tod war die alleinige Folge seines
dem Yoshida gegebenen Treuversprechcns, und desscn aufopforndc
Freundschaft notigte ihm selbst solch tragisches Schicksal auf. Allein
solche Bliite ritterlicher Tapferkeit der feudalen Zeit ist ja alien
bekannt und auch wie diese Art Licbesverkelir viel gepriesen und diese
Art Sterben viel bejammert wurde." Wir sehen, daB die gleich-
geschlechtliche Liebe hier im fernsten Osten diesel))cn Friichte zei-
tigte wie im klassischen Hellas zu Sparta und Theben.
Als der begabteste und popularste Novellist spaterer Zeit gilt
Ihara Saikwaku (1642 — 1693) aus Osaka. Er ist der spezi-
fische Vertreter realistischer Erotik sowohl auf heterosexuellem al<
auf gleichgeschleclitlichem Gebiet, dem altromischen arbiter elegan-
tiarum Peironius nicht nachstehend, ja an Eindringlichkeit und Drastik
der Schilderungen ihn noch iibertreffend. Als sein Haupt-
werk auf homosexuellem Gebiet gilt das 1687 veroffentlichte ,,Nan-
shoku-Okagami" (Der groBe Spiegel der Mannerliebe).
Saikwaku schildert, wie in friiheren Zeitcn die der gleicli-
geschlechtlichen Liebe ergebenen Jiinglingo und Manner edit mann-
liches Auftreten gezeigt batten, die juiigen Manner seiner Zeit da-
gegen vielfach der Untatigkeit verfallen seien und sich sogar in
weiblicher Kleidung gefielen. Seine Schilderungen erstrecken sicli
iiber alle Gesellschaftsklassen. Die Krieger (Samurai) pflegtcn, auch
wenn sic ein Weib genommen und Kinder gezeugt hatten, deimoch der
Jiinglingsliebe ergeben zu bleiben ; denn beide Arten von Liebe seien
doch durchaus verschieden, die Schonheit des Woibes eine durch-
aus andere als die des jungen Mannes. — Als Vorbilder stelJt er
den 66 jahrigen Hanimon und den 63 jahrip^en Mondo hin ; diese lernten
einander als 19-, bezw. 16 jahrige Jiingliiige kennen, fast ein halbes
Jahrhundert lebten sie so in immer gleiclier Frische ihre Tage da-
hin, ohne je ein Weib zu beriihren. Ferner schildert er die Liebe
zweier Sohne von Shinto-Priestern, des jungen Okura zu dem achtzehu-
jahrigen Geki, die nach zweijiihriger Dauer Okuras Tod trennte, wor-
auf Geki von Okuras Vater als Adoptiv- und Schwiegersohn aufgonnm-
men wurde. —
Nach Iwaya-Tokyo beherbergen die sudlichen Provinzen
Japans (Kyushu, besondei^ Satsuina), in denen die Paderastie
von alten Zeiten hor (schon um das Jahr 1200 spielte sie
bei den Bittern und Daimyos, den Flirsten, eine groCe llolle)
ganz besonders verbreitet ist, auch zugleich die mannlichste
und robusteste Bevolkerung.
Ein anschauliches Bild gleichgeschlechtlichen Lebens im li e u -
tigen Japan entwirft der erwalmle D o r i p li o r u s "*^). Nach ihm
lebt, wenn sich auch auCerlich die Ansc}iauung(ni iiber gleichge-
schlechtliche Liebe geandert haben, die alte Auffui-sung der Samurai
im stillen in wohl kaum verminderter Weise wciler, und ihr Haupt-
trager ist nach wie vor der Soldatenstand gebliebon. Doriphorus
schildert, wie jiingere Soldaten von hubschem AuOern sich oft einer
ganzen Schar von Bewerbern erfreuen : wie in den jiingsten Kriegcn
gegen China und RuCland auf den Schlaclitfeldern der Mandschurci
die Soldaten fiir ihren geliebtcn Kameraden das Lebcn in die Schanze
sohlugen und sich einem gewissen Todc opferten, nur um ihrem ge-
liebten Freunde das Leben zu erlialten. Und die gleichen VerhJUt-
7«) Doriphorus bei KrauB, 1. c. S. 159 ff.
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niase sollen auch iu der Marine herrschen. — Ebenso sind iinter den
Geschaftsangestellten oft einige die bevorzugten Lieblinge der an-
dern oder stellen sich besonders geschatzten Kunden zur Verfiigun^.
Auch die Schiilerfreundschaften sollen, zumal in den Alumnaten, sel-
ten einer erotischen Unterstromung entbehren. Besonders aber soil
die gleichgeschlechtliche Liebe unter den Studenten verbreitet seln.
DaB die Japanerinnen und Chinesinnen auch gleichgeschlechtliche
Liebe pflegen. geht aus den zahlreichen erotiscnen Bildern hervor,
die nicht selten von groCen Kiinstlern, wie U t a m a r o herriihrend,
die lesbische Liebe zum Vorwurf haben. Im iibrigen weii3
selbst K a r s c h von Frauen wenig Einzelheiten beizubringen.
Er berichtet nur (S. 118) von einem iiberaus schonen jungen
Madclien im Yoshiwara zu Yeddo, dem die Manner stark, aber er-
folglos den Hof machten, wahrend es fiir dichterische Wettkampfe
als japanische Sappho und Bootfahrten mit den Freudenmadchen
schwa rmte. — Von der zahlreichen anmutigen weiblichen Dienerschaft
voruehmer Japanerinnen berichtet Maron '7) ziemlich eindeutig, doch
ohne weitere Details. Natiirlich beweist dies geringe Material hoch
keineswegs das Kichtvorhandensein derartiger Neigungen. Andere
Momente lassen sogar ziemlich stark darauf schlieBen, so die reiche
Zahl japanischer „Blaustriimpfe", die im 10. bis 11. Jahrhundert fast
ausschlieBlich die Literatur ihres Vaterlandfcs vertraten. Unter ihnen
zeichneten sich nach F 1 o r e n z (S. 207) besonders zwei aus, die
Hofdame Murasaki Shikibu die geistig hochbegabte Verfasserin
des 1004 voUendeten Genji-Monogatari, der Erzahlung vom Prinzen
Gen ji, und ihre Zeit- und Standesgenossin Sei Shonagon, die
Verfasserin der „Makurano-vSoshi", der „Kopfkissen-Hefte", einer
Sammluug von Essays iiber alle moglichen Dinge. Wahrend
jene bei aller virilen Begabung — ihr Vater pflegte oft zu
sagen: „ich woUte, du warest ein Junge!" — dennoch immer
noch weibliche und miitterliche Ziige aufwies, zeichi^ete sich
diese nach Florenz (S. 220) durch Sarkasmus und 'riicksichtslos
zur Schau getragene geistige tJberlegenheit aus. Es war fiir sie eine
wahre Wonne, andere zu ducken, und namentlich den auf ihr Wissen
stolzen Mannern deutlich zu zeigen, daB auch eine Frau ihnen
miudestens ebenbiirtig sein konne. Sie lieB sich furchtlos mit jeder-
mann in Disputationen ein, an witziger Schlagfertigkeit war ihr nic-
mand gewachsen. Sie soil auch eine starke Sake- (Reisschnaps, Arrak)-
Trinkerin gewesen sei^, war niemals verheiratct, hatte aber haufige
Liebscbaften, die jedoch ihr Herz nicht tief beruhrt zu haben scheinen.
Zur Frau und Mutter war sie offenbar nicht geschaffen. Der kultur-
geschichtliche Wert ihror Essays ist vielleicht noch groBer als der des
Uenji-Monogatari, da Frau Murasaki trotz allem Realismus immer
noch Riicksichten obwalten lieB, welche die Shonagon nicht kennen
woUte und „mit mannlicher Faust" manches ans Licht zog, was die
zarter fiihlende Murasaki im Verborgenen lieB.
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daB wenn erst einmal die
japauische Literatur in weiterem Umfange durch Ubersetzungen zu-
gaiiglich sein wird, sie uns noch manche Bliite gleichgeschlecntlicher
>ichtung offenbaren wird. Die bisherigen Proben haben gezeigt, daB
sie in dieser Beziehung der hellenisch-romischen Literatur nur wenig
nachstehen diirfte.
Mancherlei Material nicht nur iiber mannliche, sondern
auch iiber weibliche Homosexualitat im transvestitischen Ge-
wande bietet die Geschichte der japanischen Biihne.
•7) II e r m. M a r o j;i , Japan und China. 1863. I, 44.
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F 1 o r e n z teilt mit, dafi schoa im XII. Jahrhundert die Shira-
byoshi, die weiBgekleideten professionellen Sangerinnen und Tan-
zeriunen, immer als Mann verkleidet waren. Zu Anfang des XVII. Jahr-
huuderts begriindete O - K u n i , eine ehemalige Tanzerin des Shinto-
Tempels von Idzumo, zu Kyoto im Verein mit dem Ronin (de-
klassierten Samurai) Nagoya Sanzaburo das moderne japanisclie
Theater. Er tanzte in weiblicher, sie in mannlicher Tracht. Ihr
Erfolg rief viele Nachahmungen hervor. Besonders nahmen die Dirnen
von Kyoto und Yeddo an den Schaustellungen, die ihnen zugleich
als Reklame fiir ihre personlichen Reize dienten, regen Anteil ; die
Keisei-Kabuki (Dirnen-Theater) entstanden. Docli verbot bereits 1629
die Regierung aus Sittlichkeitsgriinden nicht nur die Dirnentheater,
sondern iiberhaupt jedes Auftreten von Frauen auf der Buhne. Eiri
noch scliarferes Verbot erging 1645 mit strengen Strafverfiigungen.
Dock hat, vvenn wir uns der auch im Abendlande gastierenden S a d a
Y a k k o erinnern, die Neuzeit hierin eine MiJderung eintreten lassen.
~ Japan ist tibrigens das einzige Land, in dem audi Mannern
das Anlegen von Frauenkleidern auBerhalb der Biihne gesetzlich
verboten ist^^). Es scheint dies daher zu kommen, dafl hier
wie in China die Geschlechtsverkleidung oft zu unlauteren Vor-
spiegelungszwecken benutzt wurde. So erzahlt Renon die Ge-
schiehte eines Abenteuers, das einem franzosischen Seeoffizier
auf der Reise nach China passiert ist: Derselbe habe sicli bei
einer Theatervorstellung in die Heldin des Sttickes verliebt
und sic durch Vermittelung eines der offiziellen Kuppler, welche
gleichsam zur Theatergesellsehaft gehoren, auf den anderen
Abend zu sich bestellen iassen. Die Schone sei unter Begleitung
von Laternentragern und Musikanten erschienen. Im Sclilaf-
zimmer habe sie sich dlann zum Entsetzen des Offiziers als
eine Person mannlichen Geschlechts entpuppt.
In Korea, dem Land der Morgenrote, soil das mannliche Ge-
schlecht nach Karsch (S. 130) sehr vveibisclien Aussehens und
Wesens sein. Die Knaben, die bis zu ihrer Verheiratung lange Zopfe
und Mittelscheitel tragen, erlangen hierdurch etwas so stark Madchen-
haftes, dafi sie leicht und oft mit ihren Altersgenossinnen verwechseit
werden. ^ber auch die erwachsenen Manner sollen vielfach dieses
weibische Aussehen bewahren. Pagegen zeigen die koreanischen Frauen
hinwiederum oft recht manuliclie Eigenschaften. So wurde die 1895
von den Japanern ermordete Konigin Min der einzige Mann in ihrem
Lande genannt. Bezeichnend ist, daC zwei koreanische Arzte, die
mich nach dem internationalen ArztekongreB in London aufsuchten, imi
noch Naheres iiber die „sexual transitions" zu erfahren, versicherten,
„iu Korea gabe es dergleich^n nicht*'.
Gleichgeschleehtliches Leben tritt allerdings in Korea bei dem
Mangel an Theatern, Teehausern und Bordellen weniger sinnfallig
an die Offentlichkeit als in China und Japan. Gleichwohl be-
richten sowohl P. Da lie f^^), ein franzosischer Missionar, daU
,,Sodomie und andre Verbrechen gegen die Natur in Korea
7*^) Cf. I w a y a 270 und Transvestiten.
7i*) C. H. Dalle t, hist, de I'eglise dc Coree. 1871. I, 155.
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hfiufig vorkommen und die Monchs- und Nonnenkloster Statten
unztichtigen Lebenswandels eeien, wie auch der deutsche Arzt
Scheube^^), daO Pedikation viel getrieben wird, besonders in
der Hauptstadt Saoiil. Von He sse- Wartegg^^) gibt an,
daB im Palast zu Saoul junge hiibsche Pagen das Regiment
flihren.
Beenden wir nun unseren Rundgang, indem wir von
Korea nach dem benachbarten Sibirien gehen, um von dort
liber die Lander an der Polargrenze wieder nach unserem Aus-
ganspunkt, dem nordliehen Europa, zuriickzukehren, so ist zu
beraerken, daO auch bei den arktischen Volkerschaften das hohen
Nordens den Forschungsreisenden schon frlihzeitig feminine
Sitten und Gebrauche bei Mannern, maskuline bei Frauen auf-
gefallen sind, die sie oft, wenn auch sicherlich nicht selten
ohne Berechtigung, mit Homosexualitat identifizierten. Der
eigentliche Uranismus, dessen Erkenntnis einen tiefen Einblick
in das ihrem Verstandnis fast unzugangliche intimste Gefuhls-
leben der betreffenden Stamme voraussetzen wlirde, hat sich
den Beridxterstattern meistens entzogen. Sie konnten uns
hochstens Analogieschllissa verstatten. Bei den Bewohnern der
nordliehen Polargegenden, den Hyperboraern, wird das Verstand-
nis abnormaler Sexualveranlagung noch dadurch erschwert, daB
sie vielfach imGewande geheimnisvoller religioser Riten und Ge-
brauche auftritt. Das bisexuelle Moment, das vielleicht einen
Grundzug des Priesterstandes tiberhaupt darstellt, spricht sich
hier deutlich in der Priesterkaste der Schamanen aus.
Al8 wesentlichste Gruppen der Hyperboraer, deren Hassenzuge-
horigkeit zu entwirren noch immer nicht gelungen ist, miissen wir,
den Kiisten des Polarmeeres f olgend, die Tschuktschen, Kor-
j a k e n und Eskimos ansehen. Bei den ersteren soil die homo-
sexuelle Betatigung besonders auffallig in die Erscheinung treten.
Schon W r a n g 8 1 ^2)^ der im ersten Drittel des vergangenen Jahr-
hunderts diese Gegenden bereiste, hatte dieses bemerkt; cr erstaunte
dariiber um so mehr, „da die Bewohner doch keinen Mangel an Weibern
hatten." Spatere Forschungsreisende, besonders Jochelson^s) und
B o g o r a s ^*), wiesen auf die Zusammenhange zwischen Uranismus
und der im Schamanismus zutage tretenden verweiblichimg hi 11. Sie
iinterscheiden in dieser drei Grade. Im ersten beschrankt sich der
durch die Gottheit in ein Weib verwandelte Priester auf das An-
legen weiblicher Haartracht. Der zweite Grad wird gekennzeichnet
durch Annahme weiblicher Kleidung und gestattet die Ehe und Kinder-
®") B. Scheube, Die vener. Krankheiten i. warm. Landern.
S. A. 1902. S. 15.
^i)E. von Hesse- Wartegg, Korea. 2. A. 1904. S. 155.
82) F. von Wrangel, Reise langs der Nordkiiste von Sibirien,
herausgegeb. von Ritter 1839. II, 227.
^^) J o c h e 1 s o n. Cf. Memoirs of the American Mus. of natur.
history vol. XIII. 1910.
«*) Cf. American Anthropologist, vol. III/IV. 1901—1902.
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zeugung. Der dritte Grad bezeiclinot erst die voUstiindige Verwand-
luiig. Ein junger Mann nimmt plotzlich die Sitten und Beschaftigung
von Weibern an. Seine Sprechweise schlagt von der mannlichen in
die vveibliche um. Gleichzeitig verandert sich sein Korper in seinen
Filliigkciten und Kriiften. Auch sein ganzes eeelisches Wesen andert
sich. Ganz allgemein gesprochen wird er cin Weib mit den Iciblichen
Eigenschaften eines Mannes. Er beginnt sich als Weib zu fiihlen,
sucht die Gunst und das WohlwoUen von Mannern zu gewinnen. Die
andern jungen Manner wetteifern mehr, als er nur wiinschen kann,
um seine Zuneigung. Aus seinen Freiern sucht er sich einen Lieb-
haber und nimmt nach Ablauf einer gewissen Zeit einen Ehemann.
Die Ehe wird mit den auch sonst iiblichen Feierlichkeiten voll-
zogen und dauert oftmals bis zum Tode des einen der beiden Partner.
Das Volk hegt eine auBerordentliche Ehrfurcht vor diesen verwandelten
Schamanen, die auch in ihren Sagen Ausdruck gefunden hat. Auch
glauben sic von jedem vervveibten Mann, er habe unter den Geistern
einen besonderen Schiitzer, der als das wahre Haupt der Familie gilt
und dessen Anordnungen der Effeminierte vermittle, wodurch in einem
solchen Haushalt natiirlich die Stimme des „Weibes" an Obergewichl
gewinnt. — Auch Weiber soUen sich bisweilen in Manner metamor-
Chosieren und als solche junge Madchen heiraten. Waren sie nun
ereits vorher verheiratet oder legten sie sich nach der Umwandluug
• ier Nachkommenschaft halber noch einen Nebenmann zu, so bildete
sich nach Bogoras' Berichten eine menage k trois, die sich in voll-
kommener Harmonic abspielt. Bogoras hebt hervor, daB wider-
natiirliche Laster . den Tschuktschenweibern gelaufig und ein ge-
trocknetcr Renntiermuskel das zu seiner Befriedigung beliebteste Werk-
zeug sei. Nach Jochelson^^) waren auch bei den Korjaken in
Weiber verwandelte Schamanen keine Seltenheit. Sie gingen Ehon
mit Mannern ein, und eine bereits vorhandene Frau wurde alsdann zur
Kebciifrau des neuen Mannes degradiert. Die kiiaftigen Schamanen
seien haufig nervose junge Manner, die an hysterisclien Anfallen leiden,
wahrend deren die Geister mit ihnen verkehren. Auch werden Marchen
erzahlt, nach denen in alten Zeiten verwandelte Schamanen sogar
Kinder zur Welt gebracht haben. Die ganze Einrichtung indessen,
die sich unter den Tschuktschen bis auf den heutigen Tag behaupten
konnte, soil gegenwartig bei den Korjaken in Abnahme begriffen sein.
Den verwandelten Schamanen erkennt man an seiner Tracht, den
langen, weiten und gestreiften Wcibcrhosen. Auch bei ihren Gotten)
und zahlreichen Gestalten der Sage ist das Geschlecht wandelbar, und
die Uberlieferung, daB Manner zum Geburtsakt schreiten muBten,
keine Seltenheit. — Von Verwandlung weiblicher Schamanen in Manner
liat Jochelson Spuren in den Volksmarchen gefunden. Sie wurden
von den Korjaken fiir sehr machtig gehalten, und nur die Geburt eines
Kindes konnte den vollstandigen oder wenigstens zeitweiligen Ver-
lust der schamanistischen Kraft zur Folge haben.
Georgi86) berichtet, daB die Kamtschadalen den gleicli-
geschlechtlichen Verkehr fast offentlich betrieben batten. Doch scheint
unter der Herrschaft der Russen sich diese Landessitte betrachtlich
geandert zu haben, denn Erman versichert, daB auf seiner Reise
(1828/30) ihm von dem abnormen Hang zu mannlichen Beischlafern,
welche sich ehedem viele Kamtschadalen neben ihren Ehefrauen hiel-
ten, nicht ein Beispiel voi*gekommen sei ; man habe ihm aber in
Tigilsk von der ehemaligen AUgemeinheit dieser Sitte ziemlich un-
umwunden erzahlt. — Nach W e 1 1 e r haben auf Kamtschatka auch
Weiber mit W^eibern Unzucht getrieben.
s^) Jn Memoirs of the Americ. Mus. of natur. hist. vol. X. 1905.
^^) Georgi, Beschreibg. all. Nationen d. russ. Reiches. 1776
bis 1777. Ill, 332.
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Auf Alaska gibt es nach D a 1 1 '^^) Weiber, welclie sich weigern,
Manner zu ehelichen und es vorziehen, selbst miinnlichen Bcschafti-
gungeu, wie Jagen und Fischen, nachzugeben.
Von den Aino auf den Kurilen teilt Kracheninnikow mit,
daB sie ebenso wie die Korjaken und Kamtschadalen ihre Kojik-
tschutschi Oder verweibten Manner hatten und dai3 sie im gleich-
gesclilechtlichen Umgang nichts Unerlaubtes oder Anstofiiges fanden.
S c h e u b e ^^) berichtet von dem Kranichtanz der Aino ; die Pausen
dabei werden von den jungen Frauen oder Madchen mit gegenseitigen
Xeckereien haufig obszoner Natur ausgefiillt. Die bekannte uralte
Sitte der Aino, den Madchen einen Bart zu tatowieren, hat C o h n -
Antenorid®^) auf den EinfhiB eines. gleichgeschlechtlich veran-
la^ten Fiirsten, von Romer^^) auf die androgynische Gottheits-
idee der Aino zuriickzufiihren versucht. — ■ Nach Lisianski^^)
fiihren bei den Eskimos die Manner in Weibertracht den Namen
JSchopan oder Schupan; sie leben mit Mannern zusammen und ver-
treten bei diesen in alien Dingen die Stelle der Weiber. Auch zeremo-
nielle Elieschliei3ungen sollen bisweilen fiir solche Verhaltnisse be-
gehrt werden. — D a w y d o vv^-) berichtet : „Es gibt auf Kadjak
Manner mit tatowiertem Kinn, die nur weibliche Arbeit verrichten,
stets mit den Weibern zusammenwohnen und gleich diesen Manner,
manchmal sogar zu zweien haben. Solche nennt man Achnutschik.
Sie werden keineswegs verachtet, sondern genieBen Ansehen in den
Ansiedlungen und sind meistens Zauberer. Der Konjage, der statt eines
Weibes einen Achnutschik hat, wird sogar als glucklich betrachtet.
Die Eltern bestimmen den Sohn schon in friihester Kindheit dazu,
wenn er ihnen madchenhaft erscheint. Die allgemeine Verbreitung
der Paderaslie auf Kadjak (sowie fiir die Kamtschadalen und Aleuten)
wird auch von Schelechow^s) bestatigt.
Die Gronlander besitzen nach K n u d R a s m u s s e n 9*) Marchen
tribadischen Inhalts, auch berichten Holm und F r. N a n s e n ^s)
mehrfach von Madchen und Frauen, die ganz die Lebensart der Manner
fiihrten und sich in Mannertracht kleideten.
Fassen wir das liber die ethnographische Verbreitung t>e-
fundenc zusammen, so ergeben sich folgende Satze:
1. Es gibt kein Volk und kein Land, bei dem nicht sowohl
unter den Mannern und Frauen neben der Mehrheit, die sich
zum andern Geschlecht hingezogen fiihlt, eine nicht unbetracht-
liche Minderheit existiert, die tells ausschlieUlich, teils daneben
von Personen des oigenen Geschlechts angezogen wird.
2. Bei alien Volkern gibt es Personen, die, ohne selbst
homosexuell zu sein, namentlich im jugendlichen Alter, gleich-
87) W. H. Da 11, Alaska and his resources. 1870. p. 139.
8**) In Mitteilungen d. Deutsch. Gesellsch. f. Nat.- und Volker-
kunde Ostasiens. Hft. 3, 1880—1884.
89) Im Jahrb. f. sex. Zwischenst. Jahrg. V, 1903.
90) Ibid.
9') Urey Lisianski, A voyage round the world. 1814. p. 199.
92) In Acta soc. scient. Fennic. tom. IT, 2. 1856. p. 281.
93) In Zeitschrift f. Ethnol. Jahrg. III. Berl. 1871. p. 149.
9*)Knud Rasmussen, Nye Mennesker, Kopenhagen J 905,
p. 202.
95) F r i t h j o f N a n s e n , Eskimo-Leben, iibersetzt von Lang-
feldt, 1903 p. 104.
Hirschfeld, Homosexualitit. ^q
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geschlechtlich verkehren, und zwar aus verschiedenen Griinden,
unter denen Mangel an heterosexuellem Verkehr und der
Wunsch einer besseren Lebensgestaltung die hauptsach-
lichsten sind.
3. Die beiden genannten Gruppen stehen zueinander im Ver-
ba Itnis von Nachfrage (Gruppe 1) und Angebot (Gruppe 2);
es verkehren aber auch vielfaeh Angehorige ein und derselben
Gruppe, vor allem solche der ersten, untereinander.
4. Die Forschungsreisenden sehen liberall in e r s t e r Linie
die sich gegen Entgelt anbiet3nden Personen — die homosexuelle
Prostitution — , in zweiter Linie die starker durch ihr Aufleres
oder ihre Gewohnheiten (Kleidung) vom Gesehlechtstypus ab-
weichenden Personen, also die virileren Frauen und feminineren
Manner. Die sich vom Typus ihres Gesehlechts nicht oder nur
wenig abhebenden homosexuellen Manner und Frauen entgehen
ihnen fast voUig (sexuelle Mimikry) ; ebensowenig nehmen sie
die sich auf das Haus beschrankenden monogamen Beziehungen
wahr. Daher geben ihre Mitteilungen ein ebenso einseitiges wie
unvollstandiges Bild, zumal ihnen die ftir differentialdiagno-
stische Schlusse notwendigen Vorkenntnisse fast ganzlich fchlen.
5. Der Behauptung, welcher man selbst in der auf Wissen-
schaftlichkeit Anspruch erhebenden Literatur nicht selten noch
begegnet, daU die Homosexualitat ein Produkt der tlberkultur
und ein Stigma v5lki$cher Dekadenz sei, widersprechen sicher-
gestellte Beobachtungen bei Volkern, denen gegeniiber aller
Verdacht ausgeschlossen ist, dafi Verfeinerung der Sitten, Vlber-
drufi am Normalen und t)berkultur in irgendeiner Richtung von
Einf lufi gewesen sind. Schon Friedrich von Hellwald
schrieb 1875, dafl Homosexualitat nirgends haufiger als gerade
unter wilden Stammen zu f inden sei. Von Volkern gilt
hier dasselbe wie von Individuen; die abgelebten homo-
sexuellen Wiistlinge sind auch in der Ethnologic zur Fabel ge-
worden.
6. Die Beurteilung der Homosexualitat laBt ethnographisch
drei Stufen erkennen. Sie folgen sich in der Kulturentwick-
lung zeitlich, finden sich aber, da die Kulturhohe der Volker
cine verschiedene, dennoch gleichzeitig vor.
Die e r s t e Stuf e ist die der naiven Tolerierung und Nutz-
barmachung der Homosexualitat. Die Gleichgeschlecht.lichkeit
tritt hier schon als sozialer Faktor auf, indem die ihr Zuge-
horigen als unterschiedliche Stammesgruppe erkannt, anerkannt
und fiir gewisse soziale Funktionen verwandt werden. Diese
sind fiir die Virilen teils kriegerischer Art (Beispiel: der
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legSgloxog der Thebaner), teils padagogischer Art (Beispiel: die
kretisch-dorische Jugenderziehung) ; f lir die Feminineren
sind es Dienstbarkeiten im weitesten Sinne, hausliche Arbeiten,
sanitare Verrichtungen (Florida). Die Mittelgruppe, die
weder ausgesprochen viril und feminin, aber doch zugleich beides
ist, erhebt sich vielfach liber das Niveau dier Stamtnes^genossen als
Priester, Zauberer, Arzte, Weise, Seh'er, Dichter, Sanger und
Ktinstler.
Auf der zweiten Stufe gewinnen die sexuejlen Kontra-
instinkte der Mehrheit die Oberhand; sie ftihren zji einer Ver-
folgung der Homosexuellen, deren allgemeine konseqfuente Hand-
habung sich jedoch tiberall in der Praxis als undurchftihrbar
erweist, und die daher nur in Ausnahmefallen zur VoUstreckung
gelangt. Dabei hat PrStorius^^) recht, wenn Qr ausftihrt: „dafi
in den Landern, wo Straffreiheit existiert, die Homosexualitat
nicht starker in die Offentlichkeit tritt als in Landern mit
Strafandrohung, ja daU sich eher das Gegenteil behaupten laBt".
Ebenso scheint zuzutreffen, was Urninge auf Grund ihrer Er-
fahrungen vielfach angeben, daB im ganzen mit der Strafver-
folgung die Quantitat homosexueller Handlungen zu-, die
Qualitat homosexueller Beziehungen abnimmt; die homosexuelle
Prostitution und Halbprostitution wachst auf Kosten monogamer
2usammengehorigkeit.
Die dritte Stufe ist die der gedanklichen Durchdringung
und wissenschaftlichen Erforschung der Homosexualitat und ver-
wandter Naturerscheinungen ; das beste Beispiel hierf iir bdetet
zurzeit Deutschland. Gelegentlich schlieBt wie bei Plato
die dritte Stufe sich unmittelbir an die erste an, doch blieben
dies bisher Ausnahmen ohne Durchschlagskraft.
7. In j e d e m Volke herrscht die Gepflogenheit, und zwar fae-
steht hier kein Unterschied zwischen Natur- und Kulturvolkern,
Alter turn und Neuzeit, von einem anderen, und zwar meist einem
ihm feindlichen zu ^behaupten, daB es die Homosexualitat bei
ihm eingeschleppt haben. Wie die Franzosen vom deutschen,
sprechen die Bulgaren vom tiirkischen, die Japaner vom chine-
sischen, die Argentinier vom brasilianischen Laster; so sprachen
.auch schon die Romer von griechischer Liebe, die Griechen von
persischen Gewohnheiten. VoUkommen irrtiimlich ist auch die
Annahme Richard Burtons, dieerin den „Arabian nights**
A^ertritt, daB die Paderastie als endemische Erscheinung an
geographische Grenzen gebunden sei. Ihr Verbreitungsbezirk, den
•7) Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. IV., p. 800.
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er sotadische^^) Zone nennt, soil sich von den Grenzlandern des
Mittelmeers nach iJ^leinasien erstrecken, dort schmaler werden,
um sich in Indochina wieder zu erweitern, soli dann von China
bis zu den Stidseeinseln reichen nnd schlieBlich ganz Amerika
umfassen, bei dessen Entdeckung sich die „sotadische Liebe"
tiberall vorfand. Mit Recht waiidte sich schon J. A.
S y m n d s^^) gegen diese Auf f assung seines Landsmanns, indem
er viele Volker auBerhalb dieses Bczirks namhaft machte, unter
denen die Homosexualitat genau so verbreitet nnd beurteilt wird
wie in der „sotadischen Zone*'.
8. Trotz der Verschiedenheit der Beurteilung ist die tjber«
einstimmung homosexueller Erscheinungsformen und die Gleich^
heit homosexuellen Lebens von den primitivsten bis zu den
kultiviertesten Volkern unter alien Rassen und Klassen so unge-
mein groB, daB esganz unmoglich ist, daB hier etwas
anderes als ein tief in der Menschheit wurz eludes
Naturgesetz obwalten kann.
•8) Vgl. oben p. 25.
99) Symonds, Ein Problem der heutigen Ethik, 1896,
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NEDNUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Die HomosexualitSt im Tierreich.
Das Kapitel liber die Verbreitung der Homosexualitat wlirde
unvollstandig sein, wenn wir nicht auch noch der Verbreitung
dieser Erscheinung bei anderen Lebewesen, insonderheit bei den
Tioren. einige Worte widmen wlirden.
Das Vorkommen homosexueller Betatigung bei Tieren
ist bisher wissenschaftlich noch wenig erforscht, noch weniger
naturgemafi das Bestehen homosexueller Neigungen, deren
Feststellung besonders lange und griindliche Beobachtungen er-
forderlieh machen wlirde. DaU solche einstweilen selten
durchgefuhrt sind, kann nicht weiter wundernehmen, wenn
man die Klirze der Zeit in Betracht zieht, seit der das homo-
sexuelle Problem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung ist.
Das vorliegende Material beschrankt sich daher im wesentlichen
auf gelegentliche Einzelbeobachtungen, die als Kuriosa lange-
sprochen wurden und fiir uns nur gewissermaUen als Stich-
proben in Betracht kommen konnen. Immerhin bieten sie so viel
Charakteristisches, daB sie mancherlei Schllisse gestatten .und
vor allem w^ertvoUe Anregungen und beachtenswerte Hinweise
ftir wei teres Forsehen geben. Die einzige bisher existierende
zusammenfass:nde Arbeit liber „Paderastie und Tribadie bei den
Tieren (auf Grund der Literatur)** rlihrt von dem Berliner
Zoologen Prof. K a r s c h ^a) her.
Im Gegensatz zu der friiheren Auffassung, die Casper noch in
der Mitte des vorigen Jahrhunderts vertrat, daC Homosexualitat bei
Tieren iiberhaupt nicht vorkomme, wissen wir heute, dafi wir ilir
nahezu in alien Gruppen des Tierreiches, soweit wir von diffe-
renzierten geschlechtlichen Regungen iiberhaupt sprechen konnen, be-
gegnen.
In der Proklamation an die Burger von Konstantinopel aus
dem Jahre 559 nennt Kaiser Justinian die gleichgeschlechtlichen
Akte „verabscheuungswerte und des gottlichen Zornes wiirdige" Hand-
lungen, deren sich nicht einmal die unverniinftigen
%) Jhb. f. sex. Zw. Bd. II, S. 126—161.
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Tiere schuldig machten, und der heterosexuelle Transvestit
Ulrich von Lichtenstein, der es ablelmte, sich mit Mannen,
die „den Mann minnen" im Turnier zu messen, hebt in seinem .,Frauen-
buch" vom Jahre 1257 dabei hervor, daB nicht einmal das Tier der-
gleichen tne. Es heifit darin^) : .
„Stat daz wol, daz nu diu man
Mit einander daz begant,
Des vogel noch tier niht willen ban t."
Die gegenteilige Ansicht aus gleicbem Affekt verfocht der Reichs-
tagsabgeordnete Heckscher, der im deutschen Parlameut Homo-
sexualitat ,,Hundemoral" nannte, eine Bemerkung, die sich spater im
ProzeB gegen Harden Oberstaatsanwalt Isenbiel zu eigen machte.
Von Mannern der Wissenschaft sagt Eduard Meyer 2): „Die Homo-
sexualitat ist bei Menschen und Tieren iiberall verbreitet"
und W e s t e r m a r k 3) schreibt : „Diese Erscheinung, der wir auch
bei den Tieren sehr oft begegnen, kommt wahrscheinlich,
wenigstena sporadisch, bei alien Rassen der Menschheit vor und ist
bei raanchen Volkern so verbreitet, daB sie als eine nationale Ge-
wohnheit gelten kann", wozu er in einer Anmerkung noch erweiternd
hinzufiigt: „Die Mitteilung, die Homosexualitat sei bei diesem oder
jenem Volke unbekannt, bedeutet selbstverstandlich noch nicht, daB
sie nicht insgehteim geiibt wird."
Da unsere Kenntnis vom Seelenleben der Tiere auBerst be-
schrankt ist, wird es schwer sein, im Einzelfalle zu unter-
scheiden, ob es sich um homosexuelle Akte infolge von Mangel
andersgeschlechtlieher Partner oder von Tauschungen irgend-
welcher Art oder um Wahlbevorzugung des eigenen Ge-
schlechtrf handelt. De Kerville*), der im Jahre 1896 in der
Pa riser Entomologischen Gesellschaft liber homosexuelle Betati-
gung von Maikafern beriohtete, hob diesen Unterschied bereits
hervor, indem er, ahnlich wie bei den Menschen, von ,,pederastie
par necessite** und „pederastie par gout** sprach. Er glaubte,
solchc mannliche Maikafer zu den letzteren zahlen zu dtirfen,
die trotz der Anwesenheit von Weibchen anderen Miinnc^hen
den Vorzug gahen. Ulrich s glaubte, die passiven Partner
mannlicher Maikaferpaare deshalb als urnisch ansehen zu
miissen, weil sie fast regelmaBig auch in ihrem Korperbau an
das weibliche Geschlecht erinnerten, beispielsweise dicker waren,
als andere Mannchen.
Ein anderer Umstand, aus dem man bei Tieren auf Homo-
sexualitat aus Neigung schlieBen konnte, wurde sein^ wenn
1) p. 614. 20.
2) Eduard Meyer, Geschichte des Altertums. Bd.
L 2. II. A.
1907. S. 94.
3) Edward Westermark, Ursprung und Entwicklung der
Moralbegriffe. Bd. II. Kap. 36. 1909.
*) D e K e r V i 11 e , H. G., Perversion sexuelle chez les coleoptires
males e. t. c. Bulletin de la Soci^te entomologique de France du
2G. II. 1896.
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man sie trotz der Gegenwart andersgeschlechtlicher Individuen
fortge«etzt und ausschlieUlich mit ihren Geschlechtsn
genossen verkehren sehen wlirde. Solche Beobachtungen lassen
sich naturgemaU nur bei Haustieren oder bei Tieren in der Ge-
fangenschaft anstellen, und sind hier in der Tat — namentlich
bei Hlihnern, Entenvogeln und Tauben — mehrfach gemacht
worden.
Es ist naheliegend, daC wir auch bei Tieren wie beim Menschen
den Ausgang homosexueller Neigungen in ihrer urspriinglich zwei-
geschlechtlichen Anlage zu sehen haben. Der korperliche Hermaphro-
ditismus ist im Tierreich als Normalzustand weit verbreitet; bei den
Ringelwiirmern und Weichtieren noch vorherrschend, finden wir ihn
vereinzelt noch bei Wirbeltieren, namentlich bei Fischen. Nicht selten
finden wir aber bei hoheren Tieren Zwitterbildungen aller Art als
Ausnahmeerscheinungen, besonders Halbseitenzwitter bei den
Schmetterlingen, Pseudohermaphroditen bei den Wiederkauern und
mannigfaltige androgyne Stigmata bei alien Tierarten, sexuelle Varian-
ten in der Farbung und Korperbildung der Insekten, dem Gefieder der
Vogel, in den Zalin-, Geweih- und Behaarungstypen, sowie der Milch-
driisenentwickelung der Saugetiere, kurz nach ' jeder Richtung hin^).
Vielfach nehmen Tiere in vorgeschrittenerem Alter korperliche
Gesclilechtscharaktere des anderen Geschlechts an. Bei manchen
Tieren ist es ferner die Kegel, daC Mannchen Funktionen und Gewohn-
heiten des Weibchens iibernehmen und umgekehrt. Bei bestimmten
Fisch- und Vogelarten ist die Brutpflege Sache der Mannchen, wahrend
wir bei Insekten, bisweilen aber auch bei hoheren Tieren, die Weibchen
als Beschiitzer und Ernahrer der Familie finden. Bei einzelnen Arten
sind sie von der Natur zu diesem Behufe besonders „kriegsmafiig" aus-
gestattet. Was hier die Kegel ist, tritt bei anderen Tierarten voriiber-
gehend und unter dem Zwange auBerer Umstande auf.
6) Zahlreiche Beispiele dafiir, sowie fiir Begattungsaversion und
gleichgeschlechtliche Intimitaten finden sich in B r e h m's Tierleben,
so Bd. II. S. 263 (Lippenbar), S. 275—76 (Hiihnerhund und Waschbar),
S. 453 (Siebenschlafer), S. 627, 629 u. 633 (Hasen) ; Bd. III. S. 18
(Elefant), S. 167 (Auchenia vicugna), S. 637 (Pottwal) ; Bd. IV. S. 20
(Stubenvogel), S. 258 (Sommerrotvogel) ; Bd. V. S. 425 (Lachtauben)^
S. 559 (Wachtelmannchen), S. 609 (Truthuhn) ; Bd. VI. S. 446 (Geier)^
S. 689 (Emu); Bd. VII. S. 76 (Basilisk), S. 219 (Schlangen), S. 316
(Ringelr^atter), S. 404 (Kreuzotter), S. 444 u. 454 (Klapperschlange),
S. 471 (Otter), S. 668 ff. (Wasserfrosch), S. 672 (Grasfrosch), S. 701
(Erdkrote); Bd. VIII. S. 8 (Fische), S. 36 u. 45 (Barsch), S. 218
(Quappe), S. 250 (Karpfen), S. 257 (Griindling), S. 277 (Blei), S. 324
u. 333 (Lachs), S. 337 (Lachsforelle), S. 341 (Forelle), S. 396 (Aal),
S. 400, 405, 409 (Seeaale), S. 491 (Mvxine glutinoia, Inger) ; Bd. IX.
S. 17 u. 18 (Insektenzwitter), S. 85 (der heilige Pillendreher), S. 131
(Maiwiirmer), S. 300 (Wespen), S. 391 (Tagfalter), S. 393 (Totenkopf),
S. 424 (Schmetterlingszwitter), S. 546 (Svlphiden), S. 562 (Termiten),
S. 748 (Bartierchen) ; Bd. X. S. 13 (Krebse), S. 60 (Fischasseln), S. 68
(RankenfiiBer), S. 72 (Sacculine), S. 98 (Radertiere), S. 104 (Gastro-
trichen), S. 113 u. 114 (Regenwiirmer), S. 119 (Nereiden), S. 139
(Blutegel), S. 154 (Nematoden), S. 169 (Seitenwiirmer), S. 187 (Sau^-
wiirmer), S. 189 (Diplozoon paradoxon), S. 193 (Zweimauler), S. 210
(Mikrostomeen), S. 215 u. ff. (Strudelwiirmer), S. 220 (Moostiere), S. 241
(Ascidien), S. 249 (Salpen), S. 295 (Ruderschnecken), S. 303, 322
(Schnecken), S. 427 (Auster), S. 577. 605 (Korallen), S. 629 (vSpongien).
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Im Zvsammenhange mit diesen hermaphroditischen Erscheinungen
finden wir — analog den Verhaltnissen bei Menschen — auch bei
hoheren Tieren, Affen, Hunden, Wiederkauern iisw., den Geschlechts-
trieb in der Jugend indifferenziert. Es besteht oit in der Wahl
des Sexualobjekts anfangs eine voUige Kritiklosigkeit gegeniiber beiden
Oeschlechtern. Auch in hoherem Alter laCt das sexuelle Unterschei-
dungsvermogen oft im Zusammenhange mit dem Hervortreten anders-
geschlechtlicher "Geschlechtscharaktere vielfach nach. Auf Gnmd solcher
entwicklungsgeschichtlicher Erwagungen bezeichnet B 6 1 s c h e hohere
Tiere und auch Menschen, die sich homosexuell betatigen, als „zoo-
iogische Reaktionare".
Hinsichtlich der homosexuellen Betatigung der Tiere konnen
wir folgende drei Grujppen unterscheiden :
1. Tiere, die sich aus Not oder infolge von Tauschung mif
geschlechtsgleichen Individuen paaren ;
2. solche, bei denen diei Entscheidung, ob es sich nicht auch
um Neigung handeln kann, zweifelhaft ist, und
3. solche, bei denen man auf Grund der Begleitumstande
oinc ausgesprochen gleichgeschlechtliche Neigung annehmen muB.
Zur ersten Gruppe miissen wir Haussiiugetiere und Vogel
zahlen, die nach Geschlechtern getrennt, abgesperrt sind und
sich untereinander betatigen, ebenso Mannchen, die andere
Mannchen attackieren, kurz nachdem diese den Akt mit einem
Weibchen vollzogen und den Duft derselben noch an sich haben,
oder solche, die sich mit anderen Mannchen in der Nahe von
Weibchen paaren, deren Ausdunstungen sie irreleiten. Auch
der von Scherer in Sainen neuerdings in der Zeitschrift flir
wisscnschaftliche Insektenbiologie (VIII, II) veroffentlichte Fall,
der unter der tJberschrift : „Homosexuelle Betatigung eines
Zitronenfalters** durch die Presse ging, scheint in diese Kategorie
zu gehoren. Verschiedene Forscher, die solche Falle zu beob-
achten Gelegenheit hatten, nehmen, wie beispielsweise Fere^),
an, daU ausschlieBlich diese Formen bei Tieren vorkommen, eine
Homosexualitat aus Neigung bzw. aus Anlage bei ihnen aber
nicht zu finden ist. Erne ganze Reihe in der Literatur veroffent-
lichter Falle, die wir unserer zweiten Gruppe zuzahlen muBten,
erwecken aber berechtigte Zweifel an dieser Auffassung. Schon
de Buffon^) berichtet von Klihen und Hiihnervogeln, die
trotz der Anwesenheit andersgeschlechtlicher Tiere ihrer Art
sich Individuen ihres eigenen Geschlechts sexue.l naherten. Es
erscheint sehr fraglich, ob man hierin, wie de Buffon glaubt,
nur eine besonders starke Libido zu sehen hat, oder ob nicht
7) Fere, Ch., Les perversions sexuelles chez les animaux,
Paris 1897.
«) D e Buffon, G. L. L., Histoire naturelle, 9 Vols. Paris
1770/83.
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vielmehr eine spezifische Anlage vorlag. — Auffallend erscheint
die Tatsache, daB die Maikafermannchen, die man bei j^leich-
ge«chlechtlichen Paarungen in passiverRollefand, f ast regelmaBig
auch feminine Korperformen zeigten. Diese Weibahnlichkeit ging
in einigen Fallen so weit, daB man, wie Doebner^^) berichtet,
znnachst glaubt, es handle sich um Weibchen mit abnormer
Fuhlerbildung. Es liegt nahe, in solchen Fallen einen Zusammen-
hang zwischen konstitutioneller Anlage und Neigung anzu-
nehmen.
In einer Reihe anderer Fa He treten derartige Zusammen-
hange mit charakteristischer Deutliehkeit zntage ; es ist in Uinen
die Konstanz der Neigung iiberdies so einwandfrei beobachtet,
daB ich keine Bedenken trage, sie der dritten Gruppe zuzuzahlen.
Es erscheint allerdings auffallend, daB die hierher gehorigen
Beobachtungen fast ausschlieBlich Haustiere betreffen. Die An-
nahme von Peters^^), daB das Zusammenleben mit den
Menschen hier storend in den Entwicklungsgang eingegriffen
und krankhafte Triebe hervorgerufen habe, ist aber in keiner
Weise bewiesen.
Dem widersprechen auch die folgenden, wertvollen Angaben, die
ich Herru Dr. O. Heinroth, I. Assistenten des Berliner Zoologischen
Gartens, verdanke, der seit vielen Jahren sich mit der Erforschung
der Ethologie und Psychologic der Wasservogel beschaftigt, und der
als einer der ersten grundlegende Arbeiten iiber das Liebesleben und
-werben der Anatiden, der Entenvogel, veroffentlichtei2). Er sagte mir:
„Man kann bei den verschiedensten Entenarten oft die Beobachtung
machen, dal5 sich zwei mannliche oder zwei weibliche Tiere miteinander
paaren, und zwar handelt es sich hierbei nicht um Akte gewaltsamer
Notziichtigung, sondern die beiden Partner, seien es nun zwei Mann-
chen, Erpel genannt, oder Weibchen, treffen dieselben Vorbereitungen
wie zu einer gewohnlichen Begattung. Diese bestehen bei den Braut-
enten z. B. darin, daB das Mannchen zunachst auf das Weibchen
zuscliwimmt und zum Zeichen der Aufforderung den Schnabel ins
Wasser taucht ; hierauf legt sich das Weibchen wie tot auf das
Wasser, und nach langerem Liebesspiel erfolgt dann die Begattung.
Ein ahnliches Spiel sehen wir bei homosexuellen Akten zwischen zwei
Mannchen: beide tauchen zunachst die Schnabel ins Wasser; dann
legt sich der eine Partner auf das Wasser, und der zweite besteigt* es ;
auch bei dem Verkehr zweier Weibchen miteinander spielt das eine
den passiven Teil, der langgestreckt ruhig auf dem Wasser schwimmt,
wahrend das andere es besteigt. Auch das Liebesnachspiel ist das-
selbe wie nach dem Akt zwischen Mannchen und Weibchen: der aktive
Partner umschwimmt den ruhig liegen bleibenden femininen Teil. —
Es ist auffallend, daB dergleichen homosexuelle Akte zwischen Tieren
*o) D o e b n e r , E. Ph., Uber scheinbar abnorme Antennenform
bei Melontha vulgaris Entomologische Zeitung, Stettin, 1850.
ii) P e t e r s , E., Die W^ahrheit iiber das dritte GescUlecht, Bremen.
12) O. H e i n r o t h , Beitrage zur Biologie, namentlich Ethologie und
Psychologic der Anatiden. V. internationaler Ornithologen-KongreB.
1910. Beobachtungen bei einem Einbiirgerungsversuch mit der Braut-
ente. Journal f. Omith. 1910, Heft I, 101—156.
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vorkommen, die in groBerer Gesellschaft leben, und denen geniigend
Geiiossei. des anderen Geschleohts zur Verfiigung stehen. Man kann
fast auf jedem Ententeiche Freimdespaare des gleichen Geschlechts
beobachten, die getreulich zusammenhalten und sich gegenseitig gegen
andere verteidigen. — Bisweilen jedoch werden diese innigen Freund-
schaften gestort, wenn ein neuer schmucker Erpel oder eine frische
Ente hinzukommt, die dann von den normalen Partnern umworben
werden. — Neben diesen mehr „bisexuellen" Biindnissen hatte Dr.
H e i n r o t h aber auch Gelegenheit, echte homosexuelle Verhaltnisse
zu beobachten. So erzahlte er, daB vor einigen Jahren der Berliner
Zoologische Garten ein Paar Trompeterschwane besaB, die er stets fiir
Mannchen und Weibchen hielt; sie hielten stets treu zusammen und
begatteten auch einander. Als der mannliche Partner starb, wurde
das angebliche Weibchen einem hollandischen Zoologischen Garten
iibcrsandt; es dauerte aber nicht lange, so wurde es von dort miW der
erstaunten Bemerkung zuriickgesandt, daB es sich ja urn ein miinn-
liciies Tier handele ; die manuelle Untersuchung bestatigte in der Tat
diese Angabe. Die Verwechselung war in diesem Falle um so er-
klarlicher, als bei Trompeterschwanen Mannchen und Weibchen rein
auBerlich schwer unterschieden werden 'konnen. Das so entlarvte
Mannchen wurde nun mit einem Weibchen und Mannchen derselben
Art in einen Teich gesetzt ; es kiimmerte sich aber nicht um die
feminine Genossin, sondern befreundete sich bald mit dem anderen
Mannchen, von dem es nach einiger Zeit auch begattet wurde. —
Ein Gegenstiick zu diesem ,.femininen Homosexuellen" bildete ein
mannlicher Ganser, der mit einem anderen in so inniger Freund-
scliaft lebte, daB beide fiir ein Paar gehalten warden. Als der ;weib-
liche Teii starb, stellte es sicli heraus, daB es sich um ein Mannchen
gehandelt hatte. Der iiberlebende Genosse suchte alsbald die Freund-
schaft eines anderen Gansers ; dieser war zunachst wenig crbaut von
der zartlichen Anniiherung des Mannchens und suchte sich seinem
Liebeswerben durch die Flucht zu entziehen ; nach einiger Zeit jedoch
hatte er sich mit ihm angefreundet und lieB sich die Besteigung ge-
fallen. — Die beobachteten echten homosexuellen Verhaltnisse zwi-
schen den verschiedenen Entenvcigeln zeichneten sich durch ihre Be-
standigkeit aus ; die Freunde hielten Sommer und Winter, oft bis
zum Tode zusammen. — Weibliche Freundschaftsverhaltnisse wer-
den sehr haufig auch bei Tauben beobachtet ; es ist vielen Ziichtern
bekannt, daB sie oft im Neste zweier angcblich verschieden geschlecht-
licher Tauben vier Eier statt zwei vorf inden ; es waren zwei weibliche
Tauben, welche zusammen lebten, und die nur sehr schwer mit
Taubern zusammengebracht werden konnten.
Ahnliche Falle finden wir bereits mehrfach in der fachwissenschaft-
lichen Literatur und begegnen ihnen auch bisweilen in Zeitungsnotizen.
So berichtete die „Potsdamer Tageszeitung" vom 10. VIII. 1912 von
zwei Taubern die sich paarten. Als die Zeit zum Briiten kam, jagte
einer den anderen aufs Nest. Als man ihnen nun ein Hiihnerei unter-
legte, war die Freude . der beiden Taubcr groB, und sie stritten sich
ordentlich um das Briiten. Als analoge Erscheinungen beim Jagdwild
glaube ich die von R a e s f e 1 d^^), E u 1 e f e 1 d**), W u r m^*) u. a.
mitgeteilten Beobachtungen auffassen zu diirfen, nach denen die nach
mannlicher Art gehornten Ricken, auch wenn kein Hermaphroditismus
der Sexualorgane besteht, in der Regel ,,Geltgeisen" sind und in ihrem
Liebesleben von den normalen Ricken entschieden abweichen. —
Wiederholt wurden mir Hunde vorgestellt, die trotz reichlicher
Gelegenheit, mit Hiindinnen zu verkehren, um diese herumgingen, da-
is) Raesf eld, I. V. „Das Hochwild", Berlin 1899.
i*^Eulefeld, A. „Das Rehwild*', Berlin 1896.
") Wurm, Dr. W. „Die Jagdtiere Mitteleuropas", Berlin 1897.
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gegen sicb in unver^vennbar libidinoser Weise mannlichen Genossen
jiaberten; mehrere dieser Hunde zeigten „weiblicbe Einscblage".
Fassen wir unsere Erfahrungen zusammen, so steht es
zunachst zweifellos fest, daU homosexuelle Betatigung bei
Tieren vielfach vorkommt. Hinsichtlich der Feststellung der
Athiologie stehen wir ahnlichen Schwierigkeiten gegeniiber wie
bei primitiven Volkern, insofern ein Eindringen in das Seelen-
leben uns hier wie dort durch den Mangel an Verstandigungsf-
moglichkeit nnd die namentlich bei den Tieren zu verschieden-
artige psyehologische Konstitution erschwert ist.
Immerhin weisen manche charakteristische Zusammenhange
mit anderweitigen sexuellen Abweichungen und Analogien mit
iibereinstimmenden Erscheinungen beim Menschen darauf bin,
daB auch bei den Tieren in vielen Fallen eine endogene homo-
sexuelle Triebrichtung besteht, als deren Grundlage wir die in
der onto- wie phylogenetischen Entwicklung durchweg nach-
weisbare bisexuelle Anla^e ansehen miissen^^).
Wenn man demgegenliber einwendet, daB die Homo-
sexualitat dann etwas den Entwicklungs'prinzipien Znwi'der-
laufendes sein muB, so ist dem entgegenzuhalten, daB die Natur
durchaus nicht immer auf dem geraden Wege der Fortpflanzung,
sondern vielfach anch auf Nebenwegen durch scheinbar unzweck-
maBige Entwicklungstypen das Ziel biologischen Fortschritts
erreicht, ferner, daB die Fortpflanzung nur eines der Mittel
zur Artvervollkommnung ist, dem andere biologische Faktoren
erganzend zur Seite stehen.
*^) Vgl. die Abbandlung „Gonocborismus und Hermapbrodismus".
Ein Beitrag zur Lebre von den Gescblecbts-Umwandlungen (Mela-
ptosen). Von Ernst Haeckel, Jena, im Jabrb. f. sex. Zw. Bd. XIIT
S. 259 ff.
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DREISSIGSTES KAPITEL.
Die Rolle homosexueller Manner und Frauen inner-
halb der menschlichen GesellschafL
Symbiose der Homosexueilen.
t'berschauen wir das liber die Verbreitung de& Uranismus
Gesagte, so legt sowohl die Quantitat ala die Qualitat der
Homosexueilen die Vermutung nahe, daB sie als sozialer Faktor
fiir das Gesellschaftsganze nicht belanglos sind. Diese An-
nahme findet in den Tatsachen ihre Bestatigung. Wer viele
Urningf; gesehen hat, fiir den kann es audi nicht dem ge-
ringsten Zweifel unteriiegen, daB der Homosexuelle von Natur
au3 ein eminent soziales Wesen ist, bestrebt iiber sich hinaus
zii wachsen und zu wirken, bemliht teilzunehmen an der Fort-
entwicklung der sich aus einzelnen zusammensetzenden Ge-
samtheit. Nftcke^) bemerkt einmal, daB die „Syinbiose mit
den wahren Invertierten, die zum groBen Teile edle, aufojpfernde
Mensehen seien, den Heterosexuellen nur ntitzlich sein konne.**
Wird der Urning ein Einsiedler, ein Einspanner, so sondert er
sich selten aus primarem Empfinden ab, sondern meist aus
MenschenScheu, die nach und nach in ihm die Oberhand gewann,
als «r die Erschwerungen gewahr wurde, die sich seiner Ent-
faltung oft genug schon dann hindernd entgegenstellten,. wenn
von sexueller Entspannung noch gar keine Rede war. Trotz
dieser WiderstSnde, an denen mancher Urning vor der Zeit
zerschellte, ist die Summe der Kulturwerte, ethischer, Ssthe-
tischer, und sonstiger, die die Menschheit den Uraniern yer-
dankt, nicht gering zu veranschlagen.
Was groBe Urninge im groBen, leisteten kleine im kleinen. Schon
ini „Urnischen Mensehen"^) und den „Naturgesetzen der Liebe" habe
1) N a c k e , P. Angebot und Nachfrage von Homosexueilen in
Zeitungen, Archiv fiir Kriminalanthropologie und Kriminalistik von
Gross. 8. Bd. 3. u. 4, Heft, 1902. p. 319/350.
2) Der Urnische Mensch, p. 157.
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ich ausfiihrlich klarzulegen versucht, daB auch die Liebe, der keine neue*
Lebeweseu entspringen, produktiv ist. Ich f ragte : Haben denn Michel-
angelo und Friedrich der GroBe ihren Naturzweck verfehltv
weil sie keine Kinder hinterlieBen ; bedeuteten sie nicht dem Ganzen
uiehr al.s eine Schar ihrer Zeitgenossen, die zusammen tausend Kinder
zeugten? Nutzlos ist nur der Tatenlose, zwecklos nur, wer am gemein-
samen Werke der Vervollkommnung nicht mitarbeitet. Der Wert eines;
Menschen hangt von den Wei*ten al), die er erzeugt. In d'est^m Sinne hal:en.
sich die Uranier durch das, was sie bildeten und form ten, durch Ge-
danken und Taten vielfach als treibendo Krafte, Forderer und Vor-
kampfer erwiesen und hatten es sicherlich in noch hoherem MaBe-
tun konnen und getan, wenn sie nicht so oft in ihrem Innersten ver--
letzt und verstiimmelt worden waren.
Der Berliner Hochschullehier Josef Kohler hat einmal.
empfohlen, diejenigen Homosexuellen straflos zu Lassen, die be-
deiitende Leistungen aufzuweisen hatten. Ist dieser Vorschlag.
auch undurehflihrbar, so laBt sich der Idee, die ihm zugruadfe-
liegt, daU namlich durch ein geistiges Plus ein korperliohes
Manko ausgeglichen werden konne, eine gewisse Berechtigung
nicht absprechen. Berg^) stellt dies geradezu als Forderung
auf. Er sagt: „Die Homosexuellen konnten und soUten uns
helfen, hohere Kultur zu schaffen, den Geist, die Kunst und die
Schonheit zu befreien. Sie sind es der Ge sells oh aft
sogar schuldig als Ersatz ftir ihre physische TJn-
fTUchtbarkeit."
Tatsachlich sehen wir, daU man selbst dort, wo die gleich-
geschlechtliche Liebe verpont ist, bei bedeutenden und volkstum-
lichen Personen oft dartiber hinweggesehen hat.
Namentlich tritt dies bei Biihnenkiinstlem hervor. So war um
die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert einer der geschatztesten Man-
ner Berlins, ,^leich groB als Patriot und edel als Mensch", der Schau-
spieler und Biihnenleiter August I f f 1 a n d , trotzdem alle Welt, voran
die Koni^in Luise, wuBte, daB er homosexuellen Neigungen nach-
hing. Ahnlich war es einige Jahrzehnte spater mit Hermann
Hendrichs, der zwar seines Engagements am Kgl. Schauspielhause
verlustig ging, als er einmal nachts verhaftet wurde,. weil ein von ihm
umworbener Soldat Larm schlug, der aber, als er nicht lange danach
die Btihne des Viktoriatheaters betrat,. um so enthusiagtiacher von der
uber ihn vollkommen unterrichteten Berliner Bevolkerung begriiBt
wurde. In Wien war der groBe Baritonisd T he-odor Reichmann
trotz seiner stadtbekannten Mannerliebe- Jahrzehnte lang eines der be-
liebtesten Mitglieder der Hofoper. Noch. zahlreiche ahnjiche Beispiele
homosexueller Kiinstler und Kiinstlerinnen aus fniherer und jetziger
Zeit konnte ich anfiihren, deren Popularitat durch. das Bekannt werden
ihrer gleichgeschlechtlichen Neigungen keine EinbuBe erlitt. Und wie
bei Kiinstlern ist es bei vielen andei^en verdienten und hervorragenden
Personlichkeiten. Als Dante seinen, Lehner Brunette Latini^
einen der gelehrtesten Florentiner seiner Zeit^), in der Holle im
Zuge der Paderasten erblickt, redet er. ihn. mit hochster Ehrerbietung
*)Leo Berg, Geschlechter^ 2. Band der II. Serie der Sammr-
lung ,,Kulturprobleme der Gegen.wart!* p. 1.66..
6) Er lebte von 1220—1294:..
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jan : „ Ach Herr Brunefcto, seid I h r hier" und sieht .,betrubteii
Geistea danii sein treues gutes Vaterangesicht voruberschweben". Es
lieiCt von diesem Zuge im 15. Gesang der Holle:
,,Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint
Von groBem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den jeder nun beweint."
Kein Volk hat es bekanntlich in so hohem Mafle ver-
:standen, die gleichgeschlechtliche Empfindung dem Staatsganzen
nutzbar zu machen wie das hellenische. Von den drei der
Homosexualitat gegentiber vorhandenen 'Verhaltungsmoglioh-
keiten — ihrer Verfolgung, Duldung oder sozialen Ausnutzung
^ — hat es den dritten Weg gewahlt und nicht zum Schaden des
Landes.
Der estnische Dichter Alexander Freiherr von U n g e r n -
Sternber g^) legt dem Archaologen JohannJ. Winckelman n')
dariiber folgende Worte in den Mund: „Was ich auch dem Christentum
in die Schuh schiitte, ist die Niedertretung und Nichtbeachtung eines
kosllichen Instituts, eines Instituts, aus dem das Heidentum seine groii-
ten Manner, seine ehrwiirdigsten Philosophen, der Staat seine besten
Biirger zog Staunen miissen wir, wenn wir erwSgen, was alles
die Griechen fiir geistige Krafte aus dem Institute der Freundschaft
hervorzauberten, was sie wirkten, indem sie das innige Zusammenleben
der Manner begiinstigten, ja sogar es staatlich beforderten. Gleieh,
•wenn die Jahre der Entwickelung voriiber waren, wurde der Knabe
den weiblichen Handen genommen und der mannlichen Leitung iiber-
tragen. Manner von gereiftem Verstand, von Kenntnissen und von Ver-
diensten um den Staat nahmen sich des jungen Weltbiirgers an, und
lUuter der Form der zartesten Anhanglichkeit, der vorsorglichsten
Zartlichkeit wuclis er unter ihrer Leitung zum Manne heran. Es war
fur den jungen Menschen eine Ehre, eine Auszeiehnung, oft viele
eolche Freunde um sich besorgt zu wissen, und das Streben dieser
Manner ging wiedej dahin, sich das Vertrauen und die Hingebung der
ani meisten befS,higten Jiinglinge zu erwerben. Wahlte der, der seine
Studien beendet hatte, eine von den vielen Anstellungen im Staate,
so sorgte der Freund dafiir, daB ihm die Wege g«ebnet wurden, daB
Iceine Schwierigkeiten ihn hemmten, er sah zu, daB die Leistungen des
jungen Mannes gliicklich ausfielen, denn er war fiir sein Wissen, seine
Fortschritte verantwortlich, er litt mit ihm, wenn es ihm schlimm
ging, auf ihn fiel ein groBer Teil der Schmach, wenn man den Un-
befahigten fiir unwiirdig zur Fiihrung eines offentlichen Amtes erklarte,
und er triumphierte mit ihm, wenn er den riistig Ringenden das Ziel
.erreichen sah. Was ist gegen eine solche seelenvolle Leitung unser
kiimmerlicher Schuldienst, wo bezahlte Lehrer dem Jiingling ein paar
Stunden opfern, sich spater aber nicht im mindesten um ihn kiimmern?
Was ist gegen diese Vorsorge, die das verstandige Auge des Vaters
mit der sorgsam pflegenden Hand der Mutter gleichsam verbindet,
(Jie kalte pflichtmaBige Aufmerksamkeit, die unsere Zeit dem werdenden
Menschen und Staatsbiirger widmet?" Die gleiche Anschauung finden
•wir von Plato bis auf dea heutigen Tag mehr oder minder maBvoll
ausgedriickt bei vielen Autoren, die sich in die ethische Seite des
homosexuellen Problems veijtief tern, am krassesten wohl bei B. Fried-
«) 1806—1868.
') Kunstlerbilder, 3 :B^pde. Leipzig 1861. 2. Band: W^inckel-
.m a n p.
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lander, wo sie sich zu dem paradoxen Satze versteigt: ,,nur ein
guter Paderasi kann ein guter Padagoge sein".
Neben ktinstlerischer und padagogischer Wirksamkeit liegt
der Natur vieler urnischer Manner und Frauen sehr eine phil-
anthropische Tatigkeit, die iiber die Familienliebe hinausi eine
innigere Verbindung zwischen isolierteren Einzelwesen derselben
Art herzustellen geeignet ist. In mehr als einer, ja fast nach
jeder' Richtung eignen sich Homosexuelle hierzu in hervor-
ragendem Grade. Schon. der chinesische Denker L a o t s e sagte :
„Wer mannliches Wesen versteht und gleichzeitig zum weiblichen
halt, wird der Mittler der ganzen Welt sein.** Zunachst be-
fahigt sic ihre Wesenheit, in der mannliche und weibliche Eigen-
schaften mehr im Gleichgewicht zueinander, stehen, beiden Ge-
sch lech tern das gleiche Verstandnis entgegenzubringen, sie
pradestiniert sie, beiden gerecht zu werden, den alten Kampf,
der trotz aller Geschlecht^liebe von jeher zwischen beiden Ge-
schlechtern bestand, zu mildern ; zum z w e i t e n stellt ihre Nei-
gung zwischen den verschiedenen Jahrgajigen desselben Geschlechts
eine Briicke her, zwischen jiingeren und alteren Leuten, der
reifen Frau und dem reifenden Madchen, dem heranwachsenden
und erwachsenen Manne. Dann aber gleicht die gleichgeschlecht-
liche Liebe viele Unterschiede aus zwischen Klassen, Kasten,
Kassen und Volkern. Wie oft sieht man, daO gerade der urnische
Aristokrat eine Vorliebe flir den Mann aus der Arbeiterklasse hat,
wie haufig kommt es vor, daJJ sich der nordische Homosexuelle
besonders ftir stidlandische „interessiert**, wie oft ftihlen sich
christliche Urninden nur von jtidischen, jlidische nur von christ-
lichen angezogen. Sicherlich handelt es sich hier um
Attraktionskrafte, die viele hemmende Schranken, so manchen
fichwerwiegenden Gegensatz auszugleichen geeignet sind.
In den Bekenntnissen des Grafen C a j u s s) heilit es : ,,. . . Zwar
gehore ich selbst einer edlen Familie an, und mehr als ich brauche, ward
mir zuteil. dennoch sehe ich im Geringsten meinen Bruder, so ist es
fast bei uns alien; ich habe Handwerker in den Hausern von Fiirsten
frei sich bewegend gesehen. Viele Beispiele urnischen Doppellebens
konnte ich hier anfiihren; erst neulich stellte sich mir ein CJrning der
russischen Aristokratie vor, der das Maurerhandwerk erlernt hatte,
um sich in dem ihm so sympathischen Milieu aufhalten zu konnen.
Ich will aber nur einen extremen Fall schildern, der sich vor cinigen
Jahren in Paris ereignete. Bei einer von mehreren Sicherheitsbeamten
dort vorgenommenen Razzia wurde unter anderen Obdachlosen ein in
Kleidung und Aussehen vollstandig heruntergekommener Mensch mit
Namen Henri B. aufgegriffen. Auf die Frage des Polizeikommissars
entgegnetc B., dafi er es nicht notig habe, ein solches Leben zui fiihren,
da er iMillionar sei. Nur aus Liebe zu nachtlichen Streifzvigen mit Strol-
ohen und Vagabunden habe er auf Geld und . Bequemlichkeit ver-
zichtet. Der Seamte maB diesen Angaben keinen Glauben bei, zog
8) Casper, Klinische Novellen, Berlin 1883.
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dann aber auf Wunsch des Verhafteten bei einem ilim naher bezcich-
neteii Reclitsanwalt der franzosischen Hauptstadt Erkundiffungen ein
und erfuhr iu der Tat, daC B. bei dom Reclitsanwalt 500 000 Franken
deponiert und auBerdem von seiner GroBmutter ungefahr zwei Millioneri
Franken geerbt babe. Da B. welter keine Straftat zur Last gelegt
werden konnte, wurde der homosexuelle Freund der Vagabunden wieder
entlassen.
Ich selbst habe schon in einer frliheren Arbeit ausgefiihrt:
,,Die Unterschiede des Standes, der Religion, der Rasse und der
Nationalitat spielen beim Urning nicht im entferntesten die
Rolle, wie bei dem normalen Manne ; seine Eigenschaften be-
fahigen ihn ungemein zum Altruisten und Vermittler, zum
Friedensstifter und Cberwinder sozialer Gegensatze." Bertz,
der diesen Satz zitiert, wendet sich dabei gegen Moll, der gesagt
hat, daB gerade in der Welt der Homosexuellen ausgesprochene
Standesunterschiede existieren, die hochstens durch die besondere
Art der urnischen Leidenschaften zeitweise verwischt wiirden.
Bertz 1^), der sicher ein sehr guter Kenner des Problems ist^
mcint: ,,da6 eine tiefe Humanitat, der alles heilig ist, was
Menschenangesicht tragt, geradezu zur Wesenheit des hoheren
Homosexuellen gehort, halte ich flir unbestreitbar."
Wenn wir audi nicht so weit gehen konnen wie Friedlander, der
glaubt, daB auch lieute noch jede menschliche Vergesellschaftung
letzten Grundes auf dem Triebe beruht, den wir den homosexuellen
nennen, so ist doch nicht zu leugnen, daB die bewuBte imd unbewuBte
Homo- und Bisexualitat neben der zur Familiengriindung vor allem
bestimmten Heterosexualitat eines der starksten Bindemittel ist, wel-
ches aus Einzelindividuen eine Gesellschaft, aus den socii eine societas
schafft. Es ist auch bemerkenswert, daB gleichgeschlechtliche Akte
bisher besonders bei den sozial lebenden Arten beobachtet wurden,
wie iiberhaupt eine Differenzierung der Geschlechter in mehr als
zwei nur bei Tieren vorkommt, bei denen auch eine Staatenbildiing
besteht, wie bei Termiten, Ameisen, Bienen, Wespen, so daB A r i s t o -
t e 1 e s ^1), als er den Menschen als C(f'ov jtoAinxov bezeichnete, bereits zum
Vergleicli die Bienen heranzog, auf deren Geschlechtsverhaltnisse seit-
dem mehrfach bei Erorterung der menschlichen Homosexualitat Bezug
genommen wurde.
Einige Sehriftsteller iiber die Homosexualitat, wie Frei-
mar k^^) und vor allem Carpente r^^), haben zum Ausdruck
10) Bertz, Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. VII, 2. p. 231.
11) Aristoteles, Politicorum libri Octo, cum vetusta Trans-
latione Guilelmi de Moerbeka rec. (Fr. Susemihl Lipsiae, Tb.
MDCCCLXXII.) S. 7 — 8: ^^Aion dk JioXirixov l^coov 6 av&QCOJiog Tid"
arjg jbiektTTt]g xal navrbg dyeXalov ^qiov fidXXov^ rf^Aor." „Es ist
klar, daB der Menscli ein in hoherem Grade soziales Tier ist als jede
Biene und jedes Herdentier."
^2) Freimark, Der Sinn des Uranismus, Leipzig, p. 44.
13) Carpenter, Cber die Beziehungen zwischen Homosexualitat
und Prophetentum und die Bedeutung der sexuellen Zwischenstufen
in friiheren Kulturepochen. In Vierteljahrsberichte desWHK. 11. Jahrg.
p. 289 ff.
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gebracht, dafl die Homosexuellen durch ihre ,,mittlerischen*'
Fahigkeiten ganz besonders fiir das Priesteramt geeignet er-
ficheinen.
F r e i m a r k schreibt : „ Wer zur Hoherpf lanzung der Menschen-
f o r m e n bestimmt ist, den schickt das Leben in den Kampf der diffe-
renzierten Geschlechter. daB er sich seines Daseins Gefahrtin erringe,
um mit ihr vereint edleren vollkommeneren Wesen, als sie beide sind,
ein liebendes Elternpaar zu sein. Wer aber zur Hoherzeugiing des Men-
schen g e i s t e s ersehen, der eint Mann und Weib in sich, damit er
Gestalt gebe dem Wissen vom Geiste in den Schmerzen und Freuden
der Seele, auf dafi es vor die Menschen trete, eine zwingende Kunde
ewiger Wahrheit^*)." C a r p e n t e r ^5) sucht dafiir eine kulturgeschicht-
liche Erklarung zu geben. Er meint, daB in ganz primitiven Gesell-
scbaftszustanden die „ganz normalen" Manner Krieger und JiLger waren,
wabrend sich die Frauen der Haus- und Landwirtschaft widmeten, viel-
leicht ware das wilde Leben niemals iiber diese primitiven Phasen
binausgegangen, wenn nicht Zwischenstufen aufgetaucht waren, die
mehr oder weniger femininen Manner, und dementsprechend mehr
Oder weniger maskulinen Weiber. Es sei ganz natiirlich, daB die un-
kriegerischen Manner und die unhauslichen Frauen neue Ablenkungen
fiir ihre Energien suchen muCten. Sie suchten andere Beschaftigiingen
als die des gewohnlichen Mannes und Weibes, und tun es heute noch.
Sie wurden Traumer, Denker, Entdecker und Lehrer und schufen so
die ersten ,,GrundIagen des Priestcrtums, der Wissenschaft, Literatur
und Kunst."
Tatsache ist jedenfalls, daC, wenn Volker die Uranier
nicht verfolgtren, sie ihrem Wesen leicht etwas OeheimnisvoU-
damonisches, Mystisch-magisehcs untorlegten. Es kann dies nicht
wundernehmen, da eben unter denen, die von ihnen als
Zauberer, Magier, Medizinmanner und Propheten einerseits,
als Hellseherinnen, Wahrsagerinnen, Medien und Hexen anderer-
seits teils geflirchtet, teils geliebt waren, stets viele gleich^
geschlechtlich Empf indende waren, so daB sich selbst noch altere
Kulturvolker die allmachtige Gottheit vielfach, wenn nicht bi-
sexuell empfindend, so doch bisexuell geartet dachten.
Wir nennen als Beispiel nur Brahma, der in der Hindu-
Mythologie oft zweigeschl^chtlich dargestellt ist, Qiva, die volks-
tiimlichsto unter den indischen Gottheiten, dossen linke Seite oft
weiblich erscheint, wahrend die rechte mannliche Konturen aufweist,
den syrischen Gott Baal, den persischen Mithras, die bartige
1 8 i s der Agypter, den Aphroditos der Griechen und die nor-
dische F r e y a , die ebenso wic ihr mannliclies Seitenstiick F r i g g o
mit den Teilen bcidor Geschlechter abgebildot wurde. In den orphi-
schen Hymnen heiBt es : j^Z e u s war Mann, und Zeus war auch
ewige Jungfrau." Von Adonis wird gesagt : ,,IIure mich, du viel-
namige und boste der Gottheitcn, du mit doinem anmutigen Haar,
der du Jungfrau und Jiingling bist, o Adonis"; ja selbst der
27. Vers der Genesis, welcher lautet: ,,Elohim erschuf den Menschen
nach seinem Ebenbild ; Mann und Weib erschuf er ihn" wurde
vielfach so ausgelegt, daB damit nicht nur gesagt sein solltc, daC der
erste Mensch Hermaphrodit war, sondorn dali auch der Schopfer selbst
1*) Hans F r e i m a r k , a. a. O. p. 44.
15) L. cit. p. 310.
H irschf eid , HomosexualitMt. 4[
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hermaphroditisch war. Weit^re Beispiele bringt die wertvolle Arbeit
„Cber die androgynische Idee des Lebens" von Dr. von Romer,
Amsterdam, welche im fGnften Bande des Jahrbuchs fiir sex. Zw.
(1903) zu finden ist.
Im iibrigen wissen wir aus dem, was ich oben iiber die
Verbreitung der Homosexualitat nach Berufen ausfiihrte, dali
diese sich keineswegs auf bestimmte Stande beschrankt, sondern
daO einzelne Homosexuelie in alien Kreisen und Arbeitsgebieten
vorkommen, wo sie tiberall unbeschadet ihrer Anlage und Nei-
gung ihren Platz ausfuUen, ja oft genug den Durchschnitt ihrer
BerufskoUegen an Tlichtigkeit tibertreffen, vor allem dort, wo
es anf eine gute Mischung weiblicher Eindrucks- und mannlicher
Ausdrucksfahigkeit ankommt.
Als vor einiger Zeit in einer Berliner Lehrerzeitung ^') ein I^hrer
aiiBerte, daC man in Anbetracht der wissenschaftlichen Forschungs-
ergebnisso sich wohl oder iibel mit der Frage beschaftigen miisse, wie
die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft forder-
same Art** in dieselbe einzureihen waren, erwiderte ich bereits, daC in
Wirklichkeit dieses Problem der Symbiose langst gelost sei, ohne
daU allerdings die Mehrzahl der heutigen Menschen sich dessen bewuUt
sei. „Wo ist, fragte ich, in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht
an der Darstellungskunst einer urnischen Tragodin, wo ein Musik-
freund, der sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersangers
erfreut hatte ! Bist du denn sicher, ob nicht der Koch, der deine
Speisen bereitet, der Friseur, der dich bedient, der Damenschneider,
der deiner Frau Kleider fertigt, der Blumenhandler, der deine Woh-
nung ziert, urnisch empfinden? Vertiefe dich in die Meisterwerke
der Weltliteratur, durchmustere die Helden der G^schichte, wandle
in den Spuren groCer einsamer Denker, immer wirst du von Zeit zu
Zeit auf Homosexuelie stoBen, die dir teuer sind, und die groB waren
trotz — manche behaupten sogar durch — ihre Sonderart. Ja, weiBt
du gewiB, ob unter denen, die dir am niichsten stehen, die du am
zartliclisten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter deinen besten
Freunden, deinen Schwestern und Brudern ein Urning ist? Kein
Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem
urnischen Geschlechte angehciren wird."
Noch einiges liber die Homosexualitat in heterosexuellen
Verbanden: schon dei" Prozentsatz und die all'gemeine Ver-
breitung der Homosexualitat laCt den SchluB zu, dafi man
homosexuell veranlagten Personen in fast alien an Mitglieder-
zahl umfangreichen Vereinigungen begegnen wird. Eine genauere
Prlifung lehrt, daU wir im Vereinsleben meist eine den zu er-
wartenden durchschnittlichen Prozentsatz iibersteigende Zahl
Homosexueller finden. Diese Tatsache kann uns nicht in Er-
stauneii setzen, wenn wir die nach Geselligkeit strebenden
Anlagen der Uranier, ihre Familienlosigkeit, ihre mannigfachen
Talent'^ berucksichtigen, die sie befahigen, im Vereinsleben eine
^') Pada^ogische Zeitung 33. Jahrgang, Nr. 33, Berlin, 18. August
1904. Leitartikel: Die Erziehung und das dritte Geschlecht von Paul
S o m m e r.
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RoUe zu spielen. Hierzu kommt der Reiz, den das ein^eschlecht-
liche Milieu vieler Vereine auf die Homosexuellen schon ihrer
besonderen Triebriehtungj halber auslibt, und das gesteigerte
Interesse, das sie an sportlichen und kiinstlerischen Betatigungen
ihrer Gesehlechtsgenossen aus asthetischen und oft unbewuBt
sexuellen Grlinden nehmen. Der feminine Einschlag ihrer Indi-
vidualitat, der sich vielfaeh in einem starken Anpassungsver-
incgen und verbindlichen Formen auBert, macht sie geeignet,
die schrofferen Personiiehkeiten ihrer vbllmannlichen Kameraden
ausgleichend einander naher zu bringen und zusamm^nzuhalten.
Wir finden sie demgemaB auch vielfaeh in fuhrender Stellung in
eingeschlechtlichen Vereinen, sei es, daU sie solche als
Griinder ins Leben rufen, sei es, daB sie zu Vorsitzenden und anderen
ehrenamtlichen Vertrauensstellungen gewahlt werden. Es kann sich
dabei sowolil um Vereine handeln, an denen die Homosexuellen als
aktive Mitglieder beteiligt sind, als auch um solche, deren Bestre-
bungen sie als altere Gonner und Forderer unterstiitzen. In beiden
Fallen ist es ihnen aber nur m(3glich, ihre Stellung zu behaupten,
solange ihre Veranlagung nicht bekannt wird.
In studentischen Korporationen aller Art kommt die Be-
liebtheit urnischer Mitglieder darin zum Ausdruck, daB man
sie vielfaeh zu Chargierten wahlt und ihnen auch oft die
Vertretung der Verbindung beim Besuche befreundeter Korporationen
auf anderen Hochschulen anvertraut. Bringt ein gelegentliches Vor-
kommnis die abnorm-geschlechtliche Veranlagung der Betreffenden
zur Kenntnis ihrer Verbindungsbriider, dann ist das Entsetzen iiber
ihre vermeintliche Immoralitat um so groBer, je mehr man sich durch
dieselbo enttauscht fiihlt. Man vergiBt dabei vollig oder ahnt viel-
mehr nicht, daB gerade die Eigenschaften, um derentvvillen man den
Vereinsbruder ehedem besonders schatzte, die Grundlagen seiner ab-
norm sexuellen Veranlagung bilden, um derentwillen man ihn jetzt
verdammt. Die besondere Beliebtheit der Homosexuellen beruht ja
vorwiegend auf Eigenschaften, die dem spezifischen Einschlag
ihrer Individualitat zuzuschreiben sind, ihrem weichen, nach-
giebigen Wesen, ihren kiinstlerischen Talenten. Ahnlich wie in stu-
dentischen Korporationen ist die gesellschaftliche Stellung der Ura-
nier in Offizierkorps, in denen sie meist sehr wohl gelitten
sind, so lange man ihre Veranlagung nicht kennt. An der neuzeit-
lichen Erweckung gymnastischen Lebens in Deutschland hat das ur-
nische Bevolkerungselement einen sehr erheblichen Anteil. In den
Vereinen fiir Korperkultur, fiir Schwimm-, Ruder- und Segelsport,
den A^'erbanden fiir Leicht- und Schwerathletik, in den Vereinigungen
fur die aus England iibernommenen Sports, wie Golf, Hockey und
Tennis, in FuBballklubs und den zahlreichen Vereinigungen fiir
Jugendwandern, iiberall sind es Jlomosexuelle, die als Mit-
begriinder, dann aber auch als Teilnehmer eiiie von den anderen in
ihren letzten Ursachen nicht erkannte Wirkung^ entfalteten. Namentlich
die alteren urnischcn Vereinsmitglioder haben hier vermoge ihrer
natiirlichen piidagogischen Anlngen hiiufig einen groBen EinfluB auf
die jiingeren Kameraden.
Mir selbst sind homosexuelle Hcrren bekannt, die aus ihren Mitteln
PalJistren und ahnliclie Institute zur Pflege von Leibesiibungen griin-
deten, diese fortlaufend unterstiitztea, teilweise auch selbst als Leiter
und Lehrer an ihnen tiitig waren. Ein Bild aus dem Berliner Volks-
leben gab icli in den GroCstadtdokuraenten ; es heiBt dort : „Wir
betreten einen Athletenklub, wclcher mit Homosexuellen im Zusammen-
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hange steht. Die zablreichen Athletenvereine der Hauptstadt setzen
sich zumeist aus unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und
dem 25. Lebensjahre zusammen; grdfitenteils sind es Schlosser,
Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter. Bei diesen Leuten gilt Kraft,
Grefalir, Kiihuheit alles. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft
wird „gearbeitet". Der kleine Raum ist von 01-, Metall- und SchweiB-
genicli erfiillt. jener eigentiimlichen Ausdiinstung, wie sie den Kor-
pern der Eisenarbeiter zu entstromen pflegt. Auf dem Boden liegen
feisenstangen, Ilanteln, Gewichte von hundert und mehr Pfund, daneben
eine Matratze, auf der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende
Athleten sind zugegen, teils in schwarzem Trikot, teils mit ent-
bloBtem Oberkorper. Brust und Arme tatowiert. An der Fensterseite
des Zimmers steht ein schmaler langer Tisch von Banken umgeben,
auf denen Herren sitzen, deren vornehme Ziige und Anziige mit denen
der starken Manner seltsam kontrastieren. Oben am Tisch sitzt der
Prasident oder Protektor des Athletenklubs, ein Damenschneider.
Kein Uneingeweihter wiirde in ihm ein Mitglied des Athleten-
klubs — geschweige denn Klessen Prasidenten vermuten. Auf
dem Tisch befindet sich eine Sparbiichse, in welche die
Gaste ibr Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von
Gewichten und Matratzen tun. AuBerdem berichtigen sie die Zechen
ihrer Athleten, die vor und wahrend der Arbeit in Selter, Limonade
und Zigaretten, nach dem Gewichteheben und Ringen in Bier und
Abendbrot bestehen. Die urnischen Freunde sorgen, daB fleiBig geiibt
wird, die plastische Schonheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln
wird von den sachverstandigen Gonnern eifrig verfolgt, jeder „Gang"
auf das lebhafteste kritisiert."
Eine andere Gruppe von Vereinen, an denen die Homo-
sexuellen sich in hervorragender Weise zu beteiligen pflegen,
sind die auf religioser oder gemeinnutzig-sozialer Basis be-
ruhenden. Auch hier mag, wie beispielsweise bei den
„Junglingsvereinen*\ zum Teil das eingeschlechtliche, sexuell zu-
sagende Milieu anreizend mitwirken. Vielfach ist aber auch das
Bestreben, den Sexualtrieb abzulenken, zu sublimieren, das
sich bewuiJt, aber auch unbewuBt iiufiern kann, der Grundy dafl
sich Uranier mit besonderer Hingabe in den Dienst derartig ge-
meinnlitziger Bestrebungen stellen. Die Mafiigkeits- und Keusch-
heitsvereine in ihren verschiedenen Modifikationen bieten ihnen
ein weites Feld zu derartiger Betatigung, und sowohl unter den
Rittern vom b 1 a u e n wie vom w e i B e n und r o t e n Kreuz habe
ichHomoscxuelle lechtzahlreich vertretengefunden. Viele Uranier
zeigen eine starke Hinneigung zur Religiositat und zum Mysti-
zismus, die sie an Orden, Logen, theosophischen und okkulti-
stischen Gesellschaften Anschlufi suchen laBt. Sehr erklarlich
bei Uraniern, :wie bei sexuell abnorm Veranlagten tiberhaupt,
ist das Bestreben, den Trieb, der mit vielfachen Gefahren flir
die Betreffenden verbunden ist, moglichst zu untcrdriicken, mit-
hiu ein starker Zug zur Askese. DaB eine solche gewaltsame Sin-
dammunf^ nattiilicher Triebe riicht ohne Gefahr ist, beweisen
die recht haufig vorkommenden Entgleisungen abnorm veranlagter
Mitglieder von Sittlichkeitsvereinen.
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So wurde in letzter Zeit die Offentlichkeit dadurch in Erstaunen
pesetzt, dafi ein Herr, der lange Zeit von der Kriminalpolizei gesucht
wurde, weil er jsich mit halbwiichsigen Knaben abgab, bei der Ver-
Iiaftun^ sich als der Schriftfiihrer der deutschon Sittlichkeitsvereine,
Pastor V. H., entpuppte. Ein anderes Beispiel bringe ich in den GroB-
stadtdokumenten : Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar
in einem religiosen Zwecken dienenden Hause groBe VersammlungeD
und Feiern, die sich eines ungewohnlich regen Zuspruchs erfreuten.
j.Das gewinnende, liebenswiirdige Wesen dieses Mannes zog wie ein
Magnet." Er war eine Personlichkeit von angenehmsteni AuBern, Mitte
der DreiBig, sehr begabt und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur
zn bitten und die Gaben flossen in Massen, iiberall war er maB-
gebcnd, geliebt und verehrt, besonders bei den Frauen." Man fand
nicht Worte genug iiber seine Herzensgiite. Er selber berichtete in
den Versammlungen haufig, wie er in den Gefangnissen so oft und
gem Trost spendete, wie er nachts junge Menschen in den Anlagen
obne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause genommen und bei sich
beherbergt babe. Er hatte dabei ein ini Grunde frohliches Gemiit. Wer
ilin auf den sommerlichen Ausfliigen des Vereins beobachtete, wie er
mit seinen Schiilern Kampfspiele veranstaltete, mit ihnen rang und
ausgelassen tollte, freute sich ohne Argvvohn der anscheinend so hann-
iosen Freudigkeit des unermiidlichen Gottesstreiters. Eines Tages aber
bemachtigtc sich tiefe Betriibnis und groBe Entriistung des frommen
Vereines. Herr \V. war wegen unziichtiger Handhingen rait jungen
Mannern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten
12 Jiinglinge, daB W. sie unziichtig beriihrt habe, sogar hinter der
Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und
jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren
Freiheitsstrafe verurteilt. Ich verdanke diesen Bericht einem sehr
ehreuwerten Uranier, der demselben christlichen Verein angehorte.
„Nie hattc ich,*' so schrieb er mir, „geglaubt, daB dieser geehrte Herr
so jah aus seiner Hohe stiirzen konne, daB meine inneren Empfin-
dungen, die ich in harten Kampfen unterdnickte, um deren Cberwal-
tigung willen ich jene fromme Gesellschaft aiifgesucht hatte, so denen
ihres Leiters glichen. Als sich das geschilderte Trauerspiel zuti*ug,
dachte ich in Demut: ,Herr, sei mir Siinder gnadig' und bin mit vielen
auderen aus dem schwer geschadigten Verein geschieden.**
Eine besondere Stellung im Vereinsleben unserer Zeit nimmt
die sogenannte „Wandervogelbewegung'* ein. Aus dem roman-
tischen Bedlirfnis der Jugend als Gegengewicht gegen den
Schematismus des SchuUebens und die Cberkultur der GroB-
stadt erwachsen, ergab sich bald, daB in dieser durchaus ,ein-
geschlechtlichen Bewegung, die Jiinglinge und Knaben im
Drange schwarmerischer Begeisterung, unter prinzipieller Ab-
lehnung der Annaherung an das Weib zueinander 20g, eine
stark ,,homo2rotische** Komponente sieckte^^). Wahrend fiir die
normalen Jiinglinge der Wandervogel mit seinem eingeschlecht-
lichen Milieu und seinen erotisch gefarbten Jugendfreund-
schaften nur eine Durchgangsstation des in geschlechtlicher
Beziehung noch nicht differenzierten Entwicklungsalters ist.
1*) B 1 ii h e r , Hans, Die Deutsche Wandervogelbewegung als
erotisches Phanomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der sexuellen In-
version, Berlin-Tempclhof 1912.
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bleiben die Homosexuellen ihm vielfach auch weiter treu,
indeni sie als ,,Fuhrer" ihre padagogischen Talente und ihre
Zuneigung zur hcranwachsenden mannlichen Jugend betatigen.
Es soil damit aber nicht etwa gesagt sein, daB alle ,,Fuhrer" der
Bewegung homosexuell sind.
Denselben Ziigen begegnen wir in der Mehrzahl ahulicher Jugend-
verbiudungen — ich erwaline nur noch die „Boy Scouts" ia En^land^^)
— in den verschiedensten Modifikationen. Wir warden unwillkiirlich
an jene Bliitezeit des klassischen Altertums erinnert, in der die
Gleichgeschlechtlichkeit — in der Form der Liebe des reifen Mannes
zum heranwachsenden Jiingling — ein so wesentliches Kulturraoment
darstellte. Damals spielten Mannerbiindnisse ausgesprochen erotischen
Charakters auf den verschiedensten Gebieten des sozialen Lebens eine
uberaus bedeutungsvoUe Rolle. Wie die Schulen homosexueller Philo-
sophen und Kiinstler ausschlaggebende Gruppen bildeten, schlossen
sich an urnische Offizicre die Untergebenen mit sinnlich gefarbter
Hingebung und Treue an.
Richard Wagner auBert sich iiber diese Verhaltnisse ein-
m£A im „Kunst\verk der Zukunft'* wie folgt: ,, Diese Liebe, die in dem
edelsten sinnlich-geistigen GenieCen ihren Grund hatte — nicht unsere
briefpostlich-literarische, vermittelte, geistesgeschaftliche, niichterne
Freundschaft — war bei den Spartanern die einzige Erzieherin der
Jugend, die nie alternde Lehrerin des Jiinglings und Mannes, die Ord-
nerin der gemeinsamen Feste und kiihnen Unternehmungen, ja, die
begeistertc Helferin in der Schlacht, indeni sie es war, welche die
Liebesgenossenschaften zu Kriegsabteilungen und Heeresordnungen ver-
band und die Taktik der Todeskiihnheit zur Rettung des bedrohtcn
Oder zur Rache fiir den gefallenen Geliebten nach unverbriichlichsten,
naturnotwendigsten Seelengesetzen vorschrieb." In ahnlicher Weise
schreibt ,G u s t a v e Flaubert iiber die karthagischen Soldner in
„Salambo": „. . . . ohne Familie, wie sie waren, iibertrugen sie ihr
Bediirfnis nach Zartlichkeit auf einen der Gefahrten. Sie entschlum-
merten Seite an Seite unter demselben Mantel beim Schimmer der
Sterne. Und wahrend sie in aller Herren Lander in blutigen Taten und
Abenteuern umherirrten, bildeten sich eigenartige geschlechtliche Ver-
einigungen, die ebenso ernsthaft waren wie Ehen, wo der Starkere den
Jiingeren im GewUhle der Schlacht verteidigte, ihm iiber Abgriinde
hinweghalf, den Fieberschweifi von seiner Stirne trocknete, ja Nahrung
fiir ihn raubte ; und der andere, der als Kind vom Wege aufgelesen,
spater zum Soldner geworden war, belohnte diese Aufopferung durch
tausenderlei zarte Fiirsorge und Gefalligkeiten einer Gattin." Und
weiter: ,,Bisweilen blieben zwei Manner blutiiberstromt stehen, fielen
einander in die Arme und starben unter Kiissen."
In wieweit bei den B 1 u t s - und Waff enbrudersehaf ten in den
Mannerbiinden und Eitterorden des Mittelalters und der Neuzeit
homosexuelles Empfinden mitspielt und homosexuelle Betatigung
vorkommt, lafl-t sich gegenwartig noch nicht libersehen. Von
einigen, so von einem mir bekannten russischen Urning, dessen
kaukasische Blutsbriider ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit
hatte, wird versichert, daB Geschlechtsverkehr (auch weehsel-
seiiige Onanie) unter Blutsbrtidern sehi' verpont sei, doch liegen
andererseits viele Anhaltspunkte vor, daB alle diese Institutionen
^9) Cf. Pa via, Mannliche Homosexualitiit in England. A. a. O.
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zum mindesten stark von seelischer Homosexualit^t durch*-
setzt sind, ja daB diose sogar vielfach, wenn audi nicht immer
bewuBt, die treibende Kraft ist.
Gehen wir den Wurzeln dieser bei vielen der Kultur zustrebenden
Volkern noch vorhandenen Erscheinungen bis zu den N a t u r volkern
nach, so tritt uns das zu Grunde liegende sexuelle Moment deutlicher
entgegen. So schreibt S c h i d 1 o f ^^a) : „Bei vielen polynesischen Vol-
kern besteht der Gebrauch der Blutsfreundschaft, die zwei Manner
auf Lebenszeit miteinander eng verbindet. Solche Blutsfreundschaften
haben nichfc selten einen erotischen Charakter." Man erinnere ^ich
auch an die homosexuellen Zustande, wie sie bei dem ProzeB und
der Auflosung des Tempelherrnordens zur Sprache Jcamen — bei den
Deutschmeistern war es ahnlich . — und an den beriihmten Hoch-
meister Ulrich von Jungingen, der das Gebiet des Deutschen
Ordens mit so viel Tapferkeit gegen Polen und Litauer verteidigte,
bis er 1410 in der ungliicklichen Schlacht von Tannenberg mit
dreifiigtausend seiner Getreuen sein Leben lieB. L e e x o w**>), der in
seiner Schrift viel Beachtenswertes iiber Homosexualitat und Waffen-
briiderschaft sagt, meint sogar, daC „die Vermischung des Samens"
ahnlich wie die des Blutes „eine Art von Verwandtschaft" bewirken
sollte.
In dem Vorstehenden beschaftigte uns die Bedeutung homo-
sexueller Manner im eingeschlechtlichen Vereins- und Gruppen-
leben. Nicht weniger wichtig ist aber aucli die RoUe, die
Urninden im eingeschlechtlichen Milieu weiblicher Vereini*
gungen spielen. Durch ihre virilen Eigenschaften, ihre Selb-
standigkeit, ihr Interesse flir offentliche Fragen, ihr ausgepragtes
Verstandesleben einerseits, ihre familiare Unabhangigkeit
andererseits erscheinen eie hier von vornherein zu flihrenden
Stellungen berufen. In der Tat begegnen wir der homosexuellen
Frau in alien rein weiblichen Vereinsgruppen, geselligen, be-
ruflichen oder sozialen Charakters. Sie ist somit von hervor*
ragender Bedeutung flir die in unseren Tagen machtig empor-
strebende Emanzipations- und Selbstandigkeitsbewegung der
Frauen, die wir kurz als „Frauenbewegung** bezeichnen. Dtirfen
wir diese natiirlich nicht als ausschlieBlich oder auch nur vor-
wiegend auf urnischen Elementen basierend ansehen, so aind
doch die Zusammenhange zwischen ihr und der weiblichen Homo-
sexualitat vielfache und innige, indem die Urninden, ihren be-
sonderen natiirlichen Anlagen entsprechend, sich als Vorkampfe-
rinnen und Bahnbrecherinnen weiblicher Unabhangigkeit vom
Mamie betatigen. Nicht ohne Berechtigung schreibt Anne v. d.
E k e n : (a. a. O. p. 13) : „Nicht die Frauenemanzipation — die
bekanntlich kaum eine Generation alt ist — hat diese mann-
lichen Frauen geztichtet, (wie sehr viele gedanken-
los behaupten), sondern die Natur hat diese Wesen geschaffen,
**a) S c h i d 1 o f , Sexualleben der Australier und Ozeanier.
^0) Armee u. Homosexualitat, p. 39.
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und erst die Frauenbewegnng gab ihnen den Platz, wo sie ihren
mannlichen Geist, ihre hervorragenden organisatorischen Talente
f lir das Wohl ihrer Mitsdiwestern betatigen konnten. Danken
wir ihnen. Denn welche streng weiblieh denkenden und emp-
findenden Frauen entwickeln so viel Energie und Tatkraft,
soviel klares zielbewuBtes WoUen.**
Nicht nur in eingeschlechtlichen, sondern auch in geschlechtlich
gemischten -Gruppen beteiligen die Homosexuellen beiderlei Qe-
schlechts sich meiner Erfahrung nach zahlreich und intensiv. Der
Grund dafiir mag oft nur in dem unbewuBten Bestreben, Aquivalente
fiir das ihnen fehlende Familienleben zu scliaffen, zu suchen sein;
auch besondere Beanlagung auf literarischem oder kiinstlerischem Ge-
biete mag vielfach den AnstoB zum Eintritfc in entsprechende Vereine
geben. Am politischen Leben allerdings nimmt der mannliche Homo-
sexuelle meiner Erfahrung nach geringeren Anteil als der normale
Mann; augenscheinlich entsprechen die vorwiegend praktischen Ge-
sichtspunkte seinen mehr auf vermittelndo Momente gerichteten
Anla^en weniger. Die virile Urninde ist dagegen bisweilen eine recht
streitbare Politikerin und stellt vol! und gaaz im politischen Vereins-
leben ihren Mann.
Lehrt so eine objektive Wtirdigung der Homosexuellen, daB
sie sich im allgemeinen — von Ausnahmen abgesehen — als eine
der Gesamtheit durchaus forderliche und dienstliche Masse er-
weisen, so wird eine weitere vorurteilslose, rein biologische Prii-
f ung ergeben, daB sie auch fiir den einzelnen im ganzen mehr
vorteil- als nachteilbringend sind. Lassen wir einmal die keines-
wegs schlankweg zu bejahende Frage auBer adit, ob und inwie^
weit der GeschlechtsveAehr des Timings, wenn er tatsachlich
vorgekommen ist, fiir den Partner eine Schadigung bedeutet, so
steht eins auBer Zweifel, daB der positive Nutzen, den die
Homosexuellen (selbst unter schweren Verfolgungen) dem ein-
zelnen, dem ihre Liebe gait, und damit der Gesellschaft leisteten,
ein eminenter gewesen ist. Wir konnen auch hier vollkommen
Carpenter beistimmen, wenn er im ,,Mittelgeschleeht**2i) eagt:
„,t}ber einen Punkt scheint mir keine Meinungsverschiedenheit
mehr moglich zu sein, namlich dariiber, daB eine betrachtliche
Anzahl Mittelgeschlechtlicher hochst wertvoUe soziale Leistungen
ausflihrt, und zwar infolge und auf Grund ihrer spezielien An-
lage. Diese Tatsache wird nicht so allgemein berlicksichtigt, wie
man (^ wohl erwarten soUte, und fe:War aus dem, einfachen Griftide,
wcil man den Urning als solchen meist nicht orkennt, und dieser
noch die schon erwahnte Neigung hat, sein yEmpfinden der
Offentlichkeit gegentiber zu verheimlichen. Ohne Zweifel, wenn
es allgemein bekannt wiirde^ welche Leute von uranischer
'0 p. Ill f.
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Natur sind. dann wiirde jedermann tiberrasdht sein, so viele
unserer groBen und fiihrenden Geister unter ihnen zu finden."
Am besten konnen wir dies wahrnehmen, wenn wir die
Liste bertihmter Homosexueller liberblicken. Man hat
es vielfach getadelt, dafl die Urninge und deren Vorkampfer eich
so oft darauf bsrufen haben, daU so viele hervorragende Person-
lichkeiten nachweislidh gleichgeschlechtlich empfunden haben.
Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Denn es ist in der Tat ein
wertvoUes Verteidigungsmittel der Urninge, denen manche
nur die Wahl zwischen Irren- und Zuchthaus lassen .woUten,
darauf hinzuweisen, daJl dies nicht nur durch die Quantitiat,
sondern auch durch die intellektuelle und ethische Q u a 1 i t & t
ihrer Schicksalsgenossen eine absolute Unmoglidikeit sein wiirde.
Nach dem alt-en Satze „solamen miseris socios habuisse malorum"
ist es auch ein Trost flir die Homosexuellen, zu wissen, daB
Menschen auf so hoher Lebensstaffel innerlich dasselbe litten
wie sie, und ein Ansporn^ flir sie, trotz aller drohenden Ge-
fahren aus sich heraus das Beste zu entwickeln. Nicht gan^
leicht ist es zu entscheiden, ob der Prozentsatz urnisch Emp-
findender unter den bertihteten Personlichkeiten ein unver-
haltnismaBig hoher ist, will sagen, den ftir die allgemeine
Bevolkerung von 2o/o Homosexuellen und 4o/o Bisexuellen wesent-
lich libersteigt. Fast scheint es so. Sicher ist allerdings, dafl
manche hervorragende Manner grundlos in den Ruf der Homo-
sexualitat gekommen sind, ebenso sicher, daB nicht wenige unter
ihnen ihr Geheimnis in das Grab genommen haben. Beides kann
nicht wundernehmen bei diesen Janusnaturen, jliber die ein
Wissender schreibt: „Jeder Uranide zerfallt in zwei Person-
lichkeiten: eine pffizielle, die allgemein in schonem Ansehen
steht und sich liberall Achtung zu verschaffen weiB, da sie
tadellose Mannlichkeit, peinliche Reinheit der Sitten und Inte-
gritat des Charakters nach jeder Richtung hin zeigt, und in eine
nicht offizielle, geheime, welehe der urnischen Natur den
gebieterisch eingeforderten Tribut zoUt, der AUgemeinheit je-
doch vollkommen unbekannt bleibt." Wir haben ja gezeigt,
wie schwer in manchen Fallen die Differentialdiagnose zwischen
Homosexualitat und verwandten Erscheinungen zu ziehen ist;
wir wissen auch, daB das Sexualleben der „ Intel lektuellen**
sich, unabhangig von der Homosexualitat, in mehr als einer
Beziehung anders abspielt, wie das der groBen Masse. Denken
wir an so sublime und sublimierende Gestalten wie
Immanuel Kant und Soren Kierkegaard, die man,
(wenn es das gibt) als asexuell rubrizieren mliBte. Auch
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scheinen unter den ganz GroBen bisexuell Geartete, deren weibr
liche Komponente Mannliches und deren mannliche Wei'bliches
anziehi, besonders haufig zu sein. Hier bleibt noch viel Wert-
voUes zu erforschen librig. Am besten werden wir iiber die
Homosexualitat unter namhaften Menschen einen Cberblick ge-
winnen konnen, wenn wir eine Epoche wahlen, in der «*ich
niemand gleichgeschlechtlicher Empfindungen schamte. Dazu
eignet sich keine besser als das griechisch-romische Altertum,
in dem ein Jiingling ohne Liebhaber ein ahnliches Ansehen hatte,
wie in unseren Zeiten ein „sitzeng3bliebenes Madchen". Allerdings
ist es selbst fiir jene Zeitperiode unmoglich, eine voll-
sta ndige Liste berlihrnter Homosexueller aufzustellen, ge-
sehweige denn fiir spater. Libanios^^) aus Antioehia in
Syrien^ ein Rhetor und Philosoph des vierten nachchristlichen
Jahrhunderts (314 — 393), der Glinstling des Kaisers Julian
Apostata, kommt in seiner Rede ,,fur die Tanzer" auch auf
die mannmannliche Liebe zu spreehen. Nachdem er eine statt-
liche Zahl von Mannern angefiihrt hat, die er ^Xvdgiai d. h.
Effeminierte nennt, und viele andere hinzufiigt, die ,,das^ Mann-
liche begehrten", sagt er: ,,wollte man alle aufzahlen, so wtirde
man dazu wohl ganze fiinf Jahre gebrauchen." Was Libanios
schon damals nieht vermochte, wird uns heute gewiiJ nicht
gelingen und wird vor allem nicht fiir Zeitlaufe moglich
sein, in denen ein jeder seine Homosexualitat wie ein noli me
tangere hiitete. So wird unsere Zusammenstellung nur ein
schwa cher Versuch sein ; aber auch so wird die Ftille und der
Klang der Namen, deren Trager zweifellos homosexuell
waren, manchem die Augen offnen.
Wir lassen die Namen aus dem Altertum nun in alpha-
betischer Reihenfolge mit Quellcnangabe folgen.
A g e s i 1 a o s , bekannter Konig von Sparta, Sieger in der Schlaclit
von Koroneia (394 v. Chr.) ; hochbedeutend als tapferer und entschlos-
sener Feldherr, starb nach langer Regierung im Alter von 84 Jahren.
Am bekanntesten ist seine Liebe zu dem sclionen Megabathes,
deren Geschichte Xenophon (Ages. cap. 5, 4 ff.) erzahlt.
Alexander der GroBe (Konig 336—323 v. Chr.), einer der
groBten Eroberer und Weltbeherrscher trotz seiner „unbandigen Leiden-
scbaft fiir schone Knaben" (A t h e n. XIII 603 a). Wichtige Einzel-
lieiten dariiber in den Werken der Historiker Dikaiarchos und
Karystios (zitiert bei A t h e n a e u s a. a. 0.), Plutarch, Leben
Alexanders, cap. 67.
Alkaios aus Mytilene (um 600), tapferer Kampfer, Poli-
tiker und beriihmter Lyriker; feiert die puerile Schonheit, was die
Reste seiner Dichtungen noch deutlich erkennen lassen. Seine Lieb-
22) Libanii sopliistae orationes et declamationes rec. I. J. Reiske.
Bd. III. (Altenburg 1795.) Seite 380.
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huge waren: Lvkus und Meron. Nachweise: Jahrbuch f. sex. Zw.
Bd. Vni S. 637.
Alkibiades, Sohn des K 1 e i n i a s , aus Athen. „Als Knabe
wurdc er von vieleu Mannern geliebt, darunter von Sokrates (s. d.) ;
als er herangewachsen war, liebte er selbst nicht weniger viele". Nepos,
Leben des Alcibiades, cap. 2, 3.
Anakreon aus Teos (um 550), lyrischer Dichter, Giinstling
des Polykrates. Seine ganze Poesie ist der Liebe zu schonen
JiinglingeD geweiht. Reste seiner Dichtung bei Bergk Bd. Ill
S. 253 ff. Sehr groB die Zahl seiner Lieblinge, von denen die nam-
haftesten Smerdis, Kleobulos, Bathyllus, Megistes,
Leukaspis, Simalos. Xachweise: Jahrbuch Bd. VIII, b. 642 ff.
Antigonos, einer der beriilimtesten Feldherren aus der Schule
Alexanders des GroCen. Er liebte heftig (otp^dga tjga) den Zither-
spieler Aristokles. Nachweis : Athen. XIII 603 e.
A r i a i o s , Freund und Statthalter des jiingeren K y r o s in Sar-
des, einer der Befehlshaber in der Schlacht bei Kunaxa (401 v. Chr.V.
Seine „Freude an schonen Knaben" bezeugt Xenophon (anab.
lib, 28).
Aristides, beriihmter athenischer Staatsmann, Marathon-
kampfer; vom Volke „der Gerechte" genannt. Seine Liebe zu dera
jungen Stesileos erweckte die Eifersucht des Themistokles
(8. d.). Nach dem Zeugnis des A r i s t o n war diese Eifersucht der
erste Anfang der spateren Feindschaft der beiden bedeutenden Manner.
Quelle : Plutarch, Leben des Themistokles, cap. 3.
Aristoteles (384 — 322 v. Chr.), der beruhmte Philosoph, einer
der grofiten Gelehrten aller Zeiten, uuterlag nach dem ausdriicklichen
Zeugnis des Athenaeus (XIII 566 e) der Schonheit seines Schiilers
aus Phaseios.
Asklepiades aus Gamo, Lehrer des T h e o k r i t , f orm-
vollendeter griechischer Dichter. Elf Epigramme auf schone Jiinglinge
sind erhalten. Nachweise : Jahrbuch Bd. IX, S. 261 ff. (Vgl. auch
S. 220 ff.)
Athenaios aus Naukratis in Agypten (zweites Jahrhundert
nach Chr.), der Verfasser des „Sophistengastmahles". Das VVerk ist eine
unerschopfliche Fundgrube fiir die antike Sexualitat. Zumal das
XIII. Buch ist ganz erotischen Fragen gewidmet, besonders dem
homosexuellen Problem. Eine eingehende Analyse dieses Buches in
„Sexual-Probleme", 5. Jahrgang (1909). S. 812 ff.
Augustus, Caesar Octavianus, Kaiser von Rom (31 v. Chr. — 14
n. Chr.) ; Feldherr und Staatsmann von weltgeschichtlicher Bedeutung.
Uber seine homosexuellen Neigungen vgl. S u e t o n , vita divi August!
cap. 68. (Cberwiegend heterosexuell.)
Bacchylides aus Keos (um 505 — 430 v. Chr.) ; gefeierter
Lyriker, preist die Knabenliebe als Segnung des Friedens. Nachweise:
Jahrbuch Bd. VITI S. 658.
Bion aus Smyrna (drittes Jahrhundert v. Chr.) ; namhafter
griech. Dichter (Bukoliker) ; feiert in seinen Gedichten seinea Lieb-
ling Lvkidas und andere schone Hirtenknaben. Nachweise : Jahrbuch
Bd. VIII S. 672 f.
Caesar, Caius Julius, der bedeutendste Staatsmann der
R6m(.'r, einer der groBten Feldherren aller Zeiten. In seiner Jugend
hielJ es von ihm, daC er „allen Mannern Weib und alien Weibern Mann"
gewesen sei. Nachweise iiber seine zahllosen homosexuellen Erleb-
uisse cfr. Antonii Panormitae Ilermaphroditus S. 231 ff. Lateinisch
nach der Ausgabe von C. F r. For berg (('oburg 1824) nebst einer
deutschen metrischen Ubersetzung und der deutsclien t)bersetzung der
Apophoreta von C. F r. For berg. Leipzig 1908. Privatdruck.
Catullus, Caius Valerius, aus Verona, der bedeutendste
Lyriker der Romer (87 — 54 v. Chr.). Catull ist aus dem Altertum das
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am meisten charakteristische Beispiel fiir das, was die heutige Wissen-
schaft bisexuell nennt. Sein „Buch der Lieder" ist ebenso homosexuell
wie lieterosexuell. Seine homoerotisclien Gedichte sind von verzehren-
der Sinnlichkeit.
Chariton und Melarippos, beriihmtes Liebespaar, von dem
eine ganz ahnliche Geschichte aufopfernder Freundschaft erzahlt wird
wie die, welche durch Schillers „B\irgschaft" von Damon und Phin-
tias allgemein bekannt geworden ist. Ihre Liebe wurde vom Del-
phiscben Orakel durch den Mund der Pythia heilig gesprochen {&eia
^ddttjg). Nachweis: Aelian, var. hist. II 4.
Demetrios Phalereus, zehn Jahre iang (317 — 307 v. Chr.)
Leiter des athenischen Staates ; das dankbare Volk errichtete ihm zahl-
reiche Statuen; bedeutender Staatsmann, ausgezeichneter Redner und
(Jelehrter. Von seiner Liebe zu dem Jiingling Theognis und der
daraus entstehenden Eifersucht anderer Jiinglinge berichtet intim K a -
r y s t i o s bei A t h e n. XII 542. Wie er die Liebe des schonen, aber
Bproden Demokles zu gewinneu suchte, erzahlt Plutarch (De-
metr. cap. 24).
Epameinondas, einer der groBten Feldherren aller Zeiten,
der Sieger der Schlachten von Leuktra (371 v. Chr.) und Mantiuea
(362 V. Chr.). Von seinen Lieblingen ist der bekannteste der jugend-
licho Asopichos, der „in der Leuktrischen Schlacht den Ruhm
des Sieges mit seinem Freunde teilte** (Jacobs, vermischte Schriften
III 220). Spater Kaphisodoros, „der in der Schlacht bei Man-
tinea neben ihm kampfte, an seiner Seite starb und an derselben
Stelle mit ihm begraben wurde" (Jacobs a. a. O.J). Nachweise :
A t h e n. XIII 605 a. P 1 u t. amat. cap. 17 (mor. p. 761 d.).
Episthenes aus Olynth, namhafter Mitkiimpfer im Zuge des
jiingeren Cyrus. Von seiner Liebe zu einem schonen Jiingling und der
aufopiernden Todesverachtung der beiden erzahlt Xenophon (anab.
VII 4, 7 ff).
Euripides (um 480 — 406) gefeierter griechischer Tragiker ; man
nannte ihn den Entdeoker der weiblichen Seele. Sein Liebeshandel
mit dem schonen A g a t h o n (vgl. Pausanias); um seine Gunst
zu erwerben, brachte er ein Drama Chrysippos auf die Biihne ;
in diesem Drama war der jugendliche Chrysippos nach dem Vorbilde
Agathons vom Dichter erschaffen, wahrend der Dichter sich unter
dem Laios verbarg, dessen Wiinsche ziemlich unverbliimt ausgesprochen
wurden. Nachweise : cf. Anthropophyteia, Bd. IX S. 310 f.
Galba, Servius Sulpicius, Romischer Kaiser (68 — 69 n. Chr.).
Seine homosexuellen Neigungen bezeugt Suetonius, vita Galbae
cap. 22.
Jladrian, Romischer Kaiser (117 — 138), friedliebender. treff-
licher Regent von hohem Knnstsinn. Seine leidenschaftliche Liebe zu
dem schonen bithynischen Jiingling A n t i n o u s , der sich freiwillig
fiir den Kaiser opferte, wurde immer wieder von Poesie und bildender
Kunst dargestellt. Nachweise : Spartianus, Leben des Hadrian,
oap. 14.
Hamilkar, Hasdrubal, Hannibal, die drei tapfersten
Feldherren Karthagos, von denen zumal der letzte durch seine Klug-
Leit und Tapferkeit weltberiihmt wurde, mit der er Rom jahrelang
in Angst erhielt. Ihre homosexuellen Neigungen bezeugten N e p o s im
Lebeu Hamilkars cap. 3 u. Livius. Hannibal war der Liebling
seines Schwagers Hasdrubal.
Harmodios und Aristogeiton, beriihmtes Freundespaar
in Athen, die im Jahre 514 v. Chr. den Tyrannen Hip parch us er-
mordeten. Bis in die spateste Zeit wurden sie als Befreier Athens
gepriesen, denen man (erhaltene) Bildsaulen setzte, und die man in
Liederu feierte. Der sinnliche Charakter ihrer Freundschaft ergibt
sich unzweifelhaft aus T h u k v d i d e s VI 54.
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Heliogabalus, Sonnenpriester zu Emesa in Syrien, romischer
Kaiser (218 — 22 n. Chr.). Von seinen homosexuellen Liisten berichtet
u. a. Lampridius im Leben des Heiiogabalus cap. o (deutsch
im Hermaphroditus, p. 234).
H i e r o n , Konig von S yrakus. liochherziger edler Fiirst, Be-
schiitzer der Kiinste und AVisseuschaften ; von Pindar gefeiert ;
an seinem Hofe verkehrten die beriihmtesten Dichter der Zeit,
Aeschylus, Simonides, Bakchylides. Cber seine Homo-
sexualitat sind wir durch Xenophon eingehend unterrichtet (Hieron,
cap. 1, 29 ff.). Der bekannteste seiner Lieblinge hieB Dailochos.
Ilippothales und Lysis, die Helden des Platonischen Dia-
loges „Lysis", in dem gezeigt wird, wie der Altere seinen Liebling
gewinneu und ihn sittlich veredeln kann.
H o r a t i u s , Q. Placcus, gefeierter romischer Dichter (65 — 8 v,
Chr.), Freund des Augustus und Maecenas. Seine auf uns gekommenen
Werke sind neben heterosexuelleu reich an personlichen und unperson-
lichen homosexuellen Episoden.
Ibykus aus Rhegium (um 550), beriihmter Dichter, hiefi im
Altertum wegen seiner unbandigen Leidenschaft fiir schone Jiin^linge
^^EQoyTOfiaviaxaKx; jttQt xa ftetgdxia^^. Seine Poesie gait nur diesen. Lieblinge :
Euryalus, Gorgias. Reste seiner Dichtung bei B e r g k Bd. Ill
S. 638 ff.
Kallimachos aus Kyrene (um 310 — 240 v. Chr.), bedeu-
tender griech. Dichter, namliaftor Padagog und Grammatiker, hervor-
ragender Mitarbeiter an der beriihmten Bibliothek zu Alexandria. Uber
seine padophile Poesie Jahrbuch Bd. IX, zumal S. 264 ff.
Kleomenes (255 — 220 v. Chr.), einer der edelsten Manner der
alten Geschichte, beriihmter Ilorrscher von Sparta, „der geborene
Herrscher und Konig" (Polyb. V 39). In seiner Jugend war er der
Liebling eines Xenares ; spiitor liebte er den P a n t e u s , den „sch6n-
sten und mutigsten Jiingling in Sparta". Nach dem freiwilligen Tode
des Kleomenes gab sich auch P a n t e u s den Tod. Nachweis :
Plutarch, Leben des Kleomenes, cap. 3. 37. 38.
K r i t i a s , der bedeutendste der sogenannten dreiCig Tyrannen,
die nach dem Peloponnesischen Kriege die Ilerrschaft iiber Athen
fiihrten. Am bekanntesten ist seine Liebe zu dem schonen E u t h y -
demos ; iiber die starksinnliche Seite dieser Liebe ist nach der von
Xenophon (mem. 12, 29 f.) erziihlten Geschichte kein Zweifel
moglich.
Likymnios aus Chios (4. Jahrh. v. Chr.), namhafter griechi-
scher Lyriker; feiert die Liebe des Hypnos und Endymion sowie dea
Hymenaios zu Argynnos. Nachweise: Jahrbuch Bd. VIII S. 058.
L u k i a n o s (2. Jahrh. n. Clir.), namhafter Schriftsteller. Seine
Werke sind eine Fundgrube fur die Frage der Padophilie. Nachweis:
Christ S. 738 ff.
L y k u r g o s , der groBe Gesetzgeber Spartas, einer der groBten
Staatsmanner aller Zeiten (um 800 v. Chr.), erkliirte in seinen Gesetzen,
auf denen die sprichwortliche Tiichtigkeit der Spartaner beruht, dafi
„niemand ein tiichtiger Biirger sein konne, der nicht einen Freund im
Bette habe". Nachweise: cfr. Hermaphroditus, S. 235.
Martialis, Marcus Valerius aus Bilbilis in Spanien, bedeu-
tender Satiriker (zirka 40 — 102 n. Chr.). Seine geistspriihenden Epi-
gramme, die das soziale Leben Roms in all seiner Nacktheit schildem,
sind eine unerschopfliche Fundgrube fiir die Erkenntnis der Selbst-
verstandlichkeit und ungeheuren Verbreitung der Paderastie im da-
maligen Rom.
Meleagros aus Gardara (letztes Jahrhundert v. Chr.),
namhafter griech. Dichter ; begeisterter Verehrer der Jiinglingsschon-
heit; 37 Gedichte an schone Knaben sind erhalten; sie sind analysiert
und zum groBten Teil iibersetzt im „ Jahrbuch" Bd. IX S. 248 ff. Unter
Beinen zahllosen LiebUngen nimmt M y i s k o s die erste Stella ein.
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M € n o n , thessalischer Soldnerfiihrer im Zuge des jungeren Kyros
fegen Artaxerxes (401 v. Chr.)- Homosexuelles Verhaltnis zu Tharypas
ezeugt Xenophon (anab. II 6, 28).
Minos, beriihmter prahistorischer Gesetzgeber auf Kreta, fiihrte
angeblich die Mannerliebe dort ein und sanktionierte sie, iim der
Ubervolkerung vorzubeugen. Quelle : Aristoteles de republ. II 10,
p. 1272 Bekk.
Nero, Romischer Kaiser, (54 — 68 n. Chr.). LieB sich u. a. den
jungen S p o r u s durch Heiratszeremonie antrauen und verlangte, daD
man ihn offiziell als seine Gemahlin anerkenne ; lebte mit dem spa-
teren Kaiser O t h o in sexuellem Verkelir (S u e t o n , vita Othonis
cap. 2). Quelle : Suetonius, vita Neronis, cap. 28. Tacitus,
poinales XV 37.
N e r V a , Marcus Cocceius, Komischer Kaiser (96 — 98 n. Chr.).
Seine homosexuellen Neigungen ervvahnt H e 1 p m a n n p. 44.
Nikomedes, Konig von Bithynien. Sein Lustknabe war kein
geriugerer als C. Julius Caesar, der spatere Herrscher der da-
maligen Welt. Nachweise ausfiihrlich bei S u e t o n , vita I)vi luli
cap. 49. Hermaphroditus S. 231.
Orpheus, Sanger aus Pieria in Thrakien in vorhomerischer Zeit.
Wird von ekstatischen Frauen zerrissen, weil er sie verschmahte und
mit Jiinglingen verkehrte. Nachweis: Ovid, metam. X 148 ff.
O t h o , Marcus Salvius, Romischer Kaiser (69 n. Chr.) ; ehemaliger
Liebling Neros (s. d.) ; seine feminine Natur bezeugt Suetonius, vita
Othonis cap. 12.
O V i d i u s , Publius Naso, beriihmter romischer Dichter und Ero-
tiker (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.). Sein Hauptwerk, die Metamorphosen^
sind reich an padophilen Episoden. Er selbst huldigte der Frauen-
liebe, wenn er auch gesteht, sich auch an Knaben zu erfreuen (ars
amatoria II 683). Nachweise in Brandts Ausgabe der Ars ama-
toria (Leipzig 1902), Seite 254 unter Knabenliebe und in Brandts
Ausgabe der Amores (Leipzig 1911) S. 236 unter Knaben und Knaben-
liebe.
Parmenides von Elea, zweiter groBer Philosoph der eleati-
schen Schule, liebte seinen Schiiler Z e n o. Nachweis bei P 1 a t o n.
Pausanias aus Sparta, der beriihrate Sieger von Plataa (479
V. Chr.). Von seinem Liebling A r g i 1 i u s und der starksinnlichen
Art ihres Verhaltnisses erzahlt N e p o s im Leben des Pausanias
cap. 4, 1.
Pausanias, geistreicher Athener von feinster Bildung und
Hnmanitat ; besonders bekannt durch die glanzende Rede, die er
in Platons „Gastmahl" zum Preise des Eros halt. Unter seinen zahl-
reichen Lieblingen nimmt die erste Stelle der schone A g a t h o n
(vgl. Euripides) ein. Hauptquellen : P 1 a t o n , Gastmahl ; Pla-
ten, Protagoras p. 315 e. Xenoph. symp. 8, 32, wo er seine Meinung
ausfiihrlich darlegt, daB durch paderastische Verhaltnisse die kriege-
rische Tiichtigkeit gesteigert wurde.
Petronius Arbiter, beriihmter Schriftsteller Roms (gest. 66
n. Chr.). In seinem umfangreichen Roman, von dessen zwanzig Bii-
chern nur Triimmer erhalten sind, spielt die Jiinglingsliebe in alien
ihren Formen eine solche Rolle, daB man mit ihrer Schilderung be-
quem ein groBeres Buch fiillen konnte.
Phanokles, beriihmter griechischer Dichter des dritten Jahr-
hunderts v. Chr. Dichtete einen Elegienkranz "EQcoxsg rj >eaXot\ in dem er
die Liebe zu schonen Jiinglingen an Beispielen aus der Welt der Getter
und Heroen in gliihenden Farben besang. Erhalten ist der Abschnitt
von der Liebe des Orpheus zu dem schonen K a 1 a i s , die seinen
tragischen Tod zur Folge hatte (vgl. Orpheus). Franz G u s e -
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th i li 1 , Geschichte der griechischen Literatur in der Alexandriner-
zeit 2 Bande. Leipzig 1891. 1892.
Pheidias aus Athen, gefeierter Bildhauer und einer der groBten
Kiinstler aller Zeiten. Schopfer des olympischen Zeus und vieler an-
derer Meisterwerke. Die Statue eines schonen Jiinglings, der sich
die Kopfbinde (ratyia), anlegt, stand in Olympia; in ihr erkannte
man seinen Liebling Pantarkes aus Elis. Nachweise : Pausanias V
11, 3.
P h i 1 i p p 8 , Konig von Mazedonien, Vater Alexanders des
G r o B e n. Er fiel von der Hand des Pausanias, den er ver-
gewaltigt hatte. Nachweise: Hermaphroditus S. 231.
Philostratos (2. Jahrh. n. Chr.), angesehener griechischer
Schriftsteller. Von ihm haben wir eine Anzahl anmutiger Liebesbriefe
an schone Jiinglinge. Nachweis und tJbersetzung von 21 dieser Briefe
in Anthropophyteia Bd. VIII, S. 216 f f.
Pindaros aus Theben, (522 — 442 v. Chr.), groBter und
gowaltigster aller griechischen Lyriker; seine Epinikien (Liebeslieder)
sind voil der Verherrlichung pueriler Schonheit. Er erklart das Ver-
schwinden des P e 1 o p s als einen Raub durch Poseidon, der sich
in den Jiinglin^ verliebt hatte. Lieblinge : A g a t h o n und zumal
Theozenos, m dessen Armen er hochbetagt im Theater zu Argos
starb. Auf ihn hat er kostliche Lieder gedichtet; ein Fragment ist
erhalten, es gilt als eines der vollendetsten Liebeslieder in griechischer
Sprache. Nachweise : Jahrbuch Bd. VIII S. 652 f f .
Platon aus Athen (427 — 347), beriihmter Philosoph und
Schriftsteller. Schiller des Sokrates. Griindet nm 386 in Athen die
bekannte Philosophenschule, „die Akademie". Das Thema der Knaben-
liebe kehrt teils episodisch, teils in breiter Ausfiihrung an sehr zahl-
reichen Stellen seiner Schriften wieder. Unter seinen Lieblingen,
die er in Gedichten verherrlicht, sind namentlich zu nennen A g a -
thon, Dion, Alexis, Aster. Nachweise : Jahrbuch Bd. VlII
S. 635. Christ 422 ff.
Polykrates, Herrscher von Samos (gest. 522 v. Chr), hielt
sich einen Hofstaat der allerausgesuchtesten Edelpagen; seine Eifer-
sucht auf die Lieblinge des Anakreon. Errichtet im Junotempel
eine Statue seines Lieblings Bathvllus. Nachweise : Jahrbuch Bd.
VIII S. 642 ff.
Propertius, Sextus, gefeierter romischer Dichter (49 — 15 v.
Chr.). Auch bei diesem Verkiindiger der weiblichen Liebe fehlt die
homosexuelle Komponente nicht; man vergleiche folgende Stellen seiner
Werke (Ausgabe von Roths te in): I 20. II 4, 17 ff. II 30, 30.
II 34, 73. Ill 7, 21 ff. IV 8, 25 ff.
Rhianos aus Kreta (drittes Jahrhundert v. Chr.), Aufseher
in einer Knabenringschule, nicht ungewandter Poet. Seine piidophilen
Dichtungen im Jahrbuch Bd. IX (S. 267 ff.).
Sokrates aus Athen (469 — 399 v. Chr.), bekannter Philosoph,
vom Delphischen Orakel als der „weiseste aller Sterblichen" erklart,
begeisterter Verehrer der Jiinglingsschonheit. Sein Liebling der
fichone Alkibiades; doch lehnte Sokrates die sinnliche Betati-
^ gung ab und verwarf sie auch bei anderen im UbermaB, wie des-
gleichen das Obermafl der heterosexuellen Liebo. Ilauptquellen : Pla-
ton und Xenophons philosophische Schriften.
Solon aus Athen (um 640 — 560 v. Chr.). Bcriilimter Staatsmann
und Gesetzgeber; einer der sieben Weisen des Altertums. Gefeierter
Dichter, der die Jiinglinge unter die erstrebenswerten Tdeale eines
gliicklichen Mannes rechnet. Organisiert in Athen die Jiinglingsliebe
durch staatliche Gesetze, welche sie fiir die Sklaven beschranken und aJs
Reservatrecht des freien Atheners bestimmen. Bostraft Verfiihrung
Minderjahriger und Kuppelei. Reste seiner Dichtungen bei Bergk,
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Bd. II. Das Gesetz iiber die Paderastie : P 1 u t. amat. cap. 4 ; vit. Sol,
cap. 1. Nachweise: Jahrbuch Bd. VIII, S. 627 f.
Sophokles (496 — 406 v. Cbr.), beriihmter griechischer Tra-
giker. Tanzt als 163ahriger Knabe bei der Siegesfeier der Schlacht von
Salamis im Chor der Knaben. Im Kriege mit der Insel Samos (441 bis
439) ist er Feldherr der Athener. Freund und Schiitzling des groBen
Staatsmannes Perikles und des Geschichtsschreibers H e r o d o t.
443 — 442 war er Hellenotamias, d. h. Schatzmeister der Kasse des atti-
schen Seebundes. Auch ein priesterliches Amt hat er bekleidet. All-
seitig geriihmt wegen seiner Liebenswiirdigkeit. War verheiratet;
Vater des spateren Dichters J o p h o n. Liebe zu Epheben und Umgang
mit ibnen einwandfrei und mehrfach bezeugt. Lieblinge: der schone
Knabe von Chios ; der von Athen ; Demophon, Smikrines.
Nachweise : Athen. XIII, 582 e f f. Jahrbuch Bd. VIII 632—634.
Stesichoros aus Ilimera (um 640 — 555), groCer und un-
gemein vielseitiger Dichter ; von ihm werden auch jtaideia (Lieder auf
schone Jiinglinge) bezeugt. Nachweise: Jahrbuch Bd. VIII S. 652.
Straton aus Sardes, namhaf ter griechischer Dichter zur
Zeit Pladrians. Er veranstaltete eine uns erhaltene Sammlung von
Gedichten auf Jiinglinge. Die Sammlung umfal3t 258 Gedichte ; Stra-
ton selbst hat 94 Gedichte beigesteuert ; auCer ihm sind neunzehn 23)
andere Dichter vertreten ; 35 Gedichte sind ohne den Namen des Ver-
fassers iiberliefert. Dieses „hohe Lied des Eros" ist eingehend analy-
siert und zum groCten Teil iibersetzt im „Jahrbuch" Bd. IX, S. 230 ff.
Themistokles, beriihmter athenischer Staatsmann, Sieger in
der Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.). Bekannt ist seine Liebe
zu dem schonen Stesileos, einem Jiingling von der Insel Keos,
in den sich auch A r i s t i d e s (s. d.) verliebt hatte. Quelle : Plu-
tarch, Leben des Themistokles. cap. 3.
Theognis aus Megara (um 540 v. Chr.). Anhanger der Adels-
partei bei den inneren Kampfen seiner Vaterstadt. Beriihmter Dichter;
erhalten sind 388 Verse politisch-moralischen Inhaltes. Die letzten
160 Verse gelten ganz der Jiinglingsliebe. Hauptliebling : der junge
adlige K y r n o s , dem das ganze Gedicht gewidmet ist, und dem der
Dichter Unsterblichkeit durch sein Lied verspricht. Die Verse atmen
zum Teil gliihende Leidenschaft ; die Gedichtsammlung war lange
Zeit in Athen Schulbuch. Ausgabe: Bergk Bd. II. Nachweise: Christ,
S. 130 ff. Jahrbuch Bd. VIII S. 628—631. Bergk = Poctae Ivrici
graeci recensuit Theodorus Bergk. 3 Bde. 4. Auflage. Leipzig 1882.
Theokrit aus Syrakus (um 310 — 245), beriihmter Dichter
(Bukoliker) ; von den dreifiig erhaltenen Gedichten sind acht aus-
schlieBlich der Jiinglingsliebe gewidmet; auch die andern sind vol!
padophiler Anspielungen (darunter sehr derb erotische). Nachweise:
Jahrbuch Bd. VIII S. 660 ff.
Tiberius, Romischer Kaiser (14 — 37 n. Chr.). Seine homo-
sexuelle Leidenschaft bezeugt Suetonius, vita Tiberii cap. 44.
Tibullus, Albius, gefeierter romischer Dichter (54 — 19 v. Chr.).
Unter seinen tiefen und sinnigen Gedichten finden sich auch die
Marathuselegien, Gedichte auf den schonen Knaben Marathus, die
zu dem Schonsten gehoren, was der homoerotischen Muse gegliickt ist
(das 4. 8. und 9. Gedicht des I. Bandes). Fabricius in seiner Aus-
gabe des Tibullus (Berlin 1881, S. VIII) nennt sie allerdings die
widerlichen, ja scheuBlichen Produkte einer loider im Siiden Europas
damals wie noch jetzt besonders im Oriente heimischen Knabenliebe."
23) Es ist nicht angiingig, diese neunzehn Dichter samtlich einzeln
anzufiihren. Dazu kommen noch die zahllosen Dichter homoerotischer
Gedichte, die in den anderen Biichern der Palatinischen Anthologie uns
erhalten sind. Auch diese sind analysiert und zum groBten Teil iiber-
setzt im Jahrbuch Bd. IX S. 213—312.
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Titus, Flavius Vespasianus, Romischer Kaiser (79 — 81 n. Chr),
milder und weiser Herrscher, genannt „die Liebe und Wonne des
Menschengeschlechtes" (amor et deliciae generis humani). Seine homo-
sezuellen Neigungen bezeugt S u e t o n , vita Titi cap. 7.
Trajanus (98 — 117 n. Chr.), Romischer Kaiser, trefflicher Re-
gent tmd Feldherr. Auf seinem siegreichen Zuge durch den ganzen
Orient begleitete ihn ein „Padagogium, eine Schar schoiier Jiinglinge,
die er tags und nachts in seine Anne rief ". Nachweise : Spartianus,
Leben Trajans.
Vergilins, Publius Maro, gefeierter romischer Dichter (70 — 19
V. Chr.). Unter seinen Gedichten ist ein Lied auf den schonen,
aber sproden Alexis (eel. 2.).
Cberblicken wir diese Liste namhafter Homosexueller a\is
dem Altertum, auf der Herrscher wie Agesilaos und Ale-
xander der GroBe, Feldherren wie Epaminondas und
Caesar, Staatsmanner wie Lykurgos und Aristidcs,
Philosophen wie Sokrates und Platon, Dichter wie
Sophokles und Pindar und von romisehcn Caesaren, neben
entarteten wie Nero und Heliogabal, die treffliehsten, wie
Trajan und Hadrian stehen, so dtirfte allein diese Zu-
sammenstellung gentigen, uns den sicheren Bewe!s zu erbringen,
da6 ein Volk, das gleichgeschlechtlich empfindenden Personen
prinzipiell ihre Entfaltungsmoglichkeiten nimmt, sich selbst
Schaden zufiigt. Dies wird auch durch die nun folgende Zu-
gammenstellung beatatigt, in der wir alphabetisch geordnet die
Namen weiterer Personlichkeiten^ die fiir homosexuell gehalten
werden, bringen.
Auch hier kann es sich nur um eine A u s w a h 1 handeln, auch
hier diirften manche, wie Shakespeare u- a. nui- bisexuell emp-
funden haben, aber auch hier zeigt die Ubersicht derer, die ganz
zweifellos homosexuell lebten und tiihlten, daB eine Liste verbreche-
rischer, lasterhafter, kranker oder „minderwertiger" Menscheu auders
ausschauen wiirde. Von Anfiihruug noch lebeiidor Pcrsonlichkeiten wurde
selbsverstandlich Abstand genommen; hier moge die Versicherung
geniigen, dafi auch imter ihnen viele urnisch siud, auf deren Sein uud
Wirken die Mitwelt sicher nicht leicht verzicliten mochte. paJ3 unter
den homosexuellen Frauen verhaltnismaCig Beriihmtheiten so viel scl-
tener sind als unter homosexuellen Mannern, diirfte darin seinen Grand
haben, daB die auBeren Entwicklungsmoglichkeiten fiir das Weib —
auch fiir das urnische — im allgemeinen immer viel schwicrigeie
waren, als fiir den Mann, des weiteren darin, daB der mannliche Ein-
schlag im Weibe zwar ausreichte, sie iiber ihr Geschlecht hinaus in die
Hohe eines tiichtigen Mannes, besonders eines scharf denkenden und
disponierenden Geschaftsmannes, oder eines Abenteurers, auch eines
Organisators und Politikers zu heben, sie aber selteu dariiber hinaus
zu der Kraft eines schopferischen Genies auf dem Gobiete der Kunst,
Technik und Wissenschaf t befahigte. Mit anderen Worten : das z u r
weiblichen Intelligenz tretende Manulichkeits-
lua steht in seinem Ge sam t r e s ul t a t dur c h s c hni 1 1 -
ich dem zur mannlichen Grundlage sich hinzuge-
sellenden Weiblichkeitsplus an produktiver Gestal-
tungskraft nach. Es folgen nun die Namen, wobei wiederholt
bemerkt werden muB, daB nicht alle Quellen ^,ls gleichwertig zu
Hirschfeld, Homosexualitat. 42
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era ch ten sind. Vorbildlich diirften die in unseren Jahrbuchern ver-
offeiitiiclien Urniiigsbiograj)hien sein, vvahrend viele Autoren, nament-
lich Kcrtbeny, Frey, Notthafft, de Joux, selbst Ulrichs iind Moll,
von Auslandem Burton und Pisanus Fraxi viele Namen ohne Angabe
von Griinden nennen. Was soil man beispielsweise sagen, wenn auf der
Liste von Burton Namen wie Napoleon I. und Saint Beuve figurieren.
Zuverlassiger ist die „Naamlijst** des Hollanders Helpman^^a). Aber
sowohl unter seinem als auch den hier aufgefiihrten Namen befinden
sich einige, deren Uranismus zwar von den angegebenen Autoren be-
hauptet, aber keineswegs bisher ausreichend mit Beweismaterial ge-
stiitzt wird. Deshalb sind viele Namen wie Karl v, Holtei, Moliere
und Tasso, von denen Moll sagt, dafi sie „zu den Homosexuellen
gezablt werden", von mir fortgelassen worden.
Abn Now&s, beruhmter arabischer Dichter unter H a r u n a 1
R a s o h i d , der „ Sanger der Kinaden", vgl. dieses Handbuch I, 802
bis 803.
A c c o r s o , Franz von, gest. 1292. Beriihmter Florentiner Jurist.
Vgl. Undine Freiin v. Verschuer. Die Homosexuellen in Dantes
Gottlicher Komodie. Jhb. VIII S. 355.
A 1 b e r o n i , Giulio, 1664 — 1762, Spanischer Kardinal und Staats-
mann im 18. Jahrhundert. Wurde 1720 in Rom wegen seines laster-
haften Privatlebens vor das papstliche Gericht gefordert; wird als
homosexuell bezeichnet in den Brief en der Elisabeth Charlotte von
der Pfalz (in der Bibliothek des Stuttgarter Literarischen Vereins).
Bd. 88. Vgl. Jhb. XIII. S. 62 u. ff.
Aldobrandini, Tegghiajo, gehorte zu der gleichnamigen be-
riihmten Toskanischen Familie; lebte im 13. Jahrhundert. Aufgefiihrt
bei Dante, Inferno XVI. Gesang, Vers 41, im Zuge der Paderasten. Vgl.
Undine v. Verschuer 1. c. p. 355.
Alexander I., Kaiser von RuBland, 1777 geb., regierte seit
1801 — 1825. Freundschaftliches Verhaltnis zu Eugen Beauharnais und
M. Armfelt (s. Gustav III.) vgl. A. Moll, Beriihmte Homosexuelle,
Wiesbaden 1910, S. 63.
Alex an der VI. (Borgia) eigentlich Rodrigo Lenzuolo, 1431
bis 1503, ab 1492 romischer Papst. Widmete sich erst dem Kriegs-
wesen und der Rechtswissenschaft, durch seinen Oheim Calixt III.
zum Bischof von Valencia und papstlichen Vizekanzler ernannt. Vgl.
Actius Syncereus Sannazarius, „Epigrammata". , (U n s i c b e r.)
A 1 1 e r s , bekannter Zeichner. Verf olgung wegen eines homo-
sexuellen Vergehens in Capri, der er sich durch die Flucht entzog,
ca. 1902. Seitdem spurlos verschollen.
Andersen, H. Christian, 1805 — 1873. Beriihmter danischer Mar-
chendichter. Nachweis seiner Homosexualitat im Jhb. III. S. 203
durch Alb. Hansen- ;Kopenhagen.
Anglesey, Marquis of, gest. 1905. Bekanntes Mitglied der
englischen Aristokratie von femininem Aussehen; imitierte auf Spe-
zisLlitatenbiihnen Loie Fuller. Vgl. D ii h r e n , Englische Sittenge-
schichte Berlin 1912. II. Bd. S. 49.
Anna Leopoldowna von Braunschweig- Wolfenbiittel.
Homosexuelles Verhaltnis mit Juliane von Mengden. Vgl. Stern, Ge-
schichte der offentlichen Sittlichkeit in RuBland.
A n s b a c h , Alexander, letzter Markgraf "von Bay rent h. Vel.
Vehse, Geschichte der deutschen Hofe seit der Reformation Bd. 40.
S. 157. Hambuig 1857. (Unsicher.)
A r n o u 1 d , Sophie, 1744 — 1803, beriihmte franzosische Schau-
spielerin und Opernsiineerin, vgl. La nouvelle Sapho ou histoire de la
secte anandryne, publiee par la C. R. Paris 1791 und spater.
23a) Vgl. De Neigung tot het eigen Geslacht. (Baarn.) p. 41 ff.
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Andlegh, Mervin, bekannter Lord, wurde 1631 wegen homo-
sexuelleu Verkehrs mit seinem Diener hingerichtet. Vgl. D ii h r e n ,
Englische Sittengeschichte Berlin 1912 II, 11.
August der Gliickliche, von Gotha und Altenburg, 1772
bis 1822. Stammvater des gegenwartigen Hauses in Deutschland und
England. Sehr femininer transvestitischer Bisexueller ; vgl. Das Quellen-
material von B^arsch im Jhb. Bd. V, S. 616 und 693.
Augustinus, Aurelius, 354—430 aus Tagaste in Numidien.
Heiliger und christlicher Kirchenlehrer. Vgl. David und der Heilige
Augustinus, zwei Bisezuelle Jhb. II. Bd. S. 289 ff . und Augustinus,
Confessiones lib. IV.
Bacon, Francis, Lord Verulam and Saint Albans, 1561 — 1626,
Philosoph, Dichter, auch Eanzler unter Konig James I* Viele glauben,
dafi er die Schauspiele, welche Shakespeare zugeschri^ben sind, auch
die Songtte und andere Gedichte, ceschrieben hat. In jungen Jahren
war seine Homosexualitat bekannt, oesonders seine Vorliebe fiir schone
Diener etc. Vgl. „Is it Shakespeare?" by a Graduate of Cambridge.
Bang, Herman, benihmter danischer Dichter, 1868 — 1912. Vgl.
das Lebensbild von Hans Land in „Vierteljahrsberichten" III. Jahrgg.
&335ff. Ein nachgelassenes Manuskript, worin er sich iiber die
omosexualitat auBert, und von dem er bestimmte, dai^ es nach sei-
nem Tode veroffentlicht werde, wird von seiner Familie und seinem
Testamentsvollstrecker (Peter Nansen) noch immer der Offentlichkeit
vorenthalten.
Barbarigo, Marco, 1486 geb. Venetianischer Nobile. Bekannt
durch sein homosexuelles Freundschaftsbiindnis mit Francesco Tre-
visauo. Vgl. Frey, Eros und die Kunst S. 142. (Unsicher.)
Barnefield, Richard, 1574—1627. Englischer Dichter. Von
seinem Leben ist wenig bekannt, aber aus seinen Gedichten, besonders
„The affectionate Shepheard" und „Cynthia" geht eine unverkennbare
Liebe zu schonen Jiinglingen hervor. Vgl. „The complete poems of
Ricbard Barnefield" ed. by B. Grossart, London 1876. Havelock-
Ellis, Studies of the Psychology of Sex. S. 23. Philadelphia 1901.
B a z z i , Giovanni Antonio, genannt „il Sodoma", 1477—1549. Be-
ruhmter Maler der Renaissance. Von Mit- und Nachwelt, worauf auch
der Beiname hinweist, als homosexuell betrachtet. Vgl. Biographic von
Elisar von Kupffer Jhb. IX. p. 71 ff.
Beckford, William, 1769—1844. Englischer Schriftsteller und
Millionar. Schrieb unter dem Pseudonym „Lady Harriet Marlow". Be-
kannter Weiberfeind. Seine Schriften hatten groBen EinfluB auf Byrons
Dichtungen. Vgl. Diihren, Engl. Sittengeschichte, Berlin 1912, Bd. II,
S. 24.
Benedikt IX. Romischer Papst von 1033 — 1046. Cberaus femi-
niner Uming. Seines lasterhaften homosexuellen Verkehrs halber ent-
setzt. Vgl. L. Frey, Eros u, die Kunst.
Blavatzky, Helena Petrovna, 1831—1891. Bekannte Theo-
sophin, Tochter des Generals von Hahn. AuBerst mannlicher Cha-
ra&ter. Nannte sich „Jack", wahrscheinlich bisexuell. Vgl. Hans
Freimark, Helena Petrovna Blavatzky. Leipzig.
Bolle, Dr. Karl, gest. 1909. Bekannter Dendrologe. Bekannte
sich selbst als hdmosexuell. In seiner Jugend Freund Alexandef
von Humboldt s.
Bonfadio, gest. 1691. Bekannter Geschichtsschreiber. Wegen
homosexueller Liebe in Genua verbrannt. Vgl. Jhb. VII, p. 44 ff.
Bonneval, Claude, Alexander, Graf von, spater Achmed Pascha,
1676 — 1747. Abenteurer, der sich im Tiirkenkrieg unter Prinz Eugen
auszeichnete. Trat 1729 zum Islam iiber. Vgl. Jahrb. VII S. 44 f.
und Vandal, Une embassade frangaise sous Louis XV. Paris 1887.
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B o n h e u r , Rosa, 1822 — 1899. Beriihinte franzosische Tier- und
Landschaftsmalerin. Virile Transvestitin. Vgl. Jhb. II.
Bouillon, Kardinal von, Eberhard von der Mark, Erzbischof
von Valencia. Beriihmt zur Zeit K a r 1 s V. Vgl. Jahrbuch VII, S. 44.
Branciforte, von, Papstlicher Nuntius, vgl. D ii h r e n , Mar-
quis de Sade, Berlin 1904.
B r ii h 1 , Heinrich von, 1700 — 1763. Minister August des III. von
Sachsen und Polen, nach ihm die Briihlsche Terrasse in Dresden. Vgl.
V e h s e , Geschichte der deutschen Hofe seit der Reformation. 33. Bd.
Hamburg 1854 p. 139 und 3G7 und Notthafft, 1. c. II. Band
p. 558.
Bruno, Giordano, 1548 — 1600., Beriihmter freigeistiger Philosoph.
Seine Veranlagung kam als erschwerendes Moment in dem zu
seiner Verbrennung fiihrenden Prozel3 in Betracht. Vgl. L. F r e y , Eros
und die Kunst p. 146. (Unsicher.)
Bulthaupt, Heinrich, geb. 1849, Schriftsteller, Bibliotheka^
in Bremen. Erwahnt von M e i s n e r in „Uranismus" p. 16.
Byron, George Gordon Noel, Lord, 1788—1824. Bisexuell. Vgl.,
Byrons Jugendgedicht „Hours of idleness" und den Brief Shelleys an
Peacock (1818) (s. Vierteljahrsberichte des W.-h.-K. HI. Jahrgang.
p. 298 — 299. Auch Morris' „Life of Byron" und Byrons „ Journals."
Und Xavier Mayne, „The intersexes" p. 167 ff. und p. 356 ff., wo er
scbreibt: ,, Byron was greek in his intellectual and sexual nature, he
was Englishman by birth, but Athenian by heart."
Oagliostro", Alexander Graf von, 1743 — 1795. Erwahnt von
Kertbeny in Jhb. VII. p. 44 f.
Cambac6res, 1753 — 1824, Kanzler des I. Kaiserreiches unter
Napoleon I. Urheber des Code Napoleon. Vgl. Jhb. VII, 44 ff. ; vor
allem Jhb. XIII : Dr. Numa Pratorius, „Cambac^res" p. 22 ff.
Casa, Giovanni della, 1503 — 1556. Italienischer Dichter, der
Plato und Aristoteles iibersetzte und die hochsten geistlichen
Wiirden erlangte (Erzbischof von Benevent und papstlicher Nuntius).
Soli angeblich ein Gedicht verfaBt haben „In laudem Sodomiae". Vgl.
E. V. Kupffer 1. c. p. 96 und 201.
Castlereagh, Robert Stewart Viscount of (spater Marquis
of Londonderrv) 1769 — 1822. Kriegsminister wahrend der englischen
Kriege gegen Napoleon. Beging Selbstmord, um einer Rotte von Er-
pressern zu entkommen (nach Pavia).
Cellini, Benvenuto, 1500 — 1571. Beriihmter italienischer Bild-
hauer, vgl. seine von Goethe iibersetzte Autobiographic, wo er auf seine
homosexuellen Neigungen zu sprechen kommt, bes. Buch I, Cap. IV ;
Buch 111, Cap. VII; Buch IV, Cap. Ill und VIII.
Changarnier, de, 1793 — 1877. Franzosischer General, Gou-
verneur in Algerien. Nach den Selbstbekenntnissen seines Freundes,
des Divisionsgenerals de Lamoricidre bei A. H a m o n d „La France
sociale et politique" homosexuell veranlagt.
Chauffeurs, Etienne Benjamin de, gest. 1726. Edelmann aus
Lothringen. Hingerichtet wegen „schandlicher Unzucht". Vgl. M^moires
des Sanson ; mis en ordre, redig^s et publies par H. Sanson, ancien
ex^cuteur des hautes oeuvres de la cour de Paris. Paris 1863.
Christian VII., Konig von Schweden, Norwegen und Dane-
mark, 1749 (Konig seit 1766) bis 1808. Bekannt seiner Palastre volution
wegen und durch die Gefangennahme seiner Frau Karoline Mathilde
von England. Schon als Kronprinz homosexuelles Verhaltnis mit einem
Pagen S p e r 1 i n g und seinem Kammerdiener Kirchhoff. Aul3er-
dem homosexuelle Beziehungen (als Konig) zu Brabdt und dem Grafen
Hoick. Spater von seiner Gemahlin geschieden. Vgl. August Fjel-
s t r u p , JEhescheidungsprozeB zwischen Konig Christian VII. und
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Konigin Karoline Mathilde nach nduei^ bisher anveroffent-
lichten Urkunden zusammengestellt, Berlin o. J.
Christine, Konigin von Schweden, 1626—1689, Tochter GrU-
stav Adolf 8. Bekannt durch ihr mannliches Auftreten tlnd tranS"
Vestitisohe Gewohnheiten. Kameradschaftliche Verhaltnisse mit Man-
nern, wies alle Freier ab. Homos exuali tat aus dem negativen Verhaltexi
tegeniiber dem mannliohen Geschlechte ihrer starken Virilitat und
er Freundschaft zu der Graf in Ebba Sparre gefolgert. Vgl.
Jtb. Vltl. Hochstetter, und deten Quellen, and Briefe der Eli-
sabeth Charlotte von der Pfalz vom 28. Nov. 1719.
CI air on, Louise, 1723—1803. Eigentlich: Claire Josephe Hip-
polytft Legris de la Tude, beriihmte frz. Schauspielerin, vgl. M^moires
secrets pour servir k Thistoire de la R6publique des lettres vom 11. Juli
1774 und Pierre Pic, Les heures libres 2e s6rie Paris 1910 p. 263;
und „La nouvelle Sapho" Abdruck aus dem beriihmten Erotikon
,,L*e8pion anglais" (auch ins Deutsche iibersetzt).
C o n d 6 , der GroBe, 1621 — 1686, beriihmter franzosischer Feld-
herr, vgl. Pisanus Fraxi, Centuria librorum absconditorum, Lon-
don 1879, ]p. 41L
Gonti, Prince Louis Armand de, 1695 — 1727, natiirlicher Sohn
von Francois Louis, vgl. Jhb. VII. p. 44 ff. und H. M i c h a e 1 i 9
Vierteljahrsberichte des W.-h. K. IV. S. 77.
Cordoba y Aguilar, Gonzalo Fernandez de, 1443 — 1616. Her-
vorragender spanischer Heerfiihrer. Vgl. Joannis Meursii Ele-
gantiae latini sermonis Colloquium VII. p. 122.
Cornbury, Lord, englischer Gouverneur des Staates New York
unter der Konigin Anna, vgl. D ii h r e n , Englische Sittengeschichte,
Berlin 1912, Bd. II S. 49.
Correggio, Antonio da, 1494—1534. Italienischer Maler. Vgl.
Jager Jhb. II. 85. (Unsicher.)
Cumberland, Ernest Augustus, Herzog von, 1771 — 1857, Bruder
des Konigs Georg III. Er hatte ein Liebesverhaltnis mit einem Diener
und totete oder lieB einen zweiten Diener, der davon wuBte, toten, um
Erpressungen vorzubeugen. Dies im Jahre 1810. Vgl. D ii h r e n , Engl.
Sitteng. IT. Bd. S. 39.
Cygnaeus, Frederik, finnischer Universitatslehrer und Redner
1807 — 1881. Homosexuell laut miindlichen Uberlieferungen.
Desgouttes, Franz, Advokat in Bern, Dr. der Rechte. Hin-
gerichtet, well er seinen Liebling Daniel Hemmeler ermordete.
&ab dadurch AnlaB zu Hosslis „Eros". Biographic von Karsoh im
Jhb. Bd. V, 1. p. 557.
Dubois, Guillaume, 1656 — 1720. Kardinal und Minister. Elisa-
beth Charlotte von der Pfalz schreibt in ihren Briefen, daB er einen
kleinen Favoriten gehabt habe. Vgl. M i c h a e 1 i s Jhb. XIII. p. 62 ff .
Duquesnoy, J6r6me, 1612 — 1654. Beriihmter flamischer Bild-
hauer. Seiner Homosexualitat wegen 1654 in Gent verbrannt. Vgl.
Biographic von Eeckhoud, in Jhb. II, p. 277 ff. und Ph. Baert,
M6moires sur les sculpteurs et architecteS des Pays-Bas ; und Bulletin
de la Commission royale d'histoire. Bd. XIV. S. 76.
Edward IL, Konig von England 1284—1327. Seine leidenschaft-
liche Liebe ziun adligen Piers Gaveston wurde sein .Untergang. Er
wurde auf schreckliche Weise (man fiihrte ein gliihendes Rohr in
seinen Anus und ziindete seine Eingeweide an) in SchloB Carnarvon
in Wales ermordet. Vgl. D ii h r e n , Engl. Sittengesch. II. ; T^ F r e y
Eros und die Kunst p. 153 und H. Prutz, Staatengeschichte des
Abendlandes im Mittelalter von Karl dem GroBen bis auf Maximilian,
2. Bd. Bin. 1887, p. 218 und „Gehcime Geschichte der Lieblinge der
Fiirstcn**. 2. Teil, Leipzig 1795, S. 188.
Eugen, Prinz von Savoyeu, 1663 — 1736. Beriihmter Feldherr in
den Tiirkenkriegen, 'genannt „Prinz Eugen, der edle Bitter", nach Vehse,
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Gesohichte der deutschen Hofe seit der Reformation, 12. Band, Ham-
burg 1852, S. 259, wurde er in Paris Madame Sim one und Madame
Cansienc genannt und als passiver Paderast bezeichnet.
Eueton, Earl of, englischer Aristokrat, war 1889 in der Cleve-
land Street Affaire verwickelt. Vgl. Duhren, Engl. Sittengesch.
II, 43.
Fahrenbeid-Beynuinen, von, bekannter Kunstliebbaber,
der seine Besitzung in OstpreuBen durcb Kunstsammlungen, die dem
Publikum zuganglich sind, zu einer iiber die Provinz hinaus bekannten
Sebenswiirdigkeit gestaltete. Seine Horn osexuali tat war in den Kreiscn
Gleichveranlagter kein Gebeimnis. Freundscbaft mit v. Salpius.
Gemeinsames Grabdenkmal mit v. Fabrenbeid.
Farnese, Pietro Luigi, 1503 — 1547. Natiirlicber Sobn des Pap-
stes Paul III., von diesem legitimiert und zum Herzog von Parma und
Piazenza gemacbt. In Piazenza ermordet, weil er angeblicb dem scbonen
Biscbof von Farnya Gewalt antun wollte. Vgl. Affio, Vita di Pierluigi
Farnese, Mailand 1821.
Findlater, Earl of, der Letzte eines schottiscben Adelsge-
scblecbts, starb 1820. Ober seine Homosexualitat vgl. die naberen
Angaben bei D ii b r e n , Engliscbe Sittengescbicbte II, 37 — 38.
Fitzgerald, Edward, 1809—1833. Engliscber Scbriftsteller,
besonders Ubersetzer aus dem Orientaliscben. Zweifellos bomosexuell.
Hatte unter anderen ein inniges Verbaltnis mit einem scbonen Fiscber.
Vgl. Fitzgerald, „Life and letters" 2 vols. ed. by Aldis Wrigbt.
Fletcber, Jobn, 1679—1626. Engliscber Biibnendicbter. Hatte
ein durcb viele Jabre dauerndes Liebes verbaltnis mit dem mannlicberen
Francis Beaumont, mit dem zusammen er viele Stiicke dichtete. Vgl.
auch Beaumont in „Cbambre*s Biograpbical Dictionary".
F o o t e , Samuel, 1720—1777. Engliscber Biibnenscbriftsteller und
Komiker. Er war besonders groBartig in seiner Darstellung alter Wei-
berrollen. 1776 wurde er von einem Bedienten wegen eines wider-
natiirlicben Angriffs (criminal assault) angeklagt, jedoch freige-
sprocben. Vgl. Walter Sichels Biograpbie von S. T. Foote und den
Artikel iiber ibn in „ Dictionary of national biograpby".
F r i e d r i o b I., Herzog von Osterreicb, gest. 1330. In den Tiroler
Ciironikeu gescbildert als tapferer und mit vortrefflicben Gemuts-
gaben ausgestatteter Mann. Vgl. v. M ii 1 1 e r , Gescbicbte schwei-
zeriscber Eidgenossenscbaften. III. Bd. p. 26 und Anm. 42.
Friedricb L, Konig von Wiirttemberg, 1797—1816. Vgl. L.
Freiben* von Wolzogen, Memoiren aus dessen NacblaB mitgeteilt von
Alfred Freiberrn von Wolzogen. Leipzig 1851, p. 31 ; V e b s e , Ge-
scbicbte der deutscben Hofe XVI. und L. F r e y , Eros und die Kunst
8. 239.
Friedricb II. der GroBe, von PreuBen. 1712—1786. Stand bei
den Zeitgenossen im Rufe der Homosexualitat. Spottverse, Epi^amme
des Herzogs von Cboiseul. Abgeseben von Biograpben, bei denen
man Gebassigkeit vermuten konnte (Voltaire, la vie priv^e, der
welfiscbe Onno Klopp), sprecben sicb aucb sebr gute und ernst-
baf te Kenner F.'s Biiscbing, Freyer, Fontane u. a. f iir seine
Homosexualitat aus. Er selbst bat sicb nicbt nur in seiner Korrespon-
denz sebr frei iiber die Homosexualitat geauBert, sondern sie aucb
zum Stoffe eigener Dicbtungen gemacbt (namentlich „Le Palladion" in
den Oeuvres postbumes). Ob „Les matinees du roi de Prusse par lui
m§mo**, worin er ganz offen von seiner bomosexuellen Anlage spricht,
autbentiscb sind, erscbeint fraglicb. Sein Verkebr mit dem weib-
licben Gescblecbt in jugendlicbem Alter wiirde ebensowenig gegen
seine bomosexuelle Veranlagung sprecben, wie seine Beziebungen zur
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Barbarini, vgl. hieniber Olivier und Norbert, Barbarini Cam-
panini, eine Geliebte Friedrichs des GroBen. Berlin 1910. Besonders
wiohtig seine entschieden erotische Korrespondenz mit Fredersdorf.
Die iiberschwengliche Freundschaft zu Katte und Keyserlingk (Cae-
sarion) fallt noch in die indifferenzierte Jugendzeit, deshalb weniger
beweiskraftig. Dagegon ware zu erwabnen sein entschieden feminines
Wesen, das schon sein Vater des ofteren hervorhebt und viele seiner
besten Bekannten bestatigen. (U. a. der Arzt Zimmerman n.)
Georg III. von England und Hannover 1760 — 1820. Intimes
Verbal tnis mit seinem Kammerherrn Lord Bute. Vgl. Raffalo-
V i c h , Uranisme p. 228 und Havelock Ellis, Sexual inversion
II. Bd. p. 21. I
Georg, Prinz von PreuBen, 1828 — 1902. Schrieb unter idem
Pseudonym Georg Conrad. Einer der ersten Forderer des wissenschaft-
lich*humanitaren Komitees. Vgl. Jahrb. V. p. 1298.
G e r m i n y , Graf von, f ranzosischer Advokat, eine „Koryphae
der katholischen Partei", wurde am 6. Dezember 1876 in einer Be-
durfnisanstalt in den Champs Elysees bei einem homosexuellen Akt
mit einem gewissen C h o u a r d iiberrascht und zu zwei Monaten Ge- .
fangnis verurteilt. Vgl. Pisanus Fraxi, Centuria libror. abscondi-
torum. London 1879 p. 435 Anmerk.
Gleim, Johann, Ludwig, Wilhelm, 1719—1803. Deutscher Dich-
ter. Leidenschaftlicher Briefwechsel mit Joh. Georg Jacob i. Seine
Briefe, besonders an Jacobi, waren mit fast weiblicher Zartlichkeit
feschrieben. „ Gleim war unverheiratet, sein Herz hatte nur fiir die
'reundschaft Raum." Vgl. Korte, Gleims Leben, Halberstadt 1811
und Briefe zwisohen Gleim, Wilhelm Heinse und Jacobi, herausgegeben
von Korte. Ziirich 1806. Cber die psychologische Bewertung seiner
Briefe vgl. A. Moll, Beriihmte Homosexuelle p. 12 ff.
Gordon von Khartoum, den Carpenter im ,,Mittelgeschlecht" als
einen „unserer vortrefflichsten Philanthropen und von urnischem Geiste
beseelt** bezeichnet hat. Vgl. Carpenter, Mittelgeschlecht, p. 12.
Gries, Johann, Dietrich, 1775 — 1842. Bekannter Literaturhisto-
riker in Weimar und Jena, der mit Goethe, Schiller und Herder freund-
schaftlich verkehrte. Vgl. Frey, Eros und die Kunst p. 261. (Un-
sicher.) ;
Grillparzer, Franz, 1791—1872, beriihm tester osterreichischer
Dramatiker. Wohl bisexuell. Vgl. Hans Rau, Franz Grillparzer und
sein Liebesleben, Berlin 1904. L. Frey, 1. c. p. 279 und E. von
Kupffer, 1. c. p. 143.
Guidoguerra, Feldherr Karls von An jou. Dante erblickt ihn
ebenfalls im „ Inferno" im Zuge der Paderasten. Vgl. v. Verschuer,
Jahrb. VIIL S. 356.
GninceUi, 1240 — 1276. Dantes verehrter Lehrer, den er im
Inferno in die Paderastenholle versetzt. Vgl. v. Verschuer, Jahrb.
VIII. p. 365.
G u s t a V III., Konig von Schweden, 1746 — 1792, homosexuell zu-
folee zeitgenossischer Memoiren und Briefsammlungen. Er umgab sich
mit jungen Edelleuten von schonem AuBerem. IJnter diesen seien
Adolf Fredrik Muell, Johann Aminoff und G u s t a v
Mauritz Armfelt, alle spater Grafen, genannt. Das Geriicht
erzahlte von dem Erstgenannten, er sei der richtige Vater des Konigs
G u 8 1 a V rV. Adolf, da Gustav III. selbst zu geschlechtlichem
Verkehr mit seiner Konigin nicht fahig war. Armfelt war der
m9.chtigste dieser Giinstlinge. Der Konig sah ihn zum erstenmal auf
einer Reise in Spa 1780. Armfelt war damals 22 Jahre alt.
Gustav III. wurde von dem jungen Mann dermaBen eingenommen,
dafi er seinen Gunstling in dessen 25. Jahre schon zum Generaladjutant
und seinem machtigsten Ratgeber bef ordert hatte. Den schonen Arm-
felt, welcher Finnlander von GelDurt war, finden wir nach dem Tode
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G u s t a V s III. und nacli Finnlands Vereinigung mit RuBland, als den
ijiachtigstcu Giinstling des Kaisers Alexander I. wieder. Vgl. dort.
Giistav, Prinz von Schweden und Norwegen, Herzog von
I'PpIand, 1827 — 1852, beriihmt wegen seiner auCerorde at lichen Schon-
lieit, reich begabt sowohl als Dichter und Komponist ; hatte ein
ziemlich bekanntea Liebesverhaltnis mit einem Adjutanten, dem Leut-
nant Bystrom.
G u s t a V W i 1 h e 1 ra von Mocklenburg-Schwerin, 1851 gestorben ;
wird von U 1 r i c h s erwahnt. Ulrichs, Ai-gonauticus p. 78.
IT a f i s , S c h f m s e d - d i n IVI o h a m m e d , geb. zu Anfang des
14. Jalirhnndcrls in Schiras, gest. 1389. Der groBte Lyriker Persiens ;
sriuc Gcdichtsammlung ,,Diwan", die zuletzt von F. v. Boden-
s t c d t iibersetzt wurde. Sie enthalt viele, die Jiinglingsliebe ver-
horrlichendc Gedichte. Vgl. dieses Ilandb. Bd. I, 803.
Ila r 1 e y , Eobeit,. Graf von Oxford, 1G61— 1724. Englischer Staats-
mann und Lordschatzsekreiar. Vgl. Kertbeny, Jahrb. VII, S. 44.
Heinrich, Prinz von PreuCen, 1726 — 1802, zeigte in seinem
Geschlochtsleben viel Almlichkeit mit seinem Bruder Friedrich
d. G r o 13 c n. Lebte in keiner ehelichen Gemeinschaft mit seiner
G email lin und verheimlichte seine intimen Beziehungen zu seinen
Migiions nicht. Untcr diescn am bekanntesten Kaphengst und der
lu^tcri&ch liomosexucllc Sanger Mara. Die Beziehungen zu dem letz-
teren werden in der Korrespondenz Goethes an Zelter erwahnt.
Die Hoinosoxualitat H.'s berichtet u. a. Mirabeau. Fontane und
Vohse beliaiideln sie als etwas Sclbstverstandliches. Auch der homo-
soxuelle 8clirjftstollor v. Ungern-Sternberg benihrt gelegent-
lich (lie If«'in(»se::ualiult des Prinzen. Prinz H. war bei seinen liervor-
jMpciideu 'I'alentcn auf militarischem und kiinstlerisch-literarischem
(iebit U.' aur<f'rord<-ntlich feniinin, lebte in Rheinsberg ganz seinen Nei-
gniii;en in j^rulli- ruler Opposition gegen seinen beneideten Bruder,
A\'eil>erreind und Sonderling zeigte er entschieden Neigung zu Aben-
(euirn und war unsteten Sinnes. Verhaltnis mit dem 173ahrig|en
Graicn d e la U o c h e - A y m o n. Friedrich der GroBe soil die In-
sclirilt an einrm Freandschaftstempel, welchen Heinrich einem seiner
FreundL* gewidnut hatto, ,, testimonium grati animi", ihn verspottend
modifizierl haben. indem er die letzte Silbe „mi" durch eine Rosette
bcdocken lieU. Vgl. Mirabeau, ,,Histoire secrete de la cour de
I»erlin ou Correspondence d'un voyeur frangais". Tome second 1789
S. 98 und 131 und ,,Les matinees du Roi de Prusse par lui-m^me",
Ik-riin 17GG, S. 29.
Heinrich III., Konig von Frankreich und Polen, 1574 — 95.
Wegen honi<L,exueller Neigungen sehr bekannt, man nannte seine
IJegicrung ,.le r^gne des mignons". Ausfiihrliche Biographic von
Rcimcr, Jahrb. IV. S. 572 ff. Bekanntes Spottbild mit der Inschrift
„Pars est una i^^»atris, cetera matris habet" u. a., abgedruckt als Titel-
bild zu Eomers Biographic.
H e n d r i c h s , Hermann, beriihmter deutscher Schauspieler
lun die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ging seiner Stellung am Kgl.
Schauspiellianse eines homosexuellen Abenteuers mit einem Soldaten
halber verlustig.
Henriette, Anna von Orleans, 1644 — 1670. Erste Frau P h i -
1 i p p s V. Orleans (auch homosexuell). Dber ihr Verhaltnis mit der
Graf in von Monaco vgl. Brief der Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz vom
14. Oktober 1718.
H e r v e y , John, Lord Ickworth, 1696 — 1743, spielte eine hervor-
ragende Rollc in der Politik seiner Zeit. Wurde unbarmherzig von Pope
kaiikiert. der ihn stels „Lord Fanny" nannte.
ITobart, J^liU, Hofdame unter Karl II. von England, vgl.
Diihron, Engl. Sitteng. II, 49—53.
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&6&
Hoi stein, i'rahz von, 1826—1^78. Bekannter Komponist der
^Haideschlachl" und anderer Opera; \gl. u. a. Meisner, „Uraiu«-
tnua" p. 16. ,
Hoseli, JFieihrich, 1784—1801. SchweiiRer Schriftsteller, Ver-
tasset des »Elros**. Vgl. K a r s c h s Qucllenmaterial und die Biographie
Von deknselben im Jahrb. V, p. 447 ff. (Anscheinend bisexuell.)
Howard, Kathai^ina, fiinfte Gomahlin Heinrichs VIII. von Eng-
land. Vgl. A. F. i?ollard, Henry VIII. Edinburgh 1902 p. 271;
und TV lifer, Life of King Henry tlie Eighth, Edinburgli 1J^.1 Jp. 4B.^ f^
Humboldt, Alexander, Freiherr von^ 1769— iSsS. Verfasser
Aes Kosmos. Soil nie ein Wcib beriihrt haben. Nach zuverlassi^eit
mundlichen Uberlieferungen homoficxlicll. Seinen Freund, der bei ihm
aJs Kammerdiener lebte, setzte er als Universalerben ein. Viele femininiB
Stigmata, auch seine HancJschrift ist charakteristisch.
Iffland, -beriihmter Schauspieler, 1759—1814. Das Material
iiber seine tlomosexualitat von Kiirschner zusammengestellt. Sein^
BerufUn^ nach Wien scheitette an seiner Veranlagung. Bemerkung
von Kleist in seinem Btiefe: „Wenn das Kathchen von Heilbronn ein
Junge gewesen Ware". Vgl. Hajdecki: In der Halbmonatsschrift
>,Erdgeist" Und Vossischo Zeitune vorn 23. Februar 1908. ""[
Jfttnes I., Konig von Schottland, spater auch von England,
1666 — 1626. Seine Favoriten, die er zu groBen Stellungen avancierte,
Ynahnen an die Mignons von Henri III., von Frankreich. Die be-
deutendsten waren Robert Cari", nachher Lord Somerset, der
^chotte junge Herzog von Buckingham und Stuart Herzog von
Arran. Vgl. Diihren, Engl. Sittengesch. Bd. II, S. 11.
Jodelle^ Etienne, 1623 — 1673. Franzosischer Dramatiker, def
zusammen tiiit seinen Freunden seine eigonen Werke auffiihrte. Vgh
Kerbbfeny, Jahrb. VII, S. 44.
Johann Friedrich der Groi3miitige, Kurfiirst von Sachseni
1508 — 1554. Fiihrer des Schmalkaldischen Bundes* Cber seine Homo-
sexualitat. Vgl. Brief von Philips an Bucer 3. Jan. 1541. In
„Publicationen der preuBischen Sfcaatsarchive" V. 1880—1891 p. 302.
Johann Wilhelm, Herzog von der Pfalz, Julich und Berg,
regierte 1690 — 1716. Wegen seiner Prachtliebe bekannt; starb kinder-
los. Ihm folgte in der Regierung sein ebenfalls kinderloser Bruder
Karl Philipp. Uber seine Homosexualitat vgl. Brief der Elisabeth
Charlotte v. d. Pfalz vom 9. Miirz 1709 und Jahrb. XIII, S. 62u.f.
Johann XII., roraischer Papst von 955—963, abgesetzt von
Otto L, deutschem Kaiser. Vgl. Maimbourg, Histoire de la
decadence de I'empire.
Julius IL, Papst seit 1503—1513, geb. 1443. Eigentlicher Name
Criulio della Rovera. Neffe Papst Sixtus' IV. Verlieh einem geliebten
Diener die Kardinalswiirde. Unter ihm groBe Verbreitung der Homo-
sexualitat bei Bischofen, Priilaten und Kardinalen. Vgl. Gir. Priuli,
Diarion IL, 102—101 und IIL 42; auch L. Frey 1. c. p. 106. Be-
schutzer Bramantes und Michelangelos. GroBe Verdienste um die
Kunst. Bau der Peterskirche.
Julius IIL, Papst von 1550 — 1 555. Vgl. R a n k e , die rdmischen
Papste in den letzten vior Jahrhunderten. Lpz. 1889.
Jungingen, Ulrich.von, gest. 1410 in der Schlacht bei Tannen-
berg. Beriihmter Ilochmeister des deutschen Ordens. Als homosexuell
u. a. erwahnt bei Ungern- Sternberg. Jahrb. IV. p. 458 f f .
Karl I. von Wiirttem berg, 1823—1891. Seine Homosexuali-
tat wurdc dadurch bekannt, daB er in einen Skaudal verwickelt wurde,
der seine Giinstlinge — junge Amerikaner — betraf. Vgl. Baron
St .... r: Hof und Gesellschaft in deutschen Residenzen. Berlin
1895, S. 292 f.
Karl II. und Karl III. von Parma. Vgl. Pisanus Fraxi,
Catena librorum tacendorum, London 1885 p. XIV, Anm. 9.
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666
Karl XII., Konig von Schweden, geb. 1682 (Konig seit 1697),
gest. 1718. Von seiner Weiberfurcht und intimem Verkehr mit den
Kriegern seines Heeres wird viel erzahlt. Vgl. Anders Fryxell, Be-
rattelser ur svenska historien. Bd. XXI, S. 49, 224, 301. Vgl. auch:
„Ge8chichte Karls XII." von Hofprediger J. A. Nordberg. (Zeit-
genosse Karls XII.) und Franzosische Ministerbriefe : Relation de Tetat
de la Su6de. Oktober 1718. — Seine Freunde waren u. a. Axel' Wacht-
meisier, General Rehnskold, General Stenbock und Prinz Maximilian
von Wiirttemberg.
Karl XV., Konig von Schweden und Norwegen, .geb. 1826, gest.
1854, zeitgenossischer Traditionen zufolge bisexuell, stand in intimem
Verhaltnis zu einigen Adjutanten.
Katharina II. von RuBland, Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst,
eb. 1729 (Kaiserin seit 1762). Verheiratet mit Peter III. von RuB-
iand, der auch als homosexuell gait. Bekannte Verbal tnisse mit der
Furstin Daskow, mit der Prot^-sow und der Branitzka. Vgl.
Stern, Geschichte der of fentlichen Sittlichkeit in RuBland, und
Chevalier, Une maladie de la personalite. p. 123. (Wohl bisexuell.)
Kierkegaard, Soren, Danischer Schriftsteller. Seine Homo-
sexualitat behauptet Hansen in seiner Biographie iiber Andersen Jhb.
III. p. 203. (Unsicher.)
K u I k e , Eduard, gest. 1894. Dichter und Schriftsteller. Homo-
sexuell nach eigenem ^ekenntnis. Biographie von F. K r a u s s in
Jahrb. IX. S. 313.
K u n s t , Wilhelm, 1799 — 1859. Beriihmter Berliner Schauspieler.
Aus Wien wurde er 1840 wegen eines nachtlichen homosexuellen Skan-
dals ausgewiesen. Vgl. L. Frey 1. c. p. 168.
Kutusoff, beriihmter russischer Generalfeldmarschall. Starb
an Herzschlag wahrend eines homosexuellen Exzesses mit einem Sol-
daten im groBen Feldzuge gegen Napol6on.
Lamorici^re, Christophe, 1806 — 1865. Franzosischer Divisions-
general. Befehlshaber in Algenen. Homosexuell nach eigenem Gestand-
nis in A. H a m o n d , La France sociale et politique.
Larochfoucauld, Marquis von, GroBcomthur des als homo-
sexuell bekannten Ordens der Rosenkreuzer in Frankreich. Vgl. Otto
de Joux, Die Enterbten des Liebesgliickes. p. 126.
Latini, Brunetto, 1210 — 1294. Italienischer und franzosischer
Schriftsteller, Verfasser einer groBen Enzyklopadie. Vgl. Verschuer.
Jahrb. VIII, S. 364.
L e c 1 e r c q , Theodore (1777 — 1851), franzosischer Dramatiker, vgl.
M^moires do Philar^h Charles, Paris 1876, Bd. I S. 310.
Lefroy, Edward, Cracroft. 1858—1892. Englischer Dichter.
Seine Gedichte verraten eine stiirmische Bewunderunc athletischer
Jiin^linge. Gab eine Sammlung „Echoes from Theocrit" heraus. (Nach
Pavia.)
Leigh ton, Francis Lord, 1830—1896. Englischer Maler und
Bildhauer. Nach Pavia wird seine Homosexualitat von maBgebender
Seite bekundet.
Leo X., romischer Papst, geb. 1475 (Papst ,von 1513 — 1521).
Eigentlich Giovanni di Medici. 2. Sohn Lorenzo di Medicis. Mehr fiir
Kunst und Wissenschaft als fiir Religion begeistert. Vgl. iiber seine
homosexuelle Anlage : Paulus Jovius: „ Vitae Leonis^* Buch IV.
Leominier, Professor am College de France, Mitarbeiter der
,, Revue des Deux Mondes**, vgl. Pisanus Fraxi, Centuria librorum
absconditorum, London 1879, p. 411.
Leonardo da Vinci, 1452 — 1519. Vielseitigster Kiinstler und
Gelehrter der Renaissance. Im Alter von etwa 20 Jahren homosexuellen
Verkehrs wegen verurteilt. Inniges Freundschaftsverhaltnis zu Cesare
Borgia. Starb in den Armen seines Lieblingsschiilers Melzi. Unter
den italienischen Urningen herrsoht die Cberlieferung, daB jdie vier
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JuDglingsstatuen an den Sockelecken seines Denkmales in >failand
seine homosexuellen Lieblingssohuler gewesen seien, die er als Modelle
und Schuler bei sich anfnahm. VgL u. a. L. Frey, 1. o. p. 14 q und
Waiter Pater, Die Renaissance, Studien in Eunst nnd Poesie,
Lpz. 1902, und Sigmnnd Freud, Eine Eindheitserinnerung des
Leonardo da Vinci. Wien.
Lorrain, Jean, beruhmter franzosischer Romanschriftsteller. —
Numa Pratorius hat Originalbriefe von ihm in Handen gehabt, in
deneu er sich aufs deutlichste uber seine homosexuellen Empfin-
dungen auslafit.
L u d w i g IL, Eoni^ von Bayem, 1845—1886. Seine homosexuellen
Neig^ngen scheinen zweifellos. Uber die Aufhebung seines Yerldbnisses
mit Sophie, Prinzessin von Alen9on, vgl. Beilage zum ,,Haus-
doktor" Nr. 329 1897 vom Verfasser, und Jhb. V^ i p. 83 ff. L. Frey,
1. c. p. 83 und E. von Eupffer, 1. o. p. 166.
Ludwig XL Eonig von Frankreich, geb. 1423 (Eonig seit
1461), gest. 1483. Bekannte homosexuelle Verhaltnisse mit seinen
Hoflingen und „Beischlafem" Philippe de Commines und Louis de Cres-
sol. VgL Muller, Greschichte der schweizerischen fEidgenossenschaf ten.
rV. b£ p. 621 und Amn. 252 und 253.
Ludwip XIIL Eonig von Frankreich. 1601 (Eonig seit 1610)
bis 1643. Seine Giinstlinge waren Marquis von Cinq - M a r s und
Graf de Luynes. Vgl. Batifol „Louis XIII. k vingt ans." unid
Tallemant des Reaux, Les Histonettes 3. A. Paris 1862. II. Teil
p. 87. Pratorius hat eine bisher noch nicht veroffentlichte Arbeit
zum Nachweis seiner Homosexualitat beendet; er halt es fur falsch,
da0 Oiuq-Mars homosexuell war; im Gregenteil, gerade seine Liebe zu
Weibern, die ihn oft hinter dem Rucken des Eonigs aus dem Palast
trieb, war mit an der Erbitterung des Konigs gegen ihn schuld.
Ludwig XVIII., Eonig von Frankreich (regierte von 1814 bis
1824), hatte nach Thierry ein Liebesverhaltnis mit dem Grafen
d'Avaray. VgL Pisanus Fraxi, Catena librorum tacendorum, Lon-
don 1886, p. xrv.
Lully, Giovanni Battista, 1633 — 1687, beruhmter franzosischer
Eomponist. VgL Pisanus Fraxi, Centuria p. 411.
Macdonald, Sir Hector, 1850—1903, englischer Feldherr. Be-
ing Selbstmord infolge der Entdeckung homosexuellen Verkehrs in
^eylon. VgL Jhb. V, 2. p. 1322.
Machiavelli, Niccold, 1469 — 1521. Italienischer Staatsmann
und Geschichtsschreiber, beriihmt durch seine Schriften uber das
Wesen des Staates. VgL Eertbeny, Jahrbuch VII S. 44. (Unsicher.)
Magnus Eriksson, Eonig von Schweden und Norwegen,
geb. 1316. Wurde Eonig von Schweden im Jahre 1319, heiratete die
Graf in Blanche de Namur und hatte mit ihr drei Sohne. Seine
Regierui^ war ungliicklich, zum groBen Teil weil er durch Bevorzugung
lunger Giinstlinge Neid und Feindschaft bei den machtigen alten
Familien in beiden E6nig|reichen hervorrief. Besonderes Argernis
erregte sein Freundschaftsyerhaltnis zu einem jungen Mann von ge-
ringer Geburt, namens Bengt Algotsson, den er zum Herzog
ernannte. Eonig Magnus wi^e seiner Neigungen wegen Smek (= der
Schmeichelnde, Zartliche) genannt. Er wurde im Jahre 1363 vom
Throne verjagt und starb von alien verlassen ala Landfltich tiger
ungliicklich im Jahre 1374. Vgl. Spuren von Eontr§,rsexualitat bei den
alten Skandinaviern. Jhb. IV. p. 244—263.
Maillard, Jean, franzosischer G^lehrter des 16. Jahrhunderts.
Vgl. dieses Handbuch II, 212.
Manuel I. Eaiser des ostromischen Reiches. 1143 — 1180. VgL
Herzberg, Geschichte der Byzantiner. p. 292.
g
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Maria Adelaide von Savoyeii, Tochter des VikW Ama-
deus, Konigs von Sardinien. Homosexuelle Verhaltnisse mit Mnie. de
Main tenon, der Herzogin von Villeroi, Mme. du Ras und
der Mar^chale d'Etr^es. Vgl. Briefe der Elisabeth Charlotte
von der Pfalz, vom 4. Nov; 1718 und 26. Mai 1719:
Maria Kai-olina, Konigin von Neapel und beider Siziiieri, ge-
borene Erzherzogin von Osterreich, Tochter Maria Theresias und
Franz' I. 1752 — 1814; AuUerst mannlicher und herrschsiichtiger Cha-
rakter, fiihrte die Regierung fiir ihren schwachen Gemahl Ferdi-
nand I. Vgl. M. Brosch, Konigin Maria Karolina von Neapel, in
Historische Zeitachr. Bd. 53.
Marie Antoinette von Osterreich, Konigin von Frankreich.
1766—1793. Tochter Maria Theresias; Soil nacheinander zwei Verhalt-
iiisse mit der Graf in von Polignac und der PrinsieSsiii. Von Lamballd
^ehabt haben. Vgl. Essai historique sur la vie priv6e de Marie-Antoi-
nette d'Autriche, reine de France, 1789, p. 13, und Dreux de Ra^
d i e r , Memoires historiques et anecdotes sur des Reines et regente^
de France, Paris 1827, Tome 6 me. (Sehr fraglich.)
Marlowe, Christopher, 1564—1593. Englischer Biihnendichter.
Mysterioser Tod bei entstandener Schlagerei wegen „unziichtiger Liebe".
In „ Edward the Second" malt er die homosexuelle Liebe in iiber-
zeugenden Farben.
Maupin, Mademoiselle de, 1673 — 1707, sehr virile transvesti-
tische Urninde, Opefnsangeriri. und Fechtmeisteriti, deren abenteuer-
liches Leben, das sie im Kloster endete^ bereits Ulrichs in „Protiie*
theus" erwahnte. Uber ihre Biographie und ihre Homosexualitat vgl.
Karsch in Jhb. Bd. V.
Mazarin, Jules, 1602 — 1661. Kardinal und Erzieher Lud-
wigs XIV. Vgl. Pierre Dufour, Histoire de la prostitution chez
tons les peuples du monde depuis Tantiquite la plus recul6^ jusqu'^
nos jours. .8. Band S. 186. Bruxelles 1861. (Unsicher.)
Medici, Coeimo di. • Erwahnt von Kertbeny Jhb. VII.
p. 44.
Michel, Louise, 1833—1905. Mit dem Beinamen „la vier^e
rougo**. Franzosische Revolutionarin. Vgl. v. Levetzows Studie m
Jhb. VII, S. 307 ff.
Michel Angelo Buonarotti, 1474—1565. Beriihmlier Kiinst-
ler der Renaissance. Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter. Homo-
sexualitat tritt unzweifelhaft in seinen Sonetten und Briefen zutage.
32 jahriges Freundschaf tsverhaltnis mit Cavalier i. Nicht erotische
Freundschaftsbeziehungen zu Vittoria Colonna. Vgl. Jhb. II. Prato-
r i u s , Michel Angelos Urningtum S. 254 ff. auch Ludwig Scheff-
1 e r , Michel Angelo.
Montmorency, Herzog von, geb. 1595. Von v. R 6 m e r in
seiner Biographie Heinrichs III. als Homosexueller angefiihrt. Jhb.
IV. S. 572 ff.
Mosenthal, Salomon, 1821 — 1877. Schauspieldichter. Cf. u. a.
Moll, Contrare Sexualempfindung, p. 142.
Mil Her, Johannes von, 1752 — 1809. Beriihmter Geschichtsschrei-
ber, dessen homosexuelle Veranlagung aus seiner Korrespondenz, be-
senders an den jungen v. Bonstetten, hervorgeht. Vgl. auch G o e t he s
Bemerkung iiber ihn in seinen Gesprachen mit Eckermann. Seine
Biog;raphie von K a r s c h in Jhb. IV. p. 349.
Mure t us (Muretius), Marc Antoine, 1562 — 1585. Beriihmter
Historiker, Philosoph und Jurist. Seiner Homosexualitat halber gefangen
genommen, entzog sich dem Feuertode durch die Flucht nach Italien.
Vgl. F o i s s e t , Bibliographic universelle. L. Frey. 1. c. p. 146.
Neuhoff, Theodor, Baron von, 1686—1756. Der Sohn eines
westfalischen Edelmanns, der als Abenteurer die Welt durchstreifte ;
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1736 — 1738 Konig von Korsika. tJber seine Homosexualitat vgl. Car-
penter, Die homogene Liebe S. 79.
Oldenburg, Herzog Elimar von. Von Otto de Joux, des-
sen Gonner er war, als homosexuell erwahnt.
Orleans, Philipp, Herzog von, Sohn Ludwigs XIII. Haupt-
quelle die Briefe seiner Gattin, Elisabeth Charlotte von der Pfalz
(cf. Michaelis, Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte von
Orleans Jhb. XIII p. 62 ff.). Am 25. VI. 1721 schrieb sie: „Es ist
leider bait 50 jahr, dasz ich von hausz weg bin wider meinen willen
undt danck; denn der ehestandt ist mir ebensowenig zugestanden
alsz Euch, liebe Louise. . . ." In den Chroniques pittoresques et
critiques de I'Oeil de Boeuf (Paris 1823) wird iiber ihn gesagt: „De
plus, un ton, un air, des attitudes f^minines, et le goiit strange de
s'habiller presque tons les jours en femme, pour se renfermer deux oxr
trois heures chez le cHevalier de Lorrain, son favori.**
Paget, Henry Cyril, 1875 — 1905. Bekannter, sehr frauenhafter
Englander, der in Weiberrollen zu tanzen und zu singen liebte.
Pater, Walter, Horatio, 1839—1904. Englischer Schriftsteller,
Kritiker und Gelehrter. Einer seiner Biographen, Benson, „W. Pater,
English men of letters series" (London 1906), sagt von ihm: „He was
condemned by temperament to a certain isolation; he was outside
the world and not of it. His genius was for friendship rather than for
love and his circumstances and environment were favourable to celi-
bacy and thus he passed through life in. a certain mystery, though the
secret is told for those who can read it in his writings." Vgl. auch
Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 114.
Paul II., Formosus, romischer Papst von 1464 — 1471. Eigent-
licher Name Pietro Barbo. 25eigte sich nie ohne Schminke. Wegen
seiner.groJJen Riihrseligkeit hatte er den Beinamen „Notre dame de la
Piti6*'. Vgl. Prudhomme, Vergehungen der Papste vom heiligen
Peter bis auf Pius den VI. 1793 S. 527 und Gregorovius, Ue-
schichte der Stadt Rom im Mittelalter vom V. bis zum XVI. Jahr-
hundert. 7. Band, Stuttgart 1894, S. 211.
Peter der GroBe, Kaiser von RuBland. 1672 (Kaiser seit
1682^ bis 1725. Am bekanntesten unter seinen vier Freunden ist M e n -
tscliikoff, den er als Backer jungen kennen lemte und allmahlich
zum einfluBreichen Kanzler aufsteigen lieU.
Platen- Hallermund, August Graf von, 1796—1836. Be-
riihmter deutscher Dichter. Seine Homosexualitat j^eht zweifellos aus
seinen Gedichten und vor alien aus seinen Tagebuchem hervor. Der
von Heinrich Heine auf ihn gemiinzte Spott in der Reise nach
Lucca erregte grofies Aufsehen. Freundschafts verbal tnis mit L i e -
big, vgl. L. Frey, Jhb. VL S. 367 ff; Moriz Carriere, Liebig
una Platen in „Lebensbilder" Leipzig 1890, und vor allem seine Tage-
biiel^er, herausgegeben von Scheffler.
'PolizianO (Angelo Ambrogini Bassi), 1464 — 1494. Dichter und
Schriftsteller der Friihrenaissance, ein Freund Ludovico Sforzas.
Ubersetzte die Ilias Homers. Vgl. R 6 m e r s Androgynische Idee des
Lebens. Jhb. VII. 2.
R a u c o u r t , Marie Antoinette, 1763 — 1816. Beriihmte franzosische
Schauspielerin, Zeitgenossin der ebenfalls homosexuellen Sophie Ar-
nould, und der Clairon. Vgl. Pierre Pic, Les heures libres. 2 e s6rie
Paris 1910 S. 263.
Reiohmann, Theodor, 1849—1903. Hervorragender Sanger an
der Wiener Hofoper und in Bayreuth. Legte seinen homosexuellen
Neigungen sehr wenig Ziigel an und wurde mehrfach in Skandale
verwickeU, was aber seiner grofien Beriihmtheit keinen Einhalt tat.
Vgl, Meisner 1. c. p. 17, und „Das perverse Berlin", S. 47.
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Rhodes, Cecil, Begriinder der siidafrikanischen Union, soil
bomosexuell gewesen sein, ebenso wie seine Sch wester, Vgl. Monats-
berichte des W.-h.-K. April 1905.
Rimbaud, Jean- Arthur, 1854—1891. Franzosischer Dichter.
Freund von P. Verlaine. Er durchstreifte fast die ganze alte AVelt,
nacbdem 1871 Verlaine auf ihn aus Eifersucht geschossen hatte.
Rimbauds Homosexualitat bestreitet sein Verwandter Pater Berrichon
aufs entschiedenste.
Robert von der Normandie, beruhmter Heerfuhrer. Al-
tester Sohn Williams I., des Eroberers von England. Vgl. Raffalo-
vich, Uranisme et unisexualit6 p. 189.
Rochester, John Wiknot, Earl of ^ 1647— 1680. Englischer
Dichter, Giinstline Earls II. War eine der aulfallendsten Pers5nlioh-
keiten des da.maTigen sittenlosen Hofes. V^rfasser des Paderasten-
dramas „ Sodom". •
Romano, Giulio, (Giulio Pippi), 1492 — 1646. Italienischer Ma-
ler und Architekt, SchUler Rafaels. YrI. Eertbeny, Jahrb. VII, S. 44.
Rudolf II. von Habsburg, deutscher Eaiser, 1576 — 1612. Bekannt
wegen homosexueller Neigungen zu seinem Diener Philipp Lang.
16 Jahre mit der Infantin Isabella von Spanien verlobt, ohne sich
zur Ehe entschlieBen zu konnen. Eunstliebhaber und Forderer ]der
Wissenschaften. Freund Ee piers und Tycho von Brahes. Vgl.
L. Frey, 1. c. S. 151, und Moll, Contrare Sexualempfindung, S. 113
bis 114.
Sadi, beriihmter persischer Dichter. Vgl. dieses Handbuch,
Bd. I, 803.
So ha ok, Adolf, Friedrich, Graf von, beriihmter Dichter und
Literaturhistoriker. In Molls kontr§,rer Sexualempfindung ohneNach-
weise als homosexuell bezeichnet. S. 143.
Schle^el, August Wilhelm, von, 1767 — 1845. Beriihmter Eri-
tiker und Orientalist. Bedeutender tJbersetzer Shakespeares. 1804 Ehe-
scheidung. Eertbeny Jahrb. VII, p. 44 ff. (Unsicher.)
Schomberg, von, Friedrich Armand, Graf, 1615 — 1690. Elisa-
beth Charlotte v. d. Pfalz berichtet ausfiihrlich iiber seine Homo-
sexualitat. Nach dem Edikt von Nantes verlieB er den Hof Lud-
wigs XIV., an dem er eine hervorragende Rolle gespielt hatte^ und
begab sich nach Brandenburg. Dort prominente SteUung, G6n6ral en
chef samtlicber Truppen. Nach dem Tode des GroBen Eurfursten mit
Wilhelm von Oranien, seinem Freunde, nach England, dort gefallen.
Vgl. Michaelis, Jahrb. XIII. p. 62 ff. und „Das perverse Berlin".
Schweitzer, Johann, Baptist, von, 1834 — 1875. Vorkampfer
der deutschen Sozialdemokratie. 1862 wegen homosexuellen Verkehrs
in Mannheim verurteilt. Lassalle trat bei dieser Gelegenheit fiir
ihn ein und brach' fiir die Homosexuellen eine Lanze. (Vgl. oben p. 522.)
Selwyn, Greorge, 1719 — 1791. Abgeordneter, hervorragend in der
Gesellschaft seiner Zeit. Seine Indifferenz Frauen gegeniiber war
notorisch. Bei einer Hinrichtung erschien er einst in Weiberkleidem.
Seine Homosexualitat behauptet, aber nicht erwiesen, vielleicht nur
-Trsfisvestit.
Sixtus IV., Papst von 1471—1484. Eigentlicher Name Fran-
cesco della Rovere. Soil seine Lieblinge zu Eaxdinalen gemacht haben.
Auf ihn bezieht sich der Vers:
Roma quod ab inverse delectaretur amore
Nomen ab inverse nomine fecit amor.
Es wird berichtet, daU er einigen Eardinalen auf ihre Bitte, in der
heifien Jahreszeit Sodomie treiben zu diirfen, dies erlaubt habe. Nach
Stefano Infesuras „Diarion** bisexuell.
Soleime, de, beriihmter Bibliophile. VgL Pisanus Fraxi,
Genturia p. 411.
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St ad ion, Emmerich, Graf von, gest. 1900. Osterreichisoher
Schriftsteller. Bekannt als der homosexuelle Freund Vacanos. Bild
mit ihm in den „€reschlechtsuberganKen*^
Stein, Graf von, gest. 1860. Osterreichisoher General, in tiir-
kischen Diensten Ferhad Paschas. Homosexuell nach eigenem
Bekenntnis. Erwahnt in Ulrichs „Ara spei'*.
Sullivan, Sir Arthur, 1842—1900. Komponist des „Mikado"
und anderer bekannter Operetten. Seine Homosexualitat wird von mafi-
gebender Seite versichert.
Susse, de la, franzosischer Vizeadmiral unter Napoleon III.
Vgl. M^moires du Oomte Horace de Viol Gastel, Paris 1883,
Bd. II, S. 196—196.
Swift. Jonathan, 1667—1746. Schriftsteller und Prediger. Be-
rohmter Weiberfeind. Krafft-Ebing hielt ihn ffir asexuell, andere
fur sublimiert homosexuell.
Swinburne, Algernon Charles, 1837 geb. Bekannter englischer
Dichter, der durch seine „Poems and Balmds" (1866) in England
hef tige Entriistung erregte und dadurch zu einer Rehabilitietongsschrif t
fast gezwungen wurde. (Unsicher.)
S y m o n d s , John Addington. Beruhmter englischer Literar-
historiker und Schriftsteller. Mitarbeiter von Havelock Ellis. Ober
seinen Besuch bei Ulrichs in Aquila berichtet Bertz lin Viertel-
jahrsberichte des W.-h.-K. Band I. 1909. p. 5. Vgl. auch Horatio
F. Brown, John Addington Symonds, a biography. 2. A. London
1903 p. 467.
Tennyson, Alfred, 1809—1892. Poeta laureatus. Von Car-
penter, Mittelgeschlecht, p. 46, als homosexuell genannt.
Tschaikowsky, Peter, 1840 — 1893. Beriihmter russischer Kom-
ponist. Homosexuell nach eigenem Bekenntnis. Soil durch Selbstmord
geendet haben.
Udall, Nicholas, 1606 — 1666. Verfasser der ersten englischen
Kcnnodie. Im Jahre 1641 wegen homosexuellen Verkehrs angeklagt,
Restand er seine Schuld ein und wurde fur kurze Zeit eingekerkert.
MuBte sein Amt als Head-Master von Eton aufgeben. Vgl. Havelock
Ellis, Studies in t(he Psychology of sex. Sexual inversion, Philadelphia
1901 p. 23.
ulrichs, Karl Heinrich, 1825 — 1896. Einer der besten moder-
nen Kenner der lateinischen Sprache. Herausgeber der lateinischen
Zeitschrift „Alaudae". Vorkampier der Homosexuellen. Selbstbekennt-
nisse in seinen Schriften und Verwandtenbriefen.
Ungern-Sternberg, Alexander, Freiherr von, 1806 — 1868.
Deutsch-russischer Romanschriftsteller, der in seinen Werken das
Problem der Homosexualitat vielfach und vielseitig behandelt hat. Hin-
sichtlich seiner eigenen Homosexualitat vgl. Biographie von K a r s c h ,
Jahrbuch IV, S. 458.
Vacano, Emil Maria, 1840 — 1892. Osterreichisoher Schriftsteller.
. Homosexueller Freund des Grafen Stadion. Ihr Bild als Freundespaar
findet sich in „Geschlechtsiibeigange". Bevor er sich der Literatur
zuwandte als Kunstreiterin MiU Corinna beriihmt und gefeiert. Cber
seine wechselvolle Lebensgeschichte vgl. Otto de Joux, Die Ent-
erbten des Liebesgliickes. p. 230 ff. und L. Frey, 1. c. p. 270.
Vandoeuvre, Nicolas, Bourbon de. Englischer Dichter, der
um 1636 in London lebte. tJber seine Homosexualitat vgl. A. W o 1 1 -
mann: „Hans Holbein und seine Zeit". Bd. L S. 406, Lpz. 1874.
V e r 1 a i n e , Paul, 1844—1896. Dichter und Schriftsteller. Seinen
Werken nach bisexuell. Freundschaftsverhaltnis mit Rimbaud, auf
den er schoB. E. v. Kupf f er, 1. c. p. 159 und 203. Moll, Beriihmte
Homosexuelle.
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V e s t V a 1 i , Felicitas von, (Anna Marie Stageman.n\
1829—1880. Sehr virile Schauspielerin und Theaterdirektorin. Sang
und spielte hervorragend Mauaerrollen. Uber ihre Homosexualitat vgl.
die Biographic von Rosa von Braunschweig im Jahrb. v ,
i. p. 437.
Villars, Marschall de, 1653 — 1734. Franzosischer Feldherr. Als
homosexuelJ bezeichnet in den Brief en der Elisabeth Charlotte
von der Pfalz.
V i s c o n t i , Philipp Maria, Herzog von Mailand. 1391 — 1447.
Zweiter Sohn des Herzogs L u d w i g von Orleans. Mit ihm starb die
miinnliche Hauptlinie der V i s c o u t i aus. Vgl. v. M ii 1 1 e r , Ge-
schichte schweizerischer Eidgenossenschaften. II. Bd. p. 567/568.
Walpole, Horace, spater Earl of Oxford, 1717—1797. Schrift-
steller, Kunstliebhaber usw. Gait nach Pa via als homosexuell. Sein
bester Freund war Selwyn.
Whitman, Walt, 1819 — 1892. Einer der bedeutendsten Dichter
des modernen Amerika. Der Nachweis seiner Homosexualitat ist in
gewissenhafter und iiberzeugendster Weise von Eduard Bertz in „W.
W., ein Charakterbild" im V^II. Bande des Jahrbuches (p. 153 — 287)
gefiihrt auf Grund seiner Personlichkeit, seiner Dichtungen und seiner
Beziehungen (das langjahrige uuzweifelhaft homosexuelle Verhaltnis
zu Peter Doyle, einem geborenen Irlander, den W. als 19 jahrigen
IStraJ3enbahnkondukteur keunen lernte). — Eine Entgegnung von Johan-
nes Schlal veranlaBte Bertz zu eiuer Mouographie „Der Yankee- He iland"
(Dresden 1900), in der der Nacliweis v^n W.s Homosexualitat, wenn
moglich, noch zwingender als vorher erbracht wird, vor allem kommen
in Betracht Kap. Ill „Leitende Charakterziige** (S. 37 — 45) und
Kap. Xlli (S. 222 — 232) „Das Evaugelium der Kameradschaft". 1907
folgten von Bertz: „Wiiitman-Mystenen. Eine Abrechnung mit Johan-
nes Schlaf.'* Berlin. 1908: „Posthumes von Walt Whitman", Zeit-
scLrift f. Sexualwissenschaft Nr. 6, S. 383/4. 1910: Iteferat iiber
O. E. Lessings Aufsatz: Whitman and his German critics. Vierteljalirs-
berichte des W.-h.-K. I. Jhgg. p. 420/1. 1911: Goldenes Buch der Welt-
literatur, S. 332—333. Neues Kapitel iiber W. W. (Berlin und Stutt-
gart). 1913: Referat iiber „Walt Whitman's Anomaly" by W. G.
Kivers, in Jhb. XIII, S. 451 — 454. Neue heftige Angriffe gegen Bertz
erfolgten neuerdings in Fraukreich durch Bazalgette (im Mercure
de France}, die Bertz in drei „orrenen Briefon" im Mercure de France:
A propos de Walt Whitman. Paris, 1. Juli 1913, 1. Okt. 1913, und
15. November 1913, schlagend widerlegte. Das Kapitel Whitman-Bertz-
Schlaf-Bazalgette ist iiberaus bezeichnend fiir die auf dem Gebiete
der Homosexualitat noch heute geubte Vertuschungsmethode. Eine
zusammenfassende Arbeit betitelt „Walt Whitman und die Seinen,
nine abschlieljende Kritik" hat Bertz unter der Feder.
Wilde, Gozewijn de, holliindischer Priisident, wurde 1446 wegen
Siinde „gegen die Natur" enthauptet. Jahrb. VIII, 389.
Wilde, Oscar, 1856 — 1900. Englischer Dichter, dessen Homo-
sexualitat durch seinen Prozel3 im Jahre 1895 weltbekannt wurde.
Vgl. Laupts, L'IIomosexualit6 et les types homosexuelles (Paris 1910),
s. 125 ff. und Biographie von Dr. Pratorius im Jahrb. Ill, S. 265 ff.
und s. S ero , Der ProzeiJ Wilde und das Problem der Homosexualitat.
Leipzig 1896.
W i 1 h e 1 m III., Prinz von Oranien, spater Konig von England,
1650 — 1702. Seine Leidenschaf t fiir Bentinck, spateren Herzog
von Portland, in dessen Armen cr starb. Vgl. die Briefe der Her-
zogin Elisabeth Charlotte von der Pfalz vom 12. Okt., 4. Nov.
und 13. Dez. 1701 (in der Bibliothek des literarischen Vereins in Stutt-
gart. 1888), die auch seine Giinstlinge uud andere Homosexuelle
Eng lands nennt.
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William IL, Konig von England, 1087—1100. Seine Homo-
sexualitat zu seinen Lebzeiten sehr bekannt, wurde durch einen Pfeil
erschossen. Vgl. Diihren. Englische Sittengeschichte Bd. II. unci
Raffalovich J. c. p. 31 und 222.
Winckelmann, Johann Joachim, 1717 — 1768, geboren in Sten-
dal, ermordet in Triest durch den Erpresser Arcangeli. Einer der be-
deutendsten Kunsthistoriker und Archaologen allcr Zeiteri. An Lam-
brecht schreibt Winckelmann: „Mein Auge weint vor innerster Sehn-
sucht gegen dich. Mein Geist weicht nns den Schrariken, wenu ich
an dich denke. Nun erkenne ich die .\lacht der Liebo." Als liomo-
sexuell erwahnt von Goethe in seiner Schrif t ,, Winckelmann". Vgl.
auch Walter Pater, Die Renaissance, Stndien in Kunst und Poesie,
Leipz. 1902; Herbert Eulenberg, Neue Bildsr, Berlin 1912;
L. Fray, 1. c. S. 199 ff.; E. v. Kupffer, 1. c. S. 112.
Wood, John. Beriihmter Edinburgher Philanthrop. Vgl. Diih-
ren, Engl. Sittengeschichte II, 38—39.
Wortley-Montague, Lady Mary, 1713—1770, Reiscnde,
geistreiche Schriftstellerin von stark mannlichem Charakter. Vorliebe
fiir mannliche Homosexuelle, wie Lord H e r v e y , nach anderen selbst
homosexuell.
Ziuzendorf, Nikolaus Ludwig, Graf von, 1700 — 17 CO. Griinder
der Sekte der Herrenhuter. Wird von Pfarrer P f i s t e r und K e r t -
bony fiir homosexuell gehalten (falls ja, stark sublimiert). Vgl. ]'f i-
ster, Die Frommigkeit des Grafen von Zinzendorf, Wien. Nr. VIII
der Schriften zur angewandten Seelenkunde von Freud.)
"Oberblicken wir diese Liste, konnen wir nicht anders, als
Forel recht geben, wenn er ausruft: ,,Uas Urningtuin hat in der
Weltgeschichte eine viel groBere Rol!e gespielt als man glaubt."
Aus dem, was ich tiber die Symbiose des Homosexuellen
mit der heterosexuellen Majoritat, sei es in kleineren Verbanden,
sei es innerhalb der Gesaintheit, sagte, geht schon liervor, daB
er den einzelnen, dem er seine Liebe zugewandt hat, in be-
sonderem MaBe zu fordern bemiiht sein wird. DaB dies tat«-
sachlich der Fall ist, konnte ich durch sehr viele Beispiele aus
meiner Erfahrung und viele Zitate belegen.
Die Zahl der heterosexuellen Jiinglinge, die auf Kosten Homo-
sexueller hohere Schulen besuchten, Fachuntorriclit genossori, studierten
Oder eine kiinstlerische Ausbildung orbielton, ist Legion. Es gibt viele,
die entbehrten und darbteii, um iliren Froundeii vun ilirem ViMdienst
ein ihren Fahigkeiten entsprechendes Studiurn zu ermr>gliclien. Das Bei-
spiel, das ein anonymer Autor an Hand von Tagebuchorn in oiiieni
„Triumph der Liebe" betitelten Schriftchen gibt, ist nichts P>csou-
deres. Die groBe Fiirsorglichkeit homosexueller Manner und Fraiien
fiir die von ihnen geliebten Persouen maolit es begreiflicli, daU
Heterosexuelle so oft Uraiiiern in aufriclitigstcr Zuneigung uTirelxMi
sind, so daB sie in manchen Fallen sogar, vvio oin llonms xneller
schreibt, ,,dem urnischen Ilerzensf round, die Vorziige S'ine.s W-sinhJ
erkennend, vor der Gattin, ja vor den Kindern den Vonang iansen,
fiihlend, daB sie in ihm ein zweites S 4bst gefuiulen hab;.'n'*. Ab'Kr als
einmal sagten mir Heterosexuelle, die in r><'<j:lei(un<j: ihrer Iiunio-
sexuellen Freunde zu mir kamen, daB sie lioher „iiir Mad die i a's ihren
Freund missen mochten; ein Weib fiindfn sie wieder, aber einen
solchen Freund nicht". Allerdings liin(f(M-t di(; Sym|»athie tiir den ein-
zelnen Homosexuellen sie oft niclit, der Homosexualitat als .^olchL-r
Hirschfeld, Homosexualitat. 4;)
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nach wio vor antipathisch gegeniiberzustehen. A. v. d. Eken^t) hebt
hervor, „daB fast alle alteren Urninge eifrig bestrebt sind, den jiin-
fercn. Freund ethisch auf eine hohere Stufe zu heben". Homosexuelle
'rauen stehen hinsichtlich der Opferwilligkeit urnischen Mannern
nicht nach ; wir sehen sie aufs eifrigste fiir ihre Freundinnen bemiiht,
keiiie Arbeit, keinen Weg scheueud, uin iliuen Stellungen, oder, wenn cs
Kiinstlerinnen sind, Anerkennung zu verschaffen. Ich habe diesen Zug,
der ja nicht der homosexuellen Liebe, sondern der Liebe an und fiir sich
eigen ist, oft beobachten konnen. Das ist keine Schonfarberei, sondern
eine einfache Wiedergabe von Erfahningstatsachen. Ei weist sich die hoxnc-
sexuelle Liebe schon in Zeiten ihrer Vetfolgung sozial so forder-
s a ni , urn wie viel mehr muB das der Fall gewesen sein, als sie sich frei
entfalten konnte. Wir verstehen, wenn wir uns dies vor. Augen fiihren,
die Worte, die Plato im Symposion dem Phadros in den Slund legt ;
..Keinen groBeren Segen kenne ich, als fiir einen in das Leben eintreten-
den jungen Mann einen tugendhaften Liebhaber oder fiir einen liiebhaber
einen geliebten Jiingling. Denn das Prinzip, von dem sich alle Men-
scheu, die ein edles Leben zu fiihreh wiinschen, leiten lassen sollten,
dieses Prinzip, sage ich, ist weder die Verwandtschaft, noch die Ehre,
noch der Reichtum, noch irgendein anderes Motiv so gut einzupflanzen
imstande, als die Liebe" ; wir begreifen, wenn Carpenter die Homo-
sexualitat als eine soziale Macht bezeichnet, und B e t h e -^), ohne
das biologische Fundament der Homosexualitat zu kennen, lediglich
auf Grund empirischen Geschiohtsstudiums ausruft: „Ist es nicht
die wunderbarste Erscheinung In der Geschichte der menschlichen
Kultur? Eine Handlung iiberheifier Sinnlichkeit, unnatiirlich, wird zur
Sitte, wird anerkannt, geachtet, geheiligt, sie wird das Fundament
reinen Strebens, unbedingter Treue, unbegrenzter Aufopferung, hoher
Sittlichkeit."
'■]
Loc. cit., p. 40._
iibe
B e t h e iiber ,,Die dorische Knabenliebe, ihre Ethik und ihre
Idee", im Rh. Mus. f. Phil., Bd. 62, N.-F., Heft 3, p. 438—475.
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EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Gruppenleben und Sammelst&tten homosexueller Manner
und Frauen.
Wenden wir uns nun der Gruppenbildung der Homo-
sexuellen untereinander ^u, so woUen wir zuniichst zwei weit-
verbreitete Vorstellungen berichtigen; die eine geht dahin, daB,
wenn Homosexuelle mit einander befreundet sind, zwischen ihnen
auch ein sexueller Verkehr stattfindet. Nichts ist irrttimlicher
als dies.
Ein Urning erzahlte mir einmal, daB sein heterosexueller Bruder,
dem er sich anvertraut hatte, ihm nicht glauben wolle, daB er mit
seinem ebenfalls homosexuellen Kompagnon — beide hatten zusaminen
ein Bankgeschaft, waren Mitte der Vierzig und ephebophil — nie
geschlechtlichen Umgang gehabt hatte. Ahnlich berichtete mir ein
osterreichischer Aristokrat, der schon seit seiner Schulzeit mit einem
gleichveranlagten Schulfreund aus wohlhabcnder Biirgerfamilie eng
befreundet war, daB des letzteren Mutter energischen Einspruch erhob,
als sie sich einen gemeinsamen Haushalt griinden woUten. Schon friiher
war ihnen aufgefallen, daB, wenn er seinen Freund besuchte, sich stets
die Mutter oder deren Tochter mit einer Handarbeit in das Zimmer
setzte, etwa so, wie man es bei Brautpaaren zu tun pflegt, um sie nicht
in Versuchung zu fiihren. Es stellte sich nun heraus, daB tatsachlich
die Mutter der Meinung gewesen war, daB beide, wenn sie allein in der
Stube waren, ihren homosexuellen Trieb nicht wiirden beherrschen
konnen, wahrend sic in Wirklichkeit nichts als bloBe Freundschaft
verband ; das sexuelle Interesse bezog sich bei beiden auf Soldaten. Man
iibersieht eben leicht, daB die Homosexuellen neben erotischen Bediirf-
nissen ein naturgemaBes Verlangen nach Aussprache und Verstandnis
haben, was sie bei Gleichgearteten am ehesten finden.
Eine zweite, nicht selten geauBerte Anschauung, die eben-
so unrichtig ist, wie die soeben gekennzeichnete, ist die, daB
die Homosexuellen untereinander einen groBen Geheimbund
bilden mit allerlei Zeichen, Schutz- und Trutzeinriditungen.
In Wirklichkeit liegt es so, daB sie, von kleineren Konventikeln
abgesehen, des Solidaritatsgefiihls fast ganzlich ermangein, ja
daB es kaum eine zweite Menschenklasse gibt, die sich in so ge-
ringem Grade zur Wahrnehmung gemeinsamer Rechts- und
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Lebensinteressen zu orgaaisieren verstanden hat, wie sie, so
daB im wesentKchen auch heute noch das Wort eines ihrer
Schilderer^) Geltung hat, dafl sie „nichts als eine ftihrerlose,
verstreute Zahl rechtloser Parias'' sind.
Der Griinde hierfiir sind mancherlei ; Xuriachst bei vielen eine
uamenlose Scham und Angst, ein anderer konne wissen, daC sie homo-
sexuell sind, selbst, wenn der andere auch homosexuell ist; habe ich
doch Falle erlebt, in denen ein Homosexueller, der wuCte, daB sein Bruder
homosexuell war, nicht wollte, daB dieser von ihm das gleiche erfuhr.
Ferner besteht liaufig bei homosexuellen Mannern und Frauen eine
Antipathie gegen Homosexuelle, namentlich mogen femininere urnische
Frauen die mannlichen Weibertypen, virilere Urninge die feminineren
„nicht ausstehen", wenn sie nicht etwa gerade sexuell durch sie
angezogen werden, was aber selten ist. Ich habe von Urningen sagen
horen, daB ihr ganzer Interessenkomplex einschlieBlich ihrer erotischen
Richtung so sehr dem normalsexuellen Teil der Menschheit gehorte,
daB fiir Homosexuelle nichts iibrig bliebe. Zu beriicksichtigen ist auch,
daB die groBe Geschmacksdifferenzierung insofern eine Annaherung
erschwert, als der ephebophile Mann dem gerontophilen, die homo-
sexuelle Frau, die Madchen niederen Standes liebt, der Urninde, die fiir
elegante Weltdamen empfindet, fast eben so fremd gegeniibersteht,
wie einer Person des anderen Geschlechts. Lieben aber zwei oder
mehrere ein identisches Genre, so fiirchten sie wiederimi den Wett-
bewerb. Andererseits werden Verbande groBeren Umfanges auch da-
durch erschwert, daB es trotz aller Bemiihungen schwer halt, das
sexuelle Moment vollig auszuschalten, was leicht dann zu allerlei
MiBhelligkeiten, vor allem zu Ablenkungen vom eigentlichen Ziele der
Korporation, auch wohl zu Eifersiichteleien fUhren kann.
Aus alledem geht hervor, wie schwer es ist, Homosexuelle
selbst fiir ihre lebenswichtigsten Angelegenheiten, wie beispiels-
weise ftir ihre Befreiung von sozialer und gesetzlicher Achtung,
zu sammeln. Kleinere Verbande Homosexueller existieren aber
gleichwohl und haben stets existiert, wobei sich nicht verkennen
laBt, daB die Grenzen zwischen denen, die lediglich ges'ell-
schaftlichen Zwecken dienen und solchen, in denen sexuelle
Anknlipfungsabsiehten mehr oder weniger bewuBt hineinspielen,
oft schwer zu ziehen sind. VerhaltnismaBig am seltensten sind
solche, die den Charakter urnischer Klubs gder Logen tragen,
immerhin dtirften sie etwas haufiger sein, als selbst cine Borg-
same Durchforschung des Materials lehrt, da sie ihrem
Charakter entsprechend sehr diskret gehalten wurden.
Von Zeit zu Zeit kommt es vor, daB die Polizei in irgendeinem
Orte eine solche homosexuelle Gemeinschaft entdsckt und — oft genug
durch Verrat aus eigenem Lager — aushcbt. Der von den Mitgliedern
dann meist angefiihrte Einwand, daB das sie einigende Binaemittel
lediglich das aus der Gemeinsamkeit der Lebensschicksale sich er-
gebende Gefiihl der Zusammengehorigkeit sei, findet bei der Behorde
nur selten Glauben. Wir erwahnten oben einen solchen Fall aus
Belgrad ; auch in Budapest ereignete sich kiirzlich ein ahnlicher.
^) Das perverse Berlin, a. a. O. p. 102 f.
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„Im schonen Wien", schreibt Otto de Joux*), „soll es, wenn
wir den Schilderungen der Tagespresse Glauben schenken diirfen, einen
ProzeB gegeben haben, ia welchem ein Uranidenbund, der sich ,Klub
der Verniiiiftigen* nannte, an das Tageslicht gezerrt wurde. In Kom",
fiigt er hinzu, „gibt es, in tiefstes Schweigen gehiillt, einen ,Club degli
ignoranti*, in Briissel eine , Reunion philantropique*, deren unveroffent-
lichte Statuten vom Geiste des Uranismus, im edelsten Sinne, durch-
trankt sind." In Frankreich gal ten als homosexuelle Orden die Rosen-
kreuz-Ritter, deren GroB-Komthure der Marquis von Larochefou-
c a u 1 d und der Romanschriftsteller Sar Josephin P^ladan —
wohlgemerkt nicht Joseph oder Josephine, sondern Josephin — waren.
Als Hauptordensregeln waren auf^estellt : Strengste Keuschheit, Tugend-
iibungen und Mildtatigkeit. Mitglieder sollten nur durchaus unbe-
fleckto Manner vom Jiinglings- bis zum Greisenalter sein, die noch nie-
mals weibliche Lippen gekiiBt. In England wurde mir vor Jahren von
einem hochstehenden Homosexuellen ein Siegel gezeigt, das das ^b-
zeichen einer sehr geheim gehaltenen Urningsloge sein sollte. Wahrend
meines letzten Besuches in England (Sommer 1913) wurde ich in
einen urnischen Klub eingefiihrt, an dessen Spitze ein englischer
Major steht. Die wenig komfortablen Klubraume unweit vom Picca-
dilly-Circus fiillten sich erst nach Mitternacht, waren dann aber
iiberaus stark besucht. Die Klubmitgiieder — mehrere Hundert —
gehoren alien Gesellschaftsschichten an. Eine Hauptunterhaltung
bildete der Tanz, in dem viele der jiingeren „Urningsfreunde" her-
vorragendes leisteten. D ii h r e n 3) gibt verschiedone Literaturbelege,
dafi mi 18. Jahrhundert in London „mehrere geheime paderastiscne
Klubs" existierten. Otto Fiirst von Bismarck erwahnt in seinen
„G^danken und Erinnerungen"*), daB unter den „Untersuchungen",
die er als junger Referendar in Berlin im Jahre 1835 zu fiihren
^atte, den nachhaltigsten Eindruck bei ihm eine in Berlin weit-
verzweigte Verbindung zum Zwecke der unnatiirlichen Laster hinter-
lassen hatte. Er erwahnt die ,,Klubeinrichtungen der Beteiligten,
ihre Stammbxicher, die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen
Betreibens des Verbotenen durch alle Stande hindurch" und sagt: „Die
Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinauf.
Es wurde dem EinfluB des Fiirsten Wittgenstein zugeschrieben,
daB die Akten von dem Justizministerium eingefordert und, wenigstens
wahrend meiner Tatigkeit an dem Kriminalgerichte, nicht zuriickge-
geben wurden." Selbst an ganz kleinen Platzen ist man gelegentlich
solchen geheimen Verbindungen auf die Spur gekommen. In einer
GroBstadt Norddeutschlands gibt es einen Klub Homosexueller mit
zahlreichen Mitgliedern, der den Namen fxihrt „zum griinen Jungfern-
kranz***, in einer osterreichischen Hauptstadt einen Urningsklub mit
dem Namen „entre nous", ein russischer Urningsklub heiBt „neuhelle-
nischer Bund". In Moskau existierte lange Zeit ein Klub homosexueller
Kunstler und Gelehrter, der nur zweimal im Jahr zusammentrat, ein-
mal um Platons Symposion, das anderemal, um das Gastmahl des
Trimalchio zu begehen.
Unter den homosexuellen Frauen gibt es ganz entsprechende Ver-
einigungen. Schon Jean Hervez^) erwahnt unter den „Liebe3ge8ell-
schaften des XVIII. Jahrhunderts" die dem lesbischen Kulte gewid-
mete Sekte der „Anandrynen". Wie Diihren^) im „Marquis de Sade
*) Die Enterbten des Liebesgliickes. p. 126.
8) Engl. Sittengeschichte II. p. 19—30.
*) 1898 Stuttgart. I. Band p. 6.
^)Hervez, Jean, Les soci^t6s d*amour au XVIIIe si^cle.
(Paris 1906.)
«) D u h r e n , Eugfen, Der Marquis de Sade und seine Zeit.
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und seine Zeit" mitg^teilt hat, schildert H e r v e z die Gebrauche
dieser Sekten, wie die Zeremonien bei Aufnahme einer Lesbierin. Beide
Autoren stiitzen sich auf die Schrift „L'Espion ang-lais", in der sich
ein Panegyricus auf die „Freuden zwischen Fran und Frau" findet,
und die lesbische Liebe als eine fiir die Frau korperlich und geistig
weniger schiidliche, edlere Liebe herausgestrichen wird.
In Berlin erregte vor einigen Jahren ein Beleidigungsprozefi Auf-
sehen, den die Vorsitzende eines homosexuellen Frauenklubs, der sich
„neue Damengemeinschaft" nannte, gegen einen Zeitungsredakteur ange-
strengt hatte. Eine Berliner Spezialitiit scheinen die Kegelklubs
zu sein, deren Mitglieder ausschlieBlich homosexuelle Frauen aus dem
Volke sind. Von einer etwas weitergehenden Exklusivitat abgesehen,
unterscheiden sich diese Klubs nicht wesentlich von den Zusammen-
kiinften, die in Berlin und anderen Stadten an regelmaCigen Abenden
von Homosexuellen in bestimmten Lokalen veranstaltet werden; es ist
gewohnlich eine Person, um die sich die anderen gruppieren, doch
bewirtet sich jeder aus eignen Mitteln. Vielbesucht ist seit langen
Jahren der „Klub Loliengrin", welcher sich um einen unter dem
Namen „Die Konigin" bekannten Weinhiindler zusammenfand. Wahrend
hier die Unterhaltung in musikalischen und deklamatorischen Dar-
bietungen besteht, tragen andere dieser Vereinigungen, wie die „Ge-
meinschaft der Eigenen", die „Platen-Gesellschaft" einen mehr lite-
rarischen Charakter.
Viel haufiger als solche vereinsthaBigen bilden die Urninge
unter sich f reie gesellschaf tliche Z i r k e 1. Wenn auch die Mehr-
zahl der Homosexuellen in selbstgewahlter Einsamkeit lebt, die
nirgends so erreichbar ist, wie in weltstadtiseher Menschen-
fulle, oder aber sich ausschlieJJlich einer einzigen Person widmen,'
so ist doch die ^ahl derer ebenfalls groB, die mit anderen homo-
sexuellen Personen gesellschaftliche Flihlung und Aussprache
suchen. Viele Urninge, die durch ihr Wesen und Wissen jedem
Kreise zur Ehre gereichen wtirden, ftihlen sich schlieBiich in
normalen Gesellschaften iiberhaupt nicht mehr wohl. Die
Heuchelei, beispielsweise die ihnen als Junggesellen immer wieder
zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und
wenn sie erst einmal die Geselligkeit kennen gelernt lia'ben,
in der sie sich so geben konnen wie sie sind, ziehen sich nicht
wenige aus anderen Kreisen mehr und mehr zurtick.
Im allgemeinen sind derartige Urningszirkel nicht sehr grofi,
sie umfassen selten weniger als 6 und mehr als 60 Personen, meist
sind es ein bis zwei Dutzend, die sich in derartigen „ Kreisen" zu-
sammenfinden. Vielfach beschranken sie sich auf eine bestimmte
soziale Schicht, gewisse Stande und Klassen, doch werden die Gren-
zen schon um der Freunde willen bei weitem nicht so streng inne-
gehalten, wie dies bei Normals exuellen iiblich ist. Mancher Urning
wiirde nichts so iibel nehmen, als wenn man seinem Freunde, imd
sei er noch so einfachen Herkommens, die gesellschaftliche Eben-
biartigkeit absprechen wiirde. Die Angehorigen eines homosexuellen
Kreises laden sich gegenseitig ein, veranstalten Privatgesellschaften
aller Art, Diners, Soupers, Fiinf-Uhr-Tees, an deren Stelle sich bei
IIf>aiosexuellen aus dem Volk noch die alten Kaffeegesellschaften er-
halten haben, geben wohl auch Hausballe, musikalische Soir6en, arran-
gieren Picknicks, gemeinschaftliche Ausfliige, Sommerfeste. Ich bin
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durch mein Eintreten ftir die Homosexuellen oft ersucht worden sol-
chen Gesellschaften beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen ganz
kleinen Teil dieser Aufforderungeu annahm, so haben sie mir doch
einen genugenden Einbliok in dats gesellige Leben der Urninge ver-
schafft. AuUer in Berlin habe ich in Diisseldorf, Miinchen, Hamburg
und anderen deutschen Stadten, ferner in Amsterdam, London, Paria^
Rom, Konstantinopel und anderswo solche Gesellschaften mitgemacht
und wahrgenommen, wis ungemein ahnlich sie verlaufen: dieselben
Typen, dieselben Themen, die gleiche Art des Benehmens hier wie
dort. Im allgemeinen geht es auf urnischen Gesellschaften durchaus
dezent zu und es kommt nur selten vor, dafi — wie Pavia'') es nament-
lich von England berichtet — sexuelle Exzesse in Nebenraumen oder
gar grofiere Orgien stattfindten.
Diese urnischen Gesellschaften kommen in dreierlei Weise zu-
stande, entweder durch zwanglose Besuche oder direkte Einladungen
zu bestimmter Stunde, oder dswiurch, dafi ein Urning oder eine Urninde
znr festgesetzten Zeit „empfangt" (jours fixes). In dem 3. Bande der
„Berliner Grofistadtdokumente" habe ich ausfiihrliche Schilderungen
urnischer Gesellschaften gegeben, von denen hier einiges auszugsweise
zur Illustration des Gesagten folgen moge:
Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang
bei einem urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang
und Stand erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in
Tee und Geback, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten
Winter war es besonders der Jour fixe eines urnischen Kiinstlers, der
sich groBer Beliebtheit erfreute. Der iiberaus gastfreundliche Wirt
empfing seine Gaste, unter denen sich viele homosexuelle Auslander,
namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen
Landern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einem eigen-
artigen Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Schleppkleid
und Schlafrock. Die Musikvortrage, zumal die Gesange des Haus-
herrn in Bariton und Alt und das Klavierspiel eines danischen
Pianisten standen kiinstlerisch auf der Hohe. Man sah dort regel-
mafiig einen osterreichischen Studenten der Chemie, der stets schweig-
sam da saB, sich aber sichtlich unter seinesgleichen wohlfiihlte, und
immer wieder kam. Im Friihjahr, als die Zusammenkiinfte zu Ende
waren, und der Russe Berlin verliefi, ging jener Student eines Abends
in eine Urningskneipe, liefi sich vom Klavierspieler Koschats „Ver-
lassen" spielen und nahm, als die melancholische Weise erklang, un-
bemerkt ein Stiickchen Zyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos
zu Boden streckte. „Selbstmord aus unbekannten Griinden" verzeichnete
der Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen,
wie er in Berlin etwas Alltagliches ist.
Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind in Berlin Ge-
sellschaften sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein
Beispiel aus der Erinnerung heraus. Ein mit Glucksgiitern nicht ge-
segneter Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen
Vorortskneipe batten sich die Geladenen, darunter seine zwei normal-
sexuellen Briider, eingefunden. Man tat sich an Bockwiirsten mit
Kartoffelsalat giitlich, wahrend der Sohn des Wirtes die Gassenhauer
des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde",
ein femininer Berliner Urning, auf. Er stellte erst eine Berliner
Eochin, welche zum Theater gehen wollte, dar und wirkte besonders
belustigend, als er zum Schlusse die BarfuBtanzerin Tsidora Duncan
parodierte. Ein Damenimitator niedrigster Gattung, der zufallig im
vorraum der Wirtschaft saB, wurde gebeten, sein Repertoire vorzu-
tragen. Dazwischen trat ein echter Mann auf, ein Kohlentrager vom
Landwehrkanal, ein „schwerer Junge", mit tatowierten Armen, glatt-
') P a V i a J Die Homosexualitat in England, p. 36 f
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aiigc^iogtem Scheitel, gestricktem Sweater und jener eigenturalichen
iMi^cJiung von Plumphcit und Grazie, wie sie Arbeitern dieser Gattung
eigen zu sein pflegt. Er sang eine groBe Reihe nicht eben priider
Li^^der im Berliner Volkston mit vielen Sprachfehlern, obne eine
Sjjur von Stimmc, jeden Satz unterstiitzt von grotesken Bewegungen,
alles in seiner Ungeschicklichkeit aber so zusammenpassend, dafi es
nicht olme Wirkung war. Allmahlicb riickte man Tische und
StiiliJe boiseite, und ging zum Tanze iiber, bei dem sich eine Episode
von schwer wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mit-
ten im Tanzen war, trat plotzlich — die Polizeistunde war langst
iiberscbritten — ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene herein. Nur
einen Augenblick stockte die frohliche Stimmung, dann fafite einer
der Anwesenden — ein urnischer Musiker — den Schutzmann rasch
entschJossen um die Taille und walzte mit ihm los. Dieser war so
verbliifft, da 13 er kaum Widerstand entgegensetzte, eifrig mittanztc
nrid sicJi bald mit dem Wirtssohn und dem Kohlentrager in die RoUe
des bcgehrtesten und aufgefordertsten Tanzers teilte.
Als ein besonders einschneidendes Ereignis wird namentlich von
feminine n Tlrningen im Volke d?r Abzug zum Militar begangen. Oft
versamraelt der zukiinftige Rekrut einige Tage vorher seine gleichver-
anlagtcn Freunde zu einem Abschiedskaffee um sich, wobei diese
niclit sell en originelle Reden lialten, in denen sie den Gegensatz
zwischen der femininen Eigenart des Scheidenden und dem mannlichen
Soldatenberuf zum Ausdruck bringen. Ich gebe als Beispiel aus einem
mir vurlift^^rnden Gedieht, das die Unterschrift tragt: ,,der Musque-
t e u s (' in spe gowidmet von ihrem Rudi" einige charakteristische
Verse :
Es ist bestimrat in Gottes Rat,
DaC jetzt ein Weibsbild wird Soldat ;
Doch dieses Weibsbild ist ein Mann,
Der keine Frauen lieben kann.
Ich rate diesem Weibling sehr:
Bewege dich beim Militar
Zwar keB, doch niemals ordinar,
Zier niemals dich nach Madchenart,
ZiorL auch den Korporal der schonste Bart,
Raff* nicht die Hos' wie einen Rock,
Ergreif' nicht das Gewehr wie einen Damenstock,
Nie muI3t du zu grazios dich in den Hiiften wiegen
Und nie als wenn du schvvebst, durch deine Stube fliegen.
VjH folgen nun noch eine Menge guter Ratschlage iiber sonstige Dienst-
oblicgrnheilen, boispielsweise, dafi die Koppel nicht mit einem Korsett
verwecLiselt werden darf ; dann heifit es weiter:
Denn wenn man dich erkennt : Marstochter unter Sohnen,
Dann wird man um dein Schicksal dich verhohnen,
Nur am Geburtstag Seiner Majestat
Tanz' auf der Biihne als Spezialitiit
So fesch und schick wie ehedem,
Dann bist der Kompagnie du ein Problem ;
Als IMaid verbirgst und zeigst du dein Geschlecht,
Du aber denkst dir: „echt bleibt edit".
Eine Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Salen eines der
vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlha bender Uranier feierte
sein Xaniensfest. Es waren rait geringer Ausnahme nur Freundaspaare
znpcgen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammen leoten:
jedcr fiihrte sein ,,Verhaltnis" zu Tisch. Dem Festmahl ging im Neben-
snal auf einer aufgeschlagenen Biihne eine Theatervorstellung voraus,
bei der aussehlieBIich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Solo-
scherzen trug d^r Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene
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als Falstafl" aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man
Nestroys Wiener Posse : „Eine Vorlesnng bei der Hausmeisterin".
Alle weiblichen Rollen, an denen es in diesem Stiicke nicht fehlt,
lagen in den Handen femininer Urninge, namentlich erregte ein be-
kannter Baron in der TitelroUe durch seine natiirliche Darstellungs-
weise stiirmische Heiterkeit.
Eine andere Gesellschaft bestand aus lauter homosexuellen Prin-
zen, Grafen nnd Baronen. AuCer der Dienerschaft, die nicht nur in
Bezug anf die Zahl, sondern auch in Hinsicht auf ihr AuCeres besonders
sorgfaltig ausgewahlt schien, unterschied. sich die Gesellschaft in
ihrem Eindruck kaum von Herrengesellschaften derselben Schicht.
Wahrend man an kleinen Tischen opulent speiste, unterhielt man sich
anfangs lebhaf t iiber die letzten Auf fiihrungon Wagner scher Werke.
Dann sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht iiber Politik,
um allmahlich zum Hofklatsch iiberzugehen. Sehr eingehend verweilte
man beim letzten Hofball, auf dem das Erschcinen des jungen Plerzogs
von X. viele Urningsherzen hatte hohcr schlagen lassen, man schwarmte
davon, wie schon er in seiner blauen Uniform ausgesehen habe, von
seiner bestrickenden Liebenswurdigkeit, und berichtete, wie man es
erreicht hatte, Seiner Koniglichen Hoheit vorgestellt zu werden. Dann
erzahlte man sich Anekdoten iiber abwesende Urninge der Hofgesell-
I'chaft, von denen eine besonders bclacht wurde: Ein Fiirst war kurz
zuvor bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur
er so wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner
Umgebung, zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens uner-
wartet friih aufgestanden, um sich im Schlofigarten zu ergehen.- Als
er den Korridor kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der in so
zeitiger Stunde nicht auf eine Begegnung vorbereitet war, in einem
hochst sonderbaren Anzuge oder besser Aufzuge ; der sehr korpulente
Gutsherr trug eine rotsamtne, mit Blumon und Spitzen reichbesetzte
Matinee. Der Anblick dieser Zwischonstufen-Gowandung war so komisch,
daB der fiirstliche Besucher in einen formlichcn Lachkrampf verfiel.
Es gibt natiirlich auch viele urnische Gesellschaften, die un-
fleich ernsteren Charakter tragen. So sammolte ein alter Berliner
rivatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um
sich in seinem kiinstlerisch ausgestattetcn Heime. Es waren meist nur
zehn bis zwolf Herren aus akademischen Standen zugegen, von denen
zwei bis drei nicht homosexuell waren. Dor Alte, welcher seine Gaste
mit schweren Siidweinen, Austern, Humraern und ahnlichen Lecker-
bissen bewirtete, hatte noch Alexander von Humboldt und I f f -
land gekannt, war mit Hermann Hendrichs und Karl U 1 -
r i c h 8 befreundet gewesen und schien unerschopflich in der Wieder-
gabe seiner Erinnerunoren. Die Gesprache drehten sich hauptsiichlich
um das homosexuelle Problem. Da debattierte ein iiingerer katholischer
Geistlicher mit einem schon ergrauten evangelischen Pfarrer iiber
Uranismus und Christentum; mehrere Philolo^en stritten sich iiber
Shakespeares Sonette, wahrond die Juristen und Mediziner die
Frage erorterten, inwieweit sich der § 51 des RStrGB., welcher
von dem AusschluB der freien Willensbestimmung handelt, schon jetzt
zugunsten der Homosexuellen verwenden lieBe. Den crnstesten Cha-
rakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge trac^en die am
Weihnachtsheiligabend veranstnlteten Zusaramenkiinfte. Mehr als an
jedem andern Tage fiihit an diesem Feste des Familiengliicks der
urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele wiirden den Abend noch
trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht
stets einer oder der andere ware, der die Heira- und Heimatlosen
um sich sammelte. In den GroBstadtdokumentcn (Bd. TIT) habe ich
auch die Weihnachts feste der Urninge nach dem Leben geschildert.
r
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Vielfach bilden kleinere Kreise von Hoinosexuellen nur
Stammtische, an denen sie sich in regelmaBigen Abstanden
begegnen, und izwar kommen sie entweder, um nicht aufzu-
fallen, in sonst nur von heterosexuellen Stammgasten be-
suchten Kestaurants zusammen oder sie treffen sich in all-
gemeinen Lokalen, in denen eine grofiere Reihe von Tischen
mit Homosexuellen besetzt sind. Meist nehmen diese dann einen
bestimmten Toil der Wirtschaft ein.
So sind in eineni Bierpalast der Friedrichstadt seit vie-
len Jahren zwischen 8 und II Uhr stets an 100 Homosexuelle in
den Parterre raumen zu finden. Auch in bestimmte Kaffeehauser ziehen
sich Urningo hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten
ist; meist. werden auch hier Abteilungen der Wirtschaften besonders
bevorzugt. Die selten mehr als zwei oder drei Jahre andauernde
Bevorzugung eines Kaffeehausos ist in Berlin meist so zu erklarcn,
dai3 gewohnlich die neuesten Etablissements auf Urninge eine groDe
Anziehungskraft ausiiben. Den Wirten ist ihre Kundschaft an-
fangs sehr genelim. Sobald aber das LoTcal auch anderweitig viel
Zuspruch erhalt, fiirchten sie, daB an den homosexuellen Gasten, trotz-
dem sich diese fast immer durchaus rescrviert verhalten, die anderen
AnstoB nehmen konnten. Sie lassen dann nicht selten durch die
Geschaftsfiihrer den auffiilligen Urningen Briefchen iiberreichen mit
dem •Ersuchen, das Lokal zu meiden, worauf sich dann allmahlich
auch die anderen zuriickzuziehen pflcgen, um in eins der mittlerweile
neu entstandencn Kaffeehauser iiberzusiedeln.
AuBer in heterosexuellen Lokalen treffen sich in vielen
Stadten, namentlich in Berlin, die Urninge in ganz oder
fast ausschlieBlich von Homosexuellen besuchten Restau-
rants. Die genaue Zahl solcher Wirtschaften ist schwer zu er-
mitteln, da einige sich sehr geheim halten, sie schwankt auch
sehr, da wcgen Konzessionsschwierigkeit-en viele urnische
Restaurants oft ihre Besitzer und urnische Besitzer wiedcrum
ihro Lokale "wechseln ; so kannte ich einen homosexuellen Gast-
wirt, der in vier Jahren ein Dutzend urnischer Soldatenkneipen
bewirtschaftet hatte.
Ich selbst konne in Berlin zurzeit 38 „homosexuelle Lokale"^),
die sich vom auBersten Westen iiber die Stadt bis zum weitesten
Osten verteilen ; am zahlreichsten sind sie gegenwartig im Siidwesten.
Doch hore ich in meiner Tatigkeit immer wiedor gelegentlich ur-
nische Restaurationen erwiihnen, die mir bis dahin unbekannt waren.
Jede dieser Wirtschaften hat ein besonderes Gepriige ; in der einen
halten sich nur altere, in der andern nur jiingere, wieder in einer
3) Au0er den in den GroCstadtdokumenton Bd. Ill, finden sich
ausfiihrliche Berichte iiber diese homosexuellrn Lokale bei Nacke:
„Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin. Mit Bemorkungen iiber
Homosexualitiit". Archiv fiir Kriminalanthroy)ologie und Kriminalistik
Band XV, 1901, ferner in der anonvmen Schrift: Das perverse Berlin,
a. a. O., im Kapitel: Lukale der Homosexuellen p. 128. Ober altero
fiokole berichtet FI u g o F r i e d 1 a n d (^ r im Jalirb. f. sex. Zv\'. TUl. XIV.
N. 1. Ober Lokale in London und Paris berichten Pa via, Pra-
t o r i u s u. a.
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andem altere und jiingere Leute auf. Fast alle sind gut besucht, an
Sonnabenden und Sonntagen meist iiberfuUt. Wirte, Kellner, Klavier-
spieler, Coupletsanger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.
Manch€, wie beispielsweise das friihere Biilowkasino in Berlin, nnd
die Palmyr-Bar in Paris, werden auBer von homosexuellen Herren yon
liomosexuellen Damen, meist Frenndinnen, besucht.
Man kann diese Lokale in Verschiedene Kategorien ein-
teilen, in solche, die fast nur der geselligen Aussprache der Ur-
ninge dienen, die fiir viele ein groBes Bediirfnis ist, und in
solche, die von Homosexuellen aufgesucht werden, um mannlidhe
Personen zu finden, mit denen sie spater entweder „aus Liebe'*
oder gegen Entgelt verkehren k5nnen. Beide Gruppen sind, trotz-
dem viele Wirte sich' bemtihen, ihre Lokale prostitutionsfrei
zu halten, nicht imtner sc^harf von einander zu trennen. Eine
beeondere Gruppe ftir sioh bilden dann noch die von Homo-
sexueller bevorzugten Soldatenkneipen. Die meisten Lokale be-
stehen aus mehreren Raumen, in denen sich an den Haupttagen
durchschnittlich 50 bis 100 Gaste aufhalten, in einigen weniger,
in anderen mehr, jedenfalls kann man an den Sonnabenden und
Sonntagen abends insgesamt tausend Uminge und mehr in den
Berliner homosexuellen Lokalen finden.
Ein sehr geachteter homosexueller Wirt, der lange Zeit Inhaber
einer der beliebtesten Wirtschaften war, in der nur echte Homosexuelle
verkehrten, erzahlte mir, daB er durchschnittlich jeden Abend min-
destens zehn neue Gaste, auBer den alten, bei sich gesehen habe,
im Jahre iiber 3000, in den zwanzjg Jahren, in denen er das Restaurant
besaB, iiber 60 000 Homosexuelle. ^3 gibt Lokale fiir alle Gesellschafts-
schichien, hochelegant ausgestattete Bars, in denen der geringste
Satz fiir eine Konsumation eine Mark ist, bis hinunter zu den klein-
burgerlichen Kneipen, wo das Glas Bier zehn Pfennige kostet. Preis-
aufschlago mit Riicksicht auf den homosexuellen Charakter des Lokals
sind nicht iiblich, doch werden oft sehr hohe Trinkgelder gegeben, die
in einfachen Lokalen nicht selten die Hohe des Verzehrten iiber-
steigen. Viele Herren geben dadurch der gliicklichen Stimmung Aus
druok, die sie in diesen Lokalen beseelt, denn viele, die Tag fiir
Tag, oft viele Jahre nie die Masken liiften konnten, fiihlen sich
hier wie erlost. Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum
ersten Male in solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Er-
schiitterung weinen sehen. In den meisten Kneipen geht es durchaus
anstandig zu, in vielen ist der Ton ein solcher, daB der Fremde, der
sich zufallig einmal in ein solches Lokal verirrt, nicht vermuten kann,
daB er sich zwischen lauter Gleichgeschlechtlich-Empfindenden be-
findet. In anderen Restaurants allerdings lassen feminine Urninge
ihrem weiblichen Wesen ungehemmt die Ziigel schieBen, oft in ao
ausgelassener Weise, daB sich nicht nur Heterosexuelle, sondern auch
virilere Homosexuelle dadurch abgestoBen fiihlen. Einige der ein-
facheren Wirtschaften haben Nebenraume, in die sich hie und da
die Pai'tner zum Zwecke geschlechtlicher Betatigung zuriickziehen. Es
ist das aber streng verboten \md hat wiederholt nicht nur polizeilichen
SchluB des Lokals zur Folge gehabt, sondern Anklaee der Wirte wegen
Kuppelei. Personen unter 18 Jahren ist in den letzten Jahren der
Zutritt zu diesen Lokalen verboten.
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Im iibrigen verhalt sich die Berliner Polizei ebenso wie
die ill Hamburg, Koln, Leipzig und an anderen Platzen diesen
Lokalen gegenliber sehr tolerant. Weniger weil sie den Urningen
das harmlose Vergniigen Lhrer Unterhaltung gonnt — auch das
spricht mit — als in der richtigen Voraussetzung, daU diese
Sammelplatze ihr die €bersicht iiber die Homosexuellen und
diejenigen Elemente wesentlich erleichtern, die sich durch Er-
pressung und Diebstahl an ihnen bereichern. Durch Erkundi-
gungen, die sie bei den Wirten, Angestellten und Gasten dieser
Lokale eingezogen haben, ist es der Polizei oft gelungen, wich-
tigc Fahrten ausfindig zu machen, vor allem Verbrechern auf
die Spur zu kommen, die an > Homosexuellen Gewalttaten be-
gangen hatten. AuUerdem halt man es auch fiir richtiger, nach-
dem man die Unmoglichkeit eingesehen hat, die Handlungen
der Homosexuellen zu unterdrlicken, sie in geschlossrenen Lo-
kalen unter sich bekannt werden zu lassen, als daU sie sich
in unliebsamer Weise auf offentlichen Platzen und StraBen
bemerkbar machen, was ohnehin oft genug vorkommt.
Bemerkenswert ist, daB auch die Mitbewohner und Nachbaxn der
Hauser, in denen sich homosexuelle Lokale befindenj an diesen keinen
AnstoB nehmen, trotzdem sie ganz genau wissen, daB es Homosexuelle
sind, die dort ein- und ausgehen. In einem Lokal befand sich sogar
jahrzehntelang die Kneipe eines vornehmen studentischen Korps un-
mittelbar iiber dem homosexuellen Lokal, Ein Schilderer^o) des Berliner
Urningslebens schreibt dariiber: „0b wohl die zukiinftigen Richter und
Slaatsanwalte wissen, wer dort unten verkehrt? Dann mochte ich
ratcn, daB sie vorsprechen und Studicn machen. Sie konnen hier viel,
viel sehen und kennen lernen: angeborenes menschliches Elend, wider
das es keine Abhilfe gibt."
Eine groBe Rolle spielt in homosexuellen Lokalen die
Musik, die fast nirgends fehlt. Die Klavierspieler und Sanger,
denen oft Frauennamen beigelegt werden, sind oft sehr beliebt
und werden von den Gasten ebenso wie die Kellner, die oft
die Verhaltnisse der Wirte sind, mit Komplimenten und freund-
lichen Worten liberschuttet.
Von mir bekannten Klaviefspielern nenne ich die Cosima, die
Rita, die Miecke, die Pokahuntas, die Sachsin, die Miillerin und die
verstorbene Engeln, die samtlich eine groBe Attraktion ihrer Lokale
waren. Eine noch groBere Anziehungskraft aber bildet fiir viele
Homosexuelle der Tanz. Wenn der Urning aus dem Volke sich mit
seinem Freunde nach der Musik drehen kann, ist er iiberselig. Der
weibliche Teil schmiegt sich mit sichtlicher Hingebung schmachtend
dem mannlichen Partner an; die Musik materialisiert sich formlich
in ihnen : wenn der Klavierspieler abbricht, schcint es, als ob sie
aus melodientrunkener Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen.
In noch hoherem MaBe tritt dies bei den B a 1 1 e n hervor, die von
den Wirten urnischer Lokale von Zeit zu Zeit in groBeren Salen ver-
anstaltet werden.
10) Das perverse Berlin, p. 137 f.
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Vielfach werden die homosexuellen Mannerlokale auch von
urnischen Frauen frequentiert, fiir die es aber auch separate
Lokale gibt, doch sind diese seltener. Es konnte dies zunachst
befremdlich erscheinen, da doch die homosexuellen Frauen un-
beanstandeter leben, doch ist zu bedenken, daU ihre Scheu, fiir
„8o" gehalten zu werden, ebenso groB ist, wie die ihrer mann-
lichen KoUegen, auBerdem fast jede froh ist, wenn eie eine
„feste** Freundin hat, ndt der zusamtnen sie sich dann moglichstj
von jeder Offentlichkeit zurliekzieht. Die Wirte und Kellnerl
homosexueller Frauenlokale ipflegen virile Urninden zu sein,|
die meisten bedienen in mannlicher Tracht. Charakteristischer-
weise geht es in den homosexuellen Frauenlokalen im allgemeinen
etwas derber zu, wie in den analogen Mannerkneipen, so waren
die Vortr,age in einem Berliner Frauenlokal so obszon, daB die
Vortragende, genannt „d6r Leutnant", wegen Erregung offent-
lichen Argernisses verklagt und mit Gefangnis bestraft wurde.
In frtiheren Jahren, vornehmlieh um 1900 herum, bildeten
die groBen Urningsballe in ihrer Art und Ausdehnung eine
Spezialitat von Berlin. Hervorragenden Fremden, namentlich
Auslandern, die ;in der jlingsten der europaischen Weltstadte
etwas ganz besonderes zu sehen wiinschten, wurden sie als eine
der interessantesten Sehenswlirdigkeiten gezeigt.
Sie sind auch wiederholt beschrieben, so von Oskar M6t6nier
in „V€rtu8 et Yices allemands, les Berlinois chez eux". In der
Saison von Oktober bis Ostern fanden diese Balle in der Woche
mehrmals, oft sogar mehrere an einem Abend statt. Trotzdem das
Eintrittsgeld selten weniger als 1,50 M. betrug, waren diese Veran-
staltungen meist gut besucht. Fast stets sind mehrere Geheimpolizisten
zugegen, die acht geben, daB nichts Ungeziemendes vorkommt; soweit
icli unterrichtet bin, lag aber nie ein Anlafi vor, einzuschreiten.
Die Veranstalter hatten Order, moglichst nur Personen einzulassen,
die ihnen als homosexuell bekannt sind. Nach den grofien Skandal-
prozessen des Jahres 1907 wurden diese Balle, man kann fast sagen
— ut aliquid fiat — polizeilich inhibiert, wobei es fraglich ist, ob
man gesetzlich dazu berechtigt war. Jedenfalls entsprach damals
dieses Verbot der ungiinstigen Volksstimmung, um so schmerzlicher
traf es viele Homosexuelle, besonders feminine. Ich erinnere mich, dafi
ich damals Unter den Linden einen mir bekannten alten homosexuellen
Grafen mit sehr weibischen Alliiren traf, der auf die Frage nach
seinem Ergehen sogleich sehr niedergeschlagen berichtete, es ginge
ihm nicht gut; ich fiirchtete schon, er sei in Erpresserhande ge-
fallen, als er berichtete, er hatte sich fur diesen Winter bei dem
ersten Pariser Damenschneider ein „wunderbares" neues Kleid arbeiten
lassen, nun hinge es im Schrank, denn gerade als es fertig geworden
sei, waren die Balle untersagt und wiirden wohl nie wieder erlaubt
werden. Tatsachlich sind sie nach dreijahriger Pause wieder auf-
genommen worden, haben aber ihren alten Glanz noch nicht wieder
erreicht. Ich gebe nun die Schilderung eines homosexuellen Manner-
und Frauenballes aus den GroBstadtdokumentea : „Eines besonderen
Renommees erf rent sich der am ersten Sonnabend nach dem
ersten Januar veranstaltete Neujahrsball. Als ich diesen Ball
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vor einigen Jahreu mit mehreren arztlichen Kollegen besuchte,
waxen gegen achthundert Personen zxigegen. Um 10 Uhr abends sind
die groBen Sale noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen
sich die Raume zu fullen. Viele Besucher sind im Gesellschafts-
oder Slrafienanzug, sehr viele kostumiert. Einige erscheinen dicht mas-
kiert in undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne
dafi jemand ahnt, wer sie gewesen sind; andere liiften die Larve um
Mitternacht, ein Teil kommt in Phantasiegewandern, ein grofier Teil
in Pamenkleidern, manche in einfachen, ,andere in sehr kostbaren,
viele in selbstgefertigten Toiletten. Ich sah einen Siidamerikanei ,
in einer Pariser Robe, deren Preis iiber 2000 Franken betragen sollte.
Es war dies iibrigens derselbe, der spater in Breslau als sogenannte
„mannliche Braut" Selbstmord veriibte. Nicht wenige wirken in
ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, daU es selbst
Kennern schwer fallt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere mich, daB
ich auf einem dieser Balle mit einem auf diesem Gebiete sehr er-
fahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmadchen beobachtete, von
dem der Beamte fest iiberzeugt war, dafi sie ein richtiges Weib sein
miisse, auch ich hatte kaum Zweifel, um in der Unterhaltung mit
ihr aber doch wahrzunehmen, dafi sie „ein Mann" war. Wirkliche
Weiber sind auf diesen Ballen nur sparlich vorhanden, nur dann und
wann bringt ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder — seine
Ehefrau mit. Man verfahrt im allgemeinen nicht so streng bei den
Urningen wie auf analogen Urnindenballen, auf denen vielfach jedem
„echten Manne" strengstens der Zutritt versagt ist. Am geschmack-
lostesten wirken auf den Ballen der Homosexuellen die ebenfalls
nicht vereinzelten Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes
Oder gar Vollbartes „als Weib" kommen. Die schonsten Kostume
werden auf ein Zeichen des Einberufers zumeist mit Tusch empfangen
und von diesem selbst durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr
erreicht der Besuch gewohnlich seinen Hohepunkt. Gegen 2 Uhrfindet
die Kaffeepause, die HaupteinnahmequeUe des Saalinhabers, statt.
In wenigen Minuten sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt,
an denen mehrere hundert Personen Platz nehmen; einige humori-
stische Gesangsvortrage und Tanze anwesender „Damenimitatoren"
wiirzen die Unterhaltung, dann setzt sich das frohliche Treiben bis
zum friihen Morgen fort.
In einem der groBen Sale, in welchem die Urninge ihre Balle ver-
ansialten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend fur
Uranierinnen statt, von denen sich ein groBer Teil in Herrenkostiim
einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann
man aber alljahrlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten
Kostiimfest sehen. Das Fest ist nicht offentlich, sondern gewohnlich
nur denjenigen zuganglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind.
Eine Teilnehmerin entwirft mir folgende Schilderung: „An einem
achonen Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten
Berliner Hotels Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in
; Kostiimen aller Lander und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen
^. flotten Couleurstudenten mit machtigen Rinommierschmissen ankom-
men, dort hilft ein schlanker Rokokoherr seiner Dame galant aus
der Equipage. Immer dichter fiillen sich die strahlend erleuchteten
weiten Raume; jetzt tritt ein dicker Kapuziner ein, vor dem sich ehr-
furchtsvoll Zigeuner, Pierrots, Matrosen, Clowns, Backer, Landsknechte,
schmucke Offiziore, Herren und Damen im Reitanzuge, Buren, Japaner
und zierliche Geishas neigen. Eine glutaugige Carmen setzt einen
Jockey in Brand, ein feuriger Italiener schlieBt mit einem Schnee-
mann innige Freundschaft. Die in buntesten Farben sghillernde froh-
liche Schar bietet ein hochst eigenartigos, anziehendes Bild. Zuerst
starken sich die Festteilnehmerinnen an blumengeschmiickten Tafeln.
Die Leiterin in f letter Samtjoppe heiBt in kurzer kerniger Rede die
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Gjiste willkommeii. Danii werden die Tische fortgerauint. Die „Donau-
wolleu" erklingen, iind begleitet von frohlicheu Tanzweisen, schwingen
sich die Paaro die Nacht hiridnrch im Kreise. Aus den Nobenraumen
hori man belles Lachen, Klingen der Glaser und munteres Singen,
nirgends aber — wohin man sieht — werden die Grenzen eines Kostiim-
festes vornehmer Art iiberschritten. Kein Miflton triibt die allgemeine
Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten Dammerlicht des
kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie sich unter Mit-
empfindenden wenige Stunden als das traumen durften, was sie inner-
lich sind. Wem es je vergonnt war, schlieBt Frl. R. ihren Bericht,
ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehriicher Uberzeugung
sein Leben Tang fiir die ungerecht verleunideten Uranierinnen eintreten,
denn er wird sich dariiber klar geworden sein, daS es iiberall gute ;
und schlechte Mensclien gibt, daB die liomosexuelle Naturveranlagung /
aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen
zum Guten oder Bosen stempelt."
Auch in anderen Stadten werden homosexuelle Balle ver-
anstaltet, aber nicht so regelmaJJig, und nur selten offentlich,
in Paris finden seit altersher jeden Winter zwei groBe Urnings-
balle am mardi gras und micareme statt, wozu viele Homo-
sexuelle aus London heriiberkommen. Sie sind den Berliner
homosexuellen Ballen zum Verwechseln ahnlieh. Im Gegensatz
zu protestantischen ist es in alien katholischen Landern Sitte,
dalJ feminine Urninge in grofier Zahl wahrend des Faschings als
Frauen verkleidet Biille besuchen; oft geben sie sich gar nicht
als Manner zu erkennen, sie tanzen mit den Herren, lassen sich
von ihnen klissen, umarmen und traktieren, setzen sich ihnen
auf den Schofl und genicBen alle Freuden ihrer Liebe 3nit dem
Manne ihrer Wahl, der seinerseits ein Madchen zu liebkosen
meint.
„Wie mancher mag schon mit einem holden Madchen getanzt
zu haben glauben, wahrend, was er in den Armen hielt, ein holder
Urning war,** sagt U 1 r 1 c h s i^) einmal in Memnon, wo er aus-
fiihrlich einen solchen Vorgang berichtet, der sich zwischen echten
Mannern und Pseudofrauen auf einem Wiener Fiakerball abspielt.
DaB feminine und namentlich transvestitische Urninge im Kar-
neval yon der Geschlechtsverkleidung weitgehendsten Gebrauch machen,
finde ich durch zahlreiche Mitteilungen aus Koln, Miinchen imd Italien,
auch durch eigene Beobachtungen im Karneval von Nizza bestatigt.
Schon Goethe erzahit in seiner italienischen Reise bei der Schil-
derung des romischen Karnevals: ,,Im Karneval Ziehen viele junge
Burschen im Putz der Frauen aus der geringsten Klasse umber, und
scheinen sich darin sehr zu gefallen. Kutscher und Bediente sind als
Frauen oft sehr anstandig und, wenn es junge, wohlgebildete Leute
sind, zierlich und reizend gekleidet. Dagegen finden sich Frauenzimmer
des mittleren Standes als Pulcinelle, die vornehmeren in Offiziers-
tracht gar schon und gliicklichi*)."
Ein nicht unwesentlicher Grund der Verbreitung der
Urningsballe in Deutschland und der groBen Anziehungskraft,
13) r 1 r i c h s , VJI, 145.
'^) Cf. „Die Trans vest! ten." Kap. 15. p. 461.
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die sie auf gleichgeschlechtlich veranlagte Personen ausiiben,
diirfte librigens der sein, dafl bei uns das Tanzen von Mannern
und Burschen untereinander auf offentlichen Tanzboden ver-
pont, vielfach sogar verboten ist, im Gegensatze zu der gegen-
iiber Madchen und Frauen herrschenden Auffassung, die von
diesem Vorrecht des Miteinandertanzens weitgehendsten Ge-
brauch machen. Ein guter Beobachter kann denn auch bei fast
jedem Tanzvergnligen homosexuelle Freundinnen miteinander
tanzen sehen, sie sind daran erkenntlich, daB sie jeden Tanz aus-
nahmslos miteinander tanzen, die eine stets den Herrn markiert,
auch im Kleidungsschnitt, den Verbeugungen und Biegungen den
mannlichen Einschlaj^ verrat, wahrend die andere sicK voller
Hingebung an die Partnerin schmiegt und auch in den Pausen
keinen Blick von ihr laBt.
In Gegenden, wo Burscheu miteinander tanzen — so in alien
romanischen Landern — kann man unter ihnen ganz analogs Erschei-
nungen wahrnehmen. In Ajaccio war ich einmal Zeuge einer wilden
Eifersiichtsszene, die entstand, als ein junger Mann, der immer mit
ein- und demselben Herrn getanzt hatte, der Aufforderung eines
anderen Folge leistete. Ahnliches sah ich einmal in Metz, wo das
Tanzen unter jungen Leuten ebenfalls noch gang und gabe ist. Ich sab
dort in einem Tanzsaal der Vorstadt unter 80 tanzenden Paaren min-
destens 5 stark auf Uranismus verdachtige, die mir von einem homo-
sexuellen Arbeiter spater als ihm bekannte Gefiihlsgleiche bestatigt
wuj'den. . . . Es gibt Homosexuelle besserer Gesellschaftskreise, die mit
Vorliebe Gegenden bereisen, wo der Miiunertanz iiblich ist, sie konneu
stundenlang den rh3'thmischen Beweguiigen ihnen sympathischer Paare
zuschauen, beteiligen sich auch schlieUlich selbst inkognitp am Tanz
mit den Burschen.
Die zahlreichen homosexuellen Restaurants dtirften der
Hauptgrund sein, daB zwei Arten von Sammelplatzen von
Homosexuellen, die in anderen GroBstadten sehr beliebt sind, in
Berlin eine weniger groBe RoUe- spielen : die Theater und die
Badeanstalten.
Unter den Berliner Theatern war es eigentlich nur „Kroir*,
das im letzten Viertel des vergangeneu Jahrhunderts ein Treffpunkt
Homofiexueller war, wenn auch nicht in dem Grade wie etwa das
Lundoner „Colosseiim** oder die „Alhambra*' in Paris ; friiher in den
sechziger und siebziger Jahren begegneten sich vielfach die Berliner
Urninge im Foyer des Viktoriat heaters, wo auch der umische
Dichterprinz G. eine nicht seltene Erscheinung war. Wahrend
in Asien, nameutlich Ostasien, in PJrmangelung der Restaurants
die Theater noch ietzt die hauptsachliclisten homosexuellen Zusammen-
kunftsstatten sind, etwa wie es im Orient und RuBland die Bade-
anstalten sind und es im Altertum die Gymnasien waren, ist es in
Eiiropa jctzt nur mx'h Loruloii. wo das Theater unter den Rendezvous-
Orten an erster Stelle zu nennen ist. Bald ist das eine, bald das
andere Theater en vogue. Wie es in manchen Fallen zugeht, schildert
Pavia^^a) in seinem I3ericht iiber „die mannliche Homosexualitat in
^*a) Pavia, Die mUnnlicho Ilomosexualitiit in England mit be-
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£ngland'\ in dem es iL a. heifit: „0a8 Parterre des Empire-Theaters
war am Sonnabend eine Sehenswiirdigkeit, desgleichen man wohl
anderswo selten gesehen hat. Man stefle sich ungefahr 200 Ifrninge,
Soldaten, Kynaden und Pseudohomosexuelle Kopf an Kopf gedrangt
vor; das Licht im Saale diskret geaug, um die ,Intimitaten*, die viel-
tach ausgeiibt warden, nicht alizu aufdringiich erscheinen zu lasseii,
und als besondere Spezialitat einen Portier von unverkeonbar uruischeu
Neigungen, welcher Paare, gegen eine maBige Entrichtung, in die
SicberLeit eines der ihm anvertrauten Riiume hineinliefi, um nach
Ablauf von wenigen Minuten an die Tiire zu klopfen, weil ein ahn-
liches Duo EinlaC begehrte." Die eigenartigste Spezialitat, die ich auf
diesem Gebiete in London sah, war ein Vorstadttheater, dessen (Jalerie
fast ausschliel31icli von urnischen Lakaien vornelimer Herrschaften be-
sucht war.
Einer grofien Beliebtheit erfreut sich das Theater xinter
den Homosexuellen auch Insofern — und das gilt nicht nur flir
England sondern flir alle Orte, in denen es Biihnen gibt ■ —
als es ihnen gestattet, einige Stunden Seite an Seite mit ihren
Freunden in unauffalliger Weise zu verbringen. Viele sitzen
wahrend der ganzen Vorstellung, unbemerkt von ihren Nachbarn,
Hand in Hand.
Ich kenne einen vornehmen Uranier in Berlin, der jungen Stu-
dcnten, an denen er Gefallen findet, anonym teure Platze zu guten
Theaterstijcken schickt; gewohnlich findet er dann auch die Person,
an dercn Bekanntschaft ihm gelegen ist, abends neben sich. Ein
anderer, ein Versicherungsbeamter, der sehr heftig aber unglucklich
einen Bureaukollegen liebte, schenkte diesem regelmaBig Theater- und
Zirkusbilletts, die er angab, umsonst erhalten zu haben. In Wirk-
lichkeit waren es aber gar keine Freibilletts, sondern waren von ihm
bezahlt worden, nur um den Platz neben dem Menschen, der iiberhaupt
nicht wuBte, daB er geliebt wurde, inne zu haben. Unter den inter-
nationalen Biihnenstadten ist wahrend der Festspielzeit vor allem
Bayreuth^^) ein sehr beliebter Sammelplatz von Uraniern aus aller
Herren Landern, die teils allein, teils mit ihren Freunden dorthin
kommen. Besonders soil auf sie die „Manneroper" Parsifal eine groBe
Wirkung und Anziehungskraft ausgeiibt haben. Von vielen homo-
sexuellen Paaren, und zwar nicht nur aus n i e d e r e n Volkskla.ssen,
werden'in neuer Zeit die Kincmatographentheater bevorzugt, und zwar
nicht nur zum Zwecke gemeinsamer tlnterhaltung, sondern auch inn
im Dunkeln wechselseitige Kontakte vorzunehmen. In friiheren Zeiten
waren die Ansammlungen vor den offenen Marionettentheatern ahn-
liche Pradilektionsstellen der Toucheure und Frotteure ; einige von
diesen, wie die Guignols in den Champs Elysees, die Kasperletheater in
St. Pauli (Hamburg), erfreuen sich noch heute unter Urningcn eines
internationalen Rufes, zumal Kasperle nicht selten drollige Bemerkungen
iiber die „\Varmen" einflieBen laBt. Auf dem Spielbudenplatz in Ham-
burg ruft Kasperle: „Jungs, he het mi anfoten" (er hat mich ange-
faBt). „He is en Warmen" (er ist ein Warmer). Darauf ruft eine
andere Stimme: „Kasperl, geh mit hem, he gif de naher en Daler" (geh
sonderer Beriicksichtigung Londons, Vierteljahrsber. d. W.-h. K. III. Jiig.
p. 45/46.
^^) Cf. Oscar P a n i z z a , Bayreuth und die Homosexualitiit. In
„Die Gesellschaft** Jahrg.»1895 p. 88 ff. und Hanns Fuchs, „Kichard
Wagner und die Homosexualitat. Unter besonderer Beriicksichtigung
der sexuellen Anomalien seiner Gestalten." Berlin 1903.
Hirschfcid, Homosexualitat. 44
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mit ihm, er gibt dir nachher einen Taler). Eine ahnliche Zugkrafi
haben an vielen Platzen auch bestimmte Depeschensale .groCerer
Zeituiigon, in denen sich stets vor den neuesten Bildern und Nach-
richtcn eine groBe Menge beschaftigungsloser Menschen staut, sowie
fijr homosexuelle Frauen die Ausstellungen in Warenhausern. Nament-
lich soUen neuerdings die nur Frauen zuganglichen Vorfiihrungen der
Mannequins — lebender Modepuppen — von Urninden stark frequen-
tiert werden.
In viel hoherem Grade als alle die bisher aufgeftihrten
Orte, die immerhin hauptBachlieh nur der Anknlipfung homo-
sexueller Bekanntschaften und Beziehungen dienen, erftillen die
nunmehr zu nennenden B a d e anstalten nicht nur diesen Zweck,
sondern auch den der sexuellen Betatigung gielbst. Ich er-
wahnte bereits, daB sie in Deutschland hierftir nicht die Be-
deutung gewonnen haben, wie in vielen andern Landern, nament-
lich solchen, wo, wie in Osterreich, die Danvpfbader mehr odor
wenigei* nach tlirkischem Muster eingerichtet sind. Ah'nlich
wie die Lokale kann man auch die Bader in z w e i Kategorien
teilen, in die, welche den Verkehr Gleidhveranlagter aus beider-
scitiger Neigung vermitteln, und die, welche flir den Umgang
mit Prostituierten Gelegenheit geben. Aber auch hier sind die
Grenzen nicht dmmer scharf gezogen. Doch gibt es sicherlich
eine Reihe homosexueller Bader in Paris, Wien, Berlin, New
York und anderen Stadten, in denen ein sexueller Verkehr gegen
Entgelt zu den Ausnahmen gehort, wahrend er in anderen
Badern das libliche ist, und zwar nicht nur dort, wo sich Bade-
diener und Masseure selbst zur Verfiigung stellen.
Die Besitzer letztgenannter Anstalten setzen sich in Deutschland
dadurch, daB sie, wie es im Gesetze lautet, gewohnheitsmaCig oder
gewerbsmaCig der Unzucht Vorschub leisten, der Gefahr aus, wegen
Kuppelei belangt zu werden. Erst vor einigen Jahren-wurde ein In-
haber eines Bades aus diesem Grunde in Berlin zu einem Monat Ge-
fangnis verurteilt. In anderen Landern kommt mehr der Strafbegriff
des offentlichen Argernisses in Frage, der beispielsweise in Paris
wiederholt zur behordlichen SchlieBung der Anstalten fiihrte. Dabei
ist aber zu beriicksichtigen, daB die Anstaltsinhaber keineswegs immer
iiber die Vorgange in ihren Badern unterrichtet sind, namentlich
werden haufig Wanuenbadeanstaltcn mit sogenannten Doppelzellen von
horaosexuellen Parchen ohne Wissen der Besitzer aufgesucht, um un-
gestort Verkehr zu pflegen. Auch bei der Untersuchung, die im
Jahre 1909 gegen das Maximilianshofbad in Miinchen wegen homo-
sexueller Vorkommnisse schwebte, ergab sich aus eidlichen Bekun-
dungen, daB der Inhaber des vornehmen Etablisscments von den zwi-
schen den Badewartern und Badegiisten vorgenommenen „unsittlichen
Beriihrungen" keine Kenntnis gehabt, vielmehr selbst, nachdem er
davon erfuhr, die Anzeige erstattet hatte. Wie es in homosexuellen
Badern zugeht, habe ich bereits oben^^) an einem Beispiel aus Paris
beschrieben. In meinem Aufsatze „Die Homosexualitat in Wien" (Wie-
ner Klinische Kundschau, Nr. 42, 1901) findet sich eine eingehende
Schilderung einer groBen Badeanstalt der osterreichischen Hauptstadt,
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in der sich an einem Tage der Woche mehrere hundert Homosezuell/e
treffen.
Auch die Volksbader, Schwimmhallen und Brausebader bilden
nicht selten Treffpunkte Homosexueller ; doch werden sie weniger
zwccks sexueller Betatigung aufgesucht, als urn sich am Anblick sym-
pathischer Gestalten zu weiden. In noch hoherem Grade gilt dies
von den Luftbadern, Gymnastikhallen. Bezeichnend war, dafl in einem
der ersten Berliner Lichtluftbader in der aufgehangten Badeordnung
ein Paragraph enthalten war, welcher lautete; „Homosexuelle Herren
werden ersucht, sich ihre Anlage nicht merken zu lassen." Tatsachlich
wurde spater dort einigen homosexuellen Herren der Zutritt verboten,
lediglich auf Grund ihrer bekannt gewordenen seelischen Neigung
zum gleichen Geschlecht. Im iibrigen haben homosexuelle Bader-
skandaie schon wiederholt zu Gerichtsverhandlungen gefiihrt. So wurde
im November 1909 auf ein anonymes Schreiben bei der Budapester
Stadthauptmannschaft im Ofener Volksdampfbad des St. Lukas-JBades
eine Gesellschaft von 24 Mannern \md Burschen ausgehoben und zur
Oberstadthauptmannschaft gebracht, die spater — es waren alles junge
uiigarische Handwerker, Selcher, Schneider, Farber und Steinmetzen —
ebenso wie der Bademeister, Badediener und Besitzer der Anstalt zu
Gefangnisstrafen verurteilt wurden.
DaB in vielen Badeanstalten die Badediener iie Vermitte-
lung homosexuellen Verkehrs als ergiebiges Nebengesohaft be-
treiben, ist nach libereinstimmenden Mitteilungen aus^ ver-
schiedenen LSndern gewiiJ. Manche dieser Angestellten grtinden
sich, wenn sie sich eine entsprechende Summe gespart und
viele Homosexuelle kennen gelernt haben, eigene Institute, in
die sich Urninge besserer Gesellschaftsklassen in tiefstem
Inkognito begeben, um- dort mit bestellten oder gerade an-
wesenden Partnern Verkehr zu pflegen.
Eines dieser „Massage-Institut e", das viele reiche Urninge
Jahre hindurch frequentierten, wurde in den Berliner Skandalprozessen
des Jab res 1907 wiederholt erwahnt. Oft sind die Besucher den Be-
sitzern selbst nur unter Decknamen oder Vornamen bekannt.
Andrerseits bedienen sich diese zu eigner Legit imierung gegeniiber
den nicht ohne Grund miBtrauischen Wirten bei ihrem ersten Kommeu
gewisser geheimer Stichworte, wie etwa: „Einen schonen GruB von
Xante Sophie." Die Preise, welche die Inhaber solcher Hauser erhalten,
oft der gleiche Betrag, den die von ihnen besorgte Person erhalt, sind
verhiiltnismaBig nicht hoch, wenn man in Betracht zieht, daB sie
stets ein Verfahren wegen Kuppelei riskieren. Namentlich werden sie
auch viel von Offizieren auswartiger Garnisonen benutzt, die sich
au3 wohlbegriindeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verratern in
die Hande zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, damit sie
ihnen etwas „ganz Sicheres" besorgen sollen. Wie mir verbiirgt mit-
geteilt wurde, gibt es Vermittler, bei denen sich Herren miindlich
und schriftlich, ja sogar telegraphisch, Personen unter ^Vngabe aller
moglichen fetischistischen Liebhabereien bestellen. Fast alle findeo
dann zu der bestimmten Stunde das Erbetene vor. Auch fur urnische
Damen existieren ahnliche Vermittlungslokale.
Es liegt auf der Hand, daB diese Quartiere eine unmittel-
bare Folge der durch die Verfolgung der Homosexuellen ge-
schaffenen Verhaltnisse sind. Diese bewirkt, daB der Timing im
Gegensatze zu dem Heterosexuellen seine Privatwohnung nach
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Mfiglichkeit von sexuellem Verkehr freitalt, einerseits um das
Geheimnis seines Namens zu wahren, andererseits nin sich
nicht in seinem Hause hinsichtlieh seiner Neigung verdachtig
zu machen. Er ist daher in viel hoherem Ma Be als der Normale
darauf angewiesen, zur sexuellen Entspannung auBerhalb seines
Hauses gelegene Statten aufzusuehen. Zu diesen gehoren auBer
den bisher angeftihrten in fast jeder groBeren Stadt gewissei
Hjotels, die vielfach selbst in Handen von homosexaellen
Hoteliers, von Urningen als maisons de passe gebraucht werden.
Die glanzenden Namen dieser Absteigequartiere — Hotel de la
iumiere, de la patrie, Albergo d'Eletritta — kontrastieren oft eigen-
artig mit ihrem obskuren Chsirakter. Die Urninge kommen hier mit
ibren Partnern bin, tragen sicb als Onkel und Neffe, als Bruder oder
Gescbaftsfreunde, die sicb von auBerbalb verabredet haben, ein, neh-
men zwei benachbarte Zimmer, oder eins mit zwei Betten. Halten
die Besitzer solcber Hauser selbst Personen fiir ihre Besucher zum
Geschlechts verkehr bereit, die womoglich gar bei ihnen wohnen, so
fltehen solche Etablissements den eigentlichen Bordellen, von
denen spater noch einiges zu sagen sein wird, recht nahe. Eine hobere
Stufe wie letztbeschriebene nehmen gewisse Hotels und Pensionate
ein, in denen auswartige Homosexuelle selbst auf einige Zeit, oft
Monate, Wohming nehmen. In Berlin kenne ich etwa zwolf in diese
Kategorie gehorende Pensionen, die von homosexuellen Mannern und
Frauen fiir ihresgleichen gehalten werden, darunter einige in sehr
vornehmem Stil. Manche Urninge wahlen sie gem, weil sie sich in
ihnen geborgener und ungenierter fiihlen. Die Besitzer der Pensionen
sind sich oft gewiB nicht daniber klar, dafi auch sie dabei G^fahr
laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in Kon-
flikt zu geraten. Vor einigen Jahren erregte ein ProzeB wegen homo-
sexueller Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier
angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt
ein Pensionshotei fvihrte, das fast nur von homosexuellen Damen und
Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten — meines Er-
achtens nicht mit Unrecht — darauf hinwiesen, dafi sie keine hoheren
Preise forderten und erhielten, wie sie in ahnlichen Etablissements
iiblich sind, ferner, dafi sie sich nicht fiir befugt hielten, zu kontrol-
lieren, was ihre Giiste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabge-
ordneter gehorte, auf ihren Zimmern mit ihren Besuchem taten, wur-
den beido zu einer Gefangnisstrafe von einem Monat verurteilt.
In sehr viel hoherem Grade als an alien bisher genannten
Sammelplatzen vollzieht sich nun aber die Ankntipfung
vortibergehender homosexueller Beziehungen (aus denen sich oft
audi dauernde entwickeln) an demjenigen Orte, an dem man
sich verhaltnismafiig am siehersten fuhlt, und der zugleich
seiner universellen Zuganglichkeit halber jedem Geschmacke J'(*
Moglichkeil einer entsprechenden Wahl gestattet: Das ist die
StraBe. Die Begegnungen zwisehen homosexuellem Angebot
und Nachfrage spielen ^ich hier in ganz iihnlieher Weise
ab, wie unter Heterosexuellen. Wahrend die Nachfrage natur-
gemaU nur von Uraniern ausgeht, die Personen suclien, die ihrem
so sehr differenzierten individuellen Geschmacke entsprechen,
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setzt sich das Angebot aus den verschiedensten Elementen zu-
sammen; aus Homosexuellen, die mit der Befriedigung ihrer
geschlechtlichen Neigungen inaterielle Vorteile verbinden
mSchten, aus Heterosexuellen, denen es lediglich auf die letzteren
ankommt und schlieBlich aus Elementen, denen die Anbahnung
sexueller Beziehungen nur das Mittel zum Zwecke verbreehe-
rischer Bereicherung duroh Diebstahl oder Erpressung ist.
Die Formen, in denen sich die Begegnungen abapielen, sind in
den ihrem Endzweck nach verschiedenen Fallen annahernd die gleichen
und nicht wesentlich von denen im Verkehr zwischen Mann und Weib
verschieden. Eine haufige Art ist folgende: Der ein Abenteuer suchende
Urning bemerkt eine ihm zusagende mannliche Person; er trachtet
sich ihr bemerkbar zu machen, sieht sie an, bleibt stehen, sieht sicb
um und wartet, ob der andere auf diese Zeichen reagiert. Scheint ihm
dieses der Fall zu sein, so versucht er ihn an einen Ort zu dirigieren,
an dem eine Ansprache ungestort bewerkstelligt werden kann, in eine
stille SeitenstraBe oder vor ein Schaufenster, an eine Anschlag- oder
Wettersaule. Auf dem Wege dahin vergewissert er sich nochmals durch
Umschauen und Innehalten, ob der Betreffende auch folgt. Sind nun
beide an einem geeigneten Orte angelangt und nahe genug beieinander,
danu leitet der Uranier, falls der Erwahlte ihm nicht zuvorkommt,
dio Ankniipfung entweder mit einer gleichgiiltigen Bemerkung iiber
iigend eincD Gegenstand in der Schaufensterauslage oder einer An-
kiindigung an der Anschlagsaule, einer Bitte um Feuer, einer Frage
nach der Zeit, einer AuBerung iiber das Wetter ein. Eine Anekdote,
die ich in ahnlicher Weise in verschiedenen Landern horte, besagt,
dafi ein Urning, der in einem Parke einen Soldaten hoflich nach der
Zeit fragte, nicht wenig perplex war, als er a tempo folgende Antwort
erhielt: „Ich besitze keine Uhr, rauche keine Zi^aretten, habe keine
Ziindholzer, gehe nicht ein wenig mit Ihnen spazieren und gebe mich
liberhaupt nicht geschlechtlich mit Mannern ab." Andere wieder suchen
auf Umwegen zum Ziele zu kommen, indem sie den anderen auffordern,
sich mit ihnen zu treffen oder sie zu besuchen, sie mochten ihn photo-
graphieren, zeichnen, ihm belehrende Biicher, Bilder, x\pparate zeigen.
Auch eine sonst unmotivierte Einladung zum Glase Bier oder Abend-
essen laBt die Absicht erraten. Nicht selten kommt es auch vor, daB der
Homosexuelle eine beliebige Person, die ihm gefallt, wie einen alten Be-
kannten begriiBt, um sich auf das Erstaunen, des Angeredeten hin zu
entschuldigen, er habe ihn mit jemandem verwechselt, der dem Be-
treffenden ganz auBerordentlich ahnlich sei. In anderen Fallen geht
die Initiative vom Angebot aus, sei es, daB der Betreffende durch
einen, wenn auch fliichtigen — aber von ihm nur zu gut verstandenen
— Blick des Homosexuellen auf diesen aufmerksam wird, sei es, daB er
auf Grund lauger Erfahrung aus gewissen Merkmalen, etwa seinem
AuBeren, seinen Bewegungen in ihm den Urning vermutet. Er sucht ihn
nun auf sich aufmerksam zu machen, folgt ihm, streift ihn im
Vorbeigehen mit dem Armel, sieht sich auffallig nach ihm um oder
purscht sich direkt an ihn heran, indem er ihn um Feuer bittet, nach
der Zeit oder einer StraBe fragt oder auch, falls er seiner' Sache sicher
zu sein glaubt, ihm direkt sein Angebot macht.
Soweit spielen sich derartige Anknupfungen ganz analog
denen im normalen Sexualverkehr ab. Es ist auch nicht richtig,
daB Homosexuelle sich einer geheimen, gleichsam frei-
maurerischen Zeichensprache zur Verstandigung unter sich
bedienen.
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Bisweileu werdeu all Tdings auch besliramto Gesten, die auf ge-
wiflse Betatigungsarten anspielen sollen, als Verstandigungsmittel an-
gewandt: Hinhalten der Faust als Symbol der mutuellen Onanio,
mehrmaliges Hervorstreckcn der Zunge, das auf coitus oralis hindeuten
soil, und ahnliches raehr. In manchen Landern driickt Kratzen der
Kopfhaut, in andorcn ein Schlag der rechten Hand gegen die hohl-
gehaltene linke Faust die Bereitwilligkeit zum sexuellen Verkehre
aus. Auch spielende Bewegungen der Finger der in der Kreuzbein-
gegend gehaltenen Hand bedeuten dasselbe und als internationalstes
Ausdrucksmittel ist der zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmte
Daumen zu nennen, und zwar sowohl fiir homosexnellen als fiir hetero-
sexuellen Verkehr. Ein urnischer Leutnant zur See sagte mir, er sei
diesera Zeichen in Singapore und Tsingtau ebenso begegnet wic in
Island und Gronland. Von anderen wird das Umiippen des
Mittelfingers in den Handteller des anderen als ein Zeichen an-
gefiihrt, mit dem jemand seine urnische Empfindung sagen und die
des anderen erfragen will. Oft geniigt zur Verstandigung ein beira
Handedruck ganz leise zugefliistertes „auch?**. Besonderheiten in der
Kleidung werden von Horaosexuellen ebenfalls oft als Erkennungs-
zeichcn angegeben, bei Mannern ein Ketten- bei Frauen ein Siegel-
ring am kleinen Finger, bestimmte Schmucksteine wie Saphire, eigen-
artig geschlungene Krawatten. In den dreiBiger Jahren des vorigen
Jahrhunderts gait in Berlin ein weiBes Taschentuch, welches aus der
oberen Rocktasche hervorlugte, als sehr „verdachtig". Auch andere
sehen das Tragen des Taschentuches in der Hand als bezeichnend an.
Ob die ehemals in Frankreich angewandte Bezeichnimg ., Chevalier de
la manchette** fiir einen Kontrarsexuellen nicht auch in homosexnellen
Toiletteneigentiimlichkeiten ihren TJrsprung hatte? Endlich hat man
bestimmte Blumen im Knopfloch als typisch angesehen, namentJich
Nelken in England^^). Doch darf die Bedeutung aller dieser Zeichen
nicht liberschatzt werden^^).
Manche Urninge bedienen sich zu ihrer Verstandigung der
Anschlagsaule, wo sie mit Bleistift nur dem Eingeweihten
verstandliche Zeichen und Zeitbestimmungen hinkritzeln.
Haufiger aber leistet, wenn auch wohl fast stets unbewufit^
die Presse den Umingen Mittlerdienste. In manchen Blattern
findet man fast taglich mehrere Inserate, die homosexuellelii
Zwecken dienen, wie ,,junge Frau sucht Freundin**, ,,junger
Mann sucht Freund**. Ich gebe hier einige Beispiele derartiger
Annoncen wieder, die innerhalb k u r z e r Zeit Zeitungen ver-
schiedenster Parteirichtungen entnomtnen wurden.
Alterer Herr, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaf t mit
Gleichgesinnten. Zuschr. erb. u. S. O. 2099 an die Exped. deS* Blattea.
Alterer Junggeselle wiinscht gleichgesinnten „AnschluB", Mor-
genpost, Biilowstrafie.
Herr, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates" Haupt-
expedition, KochstraBe, erbeten.
Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. led.
gleichges. Herrn in alt. Jahren. Off. A. B. 11. Postamt 76.
1^) Cf. H i c h e n s , „The green carnation". Eine Persiflage Oscar
Wildes.
18) Cf. Moll, Wie erkennen und verstandigen sich die Homo-
sexuellen untereinander? In G r o B* Archiv 9. Band 2. und 3. Heft
1902, S. 157 — 159 und Besprechungen dieser Arbeiten von Prato-
rius in Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen Bd. V, 2. Teil p. 993*
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Jang. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. ener-
fisoh herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erbeten unt. T. L. W.
Ixped. d. Blattes.
Fraulein, anstand., 24 Jahre, sucht hiibsches Fraulein als
Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Expedition erbeten.
Dame, 36, wiinscht f re undschaft lichen Verkehr. Postamt 16,
„Plato".
Herzensfreundin, nette, sucht geistvolle, lebenslustige Dame,
23. Psyche. Postamt 69.
Suche cebildete Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine. Off.
u. H. R. 1622 Exped. d. Blattes.
Schneiderin, 22, wiinscht „Freundin". Postamt 33.
Wohlhabende lebensfrohe Witwe in den 60 er Jahren sucht eben-
solche zum gemeinschaft lichen Verkehr. Offerten unter „Fritz".
17 jahriges, vermogendes Fraulein wiinscht die Bekanntschaft und
treue Freundschaft mit einem ebensolchen Fraulein aus vornehmem
Hause zu schlieCen. Zuschriften unter „F r e u n d's c h a f t s 1 i e b e" an
die Tagespostexpedition.
N a c k e ^^), der sich auch mit dem Gegenstand der homo-
sexuellen Annonce wiederholt beschaftigt hat, teilt einmal foigende
ihm von einem KoUegen aus Hamburg aus einem groBen. Hamburger
Blatte stammende Annonce mit: „Frauenfreundschaft." „Gebildete,
geistreiche, freidenkende Dame sucht die Bekanntschaft einer reichen
Dame zwecks freuadschaftlichen Verkehrs. * Offerten erbeten. an
,S a p p h o* hauptpostlagernd Hamburg." In einem anderen Artikel
bringt er 25 Annoncen von Weibern, 6 von Mannern, in denen Freund-
schaft mit einer Person des gleichen Geschlechts gesucht wird. Sie
stammeii aus Miinchener Zeitungen., aus denen sie ianerhalb fiinf
Wochen von einem Studenten gesammelt wurden.
Aus einer der groBten siiddeutschen Zeitungen wurde mir foigende
Annonce iibersandt: „Distinguierter junger Herr, welcher Maskenballe
und Redouten in schickem Damen-Kostiim besuchen mochte, sucht
feinen Herrn, der ihn als Kavalier begleiten will. Briefe unter D. D.
28 506 bef. die Expedition."
Oskar Panizza^%) druckte folgendes Inserat als charakteristisch
ab: „Welcher junge Bicyclist, Christ, bis 24 Jahre, aus sehr gutem
Hause, wiirde sich ebensolchem (Auslander) anschlieBen, um im August
eine schone Radreise nach Tirol zu unternehmen. Erwiinscht sehr gutes
AuBere, distinguierte Manieren, schwarmerischer Charakter. Beant-
wortet werden nur Antrage mit Photographic, die sofort retourniert
wird. Unter ,Numa 77* postlagernd Bayreuth." 21. Juli 1894.
Uber den Erfolg solcher Annoncen berichtete ich schon oben«<*),
wo von der Verbreitung der Homosexualitat die Rede war. Ich teilte
da mit, daB auf die elfmalige kleine Anzeige eines „25jahrigen Dok-
tors, der einen X7- bis 21 jafi-igen Freund suchte", rund 140 Personen
reagiert hatten, unter denen 111 hochstwahrscheinlich homosexuell
waren. »i)
1^) Nacke, Homosexuelle Annonce (unter Kleinern Mitteilungen)
im Archiv von GroB. Bd. 9, Heft 2 u. 3. S. 217 u. 218, und Nacke,
Zeitiingsannoncen von weiblichen Homosexuellen im Archiv von GroB.
Bd. 10. Heft 3. S. 225—229.
"a) Oskar Panizza: „Bayreuth und die Homosexualitat" in
„Die Gesellschaft" 1896 p. 88.
«o^ p. 471 f.
*^) Cf. hierzu: Dr. B. (anonym): Eine praktische Enquete iiber
die Haufigkeit der Homosexualitat in „Friihrot", freiradikale Zeitschrift ;
herausgegeben von Robert Heymann. Nr. 8, 9, 10, 11, 12 und
13. (1901). Besprechung dieser Arbeit von Dr. Numa Pra t orius im
Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, Bd. V, 2. Teil p. 950 f.
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In den letzten Jahren werden ubrigens ahnliche und oft sogar
harmlose Annoncen als der Horn osexuali tat verdachtig von den Inse-
ratenannahmen der meisten Zeitungen abgelehnt.
Wic im normalen Verkehre sind auch im homosexuielleii
bestimmte StraBen und Stadtgegenden als Treffpunkte
bevorzugt. Es gibt Urninge, die eine Reihe von Stadtplanen
besitzen, auf denen die von Homosexuellen bevorzugten StraBen-
ztige mii blauen oder roten Strichen markiert sind.
In erster Linie sind dies die belebten StraBen im Zentnim der
Stadt, ganz besonders Passagen, die Umgebung der Fern- und Stadt-
bahnhofe, in der sich gewohnlich leicht versteckte Stellen zur Aus-
sprache und Verabredung finden lassen^ die Nachbarschaft be^timmter
Bediirfnisanstalten und Normaluhren, endlich auch besonders in den
Abendstunden die Wege an der Peripherie grofier Parkanlagen, deren
Winkel oft gleich nach der Begegnung zu einer fliichtigen fietdtigung
Unterschlupf gewahren. DaB auch die Biirgersteige unmittelbar vor
bekannten Treffpunkten der Homosexuellen, Lokalen, Badeanstalten,
Theatern, oft der Schauplatz solcher Begegnungen sind, diirfte selbst-
verstandlich sein. Uranier mit einer spezifischen Geschmacksrichtung
sleht es naturgemafi in Gegenden, die die ihnen zusagenden Begeg-
nungen in Aussicht stellen. Entsprechend der Bevorzugung bestiramter
Typeu sind daher in dieser Beziehung die StraBen in der Nahe der
Kasemen, der Hafen, der Ladeplatze (,,Rollm6pse"), der Postanstalten
(Depeschenboten), usw. beliebt.
AuBer den eigentlichen Strichen, auf denen die Homosexuellen
auf- und abzugehen pflegen, gibt es oft im ortlichen Zusammenhang
mit ihnen gewisse Punkte, meist sind es Kreuzungsstellen groBerer
StraBenziige, an denen die Urninge sowohl wie die sich ihnen an-
bietenden Heterosexuellen langere Zeit Posto fassen. Von typischen
Beispielen soldier Standorte, die aus fast alien GroBstadten anzu-
fiihren waren, nenne ich die Kranzlerecke an der Kreuzung der Linden
in Berlin, den Platz am Stachus in Miinchen, die Puerta del Sol in
Madrid, den Raadhuspladsen in Kopenhagen. den Fischmarkt in
Kairo usw.
GewissermaBen Reservate gleichgeschlechtlicher Ankniipfung, schon
deshalb, weil sie nur Personen des gleichen Geschlechts zugangig sind,
stellen auf den StraBen aller Stadte die Bediirfnisanstalten
dar, besonders die offentlichen Rotunden fiir Manner, in denen durch
GenitalentbloBung Gelegenheit zur sexuellen Anlockung und Erregung
geboten wird. Diese Anstalten werden vor allem gem von Leuten
aufgesucht, die im Zeigen oder Betrachten der Genitalien ihre Be-
friedigung finden, von Exhibitionisten und Voyeurs. Femer bieten sie
aber auch die Moglichkeit zu einera besonders ungenierten Angebot,
indem Prostituierte namentlich tieferer Kategorien sich oft taglich
viele Stunden in ihnen henmidriicken, bald spahend, dann wieder an
ihren Genitalien spielend, sobald sie bei einem Besucher Interesse
und Entgegenkommen vermuten. Andrerseits gibt es viele Homo-
sexuelle, die mit Vorliebe derartige Lokale aufsuchen, sei es, weil es
ihnen geniigt, sich durch verstohlene Blicke sexuell zu erregen, sei
es. weil die sich dort anbietenden Personen ihrem speziellen Ge-
schmacke entsprechen und sie auf diesem Wege leicht mit ihnen Be-
ziehungen ankniipfen konnen. DaB das bloBe Anschauen oder gar ein
fliichtiges Beriihren prasentierter Genitalien nichts weniger als un-
gefahrlicb ist, zeigt, daB nicht selten die schwersten Erpressungen
sich an solche Vorkommnisse angeschlossen haben, beispielsweise die
furchtbare Verfolgung des Landgerichtsdirektors H. aus Breslau, der
schlieBlich nach volligera finanziellen und korperlichen Zusammenbruch
auf seinen Erpresser schoB. E& entspricht den Tatsachen, wenn damals
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ein Anonymus bemerkte: ,,Schon dafiir, daU man ihn in der Bediirfnis-
anstalt nur ansah oder auf seinen entbloDten Schamteil blickte, verlangt
der Lustbube Entgelt. Und der verschiichterte Homosexuelle, der um
nichts in der Welt mit der Polizei etwas zu schaffen haben mag,
obwohl ihm doch in dem geschilderten Falle kein Gott und kein
Menscb etwas anhaben kann, laBt sich rupfen und fleddern. Es ist
fiirchterlich, aber es ist leider wahr." Es sind immer nur einige
bestimmte, meistens in der Nahe von Strichen gelegene Bediirfnis-
anstalten, die zu derartigen Zwecken von Urningen besucht werden,
einige von diesen besitzen geradezu eine internationale Beriihmtheit
in Urningskreisen. Wahrend man in vielen Rotunden kaum jemals
etwas bemerken wird, was auf Homosexualitat der Besucher schlieBen
lassen konnte, wird man in anderen wieder den Eindruck gewinnen,
daB sie. wie der „warme Kessel" in Hamburg, nahezu ausschlieBlich
von Urningen besucht werden. Die Inschriften und Zeichnungen, die
man in Bediirfnisanstalten antrifft, enthalten oft Hinweise auf die
Homosexualitat, sei es, daB sie lediglich gleichgeschlechtliche Ob-
szonitaten in Wort und Bild behandeln, sei es, daB sie bestimmte An-
gebote, Nachfragen oder Verabredungen zum Gegenstand haben. Ich
sagte eben, daB die von Homosexuellen am meisten frequentierten
Bediirfnisanstalten in der Nahe von bekannten Strichen liegen. Zu-
treffender wiirde man sagen miissen, daB diese letzteren sich
vielfacli den offentlichen Pissoirs anschlieBen, so daB sie gewisser-
maBen Stationen des Striches bilden. So fiihrt in einer mitteldeutsclien
GroBstadt der jeden Abend von zahlreichen Urningen und Prostituierten
begangene Strich vom Bahnhof durch eine breite StraBe zur Kreuzungs-
stelle der Anlagen, geht hier durch diese links ab bis zu einem groBen
Platz und von diesem — dem Strichzentrum — durch die Anlagen
weiter zu einem alten Stadttor. im ganzen etwa eine halbe Stunde
Weges mit sieben Anstalten als Stationen ; in Berlin erstreckt sich ein
Strich von einer Bediirfnisanstalt in Wilmersdorf iiber eine zweite
bis zu einem Platz in C harlot tenburg, 20 Minuten lang, ganz ahnlich
ein Strich in Kopenhagen iiber vier Austrittsstellen auf einer Strecke
von 2G Minuten. Nicht selten kommt es seitens erregter Urninge auf
den Bediirfnisanstalten auch zu mutueller Onanie, was schon oft zu
Anklagen wegen Erregung offentlichen Argernisses gefiihrt hat. Viel-
facli Ziehen sich auch die Partner in geschlossene Aborte zuriick, wo
sie vielfach von War tern oder Besuchem iiberrascht wurden. Auch
hier werden durch Wandinschriften wie „heute abend 9 Uhr am
.... denkmal** Verabredungen getroffen, oder es wird durch Spaltep
und Locher in den Zwischenwanden eine Verstandigung bewerkstelligt-
Diese Gucklocher dienen auch oft homosexuellen Voyeurs zur Beob-
achtung ihres Nachbars bei intimen Verrichtungen ; die Visionisten
halten sich manchmal sehr lange an solchen Ortlichkeiten auf, bis
das benachbarte Abteil von einem Besucher betreten wird, der ihr
„ralV' ist, und der in dem Glauben nicht beobachtet zu sein, durch
sein ungeniertes Benehmen, vielleicht auch dadurch, daB er ona-
nistische Handlungen an sich vornimmt, sie fiir stundenlangcs Warten
eintschadigt. Zu diesem Zwecke werden von solchen Voyeurs nicht
selten Offnungen in die Zwischenwande der Aborte hineingeschnltten
oder gebohrt, vorhandene erweitert und vergroBert. Wird dies auf-
fallig, laBt die Verwaltung, wie dies beispielsweise schon auf fast alien
Berliner Bahnhof en geschehen ist, die Gucklocher durch „Schutz-
bjeche" verdecken und die Voyeurs miissen „umziehen". Merkwiirdiger-
weise lockt den echten Voyeur nur die g e h e i m e Beobachtu ng. So
wurde mir einmal von einem aus Schweden heimgekehrten Voyeur,
dem gegeniiber ich auBerte, daB ihn wohl das nackte Baden angezogen
hatte, meine mangelhafte Kenntnis der Voyeurpsyche vorgehalten, der
durch den Anblick offen zur Schau getragener Geschlechtsteile keinc
Genuge geschehe.
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Auch die Striche wechseln von Zeit zu Zeit, aber in viel
langeren Zeitraumien als die Lokale. So ist der frtiher sehr
belebte Abendstrich im Berliner Kastanientvaldchen zwisohen
Universitat, Singakademie und Opernhaus an dem Tage ein-
geejangen, als die Kaiserpassage eroffnet. wurde. Hingegen hat
sich ein anderer Strich, im Tiergarten, der im Volksmunde der
,,schwule Weg" genannt wird, durch Jahrhunderte bis in unsere
Tage erhalten, ebenso wie die Striche in den Champs Ely sees und
im Hydepark. Die Erfahrung zeigt, da6 alle homosexuellen Ver-
kehrsstatten von der Behorde immer nur verschoben, disloziert,
nie aber unterdrtickt werden konnen.
Als einmal ein Berliner Polizeipriisident bei einer Orientienings-
reise meinte, dafi eine bessere Beleuchtung dem „schwulen Weg" im
Tiergarten den Garaus bereiten konnte, wurde ihm von seinem Be-
gleiter mit Recht erwidert, daB diese Mai3regel nur eine Abwanderung
derselben Elemente nach einer dunkleren Stelle bewirken wiirde.
Man sieht auf den homosexuellen Strichen sehr oft seltsame
Erscheinungen. So berichtet der Verfasser des „Perversen Berlin":
„Am Waterlooufer fiel mir ein Gelahmter auf, der stets in seinem
Wagen sitzt. Sobald die Dammerung hereinbricht, laBt er sich dicht
an das Wasser fahren. Hier verbleibt er oft lange Stunden, immer war-
tend, dafi sich jemand zu ihm geselle, mit dem er Beziehungen ein-
gehen konne. Jungen, mittel- und stellungslosen Burschen gewahrt
er Aufenthalt in seiner Behausung. Wie man mir sagt, um geringes
Geld, aber um so mehr Zuneigung. Ob diese Beziehungen geschlecht-
licher Art sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Der Arrae ist schon
gliicklich, gleichgeschlechtliche Personen, die ihm gefallen, um sich
zu wissen, sie zu beherbergen und ihnen Freundlichkeiten erweisen
zu diirfen. Mehrmals riihmte man mir die Herzensgiite des Kranken.
Von dem Wenigen, das er besitzt, gibt er willig ab. Einmal sah ich
elnen formlichen Kreis von Leuten um ihn versammelt. Alle Welt
kennt ihn dort und seine Neigungen. Trotzdem hat man ihn gern.
Ja. man wacht dariiber, dal3 ihn niemand verhohnt oder gar ,Er-
pressungen an ihm ausiibt."
Von einem anderen Original ist in den GroBstadtdokumenten
die Rede: ^,Seht ihr dort die ausgedorrte, gekriimmte Gestalt im
struppigen Graubart," heifit es dort. Das ist ein russischer Baron,
der erspaht sich abends eine einsame Bank, laUt sich dort nieder una
ruft „r^, rab" ; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen
Lockruf einige „kesse Schieber" hervor, es sind seine Freunde, unter
denen er die „Platten", gewohnlich 3 — 5 Mark, verteilt, die ihm von
seinem Tageszins geblieben sind." Zu diesen Originalen gehorte auch
der „BeschlieBer des Tiergartens", ein anderer verarmter Homosexueller,
bei dem man sich am Eingang des „schwulen Weges" ein „Eintritts-
Billett" fiir 10 Pfennige loste, wofiir man dann auch mancherlei Aus-
kiinfte erhielt, vor allem ob „die Luft rein" und keine „Greifer" in der
Nahe seien.
Eine ganz besondere Rolle bei der Ankniipfung von Be-
ziehungen epielen auch im homosexuellen Leben die grofi-
stftdtischen Verkehrsmittel, Wagen, Omnibusse, StraBen-, Hoch-
und Untergrundbahnen.
In dieser Beziehung sind es in erster Linie die abgeschlossenen
Einzelkupees, die haufij^ von. umisohen Liebesparohen als Unterschlupf
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zu Touchierungen vvahrend der Fahrt benutzt werden. Es sind mir ii)
Berlin verschiedene Homosexuelle bekannt, deren Liebesleben sich fast
ausschlieBlich auf den Stadtbahngleisen abspielt, sie umkreisen oft
mehrmals den Stadtring, bis der Zufall ihnen ein zusagendes bereit-
williges Objekt in einem von Mitreisenden freien Kupee zufiihrt. Dabei
werden gewisse Kunstgriffe nicht selten ausgefiihrt, wie Umsteigen in
ein leeres Kupee, in einen anderen Zug usw., um ein ungestortes Bei-
sammensein zu lermoglichen. Oft beschrankt sich das Zusammensein
auf der Bahn nur darauf, dafi eine Verabredung zwischen den beiden
Partnern getroffen wird. Sehr viel werden von homosexuellen Liebes-
parchen ebenso wie von heterosexuellen zu ungestortem tete h t§te
die privaten und intimeren Verkehrsmittel der GroBstadt (Droschken
und Automobile) benutzt. Der Berliner Droschkenkutscherjargon hat
sogar einen ganz bestimmten Ausdruck fiir solche „Fuhren". Auch
die Wasserfahrzeuge aller Art, vor allem Ruder-- und Segelboote ver-
mitteln Homosexuellen ungestorte Stunden des Beisammenseins. In
Neapei zeigte mir ein Urning einen reichen Voyeur, der mit einem
weittragenden Perspektiv den Golf von Neapei nach homosexuellen
Liebesparchen absuchte. Wie rasch die homosexuelle Liebe mit alien
Zeiterrungenschaften mitgeht, moge der Umstand belegen, daB mir
zwei Uranier bekannt sind, die ihren ersten erotischen Kontakt, der
zu einem dauernden Verhaltnis gefiihrt hat, als Pilot und Fluggast
auf einem Aeroplan angekniipft haben.
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ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Biindnisformen homosexueller MSnner und Frauen.
Lassen wir die mannigfachen Orte, an denen Homosexuelle
sich die Befriedigung ihrer seelischen und korperlichen Nei-
gungen verschaffen, Revue passieren, so hat es, oberflachlich
betrachtet, den Anschein, als ob unter ihnen der kaufliche
und auf bloBen GeschlechtsgenuB bedachte Verkehr weit haufiger
vorkomme, als hohere Formen der Liebe. Dies trifft aber in
Wirklichkeit nicht zu. Man tibersieht, da6 alles das, was sich
innerhalb der vier Wande der Wohnung des Urnings abspielt,
der Beobachtung entzogen ist, daU aber nur hier die auf wirk-
lichem Vertrauen und tiefer dauernder Zuneigung begrlindeten
Verhaltnisse ihre stille Statte finden. Die Grundnatur der
meisten homosexuellen Manner und Frauen ist eine monogamo.
Wer viele von ihnen vorurteilslos kennen zu lernen sich be-
mtlht hat, wird wahrnehmen, da6 fast alle Uranier nach einem
einzigen Freund verlangen, und dafl auch bei den Uranie-
rinnen eine Freundin zu lieben, die groBe starke Sehnsucht
ihres Lebens ist. Wenn gleichwohl die homosexuelle Prosti-
tution so weit verbreitet ist, so rlihrt dies daher, daO die
Anschauungen liber die Homosexualitat den kontrarsexuell Emp-
findenden dorthin treiben, wo moglichst niemand weiB, wer er
ist, auf die StraBe, in offentliche Bader und Lokale. Wtirdeu
sich dio Anschauungen iiber die mannliche Homosexualitat
andern, waren sie etwa nur die gleichen wie liber die homo-
sexuellen Frauen, dann wlirden sicherlich die mannlichen Homo-
sexuellen sich ebenso wie diese und die Heterosexuellen hin-
sichtlich ihres Liebes- und Geschlechtslebens ungleich mehr auf
ihre Behausung beschranken, zum mindesten wlirden sie in
der Offentlichkeit nicht bemerkbarer sein, als die weiblichen
Homosexuellen.
Man kann daher auch konstatieren, daB die gleichgeschlechtliche
Prostitution, je ur^iinstiger sich in einem Lande die Gesetze gegen'den
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Uranismus stellen, um so starker hervortritt, daB ferner in L^adem,
in denen die Auffassnngen tolerantere sind, die Hauptkundschaft der
Prostitution aus Fremden besteht, die aus Gegenden stammen, wo die
Anschauungen iiber sie schlechtere sind. Der Uranismus der Ein-
heimischen, der mit dem kauflichen Yerkehr der StraBe wenig zu
tun hat, tritt demgegeniiber fast vollig zuriick.
Im ganzen findet man unter den Homosexuellen dieselbeii
drei Hauptformen sexueller Verbindungen wieder, wie sie
sich im heterosexuellen Liebesleben als Produkte innerer Nei-
gungen und auBerer Lebensumstande entwickelt haben : E h e. -
artige Btindnisse, gekennzeichnet durch die Aussdhliefilich-
keit und lange Dauer der Beziehungen, das Zusammenwohnen
und den gemeinschaftlichen Hausstand, die Gemeinsamkeit aller
Interessen, nicht selten auch durdh faktische Gtitergemeinschaft.
Sie sind unter homosexuellen Frauen etwas haufiger, als unter
Urningen; zweitens freiere Liebesverhaltnisse von meist nicht
so lang3m Bestand und relativ groUerer Selbstandigkeit beider
Partner, drittens kaufliche Betatigung mit homosexuellen
odor heterosexuellen Personen, die aus dem Geschlechtsverkehr
materielle und zwar meist pekuniaxe Vorteile ziehen. Die Grenzen
zwischen diesen verschiedenen Kategorien konnen bei den Homo-
sexuellen nicht immer scharf gezogen werden. Zunachst sind
die beiden ersten Gruppen oft schwer zu trennen, weil das
Hauptunterscheidungsmerkmal der Staatsehe vom f r e i e n
Liebesverhaltnis — die Sanktionierung — f ehlt. Richard
Wagner sagt in der Schrift „Ein Problem der griechisohen
Ethik" von der dorischen Kriegskameradenliebe, da6 ^e sich
nicht weniger fest als ein Ehebund erwiesen habe. Ferner
tauscht die finanzielle Abhangigkeit der geliebten von der
liebenden Person oft ein prostitutionsartiges Verhaltnis vor,
wahrend es in das Heterosexuelle libertragen nichts anderes
ist, als wenn ein wohlhabender Mann fair ein von ihm stark
geliebtes Madchen viel Geld ausgibt, gleichviel ob er sie heiratet
oder nicht.
Dem Gedanken, der sich in einer der von Krafft-Ebing^)
mitgeteilten Autobiograpliien findet: „Gabe es eine Ehe zwischen
Mannern, so glaube ich, wiirde ich eine lebenslangliche Gemeinscliaft
nicht scheuen, welche dagegen mit einem Weibe mir etwas Unmogliches
erscheint,'* habe ich von Homosexuellen oft ahnlich Ausdruck geben
horen. Sexuelle und materielle Momente sind im Liebesleben oft, ja
man kann sagen, immer, so fest verbunden, daB es vielfach eine Un-
moglichkeit ist, sie absolut voneinander zu trennen. Hierin sind sich
die heterosexuellen und die homosexuellen Biindnisse vollig gleich ; bei
der Ehe ware die Mitgift der Frau einerseits, der von dem Manne
der Frau gewahrte Unterhalt andrerseits zu nennen ; im freien Liebes-
verhaltnisse ist meist der Mann, nicht selten aber auch die Frau der
^) V. K r a f f t - E b i n g , P.s ychopathia sexualis, p. 249.
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finanziell starkere und abgebende Teil; die Prostituierte beispielaweise
lebt vom Gelde des Mannes, das sie oft genug wieder nach eigenem
Bediirfnisse mit einer von ihr geliebten Person teilt.
AUefti das findet darin seine Erklarung, da6 die Liebe
und das Geschlechteleben als hohes Wertobjekt empfunden war-
den, fiir die Gegenwerte von den meisten gem geopfert werden.
Die Alten sagten mit feinem Instinkt, da6 die Liebe ein Kind sei
von t)berfluJJ und Mangel, Poros und Penia. Aus diesen Grtinden
scheint es mir auch recht bedenklich zu sein, im Liebesleben oft
so schwer zu beurteilende Begriffe wie die dor Abhangig-
keit und der GewerbsmaJJigkeit als besonders straf-
wtirdig zu erachten. Nur die Freiwilligkeit der Liebe
ist zu schlitzen. Gewalttatigkeiten, um sich in den Besitz
sexuellen oder finanziellen Gewinnes zu setzen, sind zu be-
strafen. Mehr ist vom Ubel.
Ebenso wie ungeschwacht mit gleicher Liebesstarke fortbestehende
Ehebiindnisse im normalgeschlechtlichen Leben nur saltan sind, zum
mindestan eine Abschwachung dar grobsinnlichan Libido die Regal
ist, wird auch dam monogam varanlagten Homosexuellen das ihm
als hochstas Ideal vorschwebende dauernde, auf gegenseitiger
gleichar Liebe basierende Fraundschaftsverhaltnis in nur sparlichen
Fallen zur Wirklichkeit. Ist doch fiir sie die Aussicht, cinen Partner
zu finden, der ihre Gafiihle erwidart, schon darum eine geringere, weil
der Prozeutsatz glaichempfindendar Manner gegeniiber den waib-
iiebenden an und fiir sich ein kleinerer ist und die Neigung vieler
Homosexueller sich zudem auf vollmannliche Typen erstreckt, die
naturgemaC mehr bei Haterosexuellen zu finden sind, die also ihre
Liebe niemals erwidern konnen. Dasselbe gilt mutatis mutandis von
Homosexuellen weiblichen Geschlechts. Es kommt hinzu, dafl ebenso
wio bei Normalgeschlechtlichen der Partner, wenn er alter wird, dem
Geschmack nicht mehr so vollig entspricht wie in jiingeren Jahren.
War der eine von beiden heterosexuell, so ergibt sich eine
Losung der monogamen Beziehung nacli einiger Zeit meist von selbst
dadurch, dafi bei dem Normalen friiher oder spater der Drang
zum Weibe sich mit so unbezwinglicher Gewalt einstellt, daB er
ihm nachgoben muB. Auch in diesen Fallen bestahen oft die freund-
schaftlichen Beziehungen, selbst nach der Verheiratung des Normalen,
oft noch jahrelang, bisweilen bis zum Lebensende des einen fort, doch
werden sio naturgemafi gewohnlich wenigcr innig sein, als die zwischen
zwei Homosexuellen, da das gegenseitige Verstandnis fiir ihr ver-
schiedenartiges Liebesempfinden ein geringeres ist, abgesehen davon,
dal3 die Anforderungen der Ehe und des Familienlebens den Hetero-
sexuellen zu sehr in Anspruch nehmen. Mehr aber noch stehen
auBere Schwierigkeiten dem AbschluB und der Durchfiihrung fester
homosexueller Verhaltnisse im Wage, beispielsweise dadurch, daB sie
das ersehnte vollige Zusammenleben der beiden Liebenden unmoglich
machen. Solche Hindernisse konnen im Unterschied des Alters und
der sozialen Stellung bedingt sein, Momente, die ja auch oft normale
Ehen unmoglich machen. Verstarkt werden sie noch dadurch, dafi
das Zusammenwohnen zweier nicht vcrwandter Personen des gleichen
Geschlechts bei unseren heutigen Kulturbegriffen an und fiir sich
etwas Auffallendes ist, was allerdings fiir Manner in hoherem Grade
zutrifft als fiir Frauen.
Trotzdem bestehen derart eheartige, viele Jahre, bisweilen das
ganzo Lobon au.«»dauerndo feste Freuiulschaftsbiindnisse monogamer
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Romosezueller auch jetzt noch vielfach und sind mir in nicht ge-
rinffer Anzahl bekannt. Carpenter ») erzahlt von Biindnissen, welche
Liebendc desselben Geschlechtes oft durch einen langen Zeitraum
vou Jahren miteinander vereinten „in so unfehlbarer gegenseitiger
Zartlichkeit der Behandlung und Riicksichtnahme, wie sie sich sonst
nur in den gliicklichsten Ehen kundgibt", und auch Moll 3) be-
richtet, dafi die Liebe vieler Urninge, die sich in der Jugend ent-
wickelte, mitunter das ganze Leben hindurch bestehen bleibt.
Von diesen Biindnissen flihren flieBende tfbergange zu den
tempor^ren, mehr oder weniger fasten Verhaltnissen, die^ auch
ganz den analogen Erscheinungen im normalen Liebesleben ent-
sprechen. Wir finden da einmal intime Beziehungen zwischen
gesellschaftlich Gleichstehenden, die sowohl durch sexuelle wie
durch goistige Interessen ftir ktirzere oder langere Zeit mitein-
ander verbunden sind; derartige Verhaltniss© konnen nach- und
nebeneinander in grofler Anzahl bestehen; es gibt Urninge, die
meinen, da6 durch die Vielseitigkeit solcher Beziehungen ihr
sozialer Wert erhoht wird. Ein charakteristisches Beispiel derart
wechselnder, teilweise gleichzeitig bestehender^ aber doch fester
und inniger homosexueller VerhUltnisse bieten die Beziehungen
Heinrichs des III. zu eeinen Mignons, die Dr. von
Romer*) so eingehend geschildert hat. In anderen Fallen
wiederum neigen Urninge der hoheren Stande dazu, festere Ver-
hi^ltnisse von langerer oder klirzerer Dauer mit Angehorigen
der unteren Kreise anzukntipfen, wahrend Homosexuelle niederen
Standes sich oft gern an geistig und ^gesellschaftlich hoher
Stehende anschlieUen, wodurch ebenfalls Beziehungen von so-
zialem Werte geschaffen werden konnen, indem das Verstand-
nis der oberen Zehntausend ftir die Bedlirfnisse und Inter-
essen des Volkes gesteigert, und das geistige Niveau sozial
tiefstehender, aber emporstrebender Personen gehoben wird. Ver-
breiten diese die gewonnenen ideellen Werte in ihrem Kreise
weiter, kommen sie auch breiteren Schichten zugute. Ihrer
Art nach konnen derartige Verhaltnisse so iiberaus verschieden-
artig und mannigfaltig sein, daB eine Schilderung der Einzel-
heiten BSnde fiillen konnte. Eine nach auBen unauffallLge
Form ftir solche Verhaltnisse wird oft dadurch hergestellt, daB
der besser Situierte den Freund als Privatsekretar, Gcschafts-
ftihrer, Reisebegleiter, Diener, bei den Persern als ,,Schenken'*,
bei Ttirken und Chinesen als Pfeifenstopfer engagiert. Es wtirde
natiirlich widersinnig sein, ein derart sekundar aus erotischen
2) Die Homogene Liebe p. 39.
3) Moll, a. a. O. p. 119.
*) p. 672 ff. : „H e i n r i c h der D r i 1 1 e , Kouig von Frankreich
und Polen.** Im IV. Bande des Jahrbuchs f. sex. Zw.
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Griinden hervorgegangenes Abhangigkeitbverh<nis als straf-
verscharfend bei der gerichtlichen Verfolgung homosexuellen Vei>
kehrs anzusehen, da alle Voraussetzungen eines Zwanges oder
einer Verftihrung dabei fehlen.
Eine ziemlich haufige Erscheinung des homosexuellen Liebes-
lebens ist das gleichzeitige Bestehen eines monogamen Verbal tnisses
bei polygamen Beziehungen des einen oder beider Partner. Es gibt
Individualitaten, die zu einer derart doppeiseitigen Erotik wie
disponiert erscheinen. Beispielsweise empfindet ein Urning einem
alteren Freund gegeniiber feminin, indem er sich bingebend an ibn an-
lehnt und sich gem lieben 1 a B t , wahrend er jiingeren gegeniiber
viril fiihlt, seinerseits den Verkehr mit ihnen sucht, sie unter seinen
Schutz nimmt und in seinem Verbal ten ihnen 'gegeniiber aggressiv und
aktiv ist. Einer derartigen Natur wiirde demnach ein dauerndes testes
Verbal tnis mit einem alteren Homosexuellen und daneben wechselnde
fliichtigc Beziehungen zu Jiinglingen entsprechen. Es sind dies der
Bisexual itat nahestehende Erscheinungen, aus der sich ahnliche Ver-
haltnisse ergeben; ein monogam homosexueller Freundschaftsbund
neben polygamer normalgeschlechtlicher Betatigung des eine^i Part-
ners. Besonders in eheartigen Frauenfreundschaften der Urninden
werden dem „Vater" nicht selten Seitenspriinge als gutes Recht kon-
zediert, die dieser, wenn sie die „Mutter" beginge, schwer ahnden
wiirde. Also auch hier gibt es eine doppelte Moral.
Sehr haufig kommt es, namentlich wenn beide Partner homo-
sexuell waren, nach einer grande passion von mehr oder weniger
langer Dauer vor, dafi eine leidcnschaftliche Liebe in kameradschaft-
liche Freundschaft abklingt. Ich kenne Freundespaare, die, nachdem
ihre geschlechtlichen Beziehungen aufgehort batten, bis zu ihrem
Lebensende in treuester Zuneigung verbunden blieben. In einigen
Fallen kniipfen die Betreffenden dann iiberhaupt keine erotischen
Beziehungen mehr an, sondern finden in ihrer Freundschaft und ander-
weitigen Bestrebungen Ersatz, in anderen wieder unterhalten beide
Oder der eine von beiden nebenbei wechselnden Verkehr mit Persone'n,
die in physischer Hinsicht ihrem Geschmacke entsprechen, ohne daC
diese fliichtigen Beziehungen das alte Verhaltnis storen. Der Freund
bleibt vielmehr dauernd der Vertraute und Mitwisser auch aller ero-
tischen Erlebnisse.
Cberblicken wir ein nach Tausenden ^ahlendes Material,
so kommen wir zu dem Resultat, dafi wir alle die fein nuan,-
cierten Abstufungen sexueller Beziehungen, denen wir im
normalen Liebesleben begegnen, von festesten, eheartigen Ver-
haltnissen bis zu polygamer Universalitat der Neigungen, de
facto auch bei homosexuellen Mannern und Frauen finden.
Unter 100 homosexuellen Mannern und Frauen meiner
Statistik hatten durchschnittlich 33 nur fllichtige, wechselnde
Beziehungen, 67 langdauernde „eheartige** Blindnisse ;
8 der letzteren sprachen von ,,rein platonischen" Verhaltnissen ;
59 von den 67 bezeichnen sich als eiferslichtig.
Mil nichts hat Ulrichs seine Zeitgenossen, und zwar
die homosexuellen nicht weniger als die h'eterosexuellen, so
frappiert, wie mit seiner Forderung sanktionierter Urningsehen ;
nichts ist ihm so verdacht worden und hat ihn so sehr in den
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Ruf eines Sonderlings gebracht, als diese Idee, die dem einen
als ein bizarres Hirngespinst, anderen geradezu als eine Blas-
phemie erschien. So schreibt Capellmann^) : „Diese Forde-
rung kann nur gestellt werden von solchen, denen natlirliches
und gSttliches Sittengesetz nur mehr leereWorte sind.** leh kann
mich diesen Auffaseungen nicht anschlieflen, finde vielmehr, daJJ
gerade dieser Gedanke zeigt, wie ernst und heilig Ulrichs
die homosexuelle Liebe begriff, wobei er sich auQerdem auf
Beispiele aus der Geschichte und Gegenwart, die\ wir seit ihm
wesentlich zahlreicher kennen gelernt haben, berufen konnte,
die beweisen, daJJ tatsachlich sanktionierte Biindnisse zwischen
Personen gleichen Geschlechts ziemlich haufig geschlossen eind.
tjber das Eingehen urnischer Liebesbiindnisse in Kreta wird bei
Besprechung der Homosexualitat im Altertum (nachstes Kapitel) aus-
fuhrlich berichtet. Die wiederholt, unter anderen schon von Urquhart
iu den dreiBiger Jahren des vorigen Jahrhunderts jberichtete^) Tat-
sache, daB auch noch im heutigen Griechenland, in Epirus und in
anderen entlegenen Provinzen des Balkans sich bisweilen zwei Jiing-
linge von griechisch-katholischen Priestern ganz in den dortigen For-
men der Ene zusammengeben lassen, wird von Nacke und anderen
auf diese uralten hellenischen Traditionen zuriickgefiihrt.
Sehr bekannt geworden sind die mit aller Feierlichkeit vorge-
nommenen EheschlieBungen romischer Oasaren mit ihren Lieblingen.
So hat sich Nero zweimal mit jungen Mannern verheiratet: in Grie-
chenland mit S p o r u 8 , in Rom mit Pythagoras, der nach Sue-
tonius nicht Pythagoras, sondern Doryphorus hiefi, beide
Male unter alien Solennitaten der romischen Ehe. Tacitus erzahlt :
(annal. 16, 37.) „Den Pythagoras heiratete der Kaiser in solenner
Hochzeit. Gattin war dabei er selbst. Er lieB sich das hochzeitliche
weibliohe Haarnetz aufsetzen (flammeum). Zwei Haruspices wurdenaus-
fesandt." (Um aus dem Vogelflug eine gute Vorbedeutung fiir die
!he zu entnehmen.) „Nicht lehlten Brautbett und Hochzeitsfackeln."
Aurelius Victor (de Caes. 5, 5 und epit. 5, 5) sagt von dieser
Hochzeit: „Angetan mit dem Hochzeitsgewande einer Braut, erschien
er im versammelten Senate und setzte dem Brautigam die ihm zuzu-
bringende Mitgift aus. AUe muBten die iiblichen Formalitaten er-
fullen. Er heiratete nach den Formen der strei^en romischen Ehe,
der ,in manum conventio*, so daB er sich unter die eheherrliche
Gewalt des Mannes begab." Auch Martial schildert Liebesbiindnisse,
die in Rom unter Feierlichkeiten eingegangen wurden ; z. B. :
„Barbatus rigido nupsit Oallistratus Apro
Hac, qua lege viro nubere virgo solet.
Praeluxere faces ; velarunt flammea vultus,
Nee tua defuerunt verba, Thalasse, tibi.
Dos etiam dicta est." (Lib. 12, 42.)
Von des Kaisers Heliogabalus Ehe mit dem Hierokles sagt
Lampridius: „Nupsit, ita ut et pronubum haberet." Petronius
schildert ausfiihrlich das eheartige Liebesbiindnis zwischen dem Urning
Eukolpius und seinem „frater" Giton. Um dem Kaiser Helio-
5) Pastoral-Medicin. 16. Aufl. Aachen 1906, p. 145.
*) „Ana8tasius: Fahrten eines Griechen im Orient" von
Urquhart, einem englischen Gesandten; Deutsch von Lindau; er-
schienen etwa 1830—1840.
Hirschfeld, HomosexualiUt. ^g
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g a b a 1 u s zu gefallen, sind sogar Heterosexuelle soweit gegarigen,
mit MJinnerii Liebesbiindnisse einzugehen, als waren sie selbst Urninge.
Lampridius erzahlt : „Erant amici improbi, . . . qui caput reticulo
componerant . . . qui maritos se habere jactarent" (cap. 11), sie tnigen
das weibliche Haarnetz (reticulum oder flammeum) und riihmten sich.
gleich dem Kaiser Ehemanner zu haben.
Die Hochzeitsfeste romischer Casaren mit Jiinglingen, von denen
die alten Schriftsteller berichten, waren weder ein Vorrecht der Casaren
noch der Antike. Die unterbrochene Hochzeitsfeier des Amerikaners
W i t li n e y mit einem preuBischen Ulanen erregte vor einigen
Jahren in Berlin groBes Aufsehen, aber dieser Fall steht durchaus nicht
vereinzelt da. Vor vielen Jahren hatte ich selbst einmal Gelegenheit,
einem solchen Vorgang beizuwohnen. Ein Urning, der mein Interesse
fiir dieses noch so wenig erforschte Gebiet menschlichen Lebens kannte,
schrieb mir, ob ich der Trauung eines homosexuellen Paares beiwohnen
wollte. Ich willigte ein und fand mich zur angegebenen Stunde Sonn-
tag nachmittags in dem bezeichneten Lokal der Friedrichstadt ein.
Als ich eintrat, sah ich gegen 50 Herren, die offenbar den besseren
Standen angehorten, in Gesellschaftstoilette versammelt ; ein Altar,
von Blattpflanzen umgeben, war errichtet, zahlreiche Kerzen brannten :
nicht lange, und es erschien ein alterer bartloser Herr in der Tracht
eines Geistlichen und betrat den Altar. Auf dem Harmonium wurde
ein weihevolles Lied gespielt, in das die Versammelten einstimmten.
Unter diesen Klangen zog das Brautpaar, von Brautjungfern, ebenfalls
Herren, gefiihrt, ernst und feierlich in den Raum: es waren zwej
junge Leute, der eine Ende, der andere Anfang der Zwanziger, beide
im Frackanzug, der altere trug einen MyrtenstrauB im Knopfloch, der
jiingerc einen Myrtenkranz und einen lang herabwallenden Schleier.
Der Pseudogeistliche hielt eine Rede, in welcher er auf die Innigkeit
dieser Freundesliebe, den EntschluB, auch auBerlich den Bund zu be-
siegeln, hinwies, und beide aufforderte, in alien Lagen des Lebens treu
zueinander zu halten. Beim Wechseln der Ringe sagte er:
Und nun vereinigt euch das Sakrament,
Bis Zwietracht oder Tod euch trennt.
Dann wieder Musik und allgemeines Begliickwiinschen. Auf mein Be-
I'ragen teiltc mir der „ Kaplan" — so nannten sie den Geistlichen —
mit, daB er zum neunten Male in dieser Weise amtiere^^).
In Berlin gab es ein urnisches Schauspielerpaar, bei dem der
jiingerc den Namen des alteren angenommen hat. Ein schwedischer
liming erzahlte mir, daB es sein hochster Wunsch ware, einen Freund
zu finden, der seinen Namen fiihre. Deshalb halte er auch in seiner
ausgebreiteten Familie unausgesetzt nach einem urnischen Verwandten
IFmschau. Er hatte die „fixe Idee", daB er erst, wenn er einen solchen
als Freund gefunden hiltte, seinen Namen zu Recht fiihren wiirde. In
urnischen Frauenbiindnissen nimmt ebenfalls haufig die „Mutter" den
Namen des „Vaters" an und wird in ihrem Bekanntenkreise nur mit
diesem angeredet. Und auch hier findet man bei Naturvolkern schon
ganz analoge Sitten. So hat man bei den Balondas i*) und anderen
afrikanischen Stammen regelrechte Verlobnis-Zeremonien zwischen
Freunden beobachtet, bei denen jeder einige Tropfen von seinem Blute
in den Trank des anderen flieBen laBt. „Dann tauschen sie ihre Namen
aus und beschenken sich gegenseitig mit dem Kostbarsten, was sie be-
^^) Geschildert in dem Artikel: Sind sexuelle Zwischenstufen zur
Ehe geeignet? Von Dr. Hirschfeld. im Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. III.
p. 69/70.
^2) Cf . „Naturgeschichte des Menschen" von J. G. Wood. Band
„Afrika" p. 419.
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sitzen. ^^) Es liegen auch ,'von anderen Volksstammen ganz ver-
schiedener Himmeisstriche Berichte iiber rite geschlossene Manner-
und Frauenbiindnisse vor. ^*), so erst wieder neuerdings von B r e i t e n-
s t e i n ^^) und H. Roth i«), nach denen in Borneo nicht selten die
I'riester formliche Ehen mit jungen Mannern schlieBen.
Wiederholt ist es auch vorgekommen, daB Urninge ebenao wie
Urninden ohne ihr wahres Geschlecht anzugeben, sich mit Personen
ihres Geschlechts verlobten. So notifizierte der von Frankel als homo
mollis 1853^'^) beschriebene Urning SiiBkind Blank eines Tages
offentlich unter dem Namen „Friederike Blank" seine Verlobung
mit einem fremden Handwerker. Blank totete sich spater, ebenso
wie ein „Seitenstiick" von ihm, der als „mannliche Braut" bekannt
gewordene Paradeda, der sich in Paris mit einem Lehrer verlobt
hatte, dem er nach Breslau gefolgt war.
Im Verfolg seiner Anschauungen vertrat U 1 r i c h s den Stand-
punkt, daB das Bundnis eines Homo- mit einem Heterosexuellen —
die Beziehun^en dieser beiden, nicht die von Urningen untereinander
beschaftigte ihn fast ausschlieBlich in seinen Schriften — zwar eben-
so fest und feierlich gekniipft werden soUe, die Losung aber erheb-
lich leichter sein miisse, wie diese, einmal weil der Heterosexuelle
„dem^ LiebesgenuB am Weibe, seiner geschlechtlichen Hauptbestimmung
nicht zeitlebens entzogen werden durfe und zweitens, weil die Ehe
wesentlich nur wegen desjenigen ihrer Zwecke fiir schwer losbar,
bzw. unlosbar erklart sei, welcher auf Kindererzeugung und Kinder-
aufziehung gerichtet ist, dieser Zweck aber beim urnischen Liebes-
biindnis wegfallt."
Haufiger als bei homosexuellen Mannern findet man bei
homosexuellen Frauen das Bestreben, ihren Beziehungen einen
eheartigen Charakter zu geben. H. E 1 1 i s^^) erwahnt einen
Fall aus England, in dem eine zeremonielle Trauung zwischen
zwei Frauen ohne jede Tauschung vor sich ging. Eine von
Geburt inverse Englanderin von liervorragenden geistigen Fiihig-
keiten verband sidli mit der Frau eines Geistliehen, der in
voUer Kenntnis der Sachlage die beiden Damen in seiner
eigenen Kirch e vernxahlte.
Diihren^^a) teilt mit, daB am 4. Juli 1777 in London eine Frau
zu 6 Monaten Kerker verurteilt wurde, die sich, als Mann verkleidet,
schon dreimal mit verschiedenen Frauen verheiratet hatte.
In Friedreichs Blattern fUr gerichtliche Medizin^^) wird iiber den
Fall eines Mannweibes berichtet, das mehrere Jahre mit einem Weibe
^3) Cf. auch Livingstones ^Expedition nach dem Zambesi"
Murray 1865, p. 148. (Zitiert nach Carpenter, Das Mittelgeschlocht,
p. 42).
1*) Cf. Ulrichs VII, p. 102 und XII, p. 32.
") Cf. Sexualprobleme 1912, p. 818 und Anm. 93, p. 857: H.
Breitenstein, 5,Einundzwanzig Jahre in Indien", Bd. I. (Leipzig
1899), p. 226.
16) Cf. ibidem und Anm. 94, p. 857: H. Ling Roth, „The
Native Tribes", Bd. I, S. 270.
1^) Medizinische Zeitung des Vereins fiir Heilkunde in PreuBen
Bd. XX IL 1853. S. 102/3.
18) H. Ellis, Sexualinversion. P. 146, FuBnote.
i®a) Duhren, Engl. Sittengeschichte II. Band p. 54.
19) „Ein weiterer Fall von kontrarer Sexualempfindung" mitge-
teilt von Dr. F. C. Miiller. 1891, p. 279.
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verheiratet war. Als es schlieBMch doch aufkam, wurde sie in Unter-
suohung gezogen, wegen Sodomie zum Tode verurteilt und mit dem
Schwerte hingerichtet. Die Miihlhaberin, ihr Weib, will voa dem
Geschlechte ihres „Gemahls** keine Kenatnis gehabt haben. Aus den
Gerichtsakten seien einige Stelle wiedergegeben :
„Im Jahre 1717, nachdem sie bei 4 Kontingenten Soldatendienste
fetan, ging sie in Manneskleidern nach Halberstadt, gab sich fiireinen
[attunfarber aus, kniipfte mit der Miihlhaberin ein Liebesverhaltnis
an und heiratete dieselbe noch im selben Jahre. Nach der Hochzeit
hatten sie zusammen als vermeinte Eheleute gelebt, waxen zusammen
zu Tisch und Bett gegangen, sie habe ein von Leder gemachtes, aus-
gestopftes mannliches Glied, woran ein Beutel von Schweinsblasen
gemachi und zwei ausgestopfte von Leder gemachte Testiculi ge-
nanget mil; einem ledernen Kiemen an ihre Scham gebunden gehgubt,
und wenn sie mit ihrer vermeinten Frau zu Bette gegangen, habe sie
derselben solch ein ledern Ding in den Leib gesteokt una solcher Ge-
stalt den Beischlaf mit ihr wirklich verrichtet."
„Einen Mann habe sie niemals erkannt, habe sich auch das lederne
Instrument niemalen selbst appliziert oder applizieren lassen, und als
dieselbe letzlichen gefragt wird, wie sie gedachte, dergleichen be-
gangenc Missetaten vor Gott zu verantworten, so sagt sie: Dafi sie
sich in Mannsjtleider gesteokt, das hatten ja mehr Weibsleute getan.
Im iibrigen wisse sie wohl, dafi Gott verboten hatte, dafi ein Weib
kein Mannskleid anziehen solle, solches ginge aber nur die Weiber
an und ^eine Jungfer. DaB sie sich mit der Coinquisitin offentlich
proklamieren und kopulieren lassen, das dachte sie vor Gott schon
zu verantworten." Die „vermeinte" Ehefrau bekundet: „Inqui3it habe
immer in den Hosen ^eschlafen und hatte sie ihm nicht diirfen in die
Hosen greifen, sie hatte zwar, wenn sie ihn pissen gesehen, an^e-
merkt, daB er die Schuh allzeit ganz naB gei^acht, solches ware ihr
verdachtig vorgekommen, und hatte sie zu ihm ges2^t: andere Manns-
leute konnen ja so weit pissen imd du bepiUt allzeit die Schuhe. Er
hatte sic aber Bestie und Kanaille ceheiBen und zu schlagen gedroht."
„Sie lief oft meilenweit nach einem schonen Frauenzimmer."
Bericliterstatter schlieBt seine Angaben mit den Worten: „Fruher
hat man die sexuell Perversen verbrannt, heutzutage erklart man sie
fiir blodsinnig. Unser Jahrhundert hat ebensowenig die Wahrheit
erkannt wie die vorhergehenden, aber wir sind derselben naher ge-
kommen."
B a u m a n n 20) erzahlt aus Paris f olgendes Erlebnis : .
In einer Maison meubl6e wohnten zwei in der Mitte der zwan-
ziger Jahre stehende Fraulein. Die eine war eine imposante Er-
scneinung von i ausgesprochenem siidlandischen Typ mit krausen,
schwarzeu Haaren. Sie stand als Direktrice einem bedeutenden Moden-
geschafte vor. Die andere, eine allerliebste Blondine, hatte als Eben-
bild des deutschen Gretchens gelten konnen, wenn sie blaue Augen,
statt der feurigen dunkelbraunen gehabt hatte. Sie war Sekretarin
in einer der vielen Privatkliniken. Ofters drang Streit aus der Wohnung
dieser Damen zu mir heriiber, und ich wurde anfanglich durch das
wiederholte, leidenschaftlich ausgesprochene „Je tiens, que tu seras
tout k feit k moi, je te le r6p6te une fois de plus I" zur Meinung ge-
brachl, diese Worte seien an den Liebhaber einer der Damen ge-
richtet, dessen Benehmen dieser nicht voile Garantie fiir seine Treue
biete. Im iibrigen schenkte ich der Sache keine Beachtung. Nun
traf ich eines Sonntags zufallig in einem der „Robinsons" genannten
Restaurants, die in der Umgebung von Bourg-la-Reine unter den
Kronen der uralten, gewaltigen Baume errichtet sind, mit den beiden
Dameu zusammen. Wir kamen ins Plaudern; bisher hs^te sich unser
w) A. a. O.
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Verkehr auf das beim Begegnen im Hause iibliche GruBen beschrankt.
Wie nun das" in Paris vorzukommen pflegt, daB sich selbst bei Lenten,
die sich volllg fremd waren, ein zufalliges Zusammentreffen an einem
Vergnugungsorte rasch zu einem recht gemiitlichen Beisammensein
gestaltet, so wnrde auch beschlossen, daB wir den Tag zusammen ver-
bringen wollten. Nun sah ich, daB beide Damen Eheringe trugen und
als ich dieselben frug, ob sie eigentlich verlobt oder verheiratet seien,
bekani ich zur Antwort: „Mais nous sommes marines, nous deux!*' Die
Betonung, mit welcher das „nous deux" gesagt worden war, machte
mich stutzig; mir fiel plotzlich der Streit ein, den ich ofters schon
gehort hatte. Da muB ich klar sehenl Ich fragte deshalb nach ihren
Mannem. Die beiden lachten hell auf, und die Direktrice sagte in
einem Tone, als ware das etwas ganz Natiirliches : „Mais voilk, ma
petite femmel" indem sie die herzige Blondine an sich zog \md die-
selbe dabei mit einem Gesichtsausdruck ansah, der kein gluhenderes
Verlangen bei einem jungen Ehemanne hatte zeigen konnen, der sein
Weibchen in die Arme schlieBt. Ich muB bei dieser Erklarung auBer-
ordentlich dumm ausgeschaut haben, denn die beiden Fraulein bra-
chen in lautes Gelachter aus. „Comme ils sont drdles, les Suisses I"
rief der „Mann** aus, und beide machten sich iiber meine , Verstandnis-
losigkeit" lustig. Das war es aber weniger als wie die Uberraschung,
daB die Damen die Sache als etwas Selbstverstandliches behandelten,
die mich momentan staunen lieB. Aus dem, was ich jenen ersten Tag
und sodann auch in der Folge, namentlich aus den Gesprachen mit
der Sekretarin vernommen hatte, die mir Vertrauen schenkte und
ofters mir ihr Leid wegen der Eifersucht ihrer Freundin klagte, will ich
einiges hier wiedergeben.
Die beiden Damen, von denen die Blondine eine Pariserin war, die
andere aus dem siidfranzosischen Departement der Alpes-Maritimes
stammte, hatten sich im gleichen Geschaft kennen gelernt. Als sie
auf einem gemeinschaftlichen Spaziergange sich auf dem Rasenplatze
einer Lichtung des Waldes von Meudon ausruhten, umarmte die Siid-
franzosin plotzlich ihre Begleiterin und sagte in stiirmischer Auf-
wallun^: „Ah, je vous aimer* Dann herzte und kiiBte sie sie leiden-
schaftlich, und da kam der Blondine ihre Neigimg zum gleichen Ge-
schlechte zum BewuBtsein. Von nun an waren sie unzertrennlich. Sie
nahmcn eine gemeinschaftliche Wohnung und kauften sich Eheringe
zum Zeichen der zwischen ihnen geschlossenen ,,Ehe", wie sie diese Ver-
bindung selbst nannten. Da sich aber die Direktrice in ihrer anor-
malen Leidenschaft nicht zu beherrschen wuBte, wenn sie sich in
G^enwart ihrer Freundin be f and, wurde zur Vermeidung unliebsamer
Vorfalle beschlossen, daB die Blondine ihre Bureaustelle wechseln
sollte. So kam diese in die Privatklinik, wo bald ein Flirt zwischen der
hUbschen Sekretarin und einem der Arzte entstand. Dadurch wurde
die letztere ihrem „Manne" untreu, denn der Umgang rait dem Herrn
entzucktc sie kaum weniger, als der mit der Freundin. Sie war eben
nicht, wie diese, rein homosexuell veranlagt, und eine angenehme
Abwechslung boten ihr auch die Einladungen des Arztes zum Besuche
von Theatern usw., wobei, wie sie sagte, die Begleitunoj eines Kava-
liers doch etwas ganz anderes sei, als die einer Freundin.
Es dauerte denn auch nicht lange, bis die letztere von diesem
Flirt Kenntnis erhielt. Die Blondine legte ein um so aufrichtigeres
Gestandnis ab, als sie glaubte, daB ein Flirt mit einem Manne ja
nur ein „Amusement passacer" von eanz anderer Art sei, als das
homosexuelle Verhaltnis mit ihrer Freundin. Dieser Meinung aber
war die letztere nicht. Sie sagte kategorisch: „Quoiqu'il en soit,
de tes caresses cet homme-1^ consume la meme jouissance telle que
moi, et j'exige absolument que tu seras k moi seulel" Immerhin gab
sie den Bitten der Freundin nach, sich von diesem Arzte zu Ver-
gnugungen fiihren zu lassen: „Je t*aime trop, pour te contraindre !"
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fxigte sie der.widerwillig gegebenen Erlaubnis bei. Die Liebe der Siid-
franzosin ziir Pariserin war eine schwarmerische. Aber die sinnliche
Leidenschaft zugleich eine derart gesteigerte, daB, wahrend ihre Freun-
diu von der erteilten Erlaubnis Gebrauch machte, sie sich mit den
peinigendsten Eifersuchtsgedanken qualte und ihr bei der Riickkehr
die lieftigsten Vorwiirfe machte. Ein psychologisches Ratsel blieb mir
immer, dafi die Blondine die Gewaltherrs.chaft, welche ihre
Freundin auf sie ausiibte, ertrug und auch, daB alle die Storungen in
der Harmonie dieser „Ehe" rasch voriibergehende waren. Die Sekretarin
liatte auf meine diesbeziigliche Frage ein einfaches : „Elle m*aime
tant !" zur Antwort. GewiB, sie wurde von der Direktrice sehr geliebt ;
die Beweisc? dafiir waren zahlreich. Und diese Liebe wurde wenigstens
in ihrer sinnlichen Begierde unzweifelhaft aufs warmste erwidert.
Das bezeugten, neben andern Tatsachen, auch die Liebkosungen der
beiden, von deren wild-stiirmischer Art das Echo beredtes Zeugnis
ablegte.
Wenn hier von „Gewaltherrschaft" die Rede ist, welche die
mannlichere Homosexuelle auf die feminine ausiibt, so entspricht dies
meiner Beobachtung, nach der die starksten Falle sexueller Horigkeit
in den eheartigen Verhaltnissen vorkommen, die homosexuelle Fiauen
miteinander eingehen. Ich konnte hier kaum glaubliche Beispiele an-
fiihren, in denen die eine Freundin tatsachlich „Wachs" in der Hand
der andern war, in einem Falle, in dem der Ehemann der einen
die Freundin samt seiner Ehefrau herauswarf und dann die Ehe-
scheidungsklage einleitete, erklarte die Freundin unverbliimt, als ich
ihr vorhielt, daB das Verhaltnis der verheirateten Frau mit ihr einem
Ehebruch gleichzusetzen sei, „es sei doch wohl Ehrensache, daB man
fiir die Geliebte in solchen Fallen einen Meineid schwore".
Aus Paris wurde 1907 gemeldet, daB die Marquise de Morny
und die Schriftstellerin Colette Willy auf das Standesamt ge-
gangen seien, um die Heirat nachzusuchen. Der verbliiffte Standes-
beamte habe jedoch die EheschlieBung abgelehnt, obgleich er be-
merkte, daB er „keinen Text gefunden habe, der eine solche Heirat
verbiete*'. d'Estoc (Paris-Eros S. 58) berichtet von einer dreiBig Jahre
dauernden Tribaden-Ehe. In „The Lancet Clinic"-^ wird ein mehr
als flinfzehnjahriges Biindnis zwischen einer Frau G. und D. be-
schrieben. Der SchluB des Artikels lautet: „Sie hat in ihrem ganzen
Leben nur fiir diese eine Frau Zuneigung empfunden; sie kann nichts
Unrechtes in dieser Liebe finden und halt ihr Biindnis fiir ebenso
heilig wie die Ehe. Dabei wird Frau G. von alien ihren Verwandten
und Freunden sehr hoch geschatzt, kurz von alien Menschen, mit
denen sie jemals in Beriihrung gekommen ist, auch hat sie in ihrem
Fache wirklich Hervorragendes geleistet. Niemand ahnt, daB ihre
sexuello Veranlagung abnorm ist." Mir selbst ist in Berlin ein Fall
bckannt, indem es einer homosexuellen Frau, die als Mann lebte, ge-
lang, daL^ sie, ohne daB man ihr wahres Geschlecht ahnte, mit ihrer
. Freundin — sie lebten bereits zehn Jahre zusammen — kirchlich und
standesamtlich getraut wurden. Am bekanntesten von ahnlichen Fallen
ist wohl der von Krafft-Ebing begutachtete der S a r o 1 1 a (C h a r-
lotte) Grafin Vay geworden, die unter dem Namen Graf S a n -
d o r V a y im Jahre 1888 in Ungarn sich mit einer von ihr schwar-
mcrisch geliebten Lehrerin Marie S. eine von einem Pseudopriester
eiugesegnete Scheinehe einging.
2^) Ubersetzung aus „The Lancet Clinic" vom 2. November 1912.
— Vol. C VIIL No. 18. Seite 187/90. Einige Bemerkungen
iiber die Psychologic der ..sexucllen Inversion" bei
F r a u e n.
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Wie weit das Ehegeftihl homosexueller Frauen, die zu-
sammenleben, gehen kanji, zei^t nicht nur die volkstlimlidhe
Bezeichnung der Partnerinnen als Vater und Mutter, sondern
daU tatsachlich beide oft nichts po schmerzlich empfinden, als
die Unmoglichkeit, ein eigenes Kind zu besitzen. Manche
adoptieren ein fremdes Kind oder halten sich wenigstens als
Symbol eine grofle Puppe. Ein Pariser Madchen einfacher Her-
kunft, das mit einer Berliner Ktinstlerin ein sehr l^idenschaft-
liches Verhftltnis hatte, schrieb mir einmal : ,,Je vis avee une
amie, je desirerais vivement avoir un bebe d'elle." Dann
ging es weiter : „Comlne je sais que vous pouvez tout faire ....
auriez vous la bonte d© nous indiquer un moyen; nous nous
aimon» passionnement, done rien est nous impossible". Ich
Aahm zuerst einen Scherz an und lieB mir die Franzosin
kommen, um zu erfahren, da6 sie in der Unschuld ihres Herzens
tats&ehlieh an die Erflillbarkeit ihrer Sehnsucht geglaubt hatte.
Sie verlieB mich ebenso bekiimtnert wie enttauscht^ als ich ihr
die Unentbehrlichkeit des Mannes bei der Fortpflanzung ausein-
andersetzte.
Ein Beispiel von der Innigkeit aolcher eheartigen Frauenfreund-
sohaften findet sich in den „Gro6stadtdokumenten . Es heiBt dort:
„Ich behandelte einst eine adlige Dame, die seit vielen Jahren mil
einer Freundin zusammenlebte, an einem schweren Nervenleiden. Weder
vorher noch nacbher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so liebe-
volles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie in
diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Miittern, die sich
um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme
Mitburgerin, sie hatte viel Riicksichtsloses und Eigenwilliges, wer
aber diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unab-
lassige Bemiihen bei Tag und Nacht, hielt ihr um dieses starken
Allruismus willen vieles zugute ; sie war mit ihrer Freundin tatsachlich
wie verwachsen. Beriihrte man ein schmerzliches Glied der Kranken,
zuckto die andere reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der Lei-
denden spiegelte sich in ihrem Gesichte wieder, mangelhafter Schlaf
und schlechter Appetit iibertrugen sich auf die gesunde Freundin.
Der Fall war iibrigens auch dadurch bemerkenswert, daU auch das
Personal der Patientin, sowohl Ki*ankenschwester wie Dienstmadchen,
einwandfrei urnisch waren."
DaB das Symbol des Ringwechsels sowohl von homosexuellen
Mannern als Frauen in eheartigen Biindnissen haufig vorgenommen
wird. bedarl nach allem wohl kaum der Erwahnung.
Ich fuhrte bereits aus, daJJ die etarke Verponung des niann-
mannlichen Verkehrs die mannliche Prostitution wesent-
lich befordert hat ; diese Verponung ist der wesentlichste Grund,
daU der Homosexuelle sich scheut, eine von ihm geliebte Person
zu sich zu nehmen, sioh mit ihr standig zu zeigen oder sich
ihr in sichtlicher Weise zu widmen, weil er stets in Furcht
ist, der erotische Charakter dieser Beziehung konne entdeckt,
das Verhaltnis beargwohnt werden. Daher sucht er die geistige
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Seite seines Sexualtxiebes m5glichst zu verstecken und die korper-
liche recht geheim und unerkannt zu befriedigen. Es liegt auf
der Hand, daB der Geschlechtstrieb dadurch auf .eine tiefere,
man k5nnte auch eagen auf eine tierischere Stufe herabgedrtickt
wird, andererseits eine Menschenklasse groflgezogen wird, die
sich aus der vorlibergehenden Hingabe ein eintraglioihee,
bequemes Gewerbe ^chafft.
Es soil damit allerdings nicht behauptet warden, dafl diese soziale
und gesetzliche Achtung die ausschlieBliche Wurzel der mannlichen
Frostitution ist; daB dies nicht richtig ist, geht schon daraus her-
vor, daB sie, wenn auch nicht in der gleichen Ausdehnung wie in
Landem mit Strafbestimmungen, in Gegenden und vor allem in Zeiten
nachweisbar ist, wo das Verstandnis fair die gleichgeschlechtliche
Liebe ein gUnstigeres war, als im antiken Griechenland und Rom.
Mehr als ein Dichter und Schriftsteller jener Epochen wendet sich
mit Eifer bereits gegen Jiinglinge, die dem Meistbietenden fell sind.
Offenbar gehoren zu den Kunden mannlicher Prostitution auBer denen,
die sich nicht festere Verbindungen einzugehen trauen, viele, die bisher
das ihrer Triebrichtung vol! entsprechende noch nicht gefunden haben,
ferner solche, die neben einer starkeren monogamen Beziehung auf
polygame „Seiten8prunge" nicht ganz verzichten konnen und woUen,
sowie endlich Leute, die gerade unter den Prostituierten die ihnen
seelisch und leiblich zusagenden Typen finden. Fiir manche Homo-
sexuelle soheint es geradezu ein psychisches Bediirfnis zu sein, zum
Teil wohl in einem instinktiven 6e^iihl der Uberlegenheit begrundet,
den Partner zu bezahlen. AUes in allem sind es fast die gleichen
Ursachen, die auch den normalsexuellen Mann zur weiblichen Pro-
stituierten drangen, trotzdem er diese sozial eher noch mehr miBachtet,
wie der homosexuelle Mann den Strichjungen.
Auch weibliche Prostituierte gibt es, die nur Urninden zu Gebote
stehen. Bloch^ia) schreibt dariiber: „I>iese tribadische Prostitution
ist besonders umfangreich in Paris. Man nennt sie ,gouines* oder
jgougnottes* oder ,chevali6res du clair de lune*2ib). Auch Tribaden-
bordelle gibt es in Paris." Unter den Masseusen groBer Stadte gibt
es stets einige, die tribadischen Verkehr gegen Entgelt als Spezialitat
pflegen.
Was aber treibt den mannlichen Prostituierten selbst zu
seinem Gewerbe? Hier sind die Ursachen teils endogene, in den
individuellen Besonderheiten der Prostituierten gelegene, teils
exogene, durch auBere Umstande bedingte. Zu den ersteren ge-
horen in erster Linie gewisse, meistens auf degenerierter Anlage
beruhende Schwachen und Defekte der psychischen Konstitution,
ein Mangel an Arbeitslast und Energie, der die Betreffenden an
kOrperlicher oder geistig anstrengender und gleichmaBiger Tatig-
keit keinen Gefallen finden und sie den miihelosen Verdienst,
den sie sich durch Preisgabe ihres Korpers verschaffen kSnnen,
bevorzugen IfiBt. Die Bereitwilligkeit zur Prostitution hat ferner
eine Abstumpfung des normalen Schamgef tihls zur Voraussetzung,
21a) Bloch, a. a. 0. p. 587.
21b) Vgl. Martial d'Estoc, Paris-Eros, S. 59.
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wie wir ihr ebenfalls besonders hftufig bei Degenerierten b'e-
gegnen, die dann naturgemaU in der fortgesetzten Ausiibung
dieses Gewerbes sich welter entwickelt. Der Hang zum GenuB-
leben, zu dessen Befriedigung die Prostitution eine der leichr
testen Moglichkeiten bietet, ist flir einem sinnlichen Lebens-
genuJj zuneigende Naturen bei beiden Arten gewerblicher Un-
zucht ebenfalls haufig das treibende Motiv. Dafl die eigene
sexuelle Neigung weni^er haufig ursachlich in Betracht kommt,
geht schon daraus hervor, dafl die Zahl der homosexuell ver-
anlagten m&nnlichen Prostituierten gegentiber den heterosexu-
ellen relativ nur klein ist, und unter diesen die Falle, in denen
sich die bezahlte Hingabe auf Personen besdhrankt, die dem
eigenen Geschmack der Prostituierten entsprechen, ein ver-
schwindend geringer ist.
Es gibt aber eine bestimmte Gruppe von Prostituierten, die durch
eineu gewissen inneren Drang zum Verkauf ihres Korpers geti'ieben
warden. Es scheint in dem Umstand, dal3 die Liebesdienste pekuniar
belohnt werden, ein Erf ordernis ihrer sexuellen Individualitat zu liegen.
Einige Homosexuelle gaben mir of fen zu, daB ihnen nur der bezahlte
Verkehr GenuB ^ewaiire. Es wird dadurch auch psychologisch er-
klarlicher, daB vielfach Jungen der besseren Stande sich fiir relativ
geringes Entgelt prostituieren. Vor eini^en Jahren suchte mich einmal
ein hochst elegant gekleideter ISjahriger Amerikaner auf, der auf
einer Berliner Schule erzogen wurde, um mir folgendes Gestandnis zu
machen. Er sei Primaner, stamme aus einer Newyorker Millionars-
familie, sei so gestellt, daB er sich keinen Luxus zu versagen brauche;
seit seinem 14. Lebensjahr verspiire er das Verlangen, sich gegen Ent-
gelt Mannem hinzugeben. Um von ihnen angesprochen zu werden,
setzc ei sich nachmittags in die Empfangs- und Teeraume der vor-
nehmen Hotels. Ein- bis zweimal die Woche erreiche er sein Ziel,
der Verkehr sei nur mit Herren moglich, die ihn reichlich bewirteten
und beschenkten, sonst fehlte jede Erregung ; er bezeichnete sich selbst
als geborene Kokotte. Post actum verabscheue er sich und das so ver-
diente Geld, er habe es bisher noch nie fiir sich verwandt, sondern an
Wohltatigkeitsinstitute gegeben; trotz aller Reue und Selbst vor wiirfe
unterliege er aber nach wenigen Tagen wieder seiner „Ob8ession".
Gegentiber den inneren Momenten, die zwar in keinem
Falle fehlen, aber naturgemafl weniger in die Erscheinung treten,
sind die auBeren Veranlassungen der mannlichen Prostitution
mannigfacher und augenfalliger. In erster Linie ist es die
inaterielle Not, die bei den mannlichen wie bei den weiblichen
Prostituierten als ursachliches Moment in Betracht kommt. Es
kann sich dabei sowohl um einen mehr dauernden Zustand
wie um eine voriibergehende, durch Arbeitslosigkeit oder Krank-
heit bedingte Verlegenheit handeln. Der Mehrzahl nach rekru-
tiert fiich aus diesem Grunde ^die mannliche Prostitution aus
den niederen, unbemittelten Volksschichten.
Ein Gelegenheitsprostituierter antwortete auf die ihm von einem
Kriminalbeamten vorgelegte Frage: warum er sich auf dem Strich
herumtreibe, kurz und vielsagend: „nm nicht zu stehlen".
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Set unglaublich es klingt, es kommt tatsachlich vor, daB mittel-
lose Ellern ihre heranwachsenden Sohne und Tochter — namentlich
wenn sic durch ein anziehendes AuBere ihnen dazu besonders geeignet
erscheinen — zu diesem traurigen Gew^rbe anhalten. Von einem der
bekanntesten Berliner Prostiiuierten wird zuverlassig berichtet und
von ihm selbst bestatigt, daC seine eigenen Eltern ihn bereits in
seinem 14. Jahre in diese Laufbahn brachten. Ein Urning teilte mir
aus der Unterhaltung, die er mit einem Prostitutierten hatte, folgendes
mit: j.Der Junge erzahlte mir, dafi ihm seine Mutter gesagt habe, er
solle nie Geld f o r d e r n , sondern mit dem zufrieden sein, was ihm
die Herren freiwillig gaben." Ganz erstaunt forschte ich weiter, und es
stellte sich heraus, dl,B seine Mutter selbst das Gewerbe einer Prosti-
tuierten in Eisenach betrieb. Hier stromen im Sommer viele Fremde,
besonders viele Studenten der umliegenden Universitaten zum Besuche
der Wartbui-g zusammen. Da habe er, als er 17 Jahre alt war, durch seine
Mutter einst einen Studenten kennen gelernt, dem er besser als seine
Mutter gefallen habe, und habe diese ihn dann dem homosexuellen
Verkehre zugefiihrt.
In vielen, in der GroBstadt wohl in den meisten iFallen,
wirkt das Beispiel anderer Prostituierter ansteckend
oder verfiihrend, sei es, daB diese den betreffenden Jungen direkt
auf die angenehlne und leichte Erwerbsquelle aufmerksam
machen, sei es, daB er durch eigene Beobachtung auf ihr Treiben
aufmerksam wird und sich entschlieBt, ihrem Beispiel zu
folgen. Nur ausnah'msweise kommt es vor, — und solche
Falle k5nnen nicht scharf genug verurteilt werden — daB ein
Homosexueller einen Burschen zur Prostitution verfiihrt, indem
er ihn dem Geschafte, in dem er arbeitet, entzieht. H-aufiger
schon kommt es vor, daB ein junger Mann, welcher, auBer
Stellung geraten, sich vergebens bemliht, wieder in Bret zu
kommen, die Bekanntschaft eines Urnings macht, mit dem er
gegen Entgelt intim verkehrt. Dieser gibt ihm Essen und
Kleidung, behandelt ihn gut, flihrt ihn in besser^ Kreise ein,
was seiner Eitelkeit schmeichelt. Der bequeme Verdienst, der ihm,
falls er selbst homosexuell veranlagt ist, noch dazu Vergntigen
bereitet, das Faulenzerleben werden ihm so sehr zur Gewohn-
heit, daB er nicht mehr davon lassen kann, auch wenn ihm
Gelegenheit geboten wlirde, in ein ehrliches, arbeitsames Leben
zuruekzukehren.
Sehr oft spielt sich der Vorgang etwa folgendermaUen ab: Ein
armer, zerlumpter, hungernder und frierender Jimge steht seit Tagen
obdachlos an einer Ecke der F straBe. Bald wird er die feinen
„Herrchen" gewahr, die von 8 Uhr ab Nacht fiir Nacht stundenlang
die StraBe auf- und abschlendern, t)is sie ein vornehmer Herr an-
spricht, mit dem sie erhobenen Hauptes von dannen Ziehen. Er roacht
zuerst schiichterne, dann kiihnere Versuche, es dem Vorbilde nach-
zutun und eines Tages gliickt es ihm auch. Denn manche der
Herreu lieben gerade diese armlichen Burschen mit ihren
schmutzigen Kragen und Schuhen, den fadenscheinigen Rocken und
zerrissenen Beinkleidern. Ist es ihnen einmal gelungen, dann halten
sie ihrc Position fast, es ist ihnen gar zil schlecht gegangen, als daB
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sie zurucktauschen mochten. Mit den s o z i a 1 e n Ursachen der mann-
lichen Prostitution hangt es aiich zusammen, daB sich manche be-
sonders gering entlohnte Benifsklassen diesem Gewerbe als Neben-
erwerb ei^eben ; Schreiber, Depeschenboten, StraBenkehrer, Mitfahrer
usw., die teils voriibergehend durch die Preisgabe ihres Korpers sich
ein „Taschengeld" verschaffen, teils dauernd ihr Einkommen dadurch
zu veigroBern suchen. Es kommt sogar vor, daB Familienvater durcb
die in ihrer Familie herrschende Notlage dazu veranlaBt werden, sich
Homosexuellen, die reife Manner bevorzugen, gegen Entgelt anzubieten.
Zeiten wirtschaftlicher Not, Streiks und Teuerungen geben hierzu
nicht selten Veranlassung.
Gewisse Sammelplatze der Armsten und verkommensten Be-
volkerung kommen besonders als Brutstatten niannlicher rrosti-
tution in Betracht, da eine groBe Zahl ihrer iBesucher tmit
diesem Gewerbe bereits Bekanntschaft gemacht haben und gem
erb5tig sind, den Neulingen gegenliber den Lehrmeister abzugeben.
Zunachst sind hier die Nachtasyle ftir Obdaehlose zu nennen,
in denen der gleichgeschlechtliche Verkehr von den Obdachlosen
selbsi als surrogative Betatigung viel geiibt wird. Es ergibt sich
von eelbst, daB die Homosexualitat hier einen wielfach be^
handelten Gesprachsstoff bildet Sie horen dort, daB mancher,
der noch voriges Jahr wiei sie in der „Palme*' oder Wiesenburg
einkehren muBte, jetzt „in dufter Schale zur Kieler Woche
fahrt." Mancher junge Mann, der im ObdachI mit der an&nn-
lichen Prostitution theoretisdh bekannt geworden ist, sucht schon
am nachsten Tage die erworbenen Kenntnisse praktisch zu ver-
werten. Ahnlich liegen die Verhaltnisse bei der Flirsorge-
erziehung. Sehr haufig sind die Zoglinge, namentlich soweit
sie der GroBstadt entstammen, nicht nur mit der homosexuellen
Betatigung, sondern auch mit der Prostitution schon eingehend
bekannt und teilen ihre Erfahrungen den in diesen Fragen noch
unbewanderten Kameraden nur allzugern mit, die nach ihrer
Entlassung Gebrauch davon machen und sich auf diese Weise
einen Erwerb schaffen, der ihnen um so willkommeher ist, als
sie zu anstrengender Tatigkeit oft wenig Neigung haben und
es den entlassenen Ftirsorgezoglingen bisweilen auch schwer
fallt, Arbeit zu finden. Noch boser pflegen in vielen Fallen
die Belehrungen zu wirken, die jungen Leuten in Gefangnissen
und Strafanstalten von Insassen zuteil werden, die auf diesem
Gebietc bereits Erfahrungen gesammelt haben. Werden sie doch
meistens von diesen gleich iiber die naheliegenden Beziehungen
der mannlichen Prostitution zu kriminellen Handlungen —
namentlich Diebstahlen und Erpressungen — unterrichtet, wo-
durch sie in Versuchung geraten, sich der gewerbsmaBigen Un-
zucht gleich mit der Nebenabsicht zu ergeben, sie zu verb'reche-
rischen Zwecken auszunutzen, eine Verlockung, die bei ont-
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arteten und kriminell veranlagten Individualitaten naturgemaB
auf besonders glinstigen Boden trifft.
Schon aus den verschiedenartigen Motiven, die zur mann-
lichen Prostitution ;ftLhren, laBt sich entnehmen, da6 sie sich
aus sehr heterogenen Elementen zusammensetzt, die man von
den verschiedensten Gesichtspunkten aus in Gruppen zusammen-
fassen kann. Zunachst ist eine solche Einteilung der Prosti-
tuierten nach ihrer gesohlechtlichen Veranlagung in Hetero-
sexuelle und Homosexuelle moglich.
Da bei den ersteren naturgemafi nicht die innere Neigung, son-
dern nur die Aussicht auf materiellen Vorteil als Beweggrund in Be-
tracht kommt, finden wir vorzugsweise, wenn auch keineswegs aus-
schlieBlich, unter ihnen jene Individuen, die mit der Prostitution einen
unrecbtmaBigen Gelderwerb zu verbinden suchen. Natiirlich gibt
es auch Normal veranlagte, die sich mit dem ausbedungenen Lohn fiir
ihre Liebesdienste begniigen, namentlich ist dieses dann der Fall, wenn
sii3 durch voriibengehende Not gezwungen werden, sich gelegentlich
zu prostituieren oder dieser Verkehr Jfiir sie nur einen Nebenerwerb
darstellt.
Unter den homosexuellen Prostituierten miissen wir wieder
solche unterscheiden, die sich ohne Riicksicht auf ihren eigenen Ge-
schmack jedem preisgeben, von dem sie etwas zu verdienen hoffen,
und solche, die mit dem Verdienste auch die eigene Befriedigung
verbinden wollen und sich daher nur Mannern zur verfugung stellen,
die ihren sexuellen „Fair' reprasentieren. Zur ersten Kategorie ge-
horen Homosexuelle, die selbsc „jung" lieben, gegen Bezahlung aber
auch alteren Liebhabern gefiLUig sind. Es gilt fiir diese, die natiirlich
die Prostitution auch aus rein materiellen Griinden betreiben, im
groBen und ganzen dasselbe, was ich fiber die heterosexuellen mann-
lichen Prostituierten erwahnte. In derselben Weise wie diese ver-
binden sie mit dem unziichtigen Verkehr nicht selten Eigentumsver-
gehen aller Art. Auch kommt bei ihnen eine besondere, ihrer Ver-
anlagung entsprechende Form des Zuhaltertums vor, indem sie junge
mannliche Personen, mit denen sie selbst gesohlechtlichen Verkehr
unterhalten, auf den „Strich" schicken und sie bisweilen auch als
Lockvogel fiir Erpressungen und ahnliche kriminelle Handlungen be-
nuizen. Die kleine Gruppe homosexueller Prostituierter, die sich auf
den ihrer Geschmacksrichtung adaquaten Verkehr beschrankt, wird
natui^emaC -selten auf verbrecherische Bereicherung ausgehen, abge-
sehen von den Fallen, in denen sie sich durch Rache oder aus ver-
schmahter Liebe oder Eifersucht zu solchen Schritten hinreiBen lassen.
Der Haufigkeit und AusschlieBlichkeit nach, in der die
Einzelnen dem Unzuchtsgewerbe nachgehen, lassen sich die
Prostituierten in gewerbsmaliige und gelegentliche
einteilen.
Wenn auch die Heterosexuellen aus bcgreiflichen Griinden nur
in deu seltensten Fallen ihr ganzes Leben lang einem ihnen wenig
zusagenden, oft sogar abstoBenden Geschlechtsverkehr nachgehen wer-
den und gewohnlich auch schon deshalb, weil sie in hoherem Alter nicht
mehr oder weniger begehrt werden, ihr Gewerbe aufgeben miissen, so
gibt es doch auch unter ihnen Elemente, die infolge von Tndolenz und
Gewohnung an dem bequemen Verdienst und das muBige Leben, viele
Jahre hindurch der Prostitution nachgehen und daher mit Recht
als Gewohnheitsprostituierte bezeichnet werden konnen. Da-
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neben unterhalten sie, wie bereits erwahnt, vielfach normalgeschlecht-
liclien Verkehr; ja es kommt vor, dafi sie auch nach der Verheiratun«
ilir unziichtiges Gewerbe noch fortsetzen. — Leichter gewohnen sicii
homosexuelle „Strichjungen** an die Prostitution, von der sie sich um
so weniger trennen konnen, als der weibliche Verkehr ihnen keinen
Ersatz dafiir bietet.
Zu der gewerbsmaBigen mannlichen Prostitution gehoren auch
diejenigen — in Berlin gibt es zirka 30 — , die in Weiberkleidern jhrem
Gewerbe nachgehen, sich heterosexuelle, meist etwas angetrunkene
Manner suchen, denen sie, um den Coitus zu umgehen, vorreden, sie
hatten ^erade ihre menses ; sie konnten sich oaher nur auf die
„franz6sische Tour" (penilinctio) einlassen. Einige von diesen ti-agen
auch aus tierischer Haut kiinstlich hergestellte weibliche Genitalien.
Ihrer eigenen Triebrichtung nach diirften sie fast sluntlich homo-
sexuell sein. Die weiblichen Prostituierten, die sich im dbrigen mit der
mannlichen Eonkurrenz meist gut stehen, weil sie genau wissen, dafi
ihr Kundenkreis nicht der gleiche ist, sind auf die letztgenannte
Gruppe der femininen Manner in Frauenkleidern nicht gut zu sprechen,
lassen sie aber gleichwohl selten „hochgehen".
Die Sitze der gewerbsmlLfiigen mannlichen Prostitution Bind
naturgemlB die groBen Stsldte, in denen sie in einer Vielgej-
staltigkeit und Mannigfaltigkeit auftritt, von denen man in
kleinen Stfidten keine Vo'rstellung hat.
Die Menge der sich auf den StraBen von Paris, namentlich auf
den groBen Boulevards herumtreibenden Prostituierten ist verhaltnis-
maBig nicht so groB, wie in Berlin. Pherander zahlte auf den
Boulevards des Italiens und Montmartre wahrend der besten „Ge8chaft8-
zeit" 20 — 30 kaufliche Manner, wahrend er zu derselben Zeit in dem
belebtesten Teil der Berliner FriedrichstraBe 60 — 60 beobachtete. Je
froBer die Stadt ist, umso umfangreicher ist die mannliche Prostitution,
n Deutschland sind Berlin, Hamburg, Miinchen, Dresden, Leipzig,
Breslau und Koln die Hauptzentren, welche aus diesem Grunde auch
haufig von Urningen aus kleineren Stadten oder vom Lande aufge-
sucht werden. Reine Prostituierte, die ganz von ihrem „Berufe" leben,
berechnet Pherander in Berlin auf 400, die Anzahl der Halb-
prostituierten, welche den gleichgeschlechtlichen Verkehr als Neben-
verdienst betreiben, dagegen auf 10 — 12000. Von ihren stdjidigen
Quartieren, den groBen Stadten, aus machen die gewerbsmaBigen Pro-
stituierten nicht selten Ausfliige nach auBerhalb. Namentlich bieten
Veranstaltungen, die ein groBes Publikum anlocken, wie Ausstellungen,
Einweihungsfeierlichkeiten, Volksfeste, auch den mannlichen Prosti-
tuierten Veranlassung, sich in groBerer Anzahl an den betreffenden
Orten einzufinden. „ln Kiel", scnreibt ein Herr, „hatte sich wahrend
der Eieler Woche, in der alle moglichen Regatten abgesegelt werden, im
Summer 1902 aus Hamburg eine Reihe mannlicher Prostituierter ein-
fefunden, um auf Fang und Erpressung auszugehen. Das groBe Publi-
um hat gewiB nichts davon gemerkt, wahrend ich selbst nach wenigen
Tagen ihre Anzahl, die sich auf 12 belief, festgestellt hatte, und zwar
alle in der Diistembrocker AUee gegeniiber den Anlegebanken fiir
Marineboote.
Zum Schauplatz ihrer Tatigkeit wahlen sie in erster Linie die
belebten HauptstraBen, in denen einzelne viele Stunden lang suchend
auf- und abflanieren, wahrend andere wieder abwartend an bestimmten
Standorten, StraBenkreuzungen, Bahnhofs- und Passageeingangen her-
um stehen. Aber auch die abgelegenen Wege der offentlichen Parks,
namentlich in der Nahe von Bediirfnisanstalten, werden viel von ihnen
frequentiert.
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Andere wieder hali^n sich in Lokalen auf, die von Homosezuellen
besncht werden, wo sie ihrer eigenen „Aufmachung" und ihrem Ge-
schmacke nach die Wahl zwischen Restaurants von raffiniertester
Eleganz bis herunter zu den obskursten Keller- und Winkelkneipen
haben. Wahrend StraBe und Lokal nur der Ankniipfung der Bekannt-
sohaft dienen, konnen die „feinen" Prostituierten zum intimen Ver-
kehr den Liebhabern ihre oft mit raffiniertem Luxus eingerichtete
Wohnung zur Verfiigung stellen, wahrend es andere vorziehen, mit
ihrem Harm seine Wohnung oder ein Hotel aufzusuchen.
Einigen bringt ihr Erwerb so viel ein, daB sie sich recht luxu-
riose Wohnungen leisten konnen. Je teurer und eleganter sie woh-
nen, desto groBere Anspniche und Anforderungen stellen sie auch an
die Borse uirer Kunden. Manche erwerben sich durch hohe Preise
und Erpressungen ein kleines Vermogen, wovon sie auf ihre alten Tage
leben konnen. Ein sehr beriichtigter und bekannter Berliner Strich-
jungc auis guter Familie, dessen Hauptgeschaft lange hinter ihm liegt,
und der den Eindruck eines vollkommenen Eavaliers macht, w^ohnt
jetzt sehr komfortabel in einem Appairtement, das durch seine Aus-
stattung beweist, wie sehr es sein Besitzer verstanden hat, seine „Er-
spamisse** gut anzuwenden. Er soil friiher einen ganz enormen Ein-
fluB auf seine Koll^en vomFach ausgeiibt haben, und sein Name wird
noch in einer Art Ehrfurcht unter den Berliner Strichjungen genannt.
,,Ich habe manche andere Wohnung |der Prostituierten gesehen", schreibt
einer unserer Gewahrsmanner, „ui& mich dabei vom Augenschein iiber-
zeugt, daB das Geschaft mehr einbringen *muB, als man denken sollte."
Ein Berliner Strichjunge, in seiner Jugend der freche Oskar genannt,
fiihrt jetzt, nach dreiBigjahriger Tatigkeit, in seiner eigenen Equipage.
Ein Strichjunge aus Koln hatte sich, als er wegen Vagabundage in
Paris verhaftet und zu drei Jahren Gefangnis verurteilt wurde, in zehn
Jahren 80 000 Franken erspart, ein anderer • — ebenfalls Rheinlander
~ in 12 Jahren iiber 50 000 Mark.
Die Gelegenheits- und Halbpros tituierten re-
krutieren sich aus alien Berufs- und Gesellschaftsschichten. Be-
sonders sind unter ihnen die jugendlichen Uniformierten ver-
treten, die ihrer kleidsamen Tracht wegen von den Homo-
sexuellen bevorzugt werden, und deren Beruf eine Ankntipfung
auch vielfaeh erleichtert.
In erster Linie trifft dies fur die Hotelangestellten, Pagen und
Liftboys, fiir Messengerboys, Telegraphen- und Paketfahrtboten zii.
Ich hatte einen Urning zu begutachten, der an sich selbst Tele-
gramme schickte, um die jugendlichen Telegram mbesteller in seine
vVohnung kommen zu lassen, ein anderer pflegte nach einem „roten
Radler*' zu telephonieren, der ihm irgend eine Besorgimg machen sollte.
Um sich anziehender oder begehrlicher zu machen, bedienen
sich die prostituierten Manner ganz ahnlicher Anlockungsmittel,
wie ihr6', weiblichen Genossen.
Die Eleganteren, die Klasse-Jungen, wie sie sich in Berlin gem
nennen horen, verwenden alle Toilettenkiinste, die dazu dienen, jiinger
und schoner zu erscheinen, genau so wie B 1 o c h '*) uns dies schon
von den antiken Strichjungen geschildert hat, sie schwarzen sich die
Aiigenbrauen, legen rouge auf die Wangen, schminken sich blafi oder
braun, bestreichen sich die Lippen mit Lippenpomade, pudern sich,
entfernen sich jedes Harchen aus dem Gesicht oder gar vom Korper,
") Iwan Bloch, Dieses Handbuch Bd. I p. 333 ff.
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brennen und krauselu sich das Kopfhaar, traufeln sich Tropfen auf
die Augenbindehaut, um die Pupillen zu vergroBern, polieren und far-
ben sich die Nagel rosig, sauberij sich auf das Sorgfaltigste und
verwenden auch wohl diskrete Parfums. Mit demselben Kaffinement,
mit dem sie sich „raxen*', so bezeichnen sie in ihrem Jargon diese
Korperpflege, kleiden sie sich an, viel Wert wird auf sogenannte
„Reizwasche** gelegt, bunte Hemden aus feinem Gewebe, auf lange,
teure Striimpfe, durchbrochen und bunt gemustert, womoglich von der-
selben Farbe wie die Krawatten, sie nennen .sie selbst „ perverse"
Striimpfe, auf rosa oder lila Strumpfbander, farbige Unterhosen und
Unterjacken, „kokette" Hosentrager, bunte Westen, dazu Anziige und
Hiite nach neuester, moglichst extravaganter Fagon und vor allem
recht in die Augen fallende Fui3bekleidung, wie Halbschuhe aus Lack
mit breiten Bandern und Schleifen oder Schniirschuhe in sattestem
Grelb mit Wildleder oder Gamaschen, wie es gerade die allerletzte
Mode erheischt. Auoh Ringe und Armbander fehlen selten, dagegen sind
Stocke und Schirme verpont, in Ubereinstimmung mit einer an Fetisch-
haU grenzenden Abneigung vieler homosexueller Herren gegen diese
Gegenstande; so sagte mir einmal ein englischer Homosexueller, daB
jede Moglichkeit sexueller Betatigung fiir ihn ausgeschlossen sei, wenn
ein im iibrigen noch so anziehender Mensch einen Stock, eine Brille
oder Zugstiefei triige. Viele mannliche Prostituierte sind sehr bemiiht,
bestimmten fetischistischen Geschmackseigentiimlichkeiten Rechnung
zu tragen. Manche legen aus diesem Grunde hohe Stiefel an mit Sporen
oder Sportsanzuge, Sweater, locker geschlungene Halstiicher, Jockey-
und Schirmmiitzen ; selbst kleine Medaillen oder kleine Lederriemen
im Knopfloch erweisen sich schon als Fetische wirksam. Man kann
auf dem Berliner Strich, und in Paris und London ist es nicht anders,
Matrosen finden, die nie ein Schiff, Bereiter, die nie ein Pferd bestiegen
haben, Chauffeure, die nie ein Steuerrad, Soldaten, die nie ein Ge-
wehr in der Hand hielten. Wiederholt sind mannliche Prostituierte
in Berlin wegen unerlaubten Tragens von Uniformen bestraft worden.
Unter den mannlichen Prostituierten Berlins gibt es einen in
Wilmersdorf geborenen, der stets als Tyroler geht, trotzdem er nie das
Weichbild der Stadt verlassen, zwei, die als Forster erscheinen, ob-
wohl der einzige Wald, den sie kennen, der Tiergarten ist, mehi-ere
die stets Schlachteranziige tragen; das kurioseste aber waren zwei
Schulknaben, die jeden Nachmitta^ zwischen 5 und 7 Uhr auf der
TauentzienstraBe Arm in Arm flanierten, mit kurzen Hosen, Schiiler-
miitzen und Biicher imterm Arm ; man hielt sie fiir 14 jahrig, in
Wirklichkeit waren es Prostituierte von 22 oder 23 Jahren.
Auf den Pariser Boulevards machte ein Prostituierter gute Ge-
schafte, indem er sich als Anlockung eines breiten Trauerflors um
den Unterarm bediente. Viele Fremde fielen darauf hinein, weil sie
sich nicht recht vorstellen konnten, daB dieser Leidtragende ein
Preller sein konnte.
(Per anspruchsvoUere Teil der mannlichen Halbwelt erscheint
meist erst am Nachmittag auf der Bildflache. Bis Mittag, oft bis
zwei, drei Uhr liegen sie im Bett. Dann folgt die Toilette, die oft
eine Stunde in Anspruch nimmt. Der iibrige Tag pflegt dann so zu
verlaufen, daB nach einem leichten ImbiB im Restaurant — der reich-
lichere wird fur den Abend in Gesellschaft eines „Freiers" erwartet
— der Prostituierte seine Nachmittagstour unternimmt, wobei er ge-
wohnlich an einer anderen Stelle wie des Abends flaniert oder in
einem Kaffee- oder Teeraum auf der Lauer liegt. Von 7 — 10 Uhr macht
er eine Ruhepause, entweder in seiner Wohnung, oder auch wohl in
einem Konzertcaf^ oder Theater, um dann die „groBe Tour" zu be-
ginnen, die um Mitternacht ihren Hohepunkt erreicht und oft erst
gegen 3 Uhr und spater endet. Bei dem groBen Angebot auf dem
rrostitutionsmarkt kommt es vor, daB einer zwei, drei oder auch
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■melirere Abende vergebens lauft, der Durchschnitt findet in der
Woche 2 bis 3 Freier, die in der Mode befindlichen doppelt so viel,
viele aber auch weniger.
Ein Berliner Prostituierter, der gerade sehr en vogue war, be-
richtete, dafi er im Monat durchschnittlich 20 bis 25 Herrei)
„hatte*', im Jahre 300 fast, von diesen seien hochstene 10 Prozent
Berliner, 60 — 60 Prozent seien Provinzler, 30 — 40 Prozent Auslander,
besonders Russen, Franzosen und Amerikaner. Er fiihrte dariiber ge-
schaitsmafiig Buch.
Das Zusammensein des Herrn mit einem Prostituierten spielt sich
gewohnlich in folgender Weise ab: Der Strichjunge sieht einen Herrn
an, dieser fangt den Blick auf, beide lacheln sich an, der eine geht
dem andern nach, einer bleibt vor einem Laden oder einer Anschlag-
saule stehen oder biegt an einer Ecke in eine dunklere SeitenstraSe
ein. Der andere tut das gleiche. Dann bittet der eine den anderen
um Feuer — auch die Nichtraucher unter den Urningen sind zum
Zweck der Ankniipfung fast stets mit Zigaretten und Feuerzeug ver-
sehen — , und die Unterhaltung beginnt in harmlos tastender Weise:.
„Sch6ner Abend heute" oder „wieder recht schlechtes Wetter" oder
„gehen Sie noch so spat spazieren?" Nach diesen Praliminarien
fehen Geiibtere gewohnlich rasch auf den eigentlichen Zweck ihres
usammenseins iiber, wobei zunachst das Wo? erortert wird. Haudelt
es sich um einen „feineren" Prostituierten, so schwankt die Wahl
zwischen einem Absteigequartier, wofiir man sich in der Mehrzahl der
Falle entscheidet, oder der Wohnung des Herrn, die sehr selten, und
der des Jungen, die etwas haufiger genommen wird.
Auf dem Wege dorthin wird gewohnlich der Preis akkordiert,
der in sehr weiten Grenzen schwankt. Die Jungen pflegen bei diesem
Thema gewohnlich zu erzahlen, welche Betrage sie schon friiher er-
halten hatten, wobei Unwahrheiten an der Tagesordnung sind. Immer-
hiu ist es nicht selten, daB ein besserer Prostituierter 20 Mk., 50 Mk.
und mehr fiir ein einmaliges Zusammensein erhalt, doch sind im all-
gemeinen die Preise fiir die mannlichen Prostituierten geringer wie
fiir die entsprechenden Klassen der weiblichen. So rechnen sich
schon 10-Mark- Jungen zu den „Kla8se-Pupen", sehr viele haben 6 Mark
„Taxe**, und dann geht es herimter auf drei, zwei, eine Mark und
noch geringere Betrage. Im allgemeinen sind die professionellen
teurer wie die Gelegenheitsprostituierten. Die Bezahlung selbst er-
folgt gewohnlich nicht wie bei den weiblichen Prostituierten vorher,
sondern nach vollzogenem Verkehr. .Dieser ist, in der grofien Mehr-
zahl der Falle, ein onanistischer, am zweithaufigsten sind orale Akte,
wobei wiedenmi der lambitus am membrum des Partners ofter vor-
genommen zu werden scheint als die immissio membri in os alterius.
Der Hombsexuelle bevorzugt im Verkehr mit dem JProsti-
tuierten meist aus Angst die etraflosen, der Prostituierte aus
Gewinnsucht die strafbaren Formen, nach denen er, sei es
im Guten oder Bosen, reichliche Entlohnung erhofft. Der ge-
werbsmaflige Prostituierte laBt es meist nicht zur Ejakulation
kommen, es sei denn, daB er selbst homosexuell und der Freier
seiu Fall ist. Dagegen 'besitzen sie oft eine groBe Fahigkeit,
Erektionen bei sich herbeizuftihren, um so den anderen starker
zu erregen. Legt der Partner auf die Ejakulation des Prosti-
tuierten Wert, so erh'oht sioh dadurch der Preis. Nach dem
Akt kommt der finanzielle und meist heikelste Teil des Zu-
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sammenseins zur Erledigung. Beide, die eben noch sich an Lieb-
kosuiig3n nicht genug tun konnten, nehmen Abstand und ver-
wandeln sich in kiihl kalkulierende Geschaftsleute. War der
Preis vorher ausgemacht, was gewohnlich viel Ungelegenheiten
erspart, so begntigt sich' der „reelle** Prostituierte mit dem ver-
einbarten, gewohnlich nooh durch ein kleines Trinkgeld erhohten
Satz, oder er geht, wie er es nennt, auf die jjSchtnustour", in-
dem er durch Schilderung seiner Notlage, meist unter Hinweis
auf seine zerrissenen Stiefel, oder durch Schmeicheleien einen
hoheren Betrag herauszuschlagen sucht. Diesen beiden „soliden
Touren** — ich bediene mich der charakteristischen Ausdrticke
dieser Kreise selbst — stehen die beiden „Krampftouren** gegen-
liber, die ,,Klautour**, bei der es auf ,,B^ischlafdiebstahle", und
die „Prelltour**, J>ei der es auf Erpressungen abgesehen ist.
Die beiderseitigen Namen werden in dem Zusammensein nicht
genannt, auch die Vornamen werden gewohnlich nicht
richtig angegeben. Bei der Verabschiedung wird gewohnlich
eine weitere Verabredung getroffen, die aber oft nur eine
Formsache ist, da eine Innehaltung von beiden Seiten stillschwei-
gend nicht vorausgesetzt wird. Der Wunsch fast jedes Prosti-
tuierten ist es, ein langer dauerndos Verhaltnis zu finden, um
ftir einige Zeit der Unsicherheit seiner Existenz uberhoben
zu sein. In vielen Fallen lernt er friiher oder spater einen wohl-
habenden Herrn kennen, dessen Geschmack er so wehr ent-
spricht, dafl er ihn einige Wochen oder Monate bei sich behalt.
Haufig nehmen solche Herren dann den Prostituierten mit acuf
Reisen, wobei sie sich in den Gasthausern als nahe Verwandte,
oft als Onkel und Neffe oder, wenn der Abstand im Eindruck
zu groB ist, als Herr und Diener eintragen. Diese Verbindungen
halten meist nicht sehr lange vor, da der an Freiheit ge-
wohnte Junge sich im Umgange als schwierig, oft auch als trage,
storrisch und unehrlich erweist, so daB das Verhaltnis nicht
seiten „mit Ach und Krach" nach kurzem wieder in die Briiche
geht. Hie und da halt es aber auch langer vor, vielfach bis
zur Militarzeit des Jlingeren, oder bis ftir ihn eine Stellung
gefunden ist. Es ist immerhin ein nicht geringer Prozentsatz,
der schlieBlich in dieser Weise von homosexuellen Herren wieder
vom Strich gerettet wird.
Die Militarzeit stellt iiberhaupt im Leben diesor jungea Leute
einen wichtigen Weiidepunkt dar, als sie ihrer gefahrlichen „Laur*-
bahn ein energisches Ende bereitet. Fiir beliebte „Strichjungeii" wird
von ihren Freiern und Kameradon nicht seiten vor ihrem Abgange
zum Militar ein solennes Abschiedsfest gefeiert. Das durchschnittliche
Alter, in dem der mannliche Prostituierte zu seinem Gewerbe gelangt,
ist das 17., doch sind auch jiingere vom 14. ab keineswegs seiten. Die
H i r s c h f e I d , HoInosexualita^ 4g
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m'eisten konnen sich wegen der aufriickenden jiingeren Konkurrenz tiur
6 Jahre auf dem Strich halten, einige bis zum 25. Jahre. Doch gibt
es Virtuosen, die sich mit 36 Jahren noch das Aussehea eines 18-
jahrigen zu geben wissen, auf dem Berliner Strich keone ich einen, der
seit 20 Jahren Nacht fiir Nacht seiner gleichformigen Tatigkeit ob-
liegi; dabei noch jetzt wie achtzehnjahrig aussieht. Als sich vor
einigen Jahren*^) die Zentralstelle fiir Jugendfiirsorge in Berlin an
das Kgl. Polizeiprasidium wandte mit dem Ersuchen „um Einschreiten
gegen das Gebaren minderjahriger Burschen in der Nahe des Bahn-
hofes FriedrichstraBe, da diese Burschen sich hier offensichtlich zum
Zwecke homosexueller Prostitution herumtteiben und den Ankommenden
sich anboten", indem sie bitte, „eine scharfe polizeiliche Beobachtung
eintreten zu lassen und die etwa Cberfiihrten der Fiirsorgeerziehang
zu iiberweisen", erwiderte der Polizeiprasident, daU dies bereits ge-
schehe, daC es sich dabei aber nicht immer um Minderjahrige han-
delte, sondern dafi die sogenannten mannlichen Prostituierten vielfach
in hoherem Alter standen und nur sich durch kiinstliche Hilfs-
mittel, Haartracht, Schminke usw. ein jugendliches Aussehen gaben.
Im allgemeinen aber kommt die Zeit, wo der Prostituierte
dem Alter seinen Tribut pollen muB, viel friiher heran als
fiir die weibliche Rivalin. AUes Rasieren, „Zurechtmacheii"
und „Raxen" hilft nichts mehr. Es finden sich zwar noch
einige, die den vollentwickelten Mann dem Jiingling vorziehen,
aber davon kann man nicht existieren, und so mu6 man wohl
oder libel nach einem anderen Erwerbszweig suchen. Hat man
Ersparnisse gemachi, so eroffnet man ein kleines Geschaft oder
eine Eestauration. Ein Teil kommt zum Militar und danach auf
gute We^e, ein Teil findet einen homosexuellen Gonner, der ihn
etabliert, viele aber konnen sich' nicht mehr an ein re^elmaBiges
Leben gewohnen und werfen sich schliefllich ganz dem Ver-
brecher- oder Zuhaltertum in die Arme, zu dem sie auf Grund
ihrer Veranlagung und ihres Milieus hiochst wahrscheinlich
auch ohne ihre Prostituiertenjahre gekommen waren. Eins laBt
sich deutlich verfolgen. Kein heterosexueller Prostituierter
erwirbt durch Gewohnheit gleichgeschlechtliche Triebe, ebenso-
wenig wird ein homosexuell veranlagter Strichjunge aus tlber-
sattigung am Manne heterosexuell.
Viele „zehreu", wenn sie alter werden, j,von Erinnerungen", in-
dem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen, die ihren Stand-
ort kreuzen, um kleine Geldbetrage „anbohren", was sie als ^Zinsen-
einholen" oder „tirachen" bezeichnen. Vielfach fiihren die mannlichen
Prostituierten auch Spitznamen, wie Lippenfritz, Fiillfeder-Otto, Stu-
dentenemil, Fosenrichard ; die feminineren Madchennamen : wie Hunde-
lotte, Lotle aus dem Weston, Georgette, die Wienersche, die „pom-
mersche Gans**, besonders viele Namen beziehen sich auf das hau-
figo Auf suchen von Bediirfnisanstalten, wie Blechkonfektionose,
Rotundelein, Locusblume, Pilitazie. Tardieu^*) fiihrt folgeiide „8ur-
23) Cf. Tatigkeitsbericht der Zentralstelle fiir Jugendfiirsoi-ge fiir
das Geschaftsjahr 1905/6.
2*)Ambroise Tardieu, Etude modico-legale sur les atten-
tats aux moeurs. 5me ^d. Paris, 1867, p. 187.
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72S
noms** Pariser Prostituierter auf : „Pi8tolet, la Grille, le Paletot, Macaire,
le Gendarm, Coco, Pisse-Vinaigre, Tuyau de Po§le, la Marseillaiae^
la Nautaise, la Pep^e, la Bouch^re, la L^ontine, la Folle, la Fille k
la mode, la Fille k la perruque, la Reine d' Angle terre."
Ini iibrigen stellt die Ausdrucksweise der Prostituierten ein Ge-
misch der Verbrechersprache mit dem bomosexuellen Jargon dar. In
den GroBstadtdokumenten2*a) gab ich noch einige Bei8pieli3: ,,Die
schwule Bande", die „warmen Briider*' oder die „Tanten" teilen sie ein
nacli ihrer Zahlungsfahigkeit in „T61en", „Stubben" und ;,Kavaliere",
sich selbst unterscheiden sie in „Klassepuppen", „Pennerjungen",
j.Rabeu*', ,,Raut)tiere" oder nach der Gegend: in ,„Kurfiirstendainm-
jungen", „FriedrichstraCenjungen", „Tiergartenjungen" etc. Geld haben
heiut ,,iu Form sein", in Not sein nennen sie „im Bruch sein", schla-
feji jjpennen*', betteln ,,abwackeln", Furcht vor der Polizei ,,Lampen
haben", kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die Tour
sei ihnen vermasselt", fortlaufen heifit ,,tiirmen", werden sie von den
„Greifern**, d. h. den Kriminalbeamten oder den Blauen — das sind
die Schutzleute — abgefaBt, so nennen sie das „auffliegen'*, „alle
werden" oder „verschiitt gehen''. Dann kommen sie erst auf die
„Polente'*, das Polizeibureau, dann ins „Kittchen", das Untersucliungs-
gefangnis, um dann, wie sie sich euphemistisch ausdriicken, in einen
„Berliner Vorort'* zu Ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plotzensee
und Rummelsburg, die Sitze der Strafgefangnisse und des Arbeitshauses.
Das Erpressen selbst in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie:
„abkochen", „hochnehmen", „prellen", „neppen", „abbiirsten", „rupfen",
„klemmen" ; anzeigen heifit „pfeifen" oder „hochgehen lassen". Jeder
Geschlechtsakt hat mehrere besondere Bezeichnungen, beispielsweise
heifit die Masturbation ,,Handarbeit", die fellatio „blasen**, die immissio
in anum „verkacheln" usw. Die Herbeifiihrung des Orgasmus nennen
sie „fertig machen". Die Ausdriicke, „er ist gut oder schlecht be-
schlagen**, beziehen sich auf die GroBe des membrums. Der Charakter
eines Prostituierten wird durch die gegensatzlichen Worte ,,kess",
was so viel wie dreist, gewitzt und ,,dow**, was naiv, gutmiitig bedeutet,
bezeichnet. Ist ein Strichjunge, der in Berlin auch -vielfach eine
„Pupe" oder ein „Pupenjunge", heiBt, selbst homosexuell, so nennt
er sich „a. s." (auch so), in den letzten Jahren wohl auch „h. s." (liomo-
sexuell). Mit den gleichen Buchstaben werden auch die „Freier*' charak-
terisiert ; von einem zum Verkehr bereiten Heterosexuellen sagen sie
m. m. (macht mit), in Osterreich hat man fiir heterosexuelle Prosti-
tuierte den Ausdruck „franke Burschen*' ; die Abkiirzung t. u. (total
unverniinftig) bedeutet einen vollig normalen, was die Bereitwilligkeit
zum Geschlechtsverkehr nicht ausschlieBt. Es ist durchaus nicht
leicht zu entscheiden, welcher Kategorie die sich auf den Sti*aBen
und in Lokalen Feilbietenden angehoren, sehr viele, die absolut normal
sind. spielen sich auf „echt" heraus, w^eil dies die ..Freier" unbesorgter
macht. Andere, die homosexuell sind, geben sich als ganz normal aus,
weil sie meinen, daC sie dies begehrenswerter macht und ihnen eine
bessere Bezahlung sichert. Der in Osterreich fiir Homosexuelle viel
cebrauchte Ausdruck Busseranten soil von dem beim Billardspiel von
hinten a la buzzera (italienisch) gefiihrten StoB herriihren.
Sehr merkwiirdig sind viele nur dem Eingeweihten ver-
traute Satzbildungen. Die meisten Ausdriicke dieser Geheim-
s p r a c h e haben eine mehr ortliche Verbreitung. So bieten sich
in Hamburg oft Leute aus dem Volke Homosexuellen mit den
**a) Berlins drittes Geschlecht. GroBstadt-Dokumente Bd. 3.
15. Aufi., Berlin u. Leipzig, p. 67.
46 •
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724
Worten an: „Wir stellen ock Kommoden urn*' (wir stellen auch
Kommoden um). Als ich bei einer Ftihrung durch St. Pauli diese
Worte zum ersten Male horte, waren sie inir, wie den meisten
Premden, ganz unverstandlich. Von meinem Begleiter erfuhr
ich ihren Sinn. Vor vielen Jahren lebte in Hamburg ein Timing,
der die Gepflogenheit hatte, auf den Arbeitsmarkt zu kommen,
wenn sich die Arbeitslosen dort Stellen suchend • drangten.
Er suchte sich unter den Burschen den aus, der seiniem
Geschmack am meisten zusagte und fragte ihn auf Ham-
burger Piatt, ob er ihm wohl gegen ein kleines Entgelt
helfen wollte, Kommoden in seiner Wohnung umzustellen. Jeder
nahm bereitwilligst an und straubte sich auch nicht, wenn er
in der Behausung des Herrn angelangt, wahrnahm, daB dieser
ganz andere Wiinsche, als die vorgegebenen hatte. Nadidem'
sich dieser Vorfall mehrfach wiederholt und allmahlich herum-
gesprochen hatte, begegnete es dem Herrn, dafl, wenn er auf dem
Arbeitsmarkt erschien, ihm bereits eine ganze Anzahl Burschen
entgegenkam mit den Worten: ,,Wir stellen ock Kommoden um''.
Nach und nach nahm nun dieser Satz den Charakter eines ge-
fltigelten Wortes an, das sich liber den Sammelplatz der Ar-
beitslosen hinaus verbreitete, besonders unter den Schiffern am
Hafen, den Obdaehlosen der Parks und alien denen, die sich aus
Geldmangel gegen eine Kleinigkeit Homosexuellen zum Verkehr
anbieten wollten.
Eine vcrwandte Redewendung in Berlin lautet: „Karl maoht Cber-
stunden**, womit von jemandem, der im iibrigen arbeitet, ausgedriickt
werden soil, dafi er sich durch homosexuellen Verkehr Nebeneiunahmen
verschafft ; sie riihrt davon her, daB eininal die Mutter eines solchen
Burschen, als sein Vater sich erregt dariiber aussprach, wo er denn die
halben Nachte zubrachte und woher er das Geld bekame, um sich so
schone Wiische und Ringe anzuschaffen, beschwichtigend erwidert
haben soil: „Du solltest Karl nicht schelten, er macht Oberstu^iden."
In Siiddeutschland hort man nicht selten von jemand: „Er wohnt in
der Gabelsbergergasse", womit ein Urning einem anderen iiber einen
Prostituierten mitteilen will, er werde, falls er mit ihm verkehre,
eine Enttauschung erleben. Als Ursprung dieser Geschichte wird fol-
gendes angefiihrt. In Miinchen sei einmal am Karlsplatz tief in der
Nacht ein Fremder von eineni Strichjungen angesprochen und aufge-
fordeio worden, mit in seine Wohnung zu kommen, sie sei ganz nahe,
in der Gabelsbergergasse. Der Herr, welcher sehr ermiidet war. und
keine rechte Lust hatte, gab dem Drangen des Jungen nach, und ging
an seiner Seite einen ihm endlos scheinenden Weg, der in einer weit
abgelegenen droschkenleeren Gegend endete. Als sich im Zimmer
nun beide entkleidet hatten, hetastete der Herr seinen Begleiter,
wobei ihm, als er ,,nichts" fiihlte, plotzlich die Geduld riB; wiitend
sprang er aus dem Bett, warf sich in die Kleider und stiirzte mit den
Worten davon: „und um so etwas lockt mich dieser Mensch nach der
Gabelsbergergasse".
Solche Redensarten, die auf einen gewissen Vorfall zuriickgehend
nur einem kleinen Kreise verstandlich sind, von nicht uuterrichteten
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aber ganz anders gebraucht werden, finden sich unter den UrningeD
fast a 1 1 e r Lander.
Alls Cuzco (Peru) berichtete mir ein Urning, dafi die Dortigen von
jemandem, der das weibliche Geschlecht meidet und im Verdacht
solitarer oder mutueller Onanie stande, zu sagen* pflegen, „er hjat
ein Verhaltnis mit Senora Manuel a . Mein Korrespondent
merkte erst allmahlich, dafi Manuela in diesen Fallen nicht den dort
sehr verb reite ten Madehenvornamen bedeute, sondern von mano = die
Hand abzuleiten sei.
Auch die parasitaren Anhangsel der Prostitution : das Z u -
halter-, Bordell-,Kuppler- und Schlepperwesen,
fehlen der gleiehgeschlechtlichen Prostitution nicht voUig. DaB
sie nicht haufiger sind, diirfte darin begrtindet sein, daB die
voriibergehende und Gelegenheitsprostitution ungemein viel ver-
breiteter ist als die gewerbsmaBige, ferner darin, daB die mann-
lichen Personen immerhin eine ungleich groBere Selbstandigkeit
besitzen, die vor alien Dingen auch darin zum Ausdruck kommt^
daB sie ihren Geldverdienst anoglichst fiir sich allein zu be-
halten und zu verwerten trachten.
So sehen wir, daB es eigentlich nur die unselbstandigen, schutz-
bediirftigen Elemente sind, die sehr jungen und femininen, die in
dieser Weise ausgenutzt werden. Der gewohnlichen Wohnungskuppelei
leistet naturgemafi groCen Vorschub die fiir den Homosexuellen be-
sonders schwierige Unterschlupfsfrage ; iu seine Wolinung den Prosti-
tuierten mitzunehmen. tragt er begreifliche Scheu, dieser sclbst ver-
fiigt aber oft auch nicht iiber ein ungeniertos oder geeignetes Quartier,
ist vielleicht sogar obdachlos ; in nicht geschlossenen Raumen wiederum
droht die Gefahr der Erregung offentlichen Argernisses. Wir wiesen
oben bereits darauf hin, wie leicht sich alle Besitzer von Af-
steigequartieren, maisons de passe, Badern, ja selbst von liokalen
und Privatwohnungen der homosexuellen Kuppelei schuldig machen
konnen. und es liegen auch nicht wenig Falle vor, wo Anklagen mit
Aburteilungen aus diesem Grunde erfolgten.
Einen Schritt weiter geht noch der Kuppler, der nicht nur den
Raum, sondern auch das Objekt der Betatigung zur Verfiigung stellt,
sei es gewerbsmaCig gegen oder gewerbsmaBig oline Entgelt. Hat er
die Burschen nun noch bei sich wolinen, nimmt fiir den Verkehr der
Herreu mit ihnen seinerseits die Bezalihmg entgegen, schafft ihnen
dafiir Kost und Kleidung an und entlohnt sie nach einem bestimmten
Satze Oder laBt sich von ihnen die Hiilfte oder einen Teil ihres
Verdienstes abgeben, so ist das richtige Bordell fertig. Ihre Existenz
ist vielfach in Zweifel gezogen, es ist aber ganz sicher, daB sie vor-
gekommen sind und auch heute noch existieren, wenngleich selten.
In China unterschied man bis vor kurzem Weiberbprdelle, die in
der Hauptsache dem Mannerverkehr, ausnahmsweise aber audi dem
homosexuellen Frauenverkehr dienten, sowie Mannerbordelle, die fast
ausschlieBlich dem homosexuellen Mannerverkehr, selten dem Verkehr
heterosexueller Frauen dienten, und gemischte Bordelle, in dencn alle
vier Arten des Verkehrs vorkamen, wenn schon im wesent lichen so-
wohl die weiblichen als die mannlichen Insassen von heterosexuellen
und homosexuellen Mannern besucht wuraen.
Libermann26) erzahlt, daB urn die Mitte des vorigen Jahr-
hunderts, als er China bereiste. sich allein iu Tientsin 800 junge mann-
liche Prostituierte in 35 Bordellen aufhielten.
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Aus Peru berichtete mir ein Heterosexueller, dafi in fast alien
Limenser Bordellen sich auBer den weiblichen auch einige mannliche
Proslituierte zur Verfiigung stellten. U 1 r i c h s 2^) veroffentlicht fol-
gende Stellen aus dem Brief e eines tiirkischen Generals: „Tn einer
Gasse von Galata Jaat die Gottin der Lust ilir Zelt aufgesclilagen.
Diese Hauser existicren in Wirklichkeit, existieren als offentliche,
vom St-aate geduldete Anstalten. Ich sah diese Buben, das llaupt um-
wallt von iippigem Lockenhaar, gekleidet in goldgestickte Kleider, mit
vielen Zieraten behangt, das Gesicht reizend geschminkt." ,,Die
Quartiere, die sie bewolmen, sind zugleich als Kaffeehauser einge-
richtet. Uben die Buben ihr Handvverk nicht^ so unterhalten sie die
Gasl<3 mit Gesang, Tanz, Gaukeleien und Mandolinenspiel. Tag und
Nacht sind die Hauser von einer '^Unzahl von Giisten belagert."
Ich selbst konnte bei meinem Besuch in der Tiirkei in Galata
und auch in Pera keine eigentlichen Knabenbordelle mehr ausfindig
machen, dagegen wurde mir eines in Stambul nahe Karaba<rdscJie
gezeigt. Es gehorte einem Griechen und enthielt sieben jungen
von 1*1 bis 20 Jahren, meist Griechen, alle mit Fez. Man trat
in ein armliches Empfangszimmer, das leer war. Die Jun-
gen schliefen oben in einem Raum zusammen. Der Haushiiter
tragte, was fiir einen dschotschuk (Jungen) die Herren ungefahr
haben wollen, und brachte dann einige zur Auswahl. Der Besucher
sog sicli mit einem in ein separates Zimmer zuriick, nachdem er
vorher dem Wirt 25 Piaster behandigt hatte. Der dtschocschuk er-
hielt nur ein geringes Bakschisch, das ihm vermutlich der Hausinhaber
auch noch abnahm. Diese Bordelle sind nicht auf den Orient be-
schrankt. Ulrichs schreibt: „Vom Staate zwar nicht de jure
vollstandig, aber de facto geduldet, existieren sie auch in Neapel,
Palermo, Madrid, Lissabon usw. heimlich und vor der Polizei keinen
Augenblick sicher, auch in Paris, ja, sogar in Berlin."
Mir selbst liegen verbiirgte Schilderun^en u. a. aus Marseille, Briis-
sel, Rotterdam vor. Cber Berlin finde ich einen Bericht vor aus dem
J a lire 1785, enthalten in den ,,Briefen aus den Galanterien von Ber-
lin*'. In einem dieser Briefe, der in seinen Irrtiimem und Kontra-
instinkten ebenso bemerkenswert ist wie in seinem sachlichen Inhalt,
schreibt der Verfas^ser: ,,Ich habe Ihnen schon gesagt, dafi die Knaben-
liebe hier sehr im Schwange ist. Ich sagte,Ihnen auch schon, daI3 es hier
sogar Hauser gabe, wo die Bubchen sich, wie die Miidchcn in den
ofientlichen Hausern, darstellen. Ich konnte mir von der Beschrei-
bung keine Vorstellung machen, die man mir davon gab. Ich gestehe,
ich war neugierig genug, mich durch Herrn W . . . hinfiihron zu
lassen. O, Freund, wie bebt der rechtschaffene Mann vor dem Anblick
solcher Unflatereien zuriick. Eine Versammlung von 10 bis 12 Knaben
vou verschiedenem Alter — Manner von verschiedenen Charakteren
an ihrer Seite — auf jedem Gesicht e FrauenwoUust — und so weiter.
Mit Verwunderung sah ich den Liebkosungen zu, mit welchen die
alteren Bocke den jiingeren begegneten. Weder SiilJigkeiten uoch Un-
kosteu wurden gespart, das Biibchen zu ^ewinnen. Da trank ein
vierschrotiger Bacchant seinem Ganymed aus voUen Weinbechern zu.
Dort schmiegte sich ein zweiter zu dem seinigen mit dem warmsten
Gefiihle von Entziicken ; hier tandelte wieder im Gegenteile ein loser
Bube uui den Bauchgiirtel seines Zeus, und dort verschwand der Sieger
mit seinem thrakischen Raube. Kurz, Freund, es iibersteigt alle Er-
26) Libermann, H., Les Fumeurs d'Opium en Chine. Etude
m6dicale. Paris 1862. p. 64 ff.
27) Ulrichs, Ara spei, p. 9.
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warlung. die man sich von der wilden Brunst dieser Versammlung
macht. Ich konnte dem abenteuerlichen Spektakel unmoglich lange
zusehen. Der Gedanke erregt schon Grauen in mir — und der wirk-
liche Anblick, sollte es der nicht auch? — Ich schlich mich bald
wieder aus dieseni Sodomitentempel zuriick. Bestiirzt von der Wild-
heit der meuschlichen Leidenschait — und betaubt von den ekel-
haften Eindriicken, die der Anblick derselben auf mich wirkte, kam
ich nach Hause. — Ich beteure Ihnen, dafi ich meine Neugierde noch
bis diese Stunde mir nicht vergeben kann. Seit diesen Tagen mache
ich fast taglich neue Entdeckungen. Man versicherte mich, daC diese
Ausschweifung erst seit den Zeiten Voltaires hier Mode vvurde.
Durch den ZusammenfluB der Fremden von alien Nationen ware dieses
Laster noch allgemeiner geworden. Der Italiener habe auch in der
kiilteren Zone Berlins nicht seinen Geschmack ablegen konnen, und
dies um so mehr, da er hier, gegen Italien gerechnet, ur^leich mehrern
Reiz an hiesigen Ganymeden fand. Der Reiz der Neuheit, die Schwierig-
keiten, die anfangs dam it verknupft waren,- und dann die Kaprizen —
alles dies trug mit bei, daU man anfing, eine Lieblingsidee aus der
Knabenliebe zu machen.
Der erste Eifer ging soweit, daB sich die jungen Biirschchen, die
sich der Paderastie bestimmten, durch sichtbare Kennzeichen ira An-
zuge von den iibrigen unterschieden. So war lange Zeit ein Jiingling
mit einem starken Haarzopf, stark bepudertem Riicken und einer
dicken Halsbinde ein Zeiclien, daU er in die Gesellschaft der Warmen
gehore. Die Mitkonsorten wurden aber, da man an den dicken Zopfen
und stark bepuderten Riicken und dergleichen bald als einer neuen
jliode ein Wohlgefallen fand und nachahmte, sehr oft in ihrer Er-
wartung hintergangeu." So ging es im Jahre 1785 in Berlin zu.
Auch in einem Werk 29) aus der Mitte der vierziger Jahre wird be-
richtet, dali die Polizei in Berlin ein ordentliches, auf diesem Laster
basierendes Bordell aufgohoben hat. Auch Moll 3®) berichtet,, daB
es friiher eine Art Bordell fiir die mannliche Prostitution ' in Berlin
gegeben haben soil, wo ein iilterer Mann die „Oberaufsicht" iiber
die daselbst getriebene Unzucht fiihrte, und wo es natiirlicli auf
Erpressung abgesehen war. Dieses ,, natiirlicli" ist insofern unan-
geciracht, als gerade die Bordellwirte im allgemeinen darauf Acht
geben, daO bei ihnen keine Erpressungen vorkommen, um sich nicht
selbst in Verwicklungen zu bringen.
Gegenwartig sind mir eigentliche B o r d e 1 1 e in Berlin nicht
bekannt, dagegen horte ich von einer Anzahl von Quartieren,
deren Wirte den Besuchern Burschen besorgen, von denen sich
einige gewohnlich an Ort und Stelle aufhalten ; bei raehreren
wohnen die Jungen direkt im Hause, so daC an dem Begriff
des Bordells nicht mehr viel fehlt.
Verbreiteter als die Bordelle ist zweifellos das homosexuelle
Zuhaltertum. Dieses tritt so in die Erscheinung, daB ein
alterer Bursche, der friiher meist selbst Prostituierter war, ofter
es auch noch ist, einen jtingeren zum Mannerfang anhalt, von
dessen Erwerb er „ganz oder teilweise" lebt. Haufiger ist der
jtingere ein femininer Homosexueller, der in den alteren heftig
• #
29) Cit. bei O s t w a 1 d , Das Berliner Dirnentum : Mannliche
Prostitution, Bd. 5, 4. Aufl. Leipzig.
30) A. Moll, I. c. p. 250.
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verliebt ist, ahnlich wie eine Dime in ihren Zuhalter, and
der deshalb wie diese alles tut, was man ihm sagt. Es entwickelt
sich dann nicht selten ein sexuelks Horigkeiteverhaltnis.
Empfinden die Zuhalter in diesen Fallen meist selber homo-
sexnell oder bisexuell, so gibt es andrerseits auch Verhaltuisse, in
denen sich ein homosexueller Zuhalter — meist ein herabgekommener,
aus seinem Kreise gestoBener Urning — mit einem Burschen, gewohn-
lich einem heterosexuellen, zusammentut, dam er beibringt, wie Homo-
sexnelle zu nehmen und hochzunehmen sind. So ergab sich vor einigen
Jabren in einem ErpresserprozeB gegen einen Schlachter, der einen
Aristokraten zum Selbstmord getrieben hatte, daB der Angeklagte
mit einem Graf en zusammenlebte, der ihm augenscheinlich Zuhiiltcr-
dienste geleistet hatte.
Zwischen Homosexuellen imd Zuhaltern bestehen noch andere
eigenartige Beziehungen. Der Urning aus dem Volk, welcher oft in
naiver Weise glaubt, daB das staatliclie Recht, welches ihn fiir einen
Verbrecher halt, auch „recht" habe, fuhlt sich mit den Zuhaltern
durch die gleiche soziale Verfehmung und Furcht vor der Polizei vor-
bunden, wobei sich viele, auch aus besseren Kreisen zu ihnen als
Typen hingezogen fiihlen. Diese Beziehungen finden ihren Ausdruck
audi in gemeinsamen Festen. So werden in Berlin von Zeit zu
Zeit Herrenabende veranstaltet, mit Liebhabervorstellungen, bei denen
die mannlichen Rolleu alle von Zuhaltern, alle weiblichen von femiiiinen
Homosexuellen gegeben werden. Das sehr zahlreiche Publikum dieser
Theatervorfiihrungen setzt sich ebenfalls teils aus Homosexuellen, teils
aus Zuhaltern und deren Anhang zusammen. Besonders kommt das
Voyeurtum bei diesen Darbietungen auf die Kosten, da bei diesen in
geschlossenen Kreisen stattfindenden Vorfiihrungen Szenen mit kiinst-
licheu Phalli aufgefiihrt werden, die jeder Beschreibung spotten.
Zahlreicher als die Zuhalter mannlicher sind die Z u h a 1 1 e -
r i n n c n weiblicher Prostituierter. Das gemeinsame beider Kategorien
besteht in der Homosexualitat der Prostituierten selbst, wahrend sonst
gerado umgekehrt, im mannlichen Betriebe die Zuhalter der Jungen
meist heterosexuell, ihre „Freier" homosexuell, im weiblichen die Zu-
halterinnen der Madchen homosexuell, deren Freier heterosexuell zu
sein pflegen.
tJnsere Gesetze — der Zuhalterparagraph 181 a — beriicksichtigen
librigens weder die Zuhalterin noch den Zuhalter eines mannlichen
Prostituierten. Dabei sind die weiblichen Zuhalterinnen durchschnitt-
lich noch brutaler als ihre mannlichen Berufskolkgen ; so ereignete
sich im Jahre 1905 in Berlin der folgende Auftritt zwischen einer
Zuhalterin H. und ihrer „Freundin** R., iiber den wie folgt berichtet
wird: Im Moabiter Krankenhause wurde die 21iahrige Kellnerin H.
mit einem Schiidelbruch eingeliefert. Auf einer Ballfestlichkeit hatte
diti H. mehrfach mit einem Ilerrn getandelt, worauf sie die 11. in der
Garderobo zur Rede stellte. Es kam zu einer Auseinandersetzung, in
deren Verlaufe die R. die H. die Treppe hinunterstieB. Sie blieb
schwerverletzt am FuBe der Treppe liegen und erlitt einen schweren
iSchadelbruch. ^i)
Einen verwandten Fall berichtet B a u m a n n ^2) aus Paris ; er
schreibt: Das zweite Duell homosexueller Frauen, zu d?m ich zufallig
nachts gogen zwolf Uhr kam, spielte sich zwischen zwei Prostituierten
ab, in der Rue Quincampoix, einer der StraBen des iibelberiichtigten
30 Cf. Monatsberichte des W.-h. K. 1905, Wr. IV. p. 10.
s?) Cf. „Die Zeitschrift", Herausgeber Alber Helms, 3. Jahrg.,
Heft 2, 2G. Oktober 1912 p. 54 f: ,.Duelle homosexueller Frauen in
Paris. Ein Sittenbild" von F. Baumann (Paris).
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Faubourg- Quartiers, inmitten der Stadt. Aus einer Winkelkneipe
schallte mir heftiger Streit entgegen, der in der oden, schmalen StraUe
eiu Echo fand. Es waren Frauenstimmen, die sich darum stritten, wem
„la petite Margot" gehore. Schallendes Gelachter einiger Burschen
von nicht gerade vertrauenerweckendem AuBern begleitete die gegen-
aeitigen Insulten, die sich die AVeiber zuriefen. Es ist selbstverstand-
lich nicht ratsam, sich einer solchen Gesellschaft zu zeigen, und so
stand ich im Schatten eines Torbogens dieser sparlich beleuchteten
Strafie. „Si tu n'es pas une canaille, tu sors avec moil" rief die eine.
Diese in den Apachenkneipen iibliche und auch von den Prostituierten
akzeptierte Herausforderung war kaum gefallen, als auch schon die
beiden Weiber auf die StraBe traten. Beide waren, dem Aussehen nach,
altere Prostituierte, ziemlich haBliche, magere Gestalten, um die sich
die librigen Anwesenden gruppierten. Die eine der Hetaren zog aus
der Tasche ihres Unterrockes ein blinkendes Stilet, wahrend erleich-
zeitig die andere ihrem Corsage ein Fleischermesser entnahm und
sofort auf ihre Gegnerin eindrang. Sie stachen mit einer unbeschreib-
lichen AVildheit auf einander los. Die paar Burschen, welche die duel-
lierenden Weiber umstanden, munterten sie durch Zurufe auf. Das
Schauspiel, das ich so mit ansehen muBte, war ein geradezu grauen-
haftes. AVilde Bestien konnen sich nicht wiitender zerfleischen, .als
diese beiden rasenden Weiber es taten. Die Schauderszene scliien
mir eine Ewigkeit zu dauern, und doch waren noch nicht fiinf
Minuten vergangen. als eine der Kampfenden mit einem Aufschrei zu
Boden fiel. „La Tinette a son affaire !" rief einer und hielt das
andere AVeib zuriick. Dieses stand einen Moment still, setzte sich dann
mit einem „ Je pense bien ! Alors Margot sera la mienne" auf den
Trottoirrand. Im gleichen Moment fuhr in raschem Tempo, unhorbar, eine
Patrouillo der Agents cyclistes daher. Im Nu waren die drei Polizisten
vou ihren Velos abgesprungen. Doch es gelang ihnen nur noch, einen
der Burschen festzunehmen ; die andern hatten die Flucht ergriffen.
Sie wurden auch von den Schutzleuten nicht verfolgt, als ich diesen
erklart hatte, daB die Burschen lediglich Zuschauer des Frauenduells
gewesen seien. Uberdies hatten sie genug mit den Weibern zu tun.
Die eine lag entseelt in ihrem Blute. Die andere blutete aus
mehrereii Wunden und war einer Ohnmacht nahe. Diese wurde ra-
schestens ins Hotel Dieu getragen, in welchem Spitale die Arzte sieben
Stichwunden feststellten, von denen aber keine direkt lebensgefahr-
lich war.
Die Untersuchung des Vorfalles ergab, daB „La petite Margot",
um deren Gunst die beiden Weiber, von denen das eine 38, das andere
46 Jahre alt war, gebuhlt haben, eine vierzehnjahrige Prostituierte
war, die aber ihrer korperlichen Entwicklung nach als achtzehnjahrig
gelten konnte. Die Getotete soil manchmal tagelang nur trockenes Brot
gegessen und wiederholt Geld, das sie in Ausiibung ihres Handwerkes
eben eingenommen hatte, dem jungen Madchen, wenn sie ihr gerade auf
der StraBe begegnete, eingehandigt haben."
Eine weitere, im homosexuellen Betriebe relativ starker als im
helerosexuellen verbreitete Kategorie sind die Besorger und Zu-
fiihrer. Wohlhabende Homosexuelle haben ahnlich veranlagte Freunde,
mit denen sie nicht geschlechtlich verkehren, die ihnen aber Personen
verschaffen, mit denen sie sich ohne Risiko einlassen konnon. Es
sind dies meist Vertrauenspersonen, die sie als Sekretare, Reise-
begleiter oder Diener beschaftigen, und die sich so in den Geschmack
ihres Herrn hineingelebt haben, daB sie genau wissen, womit sie
ihn „erfreuen". Es Uegt auf der Hand, daB diese Klasse von „S c h 1 e p-
pern" stark durch die Gefahren und VorsichtsmaBregeln gefordert
wird, die der homosexuelle Verkehr mit sich bringt.
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Wie Iwan Bloch in seinem groflen Werke liber die
Prostitution nachweist, hat die Prostitution historisch sich
meistens im AnschluB an religiose Kulte entwickelt, und dem-
entsprechend auch topographisch ihren Ausgangspunkt entweder
dii*ekt von den religiosen Verehrungsstatten (Tempelprostitution)
genommen oder eich eng an diese angeschlossen, indem die
ersten Bordelle in unmittelbarster Nahe berlihmter Tempel —
namentlich der Liebesgottin Astarto (Aphrodite) — angelegt
wurden. Sowohl die Tempelprostitution wie diese Bordelle galten
dent heterosexucUen und homosexuellen Liebesverkehr, beher-
bergten daher Lustknaben wie Dirnen. Noch jetzt gibt es
auf Borneo^^), Celebes^^) und sogar unter den zum Christen-
tum libergetretenen Einwohnern der Insel Luzon^^) Priester,
die sich weiblich kleiden und sich gegen Bezahlung zu
homosexuellem Verkehr hergeben.
Die „gastliche" Prostitution lehnte sich unmittelbar an die reli-
giose, indem den oft von fernher kommenden Verehrern der Gottheit
neben sonstiger gastfreier auch sexuelle Bewirtung geboten wurde.
Bei der voUigen Analogic der mannlichen und weiblichen Prosti-
tution hinsichtlich ihrer Entsteliung im Anschlufi an religiose Kulte
ist es selbstverstandlich, dal3 auch die Entwicklung der gastlichen
aus der religiosen Prostitution sich in gleicher Weise fiir den homo-
sexuellen wie den heterosexuellen Verkehr vollzog. Als die religiose
Prostitution sich profanierte, verschwand die gastliche nicht voU-
slandig, wenn auch das Bediirfnis nach ihr mit der leichten Zuganglicli-
keit der allgemeinen Prostitution immer geringer wurde. la Kudi-
menten hat sich aber gerade die homosexuelle Form der gastlichen
Prostitution bis in unsere Zeit erhalten. Als gesellschaftliche Sitte
begegneii wir ihr noch gegenwartig gelegentlich in homosexuellen
Kreisen, sei es, daB der urnische Gastgeber anlaBlich einer Festlich-
keit Jiinglinge zur Ergotzung seiner Gaste einladet, sei es, daB
der homosexuelle Wirt einem ebenso veranlagten Logierbesuch einen
Bettgenossen fiir die Nacht zur Verfiigung stellt. —
Wie schwer im homosexuellen Verkehr die Grenzen der
Prostitution zu ziehen sind, zeigt nichts mehr als das Beispiel
der mit Unrecht oft so benannten Soldaten prostitution. So
lange es Krieger gibt, haben diese auf homosexuelle Manner eine
besonders groBe Anziehungskraft ausgetibt, und auch unter den
Soldaten selbst ffab es stets eine erkleckliche Anzahl nicht
3*) Cf. Sexualprobleme, 1912, p. 843: Die sexuelle Moral der
primiliveu Stamme Indonesiens. Von H. B e r k u s k y. Fortsetzung
und SchluB.
Ci. auch ibid. p. 857: Anm. 92: H. Ling Roth: „The Native
Tribep" Bd. II, S. 176.
35) Ibid. Anm. 95. A. C. K r u y t , Beobachtungen an Leben und
Tod, Eho und Familie in Zentral-Zelebes, Zeitschrift fiir Sozialwissen-
schaft, Bd. 6, S. 710.
^^) II. K e r n , Een Spaansch schri jver over den godsdienst der
heidensche BikoUers, Bijdra^en VI. Folge Bd. 6, S. 231.
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nur selbst urniscli veranlagter, die sich gem an Homosexuelle
angeschlossan haben. Im allgemeinen pflegen sie es nur wahrend
ihrer Militarzeit zu tun, und lieUen es schon dadurch zweif el-
haft erseheinen, ob es sich wirklich um Prostituierte handelt,
die von einer geregelten Arbeit nicht viel wissen mogen. Sehr
mit R3cht sagt Pratorius^^) einmal, da6, wenn ein
Heterosexueller aus Freundschaft, aus Dankbarkeit ,usw.
ein Bundnis mit einem Homosexuellen eingeht, deshalb ein
solche« Verhaltnis nicht einem prostitutiven gleichgestellt werden
konne, zumal wenn flir den Heterosexuellen ethische Momente,
wie erzieherische Wirkung, Bildung seines Charakters, Forde-
rung seiner Fahigkeiten usw. durch den gtinstigen, liebevoUen
EinfluB der Homosexuellen in Betracht kommen. Dies gilt fiir
die Soldatenfreundschaft in ausgesprochenstem MaBe.
Die Griinde, welche den Soldatea zum A^erkelir mit Homosexuellen
veranlassen, sind mannigfach ; einmal der Wunscli, sich das Leben
in der GroBstadt etwas komfortabler zu. gestalten, besseres Essen,
mehr Getranke, Zigarren und Vergniigungen (Tanzboden, Theater) zu
haben: dazu kommt, dafi der oft sehr bildungsbediirftige Landwirt,
Handwerker oder Arbeiter im Verkehr mit dem Homosexuellen geisti^
zu profitieren hofft ; dieser gibt ihm gute Biicher, spricht mit ihm
iiber die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich
schickt, und was er nicht tun soil ; das oft droUige Wesen des Urningai
tragt audi zu seiner Erheiterung bei. Weitere Momente sind der Mangel
an Geld oder an Madchen, die dem Soldaten nichts kosten, die Furcht
vor Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleiben-
den Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue ge-
schworeu hat, und die in jedem ,,Schreibebrief" angstlich an diesen
Schwur gemahnt. Als ich einmal in einer urnischen Soldatenkneipe
Berlins einen reichen Bauernsohn, der bei den Dragonern diente,
fragte, weshalb er mit Mannern verkehrte, erwiderte er: „Um meiner
Braut treu zu bleiben". Man muC die Innigkeit solcher Beziehungen,
den Stolz auf der einen, die Anhanglichkeit auf der andem Seite oft
zu beobachten Gelegenheit gehabt haben, um zu erkennen, dai3 die
Vorstellung, welclie wir mit dem Worte Prostitution verbinden, die
Sache nicht deckt. -
Lereits in den ,.Grofistadtdokumenten" sprach, ich mich dahin aus,
„dafi die Soldatenprostjtution in einem Lande um so
starker ist, je mehr die Gesetze die Homosexualitat?
V e r f o 1 g e u. Offenbar hibigt diese Tatsache damit zusammen, daC man
in Landern mit Urningsparagraphen von den Soldaten am wenigstcn Er»
pressungen und andere Unannehmlichkeiten zu befiirchten hat". Ich'
zitierte auch an dieser Stelle einen Gewahrsmann, der London, wo sich
in den belebtesten Parks und StraBen vom Spatnachmittag bis nach
Mitternacht zahlreiche Soldaten in unverkenn barer Weise feilbieten,
Berlin, Stockholm, wo sogar Patrouillen auf Soldaten fahndeten, die zu
dem erwahuten 2wecke „herumstreichen", Helsingfors und Petersburg auf
der einen und auf der anderen Seite, Paris, wo er „in 18 Monateu
3") Bei Besprechung des Buches von Hanns Fuchs: Ideen
zur sozialen Losung des homosexuellen Problems. Leipzig 1906. Im
Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, VIIL Bd. 1906 p. 752.
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nur Kudimente eines militarisch^n Striches" nachweisen konnte, sowie
Amsterdam, Briissel, Rom, Neapel und andere Stadte ohne Urnings-
paragraphen miteinander verglich und zu dem Schlusse gelangt, daU
in alien europaischen Landern mit strengen Strafbestimmungen gegen
den homosexuellen Verkehr die Hingabe von Soldaten in einer Weise
auftritt, die man nicht fiir moglich halten sollte, wenn man es nicht
mit eigenen Augen beachtet hat, wahrend man in Landern ohne
Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung bemerkt. Der
„militarische Strich", auf dem die Soldaten einzeln oder in Paaren
gehend Annaherung an Homosexuelle suchen, findet sich gewohn-
lich unmittelbar an den Kasernen oder unweit dieser vor gewissen
Soldatenkneipen. Auch in diesen selbst, die in den Stunden von Feier-
abend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten sind, finden sich vielfach
Homosexuelle ein, die die Soldaten freihalten und so Beziehungen mit
ihneii ankniipfen. Geschieht dies in starkerer Weise, so sind diese
Lokair meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem Militar
nacli kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend ein
Unbekannter gewohnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen" hat.
Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere ahn-
liche Lokale in derselben Gegend auf. Wiirde ein Normalsexueller
diese Lokale betreten, er wiirde sich vielleicht wundern, daB dort so
viele feingekleidete Herren mit Soldaten sitzen, im iibrigen aber wohl
kaum jemals etwas AnstoiJiges finden. Die hier bei Bockwurst mit
Salat uijd Bier geschlossenen Freundschaften zwischen Homosexuellen
und Soldaten halten oft iiber die ganze Dienstzeit, nicht selten dar-
uber hinaus, vor. So mancher Urning erhalt, wenn der Soldat schon
langst als verheirateter Bauer fern von seiner geliebten Garnison Berlin
in heimatlichen Gauen das Land bestellt, „Frischgeschlachtetes" als
Zeichen freundlichen Gedenkens. Es kommt sogar vor, dafi sich diese
Verhaltnisse auf die nachfolgenden Briider ubertragen; so kenne ich
einen Fall, wo ein Homosexueller nacheinander mit drei Briidern ver-
kehrte, die bei den Kiirassieren standen.
Uber den Charakter dieser Beziehungen habe ich friiher einmal^s)
folgende Schilderung gegeben: „Gewohnlich kommt der Soldat, wenn
der Dienst zu Ende, in die Wohnung seines Freundes, der ihm bereits
eigenhandig sein Lieblingsessen gekocht hat, dessen gewaltige Mengen
hastig verschlungen werden. Dann nimmt der junge Krieger in ge-
sundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa Platz, wahrend der Urning,
bescheiden auf dem Stuhle sitzend, ihm die mitgebrachte zerrissene
Wasche flickt. Wahrenddessen werden all die kleinen Einzelheiten
des koniglichen Dienstes bosprochen ; was der Alte (Hauptmann) beim
Appell gesagt hat ; was morgen fiir Dienst ist, wann man auf Wache
mul5, und ob man ihn nicht am nachsten Tage irgendwo vorbeimar-
schieren sehen konne. SchlieBlich geleitet man ihn bis in die Nahe
der Kaserne, nicht ohne vorher die Feldflasche mit Rotspohn ge-
fiillt und die Butterstullen eingepackt zu haben. Am Paradomorgen
aber steht der Urning an der Belle- Alliance- StraBe an der verabredeten
Stelle schon ganz friih, um ja noch in der ersten Reihe Platz zu be-
kommen. Hoffentlich ist sein Soldat Fliigelmann, daC man ihn auch
ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zuriickkommt,
und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen" in den
Zirkus, nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage aJs
Extrasold erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbiichse
versenkt hat. Ein noch groCerer Feiertag aber ist das „Kaisergeburts-
tagskompagnievergnugen**. Da geht der Homosexuelle als „Kousin"
39) GroCstadtdokumente, Berlins drittes Geschlecht, p. 48 f.
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mit seinem Freunde hin. In riihrender Gliickseligkeit tanzt er mit
dem Madchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er
hat keine Ahnung wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen,
und wahrend er das Madchen umfaBt hielt, nur an ihn gedaclit. Wo-
moglich spricht auch der Hauptmann mit ihm als Kousin seines Ge-
freiten oder Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daB
der Homosexuelle zu seinem Leidwesen diesem Festtage fernbleiben
muB, wenn er namlich einige Tage zuvor mit einem der anwesenden
Offiziere irgendwo an demselben Diner teilgenommen hat."
Hier von Prostitution zu reden, wie es beispielsweise H.
Ostwald*^), diese Bezeiehnung lebhaft verteidigend, in dem
Buche ,,Mannliche Prostitution** tut, scheint nicht gerecht-
fertigt.
Wie bedacht die Militarbehorden sind, die Annaherung zwischen
Homosexuellen und Soldaten zu verhindern, geht daraus Uervor, daB
deswegen nicht nur manche Restaurants, sondern auch manche Spazier-
fango der Garnison Berlins streng verboten sind, so das Waterloo-
■fer am Halleschen Tore, der Weg am „schwarzen Zaun", unweit
des Tempelhofer Feldes, einige Promenaden im Tiergarten. Neuer-
dings wird in vielen Regimentern in der Instruktionsstunde
den Soldaten besonders der Verkehr mit Homosexuellen unter-
sagt, es nutzt aber wenig, im Gegenteil, manche Unwissende werden
dadurch erst ,,auf die Idee gebracht", sich homosexuellen Umgang
zu suchen. Wirksamer war vielleicht ein Verfahren, das eiu alter
Wachtmeister von den Gardekiirassieren anwandte. Von dieser „Mut-
ter der Schwadron" heil3t es in einem Bericht: „Besonders verhaBt
war ihm, wenn Briefe aus Berlin an einen Mann der Schwadron kamen.
Auch Urlaub gab er an Wochentagen hochst ungern, weil er mit Recht
immer Beziehungen zu Homosexuellen witterte. Wenn manch* einer
in seiner Schwadron sich von weniger charakterfesten Kameraden
nicht auf Abwege zerren lieB, so war das nicht zum mindesten dem
bi*aven, alten Gottlieb zu danken. ,Mein Sohn, du tust mit die warmen
Briider verkehren ! Wenn du das nicht lal3t, so schreibe ichs an
deine Eltern!* So sagte er, vaterlich ermahnend, unter vier Augen
und blickte dem Kiirassier dabei scharf und zugleich mild bis tief
m die Seele." i
Vollkommen unrichtig ist die Meinung, da6 der erste Schritt
in den Beziehungen zwischen Soldaten und Homosexuellen infmer
von diesen ausgeht. Wenn seinerzeit Kriegsminister von
Einem im Deutsehen Reichstage sagte: „Die Tatsache steht
(allerdings) fest, daB unsere Soldaten sich nur mit Mtihe der
Angriffe erwehren konnen, die von diesen Buben auf sie gemacht
werden**, so zeigte er sich iiber den wahren Sachverhalt wenig
orientiert, ganz abgesehen da von, daB schon die Vorstellunjg,
die Riesen unserer Garde konnten sich' der Angriffe unsfei^er
Urninge nicht erwehren, dem Kenner geradezu lacKerlich' er-
scheinen muB. In Wirkliehkeit tibertrifft das Angebot der sich
zur Verfiigung stellenden Soldaten die Nachfrage der Homo-
sexuellen meist um ein Betrachtliches. Gewohnlich ist es ein
0) Hans Ostwald, a. a. O., p. 77 ff.
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Kamerad, der von den anderen in der Stube gefragt, wo er
denn das viele Geld bekomme, wer ihm die schone Extrauniform
gekauft hatte, den einen oder anderen in sein Vertrauen zieht,
mitnimmt, und „einfuhrt**. Es ist auch schon vorgekommen,
daB sich ein junger Burseh, der sich vorher Mannern fur .Geld
feilbot, freiwillig flir ein Regiment meldete, das eine recht
kleidsame Uniform tragt, weil er glaubt2, in der pelzverbramten
Atiila und den enganliegenden Beinkleidern, die Sonntags in
hohen Lackstiefeln stecken, sem Geschaft eintra^licher gestalten
zu konnen.
So sehr seitens der Behorde dieseni Treiben entgegengearbeitet
wird, so wenig laUt es sich verhindern. Entsprechead dem traditionellen
Charakter der Erscheinung begegnet man ihr in bestimmten Regi-
mentern mit besonderer Konstanz und Haufigkeit, namentlich in sol-
chen, deren Uniform dem fetischistisch-asthetischen Geschmack der
Hcimosexuellen einen besonderen Anreiz bietet. Einer starkeii Beliebt-
beit nach dieser Richtung bin erf rent sich daher auch die Marine,
deren Garnisonen gesuchte Statten gleichgeschlechtlichen Verkehrs sind.
Wie wenig dabei Strafverfolgungen niitzen, hatte ich kiirziich in
Kiel zu erfahren Gelegenheit, wo ich in einem ProzeB Gutachter war,
der gegen eine Anzahl homosexueller Herren wegen ihrer Beziehuugen
zu Matrosen eingeleitet war. Trotzdem sowohl die Herren als auch die
Seeleute zu erheblichen Strafen verurteilt wurden, war an dem Abend
nach dem Termin, wie mir ein urnischer Student dor Kieler Universi-
tat versicherte, das Matrosenangebot ,,auf dem Strich" nicht nur
nicht geringer, sondern bedeutend starker als v o r dem ProzeB.
Im librigen gibt es kaum eine internationalere Erscheinung, als
die ausnahmslos in alien Landern bestehenden Beziehungen zwischen
Urningen, Soldaten und Matrosen.
Einiges noch liber die Bekampfung der Prostitution im
allgemeinen. Sie kann nur eine vorbeugende und verhiitende
sein. Man hat zwar vorgeschlagen, die mannliche Prostitution
als solehe zu bestrafen. Im Vorentwurf zu einem Deutsehen
RStrGB. ist eine Zusatzbestimmung eingefiihrt, ,,wonach
mit Gefangnis bis zu zwei Jahren bestraft wird, wer sich zu
der Tat gewerbsmaBig anbietet oder bareit erklart** ;
in Danemark ist bereits vor einigen Jahren ein analoges Gesetz
eingefiihrt. Diese Strafandrohungen sind ungerecht, zweeklos
und schadlich. Ungerecht, weil die mannliche Prostitution vom
ethischen Standpunkte nicht anders beurteilt werden kann als
die weibliche ; aussiehtslos, weil eine so tief in sozialen und
biologischen Ursachen und MiBstiinden wurzelnde Erscheinung
sich erfahrungsgemaC nicht auf diesem Wege ausrotten oder
auch nur eindammen laBt, und schadlich, weil es nicht gut
tut, einer Anzahl junger Leute, von denen die Erfahrung lehrt,
daO sie sich in der Mehrzahl spater sozial noch gut entwickeln,
einen nicht Hiehr auszuloschenden Verbreeherstempel aufzu-
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pragen, der ihre Zukunft, und dadurch indirekt die Gesellschaf fc,
schwer beeintrSchtigt.
Das franzosische Gesetz vom 11. April 1908 bestimmt :
^, Minder jahrige unter 18 Jahren, die sich gewohnheitsHiaflig
der Prostitution ergeben, sollen, wenn notig, durch Richterspruch
in eigens zu diesem Zweeke bestimmten Erziehungsinstituten
untergebraeht werden/* Das gleiche kann iibrigens bei uns auf
Grund der allgemeiner gehaltenen Bestimmungen des Gesetzes
vom 2. Juli 1930 liber die Fiirsorgeerziehung geschehen.
Im iibrigen lassen sich gegen die Einfiigung des Wortes „ge-
werbsmaBig** in den § 175 folgende Einwendungen machen: a) der
Begriff gewerbsmaBig ist zwar in den Kommentaren zum Strafgesetz-
bucL (§§ 361, No. 6, 260, 284, 294, 302 d) zu normieren versucht wor-
den, aber dennoch in der praktischen Anwendung unbestimnit und
dehnbar, denn 1. nach den Kommentaren kann schon eine einmalige
Geldannahme das Merkmal der GewerbsmaCigkeit bilden, wenn aus inr
festzustellen ist, daB der Empfanger gleiche Fortsetzung beabsichtigte,
und der Geldempfang nur das erste Glied in einer beabsichtigten Kette
bildete. — 2. Es ist ferner nicht notig, daB eine Person nicht aus-
schlieBlich ihren Lebensunterhalt durch Geldannahme fiir sexuelle
Handlungen bestreite. Es geniigt schon, daB ein wesentlicher Teil
ihres Lebensunterhaltes dadurch bestritten wird. — Es konnten bei
dieser Auffassung auch Freundschaftsverhaltnisse zwischen einem Be-
mittelten und einem minder Bemittelten einen strafbaren Charakter
gewinnen. — 3. Ferner ist zu beriicksichtigen, dafl durch jene Einfiigung
gewissermaBen ein Schutz und ein A^orrecht der Wohlhabenden gegen-
iiber den Unbemittelten geschaffen wird. Wenn auch nicht wahr-
scheinlich, so ist es doch nicht ausgeschlossen, daB hin und wieder
eine Verkehrung der jetzt bestehenden Verhaltnisse stattfindiet derart,
daB spaterhin der Minderbemittelte in ein unter Umstanden gefiihr-
liches Abhangigkeitsverhaltnis von dem Wohlhabenden gerat.
Die Prophylaxe der mannliehen Prostitution muB auf die
Beseitigung ihrer Ursachen gerichtet sein. Als solche
lernten wir in einer Reihe von Fallen, namentlieh dort, wo
krimiuelle Motive mitsprechen, die bestehenden Straf bestim-
mungen und das herrschende Vorurteil jgegen die homosexuelle
Veranlagung und den homosexuellen Verkehr kennen. Die Elimi-
nierung dieser beiden Umstande wtirde mithin schon eine er-
hebliche Einsehrankung der mannliehen Prostitution bewirken.
Vermutlich wiirden pich ohne diese Gesetze und Vorurteile in
dieser Hinsicht die Beziehungen homosexueller Manner ganz
ahnlieh gestalten wie die gegen wart igen homosexueller Frauen,
unter denen eine Inanspruchnahme prostituierter Weiber, trotz-
dem sie so reichlich zu Gebote stehen, nur eine verschwindend
geringe RoUe spielt. Die Iibrigen prophylaktischen Maflnahmen
beziehen sich teils auf die personlichen, in Degeneration und
erblicher Belastung beruhenden^ teils auf die in sozialen MiB-
standen begrlindeten Momente. Alle Bestrebungen, welche cine
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Besserung der nervosen und seelischen Gesundheit unserer Be-
volkerung, vor allem auch im Sinne der Rassenhygiene und
Eugenik dienen, ferner alle die, welclie die soziale Notlage
auf wirtschaftlichem und moralischem Gebiete zu bese|itigen
oder zu mildern geeignet sind, tragen wesentlich dazu bei, die
Ursache der mannlichen Prostitution und damit diese «elbst
zu beseitigen.
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DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die Geschichte der Homosexualitat
Die Homosexnalit&t im klassischen Altertam.
Nachdem wir iiber die ortliche Ausbreitung der Homo-
sexualitat und ihre Erscheinungsformen in der Gegenwart
einen tlberbliek ^egeben haben, soil nun der letzte Haupt-
abschnitt dieses Werkes ihrer zeitlichen Geschichte ge-
widmet sein. Bei der Unmoglichkeit, historisch ihrer universellen
Verbreitung gerecht zu werden, muiJ allerdings auch hier auf
Vollstandigkeit von vornherein Verzicht geleistet werden. Dem
einheitlichen Aufbau dieser Arbeit wird es am ehesten ent-
sprechen, wenn wir uns auf den Kulturkreis beschranken, der
uns am nachsten steht, den europaischen. Hier werden wir drei
Perioden ins Auge zu f assen haben : die Homosexua^litat
im klassischenAltertumbis zur Einflihrune der auf ihre
Betatigung gesetzten Todesstrafe im Jahre 326 durch den zum
Christentum libergetretenen Kaiser Konstantin, die Verfolgung
der Homosexuellen von jener bis in unsere Zeit und
die gegen diese Verfolgung gerichtete Bewegung, die auf dem
Boden moderner Natur- und Kulturansc*hauung er-
waohsen ist.
Die Wissenschaft ist sich dariiber einig, die Wiege unserer
Kultur in den vier groBen Stromtalern des Nil, Euphrat, Indus
und Hoangho zu suchen. Ohne auf den Prioritatsstreit zwischen
Agypten und dem vorderasiatischen Zweistromland naher ein-
zugehen, wollen wir unsere Betrachtung iiber die Homosexualitat
im klassischen Altertum mit dem Nilland beginnen.
WeDn auch, wie Breastedt^) ausfiihrt, das Studium der iigyp-
tischen Archaologie noch in den Kinderschuhen steckt und iiberreiches
Malerial einer erschopfenden Jiohandlung harrt, so ist doch ein iiberaus
bedeutsamer Fund fiir die Frage des kontraren Geschlechtsverkehrs
1) H. Breastedt, Geschichte Agvptens. Deutsch von H.
Rauke. 1910.
Hirschfeld, Homosexualitat. 47
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aus Alt-Agypten zu verzeichnen, auf den von 6efele») aufmerksam
macbt. Er behandelt den Rachekampf des Horus gegen Set mit ein-
gebeuden Details. Von Oefele, der den Text eines von Flinders Petric
am Eiiigang zum Fayfim aufgefundeneri Papyrus wiedergibt, schreibt:
„Dies Fragment ergibt eine Verbreitung der Paderastie v o r beinah
bereits vierhalbtausend Jahren im alten Agypten, so dafi dieselbe
sogai* den Gottern in ihrem gegenseitigen Verkehr zugeschrieben und
als uralter Gebrauch betrachtet werden konnte." ~ Auch D u p o u y s)
is*; der Meinung, daC bei den Mysterien der Isis und des Osiris in
-f^gypten homosexuelle Akte vorgekommen seien. — E r m a n *) be-
riclitet von cilicischon Gefangenen, die man zur Zeit Ramses' III. (um
1100) zu koniglichen Lieblingssklaven gemacht habe, welche
ahnlicii den Mameluken der agyptischen Sultane des Mittelalters spater
zu hoheu Staatsamtern gelangten.
Wie empfiinglich viele der alten Agypter fiir mannliche Jugend-
schonheil waren, beweist ein von Wiedemann*) mitgeteilter Hym-
nus auf den Gott A m m o n - R a aus der Zeit der 20. Dvnastie (1200/
1090). Es heiUt darin:
Die schone G^stalt, gebildet von Ptah,
Der Jiingling, der ischon ist durch Liebe,
Der schon kommt aus dem Lande von Nordarabien,
Schon von Angesicht, schoner in bezug auf sein Diadem.
Es freuen sich die G5tter seiner Schonheiten,
Sie leben, wenn sie ihn sehen.
Es lieben die Gotter deinen Anblick,
Die Liebe zu dir geht durch die Welt.
Deine Schonheit erobert die Ilerzen,
Die Liebe zu dir macht sinken die Arme,
Die Herzen vergehen bei deinem Anblick
Nirgends lesen wir auch nur das geringste von einer moralischen,
feschweige denn strafrechtlichen Verurteilung gleichgeschlechtlicher
-iebe, weder in den W^eisheitsspriichen des K a g e m m i (Kemni, IV.
Dynastie), des Ptahotep (V. Dynastie), Amenemhets I. (XIT. Dv-
nastie), des Schreibers D u a u f u. a. s), noch in den Tempelinschriften
von Denderah und Edfu ^), die schon bis in die Ptolemaerzeit hinab-
reichen. obwohl in letzteren der Geschlechtsverkehr mit Weibern inner-
halb dor Tempelraume verboten wird, noch in dem beriihmten 125.
Kapitel des Toten-Buches 8), das fiir uns in Ermangelung ander-
weitiger Kodifikationen bis jetzt die ergiebigste Quelle der altagyp-
tischen Rechtes ist, noch weiB Diodorus (I, 91, 75) davon zu be-
richten.
AJs Kuriosum sei angefiihrt, dafi in der pharaonischen Hofrangliste
auch die mannlichen Erzieher der koniglichen Kinder die Bezeichnung
„Ammen*' des Prinzen oder der Prinzessin fiihrten, ein Titel, der in
2) In Monatsscbrift f. prakt. Dermatol., Bd. 29. 1899. Nr. 9,
S. 409.
2) E d m. D u p o u y , La prostitution dans Pantiquite. 1887. S. 19.
*) Ad. Erman, Agypten und agypt. Leben im Altertum. 1886.
S. 131 u. 156.
*)A. Wiedemann, Die Religion der alten Agypter. 1890.
8. 63 f.
«) Am besten zusammengestellt bei Herm. Schneider, Kultur
und Denken im alten Agypten. 1909. S. 139ff., sonst auch vereinzelt
in der alteren Literatur angefiihrt.
') H. Brugsch i. Deutsche Revue. 1880. IV, 4.
«) Wiedemann, 1. c, S. 132.
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seiner Groteskheit schon die Verwuiiderimg des Altmeisters der deut-
schen Agyptologie ^) erregte.
Ein Gregenstiick zu diesen mannlichen Ammen berichtet Brea-
stedt'o^, wonach unter den Herrschern der 26. Dynastie gegenEndedes
VII. Jahrhunderts 60 Jahre hindurch der jedesmalige Hohepriester
des Ammon ein Weib war. Auch sonst begegnen uns in der agyptischen
Geschicbte, ebenso wie in der des benacbbarten Athiopiens ^^), Frauen
von sehr virilem Charakter. So regierte zum Ende der 12. J^ynastie
nach dem Tode ihres Bruders und Gemahls Amenembet IV. die
Koni^in Sebeknafrure^s) fast vier Jahre (1792—1788) das Land,
und der Ketzerkonig Amenhotep IV. (Echnathon)^2a) in der zweiten
Halfte des XIV. Jahrhunderts (18. Dynastie) stand stark unter dem
EinfluC seiner Mutter T e j e ^3). Unter seinen Vorgangdrn ist aber vor
allem die Konigin Hats'chepsut, die Tochter T 6 u t m o s i s' I.,
Stiefschwester und Mitregentin von Thutmosis II. und III., zu
nennen. Sie erscheint nach L e p s i u s i*) auf ihren Denkmalern nie
als Frau dargestellt, sondern stets in mannlicher Kleidung, sogar mit
dem falschen Spitzbart der Pharaonen geschmiickt, und nur die In-
schrifteu verraten, soweit sie noch erhalten sind, ims ihr Geschljcht.
Erman^^) nennt sie eine agyptische Katharina II., Breastedt^^)
bezeichnel sie als die erste grofle Frau, der wir in der Geschichte be-
gegnen. Ihre mehr als 20jahrige Regierung ist u. a. durch gewaltige
Tempelbauten zu Der-el-bahari ausgezeichnet, in deren Reliefs ihr
Leben dargestellt wurde. Der Kiinstler der Geburtsszene konnte sich
nicht enthalten, die Neugeborene als Knabe darzustellen. WertvoU er-
scheint hierzu die Bemerkung W i e d e m a n n s i^) : „Eigentiimlicher
Weisc denkt sich namlich der Agypter den Verstorbenen, auch wenn
er sein irdisches Leben als Frau verbracht hatte, im Jenseits als Mann,
bezeichnet ihn daher als Osiris und gibt ihm einen mannlichen Seelen-
vogel." Die Zwischenstufenidee war iiberhaupt bei den Agyptern sehr
au.sgebreitet. Beispielsweise wurde der Nilgott Hapi als bartiger,
kraftiger Mann mit stark entwickelten weiblichen Briisten dargestellt^^),
Jlinger noch als die wissenschaftliche Agyptologie ist die
eingehendere Kenntnis des b aby lonis ch-assy rischen
Altertums, der Wiege der vorderasiatisohen Kultur. Wie ftir das
Gebiet der andern semitisohen Kulturen, so sleht gleickgd-
schlechtliches Leben auch bei den Babyloniern fest.
So gibt W i n c k 1 e r 19) eine Erganzung der bereits von Herodot
(I, 199) geschilderten weiblichen Tempelprostitution „nach der un-
natiirlichen Seite hin" durch die Heiligung der Buhlknaben zu. Ein
direktes Zeugnis daf iir bieten die Gesetze Hammurabis^o) (2260
9) Rich. Lepsius, Briefe a. Agypten. 1852. S. 104 ; ferner E r -
man, 1. c. S. 117 u. a.
Breastedt, 1. c. g. 417.
Lepsius, 1. c. S. 179 u. 217; W. Max Miiller, Athio-
pien i.' Der alte Orient (A. O.) VI, 2. 1904. S. 29.
12) E d. Meyer, Geschichte d. alten Agvptens. 1887. S. 198.
i^a) K. Abraham, Amenhotep IV. (Echnathon). Psycho-
analytische Beitr. z. Verstandnis s. Personlichkeit u. d. monotheist.
Aton-Kultes. In „Imago", 1912.
13) Schneider, 1. c. S. 18. — i*) Lepsius, 1. c. S. 281.
") Erman, 1. c. S. 71.
i«) B r e a s t e d t , 1. c. S. 238.
") A. Wiedemann i. alten Orient II, 2. 3. A. 1910, S. 17.
i») Wiedemann, 1. c. S. 79; Schneider, 1. c. S. 413 u, a-
19) A. a. O. Ill, 2/3. 2. A. 1903. S. 61.
20) A. a. O. IV, 4. A. 1906. S. 31. §§ 187, 192 u. 193.
47*
"I
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a. Chr.), in denen neben den Buhldirnen auch die „BuWen" genannt
werden. in § 187 solche im Palastdienste. Ihr GewerlDe war in Bab-ilu,
der Stadt der Gottespforte, ebensowenig anriichig^i), ^j© das ihrer
weiblichen Kolleginnen, wenigstens finden wir weder in Hammu-
rabis Gesetzen, noch in den noch alteren und in der Bibliothek
A^ urbanipals wieder aufgef undenen sumerischen Familien-
gesetzen22) auch nur den geringsten Hinweis auf eine moralisclie oder
gar strafrechtliche Verurteilung ihres Standes. Auch der groBe ]Iymnus
auf den Sonnengott Schamasch, aus Asurbanipals Biblio-
thek, als Gott der Gerechtigkeit, der das Gute belohnt und das Bose
bestraft, enthalt in seiner ausfiihrlichen Aufzahlung aller moglichen
Vei^ehen, wie Meineid, Ehebruch, Bestechung, Wucher, Lugen, Be-
nutzung falschen Gewichtes, gottlose Reden usw., nichts iiber gleich-
geschiechtlichen Verkehr.
Ein hohes Lied der Freundesliebe finden wir in dem babylonischen
Gilgamesch- (Nimrod-)Epos. Alfr. Jeremias^s) sagt dariiber :
„Wie tief empfunden ist die Szene im Gilgamesch-Epos, in der Gil-
gamesch, der Konig von Erech, mit Entsetzen sieht, dafi sein geliebter
Freund Eabani tot ist; es heifit da:
,Was ist das fiir ein Schlaf, der dich gepackt hat?
Du bist diister und horest mich nichtl*
Da beriihrte er sein Herz, aber es klopfte nicht;
Da verhiillte er den Freund wie eine Braut.
jMein Freund ist zu Erde geworden, soil ich auch mich wie er zur
Ruhe legen und nicht aufstehen in alle Zukunft V "
Ein Seitenstiick zu der Agypterin Hatschepsut finden wir
in der von der Sage vielfach umrankten Gestalt der assyrischen Konigin
Semi r amis. Hommel^*) sieht in Sammuramat eine babylonische
Prinzessin des IX./VIII. Jahrhunderts, die nach dem Tode ihres assy-
rischen Gemahls lange Jahre die Regentschaft fiir ihren minder jiihrigen
Sohn leitete, und schildert sie als eine auBerst energische, virile
Frau, welche eine ganze Reihe (mindestens 9) Kriege durch ihre
Feldherren fiihren lieB, so daB es kein Wunder ist, wenn die Sage
diese Fiirstin mit dem Nimbus einer Weltherrscherin umkleidet hat
und sie siegreich bis nach Indien und Libyen ziehen laBt. Auch hier
hat einiges historischen Kern, wie daB sie in Medien (Ekbatana) die
hangenden Garten, Wasserleitungen und StraBen an legen lieB.
In gleioher Weise hat die Sage und Dichtung noch eine spiitere
hervorragende Personlichkeit aus der assyrischen Geschichte — hier
freilich ad peius — stark umgewandelt. Es ist der Konig A s u r b a -
n i p a 1 (6G8/28), der uns in der griechischen Historik als Sardana-
palos entgegentritt. D i o d o r , wohl auf K t e s i a s , den griechischen
Leibarzt des Artaxerxes II., zuriickgehend, berichtet (II, 23) von
ihm: „Er lebte ganz wie ein Weib. Unter den Kebsweibern seine Zeit
hinbringend, spann er Purpur und die feinste Wolle. Er trug ^in
Frauenkleid, und sein Gesicht und den ganzen Korper hatte er durch
Schminke und andre Mittel der Buhlerinnen so entmannlicht, daB
kein wolliistiges Weib weichlicher aussehen konnte. Auch eine weib-
liche Stimme hatte er sich angewohnt. . . . Den Trieb der Wollust
befriedigte er sowohl mit Mannern als mit Weibern. . . . Ein Mann
von solcher Sinnesart muBte nicht nur selbst ein schmahliches Ende
21) Ibid. S. 30, Anm. I; fern. i. A. O. IX, I. 1907. S. 16. Herm.
Schneider, Kultur u. Denken d. Babylon, u. Juden. 1910. S. 647.
22) A. a. O. IV, 4. S. 43.
23) A. a. O. I, 3. S. 6 u. 36. — Cf. auch Iwan Bloch, Ursprung:
d. Syphilis, Bd. II. 1911. S. 479.
24) Fritz Hommel, Geschichte Babyloniens u. Assvriens.
1885. S. 029 ff. Schneider, 1. c. S. 44.
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nehmen, sondern er fiihrte auch die vollige Zerstorung des assyrischen
Reiches herbei." Aristoteles hatte bereits diese Uberlieferung
in Zweifel gezogen (Pol. V, 8. 14), und seit Alfr. voixGutschmidts
Forschungen ist die Oberzeugung von -der Unglaubwiirdigkeit der kte-
sianischen Berichte als gesicherter Besitz der Geschichtswissenschaft
anzusehen.
Wir kennen Asurbanipal 25), den vierten der Sargoniden, jetzt
nicht nur als den machtvollen Herrscher eines Weltreichs, sondern
auch als tapfern Krieger, kiihnen Jager (Relief im Berliner Museum),
groBzugigen Bauherrn und Macen der Wissenschaft (Bibliothek). —
Ob seine vita sexualis in utramque partem balancierte, laBt sich zur
Zeit wohl weder mit Sicherheit behaupten noch bestreiten.
Mit der Idee einer voUig person] iohen Zueigengebung an
die Gottin der Liebe (Aschtoret-Astarte) verkntipfte sich auch
in Phonikien, wie in Babylon, das Institut der weiblichen
Tempelprostitution, zu der sich auch hier das mannliche Gegen-
sttick in den Kebalim (Kalbalim oder Kalbalonim) ausbildete.
Um die Verlegung ihres Geschlechtes: auBerlich zu kennzeichnen,
legten diese ,,GeweilLten** Weiberkleider an^^).
Die Phonikier waren als See- und Handelsvolk auch die bedeu-
tendsten Kulturpioniere der altesten Zeit. Als erste und nachstliegende
Etappe ihrer kolonisatorischen Betatigung kommt Kypros in Frage.
Kypros ist als Wiege des Hermaphroditos anzusehen. Diese
Gestalt findet ihren Kern in dem Aphroditos 27), dem mannlichen
Komplement der Astarte-Aphrodite, der zu Kypros und bei
den Pamphyliern verehrt wurde, und bei dessen Festen die Manner in
weiblicher, die Frauen in mannlicher Kleidung, erschienen. Spater
wird Aphroditos auch in das griechische Mutterland importiert, er
wird bei Philochoros und Aristophanes (fr. 702) erwahnt,
wahrend seine plastische Darstellunc in Hermengestalt als H e r ra a -
p h r o d i t o s 28) sich erst bei T h eophrast (char. 16) nach-
weisen laBt.
Genauere Nachrichten, wenn auch nicht aus erster Hand, iiber
das Vorkommen gleichgeschlechtlicher Liebe liegen uns aus einer
andren phonikischen Kolonie, dem lybischen Karthago, vor. Und
zwar war es einer der bedeutendsten Kriegshelden der Punierstadt,
Hamilkar Barkas (gest. 228 a. Chr.), der Vater Hannibals, der
den jungen Hasdrubal, seinen spatern Schwiegersohn, nach N e p o s*
Bericht (Hamilc. 3, 2) plus diligebat, quam par erat. — Und von der
Liebe des als Feldherr nicht minder tiichtigen Hasdrubal (gest.
220) zu seinem 18 jahrigen Schwager Hannibal und dem wohl
mehr von politischen als moralischen Besorgnissen dagegen diktierten
Einspruch der G^e^partei unter Fiihrung Hannos berichtet L i v i u s
(21, 3f. )-
Uber die Kultur der auf die Phonikier folgenden kanaanitischen
Stamme der Amurri (Amoriter) und der Chabiru (H e b r a e r, d. h. das
25) Fr. Delitzsch, Asurbanipal i. A. O. XI, L 1909.
2«) Rich. Pietschmann, Geschichte d. Phonikier. 1889. S. 183
u. 222. Cf. hierzu auch das „Hundegeld" als Unzuchtslohn i. Deu-
teronom. 23, 19 u. die Zusammenstellung der kynes und poruoi i.
Apocal. 22, 16.
27) In Pauly-Wissowa I, 1894. Sp. 2794.
28) L:i Roschers Lexikon I, 2. 1890. Sp. 2314.
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Volk Israel nebst Moabitern, Ammonitern und Edomitern '^) sind wir
vor der Hand groBtenteils auf die altjudischen Berichte angewiesen.
Aus dem schauerlichen Eindruck, den die Umgebung des Toten
Meeres macbte, schloB schon der judaische Jahvist um die Mitte des
9. Jahrhunderts, daB hier einmal ein scbreckliches Gottesgericht.
infolge einer groBen Siinde geschehen sein miisse. Was aber fiir eine
Siinde? — Blinder Eifer altester bis neuester Zeit las aus dem Be-
richt des Jabvisten sofort heraus, daB die „Sodomiten" lediglich wegen
der beabsichtigten Schandung der zwei von Lot beherbergten Engel den
Feuer- und Schwefelregen verdient haben, und hat diesen Namen bis
auf unsre Tage zur Brandanarkung ihm unverstandlicher Neigungen
gebraucht. Diese Eiferer iibersehen, daB das von den kanaanitischen
Mannern beabsichtigte Vergehen gleichgeschlechtlicher Unzucht hier
in Idealkonkurrenz mit dem Verbrechen der Notzucht und der fiir den
Orientalen alter wie neuerer Zeit hochst verabscheuungswiirdigen Ver-
letzung des heiligsten aller Rechte, des Gastrechtes (cf. v. 8. fin.),
ersolieint, worauf schon der Kirchenvater Ambrosius'®) und in
neuerer Zeit L u z z a t o ^i) hinweisen. Auch darf man nicht "iiber-
sehen, daB die Stadte keineswegs um dieses einen Vorkommnisses
willen zur Strafe fiir diese eine, gleichgeschlechtlichen Motiven ent-
sprungene Tat, die noch dazu nur im Stadium des Versuchs blieb, dem
Untergang geweiht wurden. Sagt doch der Prophet Ezechiel (16,
49): „Die Missetat Sodoms war Stolz, gesattigt von des Brotes tTber-
fluB reichten sie bei ihrem und ihrer Tochter MiiBiggang den Diirf-
tigen und Armen ihre Hand nicht", und der Siracide (16, 9) spricht:
„Jahve verabscheute die Einwohner wegeu ihrer iibermiitigen Worte."
Auch verbietet schon die ruhige Cberlegung die Annahme, daB
die ganze mannliche Bevolkerung der beiden Stadte homosexuell gc-
wesen sei. Wollte doch in dem Gesprach mit Abraham Jahve der
Stadte noch schonen, selbst wenn nur wenige (10) Gerechte darin
befunden wurden (Gen. 18, 32). Und warum muBten auch die Weiber
und Kinder dieselbe Strafe erleiden? Denselben Tatbestand wie in der
biblischen Geschichte von Lot finden wir in der Erzahlung des Richter-
Buches (c. 19, bes. v. 22) von dem Frevel der Manner zu Gibea, und
zwar noch in verscharfterem MaBe : Verletzung des Gastrechts und
Notzucht, diesmal als vollendete Handlung mit todlichem Ausgang.
Hier aber racht nicht Jahve, sondern das Schwert der Volks-
genossen den Frevel an den Tiitern und ihren Schiitzern.
Das Institut mannlicher Hierodulen, als gleichgeschlecht-
licher Tempelprostitution, ist uns im Siidstammereich Juda schon fiir
die Regierungszeit des Rehabeam (933/17) belegt (I. Kon. 14, 24).
Konig Asa (913/873) trieb sie zwar aus dem Lande (15, 12); des-
gleichen Josaphat (873/49) den Rest der der Unzucht Geweihten,
die zur Zeit seines Vaters Asa iibrig geblieben waren (22, liy,
und zwei Jahrhunderte epater sah sich Konig Josia (640/9) zur
gleichen MaBregel veranlaBt (IL Kon. 23, 27).
Auch fiir das phonikischen und syro-aramais(?hen Einfliissen noch
starker ausgesetzte Nordstammereich Israel, in dem u. a. die tyrische
29) A. a. O. I, 1 S. 14.
30) A m b r o s i u s , de patriarch, lib. I. c. 6 : „die Gastfreund-
schaft seines (Lots) ehrbaren Hauses, die doch sogar bei den Barbaren
unverletzlich ist."
81) L u z z a t o , Lezioni di teologia mor. isreal. 1870, cap. II,
136: „La principale colpa degli abitanti di Sodoma e Gomorra non
era la cosi detta sodomia, ma era la mancanza di piet^ verso i poveri
ed il brutale oltraggio che permettevansi di fare a chi recavasi appo
loro, tendeva ad evitare il concorso dei forestieri." — Cf. auch „Homo-
sexual. u. Bibel" i. Jahrb. IV, 1902. S. 210. u. Gasp. Wirz V. D. M., Der
Uranier v. Kirche u. Schrift, ibid. VI, 1904. S. 80; 2. A. 1906. S. 48.
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743
Isebel als Gattin des Omriden A h a b (876/54) offiziell den Baal-Kultus
begiinstigte, diirfen wir das Bestehen mannlicher Hierodulen anneh-
men32). Dagegeii sind die von D u f o u r ^3) und in starker Anlehnung
an ihn von Schulze-Malkowski^*) gelieferten grotesken Nacht-
gemalde paderastischer Baalsverehrung wohl in das Gebiet der Phan-
tasie zu verweisen. Aus der Makkabaerzeit berichtet der Epitomator des
Jason von Kyrene (II. Makk. 4, 9 ff .), daB der Hohepriester
Jason, eine Kreatur des syrischeu Hofes, unterhalb des Tempei-
berges ein griechisches Gymnasion einrichten lieB und die edelsten
Jiinglinge vjiojihaaov tjyev (Vulg. : in lupanaribus ponere ausus est). Man
darf hierbei, wie Holtzmann^s) bemerkt, nicht vergessen, daB Ja-
son solche Einrichtungen gar nicht hatte treffen konnen, wenn er
nicht eine groBe griechenfreundliche Partei hinter sich gewuBt hatte;
wie denn auch der Epitomator weiter (v. 14) berichtet, daB sogar
die Priester des Altardienstes vergaBen und unter Vernachlassi-
gung der Opfer auf den Ringplatz liefen, um der Auffiihrung
iiackter Kampfspiele beizuwohnen. — Zwar fanden sich auch Gegner,
so Pseudo-Phokylides 8^), ein alexandrinischer Jude des II. vor-
christlichen Jahrhunderts, der in seinem Lehrgedicht mehrfach gegen
die „mannliche Kypris" eifert, den Vatern rat, ihre Sohne gegen die
„mannliche Verbindung des Eros" zu schiitzen, und auch den Madchen
verbietet, das „Bett der Manner nachzuahmen". — Nichtsdestoweniger
berichtet Josephus (37 — 95 p. Chr.) in seinem „Jiidischen Kriege"
(I, 18, 2) von dem letzten Hasmonaerkonig Antigonos (Mattha-
thias), dem jiingeren Sohn von Aristobulos II., daB der romische Legat
S o s i u s ihn bei seiner Gefangennahme (37 a. Chr.) als „Antigoua"
begriiBt habe, doch „lieB er inn nicht wie ein Frauenzimmer ohne
Bewachung herumgehen, sondern gefesselt verwahren**. Und von Alex-
ander, dem alteren Sohn des groBen H e r o d e s aus idumaischem
(edomitischem) Geschlechte, erzahlt Josephus 5^), daB er drei
junge und schone Eunuchen seines Vaters durch Geschenke elg xa jiaidixv
verfiihrte und so dem argwohnischen Vater sogar den Gedanken an ein
geplantes Attentat eingab^s).
Als leuchtendes Vorbild innigster Freundesliebe hat von jeher
der Bund zwischen David und Jo n a t h a n gegolten, dem David
in seinem Klageliede (II. Sam. I, 17 ff.) um den Freund, dessen Liebe
ihm „wundersamer gewesen ist denn Frauenliebe" (v. 26), ein dauerndes
Denkmal gesetzt hat, das bis auf unsere Ta^e zu den edelsten Perlen
hebraischer Poesie zahlt. Die Tiefe dieses Seelenbundes wird uns bei
einem Eingehen auf die Berichte des I. Samuelis-Buches (cap. 18, 1 — 3 ;
20; 23, 16 — 18) gegenwartig und laBt den Argwohn, der aus Sauls
Schmahworten hervorklingt (20, 30: ,,Ich weiB wohl, daB du dem Sohn
Isais anhangst, dir selbst und der Scham deiner Mutter zur Schmach",
begreiflich erscheinen. Doch darf man nicht vergessen, daB beide
verheiratet waren, denn Jonathans Sohn war Meribaal (Me-
phibosetli, II. Sam. 9, 6), und daB David sogar spater durch Griindung
eines Harems in echt orientalischer Weise den Glanz seines Hofes zu
heben suchte 39).
s«) Stade, 1. c. I. S. 479.
88) D u f o u r , 1. c. S. 30.
8*) Geschlecht und Gesellschaft. 1907. Heft 11.
3ft) Stade, 1. c. II. S. 313 und Wellhausen 1. c. S. 264.
86) Jahrb. f. sex. Zw. VIII. 1906. S. 628.
87) Josephus, Bell. jud. I, 24, 7.
88) Holtzmann bei Stade, 1. c. II, 499 u. Wollhausen,
1. c. S. 342.
89) David u. Augustin, zwei Bisexuelle, i. Jalnbuch f. sex.
Zw. IL 1900. Stade, 1. c. I. S. 270.
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744
Wir dttrfen das Semitentum nicht verlassen, ohne nocth
einen Blick auf seine Urlieimatj Arabien zu werfen. In dem
alien Reich der Minaer, der Konige von Machin (XIV. bis
VII. Jahrh. a. Chr.) sind von besonderem Interesse die
minaischen Hierodulenlisten, in denen wir ein Seitenstiick zu
den mannlichen und weiblichen Quadeschen des kana-
an^isch-jtidischen Kultus zu erblieken haben*^).
Die Herrschaft der Minaer wurde duich die Sabaer abgelost, die
von Nordarabien nach Siiden wanderten, und denen 115 a. Chr. die
himjarischen Herrscher f olgten. Doch blieb der Name Sabaer als
AUgemeinbezeichnung bestehen. Hier erscheint auch wieder eine Frau
auf dem Throne, die als Konigin von Saba in poetischer Verklarung
von den spateren jiidischen Chronisten *i) als Geistesebenbiirtige mit
Konig S a 1 o m o in Verbindung gebracht wird.
In ihrem Streben von Siiden nach Norden traf die semitische
Volkerbewegun^ schon in frvihester Zeit auf die Stamme der Chetiter,
die wir als Mitani in Syrien schon durch die Tel-Amarna-Briefe des
XV. vorchristlichen Jahrnunderts als eine Agypten und Babylon eben-
biirtige GroBmacht kennen lernen. Mit dem Cheta^onig Chattusar
hatte Ramses II. (1292/25) vielfach zu tun. Ihr Gebiet erstreckte
sich durch ganz Kleinasien von Lydien bis zum Van- und Urmiasee
nnd siidlich weit nach Syrien hinein. Betreffs ihrer Religion stellt
die Cberlieferung iiberall fiir Kleinasien imd Nordsyrien die Verehrung
einer Gottin, der „groBen Mutter" fest, die in Kappadokien Ma (aucn
Enyo) *2), in Phrygien Kybele, in Syrien Attar (Astarte), am Ida-
febirge Rhea*^) genannt wurde und der zahlreic»he Priester und
riesterinnen dienten. Erstere waren, zumal in den westlichen Land-
schaf ten, durchweg Verschnittene, Galli. Der Mythos fiihrt
den Kultgebrauch der Selbstentmannung auf A 1 1 i s , den Geliebten
der Kybele, zuriick und hat in Catulls groBartigem Stimmungsbild
ic. 63) die packendste Darstellung **) gefunden. Der Ursprung des
kauches ist nach Ed. M e y e r *^) darin zu suchen, daB die Selbst-
entmannung das groBe Opfer bedeutet, durch das die Verbindung mit der
Gottheit vollzogen wird; durch sie gleicht der Mann sich dem Wesen
der Gottin an, soweit es irgend moglich ist, er kleidet sich daher auch
fortan in Weibertracht und gibt sich der Prostitution preis. Daher
vermutet auch Meyer*^) in den weiblich gekleideten Gestalten der
Felsskulpturen des kappadokischen Boghazkoi Manner, d.- h. die Prie-
ster der Gottin in Frauengewandung. Auch die lydische Sage, die einen
Heros oder Gott in sexueller Horigkeit weibliche Sklavendienste ver-
richten laBt, ist wohl hierauf zuriickzufiihren. Wie die einheimische
Gestalt hieB, die ihr zugrunde liegt, wissen wir nicht (vielleicht
S a n d o n), bekannt ist nur, daB die Griechen spater dies Motiv in
ihre Heraklessagen verwoben. — Mannliche Hierodulen werden uns
ferner von S t r a b o fiir das kappadokische (XII, 2, 535), wie fur das
pontische Komana (XII, 3, 557) nachgewiesen.
*o) O. Weber, Arabien vor d. Islam i. A. O. Ill, i. 2. A.
1904. S. 18.
") I. Kon. 10.
«5 Strabo XII, 2, 535.
**) L u k i a n , de dea Syr. c. 15.
**) Cf. die Ubers. v. H. Griebenow i. Catulls Buch d. Lieder.
1889. S. 36.
") Ed. Meyer, Geschiohte d. Altertums. I, 2. 2. A. 1909. S. 649 f.
*«) Ibid. S. 634.
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745
Aus den Steppen Zentralasiens stammend, drangen die
Skythen in frlihester Zeit in das slidliche Ruflland vor und
unternahmen von dort als leicht bewegliche Nomadenvolker zahl-
reicho Raubziige gegen die vorderasiatischen Reiehe. Von ihnen
berichtet nun Hero dot (I, 105): „Diejenigen Skythen, welche
den Tempel (der uranisehen Aphrodite) in Askalon (Syrien)
gepliindert haben^^), und ihre Nachkommen suchte die Gottin
auf ewige Zeiten mit einer Weiberkrankheit (^Isia vovaog) heim.
Das sei, wie die Skythen sagen, der Ursprung dieser Krankheit,
und jeder Besucher des Skythenlandes konne sehen, was es
fur eino Bewandtnis mit den sogenannten Enarern habe.**
Es handelte sich, wie Aristoteles ^^) angibt, um Effemination als
endemische, dauernde Erscheinung. Genauere Mitteilun^en, als sie
die kurze Andeutung Herodots hieriiber bietet, finden wir in der in die
hippokratischen Schriften aufgenommenen klimatologischen Abhandlung
jiegldiQCOVfVddzcoVfXOTKOv ,,t)ber Luft, Wasser und Gegenden" *»). Sie
zeichnen sich durch ihre niichterne, naturwissenschaftliche Auffassung
aus. Nachdem der Verfasser in Kap. 19 — 21 in sehr anschaulicher
Weise die geringe sexuelle Differenzierun^ der Skythen aus der Natur
ihres Landes una ihrer Lebensweise abgeleitet hat, indem er die haufige
Impotenz der Manner auf das fortwahrende Reiten, die der Frauen
auf ihre Korpuleuz zuriickfiihrt, fahrt er in Kap. 22 fort^o) : ,,Im iibrigen
siud aber auch die meisten Leute im Skythenlande Eunuchen, gehen
weiblichen Berufen nach, gebarden sich und reden genau so wie die
SVeiber und heiBen dvavdgieig (d. h. die Unmannlichen, Weibischen).
Dort zu Lande fiihrt man dies auf die Gottheit zuriick und verehrt diese
Leute und sieht sie fur Heilige an (nach Ilerodot IV, 67 trei-
ben die Enarer auch Wahrsagerei) aus Furcht, es konne jedem andern
auch so gehen. Auch mir scheint diese Art von Leidenschaft und alle
andern onne Ausnahme auf gottlichen EinfluB zuriickzugehen. . . .
Und doch hat jede dieser Leidenschaften wieder ihr Natiirliches und lauf t
niemals der Natur zuwider. Wie aber gcradc dieses Leiden nach meiner
Ansicht zustande kommt, will ich erklaren ^i). Infolge des bestandigon
Reiiens bekommcn die Skythen Fliisse (ziehende Schmerzen in den
Lenden), da ihre FiiOe bestandig von den Pferden herabhangen. Spater
werden sie, falls sie schwer erkranken (die Schmerzen starker werden),
lahm und bekommen Geschwiire in der Huftgegend (die Hiiften Ziehen
sich krampfhaft zusammen). Sie kurieren sich aber auf folgende Art
(nach Bloch ist hier zu erganzen : falls sie einmal bei einem Sturze
mit dem Pferd sich den Kopf verletzt haben). Sobald die Krankheit
beginnt, offnen sie beide Venen hinter dem Ohr, ist nun das Blut
ausgestromt, so kommt Schlaf iiber sie infolge der Schwachung und
sie schlummern ein. Hiemach wachon sie auf, einige wenige gesund,
andere krank. Bei einer solchen Behandlung geht, wie mir ycheint,
*') Nach Ed. Meyer, Geschichte d. a. Agypt. S. 380 ist der von
Herodot berichtete Streifzug i. d. J. 625 zu verlegen.
*8) Aristoteles, Ethic. Nicom. VII, 8, 6.
*^) Hippocratis opera ed. Kuehn. Tom. I. 1825. p. 555 ff.
50) Hippokrates' Werke. Deutsch v. R. Fuchs. Bd. L 1895.
S. 399. Kap. 29 ff.
^n Das Verdienst, die folgende Stelle zuerst fachwissenschaftlich
aufgeklart und richtig gestellt zu haben, gebiihrt Dr. med. I w a n
Bloch i. s. Werk „Der Ursprung d. Syphilis" Bd. IL 1911. S. 601
bis 610. Wir geben B 1 o c h s Erlauterungen in (. . . .)•
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746
der Same zugrunde (d. h. nicht infolge der Venaesectio, sondern
infolge der Kopfverletzung). Wenn man namlich die Venen hinter dem
Ohr offnet, werden die so zur Ader Gelassenen unfruchtbar, und
gerade diese Venen, glaube ich, durchschneiden sie. Wenn sie sich als-
dann ihreu Frauen nahern und nicht imstande sind, geschlechtlichen
Umgang mit ihnen zu pflegen, so spiiren sie anfanglich gar kein
Verlangen danach, sondern verhalten sich ruhig; sofern sie jedoch
bei dem zweiten oder dritten Versuch oder bei noch haufigeren Ver-
suchen auch nicht mehr Gliick haben, glauben sie die Gottheit. auf
welche sie die Schuld schieben, beleidigt zu haben, (da sie den natiir-
lichen Ursprung der auf homosexueller Basis sich entwickelnden Effe-
raiuation nicht kannten), ziehen Frauenkleider an, gestehen somit
ihre Untiichtigkeit ein, leben wie die Frauen und tuen dieselben
Verrichtungen wie jene auch."
Dieses Leiden ist durchaus nicht etwa ein nur den Skythen
eigentiimliches, sondern der Verfasser erklart zum SchluB ausdriicklich,
da.J3 auch bei alien anderen Menschen andauerndes und anhaltendes
Reiten jene sexuelle Apathie und Impotenz hervorrufen konne, die als
Vorstadium der allerdings den Skythen und einigen anderen Volkern*^)
allein eigentiimlichen vovoog ^Xeia zu betrachten ist.
Der Verfasser der genannten hippokratischen Schrift gibt
uns aber auBerdem noch eine interessante und liberaus wichtige
Notiz liber virile Erscheinungen bei den skythischen Weibern.
Er schreibt Kap. 24 (ed. Kuehn) : „In Europa unterscheidet sich
das Skythenvolk, welches in der Umgebung des Maiotischen Sees
(Asowsches Meer) wohnt, sehr von den iibrigen Volkern. Ihre Weiber
reiten, handhaben den Bogen, schleudern den Wurfspeer vom RoB
herab und kampfen mit den Feinden, solange sie Jungfrauen sind.
Und sie legen die Jungfriiulichkeit nicht eher ab, als bis sie drei
Feinde getotet haben, und kommen nicht eher mit den Mannern zu-
sammen, als bis sie dies Opfer dem Gott nach heimischer Sitte gebracht
haben. Sobald aber eine sich einen Mann erwahlt hat, ist sie vom
lleiterdienst bcfreit, auOer wenn die Notwendigkeit eines alien gemein-
samen Feldzuges bevorsteht. Die rechte Brust aber fehlt ihnen. Denn
den Madchen brennen, Wenn sie ^och Kinder sind, die Miitter mit; einem
hierzu hergerichteten und gliihend gemachten Eisen die rechte Brust
aus, damit sie nicht wachse, sondern alle Kraft und Nahrung sicli
auf die rechte Schulter und den Arm iibertrage." — Diese Schil-
derung stimmt so ziemlich mit dem dberein, was H e r o d o t (IV,
110 ff.) von den Amazonen berichtet. Von einer Verstiimmehing der
rechten Brust schreibt allerdings H e r o d o t nichts, eine solche ist
auch durch die bildende Kunst nicht iiberliefert, die Legende davon
bcruht wahrscheinlich auf der nicht ganz sicher gestellten Etymologie
(d- fid^oveg) der alten Autoren. Jedenfalls ist uns durch den Historikor,
wie durch den Mediziner eine s^tarke Verbreitung eminent viriler Ziige
bei deii Skythenweibern verbiirgt. Die Amazonen der Hsiung-nu, eines
mongolischen oder Turkstammes am Baikalsee, schildert der chinesische
Dichter Litaipo im VIII. Jahrhundert n. Chr. f olgendermaBen :
Die Frauen machen lachelnd zu Pferde ihren Ritt
Mit Backen wie Schalen von rotem Nephrit,
Die fliichtigsten Tiere ihr PfeilschuB erlegt,
Sie taumeln im Sattel, vom Weine erregt s-^).
62) ed. Kuehn, torn. Ill, 218 ; bei F u c h s Bd. Ill, 139.
63) A. Forke, Bluten chines. Dichtung. 1898. S. 119.
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Wir kommen nun zu Hellas.
Bereits F. G. Welcker^*) auBerte im Gegensatz zu denen,
die die AuBerungen gleichges chlech tlicher Liebe in
Griechenland als spatre Dekadenzerscheinung auf f aOten,
die Meinung, daB diese Liebe schon lange vor der geschicht-
lich kenntlichen Zeit in Griechenland getibt worden sei, doch
konnte er keinen andern Beleg dafiir beibringen als die be-
kannten Erwahnungfen des Ganymedesraubes in der Ilias (5, 266 ;
20, 231).
Wir finden in dieser Erzahlung die uralte Form der Liebeswerbung
dujch den Kaub, wie er uns auf homosexuellem' Gebiet spater in Kreta
wieder begegnet. Deutlicher als diese nur kurzen Erwahnungen spricht
fiir das Vorkommen, ja fiir die Hochschatzung gleichgeschlechtlicher
Liebe in der Zeit des Entstehens der homerischen Dichtungen (9. bis
8. Jahrhundert v. Chr.) die Schilderung des Verhaltnisses zwischen
Achilleus und Patroklos. Zwar nat der Dichter sentimentale
Schilderungen ihres Liebesbundes durchweg vermieden, auch sind die
beiden keineswegs als einseitig homosexuell Fiihlende dargestellt. Schon
das 9. Buch (v. 663) schildert uns, wie sie nachts zwar in leinem
Zeit ruhen, jeder aber an der Seite eines kriegsgefangenen Mad-
chens ; die B r i s e i s riihmt in ihrer Klage um Patroklos dem Toten
Dach (11. 19, 297), daB er seinen EinfluB habe aufbieten wollen,
damit Achilleus sie nach Beendigung des Krieges als .seine ehe-
liche Gattin heimfiihre. Und Mutter Thetis gibt ihrem im Schmerz
um den gefallenen Freund sich verzehrenden Sohn den Rat (II. 24, 130) :
„Gut war' es, ein bliihendes Weib zu umarmen",
den dieser, wie v. 674 zeigt, auch keineswegs verschmaht. Aber doch
bildet fiir ein Drittel des ganzen Werkes, vom 16. — 24. Buche, das
Verhaltnis zwischen den beiden so sehr den Angelpunkt der ganzen
Handlung, daB man mit II. L i c h t ^^) den ScnluBteil der Ilias
einen Hymnus auf die Mannerfreundschaft nennen darf. DaB das
griechische Altertum selbst in dem Verhaltnis der beiden Helden
mehr sah als bloBe Kriegskameradschaft und Jugend-
genossenschaft, kann durch zahlreiche Literatur-
stellenbewiesenwerden.
In den um etwa um ein Jahrhundert spater alsl die alteren
Teile der homerischen Dichtungen entstandnen hesiodei8.chen
Dichtungen (cc. 700 a. Chr.) begegnen wir zuerst dem bei Homfer
noch nicht vorkommenden Eros. Er erscheint hier „als
schonster der ewigen Gotter, welcher die Sorgen vertreibt und
der Gotter und samtlicher Menschen Herz im Busen bezwingt.**
In den sogen. homerischen Hymnen^s), die mit ihrer Entstehungs-
zeit (nach Ed. Meyer) bis ins VII. Jahrhundert hinabreichen, be-
gegnet uns nochmals (v. 202) der Ganymedes mythos im AnschluB
an die homerische Darstellung, nur daB seine sexuelle Wurzel hier
unverhullter erscheint; der Hymnus beginnt mit den Worten:
„ Ganymedes, den blonden, entfiihrte Zeus, der Berater,
Wogen der schonen Gestalt, daB unter den Gottem er
weile" ....
5*) F. G. Welcker, Sappho i. d. Kl. Schriften II. 1845. S. 89.
'^^^ n. L i c h t , Die Homoerotik i. d. homer. Gedichten ' i. d.
Anthropophyteia IX. 1912. S. 291 ff.
*«) Hynini homeri<?i rec. A. Baumeister. Lips, 1865.
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Ln der Oidipodeia^^) des Lakedamoniers Kinaithon (763 a.
('hr.) findet sich als motivierendc Yorgeschichte zu dem aus der Odysee
(11. 271) bekannten Sagenstoff von dem Vatermord des Oidipus
die Erzahlung von dem paderastischen Verhaltnis des L a i o s zu
dem Pelopiden Chrysippos nnd dem hierdurch bedingten Zorn der
eheschiitzenden (yafiooivXog), Hera ^s). Es ware dies in den uns iiber-
lieferten Triimmern der aitern griechischen Dichtung die erste Er-
wabnung einer Opposition gegen die Jiinglingsliebe. Doch darf man
nicht iibersehen, daB es sich hier um einen Raub wider den Willen
der Verwandten handelte, djer den Zorn< der Gotter olinehin herauf-
beschworen konnte. Hierzu stimmen die SchluCworte des Laiosorakels :
„. . . . so hat entschieden
Zeus, der Kronid', gehorsfsun den grimmen Gebeten des Pelops,
Wolchem du raubtest den Sohn . . .^9)."
Groflere, wenn auch durch der Zeiten Lauf stark geminderte
Ausbeutc bieten die Reste der elegischen, jambischen, melischen
und chorischen Dichter des VII — V. Jahrhunderts^^).
So schliefit der Kolophonier M i m n e r m o s (um 630) seine Klagen
iiber die Plagen des Alters mit den bezeichnenden Worten:
„Knaben lieben ihn nicht und die Weiber achten nicht seiner^^)."
In besonders hohem MaBe scheint A 1 k a i o s von Mytilene (600)
der Jiinglingsliebe gehuldigt zu haben ; von ihm, der zugleich ein wack-
rcr Verteidiger biirgerlicher Freiheit gegen die Tyrannis des M y r s i -
1 o s war, erwahnt Horaz (I. 32) Diclitungen iiber ,,des L y k o s Reiz
mit den schwarzen Augen und Locken^s)", und Cicero ssagt in seinen
Tusculanen (IV, 33, 71): „Was hat nicht Alkaios iiber die Liebe zu
Jiinglingen gedichtet, — und war doch in seinem Staat als so tiich-
tiger Mann bekannt."
Von Solon von Athen (639 — 559), den nicht nur das
spatere Griedientum unter die Zahl seiner ,,Sieben Weisen" auf-
nahm, sondern den auch Ed. Meyer^^) eine der idealsten, Ge-
stalten nennt, welc^he die Geschichte kennt, und zugleich als
die typische Verkorperung des Griechentums seiner Epoche be-
zeichnet, schreibt Plutarch in seiner Biographie des groBen
attischen Staatsmanns, (C. 1.) „da6 er gegen schone Jting-
linge nicht ganz fest war und nicht Kraft genug hatte, wie
die Fechter mit der Liebe zu kampfen, ist nicht nur aus seinen
Gedichten zu ersehen, sondern auch aus einem seiner Gesetze,
worin er den Sklaven verbietet Knaben zu lieben, so
daO er dies unter die anstandigen und ehrbaren ^eigungen zahlt
*') Epicorum graec. fragmenta coll. G. K i n k e 1. Lips. 1877.
^8) W i 1 h e 1 m Christ, Geschichte d. griech. Literatur 4. A.
1905. S. 88.
^^) F. G. W e 1 c k e r , Der epische Cyclus. Rhein. Museum Suppl.
II. 1849. S. 315.
^o)E. von Kupffer, Lieblingminne u. Freundesliebe i. d.
Weltliteratur Lpzg. v. J. (1900). — P. Brandt, T>qt Ttaidoiv ^qcdq i. d.
griech. Dichtung i. Jahrbuch YIII (1906) S. 621 ff.
61) Kupffer, 1. c. S. 20.
62) Hor. c. I, 32, II. Et Lycum nigris oculis nigroque crine de-
corum. I
«») Ed. Meyer, Geschichte ctes Altertums. II, 648.
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749
und gewissermaUen die Wiirdigen dazu auffordert, wovon er
die Unwlirdigen ausschlieUt." — Dies beweist audi ein von
Plutarch ( Amator. 5) iiberlief ertes Distiehon des groBen
Atheners, spwie sein Ausspruch (Fragment 23), daU zu den
erstrebenswerten Idealen eines gltioklichen Mannes audi
Tialdeg (piXoi gehoren.
€ber Stesichoros (610—555)6*), den groBen Vorganger Pin-
dars, berichtet Athenaios (XIII, 631a), „da6 er diejenige Art von
Gesangen einfiihrte, welche seit alters Jiinglings- oder Lieblingslieder
genannt werden".
Und Schillers „frommer Dichter" Ibykos*^)! — Von ihm hebt
Platon im Parmenides (p. 137 a) ausdriicklich hervor, daJ3 ihn auch
noch im Alter die Leidenschaft zu schonen Jiinglingen durchgliiht
habe. Cicero schreibt in seinen Tusculanen (1. c): „am meisten von
alien scheint, nach seinen Werken zu urteilen, Ibykos aus Rhegium
fiir 'diese Liebe gegliiht zu haben". Ein jiingerer Zeitgenosse
des Ibykos, der auch mit ihm zugleich langere Zeit am Hof des
Polykrates von Samos verweilte, war Anakreon von Teos (6^0)^*).
Polykrates war selbst, wenn wir dem A e 1 i a n ^7) glauben diirfen,
der Jiinglingsliebe stark ergeben und hielt zahlreiche schone Pagen an
seinem Hof. Von diesen hatte Anakreon besonders den S m e r d i s ,
den Liebling des Polykrates, wegen seiner dunkeln Lockenpracht
im Liede gefeiert. Die Liebe des Dichters wird auch von anderer Seite
bezougt. So sagt Maximus Tyrius^s) (XXVI p. 309): „Smerdi8 emp-
fing von Polykrates Gold und Silber und W2is sonst natiirlicherweise ein
schoner Jiingling von einem Machtigen, der ihn liebt, erhalt; von
Anakreon aber Lieder und Lobspriiche und was sonst ein liebender
Dichter schenkt."
Doch nicht S m e r d i s allein entflammte das leicht entziind-
liche Herz des Sangers. Maximus Tyrius sagt (XXIV, 9 p. 297) *
„Er liebte alle schonen Jiinglinge und pries sie alle ; seine Lieder siud
voll vom Lobe der Locken des S m e r d i s , der Augen des K 1 e o b u -
1 o 8 und der Jugendschone des Bathyllo s."
Das Fr. 4, das in G e i b e Ps Ubersetzung lautet :
„Knabe, du mit dem Madchenblick,
Dein verlang ich, doch horst du nicht ;
Merkst nicht, wie du die Seele mir
Sanft am Ziigel dahinlenkst I"
soil sich auf Kleobulos bezogen haben, von dem der Dichter singt
(Bloyk IIL p. 1013):
KXeopovXov juh eyoyy igcb
KXeo^ovXov <$' ijii/btaivofiai
KXeo^ovlov dk diooxico.
Ernstere Tone in der Jiinglingsliebe sdilagt Theognis
(540) aus (dem nisaischen) Megara an^^).
Seine Elegien richten sich groBtenteils an K y r n o s , einen jun-
gen megarischen Adligen, dem der Dichter mit starker Leidenschaft
I
c*) Brandt, 1. c. S. 627.
65) Brandt, 1. c. S. 638 f.
66) Brandt, 1. c. S. 641.
67) Aeliani, Varia historia, Lips. 1819. Lib. IX, 4.
68)Maximi Tyrii. Philosophumena, ed. H. H o b e i n. Lips.
1910.
6») Brandt, 1. c. S. 628.
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zngetan war. Er gesteht, daB er selbst als Knabe sich an wackre
Manner angeschlossen habe ; so solle K y r n o s nun von ihm lernen.
Er verlangt von seinem Liebling vor allem Offenheit ; wenn er ihn
nicht lieben kann, so soil er es ehrlich eingestehen : er droht sogar,
sein Leben zu enden, damit der Jiingling merke, was er an ihm verlor.
Auf die Hohe sakraler Chorlyrik wurde aber der Paidon Eros von dem
Thebaner Pindaros (522—442)^0) gefiihrt. Schon in der I. olym-
pischen Ode (476 od. 472) nimmt die Liebe des Poseidon zu dem
Tantaliden P e 1 o p s einen verhaltnismaOig breiten Raum ein. Neben
andern Stellen, in denen jugendliche Kraft und Schonheit gepriesen
wird (01. 8, 19; 9, 94; Nem. 3, 19), sei besonders die 11. olympische
Ode (484) hervorgehoben, in dor neben der Freundschaft des A c li i 1 -
1 e u s und Patroklos (v. 24) des Ganymedes gedacht wird und
vor aliem der Eingang der 8. nemeischen Ode mit seiner Gleichstellung
der Liebe zu beiden Geschlechtern :
„Heilige Jugend, Botin
Kyprias und himmlischer Wonnen der Liebe,
Die du, thronend auf der Jungfrauen Wimpern,
Auf der Jiinglinge Blick,
Einen hier in sanftcii Zwangcs Armen wiegst,
Dort andre stiirmisch erregst. . . .**
llnter P i n d a r s Fragmenten f inden wir auch das tief empf undene
Skoliou auf den tenedischen Jiingling Theoxenos, seinen Geliebten,
iu dessen Armen der greise Dichter, als er zu Argos im TheatjCr
einem Schauspiele beiwohnte, yerschieden sein soil.
Pindar gedenkt wiederholt der gymnischen Wettkampfe
der Griechen zu Olympia, Delphi, Nemea und auf dem korin-
thischen Isthmos, wie sie uns auch von andern Orten Griechen-
lands mit starker Hervorhebung des paiderotisehen Elements
tiberliefert werden. So aus dem euboischen Chalkis. Plutarch
heriehtet (Amat. e. 17 p. 761) : „Im Kriege der Thessalier gegen
Eretria entstand den Chalkideern ein Retter in der Person des
Kleom aches aus Pharsalos, eines Mannes mit der Seele eines
Helden. Er sollte zuerst auf die feindlichen Reiter eindringen
und fragte daher seinen anvvesenden Geliebten, ob er ein Zeuge
des Kampfes sein wolle. Der junge Mann bejahte es, kuBte
und umarmte ihn und setzte ihm den Helm auf. Da ward
Kleomachos von klihner Freude ergrif fen, nahm die Besten
der Thessalier mit sich, fcTierte sie mutig an und fiel so liber
die Feinde her, daB die feindliche Reiterei verwirrt wurde
und sich zur Flucht wandte so siegten die Chalkideer
mit Macht. Jedoch den Kleomachos ereilte der Tod. Sein
Grab zcigcn die Chalkideer auf dem Markte, wo bis heute
noch die groBe Spitzsaule steht."
II e s y c h i o s hebt hervor, daB seitdem ;ifaAxidC«>' gleichbe-
deutend mit jraidFoaaxslv war. Dies bestatigt auch Athenaios
(XIII 601 c), der noch hinzufiigt, daB die Chalkideer wie auch mehrere
andro auf die Ehre Anspruch erhoben, daB aus einem Myrtenhain in der
Niihe ihrer Stadt der schone Ganymedes geraubt sei ; mit Stolz
0) Brandt, 1. c. S. 652.
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seigten sie den Fremden diese Stelle, die sie Harpagion d. h. Raub-
statte nannten.
lu dem schon durch Theognis beriihmten nisaischen Megara
wurden bei Beginn des Friihlings die Diokleen, Spiele zu Ehren des
Nationalbelden D i o k 1 e s , abgehalten. Uber seinen Tod erzahlt man,
dafi er im Kampfe an der Seite seines Lieblings gefochten und im
Augenblick der Gefahr ihn mit seinem Schilde gedeckt und gerettet
habe, dabei aber selbst gefallen sei. Ihm zu Ehren wurden spiiter die
Diokleia gefeiert, bei denen zum Andenken an seinen Opfertod fiir
seinen Liebling ein Wettkampf der Jiinglinge im Kiissen stattfand, den
Theokrit (XII, 30) schildert:
„Nabt sich der Friihling, so sammeln an seinem Grabe sich immer
Junglinge eifernd im Kampf, um die Palme im Kiissen zu ernten;
Wessen Lippen am siiBesten sich vermahlen den Lippen,
Greht dann heim zu der Mutter, geschmiickt, ja belastet mit Kranzen.
Selig ist, wer als Richter entscneidend priifet die Kiisse 1"
Im AnschluB an den uralten Kult des Eros in dem boiotischen
Thespiae wurden daselbst auch alle fiinf Jahr die E r o t i d i e n , wie
Plutarch (Amat. c. I) in lokalpatriotischem Stolz berichtet, mit
uberaus prachtigen und gianzenden Kampfspielen gefeiert. J)aB neben
gymnastischen auch musische Wettkampfe daselbst ausgefochten wur-
den, erfahren wir aus dem II. Kapitel von Plutarchs Schrift, und
es wird iiberliefert, daB an denselben auch Preislieder auf den Paidon
Eros, wie solche schon Stesichoros gedichtet, gesungen wurden.
Vor allem beweisen, dafl gleichgeschlechtliche Liebe, selbst in
ihrer sinnliclisten Form, nicht erst ein Produkt der Verfallzeit des
Griechentums war, die vom Freiherrn Hiller von Gartring'en
auf der Insel T h e r a (jetzt Santorin), einer der siidlichsten C ycladen
im Agaischen Meer, aufgefundenen Inschriften, die, aus dem VII. Jahr-
hundert stammend, iiberhaupt zu den altesten der bisher aufgefun-
denen Inschriften gehoren und an drastischer Eindeutigkeit ihres In-
halts nichts zu wiinschen iibrig lassen. Dafl wir es hier keineswegs mit
Obszonitaten zu tun haben, sondern mit der Bekundung einer staatlich
anerkannten, altgeheiligten Institution eines Verhaltnisses zwischen
Mannern und Jiinglingen, hat niemand klarer ausgesprochen als Erich
Be the, indem er in seiner Besprechung des Hillerschen Werkes
iiber die theraischen Ausgrabungen (1899 ff.)'!) sagt: „Was uns als
unnatiirliches Laster erscheint, wird hier offentlich verkiindet, fiir
alle Zeiten unausloschlich in den Fels gegraben. Beim Fest der Gott-
heit (den Karneien) spinnt sich das Band; unter seinem Schutz, in
seinem Heiligtum wird das Verhaltnis besiegelt, der Gott ist Zeuge
und heiligt es. Jeder frivole Gedanke liegt weltenfern. Man braucht
sich nur die ernste Strenge alter ReligionsuDungen zu vergegenwiLrtigen,
um zu erkennen, daB wir vor einer heiligen Handlung stehen. Mann und
Jiingling verbinden sich zu einem ernsten, ehrwiirdigen Bunde unter des
Gottes Augen, wie die Ehen im Tempel geschlossen werden." —
Eine ahnliche Institution nimmt B e t h e '2) auch fiir Theben an,
wo nach Aristoteles (cf. Plutarch, Pelopidas c. 18 u. Erotic, c. 17)
am Grab des Heros Jolaos, des Genossen des Herakles. die Liebhaber
und Geliebten ihre Treuversprechungen tauschten. Zu Aristo-
teles' Zeiten, so schreibt B e t h e , wird man sich in Theben mit einer
feierlichen symbolischen Form begnugt haben, die der EheschlieBung
vor gott lichen Zeugen entsprach. Urspriinglich diirfte aber auch in
Theben gerade auf dem heiligen Platz im Angesicht des heroischen
'0 Cf. Beilage z. Allgemein. Zeitung. 1900. Nr. 15. H. L i c h t
i. d. Zeitschrift f. Sexualwissensch. 1908. S. 491.
'2) E. B e t h e , Die dorische Knabenliebe i. Rhein. Museum Bd. 62.
1907. S. 438 ff.
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Vorbildes und Schiitzers der Jiinglingsliebe der Akt wie in Thera aus-
geiibt worden sein.
Ein ungunstiges Geschick, mehr noch die Verstandnislosig-
keit der Nachwelt hat es verschuldet, daB von den griechischen
D r a m e n , welche nach den Mitteilungen der Alien in nieht ge-
ringer Zahl den Paidon Eros behandelten, nieht ein einziges
erhalten blieb, so daB wir hier nur auf dlirftige Fragmente
und literargeschichtliche Notizen angewiesen sind*^^). Wir
brauchen aber nieht die Worte des Athenaios (XIII, 601a)
in Zweifel ziehen, der von der Zeit der beiden groBen Tragiker
schreibt: ,,Niemand machte ^us der Paiderasteia ein Hehl, so
daB Aischylos, der doch ein groBer Dichter war, und ebenso
Sophokles diese Liebe sogar auf die Blihne brachten. Darum
nennen einige die Tragodie geradezu eine Statte der Paderastie,
und die Zuschauer erfreuten sich daran."
Aus dem Dionysosmythos, der alien Quelle iragischer Kunst,
schopfte Aischylos die Tetralogie der Lykurgeia. Hier ist eine
interessanie Sielle erhalten, die uns das weibische AuBere des neuen
Gottes durch den rauhen Thraker Lykurgos schildern laCt :
„Du Fremdling, Weib fast? welche Heimat sandte dich? . . .
Wie kommi das Haarband, wie das Saffrankleid zum Speer,
Wie Busengnrt und Myrrhen? das paBt nimmermehr.
Wie hat der Spiegel gar Gemeinschafi mit dem Schwert?
So schlank geschenkelt bisi du wohl halb Mann, halb Weib?^*)"
Ob Aischylos selber dem Paidon Eros gehuldigt habe, ist
nieht iiberliefert, wohl aber sind uns aus dem Leben seines groBen
Nachf olgers Sophokles (496 — 406) mannigfache Zeugnisse hierfiir
erhalten. Zuerst die von seinem Zeitgenossen, dem Tragiker Ion von
Chios in seinen „Epidemiai" (Reiseerinnerungen) nach personlichem
Erlebnis berichtete Episode aus dem Hause des Hermesilaos,
des athenischen Konsuls auf Lesbos (Athen. XIII, 603 e) : „Den Dich-
ter Sophokles habe ich in Chios getroffen, als er auf der Fahrt nach
Lesbos als Feldherr begriffen war, und ich lernte in ihm einen Mann
kennen, der schone Knaben wohl leiden mochte und bei einem Becher
Wein ein angenehmer Gesellschafter war. Es war im Hause des
Hermesilaos, der ihm zu Ehren ein Gastmahl gab, und da ge-
schah es, daB der Knabe, der am Herdfeuer stand und den Wein zu
mischen hatie, ihm gar sichtlich wohlgefiel. So sprach er denn zu dem
Knaben: .Willst du wohl, daB mir der Wein rechi gut schmeckt?* —
,Natiirlich,* antworiete dieser, und Sophokles fuhr fort: ,Dann
muBt du selbst den Becher nahe an meine Lippen bringen I' Da nun auf
den Wangen ides Knaben die roten Rosen aufbliihten, sprach er zui einem
der Gaste : ,Wie schon ist doch das Wort des Phrynichos:
,Es leuchiet auf den purpurnen Wangen das Feuer der Liebe*. —
Nach einem kleinen Disput wandte sich Sophokles wieder an den
Knaben, der eben mit dem Finger ein Halmchen vom l^nde des Bechers
nehmen wollte, mit der Frage, ob er das Halmchen sahe. Da er dies
bejahte, so^ie der Pichter: ,Nun gut, so blase es mit dem Munde
^3) F. G. W e 1 c k e r , Die griech. Tragodie. Rhein. Mus. Suppl.
1839. — H. L i c h t , D. Paidon Eros i. d. griech. Dichtung V. i. d.
Anthropophyteia IX, 1912. S. 300 ff.
'*) Drey sen, 1. c. S. 470.
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fort, damit du dir den Finger nicht naB machsti' Wie nun der Enabe,
um das zii tun, den Becher seinem Munde naherte, zog S o ph o k 1 e s
den Becher seinem eignen Munde naher, damit Kopf an Kopf und
Wange an Wange kame. Und als sie nun ganz nahe bei einander
waieu, da umschlang er den Knaben mit dem Arm und kilBte ihn. Da
klatschten alle und riefen ihm lachend Beifall, daB er den Knaben so
schon iiberlistet hatte, er aber sprach : ,Ich iibe mich in der Feld-
herrnkunst, ihr Freunde, da doch P e r i k 1 e s sa^te, ich verstande mich
zwar auf die Poesie, aber nicht auf die Strategic. 1st mir nun dieser
Feldzug nicht trefflich gegluckt?*'*^)" —
Athenaios erwahnt (XIII, 604 d), nach einer Mitteilung des
Aristoteles schiilers Hieronymos von Rhodes, daB der Dich-
ter sogar einmal bei einem zart lichen Stelldichein Ifw wZ/orc (vor
dem Tor) das Opfer einer Prellerei geworden sei, wobei er seinen Mantel
eingebiiflt und dazu noch den Spott des Euripides geerntet habe.
Athenaios nennt an dieser Stelle, gestiitzt auf eine iiberlieferte
AuBerung des Sophokles, den Euripides zwar (ptXoyvvrfg, es wird
auch von einer zweimaligen Ehe des Dachters gesprochen, doch be-
richten sowohl Plutarch im Erotikos (c. 24) wie Aelian (V. H.
XIII, 4) von einem Liebesveirhaltnis zwischen ihm und dem Dichter
A g a t h o n , obwohl letzterer ^chon etwa 40 Jahre zahlte, wobei
Euripides das Auffallende seiner Neigung zu einem „Bartigen" mit
deu Worten entschuldigte : „Bei den ,Sch6nen* erwartet man auch einen
schonen Spatsommer". -^ Agathon, von dessen femininem Cha-
rakter Aristophanes in den „Thesmophoriazusen" (v. 13 ff.) eine er-
gotzliche, wenn auch iibertriebene Charakteristik gibt, war keiner der
unbedeutendsten Dichter, einer seiner dramatischen Siege gab (416)
Gelegenheit zu dem Symposion, das P 1 a t o n in seinem Meisterdialog
verewigt hat, und auch Aristoteles hat fiir ihn nur Worte der An-
erkennung.
Unter des Euripides Werken ist uns das einzige voll-
standig erhaltene Satyrdrama der alten Btihne der Kyklops
tiberliefert. Tritt uns in dem ernsten Drama der Paidon Eros,
soweit es die spar lichen Fragmente erkennen lassen, durchweg
in seinem Pathos entgegen, so bot das Satyrdrama, wie schon bei
Aischylos und Sophokles, Raum zu seiner humorvoUeren
Behandlung.
Das zeigt der Kyklops des Euripides. Der Stoff ist der be-
kannleu Erzahlung aus dem 9. Gesang der Odyssee vom Abenteuer des
Odysseus bei dem unholden Kyklopen Polyphemos entnommen.
Als der Kyklop in seiner Trunkenheit die Charitinnen vor sich zu er-
blick^n glaubt, spricht er (v. 581):
„Ich kiiB' euch ^ichtl Geht, laBt mich los, ihr Huldinnenl"
(Er greift paiach dem alten Seilenos, der vor ihm kauert)
„Mir genugt der Ganymedes hier, ein schoner Kerl,
Bei alien Huldinnenl Schatz' ich stets ein Biibchen doch
Mit einem Bart weit hoher als ein Madchenkinn."
Seilenos (sich wehrend) :
„Du irrst dich, Herr! Ich bin des Zeus Ganymedes nicht."
Kyklop (indem er aufsteht und den Alten f ortschleppt) :
„Bei Zeus, du bist'sl Stracks raub' ich dich."
Seilenos:
„Weh mir! Des Weines bittre Hefe schmeck* ich nun I"
75) E. V. Kupffer, 1. c. S. 189. — P. Brandt i. JahrbuchVIII
(1906) S. 632.
Hirschfeld, HotnosexualitSlt. ^
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Der Kyklop schleppt ihn darauf taumelnd in die Grotte hinein^*).
Aus den Fragmenten der andern dramatischen Dichter hat Licht^^)
Stellen, die sich auf den Paidon Eros beziehen, zusammengestellt.
Bparlich rinnen die Quellen liber unser Thema bei
Hero dot von Halikaraassos (484 — 425), dem sonst so viel-
seitigen und reichhaltigen „Vater der Gesehichte**. Kultur- und
KuDstgeschichtliches, Mythologie und Sexualleben flihrt er in
buntem, kaleidoskopischem Wechsel vor unsern Augen voriiber.
Namentlich auf letzterem Gebiet ist er eine reiche Fundgrube
ftir die Hochzeits- und Ehegebrauche der alteren Kultur- und
Naturvolker. Selbst Erscheinungen, wie den heterosexuellen
Analcoitus (I, 61), Incest (II, 131), Zoomixie (II, 46) und
Nekrophilie (II, 89 ; V, 92) erspart er dem Leser nicht. Um so
merkwtirdiger muB es erscheinen, dafi er des Paidon Eros nur an
einer einzigen Stelle und auch da in nicht gerade sympathischer
Weisc gedenkt. Es ist dies die Bemerkung, dafi die Perser
erst von den Griechen die Jtinglingsliebe gelernt hatten.
Aus dem Zusammenhang dieser Stelle geht im Verein mit dem
sonstigen voUigen Verschweigen des Paidon Eros im Gegensatz zu
den zahlreichen Anfiihrungen anderer sexueller Anomalien, Varia-
tionen und Aberrationen ,wohl deutlich hervor, daB Herodot der Er-
scheinung unsympathisch gegeniiberstand. Denn weder gedenkt er
beim Zuruckbleiben des Herakles auf der Argonautenfahrt (VII,
193) seiney Lieblings Hylas, der nach der Sage Soch die eigentliche
Ursacbe hiervon war, noch bei der Erwahnung des Aristogeiton
und Harmodios (V, 35 u. VI, 123) ihres bekannten Freundschafts-
und Liebesbundes. Erklarlich erscheint uns des Halikarnassiers rigorose
Stellungnahme durch die Bemerkung des Pausanias im plato-
nischen „Symposion** (C. 9, 182 b), dai5 „in Jonien und sonst an vielen
Orteu, welche unter der Herrschaft von Barbaren leben, der Paidon
Eros, wie auch die Philosophic und Gymnastik fiir schimpflich und
unerlaubt galten, da den dortigen Machthabern engere Biindnisse freier
Manner politisch unbequem werden konnten. — Im 105. Kapitel
des I. Buches, sowie im 67. des lYj, Buches spricht Herodot voa den
schoii erwahnten skythischen Enarern und I, 175 u. VIII, 104 findet
sich der sonderbare Bericht von der Virilisierung der Athenepriesterin
bei den Pedasern, einem Volksstamm in der Nahe von Halikarnassos.
„Denn so oft denselben und auch ihren Nachbarn ein Ungliick bevor-
steht, bekommt die Priesterin der Athene einen langen Bart' und das
hat sich schon dreimal begeben." Man konnte hier vielleicht annehmen,
daB diese Priesterin p.us gewissen kultischen Griinden einen kiinst-
licheu Bart angelegt habe, doch ist Genaueres hieriiber wohl noch
nicht ermittelt.
Wir kommen zu Thukydides (460 — 400). Aus seinem
Geschichtswerk (460 — 400) ist ftir uns besonders die Schilderung
bemerkenswert, welche er von der Vertreibung der Peisistratiden
gibt.
'*) Die Dramen d. Euripides. Verdeutscht v. J. M i n c k -
witz, Bd. II.
") H. Licht, 1. c. S. 316.
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Thukydides erzahlt (VI, 64 ff .) : „Des duroh Jugendschonheit
ausgezeichnetea Harmodios erfreute sich Aristogeiton, ein
Burger aus dem Mittelstande, als begiinstigter Liebhaber. Harmo-
dios erhiell aber auch von Hipparchos, dem (jiingeren) Peisistra-
tiden, Antrage ; doch lieB er sich zu nichts iiberreden, sondern be-
klagte sich dariiber beim Aristogeiton. Dieser nahm das in
seiner Verliebtheit sehr iibel auf, und aus Furcht, der machtige Hip-
parchos mochte jenem Gewalt antun, iiberlegte er, wie er mit seinen
Mitteln die Gewaltherrschaft stiirzen konne. Hipparchos dagegen,
der den Harmodios trotz wiederholter Antrage nicht zu gewinnen
vermochte, wollte zwar vor der Hand keine Gewalt gegen ihn ge-
brauchen, sann aber darauf, sich bei einer minder in die Augen fallen-
deji Gelegenheit, als ob es nicht gerade deshalb geschahe, an ihm durch
einen Schimpf zu rachen. Durch eine schimpfhche Beleidigung seiner
Sch wester auf Veranlassung des Hipparchos fiihite sich Harmo-
dios noch mehr gekrankt, und um seinetwillen wurde auch Aristo-
geiton noch mehr zur Rache aufgereizt. Sie verabredeten daher alles
mit den Teilnehmern der Verschworung, warteten jedoch die groBen
Panathenaen ab, den einzigen Tag, wo unverdachtigerweise Biirger,
die den Festzug leiteten, sich in Masse bewaffnet zeigen konnten (67).
Beim Beginn des Testes wax nun H i p p i a s auBerhalb der Stadt auf
dem Kerameikos inmitten seiner Leibwache mit Anordnungen iiber
die Einzelheiten des Festzuges beschaftigt. Harmodios imd Ari-
stogeiton schritten mit Dolchen bewaffnet zur Ausfiihrung. Als
sie jedoch wahrnahmen, daB einer ihrer Mitverschworenen sich ver-
traulich mil H i p p i a s unterredete, da er ja von jedermann sich leicht
sprechen lieB, so gerieten sie in Furcht, daB alles entdeckt sei und sie
sogleich festgenommen wurden. Sie wollten aber doch, wenn irgend
moglich, wenigstens noch an dem, der sie gekrankt und durch dessen
Schuld das ganze Wagnis veranlaBt war, zuvor noch Rache nehmen und
drangen deshalb ungesaumt zum Tore hinein. Da trafen sie den
Hipparchos beim Leokorion und fielen unversehens mit iiuBerster
Wut, der eine aus Eifersucht, der andere durch Beleidigung gekrankt,
iiber ihn her, verwundeten und toteten ihn. Aristogeiton ent-
kam zwar fiir den Augenblick im Getiimmel des Volksauflaufes der
Leibwache, wurde aber bald ergriffen^ und spater getotet. Harmodios
dagegen wurde augenblicklich auf dem Platze niedergemacht. So ge-
schan es, daB gekrankte Liebe fiir Harmodios und Aristogei-
ton die erste Veranlassung zu der Verschworung wurde, wahrend der
plotzliche Schrecken sie zu der unbesonnenen Ausfiihrung des Wag-
nisses hinriB." Thukydides ist der erste Autor, der von dem Liebesbund
des Harmodios und Aristogeiton berichtet und dessen Glaub-
wiirdigkeit und Zuverlassigkeit keinen Zweifel zulassen. Wir wissen,
daB ihr Nimbus der Vaterlandsbefreier gleichwohl in der atti-
scheu Tradition lange fortdauerte, doch blieb auch ihr Ruhm als treue
Hiiter ihres Liebesbundes ungemindert, dessen Heiligkeit und Unver-
letzlichkeit mit bewaf fneter Hand zu verteidigen, zu rachen und mit
ibrem Tode zu besiegeln, sie sich nicht scheuten.
Reiches, ja liberreiches Material zur Gesehichte des grie-
chischen Paidon Eroar hat die „attische Biene**"^^), der Athener
Xenophon (430 — 355) zusammen getragen. Fast keine seiner
zahlreichen Schriften ermangelt dessen, so dafi er in der klas-
sischen Zeit des Hellenentums neben Platen die Hauptquelle
fiir unsre Untersudhungen bildet, ja in bezug auf Reichtton!
") Bei P h o t i o 8 cod. 0X0.
'9) Antholog. graec. Ill, 174.
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der personlichen und historischen Details diesen noch iiber-
trif f t, wahrend in spaterer Zeit nur noch Plutarch, Lukian
und Athenaios isich ihm zur Seite stellen dtirfen.
Doch hat er vor diesen den Vorzug*, fast durchweg aus unmittelbarer
Gegenwart und Umgebung zu schopfen. Selbst in seinem ,,Jagd-
biichlein" (Kynegetikos) hat er sich nicht enthalten, eine auf den
Paidon Eros gegriindete Hauptregel lakonischer Jugenderziehung mit
einzuflechten (c. 12, 20) : ,,Denn sobald jemand von seinem Geliebten
geselien wird, so sucht jcder sich selbst zu iibertreffen; auch spricht,
noch tut er etwas Schimpfliches oder Schlechtes, damit er nicht dabei
von jenem gesehen werde."
Unter Xenophons historischen Schriften hat man von jeher
die „ Anabasis**, den Feldzug der Zehntausend, wegen der Unmittelbar-
keit und Frische der Schilderungen am hochsten geschatzt. Auch
fiir die Beurteilung des Paidon Eros ist sie von hohem Wert. Schon in
der Charakteristik der in der Schlacht bei Kunaxa (401) in Vertrags-
bruch von den Persern ermordeten Feldherren bildet der Paidon Eros
eiu wichtiges Moment. So wird der auch durch P la tons gleich-
naraigeu Dialog bekannte Thessaler M e n o n als ihm sehr ergeben ge-
schildert (II, 6, 28). Er war in jiingeren Jahren zu Larissa der Geliebte
des Aleuaden Aristippos gewesen (Platon, Menon p. 70), spater
licbte er den Tharypas, „als Bartloser einen Bartigen**, wie X e n o -
p h o n besonders bemerkt. Auch die hellenischen Soldner fiihrten
auf ihrem Riickzug durch das Gebirgsland der Karduchen (Kurdistan)
nicht nur kriegsgefangene Weiber, sondern auch Jiinglinge als Konter-
bande mit sich. Typisch ist die Geschichte, die Xenophon von der
Intervention des Episthenes erzahlt, „als Seuthes die gefangenen
Thyner (Ostkiiste der heutigen Provinz Adrianopel) toten lieB** (VII,
4, 7) : ,, Als namlich Episthenes bei dieser Gelegenheit einen
schonen, bewaffneten Jiingling sah, der gleichfalls sterben sollte, eilte
er zu Xenophon und bat ihn, jenen zu retten. Dieser wandte sich
an Seuthes mit der Bitte, dem Jiingling das Leben zu schenken
und erzahlte ihm dabei, daO Episthenes einmal bei Anwerbung einer
Schar nur auf schone Leute gesehen und sich mit diesen sehr brav
im Felde gehalten habe. Seuthes fragte den Episthenes daher :
,,Wiirdest du wohl fiir den Jungling sterben?** — Da hielt Episthe-
nes seinen Nacken hin und sagte: „Hau nur zu, wenn es der Jiingling
befiehlt und meiner dafiir dankbar gedenken will.** — Seuthes fragte
darauf den Jiingling, ob er nun den Episthenes statt seiner toten
solle. Der ging jedoch keineswegs darauf ein, sondern sagte, Seuthes
moge ihnen beiden das Leben schenken. Da umschlang Episthenes
den Jiingling und sprach: „Nun muBt du dich mit mir um ihn schla-
gen, denn im Guten laB' ich dir den Jungen nicht.** Da lachte Seu-
thes und lieD es dabei bewenden.**
Aus einer groBen Anzahl der iiberlieferten Inschriften ersehen
wir, daB das Attribut der „Schonen** ixaXoi) als Kollektivbezeichnung
fiir die der Liebe ihrer alteren Geschlechtsgenossen begehrenswerten
Jiinglinge gait. So erfahren wir auch in Xenophons „Hellenischer
Geschichte (II, 46) gelegentlich des Uberfalls bei Phyle (404) den
Tod des Atheners Nikostratos, des ,, Schonen**, und II, 3, 56 trinkt
Theramenes, der „Danton** der DreiBig, mit grimmen Todeshumor
den Giftbecher aufs Wohl seines politischen Gegners K r i t i a s , des
„Sch6nen**, den wir auch in Xenophons „Sokrati8chen Denkwiirdig-
keiten** (I, 2, 29) und bei Platon (Charm;ides u. Politeia II, 10 p. 368)
als Anhanger des Paidon Eros kennen lernen. Von ganz besonders
starker personlicher Sympathie war Xenophon fiir den Spartaner-
konig A g e s i 1 a o s (gest. 361/60) erfiillt, dem er eine eigene nistorische
Monographie in Form eines Nekrologs widmete. Hier kommt er im
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5. Kapitel auch auf den Paidon Eros des Konigs zu spreohen und riihmt
dessen Enthaltsamkeit im Liebesgenufi, die so groiJ gewesen sei, dafi
beispielsweiso er, „der den Megabates, des Spithridates
Sohu, liebte, wie nur die heftigste Natur den schonsten Jiingling lieben
kann '^a), doch, als Megabates ihn nach der Landessitte der Perser
kussen wollte, sich mit alien Kraften dagegen straubte". Dabei war,
wie mannigfach bezeugt ist, gerade in Sparta der Paidon Eros
nach B e t h e 8 ^^b) Worten die denkbar inniffste Verbindung zweier
Geschlechtsgenossen, aus der in reichster Fiille hervor sprolten die
edelsten Triebe eigner Vervollkomnmung im Wettstreit mit dem andern
und unbedingte Hingabe fiir den Geliebten in jeder Gefahr und
bis zum Todc mitten in des Lebens Friihlingsbliite".
Auf dem Gdbiet' der griechiscjhen Philosophie®^) hat sich,
nach den vorhandenen Fragmenten zu urteilen, zuerst P a r -
men ides (616 — 460), der groBe Philosoph der eleatischen
Schule, mit sexuellen Fragen beschaftigt. Der gleichnamige
platonische Dialog schildert ihn zur Zeit des jungen Sokrates
(geb. 469), ganz weiBhaarig, edlen Ansehens, etwa 65 Jahr alt,
wahrend sein Schtiler, Zenon von Kittion, der zugleich auch
als sein Liebling gait, etwa 40 Jahre zahlte. — Dem Par-
menides gait der Eros als kosmogonisch schaffendes und
ordnendes Prinzip (fr. 13).
Im II. Teil seines groDen, uns nur in Triimraern iiberlieferten
Lebrgedichtes „iiber die Natur" ist von besonderer Wichtigkeit Fr. 18,
das uns allerdings nur in dem etwa neun Jahrhunderte jiingeren
Werke des numidischen Arztes Caelius Aurelianus „iiber akute
und chronische Krankheiten" (IV, 9) erhalton ist. Aurelianus
schreibt: „Parmenides sagt in den Biichern, welche er iiber die Natur
geschrieben hat, daB durch einen Zufall bei der Empfangnis bisweilen
sich feminin unterwerfende Menschen (subacti homines = pathici)
entstanden. Das heifit in die Sprache unserer Tage iibertragen: Schon
Parmenides bemiihte sich, wie die altindischen Weisen, die Ilomo-
sexualitat auf biologischem Wege zu erklaren, er suchte, wie jene,
ihre Wurzeln in der Stunde der Empfangnis, sah sie mithin als an-
geboren an, wie Aurelianus im weiteren dies mit den Worten be-
statigt: „Viele medizinische Schulhaupter behaupten aul3erdem, daC
diese Leidenschaft angeboren sei und deswegen mit dem Samen auch
auf die Nachkommenschaft gelange." jEmpedokles von Agrigent
(geb. 496) kommt ebenfalls auf das Gesetz der Doppelgeschlechtig-
keit der organischen Wesen zu sprechen und erwahnt Fr. 61 : ,.M i s c h -
geschopfe, hier manner-, dort frauengestalti g".
Von dem Pythagoraer Philolaos von Kroton, einera Zeit-
genossen des Sokrates, ist ein auf den Paidon Eros beziip^licHes
Fragment (16) erhalten, in dem es heiBt: „Daher haben wir gewisse
Vorstellungen und Leidenschaften nicht in unserer Gewalt, wie auch
gewisse Handlungen, die auf solchen Vorstellungen und Oberlegungen
beruhen. Es gibt vielmehr gewisse Motive, die starker sind
a 1 s w i r .**
'»a) Cf. Ivo Br uns, 1. c. S. 130.
79b) B e t h e 1. c.
^^) Fragmente der Vorsokratiker, gricch. u. deutsch von 11 e r ra.
D i e 1 s , 2. A. 1906. Die Vorsokratiker. In Auswahl iibers. v. W i 1 h.
Nestle. 1908.
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768
Unter den mehr oder minder aphoristisch iiberlieferten Fragmenten
des Atomistikers Demokritos yon Abdera (geb. 460), oes ,,la-
chenden Philosophen", finden ,sich mehrere, die die Freundesliebe
besonders preisen, so z. B. Fr. 99: Wer keinen einzigen braven Freund
besitzt, ist nicht wert zu leben; und 103: Wer niemand liebt, kann
meines Bediinkens auch von niemand geliebt werden.
Dem Demokritos ungefahr gleichaltrig war der be-
rtihm teste Arzt des hellenischen AltertumS, Hippokrates von
Kos (geb. 460). Wir konnten seiner schon bei der '^^Xeia vovaog
der Skythen gedenken; unter seinem Namen veroffentlichte in
spaterer Zeit eine groBe Anzahl medizinischer Autoren ihre
Sehriften, so dafi die einzelnen Bestandteile des Corpus Hippo-
crateum heute nicht mehr ganz leicht voneinander zu trennen
und zeitlich zu bestimmen sind^^). Im hippokratischen, noch
jetzt gebrauchliehen Arzteeid muBte der junge Asklepiade
geloben, sich in den Hausern seiner Patienten von gescftlecht-
lichem Verkehr jeglicher Art mit Mannern und Weibern, Freien
und Sklaven fern ^u halten.
In bezug auf das Problem der Zwischenstufen erscheinen folgende
Stellen von hohem Interesse „Uber die Diat", Lib. I, 28. (F u c h s ,
1, 303; Kuehn, I, 650):
jjWenn nun die beiden abgesonderten Korper (Samen- und Eizelle)
zufallig mannlich sind, so nehmen sie je nach dem Vorhandenen zu,
und das werden dann Manner von glanzendem Geist und starkera
Korper, wofern sie nicht durch die spatere Lebensfiihrung Schaden
leiden. Wenn aber vom Manne Mannliches, vom Weibe hingegen Weib-
liches abgesondert wird und das Mannliche die Oberhand erlangt, so
mischt sich die schwachere Seele mit der starkeren, denn sie findet
in dem Vorhandenem nichts, was ihr mehr verwandf ware, nimrnt doch
die kleine Seele die grofiere auf und die groBere die kleinere. Ge-
meinsam aber beherrschen sie das Vorhandene. Der mannliche Korper
nimmt zu, der weibliche dagegen ab und wird zu einem andern Schick-
sal ausgeschieden. Diese Manner sind zwar weniger glanzend als
die vorigen, gleichwohl aber werden sie, weil ja das Mannliche, welches
vom Manne kam, gesiegt hat, mannlich und sie tragen diese Be-
zeichnung mit Recht.
Wird jedoch von dem Weibe Mannliches abgesondert,
von dem Manne dagegen Weibliches und siegt das Mann-
liche, so nimmt dieses auf dieselbe Art zu, wie das Vorhergenannte,
jenes aber nimmt ab. Diese warden Woibmanner (a n d r o g y n o i) und
werden mit Recht so genannt.
(Kap. 29) : Das Weibliche aber entsteht auf dieselbe Art und
Weise. Wenn namlich von beiden Weibliches abgesondert wird, so
entsteht ein Wesen von hochster Weiblichkeit und groBtcr Schonheit.
Ist aber das vom Weibe koramende weiblich, das vom Manne kommende
dagegen mannlich und siegt das Weibliche, so nimmt es auf dieselbe
Art zu und es entstehen mutigere Frauen als die vorgenannten, gleich-
wohl aber sind auch sie anmutig.
Ist endlich das vom Manne kommende weiblich, das vom Weibe
kommende hingegen mannlich und siegt das Weibliche, so nimmt es
auf die namliche Art zu und es entstehen verwegenere Weiber als die
vorgenannten, man nennt sie mannliche Weiber (andreiai).
t
81) Hippokrates' Werke. Deutsch v. Dr. R. Fuchs. 1895.
2 Bde.
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Zwei eigentiimliche Falle anscheinender Geschlechtsumwandlung
werdeii in dem VI. Buch der „Epidemieii" (Kap. 8, 32) berichtet
(Fuchs, II, 291; Kuehn, III, 630): „In AMera (Thrakien) liatte
Phaetusa, die Haushalterin des Pytheas, friiher Kinder gehabt; nach-
dem ihr Mann aber verbannt worden war, blieb bei ihr der Monats-
fluB lange Zeit aus. Darauf stellten sich Schmerzen und Rotung
in den (felenken ein. Nachdem das geschehen war, bekam ihr Korper
ein mannliches Aussehen, er bekam (iberall Haare, Bart sproBte hervor,
die Stimme wurde rauh und, obwohl wir alles unternahmen, was dazu
dienen konnte, den MonatsfluC wieder hervorzurufen, kam er doch
nicht, sondern Patientin erlag, nachdem sie noch kurze Zeit gelebt
hatte." — Auch Nanno, der Frau des Gorgippos, auf der Insel Thasos,
war dieses Schicksal beschieden. Alle Arzte, mit welchen sie zu-
sammenkam, , glaubten, es bestehe nur eine einzige Hoffnung, dafi Pa-
tientin wieder zur Frau werden wiirde, wenn namlich die l)ei den
Frauen natiirlichen Vorgange (MonatsfluB) wiederkehrten. Doch auch
bei dieser Patientin konnte man, obschon man alles versuchte, den
MonatsfluU nicht wieder hervorrufen, vielmehr starb sie nach kurzer
Zeit."
Vorbereitet von den viel geschmachten, in Wahrheit aber,
wie sie Be the nennt, unvergleichlich verdienten Sophisten hat
in der zweiten Halfte des V. Jahrhunderts zu Athen des
Sophroniskos und der Phainarete Sohn dem hellenischen
Geist und somit der geistigen Entwicklung der gesamten Kultur-
welt eine entscheidende Wendung gegeben, von der auch der
Paidon Eros nicht unbeeinfluCt blieb. Von den Zeiten desi ehr-
wiirdigen J. M. Gessner (1691 — 1761)^^) bis zu unseren
Tagen®'') ist die Frage iiber Sokrates* Stellung zum Paidon
Eros «ine oft diskutierte geblieben. Heute, wo wir an das
Problem Sokrates mehr den MaBstab des Sexualforschers als
den des Philologen anlegen, diirfen wir das Ergebnis unserer
Untersuchungen wohl dahin zusaminenfassen, daB Sokrates
den pandemischen Eros zu einem uranischen sublimieren, der
sinnlichen Betatigung moglichst enge Schranken ziehen wollte,
um der geistigen den weitesten Spielraum zu lassen. Er wollte,
wie dies M. H. E. Meier®^) tVefflich ausdriickt, Atjien zur
Stadt der philosophischen Jtinglingsliebe machen.
In Athen hielten sich damals in den Bordellen, die eine hohe Steuer
trugen, auch Jiinglinge feil. In einem dieser Hauser sah Sokrates zum
ersten Male Phaedon (Diogenes Laertius II, 105). Dieser ungluckliche
Knabe war in Elis geboren. Als Kriegsgefangenor wurde er auf offenem
Markte verkauft, und der Kaufer fuhrte ihn der Prostitution zu, um
das Geld, das er mit seinem Korper verdiente, fiir sich zu behalten.
Ein Freund des Sokrates kaufte ihn von seinem Herrn^ und so
wurde er einer der Hauptteilnehmer des sokratischen Kreises. Der
Dialog Plat OS iiber die Unsterblichkeit tragt Phaedons Namen,
w) J. M. G e s s n e r , Socrates sanctus paederasta.
w) O. K i e f e r , Sokrates u. d. Homosexualitat i. Hirschfelds Jahr-
buch IX, 1908. S. 199.
8*) M. H. E. Meier, Paederastie in Ersch u. Gruber, Allgem.
Encyclopaedie III, 9. 1837. S. 149 ff.
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er griindete spater die sogenannte Eleatisch-Sokratische Schule.
„Kem Leser Plato s", sagt S y m o n d s ^5), „wird die S telle ver-
fessen, wo Sokrates am Abend vor seinem Tode das schone lange
faar des Jiinglings streichelt und ihm sagt, er wiirde es bald als
Zeichen der Trauer fiir seinen Lehrer abschneiden miissen".
Die hochste Entwicklung der von Sokrates iiber den Paidon
Eros vertretenen Anschauungen werden wir bei P 1 a t o n finden, vor-
erst mag uns die Darstellung Xenophons beschaftigen, der wir
wohl ein treueres und subjektiv weniger beeinflnCtes Bild von der
Personlichkeit und den Lehren des Sokrates verdanken. Nach
Xenophons Schilderung sah es Sokrates nicht als die kleinste
seiner Aufgaben an, im taglichen Verkehr seine Schiiler und Zuhorer
vor den Verlockungen und Gefahren des Eros pandemos eindringlicbst
zu warnen und ihnen die Hoheit und Heiligkeit des Eros ,Uranios mit
begeisterten Worten zu preisen. Als getreuen Eckart der athenischen
Jugend laBt ihn Xenophon in den „Erinnerungen"8«) auftreten.
Vor allem in drei ausfiihrlichen Gesprachen laBt er den Meister
die Gefahren des Eros pandemos schildern. Zuerst sucht Sokrates
K r i t i a s von seinen aufdringlichen und weitgehenden Bewerbiingen
um den „sch6nen" Euthydemos abzubringen, indem er ihm vor-
stellt (I, 2, 29 f.), ,^wie wenig es sich fiir einen freien, edeln Bind
guten Mann zieme, den Geliebten, dem er doch besonders achtungswert
erscheinen wolle, zu bitten, wie ein Bettler im Staube knieend und
um ein Almosen flehend, und dabei um was fiir eine Gabe!" Als
Sokrates erfuhr, daB Kritobulos den schonen Sohn des A 1 k i -
b i a d e 8 gekiifit habe (nach X e n o p h. Sympos. 4, 12 ff.), vergleicht
er mit warnenden Worten in einem Gesprach mit Kritobulos und
Xenophon (I, 3, 8 ff.) die Kiisse der ,, Schonen" mit dem BiB der
Giftspinne, ja jene seien noch weit mehr zu meiden, da sie nicht' nur
bei korperlicher Beriihrung, sondern sogar durch ihren bloCen An-
blick gefahrlich wurden und nur eine langere zeitliche und ortliche
Entfernung aus ihrem Bannkreise gegriindete Aussicht auf Heilung
biete.
Wir diirfen bei einer Wiirdigung dieser mehr oder minder dra-
matisch gestalteten Unterredungen die bekannte von P 1 a t o n zu
glanzendster Darstellung gebrachte Ironie des Sokrates nicht uber-
sehen, von der auch ein Abglanz in Xenophons Mitteilungen er-
scheint. Denn aus all den verschiedenen Tonarten, dem lebhaften Ent-
setzen iiber die Tollkiihnheit des Kritobulos, der Emporung iiber
Xenophons gleichen Wagemut, der Drastik der Vergleiche schaut
der Schalk Sokrates' heraus, der die TJnterredung mit den feinsten
Bliiten attischen Humors wiirzt, in der tJberzeugung, hierdurch mehr
zu wirken als durch trocknen Dogmatismus und griesgramiges Schel-
ten (Memor. IV, 11). — Der gleiche ironische Humor kommt auch in
dem d r i 1 1 e n , wiederum mit Kritobulos gefiihrtem Gesprach (II, 6)
iiber die Wahl und Gewinnung von Freunden zum Ausdruck, in dem
Sokrates den Eros des Kritobulos zur Philia, zur sinnlich unbe-
einfluBten obiektiven Freundschaft umzuwandeln sich bemiiht.
Man darf nicht iibersehen, daB Sokrates nicht nur gegen
die „sexuellen Entgleisungen" im Gebiet des Eros Paidon polemi-
siert, sondern auch im heterosexuellen Geschlechtsverkehr vor dem
ObermaB und Uberschwang warnt und zur Enkrateia und Sophrosyne
rat. Uberhaupt miBt Sokrates, wie aus zahlreichen Stellen der
xenophontischen ,,Erinnerungen" hervorgeht, vom Standpunkt seiner
**) j.Das kontrare Geschlechtsgefiihl" von Havelock Ellis
und J. A. S y m o n d s. Deutsche Original Ausgabe von Dr. Hans
Kurella. Leipzig 1896. p. 91.
w) Xenophons Erinnerungen an Sokrates. tJbertr. v. O. K i e -
fer. 1906.
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Etbik heterosexuell und homosexuell mit gleichgerechtem und gleich-
strengem MaBstabe, und ea ergibt sich fiir die heterosexuelle Majori-
tat moderner Kulturvolker keine Moglichkeit, gestiitzt auf seine Autori-
tat, die homosexuelle Minderheit einseitig zu verurteilen.
Eine Nutzanwendung dieser Ansichten tiber den Paidon
Eros gibt Xenophon in seinem ,,Symposion*', das er inx
Jahre des Friedens des Nikias (421) den spartanischen Konsul
zu Athen, den reichen K alii as, Stiefsohn des PeriklesJ
(Plutarch, Perikles 24) und Schwager des Alkibiade.s
(Plutarch, Alkib. 8), zu Ehren seines Lieblings Autolykos,
dee jugendlichen Faustkampfsiegers, veranstalten und durch
Sokrates' Anwesenheit verherrlichen laBt. In stetiger Subli-
mierung tritt uns im Verlauf dieses Gelages der Paidon Eros
entgegen.
Zuerst in grobsinnlicher vulgarer Form in der Person des syra-
kusiscben Gauklers (4. 52). Mit plumper Naivitat gibt dieser fzu,
sich nach Gefallen an der Jugendschonheit seines Kunstschiilers zu
er^otzen, wobei er Jedoch eifersiichtig daruber wacht, daJ3 ibm dabei
kem anderer ins Gehege kommt. Er muB sich dafiir eine acharf-
sarkastische Abfertigung von Sokrates gefallen lassen.
Auf einer hoheren Stufe treffen wir Kritobulos, der hier als
Liebhaber von Kleinias, dem Vetter oder jiingern Bruder des
Alkibiades, erscheint. Er reprasentiert die vornehme Jugend sei-
ner Zeit. Bei ihm paart sich das nicht mehr so derb gezeichnete sinn-
liche Verlangen bereits in lebhaft ausgesprochener Form mit der Be-
wunderun£ und der Freude an der Schonheit des um ein geringes
alteren Geliebten, zu dem er schon in der Schulzeit die lebhafteste
Zuneigung empfunden hatte. Der Geliebte ist ihm ein und alles, nicht
oft genug kann er seinen Namen wiederholen, seine Schonheit be-
geistert preisen und seine Anhanglichkeit und Ergebenheit fiir ihn
versichern. Des Kleinias Anblick ist ihm lieber als alle Schatze
der Erde, er ziirnt der Nacht und dem Schlaf, daB sie ihm den Anblick
des Geliebten entziehen, mit Freuden wiirde er sich ihm als Sklave zu
eigen geben und fiir ihn selbst durch 's Feuer gehen. Seine Rede
gipfelt in einem Paneg3'ricufl auf die Schonheit, deren Besitz ihm
wiinschenswerter erscheint als alle Schatze des Perserkonigs. Auf einen
verwunderten Einwurf des Hermogenes, des Biniders des K a 1 1 i a s,
wie Sokrates diesen Gefiihlsiiberschwang des Kritobulos so gelassen
auhoren konne, riihmt sich dieser schalkhaft-ironisch seiner bisherigen,
allerdings recht minimalen Erfolge in der Heilung des vom Eros Er-
griffenen und muC auf die Einrede des Charmides zugeben, ge-
legentlich selbst einmal nicht ganz unempfindlich goo^en des Krito-
bulos Schonheit gewesen zu sein. Eine weitere Sublimierung erfahrt
der Paidon Eros dann in der Schilderung der Liebe des K a 1 1 i a s zu
Autolykos. Trotzdem dieser in seiner jugendlichen Siegerschon-
heit gleich zu Anfang des Symposion durch don fast dithyrambischen
Schwung verratenden Vergleich mit „dem in dunkler Nachtstille auf-
flammenden Feuerschein" eingeftihrt wird und aller Augen auf sich
lenkt, 80 weiB doch Kallias im ganzen Verlauf des Gelages als ein
gefestigter Charakter seine Haltung zu bewahren, iiber den die Sinn-
lichkeit keine Gewalt zu erlangen vermag, und darf deshalb auch das
liob des Sokrates (c. 8, 8) voU fur sich in Anspruch nehmen.
Das ganze ausgedehnte 8. Kapitel fiillt die Hauptrede des Sokrates
uber den Eros Uranios. Ausgehend von seiner Allgewalt, dem alle
Wesen unterworfen sind, was durch ein Selbstgestjindnis und eine
knappe Charakteristik der Anwesenden naher begriindet wird, und an-
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kniipfend an die im platonischen Symposion (C. 9) des weitern aus-
gefiihrtc Unterscheidnng zwisclien der Aphrodite Pandemos und der
Aphrodite Urania fiihrt Sokrates den JBeweis von der Superioritat
der seelischen Liebe liber die rein korperlich-sinnliche. Mit einer
wiederholten lobenden Anerkennung fiir K a 1 1 i a s , die fast wie ein
konzilianter Dank fiir die freundliche Bewirtung erscheint, schlieBt
Sokrates seine Kede.
Wir sahen also, wie Xenophon die anfangs vollig ;m
Fahrwasser gleichgeschlechtlicher Sinnlichkeit gleitenden Ge-
sprache des „Symposion** durch Sokrates' Eingreifen 'rich
in die sublimere Sphare des rein Psychischen erheben laBt. Ganz
ahnlich verfahrt er in dem mehr philosophischen alg historischen
Eonxan der ,,Kyropaideia*', der die reifste und eigentumlichste
Frucht der xenophontischen Muse ist. Durch diesen Roman, den
altesten der uns erhaltenen griechischen Romane, zieht sidi wie
ein roter Faden die Schilderung von der Zuneigung des vor-
nehmen Meders Artabazos zu dem jiingern Kyros hin-
durch, die Xenophon gleich zu Anfang (I, 4, 27) einen Logos
paidikos, eine Liebesgeschichte nennt, und deren Einfadelung
durch Artabazos so bezeichnend geschildert ist, daB wir sie
ungekiirzt wiedergeben woUen :
,.Als Kyros (nach langerem Aufent!halt am medischen Hofe
seines miitterlichen Grofivaters A s t y a g e s) in seine vaterliche Hei-
mat Persien zuriickkehren sollte, kiiBten ihn beim Abschied an der
Landesgrenze alle seine Verwandten. Ein anderer vornehmer Meder
(\T, I, 9 wird er Artabazos genannt) stand, von der Schonheit des
Kyros ganz aus der Fassung gebracht, anfangs bei Seite. Als
nun die iibrigen sich entfernt hatten, trat auch er zu Kyros mit den
Worten : ,Willst du, lieber Kyros, mich allein nicht als deinen Ver-
wandten anerkennen?* — ,Wie denn, bist du denn auch mit mir ver-
wandt?* — jAllerdings.* — ,Deshalb sahst du mich wohl auch immer
so an, denn ich glaube dies mehrmals von dir bemerkt zu haben?* —
,Ja, auch wollte ich immer schon zu dir herantreten, aber mich hielt,
bei den Gottern, eine gewisse Scheu zuriick.* — ,Das ware doch nicht
notig gewesen, da du ja mein Verwandter bist.* Mit diesen Worten ging
Kyros auf ihn zu und kiiCte ihn. Da fragte ihn der Meder: ,Herrscht
denn auch unter den Persern die Sitte, die Verwandten zu kiissen?* —
jGewifi, beim Wiedersehen nach langerer Zeit und beim Abschied-
nehmen.* — ,Da ware es nun an der Zeit, daB du mich noch einmal
kiiiJtest, denn ich reise, wie du ja siehst, jetzt ab.* — Da kiiflte ihn
Kyros nochmals und wandte sich zur Weiterreise. Aber noch hatte
er keine groBe Strecke Weges zuriickgelegt, als der Meder auf schweifi-
triefendem RoB wieder zuriickkara. Als ihn Kyros erblickte, sagte
er: ,Du hast wohl vergessen, mir noch etwas mitzuteilen?* — ,Nein,
bei Gott, ich komme nur nach einiger Zeit wieder zu dir.* — ,Die Zeit
ist aber fiirwahr recht kurz, lieber Vetterl* — ,Wie, kurz? WeiBt du
nicht, daB mir sogar ein Augenblick ungeheuer lang erscheint, wenn
ich deine Gestalt nicht sehe?* — Da lachelte Kyros unter Tranen
und hieB ihn beim Abschied gutes Mutes sein, da er ja nach kurzer
Zeit wieder zu ihnen kommen werde, wo er ihn dann, so oft er woUe,
unvcrwandten Blickes anschauen konne."
Von dem in den „Erinnerungen'* ofter erwahnten Kritias
(455 — 403), wird das folgende .merkwiirdige Fragment laus
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einer Schrift „uber die Natur der Liebe** iiberliefert: „Die
schonste Form istbei mannlichen Wesen die weib-
liche uad ,bei weib lichen umgekehrt die mann-
liche.** Diese Bemerkung laBt sich in Parallele bringen mit
dem Umstand, daC auch die bildende Kunst der Griechen den
mannlichen Gotterbildern einen ausgesprochen weiblichen, den
weiblichen einen ausgesprochen mannlichen Charakter verlieh,
worin Driesmann s^^) den Ausdrnck eines Harmoniegef iihls
der Griechen im Geschlechtsverhaltnis ihrer kiinstlerischen Dar-
stellungen findet, welches ihnen den Idealtypus in der Ver-
einigung und Vermischung der jedem Geschlecht zukommenden
Vorziige zeigte.
Im weiblichen Korper sei das mannliche, ira mannlichen das
weibliche Element latent vorhanden und die Betonung gerade dieses
gewissermafien unterdriickten Geschlechts in der Absicht, die ge-
schlechtliche Harmonie mid menschliche Totalitat kiinstlerisch als
hochstes Menschentum zmn Ausdruck zu bringen, habe im Gefiihl der
Griechen gele^en mid ein dahin gehendes Bestreben sei in ihren Kunst-
werken deutlich zu erkennen. Driesmanns hebt die Aphrodite von
Melos (Venus von Milo, Louvre) hervor, die in der ganzen Haltung und
Bildung etwas entschieden Alannliches zeijgt, den mannlich-herben
Charakter der Hera Ludovisi, den strengen-kriegerischen der Pallas
Athene, den knabenhaft-wilden der Artemis (Diana von Versai|lles,
Louvre). Auf der anderen Seite kann man den weichlich-weibischen
Habitus des Apollo Kitharoidos, das fast Madchenhafte des Apollo
Sauroktonos und des Eros von Centocelle aniiihren.
Ganz beeonders entwickelt war der Paidon Eros in Kreta.
E p h o r o s berichtet dariiber f olgendes : „Eigontiimlich ist den
Kretern eine Sitte in der Liebe. Denn sie gewinnen sich ihre Lieblinge
nicht durch Uberredung, sondern durch Raub. Und zwar kiindigt der
Liebhaber den Verwandten des Jiinglings etwa drei oder mehr Tage
vorher an, daB er den Raub beabsichtige. Diesen wiirde es nun zum
groCten Schimpfe gerechnet, wenn sie den Jiingling verbergen oder
ihu nicht den verabredeten Weg gehen lassen wollten, da sie damit
eingestehen wiirden, daC der Jiingling dieses Liebhabers nicht wiirdig
sei. Wenn nun der Raubende nach Stand und auch sonst dem %T\ing-
ling gleich oder gar vornehmer ist, so fiihren sie ein Zusammentreffen
herbei, leisten anfangs etwas Widerstand und verfolgen ihn (den
Rauber) auch wohl eine Weile, um dem Gesetz zu geniigen. Tm iibrigen
lassen sie aber die Entfiihrung willig zu und nur Unwiirdigen wird der
Jiingling entrissen. Die Verfolgung hort auf, sobald der Jiing-
line bis zur Behausung (Andreion) des Raubenden gelangt ist. Zur
Liebe gibt aber nicht Schonheit, sondern mannhaftes und zugleich
sittsames Betragen den Ausschlag. Nachdem nun der Liebhaber den
Jiingling beschenkt hat, fiihrt er ihn nach Belieben in irgend eine
Gegend des Landes (Herakleidcs Pont. 3: ins (rebirge oder auf seine
Giiter), und es geleiten sie die, welche zugegen waren. Dort nun bringen
sie gemeinsam zwei (nach anderer tTberlieferung drei) Monate, denn
langer darf der Jiingling nicht zuriickbehalten werden, mit Schmau-
sereien und Jagdziigen zu und kehren sodann zur Stadt zuriick. Bei
^')H. Driesmanns, Das Geschlechtsempf inden d. Griechen
i. Magazin f. Literatur 1900. No. 51/52. — Cf. Bespreohung von P r ac-
tor i us im Jahrbuch f. sex. Zw. IIL 1901. S. 393.
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der Entlassung erhalt schlieBlich der Jiingling ein Kriegsgewand,
eiaeii Stier und einen Becher als gesetzliche Geschenke. Er bekommt
aber nocn mehrere andere Kostbarkeiten, so daB oft auch die Freunde
des Liebhabers wegen der GroBe der Unkosten eine Beisteuer leisten-^**).
Der Jiingling opfert den Stier dem Zeus und bewirtet die Begleiter
seiner Riickkehr. Sodaiin berichtet er, ob ihm der Umgang mit dem
Liebhaber angenehm gewesen oder nicht, denn das Gesetz gestattet
ihm, wenn inm bei (nach) dem Raube irgendwie Gewalt angetan
wurde, sofort auf Bestrafung anzutragen und jenen zu verlassen. Fiir
schono und vornehme Jiinglinge erachtet man es jedoch als Schaade,
wenn sie keinen Liebhaber findcn, da man dann ihrem Charakter Schuld
dafiir gibt^^). Die ,Parastatai*. d. h. Nebenmanner in der Schlacht-
reihe, aber. denn so nennen sie die Geraubten^o), stehen in hohen Ehren
und bei Wettlaufen und Versammlungen haben sie die ehren veil sten
Platze^*). Auch diirfen sie sich der vom Liebhaber geschenkten Klei-
dung als Auszeichnung bedienen und nicht nur zu dieser Zeit, sondern
auch als Erwachsene tragen sie besonders ausgezeichnete Kleidung,
woran jeder, der einmal „xX€iv6g'\ (im Sinne gleich dem attischen
xaX6g) gewesen, kenntlich ist. Denn den Geliebten nennen sie kleinos,
den Liebhaber aber philetor."
Durcn diese Stelle wissen wir, dafi im alten Kreta die gleich-
geschlechtliche Verbindung unter der uralten Zeremonie des Liebes-
raubes stattfand, und gewichtige spatere Zeugnisse lassen ims ver-
muten, dafi dies in den altesten Zeiten auch in andern dorischen
Staaten, wie etwa Korinth, der Fall war. Ebenso finden sich in der
heroischen Sagendichtung Spuren davon, wir brauchen bloC an
den Raub des Ganymedes und den des Pelopiden Chrysippos
durch L a i o s zu erinnern. DaB die gesetzliche Bestimmung: „wenn ihm
bei (nach) dem Raube irgendwie Gewalt angetan war . . . ." eine sinn-
liche Betatigung wahrend der Dauer des Liebesbundes nicht ausschloB,
findet darin seine Bestatigung, daB das alte, aus dem V. vorchristl.
Jahrhundert stammende Stadtrecht des kretischen Gortyn (Tit. II,
§ G ff.)92) auf die gewaltsame Notziichtigung einer Person, sei es
mannlichen, sei es weiblichen Gcschlechts cine nach Geburt und Stand
abgestufte Geldstrafe, die bei Beleidigung von Freigeborcnen 100 Sta-
teren (etwa 300 Mk.) betrug, wahrend es im Fall frciwilliger Ilingabe
sich um nichts kiimmerte.
DaB der Paidon Eros als zum Teil staatlich sanktionierte,
zum Teil tolerierte soziale Erscheinung des Hellenentums auch
in den griechischen Volks- und Gerichtsreden
seine RoUe spielen muBte, bedarf keiner weitern Begrtindung.
Wir sehen sogar, wie sich fiir ihn eine besonderei Unterart der
epideiktischen (Prunk-) Rede, der Logos erotikos, die
88) Hock, Kreta. Bd. III. S. 106 iibersetzt: So daB wegen der
Menge dessen, was er empfangen, auch die Freunde ihren Teil be-
kommen.
89) Cf. Cicero, de re publica ap. Serv. ad Acneid. IV : Opprobrio
fuisse adulescentibus, si amatores non haberent.
90) Dies war wohl eine Bezeichnung des spateren Verhaltnisses
und bezog sich auf die Stellung im Chor und Heere. Cf. 7iaQaoidxt}g in
Aristoteles, Politik III, 1, 4.
91) Dies scheint nach Meier bei Ersch u. Gruber, 1. c. fiir die
Dauer des Verhaltnisses zu sprechen.
9^)F. Biicheler n. E. Zitelmann, Das Stadtrecht von
Gortvn i. Rhein. Mus. N. F. 40. Suppl. 1885. F. Bernhoft, Die
Inschrift von Gortyn 1886. F. G. H. I p. 300 fr. 133.
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Liebesrede heranbildete, die weniger die Praxis des taglichen
Lebens berlicksichtigte, als vielmehr, zumeist angeregt durch
das Wirken des Sokrates, sich' mit prinzipiellen Untersuchungen
iiber den Ursprung, das Wesen und die Arten der Liebe bt3-
schaftigte.
Von den attischen Rednern vor Demosthenes gewahrt nach
dieser Richtung reichere Ausbeute besonders L y s i a s (445 — 380) aus
syrgdcusischem Geschlecht ; von ihm ist uns das erste Beispiel eines
Logos erotikos, einer Liebesrede, in authentischer Form erhalten. Zwar
besafi nacb des Sokrates Worten im platonischen P h a i d r o s (c. 10
f. p. 236 c f.) das Altertum noch andre, schon aus den Teigen /der
Sappho und des Anakreon, die uns jedoch verloren sind. DaB
der lysianische Erotikos nicht der einzige seiner Zeit war, beweist
uns riatons „Ly8is" (204 f.) mit dem Hinweis auf die starke Konkur-
rcnz, die zu jener Zeit die paiderotische Lyrik durch die erotischen
R^den fand, in denen die attische Jugend ihren Geist tummelte, und
durch deren mehr oder minder glanzenden Esprit sie sich die Nei-
guug der Geliebten zu erringen suchte. Dafi aber der Erotikos des
Lysias allein erhalten ist, verdanken wir wiederum P 1 a t o n , der
ihn in seinem „Phaidros", dessen Szenerie um 404 anzusetzen ist, als
Ausgangspunkt der ganzen Unterredung zwischen Sokrates und
P h a i d r o s benutzte. P h a i d r o s , des Pythokles Sohn, aus dem
myrrhinusischen Demos, ein groBer Bewunderer der lysianischen Rheto-
rik, hatte im Ilause des Epikrates die Rede aus des Lysias Munde
gohort und war von ihr so eingenommen, dafi er sich das Manuskript
ausbat, um sich in landlicher Einsamkeit noch tiefer in seinen Inhalt
zu versenken. Dort trifft ihn Sokrates, und der junge Enthusiast
kann nicht umhin, dem Meister im Schatten einer Platane am Ilissos-
ufer die gauze Rede vorzulesen.
Lysias verf icht hier die sonderbare These, daB ein Jiingling
einem ihn nicht Liebenden eher zu Gefallen sein miisse, als einem
Liebenden, und sucht die Richtigkeit dieses Satzes durch eine lange
auf antithetischer Charakteristik eines Liebhabers und eines Nicht-
liebenden aufgebaute Reihe von Griinden zu beweisen. Wir vermogen
nicht, wie Blass will, diesen Erotikos als „Erzeugnis bloBen Scherzes
und sophistischer Spielerei" anzusehen, „wolcher sich darin gefallt,
ein moglichst widersinniges Thema mit allem Aufputz der Erfindung
und des formellen Schmuckes herauszuputzen" ; wir sehen vielmehr
in ihm ein Spiegelbild jenes Kampfes, welcher bereits in dem Athen
des V. vorchristl. Jahrhunderts iiber die Berechtigung der gleichge-
schlechtlichen Liebe in ihrer sinnlichen Betatigung durch Sokrates
angefacht war. Vom Standpunkt moderner Sexualwissenschaft diirfen
wir in dem j,Liebenden" des Lysias den Typus des rein Homo-
sexuellen erblicken und in den „Nichtliebenden" den Bisexuellen, der^n
sexuelJes Begehren nicht ausschlicBlich und nicht mit so gesteigerter
Energie nach gleichgeschlechtlichem LiebesgenuB verlangte, eine Gruppe,
die im Altertum mehr als heutzutage in Erscheinung treten konnte
und trat.
Auf Lysias, der mit klarem, nuchternen Blick das Leben
seiner Zeit uberschaute, folgt Isokrates (436 — 338), der
Theoretiker, der durch die Schule des Sokrates gegangen war,
ja, wenn wir dem SchluC des platonischen Phaidros (p. 279 a, c)
Glauben schenken diirfen, sogar zu den Lieblingsschlilern des
Meisters zahlte. Es mag darauf hingewiesen werden, daB Iso-
k rates der erste war, der es sich angeiegen sein lieJl, in
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aktuellen Tagesfragen durch das geschriebene und vervielfaltigte
Wort, durch Flugschrif ten und Broschiiren liber den Kreis seiner
unmittelbaren Zuhorer und Schiiler und tiber die Grenzen seines
heimatlichen Stadtstaates hinaus auf weitere Kreise zu wirken,
so daB wir in ihm den ersten Publizisten der griechischen Lite-
ratur begrtiBen diirfen. Des Sokrates EinfluB konnen wir in
des Isokrates Behandlung und Beurteilung des Paidon Eros,
wie des sexuellen Lebens iiberhaupt konstatieren.
'Der Schule des Isokrates wird jetzt allgemein ein ^Dokument
iiber die horaosexuelle Liebe zugewiesen, das senr lange versehentlich
unter die demos thenischen Reden geraten war. Es ist die erotische
Lobrede auf den Jiingling Epikrates. In seiner Einleitung pole-
misiert dieser Erotikos wieder ganz im sokratischen Sinne gegen idie
miBbrauchliche d. h. rein sinnliche Betatigung des Paidon Eros, warnt
aber die Jiinglinge, sich gegen jene ablehnend und unfreundlich zu ver-
halten. die mit Anstand und ,verniinftiger MaCiguug ihren I'ingang
suchen.
Es wird dann das Idealbild eines attischen Jiinglings gezeichnet,
der die Freude seiner Eltern ist und audi die Achtung aller Ver-
wandlen und Bekannten geniefit, und deshalb ein wurdiges Objekt
fur die Zuneigung seines Liebhabers ist. Da der Jiingling auf der
Grenze zum Manne, vor seiner Vorbereitung zur Teilnahme am Staats-
lebeu steht, ist es an der Zeit, dai3 die vorhandenen guten Anla^en
weitere Ausbildung erfahren, und der Liebhaber lialt es daher fiir
seine Pflicht, um sich auch seinerseits der Zuneigung des Jiinglings
wiirdig zu erweisen, ihm als Fiihrer und Leiter in seiner intellektuellen
Weiterbildung zu dienen. Er stellt ihm daher die Wichtigkeit eines
verniinftigen Lebensplanes vor, den er nur auf Grundlage einer ge-
nii^enden philosophischen Durchbildung sich formen konne, da die
philosophische Durchbildung einer bloB empirischen weit vorzuziehen
sei. (§ 37 — 44.) Dies wird an den Beispielen athenischer Helden
und Staatsmanner aus alterer und jiingster Zeit nachgewiesen. Wir
findeii in diesem Erotikos einen ziemlich ungetriibten Niederschlag
des sokratischen Paidon Eros, der das dem Menschen eingeborcne phy-
siologische Bediirfnis zu veredeln und zu vergeistigen trachtet und
in der Betatigung des Alteren dem Jiingeren gegeniiber auch wieder
nach der Weise des Sokrates hauptsilclilich das padagogische Mo-
onent betont.
DaC die Enthiillung sexueller Intimitaten mit der Zeit ein be-
liebtes forensischcs Kampfmittel bei den attischen Rednern und Poli-
tikern wurde, konnen wir bereits bei A.ntiphon, Andokide/s
und L y s i a s mehrfach nachweisen. Doch niemals wurde so zahlreich,
so ohne alle sachlichen Griinde und in so skrupelloser Weise davon
Gebrauch gemacht, wie zur Zeit des Demosthenes und bedauer-
licherweise auch von diesem selbst.
Schon in seiner ersten groBeren Rede, die er 355 fiir D i o d o r o s
gegen den Isokrateer Androtion wegen gesetzwidrigen Antrziges
schrieb, hat er im Interesse der personlichen Rachsucht seines Klien-
ten, der, wohl ungerechtfertigterwcise, von Androtion des Vater-
mordes bezichtigt war, das Vorleben des Gegners mit riicksichtslosester
Schiirfe durchwuhlt. Er beschuldigt ihn (§ 21 ff., spez. § 57), daB
er oft Entehrung und Beschimpfung sich habe gefallen lassen, indem
er sich mit Leuten einlieB, „die ihn zwar nicht liebten, aber doch
bezahlen konnten, wodurch er sich zu einem Handwerksgenossen der
gewohnlichsten Freudenmadchen, einer S i n o p e und Phanostrate
(§ 56) herabgewiirdigt und so sich jedes Rechtes der Teilnahme an den
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gemeinschaftlichen Beratungen, wie iiberhaupt am offentlichen Staats-
leben unwiirdig gemacht habe. Denn schon S o 1 o n s Gesetze verboten
(§ 30 ff.), daB einer, der sich gewerbsmafiiger Unzucht schuldig gemacht
habe, Gesetzesvorschlage einbringen diirfe".
In ahnlicher Weise stellte Demosthenes in seiner Rede,
die er in einer Bagatellsache, einer bloBen Schlagerei wegen, fiir A r i -
s t o n gegen K o n o hielt, den Gegner an den Pranger : er gehore einem
Klub an, dessen Mitglieder sich in Selbstironie als Ithyphallen und
Autolekythoi (Selbstolkrugtrager) bezeichnen. Der erste Name, aus
der Komodie entlehnt (Athen. 622 b), erklart sich als Symbol jugend-
licher Sexualpotenz (in Sachsen wiirde man ,,Hartmanner" eagen),
der zweite bedeutet Leute, die in Ermangelung eines Sklaven sich selbst
ibr Olkriigleiu in die Palaistra bringen nnd sich dessen dort eigen-
hand^ bedienen.
Es ist bei diesem Verbal ten des Demosthenes nicht ver-
wunderlich, daB Aischines in seinem Kampf gegen Demosthe-
nes auch seinerseits gegen Timarchos, einen Parteiganger des De-
mosthenes, eine Untersuchung wegen unziichtigen Lebenswandels
beantragte. Die Rede, die Aischines in dieser Angelegenheit hielt
— die T i m a r c h e a — , setzt uniS in den Stand, so ziemlich den ganzen
Abschnitt der Sittlichkeitsparagraphen des attischen Strafrechts ken-
nen zu lernen, da er, um seiner Anklage einen hoheren Grad von
Feierlichkeit zu gebeu, einen groBeren Ten von ihnen der eigentlichen
Priifung von Timarchs Leben vorausschickt. Wir haben danach in dem
paiderotischen Verhaltnis urspriinglich zwischen dem Erastes, dem
alteren Xiebhaber, und dem Eromenos, dem jiingeren Geliebten, zu
unterscheiden. Als Erastes konnte jeder auftreten mit Ausnahme der
Sklaven.'. „Denn ein ^klave", so lautet das Gesetz So Ions, „soll
weder gymnastische tTbungen treiben, noch auf den Turnplatzen sich
salben, noch soil er einen freigeborenen Knaben lieben, noch ihm nach-
laul'en, oder er ^rhalt 50 Schlage mit der offentlichen GeiBel." —
Unter sich war den Sklaven ein derartiger Verkehr gesetzlich nicht
verboten, hier konnte hochstens der betreffende Herr soin personliches
Machtwort sprechen. Es sollte lediglich das SuperiorittitsgefUhl der
Freigeborenen durch das Verbot eines allzu intimen Verkehrs zwischen
ihren Erben und den Sklaven geschiitzt werden. „Den Freien aber", so
fahrt Aischines fort, ,,hat der Gesctzgeber weder die Liebe noch
den Umgang, noch das Begleiten untersagt ; auch glaubte.er
nicht, daB ein Nachteil fiir den pais die Folge davon
s e i n w e r d e."
Fiir die Eromenoi, die Geliebten, dagegen war eine ganze Reihe
von Schutzbes'timmungen erlassen, die Aischines ^ach den Alters-
stufen der Eromenoi auffiihrt. Fiir die Knaben galten folgende (C. 5 f) *
„Die Knabenlehrer sollen die Schulen nicht vor Aufgang der Sonne
offnen, sie aber vor Untergang der Sonne schlieBen, indem hauptsach-
lich, wie Aischines erlauternd vorausschickt, die Einsamkeit imd die
Finsternis AnlaB zu MiBbrauch und Verfiihrung geben konnten." —
„Auch soil denen, die iiber das Knabenalter hinaus sind, der Zutritt
zu den Schulen nicht gestattet sein, wahrend die Knaben darin ver-
weilen, ausgenommen dem Sohn des Lehrers, seinem Bruder oder
Schwiegersohn. Drangt sich aber einer dennoch ein, so soil er mit
dem Tode bestraft werden."
„Ferner sollen (C 6) die Turnaufseher (Gymnasiarchen) keinem
Alteren irgendwie Zutritt bei den Hermesfesten gestatten. LaBt dies aber
ein Turnwart zu und schlieBt sie (die Alteren) nicht vom Turnplatz
auB, so soil ihn die Strafe des Gesetzes iiber die Verfiihrung der Freien
treffen." „Drittens sollen die vom Volk eingesetzten Chorfuhrer (Cho-
regen) iiber 40 Jahre alt sein." Der platonische Lysis u. a. zeigt
indessen, daB alle diese Bestimmungen schon am Ende des V. Jahr-
hunderts nicht mehr allzu streng genommen wurden.
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Eiu anderes Gesetz war gegen die Verkuppelung minderjahriger
Aiigehoriger (die schwere Kuppelei des modernen Strafrechts) ge-
richtet. Es lautet (C. 7): „Weiiii ein Vater, Bruder, Oheim oder Vor-
mund Oder eonst ein Familienhaupt einen zur Unzucht vermietet,
so soil dieser Knabe nicht wegen Unzucht (Hetairesis) angeklagt war-
den. Wohl aber soil den Vermieter, wie den Mieter die gleiche Strafe
treffen. Und wenn der zur Unzucht vermietete Knabe herangewachsen
ist, so sei er nicht verpflichtet, den Vater zu ernahren, noch ilim
Wobnung zu geben ; nur im Todesfalle soil er ihn begraben und die
ublichen Gebriiuche erfiillen." — Aischines setzt noch hinzu, daB
ein verkuppelter und gemifibrauchter Knabe spater des' Rechtes, offent-
lich aufzutreten, verlustig, also atimos, geworden ware. Fiir den
Fall der Kuppelei von nicht angehoriger, fremder Seite war das Gesetz
bestimmt (C. 8) : „Wenn einer einen freien Knaben oder ein Weib
verkuppelt" — mit seiner Fortsetzung in C. 74 (§ 183): „so befiehlt
das Gesetz, sie zu verklagen und, wenn sie iiberfiihrt werden, mit dem
Tode zu bestrafen, weil sie ihre Schamlosigkeit u m L o h n anbieten
und denen, die zu Vergehungen zwar Lust haben, aber noch zogern
und sich schamen, miteinander zusammen zu treffen, Gelegenheit
darbieten, sich zu eehen und zu sprechen."
Sobald aber einer in das Biirgerbuch, das Lexiarchenregister,
was etwa unserer militarischen Stammrolle entsprechen wiirde, ein-
geschrieben war, was mit dem vollendeten 17. Lebensjahr geschah,
er also, wie Aischines sagt, bereits das Gute und Bose zu unter-
Rcheiden weiB, so gait folgendes Gesetz iiber die Hetairesis (C. 9) *
„Wenn eiu Athener sich zur Unzucht brauchen liiCt (sich als hetairos
in passiver Rolle geriert), so soil ihm nicht gestattet sein:
a) unter die 9 Archonten zu treten, noch
b) ein Priesteramt zu bekleiden, noch
c) vor dem Volke als Anwalt (syndikos) aufzutreten, noch
d) irgendein Amt zu verwalten, sei es im Land oder auOerhalb,
sei es ein Losamt oder ein Wahlamt. Er soil auch nicht
e) zum Gesandten oder Herold gebraucht werden, noch
f) einen Spruch (in der Bule oder Ekklesia) tun, noch
g) den Opfern des Staates beiwohnen, d. h. iiberhaupt nicht die
offentlichen Heiligtiimer betreten, jnoch
h) bei den gemeinsamen Festziigen bekranzt sein, noch
i) innerhalb der geweihten Schranken der Volksversammlung sich
aufstellen diirfen.
Wenn aber einer dies tut, iiber den das Urteil ergangen ist, dafi
er sich habe zur Unzucht gebrauchen lassen, so soil er mit dem Tode
bestraft werden. Hierzu trat nun noch fiir die spateren Lebensjahre
das Gesetz iiber die Priifung (Dokimasie) der Volksredner (C. 13):
„Wenn einer vor dem Volke sprechen will, der
a) seinen Vater oder seine Mutter schlagt, oder sie nicht ernahrt,
oder ihnen keine Wohnung verschafft, oder wer
b) nicht die Feldziige mitgemacht hat, die ihm aufgetragen wor-
den, Oder wer
c) seinen Schild weggeworfen hat, oder wer
d)sich als Hurer nenogvev^ivoq oder Buhle ^xaiQtfHtog
aufgefiihrt hat, oder wer
er ist,
e) seine vaterlichen Giiter verschwendet hat oder die, deren Erbe
alle diese schlieBt das Gesetz von der Rednerbiihne aus, diesen ver-
bietet es, als Volksredner aufzutreten. Wenn aber einer diesem Gesetz
zuwider nicht alle in als Redner auftritt, sondern, so fiigt Aischines
im eignen Interesse ein, auch als Verleumder sich frech betragt, und
wenn der Staat einen solchen Mann durchaus nicht mehr duldeu
kann, so fordere ihn einer der Athener, wer will und darf, zur Prii-
fung (Dokimasia) vor."
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Es sind hier die Begriffe der Hetairesis und Porneia festzustellen.
Kritiklose Voreingenommenheit hat unter der Hetairesis jede Art
gleichgeschlechtlicher Hingabe verstanden. Da diirfte wohl selbst bei
nicht allzu rigoroser Anwendung des Gesetzes die Zahl der athenischen
Archonten, Priester, Richter, Anwalte, Herolde, Gesandten, Verwal-
tungsbeamten arg dezimiert worden sein. Eine derartige Interpre-
tation widerspricht jeder historischen Kenntnis. Aischines selbst
sagt in einer Anmerkung zum IV. Abschnitt des Gesetzes iiber die
Dokimasie: „denn der Gesetzgeber glaubte, wer seinen Leib zur Schan-
dung vermietet h£U>e, werde auch die Staatsgiiter leicht-
sinnig verauBern." Auch C. 22 laBt sich noch anfiihren : „denn wer einem
dies tut und u m L o h n dies tut, hzi fiia^^j der scheint mit der Hetai-
resis sich schuldig zu machen". Das gemeinschaftliche Cha-
rakteristikum fiir beide Vergehen ist also die Ent-
lohnung, der Unterschied jaber zwischen ihnen be-
dteht darin, dafi der Hetairos sich nur von einem
aushalten laBt, der Pornos dagegen, wie es im f olgenden
heiBt, „freiwillig mit vielen und um Lohn sich pro-
s t i t u i e r t !"
Bestatigt wird dieser Unterschied auch durch den Vorwurf, den
A n d o k i d e s in der Mysterienrede (§ 100) jgegen Epichares erhebt :
„Ein Mensch, der nicht mit einem Liebhaber zufrieden war, das ware
ihm noch riihmlich cewesen (Aischines sagt 51 : „so hatte er noch
ziemlicli anstandig genandelt"), aber nicht einer, der mit jedem solche
Verlialtnisse um eines geringen Gewinnes wegen angekniipft hat";
besUitigt wird es auch in gewissem Sinne durch die weiblichen Paral-
lelen der Hetaira, der Maitresse und der Porne, der Gassenhure.
JDer attische Sittenkodex unterschied also zwischen Ero-
menoi, den freiwillig und nur aus Zuneigung sich Hingebenden,
und den Hetairoi und Pornoi^ den sich fiir Entlohnung Prosti-
tuierenden, und unter ddesen wieder den Hetairos, den indir
viduell Ausgehaltnen, vom Pornos, dem allgemeinen Strichj-
jungen. — Um die Eromenoi klimmerte sich der athenische Staat
nicht, die beiden letztern diffamierte er. Gegen den alteren
Liebhaber wurde in keinem Falle eingeschritten.
Nach diesem einleitenden und ziemlich ausgedehnten strafrecht-
lichen Abschnitt geht nun Aischines zu seiner eigentlichen Auf-
gabe, der Priif ung von Timarchos Leben, iiber. Er will zwar ein
ziemlich reichhaltiges Material aus dem Vorleben des Angeklagten
zusammengebracht haben, der zur Zeit des Prozesses in der Mitte
der vierziger Jahre stand, indes stehen die Beweise hierfiir auf ziem-
lich schwachen FiiCen, ein Mangel, den Aischines nach Kraften durch
rhetorischc Mittel und Stimmungsmacherei zu Timarchos' Ungunsten
zu verdeckeu sucht. Bedeutsamer sind die Ausfiihrungen des Aischi-
nes gegen den Verteidiger des Timarchos, der dem Vermuten nach
63 dem Klager zum Vorwurf machte, dafi er hier den Paidon Erosi ver-
folge, wahrend ihm doch selbst solche Neigungen durchaus nicht
fremd seien, die ja auch bei den Vorfahren und in den Tagen der
Heroen hoch gepriesen wurden (C. 54). Dabei gi})t Aischines selbst
zu, ein Liebh2U)er schoner Jiinglinge gewesen und es auch jetzt noch
zu sein, sich in paiderotischen Poesien versucht und nicht selten auch
Rivalitaten im Handgemenge zum Austrag gebracht zu haben. Und
im AnschluC hieran konstatiert er aufs neue den Unterschied zwischen
dem Eros dixaiog, der rechtlich erlaubten Liebe, und der Hetairesis und
Porneia. Denn ebenso wie auf seiten des Erastes die Liebe zu schonon
und sittenreinen Jiinglingen die Empfindung eines menschenfreund-
Hirschfeld, Homosexualitlt. 49
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lichen und edeldeukenden Gemutes, die Uuzucht mit einem fiir Geld
gemieteteu aber Sache eines ansschweifenden und pobelhaften Maanes
Bci, so sei es fiir den Eromenos audi riiliuilich, auf unverdorbene Weise
geliebt zu warden, schandlich aber um Lohnes willen Buhlerei zu
treiben. Von jener Art sei die aus Liebe eutstandene Freundschaft
de8 Achilleus und Patroklos und die gegenseitige Anhanglich-
keit zwischen Harmodios und Aristogeiton gewesen, die jetzt
uoc]i als Wohltater der Stadt gepriesen wiirden (C. 57 f). Denn wenn
auch Homer das Verhaltnis zwischen Achilleus und Patrok-
los nicht direkt Liebe nenne, so gehe doch aus allem deutlich hervor,
daB der Eros die Wurzel ihrer Freundschaft gewesen sei. Von der
andcren Art aber seien die Beziehungen zwischen Hegesandros
und Timarchos gewesen. Zuletzt fiihrt Aischines noch eine
Reihe von Zeitgenossen (C. 63) auf, von denen K r i t o n , der Sohn des
Astyochos, Perikleides von Perithoidai, Polemagenes,
Pantaleon, der Sohn des Kleagoras, Timasitheos und
Ant ikies, der Schnellauf er, Timarchos, der aus Rhamnus ge-
biirtige Namensvetter des Angeklagten, und P h e i d i a s , der Bruder
des M i 1 e s i o s , als die schonsten ihrer Zeit auch die meisten und
ziichtigsten Liebhaber hatten und doch von niemand darum getadelt
wurden, wahrend Leute, wie „die Waise" Diophandus, Kephi-
6 o d o r o s , genannt „M o 1 o n", und M n e s i t h e o s , der Sohn des
Mageiros, wegen ihres Lebenswandels von alien verachtet wurden
(C. 6-1).
Zum SchluC bemiiht sich Aischines, die Richter zur Ver-
urteilung des Angeklagten zu drangen, der „zwar deui Leibe nach ein
Mann sei, aber weibische Siinden begangen und sich g e g e n die
Natur geschaudet habe" (C. 75). — Wir finden hier, falls keine
spatere Interpolation etwa von christlicher Hand vorliegt, zum zweiten-
mal in der griechischen Literatur das Auftreten jenes Begriffes der
widernatiirlichen Unzucht^^a), der sich bis zum modernen Strafrecht er-
halten hat. ,,Schon die Riicksicht auf die offentliche Zucht und
Ordnung, so fiihrt Aiscliines aus, erfordere die Verurteilung. „Wie
konne man fiirder Leute bestrafen, die sich bei sittlichen Vergehungen
immerhin noch in den Grenzen der Xatur (xara qrvotv) gehalten hatten,
wenn man Verge hen wider die Natur (.Taga tpvaiv) ungestraft hingehen
la^se.** Falls die Worte wirklich als echt zu betrachten sind, miiQte
man hier gegen den Redner den Vorwurf der Inkonsequenz und des
logischeu AViderspruchs erheben. Denn die Widernatiirlichkeit kann
doch unmoglich in der Hingabe um Entlohnung, sondern nur in der
Ilingabe an das gleiche Geschlecht gesehen werden; diese hat er aber
im vorhergehenden nicht nur den alten Heroen supponiert, ihre Zu-
lassung durch Solon bestatigt, sondern auch sich selbst dazu be-
kannt und andere seiner Zeitgenossen darum geriihmt. Auf Grund
dieser Erwagungen sind wir geneigt, diese StelJe als spatere Inter-
polation zu erachten.
Die Durchfuhrung dieses Prozesses war fur Aischines ein
Parteimanover. Mag auch das Vorleben des Timarchos nicht ganz
einwandfrei gewesen sein, so war er doch wohl kaum schlimmer als
viele semes Standes und Alters. Ein solcher Abschaum der Unsittlich-
keit, wie ihn Aischines darstellt, ware wohl schwerlich zu den
hucljsteu Staatsiimt^rn und zu der politischen Genossenschaft des
Demosthenes gelan^t. Jedenfalls war das Beweismaterial des
A 1 s c h 1 n e s jiiristisch in jeder Beziehung unzulanglich, und der Klager
war sich dessen wohl bewuCt, denn mehr als einmal sucht er des langen
und hreiten die Mangelhaftigkeit seined Zeugenbeweises zu entschul-
^-a) Der Aiisdruck jraga <pvaiv findot sich zum e r s t e n Male in
riatos ,,Pliaidr()i5*^ Vgl. 8. 774 ff.
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digeOj um sich dann jedesmal auf die namentlich in Sittliqhkeitssachen
mehr oder minder auf Klatsch gegriindete oder wenigstens von ihm
geniihrte ^ox populi zu berufen. Es war ja auch schlieBlich in der
Praxis die Grenze zwischen dem Eromenos und dem Hetairos, zwischen
Cieschenk und Entlohnung nicht allzu leicht zu Ziehen, und die Fest-
stellung eines juristisch faBbaren Tatbestandes in voTlig einwandfreier
Form begegnete hier sicher nicht geringeren Schwierigkeiten als nach
deutschem Strafrecht etwa die Feststellung der nach § 176 strafbaren
Handlungen. Es gait fiir Aischines also vor allem Stimmung
gegen den iVngeklagten zu machen, und daB ihm dies gelungen, lehrt der
fiir Timarchos ungliickliche Ausgang des Prozesses, der dessen
fernere biingerliche Existenz und Tatigkeit voUig unterband und ihn
ins Elend der Fremde trieb. Vom Standpunkt des riicksichtslosen Poli-
tikers mag der Angrif f des Aischines gerechtfertigt erscheinen,
vom Standpunkt des Kulturhistorikers indes, so dankbar ihm dieser
auch fiir das iiberlieferte strafrechtliche und sittengeschichtliche Ma-
terial sein muB, ist er es nicht.
Wir kommen zur griechischen K o m o d i e , fiir deren Auff as-
sung der gleichgeschlechtlichen Liebe bereits eine vortref fliche Spe-
zialarbeit von Hans Lich t^^) vorliegt, in der die elf erhaltnen
aristophanischen Komodien nebst den Fragmenten dieses ,,ui^ge-
zognen Lieblings der Grazien** und der librigen attischen Lust-
spieldichter — fiir die Fragmente der dorischen und sizilischen
Koinodie liegen noch keine Vorarbeiten voir — in subtilster Weise
behandelt sind und die literarische und sachliche Wurdigung des
Stoffes auCerdem noch durch ein reichhaltiges Glossarium
eroticum unterstlitzt wird.
Wir haben es hier, wie L i c h t mit Recht bemerkt, init der
iibersprudelnden Laune attischen Humors zu tun, die uns ein stark
ins Groteske verzerrtes Abbild des wirklichen Lebens bietet, weshalb
man ^ich sehr hiiten muB, seine Kenntnis der attischen Jiinglingsliebe
lediglich aus den lasziven Anspielungen der Komiker zu schopfen, da man
audi hier, ganz wie bei den Rednern, nicht alles als bare Miinze hin-
nehmen darf. Dieser Fehler ware nach M i c h a e 1 i s ^*) Bemerkung
nicht geringer, als wenn die uns nachfolgenden Geschlechter den Stand
unserer Geistlichen nach den Darbietungen Thomas Theodor
Heine scher Kunst im Simplizissimus bewerten oder nach E. T h o -
n y s Zeichnungen verallgemeinernde Schliisse auf die Qualitaten un-
serer Offizierkorps Ziehen woUten.
DaB neben den bizarren SpaBen, die viel dazu beigetragen haben,
daB in spatercn Zeiten die Paiderasteia mit analem Koitus, mit dem sie
urspriinglich nichts weniger als zusammenfiel, identifiziert wurde, in
der Komodie auch die edlere Freude der Hellenen an „ephebischer
Schonheit** zum Ausdruck kommt, moge als Beispiel ein Fragment aus
einer Komodio des Damoxenos^^) zeigen, in dem es heiBt:
„Ein Knabe warf den Ball
— An Jahren mocht er siebzehn zahlen wohl —
Auf Kos, wo Gotter wandeln, wie es scheint.
So oft uns streifte dieses Knaben Blick
93) I. d. Anthropophyteia VII, 1910, S. 128—175.
9*) H. M i c h a e 1 i 3 , Die Homosexualitiit i. Sitte u. Recht.
1907. S. 30.
9^) Of. Comicor. attic, fragmenta ed. Theod. Kock, 1880—1884.
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Beim Werfea oder Fangen seines Balls,
Laut schrien wir auf: Wie ist der Knabc schon I
Die Anmut und der Glieder Harmonie
In der Bewegung oder wenn er sprach —
Ein Schonheitswunder ! Niemals hort ich je,
Noch sah ich friiher solcher Anmut Reiz.
Uni Schlimmern zu entgehen, eilt ich fort:
Und ach, schon krankt vor Liebe mir das Herz."
Es geht aus den Komodien des Aristophanes (Plutos,
153—159; Vogel, 704—707), wie tibrigens auch aus der Movaa
noudixij (44, 237, 239), hervor, daB es ^war fur unanstandig
gait, Geld von dem Liebhaber zu empfangen, hingegen aber die
Sitte gcstattete, Tiere, wie Kampfhahne, Hunde und 'Pferde,
Kleider und auch sonstige Luxusgesehenke anzunehmen.
Die^ starkste Forderung erf uhr der von Sokrates ge-
streute Same dureh Plato n (427 — 347), Aristons Sohn aus
dem attisehen KoUytos, der, wenn auch von den Pythagoraern
und Eleaten spater nicht unbeeinfluBt geblieben, doch die Grund-
lagen seiner Philosophie auf dem Unterricht des Sokrates
aufbaute, dessen Verkehr er von seinem zwanzigsten Lebensjahr
(408/7) bis zu des Meisters Tode (399) so gut -wie ununter-
brochen genieBen konnte.
Ihm schloB er sich, mit einziger Ausnahme der Apologie, auch
in der Form seiner Schriften aufs engste an, die man als eine Wieder-
gabe der Art auf fassen kann, in der Sokrates auch nach X e n o -
p h o n s Zeugnis mit seinen Sclmlern zu verkehren pflegte. Gleich-
wohl diirfen wir Platons Dialoge keineswegs als bloB erweiterte Aus-
gabe wirklicher sokratischer Gesprache auf fassen, dazu war Platen
ein viel zu selbstandiger Denker, sondern es sind eben Platons
eigene, wenn audi auf sokratischem Fundament weitergebildete Ge-
danken, denen er nur als iiuBeren Rahmen die Form eines im sokra-
tischen Kreise gehaltenen uud vom Meister geleiteten Gesprachs gibt. —
Dies gilt namentlich von den Gesprachen, in denen die Liebe,
und zwar fast durchgehends die zu dem gleichen Geschlecht, ausfiihr-
lich behandelt oder gestreift wird. Den Reigen dieser Gesprache er-
offnet der „Lysis**, ein Dialog, der an die Zuneigung des Jiinglings
H i p p o t h a 1 e s zu dem schonen Knaben Lysis, des Demokrates
Sohn von Aixone, ankniipfend in AVechselgesprachen zwischen Sokra-
tes, Hippothales, Lysis und Menexenos, dem etwas rei-
feren Altersgenossen des Lysis, nicht von der Liebe (Eros), son-
dern von der Freundschaft (Philia) als der den Knabenjahren an^emess-
neren Form geselliger Verbindung handelt. Mit dem Hinweis, daB
auch die Freundschaft in ihrem letzten Grund und Wesen der Eros,
die im Gegenstand ^hrer Neigung ihre Ergiinzung suchende Liebe,
sei (§ 41), deutet Plat on bereits in diesem Jugenddialog auf den
wichtigsten Punkt seiner spiiteren Philosophie des Eros bin und
Kiefer^^) bezeichnet daher den Lysis mit Recht als ein Praludium
zu den spateren, deutlicheren und ausfiihrlicheren Abhandlungen iiber
dieses Thema.
LaBt P 1 a t o n hier den Meister im Kreise von Knaben und kaum
dem Knabenalter entwachsenen Epheben weilen, so fiihrt er ihn im
5«) O. K i e f e r , Platons St^llung zur Homosexualitat i. Jahrbuch
Vir, 1903, S. 109 ff.
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„C li a r m i d e s" mit einer Schar gereifterer Jiinglinge zusammen, die
Sokrates, von der Schlacht bei rotidaia (422) zuriickkehrend, in der
Palaistra des Taiireas antriff t und iinter denen E r i t i a s and C h a r -
mides, Platons Oheime von Mutterseite her (beide 403 gestor-
ben), besonders hervorragen.
Sokrates wird auf seine Frage, wer zur Zeit von den „Sch6nen"
der attischen Jeunesse dor6e sich durch Schonheit und Verstand aus-
zeichne, von K r i t i a s auf seinen Vetter Charmides, des G 1 a u -
kon Sohn, verwiesen (Plat on s Mutter Periktione war eine
Schwester des C h a r m i d e s). Interessant ist die Schilderung des
Eindruckes, den des Charmides Eintreten sowohl bei Sokrates
wie bei den iibrigen Anwesenden erregte. P 1 a t o n laBt den ^leister
sagen (C. 3) : ,,Danials jedoch erschien mir jener Charmides als ein
Menscii von bewundernswerter GroBe und Schonheit, die andern aber
alle glaubte ich fiir seine Verehrer halten zu diirfen, so befangen und
erregt erschienen sie mir bei seinem Eintritt; aber auch in seinem
Gefolge befanden sich viele andere Liebhaber desselben. Und bei uns
Mannern i^^r das weniger auffallend ; jedoch richtete ich meine Auf-
merksamkeit auch auf die Jiinglinge und sah, wie keiner von ihnen
anderswohin blickte, auch der kleinste nicht, sondern alle ihn wie
ein Gotterbild anschauten .... (C. 4) und als er kam, gab sein Er-
scheinen viel Stoff zum Lachen ; denn jeder von uns, die wir safien,
wollto Platz machen und drangte deshalb seinen Nachbar eifrig zur
Seite, damit Charmides ^ich neben ihm niederlieBe .... Der
neue Ankommling setzte sich zwischen mich und Kritias. Doch jetzt
geriet ich in Verlegenheit und meine fruhere Keckheit, vermoge der ich
ganz leiclit eine T^nterredung mit ihm fiihren zu konnen geglaubt hatte,
war ganz weg. Als er aber mich mit seinen Augen auf eine unbeschreib-
liche AVeiso anschaute . . . ., da warf ich einen Blick unter sein Ge-
wand und loderte auf und war nicht mehr Herr meiner selbst."
Selbst einen Sokrates laBt Plat on mi thin beim Anblick eines
schonen Jiinglings gefesselt und erregt werden und fiir den Augenblick
die Fassun^ verlieren. Doch bald gewinnt der Meister diese wieder, um
alsdann mit eben diesem Jiingling von der Sophrosyne, der auf
Selbsterkenntnis beruhenden und durch sie zu gewinnenden Selbst-
beherrschung zu plaudern. Deutlich zeigt dieser Dialog, welch groBe
Rollo die Junglingsliebe in der attischen Gesellschaft damaliger Zeit
spielte.
Auf ein hoheres Niveau philosophischer AnschauuAgen uber
den Paidon Eros erhebt sich Platon sodann im „P h a i d r o s**, der
an den Logos erotikos des Lysias iiber das Thema, daC man die
Liebesgunst eher dem Nichtliebenden als dem Liebenden erweisen
mtisse (Kap. 6 — 9), ankniipfend eine zwiefache Ausfuhrung des
Sokrates liber das Wesen des Eros bietet. Der einzige Zuhorer
von des Meisters Worten ist hier der junge Phaidros von
Myrrhinus, den spatere Medisance (Diog. Laert. Ill, 31) zu
einem Geliebten Plato ns gemacht hat^^). Ausgehend von ciner
Erorterung des von der Gottheit verliehenen und die Menschen
begliiekenden Wahnsinns (Enthusia&mos) der Seher, Priester
und Dichter gelangt er zu einer Schilderung der menschlichen
Seele, welcher der Eros Krafte aus der Welt der Ideen verleiht.
9^) K. Prantl, Cbersiclit d. griech.-rom. Philosophic. 1854.
S. 72 ; cf. auch desselb. Einleitung zu seiner Phaidros-Ubersetzung 1886.
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So oft der Mensch die Schonheit des Geliebten sielit, regen sicb
die Schwingen seiner Seele. Doch wenn er wieder von ihm getrennt ist
und nach ihm verlangt, dann versiegen die Quellen und die Flii^el der
Seele schlieCen sich. Da also Freuden und Leiden in ilir gemischt sind,
wird die Seele sich selbst fremd, rast- und hilflos kann sie hei Nacht
nicht schlafen und hat am Tage nirgends Ruhe ; sehnsiichtig eilt sie
dorthin, wo sie den glaubt erblicken zu konnen, der die Schonheit hat.
Darura will sie auch nicht mehr vom Geliebten lassen, sie stellt nichts
iiber ihn und ist bereit, dem Geliebten zu dienen, will bei ihm liegon
und in seinen Armen sein. Diesen Zustand aber nennen die Menschen
Eros. — Der nicht Geweihte dagegen, der Lust sich hingebend. ge-
bardet sich wie ein Tier und sucht den Zeugungstrieb zu befriedigen,
und indem er frevelhaft Umjgang iibt, hat er nicht Furcht und nicht
Scham davor, widernatiirlicher Lust nachzugehen. — In
Verbindung hiermit sucht Platon nun weiter das schon bei Parmenides
(fr. 1) vorkomm^nde Bild der Seele als eines Zweigespannes zu bringen.
Bei den besten Menschen behalt hier stets der Wagenlenker die Ober-
hand und halt seine Rosse zuriick, mag auch das unbandige RoC (der
Trieb) beim Anblick des Geliebten noch so stiirmisch das Gespann fort-
zureiBen suchen. Wenn aber das unbandige Rofi hinreichend gezalimt
ist, folgt es gedemiitigt dem vorsichtigen Denken des Wagen-
lenkers .... Doch verurteilt Platon auch die Menschen nicht,
bei denen infolge einer niedrigeren nnd unphilosoj)hischen Lebcnsweise
bei Trinkgela^en oder sonst in sorglosen Stunden der sinnliche Trieb,
das unbandige RoB, fiir die lange Entsagung sicli ein wenig
entschadigt und „das, was die Vielen so gliicklich macht (die von
der Menge gepriesene Richtung) wahlt."
In anderer Weise nimmt Platon das Thema liber die Liebe
im ,,Sy mposion" wieder auf. Hatte er sich im ,,Phaidros**
lediglich mit der Auffassung, die ein Lysias von der Liebe
hegte, auseinander gesetzt, so versammelt er im Symposion, dem in
seiner Komposition kunstreichsten Dialog, eine ganze Schar aus
den verschiedenlsten Standen, Berufen und Anschauungskreisen,
um sie nacheinander iJir SDrtichlein liber den Eros saojen zu
lassen, d. h. P 1 a t o n bemliht sich hier eine moglichst umfassende
Enquete iiber die Anschauungen, die liber jene in das soziale
Leben d^s attischen, ja des gesamthellenischen Volkes so tief
einschneidende Frage herrsehten, zu veranstalten, um seinem
Partner dann wieder durch den Mund des Sokrates tlichtig
seine Meinung zu sagen. —
Der Zeitpunkt, in den das Symposion verlegt ist, ist das Jahr
41G, in dem der Tragiker Agathon zu Ehren seines draraatischcn Sie-
fes eine mehrtagige Feier veranstaltete ; als Jahr der Abfassung des
>ialoges nimmt man 385 oder ein nicht viel spiiteres an. Die Veran-
lassung der Gesprache bildet der Umstand, daD melirere der Versam-
melten, unter ihnen besonders Pausanias, der Komodiendichter
Aristophanes und der Pestgeber selbst noch vom vorhergehen-
den Tage einen tiichtigen „Kater" haben, weshalb man auf Veranlas-
sung des Arztes Eryximachos sich mit Gesprachen ergotzen will
und zwar, um einem lang gehegten Wunsch des P h a i d r o s entgegen-
zukommen, mit Gesprachen liber den Eros.
Phaidros beginnt (C. 6) die Reihe der Redonden, indem er in
Ankniipfung an Hesiod, Akusilaos und Parmenides aus-
fiihrt^ daB Eros einer der altesten Goiter (als kosniologisches Prinzip
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Kedacht) sei und den Sterblichen zwei der besten Gabcn verleihe, die
§cham vor und den Opfermut fur den Geliebten. „K6nnte man also
irgendwie bewirken, daB ein Staat oder ein Heer aus Liebhabern und
Lieblingen bestande, so konnten sie ihr Gebiet wohl nicht trefflicher
bewohnen, als dadurch, dafi sie sich alles Schandlichen enthielten und
gegenseitig miteinander wetteiferten."
Nach P h a i d r o s ergreift P a u s a n i a s (C. 8) das Wort, um
in seiner schon tiefer greifenden Ausfiihrung zu zeigen, dafi wie es
eine doppelte Aphrodite, eine gemeine „Pandemo8" und eine liimm-
lische ,,Urania** gabe, so auch einen doppelten Eros, von welchen der
pandemische auf Angehorige des weiblichen und mannlichen Geschlechts
gerichtet sei, bei denen er aber nur den Leib liebe, der himmlische aber
allein auf das mannliche Geschlecht als das starkere und verniint'tigere.
In sophistischer Weise unterwirft er sodann (C. 9) die bestehenden Ge-
setzgebungen der verschiedenen hellenischen Stamme einer Kritik und
bezeichnet u. a. die ionischen, welche sie schlechthin verbieten, ala
Produkte . einer despotischen Gesinnung, der engere Biindnisse freier
Manner unter Umstanden unbequem werden konnten, „da ja auch die
Liebe von seiten des Aristogeiton und die unwandelbare Anhanglichkeit
von seiten des Ilarmodios die Herrschaft der hiesigen Gewalthaber
(Peisistratiden) stiirzte". Dagegen stellt er in starkem Lokalpatrio-
tismus die attische Gesetzgebung als uniibertrefflich hin, welche gerade
die rechte Mitte treffe und so das mit Liebe verbundene Streben nacb
Weisheit fordere, so daU in Athen das wahrhaft richtige Verhaltnis
bestehe.
In knappen, den Mann der Wissenschaft charakterisierenden Wor-
ten verallgemeinert darauf der Arzt Eryximachos (C. 12) des P a u -
s a n i a s Theorie von den zwei Eroten auch auf die iibrigen Lebens-
und Wissensgebiete, so auf die Heilkunst und Naturkunde, Gymnastik,
Ackerbau und Tonkunst, namentlich diese sei „eine Wissenschaft der
Liebe in der Tone Zusammenstellung und ZeitmaB"; ferner sieht er
sie im Wechsel der Jahreszeiten und der Witterung, im Gottesdienst
und in der Wahrsagerkunst.
In einem Mythos erweitert alsdann der Dichter Aristophanes
(C. 14) das schon seit den Tagen des Philosophen Empedokles ven-
tilierte Problem der Androgynie, indem er ausfiihrt, wie die Urmenschen
teils als Mannweiber (Androgynen), teils als Doppelweiber, teils als
Doppelmanner die Erde bevolkerten, wegen ihres libeln Frevelmutes
aber von Zeus gespalten wurden. Je nachdem nun einer zu diesem ^®^
zu jenem der drei Geschlechter gehort habe, deranach sei auch der
Gegenstand seiner Sehnsucht und Liebe vcrschieden. Die aus Andro-
gynen Entstandenen sehnen sich bestandig nach dem andern. Ge-
schlechte. die aus Doppelweibern Entstandenen werden zu Tribaden,
wahrend diejenigen, welche ihren Ursprung auf einen Doppelnaaan ^'
riickfiihren konnen, in der Jugend Geliebte (paidika), im mannliclxeD
Alter Liebende (Erasten) ' werden. — Nach einem spottischen ^®^ ^*
hieb auf A^athon und Pausanias und deren anscheinend ^^^y'
bekanntes \erhaltnis schlieBt der Dichter mit dem Wunsche, dap^^i"
jeder ein solches Komplement fande, das zu ihm als eine ancle re Haute
gehore und das nach seinem Sinne sei. . ,
Als letzter vor Sokrates ergreift nach kurzer <^^"^"^^*'*^^^
dialogischer Unterbrechung nun auch der Festgeber A g a t li o n aas
Wort (C. 18), um im Stile seiner mit Wortklangen und epigranaima-
tischen Antithesen spielenden Manier weniger die Gaben unci f^^^. ^^i^'
ken des Eros als diesen selbst zu preisen als den — in polemischer
Wendung gegen Phaidros — jungsten, gliicklichsten, sclion-
sten und besten der Gotter, der in den Gemutern und Seelen. <^gt irotter
und Menschen wohne, am liebsten aber immer in der Gesellschait^ aer
Jugend verweile, weshalb ihm auch jeder freiwillig und ^^^^ diene.
Doch sei er auch der starkste der Gotter, da er selbst den. ge wait i gen
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Ares bezwang, andererseits audi als Urheber der Harmonie bei
Gottern und Menschen der weiseste.
Verfolgen wir den Verlauf des Symposion im ganzen bis hier-
hirij so tritl uns niclit, wie beim xeaophontischeiit eine gradlmig ver-
laufende Klimax entgegen, sondern in stetem Wechsel von Steigerung
und Senkung vollzieht sich hier der allmahliche Aufstieg zur Kronung
des Ganzen, den Worten des S o k r a t e s. Auf die etwas nichtssagen-
den Worte des P h a i d r o s folgen des Pausanias temperamentvoUe
Ausfiihrungen, auf des Eryximachos wissenschaf tlich gehaltvoUe,
aber etwas lederne Deduktionen des Aris'tophanes feiner und
tiefemptundener Mythos, wahrend das Phrasengeklingel des Aga-
t h o n wieder den Worten des Sokrates zur Folie dienen soil.
S o k r a t e s (C. 22 ff.) gibt zunachst ein Gesprach, das er einst
mit der weisen D i o t i m a von Mantineia liber dasselbe Thema gehabt
liabe, und in dem ihn diese von dem Irrtum geheilt habe, als' ob Eros
ein groBer Gott ware. — Eros sei, weil er auf das Schone gerichtet sei,
selbst nicht schon und gut, aber ebensowenig sei er haDlich oder sterb-
licli Oder bose, sondern er sea ein Mittelding zwischen dem
Schonen und Nichtschonen, dem Guten und Nicht-
guttMi, dem Sterblichen und IJnsterblichen, nicht ein
Gott, sondern ein Damon, nicht der Sohn der Aphro-
dite, sondern des Poros (Fiille) und der Penia (Armut),
aber geboren am Geburtstag der Aphrodite. Genau genommen
sei jegliche Begierde nach der Gliickseligkeit Eros, die Be-
fierde, daB das Gute dem Begehrenden zuteil » werde. I Die
Tenschen nennen aber nur die Begierde, welche eine gewisse Art
des Guten erstrebe, mit dem allgemeinen Namen des Eros. Auch sei er
nicht sowohl auf das Schone selbst gerichtet, als auf das Begehren,
im Sclionen zu zeugen. Denn die menschliche Natur hat, sobald sie in
ein gewisses Alter getreten ist, den Zeugungstrieb, welcher etwas Gott-
liches und Unsterbliches ist. Es gibt nun aber eine doppelte
Zeuguugslust und Zeugungstrieb, der eine dem Leibe
nach, und die von ihm Ergriffenen wenden sich zuden
Weibera und betatigen sich auf diesem Wege ero-
tisch, indem sie durch Kinderzeugung Unsterblich-
keit erstreben. Der andere ist der geistige Zeugungs-
trieb, und die von ihm Ergriffenen sehnen sich zu
zeugen, was der Seele geziemt, d. h. die Tugend. Wer
nun von dieser Zeuguugslust getrieben wird, geht aus nach dem Scho-
nen, da ja im HaClichen niemand zeugen mag, und erfreut sich so auch
an schonen Leibern, am meisten aber an einera solchen, welcher sowohl
leibliclj wie geistig (seelisch) schon ist. Mit diesem spricht er von der
Tugend, unterweist ihn und erzeiigt mit ihm (geistig) das, wozu
sie beide in sich die Lust tragen, und erzielit dann auclil mit ihm das
gemcinschaftlich Erzeugte, und diese Gemeinschaft ist eine viel dauern-
dere, als selbst die Ehe und jede andere Freundschaft, weil sie durch
das Band viel schonerer und unsterblicherer Kinder unterhalten wird,
namlich durch Geisteswerke wie die eines Homer, Hesiod, Lykurgos
und Solon. Die vollendete AVeihe der Liebe bleibt aber Jiierbei nicht
stehen, sondern wenn er auch mit einem schonen Leibe angefangen und
mit diesem einem schone Reden erzeugt hat, wird er bald inne, daB
das Schone in diesem verwandt sei mit dem Schonen in anderen Lei-
bern, und findet es bald toricht, dem einzelnen Schonen nachzugehen
statt dem Schonen in den Leibern liberhaupt, wogegen das einzelne
Schone doch nur etwas Geringfiigiges ist. Demnachst findet er, daB die
Seelenschcinheit ehrbarer als die Leibesschonheit sei, und es geniigt
ihm, wenn, wo er eine schone Seele findet, auch nur eine geringe
BliJte des Leibes da sei, und er wird auch solche lieben und derartige
Reden mit ihr zeugen, welche die Jiinglinge bessfarn, damit er darauf
. das Schone in den Beschaftigungen und Gesetzen sehen konne. Sodann
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aber wird es ihm eine Kleinmeisterei erscheinen, dem Schonen ira ein-
zeJnen nachzugehen, er wird sich vielmehr zu dem Schonen in den
Wissenschaften wenden und auch da, nachdem er sich aufs hohe
Meer hinausgewact, viel erhabene Reden und Gedanken in unermiidetem
Eifer nach Weisheit zeugen, bis er hier gestarkt eine Wissenschaft
sieht, die des Schonen. — Zuletzt sieht er dann das Schcine
an sich, das ewig und immer dasselbe biei^bt, unter
alien Verhaltnissen und fiir alle, das ohne Gestalt ist, an keiner
anderen Sache, nicht an der Erde, nicht am Ilimmel haftet, woran
alles, was schon ist, Anteil hat, ohne daC er selbst dadurch affiziert
wird. Das ist die rechte Stufenfolge in der Liebe, dafl man, ausgehend
von dem Schonen am einzelnen Leibe, am Ende stehen bleibe bei dem
Schonen an sich. Wem es aber zu teil wird, dieses gottliche Schone
an sich zu schauen, der wird kein schlechtes Leben fiihren, und,
wenu von irgend einem Menschen, so wird man von ihm sagen kon-
nen, daB er von Gott geliebt und unsterblich sei.
Und so sei Eros der beste Heifer, unx zum Bssitz der
wahren Tugend zu gelangen^^). — DaB Platen dieses hohe
Lied auf den Eros, den leiblichen wie Jen geistigen, dem Munde
einer Frau entstammen lalJt, beweist, wie weit entfernt or sich
von einer Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes wuBte. In
hochst kunstvoller Weise laBt P 1 a t o n am SchluB den Beweia
ftir die Ausf lihrungen ,des Sokrates an der Person des
Meisters selbst durch den Mund des von einem Gelage kom«-
menden Alkibiades fiihren, v — in jener Szene, die uns
durch die Meisterhand eines Anselm von Feuerbach auch
im Bilde dargestellt ist. — Geschickt unterscheidet Alki-
biades zwischen dem silenenhaf ten AuBern des Meisters und
seinem Wesen, das die mit ihm Umgehenden unweigerlich in
seinen Bann zwinge, und schildert ihn, wie er weit entfernt sich
um die Gunst der ,, Schonen** zu bemlihen, diese vielmehr notige,
sich ihm unterzuordnen. So sei es auch ihm ergangen, der teils
von jugendlicher Eitelkeit teils von Wissensdrang getrieben den
Sokrates auf jede mogliche Weise als Liebhaber habe ge-
winnen wollen und ihn nach mancherlei anderen Versuchen beim
Ringkampf und Gastmahl auch einmal nachts bei sich behalten
habe, wobei er ihn formlich zum LiebesgenuB verlockt und sich
sogar an seine Seite unter seinen Mantel gelegt und ihn mit
beiden Armen umschlungen habe — und nicht anders aufge-
standen sei, als wenn er bei seinem Vater oder altern Bruder ge-
schlafen hatte. Gleichwohl aber sei es ihm nicht moglich, sich
demEinfluB jenes wundersamen Mannes zu entziehen, und gleich
ihm eei es auch andern ergangen, wie dem Charmides und
Euthydemos. Mit einer seherzhaf ten Plankelei zwischen
Alkibiades, Agathon und Sokrates^, der nach des
Alkibiades Worten wieder alle ,, Schonen** ftir sich in Be-
99) M. H. E. M e i e r in Ersch u. Gruber III, 9. 1837.
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schlag nehme, endet das Gesprach, das woTil das bedeutsamste
Dokiiment hellenischer Paiderotik genannt werden darf.
In seinem groBziigig gedachten politischen Reformwerk, dero
„S t a a t*' (Politeia), der unter den Utopien der Weltliteratur einen her-
vorragenden Platz einnimmt, setzt sich P 1 a t o n auch nochmals mit
dem Paidon Eros auseinander. „Kennst du wohl, heiBt es hier u. a.
II J, 12 (p. 403). eine groCere und heftigere Lust als die am Geschlechts-
triebe? — Die Art der wahren Liebe aber ist es, einen Sittsamen und
Schonen auch besonnen und musisch zu lieben. Nichts Tolles also und
der Ungebundenheit Verwandtes darf man zur wahren Liebe hinzu-
bringen. Also darf man auch jene Lust (am Geschlechtstriebe) nicht
hinzubringen, noch diirfen Liebhaber und Geliebter Teil an ihr haben,
die wahrhaft lieben und geliebt werden wollen. Dergestalt also, wie
sich zeigt, wirst du die Sitte feststellen in der von uns gegriindeten
Stadt. dai3 der Liebhaber den Jiingling lieben, mit ihm umgehen und
des Schonen wegen anhangen darf, wie einem Sohne, wenn es mit
dessen guten Willen geschieht ; im iibrigen aber miisse jeder, um wen
er sich auch bemiihe, mit diesem so umgehen, daB es auch nie den
Schein gewinne, als erstrecke sich ihr Verhiiltnis noch weiter, sonst
verfallo er in den Vorwurf des Unmusisclien und Gemeinen." —
In den N o m o i (Gesetze), dem AbschluBwerk seines achtzigjiihrigen
Lebens, deren von mancher Seite bezwcifelte Echtheit allerdings durch
das Zeugnis des Aristoteles gestiitzt wird, nimmt Plat on schlieBlich
der Ilomoerotik gegeniiber eine durchaus verwerfende Stellung ein.
Wie in anderer Beziehung das Werk einen Abfall (Christ) von den
friiheren Anschauungen iiber den Idealstaat bedeutet, wie er die Ehe,
Erziehung, Verwaltung, Rechtspflege, Kultus und Militarwesen seines
fingierteu kretischen Zukunftsstaatcs vom Standpunkt des trockensten
Utilarismus in eine subtil ausgekliigclte, aber engherzige Gesetzgebung
einschniirt, ebenso verwirft er aus ,,seuileui Empfinden heraus"
(Kiefer)^oo) jede Sinnenlust als durchaus siindhaft, die Ehe ist
nur ein Propagationsinstitut, die Freundschaft eiu rein geistiges Verhalt-
nis und jede sinnliche Betatigung in derselben etwas 'VVidernatiirliches.
DaB in den Gesetzen auch die Person des Sokrates ganzlich fehlt, mag
man als ein bewuBtes oder unbewuBtes Zugestandnis des Greises P 1 a t o n
dfiriiber auffassen, wie weit er sich mit seinen Altersanscliauungen von
den Gedanken des auch im hoheren Lebensaltor noch mitten im Kreise
seiner Umwelt stehenden Sokrates entfernt hatte. Es ist wohl
nicht zu bezweifeln, daB Plat on selbst, der Zeit seines Lebens-
unvermahlt blieb, auch in seinen Jiinglings- und Mannesjahren person-
lich von den Empfindungen beseelt war, die er so oft in seinen Dialogen
schilderte. Doch ist auBer einer knappen Notiz Aelians (V. H. IV,
21), die von seiner Liebe zu Dion, dem Schwager des alteren Dio-
n y s i o s von S yrakus (gest. 354), spricht, und der schon erwahnten
Mitteilung des Diogenes Laertius (III, 31) iiber sein Verhalt-
nis zu P h a i d r o s sowie einigen in der Anthologie erhaltenen Epi-
grammen nichts iiberliefert. Auch von drei beriihraten Schiilern P 1 a -
tons wissen wir, daB sie dem Paidon Eros gehuldigt, so war E u d o -
X o s von Knidos der Geliebte des Arztes Theomedon (Diogen. Laert.
VIII, 87), Xenokrates von Chalkedon der Liebhaber des P o 1 e -
mon (ibid. IV, 19), und dem groBen Stagiriten Aristoteles wer
den sogar drei Geliebte zugewiesen, namlich H e r m e i a s , der Herr-
scher von Atameus und Assos in Mysien, Palaiphatos (cf. Sui-
d a s) und Theodektes aus Phaselos, Athenaios XIII, 566 E).
Doch sind derartige erst aus spaterer Zeit iiberlieferte „Hist6rchen" mit
einiger Vorsicht zu iibernehmen.
0) Kiefer 1. c. S. 125.
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Das glciche gilt von den Nachrichten des Diogenes Laertlos
(TV, 21 — 24. 29 u. 40) iiber die paiderotischen Verhaltnisse zwif jheo
den auf P 1 a t o n folgenden Schulhauptern der Akademie — „P o 1 e -
m o n liebte den Krates, Krantor den Ankesilaos, Arke-
s i 1 a o s selbst, der der Paderastie in hohem MaBe ergeben war, liebte
den Leochares aus Myrlea, der auch von Demochares und
Pytliokles geliebt wurde, und den Demetrios, den schonen Sohn
des Demetrios Poliorketes (gest. 284), den Bruder des A n t i -
gonos Gonatas, der fiir kurze Zeit Gemahl der Berenike md
Konig von Kyrene war." — Derartige Nachrichten, wie namentlich die
der Stoiker gegen Arkesilaos bei Diogenes Laertios (TV,
40) beruhen vielfach auf Scheelsucht und Klatschsucht.
'Wic auf den Lebenspraktiker Lysias in der Entwicklung
der attischen Rhetorik der Idealist Isokrates folgte, so folgt
in der Philosophie umgekehrt dem Idealisten P 1 a t o n der
Realist Aristoteles, der aber zugleich mit universalem Geiste
die naturwissenschaftlichen, erkenntnistheoretischen, ethischen,
asthetischen und politisehen Probleme seiner Zeit umfaiJte. So
verdanken wir ihm auch auf dem Gebiet der Homoerotik in ver-
schiedenster Beziehung manches Beachtenswerte ; vor allem
euchtc er den Weg fortzusetzen, den bereits die Hippokrateer
beschritten hatten, den Weg naturwissenschaftlicher Erklarung
des Problems.
Er zieht daher nicht nur das Sexualleben des Menschen, sonderD
auch das der Tiere in den Kreis seiner Beobachtungen und schreibt
iiber die Geschlechtsdifferenzierung und ihre gelegentliche Verwischung
in seinem Werke „iiber die Tiere" (de animalibus III, 16, 2) : „Da»
mannliche Geschiecht hat sowohl bei den iibrigen Tieren als beim
Menschen in der Rogel keine Milch, gleichwohl geschieht es bei einigen,
wie denn aut Lemnos ein Bock aus den Zitzen, deren er zwei neben der
Jtute hatte, so viel Milch gab, daB man kleine Kasclien daraus machte,
und als er zum Bespringen kam, ereignete sich bei einem von ihm er-
zeugten fSproBling wiederum dasselbe. . . . Auch bei Mannern (cf. auch
I, 10, 1) liiCl sich zuweilen zur Zeit der Mannbarkeit etwas heraas-
driicken, unu beim Saugen kam sie bei einigen schon reichlich zum
Vorschein." Bei den Erorterungen iiber die Pubertatserscheinungen
bemerkt er V, 12, 4: ..Daher veriindern auch die Verschnittenen die
btimmc in umgekehrter Weise, die Verschnittenen schlagen namlicb
in das Weibliche um." — VII, 1, 1 heiUt es : .,Der Mann beginnt aber
ill der Kegel zuerst nach voUendeten zweimal sieben (14) Jahren Samen
zu fiihreu, gleichzeitig beginnt auch die Behaarung der Scham, wie
aucn Alkmaion, der Krotoniate, sagt, daD die Pflanzen, bevor sie
Samen zu tragen sich anschicken, erst .bliihen* ". Von Tribadie faute
de mieux bei den Tauben berichtet er VI, 2. 10: ,,Ferner auch be-
steigen die Weibchen einander, wenn kein Mannchen vorhanden isi
(cf. r 1 i n. hist. nat. X, 79), nachdem sie sich wie mit den Mannchen
schnabelten, und ohne einander etwas mitzutoilon (d. h. ohne Befruch-
tung), legen sie p&ahlreichere Eier als die durch Zeugung entstan-
denen ; aus ihnen kommen indes keine Jungen, sondern alle der-
artigen sind Windeier*'. Von geborenen Eunucheii berichtet VIT, 1, 5:
,,Es bleiben auch manche von Haus aus unmannbar und infolge einer
Verkiimraerung der Schamteile unfruchtbar, in gloioher Weise bleiben
auch Weiber von Haus aus unmannbar" ; besonders beachtenswert
erscheint folgende Bemerkung in VIII, 2, 5: ,,Die Natur aller dieser
(Ampbibien) scheint gewissermaBen vordreht, gerade wie raanche Manner
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ein weibischea, manche Weiber ein mannliches Aussehen Laben.
Wenn namlich die Tiere in kleinen Teilen eine Verschiedenheit an-
nehmen, so scheinen sie sich nach der Beschaffenheit des gauzen
Korpers bedeutend zu unterscheiden. (§ 6.) Dies ist bei den Ver-
schnittenen offenbar; das Tier schlagt namlich, wenn es eines kleinen
Teiles beraubt ist, dns Weibliche um ; daher ist eg klar, dafr audi bei ider
urspriinglichen Bildung, wofern ein einziges Teilchen der GroBe nach
sich umgestaltet, sobald dieses ein wesentliches ist, bald ein Mann-
chen, bald ein Weibchen entsteht, wenn es aber ganz hinweg genommen
wird, keines von beiden (d. h. ein Individuum neutriusque sexus,
eine Zwischenstufe). Es sind dies zwar nur Ansatze zu einer n a t u r -
wissenscliaftlichen Behandlung des Sexuallebens, aber immor-
hin Ansatze, die auf dem richtigen Wege vergleichender Forschung zu-
stande gekommen sind.
Auch in seiner von seinem Sohn Niko machos heraus-
gegebenen Ethik kommt Aristoteles bei den Erorterungen
iiber die Unenthaltsamkeit (Akrai?eia) auf die physiologische
Seite des homoerotischen Problems zu sprechen.
Er schreibt dort (VII, 5, 3 ff) : „Andere Geliiste und Geniisse sind
teils krankhafter Art, teils Folgen von iibler Angewohnheit ; auch die Lust
an mannlicher Unzucht gehort hierher, denn sie ist teils Folge von an-
geborener Naturneigung, teils entspringt sie aus Gewohnung. D i e -
jenigen nun, bei welchen sole he Neigungen natiir-
lichc Anlagen sind, die kann niemand unenthaltsam
nennen, so wenig wie man die Weiber darum schelten
kann, daB sie nicht aktiv, sonde rn passiv sich dem
M a n n c g e g e n ii b e r v e r h a 1 1 e n ; und ebenso ist es mit denen,
welche durch Gewohnung imit krankhaften (Jeliisten behaftet sind.
(5) Solch(i Neigungen an sich zu haben fiillt auBerhalb der Bestim-
mungen der sittlichen Schlechtigkeit. Wenn einer, der sie hat, sie
beherrscht oder von ihnen beherrscht wird, so ist das nicht Unent-
haltsamkeit im einfachen und eigentlichen Sinne, sondern man be-
zeichnet es nur so der Ahnlichkeit wegen, gleichwie man auch den-
jenigen, der sich von dieser oder jener Leidenschaftsaufwallung
beherrschen lafit, nur als unenthaltsam mit dem Zusatz in der und
der Leidenscliaft bezeichnet, aber nicht unenthaltsam schlechtweg
nennen darf/' d. h. er kann in jeder anderen Beziehung ein tiichtiger
und braver Mensch sein (cf. auch Topika VI, 8, 4).
Die rein ethische Seite des Problems beliandelt Aristoteles
sodann in dem 8. und 9. Buch desselben Werkes, die von der Freund-
flchai't handeln und ehedem eine eigene Schrift .-regi tpiUag bildeten, von
den spiiteren Redaktorcn jedoch in die Nikomachische Ethik ein-
gefiigt wurden. So heiBt es hier. nachdem IX, 9, 10 der Freund das
zweite Ich genannt wurde, in IX, 10, 4 : „Ich sollte meinen, es sei
iiberhaupt und aus demselben Grunde gar nicht moglich, vielen innig
Freund zu sein, aus welchem es audi nicht moglich ist, viele zu
lieben. Denn Liebe beansprucht ihrem Wesen nach, der hochste Grad
von Freundschaft zu sein. Ein solcher hochster Grad aber findet nur
statt in bezug auf e i n Individuum und ebenso innige Freundschaft
nur gegen wenige. (6) Dal3 es wirklich sich also verhalt, ersehen wir
audi aus den Tatsachen des Lebens, denn da kommen nicht viele
Freunde in der wirklichen Bedeutuiig der Kameradeufreundschaft vor,
und bei den von den Dichtern besungenen ist immer nur von einem
Freundespaar die Rede," und welter: .,Wie es fur die Liebenden das
allererfroulichste ist, den Gegenstand ihrer Liebe zu sehen, und wie
sie diese Sinnesempfindung alien iibrigen Sinnesempfindungen vor-
ziehen, weil durch sie alleiu die Liebe vermittelt wird und entsteht,
ebenso ist auch fiir die Freunde das Wiinschenswerteste, mit ihren
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Freundea zusammen zu leben. . . . Und was es immer sein moge,
worin fiir jeden das Sein besteht, oder urn dessentwillen er zu leben
wiinscht, immer ist sein Sinn darauf gestellt, in diesem Element ver-
eint mit dem Freunde sein Leben zu niliren. Daher trinken die einen
mit ihren Freunden, die andern wiirfeln, noch andere tumen oder jagen
Oder philosophieren mit ihnen, kurz, jeder verbringt seine Tage mit
seineu Freunden in demjenigen, was er selbst in seinem Leben am
liebsten treibt und tut. Zus^mmenleben hamlich ist es, was aile mit
ihren Freunden wollen, und daher tun und treiben sie rait ihnen
dasjenige, was fur ^ie die Lebensgemeinschaft ausmacht."
Schon in der vor der Ethik geschriebenen Rhetorik hieB es
(J, 11, 11): „So macht den Verliebten das Sprechen und Schreiben
iiber den Geliebten und die bestandige Beschaftigung mit demselben
Freude, indem sie dabei, stets erinnert, gleichsam einen Eindruck
vom Geliebten zu empfinden glaubeu, Und das ist jederzeit der Liebe
Anfang, wenn man nicht allein bei der Gegenwart eines Menschen
Freude, sondern auch in. der JErinnerung an den Abwesenden Liebe Jfiihlt.
Dajum ist diese auch vorhanden, wenn man durch das Nichtdasein
desselben betriibt wird"; und II, 4, 2: „Freunde sind die, welche
bereits nur eine Freude und nur ein Leid haben; so auch die,
welche dieselben Menschen als Freunde und dieselben als Feiude be-
trachten, denn ihre Wiinsche miissen dieselben sein. So ist denn offen-
bar der ein Freund, der fiir den andern dasselbe wie fiir sich will."
„Unter entgegengesetzten Charakteren," sagt Aristoteles VIII, 8, 6,
„8cbeint vorzugsweise diejenige Freundschaft stattzuhabeu, welche auf
dem Nutzen basiert, so z. B. kann der Arme dem Reichen, der Un-
wissende dem Gelehrten Freund sein, denn was einer notig hat, danach
verlangt er und gibt dafiir anderes als Gegengabe. Daher erscheinen
denn auch die Liebhaber zuweilen lacherlich, wenn sie verlangen,
ahnlich leidenschaitlich geliebt zu werden, als sie lieben, Waren sie
freilich ahnlich liebenswert, dann konnten sie es meinetwegen ver-
langen; haben sie aber keine ahnlich liebenswerten Eigenschaften,
dann ist ihre Praten^ion lacherlich.** — „Zuweilen beklagt sich (IX,
1, 2) der Liebhaber, daO er in dem Verhaltnis, das auf Liebe beruht,
fiir seine iibergroBe Liebe keine Gegenliebe empfange — moglicherweise
weil er gar nichts Liebeuswiirdiges an sich hat — , bald der Geliebte,
daB jener, der friiher alles mogliche versprach, jetzt nichts von
alledem erfiillt. (3) Dergleichen geschieht ihnen aber in solchen Fallen,
wo der Liebhaber den Gegenstand seiner Neigung nur um des Ge-
nusses willen liebt, der letztere dagegen in dem Verhaltnis zu seinem
Liebhaber nur seinen Vorteil sucht und beide dann diese Dinge nicht
zu gewahren vermogen. Denn wo dies die Motive der Freundschaft
sind, da erfolgt die Auflosung derselben, sobald dasjenige, weswegen
sie einander liebten, nicht erreicht wird. Denn sie liebten ja nicht eiher
des andern Selbst, sondern nur etwaa, was sie besaBen, und zwar etwas,
was nicht bleibend ist, daher denn auch die darauf basierte Freund-
schaft ebenso verganglich sein muB."
Viel Interessantes iiber die Ilomosexualitat findet sich auch
in den historisch-politischen Schrifteii des Aristoteles. Leider
ist uns von dem groBen Sammelwerk der Politeiai, die iiber niclit
weniger als 158 Staatsverfassungen handelten, nur die der Athener
verhaltnismaBig vollstandig iiberliefert. Hier polemisiert er u. a. C. 17
gegen die Nacnrede, daB P e i s i s t t a t o s der Geliebte S a 1 o n s jsre-
wesen sei. Dies Verhaltnis sei schon aiis chroiiologischen Griindeu
ais unmoglich zu erweisen, da man nur die Lebenszeit und' das Todes-
iahr der beiden Manner (Solon gest. 559, Peisistratos gest.
627) in Berechnung zu Ziehen brauche." So ganz unmoglich erscheint
dies jedoch nicht, da die Einrichtung der solonischen Verfassung in
das Jahr 594 und die erste Tyrannis des Peisistratos in die Jahre
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660 — 554 verlegt werden, beider Lebenszeit also um etwa 30 Jahre dif-
feriert.
Eiigiebiger noch zeigen isich die wahrscheinlich zwischen 338
und 332 geschriebenen Politika des Aristoteles, in denen er u. a.
auf den kretischen Paidon Eros zu sprechen kommt und seine staat-
liche Sanktionierung als prophylaktische MaOregel gegen Cbervolkerung
begriindet. Er schreibt (II, 7, 5): „Und um die Manner zuweilen von
dem Umgang mit ihren Weibern zu entfernen, damit sie nicht zu viel
Kinder in die Welt setzen, hat er (Minos) die Triebe der Manner
§egen ihr eigenes Geschlecht begiinstigt. — II, 6, 6 bemerkt er von
en Kelten, daU .bei ihnen ,,der Verkehr mit dem mannlichen Ge-
schlechte offensichtlich in Ehren gestanden habe . . . wie denn iiber-
haupt alle kriegerischen Volker diese Triebe, sei es gegen das eigene
Geechlecht, sei es gegen das andere viel starker zu fiihlen scheinen."
Hier moge noch eine Anekdote von Aristoteles Platz finden,
die unter den sog. Apophtegmata des Philosophen (Fr. 33 f.) iiber-
liefert ist. Als ihn einst ein schongestalteter, aber schlecht beleu-
mundeter Jiingling schalt und sagte, er wiirde sich schon langst
auf^ehangt haben, wenn er seinen Mitbiirgern so, wie er, verhaBt ware,
enx'iderte Aristoteles: „Und ich wiirde mich au&ehangt haben, wenn
ich gleich dir von den Mitbiirgern geliebt wiirde.
Einen langeren Abschnitt des V. Buches widmet Aristoteles
in dieser Schrift dem Nachweis, dafi durch hetero- wie homosexuelle
Verfehlun^en nicht selten politische Zwistigkeiten und Fehden ent-
standen smd. So schreibt er (V, 3, 1) : „Es entstehen demnach die
biirgerlichen Unruhen nie um kleiner Zwecke willen, wohl aber aus
kleinen Veranlassungen. Diese kleinen Veranlassungen aber sind dann
am fahigsten (Umwalzungen zu erzeugen), wenn sie Personen be-
treffen, die von Gewicht und EinfluD sind, So geschah es z. B. in
Syrakus in den alteren Zeiten, dafi die ganze Staatsverfassung sich
aus Veranlassung eines Streites zwischen zwei Jiinglingen anderte,
die wegen eines Liebeshandels miteinander uneinig wurden, wahrend
sie eben damals ansehnliche Amter verwalteten. ' Da namlich der eine
in Abwesenheit des andern dessen Lieblin^ verfiihrte, und dieser
hinwiederum, um eich an dem ersten zu rachen, dessen Frau zur
Untreue bewog, so entstand daraus eine Zwistigkeit zwischen beiden,
welche durch die Teilnahme der Anhanger von beiden zuletzt die ganze
Stadt in zwei feindliche Parteien teilte. ... So kam auch (V, 8, 9 ff.)
der Aufstand gegen die Peisistratiden in Athen daher, da0 Hippar-
c h o s die Schwester des Harmodios beschimpft, den Harmodios
selbst aber insultiert hatte. Nun verschwor sich Harmodios gegen
ihn, um seine Schwester zu rachen, Aristogeiton aber um seines
Freundes Harmodios willeii. — Gegen Periander, den Tyrannen
von Ambrakia, verschwor man sich, weil er bei einem Gelage mit seinen
Lieblingen einen derselben fragtc, ob er schon schwanger von ihm
sei. (10) Philippos (von Makedonien) wurde von Pausanias
umgebracht, weil er diesen ungestraft von einem seiner Hofleute,
dem A 1 1 a 1 o s , hatte beschimpfen lassen."
Aristoteles hatte seine Bemerkung in der Politika (II,
6, 6), dalJ alle kriegerischen Volker sexuellen Trieben, sei es
gegen das eigene Geschlecht, sei es gegen das andere, ganz be-
sonders unterworfen seien, allein schon durch einen Hinweis auf
seine Landesgenossen, die Makedonen selbst, den nordlichsten
der griechischen Stamnie, begrtinden konnen. Unter ihren Herr-
schern haben wir durch ihn (Pol. V, 8, 9) Archelaos,
A m y n t a s und P h i 1 i p p o sll. , den Vater A 1 e x a n d e r s d c» s
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G r B e n , sowie diesen selbst der gleichgeschlechtlichen Liebe
huldigend kennen gelernt.
In seinem „Philippika" auCerte sich schon der Isokrateer T h e o -
p o m p o 8 , daQ F h i 1 1 p p II. alles Lumpengesindel aus ganz Hellas
und den Barbarenlandern um. sich gesammelt habe, Menschen, die
,,als Manner sich nicht entblodeben, sich den ganzen Eorper zu ra-
sieren und zu glatten und als Bartige miteinander Unzucht zu treiben.
Auch fiihrten sie immer zwei oder drei „Lieblinge" auf ihren Feld-
ziigen mit sich und liberlieBen sich selbst anderen zu gleichen Diensten.
Daher hatte man sie wohl mit Recht nicht die Freunde, sondern die
„Freundinnen** des Konigs, nicht Soldaten, sondern Huren nennen
konnen.** Die Ubertreibung dieser Ausdriicke entzieht schon an sich
der Schilderung einen guten Teil Glaubwurdigkeit. Da ferner T h e o -
p o m p o 6 bereits im Altertum (N e p o s , Alcibiades 11) das Epitheton
eines „maledicentissimus scriptor" erteilt wurde, so diirfen wir auch auf
dem Gebiet des Paidon Eros seine bissigen Invektionen keineswegs als
bare Munze nehmen. Immerhin mag er als Gewahr;/smann fiir eine nicht
allzu sparliche Verbreitung gleichgeschlechtlicher Liebe auch bei den
Makedunen dienen, wie desgleichen seine Angaben iiber die bisexuelle
Natur Konig Philipps, die auch durch anderweitige spatere Mit-
tcilungen gestiitzt werden, nicht in Zweifel zu Ziehen sind.
Auf Theopompos soil (nach M ii 1 1 e r s Vermuten) auch die
Steile dea Justinus (VIII, 8) zuriickgehen, die von einem Liebes-
verhaltnis des Konigs zu seinem jugendlichen Schwager Alexan-
der I. von Epeiros, wieder in schmahenden Worten, erzahlt : ,.P h i -
1 i p p o s lieD Alexandres, den Bruder seiner Gemahlin Ol^mpias,
einen Knaben von edlen Schonheit, im Namen der Schwester nach Make-
donien kommen, bot alles auf, ihn durch die Aussicht auf den Thron
anzulocken und trieb ihn sodann, Liebe heuchelnd, zu einem un-
ziichtigen Umgang, um sich einer grofien Hingebung desselben, sei
es wegen des beschamenden BewuBtseins oder wegen der Verbindlich-
keit fiir den Thron, zu versichern. Als dieser 20 Jahre erreicht hatte,
iibergibt fer die (dem Arrubas entrissene) Herrschaft dem noch ganz
jungen Menschen, an beiden ein Frevler."
€ber die Ermordung des Konigs findet sich bei Justinus
(IX, 6) folgender Bericht: „Inzwischen feiert Philippos (336 zu
Aigai) die v ermahlung seiner Tochter Kleopatra mit Alexan-
der, den er zum Konig in Epeiros gemacht hatte. Es war dies ein aus-
gezeichnet prunkvoller Tag, entsprechend der Gr6i3e beider Konigc,
sowohl dessen, der die Tochter vermahlte, als dessen, der sie zur
Gemahlin nahm. Auch an herrlichen Spielen fehlte es nicht, und als
Philippos, um diesen beizuwohnen, ohne Leibwache hinging, in
der Mitte der beiden Alexander, des Sohnes und des Eidams,
stoBt Pausanias, ein junger Makedonier von Adel, der niemand
verdachtig war, in einem schmalen Hohlweg, den er besetzt hatte,
den Philippos im Vorbeigehen nieder und macht so den zur
Freude bestimmten Tag zu einem abscheulichen Trauertag. Dieser
Pausanias hatte in den ersten Jahren der Mannbarkeit von At ta-
lcs gewaltsame Schandung erlitten; das Emporende dieser Handlung
war aber durch folgende Schandlichkeit erlioht wordon. A 1 1 a 1 o s
hatte ihn namlich zu einem Gastmahl zu locken gewuCt und ihn sodann
im Zustand der Trunkenheit nicht nur zum Werkzeug seiner eigerien,
sondern auch der anderen Gaste Wollust, wie einen gemeinen Ilurer,
dienen lassen, und unter seinen Altersgenossen zum allgemeinon Ge-
spott gemacht. Voll VerdruB dariiber hatte Pausanias oft seine
Klagen vor Philippos gebracht. Da er mit mancherlei leeren
Hoftnungen nicht ohne Spott hingehalten wurde und iiberdies seinen
Gegner mit der Feldherrnwiirde beehrt sab, kehrte er seinen Zorn gegen
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r h i 1 i p p o s selbst und voUzog die Rache, die er an dem Gegner
nicht vollziehen konnte, an dem ungerechten Richter."
DaB auch Philipps Sohn, Alexander der G r o B e ,
der Liebe zum eignen Geschlecht nicht abhold war, laBt sich
durch mehrfache Zeugnisse des Altertums belegen. Zwar sind
die Berichte seiner Zeitgenossen uns nur noch in Triimmern
und Splittern erhalten, weshalb wir lediglich auf Berichte a us
zweiter und dritter Hand angewiesen sind. Unter ihnen be-
richtet schon Diodoros (XVII, 37, 5) von der Freundschaft
zwischen Alexander und Hephaistion, die in dem be-
kannten Wort Alexanders bei dem Zusammentref fen mit
der Muttar des Dareios: ,,denn auch dieser ist ja Alexander^*
ihren Ausdruck fand. (cf. Cur tins III, 12 und Arrian II,
12, 6).
Nach dem Tode des Freundes (324) betrieb er (D i o d o r , XVII,
114, 1) die Anstalten zu der Leichenfeier mit solchem Eifer, dafl sie
nicht nur glanzender wurde als alle Leichenbegangnisse der friiheren
Zeiten, sondern es auch in der Zukunft nicht moglich war, ihn darin
zu iibertreffen. Denn er liebte ihn mehr ahs seine vertrautesten Freunde,
und nach dem Tode erwies er ihm eine Ehre, die iiber allerf E^^S' ^^
hatte ihn, solange er lebte, alien vorgezogen, wiewohl Kra-
teros sein Nebenbuhler war. Als namlich einmal einer seiner Vertrauten
sagte, K r a t e r o s sei nicht weniger geliebt als Hephaistion,
cYVi idertc^A lexander, Krateros sei des Konigs Freund, H e -
phaistion aber Alexanders Freund (cf. Plutarch 47). Zu-
letzt kam auch P h i 1 i p p o s , einer seiner Freunde, und brachte einen
Sprucli vom Ammon, daD man dem Hephaistion als einem Gott opfern
solle/'
Plutarch berichtet C. 67 : „ Als Alexander die Haupt-
stadt von Gedrosien erreichte, lieC er das Heer, um Feste zu feiern,
von neuem ausruhen. Er sah hier, wie man erzahlt, berauscht dem
Wettstreit der Chore zu, wobei sein Liebling B a g o a s , der als Chor-
fiilirer den Preis davon trug, im vollen Schmuck iiber das Theater ging
und sich neben ihn setzte. Als die Makedonier dies sahen, klatschten
sio ihm Beifall zu und schrien, er solle ihn doch kiissen, lieBen auch
nicht eher nach, bis er ihn umarmte und ihm einige Kiisse gab." Dieser
B a g o a s war nach Curtius (Vl, 5, 18) ein Verschnittener von un-
gemeiner Schonheit und noch in der Bliite der Jugend. Nabarzanes
hatte ilm ehedem in Hyrkanien dem Konig geschenkt, lun sich in Gunst
zu setzen, und seitdem war Bagoas der erklarte Liebling Alexanders
geworden (cf. auch Curtius X 1, 4). Nach Plinius (XlII, 9) be-
zeichneten die Pcrsor mit dem Namen B a g a o s die Verschnittenen, welche
zu ^einer Art Herrschaft (heute Vezirat). gelangten. Aufier den erwalmten
Hephaistion und Bagoas nennt Curtius auch noch zwei
andere Lieblinge Alexanders (IV, 8), den Hektor, des Parmenio
Sohn, einen ,,Jiingling in der schonsten Bliite der Jahre, den Alexander
wie wenige liebte" uud VII, 9 (38) don Excipinus, ,, einen noch
solir jungcn Menschen, den Alexander wegen seiner Jugendbliite
lieb gewonnen hatte, und der, obgleich er dem Hephaistion an Korper-
^estalt gleich, ihm an Anmut, die freilich nicht ein Vorzug der Manner
1st, nicht gleichkam".
In der Schlacht von Chaironeia (338) wurde die politische
Selbstandigkeit der griechischen Stadtstaaten vernichtet, doch
der hellenische Genius folgte den Spuren des jugendUchen make-
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donischen Eroberers Ibis an die Grenzen des damaligen Uni-
versunirt und fand in den Stadten der hellenistischen Diadochenv-
reiche, in Alexandria, Antiochia, Pella und Pergamon nicht
minder fdrdernde Pflegestatten wie in der alten Heimat. Aller-
dings wurde die geistige und literarische Tendenz in andre Bahnen
gelenki. Der Gelehrte wurde duxch die Schaffung der groUen
Bibliotheken in Alexandria und Pergamon ein pelbstandiger
Typus des geistigen Lebens, und seine Polymathie farbte auch
auf die anderen literarischen Gebiete ab. Auch die homosexuelle
Literatur blieb hiervon nicht unbeeinfluflt.
Kallimachos (310 — 240), von Ptolemaios Philadel-
p b o s an den Hof und die Bibliothek zu Alexandria gezogen, verband
mit ausgedehnter Gelehrsamkeit poetische Neigungen, die auch dem
homosexuellen Gebiet nicht fern blieben. Unter seinen 65 (erhaltenen)
Epigrammen finden sich neben zahlreichen Grabschriften auf tote
Jiinglinge auch ziemlich viele Liebesgestandnisse an lebendige. Hier
nur eine Probe^^^^):
Schenke mir ein auf Diokles' Wohl; dooh bleibe das Wasser
Fern dem geweihten Pokal, schenke mir lauteren Wein.
Schon ist der Knabe fiirwahr, zu schon ; wenn einer dies leugnet.
Nun dann bin ich es allein, der sich auf Schonheit versteht.
Asklepiades von S a m o s , der Lehrer des Theokritos,
legt in seine Epigramme die ganze Weichheit eines* verliebten Dichter-
herzens. Bald treibt ihn in stiirmischer Kegennacht die Sehnsucht
vor die Tiir des schonen M o s c h o s ; bald beklagt er den friihverstor-
beneu Botrys ; bald schildert er uns Eros selbst, wie der schelmische
Gott seiner Mutter entlauft, um in der Gesellschaft holder Jugend zu
weilen. Einmal sehen wir auch den Dichter mit seinem Liebling
Nikagoras fleiBig dem Becher zusprechen, bis diesem das Kopfchen
niedersinkt und der Kranz von den Locken fallt.
Dioskorides von Alexandria, der unter Ptolemaios III.
lebte, scheint in seinen Neigungen sehr wechselnd gewesen zu sein.
Kaum dem Theodores entronnen, ist er sogleich wieder in den Banden
des Aristokrates gefangen. Von ihm ist das von Brandt (S. 266)
mitgeteilte Epigramm:
Zephyr, wehe du sanft und bring mir gesund meinen Jungen,
Wie du den siiCen empfingst, gliicklich zum Ufer zuriick.
Kiirze der Monate MaB, denn selbst nur wenige Tage,
Ewig erscheinen sie dem, welchen die Liebe ergriff.
Der letzte der Dichter, die hauptsachlich auf dem Gebiet des
Epigramms ihren Kuhm erwarben, bildet der der kynischen Schule
angehorige Meleagros aus dem syrischen Gadara, der selbst ein
namhafter Epigrammatiker war und im letzten Viertel des I. vorchrist-
licben Jahrhunderts eine stattliche Anzahl der besten Epigramme
seiner Vorganger und Zeitgenossen zu einer alphabetisch geordneten
Anthologie, dem Grundstock der nach mehrfachen Erweiterungen im
X. nachchristlichen Jahrhundert von Konstantinos Kephalas
herausgegebenen Sammlung bildet, die wir als Anthologia Pala-
t i n a xennen.
Der Eaum verbietet es, Proben von Meleagros' paiderotischer
Lyrik zu bringen, und wir miisseai deshalb fiir weiteres auf Brandts
Abbandlimg verweisen.
101) Jahrbuch f. s. Zw. IX (1908), S. 219 ff.
Hirschfeld, Homosexualit&t. 5()
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Auch die bukolische Idyllenpofesie, dieses antike „Ile-
tournons a la nature*', ist, wenn auch von der alteren Dichtung
eines Epicharmos und Sophron beeinfluBt, ein Eigengewachs
hellenistischer Zeit. Der Begrtinder und Hauptvertreter tier
Idyllenpoesie des Altertums ist Theokritos (geb. um 305).
Docli nicht alle uns noch erhaltenen Dichtungen Theokrits
sind bukolische (landliche) Idyllen ; drei von ihnen (2, 14, 15) be-
zeichnet man als die stadtischen Idyllen, dazu kommen noch
mythologische Epyllien, enkomiastische Hymnen (an Hieron
und Ptolemaios), Epigram'me u. a. In vielen treibt der
Paidon Eros sein heiteres, bisweilen auch als fiagvg &e6g sein
tragisches Spiel.
So iin XII., das dea Titel A i t e s , die uralte dorische Bezeichnung
fiir den Geliebten (der Liebhaber hieB Eispnelas), fiihrt und der
Freude iiber das Wiedersehen mit dem Liebling, sowie dem Wunsche
Ausdruck gibt, daC ihre Liebe immer der ahnlicher werden mochte,
wie sie die Megarer empfanden, die, dem Attiker Dickies zu Ehren die
Wettkampfe im Kiissen eingesetzt batten (of. o.).
Die Gedichte XXIX und XXX sind direkt als Paidika iiber-
schrieben. Das erste enthalt eine Klage iiber die Treulosigkeit und den
Wankehnut eines geliebten Jiinglings, wahrend das zweite ein Gespriich
eines nicht mehr ganz jugendlichen Liebhabers mit seinem eigenen
Hcrzen enthalt: zwar will er den Liebesgedanken entsagen, aber sein
Plerz belehrt ihn, daB der Kampf mit Eros ein vergebliches Unter-
fangen ist.
Von Anspielungen auf mythologische Stoffe nennen wir die Er-
wahnung des Ganymedes (XII, 35; XV, 124; XX, 41), des Achilleus
unci Patroklos (XXIX, 34), das paiderotische Begehren des Pan und
Priapos nach dem schonen Daphnis (Epigr. 3) und die das ganze,
dem Freunde Nikias gewidmete, XIII. Gedicht fiillende Liebe des
Herakles zu dem jugendlichen Hylas, dem er sich widmete (v. 14):
DaB ihm ganz jiach dem Herzen werde gebildet der Zogling
Und, seiner selbst wohl machtig, zum redlichen Manne gediehe.
Von dem Smyrnaer B i o n , der langere Zeit seines Lebens als
jiingerer Zeitgenosse des Theokritos auf Sizilien lebte, riihrt ein
Gedicht her, das einen Katalog der beriihmten Freundespaare des
Altertums enthalt:
Gliicklich der Liebende, dem sein Lieben belohnt wird;
Gliicklich ein Theseus, dem sich ein Peirithoos bot zum Begleiter,
Als sie herunter sich wagten zum unbarmherzigen Hades ;
Gliicklich Orest in den Noten des unheilbriitenden Meeres,
Als er an Pylades' Seite des Irrsals Pfade betreten ;
Selig Achill, der Pelide, solang ihm Patroklos lebte,
Gliicklich im Tod, weil ihm den Gefahrten zu rachen vergonnt war.
(Mahly.)
Dem B i o n wird neuerdings auch (Ch r i s t) das in die theokritische
Sammlung (XXIII.) gekommene Gedicht D y s e r o s (Der ungliick-
liche Liebhaber) zugoschrieben. JEs enhalt die letzten Klagen eines
ungliicklich Liebenden, bevor er Selbstmord vor der Tiir des Geliebten
begeht, und die Rache, die der beleidigte Eros an dem hochmiitigen
Jiingling vollzieht. indem er den Badenden durch seine marmome
Bildsaule zerschmettern laBt. Ob in den Phainomena, dem astrono-
mischen Lelirgedicht des Aratos aus dem kilikischen Soloi, paidero-
tische Reminiszenzen aus alten My then vorkommen, ist zurzeit noch
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nicht festgestellt. Wohl aber haben wir von dem Bichter, dessen
paiderotische Neigungten schon T h e o k r i t beriihrt, ein Epigramm,
au3 dein hervorgeht, daU man die Namen geliebter Jiinglinge selbst auf
Griiber schrieb, ebenso wie man sie auf Vasen oder Saulen verewigte
Oder sie in die Rinde der Baume einschnitt. Es helBt bei A r a t o s :
„Philokles der Argiver Jst schon, das verkunden die Saulen von
Eorinth und die Graber von Megara. Das steht auch sonst zu lese«n
bis zu dem Bade des Amphiaraos (eine Quelle in der Nahe des boioti-
schen Oropos), dafi er schon ist. Aber was bedarf es des Zeugnisses der
Steine; jeder, der ihn kennt, wird das eingestehen^^*)."
Unter den elf von R h i a n o s erhaltenen Epigranmien sind nicht
weniger als sechs auf Junglinge gedichtet, von denen eins Jautet:
Dexionikos stellt Im Schatten der griinen Platane
Jiingst einer Amsel nach, fing sie am Fliigel behend.
K<)nnto ich tauschen mit ihrl Wie cem von dem Kns^en gefangen^
Siii3 mit der Tranen Tau mocht' ich ihm netzen die Hand.
Eigenartig erscheint die Stellung Z e n o n s aus dem kyp-
rischen Kittion (364 — 263), des Griinders der stoischen Schule,
der nach Sextus Empiricus (P. H. Ill, 245 u. adv. Ethic,
p. 190) den Geschlechtsakt sowohl im hetero- wie im homo-
sexuellen Sinne f iir ein Adiaphoron. erklart, das seine
akzidentellen Eigenschaften erst durch die begleitenden Um-
stande erhalte. In der Aufstellung des ojiovdaiog Igcog, dessen
Wirken darin besteht, den zur Tugend Veranlagten, aber noch
nicht darin Vollkommenen voUig auszubilden, n&hert sich Z e n o n
wieder der platonischen Lehre.
Ferner heifit es bei ihm und seinen Nachfolgern, nur der Weise
sei schon, der Torichte und Schlechte aber haiilich. Die sich zeigende
Sch6nheit(iJ e/Afpaoi;rov xdXXoi^g oder to ijuipatvo/Aevov xdkkog) scheint bei
den Stoikern die itechnische Bezeichnung gewesen zu sein fiir ein
Ankniipfungsmittel der Liebe. Diese aber erschien ihnen teils als
eine Jagd (cf. P 1 a t o n Protag. c. 1) auf einen in der Tugend jnoch
nicht vollkommenen, aber zu ihr veranlagten Jiiiigling und dahor die
Erotik als die Wissenschaft dieser Jagd. Die Liebe sei ein durch die
sich zeigende Schonheit veranJaBterVersuch zumWohltun oder zur Freund-
schaftsbezeugung, indem die Liebe nicht auf den sinnlichen GenuB (Synu-
sia), sondern auf das Wohlwollen (Philia) gerichtet sei. Bei E p i k u r o s
scheint nach M. H. E. M e i e r^***) die Homosexualitat keine besoudere
Betrachtung gefunden zu haben. Cber die Reste eines sympotischen
Dialogs von ihm schreibt F r. U 1 1 r i c h^<>^) : „Da nun durch den
Weingenufi die Gemiiter der leinhtlebigen jungen Leute erhitzt sind,
so kommt das Gesprach von selbst auf den Liebesgenuii. Man erortert
ernstlich die Frage, welcher Zeitpunkt hierfiir am giinstigsten ^ei.
Epikuros, der erfahrene Lebenskiinstler, sucht die Leidenschaften der
Jiiugliuge abzukiihlen, er belehrt seine Zuhorer, daB die Sache keinen
Xutzeu bringe, wohl aber ofter Schaden stifte. indem sie Beunruhi-
guugen und Aufregungen verursache, bei einem Ma hie aber und vollends
nach einem solchen sei sie sehr nachteilig.
Eine rigorose Stellung gegentiber dem Paidon Eros scheint
Diogenes von Sinope (f 323), der Stifter der kynischen
102) Cf. P. Brandt i. Jahrbuch f. sex. Zw. IX (1908).
1^) L. c. in Ersch u. Gruber.
iw) L. o. II S. 8.
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Schule, trotz seiner sonstigen Ungeniertheit in sexualibus ein-
genommen zu haben.
Sein Namensvetter mit dem Beiuamen L a e r t i o s fiihrt dar-
iiber (Yl, 46, 53 f., 58 f. u. 61) u. a. folgende Anekdoteu an: Er Labe,
aJ3 er einen Jiingling mit einem Satrapen zu Tisch gehen sah, denselben
fortgezogen, zu seinen Verwandten zuriickgebracht und ihrer Aufsicht
empfohlen. — Zu einem andern Jiingling, der sich auffallig geschmiickt
hatte und ihn nach etwas fragte, sagte er, daB er ihm nicht eher
antworten wolle, als bis er sein Gewand heraufgenommen und ihm
sein Geschlecht gewiesen hatte. — Einmal, als zwei Kinaden sich vor
ihm versteckten, rief er ihnen zu: „Scheut euch doch nicht, ein Hund
friCt' keine Beete (Mangold)." — Als er einmal nach dem Vaterland
eines prostituierten Jiinglings gefragt wurde, gab er zur Antwort: ,.Er
ist ein Tegeate**, wodurch er an die Nebenbedeutung des Wortes xeyog
(Bordell) erinnerte.
Aristoxenos von T a r e n t , ein Aristoteles schiiler, er-
zahlt Fr. 9 (nach Jamblich, Vit. Pyth. 233) die aus Schillers
„Biirgschaft" bekannte Geschichte von der Freundschaft des Damon
und P h i n t i a s aus den Tagen des Tyrannen D i o n y s i o s , die Ari-
stoxenos aus des Dionysios eignem Munde gehort haben will.
— Fr. 25 erwahnt er der Liebschaft zwischen Sokrates und seinem
Lehrer, dem Philosophen Archelaos, und Fr. 31a erfahren wir von
einer solchen zwischen Alkibiades und A n y t o s , dem spateren
Anklager des Sokrates. Der Spott des Sokrates iiber dieses Ver-
hiiltnis soil nach Aristoxenos den A n y t o s zu seiner Feind-
schaf t gegen Sokrates getrieben haben.
Von einem Liebesverhaltnis zwischen dem Philosophen E m p e -
d o k 1 e s und dem Pausanias aus dem Geschlecht der Asklepiaden
weiB Satyr OS (fr. 12) nach Diogenes Laertius (VIII, 58)
zu berichten ; ebenso erzahlt er von dem Philosophen S t i 1 p o n (fr. 19),
dafi er einst bei einem Gelage die Hetare G 1 y k e r a beschuldigte,
dafi sie die Jiinglinge verderbe. Doch diese erwiderte schlagfertig *
„Hierin, mein lieber S t i 1 p o n , sind wir beide gleich schuldig. Denn
auch von dir sagt man, daB du die, welche mit dir verkehren, verdirbst,
indem du sie unniitze und verliebte TrugschliissV^ lehrst, genau so
wie ich. Es ist nun kein Untetrschied fiir die, welche verdorben und
ungliicklich gemacht werden, ob sie mit einem Philosophen oder mit
einer Hetare verkehren." —
Einen Beitrag zur lakedaimonischen Paidagogik gibt Aga-
thar chides von Knidos (um 130) in Fr. 6: „Bei den Lakedaimo-
niern wurde es fiir ganz besonders schimpflich gehalten, wenn einer
in bezug auf seinen Korper zu wenig mannlich ersehien oder einen
zu starken Bauch hatte, wenn an jedem zehuten Tage sich die Jiing-
linge den Ephoren nackt zur KontroUe darbieten muBten. Es inspi-
zierten auch die Ephoren taglich sowohl die Kleiduiig wie das Lager
der Jiinglinge. . . . Und als Naukleides, der Sohn des P o 1 y -
blades, wegen seines schwelgerischen Lebens iibermaBig korpulent
und wanstig aussah, wurde er von den Lakedaimoniern mitten in die
Volksversammlung gefiihrt und von L y s a n d e r als ein Schwelger
hart gescholten und ware beinah aus der Stadt vertrieben worden:
immerhin drohten sie ihm damit, wenn er nicht sein Leben anderte." —
Nacli Fr. 8 verboten die Ephoren auch den Jiinglingen, mit einem
gewissen Gnosippos wegen seines schwelgerischen Lebens zu
verkehren.
Wie uns E p h o r o s von Kyme Gewahrsmann fiir den
Paidon Eros im alten Kreta ist, so gibt uns sein Zeitg^enosse
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Thcopompos von Chios (geb. 376) interessante Mitteilungen
liber das gleichgeschlechtliche Liebesleben der alten Etrusker:
„. . . Und sie verkehren zwar viel mit Weibem, aber auch an dem
Umgang mit Knaben und Jiinglingen ergotzen sie sich. Denn diese
sind bei ihnen sehr schon, da sie ja vortrefflich leben und ihren
Korper glatt machen. Denn alle gegen Westen wohnenden Barbaren
clatten ihre Korper teils mit Pech, teils mit dem Schermesser und
besonders bei den Etruskern sind viel derartige Werkstatten und
Kiinstler, welche diese Fertigkeit ausiiben, gleich wie bei uns die
Barbiere. Wenn sie zu diesen kommen, bieten sie sich ihnen zur Be-
Landlung mit Pech oder Schermesser in jeder Weise dar, ohne Scham,
daB sie jemand erblicke oder dazukomme. Es haben diesen Oebrauch
aber viele, sogar von den in Italien wohnenden Hellenen, die es von
den Samniten und Messapiern gelemt haben."
Auch im rdmischen Staate lassen sich homosexuelle
BeMtigungen schon in verhaltnism^aBig frtiher Zeit konstatieren.
Der erste Bericht daruber liegt aus der Zeit der Decemviralgesetz-
gebung vor (449). Livius lai3t (III, 57) den Verginius Klage liber
den Decemvir Appius Claudius fuhren, weil er die f reigeborene
Tochter eines Biirgers einem Schiitzling, dem Lustdiener seines Schlaf-
gemaches, zur Leibeigenen gegeben habei<^«). Aus der Zeit des zweiten
Samnit^rkrieges (326—304) berichtet Livius (VIII, 28), daB ein
Wucherer versucht habe, einem schonen Schuldgefangenen Gewalt an-
zutun. Dem Gefangenen gelang es, obwohl sonon blutig gepeitscht,
zu entkommen; es entstand ein Auflauf, und der Senat sah sich
infolge dieses Vorfalles genotigt, das Institut der Schuldknechtschaft
abzuschaffenioT).
Nach 289, dem Jahr der Einsetzung der Triumviri capitales,
muB sich folgender von Valerius Maximus (VI, 1, 10) berichteter
Voi-fall zugetragen haben : „C. Pescennius lieB als Triumvir capi-
talis den (Primipilaren) Cornelius wegen unziichtigen Verkehrs mit
einem edelgeborenen Jiingling in das Staatsgefangnis setzen, obwohl
dcrselbe ein verdienter Krieger und wegen seiner Tapferkeit viermal
vom Feldherrn zum Anfiihrer der ersten Linie der Triarier ernannt
worden war. Cornelius wandte sich an die Tribunen, indem er das
Vergehen eingestand, aber Beweise anbot, daB dieser Jiingling offent-
lich und unverhohlen das Gewerbe der Unzucht getrieben habe. Allein
sio verweigerten ihm ihre Vermitlelung. Und so muBte er im Ge-
^ngnis sterben. Die Tribunen glaubten, daB der Staat nicht notig
habe seinen Tapferen um ihrer auswarts bestandenen Gefahren willen
Freiheit zur Ausgelassenheit in der Heimat zu erteilen." Im Jahre 227
forderte nach Valerius Maximus (VI, 1, 7)^08) m. Claudius
Marcellus (der spatere Sieger von Nola) als Aedilis curulis den
Volkstribun C. S c a (n) tinius Capitolinus vor das Volksgericlit,
weil er seinem (des Marcellus) Sohne unziichtige Zumutungen ge-
macht hatte. Scantinius versicherte nachdriicklich, daB er als
unverletzliche Person nicht verbunden sei, vor Gericht zu erscheinen,
imd rief den Beistand der anderen Tribimen fiir seine Sache an. Allein
diese Behorde schlug jede Verwendung ab, welche die Untersuchung
wegen jenes Verbrechens hemmen konnte. Der Beklagte wurde dem-
io«) Cf. Fragmenta histor. graec. ed. Mueller. I, 315 fr. 222.
Vgl. dariiber auch Dionysios XI, 40 f.
107) Weitere Falle: Valerius Maximus VI, 1, 9 u. 11; Dio-
nysios, XVI, 8 u. 9, XVIII, 24; Livius, XXIX, 17, 19; XXXIX,
8ff. u. 42.
108) Auch bei Plutarch, Marcellus c. 2.
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nach voi^eladen, und der einzige Zeuge, den man in Anspruch nahm,
-veranlaBte seine Verurteilung. Es ist namlich bekannt, dafi man
den JiJngling vor die Rednerbiihne brachte. Hier heftete er seinen
Blick zur Erde und beobachtete ein fortwahrendes Stillschweigen.
Dies verschamte Schweigen bewirkte hauptsachlich, dafi er Genug-
tuung erhielt." Der ProzeB ist insofern besonders bemerkenswert,
als an den Namen des Verurteilten spater die Herleitung der bekann-
ten Lex Sca(n)tinia |gekniipft wurde.
Ein dbles Licht auf die Grepflogenheiten der romischen
Legionare wirft die Schilderung des Vibius Virrius aus
dem Jahre 211: „ich will nicht isehen, wie jneine Vater-
stadt (Capua) zerstort und in Brand gesteckt wird und die
campanischen i Frauen und Jungfrauen und edelbvirtigen Knaben
zur Entehrung (von den Romern) fortgeschleppt werden (rapi ad
stuprum)**. P o 1 y b i o s verdanken wir eine sehr wichtige Stelle aus
dem romischen Militarstrafrecht. Es heiBt VI, 37, 9: „Die Stockschlage
sind ferner die Strafe derer, welche im Lager steblen, ein falsches
Zeugnis ablegen oder wenn einer erfunden wird, daB er in der Bliite
seiner Jahre seinen Korper mifibrauche" (d. h. sich als Fassiver ge-
brauchen iasse).
In seinen „Attischen Nachten" hat uns A. Gellius das Bruch-
stiick einer Rede des jiingeren Scipio Africanus (gest. 129)
aufbewahrt, das sich mit scharfen Invektiven gegen P. Sulpicius
Gallus wendet. Es heifit daselbst (VII, 12; ed. Hertz VI, 12):
„Denn ein Mensch, der taglich gesalbt vor dem Spiegel sich schmiicken
lS,Bt, der mit rasierten Augenbrauen, Bart und sogar mit rasierten
Schenkeln einhergeht, der fals junger Mann bei Gelagen in Beglei-
tung seines Liebhabers mit einer langarmeligen Tunika bekleidet sich
auf das niedrigste Bett legt, der nicht nur den Wein, sondern audi
die Liebkosungen des Mannes sucht (qui non modo vinosus, sed
virosus quoque sit), tut der etwa was anderes, als was Brauch der
Kinaden ist?"
Plutarchos berichtet in seiner Biographie des M a r i u s
(o. 14)'08a): „Am meisten aber gefiel den Soldaten des Mar i us
die Unparteilichkeit, die er als Richter bewies, woven folgendes
Beispiel angefiihrt wird : Sein Schwestersohn C. L u s i u s diente
unter ihm als Offizier. Dieser war in einen jungen Menschen von
seiner Kohorte, namens Trebonius, verliebt und machte mehrere
Versuche bei ihm, die aber alle abgewiesen wurden. Endlich lieB er
ihn zur Nachtzeit durch einen Diener zu sich rufen. Der Jiingling
kam, weil er gegen den Befehl nichts einwenden durfte, und wurde
zu ihm ins Zelt gefiihrt.- Da aber L u s i u s Gewalt brauchen woUte,
zog er das Schwert und stach ihn auf der Stelle nieder. Dies geschah
in der Abwesenheit des M a r i u s , der bei seiner Zuriickkunft iiber den
Trebonius Gericht hielt. Viele traten als Kliiger gegen ihn auf, ohne
daB jemand ^ich seiner annahm; allein er trat selbst rait groBer
Unerschrockenheit hin, erzahlte den Verlauf der Sache und stellte
Zeugen auf, daB er schon viele Versuche des Lusius abgewiesen und
sich fiir keinen noch so hohen Preis zu schandlichen Dingen ver-
standen habe. Marius, voller Verwunderung und Freude, lieB sich
den Eranz bringen, womit die Romer riihmliche Handlungen zu lohnen
pflegten, und setzte ihn mit eigener Hand dem Trebonius auf,
weil er zu einer Zeit, die an guten Beispielen so arm ware, die schonste
Tat verrichtet hatte."
io«a) Of. auch Plutarch, Apophthegm. Rom. Mar. 3. Ebenso
nimmt Quinctilianus (Institut. Ill, 11, 14 imd Deolamat. 3) auf
dieeen Vorfall Bezug.
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Moritz Voigt hat im ,,Zivil- und Kriminalrecht der
Zwdlf Tafeln" (1833) unter strengster Kritik der einschlagigen
Falle aufs evident'este nachgewiesen, daB bis zum ErlaC der
Zwolftafelgesetze (450) iiberhaupt kein Fall einer gerichtlichen
Verurteilung homosexueller Vorkommnisse vorliegt, und daU,
was auch M o m m s e n zugibt, in den nachsten Jahrhunderten
die von L i v i u s und Valerius Maximus angef tihrten Falle
samtlich mit Notzucht konkurrieren und zwar als MiU-
brauch der Dienstgewalt seitens militarischer Vorgesetzter, oder
gegen Schuldgefangene von seiten der Glaubiger begangen waren,
wogegen die Volkstribunen als gegen eine p r o d i t i o (d. h. treu-
loses Handeln) mit durchgangig erfolgreichen Kriminalklagen
einschritten.
Jedenfalls bestand in der ersten Halfte des I. vorchrist-
lichen Jahrhunderts bereits das Scantinisehe Gesetz. Leider
sind wir liber Inhalt und Fassung desselben ebensowenig wie
liber die Zeit seiner Entstehung genau unterrichtet. Hochstwahr-
scheinlich richt^te es sich aber nur, wie auch die spatre Lex
Julia, lediglich gegen die Verf lihrung, bezw. die Notzlichtigung
freigeborener Knaben und Jlinglinge^^^). Denn da die Sklaven, die
pueri venales, ,,Sache** ihrer Herren waren, sah der romische
Staat durchaus keine Veranlassung, in derartige Verhajltnisse
einzugreifen. — tlber die von der Lex Scantinia festgesetzte
Strafe berichtet Quinctilianus (Institut. or. .IV, 2, 69):
„Ingenuuin stupravit et stupratus se suspendit, non tamen
ideo stuprator capite ut causa mortis punietur, sed decem milia^
quae poona stupratori constituta est, dabit*', desgleichen 71 :
,,tu tamen ingenuum stuprasti, solve decem milia" und VII,
4, 42. Es war also eine Geldstrafe von 10,000 As (840 M.) ver-
hangt, was sowohl mit dem frlihern Branch von 227 (cf. o.) wie
mit einer Stelle des spatern P a u 1 1 u s libereinstimmt, der gleich-
falls flir die Kaiserzeit eine Geldstrafe erwahnt. Das Gesetz
mag wohl spater in Vergessenheit geraten oder laxer gehandhabt
sein, denn Juvenalis lafit in seiner 11. Satire (v. 43) die
L a r n i a sagen :
Will man Gesetze einmal aufstobern, so muB man vor atlem
An das scantinisehe gehen ; erst richte den Blick auf die Manner
Und durchmustere sie . . . .
109) Cf. auch Dr. jur. N. P r a e t o r i u s i. Jahrl)uch I (1899),
S. 105: ,,Sovi€l scheiut aber gewiI3, daB nui* die Scliauduug imbeschol-
tener romischer Jiinglinge, und zwar wahrscheinlich nur minder jajbriger,
von jeher bestraft wurde.
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Charakteristisch fiir die milde Auffassung, mit der Anklagen
nacli der Lex Scantinia betrachtet wurden, ist ein Brief des
M. Caelius Rufus aus dem Jahre 60 v. Chr. an den in
Cilicien weilenden Cicero. Caelius berichtet, daU er
von dem Censor Appius Claudius Pulcher auf Grund
der Lex Scantinia belangt worden sei, und er ihn nach
demselben Gesetze wieder belangt habe. Der letztere ProzeB
soUte vor dem Prator Drusus verhandelt werden^ der mit
Erfolg ebenfalls nach der Lex Scantinia ha.tte belangt werden
k5nnen : ,,Komm baldm^glichst, um dich satt zu lachen Uber das,
was tier vorgeht, wie ein Drusus tiber Stinden gegen da«
Scantinische Gesetz zu Gericht sitzf. Aus dem Briefe geht klar
hervor, daB die erste Anklage nicht aus moralischer Entrtisiung
war erhoben worden, eondern nur dazu dienen soUte, den
Coelius fiir die Zeit des Schwebens des Verfahrens politisch,
aber nicht gesellschaftlich mundtot zu machen.
Als Personen, die gleichgeschlechtliche Neigungen batten, finden
wir erwahnt : den Diktator Sulla (Plutarch, Sulla, c. 2.), L. L u -
cullus (Plutarch, Luc, c. 43V C. Verres den jiingeren als kauf-
lich (Plutarch, Cicero c. 7) Aulus Gabinius (Cicero, Se-
natsrede nach Riickkehr aus der Verbannung c. 4.) ; iiber das Verhaltnis
des C. Curio mit dem jungen M. Antonius berichtet Cicero.
(Briefe an Att. I. 14, 6; or. pro domoi c. 24 und 48; 2. Philip, c. 18.)
Von dem Diktator Caesar erzahlt u. a. Suetonius, dafi er als
junger Mann dem Konig von Bithyen seine Keuschheit preisgegeben
habe, woruber noch 30 Jahre spater seine dem Triumphwagen folgenden
Soldaten unter anderen lustigen Liedem auch das sehr populate
Soldatenliea sangen:
Caesar unterwarf sich Gallien, doch den Caesar Nikomedes;
Im Triumphzug zieht jetzt Caesar, da er Gallien bezwang;
Nikomedes aber triumphiert nicht, der doch Caesarn unterwarf.
Cassius Dio bemerkt hierzu (43, 20) : „Was die Soldaten uber
seinen Um^ang mit Nikomedes ihm nachsagten, argerte ihn gewal-
tig. Er wollte sich rechtfertigen und schwur, dafi es nicht wahr sei,
wurde aber dafiir noch obendrein ausgelacht." Caesar lieB sich aucb
auf heterosexuellem Gebiet mancherlei zuschulden kommen. Sue-
tonius fahrt daher (52) fort : „Da6 er wegen seiner Unkeuschheit
und Ehebriiche in dem allenibelsten Kufe stand, geht am deutlichsten
daraus hervor, dafi Curio, der Vater, ihn einst in einer Rede „den
Mann aller Frauen und die Frau aller Manner" nannte. (71) Weiter sagt
Suetonius iiber ihn : (45) ... in der Sorgfalt fiir seinen Korper
ging er soweit, dafi er nicht nur sein Haar schneiden und den Bart
sorgfaltig scheren lieB, sondern auch, wie einige ihm vorgeworfen
haben, sich die Haare ausrupfen lieB; (47) . . . schlanl^ewachsene
und gebildete Sklaven kaufte er fiir einen so ungeheuren Preis, daB
er sich selbst dessen schamte und derselbe nicht in seine Rechnungen
mit eingetragen werden durfte; (76) er iibergab Aufsicht und Ober-
befehl iiber aie drei in Alexandria zuriickgelassenen Legionen seincm
unziichtigen Geliebten Rufio, dem Sohn eines seiner Freigclassenen."
Auch in der rSmischen Literatur fand die Homosexualit&t
verhiLltnismaBig frlih iliren Niedeo^chlag.
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Schon bei Plautus finden sich iiberaus zahlreiche Anspielungen
hierauf. Iin Curculio lautet die Ermahnung des Sklaven Palinurus an
seinen jungen Herrn Phaedromus (I, 1, 35): .
Niemand verwehrt das Gehen auf offener StraBe dir,
Wenn nui* durch ein umzauntes Grundstiick du den Weg
Nicht suchst, von Ehefrauen, Witwen, unbescholtnen
Jungfraun und freigebornen Knaben fern dich haltst^^^),
So magst du lieben, was du willst.
Es ist charakteristisch, dai3 bei Schilderungen sexueller Exzesse
fast stereotyp Frauen, Madchen und edelgeborene Knaben in einem
Atem genannt werden.
In der Mostellaria heiBt es im Zwiegesprach der Sklaven des
Kallidamates (IV, 2):
„Mich kennt der Herr." —
„Er wird doch wohl aein Ruhepolster kennen."
Der bekannte Polyhistor und Enzyklopadist M. Teren-
tiiis Varro aus Reate (116 — 27) verspottete, wie Bloch^^^)
bemerkt, in seiner Satire Eumenides die weibischen Moden
der Manner, spricht von den partim venusta muliebriore ornati
stola und vergleicht diese Effeminierten wegen ihrer durch-
sichtigen Ge wander mit den Najaden. Als Gegenstlick da^u
geiBelte er in den Meleagri die ausgesprochen. mannliche Klei-
dung mancher Prauen und beschreibt das Kosttim einer a la
Atalante aufgeschiirzten Jagerin sehr anschaulich: non modo
suris apertis, sed paene natibus apertis ambulans, cum etiam
Thais Menandri tunicam demissam habeat ad talos. —
Uber Augustus schreibt Suetonius (c. 68): „In seinen
]ungen Jahren wurden ihm mancherlei schandliche Dinge nachgesagt.
Sextus Pompeius sagte ihm nach, er lasse sich als Weib g e -
brauchen; Marcus Antonius, er habe durch Unzucht die An-
nahme an Kindes statt von seinem (Groi3-)Oheim (Caesar) verdient ;
der Bruder dieses Marcus aber, Lucius Ant'onius: er habe
seine zuerst von Caesar entehrte Keuschheit nachher auch dem
Aulus Hirtius in Hispanien fiir 300 000 Sestertien (52 500 M.)
pr^is^egeben, und um ein zarteres Haar zu bekommen, es an den
Schenkeln mit gliihenden NuBschalen absengen lassen. (71) Von alien
diesen Schmahungen und Verleumdungen widerlegte er den Vorwurf der
Paderastie am leichtesten, und zwar durch die Enthaltsamkeit, welche
er damals und nachher bewies.
Von der Sittengesetzgebung des Augustus interessiert
uns hier die Lex Julia de adulteriis vom Jahre 18 a. Chr. Sie
richtete sich auch gegcn gleichgeschlechtlichen Verkehr. Dieses
Gesetz anderte jedoch nach Numa Praetoriu s^^^) wahr-
scheinlich lediglich die Strafe der Lex Scantinia. Aus der Lex
Julia ersehen wir, wann Unzucht zwischen Personen mann-
lichen Geschlechtes bestraft wurde; denn die Stellen, welche
110) Vgi. dariiber Dr. I wan Bloch im I. Bande dieses Hand-
Imchs, S. 227.
"1) Iwan Bloch, Urspr. der Syphilis, Bd. IL S. 568.
1") Kibbeck, 1. c. S. 251.
"») Jahrbuch f. s. Zw. I. 1899. S. 106 ff.
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uns ,uber den nahern Inhalt des Gesetzes AufschluC geben,
sprechen nur von der Strafbarkeit des Stuprum pueri, d. h. der
Schandung des Knaben, des unerwachsenen Jtinglings, und zwar
erwahnt (der Rechtsgelehrte) Paulus an einer Stelle seiner
Sententien, daC nur der puer praetextatus, d. h. der Jiing-
ling bis zum 16. oder 17. Lebensjahr, geschiitzt sein soUte^^^). Es
gentigte aber noch nicht, daB der Geschandete minder jahrig, bezw.
noch puer praetextatus war, sondern er muBte auch unbescholten
sein, damit den Schander die Strafe traf. Dies geht aus folgen-
deni hervor : Das Stuprum einer Frau wurde nur bestraft, wenn
die Frau zu den honeste {yiventes gehorte, d. h. ehrbar und
unbescholten war (D. XLVIII, 5 1. 6 pr. u. 1. 35 § 1.). —
Das Stuprum des puer wird mit dem Stuprum
der virgo auf eine Stufe gestellt, und die Lex
Julia hat beide gleich behandelt; dies zwingt zu dem
SchluB, daB das Gesetz auch' nur die Schandung des ehrbaren
Jtinglings im Auge hatte, nicht den Verkehr mit cinem
Exoletus, einem mannlichen Prostituierten^^^).
Der Schandung, d. h. der immissio penis in anum wurden ver-
mutlich auch andere besonders anstoBige geschlechtliche Akte gleich-
geachtet ; denn Paulus sagt, daB derjenige, welcher stuprum oder
sonstiges flagitium impurum an einem puer praetextatus vor-
nimmt, d. h. eine sonstige unziichtige Schandtat, bestraft wurde.
(Paulus Sent. II, 26 § 13: Qui voluntate sua stuprum flagitiumve
impurum patitur, dimidia parte bonorum suorum multatur, nee testa-
mentum ei ex maiore parte facere licet.) J. Fr. Christ, historia
legis Scantiniae, Hal. 1737, (c. 20), erklkrt, daB wahrscheinlich da5
ore motigerari, d. h. Unzucht per os, zu diesen strafbaren Handlungen
gezahlt wurde.
Die Strafe der Lex Julia war fiir den Verfiihrer, Mittater und
Verkuppler bei vollendeter Schandung Todesstrafe, bei bloBem Ver-
such Deportation (of. Dig. XLVII, 11 1. 1, 2 Paulus Sent. V, 4
§ 14). Ferner auch fiir den verfiihrten Jiingling Konfiskation der
Halftc seines Vermogens und Unfahigkeit iiber die Halfte seiner Giiter
11*) Digestae, XLVII, 11 (De ext. crim.) 1. 1, 2 (Paulus): Qui
puero stuprum abducto ab eo vel corrupto comite persuaserit aut mulie-
rem puellamve interpellaverit quidve impudicitiae gratia fecerit, donum
praebuerit pretiimive, quo is persuadeat, dederit perfecto flagitio pu-
nitur capite, imperfecto in insulam deportatur, corrupti comites summo
supplicio afficiuntur. — Und in den Sententien des Paulus, aus
welchen diese Stelle entnommen ist, heiBt es noch deutlicher (Pau-
lus Sent. V, 4, § 14): Qui puero praetextato stuprum aliudve flagitium
abducto ab eo <vel corrupto comite persuaserit .... Ferner Dig.
XLVIII, 6 (Ad. leg. Jul. de adult, coerc.) 1, 35, 1 (Modestinue
libr. primo regular um) : Stuprum in vidua vel virgine vel puero com-
mittitur. Aus einer Stelle Tribonians in den Institutionen (Inst.
IV, 18 de public, judic, 54) konnte man vielleicht entnehmen, daB die
Lex Julia die Unzucht zwischen Mannern an sich bestraft habe. Diese
Stelle beabsichtigt jedoch nur die zu Justinians Zeiten erlassene
Strafe unter dem fiir Sittlichkeitsgesetze gebrauchlichen Saomielnamen
„Lex Julia** anzugeben.
"6) Ibid.
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zu testieren (cf. Paulus Sent. 11, 26 § 13). D-ie wider Willen des Ge-
schandeten voUzogene Stuprierung (N o t z u c h t) wurde ebenfalls mit
dem Tode bestraft, wahrscheinlich wurde kein Unterschied gemacht,
ob der Greschandete minderjahrig oder erwachsen war.
„Qui masculum liberum invitum stupraverit, capite punitur."
Fiir das Militar scheint das Gesetz unter bestimmten Urn-
stand e n noch strenger gewesen zu sein. Nach Quintilianus
soil iiber diejenigen, welche im Kriegslager widematiirliche Unzucht
verubten, die Todesstrafe verhangt worden sein. Ob die Strafe tat-
sachlicb angewendet wurde, diirfte wohl bezweifelt werden.** (Cf.
Schrader, Corpus jur. civ. T. I. p. 758, 1832.)
Noch einiges tiber die Literatur der augusteischen Zeit, aus
der am deutlichsten hervorgeht, daB Gesetz und Gesellschaft
damals die gleichgeschlechtliche Liebe als solche nicht ver-
warfen. Da ist P. Vergilius Maro^^^) zu nennen, der in
seinem JugendXverk, den Eclogae, auf den Bah'nen Theokrits
wandelte.
So behandelt scbon die zweite (alteste) Ekloge die ungliick-
l(iohe Liebeswerbung des reichen Herdenbesitzers Corydon um den
schonen Alexis, den Liebling seines Herrn. Er trostet sich mit dem
Gedanken. noch einen anderen Alexis finden zu konnen, wenn dieser
Lhn andauernd verschmahe.
Unter den Freunden des H o r a t i u s ^i^) lernen wir den Kon-
sularen Lucius Sestius als jiinglingliebend kennen. Der Dich-
ter ermuntert ihn In einem Friihlingsgedicht, das Leben zu genieBen,
denn (C. I, 4, 16):
Bald deckt dich Nacht und fabelhafte Schatten,
Bald das plutonische Haus, das nichtige, wo du ferner nicht mehr
Die Konigswiirde beim Gelag erlosest,
Lycidas nimmer bewunderst, den lieblichen, dem jedweder Jiingling
Schon jetzt entbrennt und bald die Madchen lodern.
Auch dem Elegiendichter A 1 b i u s T i b u 1 1 u s ist die gleich-
geschlechtliche LiehS nicht fremd. Als der jugendliche Mar a thus
dem Dichter manche Sorge bereitet, wendet er sich an P r i a p u s
mit der Bitte um guten I&,t, wie man die Jiinglinge dauernd fessele.
Der gartenbehiitende Gott antwortet (I, 4, 9ff.)i^8):
.... der Folgsame siegt docli in der Liebe zumeist.
Straube dich nicht, als Begleiter zu gehen, ob lang auch der Weg scheint,
Ob auch die lechzende Glut dorrend die Fluren versengt,
Mochte er fechten, so spiele du mehr so leicht mit der Hechten,
Gib dir auch Blofien oft, daB er zu siegen vermag.
Dann wird er hold dir gesjnnt, laBt siiBe Kiisse sich rauben;
Straubt er sich auch, er gibt dennoch, so viele du willst;
Rauben laBt er flie erst, bald folgt er von selbst deiner Bitte,
Ja, verlangend umschlingt — er dir den Nacken nachher. —
Du aber, der du zuerst die Liebe verkaufen gelehrt hast,
Wer du auch immer seist, schwer soil die Erde dir sein. . . .
Wen der Dichter besang*, der lebt, solang Eichen noch rauschen,
Sterne am Himmel stehen, Wasser in Fliissen noch stromt ....
Jeder hat seinen Ruhm und ich berat in der Liebe
— ' ' ' ' ' '■ ^1 1
"«) Ferner Eel. 3, 7, 10. Aen. I. 28, IV, 215, V. 569, X. 323,
XIL 390; die Episode Nisus und Euryalus behandeln V. 295, IX.
176, 432. I I
1") Ferner Ep. 11 und 19. 9. Carm. I. 32, 5. IV, 1. V, 34.
Sat. I, 2, ai6. I, 4, 27. II, 3, 325. Epist. L 18, 22, 72. II 2.
"•) Ribbeck, L c. Bd. IL S. 192.
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Alle, die ungliicklich sind, alien ja helfe ich gem.
Kommen wird emmal die Zeit, da raich als den Meister der Liebe
Hoch im Alter umschwarmt gliihend der Jiinglinge Schar.
Ach, wie Marat bus micb qualt mit eigensinniger Liebe I
Air meine Kunst mir versagt, all* meine List mir versa^!
Schone mich, Liebling, icb bitte, sonst werd' icb am Ende zu Scbanden,
Da man den Meister verlacht, wenn er sich selber nicht hilft.
Anscheinend ohne homoerotische Wiinsche verlief das Leben des
Elegikers Sextus Propertius i^^), wenigstens lassen sich weder
in seinen Werken noch sonst irgendwo Anhaltspunkte dafiir auffinden.
Doch war er weit entfernt, die Homoerotik zu befehden, im Gegenteil,
als es ihm einmal bei seiner Cynthia oder sonst einer Schonen recht
schiecht erging, klagt er (II, 4, 27):
Wer mir von Herzen verhaBt, dem wiinsch* ich, daB Madchen er liebe,
Wen als Freund ich erkannt, mag sich an Jiinglingen freun.
Diesem hat oft schon das Herz ein einziges Wortchen gewendet,
Jene besanftigt man kaum, wenn man sein Blut aucn verspritzt
Eine durchaus heterosexuelle Natur war auch P. O v i d i u s
N as 0^20), (jer groBe Liebestheoretiker des romischen Altertums ; in
seiner Ars amatoria (II, 684) sagt er:
Nicht lieb ich den GenuB, in dem nicht beide zerschmolzen ;
Weniger zieht darum Liebe der Knaben mich an.
Die Berichte des Suetonius und Tacitus liber die Aus-
schweifungen des Tiberius (14 — 37) sind von der neueren
Kritik durchweg ftir unglaubvvlirdig erwiesen worden. Schon
Adolf Stahr^^i) stellte sie als psychologische Unmoglich-
keiten hin und dedkte ihre Widersprtiche mit den spns'tigen
Angaben tiber die Personlichkeit Tibers auf.
Zwei Stellen des Tacitus richten sich gegen die beiden
alteren Sohne des Germanicus und GroBneffen des Tiberius,
den 30 gestorbenen Nero und den 33 gestorbenen D r u s u s ; ersterem
soli der Kaiser (V, 3) Liebschaften mit Jiinglingen uud Unkeuschheit.
letzterem Schandung des Leibes (VI, 24) vorgeworfen haben. Von
Tibers Nachfolger, seinem dritten GroBneffen, C. Caesar CaTi-
g u 1 a (37 — 41) berichtet Suetonius : (36) Seine eigene Keuschheit
schonte er ebensowenig als die anderer. Er soU mit dem M. Lepidus
M n e s t e r , einem Pantomimen und einigen Geiseln in gegenseitiger
Unzucht gelebt haben. Valerius Catullus, ein junger Mann
aus konsularischem Geschlechte, erklarte laut, er habe den Caligula
geschandet, und ihm selbst sei die Brust infolge der Unzucht mit dem-
selben ganz schwach geworden." (52) .... zuweiLen trug er seidene
Kleider und einen Frauenmantel . . . oder Weibersocken . . . zuwoilen
sah man ihn auch in der Tracht der Venus . . . (55) Wen er aber
einmal lieb hatte, fiir den war er bis zum Wahnsinn eingenommen. Den
Pantomimen M n e s t e r kiiBte er offentlich im Schauspiele, und maclite
iemand, wahrend derselbe tanzte, auch nur ein geringes Gerausch, so
lieB er ihn vor sich bringen und peitschte ihn mit eigener Hand. . . A^-)
Von dem bereits genannten M n e s t e r berichtet Dio Cassius
(60, 28) noch, daB er einst, als das Volk ihn auf da& angelegentlichste
ii») El. I, 20. IV, 6, 21. V, 8, 25.
120) Ars. am. I, 505. V, 109. Heroid. IX, 72. XXI, 15. Fast. II,
351. Remed. 589. Trist. I, 5, 19. L 9, 27. II, 3, 43. V, 4, 25. V. 6, 25.
121) Adolf Stahr, Tiberius. 1863. S. 283 u. a.
i2«) Cf. M. K a u f m a n n , Das Sexualleben des Kaisers Nero.
Lpzg. o. J. mit ausfiihrl. Angabe der modernen belletrist. Tiiteratur
iib. Nero.
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bat, bei einem Lieblingsstiick aufzutreteU) es wagen konnte, hinter der
Szene hervor zu schauen und sich damit zu entschuldigen, daB er
gerade mit Orestes in einem Liebeswerk begriffen sei.
Auf Caligula soil auch das bekannte Epigramm des A u s o -
n i u s gemiinzt sein :
Tres uno in lectu, stuprum duo perpetiuntur
Et duo committunt, quattuor esse reor.
Falleris, extremis do singula crimina, et ilium
Bis numeres medium, qui facit et patitur.
Uber Caligulas Nachfolger Tib. Claudius (41 — 54), den
jiingeren Bruder des Germanicus, und Oheim des Caligula,
sagt Suetonius (c. 33) : die Frauen (Messalina, Agrippina,
d. J.) liebte er leidenschaftlich, aber von Mannern hielt er sich fern
(marium omnino expers).
Die sexuellen Ausschweifungen Caligulas wurden noch
iiberboten duroh Nero(54 — 68), denStiefsohn des Claudius,
der als kaum 17jahriger auf den Thron kam. Suetonius
berichtet von ihm (c. 26) :
„. . . Den Knaben S p o r u s , welchen er hatte entmannen lassen,
wollte er gar noch in eine Weibernatur verwandeln, lieB ihn unter den
gewohnlichen Hochzeitsfeierlichkeiten samt Mitgift und Brautschleier
mit groBem Geleit sich zufiihren und lebte mit ihm als einer Frau.
Dariiber machte jemand den treffenden Witz, es wiirde mit der Welt
gut stehen, wenn sein Vater Domitius eine solche Frau gehabt
hatte. Diesen S p o r u s , der wie eine kaiserliche Frau aufgeputzt in
einer Sanfte getragen wurde, begleitete er auf die Gerichts- und Han-
del splatze in Griechenland und spater zu Rom auf den Bildermarkt
und kiifite ihn dabei oftmals. (29) Seine eigene Keuschheit gab er in
dem Grade preis, daB er, nachdem fast alle Glieder seines Korpers
durch Unzucht befleckt waren, zuletzt noch eine Art Spiel erfand, wo-
bei er in ein Tierfell gehiillt, aus einem Kafig herausgelassen wurde
und nun auf die Schamteile von an Pfa'hlen gebundenen Mannern imd
Weibern losging und dann, wenn er sich vollig ausgetobt hatte, von
seinem Freigelassenen Doryphoros erlegt wurde ; mit diesem letz-
teren hatte er sich, in gleichem Verhaltnis wie Sporus mit ihm,
als Frau verheiratet und machte dabei auch das Schreien und Jammern
geschandeter Jungfrauen nach (nach Suet. c. 21 hatte er auch als
Tragodienspieler in Maske u. a. die gebarende Kanake gespielt). Von
mehreren horte ich, er habe die feste Uberzeugimg gehabt, daB kein
Mensch keusch oder an irgend einem Teil seines Korpers unbefleckt
sei, aber die meisten wiiBten ihre Fehler zu verheimlichen und schlau
zu verdecken, und daher habe er solchen, die ihm ihre Unkeuschheit
of fen gestanden, auch ihre iibrigen Vergehen verziehen. (35) ..."
Tacitus (XIII, 17; XIV, 61 u. 60; XV, 37) und D i o Gas s ius.
erganzen die suetonische Biographic durch eine Anzahl ahnlicher
Mitteilungen. Tacitus berichtet namentlich von T i g e 1 -
1 i n u 8 , den der Caesar zum Oberbefehlshaber der pratorischen
Kohorten ernannte, nachdem er „ihn zu seinen geheimsten Geliisten
gebraucht**, so daB er sich sogar von einer Sklavin der O k t a v i a
sagen lassen muBte : Oktavias Scham sei reiner als sein Mund
(XIV, 60). Dio Cassius (61, 10) fiigt hinzu, daB N e r o s Lehrer,
der Philosoph L. Annaeus Seneca, der selbst trotz glanzender
Heirat an BuJhljungen Gefallen fand, dabei aber ein so strenger Sitten-
prediger war, daB er Nero bat, ihn nicht zu kiissen, diesen zu seinen
Mannerliebschaften angeleitet habe. Vom psychologischen Stand-
punkt am interessantesten ist das Verhaltnis Neros zu seiner
verstorbenen (lattin Poppaea Sabina. Es wird iibereinstim-
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mend berichtet, da6 er an Sporus ao groBes Gefallen fand,
ihn entmannen lieB und heiratete, well er mit der Sabina so
groI3e Ahnlichkeit hatte. Anderseits teilte er sich selbst wieder die
Maske und Rolle der Sabina zu, so dem freigelassenen Pytha-
goras (Doryphorus) gegeniiber. So berichtet Dio Cassius
(63, 9): Die weiblichen Masken (in denen Nero auf der Biihne auf-
ti*at) waren immer der Sabina nachgebildet, um sie auch noch
nach ihreni Tode zu feiern . . . Einer gab, als jemand ihn fragte, was
der Kaiser tue, zur Antwort: „Er kreiBt", denn Nero stellte gerade
die Kanake vor. Den Sporus aber nannte er Sabina, nicht
bloB weil er wegen seiner Ahnlichkeit mit ihr entmannt worden war,
sondern auch weil sich Nero wie friiher mit jener, in Grieohenland
of fentlich mit ihm vermahlte, wobei Tigellinus nach der Vorschrift
des Gesetzes, die Ausstattung iibernahm. Diese Vermahlung feierte
ganz Griechenland, indem man unter anderen iiblichen Gliickwiinschen
audi den vorbrachte, daJ3 die Ehe mit rechtmaiJigen Kindem gesegnet
werden mochte. Hierauf wohnten dem Nero Pythagoras als Mann
und Sporus als Weib bei, und unter ^nderem wurde letzterer auch
Herrin, Fiirstin, Gebieterin betitelt.
Von Neros Nachfolger, dem 73jahrigen Serv, Sulpiclius
G a 1 b a , dem bisherigen Statthalter des tarraconensischen Spaniens,
der als erster die Reihe der Soldatenkaiser eroffnet, schreibt Sue-
tonius (c. 22): „Zur WoUust zog er Manner vor, aber nur -sehr
Starke und ausgewachsene. Man erzahlte, dafi er in Spanien den I c e -
1 u s , einen seiner alten Beischlafer, als er ihm die Nachricht von
Neros Tode brachte, nicht bloD offentlich mit hef tigen Kiissen emp-
fangeu, sondern auch gebeten habe, er mochte sich unverweilt scheren
lassen, und ihn dann beiseite fiihrte."
Gegen G a 1 b a erhob sich noch im gleichen Jahre M. S a 1 v i u s
1 h o , um seinem Vorganger wenig Zeit zu lassen, „seine Jugend zu
genieiSeu", wie die spottlus tigen Soldaten sagten, als sie Gal has
Kopf auf einer' Speerspitze imihertrugen. Wir haben ihn schon als
einen der Freunde Neros kennen gelernt (Suet. 2). Dio schreibt
von ihm (64, 8) : „sein iibriger Lebenswandel und daJ3 er an Sporus
(der als einer letzten Getreuen seinen Herrn auf der Flucht b^leitet
hatte, aber mit dem Leben davongekommen war) seine Lust befriedigte
und die andern Giinstlinge Neros beibehielt, lieB alle nichts Gutes
von ihm erwarten". — Suetonius gibt im Schlul3kapitel (12) seiner
Biographic folgendes Bild von dem AchtunddreiBigjahrigen : „sauber-
licli fast wie die Weiber hatte er einen haarlosen Leib und trug /auf
dem Kopf wegen Kahlheit eine so passend anliegende Periicke, daU
niemand einen Unterschied merkte, ja er lieB sich taglich das Gesicht
rasiereii und mit feuchtem Brote reiben und trieb es so vom ersten
Flaumhaar an, um nie einen Bart zu bekommen ; auch habe er das Isis-
fest oft ganz offentlich in einem leinenen Pries tergewande gefeiert."
J u v e n a 1 i s nennt noch in seiner II. Satire (v. 99) den Spiegel „da5
Gerat des weibischen O t h o" (Othonis pathici). Doch war er bei
den Pratorianern allgemein beliebt (Suet. 1. c).
Der dritte, von den germanischen Legionen zum Imperator aus-
gerufene, Thronpratendent war Aulus Vitellius. Er hatte eine
bewegte Vergangenheit hinter ^sich. Seine Knaben- und ersten
Jiinglings jahre brachte er, wie Suetonius (c. 3) schreibt, zu
Capreae unter den Lustknaben des Tiberius zu und erhielt dort
den Beinamen S p i n t r i a (= Sphinkter), und man glaubte,
daB seine korperlichen Reize den ersten AnlaB und spateren
Grund zur Beforderung seines Vaters gaben. (4) Die Regierung fuhrte
er groBtenteils nach dem Rat und den Einfallen der gemeinsten Schau-
spieler und Wagenlenker, namentlich des Freigelassenen Asiatic us.
Diesen schandete er als jungeji Menscheu in wechselseitiger Unzucht,
und als or ihm spater aus CberdruB entlief, lieB er ihn in Puteoli,
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wo er Essigwasser verkaufte, wieder ergreifen und in Fesseln achlagen,
flfab ihn aber gleich wieder frei uad trieb wieder seine Lust mit inm.
Zum zweitenmal sodann, da ihm sein Trotz und seine Wildheit zu
arg wurde, verkaufte er ihn an einen auf Markten herumziehenden
Gladiatorenfechtmeister, nahm ihn aber, als er bis zum Ende eines
Fechterspieles aufbehalten wurde, diesem unversehens wieder und lieB
ihn erst frei, als er die Verwaltung einer Provinz erhielt. Am ersten
Tage seiner Regierung sodann beschenkte er ihn iiber der Tafel mit
dem goldenen Ringe (Zeichen des Ri tiers tandes), wahrend er noch am
Morgeu dieses Tages, da alle fur ihn darum baten, aufs strengste
seinen Abscheu iiber eine solche Beschimpfung des Ritterstandes aus-
gesprochen hatte. (Cf. Tacitus, Hist. II, 95). Dio Oassius be-
richtet noch (65, 10), dai3 unter seiner Regierung S p o r u s als ent-
fiihrtes Madchen auf der Biihne erscheinen sollte, diese Schmach
aber unertraglich fand und sich selbst das Leben nahm.
Eine der ergebnisreichsten Quellenschriften fiir das homo-
sexuelle Leben der rdmischen Kaiserzeit ist das Satirenfragment
des T. Petronius Arbiter, des arbiter elegantiae am nero-
nischen Hofe. — Petronius hatte in seinem Werk die menip-
peische Satire zum Roman und zwar zum Erstmodell des
Schelmenromans erweitert, in dem sich an lockerem Faden Aben-
teuer an Abenteuer zu Wasser und zu Lande phantasftiHiah
reihen, wahrend reich ausgeftihrte Episoden hetero- und homo-
sexueller Natur den Gang der Erzahlung unterbrechen. Die
Handlung spielt in den letzten Jahren des Tiberius, doch
nicht ohne Hineinbeziehung von Erscheinungen und Zustanden
der neronischen Zeit. Es sind uns von den 16 Buchern des
ganzen Werkes nur das XV. und XVI. in groBeren/ Partien und
kleineren Bruchsttickev erhalten. Die beiden fahrenden Gesejlen,
Eucolpios und Ascyltos, sind auf ihren Wanderfahrten zusammen
mit dem jungen Giton, der den Gegenstand ihrer beiderseitigen
Eifersucht bildet, nach, wie Ribheck^^^) annimmt, Cumae
gekommen. Ihre Abenteuer daselbst, deren eines das bertihmte
„Gastmahl des Trimalchio** bildet, die Leiden einer
Seefahrt und ihre Schicksale im bruttischen Croton bilden
den Inhalt der erhaltenen Fragmente. Wilhelm Heinse,
der Verfasser des „Ardinghello**, hat die Fragmente 1772 ins
Deutsche Ubertragen und nut kongenialer Erfassung des Stoffes
die zahlreichen Lticken, manchmal vielleicht etwas zu reichlich,
ausgefiillt, so daB bei der Lekttire dieser Ubersetzung immerhin
eine KontroUe durch den Urtext zu empfehlen ist. Im' ersten
Bande dieses Handbuchs hat bereits Iwan Bloch eine ein-
gehende WOrdigung des Romans in sexueller Beziehung ge-
geben^^*).
123) Ribbeck. 1. c. Bd. Ill S. 152 ff.
i2<) Dieses Handb. T, S. 520—523.
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Von Kaiser Vespasianus (64 — 79), der, von den
syrischen Legionen zum Imperator ausgerufen, die Ara der Kaiser
aus dem flavischen Hause begrtindete, sind keine urnischen
Neigungen tiberliefert. Wohl aber berichtet Suetonius solche
aus der Juerendzeit seines Sohnes und Nachfoleers Titus f79
bis 81). 0. 7 heiCt es bei Suetonius: ,,AuiJer seiner Grau-
samkeit wurde man aueh noch auf seine Schwelgerei aufmerk-
sam, weil er die Gelage mit seinen ausgelassensten Freunden
oft ibis Mitternacht forjsetzte; ebenso auf seine Unztichtig-
keit wegen einer Mange von Lustknaben und Verschnittenenj
die er um sich hatte, und wegen seiner auffallenden Liebe zu
der Konigin Berenike, der er auch die Heirat versprochen haben
fiollte Kurz man glaubte und sagte of fen, daC er ein
zweiter Nero sei. AUein dieser schlimme Ruf hatte gute Folgen
bei ihm und verwandelte sich seit seiner Thronbesteigung in
das jhochste Lob, als man keinen Fehler mehr, im Gegent-eil
nur die hochsten Tugenden an ihm entdeckte Auch horte
er auf, einige seiner Lieblinge reichlich zu unterstlitzen und
wollte sie tiberhaupt nicht mehr in offentlicher Gesellschaft
sehen, obvvohl sie solche Tanzklinstler waren, daB sie spater
auf der Biihne eine jgroBe Rolle spielten.'*
Voii des Titus jiingerem Bruder und auBerst unahnlichem Nach-
folger Domitianus (81 — 96) berichtet Suetonius (c. 1): ,,es
ist allgeraein bekannt, daB der gewesene Prater Clodius Pollio,
auf welcheu es ein Gedicht von Nero unter dem Titel ,Luscio* gibt,
eiu eigenhandiges Schreiben von ihm besaC und hier und da schen lieB,
worin er ihm eine Nacht versprach ; ebenso gab es Leute, welche be-
haupteten, Domitianus sei auch von N e r v a , der spater sein Nach-
folger wurde, geschandet worden." Trotzdem verurteilte er mehrere
Mitglieder beider Stande (der Senatoren und Ritter) nach dem Scan-
tinischen Gesetze.
Dio Cassius erganzt diese Charakteristik in seinem 07. Buche
noch durcn folgende Mitteilungen : „(2) Aus keinem andern Grunde
geschah es, daB er trotz seiner Liebe zu dem Verschnittenen E a r i n o s
zur Vcrhohnung des Titus, welcher zu den Verschnittenen groBe
Z^ineigung fiihlte, im ganzen romischen Reich die Entmannung ver-
bieten lieB. (6) Er war namlich nicht nur trag und feige, sondern auch
in Bezug auf Weiber und Lustknaben im hochsten Grade ausschweifend
und liederlich.'*
In der Dichtung der flavischen Zeit ragen die Poesien des
M. Valerius Martialis hervor; so reich wie er hat kein
Bomer je, weder vor tl^th noch nach ihm, das Feuerwerk epigram-
matischer Kleindichtun^ spielen lassen. Hier wird uns auch in
stets wechselndem kaleidoskopisch buntem Spiegelbilde das ganze
geschlechtlch^Leben deskaiserllchenBom vorgefuhrt; keine sexu-
elle Variation und Anomalie wird uns geschenkt, sei es daB uns
sein Spiegel in feingeschliffenen Facetten Lebemanner und Lebe-
frauen in mancherlei Eheirrungen vorftihrt, sei es, daB er das
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Treiben alter Liebhaber oder das freche Gebahren der Kokotten
und Kinaden geilielt oder uns Blicke in das Leben und Treiben
der Tribaden eroffnet. Da er jedoch mehr die prostitutionelle
Seite der zeitgenossischen Homosexualit&t enthtillt und ihm in
dieser Beziehung bereits Iwan Bloch hinreichende Beach tung
und Wtirdigung geschenkt hat, so mag hier auf diese treff lichen
Zusammenstellungen verwiesen eein^^^).
Von M. Cocceius Nerva (96 — 98), dessen wir schon
bei Domitianus gedachten, wurde der ans Spanien stam-
mende M. Ulpius Traianus adoptiert, der 98 als ersfter
Anslander den xomischen Kaiserthron bestieg (98 — 117). Die
Cassius schreibt von ihm (68, 7): „Zwar weiC ich wohl,
dafi er Jiinglinge liebte und gerne Wein trank; er ware aber
hier in bloU zu tadeln, wenn er sich dabei zu Schandlichkeiten
und Lastertaten hatte verleiten lassen; so aber konnte er einmal
viel Wein vertragen, ohne betrunken zu werden, und gebrauchte
Huch in der Liebe keinen Zwang. Viel ist in Geschichte und
Dichtung alterer wie neuerer Zeit iiber das Verhaltnis |dee
Kaisers P. Aelius Hadrianus (117 — 138), Traians Vetter,
zu seinem Liebling, dem Bithynier Antinous geschrieben
wordeni26). Dio Cassius berichtet dartiber (69, 11): „In
Agypten lieil Hadrianus auch die sogenannte Stadt des
Antinous aufbauen. Antinous stammte aus einer Stadt in
Bithynien, die auch Claudiopolis heiCt. Etrl iwar der Lieb-
ling des Hadrianus und starb in Agypten, sei es nun, daB er
in den Nil fiel, wie Hadrianus berichtet, oder daC er ein
Opfer wurde, wie es wohl richtiger ist. Wie Hadrianus
tiberhaupt sehr wiBbegierig war, so lieB er sich auch auf Wahr-
sagereien und magische Kunste ein. Entweder also aus Liebe
zu Antinous oder weil er ihm zu Liebe starb, denn er be-
durfte zu dem, was er vorhatte, der freiwilligen Aufopferung
eines andern, ehrte er ihn so hoch, daB er an dem Orte, wo
er starb, eine Stadt erbauen lieB und sie nach ihm benannte und
fast im ganzen romischen Reich ihm zu Ehren Bildsaulen oder
vielmehr Brustbilder aufstellen lieB. Am' Ende wollte er sogar
einen besonderen Stern des Antinous am Himmel sehen und
horte es gerne, wenn seine Gesellschafter ihm das Marchen
ausschmticken half en, daB aus der Seele des Antinous wirk-
lich ein Gestirn entstanden und damals zuerst sichtbar geworden
sei.
126) Dieses Handbuch I, 395, 399, 406, 411—412, 416, 426.
"6) Cf. O. Kiefer i. Jahrbuch f. sex. Zw. VIII (1906), S. 667 ff.
Hirschfeld, Homosexualitlt. 5]^
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Spartianus teilt iiber Hadrian und A n t i 6 n u s f olffendes
mit (c. 10): ,,(13) Nachdem er {Arabien durchreist, kam er nach Peluaium
.... verlor aber auch bei einer Spazierfahrt auf dem Nil seinen
Liebling A n t i n o u s , den er auf eine weibische Art beweinte, und
zwar weil er iiach einigen fiir ihn freiwillig als ein Siihneopfer starb,
Oder nach andern, aus einer ganz andern Ursache, welche des Knaben
Schonheit und Hadrians ausschweifende Wollust leicht erraten
lassen (cf. u.). Sehr gem sah es daher Hadrianus, daB ihn die
Griechen vergotterten und ihm sogar Orakelspriiche zuschrieben, welche
aber Hadrianus selbst soil verfertigt haben. ... In der *Liebe war
er ausschweifend, verfertigte viele Liieder auf seine Lustknaben und
schrieb verliebte Gedichte. (22) . . . Er entschloB sich, den Eidam des
N i g r i n u s , der sich ehedem wider ihn verschworen hatte, den
Ceionius Commodus, einen jungen Mann, dessen schone Figur
ihm gefallen hatte, zu adoptieren. Diesem EntschluB gemaB erklarte er,
so sehr auch seine Wahl jedermann miBfiel, diesen Ceionius unter
dem Namen (L.) Aelius Verus zum Nachfolger." In der Bio-
graphic dieses Caesar Aelius Verus schreibt Spartianus
(c. 3) : „Die jenigen, welche Hadrians Leben am genauesten
beschrieben haben, versichern, daB derselbe des Verus Horoskop sehr
penau gekannt und wohl gewuBt habe, daB derselbe keineswegs die zum
Thron erf orderlichen Eigenschaften besitze ; er habe ihn bloB adoptiert
um seiner sinnlichen Neigung willen und, nach einigen, um dem ge-
heimen eidlichen Versprechen der Adoption als dem Preis des Ge-
nusses dieses schonen Mannes Geniige zu leisten. (5) Verus war
im Umgang auBerst angenehm, mit den Wissenschaften bekannt, aber,
wie einige MiBgiinstige melden, bei Hadrianus mehr der Schonheit
als seiner vorziiglichen Eigenschaften wegen beliebt."
0. Th. S c h u 1 zi27) und nach ihm 0. K i e f e r (1. c.) haben in
eingehender Prxifung der Quellen die Cberlieferung von dem
Opfertod des Antinous in das Reich der Legends verwiesen;
der kaiserliche Liebling ist nach ihnen das Opfer eines bloflen
Ungliickfalls geworden. —
Von den Kaisern Antoninus Pius (138 — 161) und M. A u r e -
lius (161 — 180) sind keinerlei homoerotische Ziige iiberliefert. Uber
des letzteren Sohn und Nachfolger Commodus (180 — 193) schreibt
Aelius Lampridius: „(3) Den Sohn des Salvius Julianus,
der bei dem Heere den Oberbefehl fiihrte, suchte er, wiewohl vergeblich,
zu seinen Liisten zu raifibrauchen, und von der Zeit an dachte er auf
des Julianus ITntergang. . . . Den von seinem Vater fast sieg-
reich geendeten Krieg lieB er unvollendet . . . und kehrte nach Rom
zuriick. Bei seinem Einzug in diese Stadt wandte er sich ofters zuriick
und kiiBte seinen Liebhaber A n ,t e r o s , der hinter ihm auf dem
Triumphwagen stand, ganz offentlich, welches er im Theater eben-
falls zu tun pflegte. ..."
Unter den Dichtern dieser Zeit ragt in einsamer GroBe
D. lunius Invenalis (C. 60 — 140) hervor, der das, was
Martialis in Kleinigkeiten mit leichteren Strichen skizzierte,
diirch griinmige Sittenbilder in weiterem Rahmen darstellte.
Die elfte Satire, die Einladung zu dem Friihstiick an Persicus,
ist (von V. 143 ab) interessant durch den Gegensatz in der Bedienung,
die ein reicher Schlemmer und die ein Mann wie Juvenalis seinen
Gasten bietet. Weder iippige Sklaven phrygischen oder lykischen Stam-
1") o. T h. S c h u 1 z , Leben des Kaisers Hadrian 1904.
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mes, noch Musikanten und Tanzer will er als Hausherr seinen Qasten
bieten, sondern nur schlichte, unverdorbene Bauernburschen von seinem
tiburtinischen Laadgut wartea anf, die nur der latinischen Mundart
kundig, im groben G^ewand und mit gestutztem Haar, das nur vom
Eamme gescneitelt ist, erscheinen; dooh edles Gesicht und edle Scham
kennzeicnnen den Knaben, der sich noch nicht die Achseln glatt
rupfen lieB. — Ebenso wird in der fiinften Satire, dem Mahl des rei-
ohen Virro, dem der arme Elient Trebius bei minderwertigor Abspeisung
zuschaut, die Bliite von Asiens Jugend als Schenkknaben des Grast-
gebers erwahnt (v. 56) ; in der sechsten, gegen das weibliche Ge-
schlecht gerichteten Satire will Postumus heiraten; der Dichter stellt
ihm alle Schattenseiten und Nachteile dieses Schrittes vor Augen
(V. 34):
Warum ins Bett nicht lieber dir legen ein Biirschlein?
Das fangt nicht in der Nacht ein Gekeif an, fordert im Bette
Eeine Geschenkchen und murrt nicht, da6 du dich schonest und
nicht 60,
Wie er es habe gewunscht, in Gekeuch und Hitze gerietest.
Unter den Nachteilen der Ehe wird auch der genannt, daB die kiinftige
Gattin die pueros (v. 272) hafit. Das „concumbunt graece" (v. 191) ist
wohl ill trioadischem Sinne zu fassen. Auf weibliche Homosexualitat
bezieht sich auch der Abschnitt Hber die Gladiatorenubungen fder
Frauen (v. 262 — 267). Ganz in tribadisohem Sinne sind wohl das „inque
vices equitant** (v. 311), sowie weitere Details des Kybelefestes zu
verstehen (v. 321 ff.).
Sehr charakteristisch flir die Verbreitung der Homosexuali-
tat in jenen Zeiten ist der Umstaud, daB der Biograph des
Gegenkaisers Clodius Albinus, Aelius Lampridius,
folgendes zu erwahnen flir notig findet : (e. II) „V o n W e i b e r n
war er ein aufieror den tlicher Freund, aber ein
erkl&rter Feind der Venus aversa und ihrer An-
il anger.** Im Jahre 218 n. Chr. gelangte Heliogabalus
(Elagabal), Vorher Sonnenpriester im syrischen Emesa, im
Alter von 15 Jahren (nach anderen von 11 Jahren} auf den
Thron (218 — 222). Er ist wohl der homoses;uellste Kaiser; eine
ganzlich effeminierte Natur. Die Geschichte seiner Regierung
ist nahezu ausschlieBlich eine Aufzahlung seiner sexuellen Er-
lebnisse.
Dio Cassius berichtet u. a. : Er heiratete viele Frauen und
hielt noch viel mehr ohne gesetzlichen Titel in seinem Harem, nicht
als ob er ihrer bedurft hatte, sondern um bei dem LiebesgenuB mit
j^einen Buhlen ihre Kunstgriffe nachzuahmen und sie zu Genossen
seiner Schandlichkeiten zu nehmen, indem er sich immer unter ihnen
herumtrieb. Viele Unziichtigkeiten, die nachzusagen oder anzuhoren
man gar nicht aushalten wiirde, tat er mit seinem Korper und lieB
sich tun. Nur einige Liederlichkeiten, welche vor aller Augen ge-
trieben, nicht verhehlt werden konnen, will ich erzahlen. Er ging bei
Nacht in Schenken, durch falsche Haare maskiert, und versah, was
die Wirtinnen in solchen Hausem zu tun pflegen. Er kam in beriich-
ti^te Lusthauser, trieb die Dirnen hinaus und trieb selbst dort mit
seinen Lustknaben sein Unwesen; er bestimmte endlich in dem Palast
ein eigenes Zimmer fiir seine Geilheiten, stand nackt wie die Lust-
dimen unter der Trir, zog den in goldenen Ringen hangenden Vorhang
zuruck und suchte die Yoriibeigehenden mit schmachtender gebrochener
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Stimme herbei zu locken. Es kamen dena auch iramer welche, die her-
beschieden waren. Wie in anderen Dingen, so hatte er auch hierfiir
seine Aufspurer in Menge, durch welche diejenigen ausgekundschaftet
wurden, welche am besten seine unziichtigen Liiste befriedigen konnten.
Dafiir muBten sie jedoch zahlen und er tat sich auf solchen Erwerb
viel zu Gute, stritt mit den Genossen seiner Ausschweifungen und be-
hauptete mehr Liebhaber als sie zu haben und mehr sich zu erwerben.
(14.) Dies tat er mit alien, die mit ihm fleischlichen Umgang hatten.
Einen begiinstigten Mann jedoch hatte er, den er deshalb zum Caesar
ernannt wissen wollte. ... iEr vermahlte sich einem Gemahl, lieB
sich Frau, Gebieterin, Augusta nennen, spann Wolle, trug eine Art
Netzhaube und schminkte sich mit BleiweiB und Karmin die Augen.
Einmal lieB er sich den Bart scheren und gab deshalb ein Fest,
spater aber lieB er sich die Haare ausrupfen, um auch hierin Weib
zu sein, oft nahm er auch im Bette Besuche der Senatoren an. (15) Der
Gemahl der neuen Augusta war Hierokles, ein karischer Sfclave,
friiher Lustknabe des G o r d i u s , von dem er auch das Wettfahren
erlernte, wobei er sich auf eine ^^sonderbare Weise die Gunst E 1 a -
gabals gewann. Er sturzte bei einem Wettfahren vom Wagen, gerade
vor dem Sitz des Kaisers nieder, verier beim Fallen den Helm und vor
ihm stand er mit dem glatten Kinn und dem blonden Lockenhaar und
ward alsbald in den Palast fortgerissen. Hier gewann er durch seine
nachtlichen Verdienste ihn bald so, daB er hoch zu Ehren kam und
mehr als der Kaiser selbst vermochte. Er wollte, um auch hierin die
unziichtigsten Frauen nachzuahmen, dafiir angesehen sein und lieB
sich oft geflissentlich auf der Tat ertappen, woriiber er denn von dem
Hanne (Hierokles) tiichtig ausgescholten wurde und Schlage er-
hielt, daB er oft blaue Male im Gesichte davontrug. Jenen aber liebte
er nicht bloB mit oberflachlichem Ungestiim, sondern ernstlich und mit
uachhaltiger Leidenschaft, so daB er dariiber nicht nur nicht imwillig
ward, sondern im Gegenteil ihn darob nur imisomehr liebte und ihn
sogar zum Caesar ernennen wollte. . . . Die Leibwachen fingen einen
Aufstand an \md gaben sich nicht eher zur Ruhe, als bis Elagabal
in das Lager kam, demiitig nm sein Leben bat und sich die Auslieferung
einiger seiner Schandgenossen abdrangen lieB. Fiir Hierokles bat
er aufs klaglichste und unter Tranen, bot selbst seine Kehle dar und
spra<;h : ,,Nur den einen laBt mir am Leben, was ihr auch von ihm
denken mogt, oder totet mich lieber,"
In der Zeit von Heliogabalus bis zu dem ersten christ-
lichen Kaiser Konstantin (306 — 337) sind noch die Kaiser
Alexander S e v e r u s (222— 235) Philippus Arabs (244
bis 249) zu erwahnen, Weil sie in Eom zuerst mit scharf eren Maflr
regeln gegen die mannliche Prostitution einschritten. Ale-
xander Severus lieB sogar, wie sein Biograph A el i us
Lampridius mitteilt (c. 24 und 34), einmal eine ganzeSehar
rqmischer „Strichjungen** aufgreifen und liber das Meer depor-
tieren, wofcei alle durch Schiffbruch' ume Leben kamen.
Es mufi noch ei!n kurzes* Wort gesagt werden iiber die Werke
der griechisjchen Literatur, welche unter rSmischer Heiiischaft
entetanden, die Homosexualitat zum Gegenstande haben. Auf
poetischem Gebiet sind hier die Dichtef zu nennen, welche bei
"8) Cf. L. von Scheffler i. Jahrbuch f. sex. Zw. Ill (l^Ol),
8. 231.
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der Vermehrung der meleagrischen Sammlung durch Philip-
p o s von Thessalonike unter Caligula dem alten Stamm
der Epigrammatiker hinzu geftigt wurden. Es sind auBer
Philippos selbst hauptsachlich Krinagoras von Mytilene,
Euenos, Automedon, Erykios von Kyzikos, Boethos
von Tarsos, Leonidas von Alexandria, Tullius Laurea,
ein Freigelassener Ciceros, M. Argentarius, Tullius
Gem in us und vor allem Straton von Sardes, der unter
Hadrianus oder bald nachher unter dem Titel ,,Mus'a>
paid ike" eine Sammlung von Epigramlnen auf schone Jiing-
linge veranstaltete, welche jetzt den Grundstock des zwolften
Buches der Anthologia Palatina bilden. Wir finden hier viel
Zartes, doch auch viel Derbes und tJnverhulltes, das der Zote,
sehr nahe kommt^^^).
Auch die sogenannten Pseudo-Anakreontea sind zum
groliea Teil wahrscheinlich in der Zeit Hadrians entstanden. Ge-
schickt werden St off und Form des Alten von Tecs nachgebildet. Bei
weitem liberwiegt jedooh in dieser Epoche die Prosa und unter dem
Erbaltenen die Geschichtschreibung. Einige der hier zu nennenden
Historiker kamen bereits f riiher zu Worte, so der Sikuler Diodoros,
der Halikarnassier Dionysios, der Jude Josephus, der Bithy-
nier Flavins Arranius und sein Landsmann Cassius Dio. Von
den nur fragmentarisch iiberlieferten Historiensammlem des II. imd III.
Jahrhunderts verdient Plutarchos von Chaironeia Beachtung. Er hat
nicht nur in seinen Biographien aus dem griechischen und romischen
Altertum zahlreiche homosexuelle Einzelheiten iiberliefert, wobei seine
Beurteilung des Problems je nach der benutzten Quelle nicht selten
stark zu schwanken scheint, sondern auch in seinen philosophischen
Schriften, den sogen. Moralia, die gleichgeschlechtliche Liebe mehr-
fach eingehend beriicksichtigt, so besonders in den Symposiaka, den
Tischgesprachen, und in seinem Logos erotikos, der in dem Streit iiber
die Vorziige des hetero- und homosexuellen Triebes sich mehr auf die
Seite der crsteren stellt. Der interessante Dialog lafit den Plutarch
in einem ahnlichen Lichte erscheinen, wie den Sokrates des pla-
tonischen Phaidros, indem Autobulos, Plutarchs Sohn, einem
gewissen Flavianus das Gesprach wiedererzahlt, welches seinVater
ehedem an den thespischen Erotidien mit anderen Freunden gehalten
habe. In den Dialog ist eine gleichzeitige Liebesgeschichte zwischen
der vornehmen, aber schon alteren Ismenodora und dem jugend-
schonen Bacchion eingewoben. Der Schrift angehangt erscheinen
noch die kleinen erotischen Novellen, die iganixal ditjyi^oeigf von
denen die 11. und III. gleichfalls dem Paidon Eros gewidmet sind.
Neben dem Geographen Strabon ist Pausanias, der Perieget
zu nennen, der in seinem antiken „Baedeker" manches hierher gehorige
aus alterer Zeit luher Sagen Und Kulte iiberliefert hat. Zu erwahnen sind
ferner die Dialexeis des Maimo von Tyros, der in diesen , .Philoso-
phischen Untersuchungen" sich mehrfach (XVIII— XXI, XXXII u.
XXXV) eingehend mit der Homosexualitat beschaftigt. Auch dem der
Schule der Skeptiker angehorenden Arzt Sextus Empirikus
verdanken wir einige wichtige Mitteilungen ^^hieriiber, sowie in
i2») Cf. P. Brandt i. Jahrbuch f. sex. Zw. IX. 1908, S. 219 ff.
Cf. id. ibid. VIII, 1906, S. 648 ff.
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reioher Fiille dem Diogenes Laertios, dem Geschichtschreiber
der antiken Philosophie. Auf dem Gebiete der Sophistik ist D i o
Clir3'sostomos, der Oheim des Historikers Cassius Dio, zu
neiineD, der sowohl in seiner Schrift „iiber die Schonheit", im Melan-
koma« II. und in der I. tarsischen Rede sich iiber die gleichgeschlecht-
liche Liebe, wenn auch keineswegs sympathisch, auBert. Unter den
73 dem Philostratos zugescnriebenen Briefen meist erotischen
Inhalts sind nicht wenig^r als 21 an Jiinglinge gerichtetl^^^*)
Aus dem Kreise der Poikilographen, deren Werke etwa dem „Ver-
mischten** unserer Tageszeitungen ahnein, hat Claudius Aelia-
n u s fiir uns groBeres Interesse, da er sowohl in seinen „Tierge8chich-
ten", wie in den „Vermischten Geschichten" (Variae historiae) auBer-
ordentlicli reiqhhaltiges Material izu unserer Frage beigesteuert hat.
Von den Paradox ographen, den Erzahlern von Wundergeschichten,
ist auBer P h f e g o n von T r a 1 1 e s , dem Freigelassenen des Kaisers
Hadrianus,* der Traumdeuter, Artemidoros von Ephesos aus
der Zeit der A n t o n i n e anzufiihren, der in seinen „Traumdeutungen"
auch homosexuelle Traume (I, 78 u. 79 fin.; V, 66 u. 87) zu deuten
sucht.
DalJ der Naukratite Athenaios in seinen „Deipno-
sophisten'*, besonders im XIII. Buche, das den speziellen Titel
„Erotikos Logos** ftihrt, eine der Hauptquellen zur Kenntnis
des antiken Uranismus hinterlassen hat, ist bereits des oftern
erwahnt worden.
Einen sehr breiten Raum hat Lukianos von Samosata
der gleichgeschlechtlichen Liebe in seinen Schriften . gewidmet,
sei es daO er in den Gottergesprachen die alten homosexuellen
Mythen parodiert, in aiideren die ephebophilen Geliiste der
Philosophen und Sophisten geiUelt, in seinen Lucius-Boman,
ahnlich wie Apuleius^^^), homoerdtische Zlige hinein ver-
webt, nach dem Muster Plutarchs in seinen Erotes (amores)
die Weiber- und Jtinglingsliebe gegen einander abw> oder end-
lich, daB er in den Hetaren-Gesprachen uns in das Leben und
Treiben der Tribaden einftihrt.
Besonders wichtig erscheint hier wieder der Logos erotikos der
„Erotes", der allerdings von einigen Kritikern jetzt dem Lukianos
abgestritten wird. Hier werden, wie schon gesagt, die verschiedenen
Arten der Geschlechtsliebe einander gege niiberstellt : Theomnestos
preist die Liebe der Frauen, Kallikratides die Junglingsliebe,
wobei er, wie es durch den rhetorischen Charakter der Schrift geboten
erscheint, den Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht herabsetzt -und
nur als ein notwendiges tJbel gelten laBt. Dagegen schildert er den
sittsamen, an Geist und Korper ebenmaBig ausgebildeten Jiingling
(C. 46 f.) und fragt dann : Wer mochte nicht der Liebhaber eines sol-
ohen Jiinglings sein? Wer mochte ihn nicht lieben, einen Hermes
in der Ringscnule, einen Apollo im Saitenspiel, einen Kastor zu Pferde
und ein Abbild jeder himmlischen Tugend im sterblichen Korper^
Mochten mir doch die Gotter verleihen, ohne UnterlaB einem solehen
Freunde gegeniiber zu sitzen, seine siiBen Reden zu horen, ihn zu
begleiten und in 'jeder Sache mit ihm Gemeinschaft zu haben. —
L
"0) Cf. H. Licht i. d. Anthropophyteia VIII, 1911.
1") Cf. id. ibid. IX, 1912. S. 316.
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„Stirbt er", ruft pr aus, „so will auch ich nicht langer lebeu und
mein letzter Auftrag an meine Freunde wird sein, uns beide in ein
gemeinsames* Grab zu legen, unsere Gebeine zu mischen irnd selbst die
gefuhllose Asche beider nicht zu sondem."
Den Kallikratides sucht nun Theomnestos zu widerlegen, er er-
klart alles, was jener zum Lobe des Paidon Eros gesagt hat, fiir hoch-
miitige und prunkende Reden und redet dafur der Derbheit des sinn-
licheu Genusses das Wort. Zwischen die streitenden Freunde tritt nun
Lykinos, unter dem man Lukianos selbst vermutet hat, und erklart,
dafl die Ehe eine fur das Leben niitzliche und, wenn sie gelange, selige
iSache sei. Die Jiinclingsliebe aber gehore fiir die Philosophen, sofern
sie iu den Grenzen Keuscher Freundschaft bliebe. Deshalb muBten alle
anderen heiraten, den Philosophen aber sei diese Liebe zu gestatten,
weil in den Frauen doch keine vollkommene Tugend sei.
Auf dem Boden der Sophistik ist der griechische Rom an der
Spatzeil entstanden. Den Stoff bildete, wie s^chon ihr griechischer
Titel Logoi erotikoi verrat, durchgangig eine Liebesgeschichte,
und wie bereits der alte Xenophon bei seinem Erstroman der
griechischen Prosa der Kyropadie der Liebe in beiderlei Ge-
stalten nicht entraten konnte, so blieb die Liebe sub utraque
forma auch in alexandrinisdhei' Zeit und sp&ter ein noti-
wendiges Requisit des griechischen Romanciers. So finden sich
homosexuelle Episoden bei Partjhenios in den ,,Liebe9-
leiden**; in den Ephesiaka des Xenophon aus Ephe/sos
(Liebe des Hippotihoos zu Hyperanthes), in „Kleitophon
und Leukippe** des Alexandrineris Achilleus Tatios.^^^)^
sowie auch in dem Hirtenroman ,,Daphnis und Chloe** des
Longos von Lesbos (IV, 11 ff.). Auch in den erdichteten
Brief en, einer Abart des griechischen Romans, finden wir nicht
selten die GleichgeschlechtUchkeit vertreten. Besondere Beachtung
verdienen hier die Briefe des Alkiphron, in denen auch die
sapphische Liebe ihren Ausdruck gefunden hat.
Fassen wir zusammen, was sich aus einer Durchsicht der
zahlreichen Literaturreste des Altertums ergibt, die unseru
Gegenstand behandeln und von denen wir hier nur Bruchstticke
bringen konnten, so lassen sich folgende S§tze aufstellen:
I. Die Homosexualitat war im klassischen Altertum eine
uberjJl verbreitete und tolerierte Erscheinung.
II. Die gesetzlichen Bestimmungen, welche liber sie erlassen
waren, hatten nie auf ihre Betatigung an und fiir sich Bezug,
sondern immer nur auf gewisse Nebenumstande; in erster
Linic soUte die sexuelle Freiheit gewahrleistet werden, (so wurden
. Notzucht, Mifibrauch der Dienstgewalt gegeniiber Freigelassenen
oder Freigeborenen usw. hestrafffc). AuBerdem richteten sich
"2) Cf. Christ, L c. S. 845 und von K u g f f e r , 1. c. S. 66
ttttd 70.
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die Anschauungen und Vorschriften gegen den Verkauf des
mannlichen Korpers (die mannliche Prostitution). Mit be-
sonderer Klarheit geht dies aus dem Wortlaut der Bede djes
Aischines gegen Timarchos hervor, in der es heiBt : „Ich
behaupte auf das bestimm teste, da6 zwar die Liebe zu schonen
und mfiBigen Jtinglingen der Menschheit Ehre macht und von
GroJJherzigkeit zeugt, dafi es aber von Schamlosigkeit und
schlechter Erziehung zeugt, wenn jemand einen freien Knaben
zu Ausschweifungen kauft. Geliebt zu werden ist eine
Ehre, sich zu verkaufen eine Schande'*^^^).
III. Es gab nachweislich im Altertum, gerade so wie in
spatteren Zeiten, Manner und Frauen, die sich aussch'lieB-
lich zu l^ersonen des gleichen Geschlechts hingezogen fiihlten,
und zwar sowohl feminine als virile Homosexuelle in alien Ab-
stufungen; es gab ferner Heterosexuelle, die dem Verkehr mit
dem eignen Geschlecht subjektiv abhold waren und auch objek-
tiv nichts von ihm wissen woUten ; es gab endlich Bisexuelle, die
sexuell zu beiden Geschlechtern neigten. In welchem Zahlen-
verhaltnis diese drei Gruppen zueinander standen, laBt sich
jetzt kaum noch feststellen. Da die gleichgeschlechtliche Liebe
im offentlichen Leben und vor allem in der Literatur frei und
offen zutage trat, gewinnt man leicht den Eindruck, als seien
ihr fast alle Menschen damaliger Zeit ergeben gewesen. Doch
ist dies absolut unbewiesen. Haufiger als in der Gegenwart
scheint die bisexuelle Betatigung gewesen zu sein, namentlich
war der homosexuelle Verkehr bei Jtinglingen im indifferen-
zierten Alter (von der Reife bis zur Verheiratung) nahezu all-
gemein, auDerdem pflegten aber auch viele Altere neben dem
Verkehr mit ihrer Ehefrau homosexuelle Beziehungen.
IV. Der Charakter dieser beziehungen war bei einigen ein
sehr vergeistigter (Sokrates und Phaedon), bei anderen ein
sehr sinnlicher (Nero und Sporus), bei den meisten nahm
er eine Mittelstellung ein, die zwischen seelischem Geben und
korperlichem Nehmen lag (Hadrian und Antinous).
V. Die gleichgeschlechtliche Liebe stand im Altertum in
naher Verbindung mit der korperlichen und geistigen Jugend-
erziehung. In Vorstellung und Wirklichkeit hing sie eng mit
kiihnen Taten, gymnastischen Wettkampfen (Sport), politischer
Freiheit, philosophischen und wissenschaftlichen Studien, liber-
haupt mit geistigem Leben und Mafligkeit im Gegensatze zu'
orientalischem Luxus zusamtnen.
»^3) Aischines bei Dobson, Oratores Attici, Bd. XII. p. 59.
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VI. Dementsprechend trug die mannliche Homosexualitat
im Altertiim wesentlich den Charakter der Ephebophilie, des
naidiov egwg, doch sind auch Beispiele ausgesprochener Andro-
philie (auch Liebe von ,,Bartigen** nntereinander) iiberliefert.
VII. Die griechische Kunst, Literatur, Ethik und Kultur,
deren auBerordentliche Hohe allgemein anerkannt ist^ verdanken
ihre Blute nicht zum kleinsten Teil dem Paidon Eros. Mit der
Entartung oder Zerstorung der alien Volker hat die ant ike
Homosexualitat als solche nichts zu tun, da sie im heroischen
Zeitalter, im Aufstieg und in der Bliitezeit dieser Volker ebenso
nachweisbar ist wie wahrend ihres Niedergangs. Dali der homo-
sexuelle ebenso wie der heterosexuelle Verkehr namentlich unter
den Casaren zu starken Aiisschweifungen AnlaB gab, lag nicht
an ihm selbst, sondern an der allgemeinen Leichtfertigkeit, der
tippigkeit und Schwelgerei, besonders der wohlhabenderen Stande
jener Zeit. Wer sie urn ihrer Ausartungen willen ganzlich
verponte, ,,schuttete das Kind mit dem Bade aus."
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VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die Verfolgung homosexueller MMnner und Frauen durch
Gesetz und Gesellschaft.
Das Kapitel, dem wir jetzt unsere Aufmerksamkeit zu-
wenden, ist das dtistersite dieses Werkes, vielleicht eines der
diistersten der Menschheitsigeschichte tiberhaupt. Durch mehr
als 1500 Jahre sehen wir unendlich vi,ele Menschen zu Ver-
brechern gestempelt, viele von ihnen zum Tode verurteilt durch
Feuer und Schwert, noch mehr in freiwilligen Tod getrie^ben;
wir sehen Tausende in die Gefangniisse geworfen, ihrer Ehre
beraubt, in ihrer Existenz vernichtet, friedlos, freudlos, heimat-
Iqs herumgejagt von Ort zu Ort, von Land zu Land, bis sie
ihr seelisches Gleichgewicht und die Widerstandskraft ihres
Nervensy stems verloren und manche in Angst und Qual schlieB-
lich von formlichem' Verfolgungswahn befallen wurden ; wir sehen
eine Menge von ihnen Erpressern und Vampyren als willkom-
menes Ausbautungsprojekt preisgegeben, zu einem Leben inLtige
und Heuchelei gezwungen. Und warum dies alles ? Um einer Liebe
willen, die sich von der der Mehrzahl nur durch die Richtung,
nicht durch die Starke und Art unterscheidet. Wer die Verhalt-
nisse kennt, weiB, daB das angedeutete MaB der Verzweiflung
und Schande, dem die Jiomosexuellen Manner und Frauen so
lange ,ausgeliefert waren, nicht libertrieben ist, sondern kaum
die vollige Wahrheit erreicht.
Nehmen wir eininal au, es stande fest, daO die, die solches er-
duldeten, naturgewollte sexuelle Varietaten und keine Verbrecher ge-
wesen waren, und es steht fest, so wird man zugeben miissen,
daO wir hier in der Tat eine der grausamsten Folgen menschlicher
Unwissenheit vor uns haben. Mit Recht sagt einmal der Straf-
rechtslehrer Gross: „Wir sind vor unserem Gewissen' verpflichtet,
diesem Gegenstand die groiJte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Heute
sperren wir die Homosexuellen ein, und geschieht dies ohne Berech-
tigung, so werden so und so viele Menschen ungerecht ihrer Freiheit
beraubtj und etwas Argeres konnen wir (iberhaupt niclxt tuix,"
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Ehe wir die Berechtigung der gegen die Homosexuellen ge-
richteteii Strafbestimmungen prlifen, woUen wir untersuchen,
wie denn liberhaupt diese grimmige Feindseligkeit, diese fast
einzigartige Verfolgung in ihrem Triebleben abweichender Per-
sonen entstanden ist. Wir mlissen hier genau untersbheiden
zwischen den Motiven, die den Strafbestimmungen gegen die
Homosexuellen zugrunde gelegt worden sind, und den inneren
Ursachen, welche- dazu fuhrten, daB die Homosexualitat als
etwas Verachtliches und Verabsdheuungswiirdiges betrachtet
wurde. Wenn wir den psycho I ogischen Motiven nach-
forschen, denen die Verfolgung der Homosexualitat entsprang,
mlissen wir sowohl das spezifische Seelenleben der Normal-
geschlechtlichen als auch' das der Homosexuellen berticksichtigen.
Dem Heterosexuellen ist das Geschlechtsempfinden des Urnings
etwas, woflir seiner subjektiven Sexualitat die Reaktionsfahigkeit
fehlt. Es ist aber eine in sexuellen Fragen oft zu beobachtende
Tatsacbe, dafi eine dem subjektiven Empfinden anti-
pathische Erscheinung nur unter groBten Schwierigkeiten ob-
jektives Verstandnis f indet. So erklart sidi in erster
Linie psychologisch das Verhalten der Heterosexuellen gegen-
tiber der Homosexualit&t. Ebenso wie andere Ausnah'me- und
Obergangserscheinungen auf geschlechtlichem Gebiete — der
Hermaphroditiemus und Pseudohermaphroditistaus, der Trans-
vestitismus und die Androgynie ^- war der Uranis!mus den
„Normalen** etw^a^ Unheimliches, das in ihnen entweder* mysiisch-
religioso Verehrung oder Abscheu hervorrief. Namentlich bei
Volkern, bei denen Opportunitatsgrlinde, wie Rlicksiehtnahme
auf die Volksvermeh'rung, diese instinktive Abneigung unter-
st,utzten, rief sie einen heftigen HaB hervor.
Dem primaren Horror des Normalsexuellen, der erst sfekun-
dar nach Motiven als einer objektiven Erklarung seiner Aversion
sucht, entsprach auf seiten der Homosexuellen ein fast ebenso
starkes Geftihl der Beschamung und Furcht. Dieses ist nicht
erst durch die Verfolgung der Heterosexuellen entstanden,
sender n wurzelt zum groBeren Teile in der Natur der Homo-
gexuellen selbst.
Diese Erkenntnis drangte sich mir auf, als ioh die enormen Wider-
stande gewahr wjirde, unter denen sich Homosexuelle selbst da, wo sie
auf voiles Verstandnis zahlen durften, zum Eingestandnis ihrer Nei-
gungen bequemten. Ein siiddeutscher Professor der Medizin sagte
mir einmal: „Glauben Sie mir, wenn ich uber meine Homosexualitat
nicht zu sprechen vermag, ist es nicht Feigheit, sondern Nervositat.
Wiederholt wollte ich zu meinem besten (nicht urnischen) Freunde
dariiber reden, es war nicht moglich, die Kehle war mir wie zuge-
1) Cf. Hirschfeld: § 175 im Urteil der Zeitgenossen. p. 50.
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schniirt, ich konnte keinen Laut hervorbringen, es war mir, als ob
mein Herz seinen Dienst versagte." Ahnliche Bemerkungen habe ich
oft gehort. Erotisch anziehenden Personen gegeniiber erweist sich
zwar oft die Libido der Scham liberlegen, es gibt aber auch Homo-
sexuelle, bei denen infolge solcher Hemmungen ein oft ihnen selbst
in ihreii Ursachen nicht recht bewuBter ProzeU eiatritt, den man als
„Cberkompensation" bezeichnet hat, ein Vorgang, der dadurch
charakterisiert ist, daB aus dem starken Ankampfen gegen die psy-
chischc Besonderheit sich eine iibermaBige Betonung des VViderspiels
entwickelt, die bis zu einer oft falschlich fiir Heuchelei gehaltenen
Befiirwortung moglichst strenger Bestrafung homosexueller Betatigung
fiihren kann. Dieser sinnenfeindliche, asketische Zug beruht auf einer
komplizierten Tiefenreaktion, die selbst iiber heterosexuellen
Geschlechtsverkehr noch in unseren Tagen einen Lanz-Liebenfels
sagen laBt: „Wir werden spater den Menschen nicht mehr (durch
fleischliche Vermischiing, sondern durch Strahlung zeugen," und
ahnlich Freimark: „lst denn der Gedanke gar so wunderlich. daB
komraende Geschlechter zum Zwecke der Zeugung des .korperlichcn
Kuutaktes nicht bediirfen werden ?"2).
Auf die Ekelgefiihle andersgeschlechtlich und die Schamgefiihle
gleichgeschlechtlich Empfindender ist es auch zuriickzu fiihren, daB
man sich lange Zeit nicht einmal iiberwinden konnte, den Namen
solcher Handlungen auszusprechen. Noch das Allgemeine Landrecht
fur die preuBischen Staaten von 1794 Teil II, Tit. 20, § 1069 spricht
von „unnatiirlichen Siinden, welche wegen ihrer Abscheuliclikeit nicht
genannt werden konnen". Vergleichen wir mit diesen subjektiven Be-
weggriinden die fiir die Bekampfun^ homosexueller Handlungen an-
gegebenen Motive, so stimmt mit ihnen noch am ehesten der kurze
Satz iiberein, mit dem im alten Testament an drei Stellen die An-
drohung deiv Todesstrafe erklart wird; sie lauten: 3. Mose Kap. 18,
Vers 22: „Du sollst nicht bei Knaben liegen, wie beim Weibe, denn
es ist ein Greuell" Vers 29: „Denn welche diese Greuel tun,
deren Seelen sollen ausgerottet werden von ihrem Volke." und 3. Mose
Kap. 20, Vers 13: „Wenn jemand beim Knaben schlaft, wie beim Weibe,
die haben ein Greuel getan, und sollen beide des Todes sterben,
ihr Blut sei auf ihnen." (Nach Luther.) Es ist wohl moglich, daB
das Wort Greuel hier nicht nur etwas Abscheuliches schlechthin be-
deutet, sondern, daB es den Nebensinn hatte von heidnischem
Greuel, da die Juden wie vor und nach ihnen fast alle Volker der
Meinung waren, es handle sich hier urn von auBen eingeschleppte, ihnen
selbst fremde Gewohnheiten.
i
Noch das mittelalterliche Christentum brachte die Homo-
sexualitat bestandig mit Gotzendienst, Heidentum und Ketzerei
in Verbindung. Carpenter glaubt in t)bereinstimmung mit
Westerm'ark^), daB die „heftige Verurteilung und Be-
strafung der Homosexualitat ihren eigentlichen Ursprung mehr
darin hatte, daB die allgemeine Meinung sie mit Ketzerei in
Verbindung brachte, als daB eine direkte Abneigung gegen die
Sacho selbst geherrscht hatte; daB also die Motive mehr reli-
gidser als weltlicher Art waren." Fiir diese Auffassung scheint
die sonst schwer begreifliche Tatsache zu sprechen, daB noch
die Juristen des XIII. Jahrhunderts die Mannerliebe noben
^) Freimark, Der Sinn des Uranismus p. 41.
») Moral ideas, Bd. 2 S. 489.
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der Gotteslasterung und der Ketzerei zu den ,,crimina ecclei-
si as tic a*' zahlten.
DaB die gesetzlichen Bestimmungen des Leviticus uud Deutero-
nomiums gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr keineswegs auf
Moses zuriickzufiihren sind, ist von der alttestamentlichen wissen-
schaf t jetzt durchgangig anerkannt. Chronologische Ordnung in die
vielfacli verworrenen Schichten des jiidischen Priestergesetzes gebracht
zu haben, ist das Verdienst von S t a d e und Kautzsch. — Als
altester, aber gleichwohl erst im VII. Jahrhundert entstandener*) Tell
gilt ihnen das sogen. „Bundesbuch" (2. Mos. 20, 24 — 32, 19). Dieses
verbietet lediglich (22, 18) die Unzucht mit Tieren und bestraft sie
mit dem Tode^). — Als zweitalteste Schicht gilt der Kern des Deutero-
nomiums (Kap. 6 bezw. 12 — 26), der als Fiktion einer letzten Rede
Moses' an das Volk unter Konig Josias (623) im jerusalemischen Tempel
von dem Priester Hilkia gefunden wurde (2. Kon. 22-^23)6). Er enthalt
u. a. Verbote gegen den Kleidertausch der Geschlechter (22, 5) und
gegen Kastration (23, 2), die in den phonizisch-syrischen Kulten iiblich
waren, „denn sie sind Jahve ein Greuel". Ferner soil es unter den
israelitischen Madchen keine im Dienst einer heidnischen Gottheit
„Geweihte*' geben, noch darf es unter den israelitischen Knaben einen
„Geweihten** geben. Auch soil nicht aus AnlaU irgend welches Ge-
liibdes Hurenlohn als „Hundegeld" in das Haus Jahves gebracht werden,
denn beides ist Jahve ein Greuel (23, 19). — Es wird also, kurz gesagt,
nur die Tempelprostitution in beiderlei Form verboten, doch
keine Strafe verhangt in Gesetzen, wie sie mit den historischen Daten
der um 600 entstandenen Konigsbiicher iibereinstimmen. — S t a d e ')
ist sogar der Meinung, daB dies Verbot der Hierodulen erst spater in
das Urdeuteronomium hineingearbeitet sei. 586 brach das Verderben
iiber Juda herein: der kleine jiidische Staat erlag der Ubermacht des
neuhabylonischen (chaldaischen) Heeres unter Nebukadnezar II.,
Jerusalem und der Tempel gingen in Flammen auf, der Konig Z e d e -
kias und ein Teil des Volkes wurden nach Babylon exiliert, ein ge-
ringer Rest mit J e r e m i a f liichtete nach Agypten. — In Babylon
verfiel ein Teil der Exulanten dem dortigen Kultus*). Als Reaktion
hiergegen entstand das sogen. „Heiligkeitsgesetz", zu dem uns ein
vorarbeitender Entwurf in Ezechiel (cap. 40 — 48) vorliegt, dessen
Abfassung durch den Propheten selbst zu Tel-Abib am Flusse Chebar
keinem Zweifel begegnet^). Auch hier wird (Ezech. 43, 7 — 9) nur die
Tempelprostitution verboten. — Das wahrscheinlich gleich-
falls auf babylonischem Boden im Kreise der dortigen Priester ent-
standene Heiligkeitsgesetz haben wir nun in dem Abschnitt des
Leviticus Kapitel 17 — 26 zu suchen. Beziiglich der uns hier inter-
essierenden Verbote diirfen wir aber wohl annehmen, daB, da dieselben
in zweimaliger Wiederholung vorkommen (Lev. 18, 22-— 30 und 20,
13 — 16), die erste Fassung, die den Mannem gleichgeschlechtlichen
Verkehr und beiden Geschlechtern den Geschlechtsverkehr mit Tieren
als Greuel und Schandtat untersagt, gleichwohl aber nur im all-
gemeinen eine Austilgung aus dem Volke androht (i^oXo^Qutf^aerat
sx xov Xaov)y worunter man auch bloBen Landesverweis verstehen kann,
die altere Jurisdiktion des Heiligkeitsgesetzes enthalt.
*) Stade, Gesch. d. Volkes Israel, 1887, S. 634.
5) Kautzsch, D. hi. Schrift des A. T., Beilagen. 2. A. 1894.
S. 150.
6) Kautzsch, 1. c. S. 166.
■) Stade, 1. c. S. 657.
s) E. Kautzsch, i. c. S. 188.
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814
Erst die zweiteFassung (Lev. 20, 13—16) fordert
gegeu die genannten Vergehen ausdrticklich Hie Todes-
st^afe, die hier auch auf das betreffende Tier sieh mitr
erstrecken soil. Diese von der ersten doch zu stark abweichende
Passung, als daB man sie als blofie nachdruckliche Wieder'holung
desselben Verfassers gelten lassen konnte, darf man somit wohl
unbedenklich auf das Konto der endgtiltigen Redaktion des
Priesterkodex setzen, die von Kautzsch in dae Ende des
VI. Jahrhunderte jVerlegt wird. Esra bradite 458 diesen
Priesterkodex mit jiadh. Judaa, doch erst 444 erfolgte seine offi-
zdelle VerSffentlidhung und die feierliche Verpflichtung der
neuen jerusalemiscJien Gemeinde auf seine Normen. (Nehem. c. 8).
Es ist friiher^o) die Ansicht aufgestellt worden, daB das judischc
Priestergesetz im Einklang mit der legendaren VerheiJQung Jahves an
den mythischen Stammvater des Voikes ^Gen. 22, 17), dafi seine
Nachkommen so zahlreich werden soUten, wie die Sterne am Himmel,
and der Sand am Meere, geglaubt habe, zu so drakonischen Bestim-
mungen gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr der Manner greifen
zu miissen, um so auch der gering^ten unfruohtbaren Verschwendung von
Zeugungsstoff entgegenzutreten. Doch ist der Grund auf anderem
Qebiet zu suchen. Jahve, urspriinglich nur der Stammgott des Stam-
mes Juda, war durch seine Priester zum Weltgott befordert, neben
dem die Stammgotter der andern Volkerschaften, sowohl der Baal-
Berit zu Sichem, wie der moabitische Eamosch, der ammonitische Mil-
kom, der phonikische Tamuz usw. zu Gotzen degradiert wiirden. Jahve
wohnte zu Jerusalem und durfte nur dort vere^t werden, jede andere
Kultstatte und Kultform war ihm, d. h. seinen Priestern, ein Greuel.
Daher wurde zuerst mit der Beseitigung des Hohendienstes auch die
^seitiguujg der Tempelprostitution gefordert. Als nun nach dem
Fall des ]iidischen Staates an die Stelle des weltlichen Konigtums
die Hierarchic trat^i), wurden die Bestimmungen, die bis dahin nur
fiir den Tempeldienst galten, auf das ganze Volk als die „Beisaasen
Jahves*" ausgedehnt. — So entstand die von Holtzmann scharf gekenn-
zeichnete, „geradezu widerliche Vermengung juristischer und rein
ethisch-religioser Fragen, die die Signatur des spateren jiidischen
Schriftgelehrtentums bildet". — Und mit wie fanatischem Radikalis-
mus auch in anderer Hinsicht die jiidischen Priester vorgingen, beweist
die (Esra c. 9 — 19) dekretierte und riicksichtslos durchgefiihrte L6-
sung aller Mischehen zwischen Juden und den benachbarten, stamm-
verwandten Volkern, die in dem exklusiven Jahvismus ihre Wurzel
'hatte.
GleichWohl findet pidh in der doch nicht spariichen nach-
exilischen Literatur der Hagiographen und Apokryphen keine
Stelle, die eine praktische Durchf lihrung des Blut-
gesetzes gegen mannmannlichen Verkehr verriete. Dies blieb
erst dem christlichen Mittelalter vorbehalten. Hin und wieder
wurde nur von stronger Gesinnten auf die Vorschtiften des
*o) U. a. von H. M i c h a e 1 i s . Die Homosexualitat in Sitte
und Recht. 1907. S. 26.
11) J. Wellhausen, Israelitische u. jiid. Geschichte. 6. A.
1904. S. 18a
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816
Gesetzes Bezug genommen, so von Josephusin der Streitschrift
gegen den alexandrinischen Philosophen Apion (II, 24 und 30)
und am scharfsten von dem jiidisch-hellenistechen Neuplatoniker
Phil on von Alexandria (20—54 p. Chr,)^^).
In „de specialibus legibus" (782 C) sagt dieser: „Es hat sich
aber in den Stadten ein anderes und bei weitem groBeres Ubel als die
Hurerei eingeschlichen, die Paderastie namlich, deren bloBe Erwahnung
friiher ein gewaltiger Schimpf war, jetzt aber ein Ruhm nicht nur
fUr die Ausfiihrenden, sondern auch fiir die Leidenden ist, von denen
man gewohnlich sagt, daB sie an der weiblichen Krankheit leiden,
die Seele und Korper ergreift und jeden Funken von Mannlichkeit
erstickt. Denn offentlich tragen sie dsts Haupthaar geflochten und
geschmiickt, bemalen sich das uesicht mit BleiweiB, Schminke und ahn-
lichen Sachen und fetten sich mit wohlriechenden Salben ein. . . .
Und nicht erroten sie davor, durch FleiB und Kunst die mannliche
Natur zur weiblichen umzugestalten. Gegen diese muB man mit der
Todesstrafe vorgehen, wenn man dem Gesetze gehorchen will, das
da befiehlt, den Androgynen, der das Gesetz der Natur verletzt,
straflos zu toten, keinen Tag, ja keine Stunde leben zu la^sen, da er
eine Schande seiner selbst, seines Hauses, seines Vaterlandes, ja des
ganzen Menschengeschlechtes ist. Der Jiinglingsliebhaber muB aber
dieselbe Strafe erleiden, weil er nach einem widernatiirlichen Vergniigen
hascht und die Stadte, soviel an ihm liegt, verlassen und leer von Be-
wohnern macht, indem er die Kindererzeugung vernichtet." Zu be-
merken ist hierbei besonders, daB dieser jiidische Schriftgelebrte, den
man wohl mosaischer denn Moses bezeichnen kann, nicht mehr den
exklusiven Jahvismus als Grund seiner Polemik ins Feld fiihrt — damit
hatte der Apologet des Judentums in dem aufgeklarten Alexandria
und zu Rom werfig Gliick gehabt, sondern daB er seine Ausfiihrungen
mit dem Hinweis auf die Bevolkerungsminderung drapiert.
Die biblische Auff assung, daB diese Stinden heidnisch
seien, fand ihre voile Bestatigung, als man erfuhr, welche groBe
Rolle die TtaideQaarla hei den Griechen und Romern spielte. Es
verbreitete sich unter den Christen die Ansicht, dafl diesie
groBen Volker dadurch entart^t und zu Grunde gegangen seien,
trotzdem die alten Geschichtsschreiber doch keinen Zweifel lieBen,
daB ihre Verbreitung keine geringere war, bevor und als Hellas
und Rom in hochster Bltite standen. Als der christliche Kaiser
Valentinian das Gesetz^^) erlieB, nach dem die Homosexu-
ellen den ,,flammis vindieibus** zu tiberliefern seien, begrlindete
er ihren Feuertod nicht sowohl mit der Sorge ftir die Sittlich-
keit der Untertanen, als mit der ftir das Staatswohl, weil das
Laster „die Volkskraft ^chwache".
Begntigte sich das alte Testament bei seinen Verboten mit
der bloBen Feststellung, dafl die Mannerliebe ein Greuel sei, so
fligte das neue Testament einen Grund hinzu, der seine Durch-
schlagskraft bis zum heutigen Tage erhalten hat, den der tlber-
sattigung und Naturwidrigkeit. An der bekannten Stelle im
**) Philonis Judaei opera. Francof. 1691.
") L. 6 Cod. Theod. ad leg. Jul. TX., 7.
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81Q
Romerbrief (I., 27) ist von Mannern die Rede, die den nattir-
lichen Gebrauch des Weibes verlassen haben, dcpivreg irp* (pvaixrjv
XQ^loiv Ttjg 'OrjAelag, relicto naturali usu feminae.
Diese Vorstellung, die der alttestamentarischen Vorschrift: „seid
frucbtbaj und mehret euch" Rechnung trug, hat sich in den Gesetzes-
vorschrif ten von Konstantin, der von dem Verbrechen spricht i*),
bei dem „ Venus mutatur in alteram formam", bis in unsere Zeit er-
halten ; hat man doch erst in dem Vorentvvurf der Strafrechtskom-
mission vom Jahre 1912 den Ausdruck „widematiirliche Unzucht" durcb
die Bezeichnung „beischlafsahnliche Handlungen zwischen Personen
mannlichen Geschlechts" ersetzt. Schon friih bemerkten ailerdings die
Gesetzgeber, dafi die schweren Todesstrafen mit der im Grundc iiatur-
wissenschaftlichen Betonung der Widernatiirlichkeit doch nicht aus-
reichend motiviert seien; sie suchten daher nach weiteren Erklarungen,
um das Gebot einleuchtender und gottgewollter zu gestalteii. Schon
Justinian, der zwei Jahrhunderte nach Konstantin lebte, hob
in der Novelle 77 hervor, daC diese Menschen vernichtet werden miiCten,
Weil sie sich in der Gewalt des Teufels befanden, vjio ifjg dia^ohxrjg eveg-
yelag ovvexojuevoi, und besonders in der Novelle 141 vom 15. Marz 569 be-
tonte er, dab diese Handlungen ebenso wie Gotteslasterungen den Zorn
des Allerhochsten — ^Qyr] tov xQEirxovog ^*) — entflammten, was or da-
durcli kundgebe, dafi er schreckliche Flag en iiber Gerechte und Un-
gerechte ausgiefie ; als solche nannte er in Sonderheit d r e i Erdbeben,
Hungersnot und Pestilenz. Man erinnert sich bei diesem Motiv an
die biblische Geschichte, nach der Sodom iind Gomorrha wegen homo-
sexueller Umtriebe vernichtet sein soUen, und an die Plagen, welche
als Ursachen der agyptischen Judenverfolgung genannt wurden.
Karl der Grofie fiigte in seinem Kapitulare noch eine v i e r t e
Plage hinzu, die auf die Siinde der Mannerliebe zuriickzufiihren' sei :
die Sarazenennot : „Dominus talium criminum ultrices poenas per
Saracenos venire permisit." Als vollends dann 829 auf dem Pariser
Konzil die Bischofe erklarten: „Die auBeren Gefahren des Reiches,
ebenso auch die Hungersnot und die Pestilenz, durch welche das
Volk gepeitscht wird, riihren her von den Siinden einzelner, in
erster Reihe von der Mannerliebe" (Acta concilii Paris, sexti,
lib. 3. Kap. 2.), beeilte sich Ludwig der Fromme, in-
dem er diese Worte wiederholte, die unnachsichtliche Verbren-
n u n g aller Urningc zu fordern, deren man habhaf t werden konne.
In den Motiven zu den 1120 auf dem Reichstage zu Neapolis-
Sichem beschlossenen Gesetzen des Konigreiches Jerusalem findet sich
noch eine fiinfte Plage auf das Schuldkonto der Urninge gesetzt,
die Landplage erschrecklich dicker und gefrassiger Feldmause.
(,,edacibu9 muribus." Wilhelmus Tyrius, belli sacri lib. 12 cap. 13.,
gestorben etwa 1185). Und noch eine sechste — die inundationcs
— erwahnt der beriihmte sachsische Jurist Carpzovius.
In seinem grundlegenden Buche vom Jahre 1652 stellt
dieser protestantische Gelehrte die sechs Landplagen zusammen,
1*) Diefie Vorschrift aus dem Jahre 326 n. Chr. lautet: 1. 3 Cod.
Thedd. ad legem Jul. IX., 7 = 1. 31 C. ad legem Jul. IX., 9.: „Cum
vir nubit in feminam viris porrecturam, quid cupiat, ubi sexus per-
didit locum, ubi scelus est id, quod non proficit scire, ubi Venus
mutatur in alteram formani, ubi amor quaeritur nee videtur? lubemus
insurgere leges, armari iura gladio ultore ut exquisitis poenis subdatntur
infames, qui sunt, vel qui futuri sunt rei."
1^) Of. Agath. historiar. V.. 3. 4. 6. 10.
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welchc die Urninge auf deni fiewisseii liaben : Erdbeben,
Hungersnot, Pestilenz, Sarazenen, dicke Feld-
m a u s e und Cberschwemmungen, (Carpzovii prac-
tica nova rerum crim. 1652 ; Hi q. 76, § 6). Bis in die erste
Halfte des XIII. Jahrhunderts finden wir in den juristischen
Lehrbtichern diese konkreten Ursadhen der Urningsverf ol-
gung angafiihrt, die von da ab allmahlich wieder durch die ur-
sprtinglicheren, mehr allgemeinen Motive ersetzt werden. Man
bedient sich dabei nicht sowohl der geflihlsmaBigen Begrtindung
der Bibel: „es ist ein Greuel*', sondern beruft sich auf das an-
gebliche Volksempfinden, "das ,,in diesen Handlungen nicht
bloB ein Laster, sondern ein Verbrechen sieht**. Neben dem
Volksempfinden finden sich in dem jetzigen Vorentwurf zu einem
Eeichsstrafgesetzbuche nach dem Vorgange Wachenfelds
noch zwei weitere Motive angefiihrt, die denen Valentiniains
gleichen: „das Interesse der Allgemeinheit und das unmittel-
bare Staatsinteresse**.
Einen eigenartigen Grund der Bekampfung der Homosexualitat
iu alter Zeit f iihrt Pausanias in Platons Gastmahl an, wo er
von der homosexuellen Liebe sagt: „In Jonien und in anderen griechi-
scben Staaten Kleinasiens, die unter Barbarenherrschaft stehen, gilt
diese Gewohnheit als schandlich. Die Liebesverbaltnisse tcilen den
iiblen Ruf der Philosophie und Grammatik, weil sie der Tyrannei
feindselig gegeniiberstehen; denn die Interessen der Herr-
scher erfordern, dafi die Untertanen geistig arm bleiben, und daJ3 es
zwischen ihnen keine atarken Bande der Freundschaft oder Genossen-
schatt gibt, welche gerade diese Liebe vor alien anderen Be.weggriindeu
zu kniipfen vermag, wie unsere atheniensischen Tyrannen wohl er-
fahren haben." Das ist ein Motiv, das allerdings fiir die Straferlasse
der ersten christlichen Herrscber wohl kaum maBgebeud gewesen sein
diirfte. Wenig glaubbaft erscheint auch eine von Aureliiis Vic-
tor iiberlieferte Version. Er erzahlt (De Caesaribus — in Philippo),
daU Kaiser Philippus der erste, der die Urningsliebe mit hohen
Strafen belegt habe, gewesen sei. Er hatte einen Sohn gehabt, „der
im Schmuck der Jugend prangte". In Rom hatte damals ein junger
Menscli gelebt, der mit seinem Korper ein Gewerbe trieb; dieser sah
dem princeps juventutis tauschend ahnlich. Des Kaisers Zorn dariiber
ware der erste AnstoB gewesen, daB in Rom die zuvor straffreie Ur-
ningsliebe mit immer gesteigerten Strafen (zuletzt mit dem Feuertode)
belegt worden sei. Aurelius Victor schlieBt diesen Bericht
mit dem Satze: „Verum tamen manet". Trotzdem blieb sie bestehen.
DaB unsere heutigen Gesetze und Auffassungen iiber die
Homosexualitat in denen des Juden- und Christentums
ihre historische Grundlage besitzen, kann nicht dem ^eringsten
Zweifel unterliegen.
Diese Anschauung ist neuerdings von W a c h e n f e 1 d ^6) he-
kiimpft worden, der behauptet, daU auch Athen und Sparta wie die
^6)Wachenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, A. a. O.
H i r s c h f e 1 d , Home texualitSt. 52
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818
Romer die homosexuelle Betiitiguiig bestraften, Und daB voUends- bei den
Germanen die „Mannerliebe*' zu den verpontesten Straftaten gezahlt
wurde. Er beruft sich auf Tacitus^'), der berichtet, daiJ idle
„corpore infames", worunter unbestritten namentlich Veriiber wider-
natiirlicher Un^zuclit zu verstehen seieni^)^ lebendig begraben wur-
den*\ Diese Behauptungen sind, so apodiktisch sie Wachenfeld
aucL auBert, mehr als zweifelhaft. Denn da der Wortlaut aller dieser
Gesetie verloren gegangen ist, sind wir nur auf Vermutungen an-
gewiesen, die sich auf Einzelfalle stiitzen, und diese sprechen schr
dafiir, daB der gleichgeschlechtliche Verkehr in vorchnstlicher Zeit
iiberall nur unter ganz bestimmten Qualifikationen bestraft wurde,
ctwa wenn er, wie angeblich von T i m a r c h i^), gegen Entgelt voll-
zogen wurde, oder an Soldaten unter MiBbrauch der Dienstgewalt
Oder an Minderjahrigen.
Sehr mit Eecht hat Mittermaier^^) einmal hervorge-
hoben, daB es sehr „verkehrt** sei, von einer Bestrafung homo-
sexueller Handlungen zu reden, wenn nur ganz bestimmte Be-
ta tigungsformen geahndet warden, „denn esf kommt eben nur
darauf an, ob sie ohne Qualifikation strafbar ist.** Im Gegen-
teil kann man aus der Tatsache, dafi in der Antike die
homosexuelle Betatigung nur unter besonderen Bedin-
g u n g e n bestraft wurde, den SchluiJ ziehen, daB sie im librigen
durehaus nicht verurteilt, sondern gerade durch diese geaietz-
lichen Einschrankungen als gewissermaBen anerkannte Erschei-
nungsf orm des Jjiebeslebens geregelt wurde.
Wa.s die taciteische Stelle von den „corpore infames** betrifft,
so erwahntc schon M. E. Wilda in seinem „Strafrecht der Germanen"
(1842 S. 153), daB er „in alien Rechtsquellen fast nicht eine Stelle
fefunden habe, die auf Paderastie hindeute", wahrend doch uber
Ihebruch, Schandung, Inzest usw. die ausfiihrlichsten imd unter-
schiedlichsten Straf bestimmungen gegeben seien. Wilda berichtet
dann einiges iiber das Vorkommen mannmannlicher Geschlechts-
beziehungen bei den alten Germanen und fahrt dann fort: „"Weitere
Spuren finden sich aber in den germanischen Rechtsquellen nicht,
und insbosondere nichts von Bestrafung als Vergehen." Damit stimmt
eine Bemerkung iiberein, die sich in dem Aufsatz eines norwegischen
Gelohrten-i) findet: „Auch bei den Nordgermanen sind Strafbestim-
mungen gcgen die Ausiibung mannmannlicher Liebe erst durch das
Christentum eingefiihrt worden." Derselben Meinung sind von Sach-
17) Tacitus, Germania, Kap. 12. Vgl. auch Tacitus, An-
nalen I. 73.
18) Baumstark, Urdeutsche Staatsaltertiimer 1873. Seite 449.
1^) Cf. A e s c h i n e s' Rede gegen Timarchos.
20) Vergleichende Darstellung des Deutschen und AuslandiscboD
Strafrechtes. Besonderer Teil Bd. IV. Bearbeitet von den Professoren
Dr. ]\f i 1 t e r m a i o r , Dr. Liepmann, Dr. v. Lilienthal, Dr.
Kohlrausch. Berlin 1906. p. 149
~i) Spuren von Kontriirsexualitat bei den alten Skandinavierru
Mitteilungen eines ncrwogischen Gelehrten. Im Jahrbuch fiir sex.
Zw. Bd. IV. 1902. p. 244 ff.
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kennern u. a. M i c h a e 1 i s 22), P r ;S. t o r i u 8 *') und Martens 2*).
Auch daB noch der bayrische „Ruodlieb" im 10. Jahrhuadert das
taciteische Ersticken iin Sumpf — ia der Kloake — fiir den E h e -
b r u c h kennt, spricht eher dafiir, daB as sich bei den acht in
Niederdeutschland aufgefundenen Moorleichen^s), von denen nnr fiinf
als mannlichen Geschlechts erkannt wurden, eher urn ehebrecherische
als um homosexuelle Personen handelt.
Fiir die altera romischa Zeit gentigt es, auf M m m s e n s^^)
Romisches Strafrecht tzu verweisen, in dam es haiUt: ,yBei
den aus dam 5. Jah'rhundart berichtatan wenigjgesicharte^n
Fallen varsuchter oder atisgafuhrtar Padarastie konmit zu dieser
salbst tails Vergawa-ltigung, tails das Soldatenverhaltnis
hinzu/'
Auch der von Wachenfeld zum Beweise seiner Behauptungen
iierangezogene Prozefl gegen Valerius Maximus aus dem Janre 326
V. Chr. wegen „Schandung eines Freigelassenen" laBt Bich nicht in
deni Sinne verwerten, daB jeder gleicngeschlechtliche Verkehr straf-
rechtlich geahndet wurde. Denn wie aus der betreffenden Stelle^^)
hervorgeht, erbot sich der Verhaftete, den Grenotziichtigten als ge-
werbsmaBigen Lustknaben zu erweisen^s). Bleibt noch die dem Wort-
laute nach nicht mehr erhaltene Lex Scantinia zu erwahnen. DaB diese
aber ebenso wie die bei einigen hellenischen Stammen bestehenden
Strafvorschrif ten lediglich einen beschrankenden Charakter trug,
vor allem gegen die mannliche Pjrostitution gerichtet war, und
keineswegs die homosexuelle Betatigung unter Erwachsenen schlecht-
bin verbot, habe ich in dem vorigen Kapitel iiber die Horn osexuali tat
im klassischen Altertum eingehend klargelegt.
1st es nach allem eina vollkomman willktirlicha Bahauptung,
daB die homosaxualla Betatigung an und ftir sich auch ohne
qualifizierende Nebenumstande l)areits im Altertum strafbar
war, so muB doch zugestanden werden, daB bei vielen Volkern
Asiens und Europas die gegen die Homosexuellen herrschenden
Vorurteile und Antipathien stark genug waren, um den ErlaB
strenger Strafbestimmungen zu ermoglichen.
Vor allem ist hier Persien vor dem Islam zu nannen. Mit heiligem Eifer
wendet sich der Zendavesta gegen die sinnliche Betatigung gleich-
geschlechtlicher Liebe. jjWer Paderastie treibt oder sich zu ihr miB-
25^) Mi chael i s , § 175! Homosexualitat in Sitte und Recht-
Berlin 1907.
23) Pratorius, Bibliographie, I. Teil, Homosexualitat und Straf-
geseiz von Dr. F. Wachenfeld. Inhaltsangabe und Kritik des
Buches. In Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IV p. 670 ff. Leipzig 1902. Pra-
torius veroffentlichte auch die e r s t e ausfiihrliche geschicht-
1 i c h e Darstellung der strafrechtlichen Bestimmungen gegen mann-
liche Homosexualitat im J. f. sex. Zw. Bd. I. Leipzig 1899, p. 97 ff.
2*) Cf. Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft 1908. p. 197 ff.
25) Cf. Bericht 42 des schleswig-holsteinischen Museums fiir vater-
liindische Altertiimer. Kiel 1900.
26) M o m m s e n , Romisches Strafrecht, Leipzig 1899. S. 703,
Anm. 3.
27) Val. Max. 6, 1, 10; Mommsen S. 703, Anm. 3.
'*'^) Pratorius, 1. c, p. 681.
52*
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820
brauchen laBt, so heiBt es Vendidad VIII, 3 i ^9), der ist ein Teufel, ein
V'orohrer der Teufel, ein GefaU der Teufel, der ist ein Buhldirne der
TeufeJ, der gleicht einem Teufel und ist selber ein Teufel, der ist vor
dern Tode schon ein Teufel und nach dem Tode ein unsichtbarer Unliold."
Die Strafe aber, Krankheit und Siechtum des Korpers, folgte nach der
Anschauung des Avesta (Vendidad XVIII, 54), diesem Laster auf dem
FuBe nach: „Wenn ein buhlerischer Mann nach seinem fiiufzehnten
Lebensjahr umherlauft, nackt und dem Nichtstun frohnend, nachdem er
sich zum viertenmal hat miBbrauchen lassen, dorren wir ihm die Zunge
aus und das Fell." — Man ging in dieser strengen Beurteilung gleich-
geschlechtlicher Liebe so weit, daB man liberhaupt die Moglichkeit
einer BuBe leugnete und jeden, der sich in dieser Weise betatigte
als der ewigen Verdammnis unrettbar verf alien betrachtete. Als an die
Stelle der wahrend der Jugendzeit der zoroastrischen Gemeinde hervor-
gekehrten Harte und Strenge mehr duldende Milde und Nachsicht trat.
sail man sich veranlaBt, das friiher unerbittliche Verdammungsurteil
etwas abzuschwachen und dem Siinder wenigstens einen Weg aur Ret-
tung seiner Seele offen zu lassen. Durch die Religion und die Hin-
gebung an sie kann auch der tiefstgefallene Mensch wieder mit der
Gottheit versohnt werden. So Vendidad III, 40—42 und VIII, 28—30.
Gerade das fortwahrende Eifern des Avesta beweist uns aber, daB
solcho sittlichen Exzesse haufig genug vorkamen. So klagt schon der
Vendidad (I, 12), daB in Vehrkana, dem griech. Hyrkanien (Wolfsland),
vom Siidufer des Kaspi-Sees bis zum Oxus, die unsiihnbare Siinde des
unziichtigen Umganges zwischen Mannern bestehe^o), und H e r o d o t
erwahnt (I, 135), daB gleichwie die Perser von den Medern die weite
vveichliche Tracht annahmen, sie von den Griechen die Jiinglingsliebe
lernten. Es ist diese letztere Ansicht zwar ein starker Irrtum des
iialikarnassiers, und er muB sich bier mit Recht die Riige des spatern
P 1 u t a r h 31) gefallen lassen, der ausfiihrt : „Wie konnen die Perser
den Griechen hierfiir Lehrgeld schuldig sein, da nach iibereinstim-
mender Annahme bei ihnen die Sitte, die Knaben zu verschneiden, be-
st^nden hat, noch ehe sie das jonische Meer gesehen?" Plutarch
spielt hier deutlich auf die Verwendung der Eunuchen nicht nur zu
Harem swach tern, sondern auch zu homosexuellen Praktiken an. In
Xenophons Roman der Kyropadie wird (II, 2, 28) der Perser S a m -
b a u 1 e s wegen seiner Vorliebe fiir einen etwas ungeschlachten
Jiingling mit deutlicher Anspielung auf die hellenische Sitte arg
gestichelt, und in den Erwagungen des Kyros iiber die Auswahl
seiner Getreuen (VII, 5, 59) fehlen auch die nicht, welche, „v o n
der Natur gezwungen, Jiinglinge am meisten lieben"^^).
Den Grund fiir die rigorose Stellung des Zendavesta gegeniiber
gleichgeschlechtlicher Liebe, wie gegen jede andre Art illegitimer
scxueller Betatigung, konnen wir in Ubereinstimmung mit G e i g e r ss)
darin sehen, daB die Religion des Avesta keine Volks-, sondern eine
Priesterreligion war. „Der Religion der Avesta- Volker fehlte, so sagt
dieser hervorragende Kenner eranischer Kultur, wie man auf den
erfiten Blick wahrnimmt, voUkommen die poetische Frische und Un-
mittelbarkeit, welche einer Naturreligion eigen zu sein pflegt. Sie
ist daher auch gewiB nicht spontan aus dem Volk heraus entstanden,
sondern stellt das Produkt priesterlicher Spekulation dar. Hier sind
29) W i 1 h. G e i g e r , Ostiran. Kultur i. Altertum 1882. S. 214,
ibid. S. 341 ff.
80) Geiger i. c. S. 125.
3^) P 1 u t a r c h , de malignitate Herodoti c. 22.
32) Diese Stelle ist von dem Reclam-Hbersetzer C. W o y t e (S. 336)
in ihrer eigentlichen Bedeutung arg verwischt. Xenophon schreibt
ausdriicklich jiatdtxd.
33) L. c. S. 328.
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die Gottheiten lauter farb- und leblose Wesen, an denen wir durch-
aus das frische Kolorit vermissen, welches die Gestalten des vedischen
und homerischen Pantheons in so glanzender Weise auszeichnet. Der
natursymbolische Gehalt der Religion tritt vollstandig zuriick." Ebenso
sind auch die Moralvorschriften des Avesta von einseitigem, rein doktri-
narem Pries terstandpunkt aus auj^estellt. Zu bemerken ist allerdings,
daU, wie einerseits der Mazdapriester eine Absolution von der Siinde
des Fleisches lediglich der Religion und der Hingebung an sie, d. h.
seiner Vermittlung vorbehalt, er andrerseits auch die Strafe a u s -
schliefilich der Gottheit zuweist, ohne irgendwie den Arm
weitlicher Gerechtigkeit in Anspruch zu nehmen.
Dies geschah erst um die Mitte des 4. Jahrhunderts, als
das Christentum ;iin romischen Reiche Staatsreligion ge-
worden war. Als damals die Todesstrafe auf gleichgeschle<5ht-
lichen Verkehr gesetzt wurde, verhielt sich die heterosexuelle
Majoritat, soweit sie nicht den Homosexuellen direkt feind-
selig gesinnt war, gleichgliltig gegeniiber einer Strafver-
fligung, die flir sie selbst bedeutungslos war, wahrend die
scheuen Homosexuellen sich stdllschweigend duckten und sich
nicht wehrten, wenn sie auch in ihrem Innern sich auBerstande
flihlten, das Gesetz zu befolgen. Allerdings richten sich (diese
Gesetze nur gegen ganz bestimmte Akte, die flir die meisiten
Homosexuellen keine condjitio sine qua non waren. Die Jiau-
figeren Formen sexueller Entspannung blieben straffrei, so da6
hier ein Ausweg gegeben war, ganz abgesehen von der groBen
Schwierigkeit des Nachweises eines von zwei in gleicher Weise
strafbaren Personen aneinander im geheimen vorgenommenen
Delikts. Die starke Abncigung riehtete sich im wesentlichen
gegen idie immissio in anum, von der man nach alter t)ber-
lieferung, die sich ja bis zum heutigen Tage erhalten hat,
annahm, daB eie die gewohnliche Art homosexueller Betati-
gung isei.
Andere Forraen wechselseitiger Befriedigung wurden mehr als der
Onanie nahestehende leichtere Grade der Unkeuschheit angesehen.
DaB in Wirklichkeit der seelische T r i e b und der durch ihn herbei-
gefiihrte Orgasmus den Ausschlag gaben (demgegeniiber die Technik
nur eine sekundare Bedeutung hatte), wuCte man nicht. Manche Richter
suchten, als »ie dies schlieClieh doch gevvahr wurden, den Tat-
bestand zu erweitorn, wobci ihnen die unbestimmte Ausdruckiiform der
Gesetze zu Hilfe kam, die der Auslegung und der Rechtsiibung wei-
testen Spielraum liefi. Carpzow^*) forderte sogar, dafi die „Selbst-
schandung*' ebenfalls als coitus contra naturam zu erachten und zu
bestraf en sei, und noch in neuerer Zeit sprach sich H e f f t e r s'^) dahin
aus, daD auch „Unzucht zwischen Personen verschiedenen Geschlechts,
Masturbation und Unzucht unter Benutzung lebloser Gegenstande"
unter den Begriff der widernatiirlichen Unzucht falle und kriminell
wie gleichgeschlechtlicher Verkehr zu bewerten sei.
8*) Carpzow, a. a. O. Qu. 76, Nr. 10, 15 ff.
95) Heffter, Lehrbuch des .Strafrechts. 6. Aufl. § 440.
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Ganz konsequent ist in dieser Hinsicht in Europa nur
RuBland geblieben, dessen Strafgesetzgebung sich iiberhaupt erst
mehr als 1000 Jahre spater als andere christliche Lander mit
der widernaturlichen Unzucht befaUte (1447), unter der es bis
heute ausscElieBlich imtnissio in anum^^) begriffen hat. Nur
auf diese setzte es etetig sich mildernde Strafen, die mit dem
Feuertod begannen, spater Sibirien, dann Zwangsarbeit iind
Zuehtliaus forderten, um sich neuerdings auf Gefangnis zu be-
schranken. Am weitesten dagegen ist Osterreich in der Aus-
dehnung gegangen, das allmahlich dahin gelangte, jede von Mann
mit Mann oder Weib mit Weib vorgenommene Geschlechtsbetati-
gung mit schtveren Kerkerstrafen zu bedrohen^^). Fast eben-
so umfassend sind die englischen Gesetze, welche nur den
Verkehr derFrauen untereinander aus dem Spiele lassen, dafiir
aber „den MiBbrauch der Frau durch den Mann** — womit die
pedicatio mulieris gemeint ist — mit einbeziehen. Eine M i 1 1 e 1 -
stellung zwischen seinem russischen Nachbar einerseits, Oster-
reich und England andererseits, nimmt Deutschland ein, das
unter „widernaturlicher Unzucht" nur die beischlafahnlichen
Handlungen, und unter diesen nur den coitus in anum, in 03
und inter femora begreift; es laflt damit zirka 40o/o der
Homosexuellen, die 3ich nur maiiuell, sei es durch wechselseitige
oder eins3itige von ihnen oder an ihnen ausgelibte Onanie be-
ta tigen, straff rei. Auch der homosexuelle Frauenverkehr steht
gegenwartig nicht .unter Strafe. Es ist wiederholt geauUert,
daB die Ursache dieser scheinbaren Inkonsequenz in der Unkennt-
nis der Gesetzgeber zu erblicken sei, die von ihrem Vorkom'men
nichts wuBten. Das dlirfte kaum zutreffen. Findet sich doch
die lesbische Liebe nicht nur in der Literatur der Alten, sondern
auch in der so oft herangezogenen Stelle des Romerbriefes
(Kap. I. Vers 26, 27, 32) erwahnt, die mit den vorwurfsVoUeu
Worten des Apostels Paulus beginnt: ,,Denn ihre Weiber
haben verwandelt den natiirlichen Gebrauch in den unnatiir-
lichen." Dementsprechend heiBt es auch noch in der peinlichen
Gerichtsordnung Karls V. im art. 116: ,,So ein Mensch mit
einem Vieh, Mann mit Mann, Weib mit Weib Unkeuseh
treibet, die haben das Leben verwirkt, und man soil sie der
36) Cf. Mi ttermaier, J. c, p. 148.
37) Nach der Revision vom 27. Mai 1852 werden aach § 129 als
Verbrechen auch nachstehende Arten der „ Unzucht" bestraft: I. Un-
zucht wider die Natur, d. i. a) mit Tieren ; b) mit Personen desselbeu
Geschlechts ; § 130: „Die Strafe ist schwerer Kerker von einem bis
zu fiinf Jahren . . . ." Bei Anwendung von gefahrlicher Bedrohung,
Gewalt, Betaubung erhoht sich die Strafe auf 5 — 10 Jahre.
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gemeinen Gewohnheit nach mit dem Feuer vom Leben zu dem
Todo richten."
Im Original:
6tTaff bet mUu]i^t ]o toiber bie natui 6e[(^i(^t.
(^Xem |o ei)n menfc^ mtt epnem x>\f)t, mamt mit mantt,
(\3iDeib mit wtlb, onfeuf^ treiben, bie ^aben au4 has
(eben oermfirdt, onb man foU fie ber gemeinen geii>o^n^et)t
no^ mit bem feii>ec oom leben jum tobt tic^ten.
Selbst das bis zur volligen Beseitigung jeder Urningsver-
folgung (1813) in Bayern geltende Gesetz bestimmte (Teil I
Kap. 6, § 10) : „Fleischliche) Vermischung mit dem Vieh, toten
Korpern oder Leuten einerlei Geschlechts, als Mann mit Mann,
Weib mit Weib, werden nach vorgangiger Enthauptung
durch dai Feuer gestraft ....*'
Dafi die Frauen in den Gesetzgebungen der meisteii Lander
allmahlich ausgelassen warden, oder die Behorden von den Gesotzen,
wo sie wie in Osterreich und der Schweiz (auBer in Glarus, Basel,
Solothurn, Neuenburg) bestanden, keinen Gebrauch machten, beruht
weniger auf einer Galanterie gegeniiber dera weiblichen Geschleclite,
als auf Gefiihismomenten, die sich iiber das irrelevante und liarmlose
solcher Handlungen weniger tauschten.
Dal5 bei der Fortlassung der Frauen gelegentlich audi der Zufall
seine Hand mit im Spiele hatte, zeigt das Beispiel Preufions. Ilier
stand bis zum Jahre 1817 wie in den iibrigen deutschen Staaten audi
„die widernatiirlidie Unzucht zwisdien Frauenspersonen" unter Strafe.
Wachenfeld39) sdiildert, wie diese Bcsditankung in das Gesetz ge-
kommen, ohne daC sie beabsiclitigt war. Es geschah namlich durch die
t)bertragung der urspriinglidien Fassuug ,,widernatUrliche Woilust"
in Sodomie und der „iiu luteresse der Fra^estellung an die Ge-
schworenen gefordert'ju Riickiibersetzung in deutsche Ausdriicke*', wo-
bei man versehentlich nur an die Unzucht ,.zwischen Persoiien
mannlichcn Gesclilechts dachte- DaB man mit der iiikorrekten Cber-
tragung eine sachliche Anderuug vornahm, ist man sicli nicht bewuCt
gewesen.
Nicht ohne Interesse sind die in den verschiedenen Straf-
paragraphen mit den Homosexuellen. zusammengenannten Misse-
tater: in erster Linie finden wir die Homosexuellen bis zum
heutigen Tage mit Personen vereinigt, die mit Tieren Unzucht
treiben, dann mit solchen, die tote Korper benutzen, wobei zu
bemerken ist, daU in den meisten Landern gegenwartig die
Leichenschandung nicht mehr als Straftat aufgeflihrt wird;
nicht selten wurde in mittelalterlichen Gesetzbtichern aber auch
die Unzucht zwischen Christen und Juden neben der gleichge-
schiechtlichen angeflihrt, so in dem vom Schwabenspiegel ab-
hangigen deutschen ,,Land- und Stadtrechtsbuch von 1328",
desseii § 132 den Feuertod flir alle, die sich mit Men'i^chen
gleichen Geschlechts oder Juden vermischten, festsctzto.
Haufig wurde auch der coitus per anum mulieris (nicht der un-
gleidi haufigere per os mulieris) als widornatiirliche I'uziiolit or-
3») Wachenfeld, 1. c, p. 38.
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achtet, eine SchluBfolgerung, die zeigt, daB man vielfach bei dem
Begriff contra naturam weniger an das verkehrte Geschlecht, als an
die verkehrte Offnung dachte. Die groBe Mehrzahl der Gesetzgebungcn
wollte allerdings von dieser heterosexuellen Erweiternng des Tatoe-
standes nichts wissen, so dafi Wachenfeld die Seltsamkeit hervor-
hebt, dai5 ein „Ehemann keine Strafe erleidet, wenn er eine fremde
Frau zu widernatiirlicher Unzucht verfiihrt, dagegen aber bestraft
wild, wenn er mit ihr auch nur natiirliche Befriedigung versucht
hat". Tatsachlich werden uns aus dem Mittelalter eine gauze Reihe
von Fallen^o) berichtet, in denen Manner enthauptet wurden, weil sie
an ihren eigenen Gattinnen naturwidrige Akte ausgefuhrt batten.
(Contra naturam camaliter cognoverant.)
Ein ebenso "buntes Bild wie der erforderte Tatbestand zeigen
auch die auf die homosexuellen Akte festgelegten Strafen.
Lange Zeit erstreckte sich diese Verschiedenheit allerdings nur
auf die Form der verhangten Todesstrafe. Die iiblichste war der
Feuertod, wobei, damit von der unnennbaren Slinde auch nicht
die geringste Spur librig bleibe, vielfach die Prozeilakten
mitverbrannt wurden; als mildere Strafe gait es, den Korper
des Verurteilten, bevor er der „rachenden Flamme** libergeben
wurde, mit dem Schwert zu enthaupten.
In England zog man nach dem Fleta-book, einem im 12. — 13. Jahr-
hundcrt von einem im Fleet-Gefangnis zu London eingekerkerten
Richter geschriebenen Gesetzbuch vor, die „Sodomiten bei lebendigem
Leibe in die Erde zu vergraben", auch war der Galgen l)eliebt ebenso
wie in Holland, wo aber aufierdem das Erdrosseln und Ertranken als
Vernichtungsmittel der Sodomiter im Gebrauch war — so wurden
1730 wegen gleichgeschlechtlicher Vergehen 38 Mann erdrosselt, 15 ge-
hangt, ]e zwei ertriinkt und enthauptet. Nebeu der Todesstrafe war
weit verbreitet die Kastration, nach dem alten Rechtsgrundsatze,
worn it du gesdndigt hast, sollst du auch gestraft werden, wobei aller-
dings in diesem Falle wohl die bis heute noch nicht erloschene Arinahme
mitwirkte, daB ohne ihre Geschlechtstcile die Homosexuellen ganz
niitzliche Mitglieder der menschlichen G^sellschaft sein wiirden. So
erfahren wir denn durch Properz, Zonaras und Cedrenus,
daii schon Justinian oft anstatt mit dem Tode, mit Abschneiden
der Geschlechtstcile gestraft haben soil. Auch die lex Visigothorum
setzte auf die Betatigung gleichgeschlechtlicher Liebe als „verab-
scheuungswiirdiges und auf ewig fluchwiirdiges Verbrechen" die Strafe
der Kastration und AusstoBung aus der kirchlichen Gemeinschaft
(III. 5, 7, 14). Dieses westgotische Gesetz beeinfluBte hauptsiichlich
Spanien und Frankreich ; infolgedessen finden sich in dem Fuero Juzgo
fiir Cordoba von Ferdinand III. von Kastilien aus dem
Jahre 1299 ausschlieBlich Kastration und einige Jahre spater in dem
Fuero Real von Alphons X. aus dem Jahre 1255, gleichsam als Cber-
gang zur ausschlieDlichen Todesstrafe, Entmannung mit Hangen
als StrafmaB angegeben, wahrend in Frankreich die Somme rurale de
Jean Bouteiller aus dem Jahre 1479 bestimmt, daB derjenige,
*o) Man vergleiche hierzu C a r p z o w : pract. nov. rer. crim. 1652
II. 9. 76. § 18: „quando vir cum femina Venerem praeposteram
exercet" ; ferner C e 1 1 a : Uber Verbrechen und Strafe in Unzuchtsfallen
1787. Procop. Histor. arc. cap. 20.; ferner Chauveau, th6orie
du code p6nal. tome VI. 1840, S. 173. Ober die Haufigkeit der Weiber-
padikation berichtet u. a. Parent-Duch^ telet: „De la prO'
stitution dans la ville de Paris. I. S. 225."
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welcher dieses Verbrechens zum e r a t e n Male iiberfiihrt ist, die?
Testik?!, das zweitemal die natiirlichen Telle einbiiBen und das dritte-
mal lebendig verbrannt werden soil.
Aucb der Reichstag von Bergen bestimmte in der zweiten Half to
des XII. Jahrhunderts, daB, „wenn cin Mann Leibeslnst treibt mit
irgend einem anderen lebendigen Wesen als einem Weibe", er kastriert
werden solle*^).
AuBer der Kastration wurden vielfach nacb andere Leibe^
strafen gcgen Homosexuelle angeordnet, die gleich 2^\i toten mart
Bedenken trug, so das Ohrenabschneiden, Augeiia^usstecheii^
Fastenstrafen (besonders in Klostern), Anschmiedung tliid var
allem die Priigelstrafe in alien Art^n vom SpieBrutenlaufen bis^
zur Anwendung des Staupbesens, der Staupung, sowie die
Brandmarkung.
So findet sich im VII. Jahrbuch' f. sex. Zw. ein altcs Schimpfbild
wiedergegebcn, welches in sehr anschaulicher Weise die angebliche
Brandmarkung C a 1 v i n s wegeii angeblicher Piiderastie darstellt^^).
Bolsec*5)^ eine „Kreatur des Bischofs von Lyon", schrieb namlich.
13 Jahre nach C a 1 v i n s Tode einc Biographic (1577 zu Paris ge-'
drnckt). deren V. Abschnitt betitelt ist: „Wie Calvin Z^u Noyort
mit einem heiBen Eison auf der Schulter gebrandmarkt wurde'*.- , Dariit-
heiBt es : „daB Calvin, der eine Pfnrrpfriinde und eine Kapelfe inne-
hatte, ob der Siinde der Sodomie iiberrascht oder iiberwiesen Wifrdo,.
weswegen er Gefalir gelaufen liatto, durch Feuer zu strrben, was cJier'
gewohnliche Form der Strafe fiir eine solche Siinde ist ;
daB aber der Bischof dieser Stadt aus Mitleid die erwahnte Strafe
milderto zur Brandmarkung mit einer gluhendcn Lilie auf der Schul-
ter.** (,,. . . p^che de sodomie, pour lequel il fust a danger de mort
par feu, comment est la commune formo de tcl p6ch6;
mais que Tevesque de la ditte ville, par compassion, feifc moderor la
ditte peine en une marque de fleur de lys cha.ude sur I'espaule.'*)
Bereits das Konzil von Toledo vom Jahre 003 hatte auf das ,, Vet'
brechen verabscheuungswiirdiger Begicrden*' 100 Stockhiebe undschimpf-
liche Scherung des Haupthaares gesetzt, nebst AusstoBung aus jeder
christlichen Gemeinschaft, allerdings nur fiir Laien, wahrend fiirGeist^
liche Amtsentsetzung und lebenslangliche Verbannung geniigend schien.
Oft in Verbindung mit Korperstrafen — so in Schwaben^''') mit
Ohrenabschneiden fiir den, der der Natar abscheuliche Schandtaten Ver--
sucht — , haufiger aber noch selbstandig wurde das Prangerstehent
gegen Homosexuelle angewandt, namentlich gegon solche, die gleich^
geschlechtlichen Verkehr nur versucht, aber nicht vollfiihrt hatten.
*2) Cf. Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. IV. 1902 p. 244: Spuren von
Kontrarsexualitat bei den alten Skandinaviern. Mitteilungen eines nor-
wegischen Gelehrten.
**) P. 288 : Die vermeintliche Padcrastie des Reformators Jean
Calvin. Von H. J. Schouten-Utrecht, ehem. Pfarrer in den
Niederlanden.
*5) „Histoire de la vie, moeurs, actes, doctrine et mort de Jean
Calvin, jadis grand ministre de Geneve. Dodie au reverondissime
archevesque, comte de TEglise de Lyon et primat de France." (Paris,
1577.)
,,Chap. V. Comme Calvin est flestry et marque d*un fer chaud sur
Tespaule k Noyon."
*<^) Nach dem Wiirttembergischen Landrecht von 1586 (S. 271
§ 27).
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Jn Frankreich wurde ihnen eine Tafel umgehangt, auf der die Worte
standen: „Verderber der Jugend"*^).
Was es mit dam Prangerstehen auf sich hatte, zeigt eine von
D ii h r e n *®) wiedergegebene Schildening ans dem Jahre 1810, in der
dieses Martyrium eingehend beschrieben wird. Es waren damals sieben
Mitglieder eines in Vere Street entdeckten Paderastenklubs zur Schau-
stellung am Pranger auf dem Haymarket verurteilt. In dem Bericht
heifit 88 : „Der Abscheu, den alle Gesellschaftsschichten iiber die ver-
abscheuenswerten Handlungen dieser Elenden empfanden, veranlaBte
viele Tausende a Is Zuscliauer boi ihnM- Bestrafun^ gegenwiirtig zu
sein. . . . Um halb ein Uhr kamen die Sheriffs und Cityvorsteher mit
mehr als hundert berittenen und mit Pistolen bewaffneten Konstablern
und mit hundert Polizisten zu FuB an. Diese Mannschaft wurde nach
dem Old Bailey Yard beordert, wo ein Wagen, der gelegentlich fiir den
Transport Gefangener von den Londoner Gefangnissen zu den Galeeren
beniitzt wurde, fiir die Aufnahme der Verbrecher bereit stand. . . . Der
erste den Verbrechern dargebrachte GruB war eine Salve von Sohmutz
und eine Serenade von Zischen, Zurufen und Verwiinschungen, wodurch
sic genotigt wurden, sich mit dem Angesicht auf den Boden des IWagens
zu werfen. Der Pobel, insbesondere die Wciber, hattcn groBe Mengen
von StraBenkot aufgehauft, um den Gogenstanden ihrer Indignation
einen warmen Empfang zu bereiten. . . . Der Schmutzregen hielt wiih-
rend der Fahrt zum Haymarket an. Bevor sie noch den lialben Weg
zum Orte ihrer Ausstellung zuriickgelegt batten, waren sie schon
nicht mehr als menschliche Wesen erkennbar. Wenn der Weg noch
langer gewesen ware, wiirde der Wagen vollkommen iiber ihnen mit
Unrat angefiillt worden sein. Der Gastwirt, der etwas abseits von
den iibrigen saB, ein groBer starker Bursche, konnte sich nicht so
leicht wie die anderen kleineren Manner verbergen. Daher, und auch
weil er sehr bekannt war, wurde er mit doppelter Wut bombardiert.
Tote Katzen und Hunde, Abfalle, Kartoffeln, Riiben usw. regneten von
alien Seiten auf ihn nieder, wobei anscheinend mannliche Haltimg ihm
besondere Verwiinschungen eintrug, und nur das Weiterfahren des Kar-
rens seine sofortige Ermordung verhinderte. Um ein Uhr wurden vier
von ihnen an einem neuen Pranger ausgestellt, welcher eigens fiir
diesen Zweck angefertigt wurdo. Die beiden iibrigen, Cook und Amos,
genossen die Ehre, allein am Pranger zu stehen. Bevor sie den Platz
des Prangers erreichten, waren ihre Gesichter durch Schlage und
Kot vollig entstellt und beim Besteigen (des Prangers) sahen sie wie
ein Dreckhaufen aus. Etwa fiinfzig Weiber erhielten die Erlaubnis,
sicli im Kreise herumzustellen und bewarfen sie unaufhorlich toiit
Schmutz, toten Katzen, faulen Eiern, Kartoffeln und mit Blut, Abfall
und Diinger enthaltenden Eimern, die von einigen Schlachtern vom
St. James Markt herbeigebracht worden waren." So geht die Schil-
derung noch eine ganze Weile weiter.
DaB die Urninge alien Beschimpfungen gegentiber ,,vogel-
frei*' waren, kann um so weniger wundernehmen, als sie in
frtiheren Gesetzen vielfaeh ausdriicklich fiir friedlos erklart
wurden, so findet sich im Sachsenspiegel eine Glosse, die lautet :
,,Dagegen sind andere, welche sich schwerer verwirken als Obcr-
hurer, die unnatlirliche Unkeuschheit treiben, das sind die Sodo-
*•) Cf. Michael is, a. a. O. p. 8fi.
*8) Diihren, Englische Sittengcschichtc, Berlin 1912 (Bd. II,
p. 31 ff.).
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miter und Gomorrer, Morder und Rauber an alien Enden
f r i e d 1 o s", und im kirchenrechtlichen Abschnitte des nor-
wegischen Gulathingsgesetzes Kap. 32 vom Jahre 1164 heiOt
es: „Wenn zwei Kerle Leibeslust zusammenmischen und dessen
iiberfiihrt werden, dann sind sie beide friedlose Manner.**
Hier wie anderswo bestanden ausdruckliche Strafbestimmungen
gegen Personen, die jemanden, der es nicht war, Sodomite ge-
fcchimpft hatten. Es hatte sich namlich, und zwar gilt dies audi
heutc noch flir alle Lander und Sprachen, die Sitte eingebtirgert,
mit Vorl-ebe Schimpfworte zu gebrauchen, die auf gleichge-
schlechtlichen und anderen Verkehr anspielten. In einem inter-
nationaLn Schimpfworterlexikon wtirden diese Ausdriicke einen
groCcn Raum beanspruchen. Bei manchen dieser Schimpfworte
hat to sich durch die< Haufigkeit ihrer Anwendung der urspriing-
liche Sinn voUkommen verfliichtigt, wie bei dem durch Goethes
Gotz von Berlichingen zu einer gewissen Bertihmtheit gelangten
Aufforderung zur anilinctio (leek' usw.), mit der bis in unsere
Zeit ein Mann aus demi Volke gern einem anderen seine Ver-
achtung bekundet.
Ill manchen Landern bestrafte man die Urninge auch mit „Ab-
cchaffung*\ — in RuBland mit Verschickung nach Sibirien, verbunden
mit Zwangsarbeit, in Frankreich mit Verbannung auf die Galeeren.
Anderswo, wie in Osterreich und England, war iibermaBig harte oder
(iffentliche Arbeit ein Zubehor der iiber Homosexuelle verhangten
Kerkerstrafe. Was die hard labour fiir geistig hochstehende verfei-
nerLe Manner, wie es unter den verurteilten Homosexuellen so viele
gab, bed'iitete, hat Oscar Wilde in seiner erschiitternden Ballade
vom Zuchthaus zu Reading, diesem unverganglichen Dokument von
unsere V Zeiten Schande, der Nachwelt iiberliefert.
Am seltensten sind gegen Homosexuelle Geldstrafen in Anwendung
gebrachl worden, immernin berichtet Ulrichs, daU 1862 in Hamburg
70 von einem urnischen Kellner an die Polizei verratene Urninge
zu der dort iiblichen Geldstrafe von 400 Mark Banco, im Unvermogens-
falle zu vierwochiger Gefangnisstrafe verurteilt wurden.
Auch jetzt noch schwanken die Freiheitsstrafen ftir homo-
sexuelle Akte zwischen einem Tag Gefangnis in Deutsichland
und lebenslanglichem Zuchthaus in England. Und nichts zeigt
vielleicht mehr die Unsicherheit der Gesetz^eber in der homo-
sexuellen Frage, dafl dieselbe Tat, welche jenseits des Kanals
mit Verlust der Freiheit auf Lebensdauer geahndet werden
soil , diesseits des Kanals ganzlich straf los ist, daB sich um
cine Handlung, die auf der einen Seite der Alpen mit schwerem
Kerker bedroht ist, auf der anderen Seite kein Gesetzbuch
bekiimmert.
Es gibt auch wohl keine Gesetzesvorschrift spgeiiannter
Kulturvolker, die so vielen Abanderungen unterworfen gewesen
ist wie diese.
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Wenn wir gegenvvartig leseii, wie in jedein Vorentwurf zu einem
neueu deutschen Reichsstrafgesetzbuch die friihere Fassung korrigiert
wird, so miissen wir nicht glauben, daB das etwas Neues, etwa durcb
die moderne wissenschaftlichc Forschung bedingte Erscheinung ist:
viclmehr sehen wir, daC es friilier nicht anders war, daI3 man niemals
recht wuBte, was man eigentlich tun sollte ; beispielsweise erfahren
wir, daB unter den zehn preuBischen Entwiirfen, welche dem § 143
vom Jahre 1851 vorausgingen, fast jeder den voraufgegaagenen Vor-
schlag aufhob und umgestaltete ; die Entwiirfe von 1827 und 1830
enthaiten im § 360, 3 von Feuerbach und dem bayrischen Gesetz
beeinfluBt Strafandrohungen gegen Homosexuelle nur im Falls der
Erregung offentlichen Argernisses. Der Entwurf von 1833 tritt dieser
milden Auffassimg entgegen, und die Motive der Entwiirfe von 18-15
und 1847 fiihren iibereinstimmend aus, daB dieses Verbrechen eine
solche Herabwiirdigung des Menschen zeige, daB das Strafgesetz darauf
Riicksicht nehmen miisse, und die Bestrafung nicht vom Eintritt eines
offentlichen Argernisses abhangig machen diirfc. Die rheinischen
Standc hatten hierzu einen Antrag eingebracht, welcher -viinschte,
daB die Tat ignoriert und dem eigenen Gewissen des Taters iiberlassen
wcrde — links vom Bhein gait namlich damals noch der Code Napoleon
und damit bis zur EinfiilSrung des preuBischen Strafgesetzbuches im
Jalire 1851 die Straffreiheit homosexueller Betatigung. — Dagegen
f orderten die westfalischen und sachsischen Stande Ver-
scliarfung, namentlich erstere wollten Zuchthaus als einzige Strafe.
Wahrend dor Entwurf von 1830 bei Verkehr mit einer Person unter
18 Jahren als Mindeststrafe zwei Jahre Zuchthaus vorschlug, und eben-
so die Entwiirfe von 1843 und 1845, drohte der Entwurf von 1851 nur
(iefangnisstrafe von sechs Monaten auf warts an, wobei es dann auch
die zwanzig folgenden Jahre verblieb. Das Geschlecht des Taters wurde
in den preuBischen Entwiirfen bis 1847 ebensowcnig wie in den
iibrigen deutschen Entwiirfen und Gesetzen nicht genannt. Erst voa
da ab wird ,,die widernatiirliche Unzucht zwischen Frauenspersoncn"
nicht mehr unter Strafe gestellt. So schwankt der Paragraph hin
und her, so daB man fast sagen kann, daB es nicht nur dem Zufall
preisgegeben war, wer unter 100 000 ahnlich Handelnden dem Gesetz
zum Opfer fiel, sondern daB auch das Gesetz selbst ein Zufalls-
produkt, abhangig von der jeweiligen Zusammensetzung und Stimmung
der beratschlagenden Kommission, ist.
Wir vvollen nun im folgenden zunachst einen kurzen histo-
r i s c h e n iind dann einen vergleichenden tjberblick der gegen-
w a r t i g zu Recht bestehenden Gesetze geben : Die ersten staat-
lichen Strafbestimmungcn gegen gleichgeschlechtliehe Akte wur-
den von Kaiser Konstantin. und seinen Nachfolgern im 4. Jahr-
hundert nach Christi Geburt erlassen.
Wahrend vorher in den Beschliissen der Synoden nur kirchliche
Disziplinarstrafen angedroht waren, — so bestimmte die Synode von
Elvira vom Jahre 306 im Kanon 71, daB Paderasten auf dem Sterbe-
lager nicht zur Kommunion zugelassen werden sollten, und die Sy-
node von Ancyra (314) setzte spezialisierte Kirchenbufien fiir diese
Siinder fest — erlieB im Jahre 326 Konstantin der GroBe
eine Konstitution gegen die gleichgeschlechtliehe Liebe, in der es
heiBt, daB da, wo das Geschlecht seine natiirliche Statte verliert —
ubi sexus perdidit locum — , ubi scelus est id quod non proficit scire,
wo das Verbrechen vorliegt, dessen Kenntnis sich nicht einmal gezieme,
dort, ubi Venus mutatur in alteram formam, die Gesetze sich mit dem
Racheschwert, gladio ultore, bewaffnen soUen, ut exquisitis poenis
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subdantur infames *^). Nach anderen Quellen *^) wurde diese Verord-
nung nicht von Konstantin, sondern erst von seinen Sohnen
Konstantinus und Konstans getroffen.
Weder der strafbare Tatbestand noch auch die Strafe sind
in dem authentischen Gesetz Konstantins genau aiigegeben, es
vvird aber angenommen, daC als ,, coitus contra naturam" nur
die pedicatio bestraft wurde, und zwar die pedicatio mulierum
ebenso wie die pedicatio masculorum. Die Unbestimmtheit der
angedrohten poena exquisita veranlaBte Valentinian (364--375),
die Strafe durch den Feuertod — flammis vindicibus —
anzuordnen. ,,Wir konnen nicht dulden", fiigte Kaiser
Valentinian hinzu, ,,d^fi Rom, die Mutter aller Tugenden,
noch langer durch die effeminati befleckt werde" (non
patimur urbem Romam virtutum omnium matrem diutius
effeminati in viro pudoris contaminatione foedari et caetera.)^^)-
Justinian nahm in seiner Kodifikation des romischen Rechtes
die Constantinische Verordnung auf, ,,milderte'* aber die von
Valentinian festgesetzte Verbrennung in die Todesstrafe durch
das Schwert.
In den Jaliren 538 und" 539 richtete Kaiser Justinian speziell
Proklarnationcn an die Homosexuellea Konstantinopels mit der dringeu-
den Bitte, doch von ihrom Triebe abzulassen ; ihr Tun sei zwar vei-
abscheuuiigswiirdig, doch wolle er fiir diejenigen, welche sich der
Kirchenstrafo soit^ns des Patriarchen unterzogen, Gnade fiir Pieclit
ergehen lassen und nur die unbuBfertigen und wiederhoit riickfalligcn
Siinder mit den scharfercn Strafen treffen, damit nicht Gottes Zoru
zu aller Verderbcn gereizt werde."
Numa Priitorius bcmerkt zu diesen Erlassen, daB Justinian
danach nicht so sehr die einzelne Handlung, als die zur Gevvohnheit
gewordene eino^efieischte Siinde im Auge hatte ; er scheint die Ahnung
gehabt zu haoon, daB es sicli meist um einen tiefeingowurzelten,
schwer zu unterdriickcnden Trieb handelte.
DaB vom 4. Jahrhundert ab die Todesstrafe in fast alien
christlichen Landern fiir gleichgeschlechtliche Betatigung einge-
fiihrt und durch anderthalbtausend Jahre auch in vielen Fallen
vollzogen wurde, daB selbst heute noch auf ihrer Ausiibung schwere
Freiheitsstrafen stehen, ist zweifellos auf die eben angefiihrten
Kriminalgesetze zuriickzuluhren, welche unter hierarchischem
EinfluB zuerst von den christlichen Kaisern des romischen
•Reiches erlassen wurden. Es scheint aber, als ob man zunachst,
als das romische Recht in die deutschen Volksreehte einzudrin^^en
^u) :i Cod. Theod. ad \vg. Jul. IX, 7.
fti) Cf. Michael is, a. a. O. p. 46 und Cod. Thoodos. IX, 7, 3,
u. Cod. Justin, 9, 30.
52) Die genauen Texte dieser und der folgenden Gesetze finden
sich u. a. in der Arbeit von Numa Pratorius im Jahrbuch f. sex. Zw.
Band I. : Die strafrechtlichen Bestimmungen gegen den gleicli-
geschlechtlichen Verkehr historisch und kritisch dargestellt. p. 97 — 160.
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begann, sich nicht so recht entschliefien konnte, auch die gegen
die Paderastie gerichteten Strafandrohungen in die neuen Ge-
setzesbucher aufzunehmen ; wenigstens lassen sich weder im ost-
gotischen Recht, nicht einmal in dem speziellen Sittendekret Konig
Athalarichs (536/44), noch in Cassiodors (Variar. lib.
IX, 18), noch im langobardischen Recht, noch in der lex
Romana Burgundiorum vom Jahre 506 Spuren davon nach-
weisen. Auch in der Gesetzessammlung Konig Eurichs
(466/84) findet sich noch keine Strafbestimmung gegen gleich-
gjeschlechtliche Akte. Erst die als Breviarium Konig A 1 a -
rich 8 II. (505) bekannte, unter Beihilfe des Klerus entstandene
lex Romana Visigothorum griff die Jurisdiktion Kaiser
Valentinians auf und bestimmte gegen mannlichen Ge-
schlechtsverkehr den offentlichen Feuertod. In praxi wurde anf
Grund dieses Gesetzes allerdings vielfach nur auf Kastra-tion
nebst AusstoBung aus der christlichen Gemeinschaft erkannt.
Diese westgotische Lex Romana wurde nach Brunners Deut-
scher Rechtsgeschichte (I. 358) bis weit in das XII. Jahrhundert
hinein als brauchbarstes romisches Rechtsbudh (nebst Alarichs
Breviarium) von der christlichen Kirche und den romischen Be-
am ten liberall in Anweudung gezogen, wo auf das romische
Recht Bezug genomtnen wurde. Letz teres aber war in Frank -
reich, Deutschland, England, Spanien und den kleineren Staaten
Europas fast ausnahmslos der Fall.
Ahnlich wie Kaiser Justinian erliefi auch Kaiser Karl der
G r o 13 e zwei Proklamationen, in denen er sich eingehend mit gleich-
geschlechtlichen Handlungen befaCte ; es sind dies die Admonitio
eeneralis vom 23. Marz 789 (ed. Boretius I. 57) und das strenger ge-
naltene Capitulare generale vom Jahre 802 (ed. Boretius I. 94), in
dem er vor allem das hiiufige Vorkommen dieses Lasters im Monch-
stanide beklagte, „von dem doch eigentlich fiir alle Christen die
groCte Hoffnung auf das Heil komraen, und der darum an Keuschheit
und Heiligkeit vollkommener als alle sein sollte. Der Kaiser
wdnscht. daU niemals wieder solche Klagen an sein Ohr kommen,
andernfalls er sowohl von den Tatern, wie von denen, die es zuge-
lassen hatten, eine derartige BiiBe heischen wiirde, dafi kein Christen-
mensch, der davon hore, solches fernerhin zu tun sich herausnehmen
wiirde." Wir konnen die Synodalbeschliisse iibergehen, die sich in
den folgenden Jahren und Jahrhunderten vielfach mit den „Schand-
taten** der Homosexuellen beschaftigten — namentlich vvaren die
Synoden von Paris (anno 829), Rheims (1049) und London (1102) zu
erwahnen — , indem wir auf ^as corpus decretorum verweisen, in
dem der Bologneser Gratian um die Mitte des XII. Jahrhunderts
das kirchliche Recht kodifizierte. Hier finden wir (cans. 32, quaest. 7,
Kap. 11 — 15) unter Berufung auf die Kirchenvater Angus tin us,
Hieronymus und O r i g c n e s sowohl die widernatiirliche Unzucht
zwischen Mann und Weib, wie die zwischen Miinnern als die schwerste
aller Fleischessiinden verurteilt. Im Jahre 1232 sah sich Papst G r e -
g o r IX. veranlaBt, die Pxedigermonche aufzufordern, dem Laster
namentlich in Osterreich entgegenzutreten und die Siinder gleich
Ketzern zu behandeln (Rippol. Bullar. praedic. I, 39). DaB der fast
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um die gleiche Zeit (1230) erlassene Sachsenspiegel E y k e von
R e p k o w s ebenso wie das Meifiener Rechtsbuch keinerlei Bestim-
mungen gegen sodomitische Vergelien enthalten, und .eine spatere
Glosse des Sachsenspiegels (nach C. E. Jarckes „Handbuch des ge-
meiueii deutschen Strafrechtes [1830 Bd. III. S. 173 ff.]) gegen die,
„so unnaturliche Unkeuscliheit treiben, die Sodomiter und Goinorrer"
iiur die Strafe der Friedlosigkeit festsetzte, mag als Beweis dafiir an-
gesehen werden, dafi viele volkische Rechte sich nach wie vorstraubten,
sich den Standpunkt der lex Romana zu eigen zu machen, wenn schon
man nicht iibersehen darf, daD von der Kirche die gleichgeschlechtliche
irnzucht vielfach dem Al!geineinbegriff der Ketzerei subsumiert wiirde,
gegen die sie kurzerhand den Feuertod forderte.
Hatten die Homos^xuellen im stillen gehofft, daB mit der
Reformationszeit und nach nun schon tausendjahrig^r Verfol-
gung auch flir sie bessere Zeiten anbrechen wtirden, so fanden
sie sich in dieser Erwartung bitter enttauscht. Es soUten noch
drei weitere Jahrhunderte vergehen, bis durch die groBere
Tolerierung menschlicher Freiheit im allgemeinen auch fiir sie
mildere Anschauungen und Strafen Platz griffen. Vorderhand,
und das gilt flir das 16., 17. und 18. Jahrhundert, zeigten die
verschiedenen Gesetzbiicher christlicher Staaten kaum eine Spur
von Besserung.
So bestimmte die Carolina, Kaiser K a r 1 s des F li n f t e n „Pein-
liche Halsgerichtsordnung" von 1532, die erste von Reichs we^en er-
gangene Kodifikation, im Artikel 116 fast in wortlicher Ubereinstim-
raung mit „Bambcrgische Halsgerichtsordnung von 1507" (der mater
Carolinae) Johann von Schwarzen bergs (Art. 141): „. . . so
Man mit Man, Weib mit Weib, Unkeusch treiben, die haben das Leben
verwuerkt.** In gleicher Form ist der Text in niederdeutscher Uber-
setzung in die soror Carolinae, die Brandenburgisich-Frankische Hals-
gerichtsordnung von 1516, und deren revidierte Ausgabe von 1582
(Art. 143) iibergogangen. Mit verschwindenden Ausnahmen verharrten
auf dem Standpimkte dieser karolinischea Bestimmungen alle parti-
kularen Landesgesetzgebungen nachkarolinischer Zeit.
Sowohl die Hennebergische Landesordnung von 1539 (VIII, 5, 6)
als die Neureformierte Landesordnung von Tirol von 1573 (VIII, 19),
wie das churpfalzische Landrecht von 1611 (V, 32) und das Land-
recht fiir das Herzogtum PreuBen von 1620 (VI, 6, 5), ebenso wie das
verbesserte preuBische Landrecht Kon'g Friedrich Wilhelms I.
von 1721 (P. Ill B. VI. Tit. VII, Art. 7) verhangen gegen alle fiir
ziichtigc Ohren nicht erziihlbare Unkeuschheit „so wider die natur
und in sonst was weise es immer geschehen kann", begangen wird,
unnachlaBlich den Feuertod. In Niederogterreich trat 1656 an Stelle
der Carolina die neue peinliche Landgerichtsordnung Kaiser Ferdi-
nands III. (die Ferdinandea), die sich in Tl. II Art. 73 in ausfiihr-
licher Weise mit dem Verbrechen der widernatiirlichen Unzucht beider
Geschlechter beschaftigt und dort folgendes „End-Urtl" festsetzt: „Ein
Knabenschander aber ocler da sonst ein Mensch mit dem andern sodo-
mitische Siind getrieben hatte, soil aiifangs enthauptet, folgends dessen
Korper sambt dem Kopf verbrennt, niemalen aber in den Urtlen das-
jenige, so Ergernuss geben mochte, offentlich abgelesen werden." Von
den meisten Rechtsgelehrten wird angcnommen, daB der Tatbestand,
welcher die Todesstrafe voraussetzte, immissio membri et emissio semi-
nis voraussetzte, doch scheint beides oft genug schon als erwiesen an-
geseheu worden zu sein, wenn man ein mannliches Liebespaar im ge-
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moinsameu Bette iibcrraschte, da man die Pedikatio fiir die ge-
;\ohnliche Betatigungsart dor .,Sodomiter" ansah. Im iibrigen enthalt
die Ferdinandea wie audi spater die Theresiana einen Zusatzpara-
graphen, der Milderungsgriinde vorsah. Er lautete: „Fallt bei dem
CJmbstanden des Taters Jugend, Unverstand oder dieses mit ein, daU
er sich der Siind zwar angemaBt, selbige abor nicht vollendet Ijatte, soil
man alios fleissig erwagen, und nach Gcstalt der Sachen die Lindigkeit
der Schiirfe vorziehen, jedoch sich vorher, wie in dergleichen zu ver-
fahren ist, bei den Rechtsverstandigen Rats erholen." Auch die 1711
fiir Bohmen, Mahren und Sclilesien erlassene „Neue peinliche Hals-
gerichtsordnung** (Art. 19, § 19) bestimmt, dafi die „sodomitische
8iinde eine unzulassige und wider die Natur strebende Wollust sei,
welche geschieht, wenn Mann mit Mann, oder Weib mit Weib, oder
audi Weib mit Mann wider die Natur etwas Fleischlidies veriibe;
derley zum Abscheu d/er Natur selbsten sich versiindigende Unmenschen
konnen nach Schwere der Missetat gleich lebendig verbrennet, oder vor-
erst gekopft und alsdann verbrennet werden, geschieht sie aber zwi-
schen Mensch und Vieh, so ist der Tater lebendig und das Vieh samt
ihm zu verbrennen." Und die Constitutio criminalis der Kaiserin
Maria Theresia, fiir die osterreichischen Erblande von 1769 (die There-
siana), setzt (Art. 74 § 1) noch dazu: „wozu auch drittens (neben
Paderastie und Bestialitat) die von jemanden a 1 1 e i n begangenen
widernatiirlichen Unkeuschheiten zu rechnen sind", macht indes (§ 8)
die ordentliche Strafe von der emissio seminis abhangig, anderenfalls
die Feuer- oder Schwertstrafe in pine angemessene Leibesstrafe um-
gewandelt werden konne.
Ahnliche furchtbare Strafen galten bis gegen das Ende des
18. Jahrhunderts in fast alien christlichen Landern Europas,
in den romanischen ebenso wie in den germanischen und
slavischen. Und wenn auch die Zahl der hingerichteten Homo-
sexuellen nur einen verhaltnismaBig sehr geringen Bruchteil
derer bildete, die in ihrem Leben insgeheim hundertfach das
gleichc Kapitalverbrechen verubten, so darf doch die Menge
derer, die ftir die Betatigung ihrer angetorenen homosexuellen
Leidenschaft mit Feuer und Schwert auf das grausamste ver-
nichtet wurden, auf viele Tausende veranschlagt werden. Man
mufl bedenken, daB die Chroniken nur einen verschwindend
kleinen Teil der Todesurteile fur eine Handlung liberlieferiien,
die vor ,,zuchtigen Ohren" zu nennen selbst eine Siinde war.
Wurden doch auf besondere Anordnung \delfach so^ar die
ProzeBakten verbrannt, damit keine Spur des Verbrechens tibrig
bleibe. Gleichwohl wissen wir von vielen, die in jenen dunklen
Zeiten als sodomitische Ketzer, in Wirklichkeit als Opfer
menschlicher Beschranktheit auf dem Scheiterhaufen ^tarben.
In Augsburg wurde im Marz 1409 ein Gerber der Sodomiterei
wegen lebendig verbrannt, desgleichen ein Priester namens W e r a •
lach, ein Geistlicher der Johanniskirchc, Ulrich Frey, Jakob
K i e s s und ein Dominikaner auf Veranlassung Bischof Eber hards.
Sie wurden in einem „holzernen Turm aufn Perlach Turm, mit ge-
schrenkt gebundenen Iliinden und FiiDen hirausgeheukt und mit Hunger,
den sie von Samstag an biss auf den folgouden Donnorstag und Freitag
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erlitten, getotet, nachmals von den Henkern unter dem Galgen begraben
worden"*^).
Um nur ganz wenige Beispiele herauszugreifen : wurden 1474
18 lombardische Soldner wegen dieses Verbrechens zu Basel offentlich
verbrannt^*). Hier wurde auf dem Kohlenberge allerdings, wie Fried-
r i c h Fiirst W r e d e *^) erzahlt, auch einmal ein Hahn lebendig ver-
brannt, weii er ein Ei gelegt hatte.
Zu StraUburg im ElsaB wurden nach Walters Chronik von
1647 — 71. also in einem knappen Vierteljahrhundert, nicht weniger als
12 Personen wegen derartiger Vergehen teils lebendig verbrannt, teils
gekopft. Langere Zeit zuvor war diese Stadt in eine weitlaufige Fehde
mit Ziirich geraten %vegen des letzten Sprosses aus dem Greschlecht der
Puller, Richards von Hohenburg. Der Prozefi und das Leben
dieses zweifellos homosexuellen Ritters ist im Jahre 1893 in den
Beitragen zur Landes- und Volkskunde von ElsaB-Lothringen
(XVI. Heft) von Dr. Heinrich Witte eingehend geschildert wor-
den. Seine Arbeit gewahrt einen ^ehr anschaulichen Einblick in die
barbarischen Anschauungen jener Zeit. Am 24. September 1482 wurde
der letzte Puller zusammen mit dem Burschen „ A n t o n M a t z 1 e r
von Lindau, einem Barbier seines Zeichens und geschicktem Lauten-
schlager" zur Richtstatte gefiihrt, „barfus's, in langem Rock gleich
einem Schacher", ohne daB er ein auBeres Zeichen von Reue gab. Im
Beisein von 10 000 Menschen, die den Ritter brennen sehen wollten,
erlitt er samt „seiner in siden silber ufgemutzten buhlschaft" auf dem
Fischmarkt in Ziirich den Feuertod.
In Niirnbeiig bestiegen im XVI. Jahrhundert nachweislich sieben
Sodomiten den Scheiterhaufen. Im Jahre 1731 schenkte Friedrich
W i 1 h e 1 m I. von PreuBen, der Soldatenkonig, der Stadt Potsdam
die Kosten, welche durch die Hinrichtung der Kindesmorderin Petsch
und des Sodomiten Lepsch der Stadt erwachsen waren. Jene war
„gesackt** worden, fiir diesen hatte man 16 Taler und 6 Groschen fiir
3 Haufen Holz, Stroh und Teer aufgewendet*'). Ausfiihrlich fiihrt
J o u s s e , Rat am Presidiat d'Orl^ans, eine ganze Reihe von Todes-
urteilen an, die in der Zeit von 1519 bis 1759 wegen gleichgeschlecht-
lichen Verkehrs ergingen und vollstreckt wurden. Noch wenige Jahre
vor der franzosischen Revolution wurde ein Kapuziner namens P a s -
c a 1 i II in Paris wegen Paderastie hingerichtet^^).
In London erlitten 1810 der Fahnrich John Newball Hep-
burn und Thomas White wegen eines gleichgeschlechtlichen
Aktes die Todesstrafe. In Italien wurde nach Joseph Kohler
(„Strafrecht der italienischen Statuten vom 12. — 16. Jahrhundert",
„Studien aus dem Strafrecht") die Todesstrafe durch Verbrennung in
Bologna 1250 fiir Sodomiter eingefiihrt, in Padua 1329, hier aber nur
fegen den aktiven Paderasten, in Rom 1363, in Florenz 1415, hier nur
ei Riickfall, in Parma 1494. In Reggio wurden 1500 die Schuldigen
zuerst gehangt und dann verbrannt, desgleichen in Soncino (1532)
**) Cf. Dr. H. W i 1 1 e , Der letzte Puller v. Hohenburg. Dargestellt
von Numa Pratorius in den Vierteljahrsberichten des W.-h.-K.
III. Jahi^. S. 207—230.
55) Fiirst Wrede, Das Liebesleben des Menschen. Zitiert nach
Monatsberichten des WHK. 1907 p. 143.
56) Vgl. „Zur Geschichte des biirgerlichen Lebens und der offent-
lichen Gesundheitspflege sowie insbesondere der Sanitatsanstalten in
SiiddeutschlanJd. Ein Beitrag zur Geschichte der Cultur und der
Medizin.** Von Dr. Lammert. Mr. F. D. H. K. Bezirksarzt in Stadt-
amhof. Regensburg 1880.
57) Mitteilungen des Vereins f. d. Geschichte Potsdams N. 253
N. F. II. Tl. Bd. VII, p. 130.
58) Ct. V a r 6 e , Curiosit^s judiciaires.
Hirschfeld, Homosexualitlt. 53
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und Ferrara (1534) und in Massa Carrara wurden sie (1692) ebenfalls
aufgehangt und dann mit „rachendem Feuer von der lebendigen Erde
vertilgt". Aus Bologna berichtet Benvenuto da Imola, dafi
um 1375 zahlreiche Homos^exuelle, die er „vermes nati de cineribus
Sodomorum** (Gewiirm aus Sodoms Asche) nennt, verbrannt wurden. Be-
sonders grausam ging die Inquisition in Spanien gegen die Urninge
vor. So erlitten im Jahre 1506 in Sevilla 10 homosexuelle Manner l^i
einem Auto da Fe die Strafe des Scheiterhaufens. Als indessen nach
der Verurteilung und Verbrennung einer groBen Anzahl Sodomiten die
Inquisition von Arragonien in die Gefangnisse des Offiziums auch
mehrerc Priester einsperren lieB, die desselben Verbrechens angeklagt
werden sollten, erhielt der Erzbischof von Saragossa ein papstliches
Breve, welches fiir die Genannten minder strenge Strafen forderte.
Das hinderte jedoch nicht, daB nach der Entlassung der wegen dieses
Verbrechens verhafteten Priester und Monche die Inquisitoren fort-
fuhren, wegen derselben Tat die L a i e n aller Stande zu verf olgen,
unter denen sich auch einmal der Vizekanzler von Arragonien ver-
dachtigt fand, der seine Freisprechung, wie es scheint, nur seinem
Namen und seinem EinfluB verdankte. Besonders zeichnete sich das
heilige Offizium zu Valencia gegen Ende der Amtstatigkeit des GroB-
inquisitors Fernando Valdez, Erzbischof von Sevilla (1547 — 1566,
gest. 1568), durch eine lebhafte Tatigkeit in der Aufsuchung von Per-
sonen aus, die der Paderastie yerdachtig waren, und auch von Wei-
bern, welche geschlechtlichen Verkehr miteinander unterhalten batten.
In der Zeit von kaum 20 Jahren zahlte man unter diesem GroB-
inquisitor iiber 19 000 „ketzerische" Opfer (taglich etwa drei), von
denen 2400 in Person, 1200 in effigie verbrannt und ca. 16 000 ein-
?ekerkert oder auf die Galeeren geschickt wurden. 1575 klagte die
nquisition auch den GroBmeister des Ordens von Montesa, Peter
Ludwig von Borgia, und den Prinzen von Farnese der Sodomi*
an. docli wurden beide freigesprochen.
In Belgien wurde am 28. September 1654 J6rdme Duques-
noy, den Georges Eekhoud in seinem Aufsatz im Jahrbuch IP^)
mit Recht „un des plusgrands sculpteurs du XVII e si^cle" nennt, in
der Vollkraft seines kiinstlerischen Schaffens, well er mit einem
Jiingling. der ihm Modell stand, in geschlechtlichen Beziehungen ge-
standen haben sollte, verbrannt, convaincu de sodomie, k etre a un
poteau, 6trangl6 et son corps x6duit en cendres sur le marche aux
Grains de la dite ville.
Es scheint, als ob zeitweise das Gesetz gegen Urninge beinahe
in Vergessenheit geraten war, um gelegentlich dann um so rigoroser —
fast mit dem Charakter einer psychischen Epidemic — in Kraft ux
treten. So wurde in Holland 1730 eine formliche Uranierverfolgung
veranstaltet. In diesem Jahre hatten die Provinzen Holland, West-
friesland und Groningen Bekanntmachungen erlassen gegen die-
ses „abscheuliche Verbrechen, diese schrecklichen Greuel, die
execrable Missetat, die himmelschreienlde Siinde, vor der die Katur
selber einen Abscheu hat, und |die unter redlichen Menschen nicht
weniger, denn unter Christenleuten wader bekannt sein, noch genannt
werden sollte." Den Denunzianten wurde bei etwaiger Teilnahme StrsLf-
losigkeit und auBerdem noch eine Pramie von 100 Silberdukaten ver-
sprochen. Von 250 wegen gleichgeschlechtlicher Vergehen in Unter-
suchungshaft genommenen Personen wurden allerdii^s „nur" 48 ge-
totet, wahrend 91 mit lebenslanglicher Verbannung, mehrere andere mit
Zuchthaus bestraft wurden. Aus dem gleichen Grunde wurden nooli
1764/65 in Amsterdam 7 Todesurteile (Erdrosselung) gefallt fiir eine
Handlung, die einige Jahrzehnte spater, durch die Einfiihrung des code
^9) Georges Eekhoud, „Un illustre uraniste du XVIIe allele"
J^r6me Duquesnoy. Sculpteur Flamand. p. 277 ff.
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p^nal (1811) als vollig straflos angesehea wurde. In Holland wurde
auch einmal einer der hochsten Staatsbeamten, der Statthalter von
HolJand iind Friesland Gozewijn de Wilde, ob der „stummeD
Siinde**, des ,,peccatiim sodomiticum", enthauptet^^a).
Die Anzeige gegen ihn hatte ein Kastellan erstattet, den er recht-
maBig des Mordes beschuldigt hatte ; das Ende dieses Prozesses schil-
dert der folgende Bericht: „Nachdem nun diese Sache einundeinhalbes
Jahr, 78 Wochen, geschwebt hatte, brachte man den Prasidenten aus
dem Hause Heusden nach dem SchloU Loevesteyn in Haft. Dort kamen
eines Tages die Inquisitoren und Richter zu ihm, lieBen ihm die Fesseln
abnehmen, zeigten ihm ein grofies brennendes Feuer auf der einen
und einen roten ausgebreiteten Teppich auf der anderen Seite und
sprachen zu ihm: ,Meister Gozewiyn, halte nicht langer mit der
Wahrheit zuriick ; du siehst den Tod vor Augen, denn wir wissen genau,
daB du schuldig bist und daB du sterben mufit. Weil du aber immer
ein ehrbarer Mensch gewesen bist, wollen wir dir , die Gnade er-
weisen, dich deine Todesart selbst wahlen zu lassen. Gestehst du
namlich, daB du schuldig bist, ^o soUst du enthauptet werden ; ge-
stehst du aber nicht, so wirst du verbrannt. Denn wir wissen und ken-
nen deine Schuld genau und zweifellos.* Als er dies horte, erschrak er,
fiirchtete sich sehr und sprach seufzend: ,Wehe mir unseligen Men-
schen, ich habe schwer gesiindigt*, und er gestand seine Schuld und
erzahlte alles, was er begangen hatte. Nachdem dies geschehen war,
und er seine Beichte gesprochen Jiatte, wurde er auf der Stelle ent-
hauptet.*' ' I
Die ersten Gesetzbucher christlicher Nationen, welche mit
der Todesstrafe gegen die Homosexuellen aufraumten, waren das
Josefs II. von Osterreich aus dem Jahre 1787 und das vom
Geiste Friedrichs II. erfullte allgemeine preuUische Landrecht
vom Jahre 1794.
§ 71 im Teil II der Josephina lautete : „Wer die Menschheit in
dem Grade abwiirdiget, um '^ich mit einem Vieh, oder mit seinem
e i g e n e n Geschlechte fleischlich zu vergehen, macht sich eines p o 1 i-
tischen Verbrechens schuldig." § 72: „Ist das Verbrechen so be-
gangen worden, daB dasselbe offentliches Argemis erregt hat, so ist
zur Strafe Ziichtigung mit Streichen und zeitliche offentliche Arbeit
bestimmt. Ist dasselbe nur weniger bekannt geworden, so ist der
Tater mit zeitlichem strengeren Gefangnisse zu belegen, das durch
Fasten und Ziichtigung mit Streichen zu verscharfen ist. Auch soil
der Tater von dem Orte, wo er offentlich Argernis gegeben hat, ab-
geschafft werden."
§ 1064 des Allgemeinen Landrechts fiir die preuBischen Staaten
bestimmte: „Sodomiterei und andere dergleichen unnatiirliche Siin-
den, welche wegen ihrer Abscheulichkeit hier nicht genannt werden
konnen, erfordern eine ganzliche Vernichtung des Andenkens. — Es
soil daher ein solcher Verbrecher, nachdem er ein- oder mehrjahrige
Zuchlhausstrafe mit Willkommen und Abschied (d. h. mit Priigel) aus-
gestanden hat, aus dem Ort seines Aufenthaltes, wo sein Laster be-
Kannt geworden ist, auf immer verbannt und das etwa gemiBbrauchte
Tier getotet, oder heimlich aus der Gegend entfernt werden. — Wer
jemand zu dergleichen unnatiirlichen Lastern verfiihrt und miBbraucht,
der ist doppelter Strafe schuldig. — Machen sich Eltern, Vormiinder,
Lehrer oder Erzieher dieses Verbrechens schuldig, so soil gegen die-
aelben 4 — 8 jahrige Zuchthausstrafe mit Willkommen und Abschied
stattfinden. — **
Ma) Cf. Vierteljahrsberichte des WHK. Bd. II. p. 64 f.
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Wahrend aber in beiden Gesetzbiichern noch schwere Frei-
heitsstrafen, — im preuJJischen als geringstes MaB ein Jahr
Zuchthaus — unter gewissen Umstanden auch Korperstrafen wie
Prtigel, Anschmiedung, Fasten vorgesehen waren, machte das
dritte, vom modernen Aufklarungsgeist erfiillte Greefetzbuch
Napoleons I. vom Jahre 1810 ganze Arbeit, indem es die
Paderastie als Verbrechen vollkommen ausschaltete.
Ob die Josephina die Verbrennung der „Sodomiter" lediglich
deshalb beseitigte, weil es die Todesstrafe iiberhaupt abschaffte —
wie Wachenfeld^o) behauptet — qder wie Pratorius annimmt, weil die
Auffassung iiber die Strafwiirdigkeit des Verbrechens eine ganz andere
geworden war, scheint xms von untergeordneter Bedeutung; bemerkens-
werter, daB es die widernatiirliche Unzucht unter die politischen
Verbrecher rechnet, „al80 offenbar nur wegen der dem Staat angeblich
drohenden Schadigung, sowie der durch Sekanntwerden der Tat ent-
stehenden offentlichen Aigerniserregung" straft, nicht wegen der Im-
moralitdt als solcher, die, wie namentlich der grofie bayerische Rechts-
gelehrte Anselm von Fenerbach auseinandersetzte, allein ohne
KechtsverletzuDg eine Strafe nicht rechtfertigen konne. Auf Feuer-
bachs £infl\ii3 ist es zuriickzufiihren, daB auch Bayern in seinem neuen
Strafgesetzbuch von 1813 von der Todesstrafe unmittelbar zu volliger
Straflosigkeit iiberging, ein Beispiel, dem spater eine Reihe anderer
deutscher Staaten folgte, wie Wiirttemberg (1839), Braunschweig imd
Hannover (1840) — die n\ir noch auf Antrag eines Geschadigten oder
bei der allerdings verschieden aufgefaBten offentlichen Argernis-
erregung straften — wahrend andere Lander sich unmittelbar an den
code Napol6on anlehnten. Es waren dies auBer Frankreich: Italien,
Spanien, Portiigal, Belgien, Holland, Monaco, Luxemburg und die
bcbweizer Kant one Grenf, Waadt, Wallis und Tessin. Alle diese Lander
bestrafen auch jetzt nur, wenn dieHandlung gewaltsam oder offentlich
vorgenommen wird (outrage public k Ja pudeur) oder an Kindem, wobei
das Schutzalter zwischen 12 Jahren in Italien, Spanien, Portugal und
13 in Frankreich, bis zum Miindigkeitsalter (21) in Holland, schwankt.
Die letzten Lander, welche, die Todesstrafe gegen die Homo-
sexuellen aufhoben, waren England, welches sie 1861 durch
lebenslangliche, und Schottland, welches sie ers?t im Jahre
1889 durch zeitliche Zuchthausstrafe ersetzte. Gegenwartig gibt
es nur noch ein Land, welches die Todesstrafe beibehalten hat,
und zwar ist dies der australische Staat Victoria, allerdings
nur, wenn die Paderastie an einem Knaben unter 14 Jahren
vollzogen wird.
England hat sich nicht damit begniigt, die lebenslangliche Zucht-
hausstrafe fiir Pedikation (dort br^gery genannt) beizubehalten —
auch die der Frau soil in gleicher Weise geahndet werden — , sondern
hat im Jahre 1885 ein weiteres Gesetz akzeptiert, nach dem alle
ubrigen gleichgeschlechtlichen Handlungen einschliefilich Onanie, ja
selbst der Versuch und die Beihilfe dazu mit Gefangnis und Zwang^s-
arbeit bis zu 2 Jahren bestraft werden, ein Paragraph, dem wenige
Jahre nach seinem Bestehen Oscar Wilde zum Opfer fiel.
Zeigt eine rechtsvergleichende €bersicht, daB auCer in England,
Xeu-Siid-Wales und Victoria nirgends zwei Gesetze fiir die immissio
«o) Wachenfeld a. a. O. p. 26.
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in anum einerseits und die iibrigen gleichgeschlechtlichen Handlungen
andererseits bestehen, so ist doch auch anderswo die Tendenz unver-
kennbar, mit der allmahlichen Milderung des Straf-
maBes den Umfang des Tatbestandes zu erweitern.
Besonders charakteristisch liegen in dieser Hinsicht die Verhaltnisse
in Deutschland. Wahrend im Allgemeinen preuCischen Landrecht von
1794 noch e i n Jahr Zuchthaus das niedrigste StrafmaB war, bestimmte
1851 das neue „Strafgesetzbuch fiir die preuBischen Staaten" in § 143,
daB gegen widernatiirliche Unzucht zwischen Personen mannlichen Ge-
schlechts oder von Menschen mit Tieren Gefangnisstrafe von 6 Monaten
bis zu 4 Jahren ev. mit zedtiger Untersagung der Ausiibung der
biirperlichen Ehrenrechte erkannt werden soUe, Zuchthausstrafe bis
zu 20 Jahren hingegen nur, wenn eine unziichtige Handlung als Not-
zucht, gegen willens- oder bewuBtlose Personen oder gegen Kinder unter
14 Jahren veriibt war. Dieser § 143 ging 1872 als § 175 in das
Deutsche Reichsstraigesetzbuch iiber, wobei aber das Strafminimum
von 6 Monaten auf einen Tag herabgesetzt wurde. Bedeutete dies
fiir PreuBen einen immerhin nicht zu unterschatzenden Fortschritt,
so war es ein um so groBerer Riickschritt fiir Bayern, das seit fast
60 Jahren gleichgeschlechtliche Akte Erwachsener einschlieBlich Pedi-
catio iiberhaupt nicht mehr als Straftaten kannte. Noch als 1865 die
bayerische Regierung einen entsprechenden Paragraphen wieder ein-
fiihren wollte mit der Motivierung, es handele sich um einen Schritt
zur R^chtseinheit Deutschlands, da die Bestimmung in den Nach-
barstaaten (vornehmlich PreuBen und Sachsen) gelte, verwarf die
bayrische Kammer den Antrag mit folgender Erklarung: „Keine Strafe
ohne Rechtsgrund. Es gabe keinen Rechtsgrund fiir die Bestrafung
einer geschlechtlichen Handlung, welche von zwei erwachsenen Indi-
viduen unter gegenseitiger Einwilligung ausgefiihrt werde. Erst wenn
offentliches Argernis vorliege, diirfe eingeschritten werden. Was die
Regierung geltend mache, enthalte nicht den Schatten eines Rechts-
grundes. Eine Ubereinstimmung mit den Nachbarstaaten konne e b e n -
sogut auf umgekehrtem Wege herbeigefiihrt werden,
namlich dadurch, daB von diesen eine Bestrafung abgeschafft wiirde,
fiir welche ein Rechtfertigung«grund nicht vorhanden aei."
Viel verhangnisvoller als die territoriale Ausdehnung |des
Paragraphen war aber die Erweiterung seines Tatbestiandes
durch das Reichsgericht, nach weleher mindestens fiinfmal so
viel Personen unter Strafe gestellt wurden, als vor 1872 straf-
bar waren.
Dieser Vorgang ist um so befremdlicher, als das Reichsgericht
in einer seiner Entscheidungen, in der es unter Aufhebung eines er-
fangenen Urteils gegenseitige Onanie unter Mannern fiir straffrei er-
lart, selbst wortlich sagt: ,,Aus den Motiven zum StrGB. ergibt sich
mit voUer Bestimmtheit, daB die widernatiirliche Unzucht in der
Beschrankung auf Scdomie und Paderastie, wie solche bereits
durch die preuBische Praxis beziiglich des dem § 175 des R.-Str.-G.-B.
entsprechenden § 143 des preuBischen Str.-G.-B. festgestellt worden
war, hat unter Strafe gestellt werden sollen." Nachweislich hatte
man mit dem § 143 den art. 116 der Carolina iibernehmen woUen,
von dem C a r p z o w ^i) ausdriicklich hervorgehoben hatte, daB er nur
„den coitus contra naturae ordinem", nicht andere Unziichtigkeiten,
qualis est fricatio vel manustupratio gemeint hatte, ebenso wie B o h -
m e r ^3) fiir die Strafbarkeit des weibweiblichen Verkehrs auf Grund
ci) C a r p z o w , Practica nova imperialis Saxoniae rerum Cri-
minalium. Pars III. Quaestio 76.
62) B o h m e r , Meditationes in Constitutionem Criminal^m.
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838
diesea art. 116 einen concubitus per anna artificilia fiir notwendig hielt
und bloBe fricatio zwisclien Weibern nicht fiir geniigend erachtete.
Deshalb hatte auch das preufiische Obertribunal^^) seinerzeit die Be-
straf ung anderer Akte mit f olgeader Begriindung abgelehnt : „Bekanntlich
wurde der § 116 von den Lehrern des gemeinen Rechts in der Kegel
nur aiif die sog. sodomia propria ratione sexus et generis, nicht
aber auf die sodomia impropria als manustupratio, onania und dgL
bezogen." Die Beschrankung des § ^75 auf die Strafbarkeit der im-
missio penis in anum erkennen auBer Liszt z. B. auch Berner an:
S. 461, Lehrbuch des Straf rechts, 18. Auflage, ferner Binding:
Grundriii Bd. II, S. 100. Pratorius sagt hieriiber in seiner Kritik
Wachenfelds, der die vom Reichsgericht getroffene Ausdehnung
gutheiBt: „Steht nun fest einerseits, daU die Carolina nur die im-
missio penis in anum bestrafte, 'daii andererseits das preuBische und
deutsche Straf gesetzbuch iiber den art. 116 nicht hinausgehen,
sondern den von diesem Artikel betroffenen Fall des gleichgeschlecht-
lichen Verkehrs zwischen Mannern strafbar erklaren wollte, dann ist
es unzulassig, einen Teil der im Gegensatz zur immissio penis in anum
straf los gelassenen sonstigen „Unziichtigkeiten" als beischlafahnliche
HandJungen unter den § 175 einbeziehen zu wollen."
Erst dem Reichsgericht in Leipzig war es vorbehalten, die frii-
heren Voraussetzungen der Strafbarkeit, die immissio membri in anum
et emissio seminis fallen zu lassen, indem es die ejaculatio iiberhaupt
nicht mehr fiir erforderlich hielt und im iibrigen den Begriff der „b e i-
schlafsahnlichen" Handlungen schuf, unter dem es in einer Ent-
scheidung vom 23. IV. 1880^*) auch den coitus inter femora und in einer
vom 28. V. 1888^^) den coitus in (os, in einer weiblichen (3. II. 1890) jauch
die receptio penis alterius in .os proprium fiir strafbar erklai*te, im
iibrigen entschied, daB auch, wenn membrum appremitur alicui parti
corporis alterius, der Akt als ein beischlafahnlicher zu erachten sei,
wenn Friktionen, sogenannte StoiJbewegungen, ausgeiibt worden seien.
Wiederholt hat sich das Reichsgericht mit der Frage beschaftigt, ob
der Tatbestand des § 176 auch dann erfiillt sei, wenn der eine oder
beide Partner bekleidet waren. Im Widerspruch zu einem am 20. IX.
1880 gefallten Urteil entschied der Strafsenat am 8. VI. 1898, daB
der Korper des passiven Teils nicht entbloBt sein brauche, „es ge-
niige zum Tatbestand des Vergehens nur die Beriihrung des (entbloB-
ten) mannlichen Gliedes mit dem bekleideten oder unbekleideten Kor-
per einer anderen mannlichen Person". Trotzdem ist es bei dem ver-
abschiedeten Offizier v. A. auch schon vorgekommen, daB ein deut-
sches Gericht^^) einen Homosexuellen rechtskraftig za fiinf Monaten
Gefaiignis verurteilte fiir zwei Falle, in denen „beischlafahnliche Hand-
lungen ohne EntbloBung des Gliedes des aktiven Teiles und ohne
Beriihrung des nackten Korpers des passiven Teiles ausgefiihrt
wurden*'. Dberhaupt sind die Unteiigerichte wiederholt noch iiber
den vom Reichsgericht formulierten Tatbestand hinausgegangen, am
krassesten vielleicht in einem Falle, in dem das Landgericnt Liegnitz^^)
einen 62 jahrigen Tapezierer K. zu einer Gefangnisstrafe von einera
Jahre und zum Verluste der biirgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer
<53) Entscheidung des preuBischen Obertribunals B. III.
") Entscheidungen, Bd. I. S. 396.
65) Reichsgericht 28. V. 1888, R., Bd. X, S. 416; 3. IL 1890, E.,
Bd. XX, S. 225; 23. IV. 1880, E., Bd. I, S. 395.
<^6) Das Bezirks- und Obergericht zu Windhuk. Cf. Jahrbuch f.
sex. Zw. Bd .VIII. p. 910. Bericht und kritische Besprechung von
^^uma Pratorius.
6') Der Fall ist nebst kritischen Bemerkungen dargestellt voxk
Numa Pratorius im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen,
Bd. VIII, S. 900—910.
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839
von zwei Jahren, den mitangeklagten 29 jahrigen Kellner H. wegen
des gleichen mit K. veriibten Vergehens zu einer Gefangnisstrafe von
einem Jahr und sechs Monaten verurteilte, indem es den Tatbestand
des § 175 lediglich aus (d^m verliebten und leidenschaftlichen Ton
ihrer Korrespondenz folgerte, ohne dafl in diesem Briefwechsel AuBe-
rungen iiber eine besondere Art des geschlechtlichen Verkehrs ent-
halten waren. Die 1 e t z t e hierher gehorige Entscheidung des Keichs-
gerichts findet sich in der Juristischen Wochenschrift vom 1. Oktober
1913 (42. Jahrgang, Nr. 17, Seite' 935); sie lautet:
§ 175 Str.-G.-B. Beischlafsahnlichkeit. Beleidigende Wirkung.
Nach den Feststellungen hat der Angeklagte seinen eigenen und
den Geschlechtsteil des 16 jahrigen R., welche beide entbloBt und
erregt waren, der Lange nach mit der Hand erfaBt und sie langere
Zeit zu wiederholten Malen aneinander gedriickt. Dabei war die beider-
seitige Stellung genau diejenige, bei der im Stehen der wirkliche Bei-
schlaf ausgeubt wird. Die Strafkammer erachtet hierdurch den Tat-
bestand des § 175 Str.-G.-B. erfiillt, weil der Angeklagte mit seinem
Tun auf Befriedigung seiner Geschlechtslust abzielte und schon die
einfachc Beriihrung der mannlichen Glieder, „geschweige denn" daa
hier angefiihrte Aneinanderbringen mit wiederholtem Aneinander-
driicken, als widernatiirliche Un^ucht zu gelten habe. Diese Auf-
fassung ist indessen rechtsirrig. Wie das KG. in standiger Rechts-
sprechung angenommen hat, gehort zum Begriff der widernatiirlichen
Unzucht gemaii § 175 Str.-G.-B. die Vornahme einer der naturwidrigen
Befriedigung des Geschlechtstriebes dienenden, dem natiirlichen Bei-
sclilafe lahnlichen Handlung (vgl. RGSt. 31, 245 und die dort be-
zeichneten Urteile), und der erkennende Senat hat ausgesprochen, daB
eine Beischlafsahnlichkeit beim Verkehr unter Mannspersonen nur
da vorliegt, wo die eine bei beischlafsahnlichem Ge-
brauche des mannlichen Gliedes den Korper der anderen
mit dem Gliede beriihrt hat (vgl. RGSt. 36, 32). Danach ist also nicht
schon jedwedes zwischen zwei Miinnern bewirkte einfache Sichbe-
riihren der beiderseitigen Geschlechtsteile ohne weiteres, sondern erst
dann eine beischlafsahnliche Handlung, wenn mindestens das eine
Glied ahnlich wie bei der natiirlichen Beischlafsvollziehung, z. B.
durch Reiben an dem Korper des anderen oder DagegenstoBen, ver-
wendet wird. Ein solcher Gebrauch ist vom ersten Richter auch da-
durch nicht festgestellt, daB der Angeklagte die beiden erregten Glie-
der mit seiner Hand zusammengebracht und mehrfach aneinander ge-
driickt hat und zwar um so weniger, als eine beischlafsahnliche
Verbindung oder Vereinigung zweier mannlicher Geschlechtsteile mit-
einander der Natur der Saclie nach von vornherein ausgeschlossen ist.
Das bisher fiir erwiesen erachtete Gebaren des Angeklagten liegt daher
bloB auf onanistischem Gebiet, das von der Strafdrohung
des §175a. a. O. nicht mit umfaBt wird (vgl. RGSt. 6, 211; RGRspr. 4,
493). Soweit die Strafkammer etwa daranf Gewiclit gelegt haben sollte,
daB die Beteiligten genau die gleicTie Stellung wie bei einem zwischen
Mann und Weib im Stehen ausgeiibten Beischlaf eingenommen haben,
so wiirde auch dieser Umstand die vorstehenden Darlegungen nicht zu
beeinflussen vermogen, da hierdurch allein eine an sich nicht bei-
schlafsahnliche Handlung niemals in ihr Gegenteil verwandelt werden
kann. Hiernach war das angefochtene Urteil aufzuheben, und zwar
ohne daB es eines Eingehens auf die iibrigens unbegrundeten ProzeB-
beschwerden bedurfte. Dagegen war dem Antrag des Beschwerde-
fiihrers auf sofortige Freisprechung nicht stattzugeben, da der rich-
tigen ftechtsauffassung geniigende Feststellungen bei erneuter Ver-
handlung nicht ausgeschlossen erscheinen und im Fall der noch
moglichen Stellung eines Straiantrages durch den gesetzlichen Ver-
treter des erst 17 jahrigen R. die Anwendbarkeit des § 185 StrGB. unter
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840
fi
Beriicksichtigung der in RGSt. 29, 398 (vgl. auch Bd. 41, S. 392) aus-
esprochenen Grundsatze zu priifen bliebe. Urt. d. IV. Sen. v. 18. April
913 (103/13).
Ohne die GericMsentscheidungen gegen die Homosexuellen hier
einer Kritik unterziehen zu wollen — das wird Aufgabe eines spatercn
Kapitels sein — seien iiber die reichsgerichtlichen Entschei-
dungen nur die zweier Juristen wiedergegeben, von denen die leine
lautet^^) : „daB die Theorie des Reichsgerichts von den beisclilaf-
ahnlielien Handlungon unhaltbar iind deshalb aufzugeben ist", wabrend
ein anderer — Been^^) — schreibt: „Die Entscheidimgen des Reichs-
gerichts iiber die widernatiirliclie Unzucht sind wohl die imgliick-
lichsten, die es jemals erlassen hat."
Noch viel schlimmer als in Deutschland ist die Rechtslage der
Homosexuellen in Osterreich. Einmal geht der Tatbestand der „Unzucht
wider die Natur" des osterreichischen § 129 weiter als derjenige des
§ 175 StrGB. Denn die osterreichischen Gerichte bestrafen nicht
nur beischlafahnliche Handlungen, sondern auch gegenseitige Onanie,
ja sogar jede „Selb8tbefleckung mit Benutzung des Korpers einer Person
desselben Geschlechts". Ferner ist nach osterreichischem Recht der
Versuch strafbar, nach deutschem nicht, und zwar wird sogar^*^) die
erfolglose Aufforderung zum gleichgeschlechtlichen Verkehr als Ver-
such bestraft, des weiteren wird die bloBe Vorschubleistung zu diesem
Verkehre, selbst wenn keine Vollendung der Haupttat stattgefunden
hat, geahndet, alles Delikte, die das deutsche StrGB. nicht kennt,
deiin es bestraft nur dann gewohnheitsmaCiges Vorschubleisten als
Kuppelei. wenn die Haupttat selber, der gleichgeschlechtliche Ver-
kehr, wirklich stattgefunden hat. Endlich ist auch die Strafe des
schweren Kerkers eine hartere und entehrendere als diejenige des
Gefangnisses.
AYie mir mehrfach berichtet wird, gehen unter diesen L^mstanden
osterreichische Urniiige dem strafbaren Tatbestand vielfach dadurch
aus dem Wege, daB sie unter gegenseitigen Kiissen und Umarmungen
j e d e r f ii r s i c h masturbieren.
Ich lasse nunmehr eine vergleichende Darstellung der sich
auf den gleichgeschlechtlichen Verkehr beziehenden Strafbestim-
mungen folgen, die mit geringen Ausnahmen alle Lander der
Erde umfaBt.
^^) „Eros vor dem Reichsgericht. Ein Wort an Juristen, Mediziner
und gebildete Laien zur Aufklarung iiber die griechische Liebe."
Von einem Richter. Leipzig p. 31.
«9) Been, 1. c. p. 34.
70) Bibliographic Jahrbuch VIII. S. 811 und S. 817.
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Vergleichende Uebersicht der antihomosexuellen
Strafgesetze.
Die Quellen, auf denen die ADgaben der Straftabelle beruhen, sind;
A. Verschiedene Strafgesetzbiicher in OriginaJausgabe.
£. Auskiinfte deutscher Eonsulate.
0. Literatur:
1. Been, § 176 des .Reichsstraufgesetzbuches. StraUburg und Leip-
zig 1912.
2. Cyclopedia of Law and Procedure, William Marck L. L. D. Editor
in Chief. New York, The American Law Book Company 1910.
Sodomy: by Alexander Karst. Vol. XXXVI. p. 501—507.
3. Goltdammers Archiv fiir Straf recht. Jahrgaiig 1906.
S. 148.
4. Havelock Ellis und Symonds, Das kontrare Ge-
schlechtsgefiihl. (Bibliothek der Sozialwissenschaft. Heraus-
gegeben von Kurella.) Leipzig 1896.
5. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen. Heraus-
gegeben vom wissenschaftlich-humanitaren Komitee. Leipzig,
Janrg. I, S. 95 ff. N u m a P r a t o r i u s , Die straf recht lichen
Bestimmungen gegen den gleicheeschlechtlichen Verkehr. Jahr-
gang V, S. 1159 ff. Nabokoff, Die Homosexualitat im russi-
schen Strafgesetzbuch.
6. Liszt und Crusen, Strafgesetzgebung der Gegenwart, Berlin
1894—1899.
7. Sammlung auBerdeutscher Strafgesetzbiicher.
Herausgegeben von der Redaktion der Zeitschrift fiir die ge-
samte Strafrechtswissenschaft. Berlin 1881 — 1909.
8. Vergleichende Darstellung des deutschen und
auslandischen Strafrechts. Vorarbeiten zur deutschen
Strafrechtsreform. Herausgegeben von den Professoren Birk-
meyer u. a. Besonderer Teil Band IV, Verbrechen und Ver-
gehen wider die Sittlichkeit. Bearbeitet von Mittermaier.
Berlin 1906.
9. Vierteljahrsberichte des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees.
Jahig. II, Heft 3, Leipzig 1911.
10. Wachenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, Leipzig 1901.
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842
A.
Staat
Bestrafnng
gleichgeschlechtlichen
Verkehrs als solchen?
In welchem Umfange?
Auch bei
Franen?
Straf verf olguDg. ^)
a
Unbe-
dingt?
Bedingt?
Belgien.
Bnlgarien.
Bfinemark.
Dentsches Bcich.
England nnd
Irland.
K e i n e Bestrafnng.
Widernatiirliche Un-
zucht zwischen Personen
iiber 16 Jahren (d. i.
Paderastie).
Widernatiirliche Un-
zucht :
a) zwischen Mannern,
b) zwischen Mann und
Frau bei Umgang ge-
gen die Natur.
Widernatiirliche Un-
zucht, d. i. beischlaf-
ahnliche Handlungen
zwischen Personen
mannlichen Geschlechts.
a) S o d o m i e , d. i. im-
missio penis in anum
(auch bei heterosexu-
ellem Verkehr).
b)andere unziich-
t i g e Handlungen
zwischen Mannern
(auch gegenseitige
Onanie).
Nein.
Ja.
Nein.
Nein.
Nein.
Ja.
Ja.
Ja.
^) j.Unbedingt** ist die Strafverfolgung, wenn die Straftat von
Amtswegen, also ohne Strafantrag des Verletzten oder seines Ver-
treters erfolgen m u fi ; „ bedingt" dagegen, wenn sie nur auf Antrag
Oder untei besonderen Umstanden (z. B. offentliches Interesse) statt-
findet.
^) Schutzalter ist das Lebensalter, bis zu dem ein erhohter straf-
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843
Europa.
5
6
7
Schutzalter^)
8
Strafgesetz.
strafe.
a
fiir
Kinder bis
b
dariiber
hinaus. ')
Besonderes.
Code penal
16. Jahr.
bis zum 21.
Bes trailing unter den
Beige von
Jahre bei
gleichen Voraus-
1867, Art. 372.
Kuppelei *) setzungen wie der
373, 379, 385-
heterosexuelle Ver-
u. Gesetz vom
kehr, also falls:
15. Mai 1912.
i) offentlich.
b) gewaltsam.
c) mit Jugendlichen
(8p. 7a — Zuchthaus-
strafe).
Strafgesetz-
Gefangnis
von 6 Mona-
13. Jahr.
bis zum 16.
buch V. 1816,
Jahr Bestra-
Art. 214—216,
ten bis zu 3
fung, aber
232.
Jahren.
nur auf An-
trag und bei
fehlender
Einwilli-
gung Oder
fehlender
Einsicht d.
Jugend-
liclien.
Strafgesetz-
Korrektions-
12. Jahr.
—
buch V. 1866,
haus von 6
§ 177.
Monaten bis
zu 6 Jahren.
Strafgesetz-
Gefangnis,
14. Jahr.
_
buch V. 1871,
d. i. von 1
§ 175.
Tag bis zu 5
Jahren.
Zu a): Offen-
zu a) lebens-
16. Jahr;
___
Zu a): bei Versuch:
ces against
langliches
bis zul3.
Zuchthaus bis zu
the Person
Zuchthaus.
erhohter
10 Jahren.
Act 1861.
zu b) Gefang-
Schutz.
Zu b): Beihilfe, An-
Zu b): Crimi-
nis und
stiftung, Versuch
nal Law
Zwangsarbeit
unterliegt glei-
Amdt. Act
bis zu 2
cher Strafe.
1885.
Jahren.
rechtlicher Schutz oder — sofern grundsatzlich Strafe nicht ein-
tritt — iiberhaupt ein Schutz voigesehen ist.
8) Zu Spalte 7b: Schutz jugendlicher Personen, die nicht mehr
im Kindesalter stehen.
*) d. h. derjenige, der eine Person unter 21 Jahren verkuppelt
wird bestraft.
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844
Staat
Bestrafnng
gleichgeschlechtlicheri
Verkehrs als solchen?
In welchem Umfange?
Auch bei
Franen?
Strafverfolgnng.
a
Unbe-
dingt?
Bedingt?
Frankreioh.
K e i n e Bestrafung.
Oriechenland.
Holland.
Italien.
Widernatiirliche Un-
zucht, d. i. unziichtige
Handlungen zwischen
Personen gleichen Ge-
schlechts.
Die gleichgeschlecht-
liche Unzucht zwischen
Mlindigen und Unmiin-
digen, aber strafbar nur
an dem Miindigen, der
die Unmiindigkeit des
anderen Teils kennt oder
vermuten muB.
K e i n e Bestrafung.
Laxembarg. | K e i n e Bestrafung.
Monaco.
K e i n e Bestrafung.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Bestrafunj^
I unter den
Voraus-
setzungen
der Spalte 7
gnindsStz-
lich nur auf
Antras.
Aber onne
Antrag. falls
dffentlich,
bei nachtei-
ligenFoleen,
bei MiB-
brauch eines
Autoritflts-
verhUtnisses
^) Zu Spalte 7 b bei Frankreich : wie zu Anmerk. 4. Nach Jahr-
buch I, S. 145 sowie Wachenfeld, S. 67 ist auch derjenige strafbar, der
selbst die Unzuchthandlungen veriibt. Dagegen aber vgl. Darstellung
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845
Strafgesetz.
Schntzalter
a
fiir
Kinder bis
b
dariiber
hinaus.
Besonderes.
Code p6iial
von 1810,
Art. 330 fg.
13. Jahr.
Griechisches
Strafgesstz-
buch, Art.
282.
Strafgesetz-
buch von
1881 und Ge-
setz von 1911
§ 248 bis.
Codice penale
von 1889.
Gefan^nis
von minde-
stens 1 Jahr
imd Polizei-
aufsicht.
Gefangnis
bis zu 4
Jahren.
12. Jahr.
16. Jahr;
bis zul2.
erhohter
Schutz.
12. Jahr.
bis zum 21.
Jahxe bei
gewohn-
heitsmaiii-
ger Verlei-
tung zur Un-
zucht,
Art. 3345).
Bestrafung unter den
gleichen Voraus-
setzungen wie der
heterosexuelle Ver-
kehr, also falls:
a) offentlich oder so,
dafi ein anderer die
Handlung bemer-
ken kann.
b) gewaltsam.
c) mit Jugendlichen.
bis zum 21
Jahre (siehe
Spalte 2)
a) bei Un-
zuchtshand-
lungen mit
unbescholte-
ner Person
bis zum 16.
Jahre.
b) bis zum
21. Jahre
beiKuppelei.
Code p6nal
LuxemDour-
geois V. 1879.
Gesetz von
1874.
15. Jahr. bis zum 21.
Jahre (siehe
Belgien).
13. Jahr.
bis zum 21.
Tahre (siehe
Frankreich).
Weitere Bestmfung
wie bei Frankreich
(dort Spalte 8).
Bestrafung unter den
gleichen Voraus-
setzungen wie der
heterosexuelle Ver-
kehr, also falls:
a) offentlich od. an e. der
offentl. Wahmehmung
ausgesetzten Orte
b) an Jugendlichen
(Spalte 7).
c) unter jgewissen
Qualifikationen(Ge-
wait, A bhangigkeits-
verbal tnis).
Bestrafung unter den
gleichen Voraus-
setzungen wie der
heterosexuelle Ver-
kehr (siehe Belgien).
Desgleichen
(siehe Frankreich).
des Strafrechts, Besonderer Teil IV. S. 27, und Urteil des Kassations-
hofes in Paris vom 9. Marz 1905 (s. Goltdammers Archiv fiir Straf-
recht 1906, S. 148).
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846
8taat
Bestrafung
gleichgeschlechtlichen
Verkehrs als solchen?
In welchem CJmfange?
Auch bei
I Francn?
I
Strafverfolgung.
a
Unbe-
dingt ?
Bedingt ?
Montenegro.
Norwegen.
Osterreich.
Portugal.
Bnmfinien.
Bufiland.
K e i n e Bestrafung.
Unziichtiger Verkehr
zwischen Personen
mannlichen Ge-
schlechtes (also auch
wechselseitige Onanie).
Unzucht wider die Na-
tur. Darunter fallt nach
der Rechtspre^hung
auch wechselseitige
Onanie.
K e i n e Bestrafung.
K e i n e Bestrafung.
Mannesbeischlaf
(Mujelojstwo), d. i. coi-
tus per anum zwischen
Personen mannlichen
Geschlechts.
Nein.
Nein.
Wenn
allge-
meine
Buck-
sichten
es er-
fordern.
Ja.
Ja.
Nein.
Ja.
«) Bisher nicht ermittelt.
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'847
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848
Staat
Bestrafnng
gleichgeschlechtlichen
Verkehrs als solchen ?
In welchem Umfange?
Auch bei
Frauen?
Strafverfolgong.
a
Unbe-
dingt?
b
Bedingt?
o
a,
a,
o
Finnland.
Schottland.
Schweden.
Schweiz.
A. Die Einzel
k a n t o n e :
a) Aargau
b) Appenzell
c) Basel (Stadt
und Land)
d) Bern
e) St. Gallen
f) Glarus
ff) Luzern
Widernatiirliche Un-
zucht.
i) Sodomie (immissio
penis in anum).
b) sonstige unziichtige
Handlungen zwischen
Mannem.
Widernatiirliche Un-
zucht.
Unzucht wider die
Natur.
Widernatiirliche Wol-
lust (unnatiirliche
korperliche Vereinigung)
Widernatiirliche Wol-
lust.
Desgleichen.
Desgleichen, aber auch
andere grobunzuchtige
Handlungen.
Widernatiirliche Wol-
lust.
Unnatiirliche Befriedi-
^ung des Geschlechts-
triebes.
Ja,
Nein.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Nein.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Nein.
Ja.
Ja.
Ja.
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"849
5
Strafgesetz.
6
Strafe.
7
Schntzalter
a b
fiir dariiber
Kinder bis hinaus.
8
Besonderes.
1
Strafgesetz-
buch vom
19. Dez. 1889
21. April 1894.
•Gefangnis
bis zu
2 Jahren.
17. Jahr;
bis zum
12. und
15. Jahr
erhohter
Schutz.
Gesetz von
1887.
Zuchthaua
Oder
Gefangnis.
12. Jahr.
"■^
Strafbar auch der
Versuch.
Strafgesetz-
buch vom
16.rebr. 1861
20. Juni 1890.
Strafgesetz-
bucher von
Gefangnis.
15. Jahr;
bis zum
12. Jahr
eilhohter
Schutz.
1867.
Zuchtpolizei-
strafe.
Mann-
barkeit.
—
—
1878 u. 1899.
GeldbuBe und
Gefangnis
Oder Zucht-
haus bis ^u2
Jahren.
-""
- —
—
1872/73.
1866/67.
Gefangnis.
Gefangnis
bis £u 60 Ta-
gen Oder Kor-
rektionshaus
bid 1 Jahr od.
GeldbuBe bis
500 Fr.
16. Jahr
bei Ver-
fiihrung.
16. Jahr.
—
Sbraferhohimg bei
Not^ucht, Inzest (hier
auch bei Frauen).
Sferaferhohung bei
Abhangigkeitsver-
haltiiis. Ebenso bei
Gewaltanwendung.
1886/99.
Zuchthaus.
Mann-
barkeit.
—
--
''1899.
^beits- Oder
Zuchthaus
bis zu
2 Jahren.
16. Jahr.
—
Zu 7a: Zuchthaus bis
zu 10 Jahren. Solches
auch bei Zwang.
• 1860/61.
Zuchthaus
bis zu
6 Jahren.
16. Jahr.
21. Jahr.
Zu 7b:
Straferhohungen.
Solche auch bei
Zwang.
H i r • c h f e I d , Homosexualitat.
54
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850
Staat
Bestrafung
gleichgeschlechtlichen
Verkehrs als solohen ?
In welcliem CJmfange?
Auch bei
Frauen ?
I Strafverfolgung.
h) Unterwalden
ob dem Wald
Unnatiirliche
Befriedigung des
Geschlechtstriebs.
Ja.
g
i) SchaffhauBen
k) Schwyz
1) Solothurn
m) Thurgau
n) Zurich
o) Zug
a) Freiburg
Widernatiirliche Un-
zucht.
Befriedigung des Ge-
schlechtstriebes wider
die Natur.
Widernatiirliche Un-
zucht.
Widernatiirliche Wol-
lust.
Desgleichen.
Desgleichen.
Sodomie.
b) Graubiinden
Widernatiirliche Un-
zucht.
c) Neuenburg Sodomie.
^) Bisher nicht ermittelt.
Ja.
Ja.
Nein.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Nein.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
Ja.
[Auf An-
trag Oder
bei Er-
reffung
offent-
lichen
Arger-
nisses.
OffentL
Aigernis
schon bei
Ruch-
barwep-
den,son3t
wie zu a.
IWie zua.
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861
54 •
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852
1 11 2 1 3
4
Bestrafung 1 , , .
gleichgeschlechtlichen ^^^h bei
Verkehrs als solchen? Franen?
Stralverfolgong.
Staat
Unbe-
b
Bedingt?
In welchem Umfange?
dingt?
^ ,a) Genf
p<
2
b) Tessin
o) Waadt
K e i n e Bestrafung.
"
^.
d) Wallis
£. Der neue
Widernatiirliche Un-
Ja8).
Ja.
—
, Entwurf.
zucht des Volljahrigen
mit einem Minderjahri-
?en. Strafbar aber nur
der Volljahrige.
Serbien.
A. bisher:
Keine Bestrafung.
B. nacli dem Entwurf zu
-r
-~
—
Nein.
—
Auf An-
einem neuen Strafgo-
trag Oder
setzbuch : Wider-
mitRuck-
natiirliche Unzucht
sicht auf
des Miindigen mit
die allge-
einer mannlichen Per-
meine
son von 15 — 21 Jah-
Sittlich-
ren.
keit.
Spanien.
Keine Bestrafung.
'
•
TIkrkei.
Keine Bestrafung').
•) Nach der Veigleichenden Darstellung des Strafrechts (Mitter-
niaier) zweifelhaft.
*) Fiir die Auslander, die sich in der Tiirkei aufhalten und die
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853
Strafgesetz.
Strafe.
Schntzalter
a) 1874.
b) 1873.
c) 1843/44 u.
1901.
i) 1858/59.
Entwiirf
§ 261.
Codigo penal
reformado
von 1870.
Strafgeaetz-
buch von
1858, Art.
197, 198,
202; Ministe-
rial-Verfii-
gung vom 25.
Marz 1874;
Verordnung
vom 14. Febr.
1861 ; Gesetz
vom 4. April
1911.
a
fur
Kinder bis
b
dariiber
hinaua.
Besonderes.
a) 14. J.
Gefangnis
nicht unter
6 Monaten.
15. J.
15. J.
d) 12. J.
16. Jahr.
i) bis zum b) bis zum 13. Jahre
21. Jahre bei I erhohter Strafschutz.
Kuppelei. Zu a— d: Bestrafung
nur, falls mitGewalt,
offentlich oder mit
Jugendlichen.
21. Jahr
(siehe
Spalte 2).
— 15. Jahr.! —
Gefangnis. 15. Jahr.' —
12. Jahr.|bis zum 21.
I Jahre bei
I Begiinst igg.
der Unzucht
I (Kuppelei)
16. Jahr. I —
Bestrafung unter den
gleichen Voraus-
setzungen wie der
heterosexuelle Ver-
' kehr, also:
a) offentlich.
b) gewaltaam.
3) mit Jugendlichen.
Bestrafung unter den
gleichen Voraus- •
setzungen wie der
heterosexuelle Ver-
kehr, also :
a) offentlich.
b) gewaltsam.
3) mit Kindern. Straf-
bar auch, wer sich
einer jugendlichen
Person gegeniiber
unanstandi^er Aua-
driicke bedient od.
sie in unanstandi-
ger Weise beriihrt.
der Gerichtsbarkeit der Konsulate unterstehen, gilt das Strafrecht
ihrer Nationaiitat.
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864
Staat
Bestrafnng
leichgeschlechtlicfaen
erkelu*8 als solchen?
In welchem Umfange?
Auch bei
Franen f
StrafTerfolgmifj;.
a I b
^^^"^ Bedingt?
dingtl
Ungarn.
Widernatiirliche Un-
Eucht.
Nein.
Ja.
Siehe
Spalte 8
ktzter
Absatst.
B.
Britisch-Ost-
indien^o).
Britisch-Nord-
borneo nnd
Labuan^^).
Ceylon mit
Maledivon.
China.
Cjrpern.
Hongkong.
Japan.
Widernaturlicher Ge- j Ja.
3chlechtsverkehr (carnal |
intercourse against the i
order of nature), aber '
penetration is sufficient
— also immissio penis.
Widernatiirliche Un- Nein.
zucht.
Widernatiirliche Un-
zucht (wie in Ost-
indien).
Paderastie.
Ja.
Ja.
a) fiir die Turken: tiirkisches
b) im iibrigen gilt englisches
a) Sodomie mit Men-
3chen (buggery), d. i.
anscheinend wie in Eng-
land immissio penis in
anum.
b) Grob unziichtiger
Verkehr zwischen Man-
nem.
Eeine Bestrafung.
Nein.
Ja.
10) YuT die sog. Straits-Settlements (Wellesly, Perak, Malacca,
Singapore) gilt ein besonderes Strafgesetzbuch vom 9. August 1871,
das oem Indischen nachgebildet ist und nur unwesentlich von ihm
abweicht. In den Vasallenstaaten (Native allied States) ist das In-
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856
5
6
7
Schntealter
8
Strafgesetx.
Strafe.
a
fiir
Kinder bis
b
daraber
hinaus.
Besonderes.
Strafgesetz-
buch vom
21. Juni 1880.
Gefangnls
bis zu 1 Jahr.
Erhohte Strafe bei
Gewalt, Drohung od.
todlichem Ausgaage
Oder bei Unzucht
zwischen Brudern.
rjetzterenfalls wird
aber nur auf Antrag
der Eltern bestraft.
Asien.
Indian Penal
Code von
1860/64.
Indian Penal
Code von
1860.
Penal Code
von 1883 (wie
der . Indische
Penal Code).
Codex
von 1727.
Deportation i
auf Lebens- |
zeit Oder Ker-i
ker bis zu '
10 Jahren. i
Vierwochige
Einspemmg
und hundert
Bambushiebe.
Recht.
Recht.
(Siehe Tiirkei.)
Ordinance of
Offences
against the
Person 1865.
a) G^fangnis
tnit Zwangs-
arbeit lebens-
langlich oder
bis zu 10 Jab
ren;
b) Gefangnis
bis zu 2 Jah-
ren mit Oder
ohne Zwangs-
irbeit.
Strafgesetz-
buch v. 1907.
I Bei wiederholter Ver-
I urteilung Priigel-
strafe zusatzlich zu-
lassig.
Wie in England.
Wie in Britisch-Ostindien.
13. Jahr.
zu a) Strafbar auch
der Versuch.
13. Jahr.
disohe Strafgesetzbuch teils formell eingefuhrt, teils seinem wesent-
licheii Inhalte nach in Geltung.
^^) In Borneo eilt fiir die Eingeborenen das einheimische und
daa mohammedanische Recht.
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856
Staat
Bestrafiing !
gleichgeschlechtlichen |Auch bf?i
Verkehrs als eolchen? ■ Franen?
In welchem Umfange? |
Stralverlolgang.
a
Unbe-
dingt?
Bedingt 7
Niederllindisch-
Ostindien.
Persien").
Siam^s).
Sibirien.
Tongking nnd
Cochinchina.
Asiat. Tttrkei.
Abessinicn.
Algier.
Agypten^*).
K e i n € Bestrafung.
Gleichgeschlttchtlichcr
Verkehr (Sodomie, Tri-
badismus).
Ja.
?U)
Keine Bestrafung. Siehe
Sp. 8.
(Siehe Europa
Fiir Europaer gilt mutmaBlioh
(Siehe Europa
c.
Keine Bestrafung.
Eb gilt franid
Das Gesetzbuch lehnt sich an das franzo
^2) Fiir Europaer diirfte Konsulargerichtsbarkeit gelten, also das
betreffende Heimatsrecht in Betracht kommen.
13) Die Angehorigen der meisten fremden Staaten unterliegen der
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867
5
6
7
Schatzalter
8
Strafgcsetz.
Strafe.
fur
b
dariiber
Besonderes.
Kinder bis! hinaus.
ft) fiir die
13. Jabr.
bis 21. Jabr
Be^tmfung unterden
Europaer
bei
gleichen Voraus-
Strafgesetz-
Kuppelei.
setzungea wie der
buoh vom
heterosexuelle Ver-
10. Februar
kebr (siebe
1866.
Frankr^icb).
b) fiir die Ein-
geborenen
Stralgesetz-
bnch vom
6. Mai 1872.
Das schii-
Todesstrafe.
"
__
tn der Praxis wird
tisch-geist-
liche Recbt.
Diese bei
das geistlichd Straf-
Frauen aber
i
recbt in den letzten
nur im
Jabren sehr lax ge-
viertea Wie-
bandbabt. Eine Ver-
derholimgs-
arteilung wegen des
falle, sonst
bier fraglicben De-
Uktes ist der deut«
fiir jene 100
Peitscben-
schen Gresandtscbaft
hiebe.
nicht bekannt ge-
worden.
Siamesisches
—
12. .Tahr.
Strafbar der Verkehr
Strafgesetz-
a) mit Kindem
buch.
*
(Spalte 7 a),
b) unter Gewalt od.
Drobung,
c) mit Abkommlin-
een.
— RuBland.)
frarixosiscbes
Reohti*).
— Tiirkei.)
Afrika.
— . N^acb dem G^setzes-
kodex Fetha NegesI
(d. i. „K6nigs-
gesetze") steht aller-
dings auf den gleicb-
^eschlechtlichen Vexw
kehr die Todesstrafe^
nacb Gewobnheits-
recht bleibt er aber
straflos.
siscbes Recht.
Gesetzbucb
von 1883.
s i s c h e Strafrecht an, also grundsatzlich keine Bestrafung.
" — ' ■ ■ ' i
Konsulargerichtsbarkeit, es gilt fiir sie daher ihr Heimatsrecht.
1*) Naheres war bislang nicbt zu ermitteln. [nalitat.
15) Die Europaer unterstehen daselbst dem Strafrechte ihrer Natio-
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858
1
Staat
2
Bestrafang
gleichgeschlechtlichcn
Verkehrs als solchen 7
In welchem Umfange ?
Auch bei
Franen?
4
Strafverfolgang.
ai^V. Bedingt^
BritfBch-OstafHka.
Die Nicht-Eingeborenen stehen unter Konsular
Deutsche
Sehntzgebiete
(Ostafrika, Sud-
Westafrika, Togo^
Kamerun).
Deutsohes Strafrecht.
Dies gilt aber fiir die Eingeborenen, d. h. die
nur, soweit sie der deutschen Gerichtsbexkeit beson
Engl. Kolonion:
a) Goldkiiste
(Oberguinea),
b) Ascension/^
Gambia, St. He-
lena, Lagos,
Sierra Leone.
Im wesentlichen wie in England.
Kapland.
Sodomie, d. h. der ge-
schlechtliche Verkehr
Yon Mann mit Mann
(auch gegenseitige
Onanie).
Nein.
Ja.
Kongostaat.
Anlebnung an das Belgi
sche Strafgesetz yon 1867.
Madagaskar.
Es gilt franzosisches Becht.
Marokko
(soweit es dem
franzosischen
Protektorat
untersteht).
Fiir Europ&er ist das Strafrecht naoh Art des
Natali«)
Geschlechtliche Hand-
lungen zwischen Man-
nern (Vornahme wie
auch Duldung solcher
' Handlungen).
Nein.
Ja.
Oranje-Freistaat.
Das zur Zeit der Anste
lung engiischer Bichter im
Sudan.
Im wesentlichen wie in England.
Tonis.
Fiir Europaer franzosisches Becht.
TranfTaal.
Geschlechts verkehr
unter Mannern.
Nein.
Ja^O.
1 -
16) Die Angaben l>eruhen auf privater Auskunft: Damit stimmt
im wesentlichen uberein die Auskuuft des deutschen Konsulates iiber
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869
Strafgesetz.
6
strafe.
Schntzalter
a I b
fdr dariiber
Kinder bis I liinaus.
Besonderes.
gerichtsbarkeit ; es gelten also die verschiedenen nationalen Rechte..
heimischen Stamme und die Angehorigea sonstiger farbigen Stamme
ders unterstellt sind.
a) The Cri-
minal Code
1892,
b) Common
Law.
Common Law
of South-
Africa.
Verordnung
vom 7. Jan.
1886 und
26. Mai 188a
Im wesentlichen wie in England.
Todesstrafe,
aber nach Er-
messen des
Gerichts
leichtere
Strafe. Letz-
teres regel-
maO. Praxis.
Es gilt franzosisches Recht.
in Frankreich geltenden Code p6nal geregelt.
Akt 22
von 1898.
Freiheits-
strafe bis za
1 Jahr mit od»
ohne Zwangs-
arbeit.
Kaplande giiltige Hollandisch-Romische Recht (siehe oben Kapland).
Penal code
1899.
Order 16 von
1908. -
Im wesentlichen wie in England".
Zuchthaus bis
zu 2 Jahrcn
und Ruten-
streiche
bis 24.
Nach Order 46 von
1903 ist die Prostitu-
tion als solche in
^leicher Art strafban
die herrschende Praxis, wahrend theoretisch die cnglischen Straf-
bestimmungen iiber Sodomie noch zu Recht bestehen sollen.
1') Bisher noch nicht festgestellt.
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860
8taat
Bestrafnng
gleichgeschlechtlichen [A^uch bei
Verkehrs als solchen? Fraucn?
lu welchem Umfange ? \
D.
I. Nord-
StrafrerfolgiiDg.
Kanada.
Mexikoi8).
(Der Biindes-
distrikt u. Terri-
torium Nieder
kalifomienX
New York. I
Die andern Staa-
ten and Terri-
torien der Ver- ,
einigten Staaten i
von Nord- ;
amerikai9)20).
Im wesentlichen wie in England.
K e i n e Bestraf ung.
Verbrechen wider die
Natur. (Es geniigt je-
des, wenn auch noch so
geringes Eindringen in
anum, aber auch immis«
sic in. 08.)
Sodomie, d. i. fleisch-
liche Verbindung per
anum — in einzelnen
Staaten (Georgia, Loui-
siana, Wisconsin) auch
anders als per anum;
insbesondere auch im-
missio in os in Louisiana
und Wisconsin.
Ja.
In
Texas.
Ja.
Ja (7).
Wie in England.
II. Zetitral-
Die zn England
gehOrigen Kleinen
AntiUen (Barba-
dos, Trinidad,
Windward- Inseln,
Tobago).
i«) Die Mehrzahl der Einzelstaaten des Bundesstaates Mexiko
haben ein gleichlautendes oder nur unwesentlich abweichendes Straf-
gesetz angenommen.
") In Iowa, Ohio, Texas ist die Sodomie erst in neuerer Zeit
unter Strafe gestellt.
20) Die Angaben hierzu beruhen auf der Cvclopedia of Law and
Procedure, William Mack L. L. D. Der Artikel "beriicksicht zwar aus-
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861
Amerika.
Amerika.
5
6
7
8
'
Schntzalter
Strafgesetz. ' Strafe.
a
fiir
b
dariiber
Besonderes.
Kinder bis
hinaus.
Crimmal
14. Jahr.
■
Code von
1892.
Strafgesetz-
—
14. Jahr.
Bis
Bestrafung des An-
buch von
18. Jahr bei
griffs gegen das
Schamgeiiihl ; er-
1871.
Kuppelei.
hohte Strafe, wenn
sich der Angriff ge-
gen einen Jugend-
lichen richtet.
(Spalte 7a.)
Strafgesetz-
Einsperning
—
—
—
bucn von
von 6—20
1881.
Jahren.
§§ 303 fg.
In den mei-
Freiheitsstra-
__
a) Der Versuch ist
sten Staaten
fen (Gefang-
strafbar.
besondere Ge-
nis od. Zucht-
b) In einzelnen Staa-
seize. Sonst
haus), u. z^.
ten (Connecticut^
das alte Hecht
teils zeitige
Wisconsin) wM,
von England
von langerer
wenn der eine TeU
(common law)
Dauer, teils
ein Kind ist (boy
unter Beriick-
aufLebenszeit.
of tender age) nur
sichtigung
Verelnzelt
i
der Erwachsene be-
der
auch Geld-
J
straft.
ortlichen Ver-
strafen. In
haltnisse.
Texas fiir Per-
sonen unter
16 Jahren Er-
ziehungs-
anstalt.
Amerika.
driicklich nur 23 Staaten der Union, doch soil das in den anderen
Staaten gultige Recht in der hier firaglichen Materie keine wesent-
liche Verschiedenheit aufweisen. Die in dem Artikel beriicksichtigten
Staaten sind auBer New York f olgende : Alabama, California, Connecticut.
Georgia, Illinois, Indiana, Iowa, Kentucky, Louisiana, Massachusetts,
Maryland, Michigan, Missouri, Montana, North-Dakota, Ohio, Pennsyl-
vania, Texas, Virginia, Vermont, Washington, Wisconsin.
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862
Staat
Bestrafnng | , , .
gleichgeschlechtlichen jAuch bei a
Verkehrs als solchen? iFrauon?! Unbe-
Id welchem Umfange? | | dingt ?
StrafTerlolgimg.
Bedingt?
S. Domingo.
Gnatemala.
Haiti.
Argeatiniea.
Bolivia.
Brasilien.
Siebe Frankreicb.
Eeine Bestrafung.
Eeine Bestrafung.
Widernatiirlicbe Un-
zucbt (sodomia).
Eeine Bestrafung.
Eeine Bestrafung.
2>) Bisber nocb nicbt ennittelt.
?«)
UI. S6d-
Ja.
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868
Stralgesetz.
6
Strafe.
Schutzaltor
a
fiir
Kinder bis
b
dariiber
hinaufl.
Besonderea.
Code p6nal
umgearbei-
tet, veroffent"
licht 1884.
Stiafgesetz-
buch Yom
15. Februar
1889.
Strafgesetz
von 1866.
Atneiika.
C6digo penaJ
von 1886.
§ 129.
C6digo penal
vom 3. No^.
1834.
Gesetzbuoh
vom 11. Okt
1890.
Siehe Frankreich.
12. Jahr.
Minderjah-
rigkeit bei
Kuppelei.
Siehe Spalte 8.
Bestraf ung :
a) falls mit Eindern
(Spalte 7a).
b) bei Grewalt oder
Einschiicbtening.
o) beiUnzurechnunRs*
fahigkeit des anae*
ren Teiles.
Stiafbar:
a) Erregung offent^
lichen ibqgernisses
diirch Unzucht.
b) Sodomie oder Pa*
derastie mit J u-
fendlichen za
em Zwecke, Aus-
schweifung odef
Verderbnis hervoiv
Burufen oder zo
fordem.
o) Au&eizungJugenc^
licher zur Aos*
Bchweifung.
Die Strafe f iii
Notzucht, d. L
1—6 Monati
Haft Oder
3—6 Jahre
Gefangnis.
12. Jahr.
12. Jahr.
12. Jahi;
Bis 21. Jahr
bei
Kuppelei.
Siehe Spanien und
Portugal.
Bestrafung nur
a) bei offentlichec
Schamverletzung ;
b) der mit Gewalt
oder m o r a I i-
scher Vergif-
t u n ^ begangene
Angriff an das
Schamgefuhl
(Zuchthaus).
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864
Staat
Bestrafnng i , , .1 Stralverfolgung.
gleichgeschlechtlichen |Aucli bei a lb
Verkehrs als solchen? i Frauen? Unbe- Ti^^^.^o-f*
In welchem Umfange?| | dingt? [^^Q^^^-
ChUe.
Columbia.
Sonador.
Falklanda-
Inseln.
Niederlftndisch-
Oaayana
(Surinam)
u. Curasao.
Paraguay.
Pern.
Sodomie.
Der geschlechtliche Ver-
kehr zwischen ©rwach-
senen Personen dessel-
ben Geschlechts.
PS^erastie.
Ja.
Ja.
Nein.
Ja.
Englisches Recht.
K e i n e Bestrafiing.
E e i n e Bestrafung.
SodomiB (sodomfa).
UmfaBt anscheinend so-
wohl Paderastie — im
Cregensatze zu Bestiali-
tat — als auch wider-
natiirliche Unzucht zwi-
schen Mann und Weibi
Nein (7).
22) Bisher noch nicht festgestellt.
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865
5
6
7
Schutzalter
8
Strafgesets.
Strafe.
a
fiir
Kinder bis
b
dariiber
hinaus.
Besonderes.
Gesetzbuch
Zuchthaus.
12. Jahr.
Bis 20. Jahr bei
Strafbar auch die
von 1874.
MiUbrauch
in unzuchti-
ger Weise,
Strafe abet
geringer ais
zu 7a.
Verletzung
des Schamgefiihls
Oder der guten
Sitten duxch Hervoiv
rufung schweren Ar»
gemisses.
Gesetzbuch
Gefangnis
Mann-
Bis 16. Jahi
a) Erhohte Strafe bei
vom 18. Okt.
von
bax-
bei Ver-
Betrug, Verfiih-
18m
3—6 Jahreu.
keit [d. i.
bis 12.
Jahr (?).
fiihriing.
rung, Boswilligkeiti
b) zu Spalte 7a:
Zuchthaus von 3
bis 6 Jahren; der
Gesch&echtsunreife
selbst bleibt straf-
los.
Gesetzbuch
Zuchthaus
14. Jahn
Bis 21. Jaht
_^ /
vom 9. Sept
von
bei
1890.
4—16 JahreiL
Kuppelei.
Englisches Recht.
Straf gesetz-
buch vom
1. Mai 1869.
Gesetzbuch
vom 21. Juli
1880.
— I 13. Jahr.
16. Jahi;
C6digo penal
vom 23. S.pt.
1862, Art. 27a
722)
Bis 21. Jahr
bei
Kuppelei.
Bis 20. Jalit
aber nur fiir den Fall
bei Ge
waltan-
wendung,
Erhohter
Schutz
fiir die-
sen Fall
bis zu 11
Jahren.
12. Jahc
der Ver-
fiihrung.
Bestrafung nur unter
den gleichen Voraus-
setzungen wie der
heterosexuelle Ver-
kehr (siehe
Frankreich).
Im iibrigen siehe Spj^
nien und Portugal.
Siehe Spanien und
Portugal.
Hirschfeld, Homosexualitilt.
55
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866
Staat
Uruguay.
Venezuela.
Bestrafung
gleiohgeschlechtlichen
Verkehrs als solchen ?
In welchem Umfaage?
Auch bei
Frauen? !
K e i n e Bestrafung:
K e i n e Bestrafung.
Strafverfolgung.
a
Unbe
dingt?
b
Bedingt ?
QueenBland.
Sfid-Australien.
Neu-Sfld-Wales.
Tasmania.
Victoria.
E. Australien
Im wesentlichen wie in England.
Im wesentlichen wie in England.
a) Paderastie (buggery^,
d. i. immissio penis
in anum,
b) jeder sonstige un-
ziichtige Angriff auf
iemand — auch bei
JEinverstandnis des
letzteren.
Nein.
Nein.
Nut in
ganz be-
sonderen
Fallen
von
Amts-
wegen ;
sonst auf
Anzeige.
Im wesentlichen wie in England.
a) Paderastie (buggery),
d. i. immissio penis
in anum,
b) jeder sonstige un-
ziichtige Angriff auf
jemand ohne desseii
Einwilligung.
Nein.
C?)**).
(0^*)-
23) Nicht mit Sicherheit ermittelt.
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867
und Ozeanien.
Crimanal I Im wesentlichen wie in England. I Wenn der aktive Teil
Code 1899. f ! unter 14 Jahre alt
ist, der passive da-
gegen erwachsen,
bleiben b e i d e
straflos.
New South zu a) Zucht
Wales Cri- haus aiif Le-
Qies Act 1900 bensdauer od.
Art. 79—81. jaiif Zcit, letz-'
t ere n falls
mindestens j
auf 6 Jabre.
zu b) Zucht- 1
haus bis I
zu 5 Jahren.
1
zu a) der passive
Teil bleibt straflos,
wenn er unter 14
Jahre alt ist. Zwei-
felhaft ist, ob der
aktive Teil, falls
unter 14 Jahre, be-
st raft werden kann ;
zu b) strafbar auch
der Versuch, mit
Zuchthaus, bis zu 5
Jahren.
Im wesentlichen wie in England.
Crimes Act
1890.
.Art. 58—60.
zu a) Ge^ng- 14.
nis bis zu 51
Jahren. Bei
fehlendem
Einverstand-
nis des an-
! dern Teils
' Oder, falls
dieser unter
I 14 Jahren,
' Todes-
strafe.
jzu b) Gefang-
nis zis zu 10
Jahren.
Jahr.l
Der Versuch ist
strafbar. Strafe: Ge-
fangnis bis zu
10 Jahren.
2*) Konnte bislang nicht festgestellt werden.
55'
Digitized by VjOOQIC
868
Staat
Bestrafiing | , , J Strafverfolgung.
gleichgeschlechtlichen A^ich bei, ^
Verkehrs als solchen?
In welchem Umfange?
Franen?
Unbe-
dingt?
b
Bedingt ?
West-Anstralien.
Im wesentlichen wie in England.
Neu-Seeland.
jJede mannmannliche se-
xuelle Betatigung.
Neu-Guinea
(Deutsches
Schutzgebiet) und
MarschalMnseln
Die anderen deut-
Bchen Schutz-
gebiete :
Samoa, Carolinon,
Marianen.
Nein.
Ja.
Deutsches Strafrecht. Gilt aber fiir die
Stamme nur unter Benicksichtigung
Deutsches Strafrecht. Gilt aber fiir die
Stamme nur, soweit sie der deutschen
Weit mehr Homosexuelle als dem Strafgesetz zum Opfer
fallen, werden durch ihre Veranlagung frliher oder spater aus
ihrer gesellschaftlichen Stellung, Hirer Laufbahn, und damif
nur allzu oft aus ilirer Lebensbahn gerissen. Schon wahrend
der Schuljahre kommt es bisweilen vor, dafl kaum dem
Knabenalter entwachsene Jiinglinge von ihrer Lehranstalt, be-
sonders von hoheren Schulen, Internaten, militarischen Er-
ziehungsinstituten gleichgeschlechtliciher Betatigung — meistens
gegenseitiger Onanie — halber fortgejagt werden.
Da seiche Akte auf dieser Entwicklungsstufe in der Zeit des noch
undifferenzierten Geschlechtstriebes sowohl von spater hetero- wie
homosexuellen Jungen und Madchen in Unzahl vorgenommen werden,
kann man allerdings kaum je mit Bestimmtheit entscheiden, ob nun
gerado in dem e i n e n Fallc, den ein Zufall zur Kenntnis der Lehrer
gebracht, wirklich homosexuelle Anlage vorlag oder nicht. Geahndet
wird flchon in diesem Stadium weniger die Tat, als „das Pech",
ein ungliicklicher Nebenumstand, der zum Verrater wurde. Welche
„Griinde" nicht selten bei der Schulverweisung maBgebend sind, hat
niemand besser als Mirbeau in „ Sebastian Roch" geschildert. Aus-
gesprochener . liegen die Verhaltnisse schon in der spateren Vor-
bereitungszeit auf den Beruf, fiir (den Akademiker wahrend der Stu-
dentenzeit, fiir den Offizier wahrend der Fahnrichszeit und auf Kriecs-
schule, fiir den angehenden Kaufmajin oder Handwerker wahrend der
spateren Lehrlings-, Volontar-, Gehilfen- oder Gesellenzeit usw. In
diesem Alter pflegt der Geschlechtstrieb meist bereits differenziert
und der homosexuelle Verkehr vielfach schon so verpont zu sein,
daB, abgesehen von der Hingabe aus Gewinnsucht oder Gefalligkeit,
fast nur homosexuell Veranlagte eine gleichgeschlechtliche Betatigung
vornehmen. Dieses Wagnis ist um so groBer, je scharfer der Kasten-
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5
Strafgesetz.
6
Strafe.
1
7
Schntzalter
a b
fiir dariiber
Kinder bis 1 hinaus.
8
Besondereg.
Criminal
Code V. 1902.
Criminal
Code V. 1803
u. Gesetz v.
1912/13.
Siehe
EnglaacL
Zuclithaus
nicht unter
10 Jahren u.
Priigelstrafe
von 25—50
Hieben.
14. Jahr.
16. Jahr.
—
Eingeborenen und die Angehorigen anderer farbiger
des Opportunitatsprinzipes.
Eingeborenen und die Angehorigen anderer farbiger
Gerichtsbarkeit besonders unterstellt sind.
geist in der Gesellschaftsgruppe, welcher der Betreffende angehort,
ausgepragt und je strenger die Aufsicht und Beobachtung ist, denen
er unterliegt. Beides pflegt in den meisten Fallen zusammenzutreffen
und tritt in den Kreisen, die bewuBt eine gewisse Exklusivitat wahren,
am starksten hervor. Es erscheinen demnach in dieser Periode der
angehende Offizier (Junker oder Fahnrich) und der einer Korporation
angehorende Student besonders gefahrdet. In der Tat kommen meiner
Erfahrung nach in diesem Lebcnsabschnitt homosexuelle Skandale
auch besonders haufig gerade in diesen Kreisen vor und treffen den
Beteiligten nm so schwerer, als der AusschluB aus Heer, Marine
Oder studentischen Korps fiir ihn in den meisten Fallen den Verlust
seiner sozialen Stellung, haufig auch der Achtung und Liebe seiner
Familie nach sich zieht. Manche duxch derartige Verbal tnisse bedingte
erschiitternde Tragodie habe ich im Laufe der Jahre beobachtet. Es
wiirde zu weit fiihren, Beispiele dieser „Entgleisungen** anzufiihren.
Nicht selten ist es vorgekommen, ^B die Eltern, das Offizierskorps
Oder die studentische verbindimg erst dadurch, daB der betreffende
junge Mann seinem Leben ein Ende machte, auf seine Veranlagung und
dadurch auf das Bestehen der Homosexualitat iiberhaupt autmerksam
femacht wurden. Unter den zirka 750 Direktoren und Lehrern hoherer
rehranstalten, welche die Petition fiir die Aufhebung des Urningspara-
graphen unterschrieben, begleitete einer, der seinen Sohn verloren
natte, seine Unterschrift mit folgenden Worten: „Noch bei der Er-
orterung des Falles Krupp gehorte ich, vollig unbekannt mit der hier
in Rede stehenden Materie, zu denen, die an die Notwendigkeit des
§ 176 glaubten. Erst jiach dem T.ode eines edlen, fiir das Schone, Wahre
und Gute begeisterten Jiinglings, dem die Entdeckung kontrarsexueller
Neigungen den Revolver in die Hand driickte, sind mir die Augen iiber-
§egangen und aufgegangen. Ein schwergebeugter Vater dankt
em Wissenschaftlich-humanitaren Komitee «0 fiir sein menschenfreund-
liches Wirken!"
68) Cf. „Was soil d. Volk v. dritten Geschlecht wissen?" Leipzig.
1914, p. 8f.
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Ist eine derartige Katastrophe eingetreten, pflegt in vielen
Fallen den Angehorigen unter der Einwirkung der tragischen
Erschtitterung die Eigenart des armen Opfers erst verstandlich
zu werden. Anders liegt die Sache, vertraut sich der junge
Mann, bei Lebzeiten, unter dem Drucke der Verhaltnisse den
Seinen an. Nur in Ausnahmefallen begegnet er bisher voUem Ver-
standnis seitens der El tern oder auch nur dem guten Willen, sich
objektiv mit der in Betracht kommenden Materie zu beschaf-
tigen. Meist wird kategorisch die Forderung gestellt, der Be-
treffendo solle sich „andern" oder „bessern", die er sich ver-
geblich zu erfiillen bemliht,' bis sie ihn zur Verzweiflung treibt,
oder endgiiltig von seiner Familie trennt. — Viele Angehorige
denken wie der Gerichtsprasident, der einem Angeklagten, als
er seine ungltickliche Veranlagung schilderte, erwiderte: „Sie
haben einfach nicht homosexuell zu sein."
Ausnahmen bestatigen die Kegel. So konnte ich mehrfach er-
leben, daB Vater mit groBter Eneargie fiir ihre homosexuellen Sohne
eintraten, und habe daoei besonders einen angesehenen Kollegen im
Sinne, dessen Sohn, der ebenfalls Arzt ist und dem gleichen Korps
wie sein Vater angehorte, gleichgeschlechtlicher Veranlagung bzw.
Betatigung halber von seiner Verbindung a-usgeschlossen wurde. Er
vertrat seine Rechte in einer iiberaus sachlich ausgearbeiteten Recht-
fertigungsschrift dem Kosener S. C. gegeniiber, wobei er von seinem
Vater durch ein Promemoria nachdriicklichst unterstiitzt wurde ^Sa).
Eine ganz ahnlich gehaltene Denkschrift hat vor einigen
Jalii'en ein alter Vater der kurlandischen Ritterschaft, aus der sein
Sohn wegen homosexueller Neigungen ausgeschlossen werden sollte,
iiberreicht.
Mit dem Eintritt ins Berufsleben vermehren sich naturge-
mfiU die Gefahren ftir den Homosexuellen, und zwar ist seine
Lage um so kritischer, je strenger das ehrengerichtliche Ver-
fahren in dem betreffenden Stande ausgebildet ist. Obenan steht
hier das Offizierskorps mit eeinen besonders scharf f ormu-
lierten, in Satzungen und Institutionen festgelegten Ehrbegriffen.
Ich erwahnte die hier bestehenden Gefahren im Hinblick auf
den jungen Offizier. Aber auch weiter hinauf in der Stufenleiter der
militarischen Dienstgrade kommen disziplinarische und ehrengericht-
liche Bestrafungen Homosexueller prozentuell haufiger vor, als in
iigendeinem anderen Stande. So gingen binnen kurzem der englische
General Macdonald, der als Liebling seiner Soldaten „The
fighting Mac" genannt wurde, und der amerikanische Admiral Barry
in den selbstgewahlten Tod, weil gegen sie der Verdacht homosexueller
Betatigung geauBert wurde, und an deutschen Offizieren, die gleiches
aus gleichem AnlaB taten, ist kein Mangel.
Als ich einmal an einem Oberkriegsgericht ein Gutachten iiber
einen Oberleutnant zur See abzugeben hatte, der nach meinem Dafur-
halten ohne Grund beschuldigt war, einem Matrosen „zu nahe ge-
68a) Cf. Monatsberichte des W.-h. Komitees, 1905.
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kommen zu sein", sagte mir der zur Verteidigung bestimmte Kapitan-
leutnant: „Es ist wirklich ein Jammer, wie viele unserer tiichtigsten
und fahigsten Offiziere wir infolge homosexueller Sachen verlieren."
Dabei kann man sich kaum vorstellen, wie schwer es einem Offizier,
der wegen Homosexualitat verabschiedet ist, gemacht wird, einen ehr-
lichen Erwerb zu finden. Selbst im Auslande, selbst dort, wo keine
Gesetze gegen Homosexuelle vorhanden sind, fiihlen sich die offiziellen
Vertreter des Deutschtums nioht selten bemiiUigt, durch Bekaantgabe
seiner homosexuellen Neigungen ersohwerend in seine Existenz ein-
zugreifen.
Ahnlich wie im Of f izierskorps liegen die Verhaltnisse im B e -
amtenstande. Auch hier bezif f ert sich die Zahl braiielil)ar6r
Manner in h5heren und mittleren Staatsstellungen, die den
iiber die Homosexualitat ver'breiteten Anschauungen zum Opfer
fallen, nach Hunderten.
Viele schtitzen, sobald sie die Anwartschaft auf eine halb-
wegs auskSmmliclie Pension haben ,,allgemeine NerVenscliwache*'
vor, um ihre Entlassung nachzusuchen, bevor sie womoglidi ohhe
Pension verabschiedet werden. In Wirklichkeit konnten sie ihren
Staatsposten noch sehr gut ausfiillen. Andere schlagen iHnen
angebotene Stellungen, auf deneij sie vermutlich Ausgezeichnetes
leisten wlirden, wegen ihrer homosexuellen Neigungen von vorn-
herein aus. So kenne idi einen Fall, in dem ein hervorragender
Beamter einen hohen Posten, flir den er besonders geeignet war
und zu dem er sidi an und flir sich auch sehr hingezogen fiihlte,
angeblich aus Gesundheitsriicksichten, in Wirklichkeit aber ledig-
lich mit Hinblick auf seine Homosexualitat ablehnte; er sagte
sich, je hoher die Stelle sei, in der er sich befande, um so groBer
ware die Gefahr (Bilder in illustrierten Zeitungen), daB das
tiefe Geheimnis, mit dem er eine Anlage und Betatigung umgab,
geltiftet werden konne.
Aber selbst in den „freien Berufen" herrschen in diesem Punkte
oft febenso rigorose wie kuriose Ehrbegriffe; sie kommen — soweit
diese Berufe, wie der A r z t e - und Anwaltstand — sich' korpora-
tiver Standesvertretungen erfreuen, bisweilen in recht drakonischen Ent-
scheidungen zum Ausdruck. So erklarte es beispielsweise in Sachsen
ein arztliches Ehrengericht fiir mnstatthaft, daB ein Arzt einen Homo-
sexuellen irgendwie als Gehilfen beschaftigte. Im Klerus ist die Be-
handlung „homo8exueller Fragen" in den Lagem der einzelnen Kon-
fessionen etwas verschieden. Wahrend die katholische Geistlichkeit,
so schrofl sie die Homosexualitat in der Theorie verdammt, in der
Praxis den einzelnen homosexuellen „gefallenen" Kleriker nach Mog-
lichkeit deckt und oft dadurch schiitzt, daU sie ihn in einem Kloster
verschwinden lafit, befolgt die evangelische Theologie mehr den Modus
des Beamtenstandes imd entledigt sich ihrer homosexuellen Glieder,
soweit sie ihr bekannt geworden sind, durch AusstoBung. Der Schade,
den nutzbringende Homosexuelle durch die Vernichtung ihrer Existenz
erleiden, wird nicht n\ir ihnen, sondern in erhohtem MaBe dem Teil
der Menschheit ziagefiigt, dem sie von Nutzen wareii. Garpenter^^)
«») Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 116.
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fiihrt folgendes gute Beispiel an: „Em armer Junge erzahlte mir eia-
mal mit Tranen im Auge, wie viel Gutes ein Mann fiir ihn getan
habe. Dieser habe ihn aus der Gewalt truaksiichtiger Eltem gerettet,
ihn aus dem Sumpfe hervorgeholt und ihm mit Unterstutzung einer
Gesellschaft ins Leben herausgeholfen. In derselben Weise soil er auch
andere zu Dutzenden gerettet haben. Aber bei einer solchen Gelegen-
heit wurden ihm Schwierigkeiten bereitet; man bezichtigte ihn un-
gehoriger Vertraulichkeiten. Keine Kechtfertigung, kein Hinweis auf
seine nutzliche Wirksamkeit hatten Erfolg. Jedes leere Gewasch,
jede Verleumdung wurde geglaubt, jede niedrige Absicht untergeschoben,
und es blieb ihm zuletzt nichts iibrig, als seine Stellung aufzugeben.
Sein Lebenswerk war zerstort, um nie wieder aufgebaut zu werden."
Da nach heutigen Ehrbegriffen Personen tatsachlich durch die
Nachrede der Homosexualitat leicht „die Ehre abge-
schnitten" werden kann, ist es wohl zu verstehen, wenn auch
Gerichte wiederholt eine 'solche Nachrede mit schweren Strafen
ahndeten. Gab es doch, wie wir sahen, friiher in manchen Landem
besondere Gresetze, die, selbst dort, wo die gleichgeschlechtliche Be-
tatigung als solche n i c h t strafbar war, Personen unter Strafe stellten,
welch e unschuldige Leute der Paderastie beschuldigten (z. B. West-
g6tagesetz:buch. Ketlosoe Balk Kap. 5 § 2). Man sollte allerdings
bei der Straf zumessung beriicksichtigen, ob der Angeklaete, der
jemandem Homosexualitat nachsagte, sich noch im Banne alter un-
naturwissenschaftlicher Anschauungen befand oder auf ;dem Boden
moderner Sexualforschung stand, die in der homosexuellen Natur-
anlage keinen Makel sieht. In iiberzeugender Weise hat L o e w e n -
f e 1 d^o) bereits 1907 dies klargelegt, und auch ich'<>) habe unter Hin-
weis auf den BeleidigungsiprozeB Biilow-Brand ausein-
andergesetzt, daB man logischerweise einem wegen Beleidigung An-
geklagten zugute halten miiBte, ob er in der Homosexualitat einerj
Schimpf sieht oder, wie es bei Brand der Fall war, die Homosexualitat
stets als eine gute und schone Gefiihlsrichtung gefeiert hat. Auch
die Zumutung homosexuellen Verkehrs ist oft als Beleidigung auf-
gefaBt, ebenso wie Antrage heterosexueller Manner an Madchen und
Frauen oft als solche geahndet wurden. Immerhin ist in Betiacht
zu Ziehen, ob der Gekrankte auch wirklich den Antrag als
Beleidigung angesehen hatte. Es sind namlich des ofteren Falle
vorgekommen, wo jemand eine sexuelle Handlung an sich vornehmen
lieB und erwiderte, ja sogar provozierte und „post festum" Anzeige
wegen Beleidigung erstattete. In manchen dieser Falle erklaren sich
die Betreffenden spater gegen hohe Entschadigung bereit, den Straf-
antrag zuruckzunehmen, so daB der Gedanke an ,,verkappte Erpressung"
nicht fern liegt.
Die schwerste Verfolgnng, die die Homosexuellen isu er-
leiden haben, geht allerdings nicht von den genannten Faktoren,
sondern von ^anz anderer Stelle au^. Auf 10 Homosexuelle, die
dem Gesetz verfallen, kommt, wenig gerechnet, die hundert-
fache Anzahl, liber die ein Erpresser zu Gericht eitzt. Und
diese Erprefiser tiben eine furchtbare Gerichtsbarkeit aus, bei
der sie nicht nur ftir homosexuelle Neigungen und Handlungen
hohe Geldstrafen verhangen, sondern Tausenden unter starksten
Folterqualen Freiheit, Gesundheit und Leben rauben. ^ieser
einzigartigen Verfolgung wenden wir uns jetzt zu.
^ I ;[ ^ ! .■ ■ ■':
^0) Sexualpsychologie und Volkspsychologie. Eine epikritische
Studio zum HardenprozeB. Leipzig 1908.
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FttNPUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die Verfolgung der Homosexuellen durch Erpresser und
Chanteure.
Die Erpreesungen an Homosexuellen sttitzen sich auf die
Kenntnis eines Umstandes, der diese materieU und gesellschaft-
lich', sei es durch kriminelle Verfolgung oder soziale Achtung,
zu vernichten oder auf das schwerste zu schadigen geeignelj
ist. Pieses Wissen empfindet der Erpresser als
etwas, dessen Verschweigen ftir den, von dem er
es weiB, einen hohen Wert besitzt, und diesien*
Wert sucht er fUr sich in bare Mtinze umzu^etzen.
Es ist klar, da^, wenn dem gewiiBten Tatbestand ganz oder teil-
weise der schadigende Gharakter genommen wird, damit auch den Er-
pressungen ganz oder teilweise die Moglichkeit entzogen sein wiirde. So
wird kaum jemand auf den Gredanken kommen, einen Mann zu erpressen,
weil er vor der Ehe mit einer weiblichen Prostituierten in Geschlechts-
verkehr gestanden hat, einfach, weil er sich bewuUt ist, dafl das
Bekanntwerden dieses Vorganges den ErpreBten weder materiell noch
gesellschaftlich zu schadigen vermag. Deshalb ist es auch ein gutes
Mittel, um den Erpresser zu entwaffnen, daB man ihm beweisen oder
begreiflich machen kann, die von ihm zwecks Einschiichterungen
vorgebrachten Behauptiin^en seien fiir den ErpreBten gleichgultig.
Der Homosexuelle wird dies allerdings selten in iiberzeugender Weise
dartun konnen, immerhin habe ich wiederholt beobaohtet, daB die
Erpresser ablieBen, wenn der ErpreBte einzuwenden in der Lage war,
daB die Tatsachen, mit deren Enthullung gedroht wurde, denen, as
deren Adressen sie sich rich ten soil ten, here its bekannt waren oder
wenn dem Erpresser etwa aus der Beschaffenheit seines Vorlebens
gezeigt werden konnte, daB seine Aussagen jeder Glaubwiirdigkeit
ermangelten.
Der Tatbestand, jmi desben Bekanntmachung gedroht
wird, beruht entweder auf Wahrheit oder ist vollkommen aus
der Luft gegriffen, oder aber — und das ist bei weitetm dai^
hHufigste — ein wahrer Kern wird mit allerlei naheliegenden
Cbertreibungen und Entstellungen umkleidet, die dem zugrunde
liegenden Vorgang ein viel schlimmeres Ansehen geben, als er
in Wirklichkeit hat
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So geniigt beispielsweise sehr oft die bloBe Kenntnis, dal3 jemand
homosexuell ist, um mit der Vorgabe des Wissens homosexueller Be-
tatigungen schwere Erpressungen zu veniben. Oder ein fluchtiges
Beriihren der von einem „chaiiteur provocateur" in einer Bediirfnis-
anstalt Lingehaltenen Genitalien bildet, wie im Fall des Breslauer
Landgerichtsdirektors H., den Ausgangspnnkt jahrelanger Erpressungen
unter der Behauptung stattgefundener Pedikation. Wiederholt habe ich
Falle erlebt, in denen sich an einen KuB, den ein Homosexueller in
einer schwachen Stunde einem Bettler oder Boten aufdriickte, spater
schwere Erpressungen schlossen, die in einem Falle schlieUlich zum
Selbstmord des Opfers fiihrten. Vor ajlem wird der straflose Tatbestand
mutueller Onanie in die Schilderung eines strafbaren Aktes verwan-
delt, den der Erpresser, bevor er sich als solcher zu erkennen gibt,
audi meist herbeizufiihren bemiiht ist. Dabei weiU er den Entschei-
dungen des Reichsgerichts mit erstaunlichem Geschick zu folgen.
Findet sich bis Ende der siebziger Jahre, solange nur immissio in
anum bestraft wurde, ausschlieBlicn dieser Akt als vorgekommen in den
Erpresserbriefen au^efiihrt, so liest man seit Anfang der achtziger
Jahre, nachdem das Reichsgericht die immissio in os in den Umfang
des § 175 einbezog, viel haufiger: „Sie haben bei mir gel . . . ." Der
Erpresser bedient sich dieser Angabe um so lieber, weil er glaubt,
daB der von ihm behauptete coitus analis moglicherweise bei dhm
und deni Partner mangels nachweislicher Spuren als erlogen wird
erkanut werden konnen, wahrend er bei der Fellatio, die keine Spuren
hinterlaBt, dies nicht fiirchtet.
Vielfach werden diesen Unwahrheiten iiber den vorgekommenen
Akt noch andere hinzugef iigt iiber positive Schadigungen,
die man durch den homosexuellen Verkehr erfahren haben will; so
findet sich sehr haufig die Behauptung, man sei infolge des Umganges
krank geworden, beispielsweise mundkrank, oder man sei seitdem der
bis dahin vollig unbekannten Onanie oder Homosexualitat rettungs-
los verfallen, oder man hatte eine innegehabte Stellung verloren,
da die Leute im Geschaft durch Zufall davon erfahren hatten, oder es
heiBt: „Bis ich Sie kennen lernte, war ich ein anstandi^er .Mensch,
jetzt habe ich alien moralischen Halt verloren." In der weitaus groBen
Zahl der Falle handelt es sich dabei um bewuBte Liigen, doch sind mir
auch Beispiele bekannt, in denen es tatsachlich den Anschein hatte,
als ob die Erpresser glaubten — meist waren es dann von Haus ana
schwer neuropathische Menschen — ein nervoses Leiden auf statt-
gehabten Homosexualverkehr zuriickfiihren zu miissen. Besonders ist
mir nach dieser Beziehung ein Fall in Erinnerung, in dem die Eltern
eines an dementia praecox leidenden Jiinglings in subjektiv gut-
fflaubiger, objektiv zweifellos erpresserischer Weise mit groBen Geld-
forderungen an einen Kaufmann herantraten, den sie fiir den Zustand
ihres kranken Sohnes verantwortlich machten, nachdem sie durch
aufgefundene Briefe hinter das erotische Motiv seiner Unterstiitzungen
gekommen waren.
Da der Erpreeser sich meist selbst innerlich sagt, Wie
schandlich es ist, aus den harmlosen Handlungen, an denen
er doch freiwillig, oft sogar nachdem er sich dazu angeboten,
teilgenommen hat, unter Bedrohung Geld zu ziehen, sucht er
fast stets sein Vorgehen durch irgend welche weitere
Grundangaben zu entschuldigen. Diese bilden meist den
auBeren Ausgangspnnkt der Erpressungen, vor allem auch fast
jeden Erpresserbriefes ; auch diese Angaben sind wie die tiber
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den Verkehr nicht selten wahr, haufiger aber ganz oder halb
erlogen, zum mindesten entstellt und tibertrieben.
Der Erpresser schildert die groBe Not, in der er sich befande,
er habe schon seit drei Tagen nichts mehr gegessen, daher sei ihm
j e t z t alles gleich, er habe ja doch nichts zu verlieren ; oder es
ginge ihm so schlecht, daU er sich entschlossen habe, sich selbst
aer Polizei wegen des begangenen Sittlichkeitsverbrechens zu stellen,
dann habe er wenigstens ein Unterkommen („eine Bleibe"), oder er
miisse noch heute die Miete bezahlen, sonst wiirde er exmittif.rt und
da er niemanden hatte, der ihm helfen konne, nahme er nun zu dem
Adressaten seine Zuflucht, oder — ebenfalls sehr haufig -— er hS,tte
Geld unterschlagen oder einen Diebstahl begangen, und wenn er
nicht bis morgen mittag das Gestohlene ersetze, kame er ins Ge-
fangnis ; wenn es aber so weit kame, solle noch ein anderer mit.
In mehreren Fallen schrieben Erpresser, sie batten ihrer Braut
die Frucht abgetrieben und miiiJten jetzt fliehen, oft behaupten ^ie
auch, sie hat ten jetzt Gelegenheit, sich eine sichere Existenz zu
griinden, sie konnten sich an einem sehr lukrativen Geschaft be-
teiligen, miiBten aber zuvor eine Geldsumme als Sicherheit hinter-
legen, oder sie wollten sich verheiraten und branch ten dazu unbedingt
dieses oder jenes. In einem FaJle sandte ein Preller einen schwarz-
umranderten Eilbrief, sein Vater sei im Krankenhaus gestorben, er
woUe zur Beerdigung nach Bielefeld, ihm fehle aber dks Fahrgeld,
auch miisse er sich noch einen schwarzen Anzug vom Leihamt aus-.
losen. Als der Herr nicht reagierte, erschien am anderen Tag der an-
geblich tote Vater mit seinem Sohn in der Wohnung des Adressaten
und machte „Krach"; es sei unerhort, daB der Herr seinem Sohne,
der ihm zu Willen gewesen sei, nicht einmal zu seiner, des Vaters Be-
erdigung, Geld gegeben hatte; eigentlich miiBten sie ihm dafiir „alles
in Klump schlagen" aber — ; ein sehr beliebter Vorwand ist auch
die Bitte um Reisegeld, auf die der ErpreBte besonders leicht „herein-
fallt**, weil sie ihn in die Hoffnung versetzt, er wiirde den Erpresser
dadurch los werden. Diese Hoffnung ist in fast alien Fallen trugerisch,
ganz abgesehen davon, daB auch aus dem Auslande die Erpressungen
und Bedrohungen fortgesetzt werden konnen und zwar oft um so
heimtiickischer und ausdauernder, als der Erpresser selbst schwerer
zu fassen ist. Meist ist die angeibliche Abreise iiberhaupt eine „Falle".
Viele meinen sicherer zu gehen, wenn sie dem Erpresser die Fahr-
karte selbst kaufen. Aber auch dann weiB er sie noch in Geld um-
zusetzen oder er kommt bald zuriick. In einem Falle wollte ein Er-
presser zu seinen Verwandten nach Galveston in Texas. Der Herr
besorgte ihm die Eisenbahn- und Schiffbillette. Als er den Zug ab-
fahren sah, atmete er auf, aber nur drei Teige wiegte er sich in
Sicherheit, da tonte schon abends spat wieder in seine stille Ge-
lehrtenstube der ihm nur zu wohlbekannte schrille Pfiff des Pei-
nigers. Er trat ans Fenster und richtig, da stand er, den er auf dem
Meer vermutete, wie ein Schreckgespenst vor seiner Tiire und winkte
EinlaB begehrend nach oben. Ein gleichfalls ziemlich verbreitetes
Manover aer Erpresser ist die Vorgabe, sie wiirden selb.st erpreBt ;
irgend jemand sei dahinter gekommen, daB sie mit dem Adressaten
oder einem dritten in homosexuellem Verkehr gestanden hat ten; dieser
drangsaliere sie nun aufs auBerste. Sie wiiBten sich keinen Ausweg, als
die Hilfe ihres Mitschuldigen in Anspruch zu nehmen. Manche lassen
sich sogar zu diesem Zwecke Erpresserbriefe, beispielsweise von ai^-
scheinend eifersiichtigen Frauen, schreiben, die sie dann ihrem An-
liegen beifiigen. Kiirzlich nahm sich im Moabiter Untersuchimgs-
gefangnis ein Erpresser das Leben, der lange Zeit gleichzeitig an sich
selbst und seinen Freund, einen Assessor, anonyme Erpresserbriefe
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gerichtet hatte. Beide erstatteten gemeinsam die Anzeige. Man kann
sich die Verbliiffung des Assessors denken, als es dem Kriminal-
kommissar Dr. K o p p gelang, den liickenlosen Beweis zu erbringen,
daB nur der mitanzeigende Freund iselbst der Erpresser sein
konnte. Uberfiihrt gestand dieser reumiitig seine Schuld.
War sind die Erpresser? Entweder diejenigen selbst,
mit denen die strafbare oder belastende Handlung geschehen
ist, oder fast ebenso hftufig zweite und dritte Personen^ die da-
von erfahren haben. In den meisten Fallen erpressen letztere
in Gemeinschaft und miti Wissen des sexuellen Partners, wenn
sie auch oft vorgeben, daB dieser niehts davon ahnt, hie und
da aber geschieht es^ auch ohne dessen Kenntnis. Friiher nahm
man an, die Erpresser der Homosexuellen rekrutierten sich
hauptsHchlich aus der gewerbsmaOigen mannlichen Prostitution.
Dies ist aber nicht richtig.
Die eigentlichen Prostituierten gehen viel lieber auf die so-
genannte „Schmustour", als auf die „rrell- oder Krampftour", suchen
also im Guten mehr ale ihnen versprochen ist, „abzuschmeicheln",
feilschen und handeln auch wohl einige Zeit post actum mit idem
Partner, gehen aber nur selten zu ernstlichen Erpressungen iiber. Es
herrscht sogar in mannlichen Pros tituiertenkrei sen haufig eine aus-
gesprochene Feindseligkeit gegen erpresserische Kollegen, die bis zu
geheimen Anzeigen geht, weiisie, und wohl nicht mit Unrecht, der Mei-
nung sind, daB die „unreellen" den „reellen" Jungen das Greschaft ver-
der^n, es ihnen, wie sie sich ausdriicken, „vermasseln", indem die
Herren, eingeschuchtert, auch ihnen den „anstandigen" dann nicht
mehr trauen. Es soil damit aber keineswegs behauptet werden, daB
nicht auch ziemlich haufig gelegentlich von eigentlichen Pro-
stituierten Erpressungen versucht und ausgeiibt werden, namentlich
dann, wenn sie — was nicht selten vorkommt — auf Homosexuelle
stoBen, die einen sehr verschiichterten Eindruck maohen, oder wenn
sie dadurch in Versuchung gefiihrt oder in Rage versetzt werden,
daB Herren, die sie maBig entlohnten, mit kostbarem Schmuck iiber-
laden sind.
Der eigentliohe Gelegen'heits erpresser ist der jenige,
welcher zufallig die Zuneigung eines homosexuellen Herrn ge-
wonnen, sich diesem zum Verkehr hingegehen hat und nun der
inneren Lockung nicht widerstehen kann, aus seinem wert-
voUen Geheimnis Kapital zu schlagen. Diese Personen wtirden
nicht prellen, wenn sie nicht wtiBten und flihlten, wie sehr
der Homosexuelle das Bekanntwerden seiner Neigung zu Ifiirchten
hat. Es ist ganz zweifellos, daQ das Gesetz und die soziale
Achtung diese Parasiten groBzieht. Das geht auch daraus her-
vor, daJJ die den Gesetzen nicht unterstellten homosexuellen
Frauen fast niemals Erpressungen ausgesetzt sind.
Neben den Gelegenheitserpressern — die nach meiner
Schatzung nahezu dreiviertel aller ausmachen — gibt es die
gewerbsmaUigen, f lir die der Prostitutionsverkehr — bei
dem eie sich kaum jemals selbst erregen — nur ein Vorwaad,
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eiD Mittel ist, dessen rie sich lediglich zum Zwecke der fftr die
Auspltinderung ndtigen Anlockung bedienen. Sie gebrauchen be-
stiminte Tricks, sind meiflt bemtiht, strafbare Akte zu provo-
zieren, und haben fast immer Komplizen.
Oft werfen sie einen durch hiibsches Aussehen auffallenden Bur-
sclien als Lockspeise an Orte iaus, die von Urningen viel besucht
warden. Wahrend der Homosexuelle noch mit diesem spricht, tiitt
der bis dahin in unsichtbarer Entfernung folgende Hauptpreller mit
der Miene sittlicher Entnistung hervor. „Was geht hier vor? Was
haben Sie mit meinem Bruder getan?" herrscht er den nichtsahnend
in das Netz gegangenen Urning an; dabei beginnt der Lockvogel meist
jammerlioh zu weinen.
Auch in dem Schulfall des Landgerichtsdirektors H. stiirz-
ten in dcm Moment, als der imgliickliche Richter das hinge-
haltene membrum des 20 jahrigen Giinz beriihrte, die Erpresser mit
den Worten in die Bediirf nisanstalt : *,Was haben Sie mit nnserem
Bruder getan? Fol^en Sie uns zur W^hel" Lieber noch als im
Freien wird die Fafle in der Behausimg des Prellers gestellt. Mitten
wahrend des Geschlechtsverkehrs, ofter unmittelbar nach diesem, da-
mit auf Flecken in der Bett- oder Leibwasohe mit einem „aha" gezeigt
werden kann, klopft es auf ein Husten des Lockvogels an der Tiu*,
Oder der Erpresser tritt hinter einem Schrank oder kriecht imter
dem Bett hervor und beginnt an dem vor Schreck fast wahnsinnigea
Homosexuellen sein grauenerregendes Geschaft. Oft geben sich die
Komplizen als Verwandte, besonders gem als der altere Bruder oder
noch lieber als der Vater aus, auch als Onkel oder Cousin, haufig auch
als Wirte, in Parks als Parkwarter, im Tiergarten als der „Tiergarten-
inspektor", in Badeanstalten als Bademeister; nicht selten spielen
sie auch die Rolle eines Kriminalbeamten, wobei sie sogar eine Marke,
die in "Wirklichkeit allerdings oft nur eine Hundemarke ist, prasen-
tieren; auch gerieren sie sich gem als wohlmeinende „Vermittler".
Vor kurzem wandte sich ein Rittmeister an mich, der am Abend von
Kaisers Gebuitstag im berauschten Zustand in die Hande einer Er-
presserbande geraten war, die ihn wahrend des Schlafes vollkommen
ausgeplundert hatte; am anderen Tage erhielt er einen sehr hof-
licheii Brief eines Vermittlers, der durch Zufall von dem MiBeeschick
des Offiziers erfahren haben woUte, er sei bereit ihm zu helfeii, und
bot ihm zunachst die Brief tasche, dann die librigen Sachen, die er
selbst von den gefahrlichen Strolchen zu hohen Preisen erworben,
zum Riickkaufe an. Er spielte seine Rolle so geschiokt, dafi der Ritt-
meister nicht merkte, daB der Helfershelfer mit den anderen unter
einer Decke steckte; er fing erst zu zweifeln an, als dieser trotz der
„VermittelungsgebUhr" von 1000 Mk., die er neben der hohen Riiokkauf-
summe erhaften hatte, nach einigen Wochen wieder 1000 Mk. fiir
spater festgestellte „Versaumniskosten" forderte. Auch in einem ande-
ren Erpressungsfall, in dem das Opfer um Inehrere hunderttausend Mark
gebracht werden sollte, gab sich der Haupttater das Air eines Ver-
mittlers, der den hochgestellten Homosexuellen vor groBen Ungelegen-
heiten ischiitzen woUe, die er sonst unweigerlich zu gewartigen
haben wiirde.
Auch die Gelegenheitserpresser haben wie die gewerbs-
maUigen Komplizen, aber sie sind nicht von vornlierein im
Komplott, sondern finden sich erst nachtrlglich ein. Mitbe-
teiligt eind auch hier vielfach Angehdrige, aber nicht wie bei
der gewerbsmaBigen Klasse vorgebliche, sondern wirkliche; so
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kommt es nicht selten vol', daB ein Preller eich verheirafet
und dio Ehefrau beteiligt sich an den Erpressungen.
Icli kenne einen Fall, in dem ein Kammerherr von der Frau eines
Mannes erpreBt wurde, mit dem der Homosexuelle vor 24 Jahren —
als er Offizier und der Mann sein Bursche war — verkehrt hatte. Die
Frail hatto von dem Manne, mit dem sie jetzt in Scheidung lebte,
das Geheimnis im Anfang ihrer Ehe erfahren und drohte, vermutlich
auf Veranlassung ihres jetzigen Geliebten, wenn sie nicht reichlich
„ent8chadigt** wiirde, dem Herrn mit Enthiillung seines Vorlebens
in der Presse ; eine Anzeige kam bei dem langst ver jahrten Tatbestand
nicht mehr in Betracht. In einem anderen Falle gingen die Erpres-
sungen von der Schwester eines Schauspielers aus, die durch die
Korrespondenz ihres plotzlich an Blutvergiftung gestorbenen Brudere
von seinen vielfachen homosexuellen Beziehungen Kenntnis erhal-
ten hatte.
Von den Erpressern sind etwa die Halfte jiineer als 21 Jahre.
Wenn Dr Keinhold^) in seinem sonst so vortrefflichen Buche uber
die Chantage sagt: „Das Kupfertum weist folgende Merkmale auf: Die
Tater stehen durchweg im jugendlichen Alter, was auf den engen
Zusammenhang zwischen mannlioher Prostitution und Chantage zuriick-
zufiihren ist, „Rupfer" im Alter von 16 — 18 Jahren gehoren nicht zur
Seltenheit. Die Chantage wird in vielen Fallen von mehreren Kom-
Slizen begangen, die banden- oder komplottmafiig organisiert sind.
>ie Rolle des Urhebers oder Anstifters dbernimmt ein Kuppler oder
Knabenhandler", so weisen diese sich wohl hauptsachlich auf Ulrichs
stiitzenden Satze, wie wir teilweise bereits zeigten und zum Teil
noch zeigen werden, in mehr als einer Beziehung Ungenauigkeiten auf.
Unter 200 wegen Erpressungen an Homosexuellen Bestraften
befanden sich 104 im Alter von 21 Jahren und darunter;
5 waren flinfzehn, 2 sechzehn, 11 siebzehn, 18 achtzehn, 26 neun-
zehn, 27 zwanzig, 15 einundzwanzig Jahre alt. Aus dieser Sta-
tistik geht hervor, daB durch die Beseitigung des Urnings-
paragraphen bei Beibehaltung eines hohen Schutz-
alters, wie es vielfach vorgeschlagen wurde, den Erpressungen
k 6 i n wesentlicher Einhalt geboten werden wiirde.
Ihrem Stande nach gehoren die Erpresser keineswegs nur den
unteren Klassen an, im Gegenteil sind die Gentlemanverbrecher
in Lack und Claque nicht minder zahlreich unter ihnen ver-
treten, allerdings mehr imitierte Elegants, die sich der luxu-
rioson Toilette als einer Art Berufskleidung bedienen, mit der
sie den „abzukochenden" Partner in die Illusion versetzen, er
habc es mit dem Angehorigen einer glei(^hen oder hoheren
Schicht zu tun.
Ein langjahriger Beamter der Berliner „Paderastenpatrouille"
sagto mir einmal, er hatte sich oft iiber die erstklassige Aufmachung
gewundert, in der junge Leute plotzlich auftauchten, die er noch
wenice Wochen zuvor als arme Jungen in abgerissenen Kleidern und
Schuhen auf den Rummelplatzen oder am Ein^ang der Passage sich
hatte herumdriicken sehen; sie seien kaum wiederzuerkennen. Aucb
1) Dr. Josef Reinhold, Die Chantage, Ein Beitrag zur Reform
der Strafgesetzgebung, Berlin, 1909.
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io]i traf vor kurzem auf dem Kurfiirstendamm vor einem bekannten
Kaffee einen jungen Herrn im teureu Pelz und Zylinder, der ziemlich
betroffen war, als ich in ihm einen Bekannten aus dem Gerichts-
saale — er war als Hotelangestellter auf die „Prelltour" gegangen —
wiedererkannte.
Von 528 Urningserpressern, deren Beruf festgestellt werden
konnte, waren 75 Kellner, 43 Diener, 57 Arbeiter, 45 Kaufleute; die
iibrigen gehorten alien moglichen anderen Standen an; so befanden
sich unter ihnen Studenten und Schauspieler, ferner zwei Schutzleate,
ein friiherer Rechtsanwalt, ein Geistlicher und ein Staatsanwalt. Dem
Soldatenstande gehorten unter diesen 528 Erpressern 13, darunter
zwei der Kriegsmarine, an.
Es ist also nidit ganz richtig, wenn gesagt wird, daiJ
Soldaten nicht erpressen. Ich verflige iiber eine Anzahl von
Fallen, in denen sie es nicht nur sogleich nadb. ihrer Entlassung,
sondern sogar wahrend ihrer Dienstzeit taten. In einem der
schwersten Falle, den ich- kenne, ©mpfing ein katholischer Geist-
licher von einem aktiven Dnteroffizier mehrere Hundert Er-
presBiingsbriefe. In einem anderen Falle zwang ein Soldat einen
Hauptmann, mit dem er von der Militarzeit in sexuellen Be-
ziehungen gestanden hatte, in erpresserischer Weise, ihm
zur Desertierung Beihilfe zu leisten ; er bekam von ihm Geld zur
Fluchi nach England und Zivilkleider.
Die Zahl der eine Person gleichzeitig verfolgenden Er-
presser, sei es, daU sie unabhangig von einander oder mit ein-
ander verbunden arbeiten, ist oft eine erhebliche.
Ein wohlhabender Homosexueller erzahlte mir einmal, dafi er seit
langen Jahren in sein Jahresbudget einen Posten von 1500 Mk. als
„Erpresserunkosten" aufgenommen habe. AUerdings war sein Ge-
schmack ein so eigenartig masochistischer, daB er ihn direkt zu
Prellern fiihrte. Wie weit sich aber auch sonst die an einem ein-
zigen veriibten Erpressungen ausdehnen konnen, zeigt das Beispiel
des Bankkassierers Kehrmann, dessen Fall im Jahre 1875 in
Frankfurt a. M. verhandelt wurde. Nicht weniger als 24 Erpresser
waren angekljigt. Ulrichs^) hat diesen ProzeB noch in seiner
letzten Schrift erwahnt, und es lohnt sich seine pathetische aber an-
schauliche Schilderung wiederzugeben : „Ein ganzer Schwarm von
Rupfern war nach una nach iiber den Urning Kehrmann hergefallen,
wie ein Schwarm blutsaugerischer Insekten iiber ein gebunden am Wege
liegendes Tier. 24 Rupfer konnten am 25. September 1875 verurteilt
werden. Eine bedeutende Anzahl anderer konnte nicht ermittelt oder
nicht beigebracht werden. Pie Erpressungen wuiden etwa 6 Jahre
lang betrieben, anfangs nur von wenigen. Von Monat zu Monat mehrte
sich der Schwarm. Von Monat zu Monat flogen neue Sanger herbei,
angelockt durch den siifien Geruch. Endlich, als die erprefite Summe
schon 242 000 Mk. betrug, kam die Sache ans Licht, aber o h n e
Kehrmanns freigewoUtes Zutun. Noch immer war es ihm nicht moglich,
die Anzeige zu machen. Noch immer erstickte ihm der Paragraph
die Stimme. Es kam so. Die Geldforderungen wurden immer hoher,
die Drohungen immer beangstigender. Als K. sich vor den Vampiren
gar nicht mehr anders zu retten wuCte, griff er die Kasse eines Bank-
hauses an, die er verwaltete. Von nun an war er resigniert. Er ergab
2> U 1 r i c h s , Kritische Pfeile, p. 87.
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sioh in sein Sohicksal. Die Hupfer setzten ihre Erpressangen fort und
er setzte seine Unterschlagungen fort. Die Entdeckung der Unter-
schlagungen war nur eine Frage der Zeit. Die Entdeckung erfolgte ; und
ietzt, als Freiheit und Ehre fiir ihn doch einmal dahin waren, erst
jetzt zeigte er die Erpressun^en an, die an ihm veriibt waren." Ich
kenne eine ganze Reihe ahnlicher Falle, in denen Urninge aus An^jst
vor den Erpressern Unterschlagungen, Diebstahle und Betriigereien
veriibten. Erst in diesem Winter kam einer in Osnabriick und ein
anderer in Berlin — der des Bankdefraudanten H. ' — zur Ver-
handJung.
Wie wird die Erprestfung ausgefiihrt? Teila
mtindlich, teils schriftlich, oft auf beiderlei Wegen, hie und da
auch mittels Druckschriften. Oft tragt schon die blofie Gegen-
wart fiolcher Mensclien einen erpresserischen Charakter, bei-
spielsweise wenn sie unvermittelt die Wohnung oder das Kontor
ihree Opf era aufsuchen, w&hrend eioh etwa nebenan seine Familie
oder das Personal befindet, und das Zimmer nicht eher veiV-
lassen zu woUen erkl&ren, bia ihre „Bedingungen" erftillt sind.
Oder wenn ein solcher Mensch Tag fiir Tag als lebendes Auf-
rufungszeichen vor dem Hause seines Opfers auf- und ab-
wandelt, diesem, wenn er heraustritt, folgt, urn dann an dem
Orte, wo er zu tun hat, weiter zu warten.
In einem Falle, in dem der ErpreBte in seiner Angst zu mir kam,
klopften drei halbwiiohsige Burschen, deren einem gegeniiber er sich
eine Unvorsichtigkeit hatte zuschulden kommen lassen, jede Woche
mehrmals an das Fenster seines zu ebener Erde gelegenen Dienst-
bureaus, wo er seit 8 Jahren beschaftigt war. Es kommt auch vor,
d&Q der Erpresser auf den Wagen seines Opfers zu springen eucht,
wie es vor einigen Jahren einer der gefiirchtetsten Erpresser Berlins,
der Bereiter Assmann tat. SchlieBlich spnang er sogar auf die Equi-
page eines Verwandten unseres Eaisens, in die dieser soeben einge-
stiegen war, so daB dem Herm — der Fall ging damals auch durch
die Presse — niohts weiter iibrig blieb, als Anzeige zu enstatten, die
dem Erpresser zwar eine schwere Straie einbracnte, dem ErpreBten
selbst aber Position und Reputation kostete.
Besonders gefiirchtet ist es, wenn die Erpresser Ihren Opfem aus
den GroBstadten 'in ihre Heimat nachreisen, in kleine Provinzialstadte
Oder auf ihre Landgiiter, alles Falle, die aurofiaus nicht, zu den Selten-
heiten gehoren. Ein Erpresser klebte immer nur Zettel an die Tur
seines Opfers mit der Aufschrift: „A .... f ... . r".
Nicht selten suchen die Erpresser die Homosexuellen auch da-
durch in Verle^enheit zu bringen und einzuschiichtern, daB sie sie
durch verdachtige Boten aus ihren Geschaften herausrufen lassen
oder — und das ist seit einigen Jahren besonders en vogue — sie an
das Telephon kommen lassen.
Das verbreitetste und charakteri^ischste Dokument ihrer
Wirksamkeit ist aber auch' heute noch der Erpresserbrief-
Wer viele Erpresserbriefe gelesen hat — in meiner Sammlung
befinden sich weit liber tausend — kdnnte glauben, daB es wie
einen Briefsteller ftir Liebende auch einen solchen ftlr
Erpresser gibt; so stereotyp ist die mit Scheinheiligkeit, oft
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sogar mit Schmeicheleien gemischte Bedrohung, die uns bei ihrer
Lektiire entgegentritt. Ein echter Erpresserbrief enthalt vor
alleni dreierlei: einmal die Angabe der eigenen N o 1 1 a g e ,
zweitens die der Geldforderung und drittens die mehr oder
minder verkappte Einschlichterung, die oft erst im Post-
skriptum enthalten ist, etwa folgendermaCen : „Sollte ich bis
morgen keine Ant wort bekommen, nehme ich an, daB Sie selbst
gerichtliche Entscheidung wlinsehen. Mein Leben ist durch Sie
ja ohnehin zerstort.**
Der Erpresserbrief hat vielfach sohon ein charaktcristisches
Kuvert. Meist wird er eingeschrieben oder durch Eilboten geschickt,
cdcr enthalt Aufschriften wie: „eigenhandig abzugeben", ., strong ver-
tra\iJich". „dfingend**, „pers6nlich**. Auch „Nachnahmebriefe" mit der
vulleu Namensunterschrift des Erpressers auf dem Umschlag ohue
begicilendo Zeilen kommen vor. Dieses Dringliche und Eiutiringlichc
findet sich auch im Inhalt wieder. In der Art wie der BriefschroibHr
rasches Handeln und schnelle Entschliisse herbeizufiihren sucht, verriit
sich oft das Gewalttatige seines Vorgehens. Womoglich wird telegra-
pliischo Sendung des ueldes erbefcen. Erfolgt keine Antwort, wird,
um den Druck zu verstarken, haufig zu offenen Postkarten iiberge-
gangen. Sehr bezeichnend ist weiterhin der eigentiimliche Gegen-
satz zwischen dem bedrohlichen Inhalt einerseits und der Uber- und
besonders der Unterschrift andei*erseits, die oft selbst in schwerstcMi
Erpresserbriefen von ausgesuchter Hoflichkeit ja Zartlichkeit sind.
Es ist nichts Ungewohnliches, daB ein Brief, in dem „mordsmai3iger"
Skandai vou dem Erpresser in Aussicht gestellt wird, falls nicht post-
wendend drei „blaue Lappen" geschickt werden, mit den Worton :
„GeJiebter Freund" oder „mein Mauschen" begonnen und ,,mit tausend
Kiissen von Deinem siilJen Heini" oder „Deinem Liebling" beschlossen
wird. Im iibrigen enthalten viele Erpresserbriefe die voile Namcus-
unterschrift und Adresse des Prellers, weil er dadurch seine Furcht-
losigkeit ausdriicken will; es gibt aber auch anonyme Erpresser, ferner
solcne mit gefalschten Namen oder eigentiimlichen Schreck- und Spitz-
namen, wie „the devil" oder „Dein Verhiingnis" oder „die kalte Hand"
oder es unterschreibt jemand — alles Beispiele aus der Praxis — „es
kiiBt Dich innigst Deine Schraube ohne Ende". Ein rair, wahrend
ich dies gerade schreibe, von einem Homosexuellen vorgeleg^ter Er-
presserbrief hat folgenden Wortlaut: „Hierdurch teilen wir l)ir mit,
daB Du dem Boten 20 Mark geben sollst. Wenn die Boten nicht in
5 Minuten mit dem Gelde unten sind, kommen 6 scharfe Luden hcrauf
mit Revolvern bewaffnet und iibergeben Dir der Sittenpolizei wegen
.... nach § 175 tmd 177. AchtungsvoU sechs Mitglieder der schwarzen
Hand." Unter der Unterschrift ist ein Dolch, ein Schlagring und ein
Kreuz gezeichnet. An Stelle der vier Punkte stehen vier Ausdriickc
sexueller Akte, die so unanstandig sind, daB ihre Wiedergabe nicht
moglich ist. Auch das ist fiir Erpresserbriefe sehr charakteristisch.
Der Erpresser spekuliert darauf, daB der Homosexuelle sich schiimt,
andere so gemeine Worte lesen zu lassen.
Was fordert der Erpresser? Die erpreUten Geldsummen
schwanken in sehr weiten Abstanden. Oft handelt es sich um
ganz geringfligige, oft aber auch um Betrage, die in die Hundert-
tausende gehen. Die Beangstigung kann in beiden Fallen gleicli
groIJ sein, die Hohe des Abgenotigten hangt von der Vermogens-
Hirschfeld, Homosextialitat. g5
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lage und der Stcllung des Opfers, dem Ort des Zusammen-
treffens und der Dauen der Erpressung ab.
Selir hiiufig l)etont der Erpresser, daO er die geforderten Suiiiiueii
niclit geschenkt, sondern niir gelieheii haben will, sehickt iin voraus
unterfertigte Sclmldscheinc und Quittungen ein, da er selbstversta:id-
licli alles ,,^^d Heller und Pfennig**, womciglieli „mit Zins und Zinses-
zins ' wiedererstattea wird. Hat der Homosexuelle seincn Namen zu
verbergen gewuBt, hat der Verkehr auOerhalb seiner Wohnung stati-
gefunden, so hat es oft mit einer einmaligen niehr oder minder
groBen Ausbeutung sein Bewenden, viel sciiliniiner iiegt es, weiiii
(k'r Preller die Personal ien seines Opfers kennt, die er natiirlich
iiieist, wenn auch nicht immer, zu erfahren bemiiht .ist. Ich kenne
FiiUe, in denen er sich sogar, um die njiheren Verhaltnisse seines
Opfers zu erfahren, an Auskunftsbureaus und Detektive wandte. Dabci
hegniigt er sich keineswegs mit dem, was der Homosexuelle selbst
bositzt. Es ist wiederholt vorgekommen, daB er ihn, um seine eigene
Habsiicht zu befriedigen, gezwungen hat, Schulden zu maciien, ja,
sic) I an fremdem Eigentum zu vergreifen. Ich erwijlmte oben bereils
als Beispiel den Fall Kehrmann, der 212000 Mark veruntreut
hatte, um seine Vampire zu befriedigen. Hinsichtlich der Hohe der
Summe steht diescr Fall nicht vereinzelt da, ja, er wird von anderen
iibertroffen ; im Falle des Chanteurs W o 1 f 1 , dor vor einigen Jahren
in Miinchen zum ^erichtlichen Verfahren fiihrte, handelte es sich
um reichlich 515 000 Mark, die einem homosexuellen Rechtsanwalt
erprefit waren. Ungefahr die gloiche Summe, genau stand die Hohe
nicht fesl. schien der Rennfaluvr ?> r e u e r nach und nach nus dem
Miihlenbesitzer Matt one t herausbokommen zu haben. In einem
anderen Erpressuiigsfcldzug, den ein Gentlemanverbrecher mit groBera
Raffincment und noch groBerer Ziihigkeit gegen einen Jiomosexuellen
(xroBgrundbesitzer fiihrte, wurde nahezu eiiie Million Mark gefordert.
Einen weiteren Fall kenne ich, in dem ein Erpresser von einem eben-
falls hochgestellten Herrn auf einmal die Kleinigkeit von 212 000 Mark
begehrte. Der Herr war zu einor freiwilligen Abfindung von 20 OUO Mark
erbotig. Wir hielten ihn davon zuriick, und es gelang, den Erpresser
mit ziemlicher Miihe gilnzlich von ihm abzuschiitteln. Ein Erpresser,
dem ich auf Wunsch eines alteren Offiziers ins Gewissen redete,
hatte von diesem kurz zuvor auf ein Brett 20 000 Mark erhalten. Dem
Amerikaner Robert B. waren, bevor er im Dezember 1905 im Hause
seiner Mutter Selbstmord veriibte, von seineiii Erpresser, einem ge-
wissen John H., 30 000 Dollars unler Drohungeii abgerungen worden.
In dem Frtril') ge«^en die drei P>resUni<r Erjucsser des Landgerichts-
direktors H. heiCt es : ,,I>ie Beweisaufnahme hat oi>,^'ben, daB die drei An-
geklagU a geuieinschaftlich 2G 400 Mark von 11. orpreBt haben. Liichel
hat alsdann die Erpressungen selbstiindig fortgesetzt mid fiir seinen
I'eil noch 14 000 Mark von H. erpreBt. Bei der 8trafzumessung war zu
erwiigen, daC sie die Erpressungen gegen den Landgerichtsdirektor H.
in der raffiniertesten Weise begangen und dieses Treiben auch noch
fortgesetzt haben, als ihnen bekannt war, daB H. keinen Pfennig mehr
besaB, sondern sich das Geld borgen muBte."
in den Pariser Polizeimemoirm von Carlier*) wird hericlitet,
daB sich mehrere Pariser Rupins — so lieiBen dort die Erpresser der
Homosexuellen — ,,sich ein Vermogen zusammengerafft haben, welches
ihnen gestattete, nach Niederlegung ihres Geschaftes als Rentiers
auf ihren Lorbeeren zu ruhen in Villen vor Paris, denen weder Garten-
salon noch Bibliothekzimmer fehlte**. Ein Berliner Erpresser legte
•^) C'f. Monatsl)erirhte des W.-h.-K. 1905 Xr. 2, p. 2ff., Xr. S,
p. 'ML, Nr. 4, S. 2 f f .
*) Paris 1855.
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in vier Jahren 30 000 Mark „auf die hohe Kante", ein ebenso raffi-
nierter wie vorsichtiger Londoner Preller, der auf eine nnbeanstandete
Laufbahn von 20 Jahren zuriickblickt, bezifferte sein durchschnitt-
liches Jahreseinkommen auf 800 Pfund Sterling.
Bei den Erpressungen handelt es sich durehaus nicht immer
um bares Geld, sondem oft um Wertobjekte anderer Art,
namentlich Uhren, Brillanten, goldene und silberne Sch'muck-
sachen, Ringe, Zigarettenetuis und dergl. Entweder werden diese
Gegenstande direkt abgefordert, oder sie werden, und das ist
das haufigere, gewaltsam entrissen oder heimlich entwendet und
mit den hohnischen Worten: ,,Bitte zeigen Sie mich doch an"
behalten.
In einem Erpresserbriefe heiUt es: „Lieber Freundl Ich nehme
Dir Deine samtlichen Goldsachen, auf deutsch: ich stehle sie Dir,
woriiber Du gewiB nicht sehr erfreut sein wirst. Das tut aber nichts :
irh habe Geld notig und Du kannst die Sachen entbehren. Willst Du
mich nun anzeigen, so steht es ganz bei Dir, ob Du Dich blamieren
willst. Ich fiir meine Person mache mir nichts daraus. Ich will
Dir nur sagen, daU Du diesmal einem Preller in die Hande gefallen
bist." Der Erpresser weiU nurzu gut, was dem ErpreBten den Mund
verschlieBt und die Kehle zuschniirt. Diese erpreBte Duldung an ihnen
begangener Verbrechen gehort zu dem Schrecklichsten auf diesem
an Schrecknissen gewiB nicht armen Gebiet. Es ist sicher nicht
iibcrlrieben, wenn ich auf Grund meiner Praxis behaupte, daB jahrlich
die Anerkenntnis von Hunderten gefalschter Unterschriften
erpreCt wird. Ein Trick vieler Erpresser ist es namlich, Wechsel aiif
den Namen ihrer Opfer zu falschen. Wenn dieser ihnen am Verfall-
tage zu ihrem Erstaunen prasentiert wird — meist ist der Akzeptant
mit im Komplott — so ist der Urning gewohnlich so verbliifft und
verangstigt, daB er die fingierte Unterschrift als seine annimmt und
zahlt. Vor einiger Zeit kam es vor, daB ein Erpresser mit der Unter-
schrift seines Opfers, ohne daB dieser eine Ahnung davon hatte, an einc
Bank um telegraphische Ubersendung einer hoheren Summe aus seinem
Depot — die Depotnummer war ^beigefiigt — depeschierte. Das In-
stitut ging nicht in die Falle, wie iiberhaupt diese Delikte sicherlich
noch viel haufiger sein wiirden, wenn nicht die in Frage kommenden
Zahlstellen, vor allem also die Banken, sich bereits groBer Vorsicht
befleiBigten. Sehr viele Beispiele konnte ich auch anfiihren, in denen
die Erpresser leichtsinnige Schulden auf den Namen ihrer Opfer
machten, oft begniigen sie sich dann, die Bezahlung der Schuld
zu verlangen, ebenso liilufig lassen sie aber direkt dem angeblichen
Verwandten die Schneider-, Schuhmacher- oder Wascherechnung zur
Begleichung ins Haus schicken. Die Bezahlung dieser Schulden fallt
dem Homosexuellen oft um so schwerer, als die von dera Erpresser
gemachteu Ausgaben meist auf das scharfste mit seiner eigenen be-
scheidenen Lebensfiihrung kontrastieren. So wurden in Dres<len einem
Herrn Rechnungen iiber fiinfzig Krawatten und acht Paar Schuhe vor-
gelegt, die sein vorgeblicher Neffe an einem Tage eingekauft hatte.
Im allgemeinen werden die erpreBten Gelder den ange-
gebenen Zwecken nur selten zugeflihrt, vielmehr meist leicht-
fertig verschleudert, besonders haufig mit weiblichen Prosti-
tuierten, noch ofter im Spiel.
Auch B r e u e r hatte die Hunderttausende Mattonets „ver-
jeut**. Ich erinnere mich eines Falles, in dem jemand 500 Mark
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forderte, well seine Mutter schvver krank und die Not bei ihm zu Hause
unertriiglich sei. Als er das Geld bekommen hatte, fubr or auf die
Rennbahn, setzte die Summe auf ein Pferd und hatte bereits eine
Stunde nach dem Empfang nichts mehr in der Tasche. Oft werden
auch Renten, meist in monatlichen oder vierteljahrlichen Raten zahl-
bar erpreBt. Solange der Preller ,sie erhalt, ist meist aJles ruhig,
doch wehe, wenn man ihn einen oder mehrere Tage iiber den Verfall-
termin warten laBt. dann setzen sogleich wieder die Droh- und
Scbmahbriefe ein. Ich kannte einen woblhabenden Berliner Rentier,
der vielo Jahre bis zu seinem Tode an vier Erpresser durch einen
Anwalt „Pensionen" zahlen lieB, einer erhielt 200 Mark, zwei 125
Mark und einer 100 Mark ; cr bemerkte, daB diese Summe zusammen
dem entsprache, was er selbst monatlich fiir seine eigane Person zu
verzv hren hatte. Auch Verschreibungen von Grundstiicken, Vermacht-
niss \ letztwillige Verfiigungen, kurz, Urkunden aller Art, werden er-
prel-i. Als vor einigen Jahren ein homosexueller Arzt eines plotz-
lichcn und geheimnisvollen Todes starb und man in seinem Testa-
ment als Universalerben einen jungen Menschen angegeben fand, der
ihn friiher erpreBt hatte, wurde bei der Familie der Verdacht laut,
ob nicht der Erbe den Tod veranlaBt haben konne ; doch muBte das
Ermittelungsverfahren mangels Beweises eingestellt werden.
Ill Ehescheidungsprozessen sucht die heterosexuelle Partei
oft genug ihre Bedingungen durchzudrticken, indem sie dem Ehe-
partner die Enthtillung seiner homosexuellen Natur androht. So
benutzte, als sich vor einigen Jahren der Sohn einer Pariser
Millionarsfamilie von der Tochter eines bekannten Kiinsitlers
scheiden lieiJ, deren Familie die Gelegenheit, der Ehefrau cine
jahrliche Rente von 50000 Frs. gegen Verschweigen der Homo-
sexualitat des jungen Gatten, (die librigens viel bekannter war,
als dieser vermutete) zu sichern. Ich kenne mehr als einen
ProzeB, weiB von mehr als einer Vermogens-, Geschafts- oder
Rangstreitigkeit, in denen ein Gegner den anderen, und zwar
meist den im Recht befindlichen, zum Nachgeben zwang, indem
er mehr oder weniger plump durchblicken liefl, er wisse von
seiner Homosexualitat. Ein urnischer Arzt in Suddeutschland,
der auf dem Lande praktizierte, zeigte mir eine ihm zugegangene
anonyme Karte, auf der die Worte ptanden: ,,Raumen Sie
baldigst das Fold; D. ist genau liber Sie unterrichtet". D., ein
jlingerer Konkurrent, der sich seit einem Jahre in dem gleichen
Orte niedergelassen hatte, war der Schreiber der Postkarte
selbst, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Der bedrohte Arzt gab
seine gute Praxis auf.
1st auch die Gefahr, erpreBt zu werden, fiir einen Urning v.m so
groBer, jo wohlhabender er ist, und kann ich recht wohl den Stand-
punkt eines verarmten adligen Homosexuellen verstehen, der mir ein-
mal in einer Herbcrge, wo ich ihn traf, bemerkte: „erst seitdem man
mir nichts mehr nehmen kann, kann ich mich des Lebens freuen,"
so vermag ich doch nicht U 1 r i c h s beizustimmen, wenn er einmal
meint: „Nur gut situierten Urningen ist der Rupfer gefahrlioh. Einem
nrmeii Teufcl tut or nichts zu leidc. Dieser darf ruhig sein in der
Njihe des Gefahrlichsten. Cantabit vacuus coram latrone viator."
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Ich Labe wiederholt gesehen, daU Arbeiter, Handwerker, Tagelohner von
Brpressern um ihr sauer verdientes Brot gebracht warden. Besonders
ist mir ein Fall in Erinnerung, in dem ein Preller einen kleinen An-
gestellten jeden Sonnabend abfing, um ihm fast den ganzen Wochen-
iohn abzunehmen. Auch Erpressungen an jungen Leuten, die noch
nicht selbstiindig verdienen, Studenten, ja Gyranasiasten, kommen vor.
In den armeren Klassen wird nicht selten die Beihilfe zu Ver»
brecben, vor allem Hehlerei, erpreBt. So lernte ich zwei Falle kennen,
in denen die Erpresser gestohlen batten und ihre Opfer notigten,
ihnen die Sachen zu „verscharfen", sonst wiirden sie mit den Homo-
sexuellen kurzen ProzeC machen.
Womit droht der Erpresser ? Mit allem was den Urning
in Gef ahr bringt, seine Stellung, Ansehen, Freiheit und Existenz
zu verlieren, also mit Anzeige bei der Polizei, Denunziation bei
der Staatsanwaltschaft, Mitteilung an die vorgesetzten Behorden,
„Meldung beim Rsgiment", Berichten an Verwandte, namentlich
Gattin und Eltern, mit offentlichem Skandai. In ,den letzten
Jahren ist hinsichtlich des Inhalts der Drohung eine wesent-
licho Wandlung eingetreten. Wahrend friiher am haufigsten ge-
richtliche Schritte in Aussicht gestellt wurden, stehen
jetzt Anktindigungen von Zeitungsartikeln an erster Stelle.
Es sind besonders Blatter mit charakteristischen Titeln,
denen der Erpresser seine Enthiillungen zu iibersenden droht, der Laterne,
Leuchte, der Sonne, dem Wachter, dem Beobachter, dcra Unabhangigen,
Freimiitigen, der Glocke, der Wahrheit. In einem Falle drohte der
Erpresser, er wolle ein Blatt griinden mit der Aufschrift: „Der Pran-
fer". Ein spaterer Etymologe, der gewalir wiirde, mit welcher Haufig-
eit die Erpresser unserer Zeit mit Veroffentlichungen in der Presse
drohten, konnte fast auf den Gedanken kommen, dafi das Wort
Erpresser nicht von „pressen", sondern von „Presse" seinen Ursprung
genommen hat.
Bei prominenteren Personen stellt der Erpresser nicht selten
auch das Erscheinen einer besonderen „Broschiire" oder eines Flug-
blattes in Aussicht, deren „sensationelle Enthiillungen nicht verfehlen
werden", das allergroBte „Aufsehen zu erregen". Manchmal legt der
Erpresser sogar das Manuskript der Schmahschrift vor und fragt an,
ob der Herr ihm wohl fiir den Schaden aufkommen wiirde, der dem Ver-
fasser naturgemaB erwiichse, wenn er sein Buch, das sicherlich leiBen-
den Absa^z finden wiirde, zuriickhalte. Da er lediglich sein Geschafts-
interesse im Auge liabe — fiihrt er fort — , so hatte er nicbts dagegen,
wenn der Herr, sollte ihm etwa der Inhalt der Schrift unangenehm
sein, es vorzielie, seinerseits die bereits druckfertige Auflage aufzu-
kaufen. Mehr als ein Mann von Bedeutung ist auf dieses Anerbieten
hereingefallen, selbst wenn das Pamphlet nichts als Unwahrheiten und
Verdrehungen enthielt. Es hat sich dieses Entgegenkommen aber
stets als ein verhangnisvoller Fehler erwiesen, denn nach ganz kurzer
Zeit pflegt der Autor dann mit einer neuen Druckschrift wieder-
zukommen, oder er maclit es, wie es kiirzlich in einem Falle, der sich
im Ausland ereignete, geschah, er teilt mit, daU bei dem beriihmten
Namen, dessen sich der Erprefite in der Offentlichkeit erfreue, jetzt
siclier schon eine zweite oder dritte Auflage notig sein wiirde, die er
dem Herrn — natiirlich nur aus reinster Menschenfreundlichkeit —
gern wiederum vor Drucklegung zur Verfiigung stelle. In dem er-
wahnten Falle hatte der Ilerr — ein bekannter Gelehrter — nach und
nach z e h n bis zwolf der imagiiiaren Auflagen erworben. Als schlieB-
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lich dem Verzweifelten die Geduld riB und er Anzeige erstattete, wan-
derte der Erprcsser, der in geschickter Weise das „wenii nicht — dann**
vermieden hatte, fiir kurze Zeit wegen Beleidigung ins Gefangnis.
wahrend der ErpreBte seino hohe Stellung daran geben und, was ihm
schnierzlicher war, es erlebcn muBte, dafi eine auf seinen Lieblin^s-
jiinger gefalleno Wahl als Direktor eines Instituts infolge der in aer
Skandalschrift cnthaltenen, den Tatsachen keineswegs entsprechen-
den Andeulungen ruckgangig gemacht wurde. In einem ahnliehen Falle
in Deutschland hatte der Erprcsser, der aber bereits vor Erscheinen
der ersten Auflage zu einer langeren Freiheitsstrafe verurteilt wurde,
seine Schrift: „ En thiil lunge n aus dem Konigreich Uranien" benannt.
Meist tritl der Pampliletist nicht direkt an sein Opfer heran, sondern
es stellen sich dritte Personen — „die es mit ihm gut raeinen" — ,
beispielsweise der Drucker oder Verleger ein, und erteilen den Rat,
doch dem Skandal zuvorzukommen ; sie wiirden sich ihrerseits Miihe
geben, den Verfasser zu beruhigen, vielleicht konne man sich dann
noch im Guten einigen. Oft handeln diese Vermittler bona fide, meist
aber stecken sie mit dem Preller unter einer Decke.
Haufiger als man im allgemeinen annimmt, droht auch
der Erpresser der Homosexuellen mit Handgreiflichkeiten und
korperlichen Gewalttatigkeiten. Wiederholt sind mir Vorgange
berichtet, die sich etwa wie folgt abspielen. Unmittelbar nach
dem Verkehr, auch wohl schon wahrend oder vor demselben
verlangt der Erpresser eine hohere Summe, als die vereinbarte
oder freiwillig gegebene. Auf die Gegenrede des Herrn erwidert
er: ,,Wenn Sie nicht woUen, brauchen Sie mir ja die 50 Mark
nicht zu geben; ich! zeige Sie nicht an, ich tin kein Erpressier.
Aber meine Faust — • er halt sie ihm vor die Augen — werden
Sie zu spliren bekommen, daU Sie an mich denken." Bei dem
senaiblen Homosexuellen verfehlt diese Einschtichterung selten
ihre Wirkung. Waffen bedient sich der Erpresser dagegen nur
selten.
Immerhin weiB ich von mehreren Fallen, besonders bei roma-
nischen Volkern, in denen auch das geziickte Messer eine Rolle spielte,
und andere, in denen der Erpresser drohte, sein Opfer ,,einfach liber
den Haufen zu schieBen". Die vielfach bildlich bei Erpressangen
gebrauchte Redensart: die Pistole auf die Brust setzen, hat noch nicht
ihre tatsachliche Grundlage verloren, von der sie offenbar urspi-unglich
hergeleitet ist. Zunachst schwerer verstandlich ist die verhaltnismaiiig
haufige Drohung des Erpressers, er wiirde, wenn er nicht das Ge-
fordertj erhielte, in der Wohnung des ErpreBten „alles kurz und
klein" schlagen, eine Ankiindigung, die offenbar meist weniger von
^^^ut und Rache, als von der Absicht diktiert ist, durch Larm und
Skandal die Aufmerksamkeit der Hausbewohner zu orwecken, was
der Homosexuelle natiirlich in hohem MaBe scheut. Oft ist auch die
Erpressung mit Freiheitsberaubung verbunden, indem der Peiniger
innen vor der verschlossenen Ausgangstiir des Zimmers Aufstellung
nimmt und von dem Geangstigten ein Losegeld fordert. So geschah
cs vor kurzem in Berlin einem jungen Priester. Nachdem der Preller
ihn giinzlich ausgepliindert hatte, verstellte er ihm den Ausgang und
sagte : „Und nun verlange ich noch von Ihnen das Ehrenwort, daB Sie
nicht liber das Vorgefallene mit Dr. Hirschfeld sprechen." Nachdem
er dies Versprechen erhalten, lieB er ihn heraus. Am andern Morgen
kam der Geistliche sehr friih in meine Wohnung, um mit unserem
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Sekrt^tar zu reden. mir selbst konne er sc-in Anlicgen nicht vortrn^orcn.
da er durcli scin Wort gebundoa sei.
Hat. der Verkelir sicb in der Wohnung des Ilomosexuellen abgespielt,
so ereiguet sich wolil aucb das Umgekehrte, daB namlich der Erpresser
sich ^nergiscb weigert, die Wolinung zu verlassen. So crklarte in
einem Fall, in deni ich jiingst zu Rate gezogen wurde, ein Diener dem
Herrn, der ihm gekiindigt liatto. er gint!;o nirbt aus dem Hause. wenn
er nicht erst .,fiir seinen Scbaden" mit 10 000 Mark gedeckt wiirde. Es
blieb nichts weiter iibrig, als ihn mit Hilfe der Polizei zu entforuen.
Fn zwei mir bekannt gewordenen Fallen sperrte der Erpresser sein
Opfer in kalter Winternacht auf den Balkon seiner Wohnung. Wieder-
holt sind Fiille vorgekommen, in denen Erpresser Gewalltatigkeiten am
membrum virile der Opfer veriibten, beispielsweise an diesem so lange
rissen, bi.^ die geforderte Summe bewilligt war, oder gar hincin bissen ;
so land (lehcimrat Leppmann bei dem wogen Totung eines Er-
piessers angeklagtcn Dioner R. Narben am Gliede, die. wie er in soinero
Gut.'K-btcn ausfiihrto. von BiBwimden stammtcn. die ihm von einem
friiberen Erpresser beigebracht waren.
Nicht selten wird die Frage aufgeworfen, ob die Erpresser
ihre Drohungen in Handlungen umsetzen? Im allgemeinen mu6
dieses verneint werden, aber doch nur bis zu einem gewissen
Grade. Im Grundo hat ja der Preller nur eins im Auge : Geld
und wiiulerum Geld ; an einer Bestraf ung, Benachteiligung oder
gar Verniehtung seines Opfers liegt ihm an sich nichts. Des-
halb kenne ich auch kaum] einenFall, in dem ein Erpresser vor
seiner Verhaftung die in Aussicht gestellte Anzeige bei den
Gerichten erstattet hat. Er ist sich niir zn gut bewuBt, da6
ihm dies keinen materiellen Vort^^il, moglicherweise aber
schweren Nachteil bringen kann. Nur wenn der Erprefite gegen
seinen Vampir vorgegangen ist, macht der letztere, und auch
das keineswe^us regelmafiig, gewohnlich aus dem Gefangnis eine
Gegenanz'^igo, teils um sich zu rachen, teils um sein Vorgehen
zu entschiildigen. Auch die angeklindigten Zeitungsartikel
schreibt der Erpresser fast nie, es sei denn, daU er selbst* ein
Rcdakteur oder Journalist von der Art ist, die man als
Re vol V e r jcurnal's'eu lezeichnet hat, ein sehr treffender
Name, well die Sehreibfeder in der Hand dieser Leute tatsach-
lich oft genug nicht nur als Androhungs- sondern auch als Ver-
nichtungsinittel die Wirkung einer SchulJwaffe hat.
Auch an die vorgesetzte Behorde schreibt der Erpresser in Wirk-
lichkeit selten, um so eher dagegen an die Verwandten, den Vater,
die Mutter, die Ehofrau, von denen er hofft, daC sie aus Fiirc^ht
und Liebc um den ErpreBten diesem zureden werden. Geld herzugel)e'i.
Wir geben das Beispiel eines solclien Erpresserbriefes an die flutter:
j.Guadige Frau es tut mir ser leid, ihnen mitzuteilen, daB ihr Sohn
mich geschandet hat. Als ich im November hier in W. auBer Arbeit
war und keine Wohnung hatte, nam mich ihr Sohn mit nach IlauB zura
schlafen. Als wir dann im Bette waren, hat er mich dermaBen genot-
ziichtigt, daB ich jetzt noch kriinklich bin. Ich habe seit dieser Zeit
8c hmerzciv und kann nicht Arbeiten. Als mich mein Vater frachte,
was mir fehle logte ich ihm die Sache auseinander, wie mirs gegangcn
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ist. Meine Eltern koanen die Mittel nicht auftreiben, was ich dadurch
schon gekostet habe. Mein Vater wird die Sache anzeij^en, wenn ich
nicbt dafiir entschadigt werde, was ich versaumt an Arbeit nnd Doktor.
Es ist besser so, als wie am Gericht, wo es vielleicht eine bose Sache
werden kann. Und daQ ist es was ich mit ihnen sprechen wollte,
Gnadige Frau. Es griiUt Sie N. A. B i 1 1 e A n t w o r t.*'
Tatsachlich komint es auch vor — ich konnte mehr als ein
Beispiel anfiihren — , daB Verwandte sich in ihrer Angst bereit fanden,
das Stillschweigen der Erpresser zu erkaufen, sogar ohne daO sie der
Person, auf die sich die vorgebrachten Enthiillungen und Beschuldigungcn
bezogen, Mitteilung machten. Briefe des Erpressers an Verwandte ihres
Opfers dienen meist nicht dem direkten Zwecke der Schadigung",
sondern dazu, ihrer Erpressung selbst starkeren Nachdruck zu geben,
ebenso wie wenn der Erpresser sein Wort einlost, er werde im Hause
Krach machen oder den Betreffenden auf der StraOe „b'.amieren",
wofiir er oft den Fachausdruck anwendet, er werde ihn „aufbieten".
Auch dann wagt er sich gewohnlich gerade nur so weit vor, daU zwar
allerlei Unannehmlichkeiten, aber nicht die ihm durchaus unerwiinsch-
ten gerichtlichen Verwicklungen eintreten.
Anders ist es wieder zu beurteilen, wenn der Rupfer angedrohte
Gewalttatigkeiten wahr macht. Dann will er eben das, was cr auf
dem einen Wege — dem der gewohnlichen Erpressung — nicht
erreichte, durch das zweite ihm zu Gebote stehende Mittel — das der
riinberischen Erpressung — durchsetzen. Das ihm nicht f rei-
willig oibergebene Portemonnaie nimmt er einfach fort, er entreiOt
die Uhr, streift dem Urning den Ring vom Finger, (einen Fall sah ich
vor einiger Zeit, in dem dabei der Fingernagel abgerissen wurde). zieht
ihm die Busennadel heraus, kurz, beraubt ihn in brutalster Weise.
Derselbe Mensch, der sich noch vor einer Viertelstunde kiissen und
kosen lie!) und selbst mit Judaskiissen nicht sparte, verwandelt sich
in eineu unerbittlichen Feind, in ein wahres menschliches Ungeheuer.
IVr c i s n e r s) schreibt einmal: ,,Mit welcher Frechheit solchc
Strauchdiebe operieren, beweist der Fall, wo ein Uranier auf dem
Platz voj dem Brandenburger Tor in Berlin vollstandig ausgeraubt
wurde, und sich nicht zu riihren wagte, trotzdem swanzig Schriit
davon ein Schutzmann stand." '^amentlich in romanischen Laiideru
sind rauberische Erpressungen sehr hauf ig ; mehr als ein Urning
suchte mich mit Wunden auf, die er bei solchen ErlebnisseJi in Paris,
Briissel, Neapel und anderswo empfangen hatte.
DaB ein Erpresser seinem Opfer sc^hwerere Verletzungen bei-
bringt, als die zu seiner Beraubung erforderlichen, ist nicht
gerade haufig, noch seltener> daB er schliefilich sein Opfer totet.
JDoch kommt es ausnahmsweise vor. Ich gab iiber diesen Punkt in
dem Trierer ProzeC gegen den des Mordes angeklagten Rennfahrer
B r e u e r das vom Staatsanwalt von mir erforderte Gutachten wie
folgt ab:
„Morde an Homosexuellen, namentlich solche im Zusammenhang
mit einer Chantage, erscheinen zunachst theoretisch unwahrscheinlich.
da mit der Totung die sonst immer noch vorhandene Aussicht. Geld
aus dem Opfer herauszupressen, schwindet. Es liegen aber doch eine
ganze Reihe derartiger Falle vor. Ich habe mit Bezug auf di3 heut'ge
Verba ndlung die vorhandene Literatur durchstudiert und konnte zirka
zwanzig hierher gehorige Falle anfiihren. Allein in Berlin sind
in den letzten Jahren fiinf homosexuell Veranlagta getotet: ein Lutter-
handler E n g e 1 , ein Kaufmann L e h m a n n , einer namons Bern-
stein, ein Militarinvalide namens Rose, ein franzosischer Kamraer-
^) Der Uranismus p. 68.
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diener Gaudin; in Paris wurde im Februar d. J. eia Schrifts teller
nameiiri Paul Barreau von zwei Burschen ermordet, mit denen er
homosexuell verkehrb hatte; am 30. September d. J. wurde in Budapest
gegen den 23jahrigen Schauspieler Stefan L i s z k a y verhandelt, der
elnen homosexuell veranlagten Hypothekenmakler S z i 1 a s i ermordet
hatte. Die Motive, die bei diesen und ahnlichen Verbrechen in Frage
kommen, sind folgende:
Entweder handelt es sich um einen Raubmord; der Chan-
teur bringt sein Opfer, das ihm gutwillig nichts mehr geben will, um.
Aus diesem Grunde totete beispielsweise der Italiener Arcangeli in
Triest den homosexuellen Kunsthistoriker Joh. Joach. Winckel'
mann. Ein anderes, selteneres Motiv, das nach Saohlage des vor-
liegenden Falles auch hier nicht voUkommen ausschaltet, ist die
F u r c h t des Chanteurs, der ErpreBte konne ihn der Staatsanwalt-
schaft iibergeben. Zeugen der Bluttat sind bei dem geheimen Oharak-
ter der sich zwischen dem Erpresser und dem ErpreBten abspielenden
Vorgange kaum vorhanden oder zu fiirchten. Daher ist die Wahr-
scheinhchkeit grofier, daB die Totung eher ungesuhnt bleibt als die
Korperverletzung. In Wirklichke'it werden auch die Morder allein-
wohnender Homosexueller fast nie ausfindig gemacht. Ein drittes
Motiv ist R a c h e , im Falle der ErpreBte energisch jede weitere Zu-
wendung ablehnt. Ein viertes Motiv ware die Ausfiihrung einer, weil
einmai ausgesprochenen, manchmal fast autosuggestiv wirkenden Dro-
hung. Im allgemeinen setzen zwar die Chanteure ihre noch so be-
stimmt vorgebrachten Einschiichterungsversuche nicht in die Tat um;
doch kommt auch das Gegenteil vor; so erhielt beispielsweise vor
einigen Jahren ein Stockholmer Rechtsanwalt V. von einem Berliner
Chanteur, mit dem er in homosexuellen Beziehungen gestanden hatte,
eine ihm in Aussicht gestellte sogenannte Hollenmaschine tatsachlich
zugesandt. j i i :: ' il
DaB ein Chanteoir sein Opfer im A f f e k t , in einer Aufwallung
von Jahzorn oder Wut totet, ist nicht sehr wahrscheinlich, da sich
gerade diese Verbrecher, der ganzen Art ihres Vorgehens entsprechend,
dadurch auszeichnen, daB sie wohliiberlegt vorgehen. Wortwechsel
zwischen Homosexuellen und Chanteuren spielen sich gewohnlich auBer-
lioh verhaltnismaBig ruhig ab, mehr nach Art eines 'gegenseitigen
Feilschens. Jeder sucht dem anderen durch scheinbare Kalt-
bliitigkeif und Unerschrockenheit zu imponieren.
Eher wiirde ich es fiir moglich halten, dafi die Totung fahrlassig
eifolgte, indem etwa Breuer dem Mattonet den Revolver zur Ein-
schiichtirung vorhielt, dabei sagte: ,,Wenn du mich im Stich laBt,
mir das Venangte nicht gibst, dann knalle ich dich nieder", \ind die
Waffe dann losging. Fiir letztere Moglichkeit wiirde die Behauptung
Breuers sj>rechen, daB er mit der Handhabung der Browningpistole
nicht Bescheid gewuBt haben will, sowie die Aussage eines Zeugen,
daB der Angeklagte sich iiber den Leichnam gebeugt und weinend ge-
rufen hatte: „Fredi, du bist doch nicht tot?"
Die schwierige Entscheidung, ob und welche von den Straftaten,
die ich als Sachverstandiger nach meiner Erfahrung imd psycho-
logischeii Kenntnis der hier in Frage kommenden Verhaltnisse fiir
moglich halte, im Falle Breuer tatsachlich vorliegt, diese Ent-
scheidung wird der hohe Gerichtshof auf Grund der Beweisaufnahme
zu fallen haben.
Neben der einfachen und rauberischen Erpressung
gibt es noch eine dritte Form, die verkappte oder verschleierte
Erpressung, die sogenannte Chantage, wohl die haufigste und
schlimmste von alien. Die sehlimmste deshalb, weil dem Er-
prefiten doppelt die Hande gebunden sind, einmai durch das Ge-
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heimnis seiner Homosexualitat, das er niclit preisgeben will,
dann dadurch, dafl der Chanteur gesetzlich nicht zu fassen ist,
weil seine Kunstfertigkeit el en darin besteht, „sich durch raffi-
nierte Ausflihrung der Chantage Straflo^igkeit zu sichern. Auch
cr betont seine eigene Notlage, die Verantwortlichkeit und Schuld
des anderen, geht aber peinlich urn die direkte Drohung lierum,
vermeidet vor allem den sonst ftir Erpressungen so charakteri-
stischen Konditionalsatz — ,, falls* niclit, dann" — er kleidet
seine mit versteckten Anspielungen geschickt durchsetzten An-
forderungen in die Form dringlioher Bitten, wobei er es meist so
einzurichten sucht, daU der andere ihm ein Angebot macht, oder
er verlangt ein Darlehn, eine Entschadigung, eine Anfftellung,
immer wieder seine Anstandigkeit hervorhebend „ich will —
heiBt es in einem solchen Briefe — Sie ganz sicher nicht aus-
ziehen, wenn ich das wollte^ konnte ich ja noch einen anderen
Posten hervorbringen, den mit dem Burschen bei der'SchieB-
iibung — ich will es aber nicht in Erwahnung bringen, damit
Sie nicht denken, ich will Sie ausziehen.**
Der Leiter eines groBen Werkes suclite mich einmal in vollster
Verzweiflung auf, er wiirde auf Schritt uud Tritt von einem seiner
Bureaugehilfen, mit dem er einmal masturbiert hatte, bedniiigt, dieser
woilte nichts weiter, als daB der Chef ihm als Gegenleistuug fur sein
Entgegenkommen eine bestimmte Position in seineiii Uiiternchmen
iibtrtrug, zu der er weder seinem Alter noch seinen Fiihigkeiten nacli
feeignet erschien. Er bestand darauf mit seltsamor Ilartnackigkeit,
is dem Direklor nach langen vergeblichen Verhandluriij^on mit ihm und
seiner Familie schlieBlich doch nichts anderes iibrig blieb, als die
Hilfe des Gerichts in Anspruch zu nehmen.
Keinhold^), dem wir die beste Monographic liber |die
Chantage verdanken, definiert den Unterschied zwischen d.or
Erpressung und Chantage wie folgt: „Der Erpresser
bedient sich der Gewalli oder of fener Drohung, der Chanteur
verkappter Drohung; der Erpresser droht mit einem an sich
rechtswidrigen Verhalten, der Chanteur stellt in Aussicht ein an
sich nicht notwendig rechtswidrigcs, ein rechtmaOiges t)bel;
der Erpresser verletzt neben dem Vermoi^en die Freiheit des
Opfers; die Chantage ist ein Vermogensdelikt, welches zugleich
die Ehre des Opfera gefahrdet. Der Erpresser forde:t die Lei-
stung vom Opfer; der Chanteur erwartet in der Kegel die Initia-
tive zur Leistung vom Opfer. Der Erpresser versotzt sein
Opfer in einen Zustand, in welchem es, der normalen Freiheit be-
raubt, in die Leistung einwilligt; der Chanteur f indet in der
Kegel ohne sein Zutun' eine Lage des Opfers vor, die er aus-
beutet.'*
6^ R e i n h o 1 d , a. a. O. p. 27 f.
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Der Ausdruck Chantage stammt aus der franzosischen Verbrecher-
sprache. Er hat hisher nur in der Literatur und in der praktischen
Rcchts.sprechung, dagegen nicht in den Gesetzbiichern Aufnahme ge-
funden. Die einen (L i 1 1 r 6 , Dictionnaire, K 1 6 p p e r , Franzo-
sisches Reallexikon I, S. 794) fiihren den Ausdruck auf eine alt-
franzosische Sitte zuriick, nach welcher der Hausherr seine Gaste
beim Mahle auf alle mogliche Weise dazu brachte, ein Lied zu singen.
,Cette coutume 6tait telle, qu'on n'admettait pas d'excu.ses.* Eine
and ere Erklarung finden wir in den Pandectes beiges ; sie fiihren die
Worte , fa ire chanter* auf die Inquisition zuriick : II parait certain
qu'autrefois les bourreaux faisaient , chanter* leurs victimes. Telle
6tait du moins la fa9on de qualifier les aveux ou les d6clai*ations
arracheei* aux patients dans les douleurs de la torture. Peut-etre est-on
parti de 1^, surtout dans le monde oil fleurit Target, pour assimiler
k I'accusC* mis k la question et forc6 de confesser des crimes r^els
ou imaginaires, la personne qui devient la proi de quelque habile
coquin et qui, expose k une veritable torture morale, se voit contrainte,
elle aussi, de c6der k la volont6 de son bourreau. (Pand. beiges, Chan-
tage Nummer 5)." Bruno ^I e y e r ^) gibt folgende Erklarung:
„Das Wort .chantage* ist ein Kunstausdruck der Jagerei und Fischerei
und bedeutefc ,Larmjagd*. Es bezeichnet jene Art des Jagerei- und
Fischereibetriebes, bei der die Tiere durch allerlei laute Gerausche und
andre Mittel aufgescheucht, hin- und hergehetzt, in bestandiger Angst
und Aufregung erhalt^n und so endlich den Jagern oder Fischern als
leichte Beute zugetrieben werden. Dasselbe bisher durch keln Gesetz
verbotene Spiel treibt der ,Chanteur* mit seinem Opfer. Ohno ihm
Gewalt anzutun oder ihm irgend welche Unannehmlichkeit in Aussicht
zu stellen, sogar ohne ihm irgend etwas abzuverlangen, laBt er ihm
keinen Augenblick Ruhc, bis er weich geworden ist und von s e 1 b e r
entgegenkommt — mit dem Versuche sich loszukaufen. Das ist
danu selbstverstandlich keine Erpressung; aber wie bei einer recht-
schaffenen Erpressung l^eginnt dasselbe Spiel nach jedem Erfolge
imd einer gewissen kurzen Anstandspause wieder von neuem — cum
gratia in infinitum.**
Wenn Wachenfeld in seinem Werke „Homosexualitat und
Strafgesetz** (S. 121) sagt: „Man glaubt, mit der Aufhebung des
§ 175 wiirden die Erpressungen aufhoren. Das ist eine naive An-
schauung. deren Richtigkeit schon durch die Tatsache widerlegt ist,
daU der terminus technicus fiir diese Art Erpressung, , chantage* ge-
rade in einem Lande aufgekommen ist, das keinen ,Urning3paragraphen*
kennt", so iibersieht er, daB dieser Ausdruck schon v o r Aufhebimg
dieses Paragraphen existierte. Er kommt zwar im „Dictionnaire de
TAcademie frangaise Paris 1811** noch nicht vor. Wohl aber findet sich der
Ausdruck „faire chanter quelqu'un: „0n dit, qu'on a fait, qu*on fera
chanter un homme, pour dire, qu'on la r^duit, qu*on le reduira k la
saison.** Wachenfelds Behauptung ware aber auch ohnedies un-
richtig, denn die Strafbestimmungen in Frankreich und besonders
deren Interpretation sind derartig (z. B. die der offentlichen Ver-
letzung der Schamhaftigkeit), dafl dabei der Chantage ein ausgiebiges
Feld eingeraumt wird. Cbrigens findet sich im Nouveau Larousse fol-
gende Stelle : .,Cliantage (deriv6 de chanter, au sens argotique de ce
mot) n. m. Action d'extorquer de I'argent k une personne en exer^ant
sur elle une contrainte morale, en la mena^ant de revelations scan-
daleuses : Lo chantage est une invention de la presse anglaise. (Balzac.)**
In England und Amerika bedient man sich zur Bezeichnung der
Chantage des ebenfalls seltsamen Wortes „b 1 a c k m a i 1**. Ober den Ur-
sprung dieses Wortes teilt F e 1 1 o n (cit. S. &S8) nach Websters
Worterbuch mit: „ Autrefois, les contr6es de TEcusse m^ridionale et
') A. a. O. p. 321.
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du Norcl de TAngleterre etaient tellement infest^es de brigands que
les habitants se trouvaient reduits, pour se preserver corps et biens.
k contracter une sorte de march6 avec les pillards. lis payaient Ik.
des affilies une certaine dime en argent ou en nature, moyennant La-
quelle on s'engageait k les garantir contre les attaques des brigands.
Voil^ cc qu'on appelait: ,blackniair. On disait: pr61ever iin black-
mail.**
Die D a u e r einer Erpressung ;ist sehr verschieden. Oft
hat es, namentlich wenn; der Rupfer nicht Namen und Wohnort
seines Opfers weiB, bei einer einmaligen Erpressung se'in
Bewenden, nicht selten aber ziehen sich die Verfolgungen eines
Prellers durch Jahre, Jahrzehnte, ja durch das ganze Leben
des ErpreBten hin. Es gibt sogar Falle, und sie sind nicht ver-
einzelt, in denen sie das Leben tiberdauern und an den
Hinterbliebenen erfolgreic'h fortge:etzt werden. Es ist daherdurch-
aus folgerichtig, wenn das neue russische Strafgesetzbuch^)
eigens betont, dalJ auch derjeni^e wegen Erpressung bestraft
wird, der sich oder anderen einen Vermogensvorteil zu ver-
schaffen sucht, indem er mit der Veroffentlichung erdichteter
oder wahrer Mitteilungen droht, die nicht nur ihn oder ein
lebendes, sondern auch ein verstorbenes Mitglied der Familie
zu entehren bestimmt sind.
B 1 o c h 3) schreibt : „Oft peinigen diese gemeingefahrlichen Sub-
jekte jahrelang ihre unglucklichen Opfcr. T a r d i e u berichtet von
eiuem beriihmten Gelehrten, dessen Geldbeutel die Erpresser als deu
ihrigeu ansehen durften. Er wurde mehr als zwanzig Jahre hindurch
durch mehrere Generationen von Gaunern ausgebeutet, die einander
dieses sichere Einkommen vermachten."
Vor langerer Zeit wurde mir ein Fall vorgetragen, in dem die Er-
pressungen noch immer fortgesetzt wurden, trotzdem b e i d e Man-
ner, die vor 35 Jahren geschlechtlich miteinander verkelirt- hatten,
langst gestorben waren. Die Ehefrau des urspninglich an Tuberkulose
verstorbenen Erpressers setzte in Gemeinscliaft mit ihrem zweit^n
Gatten die Erpressungen an den Sohnen des verstorbenen Homo-
sexuellen fort. Diese entschlossen sich, die von ihrem Vater zu
Lebzeiten der Frau bezahlte Monatsrente weiter zu entrichten, weil sie
den beriihmten Namen ihres Vaters nicht durch die angedrohte Blofl-
stellung seiner geschlechtlichen Beziehungen herabgesetzt . wissen
wollten.
Es gibt Erpresser, die immer wieder zu bestimmten Zeiten wie
aus einer Versenkung emportauchen, beispielsweise kurz vor Weih-
nachten. Dberhaupt nimmt die Gesamtkurve der Erpressungen in
gewissen Abstanden — so kurz vor imd nach dem Monats- und
Quartalsersten wegen der falligen Miete — sichtlich zu. Auch in
Perioden der Arbeitslosigkeit und des wirtschaftlichen Niedergangs
vermehren sich die Erpressungen. Kriminalkommissar Dr. K o p p hat
in einem Vortrage, den er 1909 auf dem Berliner Polizeiprasidium vor
einer Versammlung hoherer Polizeibeamten iiber das jgewerbsmaBige
Erpressertum hielt, betont, daB auch „die bekannten homosexuellen
Skandalprozesse die Zahl der Erpressungen ganz auCerordentlich ver-
mehrt hatten**. Nach meiner Erfahrung starkt auch jede Bestrafung
^) § 015 des russischen Str.-G.-B. vom 22. III. 1903.
^) r> 1 o c h , Das Sexuallebcn unsercr Zeit, p. 575.
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eines von Erpressem oder ihren Helfershelfern aus Revanche ange-
zeigten Homosexuellen ungemein die Position und die Riihrigkeit 3er
Erpresser. Sie wissen nur zu genau, daB die Furcht der ohnebin angst-
lichen Homosexuellen „mithineinzufallen", und infolgedessen ihre Scheu,
die Preller anzugeben, nun zunachst sehr zunehmen wird und niitzen
diese ciinstige Chance — wie ich in Berlin wiederholt ganz deutlich
feststellen konnte — mit Eifer und Erfolg aus.
Als Regal darf gelten, daB sine geglttckte Erpressung
fast stets wiederfiolt wird, dagegen mit jedem miBgltickten Er-
pressungsversuch die Wahrscheinlichkeit den Erpresser los zu
werden wachst. Das oft angewandte Wort von der Schraube
ohne Ende hat in der Tat seine Bichtigkeit. Nichts ist torichter,
als der von fast alien, auch den schwerslen Erpressem ange-
gebenen Versicherung, es sei nun aber wirklich das letzte
oder allerletzte Mai, Glauben zu schenken. Ich besitze Erpresser-
korrespondenzen, in denen diesf 30 und mehr mal hintereinander
immer wieder ,4ioch und heilig** versprochen wurde.
Das schlieBliche Ende einer Erpressung kann vom Er-
presser oder vom ErpreBten ausgehen, je nach dem im Kampf
beider — denn um einen solchen handelt es sich — sich der eine
oder der andere als der Starkere . und tlberlegene erweist. Ich
habe Erpresser, mit denen zu verhandeln mich Homosexuelle
ersuchten, oft davon zu liberzeugen gesucht, daB der ErpreBte
ihnen gegentiber sich imj Zustande der Notwehr befindet, daB
sie, wenn nun gegen sie die Offens'ive ergriffen werden
wiirde, trotz ihrer hSufigen Einrede „sie hatten ja doch nichts
zu verlieren**, den Klirzeren ziehen wlirden. Gelingt es, ihnen
dies klar zu machen, so ist dies sehr viel wirksamer als ein
Appell an das Mitleid, der bei diesen ebenso hartnackigen wie
hartherzigen Menschen fast stets versagt. Macht ©s auf sie doch
nicht einmal einen Eindruck, wenn der ErpreBte, die Waffe in
der Hand^ ihnen glaubhaft versichert, daB, wenn sie nicht den
Erpressungen Einhalt tun wlirden, er seinem ©igenen Leben
ein Ende bereiten wiirde; es irritiert sie ebenso wenig wie den
Revolverjournalisten, der, wenn eines ihrer Opfer sich getotet
hatte, keinen Anstand nimmt, sofort ein neues Jagdwild aufs
Korn zu nehmen, zu hetzen und zur Strecke zu bringen.
Eines der besten Mittel, das der ErpreBte gegentiber dem
Erpresser anwenden kann, ist passive Resistenz. Dem
intensiven Andrangen dieser Individuen zu widerstehen, er-
fordert allerdings nicht nur Furchtlosigkeit, sondern vor allem
eine Standhaftigkeit, Pestigkeit und Nervenkraft, wie sie sie
unter den Homosexuellen nur wenige besitzen. Und doch ist
dieser Anschein von Ruhe und kaltbltitiger Gleichgliltigkeit eine
der erprobtestsn Verteidigungsmaximen gegentiber Menschen^ die,
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wenn sic die absolute Vergeblic'hkeit ihrer Bemiihungen ein-
sehen, wenn sie merken, daU die Person, die fiir sie lediglich als
subjektives Ausbeutungsobjekt, nicht aber als zerstorenswert an
und fiir sich in Frage kommt, unerschiitterlich bleibt, dann
schlieBlich doch ablassen, so wie ein Blutegel zu saugen auf-
hort, wenn er aus den ^lutgefaBen keinen Nahrungssaft mehr
herauspressen kann.
Oft. freilich treibt es der Erpresser mit seinen Belastigungen
— offenen Postkarten, BloBstellungen auf der StraOe, Haus-
friedensbrtichen, Freiheitsberaubungen und anderen Gewalttatig-
keiten — so arg, dafl es mit der passiven Resistenz allein selbst
bei groBter Aufwendung von Geduld nicht mehr geschehen ist,
auch nicht mit Warnungen von dritter Seite, daB vielmehr nun
nichts mehr tibrig bleibt, als sich entweder fiir eine kurze
Spanne Zeit durch Bewilligung der Forderungen Frieden — der
aber fast immer nur ein vortibergehender Waffenstillstand ist
— zu erkaufen oder zum Angriff iiberzugehen.
Gelegentlich kommt es auch vor, daB der Homosexuelle seinen
Peiniger los wird, indem dieser durch anderweitige Delikte, Einbruche,
Zuhalterei, in das Gefangnis kommt, vielleicht so^ar auf Veranla-ssung
des Erprefiten, der, ohne daB seine Sache einbezogen wurde, den
kriminellen Charakter seines Vampirs aufzudecken in der Lage war.
Aber das sind doch nur Ausnahmefalle. In der groBen Anzahl der Falle
muB der ErpreBte einen der beiden genannten Wege wahlen, und da
ist es gewiB hochst bemerkenswert, daB von 1000 kaum einer den
der Anzeige beschreitet, 999 z a h 1 e n.
Was der Miinchener Neurol oge Dr. Loewenfeld^**) sagt, ist
durchaus richtig: „Von verschwindenden Ausnahmen abgesehea, ver-
meiden es die Homosexuellen 'peinlichst, gegen ihre Erpresser An-
zeige zu erstatten, nicht lediglich aus Furcht, auf Grund des § 176 mit
aut der Anklagebank erscheinen zu miissen, sondern aus einer sehr
wohl begreiflichen Scheu, etwas iiber ihre homosexuellen Neigungen in
die Offentlichkeit gelangen zu lassen"; er fiigt hinzu .„recht be-
zeichnend ist eine Mitteilung, die ich von Herrn Rechtsanwalt Dr. von
Pannwitz erhielt. Dieser berichtete mir gelegentlich, daB er in etwa
40 Fallen einer ^rpressung auf Grund des § 175 zu Rate gezogen
wurde und in keinem dieser Falle gerichtliche Anzeige erf olgte."
Der gegen die Erpresser gerichtete § 253 des Str.-G.-B. lautet:
„Wer, nm sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Verraog^ns-
vorteil zu verschaffen, einen andern durch Gewalt oder Drohung zu
einer Handlung, Duldung oder Unterlassung notigt, ist wegen Er-
pressung zu bestrafen." Was man unter Drohung zu ver-
stehen hat, erlauterte das Eeichsgericht wie folgt: RGSt. X. 217:
„Fiir das Wesen der Drohung ist es geniigend, daB der Tater die
Drohung als geeignet, auf die willensfreiheit des anderen einzawirken,
erkannte.**
Sogar der preuBische ^Minister des Innern, Freiherr von
Hammerstein, sagte im Abgeordnetenhause am 15. Februar 1905
in bezug auf das homosexuelle Erpresserwesen (laut stenograph isoheno
Protokoll S. 10 020/21) wortlich folgendes: „Wie gering ist derProzent-
10) Loewenfeld, Ilomosexualitat und Strafgesetz. Wiesbaden
1908. p. 29.
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satz (ItM Erpres.ser, die iiberhaupt vor die Gerichte kommen. in den
ailt.rmoi^Un Fail ti hiudort oin ganz ungewohnliches Schamgefiihl den-
jeiiigen. der derartiger Erpressimg erlegen ist, die Sache vor Gericht
zii bringeri : or wird bis aufs Blut gequalt, bis eine Katastrophe seinem
Leben ein £nde macht, wobei nachher niemand in der Aufienwelt weiB,
wad der Grund gewesen ist. In der Verabscheuung dieses Zustandes
stimme ich also mit dem Herrn Abgeordneten uberein, und ich weiB
micli dariii eins mit dem Hohen Hause und der ganzen gebildeten Welt.
Abei, meine Herren, geben Sie ein Mittel an, wie dem entgegenzutrcten
ist I Aiigenblicklicli versagen, wie gesagt, die der Staatsregierung zur
V(^rfiigung gestellten Mittel vollstandig. In welcher Weise & zu helfen
sein wird, kann ich nicht angeben. Ich kann nur bitten, moge ein
solches Mittel gefunden werden, mogen wir dahin kommen, daU wir
w(Mii^stenH dieser Ausartung Herr werden, und zwar griindlich Herr
werden." (Lebhafter Beifall.)
Wie ist es zu erklaren, da6 ein ErprelJter so selten Anzeige
erstattet? Die Grlinde, die ihn davon zuriickhalten^ die Hilfe
der Behcirden in Anspruch zu nehmen, sind Furcht, und so
merkwtirdig es zunachst klingen mag, in einigen Fallen auch
Liebe. Wenn auch im allgemeinen die Zune^^gung des Homo-
sexuellen erliseht, sobald er merkt, daB diese auf der anderen
Seite nur mit niederer Gewinnsucht erwidert wird, so gibt es
doch Falle, in denen der Urning trotz aller Bedrohungen^ Und
Erpressungen so fasziniert ist, daU er sidi dem EinfluU nicht
entziehen kann, den die Augen, die Stimme, die G^stalti desi
Geliebten auf ihn ausuben. Er ist sich iiber das erpresserische
Vorgehen des aaderen, der ihn womoglich zwingt, selbst Dieb-
stahle zu begehen, voUig klar; er ist oft nahe daran, ider
unwiirdigen Sklaverei ein Ende zu bereiten, schreckt aber
zuletzt immer wieder davor zuriick, nicht aus Angst, sondern
aus Mitleid.
Meist sind es masochistische Naturen. Einen besonders krassen
Fall lernte ich in England kennen, einen hohen Beamten, der sich
abt'.iclitlich oft unter Lebensgefahr berauben liefi. Wohlweislich steckte
er sich allerdings, wenn er sich zu diesem Zweck in gewisse Ver-
brecherlokale begab, immer nur 5 Pfund Sterling in die Tasche, die er
seinem Vergniigea zu opfern l)oreit war.
Ich habe in mcinem Gutachten^^) im Breuerprozefi einige Bei-
spiele angefiihrt, in denen Homosexuelle noch zu ihren Chanteuren Zu-
neigimg empfanden, wie es mir auf Grund verschiedener Indizien
auch in dem Verhaltnis zwischen dem damals Angeklagten und seinem
Wchltiiter und Opfer wahrscheinlich schien.
A lies in allem aber sind diese Falle doch so rar, daB sie mehr
ein psychologisches als praktisches InteTesse in Anspruch nehmen
diirfen und kaum gegeniiber denen in Betracht kommen, in denen ledig-
lich die Angst den ErpreBten abhalt, den todlich gehaUten* Peiniger
anzuzeigen. Fiirchtet er auch nicht so sehr seine Gegenanzeige, nicht
seine si)aterie Rache, so bangt es ihm doch vor der offentlichen Blofi-
slellung, vor der Gefahr, in seinen Neigungen erkannt zu werden, in
Boziehungen, wie die zu dem Angeklagten, die so seltsam mit seiner
11; Vgl. Vierteljalirsberichte des W.-h.K. Jahrg. II 1910, p. 146 ff.
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sonstigen gesellschaftlichen Stellung und Spbare kontrastieren. Die
Erpresser haben nur zu recht, wenn sie immer wieder betonen, daB
ihr Einsatz gering ist gegeniiber dem, was fiir ihre Opfer auf dem
Spiele steht. Vor einiger Zeit entschloB sich einmal ein Offizier in
WestpreuBen, einen ihm ganzlich unbekanuten Erpresser, der aber von
seiner Homosexualitat durch einen Soldaten erfahren hatte, anzu-
zeigen: er war vorher namenlos gepeinigt worden. Was war die Folge?
Der vielfach vorbestrafte Erpresser kehrte fiir einige Jahre wieder
in das Zuchthaiis zuriick. Der Offizier aber muBte „des Konigs Rock"
ausziehen. Sein Vater, ein hoherer Militararzt, verstieB ihn, nicht
einmal der Bestattung seiner Mutter durfte er beiwohnen, jetzt ist er,
der mit Leib und Seele Soldat war, Vertreter eines Mobelabzahlungp-
gescliafts und hatte wie viele seiner Standesgenossen sich langst
die erlosende Kugel in die Brust gejagt, wenn nicht seine religiose
Uberzeugung ihn abgehalten hatte. 1st es verwunderlich, wenn ein
Urning, bevor er dieses Risiko von Schmach und Schande lauft,
sich ausziehen und auspliindern laBt, so lange und so weit es irgend
moglich ist?
Noch ein anderes kommt hinzu: Die Furcht vor dem
Zeugeneid. Der Anzeigende weiB zwar, daU man ihm unbe-
scliadet seiner Homosexualitat mehr Glauben schenken wird, als
dem Angeklagten, es war auch kein Dritter dabei, der aus-
sagen konnte, ob der zwisohen beiden stattgehabte Verkehr in
strafbarer oder straf loser Weise voUzogen wurde; man hat dem
homosexuellen Herrn auch zugesichert, da6 die vorangegangenen
sexuellen Beziehungen bei der Verhandlung liberhaupt jiicht
berlihrt werden wiirden, die Erpresserbriefe seien als Beweis-
material voUkommen ausreic^hend ; wer aber garantiert ihm,
daB, wenn selbst Richter und Staatsanwalt die verhangnisvollen
Fragen unterlassen, sie nicht der Verteidiger stellt, in der
Meinung, dadurch den Hauptzeugen zu belasten und 'seineji
Klienten zu entlasten?
Oft ist diese Besoi^gnis des homosexuellen Zeugen unnotig, da er
nach § 51 StPrO. die Auskunft auf solche Fragen verweigern kaim,
wenn „deren Beantwortung ihm selbst oder einem der im § 51 Nr. 1 — 3
bezeichneten Angehorigen (Verlobte, Ehegatte, in gerader Linie Ver-
wandte usw.) strafgerichtliche Verfolgung zuziehen wUrde", aber in-
direkt gibt er mit jeder derartigen Verweigerung zu, daB otwas Straf-
bares vorgekommen ist, denn sonjst brauchte er ja die Aussage nicht
zu verweigern. Er hat aber dann bei einem iibelgesinnten Staatsanwalt
zu gewartigen, daB nach Aburteilung des Erpressers, gestiitzt auf
die verweigerung der Aussage des Homosexuellen und der belastenden
Angabe des Erpressers, Anklage gegen ihn erhoben wird. Ein besonders
gefahrlicher Trick der Staatsanwalte, der noch heute manchmal an-
gewendet wird, ist folgender: Man urteilt zuniichst von zwei wegeu
§ 175 Angeschuldigten den willensschwacheren ab ; ist dieser ^er-
urteilt, schreitet maii zur Verhandlung gegen den andern, gegen den
man nun einen guten Zeugen hat, den schon verurteilten fJrsten.
Denn jetzt, wo dieser schon abgeurteilt ist, kann er den E i d nicht
mehr verweigern und muB iiber die Tat unter Eid aussagen. Besonders
wenn Militiir und Zivil mitbeteiligt sind, habe ich dieses Verfahren
wiederholt — so erst kiirzlich bei einem homosexuellen MarineprozeB
in Kiel — beobachten konnen.
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Am Khein stellte sich vor nicht langer Zeit ein hoinosexuell3r
Jurist freiwillig dem Gericht; er hatte vor vielen Jahren einen Mein-
eitl geschworen, als man ihm die Frage vorgelegt hatte, ob or mit dem
von ihm angezeigten Erpresser geschlechtlichen Umgang gehabt hatte ;
seitdem fande er keine Ruhe mehr; die Handlungen aus § 175 seien
zwar nun verjahrt, wegen des Meineids aber, mit dem er in seinem
Gewissen nicht fertig werden konne, bate er um die gebiihrende Strafe.
Noch einen zweiten ahnlichen Fall von Selbstdenunziation
kenne ich.
Es hat Leute gegeben, welchfe die Erpressungen und alles was
damit zusammenhangt, als „das gerechte Verhangnis" der Homo-
sexuellen erklart haben, seien doch die Erpresser z u v o r die
Opfer der Urninge gewesen. Diese Behauptungen zeugen von
yolliger Unkenntnis des wahren Sachverhalts. Denn fast uie
hat ein Erpresser von einem Homosexuellen einen Schaden er-
litten, zumal der Erpresser in den meisten Fallen der aggressive
Teil zv, seiin pflegt. Es ist sehr bezeichnend, dafl in Berlin
seit vielen Jahren dasi Erpresserdezernat zugleich dasjenige fur
homosexuelle Angelegenheiten ist; aber nicht minder lehrreich
ist es, daU trotzdem; relativ nur ganz wenige Homosexuelle ihre
Erpresser anzeigen. Denn wenn auch unsere Polizei — wie
dankbar anerkannt werden mu6 — den denkbar vemiinftigsten
Standpunkt einnimmt, wenn sie auch grundsatzlich den Er-
presser ftir unglaubwtirdig erachtet — „Dem Erpresser glaubt
man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht**, — so kommt
es doch vereinzelt — und das gentigt — immer wieder vor,
daC ein Staatsanwalt, vielleicht nur geblendet von der die Denun-
ziation der Erpresser einschlieflenden Selbstanzeige (in
Wirklichkeit kommt es diesem aber ,,auf ein paarWochen mehr"
nicht an), nachtraglich auch gegen den Homosexuellen die An-
klagc aus§ 175 erhebt. Mogen auch diese Falle nur selten sein, so
sah ich doch mehr als einmal Urninge neben ihren notorisohen
Erpressern auf der Anklagebank, und nie werde ich den schrill-
gellenden Schrei vergessen, mit dem einmal ein greiser Urning,
als verkiindet wurde, daC' er auf Grund des Zeu^nisses seines
Erpressers wegen eines homosexuellen ,,Sittlichkeitsverbrechens**
zu einem Jahr Gefangnis verurteilt sei, den Richtern das Wort
pJustizmorder" entgegenschleuderte. DaO erfahrungsgemaO
u n t e r 10 000 Homosexuellen dem Gesetz kaum
einer, den Erpressern dagegen mehr als 3000 v e r -
fallen, soUte allein schon ein Grund sein, mit Stumpf und
Stiel eine Bestimmung auszurotten, deren Berechtigung ohnehin
im hochsten Grade problematisch ist. Wer in der Erpresser-
praxis steht, kann H o B 1 i nicht der t)bertreibung zeihen, wenn
er ausruft: „Man wahnte ein ttbel, das nicht war, auszurotten,
und zog eine Pest liber die halbe Welt ; man briLstete sich, Laster
Hirschfeld, Hoitiosexualitlt. 57
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auszutilgen, die nie geWesen sind, und beging die gfAtienvollsteri
Verbreehen an der Gesellschaf t, an Mensch und Natur, man gab
Menschenrettung vor und versenkte Millionen in den Abgrund
inneren Widerspruches und Juflerlicher Schmach und reltete
keineni"
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SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die Folgen der Verfolgung.
Man konnte annehmen, daB die dreifache Verfolgung,
welche, wio wir sahen, dem Homosexuellen von seiten der Ge-
setze, der Gesellsehaft und dem Erpressertum droht, so
starke Hemmungs- und Widerstandsmechanismen erzeugt, da6
die gleichgeschlechtlichen Keflex- und Triebimpulse durch sie
iiberboten und auf die Dauer unterdriickt werden. Die rein
praktisohe Erfahrung lehrt aber, daB dies im allgemeinen nicht
zutrifft, hochstens in Ausnahmefallen infolge besonderer Be-
gleitumstande, etwa einer ungewohnlich groBen Triebschwache
oder Willensstarke, und audi dann geschieht es meist auf Kosten
des subjektiven Wohlbefindens, der Leistungsfahigkeit und
Lebensfreudigkeit. Andererseits muB betont werden, daB in
so bedrohlicher Weise auch die genannte Trias, nament-
lich das Erpressertum, wie ein Damokles^chwert iiber den
Ha up tern der Homosexuellen schwebt, schlieBlich es doch nur
eine Minderheit ist, auf die dieses Schwert vernichtend her-
niedersaust. An die Hoffnung, zu der vom Schicksal be-
giinstigten Mehrheit zu geboren, klammern sich aber bewuBt
oder unbewuBt fast alle, sonst wlirden wohl noch mehr, als
es ohnehin tun, sich vorzeitig in ' Sicherheit zu bringen suchen.
Die Zahl der Urninge, die sich vorbeugend den Gefahrdungen
ihrer Existenz entziehen, ist gleichwohl eine nicht unbetracht-
liche. Je nach ihrem' Temperament ergreifen manche schon die
Flucht, wenn von einer Verdichtung der Gefahr, die ihnen droht,
noch keine Rede sein kann, andere entweichen erst dann, wenn
Sturmzeichen sie warnen, etwa ein Ermittelungsverfahren
schwebt. Eine dritte Gruppe wartet bis zum auBersten. Viele
gehen auBer Landes, viele in ein Land, axis dem es keine Wieder-
kehr gibt.
Die Menge der Homosexuellen, die jahrlich aus Furcht vor
dem § 175 Deutschland verlaBt, rechnet nach Hunderten. Viele
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von ihnen berau'ben sich: nicht rnir selbst ihrer Heimat, sondern
nehmen dem Vaterlande durch ihren Fortzug erhebliche mate-
rielle und ideelle Werte. Audi manche unerklarlicheDeser tie-
rung von Offizieren beruht auf Beftirchtungen, die init der
homosexuellen Anlage der Fahnenfliichtigen zusammenhangen.
Ein homosexueller Offizier schrieb mir einmal: „NaturgeinaB ist
es fiir einen Kommandeur sowohl als fiir das Offizierskorps hochst
unangenebm, wenn sich ein Offizier eines Vergehens im Sinne des
§ 175 achuldig macht. Begeht der Angeklagte Selbstmord oder stellt
er sich selbst dem Gericht, so wird von den Zeitungen viel mehr
Staub aufgewirbelt, als bei Fahnenflucht. Letztere sieht manches
Offizierskorps wohl noch am liebsten. Betrachtet man nun aber die
Konsequenzen, so kann der Entflohene, so viel ich weiU, nicht unter
10 Jahren zuriickkehren. Ein etwa vorhandenes Vermogen verfallt bei
Fahnenflucht dem Staa-te. Bleibt er dagegen, so muB der Betreffende
sich dem Gericht stellen und — muJJ ja nicht bestraft werden (§ 61).
Ist er wirklich verurteilt worden, und geht er nach VerbiiBung der
Strafe ins Ausland, so kann er in dringenden Fallen den Hieimatboden
ungehindert betreten. Ich rate jedem homosexuellen Offizier im ge-
gebenen Falle die Folgen der Fahnenflucht genau zu iiberlegen. Vor
einem Selbstmord warne ich, denn es ist ein Unding, sich zu toten,
wean man etwas begangen hat, fiir das man nicht kann, wenn es auch
Gesetz und Gesellschaft verurteilen. Ich mochte sagen, bei einer Be-
strafung durch den § 175 bestraft sich der Staat selbst, wenn der un-
glUckliche Mensch auch leiden muB; aber Unrecht leiden ist besser,
als Unrecht tun I"
Hiomosexuelle Fliichtlinge suchen nicht immer nur Lander auf,
in denen keine Strafparagraphen existieren, sondern auch andere, wie
Amerika, England und RuBland; auch nach Deutschland kommen oft
urnische Auslander, die in ihrer Hfeimat mit dem Homosexualitats-
paragraphen in Konflikt gekommen sind. Sie halten das aus bestehen-
den Strafvorschriften bestehende Risiko nicht fiir groB genug, um
ein Land zu meiden, das ihnen sonstige Vorteile bietet, und manche
haben nur den einen Wunsch, daB ihre Familie nicht durch ihre
Diskreditierung oder Infamierung bloBgestellt wird. Die Familie
selbst, welche vielfach in kenntnisloser Angstlichkeit die Gefahr sehr
iiberschatzt, in der sich ein homosexueller Angehoriger befindet,
kommen diesem Wunsche nicht nur gem entgegen, sondern sind es oft
genug selbst, die das urnische Mitglied „abzuschieben" bemuht sind.
Ich habe ofter eine alte Mutter zu trosten, die glaubt, sich dem Dmn-
gen ihres Gatten und ihrer erwachsenen Sohne — samtlich Offiziere
— nicht energisch genug widersetzt zu haben, als diese ihren JUng-
sten, einen Fahnrich, dessen Hbmosexualitat ruchbar geworden war,
nach Chile- „verfrachteten". Der kurze Satz, mit dem er am Jahres-
tage seiner Ausreise von Hamburg die Familie von seinem Selbst-
mord unterriclitete : „Nun seid ihr mich ganz los", brannte wie
ein Flammenzeicheu in ihrer Seele. Ein urnischer Arbeiter erziihlt :
„Ich hatte von meinem 19. — 21. Jahre ein sehr inniges Freundschafts-
verhaltnis, mein Freund war ein Jahr jiinger als ich, von groBer
Xatiirliclikeit und Frohlichkeit. Nichts ware imstande gewesen uns zu
trennen. Da entdeckten seine Eltern in ihm den Urning und jagten
ilui mit Schimpf und Schande aus dem Hause. Er ging nach Paris und
ist seit vier Jahren verschollen. Damals lernte ich erkennen, daB auch
icii vol! , und ganz zu jenen von der ehrbaren Welt Ausgeschlossenen
gehore. ofter als einmal war ich nahe daran, diesem jammervoUen
Leben ein Ende zu machen. Was ich infolge meiner urnischen Natur
gekarai)ft und gelitten, vermag icli auch nicht annahernd zu schildern.
\\'cnu irl: nicht losknallte, so ist es wahrhaftig keine Feigheit ge-
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wesen, sondern allein die Erkenntnis hielt mich ab, dafi ein gro-
Berer Mut dazu gehort, auszuharren, und daB nicht die Natur, son-
dern die kurzsichtige Menschheit in Verblendung den Fluch iiber iins
geschleudert hat, welcher — ich sage leider — himdertfach auf sie
znruckfiel, indem sie tausende von Menschen, deren geistige Tatigkeit
fiir sie von groBtem Nutzen gewesen ware, zur Verzweiflung und in den
Tod getrieben hat."
In Anacapri traf ich einmal einen dieser Verschollenen.
Er war ein Verwandter des berlihmten osterreichischen Admirals
T. und selbst Offizier gewesen. Als seine Homosexualitat ruchbar
wurde, verschickten ihn seine Eltern nach Argentinien. In
Neapel hatte er vor Ausfahrt des Schiffes drei Tage Aufenthalt.
Er benutzte diese zu einem Ausflug nach der Insel Capri. Hier
ftigte es sich, dafi ihm eine Stelle als "Kellner angeboten wurde,
von der er allmahlich zum Gesehaftsfuhrer aufrtiekte. Zwanzig
Jahrc wohnte er nun bereits ohne Unterbrechung an dieaem
schonen Platze. Nach Hause hatte er nie geschrieben und auch
nie eine Nachricht von dort erhalten. Die Seinen mochten ihn
langst flir tot halten. Vor etwa neun Jahren befand sich unter den
fremden Besuchern, die auf der Terrasse des Restaurants den
Kaffec einnahmen, sein einziger Bruder mit seiner Frau. Er
erkannte ihn sofort, gab sich aber, als er ihn bediente, nicht
zu erkennen. Als er die Tassen niedersetzte, sagte die Frau
zu ihrem Manne: „Sieh nur, wie der Kellner zittert". Doch der
Bruder erkannte ihn nicht. Als er fortging, ware ihm der
Verschollene am liebsten nachgestiirzt, um zu fragen, ob die
Mutter noch am Leben sei, die er liber alles liebte. Doch er
ftihlte sich wie festgebannt, stumm starrte er dem Bruder nach,
bis er an, der Wegkriimmung verschwand, dann lehnte er sich
an die Mauer und lieB den Tranen zum ersten Male nach
seinem Fortgang aus der Heimat freien Lauf.
Oft wird von Uraniern die Frage aufgeworfen, ob ein be-
stimmtes Land Homosexuelle ausliefert oder ausweist.
Hier ist zu bemerken, daB in keinem Auslieferungsvertrag wider-
natlirliche Unzucht speziell vorgesehen ist (wohl aber Unzucht
mit Kindern unter 14 oder 12 Jahren). Nur zwischen Oster-
reich und Deutschland besteht flir a He strafbaren Handlungen,
also auch fiir die aus § 175 des deutschen und § 129 de^ oster-
reichischen StrGB., Auslieferungsrecht und -pflicht.
Hiervon abgesehen, kann man wohl sagen, daB der wegen homo-
sexueller Verfehlungen Verfolgte in jedem anderen Lande, also nicht
nur in Italien und Frankreich, sondern auch in England \md der
Schweiz vor Auslieferung geborgen ist. Es ist mir auch bisher kein
Fall begegnet, in dem von der deutschen oder einer anderen Behorde
wegen gleicligeschlechtlicher Handlungen die Auslieferung verlangt
wurde, so viele Homosexuelle ich auch kenne, die wegen homosexueller
Strafverfolgung aus Deutschland oder nach Deutschland flohen. Bei-
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spiels weise wurden, als vor einigen Jahren aus Danemark wegen dort
eingeleiteter Ermittelungen zahlreiche Urninge nach Berlin und Ham-
burg fluchteten, von Kopenhagen keinerlei Antrage nach dieser Rich-
tung gestellt. Friiher scheint man strenger und willkiirlicher vor-
fegangen zu sein. So berichtet Ulrichs^) sehr eingehend von dem
'aill des Superintendenten Karl Forstner, der im Jahre 1869 iD
Wien wegen „versuchter" Pedikation zu einem Jahre schweren Ker-
ker verurteilt wurde, trotzdem er nur an einem Kanonier tactus geni-
talium vorgenommen hatte. Forstner floh nach Bayern, dessen
Strafgesetzbuch bereits 1813 die „naturwidrige Unzucht", wegen deren
Veriibung er in Osterreich angeklagt war, aus der Reihe der Verbrechen
gestrichen hatte. Nachdem er sich schon iiber zwei Monate in Miin-
chen hauslich eingerichtet hatte, erschienen eines Morgens in seiner
Wohnung zwei osterreichische Polizeioffizianten, welche ihn, trotz
seines Protestierens, zwangen, ihnen ins Stadtgericht zu folgen. Er
wurde dann nach Wien transportiert und gewaltsam dem Gefangnis
iiberliefert.
Wahrend Auslieferungen auf Grund homosexueller Delikte
heute kaum noch vorkommen, sind Ausweisungen homo-
sexuell Veranlagter noch vielfach im Schwange.
Ich kenne eine ganze Reihe von Fallen, in denen Homosexuelle,
die sich starker bemerkbar gemacht hatten, namentlich im Verkehr
mit Soldaten, oft sogar auf ganz vage Denunziationen hin, als lastige
Auslander des Landes verwiesen wurden. Erst vor kurzem erhielt em
homosexueller russischer Aristokrat den polizeilichen Befehl, binnen
24 Stunden das Gebiet des preuBischen Staates zu verlassen, widrigen-
falls er mittels Transports an seine Landesgrenze geschafft werden
wiirde. Auch aus anderen Landern, selbst solchen, die keine Urnings-
paragraphen haben, wie Italien, sind mir Landesausweisungen be-
kannt. Es gibt zwar auch Falle, in denen die Ausweisungen wieder
zuriickgenommen wurden, namentlich wenn von einfluBreicher Seite
interveniert wird, doch diirften die meisten Polizeiprasidenten ahnlich
wie jener denken, der zu einem bittsuchenden danischen Uming
sagte: „Wir haben inlandische Homosexuelle genug, um auch noch
auslandische beherbergen zu sollen."
DaB eine groBe Anzahl Homosexueller sich im Zusammen-
hange mit ihrer geschlechtlichen Eigenart veranlaBt sieht, ihrem
Leben ein freiwilliges Ende zu bereiten, steht auBer
Zweifel. Nach Schatzungen, die sich auf Beobachtung an zirka
iOOOO Urningen sttitzen, diirften sich von Hundert durchschnitt-
lich drei selbst toten, wahrend etwa V* aller mehr oder minder
ernste Selbstmordversuche begangen und sich % aller mit Selbst-
mordgedanken getragen haben. Etwas geringere Zahlen fand Dr.
vonRomer. In seinem Artikel „Ongekend leed", (S. 17) sagt er :
„Untev 216 Personen (ich hatte damals nur diese Zahl Personen
untersucht) waren 162, welche sich tief unglticklich flihlten, d. h.
750/0. Unter diesen 162 befanden sich 100, deren Leid !zum
LebensiiberdruB geworden war, d. h. 42,2 0/0. Und von diesen 100
waren 55, die sich lange Zeit und oft heute noch mit Selbstmord-
§ 62
1^ Ulrichs, Argonauticus § 10 und flgde. § 72 ff. Prometheus
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gedanken trugen, d. h. 25,46 o/o. Und von diesen 55 haben 16
Personen, — oft mehrere — Selbstmordversuche verlibt, d. h.
7,87 o/o. GustavJagers Gewahrsmann, Dr. med. M., erlebte in
39 Jahren (1840/79) beinahe 100 Selbstmorde von Urningen^a).
Sehr haufig sah ich bei korperlichen Untersuchungen
Homosexueller Suizidialnarben, wie Schnittnarben in der
Gegend der Pulsadern, oder Narben von SchuBverletzungen in der
Herz- und Schlafengegend. Sehr viele Homosexuelle tragen stets
Gift, am haufigsten eine kleine Dosis Zyankali, bei sich. Man
kann die zahlreichen Selbstmorde Homosexueller in drei Grup-
pen einteilen. In die erste fallen diejenigen, deren direkte, in die
zweite, deren indirekte Ursache die HomosexuaUtat ist, wahrend
in die dritte Selbstmorde zu zahlen sind, die von Homosexuellen
aus ungllicklicher Liebe begangen worden.
Ill einer Zusammenstellung, die ich iiber 100 mir bekannt ge-
wordene Selbstmorde Homosexueller maohte — mehr als die
Halfte davon kannte ich personlich — , befanden sich 61, die die Tat
wegen eingeleiteter odea: drohender Strafverfolgimg begingen, 14, die
sich durch Erpressungen dazu getrieben sahen; 2 toteten sich kuiz
vox und nach der Hochzeit wegen Impotenz dem Weibe gegeniiber,
8 wegen mit der Familie oder ihrer Umgebung entstandener Konflikte
Oder aus Kummer iiber ihre homosexuelle Veranlagullg, 6 aus ungllick-
licher Liebe,. einer entleibte sich aus Trauer iiber den verstorbenen
Freund, und nicht weniger als 18, darunter 8 Frauen, veriibten Doppel-
selbstmord, veranlaUt durch Umstande, welche sich ihrem Freund-
schaftsverhaltnis entgegenstellten. Zu denen, die' ihrem Leben ein
Ende bereiten, weil ;sie sich ihm als Homosexuelle nicht gewachsen
zu fiihlen glauben, gehoren namentlich viele jiingere Leute zwischen
dem 18. und 26. Jahr. Sie erkennen um diese Zeit immer deutlicher
ihr negatives Verbal ten gegeniiber dem anderen Geschlecht, die 8chwie-
rigkeit oder Unmoglichkeit einer Familiengriindung, ihre kaum noch
zu bandigende Leidenschaft fiir den Mann, ihre Zugehorigkeit zu einer
verachteten Menschenklasse, und so entschlieBen sie sich nach furcht-
baren seelischen Kampfen, ein Dasein zu beenden, vor dessen Tragik
iliuen grant. Vielfach empfinden sie ihre homosexuelle Neigung als
etwas sie so Herabwiirdigendes, dafi sie sich selbst in hinterlassenen
Briefeii die wahre Ursache ihres Todes mitzuteilen schamen. Sehr
viele „ Selbstmorde aus unbekannten Griinden", bei denen die Ver-
wandten „wie vor einem Ratsel stehen", gehoren in diese Kategorio;
niemand hatte dem soliden, fleiUigen, ianspruchslosen, stillen Men-
schen, der nie Selbstmordideen auflSrte, solche Untat zugetraut.
In den „Gedichten eines Toten"^), dem markerschiitternden Auf-
schrei eines gequalten Menschenherzens, schildert ein alterer Urning,
wie er in einer fremden Stadt nach einem jiingeren Gefiihlsgenossen
fragt, mit dem er dort vor Jahren verkehrt hatte. Es heifit da:
la) Cf. Jhb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 72.
*) „Gedichte eines Toten." Sender- Abdruck aus Entrechtet! Eine
Apologie von Peter Hamecher; nebst einer Gedichtf olge : „ Von
der Stillen Fahrt" und einem Anhange: „Gedichte eines Toten". Leip-
zig 1906. Vgl. auch: „Warum? ,Friede auf ErdenI* Zum Selbsmord
des Frhr. v. Z." Von C. v. Peerz. Leipzig 1913.
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„Und als ich endlich kam zunick
Und wieder nach dir fragte,
,Herr, tot ist lange, den ihr sucht!*
Man mir als Antwort sagte.
Das war ein Traumer. Er ging scheu
Und einsam duroh das Leben,
Bis er — kein Mensch erfuhr: warum —
Sich selbst den Tod gegeben."
Platens Verzweiflungsfuf „Zerschniettre mich denn, Gott,
oder wie du didh nennen magst, nachdem du mich schimpflich
um mein ganzes Dasein' betrogen!" hat sich in ahnlicher Weise
den gepreBten Herzen unendlicli vieler Urninge entningen.
Ein Urning aus Sachsen schreibt mir: „Ich habe friiher mit alien
meinen seelischen Kraften gegen- den iibermachtigen Trieb gekampft,
dooh fruchtlos. Ich habe mit meinen ewigen Seelenkampfen meine
schonsten Jugendjahre eingebiiBt; einer, der es nicht selbst mitmacht,
\cfLT\T) es sich unmoglich ausmalen, was ich ausgestanden. Meine
Nerven sind ruiniert. Ich habe nur den einen Wnnsch, daB ich einmal
mit dem 'Gesetze in Konflikt kommen mochte, damit ich einen Grund
zum ErschieBen habe. Ich hatte es schon oft getan, doch besaB icb
den Mut nicht. Wenn es so weit sein wird, dann gehe ich mit Freuden
in den Tod, denn der Tod bedeutet eine endliche Erlosung fiir mich,
dann lebt ein Ungliicklicher weniger. Ich beneide meinen Fremid, der
sich vor drei Wochen erschossen hat. Niemand wuBte den Grund
— ich wuBte ihn — und wef es ahnte, wagte nicht, es auszuspreclien.
Anbei habe ich die Photographic des betreffenden Freundes beige-
schJossen."
Viele Urninge iiberschatzen allerdings in jugendlicher Unerfahren-
heit die Schwere ihrer La^e, halten sich fiir „Enterbte des Liebesffliickes",
j.Tscbandalas** der Liebe, meinen, ihre Sehnsucht sei unerfiillbar, und
denken dann mit Schillers Max: „Was ist das Leben ohne Liebesglanz,
ich werf es weg, weil sein Gehalt entschwunden" ; andere wiederum
toten sich, weil sie sich in ihrer Unkenntnis tatsachlich fiir Verbrecher
halten, einfach aus dem einen Grunde, weil das Gesetz sie dafiir halt.
So erschoB sich vor einigen Jahren einmal ein Gefreiter in Kassel,
der mit einem Offizier in sexuellem Verkehr gestanden hatte, indem er
in einem hinterlassenen Schreiben sich selbst mit den Ausdrucken
starkster Verachtung beschimpfte.
In meiner Sammlung von Selbstmorderbriefen besitze ich
etliche, die von Personen herriihren, die sich toteten, ohne daB ihnen
Entehrung, Erpressung oder Strafverfolgung bereits im Nacken saB. So
totete sich vor einigen Jahren ein Marburger Student. Nachdem er alles
vorbereitet, an seine Eltern, Wirtsleute, einen Freund und mich Briefe
geschrieben, kleidete er sich festlich an, besuchte am Nachmittag noch
das Kolleg seines alten Lieblingslehrers, um sich von dort aus un-
mittelbar auf den SchloBberg zu begeben, wo er sich, den Blick in
die fnihlingsprangende Landschaft gerichtet, auf einer einsamen Bank
die befreiende Kugel in die Schlafe jagte. Das Schreiben, das ich am
Morgen nach seinem Tode von ihm empfing, lautete: „Mein sehr ge-
ehrter Herr Doktor I In den letzten Wochen meines Lebens lieh ich mir
von der hiesigen Universitatsbibliothek Ihre Jahrbiicher, und es drangt
mich doch, am Vorabende meines Lebens Ihnen in Dank und Er-
schutterune die Hande zu driicken. Ich habe ein schweres, qualen-
reiches Leben gefiihrt unter Feme imd Fron, und es war mir eine
Freude, noch kurz vorm Tode zu wissen, daB ein Mensch unter
Entsagung und Anfeindung unsere Sache ans Licht tragen hiUt. Also
seieu Sic nochmals freundlichst gegriiBt und bedaiijit von einem
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Fremden, der sich inorgen friih die erlosende Kugel ins Herz senden
wird. Kurt Bernhard B., stud. phil. aus Berlin. NB. Der Brief steht
zu Ihrer vollsten Verfiigung."
Ein anderer Abschiedsbrief eines Urnings lautet: .,Ich mache
ein Ende. Tobende Schmerzen, ohnmachtige Verzweiflung, ihr furcht-
barsten Kampfe, fahret dahin! Mit heiUer Inbrunst ersehne ich den
Tod. Er wird mir den einzigen Lichtstrahl, das einzige Lacheln
meines Lebens bringen, indem er es ausloscht. Mein gefoitertes Herz
zieht sich krampfhaft zusammen aus Furcht vor der eisigen Umannung
Gevatter Heins, obgleich er ein Mann ist, denn ich bin ja noch so Jung.
. . . Aber in s e i n Sett darf ich liebend sinken, da hat kein Staatsanwalt
der "Welt etwas einzuwenden. . . . Vater, Mutter, ach vergebt mir : ich
kann ja nicht andersi Liebe Mizzi, verzeihe auch Du ! Ijeset
die „Psychopathia sexualis", und ihr werdet mir nicht fluchen, dafi
ich euch so schmahlich verlassen habe. Ihr ahntet ja nichts von dem
Wiiten in meiner Brust, nichts von meinen wilden Schmerzen, an
denen ich so oft zu verbluten glaubte. Liebling meiner Seele, Du
mein Abgott, mein heiBgeliebter Karl, lebewohl fiir immer. Ich segne
Dich noch in meinem letzten Atemzuge ! Du wolltest mich nicht
verstehen und schaltest mich „verriiQkt". Doch bin ich es keines-
wegs, mein Geist ist klar, auch jetzt, merkwiirdig klar sogar. . . .
Ich werde wohl schrecklich entstellt sein. Bedeckt mich mit Blumen,
mit recht vielen Blumen, dEimit ich den Menschen nicht auch noch
im Tode Grauen erwecke. Gott behiite Euch alle. Vergebt mir, so
wie auch ich vergeben habe."
Zu den direkt durch. die Homosexualitat bedingten Selbst-
morden rechne ich auBer den aus Kummer liber ihr UrniAg-
tum an und flir sich verlibten drei weitere Untergruppen,
einmal die, welche sich im Verlauf gerichtlicher Verfahren gegen
Homosexuelle ereignen — sie sind ganz besonders haufig — ,
ferner die durch Erpresser veranlaOten, sowie die mit einem
auftauehenden Skandal zusammenhangenden. Viele dieser Selbst-
morde sind insofern „uberflussig**, als von dem verangstigten
Urning das ihm drohende Ungltick sehr liberschatzt wird.
Es hatte sich leicht applanieren lassen oder aucli von selbst
verzogen. Mehr als einmal habe ich Homosexuellen, die im
Begriffc standen, sich zu to ten, oder bereits einen ernstlichen
Selbstmordversuch gemacht hatten, den Beweis erbringen konnen,
wie unberechiigt ihre lebensverneinende Verzweiflung gewesen
war. So treffe ich gelegentlich einen Lehrer, der nun schon seit
langer Zeit in fester Gemeinsamkeit mit einem gleichflihlenden
Freunde lebt, einen der gliicklichsten Urninge, den ich kenne,
und werde von ihm dann wohl erinnert, wie ich vor 15 Jahren,
da er in die Hande von Erpressern gefallen war, seinen geladenen
Revolver an mich nahm, als er ihn eben in Tatigkeit ''6'etzen
woUte. Gut die Halfte der direkt durch die Homosexualitat ver-
ursachten Selbstmorde Homosexueller hangen mit eingeleiteten
Straf- oder Ermittelungsverfahren zusammen. Viele toten sich
schon, wenn sie eine Vorladung erhalten, andere bei der Ver-
haftung.
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Ulrichs3) gibt ein hierher gehoriges Beispiel, das in mehr
als einer Hinsicht lehrreich ist: „Der Urning Hinkel zu Seckbach bei
Frankfurt, am Main ward am 1. November 1868 w^en eines urnischen
Vorganges vom Tage zuvor von drei Rupfern bis in seine Wohnung
verfolgt. Dieselben gaben jsich fiir Polizeibeamte aus, erklarten ibn
fiir verhaftet und forderten ihn auf, einen Wagen, den sie mitgebracht,
zu besteigen, um in E"rankfurt der Behorde vorgefiihrt zu werden. Auf
einen Augenblick begab er sich, „um sich umzukleiden", in den oberen
Stock, wo er in der Verzweiflung mit einem Rasiermesser sich Luft-
rcihre und Halsadern zerschnitt. Auf entstandenes Wehegeschrei er-
griffen die drei Preller die Flucht, wobei sie in der Eile einen Regen-
scbirm stehen liefien, inittels dessen sie die Nemesis der Polizei
in die Hande Jieferte. Es waren: ein Kaufmann, 22jahrig, ein 31-
jaliriger und ein !23jahriger Kellner. Welche kiimmerliche Siihne,
sagt Ulxichs, war es den Manen des Geopferten, als am 26. Januar
1869 die Strafkammex zu Frankfurt sie mit 2, 21/2 und 3 Jahren
strafte?"
Wiederholt haben sich Selbstmorde Homosexueller im
Untersuchungsgefangnis ereignet.
So totete sich im letzten Jahre ein sehr tiichtiger Privatbeamter
aus Baden, der auf Requisition der Mannheimer Staatsanwaltschaft
wahrend eines Ferienurlaubs in Berlin verhaftet wurde. Er sollte mit
Artilleristen „wuste Orgien" gefeiert haben; tatsachlich hatte er eine
schwarmerische Liebe fiir Soldaten, bestritt aber mit Entschiedenheit
den sirafbaren Charakter seiner Beziehungen. Aus dem Gefangnis
hatte er verzweifelte Eilbriefe an seine Familie, Firma und mich ge-
schrieben. Da die Briefe den „Instanzenweg" liber Siiddeutschland
gingen, wo die Sache anhangig war, erhielt ich von seiner flehent-
licheii Bitto erst nach fiinf Tagen Kunde. In der eiusamen Zelle wurden
dem Arms ten die Stunden und Tage zur Ewigkeit, er fflaubte pich,
als er keine Antwort erhielt, von aller Welt verlassen. Als ich gleich
nach Empfang seines Schreibens zu ihm eilte, fand ich ihn nicht
mehr lebend vor. Er hatte sich kurz zuvor in seiner Zelle erhangt.
Auch das Antwortschreiben seiner Firma, die ihm mitteilte, daB sie
in Anbetracht seiner 26jahrigen treuen Dienste ihn selbst im Falle
seiner Verurteilung wieder bei sich einstellen wiirde, sowie der Brief
seiner Angehorigen, der ebenfalls trostlich gehalten war, trafen den
Beschuldigten, der glaubte, daU .,drauBen niemand mehr etwas von
ihm wissen woUte", zu spat.
Auch bei der Urteiis verk u n digung gegen Homo-
sexuelle sind ofter Selbstmorde vorgekommen. So sciioB sich
im Februar 1910 im Sitzungssaale der 5. Strafkammer des
Landgeric^hts Dresden ein 24 jShriger Kaufmann, als das auf ein
Jahr Gefangnis lautende Urteil gegen ihn verktindet wurde,
eine Kugel in die rechte Kopfseite. Nicht lange vorher floh in
GieBen ein auf Grund des § 175 verurteilter Student aus dem
Gerichtsgebaude und entleibte pich. Nicht selten greift der
Homosexuelle erst zur Waffe, wenn er die Aufforderung zum
Strafantritt erhalt. Bis zum letzten Augenblick ho f fen sie noch,
alle Schritte — Revision, Wiederaufnahmeverfahren, Gnaden-
gesuch, Begutachtung der Haftunfahigkeit — sind versucht wor-
3) Ulriohs, Argonauticus, p. 104.
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den. Morgen soil nun endlich die Strafe verbiiBt werden. Bisher
war es gelungen, den Nadisten das Furchtbare — ihre Verurtei-
lung als Sittlic'hkeitsverbrecher — zu verheimlichen. Da kommt
ihnen ein geschickt ins^enierter Blutsturz, Gehirn- oder Herz-
schlag zu Hilfe. So endete noch im letzten Sommer ein hoch;
befShigter junger Schauspieler sein qualvoUes Leben. Wahrend
des eigentlichen Straf vollzugs sind Selbstmorde Homosexueller
Verhaltnism&Big selten.
Ed ist im wesentlichen die moralische Idee, die dem Urning
das Gefangnis so iinertraglich macht ; den Aufenthalt selbst vertragt
und iiberlebt. er — bediirfnislos wie er haufig ist, und infolge seiner
Anpassungsfahigkeit, Gefalligkeit und Bildung bei dem Aufsichts-
personal gut angeschrieben — verhaltnismaBig gut. Dazu komrat das
eingeschlechtliche Milieu. Ich habe einen Fall erlebt, in dem ein aus
dem Gefangnis entlassener Homosexueller einen Selbstmordversuch
machte, well er es vor Sehnsucht nach einem Einbrecher nicht aushalten
konnte. den er im Gefangnis kennen gelernt hatte. Nicht ohne Inter-
esse und nicht ohne Berechtigung war, daB, wie er anfuhrte, das Ge-
fangnis fiir Homosexuelle „lange nicht so schlimm sei", wie fiir Iletero-
seruelle. Die letzteren, meinte er, litten im Gefangnis auBer an der
verlorenen Freiheit hauptsachlich an dem Mangel an Weibem. Der
homosexuelle Mann und ebenso die homosexuelle Frau im Weiber-
gefangnis fanden fast immer Objekte sexueller Anziehung, imd wenn
es auch selten in direktem Geschlechtsverkehr kame (den iibrigens
dieser Homosexuelle mit dem Einbrecher im Gefangnis verschiedent-
lich gehabt hatte), so ware ihnen doch schon der bloBe Anblick, die
BegriiBung und das Zusammensein mit erotisch sympathischen Indi-
viduen eine groBe Erleichterung.
Viele Beispiele konnte ich anfiihren von Homosexuelle^,
die durch Erpresser zum Selbstmord gedrangt worden sind.
Der Kontrast zwis^hen Schuld und Siihne ist in diesen Fallen
umso starker, als das ungltiokliche Opfer der Erpressung in
den Tod gehetzt wird, wahrend der schuldige Erpresser fast
stets straflos davonkommt. Denn nur ganz selten er-
stattet der zum Selbstmord Getriebene vor der Tat Anzeige.
Auf der Hohe der Verzweiflung ist seine Apathie starker als
die Antipathie, auch besiegt die Rticksicht auf die Familie das
Rachegefiihl. So vemichten und verwischen nicht wenige, lihnlich
wie der durch einen Chanteur zum AuBersten getriebene Ober-
btigermleister von E moglichst vorher die Spuren, welche
den wahren Grund ihrer unseligen Tat enthtillen konnten.
Gelecentlich kommt es freilich auch vor, daB jemand, wie der
Landgerichtsdirektor H., die Waffe auf seinen Erpresser richtet, bevor
er sie auf sich lenkt oder zu lenken beabsichtigt, oder er schreibt
vorher an die Staatsanwaltschaft oder die Polizei, wer und was sein
freiwilliges Ableben verschuldete. Ich will nach authentischen Ge-
richtsberichten zwei Beispiele von vielen wiedergeben, deren AbschluB
zu beobachten ich selbst Gelegenheit hatte. „Vor der vierten Straf -
kammer des Landgerichts I in Berlin fand," heiBt es in dem ersten
Bericbte, „eine bis zum spaten Abend wahrende Verhandlung gegjen
den Grafen T. und seinen Komplicen, den Schlachtei^gesellen Her-
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maan K., statt. Beide waren l)eschul<iigt, im Zusammenhange mit
Vergehungen gegen den § 176 schwere Erpressungen verubt zu haben.
Die Vexhandlung fiihrte hinein in die Gefahren, die die Furcht vor
dem § 175 des Stra%esetzbuches fiir homosexuell veranlagte Naturen
im Gefolge hat. Aus der Urteilsverkiindung sei hervorgehoben, daB
eines der Opfer dieser gemeingefahrlichen Subjekte, der 63jahrige
homosexuelle Konsul K. v. Sch., Bruder des Wiesbadener Polizei-
prasidenten und des Obersten v. Sch. war, der, nachdem er, wie
sich der Vorsitzende ausdriickte, „bis anfs Blut gepeinigt war", in
Buenos Aires gewaltsam ^einem Leben ein Ende bereitet hat. Graf
T. wurde wegen Erpressung zu einem Jahr neun Monaten, wegen Ver-
gehens gegen § 175 zu sechs Monaten, insgesanit zu zwei Jahren
Gefangnis und fiinf Jahren Ehrverlust, K. wegen Erpressung zu einem
Jahr drei Monaten, wegen Vergehens gegen § 175 zu vier Monaten,
insgesamt zu einem Jahr sechs Monaten Gefangnis und drei Jahren
Ehrverlust verurteilt." Der zweite Bericht lautet: „Durch E rpr es-
se r in den Tod getrieben wurde der Gastwirt Ernst D. aus J. D. hatte
sich vor einigen Jahren mit einem Hausdiener im Rausche in eioer
Weise eingelassen, die nach § 175 St. G. B. bestraft wird. Der Bursche
verstand es darauf, Herrn D. zu seiner standigen Geldquelle zu machen.
Die standige Aufregung machte den Mann elend und kraak. T).
auBerto wiederholt zu seinen Familienmitgliedern Serostmordgedanken,
ohne sich fiber den wahren Sachverhalt offen auszusprechen. SchlieB-
lich wurde er ixi seinem Lokal in J. mit einem Koch M. bekannt,
der ihm versprach, Abhilfe zu schaffen. Nach einigen Tagen stellte
ihn M. emem Baron von E. vor, der ihm Hilfe versprach. Tatsachlich
zeigte der angebliche Baron nach einigen Tagen emen Brief des Er-
pressers vor, in welchem er erklarte, von D. kein Geld mehr zu
verlangen. Durch die Bekanntschaft mit dem Angeklagten, der in
Wirkliohkeit der bereits im Jahre 1901 wegen Erpressung mit zwei
Jahren Gefangnis vorbestrafte Artist und Damenschneider Ernst W.
war, wurde D. nunmehr ganzlich ins Verderben gestiirzt. Der ,,Baron"
lieB seine Maske fallen und zeigte sich dem D. gegeniiber als einer
der gefahrlichsten Erpresser. Nachdem er sich schon eine Woche
nach seiner Bekanntschaft mit D. von diesem 600 Mark hatte geben
lassen, zog W. eine immer fester werdende Schlinge um den Hals
des ungliicklichen D. Dieser wagte aus Scham und Verzweiflimg
nicht, sich seinen nachsten Verwandten anzuvertrauen, sondern zahlte
an den Blutsauger Summen von mehreren tausend Mark. In der hoch-
sten Verzweiflung bat D. den Zigarrenhandler E., er solle ihm doch
einen Revolver boi^en, damit er einen gemeinen Erpresser und dann sich
selbst erschieBen konne. Von seiten des E. wurde der Kriminalpolizei
Mitteilung gemacht, doch es war bereits zu spat. Am 21. Mai d. J. war
W. wieder bei D. erschienen und hatte unter Drohungen, er werde den
friiheren strafbaren Verkehr des D. in die Offentlichkeit und zur
Kenntnis der Polizei bringen, 2000 Mark erpreBt. Dies nahm sich
D. derart zu Herzen, dafi er in der Verzweiflung Hand an sich legte
und sich erhangte. Der Strafkammer 8 a wurde der 23 jahrige
W. gestern aus dem Untersuchungsgefangnis vorgefiihrt. Der Gre-
richtshof erkannte mit Riicksicht auf die hochst traurigen Folgen,
welche das schandliche und gemeine Treiben des Angeklagten gehabt
hat, dem Antrage des Staatsanwalts gemafi, auf sechs Jahre Zucht-
haus, 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht."
Audi der folgende Fall eines Selbstmorders, den ich wenige
Stunden vor seinem Ende noch selbst sprach, ist bezeichnend.
Ich gebe ihn nach der kurzen Schilderung, die ein gut unter-
richteter Freund des Verstorbenen einem Thiiringer Blatt ubersandte.
„Der Student W. H. hat sich im Freibad Wannsee mit Zyankali
veiigiftet und alsdann ertrankt. Der 22 jahrige junge Mann, der eu
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den besten Hoffnungen berechtigte, studierte Philologie und Philo-
sophie an der Universitat Jena. Auch hier wieder heiBfc es, wie so oft,
„aus unbekannten Grunden"; eine Zeitung gibt als Ursache Schulden
an. Aber den wahren Grund hat er selbst einem zum Wissenschaftlich-
humanitaren Komitee zu Berlin gehorenden Herrn mitgeteilt, weil
er wiinschte, daB dieser seinen Erpresser verfolgen lasse. Er litt
namlicli an gleichgeschlechtlicher Naturanlage, und ein Jenenser Kell-
ner hatte gedroht, der Verbindung H.s mitzuteilen, daB er von diesem
intini beriihrc worden sei. Der Student hatte dem Eelhier den Betrag
seines ganzen Monatswechsels und fast alle Wertsachen geopfert. In
seiner verzweiflung fuhr er mit seinem letzten Gelde vorgestern naoh
Berlin, irrte tief niedergeschlagen in der Weltstadt umher und beging
dann den traurigen Selbstmord."
Zu den Selbstmorden der dritten Untergruppe, der durch
Rticksicht auf die Umgcbung bedingten, rechne ich vor alien
diejenigen, in denen dem ungllicklichen Urning der Entschlufi
von Angehorigen, Kameraden, Korpsbriidern nahe gelegt wurde.
Ich kenne einen Fall — und er soil nicht vereinzelt dastehen —
in dem der eigene Vater am Abend des Tages, an dem er von
der homosexuellen Natnr seines Sohnes Kenntnis erhalten hatte,
diesem die geladene Pistole auf den Bettisch legte.
Einer meiner Patienten zeigte mir einmal den Brief seines Beicht-
vaters, in dem ihm der Geistliche dringend, wie schon zuvor miindlich,
zum Selbstmord riet. „Es sei besser, einen faulen Apfel zu ver-
nichten," schreibt er, „damit andere gesund bleiben konnen, als den
einen faulen Apfel zu schonen, durch den die anderen auch faul wiir-
den." Selbst Arzte geben ahnliche Ratschlage. So berichtete mir ein
am^rikauischer Patient, daB der Arzt, den er in Philadelphia seiner
homosexuellen Leiden halber um Rat gefragt habe, ihm geantwortet
hatte: „es gabe fiir ihn nur drei Moglichkeiten : Selbstbefriedigimg
(use his right hand), freiwilligen Aufenthalt in einer Irrenanstalt
(place himself in a madhouse) oder Selbstmord (or better commit
suicide). In ahnlichem Sinne schrieb einmal ein ziemlich bekannter
Berliner Schriftsteller *) : „In Fallen, wo die Leidenschaft nicht ge-
biindigt werden kann, .halte ich den Selbstmord des Ungliicklichen
fiir nicht so schrecklich, als ein Weiterleben im Gefiihl der Ent-
wiirdigung und ein Weitertragen des Lasters in jugendliche Kreise."
Seiner religiosen Familie zu Gefallen, die ihm immer wieder
seine schwere sodomitische Siinde vor Augen hielt, totete sich auch
vor einigen Jahren der mir gut bekannte Uranier Johannes S. Sein
Lebensgang und Lebenseude ist fiir die Art und Weise, wie die noch
heute bestehende Verfolgung den Homosexuellen zermiirbt, bis er
schlieBlicli erliegt, so ungemein chaxakteristisch, daB ich aus der
ihm von mir gehaltenen Gedachtnisrede das AVesentliche wiedergeben
will. Es heiBt da: Joh. S. war vor etwa fiinfzig Jahren als Sohn eines
reicheii Fabrikanten geboren; ^r war dazu bestimmt, in die alte
angesehene Firma einzutreten, und hatte zweifelsohne bis an sein
natiirliches Ende in Ehren fiir sie gewirkt, wenn ihn nicht bereits in
seinem 20. Lebensjahre ein folgenschweres Ereignis aus der vor-
geschriebenen Bahn geschleudert hatte. Ein junger reisender Hand-
werksbursche bettelte eines Tages in seinem Kontor. S. fand an
ihm Gefallen und lieB sich mit ihm in intimere Beziehungen ein. Der
Handwerksbursche riihmte sich in der Herberge des Verkehrs mit
dem reichen Kaufmannssohne ; die Sache wurde ruchbar, gelangte
4) Cf. Hirschfeld, § 175 im Urteil der Zeitgeuossen, p. 31.
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zur Kenntnis seiner Familie und nach langen Auseinandersetzungen,
die seiner Mutter, welche besonders an ihm hing, fast das Herz bra-
cheu, kam man iiberein, den ;,verlorenen Sohn" nach Amerika zu
schicken. Dort begann er nun das fiir viele Uranier typische Va-
gantenieben. Zu stoiz, um sich nach Hause zu wenden, fiihrte er in
Amerika ein entbehrungsreiches Leben, das erst aufhorte, als er bei
dem Theaterdirektor C. eine Steile als Sanger fand. Er zog nun jahre-
lang .9,1s Sanger imd Schauspieler durch die Vereinigten Staaten,
bis er endiich so viei gespart hatte, um wieder einmal nach der
deutschen Heimat zuriickkehren zu konnen. Man nahm ihn imEltern-
haus freundlich auf, zumai das nach seiner Flucht gegen ihn ein-
geleitete Verfahren inzwischen niedergeschlagen war. Er wurde aus-
ersehen, eine Filiaie der groBen Firma in H. zu errichten, tat dies
auch mit gutem Erfoig, aber es wahrte nur einige Jahre, da ereiite
ihn wieder sein Geschick. Er hatte mit einem Arbeiter sexuell ver-
kehrt. Es kam heraus, und nun blieb diesem Manne, der im
Grunde genommen eine so edle Denkungsart, ein so zartes Ge-
miit hatte, auch das Furchtbarste nicht erspart. £r muBte
ins Gefangnis. Als er es nach einigen Monaten verlieB,
war Johannes S. ein anderer. Wohl fand er gelegentlich im
Freundeskreise seinen sonnigen Humor wieder, wohl orach dann und
wann sein von Haus aus hei teres, kindlich frohes Temperament durch,
aber im Innem verwand er das Erlittene nicht, wie ein diisterer
Schleier legte es sich iiber sein zukiinftiges Leben. Aufs neue begab
er sich ins Aus land, zuerst nach England, dann irrte er unstat
dxirch Frankreich und Italien. SchlieBlich bot man ihm an, eine neue
Filiaie des vaterlichen Geschafts im straffreien Holland zu griinden.
Er tat es, wiederum mit vielem Erfoig, und nun begann fiir ihn in
A. — wenn auch dxirch die Wehmut der Vergangenheit beschattet —
eine verhaltnismafiig gliickliche Zeit. Er fand gleichempfindende
Menschen von Bildung, mit denen er sich aussprechen konnte; er
suchte und fand AnschluU an das Wissenschaftlich-humanitai'e Ko-
mitee und studierte eifrig die Literatur, die ihm ein unendlicher
Trost wurde, well sie ihm die Selbstachtung, das Selbstvertrauen
und den Glauben an sich wiedergab. Unter den jungen Leu ten aus dem
Volke, zu denen er sich hingezogen fiihlte, fand er yiele. die mit
riihrender Liebe an ihm hingen. Man muB gesehen haben, wie er mit
diesen Menschen, oft den Armsten der Armen, sein Brot teilte, um inne
zu vverden: was dieser Mann fiihlte und tat, war nichts Schlechtes,
nichts Unrechtes ; es wurde nur schlecht, indem iiberhebende Men-
schen es dafiii' hielten. Aber auch in A. blieb er am Ende Aicht
von polizeilichen Behelligungen verschont. Es kam vor, als er eines
Tages mit einem jungen Mann durch die Kalverstraat ging, dafi ein
Kriminalbeamter hinzutrat und zu dem jungen Mann sagte: „Ich
warne Sie vor Mynheer S., er ist ein Sodomiter." Das verbittert'e
ihn wieder stark, und es war ihm daher nicht unlieb, als sich ihm
im Friihjahr 1910 die Gelegenheit bot, die Leitung einer Filiaie in
B. zu iibernehmen. Es geschah, aber obgleich er auch dort einige
gute Freunde fand, konnte er nicht menr recht heimisch werden.
Vielleicht fiirchtete er auch, es konnte ihm auf deutschem Boden
wieder so ergehen, wie schon zweimal zuvor, und so setzte sich in ihm
die Meinung fester ^und fester, er erweise sich und seiner Familie
den groBten G«fallen, wenn er seinem Leben ein Ende machte, das
ihm so viei Herzeleid und den Seinen so viel Argernis gebracht hatte.
Am Sonnabend, den 9. und Sonntag, den 10. Juii 1910 war er noch-
mals hier, um, ohne daB wir sein Vorhaben ahnten, Lebewohl zu sagen;
ich sehe ihn noch, wie er, als er fortging, sich immer wieder fum-
wandte und winkte. Am Tage darauf fuhr er nach D. zum Grabe
seiner Eltern. Am Mittwoch, den 13. Juli, jagte er sich in Br. die
erlosendo Kugel in die Schlafe, am Sonnabend, den 16. Juli bestattete
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man ihn dort, wo er nun fern von der Heimat, fern von seinen Freun-
den, fern von seiner Familie ruht, fern aber auch von den Ver-
folgun^en und Bitternissen seines harten Lebens."
Eine besondere Gruppe bilden auch die demonstrativen Selbst-
morde von Mannern in Frauenkleidern und Frauen in Mannertracht,
die zum Teil von homosexuell, zum Teil allerdings jauch von hetero-
sexuell veranlagten Transvestiten *) herriihren. Ein typisches Bild
war der Fall der mannlichen Braut in Breslau, eines brasilianischen
8oh\\armerisch in einen deutschen Lehrer verliebten Homosexuellen,
der sich, als der Polizeiarzt ihn untersuchen sollte, mit Zyankali
vergiftete.
Die zweite Hauptgruppe, bei der die Homosexualitat die
indirekte Ursache ist, steht der letztgenannten sehr nahe. Sie
unterscheidet sich von ihr nur dadurch, daB nicht die urnische
Anlage mit ihren unmittelbaren Konsequenzen die Katastrophe
herbeiflihrt, sondern daB zunachst die gleichgeschlechtlichen
Neigungen dem Lebenslauf desUrnings die verhangnisvoUe Wen-
dung geben, ihn aus seiner Bahn in unvorhergesehene Lagen her-
ausschleudern, denen er alien Anstrengungen zum Trotz nicht ge-
wachsen ist. Hierher gehoren die vielen Offiziere, die infolge ihrer
Homosexualitat den Abschied genommen oder bekommen haben,
dieanfangs ganz mutig den Kampf mit demLebenaufnehmen, als
Agenten, Reisende, Journalisten ihr Fortkommen suchen, aber
iiberall, als entlassene Offizier mit MiBtrauen empfangen, Schiff-
bruch erlitten oder noch haufiger liberhaupt keine Stelle fanden.
Waren sie nicht homosexuell, oder die Homosexualitat keine
Schande, hatten sie es vermutlich bei ihrer Lust, Liebe und
Vorbildung zum Soldatenstand zu hohen militarischen Posi-
tionen gebracht. Ahnlich wie den Offizieren geht es den gemaB-
regelten Beamten und zahlreichen anderen Urningen, deren Stel-
lung durch das Bekanntwerden ihrer homosexuellen Neigungen
unhaltbar wurde, die immer vvieder um ihre Existenz ge-
bracht, ailmahlich in Vermogensverfall und Schulden geraten,
um schlieBlich ihr Leben zu enden. t)ber diese indirekt durch
die Verfolgung der Homosexuellen verursachten Selbstmorde gibt
es keine Statistik, kann; es auCh keine geben, ihre Zahl festzu-
stellen, ist unmoglich, da sie in der Selbstmordstatistik unter
ganz anderen Rubriken: Schulden, Verarmung wenn nicht gar
unter der banalen Marke ,,LebensuberdruB'* figurieren.
Als Beispiel fiihre ich den Selbstmord des urnischen Arbeiters
S. an, dessen Selbstbiographie sich im V. BandJ I. Teil, des Jahrbuches
fiir sexuelle Zwischenstufcn^) findet. Vor seinem Ende schrieb
er an einen Freund"'): „Ich bin zu Ende mit meinem Latein.
Hin und her gehetzt, ohne Mittel, um den Krallen der Ge-
^) Cf. „Transvestiten" p. 414 ff.
6) Leipzig, 1903.
■') Ein Opfer des § 175. Lebens- und Leidensgeschichte des ur-
nischen Arbeiters Franz S. Stuttgart-Ostheim 1909. p. 17 f.
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rechtigkeit zu entrinnen, jsehe ich ein, daB es fur mich und meine
Familie das beste sein wird, wenn ich abtrete von diesen Brettern der
Lebenskomodie. Ich tue es gem, nicht aus Feigheit, sondern well ich
genaii weiC, daB ich meiner Familie damit den besten Dienst crweise.
Es ist mir wenigstens vergonnt, in der letzten Stunde meines Lebens
in der Nahe meiner Familie zu bleiben, denn immerhin habe ich die
Meinen so lieb gehabt, wie es nur ein Mensch, wie ich einer bin,
veiTDOchte. GriiBe alle guten Bekannten von mir. Sie sind allesamt
so korrekl und rechtschaffen, daB sie von mir armen Lebensknippel
wohl kaum noch Notiz genommen haben, und doch, ich Jiabe ge-
kampft, o ja, sehr gekampft habe ich, nicht nur gegen zwei, nein,
gegen hundert Welten und war so erbarmlich schwach. Lebt recht
wohl, die freie Turnsache bliihe." An seine Familie richtete er fol-
gende Zeilen: „Mein liebes Weib, meine armen Kinder Walli und
Ida. Ich habe es immer und immer wieder versucht, Euch ein ordent-
licher Vater und Gatte zu sein. Ich fiihle, daB mein Dasein nur eine
fortgesetzte Quelle von Gram, Sorge und Kummer fiir Euch ist.
Desna lb scheide ich aus dem Leben gem, weil ich weiB, daB ich Euch
nur damit dienen kann. Ihr werdet dann endlich Ruhe haben fiir
ein ferneres stilles Leben, wie es guten Menschen zukommt, ich war
ja nicht gut, konnte es beim besten Willen nicht sein. Liebe Ma-
thilde, Du legtest mir in Deinem Briefe die Frage vor: „habe ich es
so verdient?** Nein, mein gutes Weib, so hattest Du es nicht verdient.
Aber es war Dein Verhangnis, daB ich ungliickseliger
Mensch Deinem Lebensweg begegnen muBte, so wie
ich war und bis zum letzten Augenblick sein muBte,
und doch habe ich einst geglaubt, Du konntest raich
heilen von meiner „Krankheit". Es konnte nicht
sein. Lebet wohl, meine lieben Kinder, werdet gute Menschen, besser
als Euer Vat^r. Euer Vater und Gatte F. S."
Anders wie die bis'her genannten ist eine letzte Klasse
von Selbstmorden zu bewerten, die durcli die ungluckliche Liebe
homosexueller Manner und Frauen zu einer Person desselben
Geschlechts veranlaOt wird. Auch hier spielt nicht selten die
Verfolgung der Homosexuellen durch die Gesellschaft inso-
fem eine RoUe, als sie einer Vereinigung der Liebenden hindernd
im Wege steht, aber das ausschlaggebende Moment ist doch
die leidenschaftliche, an ein einzelnes Individuum fixierte Liebe
an und fiir sich. Daher kann man auch nicht annehmen, daO
diese Selbstmorde mit der Eehabilitierung der Homoseixuellen
aufhoren werden, weder die, welche begangen werden, weil die
Liebe des Homosexuellen auf eine ganzlich heterosexuelle Person
gefallen ist, die, dem heiB Begehrenden ablehnend und abweisend
gegenlibersteht, noch die, welche im Schmerz um den Verlust
des Geliebten oder aus Eifersucht veriibt werden. Man wird sich
liber diese Selbstvernic'htungen nicht wundern konnen, wenn
man oft Gelegenheit gehabt 'hat zu beobachten, von wie enormer
Heftigkeit der Affekt eines Homosexuellen fiir den Gegenstand
seiner Zuneigung, namentlich in der negativen Richtung seiner
Sehnsucht und Eifersucht, sein kann.
Vor einigen Jahren totete sich in Berlin ein 23jahriger Arbeiter.
Din eine Hand hielt den Revolver, die andere das Bild des Freundes
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umspannt, dem zuliebe sich, beilaufig bemerkt, bereits kurz vorher
ein anderer Uranier erschossen hatte, Ein anderer Uranier, der micb
von Zeit zu Zeit wegen asthmatisclier Beschwerden aufsucht, tragt
als Ausgangspunkt dieses Leidens seit etwa 15 Jahren ein (JescboB
im Brustkorb, das bisher nicht entfernt werden konnte. Er hatte es
sich als Student der Technik in Hannover beigebracht, weil ihn ein
Kommilitone verschmahte, dem er in rasender Leidenschait zugetan
war. Im Westen Deutschlands nahm sich vor einigen Jahren ein
Leutnant das Leben, „weil sein Bursche starb".
Wie im heterosexuellen, so ist ea auch im homosexuellen
Liebesleben nicht selten vorgekommen, daC jemand, bevor. ef
Hand an sich gelegt hat, die geliebte Person totete oder zu toten
versuchte.
So feuerte im Jahre 1909 in Kiel ein polnischer Edelmann auf
einen jungen Kaufmann — ich hatte ihn spater selbst zu behandeln
Gelegenheit — um unmittelbar darauf die Waffe auf seine eigene
Person zu richten. In der Tasche des Leichnams fand sich ein Zettel
mit folffenden Worten: „Ich liebte ihn wahnsinnig und aufrichtig. Ihn
beimlicn zu entfiihren, taten mir seine Eltern zu leid, und da er
meine Liebe verschmahte, und seine Neigung einem anderen gonnte,
ist es besser, wir beide sind nicht mehr.
Ill Berlin kamen in den letzten Wochen zwei Falle vor, in denen
leidenschaftlich verliebte Homosexuelle die Waffe auf Freunde rich-
teten, die sich von ihnen abgewandt hatten, und unmittelbar danach
auf sich selbst. Drei dieser Personen hatten in ihrer Angst und Qual
mich vorher aufgesucht, und ich hatte mich in langen Auseinander-
setzungen abgemiiht, den Grad ihrer Affekte zu mindern. Die Angreifer,
beide in der Mitte der Zwanziger — hatten zu gleichgeschlechtlichem
Verkehr reichlich Gelegenheit gehabt, ihre Libido war aber so aus-
schlieBlich an die e i n e Person gekniipft, daB die Existenz keines
anderen Menschen fiir sie in Frage kam.
DaC Doppelselbstmorde unter Homosexuellen ein relativ
haufiges Vorkommnis sind, geht aus der oben angefiihrten
Statistik hervor, nach der unter 100 urnischen Selbstmordern 12
Manner und 8 Maddhen^ also 10 Paare sich gemeinsam. toteten.
Sie Ziehen die Todesgemeinsamkeit der Lebenseinsamkeit, die
Vereinigung im Sterben der spzial und gesetzlich . gebotenen
Trennung vor. Erst vor kurzem wurden am Elbufer in Dresden
die Leichen zweier Manner, die an den Handgelenken mit drei
Taschentiichern fest zusammengebunden waren, aufgefunden. In
den Toten wurde ein Fensterputzer und ein Stepper erkannt.
Beide waren unter Gleichftihlenden als urnischeg JPreundespaar
bekannt. Wer die Zeitungen nach solchen Nachrichten durch-
sucht, wird keineswegs selten ahnlichen Notizen begegnen.
In charakteristischem Gegensatze zu den vorher genannten
Selbstmordkategorien finden sich unter den Selbstmorden ^us
ungliicklicher Liebe, namentlich unter den Doppelselbstmorden,
fast ebenso viele von urnischen Frauen als von urnischen
Mannern.
So erregte vor einigen Jahren ein Doppelselbstmord zweier Freun-
dinnen in der Schweiz groBes Aufsehen, von denen die eine die be-
Hirschfeld, Homosexualitftt. 5g
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ruhmte Pchriftstellerin Use Frapan war. Als Ursache des freiwil-
llgen Todes er^b sich, daB die eine ein imheilbares Krebsleiden hatte,
wahrend fiir die andere das Leben ohne Freundin jeglichen Wert ver-
loren hatte.
Ober einen anderen Fall berichtet der Pester Lloyd (8. V. 07):
.jGestern nachmittag unternahmen zwei Fabrikarbeiterinnen, Therese
K. und Cacilie St., in einem Hotel der Szovetsdgutcza Selbstmordver-
suche. Cber das Motiv der Tat habea die beiden MMchen jede Aus-
kunft verweigert; aus den bei der Polizei vorgenommenen Zeugen-
verhoren ist jedoch die Ursache ermittelt worden, die die beiden ver-
zweifelten Geschopfe zu ihrer Tat veranlaUte. Die K. und die St.
waren schon in der Schule miteinander befreundet, und fhre Zu-
neigung gestaltete sich mit der Zeit zu einem psychopathologischeD
Verhaltnis, von dem die beiden Madchen trotz energischen Einschrei-
tens der JEltern ^icht abzubringen waren. Vor einigen Tagen hatte
sich die K. mit einem jungen Manne verloben sollen; sie wollte iedoch
von der Ehe nichts wissen und beschloB, im Vereine mit ihrer Freun-
din ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Die beiden Madchen werden im
Rochussmtale gepflegt." Die Zeitung Friss Ujs^ schreibt dazu unter
dem 8. v. 07: „Die beiden Madchen lagen im Bett bis aufs Hemd
entbloBt, gleich zwei Verliebten, die ineinander das Gliick gefunden
haben.'* Einige Jahre spater ereignete sich in derselben Stadt ein
ahnlicher Doppelselbstmord. In einem der ersten Hotels waren abends
zwei elegant gekleidete Damen ab^estiegen. Die altere fullte den
Meldezettel als Frau Dr. Karl B., die andere als Frau Erwin P. aus.
Am nachsten Morgen horte man plotzlich Hilferufe und gleich darauf
dumpfes Stohnen aus dem Zimmer der Damen. Als man die Tur er-
bracb, fand man die angebliche Frau B. auf einem Bette liegend mit
einer SchuBwunde an der rechten Schlafe tot auf. Auf dem FuBboden
lag rochelnd Frau P. Die beiden Damen hatten mit zwei Revolvern
eleichzeitig auf einander geschossen. Neben den Leichen lag ein
Zettel mit folffenden Worten: „Bitte, nach den Motiven unserer Tat
nioht zu forschen." ^s er^ab sich, daB die eine jiingere der beiden
Damen, eine bekannte Urnmde, die altere leidenschaftlich liebte. Da
deren Ehemann aber seiner Gattin den Verkehr verbot und ihr, als
sie nicht folgte, die heftigsten Sz^nen bereitete, beschlossen die „un-
gliicklich Liebenden" gemeinsam aus dem Leben zu scheiden.
Meistens nehmen Freundes- und Freundinnenpaare, die zu-
aammen aus dem Leben sciieiden, ihr Geheimnis jnit in das
Grab, doch unterliegt es keinem Zweifel, dafl, wenn auch' ge-
legentlich andere Motive wirksam sind, in der grofien Anzahl der
Pa He, in denen zwei intim miteinander befreundete Menschen
eines Geschlechts den Entschlufl gemeinsamen Sterbens fassen,
das starke Zusammengehorigkeitsgefuhl, das die Voraussetzung
solcher Tat ist, in der bewuUten oder unbewuflten sexuellen
Identifizierung ruht. Was die von homosexuellen Selbstin5rdern
angewandten Todesarten betrifft, so war diese nach meinen
statistischen Aufzeichnungen in 54o/o der Falle ErschieBen; bei
13o/o Vergiften; bei 12o/o Erhangen; 4o/o Ertranken; 2o/o Auf-
schneiden der Pulsadern; 2o/o Durchfichneiden der Kehle, in lo/o
Ersteehen mit einem Dolch. Der Selbstmord der Homosiexu-
ellen ist nur selten eine Affekthandlung aus pl6tzlichem Impuls,
sondern fast immer ein^e wohlbedachte und vorbereiteto Tat,
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er ist nicht sowohl eine Tragodie an und ftir sich, als vielmehr
der AbschluB einer Lebenstragodie. Die seelischen Martern,
die ihm vorangehen, die Wirrsal, die sich keinen anderen Aus-
weg wuUte, als den Tod, ist es mehr als dieser selbst, die
uns den ungllicklichen Lebensfltichtling so beklagenswert er-
scheinen lassen. Bei den meisten Urningen kann man wirk-
lich sagen: „sie sind geselbstmordet worden.** Selbstverst^nd-
lich ist, daO sich' nur in einem Bruchteil der Falle die Selbst-
mordgedanken in die Tat umsetzen, liegt doch ^wischen dem
Entschlufi und seiner Ausfiihrung der starke Instidkt der Todes-
angst.
AuBer der Flucht in das Ausland und ins Jenseits, stehen
dem Timing noch andere Wege of fen, die Flucht zum' Alko*
hoi, zum Morphium und sonstigen Beruhigungs- und Be-
rauschungsmitteln, endlich der Verfall in schwere Neurasthenic,
die Freud einmal die Flucht in die Neurose nannte.
Bei diesen nervosen Zustanden mit ihren Zwangs-, Angst-, ja
selbst Verfolgungs- und Wahnideen ist es oft fast unmoglich
• zu entscheiden, was durch eine endogene neuropathische Konsti-
tution bedingt ist, oden auf das Konto exogener Erregungen der
durch die Verfolgungstrias erzeugten seelischen Verwundungen
zu setzen ist, oder aber was auf die Verdrangung' und Unter-
drtickung der homosexuellen Libido fallt. Wir werden hier
zwei Falle unterscheiden mtissen: einmal den, dafl bei ge-
sunder psyohischer Konstitution und normaler Widerstands-
f Hhigkeit das Ma6 der auBeren Schwierigkeiten und der dadurch
veranlaBten Konflikte ein so erhebliches wird, ,daC nervose und
psychische Storungen als Folge resultieren, und den, daiJ
neben der homosexuellen Veranlagung von vornherein eine
psychopathische Konstitution vorliegt, mit der eine ver-
minderte Widerstandsfahigkeit verbunden ist, so dafl schon aus
geringen Ursachen pathologische Zustande auf nervosem und
psychischem Gebiete sich entwickeln.
Bei vielen homosexuellen Mannern ist das Affektleben sehr
stark in den Vordergrund des iadividuellen Seelenlebens geriickt ; dem-
entsprechend sind auch seine Storungen haufiger als * bei hetero-
sexuellen Personen. Diese Erscheinung diirfte mit dem femininen
Einschlag im Seelenleben der Urninge in Zusammenhang stehen. Wir
finden bei ihnen — wie bei den Frauen ~ auch eine groBere Dispo-
sition zu Affektschwankmigen, die sowohl in Form der „endogenen
Verstimmung" als in einer starkeren Neigung zu Affektpsycbosen ihren
Ausdruck findet. Da beide Krankheitszustande in hohem MaBe von
aul5eren Momenten abhangig sind, geben die Skandale, in welche
Homosexuelle verwickelt werden, die Konflikte, in welche sie ge-
raten, oft auch nur der innere Zwiespalt und die seelische Zerrissen-
heit, welche in ihnen durch ihr ihnen selbst oft unklares Empfinden
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hervorgerufen ist, oft den AnlaB zu akuten Verschliminerimgen der
Verstimmung — vorwiegend in depressivem Sinne — imd zu akuten
Ausbnichen von Affektpsychosen.
Zwischen den Fallen ausgesprochen psychopathischer Konstitution
Oder Disposition und denen robuster psychischer Gesundheit liegen
bei Homosexuellen eine groBe Reihe individueller Nuancen. Gerade
bei ihnen ist die gesteigerte Sensitivitat, jener Zustand, den man
medizinisch als „8chmerzliche Eeizbarkeit" bezeichnet hat, recht haufig.
Viele fliichten sich in die Einsamkeit, sowohl rein auBerlich genom-
men, indem sie sich von dem Verkehr mit anderen Menschen mehr
und mehr abschlieBen, ^als auch in iibertragenem Sinne, indem sie
seelisch nach und nach vereinsamen. Mancher Sonderling entwickelt
sich auf diese Weise. In den moisten Fallen fiihrt dieser Weg psy-
chischer Vereinsamung friiher oder spater in die Neurose, und zwar
auBert sich dieselbe gewohnlich in ppezifischen Angstzustanden,
Schmerzen und abnormen Gefiihlen in der Herzgegend (Phrenokardie).
— Gerade dieser Krankheitszustand findet sich vielfach auch bei
Homosexuellen, die von Hause aus psychisch vollig intakt sind.
In diesen Fallen wird uns die Atiologie verstandlicher, wenn wir
sie mit analogen Erkrankungen bei Heterosexuellen mit gesunder
psychischer Konstitution veiigleichen. Die Ursache ihrer nervosen Leiden
beruht auch hier in einer groBen Mehrzahl der Falle auf krankhaften
Storungen des Sexuallebens. Namentlich wirken eine erzwungene sexu-
elle Abstinenz, schreckhafte Uberraschungen beim sexuellen Akt, auch
wiilkiirliche Unterbrechungen (der coitus interruptus) in diesem
Sinne schadigend. Beriicksichtigen wir demgegeniiber die besonderea
Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen der geschlechtliche Ver-
kehr fiir Homosexuelle fast stets verbunden ist, so wird uns die be-
tonte Analogic ohne weiteres begreiflich. Sowohl in den Fallen, in
denen der Homosexuelle seinen Trieb gewaltsam unterdriickt, vor-
nehmlich, wenn eine ausreichende „Sublimierung" aus irgend einem
Grunde ausgeschlossen ist, als auch in denen, die mit Gefahr vor
Entdeckung oder anderen Unannehmlichkeiten verkniipft sind, sind
die Bedingun^en zur Entwickelung der Neurose gegeben. Kommt nun
noch irgendem auBerer Umstand, wie Erpressung oder Strafverfol-
gung, hinzu, so ist ein schlimmer Ausgang in einer groBen Anzahl
der Falle die unvermeidliche Konsequenz, mag dieser in einer Kata-
strbphe oder im Ub^rgang in die Neurose oder rsychose bestehen.
Schon einer der ersten urnischen Patienten, der wissenschaftlich
studiert wurde^), sagte sehr bezeichnend zu seinem Arzte: „. . . . da-
von hat mein Charakter seine Melancholic, obgleich ich von Natur
aus heiter bin".
Bei manchen bildet sich ein f ormlicher Verfolgungswahn
heraus. Vor allem glauben viele, daB sie auf Schritt und Tritt von Kri-
minalbeamten beobachtet warden. Es vergeht selten eine Woche, iu
der ich nicht einem angsterfiillten Urning die Unsinnigkeit dieser nncl
ahnlicher Einbildungen auseinanderzusetzen versuche. Bei anderen ent-
wickeln sich Beziehungsvorstellungen, die fiir sie nichfc
minder peinigend sind. So konnte ein (und noch dazu ein Rechea-)
J^ehrer keine Exempel aufgeben, bei denen, wie etwa he\\ 5 mal 35, das
Resultat 175 lautete, ein anderer bekam einen roten Kopf, wenn etwas,
was er kaufen wollte^ 1 Mark 75 Pfennige kostete, derselbe iiberschlu^
in Biichern die Seite 175, er traute sich nicht in ein Theater zu gehen.,
aus Furcht, die Garde robemarke 175 zu erhalten. Einem anderen nonio-
*) Vierteljahrsschrift fur gerichtliche Medizin und offentliches
Sanitatswesen. (Herausgegeben von Dr. Hermann Eulenbur ^.
Neue Folge. XVIII. Band.) Berlin 1873: „Bekenntnisse eines a,n
perverser Geschlechtsrichtung Leidenden." Mitgeteilt von Dr. S c h u X x
zu Bremen, p. 325.
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sexuellen Neurastheniker passierte folgendes: Er suchte ein groCes
Sanatorium auf. Das ihm zuerteilte Zimmer hatte die Nummer 175.
Als ihn der Bademeister unter dieser Nummer zur Massage aufrief,
erschrak er aufs hefti^ste, am anderen Tage traute er sich kaum in
den Baderaum, am dntten Tage reiste er ab.
DaB auch der Alkoholismus, der auf dem Boden mangelnder ge-
schlechtlicher Befriedigung entsteht, bei Homosexuellen vielfach als
Umweg zur nervosen oder psychischen Erkrankung in Betracht
kommt, ist eine Tatsache, die ich durch recht viele Beispiele aus
meiner Praxis belegen konnte.
Mit dem was idi aui^gefiihrt habe, sind die Folgen der
Verfolgung fiir den Homosexuellen nodi keineswegs erschopft,
eine, unter der viele am meisten zu leiden haben — die Lebens-
Itige — sei nur gestreift, eine andere, die Flucht in die Ehe,
ist mit ihren Konsequenzen im Kapitel „B6handlung" gesohildert
worden. Es liegt auf der Hand, dafi alle diese Folgen nicht
nur ftir den Homoseixuellen selbst, sondern audi fiir seine
Familie, die Gesellsdiaft und schliefilicli auch ftir den Staat
von Bedeutung sind. Es kann fiir dies.en nidit gleidi'gtiltig
sein, wenn so und so viele seiner Biirger als antisoziale Elemente
ausgeschaltet werden, die es in Wirklidikeit keineswegs sind.
SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die zivil- und strafrechtliche Begutachtung homosexueller
Manner und Frauen.
Die eigentiimlidhe Rechts- und Gesellschaftsstellung, welche
der Uranier gegenwartig nodh einnimmt, raumt der arztlichen
Begutachtung der Homosexuellen in fast alien Fallen, welche
zu Konflikten aus AnlaB seiner Veranlagung flihren, eine ent-
scheidende Bedeutung ein. — Ich gebe im folgenden aus meiner
reichen Erfahrung als Sachverstandiger auf di^sem Gebiete eine
Cbersichi der am haufigsten in Frage kommenden Falle^).
Mit dem Wunsche, sich selbst iiber die eigene sexufelle
Veranlagung voile Klarheit zu verschaffen, verbindet sich
haufig der praktische Zweck, der Familie oder eineni ber
stimmten Bekanntenkreise gegeniiber einen Ausweis zu erbringen
liber die Ursprlinglichkeit des Empfindens und das infolgedessen
ftir ein adaquates Handeln ausscheidcnde oder ver-
minderte Verschulden.
Zur Illustration nachstehend ein von Burchard und mir er-
stattetes Gutachten im Wortlaut : Unterlagen des Gutach-
tens: Eine erbliche Belastung liegt bei Baron X. insofem vor, als
sowohl vaterlicher- wie miitterlicherseits einige Onkel und Tanten an
Krampfen gelitten haben. Der Vater war, namentlich in der Jugend,
Alkoholiker. Die Entwicklung des Baron X. in den Kinderjahren
vollzog sich ohne wesentliche Storungen, nur daC ein Hang zum Umher-
streifen und zu phantastischen, die Wirklichkeit ausschmiickenden
Erzahlungen bei ihm bestand. Er soil als Knabe recht madchenhaft
ausgesehen und auch ein madchenhaftes Verhalten bekundet haben.
Dagegen fiihlte er sich von Jugend an mehr zu Knaben hingezogen
una bevorzugte deren Gesellschaft, nicht weil er ihre Spiele und Be-
schaftigungen liebte, sondern weil sie ilin personlich anzogen. Nacb-
dem er mit 91/2 Jahren in das Kadettenkorps gekommen war, nahm
diese unklare Neigung festere Form an und verdichtete sich zu einer
innigen Schwarmerei fur einen Altersgenossen. Mit der fortschreiten-
den Entwicklung traten die erotischen, bezw. sexuellen Momente in
den Gefiihlen des Barons zu Personen des gleichen Geschlechts immer
^) Es sei bemerkt, daB in AVahrung des Berufsgeheimnisses die
Anfangshuchstaben der Personennamen, 6owie die Ortsbezeichnnngen
in den Gutachten geandert sind.
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deutlicher zutage, ohne daB seine Eltern oder er selbst die aus-
schlaegebende Bedeutung derselben fiir seine gesamte seelische und
sexuelle Individnalitat richtig bewerteten. Bevor wir uns den Lebens-
gang des Baron X., der auf das engste mit dieser Veranlagiing ver-
kniipft ist, vor Augen fiihren, haben wir uns mit seiner Personlich-
keit, in der wir die Grundlage seines sexuellen Empfindens finden,
zu beschafti^en.
Korperlich ist der Baron trotz stattlicher Figur und militarisch
straffer Haltung nicht frei von femininen Ziigen. Die Korperformen
sind abgerundet, die Muskulatur ist weich und mehr elastisch als fest,
die Haut zart, die Korperbehaarung sparlich, das Haupthaar weich.
Das Fettpolster ist nach femininem Typus verteilt und besonders an
den Brusten stark entwickelt, die in Verbindung mit den ziemlicb
breiten Warzenhofen dadurch ein entschieden weibliches Geprage
erhalten. Auch die Bewegungen zeigen, obwohl militarische Stramm-
heit in Haltung und Gang unverkennbar ist, feminine Anklange,
namentlich in Mimik und Gesten. Ebenso spricht sich weibliche Zier-
lichkeit in der eleganten, fliissigen Handscnrift aus. In psychischer
Hinsicht dominiert bei Baron X. entschieden das Gefiihlsleben. Von
weicher Gemiitsart, besteht bei ihm eine starke Empfanglichkeit fiir
Freude und Schmerz, ein ausgesprochenes Anlehnungsbediirfnis und
Liebebediirftigkeit. Seine Stimmung war von jeher leicht wechselnd
und zwischen Extremen schwankend. Mit zunehmender Nervositat
ist ein aufbrausendes, bisweilen launisches Wesen bemerkbar geworden.
In intellektueller Beziehung gut beanlagt, entsprechen die Kenntnisse
und Interessen des Baron A. seinem Bildungsgrade und seiner gesell-
schaftlichen Stellung; sie bewegen sich vorwiegend auf schongeistigem
Gebiete ; entsprechend einem von Jugend an bestehenden Wandertrieb
interessiert sich Baron X. lebhaft fiir Volkerkunde und bevorzugt in
seiner Lektiire Reisebeschreibungen und ahnliches. AuBerdem gehoren
Sport- und Modefragen zu seinen Liebhabereien. Er besitzt musika-
lisches Verstandnis und liebt namentlich emste, klassische Musik.
Ordnungsliebend bis zur Pedanterie, neigt Baron X. zu einem mit
Komfort und Geschmack verbundenen LebensgenuB, ohne sich vor
ernster, gleichmaBiger Arbeit in seelischer oder korperlicher Be-
ziehung zu scheuen. Er ist von Hause aus eine energische und ziel-
bewuBte Natur. In seinem bewegten Leben hat er wiederholt Gelegen-
heit gehabt, Beweise von Initiative und Konsequenz des Handelns
zu geben. I ; , i
Indem wir die wesentlichsten Ziige der Individnalitat des Barons
skizzierten, ergab sich uns das Bild einer Personlichkeit, in dem mann-
liche und weibliche Ziige sich in eigenartiger Weise, vielleicht mit
etwas starkerem Hervortreten der femininen Komponente mischten,
deren Anteil an der Gesamtpersonlichkeit noch erheblicher zutage
tritt, wenn wir das Sexualleben des Barons mit beriicksichtigen. Hier
ist die weibliche, also sich auf das mannliche Geschlecht beziehende
Triebrichtung tiefer und intensiver ausgepragt, als es ihm von vorn-
herein selbst bewuBt war. Es diirfte sich eriibrigen, auf die AuBerungen
seiner Sexualitat im einzelnen einzugehen; erforderlich dagegen er-
scheint es, ihre Bedeutung im Laufe der psychischen Entwicklung
zu skizzieren. Schon in friiher Jugend faBte er ein besonders tiefes
Freundschaftsgefiihl zu seinen Altersgenossen, das zu korperlichen In-
timitaten, wie sie unter Spielgefahrten im spateren Knabenalter als
harm lose AuBerungen eines unklaren Sexualdranges so iiberaus haufig
sind, fiihrte ; er (mchte zunachst, es waren dies natiirliche, mit dem
betreffenden Altersstadium verbundene Erscheinungen, die in starkerem
oder schwacherem Grade bei jedem einmal eine KoUe spielen, um in
spaterem Lebensalter ganzlich in den Hintergrund zu treten.
Erst durch die negative Seite der gleichgeschlechtlichen Veraii-
lagung, erst dadurch, daB sicli bei ihra nicht wie bei seinen Kaineraden
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und Altersgenossen Liebesempfindungen flir das weibliche Gteschlecht
einstellten, kam ihm seine Sonderstellung in psychosexueller Hinsicht
zum BewuBtsein. Aber auch jetzt fehlte ihm noch das voUige Ver-
standnis fiir die Verkettung der sexuellen Triebrichtung mit seiner
psychischen Gesamtindividualitat. Er erblickte in ihr mehr ein neuro-
pathisches, durch auBere Einf Idsse hervorgerufenes Symptom und glaubte
dementsprechend, durch auBere Einwirkungen und psychische Beein-
flussung eine Anderung herbeifiihren zu konnen. Dieser Umstand, in
Verbindung mit dem ihm aus anderen Griinden zu derselben Zeit
von Prof. V. L., der ihn eines Magenleidens halber behandelte, er-
teilten Rat zu heiraten, den ein Nervenarzt aus sexualpsychologischen
Griinden bestatigte, bestimmte Baron X., eine Ehe einzugehen.
Erst hieraus resultierten die schweren inneren und zum groBen
Teil auch die auBeren Konflikte, Erpressungen usw., denen der Baron in
der Folgezeit ausgesetzt war. Mehr und mehr traten nach der Ver-
heiratung bei ihm nervose Erscheinungen auf, Unruhe, Schlaflosig-
keit, Schwindel- und Mattigkeitsgefuhl, Zittern einzelner Muskelgrup-
pen. In Wechselbeziehung eu diesen krankhaften Symptomen stei-
gerte sich das Bediirfnis sich zu betauben ; die Folge davon war ein
temporar exzessiver Alkoholismus. In Verbindung mit der von dem
Baron bis an die Grenzen moglicher 'Selbstbeherrschung durchgefiihrten
sexuellen Abstinenz fiihrten diese nervosen Spannungen zu gelegent-
lichen pathologischen Entladungen des geschlechtlichen Dranges, die
sich im Zusammenhange mit den begleitenden Umstanden deutlich als
Dammerzustande charakterisierten. Die Sachlage wurde durch dieses
Ineinandergreifen krankhafter Momente und ungiinstiger auBerer Um-
stande derart kompliziert, daB eine Scheidung der Ehe unvermeidlich
wurde. In der Folge trat ein nervoser Zusammenbruch bei Baron X.
ein, der zu wiederholtem langeren oder kiirzeren Aufenthalt in ver-
schiedenen Sanatorien fiihrte. Inzwischen hielt sich X. teils in Ham-
burg, teils im Auslande auf. Trotz seines eigenen Ankampfens gegeo
seine homosexuellen Neigungen und trotz mehrfach auch gegen diese
gerichteter Behandlung trat eine Anderung in dieser Hinsicht nicht ein.
tJber die seelische Disposition des Barons, sein wechselndes sub-
jektives Befinden hat er uns 'detaillierte Angaben gemacht, an deren
Aufrichtigkeit und Zuverlassigkeit nicht die mindesten Zweifel be-
stehen. Es ergibt sich aus diesen Schilderungen das folgende Zustands-
bild : Die vorwiegend seelische homosexuelle Erotik des Baron X.
bildet einen so integrierenden Bestandteil seiner psychischen Person-
lichkeit, daB sehr erhebliche Storungen imd Ausfallserscheinungen
auftreten. wenn eine Befriedigung der hieraus resultiisrenden Bediirf-
nisse auf sehr lange Zeit gewaltsam unterdruckt wird. Wir nahmen
wahr, daB gerade zu d e n Zeiten das Seelenleben des Barons ein har-
monisches und seine Arbeits- und Leistungsfahigkeit eine ungeminderte
war, wenn fiir ihn die Gelegenheit bestand, in psychischer Erganzung
seiner gleichgeschlechtlichen Erotik ein seiner Veranlagung adaquates
Leben zu fiihren. Sobald ihn der Zwang des eigenen Gewissens oder
auBere Verhaltnisse daran hinderten, war die Folge eine Storung des
psychischen Gleichgewichts, die zu nervosen Spannungen fiihrte. Diese
wiederum hatten neuropathische Erscheinungen zur Folge, die sich
bis zu Dammerzustanden steigerten, in denen die homosexuelle Kom-
ponente der Sexualitat des Baron X. in Handlungen zum Ausdruck kam,
die unter normalen Verhaltnissen seinem Fiihlen fremd sind.
Gutachten. Nach dieser Darlegung des Tatbestandes ist uns
die Aufgabe gestellt, nach bester Uberzeugung imd auf Grund unserer
spezialistischen Erfahrung Vorschlage hinsichtlich der weiteren Lebens-
fiihrung des Baron X., insbesondere auch des fiir ihn geeigneten Auf-
enthaltsorts zu machen. Wir miissen dabei zunachst berucksichtigen,
daB eine Befriedigung seiner homosexuellen Neigungen im Rahmen
einer vorwiegend psychischen Erganzung ein Erfordernis.ist, dem au»
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lebenswiclitigen Griinden Rechnung getragen werden muB. Nach dem
oben Gesagten eriibrigt sich eine nahere Begrundung hierfiir. Sowohl
nach dieser Richtung bin wie fiir eine voile Befriedigung seiner gei-
stigen Interessen erscheint der Aufenthalt in einer deutschen GroB-
stadt geeigneter als der von der Familie gewiinschte im Ausland.
Auch aus auBeren Grunden wiirde ein solcher entschieden vor-
zuziehen sein, da der einzelne Deutsche im Auslande, sowie in Klein-
stadten oder auf dem Lande weit mehr Gegenstand der Beobachtung
und Kritik seines Privatlebens ist, ganz abgesehen davon, dafi sich
ihm in der GroBstadt bessere Gelegenheit zur Betatigung und Ent-
faltung seiner geistigen Interessen bieten wiirde; unter den deutschen
GroBstadten erscheint nun wieder Berlin ails Aufenthaltsort unter
den vorliegenden Verhaltnissen vorwiegend geeignet, weil hier er-
fahrungsgemaB die relativ geringste Beobachtung des einzelnen hin-
sichtlich seines Privatlebens geiibt wird, ferner das weitestgehende Ver-
standnis fiir homosexuelle Neigungen, namentlich in der bei dem
Baron ausgesprochenen vorwiegend psychischen Porm besteht,
und sich auch die in Betracht kommenden Behorden tolerant
verhalten. AuBerdem wiirde auch in Berlin die Gelegenheit zu
spezialarztlicher Kontrolle gegeben sein, deren Baron X. dringend be-
darf, bis seine psychosexuelle Gesamtkonstitution den Grad stabiler
Harmonic erreicht hat. Unserer Uberzeugung nach ist demnach fiir
Baron X. in Anbetracht und unter Beriicksichtigung aller vorliegen-
den Verhaltnisse ein Aufenthalt in Berlin fiir die nachste Zukunft
entschieden am vorteilhaftesten.
Ein charakteristisches Beispiel ahnlicher Art bietet das
folgendc Gutachten, in dem Burchard und ich die Univer-
sitatsbehorde tiber die wahre Natur eines vorwiegend seelischen
Verhaltnisses zwischen zvvei homosexuellen Studen-
t i n n e n zu informieren und namentlich den gegen die altere
der beiden entstandenen Verdacht der Verfiihrung zu etitkraften
hatten.
Fraulein A. v. Z. hat uns ersucht, auf Grund unserer lang-
jahrigen spezialistischen Erfahrung mit sexualwissenschaftlichen Fra-
gen ein Gutachten dariiber auszustellen, wie wir im Hinblick auf die
uns zur Verfiigung gestellten Unterlagen die geschlechtliche Ver-
anlagung ihrer Freundin, des Fraulein K. Th., beurteilen, und wie wir
in Anbetracht dieses Urteils das Verhaltnis zwischen den beiden Damen
seiner Eigenart nach auffassen. Wir bemerken von vornherein, daB wir
von den Schilderungen der Angelegenheit, die Fraulein v. Z. uns gab,
keinen Gebrauch fiir unser Gutachten machten, da sie als befangen in
der Sache angesehen werden konnte. Dagegen kamen fiir unser Gut-
achten als Unterlagen zahlreiche Briefe des Fraulein Th. an Fraulein
V. Z. in Betracht, aus denen die Personlichkeit der Schreiberin in so
klarer, eindeutiger Weise hervortritt, daB wir uns eine auf sicherer
Basis beruhende Uberzeugung bilden und in vollster Ubereinstimmung
unser Gutachten abgeben konnen.
Tatsachliches. Es kommt darauf an, tatsachliches Ma-
terial beizubringen, das dazu dienen kann, festzustellen, ob Fraulein
Th. geschlechtlich normal veranlagt und von Fraulein v. Z. zu homo-
sexuellem Verkehr verfiihrt ist, oder ob sie selbst ebenfalls homo-
sexuell veranlagt ist und aus eigenem Antriebe und aus dem ihrer Natur
entsprechenden Empfinden heraus die Liebe derselben erwidert hat
und das Verhaltnis mit ihr eingegangen ist. Nach der Schilderung
des Frauleins v. Z. ist der Tatbestand kurz der, daB die beiden
inngen Damen, welche ihr Studium auf der Universitat zusammen-
fiihrte. sehr bald von einer heftigen Liebesleidenschaft erfaBt wur-
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den, die zu einem intimen Verhaltnis beider fxihrte, das dadurch
gelost bzw. verhindert wiirde, daU Fraulein Th. von nahestehenden
Bekannteii in B., bei denen sie erzogen ist, von der Freundin getrennt
wurde. Da es nun nicht moglich war, die Richtigkeit dieser Tat-
sachen im einzelnen nachzupriifen, und wir, wie bereits erwahnt,
die Angaben des Fraulein v. Z. nicht als einwandfreie, objektive
Unlerlagen verwerten durften, waren wir darauf angewiesen, uns ein
Bild von der Personljchkeit des Fraulein Th. zu bilden, wie es sich
aus iliren Briefen an Fraulein v. Z. ergibt. In der Tat ermoglichen
diese Briefe es, uns nicht nur iiber die gegenwartigen Neigungen des
Fraulein K. Th. und ihre Empfindungen zu Fraulein v. Z. ein Urteil
zu bilden, sondern auch retrospektiv ihre individuellen Anlagen, ins-
besondere ihre sexuelle Veranlagung beurteilen zu konnen. Einleitend
mochten wir erwahnen, jdaU die Handschrift des Fraulein Th. ent-
schieden virile Ziige zeigt, und daB auch im Inhalte ihrer Briefe
bisweilen eine gewisse Bestimmtheit der Auffassung und des Urteils
hervortritt, die wir als mannliche Eigentiimlichkeit ihrer psychischen
Individualitat ansprechen konnen Wir erwahnen diese
Einzelheiten, da erfahrungsgemafi das Seelenleben homosexueller
Frauen nicht frei von virilen Einschlagen zu sein pflegt, wir ihnen
also eine gewisse symptomatische Bedeutung beimessen miissen, ohne
sie als beweiskraftig ansehen zu diirfen. In gleicher Weise sympto-
matiscli erwahnenswert ist es, daB Fraulein Tn. in ihren Briefen die
Freundin fast stets mit mannlichen Bezeichnungen, wie „mein Ge-
liebter**, „mein lieber, siifier Bub*" anredet und ebenso sich selbsfe
mit „Dein Erni" unterzeichnet. Im iibrigen spricht aus der Form
und dem Inhalt der Briefe an Fraulein v. Z. zweifellos ein echtes
und tiefes Liebesempfinden, das sich in zahllosen Einzelheiten in
unverkennbarer Weise verrat. In welchem MaBe diese Liebe ihr ganzes
Seelenleben erfiillt und ihr als eigentlicher Zweck ihres Daseins er-
scheint, geht aus dem nachstehenden Briefe hervor, den wir seiner
charakteristischen Eigenart halber im Wortlaut folgen lassen: „Mein
lieber, siiBer Bub* I Es ist so gut, mein Geliebter, so ganz in seiner
Liebe aufzugehen, sein Leben nur in Dir zu leben una alles nur in
bezug auf Dich zu tun. Ich habe friiher nie geahnt, daB so die Liebe
sein wiirde und daB eben durch sie das Leben Zweck bekommt. Da-
nach habe ich ja friiher immer gefragt und meistens keine Antwort
gefunden, weil mir alles so leer und sinnlos vorkam. Aber nun ist
es ganz gleichgiiltig, was man tut, wenn man dabei nur bei Dir ist,
Deine Nahe fuhlt, oder an .Dich denkt und sich auf Dein Kommen freut.
Und nun brauche ich selbst ja auch zu nichts anderem da zu sein,
als nur Dir durch meine Gegenwart und Liebe Freude zu machen.
Es ist wundervoll zu wissen, daB Du mich so lieb hast, daB ich
Dich gliicklich mache, ohne etwas besonderes zu tun, denn wenn es
davon abhinge, konnte ich es gewiB nicht. Aber so ist es ein schones
freies Geschenk von Dir, iiber das ich mich jeden Tag wieder wie
eine unverdiente Gabe freue und dank bar bin, daB sie immer noch
da ist, weil ich doch kein Recht und keine Moglichkeit habe, sie
zu halten. Oh, mein Lieber, ich habe nun so sicher, warm und fest
das Gefiihl, bei Dir meine Heimat zu haben und unumstoBlich zu
Dir zu gehoren, daB es in mir gar keinen Gedanken oder Gefiihl gibt,
das nicht mit Dir in Verbindung stunde. Es ist ein ganz auBerliches
Versprechen, wenn ich mal von B. als „zu Hause" spreche. Ich habe
ja noch nie das Gefiihl einer Heimat gehabt und habe es nun erst
durch Dich kennen gelernt; und seitdem wir in unsferem kleinen
Hause sind, habe ich es erst recht bekommen, und es wird immer
starker. Es war so schon, daB Du mir noch so lange winktest und
ich freute mich dariiber, daB wir uns so lieb haben, daB wir eine so
lange Trennung so ptark empfinden und uns so nach dem Wieder-
sehen sehnen .. . . ." Besonder? bezeichnend fiir den ausgesprochen
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sexuellen Charakter der Gefiihle des Fraulein Th. zu Fraulein v. Z.
sind ferner Stellen in ihren Briefen, in denen sie den EinfluO hervor-
hebt, "den die korperliche Nahe derselben auf sie ausiibt. So heifit es
an einer Stelle: „. • . • Oh, mein Herz zittert, wenn du mich beruhrst,
schon der Gedanke daran nimmt mir ein wenig die Besinnunp^ ....
Aber ist es denn ein Mangel an Liebe, wenn das Gefiihl Deiner
Nahe micJi gliicklich macht? .... und an einer anderen: „. • • • Ja.
es war gewiB eine Gebarde der Liebe, als ich damals iiber Dein Haar
streichelte und auch keine unbewuBte, obwohl unwillkiirliche, denn
ich liebte Dich damals sehr, ja, es kommt mir oft vor, wie wenn
ich Dich nie mehr wie in den Augenblicken geliebt hatte. Es steigt
rair ganz warm im Herzen auf, wenn ich daran denke . . . ." Dies«
Sehnsucht nach der korperlichen Nahe der Geliebten erfiillt. sie auch
nachts im Schlafe und kommt in ihren Traumen zum Ausdruck. So
schreibt sie: „. . . . Ich bin nun noch jede Nacht im vSchlafe auf-
gefahren und woUte mit Dir sprechen, weil ich Dich neben mir
fuhlte, und erst, wenn ich von meinen eigenen Worten aufwachte,
merkte ich, daB es eine Tauschung war . . . ." Dieselbe Sehnsucht
beherrscbt sie im Wachen und verdrangt jeden anderen Gedankenr
„. . . . Ich sehne mich Tag und Nacht nach Dir. Es ist wie eine
Betaubung. ich sitze oft stundenlang mit geschlossenen Augen vor
meinem Schreibtisch und kann an nichts denken, als nur den Augen-
blick, wo Du mich wieder umfaUt . . . Oh, meine Geliebte, nimm mich
doch zu Dir, laB' uns doch schweigen von der Welt und den anderen
Menschen . . . ." Wie es der Art der geschlechtlichen Liebe, und
zwar nur dieser entspricht, iibertragt sie die zartlichsten und sehn-
siichtigsten Gefiihle, die sie fiir ihre Freundin hegt, auf jedes Lebens-
und Liebeszeichen, das von dieser kommt. Sie versichert, sich von
den Bildern der Freundin nicht drei Tage trennen zu konnen. Ihre
Briefe erwartet sie mit peinvollem Verlangen und ist schmerzlich
enttauscht, bleibt ein erwartetes Schreiben aus: „. . . . Wenn ich
wenigstens die Kraft hatte, bose zu sein, wie Du, wenn kein Brief
kommt. Das macht es einem viel leichter, aber ich habe es mir an-
gewohnt, schon eine Stunde ehe die Post kommt, keine Minute mehr
still zu sitzen, herauszulaufen, auf die Uhr zu sehen, nach dem Brief-
trager auszuschauen, und wenn die Post dann gliicklich kommt, und
es ist nichts dabei, dann hat man wieder endlos qualvolle 24 Stunden
vor sich, und weiB nicht, wie man sie ertragen wird . . . ." Alles,
was von der Freundin kommt, ist ihr lieb und wert: „. . . , Lieber,
suBer, im voraus schon vielen Dank, wenn es von Dir kommt, muB
es mir ia gut gef alien. Mein Bub, es ist gut, daB man Deine schonen
Briefe hat, sonst wiirde ich Deine Liebe zu sehr entbehren. All die
zarten und giitigen Dinge, die Du taglich sasrst und tust, mit denen
Du Deine Seele immer wieder neu aufschlieBt und mir diese unbe-
kannten Schonheiten zeigst, von denen ich friiher nichts wuBte, und
die ich oft immer noch nicht ganz in mich aufnehmen zu konnen
glaube. Meine Geliebte, Du hast mir ein ganz neues Leben offenbart
und es gibt nun nichts auf der Welt, das ich hoher einschatzen
wiirde.** Die individuelle Eigenart ihrer Liebe charaktepisier.t sich
zunachst in einem starken tTberschwange des Empfindens, wie es
beispielsweise in folgenden Worten zum Ausdruck kommt: .,. . . Und
wenn ich Dir einmal sagte, ich fiirchtete, Dich nicht genug zu lieben,
so war es nur, daB mir immer meine Liebe fiir Dich nicht groB genug
vorkommt, daB mir immer alles, was ich Dir geben kann, nicht genug
fiir Dich ist, und ich alle die Liebe, die ich ihn zehn Jahren fiir Dich hegen
kann, Dir in einem Augenblick vor die FiiBe lepen mochte. Und ich weiB,
wie fn'oR und schon Deine Liebe ist, und deshalb kommt mir die meine
daneben klein und klaglich vor . . . ." und ebenso in den folgenden: „. . . .
Vielleicht bin ich auch charakterlos. gut moglich, e? i<»t mir aber alles
gleichgiiltig, wenn ich nur weiB, daB ich in acht Tagen in Deinen
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Armen bin. Ich kann nichts anderes mehr denken. Wie kannst Du
glauben, ich hatte kein Vertrauen in Dich gehabt? Ich schrieb doch
nur, ich hatte meiner Liebe mifitraut. Aber jetzt sind ja alle Zweifel
vorbei, jetzt steht es so machtig vor mir und fordert ihr Recht,
daB ich weiB, ich kann nur bei Dir Ruhe finden, wenn Du mich nur
erst wieder kviBt f^ . . ." In dem Verhaltnis beider Freundinnen ist
FniuleiiL Th. entschieden der mehr weiblich empfindende, anschluiJ-
bedurftige Teil, was natiirlich mit den oben erwahnten virilen Einzel-
ziigen ihres Wesens durchaus nicht im Widerspruch steht. Das kommt
sehr charakteristisch in der folgenden Briefstelle zum Ausdnick:
„. . . . Du weiflt, wie ich einmal zu Dir sagte, ich bliebe nicht in
B . . . und Du dann meintest, es stiinde mir ja frei, an eine andere
Universitat zu gehen, meine einzige Antwort war, das sei ja ohne
Dich ausgeschlossen. Es ist mir so unmoglich, mir ein Leben ohuo
Dich vorzustellen, daB ich es nicht einmal konnte, als ich neulich
nach Deinem Briefe glaubte, es sei alles aus ....'* und noch prag-
nanter in der folgenden: „. . . . Ich wiirde um Dich gerungen haben,
bis ich Dich wiedergewonnen hatte, denn ich wurde mit Dir albn
Glauben und alles Schone im Leben verloren haben. Du hebst mich
iiber den Allta^ hinaus und laBt mich mit Dir die neuen gestelgerter
Gefiihle und Dinge erleben, die ich friiher nur geahnt habe, und vor
deneiL ich nie dachte, daB sie einmal wirklich zu mir kommen
wiirden. Ohne Dich wiirde das Leben wieder kalt und leer sein
und viel schlimmer, als zuvor, da ich nun weiB, was sein Inhalt
sein kann. ... Im Glauben an imsere Liebe, ihre Heiligkeit und
Schonheit bin ich noch nie einen Augenblick schwankend gewesen,
und dariu konnte mich auch nie jemand erschiittem. Denn ich habe
es ja selbsl. erlebt und kein anderer, ich weiB ja, was unsere Liebe
ist . . . .*• Weibliohe Zuriickhaltung dokumentiert ihr Bestreben, ihre
Liebe vor der Welt zu verbergen, das sich in folgenden Worten auBert:
„. . . . Lieber sagte ich noch andern, Du hattest einen schlechten
Charaktei*, als das Gegenteil. Ich bin nun mal so paradox in Gefdhls-
sachen. Wenn mich einer fragte, ob ich Dich liebte, wiirde ich es
nicht iiber die Lippen bringen, ja zu sagen. Nur zu Dir . . . ." DaB
aber dieses homosexuelle Liebesempfinden bei Fraulein Th. nicht
erst durch Fraulein v. Z. geweckt wurde, sondern daB sie in dieser
nur den lange ersehnten Gegenstand ihrer sexuellen Zuneigung fand,
beweist am deutlichsten folgende Stelle: „. • • • Aber das wiegt das
jetzigo Gliick nicht auf, denn ich habe in Dir endlich den Menschen
gefunden, auf den dch seit Jahren gewartet habe, von dem ich
wuBte, daB er einmal in mein Leben treten wiirde. Nur in letzter
Zeit war mein Glaube daran etwas erschiittert worden, weil ich so
sicher geliofft hatte, die Freundin und Geliebte auf der Universitat
zu finden und es nun in X. so gar nichts war, da dachte ich, es
ware wohl nur so eine schone Illusion gewesen, die ich mir gemacht
hatte, und die doch nicht verwirklicht werden konnte. Als ich Dich
das erste- oder zweitemal gesehen hatte, tauchte so ganz leise der
Gedanke in mir auf, daB Du es sein konntest, den ich aber schriell
wieder verwarf. Du weiBt, warum. Siehst Du, die Liebe, die ich zu
meinen anderen Freundinnen hatte, und sie zu mir, geniigte mir nicht
. . . Und daB Du so ahnlich aussehen wiirdest, wie Du tust, hab
ich audi vor Jahren schon getraumt . . . ." Auch die negative Seite
der homosexuellen Geschlechtlichkeit, das Fehlen jedes Liebesempfin-
dens gegeniiber dem Manne, kommt in den folgenden Stellen zum
Ausdruck, in denen sie den Gedanken an ihre Verlobung oder Heirat
mit einem Manne als unmoglich behandelt: „ Wenn ich doch
erst bei Dir ware und meinen Kopf an Deine Schultern legen konnte,
und Du kiiBtest mich. — Als mich neulich eine Freundin fragte, ob
ich verlobt ware, hatte ich fast auf der Zunge „ja" zu sagen. Ich sah
auf jeden Fall so strahlend aus, daB sie mir das „Nein" erst gar
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uicht glauben woUte ....*' und „. • • • Sie sagte eben wieder auf
einein Spaziergang, es ware so schade, wenn ich nicht heiratete. Ich
mochte ihr so gerne dann sagen, daB ich ja das Gliick geffunden babe,
daB es da ist, daB ich liebe. Aber ich weiB, sie wird mich nicht ver-
fitehen ....**
Gutachten. Wir glauben in den vorstehenden Ausfiihrungen
den liickenlosen und einwandfreien Nachweis erbracht zu haben, daC
bei Fraulein K. Th. angeborene homosexuelle Veranlagung
vorliegt, zum mindesten eine iiberwiegend homosexuelle Komponente
der geschlechtlichen Individualitat. Fiir uns, die wir Gelegenheit
batten, eine grofie Anzahl von Personen, deren seelische und sexuelle
Veranlagung der des Fraulein Th. entspricht, in analogen Verhalt-
nissen eingehend zu beobachten, kann daran jedenfalls kein Zweifel
bestehen.
Die Liebe des Fraulein v. Z. wird von Fraulein Th. zum min-
desten mit gleicher Starke erwidert. Da aus den Briefen des Fraulein
K. Th. mit Deutlichkeit hervorgeht, daB sie in Fraulein A. v. Z. das
iange ersehnte und lange gesuchte Ideal ihrer Liebessehnsucht ge-
funden hat, von dem sie jahrelang getraumt hatte^ unterliegt es keinem
Zweifel, daB von einer Verfiihrung durch Fraulein v. Z. gar keine
Rede sein kann. Die sexuelle Attraktion beider aufeinander war eben
eine so starke, daB sie mit Naturgewalt zueinander hingezogen bur-
den. Die Artj j[n der das Liebesverhaltnis beider entstand und sich
entwickelte, ist in jeder Hinsicht analog den erotischen Beziehungen
zweier normal empfindender Personen verschiedenen Geschlechts. Es
ist ferner der besonderen sexuellen Individualitat der beiden Beteiligtcn
durchaus adaquat, mithin von ihrem Standpunkte aus — zum min-
desten also subjektiv — normal.
In diesem Verhaltnis ist Fraulein v. Z. der mannlichere, Halt
gebende, Fraulein Th. der weiblichere, AnschluB und Anlehnung
suchende und bediirfende Teil, so daB eine harmonierende Erganzung
beider in psychischer Hinsicht entschieden vorliegt, in der wir die
Wurzeln der sexuellen Attraktion finden. Es ist eine oft bestatigte
Erfahrung, daB in derartigen Verhaltnissen die homosexuelle Ver-
anlagung des weniger virilen Teiles durchaus ebenso endogen und
durchaus ebenso ausgesprochen ist, wie die des virileren.
Unser Gutachten geht demnach dahin: Es unterliegt keinem
Zweifel, daB bei Fraulein K. Th. angeborene homosexuelle Veran-
lagung vorliegt, die in einer leidenschaftlichen Liebe zu Fraulein
A. v. Z. zum Ausdruck kommt. Von einer Verfiihrung des
Fraulein Th. durch Fraulein v. Z. kann demgmaB keine
R e d e s e i n.
Das Gegenstlick zu Begutachtungen der ebenerwahnten Art
diirf to die Feststellung des Nichtvorhandenseins homo-
sexueller Triebrichtung darstellen in Fallen, in denen entweder
bei dem Betreffenden selbst oder bei Personen seines Umgangs
JZweifel an der normalen Triebrichtung entstanden sind. Natiir-
lich kann sich ein derart negatives gutachtliehes Urteil nur
auf die dem Sachverstandigen zur Verftigung stehenden Unter-
lagen stutzen und involviert daher in besonderem MaBe die
Beschrankung, daB es unter Voraussetzung derselben und
auf Grund ihrer kritischen Wiirdigung abgegeben ist. Es kann
unter Umstanden auch eine psychologische Priifung und kritische
Wiirdigung derjenigen Personlichkeiten erforderlich
werden, von denen der Verdacht der Homosexualitat &ui{geht.
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Hecht bezeichnend fiir diesen Fall ist das f olgende von B u r -
chard und mir abgegebene Gutachten. Es handelt sich um einen
Marineof f izier, der unbegrundeterweise durch einen
Untergebenen in den Verdacht der Homosexualitat gebracht war
und sich dieserhalb vor demi Oberkriegsgericht zu verantworten
hatte.
Auf Ersuchen der Verteidigung des Oberleutnants z. S. Herrn L.
g^ben wir auf Griind spezialistischer Erfahrung iiber sexuelle Ano-
maiien einer- und die Frage krankhaft motivierter Anschuldigungea
aiiderseits ein Gutachten dariiber ab, ob und inwieweit die den Ver-
urteilten belastenden Angaben ides Zeugen N. aus psychologischen
Griinden als krankhafte anzusehen sind. N. gibt an, er sei von dem
Oberleutnant L. am 25. III. d. J. zum Schreiben in dessen WohnuDg
bestellt worden. Dort habe L., wahrend N. am Tische schrieb, seinen
Oberschenkel gegen seinen, N.s, rechten Ellenbogen gedrangt und spater
mit iiber den Leib gefalteten Handen sich gegen den in derselben
Stellung befindlichen N. gedrangt, wobei er einen Druck auf dessen
Geachlechtsteile ausiibte, die Hande N.s unterfaBte und damit ab-
wechselnd gegen ihre beiden Geschiechtsteile driickte, dabei sein Ge-
sicht an N.s linke Backe legte und schlieBlich mit Daumen und Zeigo-
finger von auBen an N.'s Geschlechtsteil rieb. Auf Grund dieser
Aussage ist Oberleutnant z. S. L. zu 14 Tagen Stubenarrest verurteilt.
Es hatte sich in drei anderen Anklagepunkten, in denen N. ebenfaljs
behauptete, es seien von L. die gleichen oder ahnliche Bewegungen
absichtlich ausgefiihrt worden, die vollige Harmlosigkeit des Beschul-
digten herausgestellt.
Ferner gelang es der Verteidigung, N. in einem wichtigen Punkte
der Unwahrheit zu iiberfiihren. Er behauptete, daU der Angeklagte
in der Woche im Februar, wahrend er den Adjutanten vertreten habe,
taglich zwischen 6 und 7 Uhr etwa eine Stunde lang bei ihm ge-
wesen sei und die in Frage stehenden Bewegungen mit ihm gemacht
habe. Es wurde nun nachgewiesen, daU der Angeklagte in dieser Zeit
nur an zwei Nachmittagen iiberhaupt zum Bureau gekommen ist uud
zwar an dem einen Tage hochstens zehn Minuten und an dem
andern Tage etwa eine Viertelstunde, die aber mit eingehendeu
Arbeiten vollig ausgefiillt war. N. muBte dann auch schlieBlich
zugeben, in diesem Pimkte die Unwahrheit gesagt zu haben. —
Es ist nicht moglich, ohne genaue personliche Kenntnis des N. ein
bestimmtes Urteil dariiber abzugeben, inwieweit bei ihm eine krank-
hafte Disposition vorliegt, welche die Basis unrichtiger oder zum
mindesten entstellter Darstellungen von seiner Seite bildet. — Es
sind uns aber aus unserer langjahrigen Praxis eine ganze lleihe
von Fallen bekannt, in denen ganz harmlose Handlungen in sexuelle
Annaherungen umgedeutet wurden von Personen, bei denen eine
Neigung zur Renommiersucht oder zu phantastischer Ausschmiickiing
bzw. Entstellung der Wirklichkeit bestand.
Es ist durchaus nicht erforderlich, dafi die Aussicht materielleu
Vorteils, wie sie bei Erpressungen auf sexueller Basis bestimmend ist,
liierbei mitspricht, obwohl auch dieser Faktor nicht selten bei der-
artigen Anschuldigungen eine Rolle spielt. Vielfach aber handelt
es sich bei den Anzeigenden durchaus nicht um eine boswillige oder
absichtliche Falschung oder Erdichtung des Tatbestandes, sondern um
eine unbeabsichtigte Selbsttauschung, die namentlich danu
iiauf ig vorkommt, wenn die Phantasie des Betreffenden voreingenommen,
also gewissermaBen unter diesem falschen Gesichtswiukel eingestellt
ist. — So kommt es nicht selten vor, daB ganz harmlose Blicke oder
zufilllige Beriihrungen von Leuten, die mit der Homosexualitat Be-
scheid wissen, an Orten, wo sie mit der Mdglichkeit einer sexuellen
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Annaheruug besonders rechnen, wie in Bediirfnisanstalten, Zirkus-
falerien usw., als solche aufgefafit werden. Neben den unter ahnlichen
rinstanden erfolgenden absichtlichen falschen Anschuldigungen fiilu-en
erfahrungsgemafi gerade audi derartige Selbsttauscliungen recht liaufig
zu irrtiimlichen Strafanzeigen.
Man kann nun hinsichtlich der Anzeige N.s mit Bestimmtheit zum
mindesten sagen, dafi die Sache ahnlich wie in diesen Fallen liegt.
Dai3 bei N. die Neigung bestand, audi harmlose Handlungen des
Oberleutnants L. unter dem Gesiditswinkel gleichgeschlechtlicher An-
naherung zu beurteilen, daC bei ihm also von vornherein infolge
der Annahme, L. sei homosexuell veranlagt, eine Voreingenommenheit
bestand, geht mit Sicherheit daraus hervor, daU er audi in anderen
FalJen, die jals hinfallig oder durchaus harmlos erwiesen sind, die
gleiche Beschuldigung gegen diesen erhoben hat. Ferner geht aus
diesen, dem N. nachgewiesenen Falschungen oder Entstellungen der
Wirklichkeit — ganz abgesehen davon, ob sie beabsichti^t oder un-
Deabsichtigt waren — mit Sicherheit hervor, daC bei ihm eine Neigung
zu falscher Darstellung bzw. phantastischer Ausschmiickung von Hause
aus vorliegt. Erfahrungsgemafi tritt diese Neigung — wissensdiaftlich
pseudologia phantastica genannt — besonders lebhaft in die Er-
scheinung, wenn die Phantasie des ihr Unterworfenen auf die Ver-
mutung geschlechtlicher Vorgange gebracht und somit die Moglich-
keit, sie in diesem Sinne weiter zu verarbeiten, ausgesetzt ist.
Nicht selten entwickeln sich dabei so lebhafte und feste Phan-
tasievorstellungen, dafi der Anzeigende von ihrer Realitat durchaus
iiberzeugt ist.
Unserer sachverstandigen Uberzeugung nach besteht demnach in
Anbetracht der dem Zeugen N. nachgewiesenen Neigung zu unrichtiger
und ungenauer Darstellung von Vorkommnissen und insbesondere in
Anbetracht seiner ebenfalls nachgewiesenen vorgefafiten Ansicht iiber
eine vermeintliche homosexuelle Veranlagung des Oberleutnant L. der
begriindete Verdacht, dafi auch die Beschuldigungen des N., welche zu
einer Verurteilung L.s gefiihrt haben, falsch bzw. das Produkt einer
kraiikhaft eingestellten Phantasietatigkeit waren. '
In anderen Fallen kann ein besonders inniges Freundsahafts-
verhaltnis AnlaB zu der Vermutung geben, es lage — mindestens
auf der einen Seite — Homosexualitat vor.
Wir haben mehrfach eine solche, in beleidigender Weise vor-
gebrachte AuCerung auf Grund sorgsamer Anamnese gutachtl-
lich zu widerlegen Gelegenheit gehabt. Bisweilen wird diese
Behauptung aus Gehassigkeit, Gewinnsucht und anderen egoisti-
Bchen Motiven erhoben; es konnen aber auch Personen, die
Eigenarten aufweisen, welche wir erfahrungsgemaJJ relativ
haufig bei Homosexuellen finden, in den Verdacht gleich-
geschlechtlicher Veranlagung kommen. Besonders haufig ist dies
bei dem Vorliegen ausgesprochen weiblicher Neigungen, wie z. B.
bei dem Transvestiiismus, der Fall. Es ist f iir solche
Personen unter den heutigen Verhaltnissen von groUter Be»-
deutung, wenn dieser Verdacht gutachtlich entkraftet werden
kann. Ich verweise auf das im Kapitel Differentialdiagnose
angeftihrte Transvestiten-Gutachten. Wiederholt hatte ich Ver-
anlassung, namentlich Ehefrauen gegeniiber, klarzulegen, daB der
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Verkleidungstrieb keinesfalls immer mit hbmosexuellen Nei-
gungen zusammenfallt.
Diesen Begutachtungen, die mehr oder weniger aus pri-
vaten Griinden irgendwelcher Art erfordert warden, reihen
sicJi solche an, die den Gerichten erstattet werden, sei es, daJ3
es sidi um zivilrechtliche oder strafrechtliche Kon-
flikte handelt, in die Homosexuelle infolge ihrer Veranlagung
geraten sind. Wie Numa Pratorius in einem Aufsate
,,Homosexualitat und blirgerliches Gesetzbuch** (Jhb. f. sex.
Zwischenstufen Bd. VI.) ausftihrt, kann die Frage der Homo-
sexualitat einmal da eine Erdrterung notig machen, wo der Ein-
f luB geistiger Storungen in Betracht kommt : bei der Verantwort-
lichkeit fiir unerlaubte echadigende Handlungen, bei der Ge-
sehaftsfahigkeit und der Frage einer eventuellen Entmtindigung.
Abweichend von alteren Auffassungen, welche die Homosexuali-
tat an sich als eine krankhafte Erscheinung auffassen, diirfte
hier im konkreten Falle die Frage zu erwagen sein, ob sie
mit krankhafter Storung der Geistestatigkeit verbunden ist.
Ferner kann die Homosexualitat von Bedeutung werden bei den
Voraussetzungen der Gtiltigkeit der Ehe und der Ehescheidung
sowie bei gewissen iiber die Enterbung und die Alimentations-
pflicht geltenden Grundsatzen.
Es ware unmoglidh, die Ftille von Einzelf alien, die sich
hier ergeben konnen, auch nur in kurzen Umrissen einigermalien
umfassend zu skizzieren. Ich beschranke mich darauf , die beiden
haufigsten Schwierigkeiten, die auf zivilrechtUchem Gebiete aus
der ihomosexuellen Verahlagung erwachsen und gutachtlicher
Klfirung bedlirfen k5nnen, zu erwahnen. Die eine dieser Fragen
bezieht sich auf die Geschafts- undVerfiigungsfahig-
keit der Homosexuellen, die andere auf die infolge der Homo-
sexualitat des einen der beiden Ehegatten erforderlich werdende
Ehetrennung.
Die Geschaftsfahigkeit der Homosexuellen kann durch die
von der Norm abweichende Veranlagung als solche natlirlich
in keiner Weise in Frage gestellt werden. — Nlir dann, wenn
anderweitige psychopathische Ziige sich mit ihr verbinden, bezw.
sich auf ihrem Boden entwickeln, konnen Bedenken nach dieser
ilichtung hin entstehen. Auch dann kann eine Beschrankung
der Geschaftsfahigkeit geboten erscheinen, wenn der eine homo-
sexuelle Partner in einem Liebesverhaltnis infolge mangelnder
psyehischer Widerstandsfahigkeit in eine derartige Abhangig-
keit von demanderen (die durch eine jugendliche oder feonst nicht
genligend gefestigte, bezw. psychopathische Konstitution bedingrt
sein kann) geraten ist, daB er Gef ahr lauf t, zu seinem oder dritten
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Personen Schaden miiibraucht zu werden. Wir bezeichnen diesien
— nicht nur im gleichgeschlechtlichen Liebesleben haufig vorkom-
menden — Zustand als „sexuelle Horigkeit*'. Auch diesen
Fall konnte ich durch verschiedene diesbozligliche Gutachten
illustrieren. Besonders auffallend ist der bisweilen ganz unge-
wohnlichen EinfluB, d;en virile Urninden auf jiingere gewinnen,
und den man sidi nur aus dem sicheren und imponierenden
Auftreten der mannlidier gearteten erklaren kann, dem sich'
die feminine Partnerin, selbst wenn sie die homosexuellen Emp-
findungen durdiaus nicht erwidert, nicht entziehen kann. In
solchen Fallen ist es oft Aufgabe gutachtlicher Tatigkeit, die
Geschaftsunfahigkeit der einen Freundin nachzuweisen, eobald
eie durch ihre krankhafte Abhangigkeit von der anderen wirt-
echaftlich gefahrdet erscheint. Als Gegensttick dazu mochte
ich ein Gutachten mitteilen, in dem in einem zivilrechtlichen
Streitfalle von Burchard und mir der Nachweis volliger
Zurechnungsfahigkeit trotz Homosexualitat und entsprechender
Begleiterscheinungen geflihrt wird.
Fraulein Edith W., 22 Jahre alt, ist von iins wahrend melirerer
Wochea eingehend beobachtet, wiederholt untersucht und exploriert
worden. Auf Grund unserer Ermittelungen geben wir das nachstehende
Gutachten iiber ihren Geisteazustand, insbesondere die Frage ihrer
Zurechnungs- und G e s c h a f t s' f a h i g k e i t , ab.
Unterlagen des Gutachtens: Die Eltern des Fraulein
W. sind Cousin und Cousine und beide hochgradig nervos. Der Vater,
dessen nervoser und psychischer Zustand sich in den letzten Jahren
zunehmend verschlechtert haben soil, hat ein Jahr Gefilngnis wegen
Vornahme unziichtiger Handlungen an Minderjiihrigen verbixBt. — Als
Kind hat sich Fraulein W. einmal bei einem Kopfsprung eine Schadel-
verletzung zugezogen ; im iibrigen verlief ihre Kindheit und Jugend
ohne wesentliche Krankheiten und Storungen. Besonders bemerkens-
wert ist es, daI3 Fraulein W. von jeher mannliche Ziige in ihrem
Verhalten und in ihren Neigungen zeigte. Ihr knabenhaftes Wesen lieU
sie UusschlieBlich an Jungenspielen Gefallen finden. AuBere Verhalt-
nisse begiinstigten diese in ihrer Anlage begriindete Entwicjcelungs-
richtung. Sie trieb als Landkind friihzeitig Sport, ritt, segelte und
jagte mit Lust und Unerschrockenheit. iSibei zeigte sie auch auf
geistigem Gebiete Fahigkeiten, die man sonst vorwiegend beim mann-
lichen Geschlecht findet: eine ausgesprochene Begabung fxir logisches
Denken und Mathematik.
Fraulein W. kam in jungen Jahren in die Lage, ihren Vater bei
der Bewirtschaftung seines Gutes zu entlasten, und konnte dabei
die geschilderten Eigenschaften, vor allem aber auch die Konse-
quenz und Energie ilires Willena verwerten und weiter entwickeln. —
Entsprechend ihrer iiberwiegend miinnlich gearteten ixsychischen In-
dividualitat zeigte auch Fraulein W.s geschlechtliches Empfinden von
seinem Erwachen an unverhiindert eine mannliche Farbung ; sie empfand
nie eine erotische Zuneigung zu Personen des anderen Gesclilechts,
sondern fiihlte sich nur zu weiblichen Personen hingezogen. — Frau-
lein W. zeigt auch in ihrem Korperbau Anklange an das mannliche
Geschlecht, trotzdem eine Reihe wesentlicher Merkmale, die gut-
entwickelten Briiste, das lange, weiche Haupthaar, die zarte Plant, von
weiblichem Typus sind.
Hirschfeld, Homosexualitat. 59
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930
Als virile Stigmata sind die Breite des SchultergCLrteis, welche
die des Beckens libertrffft, die ziemlicli groiSen Hande und YiiQe und
die Starke Behaaning der unteren Extremitaten anzusehen. Recht
mannlich erscheinen vor allem die Bewegungen und Ausdrucksf ormen :
Mimik, Gesten, Gang und Handschrift. — Der Oi*ganbefund ergibt
keine krankhaften Erscheinungen ; ebensowenig bestehen Degenerations-
zeichen oder nervose Symptome, abgesehen von einer etwas gestei-
gerten GefaBerregbarkeit und Neigung zum Erroten und Erblassen.
Unsere Beobachtungen des psychischen Zustandes ergaben auf
dem Gebiete des Affektlebens eine gleichmai3ige, der Situation an-
gemessene Stimmungslage, die in dem natiirlichen und ruhigen Wesen
eutlich zum Ausdruck kam. In intellektueller Beziehung zeigt Fraulein
W. vielseitige und ausgebreitete Kenntnisse und Interessen, Klarheit
und Cbersicht der Anschauungen, sowie eine bestimmte und gereifte
Urteilsfahigkeit. — Die Willenstatigkeit ist durch frische Initiative,
Energie und Konsequenz charakterisiert.
Gutachten: Aus den mitgeteilten Unterlagen ergibt sich auch
nicht der mindeste Anhalt fiir das Vorliegen irgendwelcher psychischer
Defekte bei Fraulein W. — Dariiber, daB homosexuelle Veranlagung
an sich nicht als eine krankhafte Erscheinung, sondern als eine der
zahlreichen tJbeiigangsformen auf der Basis geschlechtlicher Variations-
moglichkeit anzusehen ist, diirften Zweifel bei den Sachverstandigen
nicht mehr bestehen. Die in vieler Beziehung mannlich geartete
Personlichkeit des Fraulein W. stellt eine zwar nicht regelmaCige,
aber doch haufige Begleiterscheinuug der kontraren Sexualempfindung
dar, welche in Verbindung mit dieser im vorliegenden Falle das Ge-
samtbild einer durchaus harmonischen und fiir ihr Alter ungewohnlich
gereiften Individualitat bediiigt. — Es bestehen mithin unseren Be-
obachtungen und unserer tJberzeugung nach keinerlei Zweifel an der
ps3xhi8chen Vollwertigkeit des Fraulein W. weder auf dem Gebiete
des Affektlebens noch hinsichtlich der Qualitaten von Intelhgen*
und Willenstatigkeit. Fraulein W. ist demn.ach, unserer
gemeinsamen, iiber e i ns t immenden Oberzeugung
nach, psychisch durchaus intakt, zurechnungs- und
geschaftsfahig.
Da die Homosexualitat sowohl als Grund zur Ehescheidung
(§ 1565 BGB.) in Betracht kommen kann, wenn sie zu einer
BetStigung ftihrt, die als unsittliches Verhalten bezeichnet
warden muB, als audh zu einer Ungtiltigkeitserklarung der
Ehc (aus § 1333 BGB.), wenn der andere Ehegatte bei ihrer Ein-
gehung sich in Unkenntnis liber diese Eigenschaft des Partners
befujiden hat, die ihn bei vernunftgemaUer Wurdigung des
Wesens der Ehe davon abgehalten habsn wiirde, sie zu schlieBen,
so wird es nicht selten Sache des Gutachters sein mlissen, durch
eine genaue Darlegung der individuellen Eigenart mit Bezug
auf den jeweiligen Tatbestand dem Geridht von Fall zu Fall
die Unterlagen fiir eine entsprechende Beurteilung der Sachlage
zu (schaffen. Gelegentlich dieser Gutachten diirfte auch die
Fragc zu erortern sein, ob der Sachverstandige ohne personliche
Kenntnis der in Frage stehenden Person ein Urteil iiber ihre
sexuelle Veranlagung abgeben darf. — Er ist dazu sicher be-
rechtigt, wenn die ihm vorliegenden Unterlagen ein positives
Urteil liber die Triebriehtung gestatten. Wenn sich bei-
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spielsweise in vorhandenen Briefen das homosexuelle Liebes-
empfinden des Schreibers mit vollster Eindeutigkeit aus-
spricht, dann darf der Gutachter mit Bestimmtheit sich dahin
auBern, daB Homosexualitat jedenfalls vorliegt. — Er schlieBt
mit dieser Behauptung naturlich nicht aus, dafl daneben auch
eine heterosexuelle Komponente bestehen, die in Frage stehende
Personlichkeit also bisexuell sein konnte. Ein Urteil liber das
Nichtbestehen einer Triebrichtung abzugeben, wird dem
Sachverstandigen schlechterdings unmoglich sein, weil es daflir
objektive Merkmale nicht gibt. Hochstens darf er, wie ich ge-
legentlich der gutachtlichen Beurteilung nicht vorhandener
Homosexualitat ansftihrte, den Nadiweis erbringen, daB die
vorhandenen Unterlagen eine solche Annahme nicht
rechtfertigten. Ein Gutachten tiber das positive Vorliegen homo-
sexueller Veranla^ng ist das nachstehende, das von Burchard
and mir uber die durch eine Keihe tibereiastimmender und
eindeutiger Unterlagen erwiesene Homosexualit&t des Ehemannes
in einem EhescheidungsprozeB erstattet wurde :
In der Eheanfechtungssache K. gegen R. geben wir auf Ersuchen
des Vertreters der Elagerin das nachstehende vorlaufige Gutachten
iiber die geschle'chtliche Veranlagung des beklagten Ehemanns R. ab.
Unser Gutachten stiitzt sich auf die Angaben der Handakten der
Rechtsanwalte N. N., insbesondere einen bei denselben befindlichen
Brief des Beklagten an seinen CFreimd, einen' jgewissen P., und auf unsere
jahrelange spezialistische Erfahrung in sexualwissenschaftlichen Fra-
gen, speziell auf dem Gebiete der Homosexualitat, auf dem wir tausende
von Fallen gemeinsam zu studieren und beobachten Gelegenheit hatten.
Diese umfassende und eingehende praktische Kenntnis des in
Frage stehenden Gegenstandes ermoglicht es uns, aus dem voriiegen-
den Material ein bestimmtes und eindeutiges Urteil iiber die Veran-
lagung des R. abzugeben.
Aus dem Brief e des R. an P. spricht ein starkes Gefiihl seelischer
Zuneigung. an dessen sexueller und zwar homosexueller Natur Zweifel
nicht bestehen konnen. Selbst durch den iiberschwangiichsten Aus-
druck schwarmerischer Freundschaft ware es nicht zu erklaren, wenn
R. von dem Eindruck spricht, den fluchtige korperliche Benihrungen,
ein Handedruck oder der bloBe Anblick des Geliebten auf ihn macht,
wenn er die Qualen schildert, welche ihm die Trennung von K. ver-
ursacht, und die Liebe zu ihm als „sein Verhangnis" bezeichnet. Cha-
rakteristisch fiir die homosexuelle Veranlagung R/s ist nicht nur der
Umstand, daB seine sexuelle Neigung auf einen Mann gerichtet ist,
sondern auch die ausgesprochen rezeptive, weibliche seines Liebes-
empfindens, der R. selbst pragnanten Ausdruck gibt, indem er schreibt,
„er fiihle wie ein W e i b , §eit er P. gesehen babe". Auch die negative
Seite der Sexualitat R/s, die sich in seinem fehlenden Empfinden fiir
das weibliche Geschlecht, das in seinem Briefe ebenfalls deutlich zum
Ausdruck kommt, ausspricht, reiht sich erganzend als ein charak-
teristischer Zug dem Bilde seiner Homosexualitat ein. Es ist diesen
unzweifelhaften seelischen Zeichen der vorliegenden gleichgeschlecht-
lichen Veranlagung gegenuber irrelevant, daS R. sich mit P. auch
sexuell betatigt hat, was deutlich daraus hervorgeht, daB or schreibt:
„Sage mir, (SiO Du unseren geschlechtlichen Verkehr nicht wei-
ter willst**.
59*
932
Wie auch der Gerichtsarzt Dr. O. in seiner gutachtlichen AuDe-
rung betont, ist es fiir das Vorliegen homosexueller Veranlagung ganz-
lich belanglos, ob und in welcher Form eventuell eine gleichgeschlecbt-
liche Betatigung stattgefunden hat.
In Anbetracht dessen, daB die Homosexnalitat einen bestimmendcn
Wesenszug in der gesamten Personlichkeit R.'s darstellt, mit sei-
nem gesamten Fiihlen und Empfinden unzertrennlich verkniipft ist,
konnen wir es als ganzlich ausgeschlossen bezeichnen, daB sie eine
erst nachtraglich und gelegentlich entstandene Erscheinung sein
konnte, sondern miissen sie mit aller Bestimmtheit als ein in der
Anlage der gesamten psychischen Individual i tat begriindetes Merkmal
seiner sexuellen Personlichkeit ansehen. Ein Entstehen einer derart
ausgesprochenen und fixierten Triebrichtung bei einem reifen, er-
wachsenen Manne durch irgend welche Einfliisse ist arztlicher Er-
ftihrung nach ausgeschlossen. Somit bestand die homosexuelle Ver-
anlagung R.'s unserer sachverstandigen tJberzeugung nach zweifellos
schon vor und zur Zeit seiner Verheiratung.
Audi hier liegt eine bemerkenswerte Inkonsequenz des Ge-
setzgebers vor, indem sich zwar eine Frau von einem sich
gleichgeschlechtlich betatigenden Manne scheiden lassen kann,
nicht aber ein Mann von einem ebenso handelnden Weibe. Unter
den von mir auf dem' Gebiete der Ehe bej^utachteten Fallen ist
mir besonders einer in Erinnerung geblieben, in dem auf mein
Gutaehten noch nach dem Tode des umischen Gatten dessen Ehe
ftir un'gliltig erklart wurde. Es war ein Restaurateur in Char-
lottenburg, der bereits dreimal seine Verlobung kurz vor der
Hochzeit zurtickgehen lieB. Auf seiner Mutter Wunsch hatte er
sich nun das vierte Mai mit einer tlichtigen ,,Kalten MamselV
verlobt. Eine Woche vor der Hochzeit stellten sich nun wieder
die furchtbarsten Angstzustande ein, die ich jemals gesehen habe.
Der Mann fand Tag und Nacht keine Euhe und lief wie einVer-
zweifelter umher. Umsonst bemtihte ich mich, der Braut aus-
einanderzusetzen, dafl ihre Ehe zu nichts Gutem flihren konne,
sie solle dem offenbar schwer gemlitskranken Menschen sein
Wort zurlickgeben. Sie weigerte sich energisch. Am Tage nach
der Hochzeit erzahlte mir die Mutter, daiJ ihr Sohn in der
Kirche, als der Geistliche ihm das Jawort abverlangte, stumm
geblieben ware, wahrend die Braut das ihrige mehr als ,,laut
und vernehmlich" hiitte horen lassen. Der Prediger hatte den
Ringwechsel gleichwohl vorgenommen, doch hatte der Sohn den
seinen auf dem Heimweg fortgeworfen. Vier Wochen epiiter
rief man mich wieder. Der Ehemann, der die Ehe nicht ein
cinziges Mai konsumiert hatte, hing entseelt im Weinkeller.
Als nun die junge Witwe ihr Erbteil antreten wollte, erhob die
Mutter Einspruch. Ich gab mein Urteil dahin ab, daB der Ver-
storbenc im Sinne des § 1325 des BGB. zur Zeit der Ehe-
schlicBung geschaftsunfahig war ; darauf wurden der Frau die
Rechte einer Ehe^attin aberkannt.
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Haufigerwird die Tatigkeit des Gutachters in Ehesachen eine
vermittelnde werden, indem es ihm gelingt, den anderen Eho-
gatten tiber den unversehuldeten Charakter der Veranlagung auf?-
zuklaren : nicht selten wird er dadurch namentlich da, wa eine
geistige Harmonic der beiden Eheleute besteht, eine Aussohnung
herbeiftihren. Es ist merkwiirdig, mit welcher Nachsicht oft
Frauen alle Entsagungen und Qualen, welche die Veranlagung
des Gatten fur sie mit sich! bringt, ertragen, wie sie ihm haufig
in alien Schwierigkeiten seines Lebens in selbstloser Opferwillig-
keit zur festesten Stutze werden.
Das wichtigste arztlicher Begutaehtung liegt ftir die Homo-
sexuellen nun aber auf strafr.echtlichem Gebiet. Audi
hier kann der Sachverstandige in den verschiedensten Fallen
und Fragen klarend eingreifen. Daher sollte, wenn es sich um
einen homosexuellen Angeklagten handelt, niemals auf die Zu-
ziehung eines arztlichen Sachverstandigen verzichtet wer'den.
Zunaclist ergibt sich, falls das Gericht den Tatbestand des
§ 175 als vorliegend ansieht, die Frage, ob der homos^exuelle
Tat-er fiir das Delikt verantwortlich zu machen ist oder nicht.
Soweit es sich um eine nicht durch anderweitige sexueilo
Anomalien komplizierte Homosexualitat handelt, bedingt
diese meiner — in diesem Falle wohl mit der iiberwiegenden
Mehrzahl der Sachverstandigen libereinstimmenden — tlber-
zcugung nach an sich die Voraussetzungen des § 51 StrGB.
nicht. Wohl aber diirfte sie in Anbetracht der Starke adaquatear
Sexualimpulse die psychischen Hemmungen in hohem Grade
hferabsetzen, mithin als mildernder Umstand auf alle Falle
in Betracht kommen. In der groBen Anzahl von Fallen aber,
in denen die Homosexualitat mit psychopathischen Momenten
verkniipft ist — mogen sie primar auf einer geschwachten oder
krankhaften psychischen Konstitution oder sekundar auf ner-
VGsen Krankheitszustanden, die als Folge der Veranlagung anzu-
sehen sind, beruhen — , steigern sich die Zweifel an der Ver-
antwortlichkeit des Taters erheblich, bis zur unzweifelhaften Ge-
wiBheit fehlender Verantwortlichkeit und Zurechnungsfahigkeit.
Als Beispiel gebe ich nachstehend ein Gutachten wieder, das
in Bezug auf die SchluBfolgerungen insofern charakteristisch
ist, als in der groBen Mehrzahl der Falle gerade diese be-
grtindeten Zweifel an der f reien Willensbestimmung als
exkulpierend in Betracht kommen.
Seitens der Verteidigung des Kaufmanns Herrn G. M. in Munchen
sind wir aufgefordert, ein Gutachten dariiber abzugeben, ob bei Herrn
M. zur Zcit der Begehung ihm zur Last gelegter geschlechtlicher Delikte
eine kraukhafte Storung der Geistestatigkeit vorlag, die seine freie
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Willensbestimmung im Sinne des § 51 Str.-G.-B. ausschloB. Nachdero
wir Herrn M. wahrend langerer Zeit beobachtet, eingehend exploriert
und wiederholt untersucht haben, geben wir das gewiinschte Gut-
achten im folgenden ab.
Vorgeschichte: Herr M. ist das Kind gesunder Eltern.
Der Vater starb im Alter von 81 Jahren an Altersschwache, die hoch-
betagte Mutter lebt xioch und ist gesund und riistig. Belastungs-
erscheinungen, insbesondere in nervoser Hinsicht, liegen in der uaheren
Verwandtschaft nicht vor, abgesehen davon, daB zwei altere Briider
ebenso wie er selbst an Leistenbriichen leiden. Als* Kind war M. zart,
schiichtern und schreckhaft, litt viel an Kopfschmerzen, an angst-
lichen Traumen und nachtlichem Aufschrecken. Sein Aussehen und
Wesen batten etwas ausgesprochen Madchenhaftes, so daB er oft
dieserhalb geneckt wurde. Da er schon wahrend der Schuljahre in
seiner freien Zeit zur Arbeit (Handschuhnahen) angehalten wurde,
fand er zum Spielen wenig Zeit, was er aber nicht vermiBte, da er an
den wilden Knabenspielen seiner Mitschiiier keine Freude liatte und
lieber fiir isich allein blieb. Die Geschlechtsreife trat spat, im 17. Lebens-
jahre, ein, gleichzeitig machte sich ein leichtes Anschwellen der Bruste
bemerkbar : auch nacli dem Stimmwechsel blieb Fistelstimme
und Fahigkeit zum Sopransingen bestehen. Von Jugend auf an Arbeit
fewohnt, hat sich M. sein Brot in den verschiedensten Stellungen im
n- und Auslande als Handschuharbeiter, Portier und Geschaftsfiihrer
verdient und hatte zuletzt ein eigenes kleines Zigarrengeschaft in
Miinchen.
Sein Geschlechtstrieb lieB von seinem Erwachen an die normale
Tendenz zum weiblichen Geschlecht, das ihn vollig kalt lieB, vermissen,
richtete sich dagegen von vornherein und unverandert auf jugend-
liche, geschlechtsreife Personen des eigenen Geschlechts. Nur, indem
er sich solche lebhaft vorstellte, gelang ihm einige wenige Male der
Verkehr mit Weibern, hinterlieB aber keinerlei GenuB oder Bcfriedigung.
Dagegen beschaftigten gleichgeschlechtliche Vorstellungen seine Phan-
tasie im Wachen bei jahrelaug ziemlich haufig betriebener Onanie und
bildeten auch ausschlieBlich den Inhalt seiner PoUutionstraume. Am
meisten sexuelle Befriedigung gewahrte ihm die gegenseitige Onanie
mit jungen Mannern. Seine Neigungen, Gewohnheiten und Interessen
blieben vorwiegend die des weiblichen Geschlechts. Seine Lieblings-
beschaftigungeu sind Kochen und Nahen ; er interessiert sich liir
Damentoiletten, Modefragen und Blumen. Abgesehen von Kopfschmer-
zen und Kopfdruck, an denen er von Kindheit an leidet, haben sich im
Laufe der Zeit auch anderweit nervose Stornngen bei ihna
eingestellt: Neigung zu depressiver Verstimmung, zu reizbarem, lauuen-
haftem Wesen, zu Unruhe, gelegentlichem ' Angstgefiihl und Schlaf-
losigkeit.
B e f u n d : M. ist ein untersetzter, korpulenter Mann mit reich-
lichem Fettgewebe, von zarter Hautfarbe und weichen, al^erundeten
Korperformen. Namentlich die Schultern, die oberen und unteren
Extremitaten zeigen eine ausgesprochene Annaherung an den weib-
lichen Typus. Auch die Briiste sind starker entwickelt, als es beim
mannlichen Geschlecht gewohnlich ist. Beoken- und Schultergiirtel
sind von anniihernd gleicher Breite. Die Korperbehaarung ist sparlich
und zeigt ebenfalls teilweise feminines Geprage, so besonders in der
Unterbauch- und Schamgegend. Hande und FiiBe sind klein und
zierlich gebaut. Der kleine Mund und die feminine Mimik, die wir als
das Produkt dauernder natiirlicher Gewohnheit auffassen raiissen, brin-
gen trotz des Schnurrbarts und der kraftigen Kieferbildung einen weib-
lichen Gesichtsausdruck. Die Korperbewegungen, (lesten imd Gang-
sind ebenfalls recht feminin. Abgesehen von doppelseitig bestehendeni
Leistenbruch und gesteigerter Reflex- und GefaB-Erregbarkeit bietet
der korperliche Befund keine krankhaften Erscheinungen. Psychisch
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machtc Herr M. wahrend der Beobachtungszeit tells einen deprimiertcn
und verzagten, teils einen apathischen, direkt stumpfen Eindruck.
Sich selbst iiberlassen, saB er meistens mit leerem Ausdruck vor sich
hinstarrend da und bekundete niemals eine Neigung, seinerseits eine
Unterhaltung zu beginnen, ein Buch vorzimehmen oder sich sonst
irgendwie zu beschaftigen.
Trotz dieser Apathie war eine stark depressive Verstimmung aber
unverkennbar und auBerte «ich haufig, indem er aus unerheblichem
AnlaQ ein aufsteigendes Schluchzen nur miilisam unterdriicken konnte,
auf Aufmunterungen mit einem miiden, schmerzlichen Lacheln reagierte,
kurz eine so konsequente und schwere Depression bekundete, daB
dieselbe auch trotz der durch seine Verurteilung fiir ihn bedingten
ernsten Situation als psychisch abnorm bezeichnet werden muB. Seine
feistige Regsamkeit ist auBerst gering. Durch plotzliche Anreden oder
'ragen wird er sichtlich erschreckt, braucht Zeit sich zu sammeln
und ist in seinen Antworten umstandlich und wenig prazis. Seine
geistigen Interessen und Fahigkeiten scheinen gering und wenig aus-
gebildet zu sein. Bezeichnend ist es, daB er Schiller als seinen Lieb-
lingsdichter nennt, aber kein einziges groBeres Werk von ihm auch
nur oberflachlich dem Inhalte nach kennt, sondern lediglich anzugeben
weiB, daB ihn ein Satz aus einem „Geschichtsbuche" von Schiller be-
sonders interessiert habe, au£ den er aber auch „momentan nicht
kommen" konne. In gleicher Weise ist seine Assoziationsfahigkeit,
sein Urteils- und Kombinationsvermogen ungewohnlich sparlich ent-
wickelt und deutlich gehemmt. Auch seine Willenstatigkeit bekundet
ausgesprochenen Mangel an Initiative und zielbewuBter Energie.
Gutachten: Herrn M. ist zur Last gelegt, mit zwei jungen
Mannern widernatiirliche Unzucht im Sinne des § 175 getrieben zu
haben. Bei der psychiatrischen Beurteilung derartiger Handlungon
ist eiumal die individuelle sexuelle Veranlagung des Tiiters, ferner
die Frage seiner allgemeinen psychischen Disposition und des dadurch
bedingten MaBes von Widerstandsfahigkeit und endlich der
Umstand zu beriicksichtigen, inwieweit die besondere Sachlage
der vorliegenden Falle auf diese Widerstandsfahigkeit schwiichend
einwirken konnte. Uber die angeborene und ausschlieBliche homo-
sexuelle Veranlagung des M. konnen nach den von uns festgestellten
Anhaltspunkten unserer Uberzeugung nach Zweifel nicht obwalten.
Seine eigenen, innerlich durchaus wahrscheinlichen und dem wissen-
schaf tlichen Bilde der homosexuellen Veranlagung in jeder Beziehung ent-
sprechenden Angaben iiber seine sexuellen Ncigungen — sowohl in positiv
homosexuellem wie negativ heterosexuellem Sinne — finden eine er-
hebliche Stiitze in der objektiv einwandfrei festzustellenden Femininitat
seiner Personlichkeit auf psychischem wie ph\'sischem Gebiete. Sind
derartige Ankliinge an spezifische Merkmale des anderen Geschlechts
auch nicht eine notwendige und stets vorhandene Begleiterscheinung
der homosexuellen Veranlagung, so begegnen wir ihnen bei dersolben
doch in einem relativ so erheblichen Prozentsatz, daB sie in V e r -
bin dung mit den ;sonstigen Angaben iiber die Kichtung
des Geschlechtstriebes ein eindeutiges und in sich geschlossenes Urteil
uber die bestehende Homosexual itiit ermoglichen, wie es im vorliegen-
den Falle in vollstem MaBe zutrifft.
Abgesehen von seiner gleichgeschlechtlichen Veranlagung kenn-
zeichnet sich M. aber auch als recht schwere r Neuropatjh.
Da eine erhebliche erbliche Belastung nicht vorzuliegen scheint, diirfte
diese psychische Labilitiit in eincr Disharmonie der femininen und
virilen Elemente seiner Personlichkeit begriindet und durch die infolge
seiner homosexuellen Veranlagung erschwerten Lebensumstande ge-
steigert sein. Jedenfalls dokumentiert sie sich gegenwartig deutlich
sowohl in der depressiven Verstimmung des Affektslebens wie in der
Boeintrachbigung der Intelligenz und der Abschwiichung normaler
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Willonstatipkeit.' Es ist klar, daB in einer so auspresproclien iieuro-
patbischen Konstitution ein die normale psychische Widerstandsfabig-
keit stark herabseizendes Moment liegt, und daB diese Herabsetzuiig
der Widerstandsfahigkeit in Anbetracht der horaosexuellen Veran-
lagung M.s gegeniiber gleicbgeschlecbtlichen Anreizen eine ganz be-
sonders erbebliche ist. Geniigten die ihm zu Gebote stebenden see-
liscLen Hemmungen vielleicht aucb, ihn davon zuriickzuhalten, ag-
gressiv eine homosexuelle Betatigung zu sucben, so diirften sie kauin
ausreicben, wenn ihm von einer ihn sexuell anreizenden Person Avancen
gemacht werden, und somit eine starke Versuchimg zur Befriedigung
des seiner Veranlagiing adaquaten Geschlechtstriebes an ihn herantritt.
Dieses scheint in den M. zur Last gelegten Fallen, in denen es sich
um Partner bandelt, die aus ihrem gleichgeschlechtlichen Verkehr
materiellc Vorteile zogen, zweifellos der Fall gewesen zu sein.
EsbestehenmitbinbeiHerrnM. in Anbetracht seiner aus-
gesprochen homosexuellen Veranlagung, seiner psychischen Labilitat
und der ihm gebotenen Gelegenheit zum mindesten sehr be-
griindete und erbebliche Zweifel daran, ob in die-
sen Situationen bei ihm niclit eine krankbafte Sto-
rung dor Geistestatigkeit vorlag, die seine freie
Willensbestimmung im Sinne des § 61 Str. G. B. a u s -
schloB. Wenn aber de\rartige Zweifel iiber die Ver-
antwortlichkeit des Taters auf dem subjektiven
Willensgebiete vorhanden sind, so geniigen solche
nach der Entscheidung des Reichsgerichts im 21.
Bande zur Freisprechung auf Grimd des § 61.
Bevor idh dazu libergebe, solche Falle homosexneller Ver-
anlagung zu bespredhen, welche durch anderweitige sexuelle
Anomalien kompliziert sind, mochte ich kurz die Frage homo-
sexueller Betatigung beriihren, die zur Feststellung oder
AussehlieBung gewisser im Sinne des § 175 StrGB. beischlaf-
fihnlieher Handlungen ^rztliche Begutachtung erforderlich
machen kann.
T a r d i e u und andere haben, wie wir oben mitteilten, in dier
serHinsicht auf die korperliche Beschaffenheit der in Frage
kommenden Teile groBen Wert gelegt, wir konnen aber auf Grund
eines nach Tausenden zahlenden Materials heute mit Bestimmt-
heit sagen, dafi sich aus der Beschaffenheit des Penis auch nicht
der mindeste SchluB auf die Homosexualitat eines Menschen
Ziehen laBt. Noch im ProzeB Breuer in Trier woUten zwei Gut-
achter an dem Penis des Ermordeten solche Anzeichen wahr-
genommen haben. Eher kann man schon gelegentlich bei Gewohn-
heitspygisten gewisse Anzeichen am Anus finden, doch spricht
ihr Vorkommen weder mit Sicherheit flir, noch namentlich ihr
Mangel gegen analen Verkehr. Eher laBt sich in manchen Fallen
schon die groBe Unwahrscheinlichkeit, wenn nicht Unmoglichkeit
der behaupteten Analimmission aus einer sehr engen Beschaffen-
heit des SchlieBmuskels bei dem passiven Teil schlieBen, bis-
weilen in Verbindung mit der GliedgroBe des aktiven Partners.
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Auch diese Eventualitaten mochte ich durch einige darauf be-
ziigliche Stellen aus einem Gutachten belegen:
Korperlich ist T. grazil, aber kraftig gebaut, von etwas abge-
rundeten, welligen Korperbauformen, weicher Muskulatur, breitem
Becken, zarter Hautfarbe und sparlicher Korperbehaarung, kurz leicht
femininer Korperbildung. Die Genitalien sind dagegen kraftig ent-
wickelt, namentlich ist das Glied von einer den Durchschnitt iiber-
schreitenden GroBe ; in erigiertem Zustande soil es nach T.s Angaben
23 cm lang sein und 14 cm Umfang haben. Bei M. ist der After, auf dessen
Beschaffenheit es im vorliegenden Falle ^nkommt, eng, fiir einen
Finger mit S eh w i e r ig ke i t und unter offenbar star-
ken Schmerzen, fiir zwei Finger nicht passierbar. Bei
leichter Beriihrung des Afters erfolgt eine starke
re f le k t or i s c he Zusamm e n z i e h u ng der kraftig funk-
tionierenden, in keiner Weise erschlafften SchlieU-
muskeln. Die Analfalten sind nicht geglattet.
Schon aus dieser Beschaffenheit des Afters bei M. kann man mit
Wahrscheinlichkeit schliefien, daB, wie er selbst ja jetzt versichert,
niemals ein mannliches Glied in denselben eingefiihrt worden ist oder
iiberhaupt eingefiihrt werden kann. Mit Bestimmtheit kann man jeden-
falls sagen, daB es ausgeschlossen ist, daB T. sein Glied bei dessen
GroBc und Umfang in M.s After hat einfiihren konnen. Somit stellt
sich der Tatbestand, dessen Annahme der Anklage und Verurteilung
der beiden zugrunde lag, schon aus physiologischen Griinden als eine
Unmoglichkeit dar. Es ist daneben nur von untergeordneter Bedeutung,
daB bei T., was auch von einem Freunde, der wiederholt mit ihm ge-
schlechtlich verkehrt hat, bestatigt wird. offenbar keinerlei Neigung
zu einer derartigen geschlechtlichen Betatigung besteht.
Abgesehen von der Unbestimmtheit und relativen Be-
deutnngslosigkeit des objektiven Befundes, ist es auch nicht
selten Aufgabe des Gutaohters, auf die Ungenauigkeit tind
Unzuverlassigkeit subjektiver Angaben des einen der beiden
Partner hinzuweisen. Namentlich verdienen Leute, die mit vielen
Homosexuellen verkehren, sehr geringe Glaubwtirdigkeit. Es
kommt vor, daB namentlich Prostituierte gar nicht mehr f^-hig
sind, sich an die wirklich vorgekommenen Akte zu erinnern und
vcllig verwechseln, mit wem «ie verkehrt, wann sie straflos
und wann strafbar verkehrt haben, und trotzdem sagen sie
spater mit Bestimtntheit aus, wie sie mit dem ihnen gegentiber-
gestellten Homosexuellen verkehrt haben. Es kann dies in gutem
Glauben geschehen, wer aber gewerbsmaUig taglich, oft tiiglich
mehrere Male mit Herren sexuell verkehrt, mit mehreren spricht,
mit anderen Bier trinkt usw.„ weiB bald nicht mehr genau, mit
wem er gerade einen strafbaren Akt oder iiberhaupt einen Akt
vornahm, da ihm ja die Person nichts, das Geld alles
ist. Es ist auch zu b3rucksichtigen, daB Tauschungen hier des-
halb leicht moglich sind, weil die genaue Lokalisation und Diffe-
renzierung gerade in der Genital- und Analgegend nach arzt-
licher Erfahrung besonders -schwierig und ungenau sind, und
beispielsweise eine Verwechselung von Finger und
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Penis am After, die unter Umstanden f tir die Beurteilung der
Tat ausschlaggebend ist, sehr leicht vorkommen kann.
In einem EhescheidungsprozeC behauptete eine Frau, daB ihr
Mann sic pediziert hatte, wahrend dieser analen Verkehr mit Be-
stimmtheit vemeinte und erklarte, die Frau lediglich a tei^o in
vaginam gebraucht zu haben. Das Kammergericht legte mir auf, aus
dem beiderseitigen Genitalbefuud zu ermittein, ob die Aussage des
Ehemannes oder der Ehefrau glaubhafter teei. Nichfc selten wird nament-
lich von Erpressern behauptet, sie seien von dem Homosexuellen per
anum vergewaltigt worden. Schon C a s p e r 2) hat ein Gutachten ver-
offentlicht, in dem er die pbysische Unmoglichkeit solcher Handlung
nachwies. Audi die ebenso haufigen Angaben eines Zeugen oder Mit-
angeklagten, die Straftat sei an ihm vorgenommen, wahrend er schlief,
kann ein mit dieser Frage vertrauter SachverstSjidiger meist leicht
widerlegen.
Zuverlassiger als der durchaus nicht konstante, meist unzu-
verlassige somatische Befund ist der makroskopische
Nachweis von Formelementen des Samens (Spermatozoen), bezw.
eine flir Samenfltissigkeit charakteristische chemische Reaktion
ftir die Feststellung ev. stattgehabter homosexueller Betatigung.
Als Untersuchungsobjekte kommen die Kleider, Unterwasche, unter
Umstanden aber auch die Korper der Beteiligten in Betraxiht. So
kann es von Bedeutung fiir den sicheren Nachweis einer bestimmten
Art des sexuellen Verkehrs sein, wenn in einer Korperhohlc — meistens
Mund oder After — Samen glefunden wird. Wenn beispielsweise der
Verdacht eines Lustmordes besteht, kann dieser Nachweis forensisch
iiberaus wichtig sein. Es kommen dabei im wesentlichen folgende
Untersuchungen in Betracht: Die Spermatozoen sind mikroskopisch
wie folgt charakterisiert : Sie bestehen aus einem eigentiimlich gefiig-
teu, etwas platten und nach vorn stark zug^spitzten Kopfe, den 'man
nacb seiner Gestalt vergleichen kann mit emer plattgedriickten Bime.
An diesen Kopf, der durch seinen eigentiimlichen hellen metallischen
Glanz auffallt, setzt sich ein Flimmerfaden (eine GeiCel) an. Dieser
Faden stellt den Schwanz des Spermatozoen dar, und mit Hilfe dieses
GeiBels konnen die Spermatozoen eine Eigenbewegung entfalten. Sie
besteht in schwingenden und schlangelnden Bewegungen, die man am
besteri mit den Bewegungen junger Fische durch Hin- und Herbewe-
gung ihrer Schwanzflosse vergleicht. In ganz frisch entleertem Sa-
men sieht man die schlangelnde Bewegung der Samenfaden so deut-
lich, daC jedcr Arzt deren Vorhandensein bei entsprechender mikro-
skopischer VergroBerung und bei richtiger Technik unzweifelhaft er-
kennen muB. Falls der Nachweis von Samenfaden nicht gegluckt
ist, priift man die Masse auf Samenfliissigkeit. Denn es kommt vor,
dal3 ein Erwachsener an Azoospermie leidet, d. h. an einem Zustand,
in dem er zwar Samenfliissigkeit entleert, aber ohne Samenfaden. Mit
dieser Moglichkeit muB man auch rechnen. Dieser Nachweis wird in
der Weise zu fiihren gesucht, dal5 man den in physiologischer Koch-
salzlosung verteilten Massen etwas Florencesche Losung (in Eis ge-
kiihlter Losung von 1,65 Teilen reinem Jodkalium und 2,54 Teilen
metallischem Jod in 30 Teilen destilliertem Wasser) zusetzt. Dabei
entstehen, wenn es sich um Samenfliissigkeit handelt, sofort ganz
charakteristische, langgestreckte, nadelformige, mit eigentiimlichen
rhombischen Spitzen versehene Kristalle, die den Haeminkristallen
tauschend ahneln, und unter den Augen des Untersuchers sich dann
2) Casper, Handbuch der gerichtlichen Medizin. Bin. 1881.
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zusammenschieben und massenhaft entstehen, sobald die Flussigkeit
mit der Samenfliissigkeit zusammentrifft. Weitere Methoden^) zum
Nachweis von Samen Ibzw. Spermatozoen sind die folgenden: Ein
verdachtiges Leinwandstiick von ungefahr 2 Quadratzentimeter wird
in eine 4 ccm konzentrierte Schwefelsaure und 1 com Wasser enthal-
tende Eprouvette gebracht. Durch tiichtiges Schiitteln erhoht sich
beim Vermischen von Saure und Wasser die Tempera tur auf 82 Grad.
Nun gieBt man rasch 15 ccm kalten Wassers in die vorher unter
einem Wassers trahl erkaltete Eprouvette ein. Eine groBe Anzahl von
Gasblaschen steigen an die Oberflache, sowie Kliimpchen, welche
die Spermatozoiden und die Epithelzellen enthalten. Diese Klump-
chen werden auf einem Objekttrager ausgebreitet und drei- bis vier-
mal durcb die Flamme gezogen, um sie zu fixieren. Falls keine Kliimp-
chen auf die Oberflache steigen, verdiinnt man die Schwefelsaure-
losung mittels 16 Volumenteilen und zentrif ugiert ; dann befinden sich
die Spermatozoiden im Bodensatz. Als Farbungsmethode empfiehlt
sich, wahrend 10 Minuten 2 bis 3 Tropfen einer alkoholischen i/2prozen-
tigen Eosinlosung einwirken zu lassen, dann mittels Wasser und nach-
lier mittels absolutem Alkohol zu behandeln. Falls nur wenig Sperma-
tozoiden im Praparat vorhanden sind, wird schlieBlich noch mit
Lofflerblau wahrend einiger Sekunden gefarbt. — Demetrius Ga-
8 i o *) gibt f olgende Methode an : Von aem zu untersuchenden Gewebe
werden Stiickchen, die der Peripherie und dem Zentnmi des Sperma-
fl:eckes angehorten, herausgeschnitten und 3 — 5 Minuten in eine
1 : 1000 Quecksilberchlorid-(Sublimat)16sung gelegt, dann abgepreUt.
1 Tropfen der Fliissigkeit wird bei leichter Flamme getrooknet und
1 Minute in lo/o wasseriger Eosinlosung gefarbt; dann wird mit
lo/o Jodkaliumlosung entfarbt bis zur Rosatonung. Die Farbung kann
audi unterbleiben, ermoglicht aber die schnellere Auffindimg der
Spermien. — Eine andere Methode stammt von B. Baeciiie*):
1. Farbung eines ca. 1 qcm groCen Stiickes des befleckten Stoffes
Vs — 1 Minute in einer der folgenden Losungen: lo/o saures Fuchsin oder
Methylenblau 1 Teil, Salzsaures Wasser (1:100) 40 Teile oder lo/o
saures Fuchsin, 1 o/o Methylenblau un 1 Teil, Salzsaures Wasser (1 : 100)
40 Teile. 2. Abwaschen in salzsaurem Wasser (1 : 100). 3. Abtrocknen
an der Luft oder Entwasserung in absolutem Alkohol. 4. Aufhellen
in Xylol, auf dem Objekttrager Einbetten nach Belieben. Behufs mi-
kroskopischer Untersuchung ist die starker gefarbte Seite des Stoffes
nach oben zu wenden. Andernfalls miissen beide Seiten des JStoffes
untersucht werden. Ferner ist zu beachten, daB, wenn die Flecke nicht
frisch sind, ein, je nach den Fallen verschieden, von Vi — 24 Stunden
dauerndes Auffrischen in 20 — 30 o/o Ammoniaklosung erforderlich ist,
sowie spa teres Verbringen in destilliertes Wasser im Moment aer
Farbung.
Unter den Komplikationen 'homosexueller Veranlagung
nehmen zunachst diejenigen Falle eine besondere Stellung ein,
bei denen sich der Geschlechtstrieb vorwiee^end oder ausschlicBlich
auf jugendliche Personen bezieht, so daB bei ev. Betatigung nicht
3) Vgl. L. Marique, Neues Verfahren zum Nachweis von Sper-
matozoiden, in Arch, internat. de med. 16gislat. Bd. I. S. Ill — 139.
Referat von Z u n z in den Jahresberichten uber die Fortschritte der
Tierchemie 1911, Bd. 40, S. 461.
*) Zur Auffindung der Spermatozoen in alten Spermaflecken,
Deutsche Med. Woch^nschrift Bd. 36, S. 1366—68. 1910.
5) Vgl. „t}ber eine Methode zur direkten Untersuchung der Sperma-
tozoen auf Zeugflecken." In Vierteljahrbericht fiir gerichtliche Me-
dizin und offentliches Sanitatswesen. 1912. Heft 1.
940
nur der § 175, sondern in erster Linie der § 176,3 in Betracihit
kommt. Soweit diese padophilen Neigungen auf dem Boden des
von Burchard und mir als „sexueller Infantilism us**
beschriebenen Zustandes sich entwickeln, und das trifft in der
Mehrzahl der FaJle zu — mag es sich um Evolutions h e m -
m u n g e n oder Involutions -Riickbildungen handeln — kann
nur eine sachverstandige Begutachtung eine klare Beurteilung des
Deliktes und seiner psychologischen Motive ermoglichen. Ein
hierher gehoriges Gutachten habe ich bereits oben in dem Kapitel
„Einteilung**^ a) mitgeteilt.
Ebenso widitig ist die gutachtliche Klarstellung derjenigen
Falle, in denen die homosexuelle Veranlagung mit anderweitigen
sexuellen Anomalien verkniipft ist, wo dann weniger die Homo-
sexualitat an und flir sich als eine auf dem Boden dieser Be-
gleiterseheinungen erwachsene Handlung den Fall hat
kriminell werden lassen. Es kann ^ich dabei um Triebe und
Delikto mannigfacher Art handeln, von denen die exhibitio-
nistischen und sadistischen strafrechtlich besonders in Be-
tracht kommcn. Auch konnen krankhafte Zustunde, die an
sidi nicht auf sexueller Basis beruhen, namentlich Affekthand-
lungen hysterischer oder epileptischer Natur, in Verbindung mit
homosexueller Veranlagung Gegenstand spezialistischer Begut-
achtung werden. — Ein charakteristisches Beispicl dieser Art
war der Fall des wegen Mordes angeklagten J)ieners E., den
ich mit den Gerichtsarzten Leppmann und Hoffmann
sowie den KoUegen K o e r b e r und Burchard zu begutachten
hatte. Er hatte einen Jungen in auOerster Wut tiber eine von
diesem vertibte Erpressung und in der Angst, durch sein Schreien
verraten zu werden, erwiirgt und den Leichnam zerstiickelt.
Da der betreffende Diener Epileptiker war und schon mehrmals
an schweren Verwirrtheitszustanden gelitten hatte, wiesen wir
auf die Wahrscheinlichkeit hin, daJJ auch der in Fragei stehende
Affektzustand ein epileptischer gewesen sein konnte, und daB
die freie Willensbestimmung zum mindesten nicht mit der er-
forderten Sicherheit als erwiesen angenommen werden konnte.
Das Gericht trug dem schweren krankhaften Zustande insofern
Rechnung, daU es nur auf Totschlag mit Zubilligung mildernder
Umstande erkannte. '
Es kommen endlich noch Komplikationen homos'exuicllejr
Veranlagung in Betracht, die an sich nicht auf sexuellem Ge-
biete liegen, zu denen der Homosexuelle aber in mittelbarem Zu-
sammenhang mit seiner Veranlagung veranlaOt wurde. — In
^a) p. 302 ff.
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erster Linie spielt ihier die pathologische auf geschlechtlichar
Basis beruhende Abhangigkeit von einem verbrecherischen Indi-
viduum eine Rolle, wie in dem Falle des Bankdefraudantea
H., der auf Befehl eines Menschen, des Matrosenalex, in
dessen Bann er geraten war, 100000 Mark unterschtug^). Doch
konnen auch ohne eine derartige innere Abhangigkeit lediglich
aulJere Verhaltnisse, welche die Ausnahmestellung der Homo-
Bexuellen mit sich bringt, wie fortgesetzte Erpressungen und
Ahnliches, diese zu Delikten treiben, bei deren Beurteilung und
forensischen Bewertung — auch wenn es sich nicht um Affekt-
handlungen handelt — eine sachverstandige Begutachtung uner-
laBlich erscheint. Auch fiir diesen Fall lasse ich als Beispiel
ein Gutachten folgen, das eine derartige Sachlage zum Gegen-
stand hat.
Der Kaufmann, Herr F. R. ist angeklagt, in den .lahren 1911
und 1912 eine Reihe von Unterschlagungen begangen und zum Zwecke
derselben eine Urkuude (Telegramm) gefalscht zu haben. Herr R.
gibt an, daB er sich zur Zeit der Begehung dieser von ihm eingestan-
denen Delikte durch fortgesetzte, gegen ihn gericlitete Erpressungen
in einem Zustande voUiger seelischer Ratlosigkeit imd Verwirrtheit
befand. die seine freie Willensbestimmung ausschloB. Wir haben Herrn
R. mehrerc Monate hindurch spezialiirztlich beobachtet. Er ist in
nervoser Hinsicht schwer belastet, insofern sein Vater und ein Bruder
desselbeii an Gehirnerkrankungen gestorben sind. Als einziges, iiber-
dies sehr schwachliches und kranklichcs Kind wurde er rait iiber-
triebener Angstlichkeit erzogen, wodurch die bei ihm von Hause aus
vorhandenen neurotischen Erscheinungen verstarkt warden. Diese be-
stehen im wesentlichen in einer ausgesprochenen Neigung zu Affekt-
schwankungen, namentlich depressiven Zustanden, Schreckhaftigkeit,
Angstlichkeit und gelegentlichen Migrane- und Schwindelaafallen.
AuBerdem liegt bei Herrn R. eine angeborene Inversion des Geschlechts-
triebs vor, der isich von seinem ersten Auftreten an auf das eigene
Oeschlecht richtete. Lediglich aus auBeren Griinden und in der irrigen
Hoffnung, dadurch vielleicht eine Anderung seines Zustandes zu be-
wirkeD, ging er eine Ehe ein.
Falls die sehr detaillierten und innerlich wahrscheinlichen An-
gaben, die R. iiber die gegen ihn unternommenen hartnackigen und
dreisten Erpressungen macht, zutreffen, ist es unserer gemeinsamen
Cberzeuguug nach allerdings mit groCter Wahrscheinlichkeit anzu-
nehmen, daC er bei der erheblichen Labilitat seiner nervosen Kon-
stitution durch dieselben in einen Zustand volliger Ratlosigkeit und
Unzurechnungsfahigkeit versetzt wurde, der seine freie Willensbestim-
mung im Sinne des § 51 ausschloB.
^) Cf. Vierteljahrsberichte des vv.-h.-K. III. Jahrgang 1912.
p. 3-10 ff. und vor allem Jahrbuch XIII p. 168 ff.
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ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die Rehabilitierung homosexueller Milnner und Frauen. Vor-
ISufer des Befreiungskampfes von Goethe bis Krafft-Ebing.
In dem Kapitel iiber die Verfolgung der Homosexuellen
haben wir gesehen, wie in den beiden letzten Jahrzehnten des
XVIII. Jahrhunderts allmahlich die so iiberaus rigorosen Ge-
aetze der christlichen Staaten gegen die Homosexuellen ins
Wanken gerieten. Der fortschrittlichere Geist, der* sich in den
Gesetzbiichern dreier verhaltnismaOig aufgeklarter Fiirsten —
Friedriich II. von PreuOen, Joseph ll. von Osterreich'
und Napoleon I. — aussprach, kam auch den homosexuellen
Mannern und Frauen zugute. Von einer eigentlichen Eehabili-
tierung der Homosexuellen war aber selbst dort, wo die Straf-
(bieirtimmungen nicht nur gemildert, sondern gan5zlich ausge-
merzt wurden, keine Rede. Die Gesichtspunkte, von denen die
Gesetzgeber ausgingen, waren in der Hauptsache juristische
und keineswegs von der Erkenntnis der Homosexualitat als einer
biologischen Eigenttimlichkeit getragen. Man neigte dq^r Auf-
fassung zu, daB es Aufgabe der Gesetze sei, Personen vor ge-
waltsamen Eingriffen in ihre Rechte zu schiitzen, und folgerte
darauS) daU auch der Mifibrauch, den zwei Erwachsene in
ffeiwilliger t)bereinkunft mit ihren Korpern treiben,
keine „unmittelbare Rechtsverletzung" sein konne.
In seinen Anmerkuiigen zu Beccarias „Verbrechen und
Strafe** *), das sich ia bezug auf gleichgeschlechtliche Strafakte selbst
dahin auBerte, daB hier „nicht Strafe am Platze sei, sondern Beseiti-
gung der Ursachen, Besserung und Erziehung", sagte der auf die Um-
wertung der Anschauungen seiner Zeit so einfluBreiche Voltaire:
yyDiese Handlun^ ist Unflath, Schmutz, Unanstandigkeit, aber kein Ver-
brechen, weil sie niemandem das Seinige entzieht und nicht a us be-
trugerischem, bosen Herzen entspringt, noch die Gesellschaft zerriittet."
Noch wirksamer gegen die Straf verfolgung envies sich das Bedenken, daB
durcb die Untersuchung die Kenntnis des Lasters noch weitere Verbrei-
^) Beccaria: (deutsche Tbersetzung), Verbrechen and Strafe,
Breslau, 1788.
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943
lungen f inden konne. Grolmann^) meinte, man solle n u r d a n n
bestrafen, „wenn solche Laster nicht mit dem Schleier des Geheimnisses
bedeckt sinid", und in einem der bekanntesten Handbiicher der Strafrechts-
wissenschaft aus dem Anfang des XIX. Jahrhunderts, dem von T i 1 1 -
m a n n '). heiBt es, dafi „die dutch die Sodomie bewiesene Verworfen-
heit des Charakters .tmd. die Idaraus lentstehende Besorgnis fiir die Tahig-
keit zur StaatsbiirKerschaft zwar nicht geleugnet werden konne, ander-
seits Bestrafung aber doch nur bei Erregung offentlichen Argernissea
erwlinschl. ware, weil es der Sittlichkeit entgegen sei, mit umstand-
licher Genauigkeit das Wesen der Tat nach alien ihren Bestandteilen
in den Gericnten zu erforschen". Ahnliche Meinungen warden fur
die Gesetzbiicher westeuropaischer Lander vielfach maOgebend; so
heiBt es seitdem in einem Schweizerischen Kantonalgesetz *) : „La pour-
suite na lieu que s'il y a scandale public ou sur la plainte" und
in einem anderen *) : ^,11 n'y aura lieu k poursuivre d*office qu'en
cas de scandale public"; vor allem fiihrten fiir den Code Napoleon
Chauveau und Faustin H^lie^) als Hauptmotiv der Beseitigung
des Urningsparagraphen „D ie Vermeidung der schmutzigen
und skandalosen Untersuchungen an,^ welche so hauf ig das
Familienleben durchwiihlen und erst recht Ai*gernis geben." Hatte
doch schon der alte Rechtsgelehrte Cella') gesagt: „Soweit iiber-
haupt einzuschreiten ist gegen die verschiedenen Arten von Fleisches-
veiigehen wider dieNatur, muB dieses mit doppelter Vorsicht geschehen,
dam it durcn die Nachforschung nicht erst das Argemis veranlaBt wird,
dem man steuern will", und an anderer Stelle: „\Vehe der Polizei, die,
um jedeu Ausbruch der Unkeuschheit zu erfahren, Eltern, Kinder und
Gesinde zu Spionen macht und den Samen der Verraterei und des
MiBtrauens in den SchoB der Familie streut."
Man dart dabei nicht iibersehen, daB es in fruheren Zeiten meist
nur ganz bestimmte Akte waren, die man als strafwiirdig im Auge
batte, namlich die analen, fiir die man auch im wesentlichen nur
den Begriff der Paderastie und Sodomie reserviert hatte. Heute, wo
schon viel leichtere Akte als straffallig gelten, fallt dieser (xesichts-
punkt, daB in Wirklichkeit meist erst die Untersuchung die
Argerniserregung hervorbringt, viel schwerer ins Gewicht. Ander-
seits war allerdings damals wie lieute noch vielfach die Vorstellung gang
und giibe, daB fast alle, die mit Personen des gleichen Geschlechtes
Liebesverhaltnisse unterhalten, solche analen Akte vornehmen. Diese
Meinung wurde von den Urninjgen selbst durch ein UbermaB von Furcht
und Scham genahrt, teilweise auch durch ihre Unwissenheit, indem sie,
die Form der Betiitigung iiberschatzend, „die Paderasten" fiir eine
ganz anders ^eartete Mcnschenklasse hielten, als sie selbst waren.
Immerhin lassen sich aus dem XVIII. Jahrhundert schon
eine ganze Anzahl Stimmen anfuhren, die sich liber die gleich-
geschlechtliche Liebe recht einsichtsvoll auBern, so Heinse®),
der 1787 in seiner Vorrede zu den Begebenheiten des Enkolp
meint, „es miisse wohl die Natur sein, welche den griechischen
2) V. G r o 1 m a n n , Grundsatze der Kriminalrechtswissenschaft,
§ 398
3) Tittmann, Handbuch der Strafrechtswissenschaft. 2. A.
Bd. II. S. 664.
*) Art. 282 St. G. B. fiir Neuenburg.
^) Art. 401 fiir Freiburg.
6) Theorie du Code p6nal, Tome VI, p. 110.
7) C e 1 1 a , Uber Verbrechen und Strafe, 38 und 39.
f) Zit. nach Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 69.
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und romischen Uraniern die Neigung zu Mannern eingepflanzt
habe. Der Mensch sei anmaUend, wolle er seine Mutter (dio
Natur) meistern und dieses Einpflanzen tadeln."
Mit geringerem Rechte werden in dieser Zusammenstellung M e i -
n e r 8 und R a m d o h r genannt. Der Gottinger Philosophieprofessor
Christoph M e i n e r s hatte 1775 unter dem Titel : „Betrachtungen iiber
die Mannerliebe der Griechen" eine aufsehenerregende Arbeit ercheinen
lassen, in der er „die Wurzeln der schwarmerischen Liebe fiir die
Schonheiten des mannlichen Geschlechts in den Heldenfreundschaften
der friiheren Zeiten sah, die durch die Ausbildung der gymnastischen
tJbungien und die Bildwerke der plastischen Kunst veredelt und durch
die Lehren der sokratisch-platonischen Schule geistig verfeinert
seien." Er meinte dann aber: „Diese Seelenliebe, die aus der edelsten
Freundschaft entsprang;, und von den ehrwiirdigsten Gesetzgebern und
Weisen in ihrer Reinneit gebilligt worden war, fing sehr friih an,
unter den Griechen in unnatiirliche Lust auszuarten. Wenn
auch Orpheus nicht, wie O v i d i u s Met. X, 83 erzahlt, der Urheber
ihres fiirchterlichen Mifibrauches war, so ist doch gewiB, dafi zu
Anakreons Zeiten unnatiirliche Knabenliebe keine Sunde der Fin-
sternis mehr war, die man als etwas Schandliches hatte verstecken
miissen. Die Kretenser, die Einwohner von Elis und die Thebaner
versaiiken am meisten in dieses Laster, fiir das man kaum ehrbare
und nicht beleidigende Ausdrucke finden kann." In ahnlicher
Weise beurteilt Freiherr Friedrich Wilhelm Basilius von Ram-
d o h r 1798 in seiner beriihmten „ V e n u s U r a n i a*' s) die
gleichgeschlechtliche Liebe, indem er in bezug auf sie schreibt:
„Bei uns wird der Abscheu gegen die Regungen solcher Liiste,
die Religion, Vernunft, und Anstand auf gleiche Weise ver-
dammen, der Jugend so friih eingefloBt, daU unsere ohnehin
weuiger reizbare Natur gegen Anfalle einer solchen ebenso ekelhaften
als verbotenen Sinnlichkeit, der Regel nach nicht einmal anzukampfen
braucht. Wir sind daher berechtigt, die Beispiele, die man von
«olchen Verhaltnissen zwischen uns antrifft, fiir Ausschweifungen
unseres physischen, durch seine Verbindung mit dem moralischen be-
sonders modifizierten Wesens zu betrachten und sie zu den Ver-
irrungeu unserer einmal so gebildeten Natur oder zu Freveln zu ziihlen,
wclche dio Verdorbenheit der Sitten nach sich zieht." Ramdohrs
Stellung ist um so merkwiirdiger, als er an anderen Stellen seines
Werkes ausdriicklich klarlegt, daB der Geschlechtsinstinkt,
welcher zwischen Personen entsteht, ,,die auBeren Kennzeichen nach
zu eineriei Geschlecht gehoren**, bereits bei den Tieren vorkommt und
unter den roheren Volkern, besonders bei den siidlichen, noch heutzu-
tage so allgemein sei, daB man gar nicht daran zweifeln kann, daB nur
Griinde, die auBer den Gesetzen der Physik liegen, gewisse Menschen
von dem Andringen ahnlicher Begierden voUig befreien."
Den ebengenannten beiden Autoren an Verstandnis und
Toleranz weit uberlegen waren die zu ihrer Zeit lebenden
groBen deutschen Klassiker, die fast ausnahmslos das gleichge-
schlechtliche Problem in einer Weise bertihren, die um so groflere
Bewunderung verdient, je mehr sie mit der herrschenden Zeit-
anschauung kontrastierte. Namentlich Goethe ist in Dich*-
tungen, Prosaschriften und Briefen wiederholt auf den Gegen-
stand zu sprechen gekommen ; da er wuOte, daU mehrere be-
9) Leipzig, 1798, 3 Teile.
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tiitmte Persfinlichkeiten, filr die er sich lebhaft interessierte,
wie J. J. Winckelmann, B. Cellini und Joh. von
M tiller gleichgeschlechtliche Neigungen hatten, suchte er in
ihrer Eigenart Erklarungen dafiir.
Nur einige Stellen^**) seien erwahnt: Schon am 29. Bezember 1787
schreibt er aus Rom an den Herzog von Weimar, daB er starker
als anderswo dort „ein sonderbar Phanomen" beobachtet habe, es ist
„die Liebe der Manner untereinander". Vorausgesetzt, daB sie selten
bis zum hochsten Grade der Sinnlichkeit getrieben wird, sondern
in den mittleren Regionen der Neigung und Leidenschaftlichkeit
verweilt, so kann ich sagen, daB ich die schonsten Erscheinungen
davon, welche wir nur aus griechischen Uberlieferungen haben (s. Her-
ders Ideen, III. Band p. 171) hier mit eigenen Augen sehen und als
ein aufmerksamer Naturforscher das Psychische und Moi*alische davon
beobacliten konnte. Es ist eine Materie, von der sich kaum reden,
geschweige denn schreiben JaBt, sie sei also zu kiinftigen Untorhal-
tungen aufgespart i^)."
Vor allem aber hat sich Goethe mit dem Problem der gleich-
geschlechtlichen Liebe in der 1805 erschienenen Schrift : „Winckel-
mann und sein Jahrhundert" 'beschaftigt. Hier heiJit es:
„Waren die Alten, so wie wir von ihnen riihmen, wahrhaft ganze
Menschen, so muBten sie, indem sie sich selbst imd die Welt behag-
licli empfanden, die Verbindung menschlicher Wesen in ihrem ganzen
Umfange kennen lernen. Sie durften jenes Entziickens nicht erman-
geln, das aus der Verbindung ahnlicher Naturen hervorspringt. Auch
hier zeigt sich ein merkwiirdiger Unterschied alter und neuer Zeit.
Das Verhaltnis zu den Frauen, das bei uns so zart und geistig geworden,
erhob sich kaum iiber die Grenzen der gemeinsten Sediirfnisse. Das
Verhaltnis der Eltern zu den Kindern scheint einigermaBen zarter
gewesen zu sein. Statt aller Empfindungen aber gaJt ihnen dieFreund-
schaf t unter Personen mannlic.hen Geschlechts, ob-
gleich auch Chloris und Thyia noch im Hades als* Freundinnen unzer-
trennlich sind. Die leidenschaftliche Erfiillung liebevoller Pflichten,
die Wonne der Unzertrennlichkeit, die Hingebung eines fiir den andern,
die ausgesprochene Bestimmung fur das ganze Leben, die notwendige
Begleitung in den Tod setzen u;ns bei Verbindung zweier Jiinglinge
in Erstaunen ; ja man fiihlt sich beschamt, wenn uns
Dichter, Philosophen, Redner mit Fabeln, Ereig-
nissen, Gefiihlen, Gesinnungen solchen Inhalts
und Gehalts uberhaufen.
Zu einer Freundschaft dieser Art fiihlte Winckelmann sich
Keboren, derselben micht allcin sich Ifahig, sondern auch imhochsten
Grade bediirftig; er empfand sein eigenes Selbst nur unter der
Form der jFreundschaft ; er erkannte, «ich nur tmter dem Bilde des durch
einen dritten zu voUendenden Ganzen. Friihe schon legte er dieser Idee
einen vielleicht unwiirdigen Gegenstand unter; er widmete sich ihm,
fiir ihn zu leben und zu leiden; fiir densolben fand er selbst in seiner
Armut Mittel, reich zu sein, zu geben, aufzuopfem, ja er zweifelt nicht,
sein Dasein, sein Leben zu verpfanden. Hier ist es, wo aich
Winckelmann, selbst mitten in No t und Druck, groB,
^^') Andere Stellen aus Goethes Werken iiber Homosexualitat fin-
den sich in dem Artikel „Notizen aus Goethes Werken iiber Homo-
sexualitat** von Dr. med. Birnbaum- Berlin in Zeitschrift fiir
Sexualwissenschaft. 1908. p. 179 ff.
") Goethes Briefe, 8. Bd. p. 314. Weimar 1890.
Hirschfeld, Homoscxualiiat. gQ
9i6
r.eich, freigebig \ind gliicklich fiihlt, well ei" dem
etwas leisten kann, den er iiber alles liebt, ja, dem
er sogar, als hochste Aufopfcrung, l^ndankbarkeit.
zu verzcihen hat. . . .
Und weiter fahrt Goethe fort :
jjWenn aber jenes tiefe Freundschaftsbediirfnis sich eigentlich
seinen Gegenstand erschafft und ausbildet, so wiirde dem alter-
tumlich Gesinhten dadurch nur ein einseitiges, ein sittliches
Wohl zuwachsen, die auBere Welt wiirde ihm wenig leisten, wenn nicht
ein verwandtes gleiches Bedurfnis und ein befriedigender Gegenstand
desselben gliicklich hervortrete ; wir meinen die Forderung des sinn-
lich Schonen und das sinnlich Schone selbst ; denn das letzte Produkt
del* sich immer steigernden N a t u r ist der schone Mensch. Weil
es aber selbst ihrer Allmacht unmcjglich ist — folgerte Goethe —
lange im Vollkommenen zu verweilen und dem hervorgebrachten Scho-
nen eine Dauer zu geben. Der Mensch erhebt sich zur Produktion des
Kunstwerkes, das neben seinen iibrigen Taten und Werken einen glan-
zenden Platz einnimmt Fiir diese Schonheit war Winckel"-
m a n n seiner Natur nach fahig, er ward sie in den Schriften der Alten
zuerst gewahr; aber sie kam ihm aus den Werken der bildenden Kunst
personlich entgegen, aus denen wir sie erst kennen lernen, um sie an
den Gebilden der lebendigen Natur gewahr zu werden und zu schatzen-
,,Finden nun beide Bedtirfnisse der Freund-
schaft und der Schonheit zugleich an einem
Gegcnstande Nahrung, so scheint das Gliick und
die Dankbarkeit des Menschen liber alle Grenzen
hinauszusteigen, und alles was er besitzt, mac
er so gernc als schwache Zeugnisse seiner Au-
hanglichkeit und seiner Verehrung hingeben. So
fin den wir Winckelmann oft im Verhaltnis mit
fschonon Jiinglingen, und niemals erscheint er
belebter und liebenswtirdiger als in solchen, oft
nur fliichtigcn A ugenb 1 i eke n."
Verwandte Gedankengange wie Goethe hier entwickelt J o h a n n
Gottfried Herder in seinen ,,Ideen 'zur Philosophic der Ge-
schichtc der Menschheit", III:
,, Nicht war das Weib in Griechenland der ganze Kampfpreis des
Lobens. Das Band der Freundscliaft, das die Jiinglinge unter sicli
Oder mit erfahrenen Miinnern kniipften, zog sie in eine Schule, die ihnen
eine Aspasia schwerlich gewahren konute. Daher in mehreren Staaten
die mannliche Liebe der Griechen von jener Xacheiferung, jenem Unter-
richt, jener Dauer und Aufopferung begleitet ist, deren Empfindungen
und Folgon wir im Platon beinahe wie einen Roman aus einem ferneu
Planeten lesen. Mannliche Herzen banden sich aneinander in Liebe
und Freundscliaft, oft bis auf den Tod. Der Liebhaber verfolgte deu
Geliebten mit einer Art Eifersucht, die auch den kleinsten Flecken
an ihm aufspahte, und der Geliebte scheute das Auge seines Lieb-
habers als eine lauternde Flamme der geheimstcn Regungen seiner
toele/* ;
DaC die gleiche Toleranz auch Lessing erfiillte, zeigt sich
in seinem ,.Leben des Sophokles", wo er schreibt: ,,Er war ein Dichter ;
kitiii Wiindcr, daB er gegen die Schonheit ein wenig zu empfindsam war.
Es kann leicht sein, daB es mit den verliebten Ausschweifungen, die
man ihm Schuld gibt, seine Richtigkeit hat. Allein ich mochte mit
uiacm ueiiou Skribenten nicht sa^cn, daB sein moralise her
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Charakter darunter zweifelhaft wiirde. Er nimmt hier
auf die Episode Bezug, welche Cicero in seinem Werke ,,iiber die
Pflichten/* (I, 40), Valerius Maxim us (IV, 3) und P Jut arch
in seiner Bitjgraphie des P e r i k 1 e s (c. 8) erzahlen, daB, als der
athonische Staatsmann zusammen mit dem Dichter den Feldzug gegcn
• Samos (410) leitete und dieser einmal einen schonen Jiingling un-
gewohnlich bcwunderte, Perikles seinen Kameraden mit den Worten
zurechtgewiesen habe: „Ein Feldherr, Sophokles, mufi nicht allein reine
Hande, sondern auch reine Augen haben."
Vor allem mull a'ber iii diesem Zusammenhange Schiller
genanni werden, der sogar die Absicht hatte, ein homosexuelles'
Drama ^Die Malteser'' zu schreiben. In dem uns erhaltenen
Schema dieses Dramas gibt er uns eine Charakteristik des
Helden, des Ritters Crequi, die sein vollstes objektives Ver-
standnis fur das Problem der Homosexualitat bekundet.
Sie lautet : „ Seine Leidenscliaft ist wahre Gesclijechts-
1 i e b e und macht sicL durch eine kleinliche, zartliche Sorge, durch
wiitende Eifersucht, durch sinnliche Anbetung der
G e s t a 1 1 , durch andere sinnliche Symptome kenntlich.
Auch die Geringschatzung, welche er gegen Weiber und W ei -
berliebe bei Gelegenheit der Griechin zeigt und der Vergleich,
deu er damit zum Vorteil seines Geliebten anstellt, gibt den Geist
seiner Liebe zu erkennen. Seine Eifersucht erstreckt sich
selbst auf La Valette, den er beschuldigt, daB er den St. Priest
aus Rache aufopfern wolle, well er von ihm ver-
schmaht worden sei. Wenn er sich von Ramiro erzahlen laJ3t,
wie es St. Priest ergche, und dieser leidenschaftlich von ihm spricht, so
erwacht seine Eifersucht auch gegen diesen. Er beneidet den
Elmoischen Deputierten, weil sein G e 1 i e b t e r dort ist. St. Priest
ist ein jugendlicher Rinaldo, seine Schonheit ist mit f urclitbarer
Tapferkeil gepaart, er iibertrifft alle aiideren Rittiu* an Mut, sowic an
Schonheit 12).
Aus dieser Analyse einer homosexuellen Individualitiit, die
in gleichcr Weise der positiven wie der negativen Seite der
Triebrichtung Rechnung tragt, goht Schillers weitgehendes
Verstandnis flir das Problem der Homosexualitat zur Gentige
hervor. Ob, wie mehrfach behauptet, dieses dadurch zu erklaren
ist, daB er selbst von subjektivem homosexuellen Empfinden nicht
ganz frei war, erscheint dagegen jnehr als zweifelhaft. In
seinen Werken begegnen wir zwar vielfach dem Ausdruck eines
stark erotisch gefarbten Freundschaftsgefuhls — so besonders
in deUvBriefen des Julius an Raffael, den Dialogen zwischen Don
Carlos und Posa, Wallenstein und Max Piceolomini ; auch der
Brief Schillers an Scharffenstein scheint stark erotisch gefiirbt.
Aber abgesehen davon, dafi diese enthusiastische Ausdrucks-
weise unter dem EinfluB des von Stolberg, Gleim, Jakoby
und der Friihromantik in die deutsche Lyrik des XVIII. Jahr-
12) Auszug aus dem Dramenfragment von Schiller: „Die Malteser",
Akt 2, Szene 14, Charakteristik des Malteserritters Crequi.
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hunderts hineingetragenen Freundschaftskultus^^) steht, mtissen
wir beriicksichtigen, daB Schillers ganze Natur von einem so
.uberschwenglichen Liebesgeflihl durchdrungen und beherrscht
war, dafl er seine dichterischen Schopfungen damit beseelen
muBte. Man erinnere sich nur seiner Verse:
,,Stund im All der Schopfung ich alleine,
Seelen traumt ich in die Felsensteine
Und umarmend kliBt' ich sie."
Wie Joh. Joachim Winckelmann alle Klassiker — voran
L e s s i n g und Goethe — die groflte Verehrung zollten, irotzdero
keinem verborgen geblieben war, daB er der griechischen Liebe
huldigte, so taten auch die mehr oder minder verblirgten Ge-
riichte, die iiber einige der markantesten Ftirsten der Klassiker-
periode, besonders liber Friedrich den GroBen und seinen
Bruder Heinrich kursierten, ihrem Ansehen keinen Ab-
bruch ; hochstens bewirkten sie wie bei Voltaire den Spott,
nirgends aber die Verachtung der Zeitgenossen.
Noch zu Goethes Lcbzeiten, im Jahre 1821, erschien ein
Dialog nach platonisehem Muster von Heinrich Zschbk'ke,
betitelt : ,,Der Eros oder iiber die Liebe**, in dem der Verfasser,
ein nach der Schweiz verschlagener Magdeburger, der es in seiner
neuen Heimat als Padago^e, Politiker und Poet zu groBem An-
sehen brachte, das Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe be-
liandeltc.
Ein edlei Ric liter naincns Holmar halt in dieser Schrift eine Lob-
rede auf die griechische Mannerfreundschaft, die erst in den Tagen
von „Roms greuelhafter Uppigkeit" in den Schlamm der Sinnliclikeit
hinabgesunken sei. Im weiteren Verlauf seiner Ausfiihrungen wendet
er sich mit Heftigkeit und Scharfe gegen die justinianischen iind spa-
teren Strafbestimmungen, die den natiirlichen Trieb vieler Menschen
als unnatiirlich und verbrecherisch achteten und so Veranlassung zu
zabllosen ungerechtfertigten Verfolgungen und unverdienten Seelen-
qualeu gaben. Mit ziemlicher Bestimmtheit wird hier auch B y r o n
als einer von denen genannt, die „an den Wunden ihrer zerrissenen
Scele verbluteten".
L'nter andern heiBt es: „Dai3 der Eros, die im Altertum frei und
edel auftretende von Mannern zu Mannern gehende Seelenliebe, s e i t
fast zweitausend Jahren kaura noch genannt werden
d a r 1' luid darum kaum noch genannt wird — sollte dies uns als
Zeiignis gelten, sie selbst sei gar nicht vorhanden und bekannt?
Wie vieles ist umgekehrt, das seit Jahrhunderten gekannt und genannt
ward, und doch nie vorhanden war, wie Erscheinungen der Goister
oder wie Macht der Hexen. Und doch wie tausend schuldlose Lcben
wurden diesem Wahne hingoschlachtot, laut Kirchensatzungen und
poinlichen Gesetzbiichern ! Der unzcrsturbare Naturtrieb aber, von wel-
chem wir reden, ist unvertilgbar und wirklich noch unvertilgt, wenn
gleicli aly Unnatiirlichkeit, als Ehre und Scham verletzend, geachtet
'5) Vgl. dariiber die Mitteilungen bei Iwan Bloch, Das Sexual-
leben unsercr Zoit. 7.-9. Aufl. p. 607—608.
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und verdammt. Er macht sich noch immerdar bemerkbar und er-
scheint als dunkler Zug in dea Geschichten der Menschheit. Aber der
feindliche VVahn wider ihn ist es auch, der fortwahrend Elend zeiigt.
Er ist der Unstern, der rachend iiber Leben und Regierung mancher
Fiirsten und iiber der Hiitte manches Bediirftigen funkelt." VVahrend
ein geistlicher Rat die Ausfiihrungen Holmars zunachst nur mit be-
langloseren Einwiirfen unterbrochen hat, iibernimmt im SchluBkapitel
B e d a die Fiihrung des Dialogs, um die Ansichten Holmars zu wider-
legen. Er sucht nachzuweisen, dafl die gleiche Erscheinung, wie dies
scuon Diderot bekannt war, auch beim weiblichen Gescnlecht sicb
finde, daB der Eros eigentlich nur „ein verkappter Amor" sei, nichts
anderes als eine der mannigfaltigen seltsamen Verirrungen des Gfe-
schlechtstriebes, wie wir sie ahnlicn in dem Marienkultus, der ,,Adoratio
crucis** der Kloster, im Pygmalionismus u. a. finden, und die im alten
Griechenland durch die Trennung der Geschlechter mehr als bei uns
gefordert wurde. Deshalb konne, ohne darum die Natur der Menschheit
zu verstiimmeln, das biirgerliche Gesetz oder die offentliche Meinung
sehr wohl dariiber „Verfiigungen treffen". Trotz aller Einwande und
Gegenreden gelingt es Holmar nicht, Beda von seiner Auffassung zu
iiberzeugen.
Den SuJJeren AnlaB zu diesem Dialog hatte Zschokke
ein Kriminalfall gegeben, der sich im Jahre 1817 im' Kanton
Bern zugetragen hatte, woselbst der Advokat Dr. Desgouttes
an seinem zweiundzwanzigjahrigen Schreiber Hemmeler den
bereits erwahnten Eifersuchtsmord vertibt hatte; die Anregung
empfing er von dem Putzmacher Heinrich HolJli aus Glarus,
einem hochgelehrten Sonderling, auf dessen Gemiit seines Lands-
manne.i „innere Zerriittung, sein Elend und sein schauervoUes
Ende*' den nachhaltigsten Eindruck gemacht hatte.
Dr. Desgouttes'- Schicksal bildete fiir ihn den Ausgangspunkt
sorgsamster Studien, und da er sich selbst nicht die Fahigkeit
zutraute, eine Schrift zu verfassen, die in iiberzeugender Weise
das Ergebnis seiner Forschungen wiedergab, reiste er 1819 mit
Buchern beladen nach Aarau zu dem damals beriihintesten
Publizisten seines Landes, um ihn durch mlindliche Aufklarung
und Darbietung literarischen Materials zur Abfassung und Her-
ausgabe einer Schrift iiber ,,die Idee des Eros oder die gleich-
gieschlechtliche Liebe als Natur- und Sittengesetz** zu veran;-
lassen. Die Frucht seiner Bemuhungen war das? zwei Jahre
spater erschienene ebengenannte Werk Zschokke s, das zwar
manches Wort enthalt, welches ein tieferes Verstandnis fur
die Seelenqualen der Homosexuellen und aufrichtiges Mitleid mit
ihnen verrat, am Schlusse aber doch nicht den vulgaren Zeitl-
anschauungen entgegenzutreten sich getraute.
H 6 B 1 i war dariiber bitter enttauscht. In seinem handschrift-
lichen NachlaB sagt er: „Ich erstarrte gleichsam iiber diese Schrift
TEros), in der Holmar meistens meine eigenen Worte ausspricht —
aamit die anderen ihn widerlegen konnen, verlor meinen Glauben an
Mensch und Wahrheit — und nahm mir vor, zu schweigen und zu
950
sterben^^a)*' und an anderer Stelle: ,.Meiiie Idee ist mein Kind, von den
innersten Falten des Lebens habe ich sie geboren, ohne ihr damals
Obdach und Kleidung, Heimat und Pflege zu wissen; das arme Kind
trug ich mil Vertrauen und Tranen zu ihm — aber er entlieU es zur
ungliicklichen Schar der Heimatlosen."
So machie er sich denn selbst daran, ein umfangreiches Werk
zu schaffen, das er in einem Zeitraum von siebzehn Jahren voll-
endete. Wie fast alle, die sich seit der Mittei des XVIII. Jahr-
hunderts mit der gleichg.'schlechtli* hen Liele Le?chaftigt hatten,
ging Hoflli von Griechenland aus.
Er nannte dementsprechend sein Werk, von dem der erste Band
183G in Glarus, der zweite 1838 in St. Gallen erschien^*) : „E r o s.
Die Miinnerliebe der Griechen: ihre Beziehungen zur Ge-
schichte. Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten." Diesem
ObertiteJ folgt ein sehr bemerkenswerter Untertitel : ,.Die Unzuverlassig-
keit der auBeren Kennzeichen im Geschlochtsleben des Leibes und der
Seele ; oder Forschungen iiber platonische Liebe. ihre Wiirdigung und
Entwiirdigung fiir Sitten-, Natur- und Volkerkunde" ; gewidmet ist das
Buch dem „Schutzgeiste des menschlichen Geschlechts". Wir diirfen
K a r s c h , dem begeisterten Biographen H o 6 1 i s , wohl beistim-
men, wenn er sagt: „Seit des groCen griechischen Philosophen 1^1 at o
,Gastmahr und ,rhadrus* ist Heinrich H 6131 is .Eros' das bedeu-
tendste Werk iiber Mannerliebe". Wenn er aber dann fortfahrt : j,Was
jene unsterblichen Schriften fiir das Altertum gewesen sein mogen,
eben das bedeutet H o C 1 i s Eros fiir die Xeuzeit, oder wird es ihr
noch bedeuten", sp scheint dies denn doch iiber das Ziel hiuaus-
geschossen ; denn so sehr wir die tiefschiirfende Gelehrsamkeit eines
Aulodidakten bewundern, der wiederholt von sich versichert, .,dai3
er die Regehi der Schulen seines Landes nicht gekannt, ja nicht ein-
mal eigentlich lesen und schreiben gelernt habe*', seinen erstauulichen
YleiQ und Samraeleifer, der sich in den ,.Stimmen und Zeugen" seines
Buches nicht nur auf die griechische, sondern auch auf die per-
sische und anderweitige orientilische Literatur erstreckte — so konnen
wir uns doch nicht verhehlen, daC die iiberaus schwerfallige, fast
schwiilsti^e Schreibweise des Verfassers, die worthaufende Breite und
Umstandiichkeit dessen, was er sagen will, die Lektiire seines Werkes
fast ungenieBbar macht. Das war ein Hauptgrund, daB ein Erfolg
des Buches vermutlich ganzlich ausgeblieben ware, wenn nicht
der Rat von Glarus mit Konfiskation voi^cgangen — gewohn-
lich bewirken ja solche behordliche ^FaBnahmen das Gegenteil —
und der Restbestand des Werkes beim groBen Brande von Glarus,
der im Jahre 18B1 die halbe Stadt einascherte, vernichtet worden ware.
Mehr noch als dieser mangelnde Widerhall war es die Einsicht in das
L'"nzureichende seiner Kraft, die HoBli — kleinmiitig und gedriickt,
wie er von Anfang seiner groBen Aufgabe gegeniiberstand — vollkommen
erlahmen lieB, so daB er sich in den 26 Jahren, die er nach dem
Erscheineii des IF. Bandes des Eros noch lebte — er starb 1861
80jahrig im Spital von Winterthur -- nicht mehr zur Vollendung des ge-
planteii IIF. Bandes aufraffen konnte. Wie gering er iiber seine Arbeit
dachte, zeigt ein Brief, den er einem der von ihm verschenkten Exem-
plare beifiigte ; er schreibt : „BloB um Wort zu halten, kommt der Eros
hier aucn mit. Sie werden ihn nicht lesen — wegwerfen, denn schlechter
13a) Cit. nach Jahrb. f. sex. Zw. Ikl. V, 1, p. 187.
»*) Erster Band, Glarus, 1836, bci dem Verfasser, XXXIII und
304 Seiten. — Zweiter Band, St. Gallen, 1838. XXXII und 352 Sei-
ten in Oktav.
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ist kein Buch geschriebeii ; und es ist auch zum Teil dieses Gefiihl,
diese Hberzeugung, daB ich den 3. Teil liegen lieU; je tiefer ich von
der groBen Bedeutimg der Idee ergriffen bin, um so sicherer ist auch
meine traurige Uberzeugung, dafi sie nur durch einen groBen, gebil-
deten, gelehrten Mann unserer Zeit gemaB darstellbar ist; wie einst
den Griechen durch Plato, der noch so praohtig dasteht. Der. Stoff,
wie jedes Element der ganzen Schopfung ist immerwahrend vorhan-
den, zum Heil oder zum Verderben."
So blieb Ho 6 lis Eros ein Torso — um dessen Ausgrabung
sich Karsch^^) ein hohes Verdienst erworben hat — , fcrotz
seiner UnvoUstandigkeit aber ein bewunderunecswiirdiger Ver-
«uch mit vielen lichtvoUen Stellen, von denen ich, um den
Pfadsucher selbst sprechen zu lassen, aus jedem Bande je eine
hier wiedergeben will.
Aus dem ersten Bande: „Keinem Wahne ward je so viel geopfert
als dem: Der Mensch kann seine Natur ausziehen, wie ein Kleid,
Oder es gibt eine Zuverlassigkeit der auBeren Kennzeichen im Ge-
schlechtsleben des Leibes und der Seele; was man auf diesen Tag
noch wahnt, noch traumt, noch glaubt — namlich, daB jeder, der in
einen Jiingling sich verliebe, zuerst seine Urnatur, die wir uaoh den
auBeren Kennzeichen bestimmen, ausgezogen, mit FiiBen getreten und
weggeworfen habe — — — das kann nur Unwissenheit wahnen, die
welters wahnt, es sei jedes Geschlecht nur das andere zu lieben von
der Natur angewiesen, von innen aus bestimmt und gestinmit; und
jedes Wesen anderer Art und anderer Neigung sei nur Willkiir, Selbst-
bestimmung . . . und liege in keinem Plan und Gang der Natur und
sei daher reif zu aller Verfolgung, Schmach und Entwiirdigung ....
Das Schandmal solchen Glaubens tragt unsere stolze Zeit (fiir die
Zukunft als Stempel ihrer Unwissenheit und ihres Barbarentums) noch
an ihrer Stime, sie sieht eine Blumenwiese (Plates Garten des
Merischlichen) noch immerfort fiir einen Abgrund an ... . schmiedet
noch Ketten fiir Wesen ohne irgend eine Schuld, mit denen und fiir die
Plato einst so geredet, wie ich zeigen werde und es geschrieben steht
in der heiligen Schrift der Klassiker und in der noch heiligeren der
ewigen Natur, .... Gesetze ohne Wissenschaft sind Henker ohne
Obr^keit."
Im zweiten Bande (S. 233) sagt HoBli: „Der Lasterhafteste
kann die Frauen und der Tugendhafteste die Manner lieben. Die Erde,
die Geschichte ist dieser Erweise voll; keine Liebe ist an sich Tugend
Oder Latter, so wenig als Wille und Selbstbestimmung. In diesen
wenigen und einfachen Wahrheiten liegt wahrlich ebensosehr der Er-
weis unseres Irrglaubens 9,1s unseres Irrwissens" . , . „Unsere gauze
Behandlung dieser Erscheinung beruht lediglich auf dem Ausspruch:
,Sie ist nicht Natur*. Das menschlichste una in sich klarste Volk, das
je gelebt hat, vor dem wir nichts voraus haben, als etliche mechanische
und physikalische Erf indungen und Maschinen, dieses Volk aber sagte :
,Sie ist Natur*. . . . Der Griechen Menscliensinn und Menschen-
behandlung war auf Menschennatur-Wissenscliaf t gogriindet ; unsere aber
wurzeln in Zeiten, wo das Wort und der Begriff Natur auf den Scheiter-
haufen fiihrte. Sollte es in der Tat noch nicht moglich und an der
Zeit sein, sowohl der Griechen Ja als unser Nein auf die Wage echter
15) Cf. Jahrbuch f. sex. Zw., V. Jahrgg. I. Band p. 4i9ff.: Quel-
lenmaterial zur Beurteilung wirklicher und angeblicher Uranier. Zu-
sammengestellt von F. K a r s c h , Dr. phil., Privatdozent in Berlin.
4. Heinrich HoBli (1784—1864) mit fiinf Textbildern und einer
Eupfertafel.
962
Menscben- und Naturforschung ^u legen? Im Namen der wissen-
schaftlichen Dreifaltigkeit : der Wahrheit, der Menschlichkeit uad des
Rechts, lege ich diese Frage an Gottes schonen Sonnenschein, ich
weiC zwar nicht eigentlich wem vor; nehme sie auf war ihrer wert ist,
gewiB ist sie ein Samenkorn des Bessern."
1864, im Todesjahr von HoBli, erschien Ulrichs* erste
Schrift Vindex, wie beilaufig bemerkt 1896, ein Jahr nach
U 1 r i c h s ' Tode, meine ersie Arbeit iiber den Gegenstand, Sappho
und Sokrates, ein um so seltsameres Zusammentreffen, als da-
mals weder Ulrichs HoBlis noch ich Ulrichs' Schriften
kannte, die beim Erscheinen seiner wie meiner Erstlingisarbeiteo
teils yerschollen, teils vergriffen^^) waren. Standen Ulrichs
auch dieArbeiten seines wichtigsten Vorlaufers nicht zuGebote,
so fand er doch einige andere bedeutsame Werke vor, die
bereits zu seinen Lebzeiten erschienen waren.
V i e r Autoren verdienen hier besonders genannt zu werden. Zu-
nachst der Philologe Moritz Hermann Eduard Meier (179f^
bis 1866), der 1837 in der beriihmten Enzyklopadie von E r s c h und
G r u b e r ^^) einen sehr ausfiihrlichen Artikel iiber „Paderastie" ver-
offentlicht hatte, in dem er ein groBes seither viel benutztes Quellen-
material iiber die „griechische Liebe" zusammengestellt hat. Trotzdem
Meyer wiederholt hervorhebt, daB sich bei den Griechen „die Freude
iiber die Nahe des Geliebten, iiber jede leibliche Beriihrung mit ihm,
und wieder der Schmerz der Entbehrung ganz in derselben Art, wie
wir es bei der Geschlechtsliebe kennen", auBerte, war er doch zu sehr
ein Kind seiner Zeit, um nicht am Ende hinzuzufiigen: „die Art aber,
wie sicL die Empfindung des Liebenden aussprach, hat, wenn man
bedenkt, daB ihr Gegenstand ein Mann ist, fiir uns etwas sehr Be-
fremdendes und ist geeignet, einen peinlichen, ja widerlichen
Eindruck auf uns zu machen."
Am haufigsten nimmt Ulrichs Bezug auf den Geh. und
Obermedizinalrat Joh. Ludw. Casper (1796 — 1864) welcher
der erste Mediziner war, der mit Verstandnis ftir die Homo-
sexuellen — er nannte sie noch Paderasten — eintrat. In seinen
Arbeiten^®) verteidigte er namentlich vier damals verhaltnis-
maBig sehr neue Ansichten: erstens ,,Die geschlechtliche Hin-
neigung von Mann zu Mann ist bei vielen dieser Ungliicklichen
angebor en**^^).
^^) MuBtc doch, als ich im Jahre 1898 eine Neuausgabe der zwolf
Ulrichsschen Biicher veranstaltete, fiir einzelne derselben der fiinfzig-
fache Betrag ihres urspriinglichen Preises bezahlt werden.
^') M. H. E. Meier: Paderastie. Allgemeine Realencyclopadie
der Wissenschaften und Kiinste in alphabetischer Reihenfolge, heraus-
gegeben von J. S. E r s c h und J. G. G r u b e r. Dritte Sektion, 0-Z,
von M. H. E. Meier und L. F. Kamtz. 9. Teil. Leipzig 1837.
p. 187 f.
^^) Casper, Uber Notzucht und Paderastie. In Vierteljahrs-
berichtc fiir gerichtliche Medizin. 1852. Klinische Novellen zur ge-
richtlichen Medizin, Berlin 1863. Praktisches Handbuch der gericht-
licheu Medizin, Berlin 1872.
19) Gaspers Vierteljahrsschrift, Bd. I. 1852. p. 62.
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Noch kurz vor seinem Tode schrieb Casper (in den „Klinischen
Novellen zur gerichtlichen Medizin" 1883, S. 34): „Nach alien Er-
fahrungen kann es als feststehend betrachtet werden, daB der" . .
(mannerliebende Mann) . . ,.in vielen, vielloicht in den meisten Fallen,
durch einen wunderbaren, dunflclen, und imerklarlichen eingebore-
nen Drang sich ausschlicEIich zu Mannern hingezogen fiihlt und
sich mit demselben Kkel von Weibern abwendet, wie der nicht so
ungliicklich geborene Mann von Mannern. DaB dem so ist, weiO jeder
wirkliche Fachkenner, nnd finde ich in meinen amtlichen Beobach-
tungen fortwahrend bestatigt Auchfiir die Tribadie
gilt ganz dasselbe .... Viele f iihlen sich zu dem Gegen-
stande ihrei Sehnsucht hingezogen mit einer Glut, heiBer, als die in
den verschiedenen Geschlechtern."
Die zweite These^o), die er verfocht, lautete: ,,Die Paderastie
ist gleichsam eine geistige Zwitterbildung" und die dritte^i) : „Die An-
sicliten anderer Arzte, wie H e n k e s (Gerichtliche Medizin 1829), Clo-
ses (in Ersch und Grubers Enzj^klopadie 1837), Tardieu'fi
u. a., die alle, in Handbiichern wie in enzyklopadischer^ Werken, in
seltener Hbereinstimmung dasselbe lehren", ,*,daB namlich durch dieses
abscheuliche Laster (Handbuch He n k e § 183) teils ortliche, teils
allgemeine Krankheiten entstanden, wie Entziindungen und Vereitenin-
geu am After, Quetschungen, Lahmungen des SchlieBmuskels, Mast-
darmfisteln und Vorfalle, Auswiichse, Verhartungen und als allgemeine
Folgen Abzehrung, Schwindsucht, Epilepsie, Riickenmarksdarre, Was-
sersucht sind ,A m m e n m a r c h e n*." ,,Forscht man nach", sagt Cas-
per, ,,auf welchen Tatsachen diese mit vieler Sicherheit aufgestellten
Angaben fuBen, so sieht man sich vergebens nach dergleichen Tat-
sachen um." Ubrigens gibt es auch jetzt noch Autoren wie Braun-
schweig**) und Wachenfeld 23)^ die von solchen langst als
Fabel erwiesenen korperlichen Folgeerscheinungen sprechen. Der vierte
Satz, den Casper als einer der ersten aussprach, war : Immissio
membri in anum ist keineswegs, wie man annimmt, die gewohnliche
Modalifiat der Paderastie, sondern ihre seltenste Form. Umarmungen,
Brust an Brust mit Beriihrungen der Genitalien ohne Eindringen seien
bei weitem haufiger. Dies wird von Casper schon 1852 in seiner
Vierteljahrsschrift, auf Grund ausgedehnter Erfahrung, hervorgehoben
(Bd. r, S. 76) und 1863 in seinen Klinischen Novellen (S. 34, 35) „auf
das allerbestimmteste" bestatigt. Endlich hat Casper auch durch
Mitteilung mehrerer Biographieen die wissenschaftliche
Kasuistik der Homosexual itat eroffnet. Vor allem war es damals
der Fall des Grafen C a i u s , eines hohen Aristokraten, der viel Auf-
sehen erregte und auch Casper groBes Interesse abgewann. Die aus-
fijhrlichen Tagebiicher dieses Urnings, in denen er unter Nennung von
Namen alle seine Erlebnisse aufgezeichnet hatte, waren der Polizei
in die Hande gefallen. Auch Friedrich Wilhelm IV. lieB sich
dieselben vorlegen. Die Folge davon war eine lange Kriminalunter-
suchung, in die viele langst zu ihren Familien entlassene Soldaten ver-
wickelt wurden ; das schlieBliche Ergebnis war ein ProzeB gegen den
Reichsfreiherrn von Malzan und Genossen, zu dem Casper als
Sachverstandiger hinzugezogen wurde^*).
*o) Casper, Handbuch der gerichtlichen Medizin, 4. A. 1864.
Bd. r, p. 164. I '
2^) Vierteljahrsschrift fiir gerichtliche und offentliche Medizin.
Herausgefreben von J. L. Casper. Berlin 1852. I. Band, p. 58.
") Braunschweig, Das dritte Geschlecht.
**) Wachenfeld, Homosexual itat und Strafgesetz.
W) Casper hat aus den Tagebiichern und dem ProzeB Stellen
veroffentlicht in einem Aufsatze von 1851: Caspers Vierteljahrs-
schrift Bd. I. Heft 1, 1852 p. 68—71.
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So sehr Ulrichs immer wieder die Verdienste Caspers
hervorhebt, den er mit Vorliebe ,,den Redlichen" nennt, so
heftig wendet er sich gegen seinen Pariser Zeitgenossen und
gerichtsarztlichen KoUcgen Auguste Ambroise Tardieu
(1818—1879)2*), dessen Arbeiten er als „von Gift und Geifer
triefend und von Irrtlimern wimmelnd" bezeichnet.
In der Tat entbielt das weitverbreitete, in viele Sprachon iiber-
setzte Buck des angesehenen franzosischen Gelehrten neben (iiiigen
guten Beobachtungen viele geradezu groteske Ansichten liber die Ur-
sachen una Folgen der Paderastie,, (von denen wir eine, die von Casper
wider]egte, der angeblich durch den homosexuellen Verkehr entstehen-
den Kraniheiten eben erwahnt haben. Als vierter der fiir Ulrichs
hauptsachlich in Frage kommenden Autoren muB Arthur Schopen-
li a u r genannt werden. Ulrichs nimmt auf ihn, wie auf Meier
uud Casper bereits in seiner ersten Schriftss) Bezug. Auch S c h o -
p e n h a u e r hatte iiber das Tatsachliche, vor allem iiber die iibiquitare
verbreilung der Homosexualitat yiel Bemerkenswertes beigebracht,
umsomehr lieBen allerdings seine Hypothesen, wie beispielsweise die
Vermutung, diese Neigung sei durch einen fehlerhaften Verlauf der
nervi erigentes bedingt, zu wiinschen iibrig.
Wir kommen nun zu Ulrichs selbst. Wenn wir heute
das Ulrichssche Lebenswerk durchmustern, miissen wir niit
wahrhafter Bswunderung den ungewohnlichen Fleifi und die
Vollstandigkeit anerkennen, mit der der Verfasser nicht allein
vom juristischen, sondern auch vom naturwissenschaftlich-medi-
zinischen, thcologisehen und philosophischen Standpunkte seinen
Gegenstand erfaBte.
Karl H e i n r i c h Ulrichs war am 28. August 1825 zu
Westerfeld bei Aurich geboren. Sein Vater war Baumeister, sein
GroBvater evangelischer Superintendent. Er besuchte die Gymnasien
zu Aurich, Detmold uud Celle, die Universitaten von Gottingen und
Berlin. Nachdem er schon als Gymnasiast eine ungemein vielseitige
Beanlagung an den Tag gelegt hatte und ihm in Gottingen fiir seine
Schrift: de foro reconventionis der akademische Preis zuerkannt war,
wurde er im Alter von 22 Jahren fiir seine Arbeit: de pace Westphalico
von der juristischen Fakultat zu Berlin der goldenen Medaille fiir
wiirdig befunden. Er beendete jedoch aus freien Stiicken schon als
Amtsassessor seine Beamtenlaufbahn und lebte ganz seinen gelehrten
Neigungen folgend anspruchslos und unbehelligt — in Hannover exi-
stierte damals kein § 175 — in dem kleinen Orte Burgdorf. Er ,war
ein Mann von universellcr Gelehrsamkeit, der nicht nur in seinen
Hauptfachern, der Jurisprudenz und der Theologie, sondern auch in
den Naturwissenschaften und der Philosophie vollig zu Hause war, auf
einigen Gebieten, wie der Mathemati^ Astronomie, Archaologie, Miin-
zen- und Schmetterlingskunde Hervorragendes leistete und das klas-
sische Latein in so vollendeter Weise beherrschte, daB zeitgenossische
2*a) A. A. Tardieu: Etude medico- legale sur les attentats aux
moeurs. Paris 1858.
26) „Vindex", p. 16 u. 18, ferner in den Briefen an die Ver-
wandten iiber die Unausrottbarkeit der urnischen Liebe. Weiter zitiert
Ulrichs Schopenhauer in „Inclusa*V P- 8, 10, 45 und 50; haupt-
sachlich ebda. p. 64 ff . ; ebenfalls in „ Ara spei" p. 103 und „Memnon"
pag. 60 ff.
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Kenner in ihm den ausgezeichnetsten Vertreter dieser Sprache er-
blickten. Im Jahre 1864 erscheinen kurz nacheinander die ersten
drei Schriften „Cber das Ratsel der mann-mannlichen Liebe, Vindex"
„lnclusa" und „Vindicta". Seinen Verwandten zuliebe verschwie^ er,
sehr wider seine Natur, auf den fiinf ersten Schriften seinen Namen
und nannte sich „Numa Numantius", erst 18G8 bei Herausgabe von
„Memnon", seinem Hauptwerke, warf er den Schleier der Pseudo-
nym itat von sich. Der Veroffentlichung dieser Schriften war ein harter
Kampf mit seiner Familie vorausgegangen, die von der Publizierung
seiner Ansichten aufs energischste abgeraten hatte.
Mehrere Jahre vor dem Erscheinen der Bticher hatte er in
seinem so stark entwickelten Dran^e nach Wahrheit sich seinen
Verwandten anvertraut. Die Briefe an seine Angehorigen wirken
in ihrer Offenheit, Schlichtheit, Gediegenheit und Eindringlich-
keit geradezu erschtitternd.
Im ersten Bande der „Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen"
1899 habe ich vier der wichtigsten und bedeutendsten Briefe veroffent-
licht. Sic wurden mir von U 1 r i c h s' damals noch lebender, einziger
Schwester zur Verfiigung gestellt^^). Sie stammen aus der zweiten
Halfte des Jahres 1862, und der damals 38jahrige UlrichS hat sich in
ihnen schon in der entschiedensten Weise uber seine Ansichten und
Forderungen ausgesprochen. In dem ersten dieser aus Frankfurt
a. Main geschriebenen Briefe bekennt er sich seiner Schwester gegen-
iiber of fen als reinen unvermischten „Uranier", der in der Richtung
seiner geschlechtlichen Liebe Weib sei und zu einem „dritten Ge-
schlechte**'gehore. Es folgt etwa zwei Monate spater ein z we iter
Brief als Zirkularschreiben an acht Verwandte, in dem er die Hoffnung
ausspricht, daB es bald zwischen ihm und ihnen Licht werden moge.
„Dem Uranier sei seine weibliche Natur im Mutterleibe angeboren,
Uranismus sei eine Anomalie der Natur, ein Naturspiel, wie die Existenz
von Walfisch und Delphin, Saugetieren im Fischkorper, er sei eine
Spezies des Hermaphroditismus oder noch wahrscheinlicher eine koor-
dinierte Nebenform von ihm. Die weibliche Natur der Uranier sei
keineswegs bloD geschlechtlich, sie dokumentiere sich vielmehr aucb
in einem bereits von Kindesbeinen an bestehenden mehr weiblichen
Charakter, der sich bereits in Abneigung gegen wildere Knabenspiele
und Hang zu madchenhaften Beschaftigungen auCere. So habe seine
Mutter bereits in seiner Kindheit geauBert: „Du bist nicht wie andere
Jungen.** (Hier macht einer der Verwandten die Randbemerkung auf
das Zirkularschreiben: „Einen solchen weiblichen Habitus glaube ich
an Karl allerdings stets wahrgenommen zu haben.**) Keineswegs habe
die dionaische (heterosexuelle) Maioritat das Recht, die menschliche
Gesellschaft ausschlieBlich dionaisch zu konstruieren. Dies sei
vielmehr ein emporender MiBbrauch, da auch der Uranier in der
menschlichen Gesellschaft existenzborechtigt sei, genau so wie die
hermaphroditisch veranlagten Schnaken und Austern in dem iibrigen
Tierreich. , t
Es schlieBen sich noch zwei Briefe an einen Onkel an, in
denen U 1 r i c h s die Wichtijgkeit der in Begleitung von nacht-
lichen Pollutionen auftretenden Traumbilder hervorhebt, seine An-
sicht uber feste Verbindungen der Uranier auBert, fiir die noch der
Naturzustand in Gelfung stehe, der aber keineswegs mit der Venus
vulgivaga gleichbedeutend sei, sondorn vielmehr in einer Naturehe,
w) Of. Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I (1899) p. 36 ff. : „Vier Briefe von
Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine Ver-
wandten.**
956
das heifit einem eheahnlich dauernden Liebcsbiindnis, wie wir es
im alten Griechenland vielfach finden, zum Ausdruck kommen konne.
• Schon in einer Nachschrift zum dritten Briefe hatte
Ulrichs die Veroffentlichung aufklarender Schriften ange-
klindigt; sein personliches Interesse und das seiner Schicksals-
genossen lieBen ihm eine solche Publikation als ,,aufs aller-
dringendste notwendig erscheinen.*' Trotz der Vorhaltungen und
Einwftnde seiner Verwandten gab er daher im April 1864 im
Selbstverlag unter dem Pseudonym Numa Numantius eine
kurze eozial-juristische Studie liber die mannmannliche Gre-
JBoUechtsliete mit dem Titel „Vindex" heraus. Als Vindex,
als Beschlitzer und Befreier der Uranier von den Vorurteilen
und Verfolgungen der dionischen (heterosexuellen) Majoritat!
soUte die Sdhrift an die Offentlichkeit treten.
Naoh einem tiefempfundenen, auf das lebhafteste an den In-
tellekt und das Gerechtigkeitsgefiihl seiner Leser appellierenden Vor-
wort, einer 'kurzen Ubersicht iiber die hauptsachlichsten friiheren
Autoren und einer nach neueren Forschungen allerdings viol zu niedrig
angesetzten Berechnung des Prozentsatzes der Urninge (0,002o/o statt
2o/o), verteidigt Ulrichs zuerst seine Hauptthese von dem An-
geborenseiD der manmnannlichen Liebe, um sodann den Vorwurf der
Natunvidri^keit, auf den sich die Annahme ihrer Kriminalitat stiitze,
zuriickzuweisen. Im zweiten Abschnitt gibt er den juristisohen Nach-
weis, daD gleichgeschlechtliche Liebesakte f iir den geborenen Ur-
n i n g keineswegs widernatiirlich, sondern durchaus nur seinem an-
geborenen Triebe naturgemaiJ seien, so daU der Richter gegebeneo
Falles die Pflicht habe, zuerst zu untersuchen, ob nicht dieser Straf-
ausscblieBungsgnind vorliege.
In der zweiten Schrift, den im darauffolgenden Monat
Mai des gleichen Jahres erschienenen ,,Anthropologisclien
Studien" der „Inclusa" wiederholt Ulrichs zunachst das
Vorwort der ersten, um sodann unter Anftihrung mehrerer
klassischer Sehriftsteller den Beweis zu erbringen, daiJ unter dem
griechischen pais keineswegs Knaben im Sinne geschlechts-
unreifer Kinder, sondern waffenfahige Jiinglinge zu verstehen
sind27).
In dem Hauptteil der „Inclusa" fiihrt Ulrichs den Beweis von
der Moglichkeit bzw. der entwicklungsgeschichtlichen Notwendigkeit
geistigen Zwittertums, des Uranismus, auf Grund des wissenschaft-
lich nachgewiesenen Vorkommens korperlichen Zwittertums, das
seine Ursache wiederum in der zweigeschlechtlichen Uranlage des mensch-
lichen Embryos finde. Seine in Form eines lateinischen Distichons ^s)
fiir diese Veranlagung gefundene Formel, die zugleich den Schliissel
zum Schrifttitel entlialt, paCt allerdings nur auf einen Teil der Homo-
sexuellen, wahrend von den anderen sicher die* meisten die SchluB-
*^ J Dr. P. Brandt, Der paidon eros in der griechischen Dich-
tung I. s. Jahrb. f. sex. Zw. Bd. VIII. 1906. p. 623 ff.
*®) Sunt mihi barba maris, artus, corpusque virile ;
His i n c 1 u s a quidem : sed sum maneoque puella.
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.»67
oharakteristik : ,,8ed sum maneoque puella" mit Entschiedenheit ab-
lehuen wurden. i (
Zuni ISchlusse fiihrt er aus, daB ebenso wie das heterosexuelle
Geschlechtsbediirfnis von der Kultur zum Teil zu ideeller Holie ompor-
eehoben ist, sich auch dem gleichgeschlechtlichen eine eminent ideelle
Seite eigne. Als Beweis hierfiir verspricht er eine Sammlvmg urnischer
Liebespoesien unter dem Titel „Nemus sacrum", von der er in der
Folge einige Proben aus Ibykos, Theokritos u. a. mitteilt.
Die dritte, etwas kiirzer gehaltene Schrift „V i n d i c t a", deren
Erscheinen noch in den November des Jahres 1864 fallt, teilt sich in-
haitlich und fast auch raumlich in zwei Halften. In dem ersten, dem
„Vorbericht", schildert U 1 r i c h s den Erfolg seiner bisherigen Publi-
kationen, die im Mai von der Leipziger Polizei konfisziert^^), durch
GerichtsbeschluB jedoch wieder freigegeben wurden mit der Beginin-
dung, daU „der gewahlte Stoff in durchaus ernster, wissenschaftlicher
Form behandelt sei . . . unter unverkennbar vorsichtiger Vermeidung
von VerstoBen gegen Sittlichkeit und Schamgefiihl". Im AnschluB
hieran zitiert er mehrere deutsche PreBstiminen, Zuschriften, die ihm
auch von Geistlichen, Juristen und Medizinern zugingen, von denen
die seines Freundes, des Grazer juristischen Professors Dr. T e w e s ,
und Rudolf V i r c h o w s am bemerkenswertesten sind. V i r c h o w
schreibt an Ulrichs unter dem 19. VIII. 64: „. . . Gegen Ihre Aus-
einandersetzungen von dem weiblichen Gemiit in einem mannlichen
Korper habe ich nichts einzuwenden. Dem Manne ihrer Wahl, Ihrem
Geliebten, fiihlen Sie ^ich als Weib gegeniiber. Im Gegenteil: Das
ist ein iiberaus wiclitiger Gegenstand, und Ihre Ausfiihrungen haben ihn
in der Tat nicht ohne Erfolg dargelegt."
Nach einem Zitat aus einem Aufsatz des hier von Ulrichs zum
ersten Male erwahnten Dr. Richard Freiherrn v. Krafft-Ebin g^®)
schlieBt das kurze, aber inhaltsreiche Schriftchen mit den Worten
G o e t h e s (Faust II, 5) : „Nur der verdient sich Freiheit wie das
Leben, der taglich sie erobern muB" ; einige Seiten zuvor ergeht an die
Schicksals- und Leidensgenossen die Mahnung: „Als Urninge sollen
und miissen wir auftreten. Nur dann erobern wir uns in der mensch-
licben Gesellschaft Boden unter den FiiBen, sonst niemals" Und nur
dann winkt ihnen die „Vindicta", der Freiheitsstab, mit dem der
Pra-etor im alten Rom die Sklaven, denen die Freiheit geschenkt war,
beriihrte.
Hattc „V i n d i c t a" in ihrem Hauptteil die schon im „V in-
dex" erorterte juristische Seite des Problems weiter gefiihrt, so
schlieBt sich seine vierte Schrift (1865) „F o r m a t r i x" wieder an
jjnclusa" an mit weiterem Material zu der Frage der zweigeschlecht-
lichen Uranlage des Menschen und des Angeborenseins gleichgeschlecht-
licher Neigungen, die ihre Stiitze finden in dem bereits in friihester
Jugend konstatierten Auftreten urnischeir Neigungen und der Un-
moglichkeit geschlechtlicher Selbstbestimmungs- und Umwandlungs-
fahigkeit. Den SchluB dieser bedeutsamen Ausfiihrungen bildet eine
Aufstellung „urnischer Stufen" und ihre Einreihung zwischen die Er-
scheinungen des Vollmannes und Vollweibes, wobei er jetzt auch den
viriler gearteten Uraniern im Gegensatze zu der bisher fast ausschlieB-
lichen Beriicksichtigung der Weiblinge gerecht zu werden versucht.
Mit dem Satz : „Der schaffonden Natur „natura f o r ra a t r i x"
2^) In PreuBen verfielen sie im September dieses Jahres dem
gleichen Schicksal. Cf. Formatrix p. 7.
30) Aus einem Aufsatz iiber Sinnestauschungen in „Friedreichs
Blattern fiir gerichtliche Medizin", Niirnberg 1864, p. 244: „Wo die
Fahigkeit der freien Willensbestimmung gehindert ist, durch einen
abnormen somatischen oder psychischen Pr6zeB, befindet sich das In-
dividuum in einem psychisch unfreien Zustand."
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960
(ct. Titei) gelingt es nicht, alle ihre Geschopfe regelrecht zu bilden,"
glaiibt er den Schliissel zu dem Riitsel der urnischen Liebe gefunden zu
haben.
Im AnschluC an die Ausfiilirungen der vier ersten Schriften auf
naturwissenschaftlichem und juristischeru Gebiete gibt U 1 r i c h s in
der fiinften, der gleichfalls 1865 erschlenenen ,.Ara spei", nacli
einer scharfen Satire auf die extensive und willkiirliche Interpretation
und strafrechtliche Anwendung der „Errcgung offentlichen Argernisses'*
in Hannover einige Exkurse iiber das Verhaltnis urnischer Liebe zur
Moral, Christentum und sittlicher Weltordnung. Einige poetische Bei-
trage, unter ihnen drei Lieder von Haf is, die in Daumers allzu-
freier Nachdichtung^i) angefiihrt sind, und cine eigene ein])findungs-
reiche Dichtung „Antinous*' beschlieUen die Schrift, die Ulrichs als
einen „Altar der Hoffnung" bezeichnet.
Schon in der „Vindicta** hatte Ulrichs in der Sache des ver-
urteilten Pfarrers H o f e r eine Eingabe an den deutschen Juristen-
tag angekundigt, zu dessen Mitgliedern er selber zahlte. 1865 richtete
er nun zusammen mit seinem Freunde, dem Grazer Professor der
Jurisprudenz Dr. T e w e s , einen Antrag an die genannte Korperschaft,
daB sie eine Revision des deutschen Strafrechts iiber die sogenannteu
Fleischesvergehen in die Wege leite, und zwar in der Richtung, daB
1. „angeborene Liebe zu Personen mannlichen Geschlechts nur unter
denselbeii Voraussetzungen zu strafen sei, unter welchen Liebe zu Per-
sonen weiblichen Geschlechts gestraft wird", niimlich nur bei Kompli-
kation mit Vergewaltigung, MiBbrauch unerwachsener oder bewuBtloser
Personen und Erregung offentlichen Argernisses, und dafi II. „die
bestehenden, oft durchaus unklaren Strafbestimmungen iiber die Er-
regung offentlichen Argernisses durch geschlechtliche Handlungen
durch solche zu ersetzen seien, welche Rechtssicherheit gewahren".
Dieser Antrag wurde von der zustiindigen Deputation des Juristcn-
tages „als zu einer Beratung nicht fiiglich geeignet" von der Tages-
orduung gestrichen. Ulrichs war indes nicht der Mann, sich bei
dieser Ablehnung zu beruhigen, sondern legte auf dem Juristentag
zu Miinchen am 29. August 1867 eine offizielle Rechtsverwahrung
gegen diesen Absetzungs]>eschlui3 oin mit der Motivierung, dafi die bis-
herigen gesetzlichen liestimmungen auf einem Irrtum des Gesetz-
gebers beruhten und eine nach Tausenden zahlende Menschenklasse
unverschuldeten und unverdienten Verfolgungen aussetzten, die nicht
selten zum Selbstmord der Betreffenden fiihre. Derselbe Juristentag,
der (eine Ironie des Zufalls) dem koniglichen Urning Ludwig II-
von Bayern recht bald das Gliick der Ehe wiinschte, da sie das hochste
Gliick des Mannes sei, hielt es nicht unter seiner Wiirde, diese voll-
staudig ordnungsgemaB eingebrachte Rechtsverwahrung Jiiederzu-
schreien, so daS Ulrichs eich gezwungen sah, mitten in seiner
Rede die Rednertribiine zu verlassen. Selbst dem Bemiihen des greisen
Priisidenten Geh. Rat Carl Georg von Wachter^z) gelang es
nicht, eine ordnungsgemaBe Behandlung der Sache herbeizufiihren.
Der historischen Darstellung dieses Holiepunktes seines
Kampfes ftigt Ulrichs in der ^echsten, 1868 erschienenen
Schrift ,,Gladius fur ens** noch einige Nachtrage bei.
Er hatte in der Zwischenzeit Heinrich HoBlis „Eros** kennei)
gelernt und sich zu eigcn gemacht. Er fordert nunmehr bei Straf-
31) Cf. J. Scherr, Geschichte der Weltliteratur. 10. Aufl. 1899.
Bd. I. p. 94 ff.
32) C. G. V. Wilchter. (1797—1881) hat selbst viel bemerkens-
wertes Material iiber die* Frage in seinen strafrechtlichen AVerken
gi^sammelt.
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969
verfolgungeH gegen Urninge einen nach Art der englischen ITremden-
jury zur Halfte aus Urningen zusammengesetzten Gerichtshof. So-
danii widerlegt er die Motive der PreuBischen Generalstaatsanwaltschaft.
(und dcH alteren Joh. Anselm von Feuerbac h), die sich auf
die angebliche sittliche Entartung der Urninge und ihren zerstorenden
EinfluS auf die Volkskraft stiitzen durch einen Hinweis auf das Vor-
kommen derselben Erscheinung bei den kraftigsten Naturvolkern, und
geiBelt die Verschanzung hinter die Volksansicht und das „Rechts-
bewuIJtsein im Volke" mit der Bemerkung, daU die Ketzer-, Hexen-
und Judenverfolgungen auch bis weit in die Neuzeit hinein den sub-
]ektiven Volksanschauungen entsprochen hatten. Kasuistische Mit-
teilungen iiber Selbstmorde und Erpressungen beschliefien die Schrift,
die bestimmt sein sollte, der Justitia, welcher nur das Racherschwert
(Gladius u 1 1 o r) gegen wirkliches Unrecht zusteht, das Schwert der
Raserei (Gladius furens) gegen Schuldlose * aus der Hand zu
ringen.
Die Ereignisse des Mtinchener Juristentages hatien
U 1 r i c h s gezeigt, wie weit entfernt er noch von dem erstrebten
Ziele sei. Auch hatte sich ihm in der Zwischenzeit Gelegenheit
geboten, weiteres Material zu sammeln. So bietet denn der noch
im gleichen Jahre wie Gladius furens (1868) erschienene ,,Mem-
non*\ die umfang- und inhaltreichste aller Ulrichssfchen
Schriften, eine reiche Flille neuen Stoffes und ausflihrlicher
Nachtrage.
E^ war nach den Erfahrungen auf dem Mtinchener Juristen-
tage und bei der Fortdauer der vielen und harten Be-
strafungen kein Wunder, wenn den rastlosen Kampfer bis-
weilen ein Geftihl der Resignation iiberkommt und er daher diese
Schrift mit den Worten pchlieBt: „Und in oder Wii^te tout
meine Stimme, wie Memnons Saule, der Morgenrote eni-
gegen/*
Wie die Tat des Dr. Desgouttes seinerzeit den biederen
Glarner Heinrich HoIJli in die Schranken gerufen hatte,
so sah sich U 1 r i c h s gegen das Ende der sechziger Jahre
durch einen sensationellen Berliner MordprozeC veranlaBt,
wiederum die Feder zu ergreifen.
In diesem ProzeB, der damals das groBte Aufsehen erregte, handelte
es sich um die Verstiimmelung und die versuchte und vollendete Totung
zweier Knaben, die begangen zu haben man den 48 jahrigen Leutnant a. D.
K. E. von Z a s t r o vv , den Sprossen eines angesehenen Geschlechtes
und Solm und Neffen zweier preuBischer Generate, beschuldigte. Schon
friiher hatte U 1 r i c h s , wenn auch nur voriibergehend, hcrv^orgehoben,
daB MiBbrauch von Kindern und Sadismus durchaus keine besonderen
Eigenschaften der Urninge, sondern krankhaf te Erscheinungen f ii r
sich seien, die ebenso bei Dioningen (Heterosexuellen) vorkamen.
Durch einige PreBstimmen und die offentliche Meinung iiber den Fall
Z a s t r o w , die geneigt war, Zastrows Namen als Gattungsnamen
zu okkupieren, sah er sich nun gezwungen, dies Spezialgebiet noch
einmai griindlich zu durchleuchten.
So lieB er denn bereits im Mai 1869 den ,,Incubus" erscheinen,
der eine auf ein zahkeichos kasuistisches Material aus iilterer und
neuerer Zeit aufgebaute Darstellung jener sexucllen ,,Bhitgier" (da-
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ao.
d
961
gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen ausgespro-
chen nat.
Im Jahre 1869 soUte ftir das gesamte norddeutsche Bundes-
gebiet ein gemeinsames Strafrecht erlasaen werden, und die
preuBische offiziose Presse hatte zugesagt, daB „b6i der Schaf-
fung des norddeutschen Entwurfes diejenigen Harten ausgemerzt
werden soUten, die man dem preuBischen Strafkodex vorge-
worfen hatte." Trotzdem und obwohl sich viele gewichtige
Stimmen fiir die Streichung des § 143 des preuBischen Straf-
gesetzbuehes erklart hatten, vor al!em der damalige preuBische,
frliher hannoversche Justizminister Leonhardt^^)^ sowie die
gesamtc Kgl. preuBische wissenschaftliche Deputation fiir das
Medizinalwesen, das hochste arztliche Kollegium des preuBischen
Staates, dem auch die Geheimrate von Langenbeck und
Bardeleben, beide zugleich Generalarzte der preuBischen
Armee, angehorten, ging doch auf Betreiben des erzreaktionaren
Ministers der geistlichen, Unterriehts- und Medizinalange-
legenheiten Heinrich von Mtihler, hinter dem sich seine
fromme Gattin Adelheid (geborene von GoBler) verbarg,
der § 143 mit der Motivierung ^vom jjRechts'bewuBtsein im
Volke** als § 152 in das Strafgesetzbtich des Norddieutedien
Bundes uber. Das Gutachten der Koniglichen wissenschaftlichen
Deputation fiir das MedizinaJwesen, abgegeben Berlin, den
24. Marz 1869, lautete wortlich:
„Wir sind aufge'fordert, uns gutachtlich dariiber zu iiuBern, wie
die medizinische Wissenschaft jene Unzuchtsfalle beurteiit.
Was zunachst die Unzuclit von Menschen mit Tieren betrifft,
so soil die dagegen. gerichtete Strafbestimmung wesentlich auf der
friiheren Annahme beruhen, daB eiae solche Vermischung fruchtbar
sei und Bastardarten zwischen Mensch und Tier erzeugen konne. Diese
Ansicht ist in friiherer Zeit entstanden durch eine ganz unrichtige
Beurteilung der sog. MiBgeburten, d. h. miBgebildeter menschlicher
Leibesfriicnte, bei denen man nicht ohne erhebliche Mitwirkung der
Phantasic in einem oder dem anderen abnorm geformten Korperteile
einc Ahnlichkeit mit entsprechemden Korperteilen irgend eines Tieres
zu erkennen glaubte. Dies fiihrte zu der Vorstellung, daB eine solche
Leibesfrucht halb menschliche, halb tierische Bildung habe und zu dem
SchluB, daB sie das Produkt einer geschlechtlichen Vermischung eines
Menschen mit einem Tiere sei. Seitlier hat die Wissenschaft langst
gezeigt, wie durch krankhafte Entwickelung oder das Zuruckbleiben
gewisser Korperteile in ihrer Ausbildung die sogenannten MiBgeburteD
zustande kommen. Andernteils hat sie die Unmoglichkeit einer frucht-
baren Vermischung von Menschen und Tieren auBer Zweifel gestellt.
Wenn hiernach der wesentliche Grund der betreffenden Strafoestim-
^ 3S) § 143 (leg preuBischen Strafigesetzbuches vom 14. April 18ol
1^/^ und seine Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurfe eines Strafge-
1'^^ setzbuches fiir den Norddeutschen Bund. Offene,. fachwissenschaftlicne
•^ Zuschrif t an Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt, konigl. pre^-
^^ iiischen Staats- und Justizminister.
Hirschfeld, Homosexualiifit. 51
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962
mung hinfallig wird, so sind auch andere Griinde fiir die Beibehaltung
derselben vom medizinischen Standpunkte aus nicht beizubringen.
Die Falle von Unzucht mit Tieren sind uberhaupt nur selten iind
betreffen meistens auf sehr niedriger Bildungsstufe stehende Bauern-
burschen, Hiitejungen usw., welche viel mit dem Vieh lebend, durch
Einsamkeit und Langeweile zu dieser unnatiirlichen Art der Befrie-
digung des Geschlechtstriebes gefiihrt werden. DaB ihnen aus der-
selben ein Nachteil fiir ihre Gesundheit erwachse, laBt sich nicht
behaupten. Es konnte dies nur durch die Haufigkeit der Ausubung
jenes Aktes geschehen, und wiirde dann derselbe in ahnlicher Weise
wie die O n a n i e wirken. Letztere mui3 als ein ungleich gefahrlicheres
Laster bezeichnet werden, und ist bei der Verbreitung, die sie bisher
.erlangt hat, ihr gegenuber die Unzucht mit Tieren als kaum der Be-
achtung wert anzusehen. Wichtiger ist jedenfalls die Unzucht unter
Personen mannlichen Geschlechtes, und kommt bei diesem Verbrechen
namentlich auch in Betracht, daD dieselbe in inniger Beziehung zu den
im § 144 (Personen unter 14 Jahren) des PreuBischen St-G.-B. vor-
gesehenen Handlungen steht.
Das Motiv fiir die im Preuflischen St.-G.-B. erlassene Straf-
androhung wegen Unzucht zwischen Personen m§,nnlichen Geschlechts
besteht darin, daD dieselbe „eine so groBe Entartung und Herabwiir-
digung des Menschen bekunde, und so gefahrlich fiir die Sittlichkeit
sei, daB sie nicht unbestraft bleiben konne". Dagegen enthalt der
Entwurf zu dem Osterreichischen St.-G.-B. keine Strafandrohung fiir
die in Rede stehenden Handlungen und fiihrt in seinen Motiven aus,
daB diese spezielle Art der Unlzucht sich von anderen, bisher niigends
mit Strafe bedrohten nicht unterscheide, moge man dieselben nach
ihrer Beschaffenheit als unziichtige, oder als gesundheitsschadigende
Handluncen auffassen. Hiergegen TaBt sich in Beziehung auf den letz-
ten Punkt von seiten der medizinischen Wissenschart nichts ein-
wenden, und namentlich wenn das Konigliche Ober- Tribunal in ver-
schiedenen Entscheidungen die von Mannern gegenseitig aneinander
geiibte, Manustupration als Unzucht zwischen Personen mannlichen
Geschlechts nicht gelten laBt, miissen wir der Auffassung des Oster-
reichischen Entwurfes vollig beistimmen. In gesundheitlicher Bezie-
hung wiirde gerade auf jene Onanie allfein Gewicht gelegt werden kon-
nen, wahrend eine zwischen mannlichen Personen ausgefiihrte Nach-
ahmung des Koitus, abgesehen von etwa zustandekommenden ort-
lichen Verletzungen, im wesentlichen, ebenso wie der gewohnliche
Koitus, nur durch den ExzeB nachteilig werden kann.
Ein Urteil dariiber, ob in der zwischen Personen mannlichen Ge-
schlechts veriibten Unzucht eine besondere Herabwiirdigung des Men-
schen und eine besondere Unsittlichkeit gegeniiber anderen Arten der
TJnzucht liegt, wie sie in widerwartigster Weise zwischen Mannern
und Weibern, oder gegenseitig unter Weibern bekanntermaBen zur
Ausfiihrung kommen, diirfte kaum zur Kompetenz der medizinischen
Sachverstandigen gehoren. Hiernach sind wir nicht in der
li age, irgend welche Griinde dafiir beizubringen, daB,
wall rend andere Arten der Unzucht vom Strafgesetze
unberiicksichtigt gelassen werden, gerade die Un-
zucht mit Tieren oder zwischen Personen mannlichen
Geschlechtes mit Strafe bedroht werden sollte. Wir
geben schlieBlich anheim, zu erwagen, ob die eventuelle Aufhebung
des § 143 vielleicht von EinfluB auf die Fassunc des § 146 (gewerbs-
maDige Unzucht) des PreuBischen St.-G.-B. werden konnte."
Unterzeichnet war dieses Gutachten von: 1. Lehnert, Dr. O.,
zweiter Arzt des Elisabethkrankenhauses, Koniggratzer Str. 126 II.
2. J ii n g k e n. 3, v. H o r n , Dr. W., Geh. Obermedizinalrat, Unterbaum-
straBe 7* 4. B. v. Langenbek, Dr., Geh. Ob.-Med.-Rat, Professor
der Universitat usw., SommerstraBe 4. 5. Housselle, Dr. C, Geh
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Ober-Med.-Rat, vortragender Rat im Kultus-Minist., KrausenstraBe 39.
6. Martin, E., Geh. Med.-Rat und Professor, Dorotheenstr. 6. 7. Dr.
Kadolf Virchow, Professor, Schellingstr. 10. 8. A. W. Hof-
m a n D , Professor der Chemie, Mitglied der Akademie, Dorotheenstr. 10.
9. Bardeleben, Dr., Geh. Med.-Ilat, ord. Professor der Universi-
tat, Dir. der chiruiKischen Klinik in der Charite, Schiffbauerdamm 18.
10. S k r z e z k a , C, prakt. Arzt, Professor, gerichtlicher Physikus,
Linkstrafie 14.
Als Justizminister Leonhardt dem Kultusminister Mlihler
dieees Gutachten iibersandte, antwortete der letztere (12. April
1869):
,lch halte die in den Motiven zu § 143 des St.-G.-B.
vom 14. April 1851 gegebene Rechtfertigung der Straf-
bestimmung auch g e geniiber dem Gutachten der
wissenschaftlichen Deputation fiir wo h 1 b egr ii n d e t."
Die hier herangezogenen Motive lauteten: „§ 152 halt die auf
Sodomie und Paderastie im PreuiJischen Strafgesetzbuch (§ 143) ge-
setzte Strafe aufrecht. Denn wenn auch der Wegfall der Strafbe-
stimmung vom Standpunkte der Medizin, wie durch manche. Theories
des Strafrechts entnommene Griinde gerechtfertigt werden kann, das
RechtsbewuiJtsein im Volke beurteilt diese Handlungen nicht
nur als Laster, sondern als Verbrechen, und der Gesetzgeoer wird
billig Bedenken tragen miissen, dieser Rechtsanschauung ent^egen
Hand]ungen fiir straffrei zu erklaren, die in der offentlichen Meinung
gliicklicherweise als strafwurdig gelten. Die Verurteilung solcher Per-
sonen, die in dieser Weise gegen das Naturgesetz gesiindigt haben, dem
biirgerlichen Strafgesetze zu entziehen, una dem Moralgesetze anheim-
zugeben, wiirde unzweifelhaft als gesetzgeberischer MiBgriff getadelt
werden, und der Entwurf hat deshalb auch nicht geglaubt, dem Vor-
gange anderer Gesetzgebungen hierbei folgen zu diirfen."
Auch U 1 r i c h s hatte, wie nicht anders zu erwarten war, zu der
Frage Stellung genommen und zwar in einem kurzgedrangten im Marz
1870 an die Keichsversammlungen Norddeutschlands und Osterreichs
fericbteten „A raxes, Ruf nach Befreiung der Urningsnatur von dem
trafgesetz", der e 1 f t e n seiner Schriften, die in knapper PriLzisie-
rung alle in den friiher veroffentlichten Schriften gewonnenen Resul-
tate auf naturwissenschaftlicliem und juristischem Gebiete enthalt,
sowie die nochmalige Auffiihrung seiner hauptsachlichsten Autori-
taten, denen sich hier noch der bekannte Kulturhistoriker Otto
Henne ten Rhyn anschlieBt. — Doch auch dieser Ruf sollte
ergebnislos verhallen. Noch nicht war es der urnischen Natur be-
schieden, die Ketten und Fesseln des Gesetzes zu zerbrechen, gegen
die sie sich gleich dem in ferner Kaiikasusschlucht gegen das zwin-
gende Briickenjoch tosenden A r a x e s aufbaumt.
Im Gegenteil warden die Zeiten fiir die Homosexuellen eher
trtiber. Denn statt daB bei der durch die Ereignisse von 1870/71
herbeigeflihrten Grtindung des Deutschen Reiches und der durch
sie bedingten legislatorischen Einigung der deutschen Staaten
endlich nach dem Vorbilde des zweitgroflten deutschen Bundes-
staat-es Bayeru diese mittelalterliche Strafrechtsbestimtnung be-
seitigt ware, ging vielmehr das Strafgesetz des Norddeutschen.
Bundcs, angeblich weil dasselbe unter alien deutschen Straf-
gesetzbiichern das heaie Bei, mit seinem fiir die fortgeschritten©
wissenflchaftliche Erkenntnis schon damals unhaltbar gewordenen
61*
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964
§ 162 in das deutsche Reichsstrafgesetzbuch tiber, wo der Para-
graph als der vielgenannte § 175 nun schon wieder iiber ein
voiles Menschenalter sein unheilvoUes Dasein fristet.
Der Nachhall der patriotischen Begeistening iiber das in deu
Kriegsjahren Errungene lieB den Ruf der Minoritat nach Gerechtig-
keit verstummen. Somit wurde im Jahre 1872 sowohl fiir Bayern die
dort bald dreiviertel Jahrhundert unbeanstandet gebliebene Straffrei-
heit, wic auch fiir Wiirttemberg und Baden, wo sie gleichfalls ein
Menschenalter bestanden hatte, aufgehoben und der Paragraph, wenn
auch sein gesetzliches, im iibrigen wohl nur hochst selten in praxi
erkanntes Strafminimum auf einen Tag Gefangnis herabgesetzt wurde,
erbielt als Wahrzeichen der Nichtachtung der Wissenschaft und als
Ketzerparagraph in rebus sexualibus nunmehr fiir das Gesamtgebiet
des Deutschen Reiches Geltung. Nach KLngerer Pause ergriff der be-
reits im sechsten Lebensjahrzehnt stehende U 1 r i c h s darum noch
einmal das Wort, um in seinen „Kritischen Pfeile n", der
z w o 1 f t e n und letzten Schrif t, wiederum einer Denkschrift an die
gesetzgebenden Korperschaften in Berlin und Wien, das Wesen und
die Wirkung des Unheilsparagraphen im Lichte der Kritik zu zeigen.
Nochmals beweist er die Nichtberechtigung des Paragraphen
mangels jedes dolus criminalis seitens des Taters, seine Z w e c k -
losigkeit, da er weder eine Besserung des Taters noch eine Ver-
hiitung von Riickfallen bewirke, und seine Grausamkeit, da er
von dem geborenen Urning lebenslangliche Enthaltsamkeit verlange.
Seine elfte Schrift Araxes hatte Ulrichs am 24. Mai 1870
beendet, genau stechs Jahre nach seiner ersten, dann trat eine neun-
jahrige Pause ein, seine letzte Urningsschrift, die Kritischen Pfeile,
vollendete er zu Stuttgart am 29. Marz 1879, die vier ersten Schrif ten
hatte er in seiner hannoverschen Heimat verfaflt. Als die Ereignisse
des Jahres 1866 kamen, gab es fiir ihn nur eine Uberlegung: In
Hannover kein § 175, in PreuBen § 175. Er wurde enragierter Welfe
und PreuBenfeind, hielt ziindende Reden als Welfenagitator und spielte
einige Zeit eine politische Rolle. Er wurde von preuBisch-deutscher
Seite aufgehoben, arretiert und zu einem Jahre Festung in Minden
verurteilt. Damals ging durch die Zeitungen die Notiz, daC die Polizei
seine Papiere beschlagnahmt hatte, aber anstatt, wie gehofft, poli-
tisches Material zu finden, eine ausgedehnte urnische Korrespondenz
bis in die hochsten Kreise reichend entdeckt habe.
Um dem Urningsparagraphen aus dem Wege zu gehen, war Ul-
richs von Hannover nach Wiirzbui^ in das straff reie Bayern ge-
zogen, wo er die Schriften Ara spei bis Araxes schrieb, und siedelte
dann in das ebenfalls straffreie Wiirttemberg iiber, wo er in Stutt-
gart durch Schrlftstellerei und Ziichtung seltener Schmetterlingsraupen
sein Leben fristete.
Nach f iinfzehnjahrigem, anscheinend vergeblichem Ringen er-
lahtnten hier Ulrichs' Krafte genau wie einst die HoBlis.
In seiner ersten Schrif t^*) hatte er geschrieben : ,,Den beiden
vorigen Jahrhunderten war es gegeben, die Verfolgung von
Ketzerei und Hexerei abzuschaffen. Unserem Jahrhundert, ja
hbffentlich unserem Jahrzehnt, wird es vorbehalten sein, die
Verfolgung der mannmannlichen Liebe abzuschaffen.** Diese
Siegeszuversicht, der groBe Optimismus, mit dem Ulrichs den
Kampf aufgenomtnen hatte, wich mit den Jahren einer immer
»*) Ulrichs, Vindex. p. 37.
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starkeren Kiimmernis, je mehr er sich tiberzeugte, wie schwierig
es war, dermaUen eingewurzelte Vorurteile aus der Welt zu
schaffen. Am schmerzlichsten beriihrte es ihn, als der Aus-
schuB der osterreichischen Abgeordnetenkammer den im Regie-
rungsentwurf des Justizministers von Komer gestrichenen
Urningsparagraphen als § 273 wieder hineinkorrigierte, und als
vollends das neue deutsehe Reichsstrafgesetzbuch, trotz des gegen-
teiligen Gutachtens der koniglieh preuBischen wissenschaftlichen
Deputation flir das Medizinalwesen, die verhangnisvoUe Bestim-
mung des § 175 akzeptierte. Als er immer deutlicher sah, wie
wenig Widerhall seine Flugsehriften und Broschuren fanden,
und wie geringe Untersttitzung und Forderung ihm von seinen
Sehieksalsgenossen zuteil wurde, gab er das Rennen auf, ergriff
den Wanderstab und ging (groflt^nteils zu FuB) iiber die Alpen
nach Italien, dorthin, wo so viele deutsehe Uranier vor ihm eine
Zufluchts- und Ruhestatte gefunden hatten.
1880 traf er in Neapel ein und verweilte dort iiber zwei Jahre ;
nachdem er daselbst von einem Hautleiden befallen wurde, glaiibte er,
daC ihm die frische Hoheuluft der Abruzzen bekommlicher sein wiirde,
als die heiBe Umgebung des Vesuv und begab sich nach Aquila, wo er
dann noch iiber 12 Jahre fiir seine Landsleute und Leidensgenossen fast,
verscbollen lebte. Mit der homosexuellen Frage beschaftigte er sich
dort unten kaum noch, widmete vielmehr beinahe seine ga.nze Zeit
der Herausgabe einer kleinen lateinischen Zeitschrift: „Alaudae" („Ler-
chen"), deren klassische Gelehrsamkeit und Diktion ihm im Alter
noch manchen Freund und Gonner verschaffte. Eine Vereinigung
seiner beiden Spezialgebiete findet sich in seiner letzten Schrift:
Lateinische Gedichte in memoriam Ludovici II. regis Bavariae „Cypres-
senzweige auf Konig Ludwigs Grab*'34a).
Als ich am 18. April 1909, einen lange gehegten Wunsch aus-
fiihrend, nach Aquila kam, fiigte es ein gliicklicher Zufall, daB sein
dortiger Macen, der alte Marchese Dott. N"iccol6 Persichetti,
noch am Leben war und mir personlich alle Raume zeigen konnto, die
„il professore tedesco" durch seine Anwesenhoit geweiht. Er berichtete
mir noch viele interessante Einzelheiten aus seinen letzten Jahren, fast
jede Erzahlung, selbst von Erinnerung iibermannt, mit den Worten
endend, „oh, c'etait un homme extraordinaire, tre^s respectable, admi-
rable, mais trop modeste". Ich will die Unterhaltung mit Persichetti
wiedergeben, wie ich sie mir unmittelbar nach unserem Zusammensein
aufzeichnete. Ich hatte zuerst im Senat von Rom von ihm gehort.
Der Unterrichtsminister fragte mich : „Was ist denn das fiir ein Mann,
der bei Ihnen in Aquila eine lateinische Zeitschrift erscheinen laCf
Die Konigin Margherita liest sie und ist ganz entziickt davon."
„Das muff ein Irrtum sein**, erwiderte Persichetti, „bei uns ist
niemand, der das konnte.** Nach meiner Riickkehr, erzahlte sein
Gonner weiter, erkundigte ich mich bei den Polizeibeamten, doch
keiner wuBte davon. Endlicli sagte mir jemand: „Das wird vielleicht il
vecchio tedesco, der alte Deutsche, sein, den man immer so eiligen
Schrittes mit Biichern unter dem Arm ganz allein iiber die StraBe
laufen sieht.** Ich suchte ihn auf — Persichetti zeigte mir
^*a) „Cupressi. Carmina in memoriam Ludovici II. Regis Ba-
variae. 13. Juni 1886. Von C ar 1 o A r r i g o U 1 r i c h s. Berlin 1887.**
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das alte Eckhaus, wo er wohnte — imd fand ihn in heller Verzweif-
lung. Grade die Nacht zuvor war Feuer in seiner Wohnung |ge-
wesen, alle seine Biicher und Papiere, seine ganze Habe war verbrannt.
Ich gab ihm Unterkunf t, f uhr Persichetti fort, in einem Hause,
das ich von meinen Vorfahren ererbt hatte, da stand gerade cine Dach-
wohnung mil herrlicher Aussicht auf den Gran Sasso d'ltalia leer.
Sehen Sie — Persichetti fiihrte mich die dunklen Stiegen hinauf
— bier oben schrieb er, hier stand sein Bett, dort am Fenster sein
Arbeitstisch, von. dem er einen so weiten Ausblick hatte, hier hatte er
seine Blumen stehen, die er so sehr liebte, und dort kochte er sich
sein Essen selbst, was allerdings selten genug vorkara, denn er lebte
fast ausschlieBlich von Brot, Kiise, Eiern, Milch iind Friichten, wozu
er ausnahmsweise etwas Landwein trank. Ich will an dem Hause einc
Gedenktafel anbringen lassen, sagte der Marchese, als wir die Treppen
herabstiegen. Er kam oft zu uns. Sonntags aB ,.il professore" iramer
an unserem Familientisch. Icli hatte ihm zu diesen Mahlzeiten Wein
vom Bhein kommen lassen. Meine Kinder waren iramer um ihn herum.
Man konnte ihn fragen, was man wollte, er wuBte alles. Ich habe nie
ein solches Gedachtnis und nie solche Kenntnisse gesehen ; jede Miinze,
jedes Bi]dchen, jedes Buch *war ihm bekannt, von allem wuBte er
eine Geschichte. In Astronomic und Botanik, auf philologischem und
philosophischem Gebiete war ihm nichts fremd. Einmal kam er zu uns,
als mein Edoardo iiber einer mathematischen Aufgabe briitete, die
er nicht zu losen vermochte. Er half ihm nicht nur auf den richtigeu
Weg, sondern erzahlte gleich, wer diese Aufgabe zuerst aufgestellt
hatte, wie die Personlichkeit dieses Mannes war. Seine Bediirfnis-
losigkeit war erstaunlich. Meine Frau wollte ihm wiederholt neiie
Kleider schenken, er lehnte es aber konstant ab. Er verkehrte in
Aquila auiJer mit uns nur mit einer alten osterreichischen Dame;
sonst lebten hier keine Deutschen. Seit er hierher gekommen, hat
er den Ort und seine Umgebung — die Abruzzenberge — nie wieder
verlassen. Er streifte viel in der Gegend umher, am liebsten waren
ihm die Ka^tanienwalder, sie kamen ihm wie ein Stiick nach dem
Siiden versetzten Deutschlands vor, sagte er mir. Als er einmal lan-
gere Zeit ausgeblieben war, ging ich liin, um nach ihm zu sehen.
Da lag er nun schon vier Tage ganz allein in seiner Dachkammer in
groBten Schmerzen. Es war wohl ein Blascnleiden, denn er konnte
kein Wasser lassen. Ich lieB den Arzt holen. Der sagte, er raiisse so-
gleich in das ospedale civico. Er wollte sich aber nicht von seinen
Biichern und Blumen trennen. Am Ende brachte ich ihn aber doch
in unser Spital. Als ich ihn am andern Moi^gen in seinem hiibschen
sauberen Krankenzimmer — Persichetti zeigte es mir — be-
suchte, sagte er in seiner Bescheidenhcit strahlend: Ach, Marchese,
ich fiihle mich hier so wohl, ich kann von meinem Bett aus Ihr Land-
haus in den Bergen sehen, wo ich so oft mit Ihrer Familie gliick-
lich war und denken Sie nur meine Freude, als ich gestern abend
von den frommen Schwestern nebenan mein geliebtes Lateinisch sin-
gen horte : ora. pro nobis und pater noster und ave Maria, da wurde
mir ganz leicht. Als er am fiinflen Tage im Spital lag, brachte
Persichetti ihm ein Diplom, das ihm die Universitat Neapel
in Anerkennung seiner lateinischen Zeitschrift „Alaudae" geschickt
hatte. Er war aber schon zu krank, um es selbst lesen zu konnen.
Er lachclte nur zufrieden und starb bald darauf in den Armen P e r s i -
c h e 1 1 i 8. Dieser hat das Diplom noch jetzt in Verwahrung, er besitzt
auch samtliche lateinischen Veroffentliohungen Ulrichs', sowie seine
Urningsschriften in der Originalausgabe ; auch ein Bild aus seinen
letzten Jahren zeigte er mir, eine sehr kleine Photographic, die wir
mit der Lupe besahen, ein alter graubartiger Mann mit schwarzem
Kappchen im Kreise der Familie Persichetti. Von seinen anthro-
pologischen Studien — sagte der Marchese und meinte damit die homo-
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sexuelle Frage — aprach er hier in Aquila nur sehr selten. Sein ganzes
Interesse gait der Pflege des Lateinischen. Seine Zeitschrift hatte
begeisterte Verehrer in alien Kontinenten, auBer der Konigin von
Italien war auch Konig O s k a r von Schwedfen ihr Abonnent. Oberst
Young schrieb ihm taglich aus England einen lateinischen Brief.
Die Menschen, fiir die er gekampft hatte, bekiimmerten sich aber nicht
um ihn, schloB der alte Marchese Niccol6 Persichetti ^^), der
ihn neben seiner Familiengruft beisetzen lieB, seinen Bericht.
Als ich mich am Nachmittag dieses Tages auf dem etwa eine halbe
Stunde von Aquila malerisch in einem Abnizzental gelegenen Campo
Santo nach der Grabstatte von Carlo Arrigo Ulriohs erkun-
digte, sagte mir der alte Friedhofswarter, ich sei in den vierzehn
Jaihren nach seiner Bestattung der erste, der nach dem fremden Lands-
mann gefragt hatte.
Wir verweilten 'bei Ulriehfe etwas ausfiihrlicher, well er uns
in dreifacher Hinsicht von Bedeutung ist: als Forscher iiber den
Uranismus, als Kampfer flir ihn und nicht zuletzt als urnische
Personlichkeit.
Die auf unscheinbarem Papier, in kleiner Auflage ge-
druckten und in Kommissionsverlag erschienenen Broschtiren
von U 1 r i c h s hatten eine verhaltnismaBig nur geringe Ver-
breitung gefunden; auf fruchtbarsten Boden fielen noch die
vom Autor dedizierten Freiexemplare, und an einer Stelle war
deren Wirkung so machtvoU, daB die hier aufkeimende Saat
allein schon der Arbeit Mtihe verlohnte. Das war bei K r a f f t -
E b i n g.
U 1 r i c h 8 hatte bereits in einer seiner ersten Schriften aus
dem Jahre 1864 ein langeres Zitat aus einem Aufsatze Krafft-
K b i n g s gebracht, der in demselben Jahre in Friedreiohs Blat-
tern fiir gerichtliche Medizin (X. Niirnberg 1864 p. 244) erschienen
war. Dem VI. Kapitel dieser Schrift hatte er als Motto den folgeiiden
Satz Krafft-Ebings vorangesetzt : „Die Gerechtigkeitspf lege soil
nicht des Naturforschers Resultaten die Tiir verschlieBen, um als
bloBer "Wiirgengel zu erscheinen, sondern diesen Resultaten ent-
sprechen." Wie anderseits auf von Krafft-Ebing die ihm von
Ulrichs iibersandten Schriften wirkten, zeigt der folgende Biief,
den er ihm viele Jahre spater (29. 1. 1879) aus Graz schickte. Es heiCt
da: „Das Studium Ihrer Schriften iiber mannmannliche Liebe hat mich
in hohem MaCe interessiert. . . . Von dem Tage an, wo Sie mir — ich
glaube es war 1866 — Ihre Schriften zusandten, habe ich meine voile
Aufmerksamkeit der Erscheinung zugewendet, welche mir damals ebenso
ratselhaft war wie interessant: und die Kenntnis Ihrer Schriften
allein war es, was mich veranlaBte zum Studium in diesem hoch-
wichtigen Gebiet und zur Niederlegung meiner Erfahrungen in dem
Ihnen bekannten Aufsatz im (Berliner) ,Archiv fiir Psychiatrie*."
Beide Gelehrte waren trotz aller inneren und auBeren Ver-
schiedenheiten im Grunde kongeniale Naturen. War Ulrichs
ein hervorragend medizinisch begabter Jurist, so war Krafft-
Ebing ein hervorragend juristisch befahigter Mediziner. Viel-
I
'^) Cf. Nicolaus Persichetti: „In memoriam Caroli Henrici
Ulrichs, Ephemeridis cui titulus „Alaudae" auctoris sylloge." Ex
area Sancti Cassiani. Typis licinii capelli 1896,
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leicht trug dazu bei, daU er miitterlicherseits ein Enkel des bc-
rtihmten Strafrechtslehrers H. J. A. Mittermaier (1787 bis
1867) war, welchem die deutsche Rechtspflege wichtige Reformen
auf dem Gebiete des Gefangniswesens und audi sonst vielfachen
Fortschritt verdankt. Krafft-Ebings Stellung zu der homo-
sexuellen Frage driickte sich in dem Satze aus: ,,Das jedem
Staatsblirger zustehende Recht der freien Meinui\gsau6erung
wird zur Pflicht, wenn derselbe vermoge der Kenntnifi und
Erfahrungen, welehe ihm sein Beruf vermittelt, im Stande ist,
zur Beseitigung von Irrtlimern ibeizutragen."
Als Krafft-Ebing, der 1840 in Mannheim geboren war, sich
den sexuellen Problemen zuwandte, war er bereits einer der an-
cesehensten Psychiater seiner Zeit ; erst auf dem Lehrstuhl von StraB-
Durg, dann auf denen von Graz, Prag und Wien dozierend, reichte seine
Stimme weit iiber das deutsche Sprachgebiet hinaus. Als er am 22. De-
zember 1902 zu Graz verschied, betrug die Zahl seiner wisseaschaft-
lichen Arbeiten nahezu 400 ; kein Gebiet der Psychiatrie und Nervenheil-
kunde gibt es, wo er nicht fordernd und befruchtend eingewirkt hatte.
Seine Lehrbiicher der Psychiatrie und der forensischen Psychopatho-
logie waren Werke von immensem didaktischem Werte. Seine erste
ausfiihrliche Arbeit iiber die „Contrare Sexualempfindung" war 1877
erschienen^fi). Bald darauf publizierte er sein Hauptwerk ,,Die
Psychopathia sexualis", das seinen Namen in vierzehn, den urspriing-
lichen Umfang allmahlich auf das Doppelte steigernden Auflagen iiber
die ganze Erde trug. Auch dem gelehrten und edlen Verfasser der
,,Psychopathia sexualis" ist die Beschuldigung nicht erspart geblieben,
daB er mit seinem Buche auf die sinnlichcn Interessen groOer Leser-
kreise spekuliert habe. Er trug diesen ungerechten Vorwiirfen, unter
denen er schwer litt, Rechnung, indem er auf das Titelblatt der XI. Auf-
lage seines Werkes (1901 crschienen) die Worte setzen lieB: „Fiir
Arzte und Juristen".
In Wirklichkeit gibt es kaum ein zweites Buch in der Welt-
liieratur, das so vielen Tausenden den inneren
Seelenfrieden wie'dergegeben und durch seine Auf-
klarung so unendlichen Segen gestiftet hat, wie dieses Werk,
aus dem ebensoviel Wissen, wie Giite und Unerschrockenheit
spricht. •
Von Krafft-Ebings spateren Arbeiten sind zu nennen : a) Neue
ForschuDgeu auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis. 2. Auf-
lage. Stuttgart 1891 ; b) Der Kontrarsexuelle vor dem Strafrichter. De
sodomia ratione sexus punienda; de lege lata et de lege ferenda. Eine
Denkschrift. Leipzig und Wien. 1894 ; c) Zur Atiologie der kontraren
Sexualempfindung. Separatabdruck aus den Jahrbiichern fiir Psychia-
trie. 12. Band, 3. Heft; d) Zur Erklarung der kontraren Sexualempfin-
dung. Separatabdruck aus den Jahrbiichern fiir Psychiatrie und Ner-
venh. 13. Band, 1. Heft; sowie endlich „Neue Studien auf dem Gebiete
der Homosexualitat" im III. Bande des Jahrbuches fiir sexuelle Zwi-
36) R. V. Krafft-Ebing: tlber gewisse Anomalien des Ge-
schlecbtstriebes und die klinisch-forensische Verwertung desselben als
eines wahrscheinlich funktionellen Degenerationszeichens des zentralen
Nervensystems. Archiv fiir Psychiatrie und Nervenkrankheiten 7. Band,
1877. p. 291 ff.
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schenstufen. Fiir das wissenschaftlich-humanitare Komitee bekundete
Krafft-Ebing von Anfang an das lebhafteste Interesse. Er war
einer der ersten unterzeichner der Petition, welche die Befreiung der
Homosexuellen vom Strafjgesetz fordert. Hatte er doch schon in seiner
Schrift „Der Kontrarsexuelle vor dem Strafrichter" den Aussprucb
getan : „Es ware dies (namlich die Beibehaltung des Homosexualitats-
paragraphen) ein Ungliick, denn der Paragraph entstammt irrigen Vdr-
aussetzuugen, ist mit den Erfahrungen wissenschaftlicher Forschung
unvereinbar, hat viel Unheil angerichtet, niitzliche und unbescholtene
StaatsbiiiTger in Schande, Not und Tod gejagt, ohne dafiir einen erheb-
lichen Nutzen zu schaffen."
In seiner letzten, ein Jahr vor seinem Tode (1901) in
unseren Jahrbtichern erschienenen Arbeit faiJte er das Resultat
seiner reichen Erfahrungen in drei pragnanten Leitsatzen zu-
sammen, die lauten: „1) Kontrare Sexualempfindung ist eine
ganzlich unverschuldete, weil durch Storung des Waltens empi-
rischer Naturgesetze begriindete, Erscheinung. 2) Sie verdient
Mitleid, nicht aber Verachtung, gleieh jeder anderen Miflbil-
dung oder Funktionsstorung. 3) Ihr Vorhandensein prajudiziert
nicht die Annahme einer Getrtibtheit der seelischen Funktionen,
ist mit normaler, geistiger Funktion vertraglich.**
Noch vor Krafft-Ebing hatten sich zwei beriihmte Berliner
Psychiater teils durch Casper, teils durch U 1 r i c h s angeregt zur
homosexuellen Frage geauBert: Wilhelm Gr i e s i n ger •*^), der in
dem Vortrage, mit dem er ,1869 die psychiatrische Klinik in Berlin
eroffnete, auch auf den* Uranismus zu sprechen kam, und vor allem
Carl Westphal ^s), der zuerst die Bezeichnung kontrare Sexual-
empfindung gebrauchte, unter welchem Titel er in den Jahren 1870 und
18T6 zwei sehr beachtenswerte und auch beachtete Arbeiten iiber die
Homosexualitat des Mannes und Weibes, die er fiir einen angebore-
n e n krankhaften Zustand hielt, veroffentlichte. Die erste dieser Ab-
handlungen^^) schloB er mit den Worten: „Immerhin mogen die ge-
schilderten Zustande haufiger sein als man weiB, und es ist, schon
der forensischen Wichtigkeit der Sache wegen, Pflicht, die Aufmerk-
keit dieser Sache zuzuwenden. Kommt es einmal zur Aufhebung des
§ 143 des St.-G.-B. und tritt das Gespenst des Gefangnisses nicht mehr
vor da^ Bekenntnis der perversen Neigung, dann werden die betreffen-
den Falle gewiB in groBerer Mehrzahl zur Kognition der Arzte ge-
laiigen, in deren Gebiet 5ie gehore n."
Hauptsaehlich auf Krafft-Ebing und Westphal, von
denen der eine in Osterreich, der andere in Deutschland eine
flihrende Autoritat war, ist es zuriickzufuhren, daB von den sieb-
ziger Jahren an durch zwei Jahrzehnte von arztlicher Seite
eine umfangreiche Kasuistik — im ganzen 90 Aufsatze
*^) W. G r i e s i n g e r : Vortrag zur Eroffnung der psychiatrischen
Klinik. Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. 1. Band. Berlin
1868/9. p. 651. Vergl. auch Wilhelm Griesingers Gesamraelte
Abhandlungen. 1. Bd. Psychiatrische und nervenpathologische Ab-
handlungen. Berlin 1872. p. 210.
88) C Westphal, Die kontrare Sexualempfindung. Archiv fiir
Ps3'chiatrie und Nervenkrankheiten. 2. Band. Berlin 1870. p. 73.
8») L. C. p. 108.
970
in verschiedenen medizinischen Zeitschriften — liber die kontrare
Sexualempfindung beigebracht wurde, wobei es unentschieden
bleiben soil, ob es sich ftir die grundliche — auch anthropo-
logische — Erforschung und Auffassung der Homosexualitat als
vorteilhaft erwiesen hat, dali es zunachst fast nur Psychiater
und Nerven§.rzte waren, die sie nach dem Vorbilde ihrer groBen
Meister studierten. DaB sie in der wissenschaftlichen Erorterung
der Frage den Bann gebrochen haben, ist jedenfalls
ihr nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst.
Von den achtziger bis Mitte der neunziger Jahre schlossen
sich dieser ^asuistischen Materialsammlung und vor allem
Krafft-Ebings Psychopathia sexualis in fast alien Kulturlandern
mehr oder weniger zusammenfassende Monographien an,
die die Homosexualitat teils selbstandig teils im Zusammen-
hang mit anderen sexuellen Anomalien behandelten. Von deut-
schen Autoren sind wahrend dieser Periode besonders zu er-
wShnen: Albert Mo 11*^), Albert Freiherr von
Schre n ck- No tz i n g*^) und Albert E ulenb ur g^-) ; von
*<^) A. M o 1 1, Die kontrare Sexualempfindung. Mit Benutzung
amtlichen Materials. Berlin 1891. — Untersuchungen iiber die Libido
sexualis. I. Band, l.Teil; Berlin 1897. 2..Teil 1898. Spater: Probleme in
der Homosexualitat. Zeitschr. f. Kriminalanthropologie, Gefangnis-
wissenschaft und Prostitutionswesen. I. Bd.* Heft 2. — Sexuelle
Zwischenstufen. Die Zukunft 1902. — Wann diirfen Homosexuelle hei-
raten? Deutsche medizin. Presse. 1912. — Wie erkennen und verstan-
digen sich die Homosexuellen untereinander? Arch. f. Kriminalanthro-
Eoiogie und Kriminalistik. Bd. 9. 1902. — Sexuelle Zwischenstufen.
eitschr. f. arztliche Fortbildung. Nr. 24. 1904. — Perverse Sexual-
empfindung, psychische Impotenz und Ehe ; aus „Krankheiten und
Ehe." Miinchen 1904. Herausgegeben von Senator und Kaminer. —
Paragraph 176. Zukunft 1905. — Sexuelle Perversionen, Geisteskrajik-
heit und Zurechnungsfahigkeit. Moderne arztliche Bibliothek von Dr.
P. Karewski. Berlin 1905. — Die Suggestion von Verbrechen. Berliner
Morgenpost Nr. 83. 8. IV. 1906. — Inwieweit ist die Agitation zur Ab-
schaffung des § 175 berechtigt? Deutsche medizin. Wochenschrift
1907. — Lehren des Hardenprozesses. Zeitschr. fiir arztl. Fortbildung.
1908. — Beriihmte Homosexuelle. Wiesbaden 1910. — Die Behandlung
sexueller Perversionen mit besonderer Beriicksichtigung der Assozia-
tionstherapie. Zeitschr. f. Psychotherapie und mediz. Psvchologie.
III. Bd., Heft 1. 1911. —
*^) A. von S c h r e n c k - N o t z i n g. Die Suggestioustherapie bei
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Stuttgart 1892. —
Uber Homosexualitat. Klinische Rundschau Nr. 15, 1890 und Nr. 26,
1891. — Premier Congres de I'Hvpnotisra ; Comptes rendus publics
sous la direction du Dr. Edgar Berillon 1889. S. 319—322. — Revue de
I'Hypnotisme, 1. decembre 1891 und 1. juillet 1890. — Ein Beitrag zur
Atiologie der kontraren Sexualempfindung. Wien 1895. — Beitrage zur
forensischen Beurteilung von Sittlichkeitsvergehen. Archiv von GroB:
Bd. I. — Literatur der Psychologic und Psychopathologie der yita
sexualis. Zeitschr. f. Hypnose. Bd. VII und VIII. — Die Frage nach
der verminderten Zurechnungsfahigkeit. GroB' Archiv. Bd. VlII.
") A. Eulenburg. Sexuelle Neuropathie. Leipzig 1895. — §175.
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f ranzosischen: Che valier^^), Marc-Andre Raf-
falovich^^) und Laupts^^); von englischen; Have-
lock Ellis, J. A. Symonds*^) und Edward Car-
penter^^a); von italienischen: Penta^"^) und Lorn-
broso*^); von mssischen: T ar no wsky^^). Auch der
Die Zukunft 1898. — Zusammenhang von Gesch,lechtsleben. und Nerven-
system. Umschau 1907. — Homosexualitat. Deutsche Montagaaeitung.
Berlin, 19. Dezember 1910. —
*3) J. Chevalier, De rinversion de riiistinct sexuel au point
de vue m6dico-16gal. Arch, de TAnthropologie criminelle et des sciences
penales. Paris — Lyon 5 me tome 1890 et 6 me tome 1891. —^ tJne
maJadio de la personality ; Tinversion sexuelle. Paris — Lyon 1893,
Lamour homosexuel. Arch, d'anthropol. etc. 1910.
**) Marc-Andr6 Raffalovich, L*uranisme, inversion sexu-
elle congenitale. Observations et conseils. Paris 1895. — Annales de
Tunisexualit^. 1897. — L*amour homosexuel. Arch. d*anthropologie cri-
minelle. April 1910. — Urajiisme et unisexualite. Paris — Lyon 1896.
— Chronique de I'unisexualit^. Arch. d*anthrop. crim. 1909.
*^) L a u p t s , Perversion et pcrversit^s sexuelles. Une enqudte sur
rinversion etc. Preface par Emile Zola. Paris 1896. -^ Betrachtungen
fiber die Umkehrung des Geschlechtstriebes. Zeitschr. fiir Kriminal-
anthropologie. Bd. I, 321. 1897. — Sur la pretendue degenerescence des
peuples romanes et particulierement de la France. Archives d'anthro-
poJogie criminelle etc. 1908. — Degenerescence ou plethore? Archives
d'anthropol. criminelle etc. 1908. — Lettre au professeur Lacassage.
Archives d'anthropol. 1909. — L*homosexualite et les types homo-
sexuels. Paris 1910. —
*^) H a V e 1 c k Ellis und J. A. S y m o n d s , Das kontrare Ge-
schlechtsgefiihl ; deutsch von H. Kurella. Leipzig 1896. — Havelock
Ellis, Sexual inversion with an analysis of 33 new cases. Bulletin of
the psychological Section of the medico-legal society. Vol. VIII. 1895.
— Die Theorie der kontraren Sexualempfindung. Zentralblatt fiir Ner-
venheilkunde und Psychiatric. 1896. — Sexual inversion. The Alienist
and the Neurologist. 1896. — Ebenda: A note on the treatment of
sexual inversion. — Nota sulle facolta artistiche degli invertiti. Arch,
delle psicopatie sessliali. Vol. I. 1896. — Verbrecher und Verbrechen.
Leipzig 1894. — Mann und Weib. Leipzig 1894. — Studies in the
Esychology of sexual inversion. Philadelphia 1901. — Die Gattenwahl
eim Menschen; deutsch von H. Kurella. Wiirzburg 1905. — Die
krankhaften Geschlechtsempf indungen auf dissoziativer Grundlage :
deutsch von E. Jentsch. Wiirzburg 1907. — Geschlecht und Gesell-
schaft. Wiirzburg 1910. —
*6a) Edward Carpenter, Die homogene Liebe, Leipzig o. J. ;
spater lolaeus, an anthology of friendship ; The intermediate sex
fdeutsch Miinchen o. J.) ; Homosexuality and divination in ,,The
American Journal of religious psychology", July 1911. Im Erscheinen
begriffen : Intermediate types among primitive folk.
*^) Pascale Penta, I pervertimenti sessuali nelPuomo e Vin-
cenzo Verzeni strangulatore di donne. Studio biologico, Napoli 1839.
— Caratteria generali, originese significatio dei pervertimenti sessuali.
Archiv. delle psychop. sess. Bd. V, 1890. Roma. — Uber einen Fall
sexueller Perversion. Rivista mensile di psichiatria forense. 1898. —
*8)Cesare Lombroso, L'amore nel suicidio e nel delitto.
Conferenze torinesi. Torino 1881. — Entartung und Genie. Leipzig
1894. — Le neurosi in Dante e Michelangelo. Arch, di psych, science
penal. Firense 1894. — Neue Entdeckungen zum Wahnsinn Leopardis,
Tassos und Byrons. Deutsche Revue. 21. Jahrgang. 1896, — Der Ver-
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d&nische Autor T a n d e m^^) mit seiner ausgezeichneten Ar-
beit „Kontrar Seksualfornemmelse" ist zu nennen. —
In der Haupteache schlossen sich alle diese Autoren ziem-
lich eng an Krafft-Ebing an; einige, wie die deutschen,
betrachteten anehr das Pathologische, der therapeutischen Be-
handlun^ Zugangliche der Erscheinung, andere, wie die Eng-
lander, mehr das Anthropologisch - biologische, manche, wie
Raffalbvich, hielten ihre vollige Unterdriickung und Subli-
niieriing ftir moglich und notwendig, andere 'fiir unausfiihrbar,
einige erklarten eie fllr stets, andere fiir meist, wieder andere
nur in der Minderzahl der Falle fiir angeboren, in einem Punkte
aber waren alle einig, darin, dafi die bestehenden Strafver-
folgungen der Homosexuellen mit der fortgeschrittenen wissen-
schaftlichen Erkenntnis nicht mehr in Einklang zu bringen
seien. Hatte doch schon 1879 der Berliner gerichtliche Sachver-
standige Professor Liman erklart: ,,Die bestehenden strafge-
setzlichen Bestimmungen des § 176 kann ich nur als voriiber-
gehend ansehen. Ich halte den Zeitpunkt fiir nicht fern, wo
sie aus unseren Gesetzblichern schwinden werden/*
brecher. 1897. — Die Ursachen und die Bekampfung des Verbrechens.
Deutscb von H. Kurella und E. Jentsch. Berlin 1902. — La psichio-
logia di ima uxoricida tribadi. Arch, di psichiatria etc. 1903. — Homo-
sexualitat und Verbrechen. Umschau 1906.
*») B. T a rn o w s k y , Die krankhaften Erscheinungen des Ge-
scblechtstriebs. Eine forensisch psychiatrische Studie. Berlin 1897. —
De rinstinct sexuel, ses manifestations morbides au double point de
vue de la jurisprudence et de la psychiatric. Paris 1901. —
50) In Bibliothek for Laeger. 15. Maj. 1892. 4. Jabrgang.
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NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL.
Die organisierte Bewegung gegen die Verfolgung der Homo-
sexuellen. — Die geistigen Forderer des Befreiungskampfes.
So etwa stand die Frage, als im Frlihjahr 1897 d,as W i s s e n -
schaftlich-humanitare Komitee ins Leben trat. „Es
setzto sich*', wie es in seiner Programmschrift heiBt: ,,zur Auf-
gabe, auf Grand sichergestellter Forschungsergebnisse und der
Selbsterfahrung vieler Tausender endlich Klarheit dartiber zu
schaffen, daB es sich bei der Liebe zu Personen des gleichen Ge-
schlechts, der sogenannten Homosexualitat, um kein Laster oder
Verbrechen, sondern um eine vonNatur tief in einer Anzahl von
Menschen wurzelnde Geftihlsrichtung handelt.*' Trotz des, wie
wir sahen, bis dahin bereita ziemlich betrachtlichen Umf anges der
Literatur liber die Homosexualitat konnte bis zu dieser Zeit
von einer planmaOigen Bewegung, von einer organisierten
Arbeit, keine Rede sein. Diese setzte erst mit der Eingabe an
die gesetzgebenden Korperschaften des Deutschen Reiches ein,
welche die Beseitigung der Strafbestimmungen forderte, die die
homosexuell Empfindenden mit entehrenden Strafen bedrohte.
DaB diese Petition tatsachlich einen Wendepunkt in der Ge-
schichte der homosexuelien Befreiungs^bestrebungen bedeutete,
kommt dadurch zum Ausdruck, daB, wahrend die Gesamtzahi
aller diesen Gegenstand behandelnden wissenschaftiichen Ar-
beiten bis zum Jahre 1897 kaum hundert betrug, in dem nun
folgenden Jahrzehnt nicht weniger als tausend ver-
schiedene Abhandlungen liber die homosexuelle Frage erschienen,
darunter vom Jahre 1899 ab ein ^f^roBangelegtes periodisches
Organ, die bereits in XIII abgeschlossenen Banden vorliegenden
,,Jahrbucher ftir sexuelle Zwischenstufen**, welche die Homo-
siexualitat des Mannes und des Weibes und verwandte Natur-
erscheinungen nach alien Richtungen hin durchforschen soUten.
Bald nachdem die genannte Petition den gesetzgebenden Korper-
schaften zugegangen war, empfing der Chef des Reichsjusftilzr
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amtes, Staatssekretar Nie herding, den Verf asser der Eingabe
und dieses Werkes und sagte: ,,Bevor das Volk nicht weiB, daB
es sich hier um ethische Forderungen handelt, nicht urn eine
©exuellc Oder wissenschaftliche Marotte, kann die Regierung
nichts in dieser Sache tun. Klaren Sie die offentliche
Meinung auf, damit man weiB, worum es sich
handelt, wenn die Regierung auf diesen Para-
graph en verzichtet."
In Ubereinstimmung mit diesem Ausspruch entfaltete das
Wissenschaftlich-liumanitare Komitee eine metho-
dische Aufklarungsarbeit groBen Stils. Es wurden in zehn-
tausenden von Exemplarea Broschiireni) verbreitet, die in all-
femeiuverstandlicher Weise das Wesen der Homosexualitat er-
liirteu, es wurden ferner in verhaltnismaBig kurzer Zeit nicht
weniger als 100 000 Aufkliirungsschriften auBer an den groCten Toil
der Presse, an samtliche deutsche Justizministerien, Staatsanwalte,
Richter, Anwaltskammern, Rechtsanwalte, Arzte, Universitataprofes-
soren, an viele Geistliche und Lehrer und sehr oft auch auf Wunscb
Homosexueller an deren Verwandte und Bekannte versandt. Des wei-
teren wurdc in hunderten von Zusammenkiinften, teils regelmaCigeu
Sitzuneen, teils offentlichen Versammlungen, die homosexuelle Frage
in lebnafter Diskussion erortert. Ganz besonders verdient die offent-
liche, am 18. Oktober 1907 in den Germaniasalen zu Berlin zwischen
dem Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Fritsch und Dr. M. Hirschfeld
stattgehabte Disputation fUr und gegen den § 175 genannt zu werden,
an deren Ende Prof. Fritsch seine Resolution zugunsten derjenigen
des Komiteeleiters zuriickzog, und sich beide Gegner, unter dem minu-
tenlangen Beifall einer zweitausendkopfigen Menge, zum Zeichen der
Verstandigung die Hande reichten^).
Des weiteren wurden auf Veranlassung und Kosten des
Komitees Umfragen und grundlegende Forschungen iiber das
Wesen und die Verbreitung der Homosexualitat veranstaltet und
wiehtige biologische, historische, ethnographische, biographische
und bibliographische Untersuchungen angestellt, welche das
homosexuelle Problem wesentlich vertieften.
Man hat sich wiederholt gegen diese Verkniipfung von wissen-
schaftlicher imd aufklarender Tatigkeit gewandt, namentlich Moll
und V. Notthafft taten dies und v. B e r g m a n n , der ^chrieb,
es sei zu bedauern, daB wissenschaftliche Forschungsergebnisse solche
1) 1. ,,Was soil das Volk vom dritten Geschlecht wissen? Eine
Aufklarungsschrift iiber gleichgeschlechtlich (homosexuell) empfindende
Menschen.*' Herausgegeben vom Wissenschaftlich-humanitaren Komitee.
34. — 50. Tausend. Mit Illustrationen. Leipzig 1911. (Preis 20 Pfennige.)
2. „Gewichtige Stimmen iiber das Unrecht des § 175 unsers Reichs-
strafgesetzbuchs (§ 250 des Vorentwurfes zu einem neuen Deutschen
Reichsstrafgesetzbuch).'* Zusammengestellt und herausgegeben vom
Wissf-nschaftlich-humanitaren Komitee. Berlin NW. 40. In den Zelten 19.
Leipzig 1913. (Preis 20 Pfennige.) 3. „Tatigkeit und Zweck des Wissen-
schaftlich-humanitaren Komitees."
2) Genaue Schilderimg dieser Versammlung in den Monatsbe-
richten des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees, Nov. 1907.
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Verwertung finden. Wir vertraten demgegeniiber stets den Stand-
punkt, dafi wissenschaftliche Forschungsergebnisse
koinen Zweck haben, wenn sie nicht praktisch
verwertet werden. Sonst kommen wir zu Zustanden, die am
richtigsten der Grazer Strafrechtslehrer Prof. Vargha geiBelte, ale
er ausrief: „Da8 Weltbild, welches bei Juristen und Pontikerii und
dasieni^e, welches in den Kopfen aufgeklarter Natnrf orscher vorherrscht,
steilt sich so grundverschieden dar, als ob sie nicht Zeitgenossen, son-
dern durch eine Eluft von Jahrhunderten von einander getrennt waren."
Im Zusam'menhang mit der mehr nach auBen gerichteten
Tatigkeit des Komi tees wurde, von Vertretern der Wissenschaft
geflihrt, ein organisierter geistiger ZusammenschluU homo-
sexueller M&nner und Frauen, sowie ihnen biologisteh verwandter
Geschlechtevariet&ten in die Wege geleitet und dadurch eine Zen-
trale, eine Zufluchtsstatte von hoher ethisdier Bedeutung, wie
sie bisher ni© und nirgends in der Geschichte ihresgleichen hatte,
gesehaffen, ein Halt und eine Sttitze ftir viele gequalte Herzen.
Diese positive Tatsache, daB dasi Komitee auBerordentlich vielen
Menschen das Selbstvertrauen und die Achtung vor sich selbst,
die Zuneigung ihrer Angehorigen zuriickgegeben hat, daB es
direkt und indirekt Tausende vor Selbstmord gerettet, vor G^-
fangnis. Schande und Irrsinn bewahrt und aus Erpresserhanden
befreit hat, diese unbestrittenen Tatbestande allein waren den
Angriffen kurzsichtiger Gegner gegentiber immer wieder eine
Mahnung, nicht nachzulassen in dem miihevollen, a'ber ge-
rechten Kampfe. In diesem Sinne heiBt es in der Progranun-
^chrift: „Das Komitee ist von der fasten, unwandelbaren Ober-
zeugung getragen, daB der Kampf, den es ftihrt, eiui guter und
notwendiger ist und daB das von ihm erstrcbte Befreiungswerk
auf wahrhaft sittlicher Grundlage ruht.**
Das Komitee ist so oiganisiert, daB an seiner Spitze ein L e i -
t e r und sechs Vorstandsmitglieder stehen, die ihren VVohnsitz in
Berlin haben. Mitglied des W.-h. E. kann ohne Biicksicht
auf politische und religiose Anschauung, Beruf, Geschlecht und
Veranlagung jede Person werden, welche die Ziele des
Komitees billigt. Aus den Mitgliedern werden 70 Obmanner
gewahlt, die moglichst viele Gegenden, Stande und Anschauungen
vertreten ; nur der naturwissenschaf tlich - medizinischen und der
juristischeii Fakultat soil ein gewisses Vorrecht zugebilligt wer-
den. Gegenwartig befinden sich Obmanner und Vertrauensmanner des
Komitees aufier in Deutschland in Danemark, Schweden, Norwe^en,
England, Holland, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Osterreich-
Ungarn, Tiirkei, Nord- und Siidamerika, Siidafrika, RuBlaind, China,
Japan u. a.
Die Obmannschaft, in deren Kreise sich auch Frauen be-
finden, wird von der Generalversammlung nach Vorschlag der vor-
handenen Obmanner gewahlt und bildet ein Kollegium, das dem Leiter
in alien wichtigen Fragen und Entscheidungen beratend und beschlie-
Oend zur Seite steht.
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Nach dem Muster dieser deutschen beginnen in den letzten Jahren
sich ahnliche Organisationen in Holland, England, Osterreich und
der Schweiz zu bilden.
DaB eine Organisation wie das Wissenschaftlich'-humanitaro
Komitee alien auBeren Stlirmen zum Trotz nun bereits in das
achtzehnte Lebensjahr geht, beweist, daU das Fundament, auf
dem es gebaut ist, ein solides und stabiles ist. Die Petition,
welche den AnstoB zu der sich ausbreitenden Bewegung gab —
so wie ein sich losender Stein eine Lawine insi RoUen bringt — ,
hatte folgenden Wortlaut:
In Anbetracht, daB bereits im Jahre 1869 sowohl die osterreichi^che
wie die deutsche oberste Sanftiitsbehorde, welcher Manner wie
Langenbeck und V i r c h o w angehorten, ihr eingefordertes
Gutachten dahin abgaben, daC die Strafandrohungen des
gleichgeschlechtlichen Verkehrs aufzuheben
5 e i e n , mit der Begriindung, die in Rede stehenden Handlungen
unterschieden sich nicht von anderen, bisher nirgends mit Strafe
bedrohten Handlungen, die am eigenen Korper oder von Frauen
untereinander oder zwischen Mannern und Frauen vorgenommen
wiirden ;
In Erwagung, daC die Aufhebung ahnlicher Strafbestimmungen in
Frankreich, Italien, Holland und zahlreichen anderen Landern
durchaus k e i n e entsittlichenden oder sonst ungiinstigen F o 1 g e n
gezeitigt hat;
Im Hinblick darauf, daB die wissenschaftliche Forschung, die sicb
namentlich auf deutschem, englischem und franzosischem Spr£icli-
gebiet innerhalb der letzten zwanzig Jahre sehr eingehend mit
der Frage der Homosexualitat (sinnlichen Liebe zu Personen des-
selbeu Geschlechts) beschaftigte, ausnahmslos das bestatigt
hat, was bereits die ersten Gelehrten, welche dem Gegenstande
ihre Aufmerksamkeit zuwandten, aussprachen, daB es sich bei
dieser 6 r 1 1 i c h und zeitlich so allgemein ausgebreiteteu
Erscheinung ihrem AVesen nach um den Ausflufi einer tief inner-
lichen konstitutionellen Anlage handeln miisse ;
Unter Betonung, daB es gegenwartig als nahezu erwiescn anzusehen ist,
daB die Ursachen dieser auf den ersten Blick so ratselhaf ten
Erscheinung in Entwicklungsverhaltnissen belegen sind,
welche mit der bisexuellen (zwittrigen) Uranlage des Menschen
zusammenhangen, woraus folgt, daB Niemandem eine sittliche
Schuld an einer solchen Gefiihlsanlage beizumessen ist;
Mit Riicksicht darauf, daB diese gleichgeschlechtliche Anlage meist in
ebenso hohem, oft in noch hoherem MaBe zur Betatigung
drangt, als die normale ;
In Anbetracht, dafi nach den Angaben samtlicher Sachverstandigen der
coitus analis und oralis im kontrarscxuellen Verkehr verhaltnis-
maBig selten, jedenfalls nicht verbreiteter ist als im
normalgeschlechtlichen ;
In Erwagung, daB unter denjenigen, die von derartigen Gefiihlen erfiillt
waren, erwiesenermaBen nicht nur im klassischen Altertum,
sondern bis in unsere Zeiten Manner und Frauen von hoohster
geistiger Bedeutung gewesen sind ;
In Hinblick darauf, daB das bestehende Gesetz noch keinen Kontrar-
scxuellen von seinem Triebe befreit, wohl aber sehr viele brave,
niitzliche Menschen, die von der Natur mehr als genug be-
nachteiligt sind, ungerecht in Schande, Verzweiflung, ja
I r r s i n n und Tod gejagt hat, selbst wenn nur ein Tag Ge-
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fangnis — im Deutschen Reiche das niedrigste StrafmaB fiir diese
Handlung — festgesetzt, oder selbst wenn nur eine Vorunterauchung
eingeleitet wurde;
Unter Beriicksichtigung, daB diese Bestimmungen einem ausgedehnten
Erpressertum (der Chantage) and einer hochst verwerf lichen
mannlichen Prostitution groBten Vorschub geleistet
haben, erklaren untenstehende Manner, deren Name fiir den Ernst
nnd . die Lauterkeit ihrer Absichten biii^gen, beseelt von denj
Streben fiir Wahrheit, Gerechtigkeit nnd Mensch-
lichkeit, die jetzige Fassung des § 175 d. R.-Str.-G.-B. fiir
unvereinbar mit der fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkennt-
nis und fordem daher die Gesetzgebimg auf, diesen Paragraphen
moglichst bald dahin abzuandern, daB, wie in den oben-
genannten Landern, sexuelle Akte zwischen Personeq
desselben Geschlechts ebenso wie solche zwischen
Personen verschiedenen Geschlechts (homosexuelle
wie heterosexuelle), nur dann zu bestrafen sind,
wenn sie unter Anwendung von Gewalt, wenn sie an Per*-
sonen unter 16 Jahren, oder wenn sie in einer „6ffentliches
Argernis** erregenden Weise (d. h. verstoBend gegen den
§ 183 d. R-Str.-G.-B.)
vollzogen werden.
Diese Petition wurde von mehr als 3000 deuts<;hen Arzten
unter zeichnet, ferner von 750 Direktoren und Lqhrern
hoherer Lehranstalten, von zahlreichen hervorragenden Juristen,
unter denen die Professoren des Strafrechts und der
Staatswissenschaf ten Geh. Eat L a 'b a n d , Professor M i 1 1 e r -
meier, Franz von Liszt, F. F. Bruck- Breslau, G ti n -
t h e r - GieBen, Kleinfelder- Kiel, A 1 1 f e 1 d - Erlangen,
Or tloff- Weimar, Pier s tor ff- Jena besonders hervorgehoben
seien ; endlich von den meisten groBen Dichtern, Schrif tstellern und
Kiinstlern des zeitgenossisch'en Deutschlands, wie Ernst von
Wildenbruch, Gerhart Hauptmann, Betlev von
Liliencron, Hermann Bahr, Max Hal be, Georg
Hirschifeld, Ernst von Wolzogen, Adolf Wil-
brandt, Bruno Wille, Henry Mackay, Rich'ard
Vofl, Kainer Maria Rilke, Karl Kautsky, Otto
Erich Hartleben, Otto Julius Bierbaum, Ferdi-
nand Avenarius, Karl Weiser, Liebermann, Lei*-
stikow, Kaulbach, Stuck, Weingartner und sehr
vielen anderen.
Dabei ist zu bemerken, daB eine Reihe von Mannern, die den
ho heron Justiz- und Medizinalbehorden angehorten, ihr
vollstes Einverstandnis mit dem in der Eingabe zum Ausdruck gebrach-
te-i Standpunkt erklarten, lediglich aber aus amtlichen Riicksichten von
einer Unterzeichnung ilires Namens Abstand zu nehmcn sich veranlaBt
saben. So auBerte sich Landgerichtsprasident L. : „Sehr ergebenst zuriick
mit dem Erwidern, daB ich mich lediglich aus dem Grande nicht zur
Unterzeichnung der Petition veranlaBt sehen kann, daB ich es nicht
als Aufgabe der im aktiven Dienste stehenden richterlichen Beamten
erachten kann, in eine Bewegung zur Anderung der bestehenden Ge-
setze einzutreten. In der Sache selbst stehe ich aiif dem
Hirschfeld, HomosexualitSlt. ^2
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in der Petition zum Ausdruck gebrachten Stand-
pun kte."; und Obermedizinalrat L. achreibt: ,.Thre verehrliche Zu-
sohrift in Betreff der Abanderung von § 176 des R.-Str.-G.-B. beehre
ich mich dahin zu beantworten, daO ich nicht in der Lage bin, deij
Petition meine Unterschrift zu geben, obschon ich sowohl mit
deren Inhalt, als mit den Motiven vollkommen ein-
verstanden bin. Als aktives Mitglied einer Behorde, welche,
wenn es sich um medizinische Fragen handelt, bei den Vorbereitungen
zur Abanderung gehort zu werden pflegt, soil und darf ich mich im
voraus nicht binden, meinem eventuell also amtlich zu gebenden Votum
nichi; vorgreifen. Im gegebenen Falle werde ich, was in mir liegt,
tun, Ihr gerechtes und den Fortschritten der Wissen-
schaft vollauf entsprechendes Vorhaben an m einer
St die zu unterstiitzee n."
Spatere Auflagten der Petition enthielten noch einen Nachtrag*)
in dem sich die namentlich von juristisoher Seite fur die Ab-
Bchaffung des § 175 gel tend gemachten Griinde zusammengestellt
finden, sowie einen A n h a n g , in dem durch einen dem wissenschaft-
lich>humanitaren Komitee angehorenden katholischen Geistlichen die
von theologischer Seite gegen die Petition erhobenen Einwande
widerlegt sind.
Aus dem theologischen Anhang seien folgende Stellen
wiedergegeben :
„In der Reichstagssitzung vom 19. Januar 1898 wurde von dem
Reichstagsabgeordneten Herrn Pastor So hall gegen obige Eingabe
als einziger Einwand geltend gemacht, sie stande mit den Anscnau-
ungen aes Christentums in Widerspruch. Mehrere hervorragende
Unterfertiger hatten dagegen dieselbe ,als echt menschlich und christ-
lich* bezeichnet. Ein Geistlicher schrieb sogar : ,Wer die heilige Schrift zur
Befurwortung solcher Gesetze anzieht, der kennt sie nicht.* Wer hat da
recht? — Die richtigste Beantwortung der Frage, wie sich die Aufhebung
des § 175 mit dem christlichen Standpunkt vereinigen laBt, scheint
uns in folgenden Ausfiihrungen eines hervorra^enden Unterfertigers
der Petition zu liegen: ,Die Forderungen des Christentums sind Jdeale,
die, so unentbehrlich sie fiir imser privates und offentliches sitt-
liches Leben sind, doch zugestandenermaBen nicht alle ohne weiteres
zu staatlichen Gesetzen gemacht werden konnen. Ich erinnere z. B.
daran, wie das alte Testament die Vorkehr gegen die Befruchtung
Drandmarkt (1. Mos. 38, 4), sowie an das, was Christus iiber Be-
leidigung (Matth. 5, 22: ... . wer zu seinem Bruder sagt du Narr, der
ist des hoUischen Feuers schuldig*), iiber den Ehebruch (Matth. 5,
32), iiber den Eid (Matth. 5, 37) sagt. Demgemai3 sind auch eine Menge
von geschlechtlichen Handlungen, die das Christentum als verwerf-
lich bezeichnet. und die alljremoin als sittlich verwerflich anerkannt
sind, vor dem Gesetz nicht strafbar. Es ist inkonsequent und unhalt-
bar, wie Bischof Dr. Paul Haffner von Mainz in ein em
Briefe an dasWissenscliaftlich-humanitare Komitee
ausfiihrt, die strengen Forderungen des Christentums nur auf eine
einzelne Art von geschlechtlichen Handlungen zu beziehen, wahrend
die gleichen Verhiiltnisse unter Weibern, die tatsachlich ebenso oft
vorkcmmen und andere zilln Teil viel schlimmere Dinge, welche nicht
der AusfluB konstitutioneljer oder krankhafter Anlage sind, z. B. die
Weibcipadikation u. a., straffrei bleiben.* Zudem geht aus dem Wort-
laut der biblischen Stellen (at/'tVrfc rhv fpvmxrjv /p^Jmy ry}c ^Xeia^ ver-
lassen den natiirlichen Gebrauch des Wei bed) unwiderleglich hervor, daB
die Jiaturwissenschaftliche Erkenntnis der damaligen Zeit das Pha-
"0 Abgedruckt im Jhb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 266 ff.
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nomen der umischen Individualitat noch nicht in seiner Wesenheit
erlaJit hatie. . . . Gelehrte der katholis*chen Kirche haben sicb
schon friiher wiederholt gegen die Bestrafung angeborener Homo-
sexualitat ausgesprochen. Mogen doch die gesetzgebeuden Korper-
schaften erkennen, daB es sich in der obigen Petition nicht etwa um,
Propaganda fiir den UraJiisniua handelt, sondern ©inzig und allein
um die Beendigungen von Verfolgungen, welche die Nachwelt zweifel-
los einst in jenes tranrige Kapitel der Kulturgeschiehte einreihen wird,
in welchem die iibrigen Verfolgungen andersglaubiger und andersge-
arteter Menschen verzeichnet stehen."
Viele Petitionsunterzeichner begleiteten ihre Unterschriften
mit 5ehr bsmerkenswerten Zusatzen. Nur ganz wenige seieu
wegen Raummangels aus der groBen Anzahl als Beispiele ftir
viele angefiihrl.
Ernst von Wildenbruch, der mit Krafft-Ebing,
Franz von Liszt und August Bebel zu den vier ersten Man-
nern gehorte, welche die Eingabe, die urspriinglich in Form einer Er-
klarung abgefaBt war, unterzeichneten, schreibt u. a.: „Ich beeile
mich die ernste Aufforderung zu beantworten, die Sie an mich rich-
ten — eine ernste Aufforderung, denn ich glaube, dai3 die Unter-
zeichner des Aufrufes zur Beseitigung genannter Strafbestimmungen
sich der Gefahr aussetzen, von der Dummheit und der Boswilligkeit mit
verlaumderischen Reden verfolgt zu werden; dennoch erscheint es mir
unmoglich, den Aufruf nicht zu unterschreiben. Die Bestimmungen
des Deutschen Strafgesetzbuches liber die vorliegende Frage erschei-
nen mir innerlioh unhaltbar, weil sie sich auf den Standpunkt eines
Moralkodex stellen, was ein Strafgesetzbuch nicht soil; sie erscheinen
mir auBerlich ungerechtfertigt, weil sie die Vornahme gleicher Hand-
lungen zwischen Frauen ungestraft lassen, also mit ungleichem MaCe
messen etc."
Max Halbe, der bekannte Dramatiker, aufierte sich: „Ich freue
mich, dank Ihres Vertrauens auch meinen bescheidenen Teil zur For-
derung einer Kulturtat mithelfen zu konnen."
Der Wiirzburger Biologe Professor O. Schultze bemerkt :
„Indem ich Ihnen fiir die Zusendung der Eingabe zur Beseitigung der
betreffenden Strafbestimmung bestens danke, telle ich Ihnen gerne mit,
daB ich mit der Eingabe vollkommen einverstanden bin. Die als straf-
bar betrachteten Handlungen sind nicht nur bei Homo sapiens, sondern
auch bei zahlreichen hoheren und niederen Tieren so haufig be-
obachtet, daB man mit ihnen als mit — wenn auch unnatiirlich
erscheinenden — so doch in der tierischen Natur tief begriindeten
Tatsachen rechnen muB, deren gerichtliche Verfolgung den Natur-
trieb niemals abandern kann, vielmehr, wie richtig hervorgehoben ist,
mehr schaden als niitzen muB. Fiir mich als Biologen erscheint es
geradezu komisch, wenn man mit Feder und Papier solche Naturanlage
auszurotten oder auch nur in irgend einer nennenswerten Weise ein-
zuschranken vermeint."
Ein Philologe fiigte folgende AVorte hinzu: „Tch danke Ihnen,
daB Sie mir es ermoglichen, an Ihrem ernsten und wichtigen Werke in
bescheidener Weise mitzuarl)eiten. Seit Jahren bin ich mit Ihren Ge-
danken und Griinden vertraut und werdc, was an mir liegt, zu ihrer
Verbreitung beitragen."
Ein Mediziner begleitet seine Unterschrift mit folgenden
Satzen: „Eine ganze Welt von Stimmen des Einwandes gegen die Ab-
anderung dieses verderblichen Gesetzes andert nichts an dem ehernen
Tatbestande des Eingeborenseins homosexueller Triebe. Wer wollle
auf Grund dieser wissenschaftlichen Errungenschaft sein Ilerz den
leidenden ^Mitmenschen verschlieBen \md am Karapfe nicht teilnehmen V*
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Ein anderer Arzt: 5,Wer wie ich gesehen hat, welcbe ver-
zweifelten Anstrengnngen von Urningen gemacht werden, um von
dem unseligen Verhangnis loszukommen, welche seelischen Kampfe
darchgefochten, welche materiellen Opfer zu diesem Zwecke ge-
bracht werden, und welche geradezu bewundernswerte Energie von
diesen Stiefkindern der Natur entwickelt wird, der wird alles
daran wenden, um jenen unheilvollen Paragraphen des Strafgesetz-
buches zu Falle zu bringen. Warum weisen sle nicht mit auf den
Punkt hin, dafi jeder normal veranlagte Mensch das Ungliick haben
kann, unter seinen eigenen Sohnen einen Urning heranwachsen zu
sehen. . . . Der § 175 spricht jeglicher Kultur Hohn."
Ein anderer: „Ich trete ganz entschieden fur Abschaffung des
„ 175 ein, well der Urning Rechte dritter Pers'onen, ebensowenig wie eine
Tribadie, verletzt, und somit nicht vor das Forum des Richters, sondern
des Arztes gehort."
Ein w e i t e r e r : „ Wenn man die homosexuellen Menschen als
straiwiirdige Verbrecher verfolgt, so miifiten logischerweise auch die
korperlichen Hermaphroditen fiir ihr korperliches Zwittertum bestraft
werden. So wenig letzteres geschehen kann, so sehr ist auch die Be-
strafung der seelischen Zwitter verfehlt. Denn ob man sie bisexuell
Oder homosexuell nennt, sie sind nichts anderes als seelische Herma-
phroditen. Sie verdanken dieses unheimliche Erbgut einer angeborenen
Anlage, nicht einer falschen Erziehung. Sie sind niemals mit Strafe
zu belegen. sondern allerhochst regelwidrig veranlagte Menschen."
Geheimer Rat Jolly bemerkt: „Ich bin zwar mit Ihnen der An-
sicht, daC die Bestimmungen des § 175 ungerecht und veraltet sind,"
meint dann aber es sei notig, ,, einen statistischen Nachweis "iiber die
Haufigkeit der Falle von Verurteilung und Erpressung zu erbringen,
da nur in dieser Weise die Nachteile der Gresetzesbestimmung wirk-
sam vor Augen gefiihrt werden konnen."
Geh. Sanitatsrat Bar, weil'. dirig. Arzt der Gefangenen-Ans talfc in
Plotzensee, auBerte bei Unterzeichnung der Petition: .,Der Erklarung
betr. Abschaffung des § 175 des D. Str. G. B. trete ich aus v oiler
Oberzeugung bei. Aus meiner Erfahrung als vieljahriger Gefangnis-
arzt weiB ich, welche Unbilligkeit und Harten diese gesetzlichen Straf-
Destimmungen zm* Folge haben."
Leubuscher, Professor der gerichtlichen Medizin in Jena,
schrieb: „Mit Freude setze ich unter die mir zugegangene Petition
meinen Namen. Bin ich auch nicht in alien Punkten mit den darip
enthaltenen Ausfiihrungen einverstanden, so doch voll und ganz mit
dem SchluJJsatz, der Notwendigkeit einer Anderung des § 175. In
meinen Vorlesungen iiber gerichtliche Medizin habe ich stets diesen
Standpunkt vertreten."
Geh. Medizinalrat Professor Dr. Griinhagen in Konigsberg
fiigto seiner Unterschrift die Worte hinzu: „Auch ich halte den § 175
des Reichsstrafgesetzbuches ebenso sehr fiir einen moglichst rasch zu
beseitigenden MiBgriff des Gesetzgebers, als fiir einen ganzlich un-
gerechtfertigten Einjgriff des Staates in das personliche Gefiihlsleben,
und trage daher nicht das geringste Bedenken, meine Unterschrift
zugunsten der mitgeteilten Petition abzugeben."
Professor Ritschel in Freiburg i. Br. sagt: ,,Ihrer Auf-
fordei-ung, mich dem Antrage des Wissenschaftlich-humanitaren Komi-
tees um Aufhebung des den homosexuellen Verkehr mit Strafe be-
drohendeu Gesetzesparagraphen anzuschlieBen, komme ich gem nach,
weil ich die Befriedigung eines solchen perversen Triebes, soweit
ein zweites Individuiun dabei keinen Schaden leidet, als eine straf-
rechtlich zu verfolgende Handlung nicht ansehen kann. In weit
hoherem MaCe straffallig als einen derartigen Akt, mag er nun in
der Konstitution begriindet sein oder nicht, halte ich eine auch nach
dem neuen Strafgesetze voUig straflose Schwangerung eines Madchcns,
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speziell nachdem ihr in leichtsinniger Weise die Ehe versprochen
wurde/
Ein hoherer Jurist schreibt : „Der an die gesetzgebenden
Korperschaften des deutschen Reiches behufs Abschaffung des § 176
des R. Str. G. B. zu richtenden Eingabe schlieBe ich mich hiermit
an nnd bedaure nur, daJJ, wenn Sie Ihr Ziel erreichen, damit das furcht-
bare Unrecht, welches bisher auf Gnind des § 175 des R. St. G. B.
seitens der Staatsgewalt an vielen der armsten Menschen veriibt wxirdei
nicht wieder gut gemacht werden kann."
Und ein anderer Richter: „Indeni ich Sie zu dem tapferen
Vorgehen gegen den stets von mir in der Praxis mit dem grofiten
Widerwillen angewendeten § 175 Str.-G.-B. begliickwiinsche, bitte ich,
meinen Namen den Unterschriften beifiigen zu wollen."
Notar Hau ber- Cassel* schrieb: „Bedaure nur, daB, wenn Sie
Ihr Ziel erreichen, damit das furchtbare Unrecht, welches bisher auf
Grund von § 175 R.-Str.-G.-B. seitens der Staatsgewalt an vielen der
armsten Menschen veriibt wurde, nicht wieder gut gemacht werden
kann."
Notar W a 1 z - Pforzheim : „Beobachtungen des taglichen Lebens
weisen mit gebieterischer Notwendigkeit auf die Abanderung des Para*
fraphen. . . Die Harte des Gesetzes macht einen in einem solchei>
'alie, wo iibermachtige Naturanlage in formlich diktatorischer Weise
zum Widerspruch mit den Gesetzen zwingt, schaudern."
Justizrat Dr. G a u p p schrieb : „DaB die Petition gerechtfertigt,
wird keinem gebildeten Menschen ernstlich zweifelhaft seiii konnen."
Rechtsanwalt Jeschke- StraBbuiig i. E. : „Es ist kaum zu be-
greifen, daB dieser Paragraph noch immer am Leben ist."
Und Rechtsanwalt Dr. von Pannwitz- MUnchen : „Ich habe
in meiner umfangreichen Strafpraxis wiederholt Gelegenheit gehabt, die
unseligen Folgen des § 175 kennen zu lernen. . . . werde gem Ver-
anlassung nehmen, bei der seinerzeitigen Gerichtsverhandlung aucl>
auf die im hochsten MaBe begrilBenswerte Bewegung des W.-h. K. hin-
zu weisen."
Geh. Justizrat Jachmann bemerkt : „Die Frage wird sich darauf
zuspitzen, ob die Handlimgen der berechtigte AusiluB einer an picb
fesunden, wenn auch anders als wir geartBten Natur sind oder nicht.
n erstem Ealle und dieser Ansicht mochte ich mich nach meinen
Erfahrungen anschlieBen, diirfte die Petition eine durchaus begriindete
sein. Ist aber die Anlage eine krankhafte, durch ihren krankhaften
Zustand die Willensfreiheit beeinflussende, so diirfte sich die Frage
auf das allgemeine Gebiet der Willensfreiheit hiniiberspielen und die
richterliche Priifung, inwieweit die Willensfreiheit als getriibt anzusehen
sei, nicht vollstandig ausgeschlossen werden konnen. Indem ich Ihnen
im librigen meinen Dank fiir die t' bersendung der mit auBerordentlichem
Geschick abgefaBten, hochinteressanten Petition sage, bin ich usw."
Professor Max M li 1 1 e r in Oxford antwortet dem Ver-
fasser: „Ich bewundere Ihren Mut, und wahrlich Mut gehorte dazu
fiir alle die vielen, welche, sei es drauBen im Leben, sei es drinnen
in der Studierstube, die Ubefzeugung gewonnen hatten, daB es hier
gilt, ein Unrecht gut zu machen, damit die Nachwelt von einem Para^
grapheu verschont bleibe, an dem mehr Leid, mehr Drangsal imd zer-
schossene Gehirnmasse klebt, wie an irgendeinem anderen des Straf-
gesetzbuches."
Und der alte Bjornson schrieb : „Hochgeehrter Herr ! Seit
mehr als 20 Jahren sehe ich die Sache so wie Sie und ware ich ein
Deutscher, ich unterzeichnete. Ihr ergebener Bjornsterne Bjorn-
son."
Die Petition wurde "zum ersten Male im Dezember 1897
den Mitgliedern des Reichstages und des Bundesrates liber*
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reicht, und b.^reits am 13. Januar 1898 gelangt<^ der Gegenstand
gelegentlich der ersten Beratung der sog. lex Heinze imi Plenum
des Hauses zur Sprache.
Es war der Abgeordnete B e b e 1 , der nach dem stenogi-aphischen
Reichstagsbericht folgendes sprach: ,.Meine Herren, das ^^t^afgesetz-
buch isi dazu da, daB es gehaltea wird, d. h. die Beliorden, die in
erster Linie iiber die Innehaltung und Respektierung dieser Gesetze zu
waoheu hal>en, miissea auch ihre pflichtgemafie Aufmerksamkeit darauf
richteu und dementsprechend handeln. Es gibt aber Bestimmungeu
in imserem Strafgesetzbuch, und die sind zum Teil mit in den An-
trageu vorlianden, die una hier vorliegen, bei denen die Behorden,
obgleich ihnen aufs genaueste bekannt ist, daB diese Bestimmungen
von einer erheblichen Zahl von Menschen, sowohl Mannern als Frauen,
systematisch verletzt werden, nur in den seltensten Fallen Versucbe
machen, den Strafrichter zu Hilfe zu rufen. Ich babe bier insbeson-
dere den Eingang der Bestimmungen des § 175 — er handelt von
der widernatiirlicben ITnzucht — im Auge. Es wird notwendig sein,
wenn die Kommission gewalilt wird — und ich stimme bei, daC eine
solcbe gewahlt wird, weil meines Eracbtens dieser Gesetzentwurf ohne
Kommissionsberatung nicht Gesetzeskraft erlangen kann — , daC als-
dann besonders die preuBische Staatsregierung ersucht wird, ein ge-
wisses Material, was ider hiesigen Berliner Sittenpolizei zur Ver-
fiigung steht, uns vorzulegen, um auf Grund der Piiifung desselben una
zu fragen, ob wir die Bestimmung des § 175 eingangs desselben auf-
recht eriialten konnen und diirfen, und wenn sie aufrecht erhalten
werden soil, ob wir sie dann nicht erweitern mussen. Mir ist aus
bester Quelle bekannt, daB die hiesige Polizei die Namen von Mannern,
die das im § 175 mit Zuchthaus bedrohte Verbrechen begehen, nicht
etwa, sobald sie dies in Erfahrung bringt, dem Staatsanwalt nennt,
sondem die Namen der betreffenden Personen zu den iibrigen Namen
hinzufiigt, die aus dem gleichen Grunde bereits in ihren Registern vor-
handen sind. .'(HortI horti links.) Die Zahl dieser Personen ist
aber so groB und greift so in alle Gesellschaftskreise, von den untersten
bis zu den hochsten ein, daB, wenn hier die Polizei pflichtgemaB ihre
Schuldigkeit tate, der preuBische Staat sofort gezwungen ware, allein»
um das Verbrechen gegen § 175, soweit es in Berlin l^egangen wird,
zn suhnen, zwei neue Gefangnisanstalten zu bauen. (Bewegung. Hort !
hort!) — Das ist keine Ubertreibung ; es handelt sich,- Herr von Le-
vetzow, um Tausende von Personen aus alien Gesellschaftskreisen.
Es eixisteht aber auch welter die Frage, ob denn nicht auch die Bestim-
mung im Eingang ides § 175 nicht bloB auf die Manner, sondem
auch auf die Frauen auszudehnen sei, von deren Seite dasselbe Ver-
brechen begangen wird. Was in dem einen Falle dem einen
Geschlecht recht ist, ist dem anderen billig. Aber,
meine Herren, eins sage ich Ihnen: wiirde auf diesem Gebiete die Ber-
liner Polizei — ich will zunachst einmal von dieser reden — ihre voile
Pflicht una Schuldigkeit tun, dann gabe es einen Skandal, gegen den
der Panamaskandal, der DreyfuBskandal, der Liitzow-Leckert- und der
Tausch-Normann-Schumann-Skandal das reine Kinderspiel sind. Viel-
leiclit ist das einer der Griinde, weshalb mit so auBerordentlicher Lax-
heit seitens der Polizei gerade dieses Verbrechen, das dieser Paragraph
bestraft, behandelt wird. Meine Herren, der § 175 steht im Straf-
gesetz, und weil er darin steht, muB er gehandhabt werden. Kann
das Strafgesetz aber aus irgendwelchen Griinden
nicht gehandhabt werden, w ird es nur ausnahms-
weise gehandhabt, dann entsteht die Frage, ob die
St raf bestimmung aufrecht erhalten werden kann.
Ich will hinzufiigen, daB uns gerade in dieser Session — mancbe der
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Herren habea das Vielleicht noch picUt; Iberiicksichtigt, — eine gedruckte
Petition vorli^t, unterzeichruet u. a. aucb von meiner Person und
von einer Anzahl Kollegen aus anderen Parte ien, ferner aus Schrift-
steller- und Gelehrtenkreisen, von Juristen mit Namen besten Klanges,
Psycho- und Pathologen, von Sachverstandigen ersten Ranges auf
diesem Gebiete, die aus Griinden, die ich begreiflicherweise hier des
naheren nicht auseinandersetzen will, die Meinung vertreten, dafi eine
Anderung der Strafgesetzgebung auf diesem Gebiete in dem Sinne ein-
zutreten habe, dafi die Beseitigung der betreffenden Bestimmung inj
§ 17.^ herbeigefiihrt werden guiisse."
B e b e 1 f olgte hier den Spuren Ferdinand Lassalles,
der an den bekannten Sozialistenf iihrer Dr. B. v. Schweitzer,
als dieser in Mannheim wegen homosexueller Beziehungen zu
einem Maurer mit dem-Gesetz in Konflikt geraten war iind in-
folgedessen allgemein gemieden wurde, schrieb: „Angenommen,
daB das wahr gewesen sei, was damals die Zeitungen tlber
den Grund Ihrer Verurteilung brachten, so weiU ich das Eine,
daU jene bedauerliche und meinem Geschmack nicht begreifliche
Liebhaberei, die man Ihnen iniputiert, zu jenen Vergehen ge-
hort, die nicht im geringsten mit dem politischen Cha-
rakter eines Mannes etwas zu tun haben. Ein seiches Auftreten
einem Manne von Ihrem Charakter und Ihrer Intelligenz gegen-
tiber beweist nur, wie verwirrt und philistros die politischen
Begriffe unseres Volkes noch sind."
Bei Fortsetzung der Beratung am 19. Januar 1898 auBerte zu
demselben Gegenstand der Abgeordnete Pastor S c h a 1 1 laut Steno-
gramm : „Der Abgeordnete B e b e 1 ist neulich zuerst auf den § 176
des Strafgesetzbuches gekommen, der von der widernatiirlichen Un-
zucht liandelt; er hat gesagt: ,Die Polizei verfolge die Praxis, die
Namen der Manner, die dieses mit Zuchthaus bedrohte Verbrechen
bogehen, einfach zu registrieren, es gehorten dazu Tausende von Per-
sonen aus alien Gesellschaftskreisen.* Ich gestehe, daJ3 ich durch
diese Mitteilung des Herrn Bebel geradezu erschreckt, in ge-
wissem Sinne, kann ich sagen, konsterniert und aufs tiefste deprimiert
worden bin. Ich habe auch die von Herrn Bebel mit angezogene
Petition, die ja von Mannern mit beriihmten Namen aller Beruisschich^
ten unterschrieben ist, und von der Herr Bebel sagt, er habe sie
selbst mit unterschrieben, bekommen, die eine Aufhebung dieses Para-
irrapheu verlangt, und habe wie vor einem Ratsel gestanden, wie es
iiberhaupt moglich ist, daB Manner von offentlicher Stellung und sitt-
lichem Urteil eine ^olohe Petition einreichen konnen; denn, meine
Herren, es handelt sich doch hier um ein Verbrechen, welches bereits
der Apostel P a u 1 u s als eine der schlimmsten Versiindigungen und
Laster dea alten Heidentums im Briefe an die Romer im ersten Kapitel
hingestellt hat, dessentwegen das alte Heidentum dem verdienten
Untergange verfallen sei. Es ist ja hier nicht der Ort und die Auf-
gabe, aut diese Sache einzugehen. Ich glaube, es wird Sache der Kom-
mission sein, die Herren Vertreter der Regierung zu bitten, uns in
dieses, mir wenigstens bisher vollstandig verschlossene Ge^
biet einen Einblick zu verschaffen, damit, wenn wirklich solche Zustande
(Jort vorhanden sind, wie sie von dem Herrn Abgeordneten B e b e 1 aus-
gesagt wurden, wir alles tun, um auf dem Wege des Gesetzes diesen
unnatiirlichen Lastern, Vergehen und Verbrechen entgegenzutreten durch
solche ^traf€m, welche der Natur dieser Verbrechen nach christlich-
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sittlichen Grundsatzen entsprechen und zueleich ihre voHe, ruck-
sichtslose Durchfiihrung in der Praxis der rolizei und Bechtspflege
ermoglichen und garantieren."
Die Eingabe wurde darauf von der Petitionskommission der
lex Heinze-Kommission tiberwiesen, wo sie zu lebhaften ein-
gehcnden Erortsrungen Anlafl gab. AuBer den offiziellen Regie-
rungsvertretern war auch der damalige Chef de^ Berliner
Kriniinalpolizei, Graf Ptiekler, zu den Verhandlungen hin-
zugezogen. Neben Bebel war es vor allem tier national-
liberal e Reichstagsabgeordnete Sanitatsrat Dr. med. Kruse-
Norderney, der als Sachverstandiger die Petitionsforderung aufs
lebhafteste beflirwortete. Nach den Parlamentswahlen 1898
wurde die Petition dann noch einmal unter hervorragenden Zeit-
genossen (nicht in den breiten Kreisen der Bevolkerung) ver-
breitet, und zwar mit dem Erfolge, daU die Zahl der Unter*
schriften sich vervierfachte.
Auch in der folgenden Legislaturperiode wurde die Frage
des § 175 sogleich in der ersten Lesung der lex Heinze wiederum
beriihrt, und zwar von konservativer, nationalliberaJer und sozial^
demokratischer Seite^).
Zum letzten Male wurde iiber die Petition am 4. Dezember 1907 «)
in der kurzen Zeit zwischen dem ProzeD des Reichskanzlers von B u -
low gegeu den Schriftsteller Brand wegen verleumderischer Be-
leidigung seiner Person und der auf Betreiben des Oberstaatsanwaltes
1 8 e n b i e 1 veranlaCten zweiten Verhandlung gegen Harden, also
zu einer Zeit beraten, wo in den breitesten Slassen die S t i m m u n g
des Tages die Stimme der Vernunft bei weitem iibertonte.
Auch dieses Mai war, wie drei Jahre vorher, ein Zentrumsabgeordneter
Referent : Dr. B e 1 z e r , der an eifervoller, von Kenntnis ungetrtLbter
Scharfe Dr. Thaler noch iibertraf. Der Moment zur Verhandlung
war von ihm gut gewahlt, denn als der Berichterstatter sagte: „Der
Vorwurf homosexueller Neigungen ist heute fast noch mehr als friiher
geeignet, deQ Beschuldigten der offentlichen Verachtung preiszugeben
— selbst gegeniiber den kranken Leuten, die mannmann-
liche Neigungen liaben (und die diirften jedenfalls lange nicht so zahl-
reich sein, wie die Petition es glauben machen will), besteht doch in
dem gesunden Sinne unseres Volkes der unaus'losohll/che
G 1 a u b e, daC derartige Menschen der Achtung nicht
wert seie n," erhob sich keinerlei Widerspruch und ebensowenig, als
er am Schlusse seiner Ausfiihrungen neben einer erheblichen Verschar-
fung vorschlug, daB die Petitionskommission beantragen moge, der
*) Genaue Berichte der Verhandlungen im Plenum und den Komrais-
eioneu des Reichstages finden sich im Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. I,
S. 272 ff.; Bd. Ill, S. 558 ff. ; Bd. IV, S. 976 ff.; Bd. V, S. 12S2ff.;
Bd. VI, S. 649 ff. Vgl. ebenda iiber die lebhafte Kommissionsberatung
am 21. April 1904, an der teilnahmen die Abgeordneten Dr. Thaler,
Braun, Thiele, Kardorff und M u g d a n , (Ergebnis : Ubergang
aur Tagesordnung) : p. 668 ebenda am 11. Juni in pleno; und aucb
Jahrb. VII. p. 1035 iiber die Debatte am 31. Mai 1905, an der sich
beteiligten Thiele, Thaler, Kardorff, v. Damm, Gothein
und V. V o 1 1 m a r.
«) Cf. Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft, 1908, p. 113.
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Beicbstag solle beschlieBen: „die Zivil- und Militarbehorde ist anzu-
weisen, den bestehenden Gesetzesvorschriften obne Ansehen der Person
unnachsichtlich Geltung zu verschaf fen."
Wie affektbetont jene Zeit war, zeigt recht anschaulich
Hofrat Dr. L. Loewenfeld in seiner sehr bemerkenswerten
Schrift „Homosexualitat und Strafrechf* (Wiesbaden 1908).
Der einleitende Abschnitt dieser Schrift lautet: „Wenn wir die
Geschichte der psychischen Epidemien, die in verflossenen Jahr-
hunderten in Europa grassierten, durchgehen, finden wir unter den-
selben eine Mehrzahl solcher, die sich mit Verfolg:ungen gewisser
Klassen von Personen verkniipften. Gewohnlich waren es, dem Geiste
jener Perioden entsprechend, Juden, Ketzer oder Hexen, gegen die sich,
wie wir heute sagen wiirden, die offentliche Meinung kehrte, nnd
wir wissen, daB dem Hexenwahn allein, der sich da und dort bis in
die Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt, etwa sieben Millionen Menschen
in Europa zum Opfer fielen. Viele mogen nun wohl glauben, daB eine
Wiederkehr derartiger Epidemien in Anbetracht unserer so viel ge-
priesenen Aufklarimg und fortgeschrittenen Kultur bei uns ausge-
schlossen erscheint ; es ist dies ein Irrtum, auf den ich schon in
meinem Werke iiber Hypnotismus hingewiesen habe. Die Keime zu
derartigen Epidemien sind tatsachlich noch fast iiberall in Europa
vorhanden und durch jene Eigenschaft der Massen gegeben, die wir
als Su^gestibilitat bezeichnen, eine Eigenschaft, welche sie psychischen
Infektionen der verschiedensten Art zugan^lich macht. Die Ereignisse
der jiingsten Zeit haben fiir die Richtigkeit dieser Ansicht neue, aber
zugleich sehr traurige Belege gebracht. Es ist bei uns wieder zum Aus-
bruch einer Verfolgungsepidemie gekommen, und diesmal sind
es uicht, wie zu Zeiten des Hexenwahns, arme hysterische, melancholische
Oder sonst geistesgestorte Weiber, gegen die sich die Leidenschaft der
Massen richtet, sondem Manner, die das Ungliick haben, in bezug
auf ihro sexuelle Triebrichtung anders veranlagt zu sein als ihre
Geschlechtsgenossen. Man will sie zwar nicht dem Scheiterhaufen
uberantworten, da wir in bezug auf das Verbrennen humaner und
zurtickihaltender geworden sind, aber man mochte sie doch samt
und senders hinter SchloB und Riegel bringen. Da aber auch dies
in unserem Rechtsstaate nicht ohne weiteres angeht, so will man
wenigstens eine moglichst groBe Zahl derselben durch Einsperren
von der iibrigen Menschheit absondern und zur Einsicht ihrer Laster-
haftigkeit bringen. Um dies zu erreichen, soil die ganze Scharfe des
Gesetzes, das wie ein Damoklesschwert iiber ihnen schwebt, auf sie
angewendet werden. Sie sollen statt der Erleichterung
ihrer Lage, um die sie petitionieren, jede gesetz-
lich mogliche Erschwerung derselben erfahren. Ob
sich das mit unseren Ansichten von Humanitat, mit unserem liiodernen
R€chts- und Billigkeitsgefiihl vertragt, danach wird nicht gefragt. Und
was besonders bedauerlich ist, die gegenwartige Epidemic ist nicht von
den untersten Volksschichten ausgegangen, die an den Segnungen
der Aufklarung und der Kultur am wenigsten Anteil haben, sie hat
sich in den Schichten der Gebildeten entwickelt, und ist auch in
diesen am weitesten verbreitet. Auch hat sich keine der politischen
Parteien gegen die hier in Betracht kommende Infektion mit wahn-
haften Vorurteilen und Unduldsamkeit geniigend widerstandsfahig er-
wiesen. Die Sozialisten haben ebenso in den Verdammungschorus
gegen die Homosexuellen eingestimmt, wie Liberale, Konservative und
Zentrum sangehor ige.
„Die Aufgabe, welche der Wissenschaft
diesem Stande der Dinge gegehtiber zufallt, ist
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meines Erachtens klar vorgezeichnef. Die Wissen-
schaft kann sich eelbstverstandlich durch die offentliche Meinung,
in koiner Hinsicht beeinflussen lassen. Sie wird und
nrmU das immer wieder verklinden, was durch ihre Forschung
tiber die Homosexualitat festgestellt ist. Sie kann in ihrem
Bestre-ben nicht nachlassen, veraltete und verhangnis voile Vor-
urteile zu beseitigen und so durch Aufklarung eine Verbesserung^
der Rechtslage der Homosexuellen anzubahnen, wenn auch vor-
erst all ihr Bemtihen den Charakter einer Sisyphusarbeit zu
besitzen scheint,** Wurde doch damals von einer Berliner Kreis-
synode an den Reichstag eine Petition gerichtet, man soUe gegen
4ie zugunsten der Homosexuellen veranstaltete Agitation durch
eine entsprechende Strafbestimmung vorgehen.
Im Plenum wurden die Vorschlage B e 1 z e r s noch einmal am
1. Februar 1908 ^) auf die Tagesordnung gesetzt, jedoch ohne Beratung
und BeschluBfassung wieder abgesetzt, wohl mit Kiicksicht auf die
mittlerweile im Reichs justizamt zusammengetretene KommissioD
zur Bearbeitung eines „Vorentwurfes zu einem deutschen Strafgesetz-
buch*\ Diese Kommission behielt in Anlehnung an das Votum der
Reicbstagskommission nicht nur den geltenden § 175 als § 250 des
Vorentwurfes bei, sonde rn verscharfte ihn wesentlich, indem erstens die
bisherige Gefangnisstrafe auf den gleichgeschlechtlichen Verkehr unter
F r a u e n ausgedehnt und zweitens f iir besondere Falle, namlich,.
wenn „die Tat unter MiBbrauch eines durch Amts- oder Dienstgewalt
Oder in ahnlicher Weise begriindetes Abhangigkeitsverhaltnis begangen
ist, Zuchthaus bis zu 5 Jahren, bei mildernden Umstanden nicht
unter 6 Monaten Gefangnis" vorgesehen wurde ; auch sollte dieselbe
Strafe fiir denjenigen festgesetzt werden, „der aus dem Betriebe der
widernatiirlichen Lnzucht ein Gewerbe macht".
In der bsigegebenen Motivierung ftir diese Fassung betonen
die Verfertiger des Vorentwurfes, daU sie die Beibehaltung des
§ 175, „entgegen den mehrfachen Vorschlagen ihn ganz oder
teilweise zu beseitigen und einer lebhaf ten auf dasselbe Ziel
gerichteten Agitation im staatlichen Interesse fiir not-
wendig halten.** „Wenn in der neuesten Zeit mehrfach die
Auf fassung betont feei** — so heilJt es in der Begriindiun^
weiter — , „da6 es sich bei der gleichgeschlechtlichen Unzucht
um einen unwiderstehlichen, krankhaften Naturtricb handle,
der die strafrechtliche Zurechnungsfahigkeit aufhebe oder doch
bedeutend vermindere, so lehnt der Entwurf diese Auf-
fassung als unbewiesen und mit den Erfahrungen
des praktischen Lebens im Widerspruch stehend
ab". Ohne auch nur mit einem Worte auf die Beweisftihrung
und das Tatsachenmaterial der Autoren einzugehen, welcho
diese abweichende Auf fassung vertret«n bzw. sich gegen die Bei-
behaltung des § 175 geauBert haben, ja ohne auch nur den
^) Cf. Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft 1908, p. 127.
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Versuch zu machen, zu zeigen, weshalb deren Beweisgrtinde nicht
nicht stichhaltig sind, fertigt der Vorentwurf mit diesem Satze
die Ansichten so vieler Sachver^lLndiger ab.
Mit Recht konnte dempegeniiber Professoi: Bruno Meyer*)
schreiben: ,,Die Begriindung dieser Strafvorschrift ist von einer*Kin<^-
lichkeit, die — an so ernster und wichtiger Stella angetroffen — jedem
iioch nicht einmal zu wissenschaftlicher Methode erzogenen, sondern
nur an einigermaiSen besounenes und vernunftgemaBes Denken ger
wohnten Menschen die helle Schamrote ins Gesicht treibt." • De^*
beriihmtc Strafrechtslehrer der Berliner Universitat, Geh. Justizrat
Professor Dr. Joseph Kohler, fertigte die Verfasser des Vor-
entwurfes in ahnlicher Weise ab, indem er schrieb: „Was in dieser
Beziehung in den Motiven steht, ist ganzlich unzutreffend. So wird
auf das lichtscheue Treiben der Paderasten hingewiesen, aber ich
habe nie gehort, daC die Taten der Liebe, auch wenn sie voUig natiirlich
sind, im hellen Sonnenlichte coram publico vor sich gehen, und daB
durch solche Dinge der Friede der Ehe untergraben werden kann, ist.
bei der ,widernatiirlichen* Unzucht nicht anders, als bei der natiir-
lichen." Ebenso vernichtend lautete das Urteil des Professors de^
Strafrechts Mittermaier selbst, der schrieb^) : ,,Auch ich halte deu
D. V. E. auf diesem Gebiete fiir absolut schlecht. ,Riickstandig*
ist der mildeste Ausdruck. Vielleicht erreichen wir eine geringe Ab-
schwachung der Mangel des § 250, aber ich glaub^ nicht an eine wahre
Verbesserung, die am Ende doch nur in seiner totalen Beseiti-
gung liegt."
Dieser Vorentwurf wurde nun zunaehst 2 Jahre zur offent-
lichen Kritik gestellt. Nach Ablauf dieser Zeit wurde eine neue
„Konimission zur FeststisUung eines Entwurfs ftir ein deutsches
Strafgesetzbuch** gebildet, um die laut gewordenen Stimmen und
Urieilc zu prtifen und auf Grund derselben den eigentlichen Ge-
setzentwurf auszuarbeiten, der dann den gesetzgebenden Korper-
schaften zur endgtiltigen BeschluBfassung vorgelegt werden soil.
Trotzdem sich nun fast alle kritischen AuBerungen gegen
die Verscharfung aussprachen, hiielt auch diese Kommission, die
vom 1. April 1911 bis 27. September 1913 in Tatigkeit war, a,n
ihr fest, indem sie unter Vornahme verschiedener Anderungen,
namentlich der Wiederaufhebung der vorgeschlagenen , Aus-
dehnung auf das weibliche Geschlecht folgende Fassung annahm :
„1. Bestraft werden, und zwar mit Gefangnis von einem Tage
bis fiinf Jahren, Personen mannlichen Geschlechts, die miteinander
beischlafsahnliche Handlungen vornehmen.
2. Wie nach dem Vorentwurfe tritt Zuchthaus bis zu fiinf Jahren,
bei mildernden Umstanden Gefangnis nicht unter sechs Monaten ein:
a) wenn die Tat unter Mii3brauch eines durch Amts- oder Dienst-
gewalt begriindeten Abhangigkeitsverhaltnisses oder gewerbsmaDig be-
gangen war;
b) (neu hinzugefiigt) : wenn ein Volljahriger unter Verfiihrung
eines Minderjahrigen unter achtzehn Jahren die Tat begeht.
3. Das Sichgewerbsmai3iganbieten oder -bereiterklaren zu der Tat
wird mit Gefangnis bis zu 2 Jahren bestraft.**
^) B r u n o Meyer, Homosexualitat und St raf recht. p. 256.
») Cf. Vierteljahrsberichte des W.-h. K. Jahrg. XL p. 136.
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Da dieser Entwurf des Strafgesetzbuches noch eine ganze
Reihe von Instanzen zu passieren hat — zunachst das Reichs-
justizamt, dann die Bnndesstaaten und den Bundesrat — ehe er
an den Reichstag gelangb, voraussichtlich 1917, und auch hier
wieder die einzusetzende Kommission das ganze Gesetzbuch
grtindlich durchberaten wird, la^Jt sich heute noch nicht vor-
aussagen, welches das schlieBliche Schicksal des so wechselvollen
Urningsparagraphen sein wird.
Ich selbst babe in einer Arbeit iin GroBschen Archiv^a) unter
Zugrundelegung der Motive des Vorentwurfes nochmals alles eingehend
eiuer Priif ung unterzogen, was f ii r und g e g e n den vorgesohlagenen
^ 260 spricht und fafite das SchluOergebnis dieser Untersuchung wie
f olgt zusammen : Gegen den § 250 spricht:
I. Zunachst der Umstand, dafi die als strafbar vorgesohlagenen
Akte, welche erwachsene M&nner und Frauen freiwillig unter sich ohne
Zeugeu vornehmen, kein Rechtsgut irgend eines anderen Individuums
Oder des Staates verletzen (es widerspricht den modernen
Rochtsprinzipien, Handlungen nur darum zu bestrafen, well
sie jjUnsittlich" sind).
II. Die auBerordentlich schwierige Vollstreckbarkeit
des Gesetzes. (Schon jetzt werden weniger als ein Hunderttausendstel
der vorkommenden Handlungen geahndet; bei Ausdehnung auf die
Frauen wiirde der Prozentsatz noch viel minimaler sein.)
III. Die ungemein geringe Abschreckungskraft des
Gesetzes (die Wahrscheinlicnkeit, daB die von zfwei erwachsenen Man-
nern oder Frauen miteinander ohne Zeugen vorgenommenen sexucUen
Handlungen zur Kenntnis der Behorden gelangen, ist zu gering, als
daU sie die Betreffenden in der Betatigung eines heftigen Triebes
nennenswert beeinflussen kann).
IV. Die groBe Unbestimmtheit und Unbestinimbarkeit
des strafbaren Tatbestandes ^die bei Frauen noch auf groBere Schwierig-
keiten stoBen wird).
V. Die Peinlichkeit der das intimste Privatleben durch-
wuhlenden Untersuohungen (die ebenfalls Frauen gegeniiber noch scham-
verletzender ist).
VI. Die durch das Gesetz und die offentlichen Prozesse
weit mehr als durch die geheimen Handlungen hervorgerufenen Skan-
dale (die das Land kompromittieren, und die offentliche Erorterung die-
ser heiklen Materie nicht zur Ruhe komraen lassen)^®).
VII. Die Entwurzelung und Verbitterung zahlreicher sonst
streng rechtlicher, geistig vielfach hochstehender und sozial nutz-
licher Existenzen durch Aufdeckung der intimen Geheimnisse ihres
Sexuallebens.
VIII. Die iiberaus groBe Zahl der unmittelbar an das Gesetz
sich anschlieBenden Erpressungen und Eigentumsvergehen, die
aus Furcht vor dem Gesetz nicht zur Anzeige gelangen.
IX. Die auBerordentlich groBe Zahl der durch den Paragrapheo
bewirkten Selbstmorde, die sich bei der beabsichtigten Verschar-
foDg noch steigem wird.
»a) 1911 Bd. 38: „Kritik des § 250 und seiner Motive im Vor-
entwurf zu einem Deutschen Stra%esetzbuch."
10) Vgl. in dieser Hinsicht den Artikel von Dr. Eugen Wilhelm:
„Die volkspsychologischen Unterschiede in der franzosischen und deut-
schen Sitllichkeits-Gesetzgebung- und -Rechtsprechung" in ,.Sexual-
Probleme**, Oktober 1911, besonders die Seiten 661—663.
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X. Die durch das Gresetz direkt oder indirekt geforderte Ver-
niehrung von ungliicklichen Ehen und Familienzusammen-
briichen.
F ii r den § 250 wird angefiihrt:
Ini Grunde nur das angebliche Volksempfinden. Dieses wird aber
ieils in seiner Ausdehnung iiberschatzt, teils beniht es a) auf falschen
Voraussetzungen, b) auf den durch das Gesetz erst erzeugten Anschau-
nngen, c) ware es, selbst wenn es in der angenommenen Weiser exi-
stierte, kem ausreichendes Eechtsfundament.
Die im iibrigen im Vorentwurf fur den § 260 angef iihrten Griinde
sprechen teilweise mehr gegen den Paragraphen als fiir ihn,
weil sie sicli auf Nachteile beziehen, die mehr eine Folge des Gesetzes als
der strafbaren Handlung selbst sind; es sind dies beispielsweise die an-
§eblich durch die homosexuelle Handlung, in Wirklichkeit aber erst
urch deren Bestrafung, entstehende Schadigung der biirgerlichen Exi-
stenz, des Charakters und des Familienlebens, ferner die Erpressungen
und das „lichtscheue Treiben". Teilweise aber treffen die Motive wie
die Verfiihrungsgefahr nur e i n i g e der unter Strafe gestellten Falle,
so daB die Gerecntigkeit fordert, dafi darum auch nur die Falle bestraft
werden, bei denen die in den Motiven genannten Voraussetzungen zu-
treffen. Letzteres wiirde am ehesten erreicht, wenn in den Para-
graphen des Strafgesetzbuches, in denen von Verfiihrung, AnwenduM
von Gewalt usw. die Rede ist, namlich in den §§ 176, 177 und 182
(im Vorentwurf 244, 243 und 2t7) der bisherige Ausdruck
„Frauensperson" durch den Ausdruck „rerson" oder
„Personen beiderlei Geschlechtes" ersetzt wurde.
§ 182 wiirde beispielsweise lauten, anstatt wie jetzt:
„Wer ein unbescholtenes Madchen, welche das sech-
zehnte Lebensjahr nicht vollendet hat, zum Beischlaf verfiihrt,
wird mit Gefangnis bis zu einem Jahre bestraft. Die Verfolgung
tritt nur auf Antrag der Eltern oder des Vormundes der Ver-
ftjhrten ein."
In Zukunft:
„Wer eine unbescholtene Person, welche das sech-
zehnte Lebensjahr nicht vollendet hat, zum Beischlaf oder zur
Pedikation verfiihrt, wird mit Gefangnis bis zu einem Jahre be-
straft. Die Verfolgung tritt nur auf Antrag der Eltern oder des
Vormundes der verfiihrten Person ein."
Es wiirden dann bis zur ersten Altersgrenze von 14 Jahren, wie
gegenwartig, alle unziichtigen Handlungen an Kindern beiderlei Ge-
schlechts bestraft werden, von der ersten bis zur zweiten Alters-
erenze aber nur die groberen Ausschreitungen, wie das bis jetzt nur in
bezug auf Madchen der Fall ist.
Die Schutzalterfrage ist in den letzten Jahren besonders
lebhaft erortert werden. Wir sahen in unserer tabellarischen
Obersicht liber die geselzliche Verfolgung der Homosexuellen,
daO das Schutzalter in den verscKiedenen Landern in weiten
Grenzen schwankt, von 12 Jahren in Japan bis 21 Jahren in
Holland. Bald ist es das Alter der Geschlechtsreife, bald das der
Strafmtindigkeit, bald das der Militarpflichtigkeit, bald das
der biirgerlichen VoUjahrigkeit, bis zu dem man die Schutz-
bedlirftigkeit ausgedehnt hat. In ahnlicher Weise variieren
auch die Gesetzesvorschlage und -entwlirfe.
So hat in dem von den Professoren D. Dr. W. Kahl, Dr. K. v.
Lilienthal, Dr. F. v. Liszt und Dr. J. Goldschmidt ver-
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fafiten „Gegeiieiitwurf zum Vorentwurf eines Deutschen Strafgesetz-
buchs** der Homosexual itatsparEigraph, § 245 (§ 176 des geltenden
St.-G.-B., § 260 des Vorentwurfs) folgende Fassung : „Widernaturliche
Unzucht. Eine mannliche Person, die mit einer minderjahrigen
Person desselben Geschlechts, oder die mit einer volljahrigen Person
desselben Geschlechts unter Ausbeutung ihrer durch Amts- oder Dienst-
verhaltnis oder in ahnlicher Weise begriindeten Abhangigkeit oder aus
Gewinnsucht widematiirliche Unzucht begeht, wird mit Zuchthaus bis
zu fiinf Jahren bestraft^^)." Auch Staatsanwalt Wulffen^^) ist der
Meinung, „dafi der junge Mann bis zum vollendeten 21. Jahre ge-
achUtzt werden muB".
Ahnlich Professor Bruno Meyer ^^), wahrend v. N o 1 1 -
haf ft^^a) sogar an Stelle des jetzigen § 175 folgenden .Wortlaut
Yorschlagt: „Wer ein Individuum unter 25 Jahren zu gleichgeschlecht-
licher Unzucht verleitet, wird mit Gefangnis bestraft." Er wiinscht
diese Strafandrohung fur beide Geschlechter, indem er meint**):
„Schonung wiirden die Urninden noch weniger ver-
dieiien als die Urninge, denn sie verfiihren viel mehr junge
Madchen, als die Urninge Knaben, sie machen viele Frauen schon
vor der Ehe pervers, drangen sich aber unter der Freundin Maske noch
spater in deren Heiligtum ein ; sie sind so das Ungliick vieler Ehen
und die Ursache mancher Ehescheidungen, und sie sind eine viel gro-
Bere sittliche Gefahr als die mannlichen Personen. Gleichwohl gelten
auch fiir sie die obigen Uberlegungen, welche eine Bestrafung und Ver-
folgung des Lasters (bei Erwachsenen) als untunlich erscheinen lassen."
Z w a n z i g Jahre als Schutzgrenze beantragen die Vorentwurf e von der
Schweiz und Danemark, wahrend der neue osterreichische Vorentwurf, der
die Strafbarkeit jeder homosexuellen Betatigung bei beiden Geschlech-
tern nur im StrafmaB (nicht unter einer Woche) herabsetzt, eine
h 6 h e r e Strafe (Gefangnis nicht unter 3 Monaten) vorsieht, wenn
der Akt mit einer Person im Alter von 14 — 18 Jahren begangen ist. In
einem in der Schweiz. Zeitschr. f. Strafrecht (22. Jahrg., Heft 14) ver-
offentlichten Aufsatz, betitelt : „Psychiatrische Bemerkungen zum neuen
schweiz. Straf-G.-Entwurf*', mochte Dr. med. Hans Maier die Alters-
grenze von 20 Jahren als zu hoch auf 18 Jahre herabgesetzt wissen,
wahrend Oberarzt Dr. Otto Juliusburger in seinem Aufsatz
„Die Homosexualitat im Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetz-
Duch**") das 20., mindestens aber das 18. Jahr als Schutzgrenze fiir
fegeben ansieht. Das 18. Jahr als das der „vollkommenen Strafmiindig-
. eit" ist wiederholt als Schutzgrenze vorgeachlagen, so in dem von
einem Richter stammenden Artikel zur Schutzalterfrage*^). Auch
Moll i^a) wiinscht bei Aufhebung des § 175 „eine Erweiterung des
Schutzalters auf das 18. bezw. 21. Jahr" (und zwar soil auch der
1^) Beziiglich der „Motive" zu diesem § 245 des Gegenentwurfs cf.
Vierteljahrsberichte des Wiss.-human. Komi tees, 1912, Heft 2, p. 131 ff.
12) Zit. nach den Vierteljahrsber. d. W.-h. K., 1911, Heft 3, p. 246.
13) Bruno Meyer, Homosexualitat u. Strafrecht, p. 294 f.
isa) Zit. bei Kossmann u. Weiss, „Mann u. Weib, ihre Beziehungen
zueinander u. zum Kulturleben der Gegenwart", 1908, Bd. II, p. 557.
Cf. JMonatsber. d. W.-h. K., 1907, No. 4, p. 77.
1*) Loc. cit., p. 556.
1*) In der Allgem. JJeitschr. f. Psvchiatrie u. psychisch-gerichtl.
Medizin, Bd. 68, Heft 5.
i«) Cf. Vierteljahrsber. d. W.-h. K., 1912, Heft 3, p. 276 ff.
i«a) Cf. „Zukunft" vom 27. Mai 1905 u. Zeitschrift „Europa",
Heft 22 vom 15. Juni 1905, ferner Vortrag am 30. Mai 1905 im iirzt-
lichen Standesverein der Konigsstadt iiber „Atiologie u. Therapie sexu-
eller Perversionen" (cf. Vierteljahrsber. d. W.»h. K., 1905, No. 7,
p. 13 ff.).
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991
Scliutz der Madchen erhoht werden), wobei er von der Meinung aus-
geht, die wir oben^^b) bereits als irrtiimlich zuriickwiesen. daC der
jjUndifferenzierte Geschlechtstrieb" bis in die Mitte der zwanziger
Jahre hinein f ortdauert. Aschaffenburg^^) bef iirwortet gleichfalld
vom 18. Lebensjahr ab die Straflosigkeit gleichgeschlechtlichen Ver-
kehrs. (
Ein anderer Richter, der Amtsrichter Dr. jur. Max Rud'plf
Senf will in seinem bedeutenden Buche „Das Verbrechen .lis straf*
Jrechtlich-psychologisches Problem" „die gleichgeschlechtliche Betati'^
gung mit Personen unter 17 Jahren bei Strafe verbieten", „denn wenn
Jiiuglinge das 17. Lebensjahr vollendet haben, sind sie in sexueller
Beziehung weder willenlos-unverniinftig'e, noch unreife Opfer und des-
halb nicni mehr pchutzbediirftig".
Diesen Autoren, die fiir das mannliche Geschlecht ein hoheres
Scbutzalter als fiir das weibliche wiinschen, steht die iibergroBe
Mehrzahl gegeniiber, die auch diese Frage fiir beide Geschlechter
gleich geregelt wissen will, und zwar entsprechend dem geltenden Ilecht
so, daB einmal nach § 176, 3 jeder strafbar ist, welcher sich an einer
Person unter 14 Jahren, gleichvielwelchen Geschlechts,
unziichtig vergreift, daB dann aber der § 182, der bisher bestimmt^
daB wer ein unbescholtenes Madchen, welches das 16. Lebensjahr noch
nicht vollendet hat, zum Beischlaf verfiihrt, auf Antrag der Eltem
Oder des Vormundes bestraft werden soil, auch auf mannliche Personen
ausgedehnt wird.
Die Befiirworter dieser gleichen Behandlung beider Ge-
schlechter berufen sich einmal darauf, dafl es aus iBilligkeits-
grunden nicht gerechtfertigt ist, das weibliche Geschlecht in
geringerem Grade zu schtitzen als das selbstandigere mannliche,
cine Erhohung des weiblichen Schutzalters iiber 16 Jahre hin-
aus aber mit Recht von alien Gesetzgebungen verworfen werden
ist. Es liegt kein durchschlagender Grund vor, das Schutz,-
alter ftir beide Geschlechter verschieden zu bemessen; verlangt
mail von dem sogenannten schwachen Geschlecht, daO es sich
vom 16. Jahr ab seiner Haut wehrt, so kann man auch vom
mannlichen Geschlecht in demselben Alter beanspruchen, daB es
sich den von verschiedenen Seiten an dasselbe herantretenden
Versuchungen gegeniiber selbst schlitzt, wobei freilich beiden
Geschlechtern eine rechtzeitige, geeignete Aufklarung iiber die
mit dem Geschlechtsleben verbundenen gesundheitlichen und
sonstigen Gefahren gut zustatten kommen wiirde. Der Vor-
entwurf des Reichsjustizamts zeigt in diesem Punkte eine merk-
wiirdige Inkonsequenz. Er steht namlich auf dem Standpunkt,
dafl das in dem § 176 des RStGB. (§ 244 des Vorentwurfs)
unbescholtenen Frauen zugebilligte Grenzalter von 16 Jahren
nicht auf mannliche Personen ausizudehnen sei.
^') Aschaffenburg (CTiln), Die straf rechtliche Behandlung
der Homosexualitat. Vortrag gelialten in der ordentlichen Versamm-
lung des Psychiatrischen Vereins der Rheinprovinz am 15. Juni 1907,
mit^eleilt in der Allgemeinen Zoitschrift fiir Psychiatric ii. psych.-
gerichtlichc Medizin, Bd. 41, Heft 4. (Cf. Jahrb. f. sex. Zwischenst.,
Jahrg. IX, p. 441 f.)
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992
Die Griinde, welche die Verfasser des Vorentwurfs hierfur bei*
bringen, sind sehr beachtenswert, sie lauten wortlich (Seite 682 der
Motive des Vorentwurfs) : „Die von Gem jetzigen Gesetz gezogene Grenze
fallt zusammen mit dem regelmaBigen Aufhoren der Schulpflicht, dem
Eintritt der groBen Mehrheit der Kinder in das biirgerliche Leben
und bei den meisten von ihnen mit dem Eintritt einer gewissen
Keuntnis der geschlechtlichen Dinge. Dies erscheint fiir die Knaben
der richtige Zeitpunkt, mit dem der besondere strafrechtliche Jugend-
flchutz fiir sie aufzuhoren hat. Allerdings bediirfen sie auch dann imd
gerade in jenem gefahrlichsten ersten Jiinglingsalter noch in ver-
schiedener Hinsicht der Bewahrung vor Verfiihrung zu sittlicher Ver-
derbnis. Diese ist alsdann aber Aufjgabe der Seelsorge, der Familie,
der gesellschaftlichen Einriohtungen mid der freien Liebestatigkeit,
nicht melir Aufj^be des Strafrichters. Es wiirde zu praktisch un-
annebmbaren Konsequenzen fiibren, wenn die Verleitung eines 15
Oder IG Jahre alten Arbeiters oder Laufburschen zur Vornahme einer
unziichtigen Handlung, z. B. zur Onanie, durch einen etwa Gleich-
altrigen, oder wenn die Vornahme jeder unziichtigen Handlung unter
solchen Burschen unter Kriminalstrafe gesteilt wiirde. Es ist daher
nicht Unterschatzung der in neuester Zeit lebhaft auftretenden, an sicb
berechtigten Bestrebungen nach einem wirksamen Schutze jugendlicher
Personcn in sittlicher Beziehung, die den Entwurf veranlaBt, in die-
sem Punkto von einer Veranderung und Verscharfung des bisherigen
Rechts abzusehen, sondern die Oberzeugung, dafi hier das Bediirrnis
nach einem solchen Schutze auf einem anderen als dem strafrechtlichen
Gebiet befriediet werden muB.**
Schon vorher gibt der Gesetzentwurf der Meinung Ausdruck, daB
im Gegensatz zur Frau der Mann sich selbst schiitzen muB und kann.
Der Geschlechtsschutz soil „wie bisher auf das weibliche Geschlecht
beschrankt" bleiben. Es heiBt auf Seite 680 der Motive:
„Die mehrfach in der Literatur angeregte Ausdehnung des
Schutzes auf Manner ist nicht vorgenommen. Dieser bleibt vielmehr,
wie bisher, auf das weibliche Geschlecht beschrankt. Zu einer solchen
Ausdehuuiig besteht weder ein praktisches Bediirfnis, denn es sind
einschlagige Falle nicht bekannt geworden, noch entspricht sie der
deutschen Rechtsentwicklung und der deutschen Auffassung iiber die
Stellung der beiden Geschlechter. Die Frau ist schwacher und
widerstandsunfahigerals der ^Mann. Sie bedarf schon aus
diesem Grunde fiir ihre Geschlechtsehre eines starkeren Schutzes. Die
Vcrletzung der Geschlechtsehre einer Frau ist aber vor allem fiir diese
in ethischer und wirtschaftlicher Hinsicht von viel
schwererer Bedeutung wie fiir den Mann. Sie ist ge-
eignet, ihre Existenz zu vernichten, wahrend ein gleicher Angriff fur
den Mann nicht entfernt so erhebliche Folgen nach
sich Ziehen kann. Dies gilt wenigstens fiir dem Kindesalter
entwachsene mannliche Personen."
Dieser richtigen Auffassung des V-E. gegentiber ware eine
Erhchung des mannlichen Schufczalters tiber das weibliche kinaus
allerdings mehr als sonderbar. Von anderer, namentlich auch
homosexueller Seite selbst, ist weiter darauf hingewiesen, und
viele Abschnitte dieses Werkes bestatigen dies, daB zu alien
Zeiten des Menschengeschlechts gerade der heterosexuelle Jiing-
ling — und bei homosexuellen Frauen auch die gleichaltrigo
Jungfrau — , der Mensch also im dritten Septennium von Beginn
bis zum Ende der Entwicklung, das hauptsachliche Liebesobjekt
sehr vieler Homosexueller ist, und daU sich gerade in diesem
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Zeitraum die padagogische und nutzbringende Seite dieser Liebe
zum Besten des Staates am vorteilhaftesten entfalten kann.
In diesem Sinne schreibt der anonyme Verfasser eines von hohem
sittb'chen Ernst getragenen Artikels^^) liber die Schutzalterfrage. „So
viel ist sicher, daB es die hochste Lebensfreude des wahrhaft liebenden
homosezuellen Mannes ist, den von ihm geliebten Jungling in ge-
wissein Sinne zu erziehen, ihn innerlich von allem Zwang, aller Jugend-
not frei zu machen. Er wunscht, daB der von ihm Geliebte ihm all*
die kleinen leiblichen und seelischen Soigen, die er Eltern und Kamera-
den gewohnlich nicht sagen kann, anvertraue ; er will ihm in seinen oft
dumpfen und qualvollen Ubergangsjahren helfen, so gut er kann,
er will seine Schwachen, seine bosen und schadlichen Neigungen nach
Kraften ausrotten, er will ihn vor Faulheit, Leichtsinn, Liigenhaftig-
keit, Gewohnheitsonanie usw. beschiitzen, will ihn fleiBig, crnst, wil-
lensstark, wahrheitsliebend machen, er will ihm in seiner Arbeit, in
seiner Berufswahl zur Seite stehen und ihm zuletzt alles „Sch6ne"
dieser Welt — Natur, Kunst, Menschen, Freundschaft, Liebe — er-
dieserWelt — Natur, Kunst, Menschen, Freundschaft, Liebe — erschlieiJen.
Wenn derselbc Autor weiterhin sagt : — „Niemals wird erfahrungs^emaB
ein normal veranlagter Junge von iiber 14 Jahren durch gelegentlichen,
]a selbst auch haufigeren homosexuellen Verkehr oder gar durch eine
ernstere physische Freundschaft mit einem Eameraden oder einem
alteren homosexuellen Freund, der ihn liebt, selbst homosexuell.
Das ist ausgesohlossen, — und wer das behauptet, der spricht entweder
^laubig ein Marchen, eine Phrase nach, oder er sagt wissentlich teils
m gehassiger, teils sogar in heuchlerischer Absicht die Unwahrheit,"
so deckt sich diese Erfahrungstatsache voU und ganz mit dem, was
wissenschaftlich festgestellt werden konnte.
Aus unserer obigen Statistik ergab sich, daB 42o/o samt-
licher aus § 176 vtrurteilten Personen unter 21 Jahren, 680/0
dartiber sind. Daraus kann man entnehmen, daB durch eine
zn hoh? Herauf setzung des Schutzalters, die einer Entmlindigung
der in diesem Alter befindlichen Personen nahezu gleichkommt,
itir die Abnahme der Prozesse,. Skandale und Erpressungen auf
homosexueller Grundlage nicht viel gewonnen sein wird. Nament-
lich die Erpressungen werden eher zu- als abnehmen, zumal
der jtingere Teilnehmer nach diesen Vorschlagen und Entwtirfen
straflos bleiben soil. Wi© oft werden hier absichtliche Tau-
schungen der Erpresser vorkommen, von denen schon jetzt nach
unserer Statistik etwa die Halfte jtinger als 21 Jahre ist, denn
unter 200 wegen Erpressungen an Homosexuellen Bestraften be-
f anden sich 104 im Alter yon 21 Jahren und darunter.
Zu welchen eigentumlichen Konsequenzen das Verbot des sexuollen
Verkehrs eines Voiljahrigen mit einem Minderjahrigen fuhren kann,
zeigt eine Geschichte, die nach Veroffentlichung des Schweizer Vor-
entwurfs ein Ziiricher Urning, Schriftsteller von Beruf, entwarf. Er
scbilderte, wie ein neunzehn- und siebzehnjahriger Jiingling in Liebe
zueinandcr entbrannten. AIsj der altere zwanzig wird, nehmen sie tief
bekiimmert voneinander Abschied, um sich zwei Jahre spater, am
VoUjiihrigkeitstage des jiingeren, in alter Liebe aufs neue zu ver-
biuden.
^•^) Cf. Vierteljahrsberichte des W.-h. Komitees, III. Jahiig. p. 12 ff.
Hirschfeld, Homosexualitlt. Q3
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994
Man hat verschiedentlich gemeint, dafl doch schon jetzt
die Gesetze gegen die Homosexuellen so milde gehandhabt wer-
den, daC es sich kaum verlohne, uin ihre Beseitigung so viel
Aufhebens zu maehen. Wir sahen aber, dafl gerade im Parla-
ment und anderswo auf die mangelnde VoUstreckung, um nicht
zu sagen Unvollstreckbarkeit des Gesetzes der groBte
Wert gelegt wurde, um seine Unhaltbarkeit zu beweisen.
In der ersten Reichstagsrede, die in dieser Frage gehalten
wurde, hieO es: ,,der § 175 steht im Strafgesetz, und well er
darin steht, muB er gehandhabt werden. Kann das Strafgesetz
aber aus irgendwelchen Grtinden nicht gehandhabt werden,
wird es nur ausnahmsweise gehandhabt, dann entsteht die Frage,
ob die Strafbestimtnung aufrecht erhalten werden kann.** Von
der GroBe des hier bestehenden MiBverhaltnisses dlirfte sich
kaum jemand eine Vorstellung maehen. Man kann ohne
Schwierigkeit bcrechnen, daB von 1 944 000 n a c h § 175
strafbaren Handlungen hochstens 394 bestraft
werden, wahrend 1 943 606 straffrei bleiben. Dieser
Bereehnung liegen folgende statistische Unterlagen zugrunde,
die fiir die uns beschaftigende Frage so wichtig sind, daB ihre
Darstcllung im Zusammenhange notwendig erscheint.
Unsere Quelle ist die vom Kaiserlichen statistischen Reichsamt
herausgegebene Kriminalstatistik fiir das Deutsche Reich. Bis
zum Jahre 1902 konnten wir hier nur unv'ollkommene Unterlagen gewin-
nen, weil in den Veroffentlichungen alle aus § 176 strafbaren Hand-
lungen unter dem Titel „widernatiirliche Unzucht" zusammengefaBt
wurden. Erst vom Jahre 1902 ab wurde unterschieden zwischen
„strafbaren Handlungen zwischen Mannern" einerseits und „zwischen
Mannern (oder Frauen) und Tieren" anderseits. Dadurch erhalt man
ein viel klareres Bild uber die Bestrafung der Homosexuellen, als es
vorher moglich war. Ich habe nun auf Grundlage der Kriminalstatistik
der Jahre 1902—1910 die nach § 175 erfolgten Verurteilungen -zu-
sammen^cstellt und erhielt dabei die folgenden Resultate :
AVegen Vergehen gegen § 175 waren von 1902 — 1910 an-
g e k 1 a g t : 7009 Personen, also durchsclmittlich jahrlich 778. Von die-
sen waren der ,,Unzucht von Mannern mit Mannern" beschuldigt :
3G81 ^-- 52,50/0 der iiberhaujit Angeklagten. Von diesen 3681 wurden
verurteilt: 2876 = 78,1 o/o.
freigesprochen: 799 = 21,7 o/o,
Verfahren eingesteUt: 5= 0,13o/o.
A' o r b e s t r a f t wegen desselben Vergehens waren :
Imai 413 = 37,60/0 der Vorbestraften = 11,2 o/o der Angekl.
2mal 186 = 16,90/0 „ „ = 6,1 o/o „
3-.)mal 2G6 = 24,2cvb „ „ = 7,2(V^ ,; ,,
6 maJ 11. mebr 231 = 21,3o/o „ „ = G,3o'o „
also in Sa. : 1099 =29,8oo der Angek'i.
^Google
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996
Von den 2876 Verurteilten waren begangen 3819 'strafbare
Haudlungen ; hiervon wurden
verurteilt: 3142 = 82,3o/o der strafb. Handl.
freigesprochen: 672 = 17,6 o/o „ „ „
e i n g e s t e 1 1 1 e s V e r f. : 5 = 0,1 o/o „ „ „
Berechnen wir zum VeiiKleich auch die in demselben Paragraphen ent-
lialt^nen Falle von Zoopnilie, so ergibt sich, daB in demselben Zeitraum
wegen Unzucht mit Tieren
angeklagt waren : 3328 = 47,5 o/o der iiberhaupt Angeklagten.
Es wurden
verurteilt: 2814 = 84,5 o/o der wegen Unz. mit T. Angekl.
freigespr.: 514 = 15,5 o/o „ „ „ „ ,, „
Vorbestraft von diesen waren
Imal 430 = 41,50/0 d. Vorbestr. = 12,8 o/o d. Angekl.
2mal 201 = 19,50/0 „ „ = 6,Oo/o „
3— 5mai 236 = 22,8 o/o „ „ = 7,1 o/o „
6 mal u. mehr 166 = 16,2o;o „ „ = 5,Oo/o „ „
Sa. 1033 =30,90/0 d. Ai^ekl.
Von den 2814 Verurteilten waren begangen 4255 strafbare
Haudlungen : von diesen wurden
verurteilt: 3543 = 83,4 o/o d. str. Handl.
freigespr.: • 709 = 16,6 o/o „ „ „
eingestelltesVerf. : 3 = 0,07 o/o „ „ „
Die bisber mitgeteilten Zahlen beziehen sich auf da^ gesamte Deutsche
Keich ; fiir Berlin liegen die Verhaltnisse ganz ahnlich. In den Jah-
ren 1902 — 1910 wurden wegen Unzucht, begangen zwischen Mannern,
angeklagt: 420 ; hiervon .
verurteilt: 322 = 76,6 o/o der Angeklagten.
freigespr.: 96 = 22,8oo „ „
eingestelltesVerf.: 2 = 0,5 o/o „ „
Wegeu desselben Vergehens waren schon vorbestraft:
Imal 52 = 38,60/0 d. Vorbestr. = 12,4 o/o d. Angekl.
2 mal 21 = 15,60/0 „ „ = 5,Oo/o „
3-5 mal 32 = 23,7 o/o „ „ = 7,6 o/o „
6 mal u. m ehr 30 = 2 2,1 o/o „ „ = 7,1 o/o „ „
Sa. 135 . . . . ^. =32,1 o/o d. Angekl.,
also war etwa der dritte Teil vorbestraft:
Von den 322 Verurteilten waren begangen 441 strafbare
Handlungen; hiervon wurden
verurteilt: 348=79,Oo/o d. str. Handl.
freigespr.: 91 = 20,5 o/o „ „
eingestelltes Verf. : 2= 0,5 o/o ,, „ „
Ein Vergleich dieser Berliner Zahlen mit der Reichsstatistik zeigt
eine auffallende Ubereinstimmung beider. — Noch deutlicher wird dies
zur Anschauung gebracht, wenn man die obigen Zahlen auf die ge-
samte strafmiindige Bevolkerung berechnet. Diese war im lleich
im Jahre 1907 45 893 SG5 ; darunter ca. 22,1 Millionen mannliche und
ca. 23,8 Mill, weibliche Personen. — Fiir Berlin waren die entsprechen-
den Zahlen bei einer Einwohnerzahl von insgesamt 2,8 Mill. 0,96 Mill,
mannliche \md 1,04 Mill, weibliche strafmiindige Personen.
63*
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996
Reichsstatistik.
Jahr
Von 1000 strafmiindigen Personen
wurden bestraft
aus § 176 ' wegen Unzucht mit
iiberhaupt | M annern | Tieren
1902
1903
1904
1905
1906
1907
1908
1909
1910
|.
0.015
0.015
0.014
0.014
0.015
0.014
0.015
0.015
0.016
0.0068
0.0066
0.0062
0.0067
0.0071
0.U070
0.0080
0.0085
0.0 98
Durchschnitt
0.0148
0.0074
0.0082
0.0084
0.0078
0.00/8
0.0079
0.0070
0.0070
0.0065
0.0062
Berliner Statist! k.
Durchschnitt 11 0.026 I 0.0180
0.0074
0.0077
der iiberhaupt aus § 175 Verurteilten war
weiblich bei 8.
Das Geschlecht
im Reiche 1902—1910:
mannlich bei 5682
Dem Ehestande nach waren
1 e d i g 4GM =- 81,6 o/o der Verurteilten.
verheiratet 822 = 14,6o/o „ „
verwitwet oder gesch. 244 =-- 4,Oo/o „ „
Der besseren Ubersicht halber lasse ich die bereits oben im Kapitel
„Verbreituiig" gestreiften Berechnungen nach Alter, Beruf and
Religion folgen :
Alter. Von den Verurteilten waren
unter 16 Jahren: 198= 3, 5 o/o der Verurteilten.
15—18 Jahre: 1144 == 20,1 o/o
18-21 „ 1031 = 18,20/0
21—26 „ 623 = 10,90/0
26—30 „ 697 = 12,20/0
30—40 „ 928 = 16,30/0
40—60 „ 602 = 10,60/0
50—60 „ 319= 6,10/0
iiber 60 Jahre: 148= 2,6 o/o
Mi thin betrug das Durchschnittsalter
25 Jahre ; unter 21 waren 2373 =
alt:* 3317 = 58,2.
der Verurteilten
41,82, iiber 21
etwa
Jahre
Beruf
Verurteilt \y^^.
1. Land- u. Forstwirt.
2. Industrie u. Bergb.
3. Handel u. Verkehr
4. Arbeit, u. Tagel.
5. Ilausdienst
6. Off. u. Hofdienst
7. Ohne Berul
1965
2253
809
370
30
16a
101
84.5
89.6
14.2
6.5
0.6
2.9
1.8
jAuf 100 000 Mannliche
' des betr. Berufes
I entfallen im Jahre
4,13
2 78
8 53
2.74
45
2.93
Zugiunde gclegt wurden folgende Zahlen der Beruf sstatistik
Band 211 der doutschen Reichsstatistik 1913: Mannliche Personen in
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997
Gruppe 1. 5 284 071; 2. 9152 330; 3. 2 646 253; 4. 4149 823; 5. 74162;
6. 618 335; 7. 22,1 MiU. (Volkszahlung vom 12. Juni 1907.)
Religion. Nach der letzten Zahlung lebten in Deutschland
39 991421 Evangelische, 23 821212 Katholiken, 615 021 Israeliten.
1
"
Auf 100 000 Personen
Religion
Verurteilt
0/0
d.Verurt.
des Bekenntnisses
entfallen
E vangelisch
88 5
58.8
9.2
Katholis ch
2332
4i.0
109
J u d e n
84
0.6
6.2
Unbekann t
9
0.1
~
Vergleichen wir nun die Anzahl der bestraften und nicht
bestraften Tater und Taten, so legen wir dieser Berechnung
unsere Statistik zugrunde, nach der zirka 94.6 o/o der Bevolke-
rung heterosexuell, 3.2 o/o bisexuell und 2.2o/o homosexuell sind.
Auf die strafmlindige mannliche deutsche Bevolkerung von
22.1 Millionen entfallen danach:
486 000 Homosexuelle (2.2o/o)
706000 Bisexuelle (3.2 o/o).
Da nun im ganzen 2876 in 9 Jahren wegen gleichgeschleclit-
licher Handlungen verurteilt wurden, so ergeben sich fiir den
Jahresdurchschnitt 1902—1910:
Yon 486000 strafmfindigen m&nnlichen Homosexnellen
319 bestrafte,
486 681 straffreie.
Der Prozentsatz der Bestraften wird noch kleiner, wenn man
berucksiehtigt, dafl zirka ein Drittel von ihnen schon ein oder
mehrere Male vorbestraft waren; es ergibt sich dann, daJJ von
10000 Homosexnellen nur etwa 4 wegen Vergehens gegen § 175
bestraft wurden.
Nimmt man von jedem strafmiindigen mannlichen Homo-
sexnellen jahrlich nur vier sexuelle Handlungen an, eine Zahl,
die ^m Verh<nis "zur Wirklichkeit zu niedrig gegriffen ist,
so ergeben sich bei insgesamt 3543 Verurteilungen ftir den
Jahresdurchschnitt 1902—1910:
Yon 1944000 strafbaren homosexnellen Akten
394 bestrafte,
1943606 straffreie.
Setzt man fiir diese schatzungsweise Annahme die aus vielen Hun-
derteii von Anamnesen statistisch gewonnenen Zahlen ein, so ergibt
sich folgendes:
Auf die Frage: „Wie oft findet sexuelle Betatigung statt?" ant-
worteteii von den mannlichen Homosexuellen 7,6 o/o mit „8ehr oft
oder taglich"; 24,2o/o „ieden zweiten Tag"; 28o/o „ein- bis zweimal
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998
wochentlich" ; 17,2o;o „eiii- bis zweimal im Monat** ; 3,2o/o .,alle Vierte-l-
iahr** ; 15,2oo gaben an: ,,sehr selten, fast gar nicht oder nach Ge-
legenheit"; 3,6 o/o schlieClich hatten nie scxuellen Verkehr gesucht.
— Rechnet man die letzten 15,2 + 3,6 o'o als abstinent, so kommen
wir zu folgendem SchluB: Etwa 18,8 o/o der mannlichen Homosexuellen
geben an, sexuell vollstandig oder fast ganz abstinent zu sein ; die
iibrigen 81,2o/o betatigen sich nach ihrer Angabe im Durchschnitt
etwa 74mal im Jahre, also monatlich etwa sechsmal. Das ergilbe
bei 486 000 strafmiindigen tnannlichen Homosexuellen jahrlich zirka
36 Millionen sexiielle Handlungen. Rechnet man nun hiervon 10 "..
als mutuelle Onanie, die straff rei bleibt, ab, so ergibt sich fiir den
Jahresdurchschnitt 1902—1910:
Von zirka 24 000 000 strafbaren Handlungen wurden
beistraft 394 = 0,0016 o/o ; blieben straff rei 2399960G =
99,9984 0/0.
Starker als durch diese Zahlen kann wohl das bestehende
Keich^gesetz nicht ad absurdum geflihrt werden. Was wurden
wir iiber ein Gesetz sagen, das die Onanie verbietet oder be-
siraft? Es wurde allein schon infolge seiner Undurchfiihr-
barkeit der Lacherlichkeit verfallen. Nicht viel anders ist es
mit den Strafandrohungen gegentiber homosexuellen Akten, ftir
die, sowohl hinsichtlich ihrer Verbreitung, als hinsichtlich ihrer
Verborgenheit und UnfaBbarkeit ganz ahnliche Voraus-
setzungen bestehen.
Man hat sogar verschiedentlich der Meinung Ausdruck gegeben,
daB die Strafandrohungen die Verbreitung homosexueller Akte fordern
konnt^n.
Wenn S te ing i e Ber i^) einmal schreibt: ,Jrgend welch ein Ein-
fluB, auch der schwersten Strafen, auf die Haufigkeit der Pikierastie,
liiBt sich durchaus nicht nachweisen, im Gegentcil," so denkt er viel-
leicht bei den beiden letzten Worten an den alien Satz, daB ein Ver-
bot nur zu leicht ein Verlangen anstachelt, ahnlich wie es in den
Aufzeichnungen von Ewald Alienus -''^) heiBt : ,,Die Siinde lockt. Es
ist unendlich verfiihrerisch, sich leichtsinnig in Gefahr zu begeben, zu
wisseu, daB etwas auf dem Spiele steht, vielleicht das Leben. Das ist
herrlich.**
Sagte mir doch einmal ein osterreichischer Bisexueller: „Von
dem Tagc ab, an dem der Straf paragraph gegen mannmannlichen Ver-
kehr aufgehoben wird, gehe ich nur noch zu Frauen." Auf meine er-
staunte uegenfrage erklarte mir der offenbar stark zum Masochismus
neigende Herr, daB, wenn die Verfolgung aufhore, der Reiz des Aben-
teuerlichen verloren gehen wiirde, der ihn gerade zu dieser Liebe zoge.
Handelt es sich hier um extreme Ausnahmefalle, so be-
anspruchen Carpenters Satze 21) allgemeinere Bedeutung : „In-
dem man diese Menschen notigt, jede AuBerung ihres Gefiihles
zuriickzuhalten, gibt man schlieBlich nur AnlaB zu einer um so gewalt-
samereii Entladung der dadurch erzeugten inneren Spannung; und
man darf wohl annehmen, daB das Britische Sittengesetz, das schon
die geringsten AuBerungen einer Zuneigung zwischen Jiinglingen und
Manneru verbietet, in Wahrheit seiner eigenen Absicht entgegenwirkt."
^^) Ferdinand SteingieBer, „Sexuelle Irrwege** (zit. nach
Leexow, 1. c. p. 7.)
20) „Ewald Alienus, Briefe eines einsamen Kampfers" von W illy
S a u e r , Leipzig, o. J. ; p. 132.
21) Carpenter, Das Mittelgeschlecht ; p. 67.
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AUes in allem kann man sagen, daB die Strafverfolgung
nicht die Quantitat, sondern nur die Qualitat homosexueller Be-
ziehungen vermindert.
Wie erklart sich nun aber iwohl diese ungeheure Kluft
zwischen „Schiildigen*' und Bekls^^gten, zwischen begangenen und
bestraften Handlungen? Da kommen im wesentlichen zwei
G r ti n d e in Betracht. Der eine Grund ist der diskrete Cha-
rakter sexueller Handlungen im allgemeinen und homosexueller
im besonderen. Berucksichtigt man, daB beide Partner, die als
Tater in Betracht kommen, die strafbare Tat an sich und unter
fijich vornehmen, ohne Verletzung dritter Personen, daB die
Tater mit ganz verschwindenden Ausnahmen die einzigen
Zeugen ihrer Handlung sind, so ist es klar, daB! es nur ganz
auBerordentliche Nebenumstande sein konnen, die unter vielen
hunderttausenden Delikten eine einzige aus der Stille des Schlaf-
zimmers vor das Forum des Gerichts, aus dem Dunkel der
Nacht in die Helle des Tages ziehen. Man kann es danach be-
greifen, daB Homosexuelle den Zufall, der sie den Gerichten
zuftihrt, meist nur als einen Unfall empfinden, den sie zu
erleiden haben, nicht etwa als Stihne oder Abschreckungsmittel ;
sind sie sich doch nur zu genau daruber klar, daB sie sogleichl
nach ihrer Entlassung dieeelbe Handlung, ftir die sie jetzt^
mehrere Monate hinter SchloB und Riegel saBen, periodisch
wiederholen werden.
Ich babe es erlebt, dali Urninge, die nach langerer UntersQchungs-
haft zum erstenmal wieder Korper an Korper auf der Anklagebank
saCen, sich wahrend der Verhandlung hinter der Barre durch iBe-
tasten ad eiaculationem befriedigten. Die Richter merkten nicht s
davon, wohl aber der Sachverstandige, dem die Angeklagten es nach
dem Termin bestatigten.
Die Zufalligkeiten, die zur Stfafverfolgung eines Uraings
fiihren, sind hochst absonderliche. Vor einem bayrischen Ge-
richt hatte ich vor einiger Zeit einen Schauspieler zu begut-
achten, der wegen einer Tat sistiert war, die vier Jahre zuvor
begangen sein sollte. Ein Zahntechniker hatte namlich in der Beichte
einem Priester, als jdieser ihm die direkte Frage vorlegte, einge-
standen, einmal mit einem Manne Unkeuschheit getrieben zu haben.
Der Geistliche . woUte nur Absolution erteilen, wenn der Beiclitende,
ein eben etabliorter Mann von 25 .Tahren, seinen ,,yerfiihrer" den
weltlichen Gerichten anzeigen wiirde. Weder er noch der Zahntechniker
wuBten, daB der passive Teil ebenfalls an^eklagt werden wiirde. Es
ist namlich, namentlich bei der immissio m os, ein haufiger Irrtum,
daC der Denunziant imeint, er sei selber straffrei, weil der andere
sich ja nur an seinem membrum zu schaffen gemacht hatte, „er hatte
seinerseits ja nichts getan". Dieser Irrtum wird von Polizei- oder
Gerichtsbeamten in ihren Verhoren nicht selten sogar gefordert. In
dem vorliegenden Fall erhielt der Schauspieler acht Monate Gefangnis,
wobei man es ihm als besondere Verstocktheit anrechnete, dafi er
behauptete, sich nicht mehr auf die Einzelheiten der Straftat besinnen
zu konnen. Den Grund dafiir, daB er namlich seitdem Hunderte ahnlicher
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Handlungen begangen hatte, verschwieg er wohlweislich. Der fromme
Zahntechniker kam mit 14 Tagen davon.
Eine der hauf igsten Zufalligkeiten, durch welche
Straftaten nach § 175 vor die Gerichtsschranken kommen, sind
Schriftstticke oder Bilder (Ansichtskarten), die in die Hande
dritter Personen gefallen sind, meist bei Nachforschungen, die
aus ganz anderen Anlassen angestellt warden. Mehr als einmal
ist so durch Brief e, Notizbiicher (mit Adressen), Tagebiicher
oder Photographien eine Lawine ins Eollen gebracht worden,
die erst aufhorte, als sie zu weit um sich griff, oder ins
Stocken geriet, weil sie auf Personen stiefl, deren Schonung
'wlinschenswert erschien.
Der zweite Grund der so geringfugigen Bestrafungs-
ziffern ist, wie dies im deutschen Reichstag richtig hervor-
gehoben wurde, die relativ milde Praxis der Polizeibehorden.
Vorbildlich ist in dieser Hinsicht Berlin.
Hier wirkte bereits in den aohtziger Jahren^*) des vorigen Jahr-
hiinderts ein hoherer Polizeibeamter Leopold v. Meersoheidt-
Hiillessem, der, als ihm die „Paderastenabteilung** am Berliner
Polizeiprasidiimi iibertragen wurde, iiber die „widernatiirliche Un-
zucht" zunacbst dieselbe Ansicbt habte, wie sie damals gang und gabe
war; er hielt sie filr eine durcb geschlechtlicbe Obersattigung hervor-
gerufene Ausschweifung. „Er wm*de aber, (wie es in seinem Nachruf
m unseren Jahrbiichern heiBt) stutzig, als er Gelegenheit hatte, zu
beobachten, dafi viele der Angeschuldigten klardenkende, oft in hohen
sozialen Stellungen, oder in allgemein geachteter Berulstatigkeit
sti^hende Menschen waren, und dafi fast iiberall das elende Gezvicht der
niedrigst-en Gelderpresser als Anklager auftrat. Einmal aufmerksam ge-
worden, liei3 ihm die Sache keine Kuhe. Er ahnte ein psychologisches
Motiv, dessen Erforschung ihn reizte. Zufallige Begegnungen iiihrten
zu weiteren Forschungen, und da es nach und nach auch in urnischen
Ivreisen bekannt wurde, dai3 der Kriminalinspektor von Meer-
scheidt-Hiillessem kein prinzipieller Gegner des Urningtums sei,
wendeten sich einzelne Hartbedrangte in ihrer Herzensangst an ihn."
Von dem Zeitpunkte an, da sich ihm die merkwiirdige Tatsache offen-
barte, daB die sogenannte paderastische Neigung durchaus keine laster-
hafte An^^ewohnung, sondern ein in gewissen Individuen angeborenes
Naturbediirfnis ist, war er unermiidlich bestrebt, sich selbst und dann
auch die zustandige Behorde aufzuklaren, ja, in geeigneten Fallen selbst
fiir die Bedrohten einzutreten und ihre Sache zu fiihren.
Als er im Dezember 1900 unerwartet friih starb, fand* sich
in seinem NachlaB ein voUstandiges Manuskript, eine Broschiire,
die er ausdriicklich selbst fiir den Druck nach seinem Tode be-
stimmt hatte.
Welche hohe Bedeutung er diesen Aufzeichnungen selbst beilegte,
geht aus einem Brief hervor, den er kurz vor seinem freiwilligen Tode
22) Ubrigens s'chrieb schon 1860 Polizeidirektor Dr. Stieber-
Berlin in seinem „Praktischen Lehrbuch der Criminalpolizei" (c. 19) :
„Unter denen, die diesem traurigen Laster erlegen sind, gibt es sogar
ganz geistreiche, talentvolle und hochgestellte Manner von gutmutigem,
sogar edlem Charakter."
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an einen Freund tichtete, in welchem es u. a. heiBt: „Sie wissen, ich
war mit Leib und Seele Kriminalist, aber im anstandigen Sinne keiner
von denen, die ihre Freude daran finden, Menschen hineinzulegen.
Mir erschien es schoner, wo ich es mit dem Amte vereinigen konnte,
zu helfen. Fiir meinen Beruf als solchen im guten Sinne habe ich
gelebt, fiir ihn tvill ich sterben. Die Stimme des Lebenden wird
nichts erreichen, die des Toten wie Donnerschlag einschlagen, undalles
vom Kaiser herab wird zu dem Voiigetragenen, mit dem sich dann die
offentliche Meinung aller Kreise beschaftigen wird, Stellung nehmen
und so die Kegierung zum Vorgehen zwingen."
Er bestimmte dann, daB der Freund sich sogleich mit mir wegen
Veroffentlichung des Manuskripts in Verbindung setzen sollte. Die
hohere Behorde konnte sich jedoch nicht entschlieBen, uns das Ma-
nuskript zur Verftaing zu stellen, weil in ihm „amtliches Material"
verarbeitet sei. „Und somit bleibt," wie G. in seinem Nekrolog
schreibt, „dies kostbare Vermachtnis, das der tapfere und klarblickende
Mann alien denen, die der § 175 bedroht, hinterlassen hat, hinter
SchloB und Riegel, wie es in der Geschichte der Mensohheit so
haufig in ahnlicnen Fallen vorgekommen ist."
,;Wir haben Gelegenheit gehabt," schreibt dieser Freund, an den
er seine letzte Aufforderung gerichtet hatte, „schon zu Lebzeiten des
Polizeidirektors von Meerscheidt-HiiUessem in das erwahnte Manuskript
Einblick zu gewinnen und konnen versichern, daB es mit voller Klar-
heit und Sachkenntnis, aber auch mit groBer Offenheit und Riick-
sichtslosigkeit gehalten ist. Seiner polizeilich geschulten Einsicht war
es besonders unertraglich, daB eine Anzahl verlotterter Subjekte sich den
Gesetzesirrtum zunutze machen, und ein Ausbeutesystem gegen
die Urninge anwenden, dem viele Ungliickliche zum Opfer geworden
sind und noch immer werden. Aber er hatte auch Verstandnis fiir
die andere Seite der Sache: fiir das innere Elend derjenigen Indi-
viduen, die mit klarer Einsicht in die Sachlage dem urnischen Damon
verfallen sind, ohne isich davon befreien zu konnen."
G. fCigt hinzu: ^,Jeder personliche Zweck stand ihm fern; ihn
interessierte die Sache an sich in geradezu leidenschaftlicher AVeise
bis zu seinem Lebensende. Als gewesener Offizier war er stets bereit,
die Initiative zu eigreifen, und er verlegte sich nicht gprn aufs
Abwarten, So wurde es ihm schwer, auf die offentliche Darlegung
seiner Ansichten verzichten zu miissen. Wahrlich, das .,amtliche Ma-
terial" bot den geringsten Teil seiner Beobachtungen ; seine j)erson-
Jichen Beziehungen und Erfahrungen iiberwogen bei weitem die in den
Akten verzeichneten, oft von Furcht oder Irrtum diktierten Bekehnt-
nisse der Opfer des unseligen § 175." '
Mit vollem Recht durf te sich Meerscheidt-HUlles-
s e m in einem Brief e, den ich selbst etwa eine Woche vor seinem
Hinscheiden erhielt, rtihmen, „dafl er in dieser Hinsicht Vor-
kampfer ftir Licht und Recht gewesen und Hunderten« uneigenr
nlitzig mit Rat und Tat zur Seite gestanden, viele vor Schande
und ,Tod bewahrt hat.**
Konnte auch seine echriftliche Hinterlassenschaft seinem
letzten Willen entsprechend bisher nicht Verwendung finden, so
blieb doch ein anderes Vermachtnis unvermindert bestehen: der
humane und wissenschaftliche Geist, den er dem Dezernat fiir
hiomosexuelle Angelegenheiten eingepflanzt hat, das seit ihm
mit der Abteilung fiir das Erpresserwesen verbunden ist. Er
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libertrug diese Anschauungen auf seinen Mitarbeiter und Nach-
folger, den jetzigen Kriminalinspektor Hans vonTresckow I,
der von 1900 — 1910 •wie sein Vorganger Hunderte homosexueller
Menschen vor Verzweiflung und Selbstmord errettete. Ihm zur
Seite stand bereits langere Zeit der Kriminalkommissar Dr.
Heinrich Kopp, als er am 1. Januar 1911 an seine Stelle
rticlrbe und seitdem mit gleichem Verstandnis sein schwieriges
Amt verwaltet.
Dr. K o p p s Auffassung tritt in einem Vortrage zutage, den er am
19. Juli 1911 in der juristischen Abteilung der Berliner freien Stu-
dentenschaft hielt; er sagte hier: „Ich habe in meiner jahrelangen
Praxis mit Tausenden von Homosexuellen zu tun gehabt. Es gibt
nichts, von dem ich so fest iiberzeugt ware, als daB die Homosexualitat
weit davon entfernt ist, ein Laster zu sein. DaB es eine angeborene
Naturanlage ist, das sieht man greifbar vor sich, wenn man ein
wenig die Augen aufmacht. Der einfachste Schutzmann, der neu in die
Piiderastenpatrouille hineinkommt, kommt bald zu der tJberzeugung :
diese Leute konnen ^ichts dafiir. Das ist schon oft gesagt, aber
leider hat es noch nicht iiberall Boden gefaBt. Es gibt keinen Eman-
zipationskampf, der solche Schwierigkeiten hat, wie der Emanzipations-
kampf der Homosexuellen." Dr. Kopp laBt sich dann ausfiinrlicher
iiber die an Homosexuellen veriibten Erpressungen aus und fahrt fort:
„Sie wissen nicht, welche Summe von Menscnenleid und Menschen-
qualen in solchen Erpressungen steckt. Die gerichtliche Verhandlung
ist immer erst der AbschluB. Dann sitzt der Erpresser hinter SchloB
und Riegel, und das Opfer atmet erleichtert auf. Aber was vorher-
gegangen ist, bis der ErpreBte die Energie hatte, Anzeige zu erstatten,
ist nicht zu beschreiben."
Man wird es naeh dieser Schilderung der Stellung der
Berliner Kriminalpolizei verstehen, daB das Wissenschaftlich'-
humanitare Komitee seit seiner Begrtindung im Jahre 1897
mit ihr in bestem Einvernehmen arbeitete, und dafl ich einmal
schreiben durfte: ,,Sollte les einmal zu der Beseitigung des
§ 175 kommen, so wtirde dies der verdienstvoUen praktischen
Tatigkeit der Trias hervorragender Berliner Kriminalisten
auf diesem Gebiete, v. Meerscheidt-Hiillessem, von
Tresckow und Dr. Kopp nicht minder zu danken sein, wie
denjenigen Mannern, die durch wissenschaftliche Arbeit und
Aufklarung dieses Ziel zu erreichen bestrebt waren.**
Stehen die auswartigen Polizeior^ane auch nicht auf so voriu-teils-
loser kriminalwissenschaftlicher Hohe wie die Berliner. Be-
horde, so befleiBigen sie sich doch auch vielfach den Homosexuellen
gegeniiber einer verhaltnismiiBig weitgehenden Toleranz, und auch
anderswo ist unter dem unmittelbaren Eindruck urnischer Personlich-
keiten mehr als ein einsichtiger und nachdenklicher Beamter aus
ejnem Saulus ein Paulus geworden.
Auch die von den Polizeibehorden gefiihrlten „PaderastenIisten"
— die Berliner Kartothek we ist allein 20—30 000 Namen auf — tragen
nichtj wie von den Urningen vielfach angenommen wird, einen aggres-
siven oder bedrohlichen, sondern nur einen informatorischen CJha-
rakter, damit, wie Meerscheidt-Hullessem sagte, vorkommen-
denfalls bei Verbrechen, die an oder von Homosexuellen begangen
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werden, die Behorde unterrichlet ist, {)b die Betrefiendeu im X'erdacht
gleichgesclilechtlicher Neigungen standen. Dem Dezernenten fiir liomo-
sexuelle Angelegenheiteii stehen in Berlin 10 Unterbeamte zur Seite,
von denen drei im Innen-, sieben im AuBendienst beschaftigt sind.
Von Homosexuellen und ihren Wortfiihrern (auch sclion
von U 1 r i c h s) ist wiederholt angeregt worden, dafl die Urninge
selbst ihre Namen als solche der Polizei bekannt geben
soUten. An Ellis^^) schrieb eine Dame aus Amerika: ,, Inverse
sollien den Mut und die Selbstandigkeit haben, sich als solche
zu bekennen und eine Untersuchung fordern/* Auch das Wissen-
schaftlich-humanitare Komitee hat sich wiederholt^*) mit An-
tragen zu beschaftigen gehabt, die dringend eine Massen-Selbst-
denunziation der Urninge forderten.
Die „Leipziger Illustrierte Zeitung" vom 16. November 1905 25)
meinte bei einer solchen Gelegenheit: „Der letzte Monatsbericht des
.,Wissenschaftlich-humanitaren Komitees" hat sich mit einem kuriosen
Antrag befafit, der jallerdings keine Zustimmung fand. Es sollten
danach 1000 Homosexuelle sich selbst dem Staatsanwalt wegen Ver-
gehens gegen § 175 denunzieren, aber gleichzeitig durch Verweigerung
naherer Angaben iiber Partne^r, Zeit und Ort des Delikts eine Ver-
urteilung unmoglich machen. Dadurch, meint der Antragsteller, werde
das Gesetz ad absurdum gefiihrt ; denn entweder miisse ein non
liquet Oder die Einstellung des Verfahrens die Folge sein. Der Autor
des Antrag.s halt das von ihm empfohlene Vorgehen fiir mannhaft.
Hiibsch ausgiedacht. Ich weiC aber noch einen hiibscheren Antrag.
1000 nichthomosexuelle Freunde der Bewegung tun sich zusammen
und denunzieren sich beim Staatsanwalt wegen Vergehens gegen § 175.
Die Verlegenheit des Staatsanwalts ware dieselbe — die Sicherheit
der Selbstdenunzianten aber erheblich groBer."
In ernstere Erwagung zog K. K r a u s in Wien diesen Ge-
danken, indem er meinte^^) : , Jch bin der Ansicht, daU nur dann
ein Sieg iiber den menschenmorderischen Para^raphen in
Deutschland und Osterreich zu erringen sein wird, wenn die
namhaftesten Homosexuellen sich offentlich zu ihrem Verhangnis
bekennen.'* Auch Dr. jur. Kurt Hiller^^) schlagt in seinem
Aufsatz „Ethische Aufgaben der Homosexuellen*' eine Massen-
Selbstdenunziation von Homosexuellen vor, um zu ihren Gunsten
auf Gesetzgebung und offentliche Meinung einzuwirken. Sicher-
lich ware es ein wirksames Kampfmittel, wenn mehrere Tausend
Manner und Frauen von Rang und Stand ein solches Be-
kenntnisopfer bringen wlirden. Der Vorschlag tibersieht
aber eins: die Urningspsyche ; durch sie wird der Gedanke
utopistisch und illusorisch. Denn die auBeren und inneren Henv
w) H. Ellis, Sexual- Inversion, p. 213.
^*) Cf. Monatsbericht des Wiss.-human. Komitees, 1906, Nr. 11
12.
»5) Cf. Mon.-Ber. des W.-h. Komitees, 1905, Nr. 12, p. 23.
««) Cf. Mon.-Ber. d. W.-h. Komitees, 1906, p. 9.
") Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. XIII, Heft 4, p. 406 ff.
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mungen sind viel zu stark, als daB eine nennenswerte Anzahl
im sozialen Leben stehender Urninge es tiber sich gewinnen
konnte, sich frei und offen als homosexuell zu bekennen.
Hatte doch einer der eifrigsten Verfechter dieser Idee, als ihin
einmal in der Offentlichkeit homosexuelle Neigungen nachgesagt wur-
den, nichts Eiligeres zu tun, als den Zeitungen eine Berichtignng
%\x ubersenden, in der er sich pegen diese Annahme verwahrte. Daher
diirfte wohl der Verfasser der Enterbten*^) recht haben, wenn er schon
vor Jahren schrieb: „Gesetzt den Fall, es wiirde zur Stunde, einem
Ubereinkommen der Volker gemaB, plotzlich eine allgemeine Uraniden-
Amnestie ausgerufen und jeder derselben aufgefordert, ungescheut
seinen Namen in die aufliegenden Urning-Zahllisten einzutragen, um
endlich zur Klarheit dariiTOr zu gelangen, ob der Prozentsatz der
Menschheit an Homosexuellen itatsachlich eine umfassende Reform
aller Lebensgesetze erheische — so wiirden ganz gewiiJ unter hundert
Uraniern kaum d r e i es uber sich gewinnen, die mit ihrem Wesen bei-
nahe festgewachsene Maske plotzlich fallen zu lassen." Man hat auch
vorgeschlagen, daB sich Uranier wenigstens in ihrem Testamente als
loiche bekennen mogen. Aber selbst dazu fehlt den meisten der Mut.
AuBer den gesetzgebenlden Korperschaf ten sdnd es noch
«wei weitere Faktoren, welchfe ftir die Befreiung der Homo-
sexuellen von Bedeutung sind: die offentliche Meinuniff
oder das sogenannte „VolksbewuBtsein** und die wis sen-
schaftliclieForscliung. Alle drei stehen in einer gewissen
Wechselwirkung zueinander. Jedoch sehen wir, daB die Gesetz-
gebung sich in dieser Frage immer weniger auf die Wissenschaft
als auf das Volksempfinden stiitzt und 'beruft, wahrend
dieses hinwiederum in liohem MaBe von den Strafbestinmiungen
selbst und den MaBnahlnen der Staatsanwaltscliaft beeinfluBt
wird.
Priifen wir dieses Motiv jedoch naher, so eigibt sich, dafi das
Volksempfinden in Sachen der Homosexuellen zum groUen Teile
auf der inlgen Voraussetzung beruht, daB ein bestimmter Akt (die immissio
in anum) die iibliche Verkenrsart sei, und daB auch diese nur unter den
Begriff der widernatiirlichen Unzucht falle. Legt man dem Volksempfinden
eine so entscheidende Bedeutung bei, so sollte man dann wenigstens
auch nur solche Akte strafen wollen, oder aber im Einzelfalle die
Verf olgung von einem privaten Strafantrag abhangig niachen.
A.uch meint das Volksempfinden, daB es sich um Personen handeli,
die sich im Verkehr mit dem Weibe ubersattigt haben, wahrend in
Wirklichkeil das Gegenteil der Fall iat.
Die 1. Nr. 1906 des XI. Jahiiganges der ,„Deutschen Juristen-
xeitung" (O. Liebmann-Berlin) enthalt eine beachtenswerte Abhandluii^
iiber „Die Rechtsprechung in Strafsachen und das allgemeine Rechts-
bewuBtsein" aus der Feder des Reichsgerichts-S enatsprasidenten
Dr. Freiherrn von Biilow, worin sich folgender bedeutsamer Passus
befindet : „Es ist das ,allgemeine RechtsbewuBtsein* oft ein sehr
unklares und sucht die Mangel und MiBstande an der verkehrten Stelle.
Wer nicht durch jahrlange Ubung sich an griindliche und obiektive
Priifung von Rechtsfragen gewohnt hat, ist leicht geneigt, sein Rechts-
bewuBtsein, sein Rechtsgefiihl ohne weiteres fiir das allgemeine zu
58) Loo. cit. p. 244.
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halten. Das s&eigt sich in vielen Fallen, 2. B. bei dem Versuch mit
untauglichen Mitteln, bei der Beschimpfung kirchlioher Einrichtungen,
dem § 175 R. - S t r. - G. - B., dem MiBbrauch des Koalitionsrechtes
und den Ausschreitungen ausstandiger Arbeiter gegen Arbeitswillige,
bei der Beleidigung una der Wahrnehmung ,berechtigter Interessen*."
tJbrigens wird vielfach, namentlich von Homosexuellen
selbst, behauptet, daB das Volksempfinden ilinen gegeniiber
tiberhaupt nicht so rigoros sei^ wie angenommen werde ; daB das
einfache Volk sie viel eher mit harmlosem Spott, als mit eifern-
dem HaB und Hohn betrachte. Auch nach eigenen sehr umfang-
reichen Ermittelungen in dieser Frage bin ich tiberzeugt, daB,
wenn es die Gesetzgebung heute von einer Volksabsitimmung
abhangig machen woUte, ob die Homosexuellen waiter bestraft
werden soUen oder nicht, 90 0/0 der Bevolkerung nach Jfenntnis
des wahren Sachverhaltes gegen die Bestraf ung votieren wtirde.
Wie naiv man auch in hoheren Gesellschaftskreisen vielfach
den gleichgeschlechtlich Empfindenden beurteilt, moge als Beispiel eine
kleine Geschichte belegen, die mir kiirzlich ein Urning der Aristokratie
ersiablte. Er unterhielt sich bei einem Empfang in einem unserer ersten
Hotels mit einer ^ehr hochgestellten alteren Dame, die von seiner
eigenen Veranlagung nichts wuBte, als ein kleinstaatlicher Prinz ein-
trat, dessen Uranismus infolge seiner Ehescheidung allgemein bekannt
feworden war. Da unterbrach sich die Dame \md sagte: „Ach, da
ommt Prinz X., finden Sie nicht auch, die nettesten Leute sind doch
die Herren vom Paragraphen, ich wenigstens habe das in
meinem langen Leben oft bestatigt gefunden."
In ahnlicher Weise wie diese Geschichte zeigen zahlreiche
Scherze, denen man in Witzblattern und im Volke kursierend
begegnet, dafl das wahre Volksempfinden, auf dessen angebliche
Feindseligkeit sich der Vorentwurf sttitzt, viel mehr auf
spott^nde Ironie als auf fanatischen Groll gestimmt und ein-
gestellt ist. Aber selbst wenn dies bei vielen Personen dennoch
der Fall ware, so konnten diese Gef tihle schon deshalb keinen
ausschlaggebenden Rechtsgrund bilden, well es sich um .sexuelle
Dinge handelt, in denen die Kontrainstinkte an und ftir sich sehr
subjektiv sind. Die Erf ahrung zeigt, daB gerade im Geschlechts-
leben dasjenige, was den eigenen Neigungen entgegengesetzt ist,
meist instinktive Affekte des Ekels und der Unlust auslost, die
man nur zu leicht zu verallgemeinern sucht, ganz abgesehen
davon, dafl man sich von der Betati^ung der fremden, unver-
standlichen Neigung die libertriebensten Vorstellungen macht.
Auch der Strafrechtslehrer Mittermaier sagt : „Der Grund,
dafJ die Handlun^en des § 175 das Volksgefuhl emporen, kann heute
nicht mehr fiir die Strafbarkeit geniigen." Es sei endlich bemerkt, daB
man sich doch auch bei anderen Gesetzesentwiirfen, etwa JFinanz-
odor AVahlrechtsreformen, nicht auf die herrschende Volksanschau-
ung beruf t, wie denn auch tatsachlich an k e i n e r anderen Stelle des
Voreutwurfes zum Strafgesetzbuch dieses Motiv als maBgebend hervor-
gohobeii ist.
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Betrachtet man als Ausdruck der offentlichen Meinung die
Press e, so zeigt sich, daB gerade diese ihre Anschauungen
hinsichtlich der homosexuellen Frage wiederholt stark ge-
wechselt hat.
Es ist voiigekommen, und der Fall steht nicht vereinzelt da, daB
eia und dieselbe Zeitung^s), welche anlaBlich des Falles K r u p p die
Beseitigung des § 175 befiirwortete, „jenes in anderen Landern Langst
au^ehobenen Paragraphen, der die sexuellen Abnormitaten des Man-
nes nicht als krankhafte, sondern als strafwoirdige MiCstande jbe-
trachtet, des Paragraphen, der in unsere moderne Kulturwelt hinein-
paCt, wic die mittelalterliche Praxis, Geisteskranke als vom Teufel
Besesseno zu bestrafen," daU diese Zeitung fiinf Jahre spater ge-
legentlicli des Falles Eulenburg schrieb : „Paderastie ist ein Ruck-
fall in die Barbarei ; Homosexualitat ist Hundemoral. Das muB derb
und klar ausgesprochen werden. Der Erziehung fallt die Aufgabe
zu, den Willen zu starken, dem Strafgesetz, don Willensschwachen zu
isolieren, damit Krankheit und Sittenverderbnis einzelner nicht zu
einer Volksseuche werden, die auf ihrem verheerenden Zuge die hcrr-
lichsten Hoffnungen einer unvergleichlichen Kultur vernichten miiBte."
Besonders kann man dieses Umschwenken bald nach der
einen, bald nach der anderen Seite beobachten, wenn neue Pro-
zesse Oder Katastrophen, die mit der Homosexualitat in direktem
oder indirektem Zusamtnenhange stehen, die Offentlichkeit be-
schaftigen.
So war es beispielsweise in England nach dem Oscar Wilde-
Skandal, in Deutschland friiher beim Fall Zastrow, in der Schweiz
nach der Hinrichtung Desgouttes', und so ist es noch neute, wo
Falle, die blitzartig grell das Schlachtfeld beleuchten, sich gehauft
haben, nicht etwa weil die Homosexualitat als solche haufiger gewor-
den ist, sondem weil ihre Publizitat zugenommen hat. Viele Falle,
die friiher als Selbstmorde aus unbekannten Griinden, als Eheschei-
dungen auf Grund uniiberwindlicher Abneigung, als Sonderlingstum
und anderes rubriziert wurden, werden jetzt richtiger erkannt .und
eingereiht. So waren die auCeren Anlasse der riicklaufigen Stromung
des Jahres 1907 im Befreiungskampf der Homosexuellen ohne Zweifel
die Sensationsprozesse gewesen, die im Oktober dieses Jahres ein-
setzten. Hatte es sich dabei um unkompljziertere Prozesse
aus § 175 gehandelt, so ware ihre Wirkung vermutlich keine ♦so
verheerende gewesen; es waren jedoch Prozesse wegen MiBbrauchs der
militarischen Dienstgewalt, wegen Meineids, wegen Verleumdung, die
sich gegen Homosexuelle richtoten und die diese, trotzdem es durch-
aus nicht etwa typische Falle waren, in einem besonders ungiiustigen
Lichte erscheinen liei3en. Eine ganze Reihe von Yorkommnissen
waren bereits diesen Ereignissen vorausgegangen, die wie Wetter-
leuchteii das kommende Ungewittor verkiiudigten. 1902 starb Alfred
K r u p p , weil man behauptete. er sei homosexuell. Ob es wahr
war oder nicht, ob er eines natiirlichen Todes starb oder nicht, ma^
dahingestellt bleiben. Anerkannt ist von alien Seiten, daC er an der
von der italienisclien in die deutsche Presse iiborgegangenen B o -
hauptung der Homosexualitat zugrunde ging. Kurze Zeit darauf
schofi an der Hedwigskirche in Berlin in furchtbarer Verzweiflung der
Landgerichtsdirektor H. auf seinen Erpresscr, der ihn unter der
-9) Cf. Hamburger Fremdenblatt vom 30. Nov. 1902 und 31. Okt,
1907.
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1007
t)rohung, seine Homosexualitat zu enthiillen, um sein ganzes Vermogen
und Lebensgliick gebracht hatte. Und wieder ein JahJ spater stiirzte
sicli der vielfache Berliner Millionar H. I. ins Wasser, weil ein Ver-
fahreu wepen Meineids gegen ihn eingeleitet war, in dem die von
eiuem Erpresser behauptete Homosexualitat eruiert werden sollte. Da-
zwischen lagen zahlreiche andere Vorfalle, die zwar nicht so groBes
Aufsehen erregten, aber doch in weitesten Kreisen besprochen warden,
wie der tragische Tod des der Homosexualitat beschuldigten Freiherrn
von F. bei der Heimkehr von seiner Hochzeitsreise, der furcht-
bare Selbstmord des Gardehauptmannes von T., der sich am Mor-
gen des Tages vergiftete, an dem er sich wegen der ihm von einem
unteroffizier nachgesagten Homosexualitat verantworten sollte; der
Verzicht des Prinzen F. H. auf die Herrenmeisterschaft im . . . orden
wegen der Geriichte iiber seine gleichgeschlechtliche Anlage und noch
eine sehr groBe Anzahl kleinerer Ereignisse, die alle das homosexuelle
Problem beriihrten. Hatten alle diese Vorkommnisse die offentliche
Meinung verbal tnismafiig nicht gerade zuungunsten der Homosexuellen
beeinfluBt, so fiihrten die Prozesse gegen die Potsdamer Grafen H. und
L. wegen MiCbrauchs der Dienstgewalt, gegen Brand wegen Ver-
leumdung des Reichskanzlers B ii 1 o w , gegen Fiirst Eulenbarg
wegen Meineids zu wahren Wutparoxysmen gegen die Homo-
sexuellen, trotzdem man sich bei ruhiger Uberlegung hatte sagen miis-
sen, daB diese Falle nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hatten.
ob die Toleranzforderung der Homosexuellen, welcher sich so
vieie juristische und medizinische Fachleute angeschlossen hatten,
berechtigt oder unberechtigt seien.
Ein zweiter Umstand, der viele flir die Befreiung der Homo-
sexuellen schon gewonnene Freunde wieder abwendig machte,
waren |tibertriebene Nebenstromungen, die das Be-
streben zeigten, die Homosexualitat auf Kosten anderer Gefiihls-
riehtungen in den Vordergrund zu drangen. Wie wohl jede sich
starker entwickelnde Organisation, so hatte auch die Urnings-
befreiung unter Schwarmgeistern zu leiden, deren An-
schauungen und Temperament die ursprtinglich und hauptsach-
lich vertretene Richtung nicht extrem genug war, und die nun
dadurch, dafl sie liber das Ziel hinausstrebten, der Sache, mit der
sie es an und flir sich gut ineinten, keinen guten Dienst crwiesen.
Der Hauptfehler derartiger Stromungen ist gewohnlich, und so
war es auch in diesem Falle, der, daB sie sich verba ngn is voUen
Tiiuschungen iiber das Erreichte und Erreichbare hingeben. Es wurde
immer und immer wieder versucht, besonders Reschah dies auch in
der Bibliographic der Jahrbiicher durch Dr. jur. Numa PriLtorius,
die Theorie und Taktik diescr Gruppen zu widerlegen. Man suchte
ihnen klar zu machen, wie falsch und gefiihrlich es sei, in Prosa und
Poesie die von der Norm abweichenden Persoiien als fiir die Gattung
wertvoUere Exemplare der ispecies homo sapiens darzustellen, wie
unklug es sei, wenn der Wortfiihrer der „Sezession** die wissenschaft-
liche Arbeit des Komitees mit den Worten ablebnte: „Wir werden uns
nicht bemiilien, durch den wissenschaftlichen Nachweis einer
angeblichen Anomalie das Mitleid der Regieruug und der Volksvertre-
tung zu erwecken, um auf diese unmannliche Weise die Aufhebung der
uns bedrohenden Strafgesetze zu erreichen," wie geradezu verhangnis-
voU die A>rmischung der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen
niit aiitifeministischen und antikierikalen Tend(nizen wiirc, wodurcb
nicht nur das Ziel verriickt, sondern auch seine Erreirhung unnotig er-
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schwert wiirde. Hatte doch der Sezessionsftihrer noch im Juni 1908
in seinen sieben Thesen zu der Frage der gleichgeschlechtlichen
Liebe den Gnindsaiz aufgestellt: „Die erotische und soziale AnmaBung
der W e i b e r let der Feind ; mit ihm verbinden sich oft noch die Kiinste
einer Priester- oder sonstigen Betrugskaste, die den EinfluB des leicht-
glaubigen Geschlechtes mit dem kleineren und einfacheren Gehirn
schlau benutzt." HeiBt dais nicht in denselben Denkfehler verf alien,
unter dem die Homosexuellen selbst so viel zu leiden batten? Wie
die Heterosexuellen nach ihren eigenen Gefiihlen, Gedanken und Gut-
diinken die Bisexuellen und Homosexuellen bcurteilt und behandelt
zu sehen wiinschen, sollten nun diese mit jenen verfahren, nur mit
dem Unterschiede, dai3 wahrend dort eine Mehrbeit eine Minderheit,
hier die Minderheit die Mehrheit „majorisierte". Anstatt zufrieden
zu sein, wenn man die Homosexuellen endlich in Ruhe laBt, woraus
sich eine freie und imgestorte Entfaltung ihrer Erafte und Leistungs-
moglichkeiten naturgemai3 mit der Zeit von selbst ergeben wurde,
strebte man hier unter moglichster Zuriickdrangung des Frauenein-
f lusses eine Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne einer „m a n n -
lichen K u 1 1 u r" an.
Befinden wir uns doch in einer Zeit, wo in alien Kultur-
landern infolge des energischen Auftretens der Frau ftir ihre
Rechtc die Entwicklung gerade nach der entgegengesetzten Seite
tendiert, in der der Fraueneinfluli stetig wachst, Frauenemauzi-
pation, Frauenstudium und Frauenstimmrecht immer zahl-
reichere Anhanger gewinnen. Den Homosexuellenkann
dieser Gang der Entwicklung nur recht sein. Je
ungehemmter sich die Individuen nach ihrer Eigenart entfalten
konnen, je mehr sich VoUmanner, VoUfrauen, Manner mit weib-
lichen und Frauen mit mannlichen Einschlagen im freien Spiel
der Krafte messen, um so deutlicher wird die psychologische
und psychosexuelle Mischung aller Geschlechtscharaktere in
ihrem vielartigen Endergebnis zutage treten, um so mehr mu6
auch das Verstandnis fiir die Zwischenstufen und Homosexuellen
verschiedenster Schattierung zunehmen. Nicht neue Unduldsam-
keiten miissen geschaffen, die alten mtissen Uberwunden werden.
Die nberspannung der Forderungen hatte sehr viele, die durch
die wissenschaftliche Arbeit des Komitees schon gewonnen waren,
stutzig gemacht und abgestoi3en; damals, als nach den groBen Pro-
zessen alles Errungene wieder zusammenzustiirzen schien, erklarte mir
ein hoherer Regierungsbeamter : „Fiir Toleranz der Homosexuellen
waren wir zu haben gewesen, nicht aber fiir ihre gesellschaftliche
Gleich- Oder gar Hoherwertung. Man hat von der heterosexuellen
^lehrheit zu viel gefordert, deshalb gewahrt sie gar nichts."
Alles in allem kann man wohl sagen, dafl die offentliche
Meinung sich in der homosexuellen Frage im ganzen labil, un-
sicher, ihrer selbst ungewiB gezeigt hat. Gerade dieser Zweifel
der offentlichen Meinung macht es aber mehr als wahrscheinlich,
daU es der wissenschaftlichen Forschung schlieBlich doch ge-
lingen wird, sich in ihren Resultaten durchzusetzen. Aus den
naturw's enschaf I'ch gebildek n Krcisen pflcgt eifahrungsgemaB
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lOOd
die Erkenntnis nach und nach in breitere Schichten des Volkes zu
sickern, und wenn auch in den letzten Jahren der eine odex
andere Gelehrte dem Druck der Tagesstromtingen, wich, so kdnnen
wir doch konstatieren, daB im wesentlichen der erreichte Be-
sitzstand unverandert geblieben ist.
Auch unabhangig von der Tatigkeit des Komitees traten
nach der Wende des XIX. zumXX. Jahrhundert immer zahl-
reichere Personlichkeiten von Bedeutung in Wort und Schrift ftir
die endliche Beseitigung der Urningsverfolgung ein,
namentlich als bekannt wurde, daB nach Einflihrung des neuen
biirgerlichen Gesetzbuchs ein neues Strafgesetzbuch ftir das
Deutsche Reich eingefuhrt werden soUte.
So sagte der bedeutende Berliner Gerichtsarzt Geh. Med.-Rat Dr.
Arthur Leppmann^^): „Bezuglich des § 175 mufl ich nicht nur vom
psychiatrischen, sondern auch vom allgemeinen sozialen Standpunkt aus
verlaiigen : Fort rait diesem ParagraphenI Die Straf justiz
hat die Verpflichtung, Verbrechen gegen das Leben und das Eigen-
tum zu bestrafen und die offentliche Sicherheit zu schiitzen, sie ist
aber nicht Hiiter der privaten Moral. Wenn zwei Erwachsene, ohne den
offentlichen Anstand zu verletzen und ohne Jugendliche noch nicht
geschlechtsreifen Alters zu gefahrden, unter sich homosexuelle Hand-
lungen begehen, so kiimmert das keinen Dritten. SchlieBlich hat
doch jeder Mensch iiber seinen eigenen Korper das Selbstbestimmungs-
recht.*'
Ahnlich schloi3 Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Albert Eulenburgsi)
eineu Aufsatz mit den Worten: „Weg mit § 175 — und noch weiter
weg mit § 250 1" Und Professor Dr. med. K o c k s ^2) sagte : „LaBt die
MtMischen in ihrem Privatleben in Ruhe I Gesetze werden doch darin
nicht beachtet, und jsie schaffen kiinstliche Verbrechen, wo keine
sind. Also fort mit den schlechten Gesetzen, die artifizielle Ver-
brechen machen, statt tJbel zu verhiiten, weil sie gegen kiinstlich ge-
schaffene, vermeintliche tTbel gerichtet sind! Weg mit § 176 . . . !**
Prof. Dr. Robert Sommer schreibt in seiner „Enminal-
psycholc.gie"33) : „Das Leiden der Homosexuellen entsteht lediglich
durch eine Gesetzgebung, welche die AuJUenuig des angeborenen Triebes
verbietet und diese Abart des Menschengeschlechtes achtet. Nicht
durch generelle Erklarung dieser Zustande als Geisteskrankheit, sonderij
nur durch Aufhebung der Strafbestimmung mit den Ein-
schrauku^gen nach Analogic der Gesetzgebung iiber alle sexuellen Hand-
lungen kann man den anthropologischen Tatsachen gerecht werden."
Und F o r e P*) meint : 5,Die Gesetze sind viel zu streng und fassen
die Sache von einem falschen Gesichtspunkte auf. Schliei31ich ist
die homosexuelle Liebe, so lange sie sich nicht an Minderjahrigen oder
Unzurechnungsfahigen vergreift, ziemlich harmlos, indem sie keine
Nachkommen erzengt und dadurch sich selbst selektiv ausmerzt. Wenn
beide Individuen einverstanden sind, ist sie nicht schlimmer, sogar
entschieden weniger schlimm als die gesetzlich geschiitzte Prostitution.
30) In der „Gesellschaft fiir soziale Medizin, Hygiene u. Medizinal-
statistik", Nov. 1910.
3^ In der „Deutschen Montags-Zeitung" v. 19. Dez. 19JL0.
3n lu „Sexual-Probleme", 1912, Nov.-Nummer.
33) Zitiert nach MeiBner. Loc. cit. p. 33.
s*) Prof. August Forel: „Die sexuelle Frage", Miinchen 1906,
p. 262. ,
Hirschfeld, Homosexualitit. ^
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lOlO
Wird ein normaler Mann von einem Urning belastigt, so fallt es ihm
nicht schwer, denselben zurechtzuweisen ; es ist ihm dies sogar viel
leichter, als einem von einem unziichtigen Manne verfolgten Madchen."
Eingehend schildert Iwan Bloch in seinem Sexualleben (p. 577
u. ff.) die Folgen der Urningsverfolgung. Er schreibt u. a. : (p. 578)
„Die sclilimmste und traurigste Winoing des § 175 ist die dauernde
Intamierung und soziale Achtung von Personen, die ohne iede Schuld
zu ihrer von derjenigen der groBen Mehrzahl abweichenden Empfindimg
gekommen sind.** und luft aus : (p. 580) „Abhilfe fiir alle diese
rbelstande, die Selbstmorde sowohl wie die Erpressung, kann jiur
durch Aufklarung des ganzen Volkes — das Aller-
wichtigste — und durch bedingungslose Aufhebung des § 17;"?
geschaffen werden."
Der Professor der Geschichte der Medizin Julius Pagel auBerte
sich in der „Deutschen Arzte-Zeitung" : „Die gerichtliche Bestrafung
der Homosexuellen la0t sich nicht menr aufrecht erhalten. Denn nicht
um strafwiirdige, sondern ,um in gewisser Beziehun^ ungliickliche
Geschopfe handelt es sich, die die Aufmerksamkeit des Arztes und
Menschenfreundes (und beides soil ja doch koinzidieren) verdiencn,
nicht etwa bloi3 des Gerichtsarztes, sondern jedes Praktikers.** Und
Prof. Dr. Freud schrieb^^): „Sowohl bei uns in Osterreich als nocb
in weit groBerem Umfange in Deutschland ist eine machtige Bewegung
im Zuge, den Paragraphen des Gesetzbuches, der sich gegen die Per-
versen wendet, zu eliminieren. Der Bewegung haben sich y>edeutende
Geiehrte angeschlossen, und sie wird immer groiJere Krcisc
Ziehen, bis sie zu einem endgiiltigen Erfolg gelangen
wird." I
Der Oberarzt Dr. med. Kotscher in Hubertusburg sagt^^) : ,,Die
Gerechtigkeit fordert also trotz alien asthetischen Widerwillens, den
der Heterosexuelle gegen die Homo- und Bisexuellen empfinden mag,
die Abschaffui^ des Paragraphen 175."
Dr. F. H. K r o 1 1 e stellt in einem Aufsatz „Strafrechtsreform und
Homosexualitat"87) folgende Uberlegung an: „Mit der Strafrechts-
retorm, die zwar im Gange ist, wird es noch lange dauern. Aber es
ist im hochsten Grade bedenklich, bei der allgemeinen Erkenntnis von
der Un^erechtfertigkeit und Nutzlosigkeit eines Paragraphen denselben
womoglich noch ein Dutzend Jahre lang aufrecht zu erhalten imd noch
f^rndiifin jede Woche so und so viele faktisch Unschuldige zu Monaten
von G«©ngnis zu verurteilen und in ihrer gesellschaftlichen Stellung
zu minieren. Man muB verlangen, dafi hier bald Abhilfe geschaffen
wird."
Sta^tsanwalt Erich Wulf fen-Dresden meint^^): ,,Es han-
delt sich bei der Homosexualitat ganz gewii3 mn eine natiirliche Spiel-
art der Greschlechtlichkeit, der man deshalb innerhalb gewisser
Gj*eiizen- Duldung widerfahren lassen muB und darf."
Professor Gustav Aschaffenburg, Coin, schreibt in den „Ge-
richtsatztlichen Wiinschen zur bevoratehenden Neubeaxbeitung der
Strafgesetzgebung fiir das deutsche Reich**^^) : ^^Vom Standpunkte des
Arztes besteht kein Bediirfnis nach einer strafrechtlichen verfolgung
homosexueller Akte, soweit nicht Jugendliche dadurch betroffen wer-
den," und Prof. Dr. jur. Heimberger, Bonn, schreibt ebendort :
35) In dor .,Zeit", Okt. 1905.
^S In den ,,Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens", 1907,
Heft 52.
37) In der „Polit.-Anthropol. Revue", Lpz., V. Jahrg., Nr. 6,
Sept. 1906.
3») In der „ Reform des Reichsstrafgesetzbuchs", herausg. v. Dr.
P. F. Aschrott u. Dr. Franz v. Liszt.
39) CL Jhb. f. sex. Zw. Bd. VII. S. 1047.
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„Ich fiir meine Person bin der Ansicht, die Offentlichkeit habe kein
Interesae daran, dafi diese fiir normale Menschen schwer verstandliche
Geschmacksverirrung kriminell geahndet werde."
Selbst die Hauptstiitze der Anhanger des § 175, Prof. W a c h e n -
feld, schrieb unterm 29. Juni 1901 an einen Leser seines Werkes
„ Horn osexuali tat und Strafgesetz" : „. . . ich trete sehr entschieden fiir
die Straflosigkeit der echten Urnin^e, welche ich als Kontrarsenielle
bezeichne, ein und mochte nur diejenicen gestraft wissen, welche
homosexuello Handlungen treiben, ohne kontrarsexuell zu sein."
Pastor Ernst Baars in Vegesack bei Bremen auBerte sich*^) •
„Es ist hohe Zeit, dafi iiber die Erscheinung der sogenannten gleichge-
schlechtlichen Liebe, des Urningtnms, mit den Vorurteilen aufgeraumt
wird, welche dariiber noch in weiten Kreisen herrsohen . . ." „E8
hat niemand das Recht, sittliche Urteile iiber jene Ungliicklichen zu
fallen, welche nicht aus eigener Schuld um Gliick und Liebe betrogen
werden, der nicht eingehend sich mit der ims „Normalen" seltsamen
und meinetwegen ekelhaften Erscheinung besfehaftigt hat." . . . Zum
andern: „Es ist unmoralisch, Menschen fiir eine Naturanlage biiUen
zu lassen und sie zu hindern, ihren Trieb zu befriedigen, wenn kein
Dritter oder die Gesamtheit dadurch geschadigt wird. vererben konnen
sie ihreii Trieb nur, wenn sie in eine Ehe hineingezwungen werden."
Selbst von seiten der Frauen ist wiederholt energisch
gegen die Strafverfolgung Homosexueller Stellung genommen. So
nahm die Rechtskommission der 7. Generalversammlung des Bun-
des deutscher Frauenvereine zu Niirnberg unter ihren
Vorschlagen zur bevorstehenden Revision des Strafgesetzbuchs dep
Leitsatz an: ^GeschlechtsverirrungeH ohne Schadigung von Rechts-
giitern anderer Personen haben straflos zu bleiben (§ 175)." Der
„Bund fiir Mutterschutz", Ortsgruppe Berlin, nahm nach 'einer Ver-
sammlung am 10. Februar 1911, welche wegen zu starken Andrangs
wiederholt werden moBte, eine Resolution an, in der es heiOt: „So-
wohl juristische, als auch ethische Griinde lassen es in hohem MaBe
bedenklich erscheinen, wenn der bisherige § 176, gegen den sich schon
im Jahre 1869 /die oberste Medizinalbehorde PreuBens ausgesprochen hat,
jetzt auch auf die Frauen ausgedehnt wiirde. Es wiirde dadurch nicht
eine Ungleichheit beseitigt, sondern eine Ungerechtigkeit verdoppelt.
Dem Denunzianten- und Erpressertum wiirde Tiir und Tor geoffnet und
unverheiratete berufstatige Frauen, die mit Kolleginnen zusammenleben,
wiirdeu in schamverletzendster Weise belastigt werden, ohne daB ein
Rechtsgut geschiitzt wird. Zum mindesten erachtet es die Versammlung
fiir unbedingt erforderlich, daB zur Beratung iiber diese Frage medi-
zinische Sacnverstandige — vor allem Sexualforscher und Psychiater —
sowie Frauen hinzugezogen werden."
Sogar die wegen ihres strengen Standpunktes bekannte Frau
Katharina Scheven- Dresden, Herausgeberin der Zeitschrift ,,Der
Abolitionist'* sagt*^) : „Die Federation darf, wenn sie iiberhaupt als Ver-
ein zu der Frage der Homosexualitat Stellung nehmen will, sich nicht
darauf beschranken, die Straflosigkeit der weiblichen Homosexualitat
allein zu fordern, sondern sie muB — selbstverstandlich mit den notigen
Einscbrankungen — die Abschaffung des § 175 iiberhaupt fordern."
Ahnlich auBerten sich im April 1912 nach einem Vortrag von Dr.
Juliusburger in der Berliner Abolitionistischen Foderation „iiber den
tl75 und seine geplante Ausdehnung auf das weibliche Geschlecht"
ie bekannten Fuhrerinnen der Frauenbewegung Anna Pappritz,
Frau Stadtschulrat Cauer und Helene Lange. Letztcre wies
darauf bin, daB viele alleinstehende Frauen aus wirtschaftlichen Griin-
den genotigt seien, mit anderen Frauen gemeinsamen Haushalt zu
1:1
*<*) In der Zeitschrift „Wissenschaftliche Rundschau", 1911.
40 In „Der Abolitionist", XL Jahrg., Nr. 1 r. 1. Jan. 1912.
64
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1012
fiihren. Nach ' Ausdehnung des § 175 auf die Frauen wiirde der bos-
willigen Verleumdung Tiir und tor geoffnet werden. Dadurcb wiirden
die sozial und wirtschaftlich mlnderbegiinstigten Frauen und auch die-
jenigen, die ohne mannlichen Schutz dastehen, am meisten zu leiden
haben. Oft wiirde Konkurrenzneid, oft auch die ihnen von Frauen
zuteil gewordene Zuriickweisung ihrer Wiinsche die Manner zu Ver-
leumdungen und Strafanzeigen veranlassen. Und obendrein wiirden
diese Frauen beziiglich ihrer intimen Beziehuiigen noch von Mannern
abgeurteilt werden. Dies sei geradezu ein schrccklicher Gedanke, gegen
den die gesamte Frauenwelt sich nicht scharf genug zur Wehr setzen
konne. (Sturmischer Beifall.)"
Cberblicken wir diese AuBerungen gegen den § 175
und den vorgeechlagenen § 250, die leicht verzehnfacht
werden konnten, so werden wir es verstehen, wenn schon 1907
die a,Politisch-Anthropolo2isehe Revue** schrieb: „Mit Genug-
tuung kann konstatiert werden, dalJ auf der ganzen Linie, sowohl
in juristischen als medizinisehen Kreisen, der Widerstand gegen
Aufhebung des betreffenden Paragraphen verstummt ist**, und
fiigte hinzu: ,,Es ist die Frage aufgeworfen werden, ob durch
einen speziellen gesetzgeberischen Akt diese Anderung herbei-
geflihrt werden konne, ohne die Vorstellung zu erwecken, dall
nun das Laster von Staats wegen eine Sanktion fande. Wir
sind sicher, daB die „Sittliclikeitsvereine** dagegen groBe Aktion
entfalten werden — aber die Zustande sind unhaltbar geworden.
Erlebten wir 3och klirzlich wieder im Anschlufl an eine Er-
presseraffare den Selbstmord eines hochangesehenen, tlichtigen
Landrichters in Dresden. Und wenn man sieht, daB dad Straf-
gesetz Erpressungen und die Entstehung einer mannlichen
JProstitution in hohem Grade begiinstigt, dann kann kein Be-
denken gegentlber einer speziellen gesetzgebe-
rischen Aktion aufkommen.**
Den Mittelpunkt flir die Erforschung der Homosexuali-
tat und verwandter Erscheinungen bildeten in den letzten
15 Jahren mehrere vom Verfasser dieses Buches herausgegebene
periodische Zeitschriften, in erster Linie die Jahrbiicher
flir sexuelle Zwischenstufen (mit insgesamt 15 Banden
und 8817 Seiten), sowie dieMonatsberichtedesWissen-
«chaf tlich-humanitaren Komitees, daneben noch die
Zeitschrift flir Sexualwissenschaft, die sich aller-
dings nur ein Jahr halten konnte. Es ist fiir die Ausdehnung,
welche diese Forschung angenommen hat, bezeichnend, daB,
w&hrend bei dem Erscheinen des ersten Bandes der J a h r -
biicher von Kritikern die Undenkbarkeit hervorgehoben wurde,
Jahr fiir Jahr einen Band mit Materialen liber diesen Gegen-
stand zu ftillen, in Wirklichkeit der Stoff bald so iiberreichlicli
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floB, daB wiederholt kaum zwei starke Bande geniigten, um ihn
unterzubringen.
Unter den an jdiesem Sammelwerk von Anbeginn an mit dem
flerausgeber mitarbeitenden Autoren ist in erster Linie der ge-
wissenbafte Verfasser der Bibliographie des Uranismus zu nennen, der
sich in Anlehnung an Numa Numantius „N umaPratorius" nannte ;
er steuerte aufier den bibliographischen wertvolle juristische, bio-
graphische und ethnographische Arbeiten bei.
Ihm schlieBt sich Prof. F. Karsch-Haak an, der in den Jahr-
buchern nebcn biographischen ethnologische, kulturgeschichtliche und
naturwissenschaftliche Studien iiber die Homosexualitat veroffentlichte.
Die Arbeiten dieses Forschers sind so umfassend, daB er vor
einiger Zeit ein groBes Sammelwerk fiir sich allein begonnen hat, be-
titelt: Forschungen iiber gleichgeschlechtliche Liebe, von dem der
erste Band: „Das gleichgeschlechtliche Leben der Naturvolker ** (Miin-
chen 1911.) bereits erschienen ist.
Einen teils naturwissenschaftlichen, teils historischen Charakter
tragen die tiefgriindigen Untersuchungen des hollandischen Arztes
Dr. L. S. A. M. von Rome r.
Von weiteren medizinischen Arbeiten sind die von v. N e u g e -
bauer hervorzuheben, welcher iiber die, den seelischen in mehr als
einer Beziehung nahestehenden korperlichen Hermaphroditen grund-
legende Arbeiten lieferte.
I'erner sind die Auf satze des zu f riih verstorbenen Prof. Paul
N a c k e zu nennen, der die Frage vor allem vom Standpunkte ides
Psychiaters erorterte.
Noch eine ganze Reihe anderer Mediziner von Ruf veroffentlichten •
in den Jahrbiichern die Resultate ihrer Spezialstudien, in erster Linie
Krafft-Ebing (Bd. III. „Neue Studien auf dem Gebiete der
Homosexualitat"), der hier die SchluBgedankon seines Lebens-
werkes zusammenfaBte ; ferner sein Wiener Schiiler Prof. Alfred
F u c h s , der iiber die hypnotische Behandlung der Homosexualitat
schrieb (Bd. IV). Moll, welcher ein ahnliches Thema behandelte
(Bd. II) und Merzbach, ,, Homosexualitat und Beruf" (Bd. IV).
Iwan Bloch trug wertvolle M itteilungen bei, u. a. „iiber die Homo-
sexualitat am Ende des 15. Jahrhunderts" (Jahrb. VIII, 609 ff. u.
Zeitschrift f. Sexualw.). Geheimrat Konrad Kiister beschaftigte
sich unter dem Titel ,,Erworben oder angeboren?** mit der Atiologie
der Homosexualitat, und Kind arbeitete iiber „Die Komplikationen der
Homosexualitat mit anderen sexualen Anomalien" (Bd. IX.).
Zu diesen Autoren gesellten sich in den letzten Jahren Freud
und seine Schiiler. Freud selbst gab in der Zeitschrift fiir Sexual-
wissenschaft seine Erfahrungen iiber „ Hysteric und Bisexualitat" wie-
der, wahrend von seinen Schiilern Sadger zwei Abhandlungen iiber
die psych oanalytische Behandlung der kontraren Sexualempfindung
verfaBte (Bd. IX. u. Zeitschr. f. Sexualw.), und Abraham die
„psycholqgischen Beziehungen zwischen Sexualitat und Alkoholis-
mus*' einer wissenschaftlichen Betrachtung unterzog (Zeitschr. f.
Sexualw.).
Von biographischen Arbeiten sind auBer den schon erwahnten
die Lebensbilaer zu nennen, welche die folgenden Autoren in den Jahr-
biichern veroffentlichten : Albert Hansen iiber Andersen ; E d u -
ard Bertz iiber Walt Whitman, Prof. L. Frey iiber Platen ;
Elisar von Kupffer iiber Giovanni Antonio Bazzi, F r i e d r i c h
K r a u 8 s iiber Eduard Kulke ; Georges Eekhoud iiber J6r6me
Duquesnoy ; L. von Scheffler iiber Heliogabal ; N a c k e iiber
Morike ; K i e f e r iiber Hadrian und Antinous sowie Plato und So-
krates ; Hugo Friedlander iiber J. B. von Schweitzer ; F r e i -
herr Carl von Levetzow iiber Louise Michel sowie Sophie
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Hxichfttetter iiber Christine von Schweden und Rosa von
Braunschweig iiber Felicitas von Vestphali.
Den biographischen schlieBen sich autobiographische an,
von denen wir nur die Lebensbeschreibung des umischen Arbeiters
Franz S. und Katies „Aus dem Leben eines Homosexuellen", sowie
die Selbstbiographie einer Kontrarsexuellen und die Arbeit einer un-
genannten Autorin „Wie ich es sehe" nennen wollen.
Nicht minder wichtig wie die biographischen sind die e t h n o -
traphischen Studien, wie die iiber die Kontrarsexualitat in Skan-
inavien, die eingehenden Forschungen iiber die naannliche Homo-
sexualitat in England von Pa via, in Japan von I way a, die Homo-
sexualitat in der altesten deutschen Dichtung von Leonhardt,
sowie die Arbe^ten von Paul Brandt und Stephanus iiber den
paidon eros in der griechischen Dichtung und Herm. Michaelis
„Aus den Briefen Elisabeth Charlottens von Orleans", in denen wert-
voUes Material iiber Homosexualitat am Hofe Ludwigs XIV. gesam-
melt ist.
Von juristischen Arbeiten miissen auBer denen von Numa Pra-
te r i u s die des R i c h t e r s Z. im II. Jahrbuch, sowie die von W e r t -
hauer iiber forensische Sexualmedizin (Zeitschr. f. Sexualw.) an-
fefiihrt werden ; von theologischen die von W i r z „Der Uranier vor
Tirche und Schrift" (VI. Bd.), die eines katholischen Geistlichen
(II. Bd.), denen sich die tief sinnige Arbeit Carpenters uber
„Homo8exualitat und Prophetentum" (Vierteljb. II) anschlieBt. Von
Spezialarbeiten seien nocn erwahnt : F r e y , Zur Charakteristik des
Rupfertums, der Artikel vom fWeibmann auf der Biihne und der Auf-
, satz der Freiin von Verschuer „I>ie Homosexuellen in Dantes
Gottlicher Komodie" ; zwei weitere Mitarbeiterinnen sind Elisabeth
Dauthendey: Die urnische Frage und die Frau. (Bd. VIII) und
Anna Ruhling: Welches Interesse hat die Frauenbewegung an
der Losung des homosexuellen Problems? (Bd. VII). Ahnlich wie die
letztere hatte schon A r d u i n „die Frauenfrage und die sexuellen
Zwisohenstufen** behandelt; dieser Autor, welcher auch unter dem
Namen K a 1 1 e der Sexualwissenschaft wertvolle Bereicherungen ge-
sohenkt hat, verdient noch mit zwei anderen Arbeiten erwahnt zu
werden: „Der Daseinszweck der Homosexuellen" (Bd. IV) und „Die
virilen Homosexuellen" (Bd. VII). — Endlich sollen noch drei Zoo-
logen angefiihrt werden : zunachst Benedikt Friedlander C»I^i^
physiologische Freundschaft als normaler Grundtrieb des Men-
sohen und als Grundlage der Soziabilitat" [Bd. VI], .,Entwurf
zu einer reizphysiologischen Analyse der erotischen Anziehung unter
Zugnmdelegung vorwiegend homosexuellen Materials" und „Scha-
det die soziale Freigabe des homosexuellen Verkehrs der kriegerischen
Tiichtigkeit der Basse?" [Bd. VII], ,„Kritik der neueren Vorschlage
zur Abanderung des § 175'^ [Bd. VIII]); dann Gustav Jager, „EiD
bisher ungedi-ucktes Kapitel iiber Homosexualitat aus der Entdeckung
der Seele" (Bd. II); und als letzter, aber sicherlich nicht geringster
Ernst Hackel, „Gonochorismus und Hermaphrodismus" (Bd. XIII).
Diese noch nicht einmal erschopfende tlbersicht der in den
Jahrblichern und ihren Adnexen niedergelegten Arbeiten zeigt,
wie intensiv heute wissenschaftliche Krafte am Werke sind,
ein Gebiet aufzudecken, das lange genug unter voreingenommener
Unkenntnis verschlittet gelegen hat, ohne al'erdings seiner natur-
bedingten Bedeutung flir das Ganze jemals verlustig zu gehen.
— Die Verfasser des Vorentwurfs tuen freilich in ihren Motiven
diese Forschungen und Funde, auf die sie als Deutsche alien
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Grund hatt^n, stolz zu sein, ihrer Verantwortung unbewuCt mit
souveraner Geste ab, indem sie erklareu, die Resultate der
Wissenschaft auf diesem Gebiet st^hen ,,mit den Erfahrungen
des praktischen Lebens im Widerspruch". Alle diese gelehrten
Manner von Virchow bis Hack el samt ihren auf positiven
Forschungen baruhenden Urteilen wiegen in ihren Augen nichts
gegentiber den Vorurteilen eines voUig vagen „Volksenipfindens*'.
Nacli Besprechung der wissensehaftlichen Arbeiten noch
einiges Wenige iiber die ktinstlerische Behandlung des Pro-
blems. Die Knnst, vor allem die Dichtkunst, wlirde ihrer Auf-
gabe das Leben wiederzuspiegeln nur teilweise gerecht ge-
worden sein, wenn sie uns nicht auch gelegentlich dicLiebe zum
gleiehen Geschleeht und ihre Trager vor Au^en geftihrt hatte.
Die antike Kunst entsprach dieser Aufgabe in hohem MaBe.
Nimmt doch in ihrer Poesie die gleichgesehlechtUche Liebe einen
fast ebenso breiten Raum ein wie die zum anderen- Geschleeht.
Dabei soil nicht unerwahnt bleiben, daB einseitige Schilderungen,
wie die Zerrbilder des Spotters Aristophanes iiber homosexuelle-
Betatiigungslarten, schon damals beitrugen, herrschenden Vor-
urteilen Nahrung zu geben. Im allgemeinen aber hielt sich
die Kunst der Alten und in ahnlicher Weise auch die orien-
talischer Volker von allem Tendenziosen frei; sie stellte
die Erscheinung dar, wie diese sie sah : als ein Sttick Leben
mit Lich't und Schatten, von der Natur liber-
kommen und von der Kultur tibernommen.
Das verandierte sich mit einem Schlage, al=s die ersten harten
Gesetzo erlasUen wurden, welche die Todesstrafe tiber die Ge-
flihlsbetatjigung Ho mosexueller verhangten. Da hub das groBe
Sehweigen an. Die Liebe war nicht tot, aber vor Schreck ver-
stummt, gelahmt vor Entsetzen. Nur die ganz groBen iDichter,
die das Lebenshild in seiner Gesamtheit empf ingen und
wiedergaben, raumten ihr noch ein bescheidenes Platzchen ein:
ein Dante, Michelangelo, Shakespheare und Goethe; oder
ein einzelner genialer Lebensbeobachter beriihrte sie, wie
Honore de Balzac*^^^ Jer jj^ de^ Tiefen der Verbrecherwelt
auch denUrniing: den Galeerenstrafling Vautrin aufstoberte oder
ein Plate n*^), der aus der Not seiner Seele in^razisierender oder
orientalisierender Verkleidung von der Liebe zum Freunde sang.
Aber das waren Ausnahtnen. Die meisten trauten sich nicht
an das Problem heran.
*-) Cf. Dr. Otto Frhr. v. Taube, .,Ein homosexueller Eoman-
Jield bei Balzac," Jahrb. Bd. XIII. p. 174 ff.
*') Cf. Prof. Ludwig Frcv, Aus dem Seplenlebon des Grafeu
riateu. Jahrb. IV. 1904.
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Wir besitzen ftir das Totschweigen dieser Neigungen und
Handlungen, deren bloBe Namensnennung ja, wie wir sahen,
durch Jahrhunderte als Sunde gait, ein erklarendes Dokument,
von dem Rudolf von Beulwitz sagt^*), dafl es nichts
gibt, „was die furchtbare Macht und Starke des schier
unausrottbar erscheinenden Vorurteils, das die Homosexuellen
verfehmt, eindringlicher zum Ausdruck brachte/* Es ist der von
Emile Zola an Dr. L a u p t s gerichtete Brief, der uns
die^et. unemxtidlichen, unerschrockenen Kampfer ftir Wahrheit
und Gerechtigkeit in sehweigender Angst vor einem Vorurteil
zeigt.
jjlch bin sehr gliicklich," schreibt er an Laupts, „daC Sie in
Ihrer Eigenschaft aiis Gelehrter das .tun konnen, was ein einfacher
ScLriftsteller wie ich nicht gewagt hat. Als ich vor Jahren dieses
so merkwiirdige Dokument, den Roman eines Homosexuellen erhielt,
hat das groBe Interesse, das es in psychologischer und sozialer Hin-
sicht darbot, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Seine absolute
Aufrichtigkeit riihrte mich; man fiihlt in ihm die Glut, fast mochte
ich sageu, die Beredsamkeit der Wahrheit . . ." Zola schildert dann,
daB er sich lange mit dem Gedanken trug, von dem Manuskript
Gebrauch zu macnen, es schlieUlich aber unterlieB, weil er die Kritik
fiirchtcte, ,,was fiir ein Geheul, wenn ich mir zu sageu erlaubte, daB
kein Gregenstand wichtiger und trauriger ist, daB es sich hier um
eine Wunde handelt, die viel haufiger vorkommt und viel tiefer geht,
als man zu glauben vorgibt, und daB das beste Mittel, um Wunden zu
heilen, darin besteht, sie zu studieren, sie aufzuzeigen und zu be-
handeln I" Er fahrt dann fort : v,, Aber der Zufall hat es so gewollt,
mein lieber Doktor, daB, als wir eines Abends zusammen plauderten, wir
auf jenes menschliche soziale Ubel^der sexuellen Perversion zu sprechen
kamen. Und ich vertraute Ihnen das Dokument an, das in einer
meiner Schubladen schlummerte, und so kam es, daB es endlich daa
Tageslicht hat erblicken diirfen, und zwar in den Handen eines Arztes,
eines Gelehrten, den man nicht beschuldigen wird, dem Skandal nach-
zugeheu. Ich hoffe sehr, daB Sie damit einen entscheidenden Beitrag
zu der schlechtgekannten und besonders ernsten Frage der i n v e r -
tiert Geborenen lie fern werden. In einem anderen vertraulichen
Briefe, den ich um dieselbe Zeit erhielt, und den ich uugliicklicherweise
nicht wiedergefunden habe, hatte mir ein Ungliicklicher den herz-
zerreiBendsten Schrei menschlicher Qual gesandt, den
ichjemalsvernommen. Er wehrte sich dagegen, so schandlichen
Liebesgeliisten nachzugehen, und er verlangte zu wissen, woher diese
Verachtung aller stamme, woher diese .stete Bereitwilligkeit der Ge-
richtshofe, ihn niederzuschmettern, wo er doch in seinem Fleisch und
Blut den Ekel vor dem Weibe, die wahre Liebe zum Manne mit zur
Welt gebracht habe. Niemals hat ein vom Damon Besessener, niemals
hat ein dem unbekannten Verhangnis des Gesohlechtstriebes preis-
gegebener armer Menschenleib so graBlich sein Elend herausgeheult.
>ieser Brief, ich erinnere mich, hatte mich unendlich erscMttert ;
und ist nicht der Fall im „Roman eines Homosexuellen" ein und
derselbe, nur mit einer gliicklicheren UnbewuBtheit ? Hat man nicht
hier einen wirklichen physiologischen Fall leibhaftig vor Augen, ein
Herumtasten, einen halbeu Irrtum der Natur? Nichts ist tragischer,
meiner Meinung nach, uud nichts verlangt mehr nach der Enqu^to
und dem Heilmittel, falls es ein solches gibt."
**) Cf. Jahrb. VII, Bd. 1, p. 371 ff.
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So Zola. Mag man liber die Berechtigung der Schilderung
eines ausschlieBlich oder tiberwiegend homosexuellen Stoffes ver-
schiedener Meinung sein — letzten Endes durfte auch hier wie
lib?rall in derKunst das Kunstlerische den Ausschlaggeben — ein
L:T)enssch'lderer, der dem Homosexuellen auch als episodische Er-
scheinung aus dem Wege geht, oder es nicht kennt, begeht eine
Unterlassu^ig, — die gleichgeschlech tliche Liebe exi-
stiertimLeben, darummuBsieauchinderLite-
ratur ihren Platz einnehmen — sie greift vielfach
tief in die Ereignisse hinein und ftihrt eine groBe Menge drama-
tischer Konflikte her'bei. Wie oft ist beispielsweise der Vorwurf
gegeben, daB ein Mann isich in eine Frau verliebt, die seine
Liebe, jweil sie gleiehgeschlechtlich empfindet, nicht erwidern
kann, Wie haufig: komint es vor^ daB sich eine Frau mit aller
Leidenschaft, deren eie fahig ist, einem homosexuellen Manne
zuwendet. Es resultiert daraus oft viel Heroisches im Ertragen
und Entsagen. Meist sind es reife Frauen oft mit einem virilen
Temperament, die an dem weichen Wesen des Urnings Gef alien
finden, und umgekehrt Manner lAit weiblichen zum Passivismus
neijgenden Zugen, die zum urnischen Weibe tendieren.
Ich habe wiederholt gesehen, wie vielbegehrte und schone
Fraueu sich in den Kopf setzten, einen Mann, den sie liebten.
von der Homosexualitat zu erlosen, wie Manner mit groCcn
korpeiiichen und geistigen Vorziigen glaubten, es miisse ihnen
gelingen, ein Weib von ihrer Liebe zum Weibe zu befreien;
ich habe Liebesgeschichten kennen gelernt, in denen homo-
sexuelle Manner, die einen heterosexuellen Freund liebten, das Weib,
nacli dem dieser verlangte, ihrerseits eroberten, damit es der Freund
nicht besitze, und analoge, in denen homosexuelle Frauen die Liebe von
Mannern auf sich abzulenken verstanden, welche sich anfangs den
von ihnen geliebten Frauen zugewandt hatte. Oft geschieht alles dies
aus eifersUchtigen Regungen, doch konnen auch andere Motive in
Frage kommen. So geschah es in Berlin, daC einst ein junger Mann
von 20 Jahren, ein Student, der noch nichts war, ein gleichaltrlges
Madchen aus gutem Hause lieiB begehrte. Die gegenseitige Liebe
beider war stark. An eine Eheschliefiung aber war vorlaufig nicht zu
denken, ja es bestand die groBe Wahrscheinlichkeit, dafi ein dritter,
der Erwahlte der Eltern, das Madchen heimfiihren wiirde. Da sprangi
der homosexuelle Freimd, ein reicher Junggeselle, ein, verlobte und
verheiratete sich mit dem Madchen und bewahrte sie dem Freunde auf,
bis er nach acht Jahren — er war in dieser Zeit Richter geworden —
da^ Madchen zu heiraten imstande war. AuBer den drei Beteiligten
und mir, dem sich der Homosexuelle anvertraut hatte, kannte niemand
den wahren Sachverhalt.
Wie seltsam und kompliziert oft diese Verwickelungen sind, moge
noch der folgende Fall zeigen, den zu verfolgen ich sechzehn Jahre lang
Gelegenheit hatte. Ein ziemlich femininer aber sehr asthetischer Mann
von etwa 24 Jahren fafite eine heftige Leidenschaft zu einem groBen
Pianisten. Zunachst hiolt er das voUkommene Aufgehen in den
Kiinstler fiir eine reine, von allem Erotischen weit entfernte Kunst-
begeisterung. Er gab seine Stellung auf, widmete sich ganz imd gar
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dem Meister, lebte nur fiir ihn, folgte ihm von Ort zu Ort und wiirde
schlieBlich sein Impresario, der ihm auf einer glanzcnden Laufbahn
das Geleit cab. Sein Schreibtisch, die Wande seines Zimmers waren
dicht bedeckt von dutzenden Aufnahmen des Kxinstlers, nur ein ein-
ziger Gedanke beherrschte ihn: des .Geliebten Wohl und Ruhm. Dieser
nahm diese hingebende Liebe mit souveraner Selbstverstandlichkeit
an, kaum, daB er sich geschmeichelt fiihlte. Er war Volhnann durch
und durch, ein polygamer Don Juan, der sich nicht nur auf der Biihne,
sondern auch im Leben, heute diese, morgen jene zu eigen machte.
Nun verliebte sich ernes Tages erne hochgestellte Dame tast ebenso
stark wie der Urning in den Kiinstler. Ihm war die Neigung dieser ihm
geistig weit iiberlegenen Frau, die die DreiBig schon iiberschritten imd
noch nie einem Manne angehort hatte, nicht sympathisch. Aber sie
stellte ihm so intensiv nacn, daB, wenn er abends vom Theater heim-
kehrte, er sie mit flehender Gebarde vor seinem Hause kauernd fand.
Da ^ab er schlieBlich nach. Es fiigte sich aber, daB diese Dauoae
seit langem der Gegenstand inniger Liebe eines feinsinnigen Madchens
war. Was dem Urning der Kiinstler, war ihr dieses Weib, in deren
Interessen sie vollkommen aufiging. Es begreift sich leicht, wie pein-
lich den beiden homogen Empfindenden das Verhaltnis der beiden
anderen war, das sie trotz a,ller Bemiihungen nicht hindern
konnten. Beide fanden fsich in ihrer gemeinsamen Qual und Sorge
zuerst im Meinungsaustausch, dann in immer Btarker werdender Freund-
schaft. Es hatte nicht viel gefehlt, daB diese zu einer kameradschaft-
lichen E h e gefiihrt hatte. 1st auch ein sich so vollkommen schlieBender
Kreis nicht gerade haufig, so ist doch die starke Beeinflussung des
Lebensablaufes Heterosexueller durch HQmosexuelle so haufig, daBihre
literarische und kiinstlerische Ignorierung nicht das mangelnde Vor-
handensein, sondern nur mangelnde Kenntnis der Lebensvorgange,
oft kann man wohl auch sagen die Oberflachlichkeit oder Scheu der
Lebensschilderer beweist.
Es ist nicht zu verkennen, daB mit fortschreitender wissen-
schaftlicher Erforschung des homosexuellen Seelenlebens auch die
dichterische Behandlung der Liebe zum gleichen Geschlecht
wieder haufiger geworden ist. Sie gilt wieder als LebensauBe-
rung, die der Darsteller menschlicher Probleme nicht mehr
angstlich umgehen zu miissen glaubt, mit der er sich vielmehr
gestaltend auseinander setzen darf. So begegnen wir heute auf
Schritt und Tritt Werken, die das Thema der Gleichgeschlecht-
lichkeit streifen. Freilich^ um der Erscheinung die freie Be-
handlung zu geben, die ihr ein griechischer Dichter geben konnte,
fehlt uns ihr gegeniiber das Selbstverstandlichkeitsgefuhl, nach
dem sie sich organisch dem allgemeinen Weltbild einfiigt. Den
meisten Darstellern ist sie mehr ein psychologisches als ein
reines Darstellungsproblem. Doch scheint es, als ob der Weg
zu voUendeter Kunstgestaltung erst durch den Psychologen ge-
ebnet wird.
Wenn man eine genaue Bibliographic der belletristischen
Werke der letzten fiinf Jahrzehnte geben wollte, die sich mit dem
Thema der Homosexualitat bescha(ftigen, miiBte man Seite um Seite
mit Titelaufzahlungen fiillen.
Hier findet sich eine Szene, dort cine Gestalt, die Spuren
der Glciohgeschlechtlichkeit zeigt. Da gibt es Internats-
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geschichten wie im Franzosischen den „Sebastian Koch"^^)
von Octave Mir beau, im Englischen den vielgelesenen
College-Roman ,,Tim"*6) von Julian Sturgess, im J>eutschen
„Die Yerwirrungen des Zoglings Torless"*^) von Robert Musil;
da gibt es Sittenschilderungen wie Mirbeaus „Tagebuch eines
Kammermadchens"^^)^ Zolas „Nana"*9), Martens* „Roman aus der
Decad6nce** und „Grafin Pia"^i) ; historische Romane wie die zahl-
reichen von Alexander von Ungern Sternberg ^2) oder M e -
reschkowskis „Leonardo da Vinci"^^)^ jn die das Gleicngeschlecht-
liche irgendwie hineinspielt. Beyerlein schildert in „ Jena oder
Sedan"54)^ Fritz von Unruh in dem Drama „Offiziere"55)
eine Freundschaf t, die stark urnisch cefarbt ist. Paul Scher-
b a r t malt in „Tarub, Bagdads beriihmte Kochin"^^) ein Opfer-
fest in einem unterirdischen Tempel, das eine geheime Priester-
sekte, welche die Freundesliebe zum religiosen Prinzip erhobcn, be-
geht. Flaubert schildert in seinera Roman „Salamb6"^^) die Liebes-
leidenschaf t unter den karthagischen Soldnern. Gerhart Haupt-
m a n n berichtet in „Emmanuel Quint^^s) von Homosexuellen, die bei
dem seltsamen Heilsbringer Trost fiir ihre Seelennote suchen. Auch die
Kreon Szene in H. v. Hofmannsthals „Oedipus und die Sphinx*' ware
zu erwahnen. Hanns Heinz Ewers schildert in den „Besesse-
nen"^9) den Tod des homosexuellen Barons Jesus Maria von Friedell
und in Jacobsens 5,Niels Lyhne" wirf t der Held die Fra^ge auf :
„0b es unter alien GefiihlsVerhaltnissen des Lebens etwas gibt, das
zarter, edler, inniger ist, als die leidenschaftliche und doch so schiich-
terne Verliebtheit eines Knaben in einen andern?" Diese Liste lieBe
sich unendlich verlangern, Zeugnis dafiir ablegend, dafi das von der
Wissenschaft auf das Gebiet geworfene Licht iiberallhin reflektiert.
Genannt sei in diesem Zusammenhang auch August Strind-
berg, der in seinen jjSchwaxzen Fahnen''^^) mehrtach das Tlioma der
Homosexualitat beriihrt. Er stellt die Gattin des Helden, unter der er
seine eigene Frau, die Schauspielerin Harriet Bosse meint, als
Tribade dar und den Dichter Zachris (Gustav af Geijerstam)
nennt er einen Paderasten. Strindborgs Stellung zur Homosexu-
alitat ist eine durchaus ablehnende. Paderast ist bei ihm das alte
Schimpfwort, das er oft und ohne sich iiber seine Bedeutung Rechen-
schaft zu geben, braucht. Die Verfolgungsgedanken, die ihn in den
letzten Jahren offenbar ergriffen hatten, spiegeln ihm eine Verschwo-
rung von Homosexuellen vor, der er sich wahrend des Scheidungs-
prozesses mit seiner Frau ausgeliefert sieht.
Einer der ersten, der das Problem der Gleichgeschlechtlichkeit
mehr direkt als episodisch angriff, war Sacher-Masoch in seiner
Novelle „Die Liebe des Plato^^i). Tiefer als er schiirften Adolf
Wilbrandt in „Fridolins heimliche Ehe^'^s) m^^ A u r e 1 i u s in
„Rubi"^3). Aber erst nach diesen setzt die Darstellung homosexucller
Frobleme . starker ein. Aus Frankreich kommt Rachilde mit den Bii-
ohern „Monsieur Venus", ,, Madame Adonis*'^*) und ,,Les hors nature'**^^) ;
Georges Eekhoud schreibt die Romane ,,Escal Vigor"^^), „rautre
*^) Deutsch Miinchen 1910. — *«) Engelhorns Romanbibliothek XI.
19. (Stuttgart). — *0 Munchen 1907. — *«) Paris 1900. —
*») Paris 1880. — ^^ Berlin. — ^2) Vgl. Jhb. IV, p. 458 ff.
K a r s c h , Quellenmaterial zur Beurteilung angeblicher und wirk-
licher Uranier. 2. ,,Freiherr A. v. Sternberg, der Romaii-
schreiber.'* ~ ^3) Deutsch Miinchen 1910. — **) Vita, Berlin. —
56) Berlin, E. Reiss. — 56) Leipzig, M. Spohr. — «7) Berlin 1911. —
58) Berlii" 1906. — ^9) Miinchen u. Leipzig 1909. — 60) Miiller, Mun-
chen. — 61) Leipzig 1907 zuletzt. — 62) Wien 1892. — 63) Berlin 1879.
Neudrucic Leipzig 1906. — «*) Paris 1895. — 6*) Paris 1889 und 1900.
— 6*^) Deutsch Leipzig o. J.
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vue*', die Novellen „Me8 coinmunions"^^), Joris Karl Huysmans
„A rebours"^^) und Pierre Loti seine bretonischen Seemannsromane.
Bedeutend sind auch „I>er Immoralist"*^) uad „Les nourritures ter-
rest^s"^o) von Andr6 Gide, der auch ein homosexuelles Drama
„Saur' verfaBte. Von deutschen Werken haben die Romane „Der
Sonderling"^^), der eine Freundschaftstragodie der Renaissance schil-
dert, und der „Eros*'^2) von Wilhelm Walloth, „ Anders als
die Andern"^3) yon Bill Forster und „Ewald Alienus"^^) von
Willy Sauer hoheren Wert. Ebenso die Biicher von P e r -
nauhm^^). Gut gesehen ist in dem reichlich mit Anspiolnngcn
auf Homosexualitat durchsetzten Roman „Prinz Kuckuck"'^) von
Otto Julius Bierbaum der Vetter des Helden : Karl Kra-
ker, der durchaus als homosexueller Reprasentant eines lebensfernen,
schonheitsbegeisterten Asthetizismus gezeichnet ist. Wieder anders,
doch ebenfalls mit groBer plastischer Kraft stellt Richard Voss
im „Schonheitssucher" (dem spiiter ,, Richards Junge" betitelten Ro-
man)' 7) die opferwillige Liebe des Mannes zum Jiinglinge dar.
Aus der neueren englischen Literatur sind zu nennen
von George Ives: Eros Throne^i) ; von Xavier Mayne, dem
Verfasser von „The intersexes"*^) ; „Imre, a memorandum" ; von R u -
dyard Kipling: „Stalky & Co."; von A. W. Clarke: „Jasper
Tristram" (London 1899) ; von Forrest Reid: ,'The garden god,
a tale of two boys" (London 1906); von Lefroy: „Echoe8 from
Theocritus and other sonnets" (London 1895) und von Lord Alfred
Bruce Douglas: „Poems" (London 1896).
Mehr auf Erregung sentimentaler Affekte und Sensation zielen
die homosexuellen Novellen von Achille Essebac: L'Elu'*), Luc^^),
Ded^so).
Zu hoherer Vollendung erheben sich zwei neuere Darstellungen der
mannmannlichen Liebe: die Szenen zwischen Achill und Patroklos
in "Wilhelm Schmidtbonns „Zorn des Achill", die fast antike
GroBe haben, und die Novelle „Der Tod in Venedig^s) von Thomas
Maun, in der mit f einer Kunst geschildert wird, wie die Leiden-
schaft zu einem schonen Knaben in die Seele eines alternden Kiinst-
lers einbricht, die letzte moralische Kraft des Erschopften aufzehrt
und ihu dem inneren Zusammenbruch entgegentreibt.
Alle di3se Werke bescjiaitigen sich mit der gleich£,'Ch
schlechtlichen Liebe mehr als Gestaltungsproblem ; sie sind mehr
beschreibender Art. Dagegen gibt es eine Anzahl anderer, in
denen das Lebens- und Weltgeftihl der Homosexuellen nach Aus-
«') Paris 1897. — ^8) Deutsch von M. Capsius, Berlin 1905. —
69) Paris 1902: doutsch von Greve Minden 1904. — ''o) Paris 1904. —
71) Leipzig 1901. — ^2) Leipzig 1906. — ^3) Berlin 1904. — 7^) „Ewald
Alienus, Briefe eines einsamen Kampfers, Roman" Leipzig Xenien-Ver-
lag, 1913. — ■'S) „Die Infamen", Leipzig 1906; „Der junge Kurt", Ber-
lin 1904; „Ercole Tomei", Leipzig 1900. — 76) ,^Prinz Kuckuck, Leben,
Taten, Meinungen und Hollenfahrt eines Wolliistlin^s." 3 Bande Miin-
chen 1907—1908. — '7) Stuttgart, Cotta. — ^s) Paris 1902. — 79) Paris
1902. — 80) Paris 1901. Deutsch von Greorg Herbert, Leipzig 1903. —
81) London 1900.
82) Der genaue Titel dieser leider nur als Privatdruck erschienenen
croBten enghschen Monographic iiber den Gegenstand lautet: „The
intersexes: a history of similisexualism as a problem in social
life." (Privately printed, and all rights reserved.) Das Werk ist Krafft-
Ebing gewidmet „without his suggestion and aid it would never have
been begun nor carried on to its close."
M) Berlin 1913.
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druck ringt. Selbst da, wo sie Gleichgeschlechiliches nicht
darstellen, sind sie von einer besonderen Stimmung erftillt, die
mit der Natur des Dichters in direktem Zusammenhange steht.
Der Kenner ftihlt den Pulssehlag des Abseitigen auch dort, wo or
sich zu verbergen sucht, so ist das ganze Maskenspiel Oscar
Wildes, wie es sich vor allera in -jjDorian Gray*'^^) wider-
spiegelt, nur aus seiner sexuellen Psyche verstandlich, aus
der Situation, in der er sich mit seiner Besonderheit dem all-
genieinen Dasein gegenliber sah. Der wirkliche Wilde trat
erst hervor, als im Zuchthaus von Reading die Larve fallen
muflte^^).
So mufite der Tieferblickende auch bei Herman Bang sowohl
an einzelnen Darstellungen, wie der der jurigen Artisten in den „Exzen-
trischen Novellen", in ,,Michaer*, der Tragodie des einsamen Kiinst-
lers, dem der geliebte Jiingling das Leben zerschlagt, in den
„Vaterlandslosen**, dem Roman dessen, der keine Heimat unter den
Menschen hat, die Spur der Homosexualitat wahrnehmen, ehe die Nach-
richt von jenen hinterlassenen Aufzeichnungen kam, in denen er voij
der Tragodie der homosexuellen Veranlagung spricht, und die der
Offeutlichkeit torichterweise noch vorenthalten werden. Hans Land
schrieb^^) iiber Herman Bang, als dieser auf einer Vortragsreise
in Amerika plotzlich verstarb: ,,So kommt es, daii vor diesem
Edolmenschen, vor dem Ordnungsphilister schaudernd sich bekreuztei)
und nach dem Staatsanwalt riefen, wir anderen, wir Wissenden, una
neigen, daB wir seiner hellen .Spur dankerfiillt nachtrauern, daB wir
diesem zum Helferwerk nimmer Miiden das Evangelienwort sprechen,
das tief ehrfiirchtige : „Ecce homo !** Um so unverstandlicher ist es,
daB Johannes Schlaf vor einigen Jahren glaubte, die Ausfiih-
rungen von B e r t z iiber Walt Whitmans offensicht?liche Homo-
sexualitat bekampfen zu miissen^?). Kein Zweifel besteht auch iiber
den starken homosexuellen Einschlag in der Natur Paul Verlaines,
der sein Abenteuer mit dem jungen belgischen Dichter 'Arthur
Rimbaud, el)enso wie sein Partner (dieser in „Une saison en enfer")
besungen hat^^).
6*) „The picture of Dorian Gray" Wien 1908.
85) Literatur iiber den Fall Wilde : Numa Pratorius, in ,,Jahr-
buch fiir sexuelle Zwischenstufen" Bd. Ill, S. 265 — 274 ; ferner Os.
S e r „Der Fall Wilde und das Problem der Homosexualitat" Leipzig
1896; Handl, „Der Wilde-ProzeB", in: Die Zeit, Wien, 15. Juni 1895
Nr. 37 ; H. R e b e 1 1 „Defen3e d'Oscar Wilde" in : Mercure de France
1895; Tybald in: £cho de Paris vom 29. Mai 1895; Paul Adam,
„L'a6saut malicieux" in: Revue blanche vom 15. Mai 1895; Henri
de R6gnier, ,, Souvenirs sur Oscar Wilde" in: Revue blanche vom
16. Dezember 1895; W. F. Stead in der Review of Reviews vom
15. Juni 1895, S. 491 — 492; Notiz in: Jahrbuch fur sexuelle Zwischen-
stufen III. S. 550 u. 609; Bernstein in: Die neue Zeit 1895 Nr. 32
und Nr. 34; Havelock E 1 li s a. a. O. S. 212. — Robert H. Sherard,
Oscar Wilde. The story of an unhappy friendship. Popular edition,
London 1908.
6C) Cf. „Die Schaubiihne" 15. Februar 1912.
87) Vgl. iiber diesen Streit ooen p. 672.
88) Vgl. Charles D o n o s , Verlaine intime und Oscar P a n i z z a ,
Rimbaud, Wiener Rundschau 1900.
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Ganz und gar auf dem Grunde der Freundesliebe stdiii
das Werk Stefan Georges, der liber den Asthetizismus des
„Algabar* den Weg gefunden hat zu den hallenden Versen des
„Siebenten Ringes** ; in ihm ist der mannliche Eros in einem
Sinne schopferisch geworden, der tiber das Geschlechtlidie hinaus
ganz anf das Geistige gerichtet ist. Am klarsten wird dies in
den ,,M aximi n**-Gediehten, in denen die Gestalt des .schonen
Jiinglings zum Erloser und Wegftthrer wird. Das Ideal der
Freundschaft rtiokt hier wie in der Platonischen Gedankea-
welt in die Bedeutung eines lebendigen geistigen Prinzipes.
Stefan George verwahrt sich zwar gegen die homosexuelle
Auslegung seiner Werke, indem er sagt^s): „Wir fragen nicht danach
ob 5es Schillerschen Don Carlos Hingabe an Posa, des Goetheschen
Ferdinand an Egmont, der leidenschaftliche Enthusiasmus des Jean
Paulischen Emanuel fiir Viktor, Roquairols fiir Albano irgend etwas
zu tun hat mit einem hexenhammerischen Gesetzesabschnitt oder einer
iappischen medizinischen Einreihung: vielmehr haben wir immer ge-
glaubt, in diesen Beziehungen ein wesentlich Bildendes der ganzen
deutscheu Kultur zu finden. Ohne diesen Eros halten wir jede Er-
ziehuDg fiir bloBes Geschaft oder Geschwatz und damit jeden Weg
zu hoherer Kultur fiir versperrt." Wie sehr er aber im Grunde selbst
den Kern des Problems empfindet zeigt sein Gedicht „Porta nigra",
in dem er einen Lustknaben des romischen Trier den Menschen
uuseres „verhirnlichten und verstofflichten Zeitalters" die Worte ent-
gegenrufen laBt:
„Was gelten alle Dinge, die ihr riihmet:
Das Edelste ging eucn verloren: Blut . .
Wir Schatten atmen kraftiger! Lebendige
Gespensterl lacht der Knabe Manlius . .
Er mochte iiber Euch kein Szepter schwingen,
Der sich des niedrigsten Erwerbs beflissen,
Den ihr zu nennen scheut — ich ging gesalbt
Mit Perserdiiften um dies nachtige Tor
Und gab mich preis den Soldnern des Casaren."
Nicht 60 f r e i wie Georges Werk ragt das Werk eines
Dichters auf, der sich ,,Sagitta** und seine Dichtungen „Die
Biicher der namenlosen Liebe' nennt. Hebt George durch die
ethischc Kraft seines geistigen Willens die Idee der Freundes-
liebe aus seiner Zeit heraus, so bleibt Sagitta in der Stimmung
des (von den Zeitibedingungen zerqualten Homosexuellen. Er
gibt nicht das Ziel, sondern ist ganz von dem subjektiven Leid
und der schmerzlichen Sehnsucht der Tiefe erfiillt. Als Motto
setzt cr eeinem Gesamtwerke die Worte voran :
,,Ich singe die Liebe, die ihr begraben,
Die ihr in Acht getan und in Bann . . .'*
bo wird er ein vollkommener Ausdruck der seelischen Ver-
fassung des Urnings, die sich in den bangen AVorten zusammenpreCt :
89) Im jjJahrbuch fiir die geistige Bewegung", herausgegeben von
G u n d o 1 f und W o 1 1 e r s , Bd. 3.
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1023
„Iii den Reichon derWelt, wolc^ies isl iinsor Reich?" Besonders hervor-
zuheben sind die Gedichte „Der Frenide" und ,,Die Tiir", das halb-
epischo „Wer sind wir?" und der Roman „Fenny Skaller"^^). Von wei-
teren Namen waren hier zu nennen : E. v. Kupffer ^i), Otto von
Taube»2), Karl v. Levetzow»3), Peter Haraecher^*), Josef
Kitir^s)^ Adolf Brandt^**), der im „Eigenen" auch einc kiinst-
ierische Zeitschrift fiir homosexuelle Dichtung zu schaffen unternahm.
Sie erwies sich ebensowenig lebensfahig, wie (ein ahnliches Unternehmen
in franzosischer Sprache, aer „Akad6mos"8') von A d e 1 s w a r d - F e r -
sen, der namentlich im ,,TiOrd Lyllian"^^) selbst Bemerkenswertes
auf diesem Gebiet leistete.
Formvollendete JStrophen, in denen die Bewunderung fiir mann-
liche Schonheit und Kraft durchschlagt, haben der Englander Alger-
non Charles Swinburne und der Amerikaner George Syl-
vester Viereck. Auf homosexueller Basis steht auch vieles ' im
Schaffen des russischen Bichters Michail Kusmin^^) und des
Schweden Viktor Rydber g^^o)^ sowie des Hollanders d e H a a ni^i),
dessen Landsmann E x 1 e r ^^) neuerdings in „Levensleed" cinen tief-
empfundenen urnischen Roman geschaffen hat.
Fast ebenso haufig, in Frankreich sogar haufiger, als die dicli-
terische Darstellung der mannmannlichen Neigung ist die moderne Schil-
derung der homosexuellen Frauenlie-be. verlaine ^^3) und Bau-
delaire I*'*) besingen sie ; Pierre L o u y s in den Liedern der Bili-
tis^o*) und in Aphrodite^o*). Novellistisch behandeln sie u. a. M a u -
passantio?)^ Henri de R6gnierio8), Oatulle Mend^sio^),
Willy"o)^ Diderotiii), die Halbweltlerin Liancde Pougyiis)^
Morelii3), Faureii*), Rynerii^), L epage ii«), Vivien i^O^ de
L y s *i8) und Neuville- Le m e r c i e r ns). Interessant ist das Pam-
phlet Alfred de Mussets „Gamiani", das, auf George Sand
gemiinzt, die Debauchen einer Tribadie zum Inhalt hat. Den Titel
aieses Buches akzeptiert E. D. in „La Comtesse de Lesbos ou la nou-
velle Gamiani"i20). Von deutschen Werken seien genannt: „Sind es
90) Die Werke von Sagitta sind jetzt nur noch als Privatdruck
aus Holland zu beziehen. — ^i) Lieblingminne und Freundesliebe in
der Weltliteratur, Eberswalde 1899. — ^^ „Gedichte", rnsel-Verlag
Leipzig. — 93) „Der Bogen des Philoktet", E. Reiss, Berlin. — 9*) „Ent-
rechtet", Leipzig 1906: „Zwischen den Geschlechtern", Ziirich 1901. —
95) „Insehi des Eros", Wilhelmshagen 1905. — »«) , Lyrische Radie-
rungen", Wien 1898. — *?) Akad^mos, Revue mensuelle d'art libre et
de critique. Herausgeber: Comte d'Adelsward-Fersen, Paris 1909, I. (ein-
aiger) Jahrgang. — 98) Paris 1907. — 99) i>ie Novellen „Fliigel" und
„Da5 Abenteuer des Aim6 Leboeuf" in , (Geschichten", deutsch Miin-
chen 1912. Vgl. auch Kurt Hiller, Die Weisheit der Langenweile,
Band I. p. 197 ff. — loo) „Romerska bilder (Romische Bilder), Stock-
holm. — 101) „Pippelintjes". — 102) ,,Leveneleed. Psychologischer Ro-
man, ' Een Boek voor Ouders" Door M. J. J. Exler, s 'Graven shage. ~
103) Cf. den Cyklus „ Amies", ferner „Parall^lement", ^,Paul Husson** in
Nouvelle R6vue ind6pendante 1889. „La trilogie 6rotique", Paris 1907.
Vgl. aucn Charles Donos, Verlaine intime und Oskar Panizza, Rimbaud,
Wiener Rundschau 1900. — loi) i^ dem von George prachtvoll iiber-
tragenen Gedichte „Lesbos". — los) Paris, Biblioth^ue moderne. —
io«) Deutsch Budapest 1900. — i07) La femme de Paul.** — 108) L'amour
et le plaisir." — 109) „M6phistoph61a", Paris 1900. -- "o) Der Roman-
zyklus „Claudine" 3 Bde. Paris 1901—1903. — i") „La R^ligieuse*'
und „Les bijoux indiscrets". — "2) u^e idylle saphique" 1900. —
118) „Sapho de Lesbos" Paris 1903. — n*) „La dernidre journ^e de
Sapho", Paris 1901. — n*) „La fille manqu6e", Paris 1903. — ns) „Les
fausses vierges", Paris 1902. — "7) „Sapho", Paris 1903. — ns) „Les
virages de Sodom" 1901. — ii9) ^^Die Freundinnen." — 120) Paris 1900.
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1024
Frauen?"^2i) yon Due, die anonymen Romane, „Verbene Junkers
lyiebe, eiu Roman dem toten Oscar AVilde gewidmet", „Ein Weib"^--) :
„Die neue Eva" und „Mimikry"^23) von Maria Jan itschek, Ernst
Stadlers „rreundinnen*'i24)^ Georg Kelms ,,Pariser Geschich-
ten"i25^ und Bernhard Steiners „Sappho"i26)^ Sophie Hoch-
s t e 1 1. e r s „Kapellendorf", „Das Leben der Renee von Catte"^27) von
Els a von Bonin, Elisabeth Dauthendeys ,,Vom neuen Weib
und seiner Liebe", Elisabeth Rodenbergs ,, Brief e an eine Freun-
(Jin»'i28)^ sowie ,,Virages oder Hetaren** von Grafin von Revent-
1 o w 129) xind „Die bronzene Tiir" von Siena ^^lagrodskaja ^*-a).
Tribadische Episoden finden sich in Hofmannsthals „Elektra".
in Wedekinds „Erdgeist", ,,Biichse der Pandora" (Gestalt der
(■Jrafin Geschwitz) und „Minehaha".
Wahrend es sich in alien diesen Werken um kiinstlerische Werfce.
wenn auch von sehr verschiedener Hohe handelt, ist im AnschluB
an den wissenschaftlichen Streit fiir und wider die Homosexuellen
auch eine Literatur entstanden, die reine Tendenzzwecke verfolgt
Typen dieser Gattung sind die Romane „Geschlechter der Menschen"^'^)
von Bob; Daniel Daniela, ,,Aus dem Tagebuch eines Kreuztra-
gers"^3i)^ ,,Der halbe Mensch, die Tragodie des dritten Geschlechtes^^^)
von Claire Bernhardt, die Dramen ,,Jasminbliite"i*3) von Dils-
n e r , ,,Fehler"^34) von H. Hirschberg, „Wahrheit"i35) von M o 1 d a u.
Wie hier die f ii r die Homosexuellen, so tritt in Irma Goerin-
gera „Schlingpflanzen"i36) xind Paul Forts „L'amour marin*' die
g e g e n sie gerichtete Tendenz zu stark hervor, als daC nicht
das Niveau der Werke als Kunstwerk sinken milBte.
Von Anthologien, in denen homosexuelle Dichtungen aus der
Gegenwart und Vergangenheit, besonders der Antike, von sachkundiger
und sachverstandiger Hand gesammelt sind, seien noch angefiihrt
Elisarv. Kupffers ,,Lieblingminne und Freundesliebe in derAVelt-
literatur**i3') und Carpenters „ Jolaeus, an anthology of friend-
ship"^^^),
€berblicken wir diese Autorenliste, die keinen Anspruch auf Voll-
standigkeit erhebt, so ergeben sich folgende Gruppen: Ein Teil stellt
eigenstes Empfinden dar, wehrt sich aber gegen diese Annahme — nur
wenige machen hier eine wiirdige Ausnahme, indem sie mehr oder weniger
trei, oft ailerdings durch Tatsachen mehr oder weniger gezwungen,
wie Oscar Wilde und Herman Bang — ihre Neigung bekennen.
Die Autoren, die o h n e sich zu dekouvrieren, die homosexuelle Liebe
in Wort und Bild schildern, sind innerlich unabhangiger als die,
welche wohl unterrichtet iiber die subjektive und objektive Bedeutung
der Homosexual itat, ihr Vorkommen geflissentlich mit tiefstem Schwei-
gen iibergehen, well sonst moglicherweise jemand auf die Vermutung
kommen konne, „sie waren auch so". Diesen Gruppen stehen besonders
in den letzten Jahren recht zahlreiche Schriftsteller gegeniiber,
die als rein objektive Beobachter homosexuelle Menschen und Dinge
in den Kreis ihrer Lebensschilderungen und Dichtungen einbeziehen.
Hat in der Auf fassung der Homosexualitat die Wissenschaft,
aus dem Leben schopfend, der Dichtkunst vorgearbeitet, so be-
1^^) Leipzig o. J. — ^22) Psychologisch biographische Studie iiber
eine Kontrarsexuelle. Leipzig o. J. — ^^3) Leipzig. — ^24) „Ein lyrisches
Spiel", Magazin fiir Literatur 1901. — 125) jena 1901. — i^e) jena l^vi.
— 127) Berlin o. J., bei Fleischel & Co. — 128) Leipzig 1907. —
^29) Ziirich 1900. — i29a) Wilh. Borngrabers Verlag Neues Leben,
Berlin 1914. — i30) Leipzig 1901. — i3i) Berlin 1908. — i3S) Dres-
den 1907. — 133) Berlin 1899. — i34) StraBburg 1906. — 135) Leipzig
1907. — 1*6) Munchen 1908; konfi^ziert 1910. — "?) Eberswalde 1899.
— 138) London 1896.
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1025
einflulJt diese wiederum besanfti^nd das Leben. Alle drei aber —
Leben, Wissensdbaft und Kunst — zeigen immer deutlicher,
daU etwas, das nach' Raum und Zeit ewig i n der Natur war und
ist, nicht wider die Natur sein kann, dalJ, wie so oft, auch
hier der Mensch Gespenster und Gespinste sah, wo sich ihin
bei klarerem, reinerem Schauen das Menschentum in ungleich
freundlicherem Lichte geoffenbart haben wlirde.
Dieses zu erweisen, war nicht derZweck dieses Buches.
Es verfolgte keine andereA'bsicht, als die, eine einheitliche,
zusammenf assende Darstellung der Homosexualitat des
Mannes und des Weibes zu geben. Ob mir dieser Plan gelungen
ist, mogen andere entscheiden. Vieles, was ich noch gem angef iihrt
hatte, muCte ich mir versagen, um nicht die tibersichtlidhkeit
des Werkes unter seiner Ausdehnung leiden zu lassen. Eine
Frage flir sich ist, ob die wissenschaftliche Durchdringung
des Gegenstandes nach alien Seiten uberhaupt schon so weit
gefordert ist, dafl Abschlieflendes geboten werden konnte. Ich
giaube dies bejahen zu dtirten. Es wird zwar auch in Zu-
kuDft noch viel liber die mannliche und weibliche Homosexuali-
tat geschrieben werden, und schwerlich ist anzunehmen, daft die
Jahrbticher furs?xuelleZwischenstufen jemals an Stoffmangel zu-
grunde gehen werden ; vor allem werden ethnographische
Forschungen noch mancherlei Neues bringen, auch an wertvollen
Einzelstudien tiber berlihmte homosexuePe Manner und Frauen
wird es nicht fehlen, von beachtenswerten philologischen, biblio-
graphischen und philosophischen Ai bei ten ganz abgesehen. Flir
die Kasuislik des Uranismus mit alien seinen Unterabteilungen
F^t/Chen gewilJ noch nennenswerte Beitrage zu erwarten, und
endlich werden die rein biologischen Untersuchungen, von der
Statistik der Einzelerseheinungen an bis zu dem Studium
innersekretorischer Vorgange, teratologischei^
Keimdriisenbefunde-'^^) sowie serologisch nachweisbarer Ver-
anderungen, Schlaglichter von Bedeutung auf diesen oder jenen
Teil des umfangreichen Gebiets werfen — alles dies wird den
Stoff noch erweitern und vertiefen; gleichwohl diirfte aber das
Wesentlichste, was liber den Uranismus beider Geschlechter fest-
gestellt werden konnte, als Massiv vor uns liegen.
139) Vgl. die neuerdings nachgevviesenen Einsprengsel von Hoden-
kanillcheii und Zwischenzellen in Eierstoeken (Klin. Therap. AVochen-
schrift vom 10. u. 17. Nov. 1913, Vortrag von L. Pick); cf. auch Samin-
lung von Modellen geschlechtlichcr rijergangFformen, herausgegehen von
Prof. Dr. Benninghoven, nach Materialangaben von Dr. M.
Hirschteld u. Dr. E. Burchard, Fall IV, Praematuritaa mas-
culina et feminina. .
Hlrschf eld, Homoscxualiiat. ck
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1026
Welche Schluflfolgerungen a'ber konnen aus diesem Bande
des Handbuchs der Sexualwissenschaft gezogen .werden? Da
mtfssen wir unterscheiden, was aus ihm die Heterosexuellen
und was die Homosexuellen entnehmen konnen. Die Hetero-
sexuellen werden, wenn sie dieses Buch durehgelesen haben,
soweit sie vorher noch in alten Anschauungen befangen waren,
uonlernen und iwohl oder libel einsehen tntissen, daB an
jedem Tage, an dem Staat und Gesellschaft, Familien und
einzelne in ihren fruheren, auf Unkenntnis beruhenden Vor-
urteilen gegen homosexuelle Manner und Frauen verharren, ein
Dnrecht vermehrt wird, das in der Menschheitsgeschichte nur
wenige seinesgleichen hat. Von den homosexuell empfindenden
Mannern und Frauen selbst aber sollten, wenn sie die vor-
stehenden Kapitel beendet haben, viele aufhoren, sich ungliick-
lich zu fiihlen. Vor dem hochsten Richter — ihreml eigenen Ge-
wissen — etehen sie um ihrer Homosexualitat willen schuldlos
da, doppelt schuldlos, solange man sie fiir schuldig halt. Und
auch ihr Gefiihl der Vereinsamung dtirfte schwinden, wenn sie
Behen, wie unendlich viele Menschen aller Zeiten und Zonen
das gleiche Schicksal trugen. Vor allem aber sollten sie nicht
iibersehen, daB ihnen die gleichgeschlechtliche Liebe — recht
verstanden — "wie jede andere, trotz aller Verkennung schon
jetzt das reinste Gltick, im Beglucken anderer sich selbst zu be-
gllicken, vermittelt und ihnen mit der starken Erhebung von
Seele und Leib ein Lebensgut gewahrt, fiir das ein ^ut Teil
Leiden in den Kauf zu nehmen sich wohl verlohnt. Bleiben
doch auch dem Heterosexuellsten bittere Tropfen im Rausch-
trunk der Liebe nicht erspart.
Ergabe sich fiir viele heterosexuelle und homosexuelle
Menschen ein solcher Umschwung ihrer Gesinnung a 1 s
Folge, nicht als Zweck dieser Schrif t, so ware dies ein
Erfolg meiner Arbeit, ,wie ich ihn mir schoner nicht denken
kann. In dieser Hoffnung lege ich am Werkende die Feder bei-
seite, nicht im BewuBtsein, mir ein Verdienst erworben, sondern
meine Pflicht erfiillt zu haben.
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Namenregister.
A.
Abd-el-Koder 520.
Abderhalden 378.
Abraham, Karl i^S, 789,
742, 1013.
Aba Caiich 597.
— No was 658.
Accorso, Franz von 658.
Achilleus 747, 750, 770,
786.
Actius Syncereus Sanna-
zarius 658.
Adam, Paul 1021.
Adelsward-Fersen 1023.
Adler, Otto 93, 94, 221.
Adolf Fredrik 537.
Adonis 641.
Adriano 444.
Aelian 652, 749,753,778.
Aelius Verus 802.
Aeschines 767, 768, 769,
770, 771, 808, 818, 960.
Aeschvlus 653, 752, 753.
Affio ^662.
Agatharchides 788.
.\gathokles 30.
.\^athon 652, 654. 655,
753, 774, 775, 776, 777,
816.
d'Ageni, Leo 133.
Agesiliaos 650, 657, 756.
d'Agoult, iAlarie 181, 23 ).
Agrippina 797.
Aguilaniedo, J.jVf.L. 579.
Ahab 743.
Akusilaos 774.
Alarich II. 830.
Alberoni, Giulio 6.58.
Albert! 534.
Albius Tullius 795.
Albrecht, Paul 131.
Aldobrandini, Tegghiaio
658.
Aletrino 388, 389, 532.
Alexander der GroBe
650, 651, 65.5, 657, 743,
782, 784.
— I. 20, 537, 658, 661,
783
— VI. 206, 658.
— Severus 29, 804.
Alexandra 220.
Alexis 655, 657, 795.
Algotson, Benkt 535,
536, 667.
Alkaios 650, 748.
Alkibiades 20, 323, 419,
651, 655, 760, 761, 777,
788.
Alkiphron 807.
Alkmaion 779.
Allers 447, 658.
Allfeld 977.
Alphons X. 824.
Ambrosius 742.
Amenemhet I. 738.
— IV. 739.
Amenhotep IV. 739.
Aminoff. Johann 663.
Ammon-Ra 738, 739.
Amos 826.
Amyntas 782.
Anakreon 509, 651, 655,
749, 765, 944.
Anastasius 705.
Andersen, H. C, 132,
188, 425, 509, 534, 658,
666, 1013.
Andokides 766, 769.
Androtion 766.
Anglesey, Marquis of
658.
Anna Leopoldowna von
Braunschweig- Wolf en -
buttel 658.
Ansbach, Alexand( r von
658.
.Anteros 802.
Antigonos 651, 743.
— Gonatas 779.
Antikles 770.
Antinous 176, 536, (;52.
801, 802, 808, 1013.
Antiphon 766.
Antomedon 805.
Antoninus Pius 802.
Antonio 444.
Antonius 196, 792.
Anytos 788.
Aphrodite 7, 745, 776.
— Pandemos 762.
— Urania 762.
Aphroditos 641, 741.
Apion 816.
Apollo 368, 595, 806.
— , Kithairedos 763.
— , Sauroktonos 763.
Appius Claudius 789,
792.
Apulejus 36, 806.
Aratos 786, 787.
d'Arc, Jeanne 113.
Arcangeli 673, 889.
Archelaos 782, 788.
Archenholtz, J. W. voii
103, 347.
Arduin 1014.
Argentarius, M. 805.
Argilius 654.
Ariaios 661.
Aristide 444.
Aristides 651, 656, 657.
Aristippos 756.
Aristobulos IT. 743.
Aristogeiton 652, 751.
765, 770, 775, 782.
Aristokles 651.
Aristokrates 785.
Ariston 651, 767, 772.
Aristophanes 29, 289,
349, 741, 753, 772, 774,
775, 776, 1015.
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1028
Namenregi^ ter.
Aristoteles 143, 323,
367, 368, 387, 600, 640,
651, 654, 741,745,751,
763, 764, 778, 779, 780,
781, 782.
Aristoxenos 788.
Arkesilaos 779.
Armfelt, Gustaf Mauritz
537, 658, 663.
Arndt 381.
A mould, Sophie 659,
669.
Arrian 784.
Artabazos 762.
Artaxerxes 654, 740.
Artemidoros 808.
Artemis 763.
Asa 742.
Aschaffenburg, G. 263.
301, 991, 1010.
Aschrott, P. F. 1010.
Ascyltos 799.
Asiaticus 798.
Asklepiades 651, 785.
Asop 349.
Asopichos 652.
Aspasia 946.
Assinanii 880.
Astarte 741.
Aster 655.
Astyages 762.
Aj-tytchos 770.
Asurbanipal 740, 741.
Athalarich 8r8.
Athenaeus 135, ^63, 650,
651, 652, 656, 749, 750.
752, 753, 756.
Athene 754.
Attalos 782, 783.
Attar 744.
Attis 744.
d'Avaray 667.
Audlegh, Mervin 658.
August der Gliickliclio
659.
Augustinus 659, 743, 830.
Augustus 651, 658, 657,
793.
Aulus Gabinius 792.
— Hiifus 793.
— Vitellius 798.
Anrelius V.ct. r705, 80?,
817, 1019.
Ausonius 36, 163, 797.
Autobulos 805.
Autolykos 761.
Avenarius, Ferdinand
977.
.\ severed us 560.
B.
Baal 641.
Baal-Berit 814.
Baars, Ernst 1011.
Baba 449.
Bacchion 805.
Bacchus 349, 368.
Bacchvlidcs 651, 653.
Bach '253.
Back, Georg 436, 543.
Bacon, Francis 659.
Baechie, B. 939.
Baert, Ph. 661.
Bagoas 784.
Bahr, Hermann 977.
Balboa, Gomdra r87.
Balz 21.
Balzac, Honors de 1015.
Bang, Herman 531, 659,
im, 1024.
Bar 980.
Barbarigo, Marco 659.
Barbarini Campanini
663.
Bardeleben 961, 962.
Barneficlc', R'chard 659.
Barreau, Paul 889.
Bastian, Ad. 587, 609.
Bathyllus 651, 655, 749.
Batifol 667.
Baudelaire 1023.
Baumann, F. 559, 569,
599, 708, 728.
-, Oskar 289.
Baumeister, A. 747.
Baumstark 818.
Bazaine 520.
Bazalgette 672.
Bazzi, Giovanni Antonio
24, 508, 659, 1013.
Beauharnais, Fugen 658.
Beaumont, Francis 662.
Bebel 314, 467, 979, 982,
983, 984.
Beccaria 942.
Beckford, William 659.
Beda 949.
Been 840.
Beer 389.
Beethoven 253, 385.
Behrisch 310.
Bei, Achmet 696.
Bellini 133.
Belzer 984, 986.
Bembo, Max 11,281,291,
470, 580.
Bencden, von 357.
Benedikt 425, 515.
— TX. 659.
Benkert, Karl Maria 4,
10.
Benninghoven 1026.
Benson 669.
Bentinck 672.
B^ranger 501.
Berenike 406, 779, 800.
Beresford 66.
Berg, Leo 71, 74, 637.
Bergfeld 10.
Bergk 651, 653, 665, 666.
Bergmann, von 974.
BerHlon, E. 970.
Berkusky, H. 730.
Bern, Dietrich v. 254.
— , F. 686.
Berner 838.
Bernhard, Sarah 232.
Eernhardi, W. 126, 360,
378.
Bernhardt, Claire 1024.
Bernhoft, F. 764.
Bernstein 888, 1021.
Berrichon 671.
Bertz, Ed. 132, 181,551,
640, 671, 672, 1013,
1021.
Bethe, Erich 18, 695,
674, 761, 757, 769.
Beulwitz, Rudolf von
1016.
Beyerlein 1019.
Beza, Theodor 523.
Bierbaum, Otto Julius
977, 1020.
Bilban, Vergilio 61,62.
Binding 838.
Binet 338, 345, 351.
Binswanger 397, 428.
Bion 651, 786.
Birkmeyer 841.
Birnbacher 168, 321.
Birnbaum 945.
Bischoff 366, 387.
Bismarck, Otto von 228,
677.
Bjomson 981.
Blank, SiiBkind 138,
232, 291, 707.
Blasemann 46.
Blass 765.
Blavatzk}', Helena Pe-
trovna 669.
Bleuler, E. 342, 433,
541.
Bloch, 21, 29, 33, 138,
156, 176, 187, 200, 218,
219, 220, 233, 276, 280,
297, C08, 310, 326, 338,
364, 371, 376, 377, 378,
Digitized by VjOOQIC
Namenregistcr.
1029
379, 390, 456, 458, 466,
624, 530, 562, 579, 712,
718, 730, 740, 745, 793,
799, 801, 892, 948,
1010, 1013.
Bluher 130, 278, 297,
646.
Boccaccio 409.
Bocklin 66.
Bodea, Karl 506.
Bodenstedt, F. v. 664.
Bodlander 427.
Boethos 805.
Bogoras 623, 624.
Bohmer, J. S. Fr. von
24, 837.
Bolle, Karl 659.
Bolsche 632.
Bolsec 825.
Bonfadio 659.
Bonheur, Rosa 508, 660.
Bonhoeffer, C. 316, 317.
Bonin, Elsa von 1023.
Bonneval, Claude Alex.
Graf von 659.
Bonny, Anne 284.
v. Bonstetten 668.
Borel, Henri 612.
Boretius 830.
Borgia, Cesare 666.
— , Peter Ludwig v. 834.
Bosc, Jean 521.
Bosse, Harriet 1019.
Bofihard 507.
Botrys 785.
Bouillon, Kardinal von
22, 660.
Bourbourg, Brasseur de
587.
Bourget, Paul 47.
Bouteiller, Jean 824.
Boveri 357.
Brabdt 660.
Bracci, Cecchino 103.
Brachet, J. L. 188.
Braganza, Prinz v. 549.
Brahe, Tycho de 669.
Brahma 524, 601, 641.
Bramante 665.
Branciforte, von 660.
Brand, Adolf 872, 984,
1007, 1023.
Brandt, P. 654, 748, 750,
753, 785, 787, 805, 956,
1014.
— , M. von 614.
Branitzka 666.
Brant6me 33.
Braun 984.
Braunschweig 151, 296,
332, 423, 506, 953.
— Rosa V. 133, 160,
672, 1014.
Brazzoduro, Edoardo 61,
62.
Breastedt, I. H. 737,
739.
Brehm 631.
Breitenstein, H. 707.
Breitinger, Heinrich v.
181.
Bretonne, Retif de la 24.
Breuer 61, 126, 882, 883,
888, 889, 936.
Bridgewater 660.
Brigitta, Santa 535.
Briseis 747.
Brooke 608.
Brosch, M. 668.
Brown, Horatio F. 671.
Bruck, F. F. 977.
Brugsch, H. 738.
Brunner 830.
Bruno, Giordano 660.
Bruns, Ivo 757.
Brutus 36.
Bucer 665.
Buchbinder, Johanna 63.
Biicheler, E. 764.
Bucke 139.
Buckingham 665.
Buddha 524.
Budge 191.
Buffon, G. L. L. de 632.
v. Billow 63, 984, 1004,
1007.
Bulthjaupt, Heinrich 660.
Bumke 478, 479.
Burchard 171, 206, 215,
226, 234, 301, 302, 303,
317, 381, 383, 585, 918,
921, 926, 929, 931, 940,
1025.
Burgh, van der 560.
Burghauser 373, 423.
Burrough, John 132,146.
Burton, Richard 25,
560, 627, 658.
Buschan 526.
Busching 662.
Byron 374, 659, 600,
948.
Bystrom 664.
Cadmus 35.
Caelius Aurelianus 757.
— Rufus, M. 792.
Caesar, C. Julius 204
651, 654, 657, 792, 793,
797.
— Caligula 796, 797,
805,
Cagliostro, A. Graf v.
660.
Caius 466, 639, 953.
Calixt III. 658.
Cal vaster, Julius 196.
Calvin, Johannes 523,
825.
Cambacer^s 660.
Capellanus, R. C. 507.
Capelhnann, C. 79, 394,
420, 705.
Capsius, M. 1020.
Cara, La 366.
earlier 563, 882.
Carmenion 134, 138.
Carpenter, Edward 10,
29, 50, 69, 158, 184,
379, 387, 390, 442, 477,
507, 525, 550, 640, 641,
648, 663, 668, 669, 671,
674, 703, 812, 871, 971,
998, 1014, 1024.
Carpzow 816, 821, 824,
837.
C.arr, Robert 665.
Carriere, Moriz 669.
Cartesius 104.
Casa, Giovanni della 060.
Casas, de las 586.
Casper, Johann Ludwig
12, 78, 126, 337, 466,
469, 629, 639, 938,
952, 953, 954, 960,
969.
Cassiodor 830.
Castaneda 586.
Castel, Horace de Viol
671.
Castillo, de 585.
Castlereagh, Robert
Stewart 660.
Catlin, C. 554.
Catull 170, Oil, 051,
744.
Cauer 1011.
Cauler 563,
Cavalieri, Tommaso 103,
104, 668.
Cayrade, J. 188.
Cedrenus 824.
Ceionjus Commodus 802.
Celesia 370, 500.
Cella 824, 943.
Cellini, Benvenuto 660.
946.
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1030
Xauienregister.
Cesare 414.
C'hanparnier, do GGO.
('harcf)t 27.
Chariton 652.
Charles, PhilaWh GGG.
Charlevoix, de 554.
Charmides 761, 773, 777.
Chattusar 744.
Chauffours, Etienne
Benjamin do 660.
Chaussard 18.
Chauveau 562, 824,943.
Che-Scheng 612.
Chevalier. Julian 27. 46,
266, 296, 351, 353.
666, 971.
Chin 586.
Chloris 945.
Choiseul, von 662.
Chopin 230, 253.
Chouard 663.
Choven, von der 600.
Christ, W. 653, 656, 748,
778, 786, 794, 807.
Christian VII. 660.
Christine von Schweden
103, 104, 159, 165.
375, 536, 661, 1014.
Christodorus 349.
Chrysippus 652, 748, 764.
Chrvsostomos, Dio 156.
Cicero 323, 748, 749,
764, 792, 805, 947.
Cinq-Mars 667.
Ciszkay 592.
giva 602, 641.
Clairon, Louise 661,669.
Clare, Lord 660.
Claretie, Georges 373.
Clarke, A. W. 47, 1020
Claudius Aelianus 806.
— Marcellus 789.
Clavigero, Fr. Saverio
587.
Clodius Albinus 803.
— Pollio 800.
Closes 953.
Coelius 792.
Coffignon 27.
Cohn 381.
Cohn-Autenorid, W. 611,
625.
('olonna, Vittoria 103.
104, 230, 668.
Commines, Philippe de
667.
Commodus 203, 802.
C^onde 374, 661.
Conti, Louis Armand
de, 22, 661.
Cook 826.
Cordol)a y Aguilar, G.
Fern, de 661.
Cornbury 661.
Cornelia 36.
Cornelius Nepos 20, 789.
— , Peter 511.
Corny 26.
Correggio, Antonio da
661.
Cortez 585.
Corval 427.
Corydon 795.
Coutagne 127.
Cramer 194, 337, 469.
Creed, J. M. 129.
Cremer 194, 503, 519.
Cr^qui 947.
Cressol, Louis de 667.
Crusen 841.
Cumberland, Ernest
Augustus 661.
I Curio, C. 204, 792.
ICursetta 206.
iCurtius 784.
Cvgnaeus, Fredrik 538,
^661.
Cvnthia 796.
Cyrus 652, 654.
D.
Dailoehos 653.
Dall, W. H. 625.
Dallet, P. 622.
Damm, von 984.
Damon 614, 652, 788.
Domoxenos 771.
Dangers 9.
Daniela, Daniel 1024.
Dante 509, 663, 1015.
Daphnis 786.
Dareios 784.
Darwin 362, 405, 550.
Daskow 666.
Daumer 958.
Dauthendev, Elisabeth
1014, 1024.
David 743.
Davis, Andrew Jackson
507.
Dawydow 626.
Dedichen, Henri k 460.
Defregger 66.
Delitzsch, Fr. 741.
Demetrius Phalereus
135, 652.
— Poliorketes 779.
Demochares 779.
Demokles 652.
Demokrates 772.
Demokritos 758.
Demonassa 136.
Demophon 656.
Demosthenes 163, 765.
766, 767, 960.
Dennler, Viktoria 59, 60.
Desgouttes, Franz 59,
60, 416, 661, 949,
969, 1006.
Dessoir, Max 46, 364.
Detring 616.
Deussen, P. 602.
Dexionikos 787.
Diderot 949, 1023.
Dido 35.
Dieffenbach 171.
Diels, Herm. 757.
Dikaiarchos 660.
Dilsner 1024.
Dio Cassius 196, 349.
792, 796, 797, 799, 800,
801, 803, 806.
— Chrvsostomos 806.
Diodorus 563, 738, 740,
766, 784, 806.
Diogenes Laertius 778,
779, 787, 788, 806.
Diokles 751, 786, 786.
Dion 666, 778.
Dionysios 778, 788, 789,
806.
Diophandus 770.
Dioskorides 785.
Diotima 776.
Dobson 808.
Doebner, E. Ph. 633.
Dolorosa 47.
Domitian 196, 800, 801.
Domitius 797.
Don Carlos 947.
Donos, Charles 1021.
Doppet 193.
Doriphorus 611, 620,
705, 797, 798.
Douglas, Alfred Bruce
1020.
Doyle, Peter 672.
Dreyfus 662.
Dreysen 752.
Driesmanns, H. 763.
Drusus 722, 796.
Duauf 738.
Dubois-Desaulle 38.
Dubois, Guillaume 661.
Due 1024.
Dufour, Pierre 668, 743.
Diihren 668, 659, 660,
661, 662, 664, 666, 672,
673, 677, 707, 826.
Duncan, Isadora 679.
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Nainenregister.
1031
Dupouy 129.
— , Edm. 129, 738.
Duquesnoy, Jerome n08.
569, 661, 834, 1013.
Durieux, Tilla 254.
Dyck, van 66.
Dyssel, L. van 47.
E.
Eabani 740.
Eberhard 832.
Ebstein, Wilhelm 219,
220.
Eckermann 347, 668.
Eckhard 191.
Edward II. 477, 535, 661.
Eekhoud 71, 533, 569,
661, 834, 1013, 1019.
Egells, Karl 4.
Egmont 205.
Ehlers, Otto 616.
Ehrenberg, Friedr. 86.
Ehrlich, Ottilie 137.
Einem, von 283, 733.
Eisler 385.
Eken, Anne v. den 119,
647, 673.
Eliot, George 661.
Elisal^eth Charlotte voii
der Pfalz 160, 56:{.
658, 661, 661, 665, 608,
669, 670, 672, 1014.
Ellis, Havelock 5, 6, 47,
125, 193, 194, 269. 283,
331, 334, 364, 372, 379,
388, 389, 473, 501, 512,
522, 547, 5.50, 609, 6.19,
671, 707, 760, 840, 971,
1003, 1021.
Elohim 641.
Empedokles 757, 775.
788.
Endymion 653.
Engel 888.
Enkolpius 705, 799.
Enthydemos 760.
Enyo 744.
Epaminondas 652, 657.
Epaulard 518.
Ephoros 763, 788.
Epichares 769.
Epicharmos 786.
Epikrates 765, 766.
Epikuros 787.
Episthenes 652, 756.
Eric 535.
Eriksson, Magnus 5o5.
Erkelenz, van 407.
Erman 624, 738, 739.
Ernst 334.
Eros 7, 8, 747, 751, 773,
774, 776, 777, 785, 786,
840.
Ersch 589, 787, 952, 953.
Erykios 805.
Eryximachos 774, 775,
776.
Eschwege, von 589.
Esra 814.
Essebac, Achille 47,
1020.
d'Estoc 710, 712.
d'Etrees 668.
Eudoxos 778.
Euenos 805.
Eugen, Prinz 659, 662.
Eulefeld, A. 634.
Eulenberg, Herl)ert 673.
Eulenburg, Albert 29, 97,
209, 216, 221, 334,573,
970, 1009.
— , Fiirst 1006, 1007.
— , Hermann 916.
Paimenides 793.
Eupolis 176.
Enrich 830.
Euripides 652, 654, 753.
Euryalus 653.
Eusebius 511.
Euston, Earl of 662.
Euthydemos 653, 777.
Ewers, Hanns Heinz
1019.
Excipinus 784.
Exler, M. J. J. 534,
1023.
Ezechiel 742, 813.
F.
Fabricius 656.
Fahrenheid-Bevnuhnen,
von 662.
Falkner, Thom. 689.
Falstaff 681.
Farinos 800.
Farnese, Pietro Luicri
662.
Faaire 1023.
— , Prinz V. 834.
Faustin 562, 943.
Fei-tschang 613.
Felton 891.
Ferdinand I. 668.
— III. 824, 831.
F6re, Ch. 381, 382, 412,
425, 426, 632.
Ferenczi, S. 11, 28, 277.
Ferhad Pascha 671.
Fernau, Herm. 499, 561,
664.
Ferri-Pisani 47.
Feuerbach, Anselm von
445, 777, 828, 836, 959.
Findlater, Earl of 662.
, Fitzgerald, Edward 662.
Fiyi-no-Ben 619.
Fjelstrup, August 660.
Fiatau, Theodor S. 134.
Flaubert, Gustave 194,
646, 1019.
Flavianus 805.
Flavigny 181.
Flavins Arrianus 805.
Fletcher, John 662.
FlieB, Wilhelm 156, 198.
Florenz, C. H. 614, 618,
619, 621, 622.
Florestan 511.
Flvnt, Josiah 601.
Foges 377.
Foisset 668.
Foley 610.
Fontane 662, 664.
Foote, Samuel 662.
Forberg, Fr. 127, 289,
661.
Forel, August 62, 284,
364, 365, 413, 429, 641,
673, 1009.
Forke, A. 613, 614,746.
Forsmen, J. 538.
Forster, Bill 47, 1020.
Forstner, Karl 902.
Fort, Paul 1024.
Foumier 46.
Franciscus Xaverius 618.
Fran9ois Louis 661.
Frankel 138, 232, 290,
291, 707.
Franz I. 668.
Frapan, Use 914.
Fredersdorf 663.
Freimark, Hans 8, 73,
335, 373, 507, 640, 641,
659.
Freud, Sigm. 86, 180,
182, 199, 340, 341, 342,
344, 345, 378, 379, 389,
400, 427, 430, 431, 433,
434, 530, 666, 916,
1010, 1013.
Freudenreich 9.
Freusberg 188.
Frev, L. 509, 668, 669,
660, 661, 663, 665, 666,
667, 669, 671, 673,
1013, 1014, 1015.
— , Ulrich 832.
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1032
Namenregister.
J^'reya 641.
i<'reyer 662.
J^'reytag 25.
Friedliinder, Benedict b,
16, 181, 185, 198, 199,
293, 342, 365, 366, 639,
640, 1014.
— , Hugo 522, 523, 682,
1013.
Friedreich 158, 967.
Friedricli 191.
— der GroJJe 22, 90, 165,
254, 385, 537, 637, 662,
663, 664, 835, 942, 948.
— I., Herzcjg von Oster-
reich 662.
— £., Konig von Wiirt-
temberg 662.
-^ Wilhelm I. 831, 833.
IV. 953.
von Brandenburg
104.
Friggd 641.
Fritsch, Gust. 559, 597,
974.
Fryxell, Anders 666.
Fuchs, Alfred 423. 1013.
— Hanns 689, 731.
— E. 745, 758, 759.
Fugger 506.
Fuhrmanu i^81.
Fuller, Loie 658.
Fiirbringer 46, 221.
G.
Gadara 785.
Gagern, H. C. C. F. v.
554.
CJains borough 66.
Gaiti 611.
Galba 652.
Galton 522. .
Ganvmedes 27. 36, 747,
750, 753, 764, 786.
Garcia, Marcela 584.
Gamier 78.
Garr6 140.
Gartringen, Hi Her v. 751.
Gasio, Demetrius 939.
Gaudin 888.
Gaupp 981.
Gaveston 661.
Geibel 749.
Geigel, Wilh. 423, 820.
Geiger, Ludwig 206.
Geiierstam 402, 429,
1019.
Geki 620.
Gellius, A. 790.
Genji 621.
Geofg III. 661, 663.
— , Prinz von PreuBen
663.
George, Stetan 1022.
1023.
Georgi 624.
Germanicus 796, 797.
Germanien 196.
Germiny, Grat v. 663.
Gei3ner, Johann Mat-
thias 25, 294, 759.
Giarda, Gottfredo 62.
Gid&, Andr6 1020.
Girand, Nicolo 660.
Giton 705, 799.
Glasenapp, O. ¥y. 181.
Glaukon 773.
Gleichen-RuBwurm, Ale-
xander von 182, 186.
442, 444.
Gleim, J oh. Ludwig Wil-
helm 663, 947.
Gley 351.
Gluck 159.
Glykera 788.
Gnosippos 788.
Goehlert 486.
Goeringer. Irnui 1024.
Goethe 18, 65, 71, 87.
186, 210, 253, 257, 326,
347, 366, 411, 435, 660,
663, 664, 668, 673,687,
827, 942, 944, 945, 946,
948, 957, 1015.
Goldschmidt, J. 989.
Goltdaumier 840, 845.
Goltz, Fr. 188.
Gomara, Ft. Lopez de
686.
Gordius 804.
Gordon von Khartoum
663.
Goi*gias 653.
Gorgippos 769.
Goi31or, Adelheil v. 961.
Gothein 984.
Gotti 103.
Gottschall, R. v. 153.
Gotz, A. 191.
Gounod 133.
Goya 30.
Grabowsky, Norbert 170,
369, 418, 419, 443.
Gracchus 36.
Gratian 830.
Gregor IX. 830.
Gregorovius 669.
Greve 1020.
Qreverus, J. P. E. 596.
Griebenow. H. 744.
Gries, Johann Dietrich
663.
(iriesinger 469, 969.
Grillparzer 98, 207, 460,
663.
(Jrinim, Hermann 104.
Grolman, von 943.
Groil, Hans 35, 70, 331,
364, 373, 378, 389, 466,
810.
Grolie Kurfiirst 670.
Grotius, Hugo 297.
Gruber 589, 787, 952,
953.
Griinha^en 980.
Gudden 64.
Guevara, Thom. 589.
Guidoguerra 663.
Guinicelli 663.
Gundolt 1022.
Giinther 977.
Giinz 877.
Gurlitt, Ludwig 47.
(Tusemihl 664.
Gustav Adolt 166, 536,
661, 663.
— III. 636, 537, 663,
664.
— , Prinz von Schweden
663.
— Wilhelm von Meck-
lenburg- Schwerin 664.
Gutschmidt, Alfr. von
741.
Guttzeit 405.
Gutzkow 200.
Gyurkovechky, V. v. 221,
369.
H.
Haan, Jakob de 633,
1023.
Hadrian 176, 636, 652,
656, 667, 801, 802, 805,
806, 808.
Haeckel, Ernst 636, 1014,
1016.
Haffner, Paul 978.
Hafis 697, 614, 664, 958.
Hahn 696, 696.
von Hahn 669.
Haidecki 665.
Halban 357, 377.
Halbe, Max 977, 979.
Halli 536.
Hamecher, Peter 903.
1023.
Hamilkar 662, 741.
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Namen register.
1033
Hambt 159.
Hammer. Wilh. 28, 34,
99, 129, 137, 138, 158,
194, 218, 329, 331, 332,
501, 555, 560.
Hammerstein, von 894.
Hammond, William A.
37, 221, 231, 340.
Hammurabi 739, 740.
Hamond, A. 660, 666.
Handl 1021.
Hanimon 620.
Hanke 26.
Han- Lee Hoa 612.
Hannibal 652, 741.
Hanno 741.
Hansen, Albert 132, 658,
666, 1013.
Hans Jakob 423.
Hapi 739.
Hardeland, A. 608.
Harden 630, 984.
Harley, Robert 664.
Harmodios 652, 754, 755,
770, 775, 782.
Hartleben, Otto Erich
977.
Hartmann, Eduard von
32.
Harun al Raschid 658.
Hasdrubal 652, 741.
Hatschepsut 739, 740.
Hauber 981.
Hauptmann, Gerhart
977, 1019.
Heckscher 630.
Heffter 821.
Hegar, A. 363.
He^resandros 770.
Hughts, Rf)ljert 556.
Heimberger 1010.
Heindl, Robert 520.
Heine, Heinrich 23, 669.
— , Thomas Theodor 771.
Heinrich III. 22, 535,
664, 665, 668, 703.
— Vlir. 9, 548, 665.
— , Prinz von PreuUen
9, 91, 664.
Heinroth, O. 633, 634.
Heinse, Wilhelm 663,
799, 943.
Hektor 784.
Helbig, Adolph H. 25.
Hdlie, Faustin 943.
Heliogabal 30, 128, 147,
169, 290, 653, 657, 705,
803, 804, 1013.
Hellwald, j'riedrich von
626.
ffelpmann 654, 658.
Helwig 220.
HemmeXer, Daniel 59, 60,
416, 661, 949.
Hendrichs, H. 512, 637,
664, 681.
Henke 953.
Hennepin, R. P. L. 554
Henriette, Anna von Or-
leans 664.
Hentschel, W. 375.
Hepburn, John Newhall
833.
Hephaistion 781.
Hera 748.
Herakles 368, 751, 754,
786.
Herbert, Georg 47.
Herder 663, 945, 946.
d'Herdy, Louis 47.
Heriot, G. 554.
Hermann, G. 366.
Hermaphroditos 741.
Hermeias 778.
Hermes 806.
Hermesilaos 752.
Hermogenes 761.
Herodes 743.
Herodot 21, 231, 349,
656, 739, 745, 746, 754,
820.
Herondas 289.
Herrmann, Theo 599.
Hertz 790.
Hervey, John 664, 673.
Hervez, Jean 677, 678.
Herzberg 667.
Hesekiei 23.
Hesephius 20.
Hesiod 774, 776.
Hesse, Hermann 47.
Hesse-Wartegg, E. vou
623.
Hessen, Robert 10.
Hesychios 750.
Hevmann, Arnold 131.
— "Robert 471, 695.
Hichens 694.
Hideyoshi 619.
Hierokies 705, 804.
Hieron 653, 786.
Hieronymos 753, 830.
Hilkia 813.
Hiller, Kurt 1003, 1023.
Hinkel 906.
Hipparchus 652, 755,
782.
Hippias 755.
Hippokrates 231, 349,
745, 758.
' Hippothales 653, 772.
Hippothoos 807.
Hirschberg, H. 1024.
Hirschfeld, Georg 977.
— , Magnus 4, 25, 29, 32,
47, 61, 169, 186, 226,
235, 269, 299, 302, 310,
325, 333, 334, 346, 364,
371, 377, 402, 416, 421,
423, 426, 435, 478, 479,
480, 481, 490, 497, 529,
543, 582, 625, 706, 753,
805, 811, 886, 909,974,
1025.
Hobart 664.
Hobein, H. 749.
Hoche 46, 331, 469,478.
Hochs tetter, yophie 165,
661, 1014, 1024.
Hock 764.
Hoeitsong 612.
Hoensbroech, von 24.
Hofer 958.
Hoffel 469.
Hoffmann 940.
Hofmann, A. W. 963.
Hotmannsthal, H. v.
1019, 1024.
Holbein, Hans 671.
Hoick 660.
Holder, A. B. 555.
Holm 625.
Hohnar 948, 949.
Holstein, f'ranz von 511,
665.
Holtei, Karl von 658.
Holtzendorff. I^'ranz von
960.
Holtzmann 602, 743, 814.
Homer 747, 770, 776.
Hommel, Fritz 740.
Horaz 4, 204, 444, 65:^,
748, 795.
Horn, Paul 597.
— , W. von 962.
Horus 738.
HoBli, Heinrich 8, 59,
350, 416, 540, 563, 661,
664, 897, 949, 950, 951,
958, 959, 964.
Hoti 612.
Housselle, C. 962.
I Hou-tschou 613.
Howard, Catharina 0,
665.
Howolls, W. D. 132.
Hsiian-Tsung 614.
Huenti 612.
Humboldt, Alexander v.
495, 500, 659, 666, 681.
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1034
Namenregister.
Hupe 608.
Hustler, Everard 155.
Hutten, Karl von 506.
Huysman, Joris Karl
1020.
Hyan, Hans 423.
Hylas 754, 786.
Hymenaios 653.
Hyperanthes 807.
Hypnos 653.
I.
Ibykus 653, 749, 957.
Iceius 798.
Ida 602.
If fland, August 512, 637,
665, 681.
Ihlfeld, Karl 389.
Imola, Benyenuto da
834.
Ingegnieros 580.
Ion 752.
Irenaeus-Prime Steven-
son, £i. 47.
Isabella 160, 669.
Isai 743.
Isebel 743.
Isenbiel 630, 984.
Isis 641, 738.
Ismenodora 805.
Isokrates 765, 766, 779.
rtsong 612.
Ives, George 1020.
Iwaya, Sujewo'21, 611,
620, 622, 1014.
Jachmann 981.
Jacobi, Joh. Georg 602,
663.
Jacobs, Jul. 607, 652.
Jacdbsen 1019.
Jaffe 606.
Jager, A. 583.
— , Gustav 36, 147, 268,
275, 336, 366, 376, 473,
903, 1014.
Jahve, 742, 813, 814.
Jakoby 947.
Jakubowski 170.
James 1. 477, 659, 665.
fanitschek, Maria 1024.
Jao 612.
Jarcke, C. E. 831.
Jarric, Petrus 560.
Jarves 1. 609.
Jason 743.
Jentsch, K 971, 972.
Jeremia 813.
Jeremias, Alfr. 740.
Jeschke 981.
Jesus 507.
Joachim, Joseph 66.
Jochelson 623, 624.
Jodelle, Etienne 665.
Johann Friedrich der
GroBmiitige 665.
— Wilhelm 666.
— XIl. 666.
Johnston, John 132.
Jolaos 751.
Jolly 980.
Jonathan 743.
Jopnon 656.
Jordan, s. Katte 275,
361.
Josaphat 742.
Joset II. 835, 942.
Josephus 743, 805, 815.
Josia 742, 813.
Jousse 833.
Joux, de 8, 30, 40, 84,
133, 299, 375, 413, 428,
473, 474, 500, 531, 614,
658, 666, 668, 671, 677,
Jovius, Paulus 666.
Julia 36, 184.
Julian Apostata 650.
Julius II. 665.
— III. 666.
luliusburger 378, 990.
Jungingen, Ulrich von
647, 665.
Jiingken 962.
Juno 36.
Jupiter 36.
Justinian 629, 794^ 816,
824, 829, 830.
Justinus 783.
Juvenal 19, 138, 148,
156, 277, 791,798,802.
K.
Kaan, Heinrich 78.
Kagemmi 738.
Kahl, \V. 989.
Kahlenberg, H. v. 193.
Kalais 654.
Kallenberg, Fr. 155.
Kallias 761, 762.
Kallfdamates 793.
Kallifcratides 806, 807.
Kallimachos 653, 786.
Kamoscfi 814.
Kamtz, L. F. 952.
Kant 409, 649.
Kaphengst 664.
Kaphisodoros 652.
Kardorft 984.
Karewski, F. 970.
Karl I. von Wiirttem-
berg 665.
- ii. 670.
— 11. von Parma 665.
— III. von Parma 665.
— V. 660, 822, 831.
— X. 374.
— XII. 636, 666.
— XV. 666.
— der GroBe 661, 816,
830.
— Philipp 665.
— von Wiirttemberg 535.
Karoline Mathilde von
England 660, 661.
Karsch 16, 17, 31, 34,
35, 69, 60, 129, 181,
364, 623, 526, 528, 529,
530, 559, 609, 611, 614,
617, 618, 619, 621, 622,
629, 669, 661, 664, 668,
671, 950, 951, 1013,
1019.
Karst, Alexander 840.
Karystios 650, 652.
Kastor 806.
Katbarina II. 666, 739.
Kathi 98.
Katte, Max 366, 388,
390, 663, 1014.
Kautmann, M. 796.
Kaulbach 977.
Kautsky, Karl 977.
Kautzsch, E. 813.
Kehrmann 879, 882.
Keller-Soden, E. v. 61?,.
Kelm, Georg 1024.
Kephisodoros 770.
Kepler 669.
Kereval, P. 601.
Kern, H. 73.
Kertbeny 4, 268, 46G,
468, 692, 658, 660, 664,
665, 667, 668, 670, 673.
Kerville, H. G. de 630.
Kevserlingk 663.
Kia-king 612.
Kiefer 7, 759, 760, 772,
778, 801, 802, 1013.
Ki?rke^aa:d, Soren 649.
666.
Kiernan 351.
Kiess, Jakob 832.
Kinaithon 748.
Kind, Alf. 28, 35, 289,
300, 1013.
Kipling. Kudvard 1U2U-
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Namenregister.
1035
Kirciihoft 660.
Kisch 311.
Kitir, Joset 102H.
Kleagoras 770.
Kleinfelder 977.
Kleinias 761.
Kleirias 651.
Kleist 665.
Kleobuloi 651, 719.
Kieomachos 750.
Kleomenes 653.
Kleopatra 783.
Klopper 891.
Knapp *263.
Kock, Tiieod. 771.
Kocks 1009.
Koerber 940.
Kohler, Joset 637, 833,
987.
Kohlrausch 818.
Komer, v. 965.
Kong-tu-tse 614.
Kono 767.
Konstans 829.
Konstantin 737, 804,
816, 828, 829.
Konstantiiios Kephalos
785.
Kopp, Heinr. 12, 876,
892, 1002.
Korte 663.
Kolimann 413.
Kotscher 354, 1010.
Kracheninnikow 626.
Krafft-Ebing, R. v. 5,
6, 15, 28, 29, 30, 31,
32, 35, 36, 73, 74, 79,
»2, 95, 99, 112, 120,
128, 130, 137, 140, 141,
151, 156, 163, 176, 194,
195, 197, 209, 212, 213,
214, 222, 266, 268, 272,
273, 295, 298, 320, 325,
332, 334, 337, 352, 359,
380, 385, 397, 398, 399^
400, 401, 402, 417, 418,
423, 427, 428, 438, 440,
469, 470, 543, 546, 671,
701, 710, 942, 957,967,
968, 969, 970, 972, 979,
1013, 1020.
Kragujevics 61, 596.
Krantor 779.
Krapelin 469.
Krateros 784.
Krates 779.
Kratinos 138.
Kraus, Karl 546, 611,
1003.
KrauB, Fr. 289, 620,
666, 1013.
Krehl, L. 376.
V. Kremer 21.
Kreutz 143.
Krinagoras 805.
Kritias 653, 756, 760,
762. 773.
Kritobulos 18, 760, 761.
Kriton 770.
Krolle, F. H. 1010.
Kropotkin 591.
Kruigt, 1. A. 607.
Krupp 447, 1006.
Kruse 984.
Kruyt, A. C. 730.
Ktesias 740.
Knan-vi 614.
Kuehn 746, 758, 759.
Kulke, Eduard 666,
1013.
Kunst 512, 666.
Kupffer, Elisar v. 24,
185, 365, 442, 659, 660,
663, 667, 671, 673, 748,
807, 1013, 1023, 1024.
Kurella, Hans 6, 104.
334, 372, 760, 840, 971,
972.
Kurnig 369.
KiirscSner 665.
Kusmin, Michail 1023.
Kiister, Konrad 1013.
Kutusoft 666.
Kybele 19, 744.
Kvros 651, 656, 749,
750, 762, 820.
Laband 977.
Labat 560.
Lacassage 971.
Lachel 882.
La^fir, H. 72.
Laertios 788.
Lahontan, de 551.
Laios 652, 748, 764.
Lamballe 668.
Lambrecht 673.
Lammert 833.
Lamorici^re, de 6C0, 666.
Lampridius 147, 653,
705, 706, 802, 803, 804.
i.and, Hans 659, 1021.
Landa, Diego de 587.
I.ane 25.
Lang, Karl Heinrich *v.
506.
— , Philipp 669.
— , Wilhelm 104.
i^ange, Helene 1011.
Langenbeck, v. 481,961,
962, 976.
Langteldt 625.
Langley 188.
Lanz-Liebenfels 812.
Laotse 639.
Larochefoucauld, v. 666,
677.
Laronia 791.
Lassalle, Ferdinand von
522, 670, 983.
Latamendi, de 376.
Lati, Pierre 1020.
Latini, Brunette 637, 638.
666.
i^aufer 617.
Laupt, M. 28, 672.
Laupts, G. 523. 561, 562,
971, 1016.
Laurent 339.
Lea 167.
Leaena 136.
Leclercq, Theodore 666.
Leexow, K. Frz. v. 231,
517, 518, 647, 998.
Letroy, Edward 666,
1020.
Lehien, H. 332.
Leiimann 888.
Lefinert, O. 962.
Leighton, i^'rancis 667.
Leistikow 977.
Lenau 269.
Lenzuolo, Rodrigo,* s.
Alexander VI.
Leo X. 666.
Leocfiares 779.
Leominier 667.
Leon, Pedr. de Cieca 588.
Leonhardt 3, 11, 961,
962, 1014.
Leonidas 805.
Leonardo da Vinci 508,
666.
Leonora 578.
Lepage, Francis 47, 1023.
Lepidus Mnester 796.
Leppmann, A. 887, 940,
1009.
Lepscb. 833.
Lepsius, Ricb. 739.
Lessing 201, 219, 672,
946, 948.
Leubuscher 980.
Leukaspis 651.
Levetzow, Karl v. 117,
118, 133, 141, 668, 982.
1013, 1023.
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1036
Namenregister.
Leyden 64.
Lewes, G. H. 662.
Libanios 650.
Libermann, H. 726.
Lichas 66.
Licht, H. 747, 751,
752, 754, 771, 806.
Lichteastein, Ulrich v.
630.
Liebermann 977.
Liebig 669.
Liepmann 818.
Liguori 24.
Ligurinus 204.
Likymnios 653.
Liliencron, Det'ev von
977.
Lilienthal, von 818. 989.
Liman 126, 960, 972.
Lindau 705.
Ling-Roth, H. 608.
Lino-Ferriani, C. 47.
Liselotte 95, 563.
Lisianski, Urey 625.
Liszkay, Stefan 889.
Liszt, Franz V. 133, 230,
838, 841, 977, 979, 989,
1010.
Litaipo 746.
Li-Tai-Pu 614.
Littr6 891.
Livingstone 707.
Livius 652, 741, 789,
791.
Lode 377.
Loewenteld, L. 267, 339,
340, 342, 379, 894, 985.
Lohmann, W. 372.
Loki 38.
Lola 578.
Jiombroso, Cesare 104,
370, 384, 500, 576, 602,
603, 971.
Lompada 602, 603.
Longos 807.
Lorrain, Jcau 667.
Lot 25, 598, 742.
Lonise Ulrike 537.
Louys, Fi'erre 1023.
Lucius Antonius 793.
— Sestius 795.
LucuIXus 792.
Liiders, H. 602.
Ludwig IL 181, 407, 667,
958.
— XL 667.
— XIIL 22, 667, 669.
— XrV. 22, 27, 95, 563,
668, 670, 1014.
— XVXIL 667.
Ludwig, Alfred 601.
— der f romme 816.
— von Orleans 672.
Luise 637.
Lukian 40, 129, 137, 148,
653, 744, 756, 806, 807.
Lusius, C. 790.
Luther 18, 812.
Luynes, de 667.
Luzzato 742.
Lycidas 795.
Lydia 204.
Lydston 388.
Lykidas 651.
Lykinos 807.
Lykurgos 653, 752, 776.
Lykus 651, 748.
Lys,, Annine de 70, 1023.
Lysander 788.
Lysias 765, 766, 773,
774, 779.
Lysis 653, 767.
M.
Ma 744.
Macdonald, 8ir H. 667.
Machiavelli, Niccolo 667.
Mack, William 860.
Mackay, Henry 977.
Madame 563.
McMurtrie, Douglas C.
553.
Maecenas 653.
Mageiros 770.
Magnau, v. 27, 110, 317,
338, 351, 38 J, 3dl, 383,
384.
Mahly 786.
Maier, Hans 990.
Maillard, Jean 667.
Maimbourg 665.
Maimo 805.
Maintenon, de 668.
Maitr§ya 603.
Maltzahn, von 598.
Malzan, von 953.
Mann, Thomas 71, 1020.
Mantegazza 127, 331,
366, 367, 409, 412, 576.
Manu 602, 605.
Manuel 1. 667.
Mara 664.
Marathus 656, 795, 796.
Marcelle 564.
Marck, William 840.
Marcus Antonius 793.
Marcuse, Max 47, 332,
335.
Maxell 506.
Mai^herita 965.
Maria Adelaide von b'a-
voyen 668.
— Karolina 668.
— Theresia 668, 832.
Marie Antoinette 668.
Marique, L. 939.
Marius 790.
Marlowe, Chris toplier
668.
Maron, Herm. 621.
Marquette, J. 554.
Mars 368.
Martens 819, 1019.
Martial 18, 22, 25, 30,
33, 34, 36, 78, 134,
138, 15L, 263, 272, 349,
653, 705, 800, 802.
Martin, E. 963.
Martineau 78, 127.
Marx, H. 129. 222, 271,
350.
Matignon, J. J. 611,615.
Mattonet 882, 883, 889.
Matzler, Anton 833.
Maupassant, de 434, 435,
1023.
Maupm, de 9, 153, 668.
Maximilian 661.
— , Fn'nz von Wiirttem-
berg 666.
Maximus Tyrius 749.
Mayne, Xavier 11, 1020.
Mazarin, Jules 668.
Medici, Cosimo di 668.
— , Giovanni di 666.
~, Lorenzo di 67, 666.
Meerscheid t- HtLIXessem,
Leopold von 36, 1000,
1001, 1002.
Megabathes 650, 757.
Megilla 136.
Megistes 651.
Meier, M. H. E. 759,
764, 777, 787, 952, 954.
Memers, Christoph 944.
MeiBner 102, 151, 333,
375, 389, 443, 660, 665,
670, 1009.
Melarippos 652.
Meleagros 74, 653, 785.
Melzi 666.
Memse, C. 608.
Menander 176.
Mendel, Kurt 131, 346.
Mend^s, Oatulle 1023.
Mendieta, G. de 586.
Menexenos 772.
Mengden, Juliana vou
658.
Digitized by VjOOQIC
Namenregister.
1037
Menon 653, 766.
Mentscfaikoft 669.
Mercadante 133.
Mereschkcwski 1019.
Meribaal 743.
M^rim6e 230.
Merkur 368.
Meron 651.
Merzbacfi 364, 468, 477,
504, 614, 521, 1013.
Messalina 797.
M^t^nier, Oscar 562, 585.
Meunier 66.
Meyer, Bruno 35, 64, 70,
891, 987, 990.
— , Eduard (:'30, 739, 744,
745, 747, 748.
Meynert 345.
Micfaaelis, Herm. 21, 5(>3,
661, 669, 670, 771, 814,
819, 826, 829, 101?.
Michelangelo 66, 69,
103, 104, 151, 181, 230,
267, 385, 425, 436, 508,
597, 637, 665, 668,
1015.
Michel, Louise 117, 133,
141, 150, 177, 409, 668.
1013.
Milanesi, G. 104.
Milesios 770.
Milkom 814.
Mimbu-kyo 619.
Mimnermos 748.
Min 622.
Minckwitz, J. von 754.
Ming-Hcang 614.
Minos 654.
Mirabeau 22, 664.
Mirbeau, Octave 193,
868, 1019.
MischLch 560.
Mithras 641.
Mitsunas', Ishida 619.
Mittermaier 818, 822,
841, 8r2, 968, 1;77, 987,
1005.
Mnesitheos 770.
Mobius 110, 339, 346,
364, 378, ^80, 381, 383,
384, 385, 509.
Moldau 1024.
Molidre 374, 658.
Moll, A. 6, 6, 27, 35,
46, 99, 129, 154, 163,
280, 287, 288, 296, 301,
321, 333, 3^34, 338, 384,
405, 412, 414, 427, 429,
433, 434, 435, 470,471,
474, 529, 530, 598, C06,
640, 658, 663, 668, 6f 9,
670, 671, 694, 703, 727,
970, 974, 990, 101 :^.
Molon 770.
Mommsen 791, 819.
Monaco, Graf in vonC64.
Mondo 620.
Monfort, Charles 47.
Mongr6, Paul 408.
Montesinos, Fern, de
588.
Montesquieu 349.
Montmorency, von 668.
Moore, Thomas 660.
Moraglia 34.
Morel 381, 1023.
Morga, Ant. de 610.
Morike 1013.
Morny, de 710.
Moschos 785.
McsentLaf, {Salomon C68.
Moses 813, 815.
Mozart 436.
Muell, Adolf J^redrik
663.
Mugdan 984.
Miihler, Htinr.ch vuii
961, 962.
Mu-lan 614.
Miiller 667, 783, 789.
— , F. C. 707.
— , Johannes von 337.
347, 662, 6G8, 672, 945.
— , Josef 526.
— , L. R. 188.
— , Max 739, 981.
Mundy, R. 608.
Muretus, Marc Antoine
9, 668.
Musil, Robert 1019.
Musset, Alfred de 2;;0,
1023.
Myiskos 653.
My rs ill OS 748.
Nabarzanes 784.
Nabokcff 841.
Nacke 72, 73, 74, 120,
269, 298, 364, 366, 370.
379, 383, 389, 443, 468,
470, 486, 491, 500, 606,
507, 523, 524, 561, 576,
595, 636, 682, 695, 705,
1013.
Namur, Blanche de 667.
Nam. en, Frithjrf (25.
Nanno 759.
Napoleon I. 20, 159, 254,
563, 651, 658, 660,
836, 942.
Nasse 191.
NaudS-us 104.
Naukleides 788.
Navarre te 614.
Nebukadnezar 813.
Nepos 651, 652, 654,741,
783
Nero 203, 291, 654, 657,
705, 796, 797, 798, 800,
808.
Ncr.a, M. Cocceius C54,
800, 801.
Nesselmann 597.
Nestle, Wiih. 757.
Nestroy 681.
Neter, E'rnst 343, 374.
Neugebaucr, JB'ranz von
358, 364, 389, 1013.
Neuhoff, Theodor von
668.
Neuviilc-Lemercitr 1(.2:^
Nezahualcojatl 58"^.
Nieberding 974.
Nietzsche, JBr. 122, 185,
311, 398, 421.
Nigrinus 802.
Nikagoras 785.
Nikias 761, 786.
Nikolaus 1. 220.
Nikomachos 780.
Nikomedes 654.
Nikostratos 756.
Nilson 133.
Ninon 310.
Nobunaga, Oda 618.
Norbert 663.
Nordau 381.
Nordberg, J. A. 666.
Notthafft, V. 99, 16?, 413,
525, 658, 660, 974, 990.
Numa Numantius 4, 9i:5,
956, 1013.
O.
Odysseus 753.
Oefele, von 738.
Oettingen 506.
Oidipus 748.
Oktavia 797.
0-Kuni 620.
Okura 620.
Olai, Erichs 535.
Oldenburg, Mimar von
668.
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1038
Namenregister.
(31ivier 663.
Olympias 783.
Orest 786, 797.
Origenes 820.
Orpheus 322, 654, 944.
Ortloff 977.
Osiris 738, 739.
Oskar 967.
Osterlen 486.
Ostwald, Hans 29, 137,
151, 501, 727, 733.
— , Wilhelm 355.
Otho 654.
Ottilie 205.
Otto 1. 665.
Ovid 603, 654, 796,944.
Oviedo y Valdes, Gonz.
f'ernand. de 587.
Oxenstierua 10 1.
P.
Paganini 510.
Pagel, Julius 1010.
Packet, Henry Cvril 669.
Palaiphatos 778*.
Palinurus 793.
Pallas Athene 763.
Pan 786.
Panizza, Oscar 689, 694,
1021.
Pannwitz, von 894, 981.
Panormita, Antonius 3(k
289.
Pantaleon 770.
Panteus 653.
Pappritz, Anna 1011.
Paradeda 167, 707.
Parent-Ducfiat-fet 12"/ ,
824.
Parlagreco, F. 104.
Parmenides 349, 654.
757, 774.
Parmenio 784.
Parthenios 807.
Parvati 602.
Pascalin 833.
Pater, Walter 666, 669,
673.
Patroklos 747, 750, 770,
786.
Paul IL 669.
— Xir. 662.
Paullus 791.
Paulus 6. 314, 507, 794,
795, 822, 983.
Pauly-Wissowa 741.
Paulv. Auerust 40.
Pausanias 7. 29, 654,
655, 754. 774, 775, 776.
782, 783, 788, 805, 817.
Pau-schu 614.
Pavia, J. L. 26, 47, 546.
548, 646, 660, 662, 667,
672, 679, 682, 688,
1014.
Peerz, C. v. 903.
Peirithoos 786.
Peislstratos 781.
Peladan, Josepliin 677.
Pelopidas 751.
Pelops 655, 748, 750.
Penelope 35.
Penta, Pasquale 370, 576,
971.
Pepa, la 578.
Perelaer, M. 1*. H. 608.
Periander 782. •
Perikleides 770.
Perikles 655, 753, 761,
947.
Periktione 773.
Pernauhm 1020.
P^rsichetti. Niece lo 110,
965, 966, 967.
Persicus 802.
Persius 138.
Perzynski 47.
Pesc«nnius 789.
Peter III. 666.
~ der GroBe 590, 669.
Peters, E. -633.
Petric, Flinders 738.
Petronius 19, 30, 148,
155, 620, 654, 705, 799.
Petrucchio 160.
Petsch 833.
Pfennig. Richard 198.
Pfister, Oskar 419, 673.
Pfliiger 188.
Phaiedon 759, 808.
Phaedromus 793.
Phadrus 19, 349, 674,
765, 773, 771. 775.776.
778, 960.
Plia^^tusa 759.
Phaidron 805.
Phainarete 759.
Plianokles 654.
Pheidias 655. 770.
Pherander 717.
Phila^nis 22, 152.
Philipp von Orleans 95,
563, 664, 669.
Philippos 655. 782, 783,
784, 805, 817.
Philipps 422, 481, 665.
Philippus Arabs 804.
I Philochoros 741.
I Philokles 787.
Philolaos 323, 757.
Philon 815.
Philos 23.
Philostratos 655, 80o.
Phintias 614, 652, 788.
Phlegon 806.
Photios 755.
Phrynichos 752.
Pic, Pierre 661, 669.
Ficcolomini, Max 947.
Pick, L. 1025.
Piedrahita, L. T'ern. 588.
Pierstorff 977.
Pietschmann, Kich. 741.
Pindar 653, 655, 657,
749, 750.
Pineda y Bascunan, Nu-
nez de 589.
Pinto, Mendez 618.
Pisanus. Fraxi 562, 658,
661, 6 3. 665,667,670.
Pius VI. 669.
Platen-Hallermund, A.
Graf von 63, 70, 186,
442, 447, 571, 669, 904,
1013.
Plater 127.
Plato 7, 12, 17, 25, 29,
104, 159, 177, 322, 349,
368, 419, 421, 442,443,
595, 619, 627, 638, 654,
655, 657, 660, 674, 677.
749, 753, 755, 756, 759,
760, 765, 770, 772, 773,
774, 777, 778, 779, 787,
817, 946, 950, 951,
1013.
Piatt, Isaac Hull 132.
Plautus 793.
Plinius 784. ,
PloB-Bartels 559.
Plutarch 650, 651, 652,
653, 656, 748, 749, 750,
751, 753, 756, 761, 784.
789, 790, 792, 805, 806.
820, 947.
Poggio, Febo di 103.
Polemagenes 770.
Polemon 778, 779.
Polignac 668.
Poliziano 669.
Pollard, A. J*. 665.
Polv blades 788.
Polybios 30, 790.
Polyhymnia 10.
Polyklet 66.
Polykrates 651, 65.5, 749.
Polyphemos 753.
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Namenregister.
1039
Pompejus 36.
Pontoppidan, Knud 534.
Pope 664.
Poppaea, Sabina 797,
798.
Poppig 589.
Portia 36.
Posa 947.
Poseidon 655, 750.
Postumus 803.
Pougv, Liane de 69, 70,
J023.
Pouillet 36.
Powell 554.
Prado, Alvey de 589.
Praetorius, Numa 10,
38, 61, 70, 74, 75, 103,
104, 180, 181, 185, 200,
218, 364, 366, 369, 370,
389, 425, 468, 471, 472,
476, 478, 479, 533, 534,
543, 561, 569, 570, 571,
598, 601, 627, 660,667,
668, 672, 682, 694, 695,
731, 763, 791, 793, 819,
829, 833, 836, 838,841,
928, 1007, 1013, 1014,
1021.
Prantl, K. 773.
Praslin-Choiseul, von
97.
Praxiteles 66.
Preston 549.
PreiiC 21.
Pr6vost, Marcel 556.
Priapus 19, 786, 795.
Prinz Heinrich 948.
Priuli, Gir. 665.
Prokopios 824.
Prometheus 349, 960.
Propertius 655, 824.
Prudhomme 669.
Priitz, H. 661.
Pseudo-Phokvlides 743.
Ptah 738.
Ptahotep 738.
Ptolemaios III. 785.
— Philadelphos 785, 78 B.
Piickler 984.
Pudor, Heinrich 198,
199.
Pugnator 68.
Puller, Richard von
Hohenburg 833.
Pvlades 786.
Pythagoras 705, 798.
Pvtheas 759.
Pythia 652.
Pvthokles 765, 779.
Q.
Quetzalcotl 586.
Quinctilianus 790, 791,
795.
Quires, C. Bernaldo d*^
579.
R.
Rabe 357.
Rachilde 1019.
Radier, Dreux de 668.
Raesfeld, I. v. 634.
Raffael 104, 670, 947.
Raffalovich, Marc Andre
10, 11, 163, 194. 274,
379, 418, 419, 510,513,
670, 672, 971, 972.
Ramdohr, Frhr. von 944.
Ramien 351.
Ramiro 947.
Ramses II. 744.
— III. 738.
Ranke, Leopold v. 104,
159, 181, 665.
— H. 737.
Ras, du 668.
Rasmussen, Knud 625.
Rau, Hans 663.
Raucourt, Marie Antoi-
nette 669.
Read, Mary 284.
Reaux, Tallemant des
667.
Rebell, H. 1021.
Rebierre, Paul 194, 518.
R^gnier, de 1021, 1023.
Regout 533.
Rehabeam 742.
Rehnskold 666.
Reichmann, Theodor
637, 670.
Reid, Forrest 193, 1020.
Reinhold, Josef 878, 890.
Reiske, I. J. 650.
Reitzenstein, Hans
Joachim von 47, 129.
Remus 35.
Remy 61.
Renard 61.
Renon 622.
Repkow, Eyke von 831.
Reventlow, Grafin von
1024.
Rhea 744.
Rhianos 655, 787.
Rhode 381.
lUiodes. Cecil 670.
Rhyn, Otto Henne ten
963.
Ribas. A. Perez de 586.
Ribbeck 793, 795, 799.
Ricarda, la 578.
Riccio 103.
Rieger 425.
Ries, Karl 469.
Rilke, Rainer Maria 977.
Rimbaud, Jean- Arthur
670, 671, 1021.
Rishvasringa 602, 603.
Ritschel 980.
Ritter 887.
Rivers, W. C. 672.
Robert von der Norman-
die 670,
Roca, Sinchi 588.
Roch, Sebastian 193.
Rochas, V. de 610.
Roche-Aymon, de la 664.
Rochefort 177.
Rochester, John Wilmot
670.
Rodenberg, Elisabeth
1024.
Rodes, Jean 47.
Rodin 66.
Roh6, George H. 63.
Rohleder, H. 23, 33, 34,
46, 127, 179, 235, 265,
266, 269, 280, 287, 290,
292, 293, 311, 332,333,
364, 379, 380, 397, 402,
405, 413, 426, 428, 436,
496.
Romano, Giulio 670.
Romeo 159, 184.
Romer, v. 10, 141, 280,
281, 284, 285, 320, 389.
390, 391, 392, 421, 474,
485, 491, 532, 533, 625,
642, 664, 668, 669, 703,
902, 1013.
Romulo 444.
Roscher 741.
Rose 888.
Rosegger 137.
Rosina-Patti 133.
Rossini 133.
Roth, H. 707.
— , Ling 730.
— , Walter 206.
Rothstein 655.
Rousseau, J. J. 46, 334.
Roux 560.
Rovera, Giulio della 665.
Rudelsberger 617.
Rudin, E. 393.
Rudolf XL 669.
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1040
Namenregister.
Rufio 792.
Ruling, Anna 497, 500,
501, 1014.
Runtze 481.
Rutgers 332.
Rydberg, Viktor 536,
1023.
Ryner, Hans 47, 1023.
S.
Sacher-Masoch 25, 1019.
Sade, Marquis de 25,
219, 660, 677.
Sadger 163, 164, 327,
342, 343, 344, 345, 374,
399, 430, 431, 433,
1013.
Sadl 323, 597, 670.
Sadler 486.
Sagitta 1022.
Sahagun, de 586.
Saikwaku, Ihara 620.
Saint Beuve 658.
Salinger 340.
Salisbury 66.
Salmasius 104.
Salomo 744.
Salpius, V. 662.
Salvius Julianus 802.
— , Otho M. 798.
Salzmann 46.
Sambaules 820.
Sammuramat 740.
Sanchez, Carmen 584.
Sand, George 230, 1023.
Sandon 744.
Sandrock 232.
Sangoro, Hirata 620.
Sanson, H. 660.
Santa 602, 603.
Sanzaburo, Nagoya G22.
Sappho 22, 25, 70, 3L'5,
509, 765, 952.
Sardanapal 740.
Sarmiento 219.
Sarrazin, Gabriel 551.
Satyros 788.
Sauer, Willy 998, 1020.
Saul 743.
Sca(n)tinius Cap'to inus
789.
Schack, Fricdiich Graf
von 658, 670.
Schafer 345.
Schall 314, 978, 983.
Schamasch 740.
Scharffenstein 947.
Scheffler, Ludwig von
29, 103, 104, 668. 669,
804, 1013.
Scheibe 29, 345.
Scheleehow 625.
Scherbait, Paul lOlP.
Scherer 632.
Scherr, J. 958.
Scheube, B. 623, 625.
Scheven, Katlaiira
1011.
Schidlof 647.
Schiemann, W. 220.
Schiller 186, 310, 652,
663, 788, 935, 947, 948.
Schimmelbusch-Hoch-
dafal 332.
Schirmacher, Kathe2r2
330, roi.
Schlaf, Joh. 180, 672,
1021.
Schlegel, August Wil-
helm 230, 670.
— , G. 614.
Schmidt, Richard 601,
604, 605, tJ06.
Schmidtbonn, Wilhelm
1020.
Schneidemiihi 157.
Schneidenberger 169.
Schneider, Herm. 738,
740.
Schomberg, I'r. Armand
von 670.
Schonkopf 210.
Schopenhauer 180, 218,
219, 276, 322, 324, 367,
369, 495, 954.
Schorer, J. A. 389, 532.
Schoutm 35, 623, 825.
Schrader 795.
Schrenck-Nctzing, A. v.
5, HI, 189, 316, 332,
337, 397, 398, 399, 402,
413, 414, 428, 430, 433,
970.
"JchuItheB-Rcchberg, vcn
507.
Schultze, O. 979.
SchuXz, O. Th. 802, 916.
Schuize, R. 104.
Schulze-Malkowski 743.
Schumann, Clara 230.
— , Robert 511.
Schun 612.
Schunti 612.
Schiirmann, Anna Mavia
159.
Schwarzenoerg, Johann
von 831.
Schweitzer, J. B. v. 522,
670, 983, 1013.
Scipio .Afr'canu? 7rO.
Sealsfield, Charles 4.
Sebastian! 97.
Sebeknefrure 739.
Seemann, B. €09.
Segalla 191.
Seilenos 753.
Selwyn, George 670, 672.
Semirajnis 740.
S3mons, Richard 375,
376.
Seneca, L. Annaeus 139.
797.
Senf, Max Rudolf ym.
Senthes 766.
Sequerius 560.
S^ranne 153.
Serlachius, Al?an 538.
Sero, Os. 672, 1021.
Servaes 6.
Servus Sulpicius Galba
798.
Set 738.
Sextus Empiricus 787,
805.
— Pompeius 793.
— Propertius 796.
Sforza, Ludovico 669.
Shakespeare, Will 'am 9,
71, 267, 597, 657, 6^9,
681, 1016..
Sherard, Robert H. 112.
1021.
Shikibu, Murasaki C21.
Shonagon, Sei 621.
Simac 662.
Simalos 661.
Jimonides 663.
Sixtus IV. 666, 670, 9ro.
Skrzezka, C. 963.
Smerdis 651, 749.
Smikrines 656.
Sodates 25.
Sokrates 7, 18, 25. 205,
294, 322, 323, 419, 522,
695, 651, 655, 667, 757.
769, 760, 761, 762, 765,
766, 772, 773, 774, 775,
776, 778, 788, 805, FOS,
952, 1013.
Soleime 670.
Solon 349, 666, 748, 7G7,
770, 776, 781.
Somerset 665.
Sommer, Paul f42.
— , Robert 11, 277, lOOy.
Sommerville 610.
Sophie 407.
— , Prinzessin von Alen-
gon 667.
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Kamenreglster.
1041
Sophokles 656, 657, T52,
753.
Sophron 786.
Sophroniskos 759.
Sosius 743.
Sparre, Ebba 103, 661.
Spartianus 175, 652. 657,
802.
Spectator 576.
Sper, A. 571.
Sperling 660.
Spithridates 757.
Spitzeder, Adele 160.
Spnrus 290, 651, 705,
797, 798, 799. 808.
Springer, Anton 104.
Stabel 140.
Stade 743, 813.
Stadion, Emmerich Graf
von 670, 671.
Stadler, Ernst 1024.
Stael, de 230.
Stahel, Rudolf 507.
Stahr, Adolf 796.
Stark 6.
Starling 377.
Stead, W. F. 1021.
Stegemann, Maria 133.
Stein, Grat von 671.
Steinach 377, 416.
Steinbacher, J. 221.
Steiner, Bernhard 1024.
SteingieBer, J'erd. 998.
Stekel 433.
Stenbock 666.
Stephanus 1014.
Stern, Bernhard 598,
658, 666.
— , Daniel 230.
Sterz 6.
Stesichoros 656, 749.
751.
Stesileos 651, 656.
Stieber 1000.
Stier, Ewald 316, 317.
Stilpon 788
Stocker 468.
Stolberg 947.
StoU 289, 588.
Storck, Karl .511.
St. Priest 947.
Strabe 563, 744, 805.
StraBmann 469.
Straton 656, 805.
Strindberg 180, 218,
1019.
Stuart, T. P. Anderson
129, 665.
Stuck 977.
Sturgess, Julian 1019.
Sudyumna 602.
Sueton 651, 652, 654,
656, 657, 705, 792, 793,
796, 797, 798, 800.
Suidas 20.
Suleiman 598.
Sulla 792.
Sullivan, Sir Arthur 671.
Sulpicius, Gallus P. 790.
Susemihl, Fr. 640.
Susse, de la 671.
Swift, Jonathan 671.
Swineburnen Algern n
Charles 671, 1023.
Swoboda, H. 198.
Symonds I. A. 6, 193,
194, 283, 331, 372, 379,
501, 628, 671, 760,840.
Szilasi 592, 889.
Tacitus 159, 654, 705,
796, 797, 799. 818.
Tamuz 814.
Tandem 534, 972.
Tardieu, Ambroise 78,
126, 302, 495, 563, 722,
892, 936, 953, 954.
Tarnowsky, B. 34, 75,
76, 114, 194, 214, 237,
332, 335, 690, 971, 972.
Taruffi, Caesare 669.
Tasso 658.
Taube, Otto Frhr. von
1015, 1023.
Taureas 773.
Taxil, L. 663.
Teje 739.
Tennvson, Alfred 671.
Teos " 805.
Terentius Varro, M. 793.
Teschpnberg, Hermann
Frhr. von 271, 546,
571.
Tessmann, Giinther 560.
Teuscher 569.
Tewes 957, 958.
Thaler 163, 423, 984.
Thamyris 322.
Tharypas 654, 756.
Theile 563.
Themistokles 651, 656.
Theodektes 778.
Theodoros 785.
Theognis 652, 656, 749,
751.
Theokrit 651, 656, 751,
785, 786, 787, 795, 957.
Hirschfeld, HomosexualitMt.
Theomedon 778.
Theomnestos 806, 807.
Theophrast 741.
Theopompos 783, 789.
Theoxenos 656, 760.
Theramenes 766.
Theseus 786.
Thetis 747.
Thevet, I. A. 686.
Thiele 984.
Thierry 668.
Thode 180.
Thomas, Dom. de Santo
588.
Thony, E. 771.
Thor 38.
Thrym 38.
Thukydides 652, 764,
766.
Thutmosis 739.
Thyia 945.
Tiberius, Claudius 571,
656, 796, 797, 799.
Tibull 18, 666.
Tigellinus 797.
Tilley, Vesta 232.
Tilly 180.
Timaios 30.
Timarchos 767, 769, 770,
771, 808, 818.
Timasitheos 770.
Tittmann 943.
Titus 667, 800.
Tolstoi 386.
Tours, Moreau de 127.
Traianus, M. Ulpius
667, 801.
Traubel, Horace 132.
Trebius 803.
Trebonius 790.
Treffies 682.
Tresckow I, Hans von
1002.
Trevisano, Francesco
669.
Tribonian 794.
Trimalchion 677.
Tschaikowsky 610, 611,
671.
Tscharudatta 603.
Tschionlung 612.
Tschinghoa 612.
Tschoangtsang 612.
Tsunayoshi 619.
Tullius Geminus 80ft.
— Laurea 805.
Tybald 1021.
Tyrius, Wilhelmus 816.
Tytler 666.
66
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1042
iJamenregister.
tJ.
Udall, Nicholas 671.
Ullrich, Fr. 787.
Ulrichs, Karl Heinrich
4, 5, 6, 7, 8, 9, 10,
12, 26, 29, 35, 64, 73,
95, 109, 110. 112, 117,
118, 120, 132, 134, 139,
140, 143, 152, 156, 170,
175, 203, 204, 206, 222,
273, 277, 308, 309, 313,
332, 338, 350, 351, 352,
353, 387, 390, 417, 423,
447, 452, 469, 470, 471,
506, 520, 529, 546, 547,
563, 571, 592, 595, 598,
609, 630, 658, 664, 668,
671, 681, 687, 704, 705,
707, 726, 827, 878, 879,
881, 902, 906,952,954.
955, 956, 957, 958, 959,
963, 964, 965, 966, 967
969, 1003.
Ungern-Sternberg eSS,
664, 665, 671, 1019.
Uiiruh. Fritz von 517,
1019.
Duus, Walter 47.
Urania 7, 10.
Uranos 7.
Urquhart 705.
d^Urville, Dumont 609.
Utamaro 621.
Vacano, Emil M. 137,
154, 670, 671.
Valdez, Fernando 834.
Valentinian 815, 817,
829, 830.
Valerius Catullus 796.
— Maximus 789, 791.
819, 947.
Valette, La 947.
Vandal 659.
Vandoeuvre, Nicholas
Bourbon de 671.
Varee 833.
Vargha 975.
Varnhaffen, Rahel 230.
Varro o4.
Vasistus 695.
Vatsyavana 601, 603.
604, '605.
Vautier 562.
Vautrin 1015.
Vay, Sand or 710.
— , Sarolta 112, 120,
130, 137, 141, 151, 154,
158, 176, 321, 592, 710.
Vega, Garci lasso de la
588.
Vehse 658, 662, 664.
Venette, Nicolas 127.
Venus 231, 796.
— Kallipygos 37.
— Urania 7.
Vergilius, Maro P. 18,
322, 444, 657, 796.
Verlaine, Paul 670, 671,
1021, 1023.
V^ermandois 22.
Verres, C. 792.
Verschuer, Undine
Freiin v. 658, 663, 666,
1014.
Vespasianus 800.
Vestvali, Felicitas von
133, 153, 159, 160, 512,
671, 1014.
Vibius Virrius 790.
Vi^r?ck, George Syl-
vester 1023.
Viktor Amadeus 668.
Villars, Marschall de
672.
Villeroi 668.
Vinci, Leonardo da 508,
666.
Vinciola, Pietro 409.
Virchow, Rudolf 387,
481, 967, 963, 976.
Virro 803.
Visconti, Philipp Maria
672.
Vivien 1023.
Vogt 586, 586.
Vogu6, de 66.
Voi^t, Moritz 791.
Vollmar, von 984. .
Voltaire 22, 25, 474, 662,
727, 942, 948, 977.
VoB, Richard 977, 1020.
VoBmann 99.
Vries, Hugo de 388.
W.
Wachenfeld 296, 329,
345, 385, 466, 526, 561,
817, 818, 819, 823, 824,
836, 838. 841, 844,891,
953, 1011.
AVachholz, Leo 140.
Wachter,. Carl Georg von
958.
— , Theodor von 311.
Wachtmeister, Axel 666.
Wagner, Cosima 181.
— , Richard 176, 181,
611, 646, 689, 701.
Waldeyer 358.
Wallenstein 947.
Walloth, Wilhelm 1020.
Walpole, Horace 672.
Walter 833.
Walz 981.
Warda 339.
Weber, O. 744.
Webster 891.
Wedekind, Frank 71,
207, 1024.
Weigand 595.
Weingartner 977.
Weininger 180, 198, 218,
230, 276, 356, 388, 389.
Weiser, Karl 977.
We is man n, August 362.
Weii3 99, 413.
Welcker. Friedrich Gott-
lieb 25, 747, 748, 752.
Weller 624.
Wellhausen, J. 743, 814.
Weralach 832.
Werthauer 1014.
Wertheini- Salomonson
633.
Werther 310.
Westermark 536, ^50,
630, 812.
Westphal 6, 6, 10, 13,
64, 71, 110, 222, 232,
339, 469, 960, 969.
Wette, de 316.
Wey 194.
White, Thomas 833.
Whitman, Walt 14, 70.
132, 146, 180, 609,551,
672, 1013, 1021.
Wied, Prinz zu 655.
Wiedemann, A. 738, 739.
Wilbrandt, Adolf 20.5,
465, 927, 1019.
Wilda, Johannes 47.
— , M. E. 818.
Wilde, Gooswyn de 672.
835.
— , Oscar 26, 112, 373,.
422, 425, 609, 512, 546.
548, 549, 672, 694, 827,.
836, 1008, 1021, 1024.
Wildenbruch, Ernst von:
977 979.
Wilhehn IIL 9, 672.
— , E. 376, 414, 426^.
445, 988.
— von Oranien 670.
Wille, Bruno 977.
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Namenregister.
1043
William 1. 670.
— II. 672.
— III. 477.
— Rufus 477.
Williams, Thom. 609.
Willy, Colette 710, 1023.
Wilson, J. 357, 609.
Winckelmann, Johann J.
9, 65, 186, 337, 365,
425, 447, 451, 571, 57G.
638, 673, 889, 945, 940,
948.
Winckler 739.
Windthorst 522.
W^internitz 602.
Wirz, Caspar 23, 314,
541, 742, 1014.
Withney 706.
Witte, Heinrich 833.
Wittgenstein, Fiir^t 677.
Wittstein, Theodor 485.
Wohrle, Oscar 194, 504.
Wolf-Untereichen 289.
Wolfl 882.
Wollenberg 329.
Wolter 1022.
Woltmann, A. 671.
Wolzogen, E. v. 30, 977.
— , L. Freiherr v. 662.
Wood, John 673, 706.
Wortley - Montague, M.
673.
Woyte, C. 820.
Wrangel, F. v. 623.
Wrede, Friedrich Fiirst
833
Wulffen 364, 496, 990,
1010.
Wundt 385.
Wiirm, W. 634.
Wvzewa, Theodore de
132.
X.
Xenares 653.
Xenokrates 778.
Xenophon 18, 323, 650,
651, 652, 653, 654, 655,
755, 756, 760, 761, 762.
772, 807, 820.
Y.
Yakko, Sada 620.
Yasodhara 604, 605.
Yosbida-Daizo 619, 62:».
Young 967.
Yupanqui, Capac 588.
Z.
Zamora, Al. de 587.
Zarathustra 40^.
Za^trow, K. E. v. 9, 26,
959, 960, 1006.
Zedekias 813.
Zelter 664.
Zenon 654, 661, 757, 787.
Zeus 7, 349, 368, 641,
747, 748, 753, 764, 775.
Ziehen, Tli. 29, 345, 346,
456.
Zilliacus, Emil 536.
Zimmermann 663.
Zinzendorf, Nik. Ludw.
Graf V. 419, 673.
Zitelmann, E. 764.
Zola, Emile 28. 561,562,
971, 1016, 1017, 1019.
Zolling, Tfieophil 150.
Zonaras 824.
Zoyara, Ella 154.
Zschokke, Heinrich €0,
998, 999.
Zunz 939.
66 ♦
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Lander- und Ortsregister.
A.
Aarau 949.
Aargau 848.
Abdera 758, 759.
Adrianopel 766.
Afrika 857.
Agrigent 757.
Aegypten 21, 24, 456,
579, 599, 651, 737, 738,
744, 801, 813, 856.
Ajaccio 688.
Alaska 625.
Alabama 861.
Albanien 524.
Alexandria 653, 785, 792,
805, 815.
Algerien 564, 565, 567,
569, 660.
Algier 26, 520, 564, 565,
566, 567, 568, 856.
Ambrakia 782.
Amerika 62, 159, 226,
450, 501, 530, 550, 551,
552, 553, 628, 861, 891,
900, 910.
Amoy 612.
Amsterdam 448, 485, 597,
679, 732, 834.
Anacapri 901.
Ancona 574, 575.
Ancyra 828.
Angola 560. •
Antiochia 650, 785.
Antwerpen 533.
Appenzell 848.
Aquila 452, 571, 671, 965,
966, 967.
Arabien 599, 744, 802.
Aragonien 834.
Argentinien 527, 581, 584,
862, 901.
Argos 655, 750.
Argynnos 653.
Ascension 858.
Ascona 422.
Asien 21, 323, 447, 590,
599, 601, 603, 610,
688, 819, 854, 855.
Askalon 231, 745.
Assos 778.
Assuan 456.
Assyrien 813.
Atarneus 778.
Athen 18, 651, 652, C53,
655, 748, 759, 761, 765,
775, 782, 817.
Aethiopien 739.
Atitlan-See 587.
Atjeh 289, 606, 607.
Augsburg 506, 832.
Aurich 954.
Australian 606, 866.
B.
Bab-ilu 740.
Babylon 741, 744, 813.
Back Bay 553.
Baden 543, 906, 964.
Bali 607.
Balkan 705.
Balten 539.
Bamberg 506.
Banka 610.
Barbados 860.
Barcelona 294, 452, 470,
525, 577, 578, 580.
Basel 540, 823, 833,848.
Bastia 570.
Batavia 610.
Bayern 97, 823, 836, 837,
902, 963, 9:4.
Bayreuth 133, 504, 689.
Belgien 506, 569, 570.
834, 836, 842, 975.
Belgrad 596, 676.
Berat 595.
Bergen 534, 825.
Berlin 9, 16, 26, 30, 31,
36, 133, 134, 160, 198,
218, 238, 283, 296, 321,
411, 422, 425, 448, 466,
468, 471, 472, 474, 477,
488, 498, 502, 505, 514,
515, 532, 536, 540, 542,
562, 564, 570, 582, 591,
593, 596, 606, 611, 637,
642, 677, 678, 679, 682,
683, 685, 688, 689, 690,
694, 696, 697, 699, 706,
710, 717, 718, 722, 723,
724, 726, 727, 728, 730,
732, 733, 880, 886, 888,
893, 897, 902, 905, 906,
907, 909, 912, 913, 921,
954, 961, 964, 969, 975,
982, 995, 1000, 1003,
1006, 1017.
Bern 9, 470, 540, 661,
848, 949.
Bernau 502.
Bethel-Bielefeld 263.
Biarritz 564.
Bilbilis 653.
Biliton 610.
Bithynien 654, 792, 801.
Bogota 587.
Bdhmen 832.
Bolivia 862.
Bologna 833, 834.
Bombay 606.
Bordeaux 564.
Borneo 608, 609, 707,
730, 855.
Boston 149,550,551,553.
Bozen 541.
Brandenburg 478, 670.
Brasilien 527, 581. 862.
Braunschweig 470, 835.
Bregenz 541.
Breslau 210, 686, 696,
707, 717, 911.
Britannien 546.
Britisch-Nordbornpo 854
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Lander- und Ortsregister.
1045
Britisch-Ostafrika 858.
Britisch-Ostindien 854.
Brussa 698.
Brussel 283, 569, 570,
677, 726. 731, 888.
Buch^ra 600.
Budapest 206, 277, 544,
593, 596, 674, 889.
Buenos Aires 515, 580,
581, 582, 584, 908.
Bukowina 340.
Bulgarian 21, 842.
Burgdorf 954. '
Byzanz 449.
C.
Can 587.
Capreae 798.
Capri 170, 44,7, 448, 571,
658, 901.
Capua 790.
Cap Catoche 587.
Caracas 585.
Careca 587.
Carnarvon 661.
Carolinen 868.
Cassel 154.
Celebes 608, 730.
Celle 954.
Ceylon 854.
Claudiopolis 801.
Chaironeia 784, 805.
Chalkis 20, 750.
Charlottenburg 98, 479,
487, 488, 497, 504, 513,
697 932
Chicago 9, 471, 651, 552
Chile 681, 589, 864, 900.
China 21, 527, 531, 603,
611, 613, 614, 615, 619,
620, 622, 628, 725, 726.
854, 975.
Chincha 588.
Chios 653, 656, 752, 789.
Chorosan 21.
Christiania 536.
Christianslund 536.
Cochinchina 85B.
Colon 582.
Colorado 551.
Columbia 864.
Connecticut 861.
Constantino 5(:5. 568.
Constanza 471.
Cordoba 824.
Coro 587.
Cumae 799.
Cumana 587.
Curasao 610, 864.
Cuxhaven 196, 528.
Cuzco 725.
Cypern 864.
Dahomey 560.
Danemark 527, 534, 535,
734, 842, 902, 975, 990.
Delphi 750.
Denderah 738.
Denver 149^ 551, 552.
Der-el-bahari 739.
Dessau 290.
Detmold 954.
Deutsche Schutzgobiete
858.
Deutschland 20, 22, 23,
27, 28, 30, 133, 289, 313,
320, 333, 424, 427, 448,
449, 451, 457, 479, 485,
486, 487, 493, 495, 509,
502, 505, 526, 527, 530,
531, 532, 534, 546, 547,
561, 573, 582, 584, 627,
659, 687, 690, 717, 822.
827, 830, 837, 840, 842,
886, 899, 900, 901, 913,
969, 976, 977, 994, 995,
997, 1003, 1006, 1009,
1010.
Dresden 230, 539, 717,
883, 905, 913, 10! 2.
Drontheim 535.
Durban 556, 558.
Dusseldorf 470, 679.
£.
Eberbach 506.
Ecuador 588, 864.
Edfu 738.
Edinburgh 529.
Eisenach 714.
Ekbatana 740.
Elbassan 595.
Elberfeld 470.
Elea 654.
Elis 759, 944.
ElsaU - Lothringen 563,
833.
Elvira 828.
Emesa 653, 803.
England 14, 26, 30, 37, 232,
323, 333, 424, 450, 467,
474, 500, 512, 514, 522,
526, 527, 530, 532, 546,
547, 548, 549, 550, 556,
594, 643, 646, 659, 677,
679, 689, 694, 707, 822,
824, 827, 830, 836, 842,
891, 895, 900, 901, 910,
967, 975, 976, 1006,
1014.
Englisch-Indien 531.
Englische Kolonien 858.
Ephesos 806.
Epirus 705, 783.
Erech 740.
Eretria 750.
Estland 536, 539.
Etrurien 571.
Euboa 20.
Europa 21, 159, 323, 387,
447, 473, 479, 524, 626,
666, 581, 601, 623, 656,
688, 746, 822, 830, 832,
842, 986.
Falklandsinseln 8^'4.
Ferrara 834.
Fidschi-Inseln 609.
Finnland 634, 635, 536,
637, 538, 639, 848.
Flensburg 470.
Florenz 20, 159, 447, 649,
571, 576, 833.
Florida 654.
Fokien 613.
Frankfurt a. M. 502, 879,
906, 955.
Frankreich 20, 22, 26,
27, 28, 38, 232, 323,
427, 448, 606, 614, 621,
527, 530, 635, 647, 555.
561, 662, 563, 569, 6"/ 7,
694, 824, 826, 827, 830,
836, 844, 901, 910, 975,
1023.
Franzensbad 86.
Freiburg 850, 980.
Friesland 834, 835.
G.
Galata 726.
Galisia 680.
Gallien 792.
Gambia 858.
Gamo 651.
Gardara 653.
Gedrosien 784.
Genf 540, 591, 836, 852.
Gent 661.
Genua 659.
Georgia 861.
Gibea 742.
GieUen 906.
Glarus 8, 59, 350, 540,
823, 848, 949, 950.
Goldkuste 868.
Digitized by VjOOQIC
104()
Lander- und Ortsregistar.
Gomorrha 23, 816.
Gorlitz 470.
Gortyn 764.
Gottingen 954.
Granada 579.
Graubiinden 850.
Graz 543, 987, 968.
Griechenlaiid CO, 596.
705, 712, 747, 797,
798, 844, 950.
Groningen 834.
GroUbritannien 22.
Guatemala 587, 832.
Guyaquil 588.
n.
Haiti 869.
Halberstadt 708.
}Ialikarnas.s()s 751, 805.
Hamburg 135, ICO, 452,
470, 531, 679, 684, 689,
695, 697, 717, 723, 724,
827, 900, 902, 920.
Hanau 502.
Hannover 9, 563, 836,
954, 958. 964.
Havre 177.
Hellas 388, 596, 620, 747.
783, 815.
Helsingfors 538, 539, 731.
HerAt 597.
Hildesheim 470.
Himera 656.
Hispanien 793.
Hoffnungstal 502.
Holland 30, 486, 530,
532, 534, 824, 834, 83.%
836, 844, 910, 975, 976,
989.
Hollandi^jch-lndion 613.
Hongkong 611, 854.
Hucivllas 588.
Hubcrtu 1 urg 354, 383.
Hyrkani-ii 781, 820.
I.
Idzumo 620.
Illinois 861.
Indiana 861.
Indien 456, 601, 606, 740.
Indochina 628.
Indonesien 730.
Innsbruck 541.
lonien 754. 817.
Iowa 860. 861.
Irland 842.
Island 534, 535.
Istrien 451.
Italien 22, 159, 387, 403,
444, 452, 457, 502, 52G,
527, 530, 539, 540, 5S9,
570, 571, 572, 573, 576,
579, 687, 727, 833, 836,
844, 901, 902, 910, 9C6,
975.
J.
Japan 22, 527, 531, 603,
610, 611, 617, 620, 622,
854, 975, 989, 1014.
Java 608, 610, 613.
Jena 909, 924, 980.
Jersey 159.
Jerusalem 813, 814, 816.
Johannesburg 555, ri53,
558.
Judaa 814.
K.
Kadjak 625.
Kagoshima 619.
Kairo 528, 549. 696.
Kalifornicn 388,555,861.
Kamerun 858.
Kamt^chatka 624.
Kanada 880.
Kanton 614.
Kapkolonie 557.
Kapland 858.
Kappadokien 744.
Kapstadt 556, 558.
Karabagd che 728.
Karthago 652, 741.
Kassel 904.
Kastilien 824.
Kentucky 861.
Keo3 651, 656.
Kiel 61. 196, 521, 531,
547, 717, 734, 893, 913
Kittion 757, 787.
Kiushiu 618.
Kleinasien 628, 744, 817.
Kleine Anti len 860.
Knidos 778, 78S.
Kollytos 772.
Koln 135, 159, 422, 531,
684, 687, 717, 718.
Komana 744.
Kongoland 560.
Kongostaat 858.
Konigsberg 531, 980.
Konstantinopel 9, 448,
597, 629, 679.
Konstanz 531.
Kopenhagen 528, 534,
696, 697, 902.
Korea 531, 618, 622, 623.
Korinth 19, 764, 787.
Koroneia 650.
Korytsa 595.
Kos 758, 771.
Kreta 19, 20. 22, 654,
656, 705, 747, 767, 764,
788.
Kuangtung 613.
Kunaxa 651, 756.
Kurhessen 204.
Kurland 536, 589.
Kyme 788.
Kyoto 619. 620.
Kypros 741.
Kyrene 653, 743, 779.
Kyushu 620.
Kyzikos 805.
L.
La Boca 582.
Labuan 854.
LacedSraon 20.
Lagos 858.
Laguna d3 Terminos 687.
Lappland 539.
Larissa 756.
Leipzig 153, 159, 160,
468, 506, 684, 717, 838.
Lemnos 779.
Lesbos 22, 752, 807.
Letten 539.
Leuktra 652.
Libau 539.
Libyen 740.
Liegnitz 838.
Lille 564, 589.
Lindau 833.
Lissabon 726.
Livland 535, 539.
Loanda 560.
Lombok 607.
London 31, 159, 229, 287,
425. 448, 515, 525, 528,
532, 546, 547, 549, 555,
556, 679. 687, 68^ 689,
719, 731, 824, 830, 833.
Lothringen 660.
Louisiana 554, 880, 861.
Luttich 569.
Luxemburg 836, 844.
Luzern 540, 848.
Luzon 730.
Lydien 744.
Lyon 562, 564.
M.
Ma«hin 744.
Madagascar 520, 858.
Madras 606.
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Lander- und Ortsregist?!.
1047
Madrid 31, 376, 528, 577,
578, 579, 580.
Madura 608.
Magdeburg 470.
Magenta 520.
Mahren 832.
Mailand 159, 572, 666.
Maine 553.
Maintirano 560.
Mainz 196.
Malacca 854.
Malaga 579.
Malediven 864.
Mandschurei 620.
Mannheim 646, 968, 983.
Mantinea 652, 776.
Marianen 868.
Marokko 858.
Marschall-lnseln 868.
Marseille 462, 562, 534,
726.
Maryland 861.
Massa Carara 834.
Massachusetts 552, 553,
861.
Mazedonien 655, 783.
Medien 740.
Megara 656, 749, 787.
Afeiningen 499.
MIekka 593, 597, 598.
MTeran 541.
Metz 688.
Meudon 709.
TSfexiko 159, 566, 581,
686, 587, 860.
Michigan 861.
Minden 964.
Missouri 861.
Mitau 639.
Mittelamerika 580, 585,
586, 587.
Monaco 836, 844.
Montana 556, 861.
Monte Carlo 504.
Montenegro 846.
Montesa 834.
Moskau 677.
Munehen* 9, 135, 321,
470, 506, 660, 679, 687,
696, 717, 724, 805, 902,
933, 934.
Myrlea 779.
Mvrrhinus 773.
Mysien 778.
Mytilene 650, 748, 805.
N.
Natal 868.
Neapel 159, 462, 671,
572, 573, 575, 676, 699.
726, 731, 888, 901, 96r,
966.
Neapolis-S'chem 816.
Nemea 750.
Nemequene 587.
Neu-Guinea 609, 868.
Neu-Kaledonien 520, 610.
Neu-Mexiko 231.
Neu-Seeland 868.
Neu-Sud- Wales 836, 866.
Neue Hebriden 610.
Neuenburg 823, 860.
New Hampshire 653.
New York 159, 547, 650,
661, 611, 690, 860.
Ngambo 559.
Nicaragua 686.
Niederlande 633.
Niederlandisch-Guayana
864.
Niederlandisch-Indien
531, 608, 607.
Niederlandisch-Neu-
Guinea 607.
Niederlandisch-Ostindien
866.
Ntmes 562.
Nizza 450, 649, 664.
Nola 789.
Nordafrika 520, 527, 530,
564, 565, 566, 569.
Nordamerika 21, 527, 529,
610, 975, 861.
Norddeutschland 963.
Nordeuropa 515.
Nordfrankreich 581.
North-Dakota 861.
Norwegen 534, 536, 846,
976.
Nqyon 825.
Niimidien 659.
Nurnberg 532, 833, 1011
O.
Oberammergau 504.
Oberbayern 527.
Obero5terre:ch 542.
Ohio 552, 860, 861.
Okzident 532, 565.
Olympia 655, 750.
Olynth 652.
Oran 503, 666.
Oranje-Freistaat 858.
Orient 20, 285, 388, 447,
468, 607, 532, 536, .56.^,
568, 656, 657, 688.
Osaka 620.
Osnabriick 880.
Ostafrika 858.
Oitasien 688.
Ostende 604, 647, 569,
570.
Oesterreich 30, 502, 527,
530, 541, 542, 545, 546,
581, 690, 723, 822, 827,
830, 840, 846, 902, 942,
963, 969, 976, 976, 1C03,
1010.
Osteuropa 690.
Ostseeprovinzen 527, 539.
Ozeanien 867.
Paderborn 196.
Padua 833.
Palastina 26.
Palermo 451, 570, 572,
726.
Pali 606.
P^nuco 686.
Paraguay 589, 864.
Paris 31, 97, 137, 159,
425, 448, 452, 471, 528,
539, 549, 561, 562, 663,
564, 669, 596, 639, 679,
683, 687, 688, 690, 707,
708, 709, 710, 712, 717,
718, 719, 726, 728, 731,
830, 833, 888, 900.
Parma 833.
Pau 564.
Ppking 611, 616, 616.
PeUa 786.
Pelusium 802.
Pennsylvania 861.
Pera 449, 726.
Perak 854.
Pergamon 785.
Persien 597, 762, 819,
856.
Peru 588, 726, 864.
Petersburg 9, 320, 731.
Petschili 612.
Phanostrate 766.
Pharsalos 750.
Phaselos 651, 778.
Philadelphia 550, 551,
909.
Philippinen 610.
Phonikien 741.
Phrygien 744.
Phyle 766.
Piacenza 159.
Pieria 654.
Pietermaritzburg 566.
Pinzgau 542.
Plataa 654.
Digitized by VjOOQIC
1048
Lander- und Ortsregister.
Plotzensee 422, 723, 980.
Plymouth 547.
Pola 628.
Pommern 478.
Pongau 542.
Poona 606.
Pordenone 61.
Portugal 527, 836, 846.
Portugiesisch-Amerika
589.
Posen 478.
Potchefstroom 556.
Potidaia 773.
Pot-sdara 833.
Prag 543, 968.
Pretoria 556, 557.
Preufien 466, 526, 537,
563, 823, 831, 837, 964.
Provence 503.
Punta Sa. Helena 588.
Puteoli 798.
Q.
Queensland 206, 866.
Quito 588.
Rastenburg 518.
Reading 827.
Reate 793.
Reggio 833.
Reval 539.
Rhamnus 770.
Rhegium 653, 749.
Rheims 830.
Rheinprovinz 531.
Rheinsberg 664.
Rhodos 753.
Riga 539, 540.
Rio de Janeiro 167, 471,
581.
Rio Grande del Sul 581
Rom;i9, 137, 165, 387, 388,
452, 502, 503, 528, 571,
572, 573, 574, 606, 651.
652, 653, 654, 658, 677,
679, 705, 712, 731, 797,
804, 815, 817, 829, 833,
945, 948, 957, 965.
Rostock 238.
Rotterdam 726.
Rumanien 846.
Rummelsburg 723.
Russisch-Polen 591.
RuBland 450, 457, 527,
536, 537, 538, 590, 591,
620, QSG, 688, 745, 822,
827, 846, 900, 975.
S.
Saba 744.
Sa. F6e 586.
Sa. Marta 587.
Sachsen 478, 767, 837,
904.
Saida 519.
Sainen 632.
Salamis 655, 656.
Salzburg 542.
Salzkammergut 542.
Samarkand 600.
Samoa 868.
Samos 655, 749, 785, 947.
Samosata 806.
San Antonio 552.
San Domingo 862.
San Francisco 159, 551,
552.
San Remo 283.
San Salvador 586.
San Sebastian 528, 577,
579.
Sandwich-Inseln 609.
Sansibar 289, 559.
Santiago 581.
Saoul 623.
Saragossa 834.
Sardes 651^ 656, 805.
Schaffhausen 850.
Schiras 664.
Schlesien 226^ 478, 832.
Schonen 535.
Schottland 546, 836, 848.
Schweden 527, 534;, 535,
536, 537, 660, 661, 697,
975.
Schweiz 21, 318, 502,
507, 530, 540, 546, 823,
848, 901, 913, 976, 99?,
1006.
Schwyz 850.
Sebastopol 520.
Seckbach 906.
Serajewo 596.
Serbien 852.
Sevilla 579, 580, 834.
Shanghai 611, 613.
Siam 856.
Sibirien 387, 623, 822,
827, 856.
Sichem 814.
Sidi Bel Abb6s 519.
Sierra Leone 858.
Singapore 694, 854.
Sinope 766, 787.
Siphnos 20.
Sizilien 9, 503, 571.
Skandinavien 530, 1014.
Smyrna 597, 661.
Sodom 22, 23, 349, 742,
816.
Sofia 594, 595.
Solothurn 823, 850.
Soncino 833.
Southwark 549.
Spaa 663.
Spanien 22, 30, 387, 457,
520, 627, 530, 569, 576,
577, 578, 679, 580, 653,
798, 824, 830, 834, 836,
852, 975.
Spanisch-Amerika 589.
Sparta 17, 19, 620, 650,
653, 664, 817.
St. Gallen 848^ 950.
St. Helena 549, 858.
St. Pauli 689, 724.
St. Petersburg 540.
Stambul 448, 598, 726.
Stendal 673.
Stettin 127, 133, 159,
532.
Stockholm 165, 536, 731.
Straits-Settlements 854.
StraUburg 470, 697, 833,
968.
Stuttgart 233, 470, 502,
964.
Sudan 518, 858.
Sudafrika 555, 558, 559,
975.
Sudamerika 285, 447, 515,
527, 530, 680, 581, 582,
685, 862, 975.
Sudaustralien 866.
Suddeutschland 12, 506,
886.
Sudeuropa 285, 597.
Siidfrankreich 561.
Sudseeinseln 628.
Siidwestafrika 858.
Sumatra 289, 606, 610,
613.
Surinam 864.
Sutschan 613.
Syrakus 671, 666, 782.
Syrien 26, 650, 653, 744.
T.
Tabasco 587.
Tagaste 659.
Tahiti 609.
Tanger 471.
Tannenberg 647, 665.
Taormina 447, 571.
Tarent 788.
Tarsos 805.
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Lander- und Ortsregister.
1049
Taschkent 600.
Tasmania 86Q.
Tauromenion 30.
Tegel 723.
Tel-Abib 813.
Tenochtitlan 586.
Teos 651, 749.
Tessin 836, 852.
Texas 501, 552, 860, 861.
Tezcuco 586.
Thasos 759.
Theben 620, 655, 751.
Thera 17, 18, 19, 595,
751, 752.
Thespiae 751.
Thessalonike 805.
Thrakien 654.
Thurgau 850.
Tibet 603.
Tientsin 611, 613, 616,
726.
Tigilsk 624.
Tirol 541, 695.
Tobago 860.
Togo 858.
Tokio 471, 528, 611.
Toledo 825.
Tongking 520, 856.
Torgau 291.
Toribeno 619.
Trallea 806.
Transvaal 555, 858.
Trier 126, 532, 936.
Triest 470, 570, 571, 673.
889.
Trinidad 860.
Trouville 321.
Tsingtau 694.
Tunesien 564, 565, 567.
Tunis 564, 565, 566, 567,
568, 569, 858.
Turin 576.
Tiirkei 527j 531, 597,
726, 852, 856. 975.
Turkestan 599, 600.
U.
Uchtspringe 383.
Ungarn 226, 506, 531,
592, 593, 594, 854, 975.
Unterwalden 850.
Uri 21.
Qruguay 866.
V.
Valencia 658, 834.
Vehrkana 820.
Venedig 61.
Venezuela 585, 587, 8o6.
Verapraz 586.
Vermont 861.
Verona 651.
Victoria 836, 86ii.
Volendam 150.
Voslau 543.
W.
Waadt 836, 852.
Wales 661.
Wallifi 836, 852.
Wannsee 908.
Warmbrunn 160.
Warschau 20, 160, 358.
Washington 553, 861.
Weimar 277 470,
Wellesly 854.
Westasien 531.
Westaustralien 868.
Westerfeld 954.
Westeuropa 449, 594.
Westfalen 531.
Westpreufien 896.
Whitechapel 287.
Wien 63, 135, 140, 160,
387, 430, 431, 505, 528,
543, 544, 547, 596, 637,
666, 677, 690, 902, 964,
968.
Wiesbaden 294, 539.
Wilhelmshaven 196, 521.
Wilmersdorf 697, 719.
Windward-Inseln 860.
Winterthur 950.
Wisconsin 860, 861.
Worms 195.
Wurttemberg ^35, 964.
Wurzburg 964.
Y.
Yeddo 619, 621, 622.
Yen 613.
Yokohama 611.
Yucatan 554, 587.
Z.
Zaragossa 578.
Zentralamerika 861.
Zentralasien 745.
Zug 850.
Zurich 540, 591, 833, 850.
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Sachregister.
Wegen aller ortlichen Verbreitungeii , Gesetze und Eigentumlichkeiten
vgl. das Lander- und Ortsregister.
Abenteuerleben 159.
Abenteuersucht 251.
Aberrationen, qualitative 29.
Abolitionismus 1011.
Absclieti gegen Homosexuelle 347;
s. a. Horror.
Absolutes Weib 357.
Abstammung 240, 385.
Absteigequartiere 321, 692.
Abstinenz 331 f., 419; s. a. Ent-
haltsamkeit.
— als Ursache der Homosexual i tat
332.
AbstoBung durch das eigene Ge-
schlecht 42.
4.damstochter 30.
Adaequater Verkehr 292.
Adaptionstherapie 439.
A del 43.
Admonitio generalis Karls des
GroBen 830.
Anderung der Triebrichtung 325.
Angstlichkeit 483.
Aquivalente 332.
Argerniserregung 836, 943.
Arzteeid des Hippokrates 758.
ArztekongreB, internationaler, in
London 550, 622.
Asthetizismus 65.
Atiologie 326, 327 ff., 340.
Affekterregbarkeit 50, 175.
Affekthandlungen 68 f.
Affiektlebend. Homosexuellen 915.
Affinitat 185.
Ageusie 397.
Ailonith 141.
dfras* 18.
Akte, homosexuelle 78.
Aktive 264.
Aktivisten 121.
Aktivitat 286.
Aktphotographien 67.
Akrateia 780.
Algolagnismus 300, 301.
Alkoholismus 189, 209, 210, 263,
298, 329, 382, 386, 422, 916.
Alloiophile 284.
Allosexuell 11.
Alte Jungfern 102.
Alter der Eltern 241.
Alterosexuelle Einschlage 236.
Altersklassen 494.
Alter turn, Homosexualitat imklas-
sischen 737ff.
Altes Testament 816.
Amazonen 660, 746.
Ambierasten 16.
amor lesbicus 22, 266, 609.
— , im alten Indien 606.
Amphiphile 284.
Am t lie he 8 Material 1001.
Anabasis 766.
Anaathesie, sexuelle 96.
Anakreontische Poesie 186.
Analcoitus, heterosexueller 764;
s. a. Sodomie.
Analyse der homosexuelien ludivi-
dualitat 947.
dyavdgietg 745.
Anamnese 239.
Anandrynen, Sekte der 677.
Anaphrodisie 221.
Anorchie 229.
Andinos 585,
Andreion 763.
Andrin 377, 416.
Androglottie 31, 368.
Androgynie 31, 229, 266, 273,
319; bei Empedokles 776; der in-
dischen Gotter 601 ; bei Plato 29.
Andromastie 31, 368.
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Sachregister.
1051
Andxophile 280, 281.
Androphobie 97.
Androsphysie 358.
Androtrichie 31, 273, 368.
Angeborensein der Homosexuali-
tat 42, 54, 308, 315, 325, 335,
345; Grunde fur das 318 ff.;
Griinde gegen das 325 ff.
Angebot von Prostituierten 693;
8. a. Prostitution.
Angst 97, 162, 916, 932; Neurose
455; Traume 243.
Anilinctio 292.
Ankniipfungs- und Treffpunkte
Homosexueller 321, 528, 577, 593,
690, 692, 696.
— , Anschlagsaule 694.
— , Badeanstalten 688, 690, 691.
— , Bayreuth 689.
— . Bediirfnisanstalten 696.
— , Depeschensale 690.
— , Kasperle theater 689.
— , Kinematographentheater 689.
— , Marionettentheater 689.
— , StraBe 692.
— , Tanzboden 688.
~, Theater 688.
— , Verkehrsmittel 618.
Annoncen, homosexuelle 694.
Anosmie 397.
Anpaesungsfahigkeit 451.
Anpassungstherapie 439 ff.
Ansteckungsgefahr bei Prosti-
tuierten 457.
Anthologia Palatina 785.
Antiaphrodisiaka 417.
Antifeminismus 218 ff.
Antifetischismus 217, 299, 304.
Antwortkarten 480.
Anzahl der Homosexuellen 467.
Anziehung, chemotaktische 375.
— des Gegensatzlichen 376.
Aphrodisiaka 415-6, 440.
Aphrodite bei Plato 7.
Arabische Bezeichnung homosexu-
eller Betatigungen 25.
Arbeitstherapie 422, 452.
Arbeit erst and, Verbreitung im
514.
Arbiter elegantiae 799.
Ari thmomanie 383.
Aristokratie, homosexuelle 501.
Arm bander 148.
Armbewegungen 151.
Ariisten 512.
Asexualitat 179, 268, 320.
Aspermie 126.
Asso'ziationstherapie 434.
Atemtypus 140.
Athletische Homosexuelle 294.
Attraktionsgesetze, sexuelle 42,
347.
auparischtaka 599, 604, 606.
Auslieferungsverfahren 901.
Aussehen 244.
Aussprache (Befreiende Wirkung
der) 238, 439.
Auswanderune; 447, 450ff.
Ausweisung 901, 902.
Autoerotismus 261, 269.
Automonosexualismus 179, 235,
259, 269.
Autoonanie 402.
Autosuggestion 335, 337.
Azoospermie 126, 229.
B.
Badeanstalten, russische 590.
Badediener als Kuppler in Un-
gam 593.
Badeprostitution in BuBland.
591.
Bader 561, .564.
— , axabische 568.
Balle 684 ff.
Barbierstuben 567.
Barda;ches 22.
Bars 547.
Bart 135, 136.
Bartdamen 137.
Basirs 608.
Basmen 600.
Batschenmadchen 600.
Beamt'e 513.
Beanlagung, geistige 115, 244,
253.
Becken und Figur 141.
— , weibliches 355.
Beckenbreite 143.
Beckenlinie 141.
Bediirfnisanstalten 471, 541; s.
a. Ankniipfungspunkte.
Befahigung, mathematische 11.5.
Befreiungskampf der Homosexu-
ellen 942, 973ff.
Befreiungswerk 975.
Begabung, geistige 115.
Begattungsaversion bei Tieren
631.
Begleiterscheinungen der Ho-
mosexualitat 940.
Begrabnisstatten 571.
Begutachtung, strafrechtliche u.
zivilrechlliche 918, 960; s. a. Gut-
achten.
Behaarung 135, 364.
Behaarungstypus 356.
Behandlung der Homosexual! tat
260, 318, 396, 415 ff., 417.
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1052
Sachregister.
Beherrschbarkeit d. Greschlechts-
triebes 178. 258; s. a. Gutachten.
Bei6chlafahnlichkeit 839.
Beischlafahnliche Handlung 36,
838.
Beischlafdiebstahle 721.
Beischlaf zwischen Personen ver-
schiedener Konfession 24.
Bekenntnisopfer 1003.
Belaatung, erbliche 242.
Beleidigung 872.
Beliebtheit 254.
Benjamitter 26.
Berlinese 22.
Berufsklassen, Verbreitung nach
497 ff.
Beschneidungsfeier auf den
Sandwichsinseln 609.
Bestialitat 23.
Betatigung 258, 264, 936.
— , homosexuelle, Heterosexueller
47.
— in Schulen 47.
Betatigungsarten, Auffassung
der 12.
Betatigungsformen 17, 279, 285.
Bettnassen 404.
Beurteilung homosexueller Akte
in foro 400.
Bevolkerungsschichten, Ver-
breitung in verschiedenen 494 ff.
Bewegungen 148 ff.
— beim Tanze 154.
Bewegungsarten 153.
Bewui3tsein d. Homosexualitat 68.
Beziehungsvorstellungen 916.
Biamanten 17.
Bibelstellen 309, 313 ff., 327,
813 ff.
Bienfaiteur 36, 289.
Bijoux 289.
Bilder, Diagnostische Bedeutung
68 ff.
Bildersammlungen 66.
Bildnisneigung 66.
Bildungsanomalien 31.
Bilians (Tempeldirnen) 608.
Biplastizitat 376.
Bisexualitat 42, 193, 196, 197ff.,
181, 212, 259, 261, 350, 352, 491.
Bisexuelle Uranlage des Menschen
198 f.
BiBkuB 292.
Blackmail 891.
Blutsbriider, kaukasische 646.
Blutsbriiderschaft bei den Ar-
nauten 595.
Blutsfreundscbaften 647.
Blutsverwandtschaft 241.
Bluttransfusion 416.
Blutuntersuchunjgen 356, 378.
Bonzen 612.
Bordelle und Bordellwesen 577,
679, 692, 726, 727.
Boy Scouts 646.
Brandmarkung 825.
„Brasilianer" 21.
Braut, mannliche 911.
Brautstand 91.
Brompraparate s. Behandlung.
Brotophile 280.
Bruderschaft-Trinken in Un-
gam 593.
Brunst, religiose 419.
Brustdriisen 364.
Brustverstummelung 746.
buben (Zeitwort) 18.
Buddhisxnus 21.
buggery 21, 594.
Buhiknaben 739.
Biihnenkiinstler 637.
Biilow-Kasino 564, 683.
Biindnisformen 700 ff.
Caf6s in Arabien 668; s. a. An-
kniipfungspunkte.
Canamitus 27.
Cape boys 557.
Capillati 19.
Carolina 831.
Carolinae, Soror- 831.
— , Mater- 831.
Catamites 615.
Chatotage 27, 293, 546, 647, 591,
889 f f .
Chemismus 376.
Cliemistische Theorie 377.
Chevalier de la Manchette 694.
Chigo-Monogatari 619.
Ching-ping-mei 617.
Choc fortuit 336, 338.
Christentum 349, 638, 817.
„Christuskopf" 137.
Cisvestiten 169.
Coitus interruptus 26.
Colleges, englische 22.
Condylome, s. Geschlechtskrank-
heiten.
Consolateur 289.
Conspiration of silence 649.
Crimen nefandum 37.
Crimina ecclesiaslica 813.
Cunnilinctio 20.
Cunnilingus 34, 224.
., — anal is" 35.
Cunnus succedaneus 36.
D.
Daimyos 620.
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Sachregister.
1053
Damendarsteller, s. a. Damen-
imitatoren 232, 270.
Damenimitatoren 232, 686.
Damnatissima libido. 37.
Dampfbader 690 ff.; s. a. Bader.
Darmlues 456.
Das u re 695.
Deckoff iziere 517.
Decollete 145.
Defemination 266.
Definition der Homosexualitat 3.
Degeneration 378, 381, 383, 389.
Deklination, seelische 110.
Dementia praecox 874.
depilati 19.
Depresssionen 97, 233, 402, 421.
Derwiache 507.
Descendenten 391 ff.
Desertierung, s. a. Fahnenflucht
879, 900.
Detektives 593.
Diadochenreich 785.
Diagnose d. Homosexualitat 40 ff.,
80 ff., 108 ff., 125 ff., 148 ff.
Dichotomic 375.
Dichterische Darstellung der
homosexuellen Liebe 69, 70.
1018 ff.
Didaskalophile 285.
Diener, s. a. Verbreitung 522.
Dienstbote.n, Homosexualitat
unter, s. a. Verbreitung 601.
Dienstgewalt, MiBbrauch der 818.
Differentialdiagnose 179 ff.,
187 ff., 197 ff., 216 ff., 222 ff., 628.
Digitatio 286.
Dildo 36.
Diletto 36.
Dtmorphe 680.
Diokleen 761.
Dionysische Typen 207.
Dipsomanie 320.
Dirnenkrankenhaus 194.
Disposition, ererbte 344.
— , neurasthenische 346.
— , neuropathische 42.
— , psychoneuropathische 380.
Disputation 974.
Disziplinarverfolgung 868 ff.
Do hie (Syn.) 30.
Dokimasie 768.
Doppelgeschlechtigkeit 348.
Doppelleben 640.
Dramenfragment, homosexuelles,
Schillers 947.
Drittes Geschlecht 29, 30; s. a.
third sex.
Droschkenfuhren 699.
Dualismus, geschlechtlicher. im
Tierreich 353.
Dynamometer 356.
Dyseros 786.
B.
„Edelmannsspier* 590.
Edeluranier 294.
Effemination 30, 266, 267, 291,
414.
Ehe 88, 402, 407, 583, 624, 701,
707, 917, 928.
Eheartige Biindnisse 700ff.
Ehebruch 406.
Ehegebrauche 601.
Ehcliche Pflichten 88, 187.
Ehelosigkeit 497.
Eheprognose 412ff.
Ehcscheidung 884, 928, 931.
Ehetherapie398; s. a. B3handlung.
Ehrenrettungen 181.
Ehrgeiz 115.
Ehrbegriffe 161.
Eierstocke 354.
Eifersucht 57, 595, 608, 609.
Eigenstatus, sexueller 110.
Einfiihlung 71.
Einteilung 264 ff., 271 ff., 279 ff.,
296 ff., 305 ff.
Einteilungsgrundsatze 307,364.
Einteilungssystem 305.
eigjTvrjXag 18.
Ejaculatio praecox 93.
Ejakulationszentrum 188, 191.
Elastizitat des Nervensystems 177.
.,Elster" 30; s. a. Rabe.
Emanzipationskampf der Homo-
sexuellen 1007.
Embryo 363.
Empfangnis 376.
Empfindsamkeit, Zeitalter der
186, 186.
Empfindung 41.
enfesser 34.
Englische Konige 477.
Entartung 369, 370 ff.
— , Verhiitung der 369.
Entartungshypothese 378.
Entenarten, s. a. Verbreitung im
Tierreich 633.
Entgleisungen, sexuelle 760.
Enthaarungstendenz 138 ff.
Enthaltsamkeit 233, 331; s. a.
Abstinenz.
Entlobungen 91.
Entmannung, s. a. Kastration 824.
Entmiindigung 993.
Entstehung der Homosexualitat
2G5, 295,- 308 ff.
Entwicklungsanomalien 127,
236.
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1054
Saohregister.
Entwi cklungsgeschichte 371.
Entwicklungsjahre 48.
Entwicklungstendenz, mono-
sexuale 352.
Enqueten 465 ff., 479; s. a. Ver-
breitung und Statistik.
Enquete, hollandische, von Dr. v.
Romer 491.
Ephebophilie 280, 281.
Ephebos 18.
Epidemieen, psychische 834, 985.
Epikonus 188.
Epigramme 800.
Epilepsie 214, 422, 940.
Erasten 18, 775.
Erektionszentnim 188.
Eromenos 18.
Eros, platonischer 7: 42 ff., 647,
774.
Eros pandemos 760.
Erotik, doppelseitige 704.
Erotomanie 304.
Erpresser 386, 873ff. ; s. Erpres-
snngen.
— , Angst vor dem 895.
— , bestrafte 895.
Briefe 881.
Dezernat 897.
— , Gelegenheits- 877.
— , Gewalttatigkeiten der 886.
— , Handgreiflichkeiten der 887.
— , Kuvert der 881.
Konsortium 450.
— , Notwehr gegen 893.
— , Offensive gegen 893.
— -Praktiken 876.
— -Paragraph 253 Str.-G.-B. 894.
— , passive Resistenz als Mittel
gegen 893.
— , Skruppllosigkeit der 893.
Erpressung 449, 574, 692, 696,
873 ff., 941.
— , Ankiindigung von Zeitungsarti-
keln bei 885.
— , Dauer der 882, 892.
— , Eh-ohung bei 885.
— , einfache 889.
— , Freiheitsberaubimg und 894.
— , Fruchtabtreibung und 875.
— , Hohe der 881.
— , rauberische 16, 888.
Erregungsversuche, erstmalige
336.
Erworbene Homosexualitat 209,
265.
Erythrophobie 147.
Erziehung 75, 245, 336.
fjxatOTjxtag 768.
Eugenik 736.
Eunuchen 604, 779, 820.
Evangeliflchen, Verbreitung unter
624.
Evasohne 30.
Eviration 266.
Evolutionshemmungen 110, 372,
940.
Exhibitionismus 259, 299, 302,
304.
F.
Facultas coeundi 200.
Fahnenflucht, s. a. Desertierung
900.
Familienhomosexualitat 321 ff.
Familiendisposition 41, 42, 43,
321.
Familiensinn 407.
Farbenblindheit 373.
Farbenhoren 372.
Faschingsverkleidung 687.
Feldmause 816.
Fellatio 34.
Fellatorismus 265.
Feminasexuelle 11, 680.
Feststellung des Nichtvorhanden-
seins von Homosexualitat 925.
Fexdinandea 831.
FetischhaB 217.
Fetischismus 259, 282, 299, 304.
Fettverteilung 144..
Feuertod f. Homosexuelle 829u. ff.
Filles galantes 27.
Filles pierreuses 27.
Filodelfos 281.
Fistelstimme 134, 249, 934.
Fixierung an die Mutter 104.
— des Sensoriums 43.
Flagitium contra naturam 37.
Flagitium impurum 794.
Flieger, Verbreitung unter 613.
Formatrix 957.
Forfl<3hungsraethodik 270.
Fortpflanzung8m6glichkeit311.
Fortpflanzungstrieb 311; s. a.
Greschlechtstrieb.
Fragebogen 239 ff.
Frauen, Verbreitung der Homo-
sexualitat unter 497 ff.
Frauenbew'egung 647, 1008, 1012ff.
Frauenduelle 729.
Frauenlokale, homosexuelle 685.
Frauentanze, obszone 609.
Frauenvereine 1011.
Freilichtgymnasien 636.
Fremdenfiihrer 669.
Fremdenlegion 194, 603, 518.
Fremdenzentren 677.
Fremdsuggestion 335.
Freundespaare 677.
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Sachregister.
1065
Freundschaft 181; s. a. Differen-
tial-Diagnose.
— , physiologische 365.
Freuiidschaften, erntische47,246
Freiheitsstrafen fiir Homosexu-
elle 827.
Freunds-chaftsenthusiasmusSO,
186.
Friedlosigkeit 826; s. a. Verfol-
Frictrices 33.
Fricarelles 33.
Frigiditat homosexueller Frauen
96, 238, 301.
Friseure 499.
Frotteur (etymol.) 34.
Fruchtabtreibung 875.
Friihdiagnose 200.
Friiherektionen 189.
Fruktifizierung, soziale in Hel-
las 19.
Fiirsorgeerziehung 715.
G.
Ganse, homosexuelle 634.
Gartnern, Verbreitung unter 515.
Gastmahl des Trimalchio, s. Sym-
posion 799.
GedankenassozTationen 283.
Gefiihlseindruck und -ausdruck
175.
Gefuhlsleben 162.
Gefuhlsunterschiede 183.
Gegenvorstellungen 190, 438.
Geheimbiinde 675; s. a. Logen,
Klubs, Vereine.
Geheimsprache 723.
Geisteskrafte 356.
Geiistige Liebe 418.
ixeistlichen, Verbreitung bei 606,
909 f f .
Geldstrafen 827.
Gelehrsamkeit 159.
Gemeinschaft der Eigenen 678.
Gemiitsart 260.
Gemiitseigenschaften 320.
Genitalanomalien 329.
Genitalapparat 125.
Gentlemanverbrecher 878.
Gerichtsreden 764.
German custom 22.
Gerontophilie 65, 280, 281.
Geruch 176, 249.
Gesangstimmen 133.
Gesafiumfang 142.
Geschaftsfahigkeit 928, 929; s.
a. Begutachtung. '
Geschaftsreisendon, Verbreitung '
bei 504. i
Geschichte der Homosexualitat
737 ff.
Geschlechts-Charaktere 125, 361,
377, 457.
Differenzierung 388.
Instinkt 944.
Krankheiten 293, 458, 460, 617.
— -Orgjane 352.
— -Reife 315, 246 ; s. a. Pubertiit.
— -Substituierunff 86.
— -Trieb 96, 255ff. ; s. a. Beherrsch-
barkeit.
Typus 152.
tTbergange 30, 31, 41, 180, 187,
231.
Verkleidung 622.
Verwandlun^sagen 602.
Gesch macks differenzierung
282.
Ge sch mack seigentiim lie h-
keiten 719.
Geschmacksnerven 176.
Geschmackstypus 279 ff.
Geaellschaften 681; s. a. Vereine.
Ge«etzbuch des Manu 605; s. a.
Straftabelle.
Gesichtsausdruck 249; s. a. Aus-
sehen und Physiognomie.
Gesichtshaut 146.
Gesichtstypen 140ff.
Gesten 151.
Gewaltherrschaft 710.
Geweihte 741.
Gilgamesch (Nimrod)-Epo8 740.
Girons 518 f.
Gliedimitationen 36.
Globetrotter 504, 527, 617.
Godmich6 36, 289.
Gonochorismus 636.
Gonokokkenserum 459.
Graophi^le 281.
Graphologie 157.
Greek-shops 558.
Grettissaga 161.
Griechische Liebe 20, 265.
GroBe Mutter 560, 744.
Grundtypen der Zwischenstufen
360.
Gruppenleben 674ff. ; s. a. Sym-
biose.
Gucklocher fiir Voyeurs 697.
Gulathingsgesetz 827.
Gutachten: Alkoholismus 209, Be-
tatigungsart 987, Breuerprozel3895,
Ehescheidung 93, 931, Frigidi-
tat 216, Genital organe 126, Ge-
richtsarztliche 545, Geschafts-
fahigkeit 921, Horigkeit 940, In-
fantilismus 303, der Medizinal-
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1056
Sacliregister.
deputation 961. Meineidsprozei3
12, Pseudohermaphrodit 223.
Transvestit 233. Transvestitin,
homosexuelle 171 ff., Verdacht,
unbegriindeter 925, Verfiihrung
921, Verfiigungsfahigkeit 929,
Unterschlagungen infolge Er-
pressuag 941.
Gynacin 377, 416.
Gynakerasten 16.
Gvnakomastie 31, 139, 140, 273,
'358.
Gynakophile 281.
Gynandrie 30, 31, 109, 229, 273.
Gynandromorpliie 229.
Gynoglottie 31.
Gynosphysie 358.
Gynotrichie 31.
H.
Haartracht, weibliche, der Scha-
manen 623.
Hande 146; s. a. Dia^ose.
Hafenpromenaden 528.
Halbkastraten 565.
Halbprostituierte 718ff.
Handarbeiten 161, 231.
Handschrift 148 ff., 156, 248.
Handschuhnummern 143.
Hard labour; s. a. Verfolgung 649.
Harem, Verkehr im 599.
Harmoniegefiihl d. Griechen 767.
Harnstottern 76.
Haufigkeit des Vorkommens; s.
Verbreitung.
Hammals 668.
Ham mam 8 667.
Haushalt 676.
Haut (Teint), s. a. Diagnose 248.
He i land 504.
He i lung der Homosexualitat 212 f.
Heilungsbediirftigkeit 396ff.
Helikophile 280.
Hellenische Liebe 20.
Hennebergische Landeaordnung
831.
Hemmungsbildung 370.
Herbergen zur Heimat 502.
H^r6tique 21.
Hermaphrodi|tismus 31, 223,
229 ff.
— , partieller 364.
Hermaphrodisie, psychische 266,
267, 352.
Heroinentypen 229.
Herzneurosen 84.
Hetairesis 768.
Heterosexuelle Episoden bei Ho-
mosexuellen 61.
Hierodulen, mannliche 742; 9. a.
Tempelprostitution.
Hochzeitsfeste, urnische 706; s.
a. Ehe.
Hockergraber 686.
hommes-^-femmes 666.
Homo mollis 232, 290 f.
Homoerotik 11.
Homoiophile 284.
Horigkeitsverhaltnisse 710.
Horror feminae 93.
Horror heterosexualis 3, 216ff.,
811.
Hosenfetischismus 196.
Hotels 692.
HottentottenSchiirze 669.
Hiiften; s. a. Diagnose 248.
Huhnervogel 632.
Hundemoral 630.
Huris, mohammedanische 608.
Hymen 128.
Hypasthesie, sexuelle 306.
Hyperaesthesia sexualis 304,
346.
Hypnose 397; s. a. Behandlung
und Suggestion.
Hypospadia peniscrotalis 226,
Hysterie 84, 386 f., 940.
I und J.
Jagdwild, Homosexualitat bei 634.
Jahrbiicher 1013 ff.
Jahvismus 814.
Janitscharen 624.
Janusnaturen 649; s. a. Doppel-
leben.
Jargon der Hom osexuellen 296 ; a. a.
C^heimsprache.
Idealer Erotismus 61.
Idiosynkrasien 171.
Idvllenpoesie, bukolische 786.
iegog Xoxog bei den Thebanem 627.
Jesuiten 506, 689.
ignominia 23.
Imitation weibl. Geschlechtsteile
36 ; 8. a. cunnus.
Immissio in anum 821; s. pedi-
catio.
— in aurem 265.
— in cavitatem oculi 266.
Impotentia coeundi 80, 93, 94,
191, 416.
— generandi 191.
Inadaequater Verkehr 292.
Incas 6o8.
Inclusa 956ff.
Indifferenz gegen das andere Ge-
schlecht 218.
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Sach register.
2057
Indifferenzperiode 46 ff.
Infames, lea 38.
in fames, corpore bei Tacitus 818.
Infantile Sexualerlebnisse 340.
Infantilismns 48, 281, 802, 940:
s. Psychoanalyse.
Ingenieure 513.
Inklination, seelische 110.
Ink ongruenzen, seelische 148ff.
— , korperliche 124ff.
— sexuelle 42, 125ff.
Inkubisten 121.
Innere Sekretion 376ff., 1025.
Inquisition 834, 891.
Inschriften von Thera 17, 18. 19.
595, 761.
Insekten 631.
Insektenbiologie 632.
Inserate 694; s. Annoncen.
Interessen der Homosexuellen 65,
161.
Internatsschildernngen 46ff.
Inter nierung in Irrenanstalten
424 ff.
Intersexes 11.
Inversion 27 f., 379.
Involution 940.
Inzest 105.
Inzestschranke 46.
Isolationstherapie 422ff., s. a.
Irrumatio 34, 288.
Irresistibility 339.
Jockeys 513, 544.
— , weibliche 644.
Josephina 835.
Jours fixes 679,
Juckreize 190.
Judentum 817.
Judikatur, osterreichische 545.
— , ungarische 592.
Jugenderinnerungen 113.
Jugendliches Aussehen 151.
Jugendapiele, s. a. Diagnose 211.
Jungfern, alte 102.
Jiinglingsvercinen, Vtrbreiturig
in 644.
Juristentag 968.
Juris ten, Verbreitung bei 505.
K.
Kaffeegesellschaften 678; s. a.
Gesellschaften.
Kameradschaf ts-Ehen 407.
Kadettenliebe 591.
,,Kainszeichen" 151.
kaldaunen 36.
„Kaliberfrage" 69.
xaloi als Kollektivbezeichnuiig 664.
756.
(y Hirschfeld, Homosexualitat.
Kapuziner 581.
Karneval, Geschlechtsverkleidung
im 687.
Kastration 129, 422, 425, 824.
Kastrationstherapie 412, 422ff.
Katorga 847.
Katholiken 623.
Katholische Beichte 472.
Katholischen Klerus, Verbreitung
im 581.
Kaufmanns stand, Verbreitung im
514.
Kavallerieoffiziere 517.
Kehlkopf 134, 249, 356, 364, s. a.
Diagnose.
Keimdriisenbefund 1025.
Keisei-Kabuki (Dirnen-Tlieater)
622.
Kellnern, Verbreitung unter 499.
Kettenringe 168.
Ketzer, sodomitische 832.
Ketzerei 21.
Kinado 40.
Kindesalter 364.
Kinderspiele, s. a. Diagnose 117.
Kinderphotographieen siehe
Diagnose.
Kind he it 108, 243 ff.
Kindheitserinnerungen 44ff.
Kirchenrecht des Gulathinge 534.
Klatschsucht 541.
Klasse-Jungeh 718.
Klavierspieler in Kneipen 684.
Klassiker, deutsche 944 ff.
Klaijsif izierung 270ff.
Kleidung 165, 168ff.
xXsivog S. a. xaXog 764.
xXtjvog 18.
Klimakterium, mannliches 130,
214.
Klistiere als atiolog. Moment 327.
Klitorismus 33, 127, 266, 102.
Klubs Homosexueller 676, 678.
Knabenbordelle 276, 616.
Knabenmadchen 370.
Knappe 18.
Kochen 161.
Koedukation 99.
Kohabitationsversucho 80. 112.
Koitus normalis 94.
Kommandostimme 134.
Kommissionsberatung 986ff.
K () m i t e e , w'sscn- chaf Mic^li-humani-
tares, s. Wisst'iisrliaftlicli-
humanitai'es Komitoe.
Komitet;, polizeiarztliches 563.
Komodie, griechische 771.
Komplikationen 910.
Komponenten 209.
Konstabler 593.
67
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1058
Sachregister.
Konstitution, homosexuelle 395
u. ff.
Kontrasexuelle 296.
Kontrarsexualismus (Etvmo-
logie) 6.
Kontrasttraume 74.
Konvenienzheirat 408.
Kopfbehaarung 136ff.
Koprophagie 302, 373.
Koran 667, 698.
KoTophile 281.
KoVperbau 143, 145, 247, 404.
Korperbehaarung 120.
Korperverletzungen 676.
„Krampftoureii" 721.
Krampfe 404.
Kranichtanz der Aino 625.
Krankenwartern, Verbreitiing
unter 504.
Kriegerinnen 614; s. a. Ama-
zonen.
Kriegskameradschaft 747; s. a.
Kameradschaf t s - Ehen.
Kriminalpsychologie 1009.
Kriminalstatistik 994ff.
Kriminalwissenschaft 1002.
Kryptorchismus 126.
Kuchenhandler 878.
Kulis 611.
Kiimmerlinge 198.
Kunst als Aquivalent 443.
Kiinstliche Geschlechtsteile 289;
s. a. cunnua, dildo, merkin.
Kunstreiter 613.
Kunstwerke, bevorzugte 66. .
Kup clei, homosexuelle 570.
Kup'plerwesen 726f.
Kufiaversion 95.
KuBfetischiat 208.
Kyniker 787.
Kyropaideia 762.
L.
Labi li tat des Zentralnervensy stems
42, 177, 388.
Lachkrampfe 175.
Lambitus 23, 287.
L and p lag en bei Carpzovius 816.
Landrecht, allgemeines preuBi-
sches, 835.
Land- und Stadtrechtsbuch 823.
Larrio 289.
Latent e Homosexualitat 295.
Lazarettgehilfen, Verbreitung
unter 6, 16.
Lebensaltor 202, 495.
Lebensfiihrung 158ff.
LebensiiberdruB, s. a. Folgen der
Verfolgung 318.
Lehrerinnen, Verbreitung unter
600.
Leichenfledderei 195.
Lex Heinze 982.
Lex Heinze-Kommission 984.
Lex Julia de adulteriis 793.
Lex Romana Visigothorum 830.
Lex scantinia 791.
Lieblingsfarbe 176.
Lie be zu Geschwistem 205.
Liebfreundschaft 185.
Liebesnachspiel 192.
Lieblingsminne 807.
Lieblingssklaven 738.
Liebeszweck 310ff.
Literaturfalschung 597.
Logos erotikos 764.
Logen (in Osterreich), s. Bediirf-
nisajistalten lu Sammchtatten.
— s. Vereine.
Lokale, homosexuelle 682f. ; s. a.
Klubs, Vereine.
Liebesgesellschaften 677.
Liebesraub 764.
Liebeszwitter 32.
Liebhabereien, fttischistische
283 f.
Lieblingsbeschaftigung 158ff.
Linkshkndigkeit 166.
L i s t e beriihmter Homosexueller
649 ff.
Literatur, belle tr is tische, uber
Homosexualitat 1018 ff.
Literatur, chinesische 67, 613,
617, 620.
— , griechische 19.
— , schwedische 536.
— , wissenschaftliche 1013ff.
Lockspeise 877.
Lockvogel 877.
Liigenhaftigkeit 163.
Lumbalsegment 188.
Lustknaben 800, 819.
Lustmord auf homosexueller Basis
416.
Lysis 772. .
Madchenknaben 307.
Maikaferpaare 630; s. a. Tier-
reich.
Mannerbordelle 449, 581.
Mannerbiinde 607, 646.
Mannerhauser, s. a. Schlafhauser.
MannerhaB 180.
Mannliche Ammen 738.
— Kultur 1008.
— Kypris 743.
Mannweiber 272.
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Sachregister.
1059
Magier, Homosexuelle als, bei pri-
mitiven Volkern 641.
Mahhous 609.
Mai d'Orient 20.
^aXaxog 29, 175.
Mamelucken 624, 738.
Mandarine 617.
Mange Ihafte Geschlcchtsempfin-
dung 96.
Manifestwerden cler Veranlagung
326.
Mannlinge 273.
Manthanophile 285.
Mannequin-Vorfiihrungen als
Treffpunkte homosexuellerFrauen
690.
Maricones 30, 589.
Mariendienst 165.
Marine, Horn osexuali tat in der 520.
„Marinelaster" (vice marin) 521.
Mary- Ann 27; s. a. Schimpfnamen
und Jargon.
Masochismus 121, 229, 259, 261,
300, 304, 431, 691.
Masseure 567.
Mastdarmtripper (Therapie) 456,
469.
Masturbation 33, 239; s.a. Onanae.
Mater Carolinae 831.
Medien 397.
Medizinmanner 641.
Megalomanie 456.
Meinung, offeiitliche 1006, 1008;
s. a. volksempfinden und Presse.
Mellephebos 18.
Membrum artificiale 36.
Menstruation 120, 129.
Menstruationsaquivalente 130.
merkin 36; s. a. cunnus succe-
daneus.
Metallarbeiterenquete 493; s.a.
Statistik und Verbreitung.
Micaoperation 129.
middle sex 29.
Mignons 518, 703.
Milchdriisen 139.
Milieu 346.
Militargarnisonen in China 614.
Militarstrafrecht, romisches 790.
Militartauglichkeit 516.
Mimik 149.
Mimikry, sexuelle 467, 528, 529,
626.
Mikromastle 139.
Minder vvertigkeit, gcistige 391.
Minimalzahlen 498.
Mischgeschopfe 757.
Misogynie 97.
MiCbrauch der Dienstgewalt 818.
Mittelgeschlecht 648.
Mittlerstellung der Homosexu-
ellen 640.
Mixoskopie 301.
Mneme 376.
Mostellaria 793.
Morde 592, 888, 959; s. a. Lust-
morde.
Morphinismus 212, 382, 422, 915.
Monosexualismus 179, 268.
Mons veneris 355.
Montgomerysche Driisen 140.
morbus gallicus 22.
Movoa jiatdixf) 772.
Miillersche Gauge 364.
Mujelojstwo 590.
Mujerados 37, 231, 555.
Muiiebriores 273.
Muliebritat 353.
Musik, Verhaltnis der Homosexu-
ellen zur 175, 253, 500, 509, 510.
Muskulatur 144, 247.
Muslim 524.
Mutterkomplex 104; s. a. Fixie-
nmg an die Mutter.
Mutterliebe 13, 104ff.
Mutterwunsch. 373.
N.
Nachkommenschaft homosexu-
eller Eltern 39, 96; s. a. Ver-
erbung.
Nachttraume 71ff, 75.
Nachweis des Nichtbestehens
homosexueller Triebrichtung 931.
Name Iff.
Nameless crime 37.
Namenstausch 609.
Nan sliok, Paderastie in Japan 611,
618.
Narzissmus 269, 343.
Naturvolker 21, 526 ff. ; s. a. Ver-
breitung.
Naturzweck 262.
Naturwidrigkeit, s. Widematiir-
lichkeit.
Nebenstromungen 1007.
Negatives Verhalten 80 ff., 236.
Negativismus, tub jektiver 128.
Neigungsheiraten 241.
Nekrophilie 302.
Neoterophile 280.
Nervensystem 174ff., 177, 249.
Nervina 440.
Nervose Dyspepsien 84.
— Storungen 242.
Neugier 261.
67*
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1060
Sachregister.
Neurasthenia sexualis 400, 455.
— universalis 177, 345, 383, 400,
440, 915.
Neuropathische Disposition 298,
386, 440, 874.
Neurose 915.
Nichtvorhandensein der Homo-
sexualitat 925.
NieBen 156; s. a. Diagnose.
Xomenklatur, folkloristische 37;
s. a. Name.
— der Homosexual itat 20 ff.
Nomoi 778.
Normbegriff 121, 384.
Nymphomanie 304.
O.
Obdachlosen-As3de 502.
Objekthomosexuelle 28, 277.
Objektivierung subjektiver Emp-
findungen 98.
Objektwahl 341.
Obmannschaft 975.
Obsessions 339.
Offiziere, urnische 527, 643.
Oidipodeia 748.
Okama 618.
Okitsu 618.
Okkasioniisten 296.
Olisbos 289.
Onanie 25, 33, 111, 246, 296, 329,
332, 998; s. a. Masturbation.
Onanistische Praktiken und Straf-
gesetz 839.
Onled Nails 568.
Onomatomanie 383.
Operative Behandlung 189, 425.
Option 563.
Organisation 973.
Orgasmus 93.
Originare Anlage 111.
Ornithologen-KongreB 633.
„oscar, to" 26.
Ovarien 75, 128.
Padagogik und Horn osexuali tat
639, 162.
Paderastie, epileptische 214.
Paderastenabteilung am Poli-
zeiprasidium 1000.
Paderastenliste 17, 1000.
Paderastenpatrouille 17.
Paderastie 7, 12, 16, 17, 33, 35,
265.
Paderastisclie Baals verehrung
743.
Padophile 281.
jtaidsQaaiia 752. 815.
jraiSixd 18, 820 bei Xenophou.
jtatScov^Qfog 752, 765, 763, 764,766,
809.
Pais 18.
Palm yr- Bar 664, 683.
Papyri, egyptische 738.
Paraffininjektionen 140.
Paranoia 214, 456.
naQaatdxrjg 18, 764.
Par films 166, 176, 249.
Parhedonien 29, 346, 456.
parisexuell 11.
Parsifal 689.
Parthenophile 281.
Partielle Attraktion 206f.
Partialtranpvestiten 169.
passatempo 36.
Passionisten 296.
Passive 264 ff.
Passivismus 121, 286, 369.
Paatoralmedizin 394, 420.
Pathikus 265, 767. •
Pathologische Assoziation 338.
Pathologisches im Sexualleben
361.
peccatum sodomiticum 835.
Pedicatio cum phallo 291.
Pedikation 24, 265, 288, 293.
Pedicones 281.
Peinliche Grerichtsordnung 822.
penilinctio 20, 717.
Penis 126.
Pensionate 337.
Pensionierung liomosexu3ller Be-
amter 454.
jrejtaQvevfisvog 768.
Periodische Bisexualitat 212.
Personliche Eigenart 271.
Per vers 28 (Definition).
Perversion 33, 394.
Perversitat 394.
Petit d^faut 38.
Petit-Jesus 27.
Petition um Aufhebung des § 175.
869 ff.., 973 ff., 976.
— um Aufhebung des § 176, An-
hang zur, 978.
— um Aufhebung des § 175, Bera-
tungen im Keichstag iiber die
982 ff.
— um Aufhebtmg des § 175, Nach-
trag zur 978.
— um Aufhebung des § 175, Unter-
schriften fiir die 977.
Petitionsunterzeichner, Zu-
satze der 979 ff.
Pfeifen, s. Diagnose 166, 247.
Pflanzenreich, Homosexuali^t
im 322, 353.
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Sachregister.
1061
PflichtkuB 203.
Phallus 290.
Phantasie 85, 115.
Pharaone 739.
Philippika 783.
Phimose 126, 189.
Phrenokardie 916 ff.
qpva^Vf xara 770.
(pvatv, Jtaga 770.
Physiognomie 149; s. a. Aussehen
und Gesichtsausdruck.
Pisangfriichte 607.
Plate n-Gresellschaft 678.
Platonische Liebe 25, 33, 185.
Platzfurclit 383.
Poikilographen 866.
Politeia 778.
Politische Anschauuug 522.
Polizei 1000 ff..
Polizeibeamte, iirnische 516.
Polizei be horden, Praxis der lOOD.
Polizeichef 684.
Polizeiliste der Urninge 17.
Pollutionen 71, 73, 239.
Pollutionstraume 189, 227, 289,
317.
Polyhymnier 10.
Polymastie 140.
Polymathie 785.
Polymorph pervers 304.
Porneia 769.
Postbeamte, umische 515.
Potenz 238, 331.
Potenzherabsetzung 417.
Potenzsteigerungstherapie417.
Pracordialangst 64, 455.
Praliminarien 292.
Praparatori'Sches Stadium 292.
Prangerstehen 825; s. a. Strafen.
Preller 547, 878; s. Erpresser.
Prellerjargon 723.
.,Prielltou/* 721.
Presbyterophile 280.
Presse, s. a. offentliche Moiuung.
— als Vermittlerin homose^uelleii
Verkehrs 694.
Priapismus 415.
P r i e s t e r , homosetxuelle 507.
Priestergesetz 814.
Priesterkaste 623.
Priesterliche Sanktion ehoartiger
Freundschaftsbiindnisse iintcr
Mannern 609.
Priesterschulen, mohammeda-
nische 607.
Privatgesellschaften Homo exu-
eller 678 ; s. a. Klubs, Vereino,
Gesellschaften.
Proditio 791.
Produktion 69.
Professionisten 296.
Proiektion der urnischen Psvche
69.
Procreationsuihilismus 369.
Prophetentum 641.
Prostata 356.
Prostatahypertrophie 188 f.
ProstituieVte u. Erpressungen 876.
— Gelegenheits- 713.
— , gewerbsmaBige 716.
— , homos exuelle 601.
— , mannliche 36, 97, 192, 296, 449,
615, 804.
Prostituierten-Jargon 723.
Prostituierte, Vorliebe fiir 282.
Prostituierten, Geschlechts-
krankheiten bei 617.
Prostituierte, weibliclie 36, 284,
330.
Prostitution 187, 579, 591, 591.
— , mannliche 711, 733 ff.
--, Prophylaxe der mannlichen 735.
— , mannL, Veranlassiing zur, 713 ff.
— , tribadische 712.
Prostitutionsbekampfung 735.
Proximale Eeize 186.
Prozentsatz der Homosexuellen
473 ; s. a. Verbreitung.
Prozesse wegen unziicb tiger (ho-
mosexueller) Schriften 569.
Ps eudo-Anakreontea 805.
Pseudoandrogyne 297.
Pseudoformen 180.
Pseudohermaphroditismus 31,
223, 225, 297.
Pseudoheterosexualitat 194f.
Pseudohomosexualitat 187.
209, 268, 297, 329, 689.
Pseudoinvertierte 580.
Pseudologia phantastica 164.
Pseudotransvestitismus 297.
Psyche 40.
Psychische Behandluug 400; s. a.
Sug^gestion und Hypnose.
Psychoanalyse 164, 180, 199,
261, 277, ' 283, 340, 400, 427,
430, 433.
Psycho biologisc her Frai?(0)ocren
240 f f.
Psycho path ische Entartuiig 339.
— Konstitution 164, 345; s. a.
Xeuropathische Konstitution.
Psvchosexuellc Hermaphrodisie
267.
Pubertat 246, 316 f.
P u be r ta t s ver lau f Homosexueller
121.
Pubertatsweihen junger Mad-
clien 609.
Pubes 358; s. a. Schambehaanmg.
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1062
Sachregister.
Puderbiichsen 168.
puer praetextatus 794.
Pygismus 36, 290.
Pygmalionismiis 68, 302.
Q.
Qualifikationen 818.
„Rabeii*' 30.
Rachenschanker 458.
Radikalkur 402.
j.Ratsel*' der Homosexualitat 309 ff.
Rauspern 156.
„Raxen' 722.
Rassenhygiene 391, 736.
RechtsbewuBtsein im Volke
961 ff.
Rechtslage d. Homosexuellen 810.
Reflexzentrum 187 ff.
Re gel (Menses) 120.
Reichsgericht, Entscheidung;;n
des 837.
Redseligkeit 163, 251.
Regenerationshypothese o93ff.
Rehabilitierung Homosexu:;lIer
912, 942 ff.
Reifezeit 108 ff; s. a. Pubertjit.
,,Reise nach dem Orient" 20.
Reizbarkeit, erogene 294.
Reizhunger 331.
Reizschuhe 719.
Reizwasche 719.
Religionen, Verbreitung nach 251.
Religionstherapie 420.
Religionszugehorigkeit der
Homosexuellen 523.
Religiositat, briinstige 419.
Renaissance 666.
Renifleurs 302.
Renommiersucht 926.
Renommierweiber 103.
Renter 547.
Revolverblatter, Titel der 885.
Revolverjournalisten 887.
Richtstatten f. Homosexuelle 833.
Richtung des Triebes 54.
Riechflaschchen 168.
Ring wee lis el bei eheartigen Biind-
nissen 711.
Ritterorden 646. 4
Rhamasan 568.
Rhetorik 781.
Risiko 997.
Roman, griechischer 807; s. a.
Literati! r.
Romerbrief 313.
Roues 330.
Rumpfbewegungen 153.
Rundfragen 479ff, 487; s. a. Sta-
tistik.
Rupfer 878.
rupin 27.
„Russischer Eros" 591.
S.
Sachverstandigentatigkeit vor
Gericht 918-941; s. Gutachten.
Sadismus 87, 97, 121, 259, 299.
Sag en, altgermanische 38.
Sagitta 1022.
S abac at in Marokko (fricatrices")
569.
Sakralse^ment 188.
Sammelplatze, s. Ankniipfiings-
punkte.
Sammelstatten Homosexueller
675 ff.; s. a. Ankniipfungspunkte.
Sanatoriumsaufenthalt 920.
Sanctus paderasta 759.
Sanskrit-Literatur 603.
Sappliische Liebe 25.
Saris 139, 141.
Satisfaction consecutive 339.
Satyriasis 304, 416.
Satyrdrama 753.
Schamgefiihl 75 u. ff.
Schandung 791.
Schatzungen (iiber Verbreitung)
der Homosexualitat 474.
Schamanismus 623 u. 624.
Schamgefiihl 76, 257.
Schambehaarung 135ff., 138,
224; s. a. Pubes.
Schauspieler 253, 512, 612.
Schautrieb 299, 301.
Scheu 483.
Schimpfbilder fiir Homosexuelle
825.
Schimpfworte 589, 827.
Schlachtfelder 620.
Schlaflosigkeit 84, 97.
Schlafhauser (in Niederl. -Indian")
607 ; s. a. Mannerhauser.
Schlepperwesen 725, 729.
Schmahbriefe 69.
Schmalhiiftigkeit 143.
Schmerzempiindlichkeit 248.
Schmucksachen 168.
Schnecken 353.
Schreckhaftigkeit 243.-
Schriftgelehrtentum 814.
Schriftziige 157, 248, 360; s. a.
Handschxift.
Schritt 154ff., 247.
Schiilerfreundschaften 621.
Schuhnummern 143.
Schuldbewui3tsein 409.
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Sachregister.
1063
Schulterlinie 141, 248.
Schulverweisung wegen homo-
sexueller Vorgange 838.
Schulzeit 116ff.
Schutzalter 8i3ff., 989-993 ft. ; s.
a. Straftabelle.
Schutzleute 646.
Schwabenspiegel 823.
Schwane 634.
Schwangerschaftshafi 408.
Schwarmgeister 1007.
SchweiBabsonderung 147.
Schwester (Syn.) 30.
Schwul, s. a. Schimpfworte und
Jargon.
Sedatti (in Niederlandisch Indien)
606.
Seelenzwitter 32.
Sehnsucht 63ff., 912.
Sekte der Anandrynen 677.
Sekretion, innere 131 ff.
Selbfltanzeige 897.
Relbstbefriedigung 401; s. Ona-
nie.
SelbfitbewuBtsein 161.
Selbstbiographien Homosexu-
eller 911.
Selbstbekenntnis 15, 1004.
Selbstmorderbriefe 904.
Selbstmorder, Todesarten der 914.
Sel^bstmorde, Allgemeines 59. 242,
386, 679.
— , demonstrative 911.
— , Doppel- 913.
— , Eifersucht und 912.
— , Erpressung und 907.
— nach der Hochzeit 91.
— aus Rucksicht fiir die Umgebung
909.
— , Statistik der 903.
— , Strafvollzug und 907.
— , Untersuchungshaft und 906.
— , Urteilsverkundigung und 906.
Selbatmordmanie 3§3.
Selbstmordversuche 260, 902.
Selbstdiagnose 203.
Selbsttauschungen 926.
Selbstvernichtung, s. a. Selbst-
mord 912.
Selektionsprinzip 435.
Sellarii 19.
Senectas 281.
Sensationsprozesse 5C1, 1008;
s. a. Skandale.
Sensitivitat 64ff., 360.
Sexualablehnung 99, 180.
Sexualerregungen, unwillkiir-
liche 76, Id.
Sexualkonstitution 346.
Sexualhormone 416,
Sexualheuchelei 540.
Sexualorgane 365.
Sexualpersonlichkeit 195.
Sexual transitions 622.
Sexualtypus 121.
Sexualvarianten 345.
SexualverhS.ltnis 486.
Sexualwissenschaft 1G2>.
Sexuelle Horigkeit 929.
— Inkongruenzen 125.
Siau kon 617.
Siderischer Pendel 155.
Similisexuell 11.
Simple life 421.
Sing-sang Boys 616.
Sinneseindriicke 175, 186.
Sinnesorgane 174ff.
Sinologie 613.
Sissy men. 507.
Sittenkodex, attischer 769.
Sittlichkeitsvereine 644.
Skandale 11, 592, 1006; s. a.
Sensationsprozesse.
Sodomie 23, 77.
— als politisches Verbrechen 836.
— (als Schimpfwort) 24.
Sodomiter 588, 836.
Sodomitische Ketzer 832.
Sodoms Siinde 349.
Sokratische Liebe 25.
Soldatenfreier 282.
Soldatenliebe 282, 731ff.
Soldatenprostitution 581, 591,
730; s. a. Prostitution.
Solidaritatsgefiihl 675.
Sophrosyne 73.
Soror Carolinae 831.
Sotadische Liebe 25.
— Zone 628.
Sous-brigade des p6d4rastes
563.
Souteneur 27.
Soziabilitat 393.
Sozialdemokratie 982ff.
Soziale Bedeutung des Urning-
tums 466.
— Stellung 274.
Soziologie 463ff.
Spazierstocke 168.
Speichellecker 302.
Spermien 224, 357.
Spermaabsonderungen beim
Weibe 131.
Spermaflecke 939.
Spermanachweis 938ff.
Spermasekretion 125.
Spermatophagen 302.
Spermatozoen 126, 224, 938.
Sphincteren-Hypothese 331; s.
a. Kaliberfra^e,
Digitized by VjOOQIC
1064
Sachregister.
SpieBrutenlaufen 825.
Spionage 195.
Spitznanien 722ff.
— . weibliche, Homosexueller 111; s.
a. Bundnisformen.
Spintrii 19, 798.
Sport als Aquivalent 143.
Spottnamen 30; s. a. Biindnis-
formen.
Spracbfetischismus 283.
Sprichworter GOO.
Staupung 825.
Stammbaum d. Homosexuellen 391 .
Stammtische 682; s. a. Vereine,
Klubs.
Statistik 73, 88, 115, 135, 138,
140. 145, 154, 156, 161, 169, 175,
177; 232, 283, 288, 314, 316, 320,
338; 343, 357, 465, 704, 879, 993,
994.
Steinigung fiir (passive) Pedi-
kation 586.
Stereotvpie 293.
Sterilitat 408ff., 412, 438, 46Gff.,
475, 497, 500, 513, 530, 559.
Stichproben 475ff. ; s. a. Statistik.
Stiefelputzer als Prostit. 579.
Stierkampfer 578.
Stilistik 313.
Stillungsunfahigkeit 139.
Stimme 249; s. a. Fistelstimme,
Kommandostimme.
Stimmlage 135.
StimmwechBel 119, 132, 133ff.
Stimmhohe 133ff.
Stimmung 161.
Stimmungsschwankungen 212,
388.
Storungen d. Nervensystems 177,
249.
Strafanstalten, Homosexualitat
in 520.
Strafen 843ff.
Straffreiheit 997.
Strafgesetzgebung 841.
Strafmiindigkeit 997.
Strafrechtliche Begatachtung
918
Straftabelle 842ff.
Straf versetiing in China 615.
S trie he 528, 547, 551, 577, 593,
616, 696, 716; s. a. Sammel-
statten.
Strichjnngen 30; s. a. mannliche
Prostitution.
iStudentenenqueto 480ff. ; s. a.
Statistik und Verbreitnng.
Student innen, Verbrcituug der
Homosexualitat 116.
Stumme Siinde 835.
Sublimierung des Triebes 444.
Succubisten 121.
Suggestion 335-401; s. a. Behand-
lung und Hypnose.
Suggestionskraft und Literatur
336, 337.
Suggestionstherapie 428; a. a.
Behandlung.
Suggestiv-Fragen 139.
Supervirilitat 275, 366.
Surrogatakte 193, 285ff., 332.503,
544.
Symbiose der Homosexuellen
636ff., 641ff., 673.
Symposion 7, 42ff., 674, 774.
Symptoraatologie 42ff.
Symptomtrias 179.
Syndrome 339.
Synodalbeschlusse 830.
Synoden, kirchliche 828.
Synonyraa 29.
Syphiiidophobie 455.
Systematiflierung 305, 361.
Szythenkrankheit 21, 37, 231.
T.
Tabola rotonda 573.
Tactus genitalium 547.
TagebiicheT 100.
Tagtraume 70.
„Taille" 141.
,,Tante" (Syn.) 30; s. a. Jargon,
Schimpfwbrte.
Tanz 513, 554, 600, 684.
Tanzjungen 606^.
Tanz en unter Mannern 570.
Tanze in Persien 600.
Tardive Homosexualitat 209, 295.
Tascheninhalt 168.
Techniker 513.
Tempelknaben 739.
Tempelprostitution 813ff., 741.
Tempelschander 231.
Terminologie 32; s. a. Nomen-
klatur.
Testes, Diagnose (bei Pseudo-
hermaphroditismus) 75.
Theaterschiiler, chinesische 616.
^rjXeta vovaog s. a. Szvthenkrank-
heit 349, 745.
^TjXvdQiat =^ Effeminierte 650.
Theologen 506.
Thesmophoriazusen 753.
third sex 29.
Tiefenreaktion 812.
Tierhomosexualitat 779.
Tierreich, Homosexualitat im 322.
Timarchea 767.
Tituskopfe 41.
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Sachregister.
1065
Todesarten der Selbstm order 914.
Todesstrafe fiir Homosexuelle 821,
836, 1016.
Toilettenkiinste 147.
Toleranz der deutschen Klassiker
der Homosexualitat gegeniiber
946 f f .
Toreros 578; s. a. Stierkampfer.
Totaltransvestiten 169.
Toucheure 302.
Touren 721 ff.
„Touren, Solide" 721.
Traume 71 ff., 75, 244, 267, 317,
806, 955.
Tramps 601.
Transformationsgefiihl 213.
Transgestismus 152.
Transmutatio sexus 266.
Transplantation v. Ovarien 377.
Transvestitismns 31, 121, 169,
171, 222, 232. 319, 360, 621.
— , partieller 170.
„Traumdeutungen" des Artemi-
doros 806.
Traumleben (Diagnose) 72 ff.
Treffpunkte, s. Ankniipfungs-
punkte.
— , Internationale in London 547.
— , s. Ankniipfungspunkte.
Treuversprechungen 761.
Tribadie 16, 21, 33, 34, 265 ff.,
644, 606, 607, 624, 629.
Trieb 3, 54.
Triebzentrum 187 ff.
Triebrichtung 255, 264, 305.
Triolismus ST.
trtiya prakrtit 604.
Troster 289.
Turnen 144.
turpitudo 23.
Ubiquitat 346.
ITferpromenaden 644.
Uebergangsjahre 993.
Uebersattigungstheorie 329,
722.
C7eberkompensation 812.
Uebertragung 341.
Ultravirilisten 275.
Um frag en iiber die Verbreitung
der Homosexualitat 974 ; s. a.
Statistik.
Umgebung der Homosexusll^n 65.
„Umsatteln" 498.
Umschreibungen 1-38.
UnbeeinfluBbarkeit der Trieb-
richtung 436.
UnbewuBte Homosexualitat 14, 51.
Unfruchtbarkeit, physische 637.
LTngliickliche Liebe 63.
tTniversitaten, Verbreitung auf
552.
CJnlustgefiihle 82, 83.
Unterhautzellgewebe 146.
Unterlagen fiir Gutachten 918,
931; s. Gutachten.
LTnterschlupf 725.
CTnterschriften, gefalschte 883.
Untersuchung, korperliche 228.
Untersuchungsmethoden 237 ff.
Unweibliches Wesen 158.
Unwissenheitszustand 203.
Unzurechnungsf^higkeit 941.
Urania 776.
Urania (Venus-) 7.
Uraniaster 8.
Uranisierung 8.
Uranismus, absoluter 374.
— genuinus 306.
— spurius 306.
— simplex 306.
— complicatus 306.
— (Wortbildung) 6, 646.
Uranodionaismus 203.
Urnenf unde in Peru 588.
Urnierengange 363.
Umingshochzeit 583.
Urningsballe 271, 686.
Urningsklub, mssischer 677.
Urnindenehe 584.
Urningskneipen 683.
Urnische Familie 391.
Ursachen der Homosexualitat 110,
296, 309, 319.
Uterus 128.
Uterus bicornip 371.
Vagabunden 501.
Variationsbediirfuis 331.
Varietatshypothese 384ff.
Vari^t^kiinstler .512.
Vegetarierkolonien 421.
Venus aversa 803.
— Urania 944.
V^erantwortlichkeit 936.
Verbannung nach Sibirien 822.
Verbreitung unter Frauen 500.
— nach Berufen 504.
— in Italien 572.
— in angelsachsischen Lardern
526 ff.
— in Asien 590 ff.
— in Deutschland 631.
— bei Israeliten 523.
- in germanischon Landern 526 ff.
— in Holland 632.
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1066
Sachregister.
— bei der indianischen Urbevolke-
rung 654.
— in Europa 590 ff.
— in romanischen Landern 661 ff.
— in RuBland 691.
— in Skandinavien 534.
— in Siidamerika 581 ff.
— im Tierreich 629.
— in Transvaal 558.
Verdrangung 341.
V^ereine, eingescbleclitliche 643,
646; 8. a. Klubs, Geserscbaften.
— , homosexuelle 676.
Vererbung 362, 410.
Verfolgung durch Cbanteure 873ff.
— durch Erpresser 873 ff.
— , Folgen der 899 ff.
— durch Gesetz und Gesellschaft
810 ff.
— , Ursachen der 817.
Verfolgungsideen 456.
Verfolgungstyp 278.
Verfolgungswabn 916.
Verfiigungsfahigkeit 928.
Verfiihrung 191, 260, 334 (aeti-
ologisch), 921, 925.
Verfiihrungsh vpotbese 481.
Vergewaltigung 819, 938.
Verhalten gegeniiber dem anderji
Geschlecht 80 ff.
— zum gleichen Geschlecht 4L
Verheiratung Homosexueller 88.
Verkehrsformen, Bezcichnungon
nach Landern 20.
Verlegenheitsbewegungen 155.
Verlobungen 91, 706.
Verlogenheit 1063. i
Verschnittene 612, 744; s. a. Ka-
stration und Eunuchen. :
Verschollene unter den Homo-
sexuellen 901.
Verstandigungsmittel 693.
Verstiimmelung homosexu?llerLi-
teratur 597.
Vertraumtheit 115.
Verwandten, Verbreitung der Ho-
mosexualitat unter 242.
Verwechslung von Finger und Pe-
nis 938.
Verzartelungstheorie 343.
Vice allemand 20, 22.
Viraginitat 30, 273.
Virago 225.
Virastas 281.
Virginitat 93.
Viriliores 273.
Virilitat 353, 614.
Visionismus 299, 304.
Volksabstimmung 1006.
Volk8aufklarungsschriftc*n974.
Volksempfinden 817, 1001; s. a.
Offenthche Meinung, Presse.
Volksepen, finnische 636.
Vorbeugungshypothese 392ff.
Vorentwurf t* .o ff.
buche.
— , Kritik des 987 f.
— Motivierung zum 986.
Vorliebe fiir schonge'stige Facher
116.
Vorsichtsmafiregeln 239.
Vorspiel der Liebe 192.
Vorsteherdriise 366.
Vorstellungskomplexe 213.
Vorkampfer des Befreiungskamp-
fes 950 ff.
Voyeurs 269, 302, 697.
— , Gucklocher fur 697.
Walsche Hochzeit 20.
Waffenbriiderschaften 610, 616.
Waffenbiindnisse 609.
Wahnideen 180.
Waisenhauser 48.
Wahrsagerinnen 669.
Wandervogelbewegung 646.
Wandinschrif ten 471.
Wandschmuck (Diagnose) 65.
Wahlbevorzugung 630.
Wahrscheinlichkeitfediagnose
123.
Warmer Bruder 146; s. a. Schimpf-
wort und Jargon.
Wasserfahrten 697.
VVeiberfeinde 218.
Weiberkrankheit d. Szythen 745.
Weiberscheu 219.
Weibliche Prostituierte 329, 333;
8. a. Prostitution.
Weiblinge 273.
Weihnachtsfeste 681; s. a. Ge-
sellschaften.
Weinkrampfe 175.
Wettkampfe, dichterische 621.
— , gymIli!^clle 750.
Wesensveranderung 66.
Widerstaudsfahigkeit, psvcLi-
Che 935.
Widernatiirliche Unzucht 35, 38,
842 ff.
Willen 162, 252.
Willensbestimmung, freie (§ 51)
13, 936; s. a. Begafe,chtung.
VVillenskraft 336.
Willensschwache 330.
* Digitized by Google
Sachregister.
10^7
Wissenschaftlich-humanitare
Gesellschaft 546.
— -humanitares Komitee 841, 933.
— Komitees, Arbeit des 976 ff.
, Griindung des 973.
Komitee in Holland 532.
, Organisation des 975.
Wohnung 165.
Wiistlingstlieorie 330.
Wumsbater 219.
Yankee -Heiland 551.
Young men's christian association
552.
Z.
Zahnung 243.
„Zastri€ren" 26.
Zauberspriiche, indische 601.
Zeichensprache 693.
Zendavesta 819.
Zentralnervensystem 42, 115,
385.
Zeugenaussagen 163.
Zeugeneid 896.
Zeugnisverweigerung 896.
Zeugungsfahigkeit 96.
Zimmereinricntung (Diagn.) 66.
Zirkel, homosexuelle 678; s. a.
Vereine, Klubs, Gesellschaften.
Zirkumzision 300; s. a. Beschnei-
dung*.
Zivilisation und Entartung 384.
Zolibat 418.
Zolibatare 529.
Zoologische Garten 634; s. a.
Tierreich.
Zoophilie 260, 961.
Ziicntbarkeit der Homosexualitat
335.
Zunahme der Homosexuellen 525.
ZungenkuC 292.
Zuhalter 16, 725, 727; s. a. Pro-
stitution.
Zuhalterinnen weiblicher Prosti-
tuierter 728.
Zusammengehorigkeitsgefiihl
108.
Zusammenschlafen 245. •
Zwangsarbeit 503.
Zwangsideen homosexuellen In-
halts 213.
Zwangsneurose •431.
ZwangsvoTstellungen 345.
Zwangszustande 339.
Zwischenstufentypen 30, 320,
360.
Zwischenstufentheorie 348ff.
Zwittertum 32, 297.
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In obigem Verlage sind nachfolgende Werke erschienen:
Friedlander, Dr.Martm, Die Krank-
heitendermannlichenHarn-
Organe, mt so Abbildungen.
Preis broschiert M. 6.—, gebunden M. 7.—.
Joire, Prof. Dr. paai, HandbucH des
Hypnotismus. """^S^^l^^
Dr. med. O. v. Boltenstern, Berlin.
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sche Testament, insbeson-
dere das Privat- und Not-
fpQfamPnf ^'* zahlreichen Zeichnungen,
IColdlllClll, Beispielen und Mustem.
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Mliller, Prof. Dr. Robert, SCXUalbiO-
1 f\ry\ p Vergleichend - entwicklungsgeschicht-
ILI^IC* liche Studien iiber das Oeschlechts-
leben des Menschen und der hoheren Tiere. Preis
broschiert M. 6.—, gebunden M. 7.20.
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Louis Marcus Verlagsbudihandlung in Berlin SW. 61
Tempelhofer Ufer 7
SexBiilpsvclifllflglsche BiMloM
Herausgeber
Dp. med. Iwan Bloch
Bd. I Die Memoiren des Grafen von Tilly I
Bd. II Die Memoiren des Grafen von Tilly 11
Bd. Ill Prostitution und Verbrechertum in Madrid
Bd. IV Yoshiwara. Die Liebesstadt der Japaner
Bd. V Das verbrecherische Weib
Bd. VI Das Ende einer Gesellschaft
(Neue Formen der Korruption in Paris.)
lollitiBdii li tedi eleiailei Uidei zii Prelie loi Nh. 30r
Gesawit'Umfang Bber 2400 SeitenI
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Druck: Sichsische Maschinensatz-Druckerei, Q. m. b'. H., Werdau I. S.
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